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GIBT ES NOCH MANIEREN IN DER WIRTSCHAFT ?


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2 EDITORIAL

WE

4 MONATE VORHER

VOLUME ONE, NUMBER 1, FEBRUAR 2013

Editor: Sandra Kleinwechter Art Director: Sandra Kleinwechter Editorial Director: Prof. Judith M. Grieshaber Associate Editors: Wilfried Schmickler, Louis C.K., Regula Fuchs, Urs Schnell, Andreas Molitor, Wolf SüdbeckBaur, Shinji Hashimoto, Nadine Himmelsbach, Tillmann Prüfer, Nadja Leoni Nolting, Stephan A. Jansen, Jérome Fritel & Marc Roche, Matthew Sparkes, Andreas Busche, Alan Watts, Lars Reichardt, Johanna Björk, Daniel C. Schmidt, Corinna Berghahn, Theresa Fries, Elan Head, Tyler Hill, Sandra Kleinwechter; Research Director: Sandra Kleinwechter Advertising Director: Sandra Kleinwechter Illustration: Sandra Kleinwechter

4 MONATE AB JETZT

© Protest corporation 2013, www.WEANDTHESOCIETY.com WE wird vierteljährlich von der wirtschaftskritischen Protestgruppe »Wir & die Gesellschaft« an ausgewählten Stellen veröffentlicht, z.B. Haus der kleinen Künste e.V., Buttermelcher Str. 13, 80333 München.

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WE is published quarterly by the capitalism-critical protest group »Wir & die Gesellschaft« and available at selected places, e.g. Haus der kleinen Künste e.V., Buttermelcher Str. 13, 80333 Munich, GERMANY. Diese erste Ausgabe wurde als Semesterprojekt im Fach Kommunikationsprogramme im Studiengang Kommunikationsdesign an der HTWG Konstanz unter der Betreuung von Prof. Judith M. Grieshaber verwirklicht. Die Basisaufgabe umfasst die Erstellung einer monothematischen Zeitschrift zum Thema »Manieren«. Hier wird das Thema auf den Bereich der Wirtschaft (national und international) ausgerichtet. Die Frage mit der sich diese Ausgabe somit beschäftigt, heißt also »Gibt es noch Manieren in der Wirtschaft?« This first issue has been realised as a semester project at the major `communication programmes`at the studies for visual design at the HTWG Constance with the guidance of Prof. Judith M. Grieshaber. The basic task was to create a monothematic magazine with the Major theme `behaviour`. Here the theme is focused on the sector of ecomics (national and international). The question this issue is asking is `Is there still any behaviour in economy?` Druck/Print production: BW Fotosatz Gmbh, Gutenbergstr. 39, 72555 Metzingen.

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Editorial

Wie geht ein Großkonzern mit der Gesellschaft um? Wie der Kunde mit dem Service? Wie die Wirtschaft mit der Erde? Ein Vorwort. 3 Gedanken Die Untrennbarkeit von Leidenschaft und Grund. Seite 3 4 DIE GIER Ein Gedicht von Wilfried Schmickler. Zur Einstimmung. 5

MANIFEST

Warum dieses Magazin. 9 Wasser, das Wellen wirft Wie geht ein Großkonzern wie Nestlé mit der Gesellschaft um? Nestlé´s Geschäft mit dem Flaschenwasser und wie sich mehr und mehr Widerstand regt. Der Film »Bottled life« zeigt hier beide Seiten auf und regt zum Nachdenken an. 18 Wassermythen Wasser ist eine knappe Ressource, die wir sparen müssen - das ist für viele eine Pflicht. Aber sie machen es sich zu einfach. 26 Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet! Jean Ziegler warnt vor einer weiteren Ausbreitung des Welthungers. Agrardumping und Spekulation würden Millionen Hungernde in den Tod treiben... 32 Prinzip TEIKEI Oder wo sich die Wirtschaft noch eine Scheibe abschneiden kann. Ist die solidarische Landwirtschaft die Lösung für den Welthunger? 42 Spiel mit Geschlechtern Wie die Modewirtschaft mit androgynen Typen provoziert. 48 Hiermit bewerbe ich mich nicht Eine Nicht-Bewerbung als Protest gegen Ausbeutung. 50 Die Fähigkeit zum Widerstand Merkwürdigkeiten aus den Manegen des Managements. 56 Goldman Sachs – eine Bank lenkt die Welt Die mutige arte-Reportage über die Machenschaften der Superbank. Gibt es noch Moral im Finanzmarkt? 71 We are the Intruders Eine kleine Studentengruppe in England steht auf und macht auf ungerechte Steuererleichterungen für Großkonzerne aufmerksam. 72 THE CORPORATION Der Film, der einen Konzern mit einem Psychopathen vergleicht – und gar nicht so falsch liegt. 80 What if Money was not the object? Alan Watts über eine neue Ideologie des Antikapitalismus.

er schlimmste Analphabet ist der politische Analphabet. Er hört nicht, spricht nicht, und nimmt nicht an den politischen Ereignissen teil. Er weiß nicht, das die Kosten des Lebens, der Preis der Bohnen, des Fisches, des Mehls, der Miete, des Schuhes und des Medikamentes von politischen Entscheidungen abhängen. Der politische Analphabet ist so dumm, das er stolz ist und sich in die Brust wirft um zu sagen, das er Politik hasst. Der Schwachsinnige weiß es nicht, das aus seiner politischen Ignoranz die Prostitution, der verlassene Minderjährige, der Räuber und der schlimmste von allen Verbrechern – der politische Betrüger, korrupt, Lakai der nationalen und multinationalen Unternehmen resultieren.« (Bertolt Brecht, Der Politische Analphabet) Wird es uns in ein paar Jahren noch geben? Werden wir aus unseren Fehlern lernen? Wie viel Macht werden wir als Einzelne und als Gesellschaft noch haben? Was wird uns antreiben? Und wie wird es der Wirtschaft ergehen? Gibt es dort bereits heute keine Manieren mehr? Manieren gegenüber der Gesellschaft, Manieren untereinander, Manieren gegenüber der Umwelt? Was müssen wir heute wissen um das Morgen noch zu erleben? »WE « versucht in dieser Ausgabe ein wenig Kontext zu schaffen zu den heutigen Problemen. Speziell die Wirtschaft – Motor ganzer Nationen – hat heute mehr Einfluss auf unser tägliches Leben als uns lieb ist. Es gibt Banken, die ihre Vorstandsvorsitzenden in hohe öffentliche Ämter schleust, ein Lebensmittelkonzern, der uns das Menschenrecht auf Wasser nehmen will und eine Modebranche, die selbst unser Geschlecht in Frage stellt. Es gibt jedoch auch Hoffnungsschimmer. Ein Mann in Honduras baut seit 50 Jahren an einem Helikopter, weil er – trotz widrigster Umstände und größter Armut – einmal im Leben fliegen will. Unternehmen, die den großen Wirtschaftskonzernen trotzen – und es schaffen. Designer, die entgegen dem Klischee mit alter Kleidung gegen den ständigen Konsum ankämpft. Doch lesen Sie selbst und lassen Sie sich inspirieren. Denn niemand will nach Brecht ein unmündiger Lakai der Unternehmen werden. Seien Sie kein politischer Analphabet.

86 They send us trash, we send back music. In Cateura, einem Slum auf einer Müllanlage in Paraquay inspirierte die armen Bewohner aus Müll Musikinstrumente zu bauen.

Sandra Kleinwechter

94 Detroit – Now and then detroiturbex.com zeigt den Einfluss der Wirtschaft auf eine Stadt. 98 Der erfundene Ort Geht das eigentlich: irgendwo hinziehen und ein Dorf gründen? 108 Ist ja Müll was du da trägst. Beispiel Upcycling. Es muss nicht immer neu sein um teuer zu sein. 116 TAUSCH. Verkauf oder Tausch? Die Onlineplattform kleiderkreisel.de lässt die Wahl. 120 Löcher im Laden. Das Plugin aVoid blendet Werbung von Firmen ohne faire Löhne aus. Eine Lösung? 122 Everything is incredible Ein Lichtblick in Honduras. Wie ein poliokranker Mann seinen Traum vom Fliegen lebt.

INDEX DER MANIEREN NESTLÈ vs GESELLSCHAFT NESTLÈ vs UN MYTHOS vs ÖKOS ZIEGLER vs WIRTSCHAFT TEIKEI vs GENTECHNIK WIRTSCHAFT vs GESCHLECHTERROLLE GENERATION vs MINDESTLOHN MANAGER vs WIRTSCHAFT GESELLSCHAFT vs BANK BANK vs THE INTRUDERS

8 14 18 26 32 42 48 50 56 70

GESELLSCHAFT vs THE CORPORATION WATTS vs IDEAS GEDANKE vs LESER MUSIK vs MÜLL CITY vs WIRTSCHAFT DORF vs WIRTSCHAFT DESIGNER vs ALTKLEIDER TAUSCHEN vs KAUFEN EV vs WIRTSCHAFT IDEA vs SCHICKSAL

72 80 84 86 91 98 108 116 120 122

© PROTEST CORPORATION 2013 »WE« WIRD VIERTELJÄHRLICH VON DER WIRTSCHAFTSKRITISCHEN PROTESTGRUPPE »WE & THE SOCIETY«

RANDNOTIZ: HABEN SIE DIE ZEIT DIE WELT ZU RETTEN?

AN AUSGEWÄHLTEN STELLEN UND IN KOOPERATION MIT DEM HDKK VERÖFFENTLICHT.


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DE AD GEDANKEN

PASSION WITHOUT REASON IS BLIND. REASON WITHOUT PASSION IS

WILL DURANT, PARAPHRASING SPINOZA (ETHICS)

Original aus: u&lc magazine, Volume twelve, Number One, May 1985


4 GEDICHT

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Was ist das für ein Tier, die Gier? Es frisst an mir, Es frisst in dir, Will mehr und mehr Und frisst uns leer. Wo kommt das her, Das Tier, und wer Erschuf sie nur, Die Kreatur? Wo ist das finstre Höllenloch, Aus dem die Teufelsbestie kroch, Die sich allein dadurch vermehrt, In dem sie dich und mich verzehrt? Und wann fängt dieses Elend an, Dass man genug nicht kriegen kann Und plötzlich einfach so vergisst, Dass man doch längst gesättigt ist Und weiter frisst und frisst und frisst? Und trifft dann so ein Nimmersatt Auf jemanden, der etwas hat, Was er nicht hat und gar nicht braucht, Dann will er’s auch. Wie? Das soll’s schon gewesen sein? Nein, einer geht bestimmt noch rein! Und überhaupt - da ist doch wer, Der frisst tatsächlich noch viel mehr. Und plötzlich sind sie dann zu zweit: Die Gier und ihre Brut der Neid.

DIE GIER Das bringt mich noch einmal ins Grab, Dass der was hat, das ich nicht hab, Dass der wo ist, wo ich nicht bin, Das will ich auch, da muss ich hin!

Warum denn der? Warum nicht ich? Was der für sich, Will ich für mich!

Der lebt in Saus Und lebt in Braus Mit Frau und Hund und Geld und Haus Und hängt den coolen Großkotz raus. Wahrscheinlich alles auf Kredit, Und unsereiner kommt nicht mit. Der protzt und prahlt Und strotzt und strahlt. Wie der schon geht. Wie der schon steht. Wie der sich um sich selber dreht. Und wie der aus dem Auto steigt Und aller Welt den Hintern zeigt. Blasierte Sau! Und seine Frau Ist ganz genau So arrogant Und degoutant!

Und diese Blagen, Die es wagen Die Nasen so unendlich hoch zu tragen! Dann hört er aber auf, der Spaß! So kommt zu Neid und Gier der Hass. Und sind die erst einmal zu dritt, Fehlt nur noch ein ganz kleiner Schritt, Bis dass der Mensch komplett verroht Und schlägt den Anderen halbtot. Und wenn ihr fragt: Wer hat ihn bloß so weit gebracht? Das hat allein die GIER gemacht!

Ein Gedicht. Von Wilfried Schmickler.


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5 MANIFEST

I´M BORED IS A USELESS THING TO SAY.

YOU LIVE IN A GREAT, BIG, VAST WORLD THAT YOU´VE SEEN NONE PERCENT OF.

EVEN THE INSIDE OF YOUR OWN MIND IS

{ ENDLESS } IT GOES ON FOREVER, INWARDLY.

Do you understand? THE FACT THAT YOU´RE ALIVE IS AMAZING, SO YOU DON`T GET TO SAY:

I´M BORED Louis C. K.


WIE GEHT EIN GROSSKONZERN MIT DEM GRUNDRECHT AUF WASSER UM?


UND KÖNNEN WIR GEGEN WASSERMANGEL WIRKLICH ETWAS TUN?

Seite 8 23


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NESTLÉ

THE NEXT WAR WILL DETERMINE NOT WHAT IS RIGHT BUT WHAT IS LEFT. – HERB LUBALIN –

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GESELLSCHAFT Wie geht ein Großkonzern wie Nestlé eigentlich mit uns um? Ist Wasser ein Grundrecht oder eine Ressource mit der man handeln kann? Können wir damit leben? Und wenn ja, wie lange eigentlich noch? Ein Report über den Film »bottled life«, ein Überblick über Nestlés Machenschaften und eine Gegenstimme aus der »brand eins« im Anschluss.

EINE KLEINE BERNER FILMPRODUKTIONSFIRMA KRATZT AM IMAGE EINES GROSSKONZERNS, DER WASSER IN GELD VERWANDELT. DIE DOKUMENTATION »BOTTLED LIFE« FEIERT AN DEN SOLOTHURNER FILMTAGEN PREMIERE.

