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DEUTSCH ... servus, gr端zi und hallo!


DEUTSCH ... servus, grüzi und hallo!

Die Deutschen sind ein Volk mit vielen Bräuchen und Traditionen. Nur fällt es dem normalen Großstadtmenschen kaum noch auf, denn vieles ist über die Jahre verloren gegangen oder vergessen worden. Auch auf Grund der Geschichte des Zweiten Weltkrieges und deren Aufarbeitung. Denn das Deutschsein wird heutzutage meist kritisch beurteilt. Die portraitierten Menschen in diesem Buch haben von der Aufarbeitung der Verbrechen der Nazis nicht viel oder gar nichts mitbekommen. Denn entweder sie befanden sich während des dritten Reichs schon nicht mehr in Deutschland oder sie sind im Krieg oder kurz danach ausgewandert. Wieder andere sind Kinder von Auswanderern in der zweiten oder dritten Generation und haben selbst nie in Deutschland gelebt. Dennoch hüten alle ihre deutschen Wurzeln weiterhin und versuchen die Traditionen an die nachfolgenden Generationen heranzutragen. Wir haben uns auf die Suche nach deutschen Einwanderern oder deren Nachfahren in Argentinien begeben. Dazu reisten wir tausende Kilometer durch das Land, von Buenos Aires in die Provinzen Cordoba und Entre Rios, in das Innere des Landes, nach Mendoza und nach Patagonien. Wir haben typisch Deutsches getroffen: Tanzgruppen, Heimatvereine, Dackel, Schäferhunde und Gartenzwerge. Menschen, die immer noch gerne ihre Trachten tragen und mit Stolz die deutsche Nationalhymne singen. Auf den ersten Blick ein abschreckendes Bild, doch haben wir auf der Reise auch gelernt zu differenzieren. Denn, in dem riesigen Land Argentinien, das sich fundamental von Deutschland unterscheidet, gelten andere Regeln. Die Erinnerung an


die Heimat begleitet die Eingewanderten ihr ganzes Leben und hinter jedem Neuanfang steht meist ein tragisches Ereignis in der Vergangenheit. Die allgemeine Meinung in Deutschland, dass Argentinien ein Paradies für unbelehrbare Nazis sei und diese dort immer noch leben würden ist unserer Erfahrung nach nur in wenigen Fällen zutreffend. Die erste Region, die wir besucht haben, ist die Valle de Calamuchita in der Provinz Córdoba. Dort befindet sich die größte deutsche Kolonie Villa General Belgrano, sowie die kleinen Bergdörfer im Schwarzwaldstil Villa Alpina und La Cumbrecita. Nachdem sich bereits Anfang der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts Deutsche in der Villa General Belgrano angesiedelt hatten, wurde die Stadt vor allem durch die überlebenden Matrosen des Kriegsschiffes Graf Spee bekannt. Die Graf Spee wurde 1939 von ihrem Kapitän im Rio de la Plata gesprengt. Zuvor hatten sich die Matrosen nach Buenos Aires gerettet. Um nicht zurück in den Krieg ziehen zu müssen, versteckten sich viele von ihnen in verschiedenen Orten Argentiniens. Mehrere tauchten in der Villa General Belgrano unter und blieben dort auch als der Krieg schon vorbei war. Mit ihren handwerklichen Fähigkeiten trugen sie zur infrastrukturellen Entwicklung der Stadt bei. Da viele die überlebenden Deutschen besuchen wollten, entwickelte sich daraufhin ein regelrechter Tourismus. Noch heute werden jährlich das Oktoberfest und andere deutsche Feste gefeiert, zu denen tausende Besucher kommen. Für die Argentinier ist die Villa General Belgrano ein kleines Europa im eigenen Land.Etwa 600 Kilometer weiter in Richtung Osten stießen wir auf die sogenannten Wolga Deutschen, Nachkommen deutscher Einwanderer mit einer ganz anderen Geschichte. In der Provinz Entre Rios besuchten wir fünf Dörfer, die in nächster Nähe zueinander entlang des Paraná-Flusses liegen. Die Wolga Deutschen lebten bevor sie um 1880 nach Argentinien kamen im damaligen russischen Reich an der Wolga. Etwa hundert Jahre zuvor waren sie dort unter der Regierung Katharinas der Großen ansässig geworden. Teilweise wurden deutsche Dörfer mit den gleichen Namen neugegründet (z.B. Marienthal und Pfeiferdorf). Da sie das Recht


