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Berliner Zeitung · Nummer 14 · 17./18. Januar 2015

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Drinnen & Draußen

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WARENKUNDE

igentlich sehen die beiden jungen Herren, die in der Filiale des veganen SupermarktsVeganz in Prenzlauer Berg arbeiten, nicht aus, als würden sie sich sonderlich für Kosmetik interessieren. Beide tragen schwarze Kapuzenpullis, dunkle Cargo-Hosen, schwere Stiefel, im Gesicht je drei Piercings, dazu markanten Ohrschmuck – die bis heute typische Uniform der linken Subkultur also. Die Sorgfalt aber, mit der ihre Vollbärte gestutzt sind, deutet auf einen gewissen Anteil von Metrosexualität hin, ihr Wissen über Kosmetik sowieso. „Verkauft sich sehr gut“, sagen die beiden über das Angebot, das von Shampoo über Zahnpasta und Duschgel bis zur Haarfarbe reicht. Und sie können im Detail Auskunft geben, beispielsweise über die Lippenpflegestifte der Marke Crazy Rumors aus Brooklyn in New York. Die werden nicht mit Bienenwachs hergestellt, sondern mit Sheabutter. Und gesüßt werden sie mit Stevia. Mit dem Topseller im Sortiment,„Dr. Bronner’s Magic Soap“, erzählen sie, kann man sich nicht nur mit Haut und Haar waschen, sondern„auch die Zähne putzen“, sagt der eine. „Und den Boden wischen“, ergänzt der andere. Vegane Kosmetik ist längst kein Nischenprodukt mehr, sondern im Mainstream angekommen. Die Produkte von Dr. Bronner’s gibt es längst bei Douglas. Was aber treibt die Parfümeriekette dazu, auf eine Seife zu setzen, die bereits in den Sechzigerjahren von den Hippies gefeiert wurde, weil sie zur Massage genauso taugt wie zur Rasur, weil sie als mildes Schädlingsbekämpfungsmittel wie als Deo eingesetzt werden kann, als Pflegeprodukt für Babys und Haustiere? Eine Seife, die 1858 von der Familie Heilbronner im schwäbischen Laupheim kreiert wurde „in dem Bestreben, das für dich und die Natur ideale Produkt zu finden“. Das klingt nach Rudolf Steiner oder Greenpeace, aber sicher nicht nach Douglas. Trotzdem ist Dr. Bronner’s zur meistverkauften Naturseifenmarke in den USA avanciert. Zugegeben, die bunten Flaschen, auf denen die Herkunft und Eigenschaften aller Inhaltsstoffe im Detail beschrieben und zusätzlich mit Lebensweisheiten versehen sind, sehen hip aus. Als Importartikel genießen sie den Sonderstatus, von dem auch die US-Apothekenmarke Kiehl’s profitierte, die man lange Zeit nur dort kaufen konnte. Aber das allein ist es nicht. „Dr. Bronner’s Magic Soap“ ist nicht das einzige vegane Produkt im Sortiment von Douglas. Es gibt auch Pflegeprodukte wie den Rosen-Duschbalsam von Dr. Hauschka, vegane Badeschokolade der Manufaktur Zartgefühl und die veganen Schminkpinsel der Marke Zoeva – statt aus dem Fell von Mardern, Eichhörnchen oder Dachsen werden die Pinsel aus Synthetikfasern wie dem Polyester-Derivat Taklon gefertigt. Damit nicht genug, im Herbst hat die Parfümeriekette sogar eine eigene vegane Kosmetiklinie ge-

B L Z/M IK E FR Ö HL ING

BARBARA KLIMKE PROBIERT

Armband mit Notizen

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eine Freundin hat vier Kinder, und als sie klein waren, hat sie sich mit ihnen niemals unpräpariert ins Großstadtgetümmel gestürzt. An der Garderobe verteilte sie Schals und Mützen. Dann zückte sie einen Filzstift und malte den Jüngsten vor dem allgemeinen Abmarsch ihre Telefonnummer aufs Handgelenk. „Falls wir uns verlieren, geht ihr in ein Geschäft und bittet die freundlicheVerkäuferin, mich anzurufen“, sagte sie. Die Kinder nickten; sie wussten, dass die Zahlen, mal blau, mal rot, so wichtig wie die Brotkrumen bei Hänsel und Gretel waren. Die Entdeckung des Handgelenks als mobiler Merkzettel und abwaschbarer Memo-Block geht also, soweit ich das überblicken kann, maßgeblich auf den Einfallsreichtum meiner patenten Freundin Claudia zurück. Nun führt die ebenfalls erfinderische Firma KnockKnock aus Kalifornien die alte Idee auf originelle Weise weiter: Das Unternehmen vertreibt Papierstreifen, auf denen man sich zur Gedankenstütze allerlei Wichtiges notieren kann. Beschriftet und zusammengesteckt, werden die Streifen dann ums Handgelenk gewickelt. Bei diesen Papierarmbändern, „Wrist Notes“ genannt, besteht die Neuerung darin, dass man sich im Unterschied zur alten Methode am Ende das Einseifen des Unterarms ersparen kann. Außerdem wirken sie im Büro möglicherweise weniger infantil als Filzstiftgekritzel unter der Manschette.

