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edition monacensia Herausgeber: Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek Dr. Elisabeth Tworek


Die Prinzessin und ihr »Kavalier« Therese von Bayern und Maximilian Freiherr von Speidel auf Brasilien-Expedition im Jahr 1888

Herausgegeben von Hadumod Bußmann


Weitere Informationen über den Verlag und sein Programm unter: www.allitera.de

Dezember 2013 Allitera Verlag Ein Verlag der Buch&media GmbH, München © 2013 Monacensia Literaturarchiv und Bibliothek Leitung: Dr. Elisabeth Tworek und Buch&media GmbH, München Titelabbildung: Thomas Ender, Blick auf Rio de Janeiro von Süden, Öl auf Leinwand (1837); Gemäldegalerie der Akademie der bildenden Künste Wien Printed in Europe · isbn 978-3-86906-185-6


Inhalt Teil I Hadumod Bußmann

Prinzessin Therese (1850–1925) und die brasilianischen Tropen Prolog . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 13 1 1.1 1.2 1.3 1.4 2 2.1 2.2

Kindheit und Jugend zwischen München und Lindau »Mein lebhafter Wunsch nach einer Tochter hat sich erfüllt« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Begabt mit außergewöhnlichen Talenten . . . . . . . . »Du sollst der Engel in der Familie sein!« . . . . . . . »Du mußt heiraten, sonst fällst Du uns allen zur Last« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

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Flucht aus höfischen Zwängen: Reisen – Forschen – Schreiben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 Nordafrika, Griechenland, Skandinavien und Russland . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 Sehnsuchtstraum seit Kindertagen: Die brasilianischen Tropen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24

3 Aufwendige Reisevorbereitungen . . . . . . . . . . . . . . 3.1 Sorgfältige Auswahl der Begleitung . . . . . . . . . . . . 3.1.1 Maximilian Freiherr von Speidel als »dienstthuender Reisekavalier« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.1.2 Franziska Baronin von Lerchenfeld als »begleitende Dame« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.1.3 Max Auer, der »getreue Eckehard«, als bewährter »Diener« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 3.2 Aufgabenverteilung in der Gruppe . . . . . . . . . . . . . 3.3 Zusammenstellung der komplizierten Expeditionsausrüstung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

26 26 26 32 33 36 38


3.4

Finanzierung des Unternehmens aus verschiedenen Quellen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39

4 Endlich 1888 – Aufbruch in den brasilianischen Urwald . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.1 Die politische Situation in Bayern und Brasilien . . . 4.2 Die Reiseroute von Lissabon bis zum Kaiserhof in Petropolis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.3 Diffizile Transportprobleme zu Wasser und zu Lande . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.4 Unzivilisierte Nachtquartiere und eine ungewohnte fremde Küche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 4.5 Abenteuer, Unfälle und Krankheiten . . . . . . . . . . . 4.6 Kostbare Sammelfunde für die bayerischen Museen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 5

41 41 43 45 47 49 54

»Fast wäre es zu einer Katastrophe gekommen« Das gestörte Einvernehmen zwischen der »Gräfin« und dem »Kavalier« . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 56

6 Epilog . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 60

Teil II Maximilian Freiherr von Speidel (1856–1943)

Tagebuch der Brasilienreise im Jahr 1888 Ergänzt durch die Briefe der Prinzessin Therese an ihren Vater Prinzregent Luitpold (1821–1912) . Anhang Nachlässe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Literaturverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bildnachweis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Dank . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ortsregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

63

189 189 191 193 194


S.K.H. Herzog Franz von Bayern, dem UrgroĂ&#x;neffen der Prinzessin Therese, zum 80. Geburtstag am 14. Juli 2013


Wandeln wie in Traumgedanken Durch des Urwalds einz’ge Pracht, Wo sich die Lianen ranken In des Dickichts kühler Nacht. Palmen heben stolz und edel Ihren schlanken Stamm empor, Breiten ihre mächt’gen Wedel Aus der Krone Dach hervor. Blaue Schmetterlinge gaukeln Schillernd in der klaren Luft, Colibris um Blüten schaukeln, Trinken Orchideenduft.

