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Juli/August 2012 . www.missio.at

allewelt DAS

MAGAZIN DER PÄPSTLICHEN MISSIONSWERKE

Er hat Großes mit uns vor Haiti, zwei Jahre nach dem Beben Der Ruf des Apostels Christentum in Südindien „Die Lage wird schwieriger“ Interview

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ist ... ... eine päpstliche Einrichtung, die unter dem Namen „Päpstliche Missionswerke“ in mehr als 150 Ländern vertreten ist. Missio – die Päpstlichen Missionswerke in Österreich wollen Menschen im christlichen Geist bilden. Sie helfen in den ärmsten Ländern der Welt mit Nahrung, Zugang zu Bildung und mit Gottes Wort. missio lebt und arbeitet mit den katholischen Ortskirchen in Afrika, Lateinamerika und Asien. missio unterstützt die Kirche bei der Verkündigung der Frohen Botschaft und bei ihrem Einsatz für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung. missio lädt ein zu einem Leben des Gebetes, des Teilens und der Solidarität.

Missio. Menschen dienen. Gott geben.

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Der größte Teil der Christen lebt heute in den so genannten „Ländern des Südens“. Missio ist eine materielle und spirituelle Brücke zwischen Nord und Süd: Zahlreiche Veranstaltungen und Publikationen wecken das Interesse am Leben unserer Schwestern und Brüder in aller Welt und das Bewusstsein unserer gegenseitigen Verantwortung. Den Christen in den Ländern des Südens fehlen vor allem finanzielle Mittel für ihre pastoralen und sozialen Aufgaben. Mit der jährlichen weltweiten Kirchensammlung am Weltmissions-Sonntag im Oktober werden die 1.100 ärmsten Diözesen der Welt unterstützt. Die Päpstlichen Missionswerke gewährleisten in internationaler Absprache eine gerechte Verteilung der Mittel. Eine weitere Kirchensammlung „Für Priester aus allen Völkern“ am 6. Jänner ermöglicht die Ausbildung von Priestern in den Ländern des Südens. Darüber hinaus unterstützt Missio jährlich eine Vielzahl an Projekten in Afrika, Lateinamerika und Asien.

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Editorial ✜ 4/2012

Sommerzeit ist auch Urlaubszeit. Sich Zeit nehmen und Zeit haben, einmal durchatmen – das sind wichtige Aspekte in den heißesten Wochen des Jahres. Und die Schüler freuen sich auf eine lange Pause von der Schule. Gerne reden wir davon, endlich einmal „abschalten“ zu können. Damit ist dann die oft mühevolle Arbeit, das Lernen oder der Alltagstrott gemeint. Aber warum wollen wir eigentlich „abschalten“?

Fotos: © Andreas Thonhauser (Cover), Missio

Juli/August 2012 . www.missio.at

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MAGAZIN DER PÄPSTLICHEN MISSIONSWERKE

Eine Schülerin in Pilate, Haiti, bereitet sich auf den Unterricht vor. Unter dem Wellblechdach ist es brütend heiß.

Er hat Großes mit uns vor Haiti, zwei Jahre nach dem Beben Der Ruf des Apostels Christentum in Südindien „Die Lage wird schwieriger“ Interview

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Video

Blog

PATER LEOS BLOG In seinen Videoblogs auf der Webseite von Missio beschäftigt sich Msgr. Maasburg mit aktuellen Themen und den großen spirituellen Themen – knapp und auf den Punkt gebracht.