launcht: die „Douglas Naturals“, deren Hauptbestandteil Arganöl aus dem Unesco-Biosphärenreservat im Südwesten Marokkos ist. Alle diese Produkte sind als Bio- und Naturkosmetik zertifiziert und mit dem Vegan-Label ausgezeichnet. Vegane Kosmetik interessiert nämlich bei Weitem nicht nur Veganer, die auf Produkte ohne tierische Inhaltsstoffe und Tierversuche bestehen. Das bestätigt auch die Branchenexpertin Elfriede Dambacher, die als Geschäftsführerin des Naturkosmetik Verlags eine Trendstudie zur Natur- und Vegankosmetik in Auftrag gegeben hat. „Die Bio-Verbraucher sind vermehrt diejenigen, die vegane Kosmetik verwenden“, sagt sie. Das wichtigste Argument ist für den Verbraucher der Tierschutz, zeigen die Ergebnisse des Marktforschungsunternehmens Pollion. 80 Prozent der Befragten messen ihm eine sehr hohe Bedeutung bei. Das veränderte Bewusstsein der Konsumenten zeigt sich nicht nur in den Drogerien und Supermärkten, sondern auch in den Hotels. In den Spas der führenden Berliner Hotels fragen Gäste immer häufiger nach Anwendungen mit veganer Kosmetik. Das Personal ist mit solchen Anfragen manchmal noch überfordert. Im Design-Hotel Stue beispielsweise, das im Spa mit Naturkosmetik-Produkten von Susanne Kaufmann aus dem Bregenzer Wald arbeitet, kommt die freundliche Angestellte ins Schleudern: „Da muss ich mich noch mal erkundigen“, sagt sie. Und auch im Bio-Hotel Almodóvar in Friedrichshain muss erst intern geklärt werden, ob denn „nur“ Biokosmetik oder sogar vegane zum Einsatz kommt. Es ist vegane. Im Spa des Hotels Adlon hingegen kommt die Antwort pfeilschnell und sicher: „Für die Behandlung können wir dann mit Produkten von Daniela de Winter aus Monaco arbeiten“, sagt die Kosmetikerin, „diese Linie ist rein pflanzlich und arbeitet ohne Tierversuche.“ Die ätherischen Öle auf Naturbasis werden aus Nüssen oder der Jojobablüte

Erweitertes Bewusstsein: Vegane Kosmetik ist kein Nischenprodukt mehr. Sie erfreut sich längst auch bei Parfümerieketten großer Beliebtheit VON ALEX BOHN

extrahiert, auf Bienenwachs wird selbstverständlich verzichtet. Lange Zeit haftete veganer Kosmetik das Vorurteil an, sie sei weniger hochwertig als konventionelle Kosmetik. Die Cremes zögen schlechter ein, die Haltbarkeit der Nagellacke sei geringer, die Shampoos wüschen nicht so sauber, die Lippenstifte gebe es nur in mittelmäßigen Farben. Auch das hat sich geändert. Die britische Marke REN beispielsweise, die vegane Körperpflege anbietet, in minimalistisch gestalteten Spendern aus recyceltem Plastik, ist so hochwertig, dass sie in ausgewählten Luxushotels wie dem 6 Columbus und dem Gild Hall im Bad wartet. Auf der NewYork FashionWeek schminken dieVisagisten die Models besonders gern mit einer ebenfalls veganen Kosmetikmarke, den „Obsessive Compulsive Cosmetics“, die durch leuchtende Farben und Qualität der Pigmente überzeugt. Und natürlich gibt es auch ein wunderschönes Topmodel, das selbst auf vegane Kosmetik schwört und eine eigene Marke aus der Taufe gehoben hat. Kora heißt die Kosmetiklinie der Australierin Miranda Kerr, die es seit 2009 gibt. Dank ihrer prominenten Gründerin hat es das Thema auf die Titel aller internationalen Frauenzeitschriften von der Vogue bis hin zur französischen Purple geschafft. Dass Sulfate, Parabene, Silikone und Formaldehyd gesundheitlich fragwürdige Inhaltsstoffe sind, Hagebutten-Öl und die NoniFrucht hingegen wahre Heilsbringer, wissen inzwischen nicht nur Bio-Verbraucher. Die in hellem Türkis verpackten Kora-Produkte, die ausschließlich in Australien produziert werden, sind auch in Deutschland erhältlich, online über Net-aPorter oder auch Amazon. Wer auf den Import aus Australien verzichtet, um seine Umweltbilanz sauber zu halten und trotzdem Haut haben will wie ein Model, dem sei die schnöde Bio-Salatgurke empfohlen: schälen, in Scheiben schneiden, auflegen. Spendet Feuchtigkeit, wächst lokal und ist definitiv vegan.