Aus: Therese Prinzessin von Bayern: Meine Reise in den Brasilianischen Tropen, Berlin 1897, S. 39 / 40.


Teil I Hadumod BuĂ&#x;mann

Prinzessin Therese (1850–1925) und die brasilianischen Tropen


Prolog

W

ollte die Nachwelt sich bisher ein Bild machen von der kühnen Unternehmung, die Prinzessin Therese im Jahr 1888 auf ihre abenteuerliche Brasilienreise brachte, so war sie ausschließlich auf zwei Quellen aus Thereses Feder angewiesen: Erstens auf ihre über 550 Seiten starke Publikation »Meine Reise in den Brasilianischen Tropen«, die 1897 nach neunjähriger, unerbittlich zäher Recherche beim Berliner Dietrich Reimer Verlag erschienen ist.1 Zweitens auf ihre im Geheimen Hausarchiv hinterlegten handschriftlichen »Biographischen Materialien«, in denen sie Zeugnis gibt von ihrem bewegten Leben. In der Darstellung der Brasilienexpedition stützt sie sich dabei weitgehend auf die fünfzehn Briefe, die sie während der Reise in unregelmäßigen Abständen an ihren besorgten Vater, den Prinzregenten Luitpold von Bayern (1821-1912), geschrieben hat.2 Diese einseitige Situation hat sich jüngst geändert, als glückliche Umstände das handschriftliche Tagebuch ihres damaligen Reisemarschalls, des Maximilian Freiherrn von Speidel3 (1856−1943), aus familiärem Nachlass zu Tage gefördert haben. Während Thereses gründlich erarbeiteter Buchtext über Brasilien durch eine Fülle von nachträglich erarbeiteten Anmerkungen deutlich von ihrem wissenschaftlichen Anspruch geprägt ist, vermitteln ihre Reisebriefe an den Vater und die spontanen Tagebucheinträge des verantwortlichen »Kavaliers« anschauliche Einblicke in die praktischen und organisatorischen Unwägbarkeiten sowie die Missgeschicke, die bei der Durchführung jener Reise in den brasilianischen Regenwald tagtäglich zu bewältigen waren. 1

2

3

Ein Reprint als Taschenbuchausgabe ist 2013 erschienen. In Brasilien ist eine portugiesische Übersetzung des Werkes in Vorbereitung. An einzelnen Stellen wurden diese Briefzitate aus den Originalbriefen ergänzt. Die Schreibweise des familiären Nachnamens ist nicht einheitlich: So lauten zum Beispiel alle Reisekosten- und Bankabrechnungen auf »Freiherr Maximilian von Speidl«, während persönliche Dokumente, zum Beispiel seine Todesanzeige, »Speidel« schreiben.

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Der gemeinsame Abdruck dieser beiden – aus unterschiedlicher sozialer und intellektueller Perspektive resultierenden – Berichte verspricht eine faszinierende Lektüre. Hinter diesen Texten aber steht die Frage: Woher nimmt die unverheiratet gebliebene, einzige Tochter des Prinzregenten Luitpold, der seit dem Tod seines Neffen König Ludwig II. (1845−1886) stellvertretend für den rechtmäßigen, aber regierungsunfähigen Neffen König Otto (1848−1916) die Regierungsgeschäfte wahrnimmt – woher nimmt diese junge Frau den Mut, auszubrechen aus den traditionell, familiär und höfisch geprägten Kindespflichten und ihren verwitweten Vater im Frühsommer 1888 für vier Monate zu verlassen, um eine für die damalige Zeit ebenso neuartige wie kühn gewagte und höchst abenteuerliche Forschungsexpedition nach Südamerika zu riskieren? Thereses eigene Antwort auf diese Frage weist in ihre frühe Kindheit zurück: Unter den für den naturkundlichen Unterricht der vierzehnjährigen Privatschülerin ausgewählten Aufsätzen befanden sich Nachbildungen nach Schilderungen aus den Tropen von Humboldt u. Martius, die wohl den Grund zum späteren brennenden Interesse für die brasilianischen Tropen legten.4 Diesen Traum einer Jugend real werden zu lassen, ist für Therese der entscheidende Antrieb für die wissenschaftlich und praktisch gründlich vorbereitete Expedition in die Neue Welt. Andere biografische Aspekte kommen hinzu. Eine auf Originalzitaten beruhende Skizze ihrer Herkunft, Erziehung und Gedankenwelt versucht den Weg nachzuzeichnen von der schüchternen, lernbegierigen Prinzessin, die unerschütterlich dazu entschlossen ist, das ihr abverlangte höfische Rollenmodell einer (wider Willen) verheirateten Prinzessin nicht zu erfüllen, bis hin zu der mutigen autodidaktischen Naturforscherin, die sich die – für eine Frau jener Zeit höchst seltene – Symbiose von Forschen, Reisen, Sammeln und Schreiben zur erfolgreichen Lebensaufgabe gemacht hat.5 4