www.missio.at

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Lernen können wir etwas von Father Snell und den Straßenkindern von Pilate in Haiti, um die er sich kümmert. Der junge Priester und Missio-Projektpartner ist der Held unserer aktuellen Titelgeschichte. In seinem Wunsch, den Menschen seiner Bergpfarre zu helfen, scheint er schier unermüdlich. Keine Spur von „Abschalten“! Allerdings ist das auch nur die halbe Wahrheit: Father Snell nimmt sich selten ganze Tage „Urlaub“, dafür hat er täglich Zeiten der inneren Einkehr, des Gebets und vor allem Zeit für die Feier der Eucharistie. Das sind die Kraftquellen, die ihn dazu befähigen, die über mehrere Autostunden verstreuten Dörfer seiner Gemeinde zu besuchen, die Kirche zu renovieren, die Schule auszubauen, das kirchliche Krankenhaus zu leiten, ein Aufforstungsprojekt zu organisieren und noch vieles mehr – kurz, seiner Verantwortung für die ihm anvertrauten Menschen gerecht zu werden. Für das von bitterer Armut gezeichnete Haiti ist die Arbeit von Father Snell ein echter Segen. Aber man muss nicht unbedingt Missionar in den Ländern des Südens sein, um für andere zum Segen zu werden. Wir sind alle dazu berufen, Segensbringer zu sein. Dafür braucht es nicht das Außergewöhnliche, sondern lediglich die Bereitschaft, im Alltag aufmerksam für den anderen zu werden. Auf die Mitmenschen zuzugehen, für die Arbeitskollegen ein Stoßgebet zum Himmel zu schicken und ihnen zuzuhören, wenn sie es brauchen – es braucht dazu nicht viel, außer ein großes Herz. Damit aber unser Herz wachsen kann, müssen wir ihm Zeit gewähren für die Begegnung mit Gott, der die Liebe ist. Dafür könnte der Urlaub eine ideale Gelegenheit sein: Nehmen wir uns Zeit, nicht nur für uns selbst, sondern auch für Ihn. Nehmen wir uns Zeit zum Nachdenken, weniger über uns selbst, als vielmehr darüber, wie wir lernen, unsere Mitmenschen zu lieben. Das ist tatsächlich eine Herausforderung, die wir uns für die Urlaubszeit vornehmen können. Herzlichst, Ihr

Monsignore Dr. Leo-M. Maasburg Nationaldirektor der Päpstlichen Missionswerke

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Inhalt ✜ 4/2012

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28 24 GUSTO Köstliches Bhaji lehrt, dass es nicht immer Fleisch braucht, um eine schmackhafte Mahlzeit zu genießen.

28 ABENTEUER MISSION Kardindal Christoph Schönborn schreibt über Eindrücke seiner Reise ins Heilige Land.

14 14 HAITI Es gehört zu den ärmsten Ländern der Welt: Haiti ist nicht erst seit dem schweren Erdbeben 2010 ein Brennpunkt der Armut. Missio-Partner Father Snell versucht, den Menschen vor Ort zu helfen.

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38 REISENOTIZEN Ruteng ist ein kleiner Ort im Gebirge der indonesischen Insel Flores und Zentrum vieler katholischer Orden im größten muslimischen Land der Welt.

32 WELTKIRCHE „alle welt“-Redakteurin Marie Czernin (r.) während ihrer Reportagereise in Indien: Am Thomasberg in Chennai traf sie Bruder Swaminathan, der Taubstummen Bildung ermöglicht.

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14 03 Editorial 04–05 Inhalt 42–43 Leserbriefe Impressum Rätsel 06–07 Ein Augenblick Mehr als eine Million Teilnehmer kamen zum internationalen Familientreffen in Mailand.

08–09 Kontinente Neuigkeiten aus der Weltkirche: Sudan, Indonesien und El Salvador.

10–11 Gedankensplitter Ein erschütterndes Testament des pakistanischen Ministers für religiöse Minderheiten, der vor einem Jahr ermordet wurde.

12–13 Mission Österreich Über eine Missionsinitiative der Erzdiözese Wien, die sich besonders an Jugendliche richtet, die Missio-Kinderaktion und die lange Nacht der Kirchen.

14–21 Thema: Haiti In Haiti ist es vor allem die Kirche, die durch ihr engmaschiges Netz an Mitarbeitern und Engagierten den Menschen nahe ist. Bildung spielt dabei eine zentrale Rolle.