Mobiler Merkzettel, ganz und gar unelektronisch

Die passende Merkmethode zu finden, ist eine höchst individuelle Angelegenheit, weil das System, auf das der eine schwört, vom anderen oft als kompletter Irrsinn empfunden wird. Es gibt Leute, die fertigen täglich ellenlange To-do-Listen an; wer aber will ständig DinA4-Blöcke in die Handtasche stopfen? Andere pflastern den Schreibtisch jeden Morgen mit gelben Klebezetteln; allerdings kann man abends schlecht die ganze Schreibtischplatte mit nach Hause nehmen, wenn die Hälfte unerledigt geblieben ist. Auch gibt es ausgeklügelte Erinnerungs-Apps fürs Handy; aber was ist mit dem Schussel, der sein Mobiltelefon zu Hause vergisst? Dagegen liegt der Vorteil der beschrifteten Papierstreifen (gesehen im Kaufhaus Dussmann) auf der Hand: Notiz machen, umbinden, mit sich tragen. Und wegwerfen, wenn die Sache abgehakt ist. Nur für die Kinder meiner Freundin wäre die Methode leider untauglich gewesen: Die Armbänder sind für kleine Handgelenke viel zu weit. Die besten Texte aus dieser Kolumne gibt es als E-Book. „Warenkunde. Besondere Produkte im Praxistest“ ist erhältlich in allen bekannten E-Book-Shops. 58 S., 1,99 Euro.

MEIN PLATZ DAS ATELIER VON ANDREA WAN

B LZ / B EN J AM I N P R I TZ K U L EI T ( 2)

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ls ich zum ersten Mal hier herkam, stand alles leer. Die Wände waren von Graffiti übersät, es gab keine Türen, keine Fenster. Das Gebäude am westlichen Ende des RAW-Geländes hat früher der Reichsbahn gehört, es war jahrelang verlassen. Mir hat der Raum sofort gefallen. Wenn ich zeichne, brauche ich Platz. Ich kann nicht still sitzen. Mal arbeite ich am Schreibtisch, mal an der Wand, mal auf dem Boden. Und ich brauche andere Menschen in meiner Nähe. Die Räume nebenan sind an andere Künstler vermietet. Unten, in der Urban Spree

Lasst die Bienen fliegen

BERLINER ZEITUNG/MIKE FRÖHLING

Da haben wir den Salat: Viele Inhaltsstoffe von veganer Kosmetik könnte man ohne Bedenken auffuttern,

Beruf: Künstlerin, Alter: 29, kommt aus: Hongkong, in Berlin seit: zweieinhalb Jahren, lebt in: Kreuzberg, Zeit am Platz: fast jeden Tag

Galerie, gibt es Ausstellungen, Konzerte und Partys. Wenn ich aus dem Fenster schaue, sehe ich Street Art an den Mauern. Das ganze Gelände ist ein verrückter Ort. Er lässt sich auf nichts festlegen. Das gibt ihm ein Gefühl von Freiheit. Er wird von den Menschen gemacht, die ihn nutzen. Solche Freiräume sind es, die Berlin besonders machen. Ich bin ein Beobachter. Schon auf dem Weg in mein Atelier über die Warschauer Brücke sehe ich so viele unterschiedliche Menschen. Das bringt mich auf neue Gedanken, und daraus werden Ideen. Protokoll: Anne Lena Mösken

Veganekosmetik berlinerzeitung  

Vegane Kosmetik ist längst kein Nischenprodukt, sondern hat den Mainstream erreicht – von der Drogeriekette bis zum Luxus-Spa

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