Issuu on Google+

Im ✜ Gespräch

Ein Gespräch zwischen ABDUL HUSSEIN ALBUFRADI und GASPARD NYUNGURA über ihre Erfahrungen als Flüchtlinge und die Rolle des Glaubens, moderiert von MONIKA SCHWARZER. Abdul Hussein Albufradis Sohn fungiert als Übersetzer.

Hilft Religion in der Fremde? Das Gespräch moderierte Monika Schwarzer, Leiterin der Bildungsabteilung bei Missio. Das Video davon können Sie sich auch online unter www.missio.at/gespraech ansehen und auf facebook kommentieren.

Abdul Hussein Albufradi wurde 1963 in Bagdad geboren. Er arbeitete als Beamter für das irakische Energieunternehmen. Im Jahr 2000 floh er mit seiner Frau und seinen Kindern aus dem Irak. Der Geheimdienst hatte zuvor seine Tante dabei ertappt, wie sie sich abwertend über Saddam Hussein geäußert hat. Albufradi wurde daraufhin gefoltert. In Österreich arbeitet er zurzeit für den Airport Bus. Er ist Vater von fünf Kindern.

Monika Schwarzer: Was waren Ihre ersten Eindrücke von Österreich?

Die meisten Autofahrer halten sich sogar an die Geschwindigkeitsbegrenzungen.

Abdul Hussein Albufradi: Ich bin im Jahr 2000 aus dem Irak nach Österreich geflüchtet. Beim Grenzübergang im Burgenland wurden wir vom Grenzschutz angehalten und anschließend in einen Bus gesetzt. Nach einigen Stunden kamen wir dann in St. Pölten an und wurden in ein Heim gesteckt, wo wir nicht einmal selber kochen durften. Der erste Eindruck war also nicht so toll. Speziell meine Kinder waren ziemlich schockiert, dass die österreichischen Soldaten einen Halbkreis um sie bildeten und schrien: „Keine Bewegung!“

Monika Schwarzer: Konnten Sie irgendetwas aus Ihrer Heimat mitnehmen?

Gaspard Nyungura: Ich bin in Ruanda geboren und aufgewachsen. 1999 musste ich vor dem Bürgerkrieg in meiner Heimat nach Österreich fliehen. Nach einer Zwischenstation in Kenia bin ich an einem grauen Novembertag am Flughafen in Schwechat gelandet. Wien bereitete uns ein frostiges Willkommen: So tiefe Temperaturen hatte ich noch nie erlebt, obwohl ich in fast 3.000 Metern Seehöhe aufgewachsen bin. Mit jeder Glastür, die wir durchschritten haben, wurde es ein paar Grad kälter. Danach, im Bus nach Traiskirchen, war der zweite Eindruck vom Land schon positiver: Auf der Autobahn merkte ich, in was für einem sauberen und wohlorganisierten Land ich mich befinde.

Abdul Hussein Albufradi: Anders als Gaspard sind wir nicht mit dem Flugzeug in Österreich angekommen, sondern zu Fuß und per Autostopp. Da kann man nichts mitnehmen. Wir hatten nur das, was wir am Leib hatten. Das lange Gehen war extrem hart. Wir mussten auch noch die kleinen Kinder tragen. Das wünsche ich keinem Menschen. Bei jedem Wind und Wetter sind wir gegangen und hatten dabei große Lehmklumpen an den Schuhen, die jeden Schritt noch schwerer gemacht haben. Gaspard Nyungura: Wenn man flüchtet, kann man nichts mitnehmen außer leichtes Handgepäck. Bei mir waren das ein Foto von meiner Mutter und persönliche Zeugnisse. Speziell auf das Maturazeugnis war ich stolz, weil ich es geschafft hatte, einen Schulabschluss während der Kriegszeit zu machen. Monika Schwarzer: Welche Rolle spielte der Glaube in Ihrer Heimat – und dann in Österreich? Abdul Hussein Albufradi: Bei uns im Irak steht Gott über allem. Religion ist eine sehr ernste Sache

20 alle welt

RZ_20_21_gespraech.indd 2

07.02.14 13:18


Beantworten Sie die Frage bitte hier: facebook.com/missio.at Und laden Sie Freunde dazu ein!