22–23 Kraft der Stille Beten verändert die Welt, heißt es. Und schafft Ruhe im Alltagsstress.

24–25 Gusto Fleischlose Köstlichkeit aus Indien – ideal für die heißeste Zeit des Jahres. Unbedingt selbst ausprobieren und genießen.

26–27 Gehört – Gesehen Bücher- und DVD-Tipps, aktuelle Ausstellungen.

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28–29 Abenteuer Mission Kardinal Christoph Schönborn über seinen Aufenthalt im Heiligen Land: Er besuchte die neue interkulturelle Hochschule in Nazareth.

30–31 Interview Pater Jos aus Kerala erzählt über die Situation der Christen in Indien, sowie die Notwendigkeit der Vergebung, um selbst heil und für andere zum Heil zu werden.

32–37 Reportage Weltkirche Der Thomasberg in Chennai kennzeichnet den Ort, wo der heilige Apostel Thomas das Martyrium erlitt. Sein Geist weht auch heute noch in der Millionenmetropole, in der auch Bruder Swaminathan seine Berufung entdeckte.

38–39 Reisenotizen Die Insel Flores beherbergt die kleine Stadt Ruteng, die auch gerne der Vatikan Indonesien genannt wird.

40–41 Serie: Steirer auf Mission Pater Johannes Lechner erzählt von seinen Erlebnissen im US-amerikanischen Newark. alle welt

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Das Thema ✜ Straßenkinder

Die Schüler in Pilate verfolgen den Unterricht unter Plastikplanen und Wellblechen. Scheint die Sonne, ist es brütend heiß. Regnet es, dann tropft es ständig in den Klassenraum. Das bestehende Schulhaus muss dringend ausgebaut werden.

Text und Fotos: ANDREAS THONHAUSER

„Denn Gott hat Großes mit uns vor“ In Haiti, einem der ärmsten Länder der Welt, ist es vor allem die Kirche, die durch ihr engmaschiges Netz an Mitarbeitern und Engagierten den Menschen nahe ist. Bildung spielt dabei eine zentrale Rolle.

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Das Thema ✜ Straßenkinder

Mit weit aufgerissenen Augen

stürmt das Mädchen los: „Er ist da, Father Snell ist da!“, ruft sie lauthals, während sie sich mit ihren kleinen Händen eine Schneise durch die hellgrünen Bananenstauden bahnt. Der Priester lacht. „Wir werden schon erwartet“, sagt er und deutet auf einen kleinen Platz vor einem einfachen Haus. Seine Hosenbeine triefen noch immer von der Flussüberquerung. Hierher führt weder eine Straße noch gibt es eine Brücke über den kleinen Bergstrom, der dieses Dorf von Pilate trennt. Father Snell ist Pfarrer der 50.000 Einwohnerstadt in den Bergen Haitis, dem ärmsten Land Lateinamerikas. Auch nach Pilate führt nur eine schmale Schotterpiste für allradgetriebene Jeeps und Eselfuhrwerke. Hier

zu machen, eine Liste anzufertigen mit neuen Mitgliedern, die sich taufen lassen und gläubigen Paaren, die sich auf die Ehe vorbereiten. Father Snell erhält die Listen. Dann erzählen die Katechisten vom Glaubensunterricht, den sie den Menschen im Dorf in den vergangenen Wochen gehalten haben. Lebhaft ergänzen die An-

gibt es keine Stromleitungen, nur zwei Diesel-Generatoren. Einer davon gehört Father Snell. Als die Dorfbewohner ihn sehen, beginnen sie zu klatschen und zu singen. Der junge Priester stimmt mit ein. Die Menschen freuen sich sichtlich über den Besuch des Geistlichen. Die Katechisten des Dorfes haben sich mit den Gläubigen lange darauf vorbereitet. Father Snell hatte sie bereits vor Wochen darum gebeten, sich Gedanken zum Pfarrleben

wesenden die Schilderungen. Father Snell hört bereitwillig zu. Seine Pfarre hat viele Außenstationen. Manche sind vier Fußstunden entfernt und nicht mit dem Auto erreichbar. Höchstens einmal im Monat schaffen es Father Snell oder sein Kaplan diese Dörfer zu besuchen. Umso mehr setzt er auf seine Katechisten, gut ausgebildete Laien, die das Glaubensleben vor Ort organisieren – ehrenamtlich, versteht sich. „Als Kirche ist es unsere Mission, bei den Menschen zu sein,