WASSER, DAS Text: Regula Fuchs Eine kleine Berner Filmproduktionsfirma kratzt am Image eines Großkonzerns, der Wasser in Geld verwandelt. Die Dokumentation »Bottled Life« feiert an den Solothurner Filmtagen Premiere. Zuerst kommt ein langer, dunkler Gang. Aber dann öffnet sich eine erstaunlich geräumige Hinterhoflandschaft, versteckt hinter einer Häuserzeile des Berner Matte-Quartiers. Hier ist das Domizil der Berner Filmproduktionsfirma DokLab. Und im Büroraum stehen sie schon, die Protagonisten des jüngsten DokLabFilms, schön aufgereiht auf einem Regal: Henniez, Perrier, San Pellegrino, Poland Spring, Vittel, Pure Life. Auf einer Flasche klebt noch ein Postit-Zettel: »Originalwasser Nigeria«. Auch wenn die Etikette »Pure Life« verspricht – genießbar sind die Wässerchen nicht mehr. »Die Flaschen sind zum Teil mehr als zwei Jahre alt«, meint Urs Schnell lachend. Der Filmemacher hat zusammen mit seinem Partner Dodo Hunziker Anfang 2007 DokLab gegründet. Hier werden nicht nur Dokumentar- und Kurzfilme

produziert, das »DokumentarfilmLabor« macht auch Informations- und Schulungsfilme, Grafik und Animation oder vermietet auch mal Material. Im Moment ist aber ein anderes Projekt in den Startlöchern. Der Dokfilm »Bottled Life«, der zeigt, wie Flaschenwasser die Umsätze sprudeln lässt, und der unangenehme Fragen aufwirft: Wem das Wasser gehört. Und ob Wasser ein Menschenrecht ist oder einfach eine Ware, die sich mit Profit vermarkten lässt. »Als wir DokLab gründeten, wollten wir mit einem großen Projekt einsteigen und mit einem aktuellen, international bedeutenden Thema. Dabei kamen wir re l a t i v ra s c h a u f d a s Wa s s e r « , sagt Urs Schnell. EIN AUSUFERNDES THEMA Dass man für den Dokumentarfilm eine journalistische Herangehensweise wählte, war für den Filmemacher selbstverständlich, der in Bern einst Radio Förderband gegründet und lange fürs Schweizer Fernsehen gearbeitet hatte. Gemeinsam mit dem Zür-

cher Journalisten Res Gehriger machte sich Schnell an die Recherche. Allerdings merkten die beiden bald, welch gigantisches, ja wahrlich ausuferndes Thema sie da gewählt hatten. »Es ist schon unheimlich viel über Wasser publiziert worden. Aber da stießen wir auf Bürgerbewegungen in den USA, die sich dagegen wehrten, dass jemand aus ihrem Quellwasser Profit schlägt – und dieser Jemand ist eine Firma, die wir hier in der Schweiz sehr gut kennen: Nestlé«, so Schnell. Das Filmprojekt nahm Form an. DER »FALSCHE FILM« Nestlé ist nicht nur der mächtigste Lebensmittelkonzern der Welt, die Firma ist auch Weltmarktführerin in Sachen Wasser. Der Film zeigt, wie Konzernchef Peter Brabeck an einer Bilanz-Pressekonferenz Zahlenberge stapelt und von fetten Umsätzen schwärmt. Er betont aber auch die soziale Verantwortung, die eine Firma wie Nestlé habe, und stellt ein Wasserprojekt in einem äthiopischen Flüchtlingslager vor. Schön und gut. Aber DokLab schaut in »Bottled Life«

genauer hin. Res Gehriger reist nach Äthiopien, wir folgen ihm zu der dünnen Wasserleitung, die zehntausende Flüchtlinge versorgt, erfahren, dass Nestlé schon seit Jahren keine Unterstützung mehr gewährt. Damit konfrontieren können die Filmemacher die Verantwortlichen aber nicht – Nestlé verweigert den Dialog. Es sei »der falsche Film zur falschen Zeit«. Mehr Energie als in soziale Projekte scheint Nestlé in die Suche nach neuen Quellen zu stecken – so jedenfalls suggeriert es »Bottled Life«: etwa in den USA, wo man für ein Butterbrot Wasser pumpt, es in Flaschen füllt und mit einer riesigen Gewinnmarge verkauft. Oder in Pakistan, wo Nestlé sein »Pure Life« derart erfolgreich vermarktete, dass es zum LifestyleObjekt für die Mittelklasse geworden ist, während die Infrastruktur, die für sauberes Wasser für alle sorgen sollte, verlottert.Klar, dass solche Missstände auch mit Korruption zu tun haben. Aber dass die Welt ungerecht ist, dazu trägt auch Nestlé bei, wie der Film zeigt. Während der Konzern in den amerikanischen Gemeinden, in denen


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NESTLÉ

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WELLEN WIRFT er Wasser abzapft, Spielplätze baut und Ortsvereine sponsert, darben in Pakistan jene Dorfbewohner, die gleich neben der Abfüllfabrik wohnen und deren Grundwasserspiegel deshalb sinkt: Ihnen verweigerte Nestlé eine Leitung mit sauberem Wasser. NICHT OHNE SICHERHEITSLEUTE Urs Schnell und Dodo Hunziker, der für Gestaltung und Technik zuständig ist, sitzen am Schnittplatz. Szenen des Films flimmern über die Monitore. Die beiden erzählen von der vielen Reiserei, die der Film mit sich brachte, von bürokratischen Kämpfen in Pakistan und von den Sicherheitsleuten, die nötig waren, um das Team in einen Slum Nigerias zu begleiten. »Das ist das schönste Bild des Films«, ruft Schnell aufs Mal. Ein Wasserfall in den Alpen, majestätisch, imposant, gefilmt aus einem Helikopter heraus. Tausende Franken habe das gekostet, wegen der Technik, die nötig sei, damit das Bild aus dem Helikopter nicht verwackelt – ein enormer Aufwand für ein paar wenige Filmsekunden. Doch gerade auf solche sorgfältig gestalteten, sprechenden Bilder legen die beiden Filmemacher großen Wert. Die Kontrolle über die Produktionsmittel und das Endprodukt zu haben: Genau das ist es, was Schnell und Hunziker dazu bewog, sich selbstständig zu machen.

Auch wenn das neben der eigentlichen Filmproduktion allerlei Multitasking bedeutet: Management, Finanzen, Marketing und jede Menge Bürokram. Und es braucht viel Ausdauer: »Als Filmemacher ist man Langstreckenläufer, nicht Sprinter«, so Hunziker. »Entscheidet man sich für ein Thema, will das gut überlegt sein. Schließlich verbringt man die nächsten Jahre seines Lebens damit.« Schon jetzt hat DokLab ein weiteres großes Projekt im Köcher. WAS LEIDENSCHAFT BEWIRKT Zunächst aber sind Schnell und Hunziker gespannt, was ihr aktueller Film auslösen wird. Wie wird Nestlé wohl reagieren? Wird der Goliath dem David Steine in den Weg legen? »Wir begegnen Nestlé auf Augenhöhe. Man muss die Angst verlieren, dass man klein ist. So wie jene Nestlé-Gegner in den USA, die damit ans Ziel kamen«, sagt Schnell. Und Hunziker fügt an: »Man kann etwas bewirken, wenn man es leidenschaftlich tut. Das ist das eigentliche Signal unseres Films.« Leidenschaft: Das haben auch die zwei Film-Enthusiasten, die von einem bescheidenen Berner Hinterhof aus arbeiten. Und nicht nur die Schweiz, sondern auch die Welt im Auge haben.


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GESELLSCHAFT

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12 NESTLÉ

10 DINGE, DIE MAN ÜBER NESTLÉS GESCHÄFTE MIT DEM WASSER WISSEN MUSS 1

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Flaschenwasser gehört zu Nestlés strategisch wichtigen Geschäftsbereichen. Nestlé macht heute schon einen Zehntel seines Gesamtumsatzes von 110 Millarden Schweizer Franken mit Flaschenwasser.

Nestlé erreichte die führende Marktstellung beim Flaschenwasser durch eine gezielte Übernahmepolitik und kaufte dabei Marken wie Vittel und Perrier auf.

Nestlé erwirbt laufend Quellenund Grundwasserrechte, um die selbst geschaffene Nachfrage nach Flaschenwasser zu befriedigen.

In zahlreichen Staaten sind die gesetzlichen Bestimmungen zu den Wasserrechten veraltet. Davon profitiert Nestlé, nicht nur in der Dritten Welt, sondern auch in den USA und in anderen westlichen Ländern.

Nestlé benutzt seine finanziellen und politischen Mittel, um gegen lokale Gemeinschaften vorzugehen, die Quellen und Grundwasservorkommen in öffentlichem Besitz halten wollen.

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Nestlé verbraucht Wasser, um damit Wasser herzustellen.

Nestlé propagiert Flaschenwasser mit großem Marketing- und Werbeaufwand. Nestlé schwächt damit das Bewusstsein für die Notwendigkeit einer funktionierenden öffentlichen Trinkwasserversorgung.

Nestlé stellt sich als Wohltäter dar durch allerlei Spenden und Aktionen auf lokaler Ebene, aber auch, indem der Konzern Rationalisierungsmassnahmen in der Produktion und im Vertrieb des Flaschenwassers als nachhaltig bewirbt.

Nestlé schafft mit Flaschenwasser Abhängigkeiten - gerade dort, wo die Trinkwasserversorgungen am Kollabieren sind, vornehmlich in der Dritten Welt.

Nestlés Geschäft mit dem Wasser ist nicht einfach ein Geschäft wie andere auch, es ist ein Geschäft mit jenem Rohstoff, der absolut überlebensnotwendig ist.

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13 GESELLSCHAFT

UND

WAS IST FLASCHEN

WASSER?

DIE DREI ARTEN VON FLASCHENWASSER:

Quellwasser / spring water

Natürliches Mineralwasser Das ist ein Wasser aus einer geographisch klar eingegrenzten Quelle, das bestimmte gesetzliche Auflagen im Bereich der Mineralienzusammensetzung erfüllt, z.B. Perrier oder Vittel.

Anderes Wasser

In den USA Flaschenwasser, das aus verschiedenen Quellen zusammengemischt werden darf. Es gilt aber nicht als natürliches oder klassisches Mineralwasser. Im Film ist das z.B. Poland Spring. In der EU muss als Quellwasser benanntes Flaschenwasser direkt an der Quelle abgefüllt werden, hat aber weniger starke Auflagen in der natürlichen Mineralienzusammensetzung als natürliches Mineralwasser.

Das meist verkaufte Flaschenwasser der Welt, Nestlé Pure Life, stammt in den meisten Herstellungsländern aus Grundwasser oder wird direkt aus Trinkwasserversorgungen entnommen. Dieses Wasser wird vor dem Abfüllen mit einem künstlichen Mix von Mineralien versetzt. In der Schweiz könnte solches Wasser nur als klar deklariertes »künstliches« Mineralwasser verkauft werden.

VEREINFACHT GESAGT GIBT ES DREI ARTEN VON FLASCHENWASSER. Alle hier dargestellten Inhalte: Copyright © 2012 DokLab GmbH


14 NESTLÉ

1843 Firmengründer geschäftet schon 1843 mit Wasser.

NESTLÉ UND DAS WASSER

Henri Nestlé, Erfinder des Nestlé-Milchpulvers für Babys, gründet 1843 in Vevey eine Fabrik für Wasser. Dort stellt er aus Leitungswasser »Mineralwasser« her. Die Produkte vertreibt er in den Gaststätten der Region. In seinen späten Jahren kauft er unweit von Vevey an seinem Altersitz Glion Quellenrechte auf. Das Wasser benutzt er für seinen Haushalt und die Bewässerung seines weitläufigen Gartens. Das überschüssige Wasser lässt er der Bevölkerung zukommen.

NESTLÉ SHOPPING TOUR: VON VITTEL ZU PERRIER UND SAN PELLEGRINO

1969 1976 1989 1992 1997

1969 beteiligt sich Nestlé an der Société Générale des Eaux Minérales de Vittel. Das ist Nestlés Einstieg in die Flaschenwasserindustrie.

1976 steigt der weltweite Marktführer Perrier in den USA ein. Nestlé kann den Vertrieb der bauchigen Glasflasche übernehmen und sieht, wie die französische Marke beim jungen urbanen Publikum gut ankommt. Flaschenwasser beginnt sich als Alternative zu Süssgetränken wie Coca Cola und Pepsi zu etablieren - als kalorienfreier Durstlöscher, voll im Trend der aufkommenden gesundheitsbewussten Ernährung. Die Industrie wächst rasant, die Verkaufszahlen steigen. 1989 beschließen der Nestlé-Vorstandsvorsitzende Helmut Maucher und Marketingchef Peter Brabeck, voll auf Wasser zu setzen. Nestlé will jetzt die Nummer 1 werden und macht sich an Perrier heran.

Nach einem unerbittlichen Uebernahmekampf streichen die Franzosen 1992 die Segel. Mit dem Kauf von Perrier gehen in den USA zahlreiche regionale Brands automatisch an Nestlé über, darunter Poland Spring.

EIN WASSER FÜR DIE GANZE WELT - PURE LIFE

Aehnlich wie Perrier geht es San Pellegrino. Nestlé schluckt die italienische Nobelmarkte 1997. 1997 pröbelt Nestlé an einem neuen Produkt, das aus gereinigtem Grundwasser hergestellt und mit einem neuen speziellen Mineraliensatz angereichert wird. Der Vorteil: das Wasser kann auf der ganzen Welt hergestellt werden und schmeckt erst noch überall gleich. Das Wasser erhält den Namen Nestlé Pure Life. Im Visier hat Nestlé einen neuen großen Markt, Konsumenten in den Schwellen- und Entwicklungsländern. Gut zehn Jahre später ist Pure Life das meistverkaufte Flaschenwasser der Welt.

Vittel, Perrier und San Pellegrino sind Mineralwasser aus einer einzigen, örtlich genau definierten Quelle. Poland Spring und andere regionale US-Marken bezeichnet Nestlé als natürliche Quellwasser (natural spring water). Das Wasser kommt aber aus verschiedenen »Quellen«, die oft weit auseinander liegen. Sowohl die Mineralwasser- wie Quellwassermarken zielen primär auf obere Kaufkraftklassen oder den breiten Mittelstand in den westlichen Ländern.

