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WINTERTHUR 11

DER LANDBOTE MITTWOCH, 10. AUGUST 2011

«Irreführung ist gefährlich» Mit der Mogelei bei «SF bi de Lüt» setzt das Schweizer Fernsehen seine Glaubwürdigkeit aufs Spiel, indet Vinzenz Wyss von der ZHAW. Für den Medienwissenschaftler zeigt der kleine Fall die grossen Probleme der Schweizer Medien. INTERVIEW: CHRISTIAN GURTNER

Das Schweizer Fernsehen suggeriert, in der Sendung «SF bi de Lüt» Musik­ talente zufällig auf der Strasse zu fin­ den, dabei sind die Entdeckungen ar­ rangiert. Wie beurteilen Sie den Fall? Vinzenz Wyss*: Das Vorgehen des Fernsehens ist gefährlich. Wenn so etwas in einer Sendung passiert, besteht die Gefahr, dass der Zuschauer denkt: «Wenn sie hier mogeln, machen sie es anderswo auch.» Das kratzt an der Glaubwürdigkeit des Schweizer Fernsehens. Und das in einer Zeit, in der die SRG, also der öffentliche Rundfunk, unter Druck ist und laut darüber nachgedacht wird, ob die Gebührengelder richtig eingesetzt werden. Aber «SF bi de Lüt» ist doch nur eine Unterhaltungssendung. Das spielt keine Rolle. Der Zuschauer macht eine Übertragung von der Sendung auf den ganzen Sender: «So arbeiten die also beim Schweizer Fern-

«Wir sollten mit Medien so umgehen wie mit der Migros» Vinzenz Wyss

sehen.» Entscheidend ist, dass mit Absicht etwas Falsches suggeriert wird. Das ist äusserst problematisch. Ich gebe Ihnen ein anderes Beispiel: In einer Sendung mit Playback-Auftritten zu suggerieren, dass live gesungen wird, zum Beispiel durch die Nachfrage des Showmasters, ob der Sänger nervös sei – das ist ungeschickt. Ist es denn wirklich so schlimm, etwas zu mogeln? Der Zuschauer ist es doch gewohnt, dass ihm fiktive Geschichten mit echten Personen erzählt werden – etwa bei «Bauer, ledig, sucht …». Sie haben recht: Manchmal ist die Frage, ob dem Zuschauer etwas vorgespielt wird oder ob man erwarten kann, dass er den iktionalen Charakter einer Sendung erkennt, schwierig zu beantworten. Es gibt da eine Grauzone. Im Fall «SF bi de Lüt» scheint mir die Irreführung aber recht deutlich, denn eine Strassenumfrage ist ein journalistisches Format, bei dem der Zuschauer davon ausgehen darf, dass die Darstellung nicht inszeniert ist. In der letzten Sendung hat Moderator Nik Hartmann erklärt, wie die Filme zu­ stande kommen, und sich bei denen ent­ schuldigt, die glaubten, die Entdeckun­ gen seien zufällig. Eine gute Lösung?

Die Zahl der Stellensuchenden ist im Juli gesunken – nicht nur wegen der Konjunktur. 2003 Menschen waren im Juli im Bezirk Winterthur arbeitslos gemeldet. Das sind 88 Personen weniger als noch im Vormonat. Wie in der ganzen Schweiz, sind auch die Winterthurer Arbeitslosenzahlen weiterhin rückläuig. Lag die Quote im Januar dieses Jahres noch bei 3,8 Prozent, erreichte sie im Monat Juli einen Tiefpunkt von 2,6 Prozent und liegt damit leicht unter dem kantonalen Durchschnitt von 2,8 Prozent, wie das Amt für Wirtschaft und Arbeit (Awa) mitteilt. Dies, obwohl die Zahl der Stellensuchenden in den Sommermonaten erfahrungsgemäss ansteigt, weil Schul-, Lehr- und Studienabgängerinnen und Studienabgänger während dieser Zeit in den Arbeitsmarkt entlassen werden.

Positiv ist, dass das Fernsehen reagiert hat, und zwar in der Sendung und nicht nur in einem Communiqué. Trotzdem: Etwas entschuldigen und es dann weitermachen – das scheint mir etwas unbeholfen. Wenn eine Geschichte nicht funktioniert, ohne dass das Publikum hinters Licht geführt wird, sollte man darauf verzichten und sich eine neue Geschichte überlegen. Im konkreten Fall inde ich auch die Art der Entschuldigung etwas ungeschickt: Man hat den Eindruck, der Moderator mache sich lustig über die dummen Zuschauer, die sich nun getäuscht fühlen. Was soll der Zuschauer tun, wenn er eine Mogelei entdeckt oder nicht sicher ist, ob alles mit rechten Dingen zugeht? Es ist wichtig, sich Gehör zu verschaffen. Wenn ein Zuschauer glaubt, das Schweizer Fernsehen verletze seinen Leistungsauftrag, kann er das bis 20 Tage nach Ausstrahlung der Sendung bei der Ombudsstelle SRF beanstanden. Diese Stelle kann dann Empfehlungen an die Redaktion abgeben. Kommt das häufig vor? Der Ombudsmann bearbeitet etwa 80 bis 100 Beschwerden pro Jahr, also nicht wenige. Es geht da etwa um Sachgerechtigkeit oder die Verletzung religiöser Gefühle. Die Ombudsstelle für Privatsender hat dagegen viel weniger zu tun. Viele Leute haben das Gefühl, für die privaten Sender würden sie, anders als für das Schweizer Fernsehen, nicht bezahlen. Das stimmt aber so nicht: Wenn ich eine Jeans kaufe, zahle ich die Werbung mit, mit der die Privatsender ihr Programm inanzieren. Man sollte sich auch über einen privaten Sender beschweren, wenn dieser unzureichende Arbeit leistet. Die meisten Zuschauer denken doch: «Die machen eh, was sie wollen. Da kann man nichts tun.»