Father Snell „Unsere Aufgabe ist es, bei den Menschen zu sein, sie zu unterstützen und ihnen neue Hoffnung zu verkünden.“

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Die Kathedrale von Port-au-Prince (r.) ist noch immer zerstört. Die heiligen Messen werden unter Zelten gefeiert.

Das Erdbeben Am 12. Jänner 2010 erschütterte eines der schwersten Beben Haiti. Die Hauptstadt Port-au-Prince wurde völlig zerstört und stand mehrere Tage in Flammen. Die internationale Staatengemeinschaft startete große Hilfseinsätze auf der Insel. Auch Missio antwortete auf die Bitten mehrerer Projektpartner und leistete neben der Katastrophenhilfe Unterstützung im Wiederaufbau für Schulen, Kirchen und Waisenheime. Trotz der massiven Solidaritätswelle liegt in Port-au-Prince noch vieles im Argen: ein großer Teil der Bevölkerung lebt nach wie vor in Zelten.

mit ihnen zu leben und ihnen von Jesus Christus zu erzählen.“ Da er unmöglich alle Außenstationen der Pfarre einmal pro Woche besuchen kann und die meisten Gläubigen auch nicht öfter als einmal pro Monat zur Kirche in Pilate kommen, ist Father Snell auf das Engagement seiner Katechisten angewiesen. Eingeschworene Gemeinschaft

Ihr Dienst geht über den sonst üblichen katechetischen Unterricht hinaus. Insofern ist die Pfarre Pilate auch ein Pilotprojekt für die Kirche auf Haiti: „Die Dorfgemeinschaften bilden durch Gebet, Katechese und gegenseitige Hilfe im Alltag eingeschworene Gemeinschaften, so ähnlich wie in den urchristlichen Gemeinden“, erklärt Father Snell das Konzept. Dabei geht es auch um Neuevangelisierung, darum, die Begeisterung für den Glauben an andere weiterzugeben. „Gott hat den Menschen als ein soziales Wesen erschaffen. Wir möchten unser Leben und un-

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Organhandel und Prostitution

In Haiti gibt es tausende Kinder, die auf der Straße leben müssen. Manche verloren ihre Eltern während des Erdbebens, andere haben sie gar nie gekannt. In einem der ärmsten Länder der Welt, leiden vor allem die Schwächsten unter der prekären wirtschaftlichen Situation. Father Snell versucht den Kindern durch Bildung zu helfen und einen Platz zum Schlafen zu organisieren. Die Straße ist nämlich ein gefährlicher Ort. Immer wieder werden Kinder und Jugendliche von Organhändlern oder Zuhältern verschleppt und international verkauft.

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seren Glauben teilen und nicht nur für uns selbst leben“, ist der junge Priester überzeugt. Und das Konzept funktioniert. Gerade im sozialen Bereich konnte viel bewegt werden. In einem der ärmsten Länder der Welt ist das auch bitter notwendig. Als die Erde bebte