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15 UN

IM FILM »WE FEED THE WORLD« VON ERWIN WAGENHOFER AUS DEM JAHR 2005 WIRD AUCH NESTLÉ ALS WELTGRÖSSTER LEBENSMITTELKONZERN BELEUCHTET. JEAN ZIEGLER, DER DAMALIGE UNSONDERBERICHTERSTATTER FÜR DAS MENSCHENRECHT AUF NAHRUNG GIBT HIERZU DIE EINFÜHRUNG: »Freihandel hat mit Freiheit überhaupt nichts zu tun. Das ist eine riesige Lüge, das ist die Freiheit des Raubtiers im Dschungel. Wenn Nestlé zum Beispiel, gegen ein afrikanisches Bauernsyndikat antritt, ist das wie wenn der Box-Welt-Schwergewichtsmeister Mike Tyson in den Ring geschickt wird gegen einen arbeitslosen Bengalen, ausgehungerten Bengalen. Und die Konzerne, die Macht der Konzerne heute auf dieser Welt, drückt sich aus in einer Zahl, die die Weltbank letztes Jahr publiziert hat: Im letzten Jahr sind 52% des Welt-Brutto-Sozialproduktes, das heißt alle auf der Welt produzierten Reichtümer in einem Jahr, kontrolliert worden von 500 Weltkonzernen. Und diese Weltkonzerne, die funktionieren nur nach Profitmaximalisierung. Der weltgrößte Nahrungsmittelkonzern, der fast 300.000 Angestellte hat, auf den 5 Kontinenten tätig ist, über 8000 Marken kontrolliert, ist Nestlé. Nestlé wird geführt, gegenwärtig (2005, Anm. d. Red.) von einem sympathischen, braungebrannten, Österreicher, der aber wiederum gehorcht der internen Logik des Konzerns, nämlich der wertneutralen Profitmaximalisierung. Und wenn er nicht jedes Jahr neue astronomische Werte für die Profite, für die Aktionäre schafft, dann ist er weg vom Fenster. Dann hilft ihm seine riesige Macht , die er heute hat, über hunderte von Millionen von Menschen auf dieser Welt, überhaupt gar nichts. Profitmaximalisierung ist die mörderische Strategie der Konzern-Tyrannie auf dieser Welt.«

ANDERE MEINUNGEN PETER BRABECK IN »WE FEED THE WORLD«: »Mein Name ist Peter Brabeck. Ich komme aus Villach in Kärnten und bin jetzt seit 7 Jahren verantwortlicher der Nestlé-Gruppe, des größten Lebensmittelkonzerns der Welt mit einem Umsatz von ungefähr 90 Milliarden Schweizer Franken, oder ungefähr 65 Milliarden Dollar. Und mit ungefähr 275.000 Mitarbeitern, die bei uns direkt arbeiten. Also insgesamt ein relativ großes Schiff. Wir sind die 27-größte Firma der Welt. Wir glauben heute zum Beispiel, dass alles was Natur ist, ist gut. Es ist ein riesiger Wandel, weil eigentlich bis vor kurzem haben wir immer gelernt, dass die Natur sehr unerbittlich ist. Der Mensch ist jetzt in der Lage der Natur etwas an Gleichgewicht zu geben. Und trotzdem kommen wir jetzt in so eine fast Versinnbildlichung, dass alles was von der Natur kommt, ist gut. Gutes Beispiel ist Bio. Bio ist jetzt das Beste. Bio ist nicht das Beste. Nach 15 Jahren Verzehr von gentechnologischen Lebensmitteln ist in den USA bis jetzt noch kein Einziger, nicht einmal einmal ein Krankheitsfall aufgetreten. Und trotzdem sind wir in Europa so beunruhigt, dass uns irgendwas passieren kann. Also auch dort ist mehr Heuchelei als sonst irgendwas.«

Der Nestlé Konzern ist weltgrößter Abfüller von Trinkwasser. Dazu Brabeck: »Ja es gibt bei uns ein schönes Lied `Wasser braucht das liebe Vieh, Hollera und Holleri` , wenn Sie sich erinnern können. Also Wasser ist natürlich das wichtigste Rohmaterial, das wir heute noch auf der Welt haben. Es geht darum ob wir das normale Wasserversorgung der Bevölkerung priva tisieren oder nicht. Und da gibt es zwei verschiedene Anschauungen. Die eine Anschauung, extrem würde ich sagen, wird von einigen, von den NGOs vertreten, die darauf pochen, dass Wasser zu einem öffentlichen Recht erklärt wird. Das heißt als Mensch sollten Sie einfach das Recht haben um Wasser zu haben. Das ist die eine Extremlösung. Und die andere sagt, Wasser ist ein Lebensmittel, so wie jedes andere Lebensmittel und sollte das einen Marktwert haben. Ich persönlich glaube, es ist besser man gibt jedem Lebensmittel einen Wert, sodass wir uns alle bewusst sind, dass es etwas kostet und danach versucht, dass man mehr spezifisch für diesen Teil der Bevölkerung der keinen Zugang zu diesem Wasser hat, dass man da etwas spezifischer eingreift. Und da gibt es ja verschiedenste Möglichkeiten. Ich bin immer noch der Meinung, dass die größte soziale Verantwortung eines jeglichen, jeden Geschäftsführers ist, dass er die Zukunft, die erfolgreiche profitable Zukunft eines Unternehmens festhält und dass er die sicherstellt. Denn nur wenn wir langfristig weiterbestehen können, sind wir auch in der Lage in der Lösung von Problemen die es ja in der Welt gibt, aktiv teilzunehmen. Wir sind in der Lage, erst einmal selbst Arbeit zu schaffen. 275.000 hier, 1,2 Millionen im Prinzip direkt von uns abhängig. Das macht zusammen viereinhalb Millionen Personen, denn hinter jedem Angestellten nehmen wir mal an stehen 3 Leute dahinter, also sind es 4,5 Millionen Personen, die direkt von uns abhängig sind. Wenn Sie Arbeit schaffen wollen, müssen Sie arbeiten. Und nicht so wie es in der Vergangenheit gewesen ist, dass man die bestehende Arbeit verteilt. Wenn Sie sich erinnern, der Hauptargument der 35-Stunden-Woche war, dass es nur eine gewisse Arbeit gibt, und es ist besser wir arbeiten weniger und verteilen die Arbeit dann an mehr. Das hat sich ganz klar heraus gezeigt, dass das absolut falsch ist. Wenn Sie mehr Arbeit schaffen wollen, müssen Sie mehr arbeiten. Dazu müssen wir ein positiveres Weltbild schaffen für den Menschen. Und ich seh absolut keinen Grund, warum wir nicht positiv über die Zukunft sein können. Wir haben noch nie so gut gelebt, wir hatten noch nie soviel Geld, Wir waren noch nie so gesund, wir haben noch nie so lange gelebt wie heute. Wir haben alles was wir wollen. Und trotzdem psychologisch in einer Trauerstimmung.« Im Hintergrund sieht man einen Nescafe-Imagefilm laufen, Herr Brabeck zeigt darauf und sagt: »Hier sehen Sie wie modern diese Fabriken sind, hochrobotisiert, fast keine Leute...«


16 NESTLÉ

KONKRETE FRAGEN AN NESTLÉ Die Thematik in »Bottled Life« führt zu grundsätzlichen Fragen im Zusammenhang mit Wasser. Wem gehören die Quellen und Grundwasserströme? Wer darf sie nutzen? Zu welchem Preis? Die Thematik im Film führt aber auch zu ganz konkreten Fragen. Hier der Fragenkatalog, den wir Nestlé unterbreiteten:

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Nestlés Engagement in Äthiopien

Nestlé hat am 11. Oktober 2007 das Video »Saving Lives Through Clean Water« auf die Website der Firma gestellt. In diesem Video thematisiert Nestlé das firmeneigene Engagement für die Wasserversorgung eines Flüchtlingslagers im östlichen Äthiopien. Peter Brabeck sagt im Video: »Our aim is to make sure that the water system can keep functioning over the long term. So that the people of the region, and there children, will have access to clean water for many years in the future.« Gemäß den Informationen von DokLab hat sich Nestlé nach 2004 weder finanziell noch personell weiter für das Projekt in Äthiopien engagiert. In verschiedenen Publikationen der letzten Jahre hat das UNHCR darauf aufmerksam gemacht, dass die Flüchtlinge im Lager Kebribeyah zeitweise weniger als die Minimalmenge von 20 Litern Wasser pro Person und Tag erhalten.

Frage 1 Warum hat Nestlé noch im Jahr 2007 das oben genannte Video zur Hilfsaktion im Flüchtlingslager Kebribeyah ins Netz gestellt, zu einem Zeitpunkt, als das Nestlé-Engagement bereits beendet war?

Frage 2

Peter Brabeck sagt im Video, es sei Nestlés Ziel, dass das Wassersystem in Kebribeyah langfristig funktioniere. Was unternimmt Nestlé, um dieses Ziel zu erreichen? Wie ist diese Aussage des Nestlé-Präsidenten zu verstehen?

Pakistan und Nestlé Pure Life Im Rahmen der Filmarbeiten hat DokLab unweit der Millionenstadt Lahore die Region Sheikhupura und die Umgebung der dort ansässigen Nestlé-Produktionsanlagen besucht. In Sheikhupura stellt Nestlé u.a. das Flaschenwasser Nestlé Pure Life her.

Frage 3 Was sagt Nestlé zum Vorwurf, die Fabrik Sheikhupura sei verantwortlich für die Absenkung des Grundwasserspiegels rund um das Dorf Bhati Dilwan, die zum Austrocknen mehrerer Brunnen in der Umgebung des Firmengeländes geführt habe?

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GESELLSCHAFT

Nestlés Reaktion Zehn Tage später schrieb DOKLAB Nestlé in einem Mail:

»Wie bereits mitgeteilt, haben wir uns entschieden, nicht in Ihrem Filmprojekt mitzuwirken.« Das war eine Leistung. Nestlé-Verwaltungsratspräsident Peter Brabeck äußerte sich übers Wochenende vom 28./29.1. in Le Temps, Basler Zeitung und SonntagsBlick ausführlich zum Film »Bottled Life«, ohne ihn gesehen zu haben.

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Frage 4

Frage 5

Frage 6

Rund 200 Personen aus Bhati Dilwan haben sich mit einer Petition an Nestlé gewandt, in der sie um Zugang zum Wasser bitten, das Nestlé mit seinem Tiefbrunnen fördert. Nestlé ist offenbar nicht auf diese Bitte eingegangen. Warum nicht?

Nestlé hat im Zusammenhang mit der Erweiterung der Pure-LifeProduktion in Sheikhupura eine Umweltverträglichkeitsprüfung erstellt. Gemäß Fakhar Syed von Nestlé Pakistan behandelt dieser Bericht auch Fragen rund um die Auswirkungen der Wasserentnahme auf den Grundwasserspiegel. Weshalb hat Nestlé diese Studie nie publiziert? Weshalb hat Herr Syed von Nestlé auf die wiederholte telefonische und schriftliche Nachfrage von DokLab betreffend Umweltverträglichkeitsprüfung nicht reagiert?

Laut Aussagen von Peter Brabeck ist es Nestlés Geschäftspolitik, die Marke Pure Life nicht weiter als 200 Kilometer zu transportieren, um Transportkosten niedrig zu halten, und um den ökologischen Fußabdruck zu vermindern. Nestlé exportiert Pure Life aus Pakistan aber bis nach Afghanistan. Wie erklärt Nestlé diesen Widerspruch?

Peter Brabecks Antworten in den verschiedenen Medien sind stark verallgemeinernd und seit langem bekannt. Brabeck wiederholt Aussagen, die ihm bereits im Film zugestanden werden. Etwa, dass Nestlé Waters nur 0.0009% des gesamten Süßwasserverbrauchs der Erde nutze. Das mag sein. Heruntergebrochen auf einzelne Regionen sind das aber gigantische Mengen: allein fast 4 Milliarden Liter jährlich im US-Bundesstaat Maine oder etwa gleichviel im wasserarmen pakistanischen Teilstaat Punjab. Die Leute in diesen Gegenden interessiert die von Nestlé global gepumpte Wassermenge nicht. Zu den Fakten im Film sagt der Nestlé-Präsident gar nichts. Kein Wort zu Nestlés Kampf um die Quellen in den USA. Nestlé produziert Flaschenwasser in fünfzehn Bundesstaaten und dominiert den Markt. In zahlreichen dieser Bundesstaaten übt der Konzern seit Jahren Druck auf kleine Gemeinden und Bürgergruppen aus, von Kalifornien über Colorado bis Wisconsin, Michigan und Maine. Nestlé scheut sich nicht, für seine Wasserinteressen den Weg durch alle gerichtlichen Instanzen hindurch zu gehen. Gleichzeitig nimmt Nestlé für sich in Anspruch, ein guter lokaler Nachbar zu sein. Kein Wort zu irreführenden Aussagen, die Peter Brabeck über die Nestlé-Homepage verbreitet. Beispiel: Seit 2005 hat Nestlé sein humanitäres Engagement in einem Flüchtlingslager in Ost-Äthiopien beendet. Nach Nestlés Rückzug gab es Schwierigkeiten beim Unterhalt der Anlage und die Flüchtlinge litten zeitweise unter Wassernot. Nestlé stellte 2007 ein Werbevideo auf seine Homepage. Darin spricht Peter Brabeck von einem nachhaltigen Engagement in Äthiopien: »Damit die Menschen dieser Region Zugang zu sauberem Wasser haben noch für viele zukünftige Jahre.« Das ist eine Art von Nachhaltigkeit, die sich in der trockenen Gegend buchstäblich aufgelöst hat. Kein Wort zur Ignorierung einer Wasser-Petition, die Anwohner hinter der großen pakistanischen Sheikupura-Fabrik an Nestlé stellten. In der Petition wünschten die Dorfbewohner Zugang zu sauberem Wasser, das Nestlé in der Fabrik millionenliterweise aus Tiefbrunnen fördert. Das Wasser verkauft Nestlé in weiten Teilen Pakistans. Und liefert es sogar bis nach Afghanistan. Kein Wort zur Umweltverträglichkeitsprüfung, die Nestlé anlässlich der Erweiterung der Flaschenwasser-Produktion in der Sheikupura-Fabrik machen musste. Was steht in diesem Bericht? Zum vorläufigen Schluss noch dies. Peter Brabeck sagt im SonntagsBlick vom 29.1.: »Ich habe nie gesagt, Wasser brauche einen Preis.« In der NZZ vom 23.3.2008 hingegen sagt Brabeck das Gegenteil: »Wasser braucht einen Preis.« Was gilt denn jetzt? Wenn Wasser einen Preis hätte, würde mehr Wasser gespart. Das war früher die Brabeck-Message. Jetzt ist ihm diese Aussage offenbar unangenehm geworden. »Bottled Life« zeigt nämlich, wie Nestlé davon profitiert, dass Wasser keinen Preis hat. Etwa in Maine, wo Nestlé Waters gratis oder fast gratis Wasser pumpt, um es als Flaschenwasser an der ganzen USOstküste teuer zu verkaufen. Das Wasser einen Preis braucht, schreibt Peter Brabeck auch in seinem eigenen Beitrag für den Corporate Social Responsibility Report 2011, unter dem Titel »A New Role for the Private Sector«. Urs Schnell, Produzent und Regisseur

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WASSER

Text: Andreas Molitor

WASSER IST EINE KNAPPE RESSOURCE, DIE WIR SPAREN MÜSSEN – DAS IST FÜR VIELE EINE PFLICHT. ABER SIE MACHEN ES SICH ZU EINFACH. Dieser Artikel über die globale Wasserknappheit beginnt nicht mit alarmierenden Zahlen, nicht mit der Beschreibung skelettierter Kuhkadaver auf verdorrtem Land und nicht mit dem apokalyptischen Szenario drohender Kriege um die letzten Trinkwasserreserven. Auch die Meldung, dass der Schauspieler Leonardo DiCaprio sich aus Sorge um die weltweiten Wasserreserven nur noch sehr selten duscht, soll hier nicht näher erörtert werden. Stattdessen der profane Gedanke, mal wieder einen herzhaften Eintopf zuzubereiten. Weil der Körper jetzt im Herbst nach etwas verlangt, das von innen wärmt. Ein Stifado vielleicht, so wie es der moderne Grieche liebt, mit Fenchel und Aprikosen gemischt, mit Ouzo und Thymian abgeschmeckt und vielleicht einem Hauch Kreuzkümmel. Und natürlich mit Fleisch. Ein Stifado ohne Fleisch, das ist wie eine Bouillabaisse

ohne Fisch. Wir nehmen Rindfleisch aus der Keule, für vier Leute gut ein Kilo. Schon hat uns das Problem des globalen Wassermangels eingeholt. In jedem Kilo Rindfleisch, das irgendwo auf der Welt herangemästet wurde, stecken nämlich 15500 Liter »virtuelles Wasser«. Den Begriff hat der inzwischen emeritierte Londoner Geografieprofessor John Antony Allan Mitte der Neunzigerjahre geprägt. Die Menge entspricht etwa 80 Badewannen, gut gefüllt. Natürlich ist nur ein Bruchteil dieser Flüssigkeit, rund 700 Milliliter, in dem Kilo Gulasch real enthalten. Gerade einmal 100 bis 200 Liter, umgerechnet aufs Schlachtgewicht, hat das Rind während seines kurzen Lebens bis zum Tod im Schlachthaus getrunken. Den Löwenanteil von bis zu 79 Wannen benötigten das Gras und das Getreide, mit dem unser Stifado-Rind gefüttert wurde, für ihr Wachstum.