Frankenstärke ohne Einluss

Er wurde schon vor seiner «zufälligen» Entdeckung ausgewählt: Fabio Lunardi. Bild: hd

Das denken wirklich viele – doch sie haben unrecht! Die Medien haben eine sehr wichtige Funktion in der Gesellschaft, und wenn sie ihre Arbeit schlecht machen, betrifft das alle. Wenn man sich Gehör verschafft, kann man durchaus etwas erreichen. Wenn ich in der Migros etwas kaufe, das nicht recht funktioniert, ist es selbstverständlich, dass ich mich beschwere, weil ich glaube, dass die Firma mich als Kunden ernst nehmen muss. So sollte es auch bei Medien sein. Leider wird dieses Kundenbewusstsein aber zu wenig gefördert. In der Schule etwa lernt man kaum etwas über Medien.

Dem Zufall nachgeholfen Die Musiktalente, die in «SF bi de Lüt» auf der Strasse angesprochen werden, sind keine zufälligen Entdeckungen: Das Fernsehen kontaktiert die Talente im Voraus. Zum Teil indet vor der inszenierten Entdeckung gar ein Vorsingen statt. Das gab SF zu, nachdem Fabio Lunardi, das «Strassentalent» aus Winterthur, dem «Landboten» von seiner Auswahl für die Sendung erzählt hatte. Nun hat sich der Publikumsrat der SRG eingeschaltet. Man werde dem Unterhaltungschef von Schweizer Radio und Fernsehen eine sogenannte Programmanfrage zukom-

Trotz Sommer sind weniger auf Stellensuche

men lassen, sagt Präsident Manfred Piffner. Er will mehr Transparenz: «Wir möchten, dass in so einem Fall in der ersten Sendung und im Internet über das Vorgehen informiert wird.» Gegen die Strassenumfrage selbst hat Piffner keine Einwände. In der Sendung vom Samstag erklärte Moderator Nik Hartmann, wie die Filme zustande kommen, und entschuldigte sich bei den Zuschauern, die an zufällige Entdeckungen glaubten: «Wenn Sie das Gefühl haben, das sei immer purer Zufall, wen wir da auf der Strasse treffen, dann stimmt das nicht ganz.» (gu)

Warum mogeln Medien? Weil die Verantwortlichen kurzfristig denken. Sie wollen eine gute Story haben, und sie bewerten die Ästhetik der Geschichte höher als die Glaubwürdigkeit des Unternehmens. Die Selbstregulierung der Medien, so wie sie heute praktiziert wird, funktio­ niert also schlecht? In vielen Fällen ja. Die Strukturen der Qualitätssicherung sind in vielen Medien schlecht ausgebildet, eine Verantwortungskultur ungenügend etabliert. Das hängt auch mit dem starken Kostendruck zusammen, unter dem die Redaktionen heute stehen. In der Politik wird aktuell diskutiert, ob die Selbstregulierung der Medien ausreicht. Wir haben in der Schweiz die Situation, dass die Politik nicht mit den Medien unzufrieden ist, weil sie zu kritisch sind, wie etwa in einer Diktatur, sondern weil sie zu unkritisch sind. In einem aktuellen Bericht des Bundesrats zur Lage der Medien in der Schweiz ist zu lesen, dass viele Politiker diese Zahnlosigkeit am eigenen Leib erfahren – etwa wenn ein Journalist sie vor einem Interview fragt, welche Fragen er stellen soll. *Vinzenz Wyss ist Professor für Journalistik am Institut für Angewandte Medienwissenschaft (IAM) der Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften (ZHAW) in Winterthur. Er führt regelmässig ein Projektseminar zum Thema «Medienleistungen und Medienkritik» durch, das sich mit den Strukturen und Akteuren der Medienkritik in der Schweiz beschäftigt.

Zwar gibt das Awa die Konjunkturlage als einen der möglichen Gründe für die Entspannung am Arbeitsmarkt an. Allerdings reagiere dieser oft verzögert auf wirtschaftliche Entwicklungen. Somit habe der starke Franken noch keinen Einluss auf die Lage im Arbeitsmarkt. Zudem könne der Rückgang der Arbeitslosigkeit auch eine Folge der Revision des Arbeitslosengesetzes sein, welches im vergangenen April in Kraft getreten ist. Diese hat zur Folge, dass Stellensuchende, die jünger sind als 25 Jahre, längere Wartezeiten in Kauf nehmen müssen, bis ihrem Antrag auf Arbeitslosengeld Folge geleistet wird. Gemäss Statistik machen die 25bis 49-Jährigen mit 1200 Personen die grösste Gruppe der Stellensuchenden aus. 351 Personen sind zwischen 15 und 19 Jahre alt, 452 über 50 Jahre alt. Von der Qualiikation her beinden sich insbesondere Fach- und Hilfskräfte auf Stellensuche. Lehrlinge, Selbstständige, Heimarbeiter, Studenten und Personen mit einer Kaderfunktion sind eher untervertreten. (msc)

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