Als vor zwei Jahren Haiti von einem der schwersten Erdbeben erschüttert wurde und die Hauptstadt Port-au-Prince in Flammen stand, spürte man in Pilate zwar die Erdstöße, hatte aber keine Opfer zu beklagen. Bis die ersten Flüchtlinge aus Port-au-Prince ankamen. Die Hauptstadt war zerstört worden. Mehr als 3000 Menschen suchten Zuflucht in der Stadt in den Bergen. Die meisten von ihnen kehrten nicht mehr nach Port-au-Prince zurück, sondern sind geblieben. Bald schon wurden erste Cholera-Fälle gemeldet, vor allem in der Hauptstadt, aber nach einer kurzen Weile auch auf dem Land. In den vergangenen zwei Jahren forderte die Krankheit hunderte Tote auf der Karibikinsel. Father Snell ließ umgehend eine Cholera-Abteilung in der Gesundheitsstation der Pfarre einrichten. Hunderte verdanken ihm dadurch ihr Leben. Gäbe es sie nicht, hätte die Krankheit, die zumeist durch verschmutztes Wasser übertragen wird, noch viel mehr Opfer gefordert.

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Das Thema ✜ Straßenkinder Father Snell vor der baufälligen Schule, die dringend renoviert und erweitert werden muss (u.). Hier sollen auch Räumlichkeiten für obdachlose Waisenkinder entstehen.

Nun geht es um Aufklärung und Prävention, um weitere Ausbrüche zu vermeiden. Noch ist die Bedrohung nicht ausgestanden: Immer wieder werden Menschen mit den typischen Durchfallsymptomen in die Station eingeliefert. So auch die neunjährige Maud. Father Snell, der mindestens einmal pro Woche vorbeikommt, um mit den Kranken zu sprechen, bleibt bei ihrem Bett stehen. Sie lächelt ihn an, als er sie fragt, wie es ihr geht. „Ein wenig besser“, sagt sie. Maud ist dem Tod nur knapp entronnen. Dank der medizinischen Versorgung wird sie schon bald wieder bei Kräften sein. „Ohne das engmaschige Netz aus Katechisten und engagierten Pfarrmitarbeitern, die ständig mit mir in Kontakt sind, wäre so eine Arbeit nicht oder nur eingeschränkt möglich“, ist Father Snell überzeugt. Maud wäre ohne Hilfe der Katechisten nie rechtzeitig in medizinische Behandlung gekommen.

Ein himmlisches Team

Der Pfarrer und seine Katechisten sind ein himmlisches Team: Vor allem das gemeinsame Gebet habe schon so manchen „Berg“ versetzt. Es sind diese Katechisten, die Waisenkinder aus entlegenen Dörfern rund um Pilate einsammeln und zu Pfarrer Snell bringen.

Father Snell „Viele Waisenkinder leben bei Verwandten. Oft haben diese kein Geld, um sie in die Schule zu schicken.“ Das ist ein weiteres Projekt des engagierten Priesters: obdachlosen Kindern ein Zuhause und eine Ausbildung zu schenken. Der zwölfjährige Pierre ist einer dieser Jugendlichen. Seine Eltern starben vor Jahren und er lebte bei Verwandten in einem kleinen Bergdorf. Nachdem seine Tante ihn nicht mehr versorgen hatte können, schlug er sich bis nach Pilate durch. Hier schlief er unter einem Baum, etwas außerhalb der Stadt. Ein Katechist hatte ihm von Pierre er-

zählt. „Komm mit“, hatte er ihm damals gesagt, „ich habe einen Platz für dich.“ Seit damals ist Pierre Teil des Pfarrprogramms für Straßenkinder. 20 Kinder, die zuvor obdachlos waren, besuchen nun die Schule in Pilate. Diese wird ebenfalls von der Kirche betrieben. Die meisten Familien, die ihre Kinder hierher schicken, können sich nur ein geringes Schulgeld leisten. Viele zahlen gar nichts. Für obdachlose Kinder wie Pierre hat Pfarrer Snell einen Notschlafplatz eingealle welt

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Das Thema ✜ Straßenkinder

richtet. Der ist zwar sehr klein, aber die Schule platzt aus allen Nähten und ist baufällig. Es werden dringend weitere Unterrichtsräume benötigt. Behelfsmäßig unterrichtet man einige Klassen unter Zeltplanen, die Räume sind nur durch Wellbleche voneinander getrennt. Wenn es regnet, tropft das Wasser auf die Schul-