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MYTHEN SIND FLEISCHESSER SCHULD AN DÜRREN? Vielleicht werfen wir vor dem Gang zum Metzger oder zum Supermarkt noch einen Blick in die Zeitung oder in eines der Online-News-Portale. Oder geben »Trinkwasserknappheit« bei Google ein. Sofort stürzt ein Schlagzeilen-Stakkato auf uns ein: Dürre am Horn von Afrika! Dürre im Mittleren Westen der USA! Dürre in Indien! Eine Milliarde Menschen ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser! WWF fordert weltweiten Aktionsplan zur gerechteren Verteilung von Süßwasser! Und immer wieder die gleiche Frage: Droht ein Krieg ums Wasser? Und dann 15500 Liter für ein Kilo Rindfleisch. Rein rechnerisch reicht das aus, um mindestens zehn Menschen irgendwo auf der Welt ein Jahr lang mit Trinkwasser zu versorgen. Ist der Kauf von Fleisch also ein Frevel an den Dürstenden in Somalia? Sind Rindfleischesser, wie eine Schlagzeile suggeriert, »Wüstenmacher«? Sind sie schuld an trockenfallenden Flusstälern, verdurstenden Viehherden und der Kloake, die Menschen vielerorts trinken müssen, weil sie kein sauberes Trinkwasser haben? Eine ganze Armada von Wasseraktionisten, Lobbyisten, NGOs und Forschungsinstituten legt einen solchen Zusammenhang nahe. »Unser gigantischer Konsum von Reis, Kaffee, Soja, Rindfleisch, Orangen und die zahlreichen Textilien-Importe«, beschreibt etwa Felix Gnehm, Projektleiter Wasser bei der Schweizer Sektion des WWF, die Logik des vermeintlichen Wasserkolonialismus, »machen uns mitverantwortlich für Regionen mit Wasserknappheit.«

Am eindrucksvollsten illustriert der auf dem Konzept des virtuellen Wassers aufbauende »WasserFußabdruck« die behauptete Kausalität. Analog zum CO2-Fußabdruck, der die individuelle Umweltlast in Tonnen Kohlendioxid umrechnet, addiert der Water Footprint all das Wasser, das in anderen Teilen der Welt genutzt wurde, um die hier konsumierten Güter zu produzieren. Auf Waterfootprint. org kann sich jeder seinen virtuellen Wasserkonsum ausrechnen lassen, differenziert nach Ernährungsgewohnheiten (Fleischesser oder Vegetarier?), Körperpflegegewohnheiten (Wie oft duschen Sie pro Tag? Lassen Sie beim Zähneputzen und Rasieren das Wasser laufen?) und nach Einkommen. Arjen Y. Hoekstra, Professor für Multidisciplinary Water Management an der Universität Twente und Erfinder des Wasser-Fußabdrucks, plädiert für Verzicht. »Jeder von uns kann seinen WasserFußabdruck ganz einfach reduzieren, indem er weniger Fleisch, Zucker, Kaffee, Schokolade oder Baumwolle kauft.« Der WWF listet auf: In dem Buch »Harry Potter und der Halbblutprinz« etwa stecken 1650 Liter virtuelles Wasser, in einem Fast-Food-Menü mit Burger, Pommes und Softdrink 6000 Liter, in einem Paar Lederschuhe sogar 8000 Liter. Außerdem, mahnt die Naturschutzorganisation, fasse ein 50-Meter-Schwimmbecken 2100 Kubikmeter Wasser - mehr als das Doppelte dessen, was ein Mensch jährlich für seine Nahrungsmittelversorgung benötigt. Aber was folgt daraus? Sollen wir zukünftig alle in Plastiksandalen gehen? Unseren Kindern den Gang zu McDonald‘s verbieten? Schwimmbäder abreißen? Nur noch geliehene Bücher aus der Bibliothek lesen?

Beliebtestes Anschauungsobjekt der WassersparAktionsfront ist die Tasse Kaffee. Für Röstung, Verschiffung und Zubereitung, vor allem aber für den Anbau der Kaffeebohnen werden 140 Liter virtuelles Wasser benötigt. Muss der Kaffeetrinker ein schlechtes Gewissen haben, weil er mit jeder Tasse Kaffee 140 Liter Wasser verschwendet? Anders gefragt: Hilft Kaffeeverzicht gegen die Dürre? Sollte man über Handelsbeschränkungen nachdenken, vielleicht sogar über eine weltweite Steuer auf virtuelles Wasser, die Produkte wie Kaffee oder Fleisch drastisch verteuert und den Handel mit solchen Gütern abwürgt? Besser wäre es wohl, man ließe solche Gedankenspiele. Das Konzept des virtuellen Wassers ist griffig, einprägsam und anschaulich - aber als Entscheidungsgrundlage absolut ungeeignet. Es ist nämlich ökologisch blind. Der Gehalt an virtuellem Wasser beschreibt eine rein quantitative Relation, beispielsweise zwischen einer Kaffeepflanze und der Menge Wasser, die diese Pflanze zum Wachsen braucht. »Möglicherweise fehlt dieses Wasser bei der Trinkwasserversorgung der Bevölkerung vor Ort oder beim Anbau dringend benötigter Nahrungsmittel«, sagt Erik Gawel, Direktor des Instituts für Infrastruktur und Ressourcenmanagement an der Universität Leipzig. »Es kann aber auch sein, dass der Wassereinsatz für das Wachstum der Kaffeepflanze nachhaltig erfolgt ist. Dem virtuellen Wassergehalt kann man diese Information nicht entnehmen.«


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DIE KURZSICHTIGKEIT DER AKTIVISTEN Man müsste schon genauer hinschauen. Kaffee wird fast ausschließlich in Gegenden mit einer jährlichen Niederschlagsmenge von üppigen 1500 bis 2000 Millimeter angebaut. Nur neun Prozent der weltweiten Kaffeeanbaufläche, vor allem Monokulturen in Brasilien, Vietnam und Indien, werden künstlich bewässert. Mehr als 90 Prozent der Kaffeepflanzen wachsen also mit Wasser, das im Überfluss vorhanden ist. Niemand in Costa Rica muss Durst leiden, weil dort im Hochland Kaffee angebaut wird. Zurückhaltung beim Kaffeekonsum oder gar ein Boykott wäre ökologisch sinnlos, hätte allerdings desaströse wirtschaftliche Folgen für die Anbauregionen und damit für Millionen von Kaffeebauern. Der südostasiatische Inselstaat Osttimor beispielsweise, eines der ärmsten Länder der Erde, erwirtschaftet 98 Prozent seiner Außenhandelseinnahmen mit dem Export von Kaffee. »Angesichts der reichlichen tropischen Niederschläge wäre es interessant zu hören, wie der Wasseraktivist dem Tropenbauern erklärt, dass man ihm aus Sorge um das Wasser seinen Kaffee und Kakao nicht mehr abkaufen könne«, warnt der Basler Agraringenieur Christian Strunden vor falschen Schlussfolgerungen aus der Debatte um das virtuelle Wasser. Ohne einen genauen Blick auf die Produktionsbedingungen vor Ort erlaubt der virtuelle Wassergehalt keine Aussage über die ökologische Bedenklichkeit von Kaffee, Schokoriegeln oder Burgern. Entscheidend ist, ob die Landwirtschaft den Wasserhaushalt einer Region destabilisiert und das Nass an anderer Stelle fehlt, insbesondere bei der Trinkwasserversorgung. Natürlich gibt es solche Fälle üblen Frevels. Baumwolle aus Usbekistan ist eines der bekanntesten Beispiele. Nur weil den Zuflüssen des Aralsees seit Jahrzehnten riesige Mengen für die künstliche Bewässerung der Baumwollfelder entnommen werden, konnte das Land zu einem der größten Baumwollproduzenten der Welt aufsteigen. Die sozialen, ökonomischen und ökologischen Kosten dieser Raubbaustrategie, also der entgangene Nutzen, der durch eine andere Verwendung des Wassers erzielbar gewesen wäre, sind immens. Der einst viertgrößte Binnensee der Welt verschwindet allmählich. Das Trinkwasser ist durch Pestizide und Entlaubungsmittel verseucht, außerdem versalzt es zunehmend. Letztlich hinterlässt der Baumwollanbau eine fast unbewohnbare Region. Wie aber soll der Kunde all dies bei seiner Kaufentscheidung berücksichtigen? Dass die Produktion eines T-Shirts für 4,95 Euro nur durch die Ausbeutung der Fabrikarbeiter in den Herstellerländern möglich ist, hat sich mittlerweile herumgesprochen. Aber ob die Felder, auf denen die Baumwolle für das T-Shirt gewachsen ist, in einer wasserarmen Region liegen, ob sie künstlich befeuchtet werden mussten - mit Wasser, das als Lebensmittel oder zum Anbau von Mais oder Hirse für die eigene Bevölkerung nicht mehr zur Verfügung steht -, all das erfährt der Kunde in den meisten Fällen nicht. Das Kleidungsstück gibt lediglich preis, wo es zusammengenäht wurde. Nicht die Konsumenten, sondern die Hersteller sind hier gefordert. Kein Fabrikant ist gezwungen, Baumwolle aus Usbekistan oder anderen wasserarmen Regionen zu vernähen. Und wenn ein Produzent einem problematischen Lieferland partout treu bleiben will, könnte er - gemeinsam mit Wissenschaft, Weltbank, Hilfsorganisationen und den Behörden vor Ort - zumindest versuchen, die knappe Ressource effizienter zu nutzen.

SPAREN KANN SCHADEN Für diesen Weg hat sich Puma entschieden. Als weltweit erster Hersteller legte das Sport- und Lifestyle-Unternehmen 2011 eine umfassende ökologische Gewinn- und Verlustrechnung für CO2 und Wasser vor, die auch den Bezug von Baumwolle aus wasserarmen Regionen in ganz neuem Licht erscheinen lässt. Bislang zahlten viele Baumwollfarmer in Trockengebieten für die Bewässerung ihrer Felder kaum mehr als die Produzenten in wasserreichen Gebieten, manchmal auch gar nichts. Die Ermittlung der wahren Wasserkosten durch Pumas Öko-Bilanzierung zeigt die tatsächliche Knappheit des Wassers an. »Die Daten aus der ökologischen Gewinn- und Verlustrechnung liefern uns einen Anhaltspunkt, aus welchen Gebieten wir den Rohstoff beziehen sollten und aus welchen eher nicht«, sagt der Vorsitzende des Verwaltungsrats Jochen Zeitz. »Gebiete, in denen Wasser sehr knapp und der wahre, unter Einbeziehung ökologischer Folgen errechnete Wasserpreis entsprechend hoch ist, sind in dieser Hinsicht natürlich problematisch.« Der Hersteller trennt sich von solchen Baumwollproduzenten nicht; er berät sie, damit sie zukünftig effizientere Bewässerungsmethoden einsetzen oder auf eine weniger durstige Pflanzensorte umstellen. Den Menschen in diesen Regionen, die unter Trinkwassermangel leiden, mag das nützen, wenn auch auf lange Sicht. Was nicht hilft: die gut gemeinte Betätigung von Millionen WassersparKlospültasten zwischen Flensburg und Oberstdorf. Egal wie viel Wasser wir sparen - durch selteneres Duschen und noch selteneres Baden, sofortige Reparaturen tropfender Wasserhähne, Abdrehen des Wasserhahns beim Zähneputzen und Nassrasur oder eine Regenwasser-Zisterne auf dem Dach für die Bewässerung des Gartens im Sommer, die Menschen in den wasserarmen Gebieten der Welt haben nichts, aber auch gar nichts davon. Das beim Hinabspülen der Notdurft gesparte Wasser lässt sich nicht in die Notstandsgebiete beamen. Im regenreichen Deutschland ist Wassersparen - abgesehen von Ausnahmesituationen wie der »großen Dürre« im Sommer 1976 - nicht nur überflüssig, es schadet sogar. Durch die immerwährenden Appelle ist der durchschnittliche tägliche Pro-Kopf-Wasserverbrauch der Deutschen von 147 Liter in den Neunzigerjahren auf mittlerweile 122 Liter zurückgegangen. Für die Spülung des Kanalsystems ist das nach Ansicht der Wasserwerke vielerorts eindeutig zu wenig. Werden die Rohre nicht ausreichend gespült, bleiben Fäkalien liegen; es bildet sich Schwefelsäure, die Löcher in die Leitungen frisst. In Berlin etwa rücken in trockenen Sommermonaten die Versorger aus, um aus den Hydranten bestes Trinkwasser direkt in die Kanalisation zu pumpen. Die Kosten trägt der Bürger - der zuvor einiges darangesetzt hat, seine Wasserrechnung niedrig zu halten.