auf die Beibehaltung der Deutschen Sprache als Amtsprache hatten und sich selbst verwalten durften mischten sich die Kulturen nicht. Als diese Rechte von Zar Alexander II gegen Mitte der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wieder eingeschränkt wurden, wanderten viele Familien aus. Einige kamen so nach Argentinien, wo sie wieder die gleichen Dörfer mit denselben Namen gründeten. Zu Beginn war die Umstellung natürlich groß. Uns wurde erzählt, dass die Neuankömmlinge es nicht glaubten, dass es in Argentinien während des Europäischen Winters Sommer ist. Sie gruben Löcher in den Boden und mauerten die Wände mit Backsteinen zu, um den nach ihrer Befürchtung noch kommenden Winter zu überstehen. Einige der wolgadeutschen Einwanderer gingen zuerst nach Brasilien. Als sie merkten, dass sie dort nicht ihren gewohnten Ackerbau betreiben konnten, kamen sie ein Jahr später nach Argentinien in die Provinz Entre Rios, in der sich bereits andere Wolga Deutsche angesiedelt hatten. Dort gründeten sie das Dorf Aldea Brasilera, dessen Namen an die Geschichte mit Umwegen erinnert. Die Überreste deutscher Kultur sind in den Wolga Deutschen Dörfern entlang des Paraná-Flusses nicht wie in der Villa General Belgrano auf den ersten Blick ersichtlich. Es gibt keine Häuser im Schwarzwaldstil und auch die Landschaft und das Klima unterscheiden sich stark von Deutschland und der Villa General Belgrano. Dennoch fanden wir es überraschend, wie stark die Vergangenheit im Alltag der Bewohnern der Dörfer weiterlebt. Vor allem die älteren Menschen sprechen zum Beispiel immer noch einen deutschen Dialekt. Dabei handelt es sich um eine seit fast 250 Jahren konservierte Sprache, die von Generation zu Generation vor allem mündlich und darüber hinaus ohne äußere Einflüsse weitergegeben wurde. Nur die wenigsten haben Deutschland jemals wieder besucht.


Die deutsche Vergangenheit zeigt sich auch darin, dass es mehrere Tanzgruppen gibt, die sich regelmäßig treffen und mit selbst gemachten Trachten typisch deutsche Tänze auffuhren. Einmal im Monat trifft sich der deutsche Verein zum Asado (Grillfest) in der Großen Vereinshalle in Valle Maria (Mariental). Dort werden deutsche Lieder zu Akkordeonmusik gesungen und alte Geschichten erzählt. Für die Argentinier sind die Wolga Deutschen mit ihrer fremd klingenden Sprache sehr exotisch. Neben der Sprache unterscheiden sie sich auch äußerlich, viele sind zum Beispiel blond, von den Argentiniern. Einige Dorfbewohner erzählten uns von Problemen und Ausgrenzungen. Diejenigen, die in größeren Städten zur Schule gingen, wurden oft als Russenkinder und Hinterwäldler beleidigt. Auch deshalb wurde der deutsche Dialekt der Vorväter unter den Jugendlichen immer unbeliebter. Unsere nächste Station war San Carlos de Bariloche in Patagonien. Die Geschichte deutscher Siedler ist auch hier schon über Hundert Jahre alt. Die ersten Deutschen kamen aus Chile über die Anden. Das Städtchen an dem großen Gebirgssee Nauel Huapi entwickelte sich schnell zum Geheimtipp unter deutschen Auswanderern. Die bergige Kulisse und das angenehm frische Klima erinnern an die Bayrischen Alpen oder die Schweiz. In Bariloche haben wir Hannebert Franke Giron, die Witwe des bekannten Malers, Schriftstellers und Naturforschers F.R. Franke getroffen. Sie, ihr Mann und Ihre beiden Kinder lebten in den Fünfzigern bis Ende der Siebziger Jahre in einer abgelegenen Holzhütte auf der Halbinsel San Pedro mitten in der Natur. Außerdem haben wir Dagi Mendiberi getroffen, die uns ihre tragische Geschichte von der Vertreibung ihrer Familien aus Schlesien und der anschließenden Flucht nach Argentinien erzählte. Bariloche wurde in den 90er Jahren durch den Fall des untergetauchten NS Kriegsverbrechers Eric Priebke bekannt. Priebke arbeitete zur Zeit des Zweiten Weltkrieges als SS-Offizier in der deutschen Botschaft in Rom. Er war beteiligt an dem Massaker in den Ardeatinischen Höhlen bei dem 335 Zivilisten erschossen wurden. Nach dem Krieg


floh Priebke nach Argentinien und lebte dort bis in die Neunziger Jahre unentdeckt. In Bariloche genoss er höchstes ansehen und war unter anderem Vorsitzender der Deutschen Schule. Angesprochen auf dieses Thema hat uns Hannebert Giron geraten, uns nicht mit den „Nazis“ in Verbindung zu setzen. Sie meinte in Bariloche immer noch einige Deutschstämmige mit braunem Gedankengut zu Stammtischen. Mit dieser Fotografischen Arbeit wollten wir vor allem das heutige Leben, den Alltag und übriggebliebene Traditionen und Bräuche deutscher Auswanderer in Argentinien dokumentieren. Die Naziauswanderer sollten dabei nicht im Mittelpunkt unserer Arbeit stehen.


Thank you an: Hannebert Franke Giron Florian Franke Dagi Mendiberri Eli Pedro Rohr Elena Rohr Ruben Kessler Pedro Krapp Exeiquel Heim Hns J端rgen Ingeborg Petri Monika Manfredo Rothe Ralf Christine Tanzgruppe Enzyan Tanzgruppe Campo Verde Tanzgruppe Valle Maria Moni und Inge Seifert Colegio Aleman Villa General Belgrano



2014 04 16 spatzenkutter