Father Snell „Der Glaube an Jesus Christus befreit. Diese Botschaft sollen wir allen Menschen verkünden.“ tische und wenn die Sonne scheint, wird es extrem heiß. „Wir versuchen, so gut es geht, mit dem auszukommen, was wir haben und das teilen wir mit der Gemeinschaft“, erklärt Pfarrer Snell die schwierige

Lage. Für ein Essen für Pierre vor dem Unterricht reicht es allemal, und er lernt Lesen und Schreiben. „Außerdem sind die Kinder in der Schule sicher“, ergänzt Father Snell. Immer wieder kommt es zu Kindesentführungen in Haiti. Besonders Waisen- und Straßenkinder sind betroffen. Die meisten fallen Organhändlern zum Opfer. Wenn Father Snell darüber spricht, bekommt Pierre Angst. Mehrere seiner Freunde von der Straße sind verschwunden und nie wieder aufgetaucht. Unter den Kindern und Jugendlichen kursieren schlimme Gerüchte. „Bei Father Snell fühle ich mich wohl“, sagt Pierre. Hier sei er in Sicherheit. Man kümmere sich um ihn. Später einmal möchte er selbst Straßenkindern helfen. Deshalb plant er auch, Arzt zu werden, um sich dann besser um die Kinder kümmern zu können. Father Snell lächelt, während er dem Jungen zuhört. „Er hat große Ziele“, sagt er dann mit weit aufgerissenen Augen und nickt Pierre wohlwollend zu, währen der ihm auf die Schulter klopft: „Das ist auch gut so, denn Gott hat sicherlich noch Großes mit ihm vor.“ ✜

Die Bildungsarbeit in Österreich ist ein wichtiger Auftrag von Missio. Unterlagen zur Gestaltung von Schul- und Gruppenstunden zu verschiedensten Themen finden Sie kostenlos zum Download unter:

www.missiothek.at

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Die Cholera-Station in der kirhchlichen Ambulanz in Pilate (r.) rettete schon vielen das Leben. Die Krankheit brach nach dem Erdbeben aus und konnte noch immer nicht in den Griff gebracht werden.

Die Situation 2012

Zwei Jahre nach dem Erdbeben hat sich die Situation in Port-au-Prince kaum verbessert. Trotz massiver Hilfsleistungen leben noch immer tausende Menschen in Zelten mitten im Zentrum der Hauptstadt Haitis. Die Politik schafft es nicht, einen geordneten Wiederaufbau zu organisieren. Trotz der militärischen Präsenz der UNO nimmt die Gewalt stetig zu. Projekte von kleineren Hilfsorganisationen sind in dieser Lage ein Hoffnungsschimmer. Vor allem die Kirche kann durch ihr Netzwerk effizient und mit langfristiger Wirkung helfen.

Missio hilft Missio-Projektpartner Pfarrer Snell war nach dem Erdbeben 2010 ein Helfer der ersten Stunde. In seiner Bergpfarre Pilate nahm er tausende Flüchtlinge aus Port-au-Prince auf, kümmerte sich um ihre Versorgung und Unterkunft. Unter den Flüchtlingen befanden sich auch viele Waisenkinder, die ihre Eltern während des Erdbebens verloren hatten, wie etwa der zwölfjährige Pierre. Dank Pfarrer Snell muss er nicht auf der Straße leben und bekommt in Pilate eine Schulbildung. Der Priester schenkt Pierre ein neues Zuhause, Bildung und Zukunft. Die Nähe zu Gott, das tägliche Gebet und die schützende Geborgenheit hilft ihm, Selbstvertrauen zu finden. Aber Pierre ist nicht alleine. Es gibt viele obdachlose Kinder wie ihn in Pilate und der Platz in der Schule ist eng. Pfarrer Snell und die Schüler von Pilate brauchen dringend neue Klassenzimmer und einen Platz zum Schlafen für die Straßenkinder. Schon geringe Beträge können langfristig helfen. Mehr Information finden Sie im beigelegten Spendeneinleger. ✜

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✜ Reisenotizen Notiert von Andreas Thonhauser

Ruteng Ruteng liegt in den Bergen der Insel Flores (u.). Hier siedelte der Stamm der Manggarai. Trachten und Traditionen halten die Menschen in Ehren.