Wer solcherlei klar und deutlich sagt, macht sich unbeliebt. Nachdem der Agraringenieur Christian Strunden im August in der »Neuen Zürcher Zeitung« unter der Schlagzeile »Wasser wird nie knapp« die »abstrusen Konstruktionen« der Erfinder des Wasser-Fußabdrucks gegeißelt hatte, musste der zuständige Redakteur wochenlang wütende Anrufe und Leserbriefe über sich ergehen lassen. Strundens mit detailliertem Zahlenwerk untermauerte Kritik an der »zunehmenden Hysterie wegen der angeblich knapp werdenden Ressource Wasser« ist eine Provokation und eine Kampfansage an die Apokalyptiker. In der Tat ist Wasser, anders als beispielsweise Erdöl, eine unerschöpfliche Ressource. Es wird genutzt, aber nicht verbraucht. Der ewige Kreislauf sorgt dafür, dass kein Liter verloren geht: Die Sonne lässt das Wasser aus den Meeren verdunsten, es kondensiert zu Wolken, wird vom Wind manchmal über Tausende von Kilometern weggetragen, geht als Regen nieder, der im Boden versickert, in ein Gewässer oder in die Kanalisation fließt oder verdunstet - und am Ende wieder im Meer landet. Sämtliches Wasser, das wir nutzen - zum Trinken, Kochen, Putzen, Spülen, Waschen oder als Kühlund Prozessmittel in der Industrie -, fließt früher oder später als Abwasser in die Kanalisation. Im Idealfall wird es in einer Kläranlage gereinigt, im ungünstigeren Fall fließt es verschmutzt und mit Schadstoffen belastet wieder in den natürlichen Kreislauf zurück. Die Qualität kann sich also ändern, die Menge nicht. Auch das Wasser, das die Pflanzen für ihr Wachstum benötigen, wird nahezu vollständig wieder abgegeben - per Evapotranspiration in die Luft und per Versickerung in den Boden. Rechnerisch gesehen ist genügend Wasser für alle da. Ein Mensch benötigt pro Tag rund 45 Liter Wasser - als Trinkwasser sowie für den Abtransport von Fäkalien und Abfällen durch die Kanalisation. Ein Tausendstel des weltweit fallenden Regens oder drei Promille des Wasservolumens der Flüsse würde demnach ausreichen, die gesamte Menschheit zu versorgen. »Die Basisversorgung von sieben Milliarden Menschen mit Trinkwasser und Wasser für die grundlegenden sanitären Einrichtungen hält die Erde für uns leicht bereit«, resümiert der Münchner Geografieprofessor Wolfram Mauser. Christian Strunden wiederum hat ausgerechnet, dass die 300 Milliarden Kubikmeter Regen, die Tag für Tag auf die Landmassen der Erde niedergehen, einer täglichen Wasserration von 43000 Litern für jeden Erdbewohner entsprächen - wenn man sie gleichmäßig über den Globus verteilen könnte.

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Kann man aber nicht. »Die Realität schert sich nicht um globale Betrachtungen«, sagt Wolfram Mauser, »sie kennt nur regional Betroffene.« Die Niederschläge fallen oft nicht dort, wo die Menschen wohnen. Rund eine Milliarde Menschen leben in Trockengebieten. Sie sind den Klimarisiken voll ausgesetzt; ihre Versorgung ist durch Dürren ständig gefährdet. Eine jahrelang anhal tende Trockenheit kann ihre Herden dezimieren, die mageren Ernten verdorren lassen und Hungersnöte auslösen. Selbst in regenreichen Gebieten gibt es nicht automatisch genug trinkbares Wasser. Auf Haiti beispielsweise, mit tropischem Klima und durchschnittlich 1300 Millimeter Regen pro Jahr gesegnet, hatten bereits vor dem verheerenden Erdbeben im Januar 2010 nur 19 Prozent der Bevölkerung Zugang zu sanitären Einrichtungen. Kaum irgendwo existiert eine funktionierende Kanalisation. Die Slumbewohner versorgen sich aus Dachrinnen, Abläufen und Pfützen mit einer trüben Brühe, die hochgradig mit Cholera- und Escherichia-coli-Bakterien verseucht ist. 90 Prozent des Abwassers in Entwicklungsländern fließt ungeklärt in die Wasserläufe zurück. Mit Knappheit hat dieses Problem nichts zu tun. »Die Diskussion um Wasserarmut beschränkt sich weitgehend auf die Abwesenheit von Wasser, anstatt die Nutzungsmöglichkeiten allen vorhandenen Wassers zu berücksichtigen«, kritisiert Johan Rockström, Direktor des Stockholm Resilience Centre. Seiner Ansicht nach gehen »enorme Reserven unproduktiv verloren«. In Kenia zum Beispiel. »Wenn dort die Nutzung gut geregelt wäre«, urteilt Holger Hoff vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, »könnte das Land bis zum Jahr 2050 und trotz Klimawandels Wasserknappheit vermeiden.«

WEIZENANBAU IN DER WÜSTE - WAHNSINN Vielerorts wird das vorhandene Nass schlichtweg für den falschen Zweck eingesetzt - und fehlt dann der Trinkwasserversorgung. So sind beispielsweise trockene Regionen mit dem Anbau »durstiger« Agrargüter wie Baumwolle oder Weizen schlecht beraten. Die Felder müssen bewässert werden - mit Grundwasser, Wasser aus Flüssen, aus Stauseen oder aus dem Meer. Dabei, so der Agraringenieur Strunden, »wird in vielen Trockengebieten zeitweise mehr aus dem Grundwasser entnommen, als via Regen nachgeliefert werden kann«. Irgendwann trocknen dann in den Dörfern die Brunnen aus. Strunden weiß, wovon er redet. Vor einigen Jahren leitete er den Aufbau der ersten Weizenfarm in den Vereinigten Arabischen Emiraten, wo jetzt auf 1600 Hektar Weizen und Futterpflanzen mit entsalztem Meerwasser versorgt werden. Ein Meisterstück der Agrartechnik - mit fraglicher Wirtschaftlichkeit: »Wenn die rund 7000 Kubikmeter Wasser, die ein Weizenfarmer im arabischen Raum zur Produktion von sechs Tonnen Getreide braucht, aus entsalztem Meerwasser stammen, kosten sie etwa 20000 Dollar; wenn sie aus 500 Meter Tiefe hochgepumpt werden, 3000 bis 4000 Dollar«, rechnet Strunden vor. »Die sechs Tonnen Weizen, die er erntet, bringen ihm derzeit einen Erlös von gerade einmal 2350 Dollar.« Macht durchschnittlich einen Verlust zwischen 100 und 3000 Dollar pro Tonne.

REGENARME LÄNDER SOLLTEN NAHRUNG IMPORTIEREN Solche Investitionen werden meist unter dem Banner der Selbstversorgung mit Grundnahrungsmitteln betrieben. Allerdings sind nicht nur die Kosten für die Entsalzung des Meerwassers oder das Hochpumpen aus großen Tiefen immens. Die von Strunden für den Weizenanbau zugrunde gelegten 7000 Kubikmeter Wasser fehlen nämlich bei der Versorgung der Bevölkerung mit Trinkwasser. »Bei solchen Investments kommt man schnell in den Bereich, wo Wohlstand und Ressourcen, beispielsweise Einnahmen aus dem Verkauf von Erdöl, einer fragwürdigen Selbstversorgungsdoktrin geopfert werden müssen«, sagt der Fachmann und zeigt die Alternativen an einem Beispiel auf: »Der Verzicht auf die Bewässerung von 6500 Hektar Weizenfeldern erlaubt die Versorgung einer Millionenstadt mit Trinkwasser nach europäischem Standard.«


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Altough over 70% of the earth´s surface is water, 97% of that water is saline (salt water), leaving a mere 3% for fresh water. Of that 3%, over 2/3 is frozen in glaciers and polar ice caps, leaving less than 1% readily available for human consumption.

2% glaciers 1% fit for human consumption

Ein weitgehender Verzicht auf Landwirtschaft in trockenen Regionen wird aber kontrovers diskutiert. Die Kritiker wenden ein, dass die meisten wasserarmen Entwicklungsländer nicht in der Lage seien, das Geld für die Nahrungsmittelimporte zu erwirtschaften. Logistik und Infrastruktur für die Verteilung der Nahrungsgüter seien nicht vorhanden. Außerdem drohe bei einer Abkehr von der Landwirtschaft die Verödung ganzer Regionen, Landflucht und Arbeitslosigkeit. Die ökonomische Theorie hilft in diesem Fall nicht recht weiter. Zwar dekretierte der englische Ökonom David Ricardo schon vor fast 200 Jahren, die Arbeit so zu verteilen, »indem jedes Land jene Waren produziert, für die es durch seine Lage, sein Klima sowie seine natürlichen oder künstlichen Vorteile geeignet ist«. Allerdings setzt dies Preise voraus, die das tatsächliche Angebot und die entsprechende Nachfrage widerspiegeln. Das ist in vielen Ländern aber nicht der Fall. Selbst in extrem trockenen Regionen, wo Wasser eigentlich extrem teuer sein müsste, wird es gratis oder für einen symbolischen Preis an die Farmer abgegeben. Nur so ist etwa der Weizenanbau in der Golfregion bezahlbar.

»Trockenregionen wären besser beraten, ihren Bedarf an Grundnahrungsmitteln durch Importe aus den wasserreichen Gebieten der Erde zu decken«, so Strundens Fazit. Im Großen und Ganzen geschieht das auch schon. Nach UnescoBerechnungen werden weniger als ein Fünftel der weltweit genutzten Acker- und Plantagenflächen bewässert. Wenn man - wie Strunden - die Weideflächen hinzurechnet, sind es sogar nur fünf Prozent. Vor allem die weltweiten Agrar-Handelsströme zeugen von dieser Konzentration der Landwirtschaft auf regenreiche Gebiete. Forscher des Institute for Water Education der Unesco haben schon vor einigen Jahren errechnet, dass durch den Handel mit Agrarprodukten jährlich rund acht Prozent der gesamten Wassermenge eingespart wird, die für die weltweite Produktion von Nahrungsmitteln aufgewendet wird. Auch zwischen trockenen und regenreichen Regionen ein und desselben Landes ist ein solcher virtueller Wasserhandel möglich. Wenn etwa der wasserreiche Süden Chinas seine Agrarproduktion ausweitet, könnte der wasserarme Norden seine knappen Ressourcen schonen. Teure und ökologisch bedenkliche Investitionen zur Wassergewinnung und Bewässerung, beispielsweise gigantische Staudämme oder eigens angelegte Flussrouten, über die Wasser vom Süden in den Norden gelenkt werden soll, würden überflüssig.

Außerdem ist Wasser nicht der einzige Produktionsfaktor in der Landwirtschaft. Immer bedeutender wird unter den Vorzeichen des Klimawandels die Verfügbarkeit fruchtbarer Böden. Im Ackerland, so der Agrarwissenschaftler Wilfried Bommert, »liegt zu Beginn des 21. Jahrhunderts mehr Profit als auf den Goldfeldern«. Der Wert des Bodens wiederum bemisst sich vor allem am Wasser. Große Ländereien in niederschlagreichen Regionen wecken die größten Begehrlichkeiten. Allen voran betreiben die Chinesen und Inder sehr aktiv »Land Grabbing« in fruchtbaren Regionen Afrikas; sie wollen sich so von einer zunehmend unsicheren und mit Preisrisiken behafteten Lebensmittelversorgung abkoppeln (siehe brandeins 03/2007: »Die neuen Herren Afrikas«). Eine alternative Strategie des Zugangs zu wasserreichem Land verfolgt das Emirat Abu Dhabi. Seit dem vorigen Jahr sind die Scheichs des Wüstenstaats mit einer Milliarde Dollar am Rohstoffgiganten Glencore beteiligt - und haben so dauerhaft Zugriff auf die Erträge von weltweit 270000 Hektar Anbaufläche in der Ukraine, in Australien und in Paraguay. Für das gleiche Geld könnten sie auch selbst Weizen anbauen und - bei realistischen Wasserkosten von 5000 Dollar pro Tonne Weizen 200000 Tonnen Getreide ernten, allerdings nur ein einziges Mal. Dann wäre das Geld aufgebraucht. Der Weizen, dessen Bewässerung eine Milliarde Dollar gekostet hat, hätte auf dem Weltmarkt einen Wert von gerade mal aktuell 70 Millionen Dollar. Die Machthaber in Abu Dhabi haben sich gegen diese Methode der Geldvernichtung entschieden.


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UND KÖNNEN WIR UNSER ESSEN NOCH RETTEN?

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26 ZIEGLER

Ein Kind,

wird ermordet! das an Hunger stirbt,

JEAN ZIEGLER WARNT VOR EINER WEITEREN AUSBREITUNG DES WELTHUNGERS. AGRARDUMPING UND SPEKULATION WÜRDEN MILLIONEN HUNGERNDE IN DEN TOD TREIBEN, KRITISIERT DER VIZEPRÄSIDENT DES BERATENDEN AUSSCHUSSES DES UNO-MENSCHEN­R ECHTS­ RATS. VON WOLF SÜDBECKBAUR UND FRED MERZ/REZO

(Illustration: Sandra Kleinwechter)

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ÂŤNahrungsmittel zu verbrennen, um Millionen von Autos am Laufen zu halten, ist ein Verbrechen an der Menschheit.Âť Jean Ziegler


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Herr Ziegler, laut dem Uno-Welternährungsbericht 2011 sterben täglich 37 000 Menschen an den Folgen des Hungers, über eine Milliarde Menschen sind unterernährt. Gibt es zu wenig Nahrungsmittel für die wachsende Menschheit? Der objektive Mangel an Nahrungsmitteln ist seit Beginn dieses Jahrtausends überwunden. In den letzten 50 Jahren hat es unglaubliche industrielle, technologische und elektronische Revolutionen gegeben, die die Produktionskräfte der Menschheit potenzialisiert haben. Heute leben wir auf einem Planeten, der vor Reichtum überquillt. Zugleich bestreitet niemand die Zahlen des Welternährungsberichts. Er stellt fest, dass alle fünf Sekunden ein Kind unter zehn Jahren verhungert. Gleichzeitig besagt der Bericht, dass die Landwirtschaft heute problemlos 12 Milliarden Menschen ernähren könnte. Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet.

Das heißt, selbst konsequenter Fleischverzicht und Vegetarismus würden den Welthunger nicht beseitigen können?