5

Therese, Biographisches Material, S. 10 (1864). (GHA, Nachlass Prinzessin Therese, Nr. 30–33). Das Folgende stützt sich weitgehend auf die ausführlichere Darstellung in Hadumod Bußmann: »Ich habe mich vor nichts im Leben gefürchtet.« Die ungewöhnliche Geschichte der Therese Prinzessin von Bayern. München 2011 (folgend zitiert als: Bußmann, Therese-Biografie).

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1 Kindheit und Jugend zwischen München und Lindau

»Mein lebhafter Wunsch nach einer Tochter hat sich erfüllt«6

P

rinzessin Therese wird am 12. November 1850 als lang ersehnte Tochter der habsburgisch-toskanischen Prinzessin Auguste Ferdinande und des späteren Prinzregenten Luitpold von Bayern in der Münchner Residenz geboren. Zusammen mit ihren drei Brüdern Ludwig (der spätere König Ludwig III.), Leopold und Arnulf wächst sie in einer strengen, auf absolutem Gehorsam basierenden, zugleich aber liebevoll-warmherzigen Atmosphäre auf, was sich wohl nicht zuletzt dem selten guten Einvernehmen zwischen den Eltern verdankt. Vor allem der Vater, Prinz Luitpold von Bayern, verlangt von seinen Kindern soldatischen Gehorsam, war er doch selbst bereits an seinem siebten Geburtstag von der Münchner Landwehrartillerie zu ihrem Hauptmann gewählt worden. Therese, deren inniges Verhältnis zu ihm zahlreiche Briefe spiegeln, darunter auch die fünfzehn in den folgenden Textabdruck des Tagebuches integrierten, hat diese auf unbedingter Pflichterfüllung gegründeten Erziehungsprinzipien ihrer Eltern rückhaltlos akzeptiert, sie wurden für sie lebensbestimmend. Thereses Mutter, eine Ur-Ur-Enkelin von Kaiserin Maria Theresia, eine ungewöhnlich gebildete, politisch weltoffene und tief religiöse Frau, hat Thereses geistige Entwicklung nachhaltig geprägt. Diese ebenso temperamentvolle wie energische Toskanerin übernimmt selbst die Erziehung und zum Teil auch den 6

Therese, Biographisches Material, S. 1 (15. April 1951).

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Unterricht ihrer Kinder, was in Fürstenfamilien jener Zeit alles andere als eine Selbstverständlichkeit war. Ihr Erziehungskonzept entspricht ganz der jahrhundertealten Tradition der Wittelsbacher, als deren oberste Grundsätze Selbstbeherrschung, Wahrhaftigkeit, Anspruchslosigkeit und mitleidsvolle Hilfsbereitschaft galten. In einem ausführlichen Porträt hat Therese der von ihr innig geliebten Mutter ein bewegendes Denkmal gesetzt, das fürderhin als Basis für alle weiteren historischen Darstellungen verwendet wurde.7 Die Grundidee der mütterlichen Erziehung lautete: Die Kinder sollten inne werden, dass sie nur durch sich, durch das, was sie leisten würden, berechtigt seien, sich besser als Andere zu dünken.8