Inmitten der paradiesischen Insellandschaft Indonesiens befindet sich das Eiland Flores. Während die meisten Touristen hierher kommen, um in Labuanbajo zu tauchen und Kormorane zu bestaunen, gilt die Bergstadt Ruteng als „kleines Rom“ Südostasiens wegen seiner vielen Ordenshäuser.

Factbox INDONESIEN Bevölkerung: Mit knapp

240 Millionen Einwohnern ist Indonesien der viertgrößte Staat der Welt und das größte muslimische Land. Knapp 90% hängen dem sunnitischen Islam an. Fläche: Die Landfl äche Indonesiens verteilt sich auf 17.508 Inseln, von denen 6.044 bewohnt sind. Währung: Rupiah Politik: Die ehemalige niederländische Kolonie ist heute eine Präsidialrepublik. Nach dem Ende der jahrzehntelangen Diktaktur Suhartos 1998 wurden umfangreiche Reformen umgesetzt. Seit 2004 wird der Präsident direkt vom Volk gewählt. Ruteng ist die Hauptstadt der Manggarai, einer Provinz der Insel Flores. Bekannt ist die Stadt für den Fund des Homo Floresiensis, der wegen seiner geringen Körpergröße unter dem Namen „Hobbit“ berühmt wurde.

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Was man immer dabeihaben sollte: Wollpullover Indonesische Küche

Alles, was das Meer an Schätzen birgt, kommt in Labuan Bajo, der wichtigsten Touristenstadt von Flores auf den Teller. In Ruteng, im Landesinneren, ist das schon seltener der Fall. Was auf keinen Fall fehlen darf: Der frisch geerntete Kaffee (Bild oben) von den umgliegenden Berghängen.

Aufgrund der hohen Lage kann es in Ruteng trotz der Nähe zum Äquator vor allem in der Nacht sehr kalt werden. Während man sonst in Indonesien nicht mehr als T-Shirt und Sandalen braucht, sollte man hierher durchaus auch wärmere Kleidung mitnehmen. ✜

Fotos: Missio/Thonhauser, istock photo

RUTENG

Die Manggarai sind berühmt für die so genannten Peitschenkämpfe, die als Schauspiel bei Hochzeiten oder Priesterweihen (o.) dargeboten werden.

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st es i s e r lo F n o v n e g r e „Hier in den B n ist ruhig. Lebe en.“ t s e a b D u l. z h ü d k n u m n h e e n m e t g a an Man hat Zeit, zu In Ruteng unterstützte Missio den Aufbau einer Schule für Katechisten, die die Steyler Missionare leiten. Zu dieser Schule gehört natürlich auch eine Kapelle (l.)

52 Kongregationen Die Gebirgsstadt ist auch als das „kleine Rom“ von Indonesien bekannt, weil knapp 50 Kongregationen hier vertreten sind. Wie die Steyler-Missionare betreiben auch andere Gemeinschaften hier Noviziate oder Ausbildungshäuser. Gründe sind das angenehme Klima immerwährenden Frühlings und die katholische Bevölkerung.

Fotos: Missio/Thonhauser, istock photo

Mit selbst gebastelten Rennautos geht es den Berg hinunter: Spiel und Spaß in Ruteng.

Bahn frei! Das Inland der Insel Flores zählt zu den ärmsten Regionen Indonesiens. Deshalb müssen sich die Kinder Spielsachen zumeist selbst bauen. Bei den steilen Bergstraßen sind improvisierte „Seifenkistenrennen“ der Hit. Allerdings nicht ganz ungefährlich: Auf funktionierende Bremsen verzichten die meisten jugendlichen Ingenieure!