Wie kommt es, dass Nahrungsmittel so ungerecht verteilt werden? Die Gründe sind vielfältig. An erster Stelle zu nennen ist das Agrardumping der OECD-Staaten. Sie haben 2008 ihre einheimischen Landwirtschaften mit insgesamt 349 Milliarden Dollar Produktions- und Exportsubventionen unterstützt. Die Folge: Auf jedem afrikanischen Markt kann man heute Früchte, Gemüse und Geflügel aus Deutschland, Österreich, Frankreich, Spanien oder Portugal zum halben Preis, je nach Saison noch billiger, von qualitativ entsprechenden afrikanischen Inlandprodukten kaufen. Ein paar Kilometer weiter steht der afrikanische Bauer mit seinem Marktstand, rackert sich mit seiner Familie ab und hat nicht die geringste Chance, aufs Existenzminimum zu kommen. Wie beurteilen Sie die Rolle der EU? Die Scheinheiligkeit der Kommissare in Brüssel ist abgrundtief. Einerseits fabrizieren sie den Hunger durch das Agrardumping, und andererseits haben sie die Frontex-Organisation, eine halb geheime Militärorganisation, aufgebaut, um die Hungerflüchtlinge entlang der 2000 Kilometer langen europäischen Grenzen ins Meer zurückzutreiben. Im letzten Jahr sind 32000 Hungerflüchtlinge von den spanischen Behörden registriert worden. Etwa 10000 sind im Meer ertrunken. Mit anderen Worten: Die Südgrenze Europas ist militärisch geschützt gegen die Hungerflüchtlinge, die man selbst fabriziert hat. Gibt es noch andere Ursachen? Hinzu kommt die Auslandsverschuldung der afrikanischen Staaten, die als eine weitere Folge des Agrardumpings und der Strukturanpassungsprogramme einzustufen ist. Die Politik des Weltwährungsfonds IWF zerstört die Nahrungsmittelsouveränität in diesen Ländern. Denn der IWF fördert die Exportlandwirtschaft, um Deviseneinkünfte zu erzielen, damit die ärmsten Länder ihre Schulden bei den großen internationalen Banken bedienen können. Wo Baumwolle für den Export angebaut wird, wächst kein Maniok, um den Hunger der afrikanischen Bevölkerung zu stillen.

Welche konkrete Rolle spielen denn die Spekulanten an den Nahrungsmittelbörsen? Im Zuge der Finanzkrise wurden über 82000 Milliarden Dollar an Vermögenswerten vernichtet. In dieser Zeit sind die Hedge-Funds der Großbanken auf die Agrarrohstoffmärkte umgestiegen. Sie machen dort Riesenprofite mit Reis, Mais, Getreide, Speiseöl oder Zucker. Die Grundnahrungsmittelpreise sind explodiert. 2008 gab es in 27 Ländern Hungerrevolten wie etwa in Ägypten oder in Kamerun. Laut dem Welternährungsindex der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen FAO sind die Preise für Mais in den letzen 18 Monaten um 73 Prozent gestiegen, für Reis um 64 Prozent und für Getreide um 110 Prozent. Eine Tonne Getreide wird heute für rund 270 Euro gehandelt. Im Januar 2010 kostete die Tonne noch 110 Euro. Wie arbeiten die Nahrungsmittelspekulanten? Bei den Großbanken an der Genfer Rue du Rhône liegen zum Beispiel Werbeprospekte für sogenannte Exchange-Zertifikate für Reis auf. Pensionskassen, institutionelle Anleger und Privatleute können diese Zertifikate kaufen mit der Aussicht auf einen jährlichen Reingewinn von 30 bis 35 Prozent. Diese Form der Spekulation ist absolut mörderisch, aber legal. So kann man Termingeschäfte machen, Short Sellings, Leverages und weitere Börseninstrumente anwenden, ohne je ein Korn Reis gesehen zu haben. Ich sage nicht, die an solchen Methoden Beteiligten sind im juristischen Sinn Verbrecher, moralisch aber schon. Im Zusammenhang mit den Umwälzungen im arabischen Raum sprach man auch von «Hungerrevolten« – schätzen Sie das auch so ein? Ich will keineswegs den Freiheitswillen der Menschen dort schmälern. Ganz sicher aber war die Preisexplosion der Grundnahrungsmittel – der Preis hat sich in einem Jahr mehr als verdoppelt – der Auslöser. Die spekulativ heraufgetriebenen Höchstpreise haben diese Revolutionen ausgelöst.

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Sie sind auch ein vehementer Kritiker der Verwendung von Nahrungsmitteln zur Herstellung von Biotreibstoffen.

Welche Rolle spielen aus Ihrer Sicht die Nahrungsmittelkonzerne im Hinblick auf Hungersnöte und Spekulation?

Für eine 50-Liter-Tankfüllung eines Biosprit-Autos müssen 358 Kilogramm Mais verbrannt werden. Mit dieser Menge lebt ein Kind in Sambia oder Mexiko – dort ist Mais Grundnahrungsmittel – ein Jahr lang. Bis 2010 haben allein die Vereinigten Staaten 140 Milliarden Liter Bioethanol durch das Verbrennen von Nahrungsmitteln hergestellt; die EU will bis 2020 zehn Prozent des Energiebedarfs der 27 EU-Staaten mit pflanzlicher Energie decken. Nahrungsmittel zu verbrennen, um Millionen von Autos am Laufen zu halten, ist ein Verbrechen an der Menschheit.

Multinationale Nahrungsmittelkonzerne haben ein doppeltes Gesicht. Zum einen sind Konzerne wie Syngenta, Pioneer, Bunge, Louis Dreyfus, Monsanto und so fort Lieferanten, die 67 Prozent des Agrarmarkts für Mineraldünger, Pestizide etcetera beherrschen. Fünf weitere Konzerne beherrschen 80 Prozent des Saatgutmarktes. Mit anderen Worten: Es besteht eine Kartellisierung im Agrarsektor, die noch weit ausgeprägter ist als die Monopolisierung im Erdölsektor. Die geballte Macht von zehn Multis kontrolliert nicht nur die Preisbildung, sondern auch die Produktion, die die Silolagerung des Getreides, Transportketten, Verarbeitung sowie Ladenketten umfasst. Gemäß den Regeln des sogenannt freien neoliberalen Marktes ist diese kartellartige Kontrolle legal. Es macht darum keinen Sinn zu sagen, zum Beispiel der Generaldirektor von Cargill und seine 62000 Angestellten in 80 Ländern handelten kriminell. Der Markt erlaubt diese objektiv kriminellen Wirtschaftsmechanismen.

Ist es angesichts des Rechts auf Nahrung überhaupt sinnvoll, Nahrungsmittel an den Börsen zu handeln? Grundnahrungsmittel sollten wie Wasser ein öffentliches Gut sein. Sieben Prozent des Welthandels weltweit sind Agrarprodukte, die über das Agrar-Agreement reguliert werden. Dieses Agreement sollte dem Zugriff des Welthandels und der Welthandels-organisation WTO dringend wieder entzogen werden, damit dem Börsenhandel mit Grundnahrungsmitteln der Boden entzogen wird und er gestoppt werden kann. Kann der Fleischkonsum im Norden wirklich zu Hungersnöten im Süden führen, wie das immer wieder behauptet wird? So dogmatisch kann man das nicht sagen. Aber ein Zusammenhang zwischen Fleischkonsum und Hunger existiert schon: Die jährliche Weltgetreideernte beträgt rund zwei Milliarden Tonnen. Davon werden 500 Millionen Tonnen für das Beef-Feeding, für die massenhafte computergesteuerte Rindermast, verwendet. Das heisst, jeder Vegetarier gibt den hungernden Kindern eine Chance, weil die verfügbare Menge Getreide steigt. Das heißt, selbst konsequenter Fleischverzicht und Vegetarismus würden den Welthunger nicht beseitigen können? Nein, der entscheidende Zusammenhang ist ein anderer. Die transkontinentale Aktiengesellschaft Cargill kontrollierte im letzten Jahr 25 Prozent des weltweiten Getreidehandels – vom Silo über den Transportweg, von der Preisfestlegung an der Börse bis hin Getreidehandels – vom Silo über den Transportweg, von der Preisfestlegung an der Börse bis hin zur Mühle und zur Ladenkette. Dabei hat Cargill riesige Profite gemacht, den der Verzicht auf Fleischkonsum nicht wesentlich schmälern kann. Das heißt, Konzernmacht und Handelsstrukturen, die zum Hunger führen, bleiben erhalten.

Diese Kartellisierung müsste eigentlich die Justizbehörden auf den Plan rufen. Die Staaten sind gegenüber diesen Konzernen machtlos. Als Vizepräsident des beratenden Ausschusses des UN-Menschenrechtsrats sehe ich immer wieder, dass es Länder gibt, die von diesen Konzernen ferngesteuert sind. Wenn etwa der australische Botschafter redet, reden Syngenta, Bunge und Cargill. Diese Konzerne haben eine unglaubliche Macht und verhindern die nötigen Strukturreformen. Können Nahrungsmittelkonzerne wirksam kontrolliert werden? Kaum. Sie funktionieren nach dem Prinzip der Profitmaximierung. Ich nehme als Beispiel Nestlé, den größten Nahrungsmittelkonzern der Welt. NestléChef Peter Brabeck jagt jedes Jahr den Shareholder-Value hinauf. Das heißt, er drückt den Bauern die Preise, die sie für Kaffee, Kakao und Milch erhalten, immer weiter herunter. Nestlé geht weiterhin aggressiv in den Markt – beispielsweise für Babynahrung, obwohl es von der Weltgesundheitsorganisation verboten wurde, Muttermilch zu verteufeln. Wie weckt Nestlé dennoch Interesse für künstliche Babynahrung? Ärzte in afrikanischen Spitälern, die mit Nestlé zusammenarbeiten, preisen den Müttern künstliche Babynahrung an. Den Müttern, die überzeugt werden, dass ihre Milch nicht gut genug ist, fehlt einerseits das Geld für die vollständige Ernährung ihrer Babys mit künstlicher Pulvernahrung. In ihrer Not mischen die Mütter das wenige Milchpulver, das sie kaufen können, mit Wasser, das oft verseucht ist. Hat die Schweiz keine Handhabe dagegen? Weil das Werbeverbot für artifizielle Babynahrung juristisch gesehen einer Weltgesundheitskonvention entspricht, die die Staaten unterzeichnet haben, müsste die Schweiz als Heimatstaat von Nestlé diesen Multi dazu zwingen, sich konventionskonform zu verhalten. Doch wie soll das funktionieren, wenn immer wieder ehemalige Bundesräte im Verwaltungsrat von Nestlé zu finden sind?


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BIOGRAPHIE Jean Ziegler (* 19. April 1934 als Hans Ziegler in Thun, Schweiz) ist ein Schweizer Soziologe, Politiker und Sachbuch- und Romanautor. Von 1967 bis zu seiner Abwahl 1983 und erneut von 1987 bis 1999 war er Genfer Abgeordneter im Nationalrat für die Sozialdemokratische Partei. Von 2000 bis 2008 war er UN-Sonderberichterstatter für das Recht auf Nahrung – zuerst im Auftrag der Menschenrechtskommission, dann des Menschenrechtsrats – sowie Mitglied der UN-Task Force für humanitäre Hilfe im Irak. 2008 wurde Ziegler in den Beratenden Ausschuss des Menschenrechtsrats gewählt. Er ist außerdem im Beirat der Bürger- und Menschenrechtsorganisation Business Crime Control. Ziegler gilt als einer der bekanntesten Globalisierungskritiker. Wegen der häufig mit drastischen Worten geäußerten Kritik an Politikern, Unternehmen, Banken und Finanzakteuren in seinen Sachbüchern wurde Ziegler vielfach verklagt. Seine Schulden aus verlorenen Prozessen belaufen sich auf mehrere Millionen Euro, weshalb er nach eigener Aussage insolvent ist.

AUSZEICHNUNG UND EHRUNG Stevenson-Gedächtnispreis Bruno-Kreisky-Preis für das politische Buch Chevalier dans l‘Ordre National des Arts et des Lettres Prix littéraire pour les droits de l‘homme Salzburger Landespreis für Zukunftsforschung Ehrendoktorwürde der Universität Brüssel Ehrendoktorwürde der Universität Paris 8 Vincennes-Saint Denis Thunpreis der Stadt Thun Auszeichnung der (nie gehaltenen) Ansprache zur Eröffnung der Salzburger Festspiele 2011 zur »Rede des Jahres 2011« des Seminar für Allgemeine Rhetorik der Universität Tübingen Internationaler ethecon Blue Planet Award