IHRE MEINUNG

Gaspard Nyungura: Religion spielt eine sehr große Rolle in meiner Familie. Mein Großvater mütterlicherseits war Katechist und jener väterlicherseits war Dachdecker und ein Meister im Bauen von Kirchendächern. In Österreich

war ich anfangs sehr enttäuscht, weil in der Kirche in Traiskirchen nur alte Leute waren. Als wir die Ministranten gefragt haben, wo denn die Jugendlichen sind, antworteten sie: „Die Jugendlichen kommen nur zu speziellen Anlässen, etwa wenn der Pfarrer sie gesondert in die Kirche einlädt. Oder wenn es nach dem Gottesdienst eine Agape gibt.“ Im Gegensatz zu Afrika, wo jeder gerne freiwillig und voll Freude den Tag des Herrn feiert, sehen es die Menschen hier als eine Verpflichtung. Monika Schwarzer: Wie wurden Sie hier von der religiösen Gemeinde aufgenommen? Gaspard Nyungura: In Traiskirchen hat mich niemand angesprochen. Die Bewohner dort vermeiden es, mit den Flüchtlingen in Kontakt

Hilft Religion in der Fremde? Oder kann sie ein Integrationshindernis sein?

zu treten. Die Sprache war eine weitere Hürde: Nur wenige Menschen in Österreich sprechen Französisch. Als anerkannter Flüchtling bin ich schließlich in ein Heim nach Linz gekommen. Bei einem Sommerfest habe ich eine Ärztin kennengelernt, mit der ich mich fließend auf Französisch unterhalten konnte. Sie ist der Mensch, der mir in Österreich am meisten geholfen hat. Durch sie habe ich dann mehrere katholische Gemeinschaften in Linz kennengelernt: Die Karmeliten, die Gemeinschaft Emmanuel und auch die Lorettos. Endlich war ich nicht mehr allein. Ich habe hier Heimat und Familie gefunden. Abdul Hussein Albufradi: Zuerst waren wir in St. Pölten, wo es damals allerdings noch keine Moscheen gab. Danach sind wir nach Wien gekommen. In der schiitischen Moschee am Margaretengürtel wurden wir nach dem Beten gleich zum Essen eingeladen. Jeder gab uns

praktische Tipps, zum Beispiel, wie man sich im Wiener U-Bahnnetz zurechtfindet. Auch Deutsch haben wir alle schnell gelernt. Im Irak haben alle Moscheen rund um die Uhr geöffnet. Die Obdachlosen finden dort jederzeit Zuflucht. Ich finde, das könnte auch in Wien so sein. Monika Schwarzer: Was bedeutet für Sie Heimat? Abdul Hussein Albufradi: Österreich ist ein Land, das uns nie im Stich gelassen hat. Wir leben hier wie in einem Paradies. Allerdings sind meine Verwandten in aller Welt verstreut. Die meisten leben in den USA. Ich habe auch noch viel Kontakt zu meinen Familienangehörigen im Irak. Für meinen Sohn ist die Frage, wo er seine Heimat hat, hingegen eindeutig: Er sieht in Österreich seine Heimat. ✜

Fotos: Stanislav Jenis

und man darf keinen Spaß darüber machen. Damit sind wir aufgewachsen. Religion ist ein großer, bestimmender Teil unseres Lebens. Sie bestimmt auch unser Verhalten und unser Benehmen. In Österreich sind wir vielleicht noch bedachtsamer geworden. Wir haben noch mehr aufgepasst, vor allem auf die Kinder, damit sie den richtigen Weg gehen. Im Irak kann man nicht so viel falsch machen, weil man dort in einer muslimischen Gesellschaft lebt. Viele Sachen sind von vornherein gesetzlich verboten, zum Beispiel Drogen und Alkohol. Hier in Österreich muss man mehr aufpassen, dass man immer den geraden Weg geht.

Gaspard Nyungura wurde 1974 in Gisenyi in Ruanda geboren. Nach der Ermordung eines Großteils seiner Familienmitglieder flüchtete er 1999 nach Österreich. Von 2005 bis 2009 studierte er an der Fachhochschule in Linz Sozialmanagement. Seit 2009 arbeitet er für die Päpstlichen Missionswerke in der Diözesanstelle Oberösterreich. Er ist verheiratet und Vater eines 8-jährigen Sohnes.

alle welt

RZ_20_21_gespraech.indd 3

21

07.02.14 13:18


"Im Gespräch"