1.2 Begabt mit außergewöhnlichen Talenten Schon früh fällt »Thereschen« als ein ungewöhnlich begabtes, provozierend wissensdurstiges und ehrgeiziges Kind auf, das mit Eifer und Gewissenhaftigkeit dem Privatunterricht folgt, für den erfahrene Gymnasiallehrer und namhafte Gelehrte der Münchner Universität in das Palais Leuchtenberg am Odeonsplatz, Thereses Elternhaus, verpflichtet werden. Mit ungewöhnlicher Hingabe vertieft sie alle ihr gebotenen intellektuellen Anregungen. Ihre schier unstillbare Leselust lässt sich nur dadurch bändigen, dass man ihr hin und wieder die Bücher versteckt. Märchen und schöngeistige Literatur sind in der sorgfältigen mütterlichen Lektüreauswahl allerdings nicht vorgesehen, stattdessen konzentriert sich das Angebot auf religiöse Literatur, Geschichtsbücher, geografische Beschreibungen und Reiseberichte. Dem Physikunterricht allerdings vermag die interessierte 7

8

Therese von Bayer (Pseudonym): Auguste Ferdinande, Prinzessin Luitpold von Bayern, geborene Prinzessin von Toscana, Erzherzogin von Österreich. In: Neues Illustriertes Vaterländisches Ehrenbuch 1887, S. 5 (2. Auflage 1892, 3. Auflage 1912). Ebd. S. 5. – Vgl. auch: Hadumod Bußmann: Eine toskanische Habsburgerin in Bayern. In: Prinzregent Luitpold von Bayern. Hg. von Ulrike Leutheusser und Hermann Rumschöttel, München 2012, S. 37–52.

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Die zehnjährige Therese mit den Eltern Prinz Luitpold und Prinzessin Auguste Ferdinande und den Brüdern Ludwig, Arnulf und Leopold (Lithographie 1860).

Schülerin zu ihrem Leidwesen nicht zu folgen – dafür fehlen ihr die Grundlagen der Mathematik, die zu erwerben der traditionsverhaftete Vater erst der Siebenundzwanzigjährigen gestattet, und auch das nur unter der Bedingung, kein Wort darüber öffentlich verlauten zu lassen. Noch rigoroser gilt das Verbot hinsichtlich Latein, das die spätere Naturwissenschaftlerin dringend gebraucht hätte für ihre Studien und Publikationen, doch dieser Wunsch ist für eine Angehörige des weiblichen Geschlechts in der damaligen Zeit ein skandalöses Begehren. Ähnliche Widerstände regen sich gegen ein Studium weniger üblicher Fremdsprachen wie Russisch und Dänisch.

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Dessen ungeachtet eignet sich Therese im Laufe der Jahre nach und nach elf europäische Sprachen an: Italienisch, Französisch, Englisch, Spanisch, Dänisch, Neugriechisch, Russisch, Portugiesisch, Schwedisch, Holländisch und Tschechisch. Wenngleich sie bei den Brüdern und in ihrer höfischen Umgebung wenig Verständnis für ihre Leidenschaft für Bücher, Wissenschaft und fremde Sprachen findet, lässt sie sich nicht beirren und kann auf diese Weise die literarischen Klassiker und alle wissenschaftliche Literatur im Original lesen und sich auf ihren späteren Reisen mühelos ohne Dolmetscher in der jeweiligen Landessprache verständigen. Das erweist sich bereits auf der Brasilienreise als großer Vorteil, da der verantwortliche Reisemarschall sich dazu bekennen muss, dass er sich − als Fremder, der der Sprache nicht mächtig ist – mit dem Benehmen des Pulikums schwer tut. (22. August 1888.).

Das Palais Leuchtenberg, Thereses Elternhaus am Odeonsplatz (heute Bayerisches Finanzministerium).

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Großer Wert liegt von früh an auf körperlicher Ertüchtigung. Mit siebzehn zehn Jahren notiert Therese in ihrem Tagebuch9, dass sie im Turnsaal des Palais Leuchtenberg am Barren und am Reck turnt, über das Seil springt und an den Sprossen hinaufklettert und sich deshalb dabei so wohl fühlt, weil sie dann im Matrosenanzug ohne Crinoline sein darf: Dann ist es erst recht lustig, weil ich mich frei bewegen kann. Sie liebt ausgedehnte, bis zu zehnstündige Gebirgswanderungen rund um den Bodensee, Schwimmen bei jeglicher Witterung (inklusive Schwimmen in Kleidern, Kopfsprünge und Tauchen), Rudern und Segeln, Schlittschuhlaufen, Radfahren und vor allem Reiten. Diese jugendlichen Exerzitien erweisen sich als eine gute Vorbereitung für jene physische Gewandtheit und Stählung, die es ihr auf den späteren Reisen ermöglichen, große Strapazen und Entbehrungen mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit zu ertragen.