Schule für Katechisten In Ruteng betreuen die SteylerMissionare nicht nur ein großes Noviziat, sondern auch eine von Missio unterstützte Katechistenschule. Auf Flores nehmen die engagierten Katholiken einen wichtigen Platz ein, da viele christliche Dörfer weit oben in den Gebirgsketten liegen. Nur selten können Priester dort vorbeikommen. Umso wichtiger ist die Glaubensverkündigung und die Organisation des Gemeindelebens durch gut ausgebildete Laien. Sie kümmern sich oft auch um den Transport der Gläubigen, die zur Sonntagsmesse in Ruteng kommen.

„Als zukünftiger Missionar muss ich meinen Charakter formen, um anderen helfen zu können!” Steyler-Seminarist Wilson aus Flores (über seine Zeit im Noviziat der Steyler-Missionare in Ruteng) alle welt

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Sollte sich Ihre Adresse geändert haben oder unvollständig sein, dann teilen Sie uns dies bitte telefonisch, per Fax, E-Mail oder auf dem Postweg mit, damit wir Sie auch in Zukunft erreichen können!

Empfänger:

Pauline Jaricot

Keine gewöhnliche Spardose – der Elefant ist aus Leder und wurde in Indien mit kunstvollem Batikmuster verziert. Der Lebendige Rosenkranz Plus 6 x „alle welt“ zum Missio-Sonderpreis um 23,- Euro.

Eine Rose für die Welt

Der Missio-Rosenkranz Die farbigen Holzperlen stehen jeweils für einen anderen Kontinent: Afrika (grün), Amerika (rot), Europa (weiß), Ozeanien (blau), Asien (gelb).

P.b.bGZ02Z030162S 06/12

Die Gründerin der Päpstlichen Missionswerke startete auch den „Lebendigen Rosenkranz“.

Anmeldung:

JA,

ich möchte Teil der Missio-Gebetsbewegung für Frieden und Mission in aller Welt werden. Bitte senden Sie mir den Missio-Rosenkranz gratis zu.

Mein Name Straße, Nr. PLZ und Ort Telefon (für Rückfragen) E-Mail Angeworben durch

Ort, Datum

Unterschrift

Ich habe bereits eine Gruppe Bitte senden Sie mir mein Rosenkranz-Geheimnis und den Missions-Rosenkranz für die Teilnahme an der Gebetsaktion „Eine Rose für die Welt“ an oben stehende Adresse. Ein Ausstieg ist natürlich jederzeit möglich, wir bitten Sie lediglich um Benachrichtigung. Herzlichen Dank für Ihr Gebet.

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Und so funktioniert es:

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infach per Mail, Telefon, Fax oder Post (siehe Formular links) bei Missio anmelden: Sie bekommen umgehend gratis den Holzrosenkranz (siehe Bild) in den Farben der fünf Kontinente zugesandt. Je 20 Beter bilden eine so genannte „Rose“. Jeder bekommt ein Geheimnis der vier Rosenkränze (freudenreicher, schmerzhafter, glorreicher und lichtreicher) und einen Kontinent zugeteilt. Dann betet jeder täglich sein Gesätzchen. Gemeinsam ergibt das einen Psalter pro Tag. Jedes Mitglied einer Rose ist eingeladen, weitere Mitbeter anzuwerben. Mehr Informationen erhalten Sie in dem Info-Folder, der dem Rosenkranz beigelegt wird.

Motivieren Sie andere! Beten Sie den „Lebendigen Rosenkranz“ und schenken Sie der Welt viele „Rosen“! Anmeldeformular an: Missio, Seilerstätte 12, 1015 Wien Oder faxen Sie uns die Anmeldung an: Fax (01) 513 77 22 60 Oder melden Sie sich per E-Mail an: bestellung@missio.at Oder rufen Sie uns an: (01) 513 77 22

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