Ich sehe kein Schweizer Regierungsmitglied, das den Mut hätte, die Telefonnummer von Nestlé-Chef Brabeck zu wählen, um die Einhaltung des internationalen Rechts einzufordern. Weil dies unterbleibt, sind Konzerne wie Nestlé allmächtig. Gestoppt werden können sie nur von der Zivilgesellschaft der einzelnen Länder. Ein Instrument wäre, die Multis zu boykottieren. Klar, natürlich. Aber es ginge auch anders. In der westlichen Demokratie gibt es keine Ohnmacht der Zivilgesellschaft. In Deutschland, in der Schweiz, in Europa können wir von den Finanzministern verlangen, dass sie der vollständigen Entschuldung der ärmsten Länder zustimmen und im Exekutivrat des Weltwährungsfonds entsprechend nicht im Interesse der Großbanken stimmen. Wir können von unseren Parlamentariern verlangen, dass sie das Börsengesetz so ändern, dass Spekulanten de lege ausgeschlossen werden. Wir können von der Regierung verlangen, dass sie das Verbrennen von Nahrungsmitteln zur Herstellung von Agrotreibstoffen verbietet. In der Schweiz können die Stimmbürger ein Verbot des Imports von Agrotreibstoffen verlangen. Die Uno-Mitglieder haben sich zum Ziel gesetzt, bis 2015 den Hunger weltweit zu halbieren. Schon heute ist allerdings klar, dass sie dieses Ziel verfehlen werden. Wie beurteilen Sie die Forderung von FAO-Direktor Jacques Diouf, dass im Kampf gegen den Hunger jährlich rund 43 Milliarden Franken garantiert werden müssten? Erstens sind die Millenniumsziele als solche eine gute Sache. Beachtlich ist schon allein die Tatsache, dass im Jahr 2000 143 der damals 191 Uno-Staaten sich zum Ziel gesetzt haben, die acht größten Tragödien der Erde bis 2015 zu beseitigen oder einzudämmen. Die größte Tragödie ist der Hunger. Die Halbierung bis 2015 tritt nicht ein. Trotzdem ist die Existenz der Millenniumsziele bereits eine kollektive Bewusstseinserweiterung. Derzeit nimmt aber aus den genannten Gründen der Hunger in Relation zur demografischen Kurve wieder zu. Das ist der Skandal unserer Zeit. Das Massaker geht weiter. Gemäß den Berechnungen der Uno würden zur Erreichung der acht Millenniumsziele während fünf Jahren 81 Milliarden Dollar im Jahr genügen. Zur Halbierung des Hungers hat die FAO eigens eine Rechnung aufgemacht und notwendige Maßnahmen aufgelistet, für deren Umsetzung 35 Milliarden nötig wären. Sind die einzelnen Regierungen und die internationalen Organisationen wie EU und Uno überhaupt noch mächtig genug, um der Hungerkatastrophe wirksam entgegentreten zu können? Ich kann keine andere Antwort geben als Ja, weil das die einzige Hoffnung ist. Die interstaatlichen Subjekte müssen die weltöffentlichen Güter wie die Luft und das Wasser schützen. Nur sie sind dazu legitimiert, nur sie haben die Mittel dazu. Aber die Uno hat kaum wirksamen Einfluss. Die Uno ist ruiniert wegen der amerikanischen Politik der Präventivkriege. Die USA höhlen das Völkerrecht aus. Zweitens anerkennen die Amerikaner auch unter Präsident Barack Obama nicht das Recht auf Nahrung, Wasser etcetera. Unter dem Druck der neoliberalen Wahnidee, die die Weltkonzerne einfordern, verweigert sich der gesamte angelsächsische Raum den wirtschaftlichen und sozialen Menschenrechten, für die die Uno einsteht. Warum können denn die 146 Staaten, die zum Beispiel die Uno-Konvention zur Einhaltung der wirtschaftlichen und sozialen Menschenrechte unterschrieben haben, ihre damit verbundenen Verpflichtungen nicht durchsetzen? Nestlé ist ein unglaubliches Beispiel. Es gibt eine anerkannte kohärente Völkerrechtstheorie, hinter der auch der Schweizer Bundesrat steht. Gemäß dieses Menschenrechtsvertrags haben die Signatarstaaten, also auch die Schweiz und Deutschland, die extraterritoriale Verpflichtung, multinationale Konzerne, die diese Menschenrechte im Süden verletzen, in ihrem Herkunftsstaat zu sanktionieren. Das passiert weder im Fall von Siemens noch von Nestlé. Und wie steht es um den Einfluss, den Deutschland und auch die Schweiz im Gouverneursrat der Weltbank haben? Im Internationalen Währungsfonds sind die Stimmenanteile nach dem Prinzip »one Dollar, one vote«, also nach der Finanzkraft der Mitgliedsstaaten, geregelt. Deutschland hat nach den USA und China mit 6,8 Prozent den drittgrößten Stimmenanteil. Die Schweiz wird im IWF von Wirtschaftsminister Johann Schneider- Ammann (FDP) vertreten, bei der Weltbank von Finanzministerin Eveline Widmer-Schlumpf (BDP). Diese Bundesräte sind aufgrund des Wähleranteils ihrer Parteien an diese Positionen gelangt. Das Volk hat sie gewählt und die Macht an sie delegiert. Entweder wollen wir die Macht zurückhaben und wählen sie ab, oder diese Personen ändern ihr Abstimmungsverhalten in der Weltbank und im IWF entsprechend den internationalen Verpflichtungen, die die Schweiz völkerrechtlich verbindlich eingegangen ist. IWF und Weltbank sind keine anonymen Mächte. Jeder einzelne Wähler kann mit seinem Abstimmungsverhalten Einfluss auf die Politiker nehmen. Dies müssen wir den Menschen klarmachen, damit sie ihre Bürgerrechte ausüben und sich – mit Berufung auf die Verfassungen in Deutschland, in der Schweiz, in den EU-Staaten – in die Gestaltung des Zusammenlebens auf der Erde einmischen.

Quelle: http://www.tageswoche.ch/de/2012_01/international/249240/ein-kind-das-an-hunger-stirbt-wird-ermordet.htm

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P ODER WO SICH DIE WIRTSCHAFT NOCH EINE SCHEIBE ABSCHNEIDEN KANN.

Shinji Hashimoto gibt einen Einblick in das japanische Teikei-Prinzip. Was kรถnnen wir von solidarischer Landwirtschaft lernen? Ein Artikel in zwei Sprachen.

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OR WHERE ECONOMY CAN TAKE A LEAF OUT OF THEIR BOOK.

Shinji Hashimoto gives an impression about the japanese Teikei principle.

What can we learn from solidary agriculture? An article in two languages.

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GUTE SCHLECHTE LEBENSMITTEL LEBENSMITTEL PRODUK PRODUK TION TION IST IST Noch UEBER SELTEN ALL

TEIKEI

Von Shinji Hashimoto Teikei ist nicht nur ein alternatives Vertriebssystem für biologische Produkte, sondern ein ökologisches Produktions- und Verbrauchssystem, das Produzenten und Konsumenten in eine dynamische und kreative Partnerschaft bringt. Die Gemeinschaft teilt direkte Vertriebssysteme und das ökologische Bewusstsein, welches durch das Teikei System gefördert wird, sind genau das was wir brauchen um die Bio-Bewegung auf das nächste Level zu hiefen. 1992 fand der Umweltgipfel in Rio de Janeiro statt und sollte zur Diskussion anregen und Lösungen vorschlagen für die aktuellen Umweltprobleme der Welt. Dort stimmte jedes Land der Wichtigkeit einer nachhaltigen Gesellschaft zu – eine Gesellschaft, in der die Menschen verantwortlich mit dem Ökosystem dieser Erde umgehen. Biologische Landwirtschaft oder die Produktion von Lebensmitteln, die gleichzeitig den Körper und die Erde gesund erhalten, sind hierbei die wichtigsten Komponenten um so eine Gesellschaft zu realisieren. Seit damals ist der Markt für Bio-Produkte signifikant gewachsen und viele neue ökologische Landwirtschaftstechniken wurden vorgestellt. Wir haben die Bio-Branche wachsen gesehen, von den Anfängen mit kleinen Grashalmen bis hin zur heutigen globalen Multi-Millionen-Dollar-Industrie.

Aber können wir schon vollkommen zufrieden sein mit dem Weg den das genommen hat? Viele Bio-Produkte unterscheiden sich von herkömmlichen Produkten nur in der Art der Technik, mit der sie hergestellt wurden, aber die Distribution und der Konsum sind gleich geblieben. Sollte nicht die BioPhilosophie auch in den Vertriebswegen und bei unserem Konsum angewendet werden? Jetzt wäre vielleicht genau der richtige Zeitpunkt um sich das TeikeiPrinzip als hocheffiziente Methode der Herstellung, Kultivierung, Distribution und des Konsums genauer anzusehen. Denn es würde die Öko-Bewegung einen weiteren Schritt nach vorne bringen können. DER URSPRUNG VON TEIKEI Biologische Landwirtschaft hat in Japan mit der Einführung des TEIKEI-Prinzips angefangen, als die japanische Wirtschaft sich 1960 zu einer Weltmacht ausbaute. Obwohl sich der japanische Lebensstandard verbessert hat, tauchten viele soziale Probleme an die Oberfläche. In urbanen Gegenden verursachte der Bevölkerungszuwachs Verkehrsstaus, Luftverschmutzung, Kriminalität und eine Degradierung der traditionellen Gemeinschaften. Viele Menschen in den Städten wurden immer isolierter und gestresster.

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GOOD BAD FOOD FOOD PRODUC PRODUC TION TION IS IS STILL EVERY RARE WHERE

By Shinji Hashimoto Teikei is not merely an alternative distribution system of organic products, but rather an ecological production and consumption system that places the producers and consumers in a dynamic and creative relationship.. The community sharing direct distribution systems, and the ecological consciousness fostered in the teikei system is what we need take our organic movement to the next level of its development. In 1992, the Earth summit was held in Rio de Janeiro to open discussion and propose solutions for the world pressing environmental problems. There, every country agreed on the importance of a sustainable society where human beings responsibly manage the earth ecosystem. Organic farming, or producing food in a manner that is healthy for both the body and the earth, is one of the key components in realizing such a society. Since that time, the market for organic products has significantly grown, and many new ecological farming techniques have been introduced. We have watched organic foods grow from its grass-roots Into a multi-billion-dollar global industry. But can we be completely satisfied with the our present path?

Many organic products differ from their conventional counterparts only in the techniques of their production, with the distribution and consumption patterns of the former remaining the same. Should not the organic philosophy be fully extended to account for the product distribution and consumption? Now may be an Ideal time to consider the teikei system as highly effective method of production, cultivation, distribution, and consumption that would carry the organic movement forward into the future. ORIGINS OF TEIKEI Organic agriculture in Japan started with the introduction of the teikei system at the time when the Japanese economy began to emerge as a world power in the 1960Â fs. Although the Japanese standard of living and luxury had improved, many different societal problems were beginning to surface. In urban areas, the growth of population caused traffic, pollution, crime, and a degradation of the traditional community. Many people in the city became isolated and stressed. As business took priority of human life, many foods were found with different kinds of additives and they lost credibility among consumers. In 1975, consumer


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Als das Geldmachen erste Priorität wurde, fand man plötzlich in vielen Lebensmitteln Zusätze und die Produkte verloren an Glaubwürdigkeit und Vertrauen durch die Konsumenten. 1975 stieg die Aufmerksamkeit der Kunden als das Buch »Fukugouosen« (ein japanisches Wort, das »komplexe Verschmutzung« bedeutet)von Sawako Ariyoshi veröffentlicht wurde und die Gefahr von der Kontaminierung landwirtschaftlicher Produkte durch Pestizide, chemischen Düngemittel, Herbiziden und Antibitotika aufdeckte. Währenddessen litten Bauern in ländlichen Gegenden unter Krankheiten nachdem sie Pestizide und Herbizide auf den Feldern angewendet hatten. Diese aufgebrachten Konsumenten suchten nach besseren Lebensmitteln und trafen sich mit Bauern, die Produkte anbauen wollten, die auf Sicherheit beim Verzehr und nicht auf möglichst hohe Ertragsraten ausgelegt sind. Das war der Beginn des TEIKEI Prinzips. Das Wort TEIKEI bedeutet »Co-Partnershaft«. In diesem Sinne wurde der Japanische Bio-LandwirtschaftsVerband 1970 zusammen mit Verbrauchern, Bauern, Wissenschaftlern, Beamten und ehrenamtlichen Mitarbeitern gegründet. Durch das TEIKEI-Prinzip sind die Beziehungen von Angesicht zu Angesicht, da alle Produkte direkt vom Produzenten an den Konsumenten ausgeliefert werden. Es gibt keinen Mittelsmann oder kostspielige Lebensmittelprüfer und daher sind die Preise gut wettbewerbsfähig mit den Preisen der konventionellen Vertriebssysteme. Das Prinzip kann in den zehn Grundsätzen wie folgt beschrieben werden:

Es sollen freundschaftliche Beziehungen entstehen, nicht nur die zwischen Geschäftspartnern. Es wird nach einem vorher von Bauer und Kunde vereinbartem Plan angebaut. Es werden alle gelieferten Produkte des Herstellers akzeptiert. Es werden Preise im Sinne von vertretbaren Gewinnen gesetzt. Es soll die Kommunikation vertieft werden um Respekt und Vertrauen zu schaffen. Es soll eine eigenständiger Vertrieb erstellt werden, entweder durch den Hersteller oder den Konsumenten. Es soll demokratisch gehandelt werden. Es soll Interesse an den Themen rund um biologische Landwirtschaft gefördert werden Es soll in jeder Gruppe eine angemessene Anzahl an Mitgliedern beibehalten werden. Es soll ein kontinuierlicher Fortschritt entstehen, auch wenn es dauert eine Organisierung von biologischer Landwirtschaft und einem ökologischen Leben aufzubauen.

Wie man in diesen Regeln sehen kann, baut das TEIKEI Prinzip eher Druck auf, einen ökologischen Lebensweg zu gehen, anstatt den technischen Schwerpunkt auf nachhaltige Landwirtschaft zu legen. Wir denken, dass sich die Probleme der aktuellen Landwirtschaft nicht ändern werden, wenn man nur von konventioneller zu biologischer Landwirtschaft umsteigt. Wenn wir uns die Bio-Branche genauer ansehen, und nicht nur die Produktion und den Konsum, die daraus resultieren, wird es schwierig für die ganze BioBewegung mit ihrem eigentlichen Ursprungsgedanken in Kontakt zu bleiben. GEGENWÄRTIGER STATUS DES TEIKEI-PRINZIPS Aktuell ist es eine dürftige Situation für die TEIKEI-Bewegung in Japan. Seit dem Beginn von TEIKEI wurden alle Prozesse von Produktion, Distribution und Konsum ohne staatliche Hilfe oder geschäftliche Investoren verwirklicht. Es gab keine Lebensmittelkontrollen oder -standards – alles ging Hand-in Hand mit dem Vertrauen zwischen Verbraucher und Bauer. Heutzutage jedoch bereiten der internationale Trend hin zu standardisierter Lebensmittelherstellung und die Verwirrung der Konsumenten über die BioProdukte in den japanischen Supermärkten den TEIKEI-Gruppen Sorgen. Auch die japanische Regierung, beeinflusst von CODEX und der Entwicklung von Bio-Lebensmittel.Gesetzen in den USA und Europa, gründete eine Komitee zur Lebensmittelkontrolle für Bio-Produkte. Sie veröffentlichten ihren Plan, BioLebensmittel-Gesetze zu veranlassen, die dafür sorgen, dass jeder Bio-Bauer von einem offiziellen Lebensmittelprüfer (den sie erwählen) zu den von ihnen erstellten Bio-Siegel-Regeln getestet werden kann. Jedes Bio-Produkt, dass nicht diesen neuen Regeln gerecht werden kann, darf nicht mehr das Label »Bio« tragen. Die Bio Standard Regeln, die die Regierung ursprünglich aufgestellt hat, waren willkürlich gewählt, aber dieses Mal sind sie obligatorisch.