1.3 »Du sollst der Engel in der Familie sein!« Diese glückliche Kindheit erfährt einen jähen Umbruch, als im April 1864 die über alles geliebte Mutter mit nur neununddreißig Jahren nach langem qualvollem Lungenleiden stirbt. Für die dreizehnjährige Therese ist dieser Verlust unsagbar schmerzlich, eine psychische Last, an der sie umso schwerer trägt, als die Mutter ihr auf dem Sterbebett die Verantwortung und stellvertretende Fürsorge für Vater und Brüder übertragen hat mit den Worten: »Du meine innigst geliebte Tochter, Du sollst der Engel in der Familie sein!«10 Der Verlust der Mutter stürzt Therese in einen bedrohlichen Zustand von Schwermut und Verzweiflung: In meinem Herzen ging etwas entzwei, das nie mehr ganz wurde, und ich stand mit dreizehn Jahren einer Lebensaufgabe gegenüber, die mich zu erdrücken drohte.11 Ihren Seelenschmerz verbirgt sie Tagebuch, 19. Januar 1867 (GHA, Nachlass Prinzessin Therese, Nr. 11−21). 10 Auguste: Mein letzter Wille, S. 10 (GHA, Nachlass Prinzessin Auguste, Nr. 138). 11 Therese, Biographisches Material, S. 6 (1864). 9

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hinter einer Maske von anerzogener Beherrschtheit: Ahnt denn ein Mensch, daß ich manchmal meine, die inneren Leiden zerreißen mich, während ich lächle und heiter erscheine?12 Ausgeliefert einem vom Vater und den Brüdern männlich dominierten Umfeld, das erfüllt ist vom Streben nach Jagderfolgen und einer militärische Karriere, sehnt sich Therese lebenslang nach empathischer Nähe einer Vertrauten, bei der sie Verständnis für ihre innere Verlassenheit und lähmenden Selbstzweifel finden kann. Ihre Erzieherinnen erfüllen dieses Bedürfnis nur selten, so dass die über Jahre hin Unglückliche ihre Zerrissenheit nur ihrem Tagebuch anvertrauen konnte, das seit ihrem zehnten Lebensjahr ihr intimster Gesprächspartner ist. In ihm hält sie tief gläubige, innige Selbst- beziehungsweise Zwiegespräche mit Gott, vor dem sie rückhaltlos ihre existentiellen Abstürze beichtet und von dessen gnädigem Walten sie sich die Erlösung aus tiefsten seelischen Nöten immer wieder erfleht. Dieses von der Mutter gelernte unerschütterliche Gottvertrauen ist das Fundament, auf dem sie alle Lebenskrisen, alle inneren und äußeren Katastrophen zu überstehen vermag, so dass sie am Lebensende von sich sagen kann: Ich habe mich vor nichts im Leben gefürchtet.

1.4 »Du mußt heiraten, sonst fällst Du uns allen zur Last«13 Mit ihrer Volljährigkeit verschärft sich für Therese als Prinzessin aus fürstlichem Hause das Gebot der Stunde: Du mußt heiraten, sonst fällst du uns allen zur Last. Thereses Kommentar dazu: Ich werde betrachtet als etwas Unangenehmes, das man ernähren muß und dessen man gerne los werden möchte. Dieses ständige Drängen der beiden älteren Brüder ist für Therese umso schwerer zu ertragen, als sie seit ihrem fünfzehnten Lebensjahr eine heimliche, aussichtslose Liebe in ihrem Herzen trägt: Auf Wunsch der verstorbenen Mutter übernimmt deren befreundete Schwägerin Marie, die Witwe des nur wenige Wo12 13

Tagebuch, 1. September 1878. Tagebuch, 23. Dezember 1867.

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