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awareness became even more focussed with the release of Sawako Ariyoshi book Fukugouosen (a Japanese word meaning »complex pollution«) that disclosed the danger of agricultural products contaminated with pesticides, chemical fertilizers, herbicides, and antibiotics. Meanwhile in rural areas, some farmers had suffered from disease after applying pesticides and herbicides. Then those consumers, out of a sense of crisis, sought better food and met with farmers who wanted to produce products that gave priority to safeness rather than appearance. This was the beginning of the teikei system. The word teikei means »co-partnership«. In this spirit, the Japan Organic Agriculture Association was founded In 1970 with consumers, farmers, scholars, public servants and cooperative workers in order to promote teikei system. Under the tekei system, relationships are face-to-face, as all products are distributed directly from producers to consumers. There is no middleman or costly inspection bodies, so the pricing is very competitive compared to conventional distribution systems. The system of teikei can be described in ten principles below:

TO BUILD FRIENDLY AND CREATIVE RELATIONSHIPS, NOT AS MERE TRADING PARTNERS TO PRODUCE ACCORDING TO PRE-ARRANGED PLANS ON AN AGREEMENT BETWEEN THE PRODUCERS AND THE CONSUMERS TO ACCEPT ALL THE PRODUCE DELIVERED FROM THE PRODUCERS TO SET PRICES IN SPIRIT OF MUTUAL BENEFITS TO DEEPEN COMMUNICATION FOR THE MUTUAL RESPECT AND TRUST TO MANAGE SELF-DISTRIBUTION, EITHER BY THE PRODUCERS OR BY THE CONSUMERS TO BE DEMOCRATIC IN THE ACTIVITIES TO TAKE INTEREST IN STUDYING ISSUES RELATED TO ORGANIC AGRICULTURE TO KEEP THE MEMBERS OF EACH GROUP IN AN APPROPRIATE NUMBER TO GO ON MAKING STEADY PROGRESS EVEN IF SLOW TOWARDS THE FINAL GOAL OF MANAGEMENT OF ORGANIC AGRICULTURE AND AN ECOLOGICALLY SOUND LIFE

As we can read above, Teikei system stresses in the ecologically way of life rather than technical emphasis on sustainable agriculture. We think that the problems of the present agricultural condition will not change by just converting conventional farms and farmers to organic. Unless we pay closer attention to the larger systems that production and consumption are imbedded in, it will be difficult for the organic movement to stay in touch with its original meaning. PRESENT STATE OF TEIKEI Presently In Japan, It is a tenuous time for the teikei movement. Since the start of teikei, all processes of production, distribution, and consumption have been done without any government subsidies or business involvement. There were never any systems of inspection nor standards but simply the trust and promise that goes hand-in-hand with the consumers close relationship with the farmers. Today, however, the international trend for standard making and also the confusion of organic foods in the Japanese domestic market is pushing teikei groups to be concerned about the issue. Also, the Japanese government, influenced by CODEX and the moves of organic food laws in US and Europe, established the Standard Investigation Committee for Organic Foods. They disclosed their plan to pass organic food laws that oblige every organic farmer to be inspected through an official inspection body (that they appoint) according to the organic standard that they will decide. Any organic products that do not follow the new regulations will not be allowed the label »organic«. The organic standard guidelines that government originally released was arbitrary, but this time it is compulsory. This measure for organic foods may be effective for organic markets in Japan where many retailers label »organic« without inspection or regulation and consumers have no reliability on the products. But many Japanese organic farmers have a doubt in the bureaucratic agricultural policy that has often been beyond the present condition of local farmers – usually just the copy or mani pulation of western countries, whose standards may not comply with the organic farming in Asia monsoon climates. Moreover, compulsory sory organic law


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Diese Regel und für Bio-Lebensmittel mag für die vielen japanischen Hersteller am Markt effektiv sein, die das Bio-Label ohne Inspektion und Regulierungsmöglichkeit einsetzen, bei denen die Konsumenten sonst einfach keine Möglichkeit der Verlässlichkeit auf richtige Angaben haben. Aber viele japanische Bio-Bauern haben Zweifel an den bürokratischen LandwirschaftsGrundsätzen, die bisher meist weit unter denen der aktuellen Situation der Bauern lagen – Normalerweise geht es nur um eine Kopie der oder Manipulation durch die westlichen Länder, deren Standards nicht vereinbar sind mit den asiatischen Monsoon-Klima. Vielmehr noch, verpflichtende BioGesetze könnten die TEIKEI-Gruppen zu unnötigen Ausgaben zwingen um die teuren Inspektionen und die Zertifizierung zu bezahlen. Eine Verdienst des TEIKEI-Prinzips ist der vernünftige Preis. Wenn das Gesetz TEIKEI miteinschliesst, wird sich der Preis für die Verbraucher und die Kosten für die Bauern erhöhen. Es könnte dazu führen, dass mehr und mehr Konsumenten die TEIKEI-Gruppen verlassen müssen und die Beziehungen abgebrochen werden, wenn das Gesetzt durchgeht. Einige TEIKEI Gruppen, verunsichert durch die Ansagen der Regierung, haben damit begonnen ihre eigenen Standards zu erstellen um der Regierung zu kontern, andere verweigern die neuen Gesetze und protestieren dagegen. Aber sie alle eint die gemeinsame Meinung, dass ein privater oder staatlicher Prüfer eine unwillkommene und unnötige Entwicklung in ihrem autonomen System wäre. Teikei selbst ist das ultimative PrüfSystem – das Vertrauen und das Verstehen untereinander, seine kleine Größe und die Einbringen von jedem besorgten Mitglied machen es dazu. Solange die Standards und Inspektionen die globale Sorge sind, wird sich das nicht ändern, ein sich selbst prüfendes System, bei dem Verbraucher und Bauern sich selbst prüfen(wie sie es bei TEIKEI tun) sollte anerkannt und geschätzt werden für seine Unabhängigkeit. Aber TEIKEI benötigt dazu internationale Unterstützung und eine weitere Eingliederung um den Menschen die Vorteile gegenüber dem konventionellen System und das Potenzial für die Zukunft der Biologischen Landwirtschaft aufzeigen zu können. Wir müssen TEIKEI im internationalen Bio-Bewegung IFOAM beschützen, bewahren und unterstützen. DAS TEIKEI SYSTEM WIRD MIT EINER GUTEN ENERGIE-EFFIZIENZ GEMANAGT. Im aktuellen landwirtschaftlichen Vertrieb reisen Grundnahrungsmittel um die ganze Welt, aus armen Regionen hinüber in die reicheren Länder, und die Bauern in den wirtschaftsstarken Ländern leiden unter den Wettbewerbspreisen. Monokulturen werden gefördert, was zu einem erhöhtem Ein-

satz von Pestiziden und chemischen Düngemitteln führt. Die großen Märkte, für die die Monokulturen geschaffen wurden, benötigen einen hohen Transport-Aufwand, was wiederum zu einem erhöhten Energieverbrauch und mehr Umweltverschmutzung führt. Im Falle vieler TEIKEI Systeme, wurde die lokale Produktion und der lokale Konsum integriert um so einen Trend zu stoppen. Bio-Bauern von TEIKEI produzieren einen Überfluss an Produkten, manchmal mehr als 80 verschiedene Sorten Gemüse. Komplexe Saatgut-Rotierungs-Systeme mit

die Bewahrung natürlicher Vielfalt wird ermöglicht und die Kosten von Produktion zu Konsum würden geringer. Diese gesunde Beziehung zwischen städtischen und ländlichen Regionen kann ökologisch lebende Gesellschaft möglich machen. DAS TEIKEI SYSTEM FÖRDERT DIE DREI R – REUSE, REDUCE, RECYCLE. Die enge Beziehung zwischen Produzent und Verbraucher eliminiert die Wichtigkeit von teuren Verpackungen

TEIKEI IST EINE PRAKTISCHE LÖSUNG FÜR DIE KONSERVIERUNG LOKALER ÖKOSYSTEME Traditionellerweise sichert das einfache, eigenständige Leben der lokalen Dorfbewohner natürliche Vielfalt und lokale ökologische Balance. Heute haben die Systeme der Massenproduktion und des -konsums das Gesicht der Dörfer komplett verändert. Beim TEIKEI-Prinzip werden alle Preise aller Produkte zwischen Verbraucher und Erzeuger unter Berücksichtigung des notwendigen Einkommens für die Bauern um deren Hof zu bewirtschaften, sowie der Nachfrage der Verbraucher, diskutiert. Die Menge an biologisch bewirtschafteten Feldern werden dabei ebenso berücksichtigt um eine Überproduktion zu vermeiden. Die Diskussion zwischen urbanen und lokalen Bewohnern ermöglicht einen Austausch an Information und beide Seiten erhalten ein Verständnis der Zustandes in der nahen Umgebung. Dieses starke Band zwischen ihnen führt oft zu Bewegungen gegen die rücksichtslose Ausbeutung von privaten Kooperationen und öffentlichen Projekten, die die Natur in der Umgebung zerstören könnten. Die japanischen Dörfer sind teilweise wegen dieser Aktionen von TEIKEI-Gruppen als »Bio-Dörfer« deklariert worden, in denen der ökologische Umgang mit dem Land Priorität hat. TEIKEI IST EIN GUTES BEISPIEL FÜR UMWELTSCHUTZERZIEHUNG Viele Menschen denken Unterricht kann nur in Schulen stattfinden. Viele Öko-Aktivisten halten große Symposien und erzählen den Leuten von den ernsten Problemen in der Umwelt. Es gibt aber Alternativen wie zum Beispiel der Besuch eines Bio-Hofs um die Harmonie zwischen Mensch und Natur zu sehen, wo man von Bauern erfährt, die krank wurden nachdem sie Pestizide genutzt haben und wo die Leute anfangen zu verstehen was es alles braucht um die Lebensmittel herzustellen, die man jeden Tag isst. Wir werden keine Lösung der ökologischen Probleme finden, indem wir nur in Bücher sehen oder zu Lesungen gehen; Feldstudien und Kommunikation sind notwendig um eine nachhaltige Gesellschaft zu praktizieren.

einer Vielzahl an unterschiedlichen Pflanzensorten auf dem Feld, hilft die natürliche Vielfalt zu erhalten. Saisonale Produkte werden direkt an die Verbrauchern vertrieben, manchmal durch die Bauern selbst. Die gleiche Geographie zu teilen ermöglicht den Verbrauchern und Produzenten freundschaftliche Beziehungen aufzubauen und einander besser zu verstehen. Wenn die Kundschaft für kleine Bio-Bauern in einer nahe gelegenen Stadt ist, kann die verbrauchte Energie für den Transport reduziert werden,

und Marketing. Alte Zeitungen, benutzte Plastiktüten vom Supermarkt oder benutzte Papiertüten von Bauernhöfen sind alles was man benötigt um die Bio-Produkte zu verpacken. Diese werden oft von den Kunden zurück gebracht und erneut genutzt. Es gibt sogar ein paar TEIKEI Gruppen, bei denen die Konsumenten ihre Essensabfälle kompostieren um sie an die Bauern zurückzuliefern. Die enge Zusammenarbeit macht Reduktion, Wiedergebrauch und Recycling einfacher umzusetzen.

Im TEIKEI System kann die Konsumenten-Gruppe den Bauern immer wieder besuchen um ihm auf dem Feld zu helfen. Diese Arbeitsteilung gibt Stadtmenschen und ihren Kindern eine gute Möglichkeit um Landwirtschaft aus einem ökologischen Standpunkt zu verstehen, während die Bauern die Probleme der Städter kennenlernen. In Japan, gibt es viele Aktivisten-Gruppen, die aus TEIKEI-Gruppen entstanden. Sie kämpfen gemeinsam gegen Atomkraft, Anti-GM Netzwerke etc. Die Menschen werden motiviert sich mehr zu informieren wenn sie Probleme sehen und realisieren, dass ökologische Probleme nicht in ihren Händen liegen, aber doch nah an ihrem eigenen Leben.

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may enforce unnecessary finances for teikei groups because of costly inspection and certification bodies. One of the merits in teikei system is its reasonable price. If the law is enforced to teikei, it will raise the price for consumers and create extra costs for farmers. There may be more possibilities of breaking down in teikei relation and allowing more consumers to leave the groups if the law is enforced. Some teikei groups, bewildered by the government announcement, have started to establish their own standards to counter the government moves, while some groups continue to reject and protest any governmental attempts to impose standards. But they all share the same opinion that a private or public inspection body would be an unwelcome and unneeded development in their autonomous systems.

al understanding. When the consumer base for small-scale organic farmers is in a nearby town or city like this, energy used for transportation can be reduced bthe preservation of natural diversity becomes possible, and cost for production to consumption will be less. This healthy relation between urban and rural areas can help make ecologically sound societies possible.

are often returned by the consumers and used again. There are even some teikei groups where consumer members make compost with food waste In order to take to their farmers. The close relation from production to and recycling much easier to practice. consumption makes reducing, reusing,

TEIKEI IS A GOOD EXAMPLE OF ENVIRONMENTAL EDUCATION.

Teikei itself is ultimate inspection system – the trust and understanding, its small-scale, and the involvement of everyone concerned make it so. If standards and inspections are the global current that will not change, a selfinspection system in which producers and consumers inspect by themselves (as they do in teikei) should be recognized and accounted for independently. But teikei needs international support and further implementation in order for people to see its benefits over conventional systems and the potential it holds for the future development of organic agriculture. We have to protect, preserve and encourage teikei in the international organic movement IFOAM.

Many people think education can only be found in a school or in a community center. Many eco-activists open big symposiums and tell people about the serious problems in environment. There are other alternatives such as visiting an organic farm where one can observe the beautiful harmony of people and nature, where one can hear how farmers suffered from an illdefined disease after using pesticides, and where people begin to understand what goes into making the food they eat everyday. We can not find the solution for ecological education only through books or lecture; field study and communication is necessary to realize sustainable society in practice

TEIKEI SYSTEM IS MANAGED WITH GOOD ENERGY EFFICIENCY. In present agricultural distribution systems, primary food products travel across the globe, taking food from poor regions to rich countries, as farmers in developed countries suffer in price competition. Single crop production then becomes encouraged, which promotes the use of more pesticides and chemical fertilizers. The large markets that this mono-culturing is designed for require a lot of transporting, which leads to more energy use and pollution. In the case of many Teikei systems, local production and local consumption have been integrated to stop such a trend. Organic farmers of teikei produce a cornicopia of items, sometimes over 80 kinds of vegetables. Complex crop rotation systems with variety of plants in the plantation help to keep a natural diversity. Seasonable products are distributed directly to consumers, sometimes by the farmers themselves. Sharing a common geography makes consumers and producers possible to build friendly relationships and mutu-

between consumers and producers, considering the necessary income for farmers to manage their farm as well as consumers demands. The amount of organically produced fields are then also considered to avoid overproduction. The discussion between urban and local residents enables the exchange of information and both can get a grasp of the cause of environment devastation in local natural areas. This strong tie between them often leads to movements against reckless exploitation by private cooperation or public projects that may cause ecological destruction. There are even the villages in Japan that partly as a result of the activities of teikei farms and their consumers, have been declared »organic villages« where ecological policy is in priority.

TEIKEI SYSTEM PROMOTES THE THREE R – REUSE, REDUCE, RECYCLE.

TEIKEI IS A PRACTICAL SOLUTION FOR CONSERVATION OF LOCAL ECOLOGY.

The close relation between producers and consumers eliminates the need for expensive packaging and attractive marketing. Old newspapers, used plastic bags from supermarket , or used paper bags from farms are all reused to pack the organic products. These

Traditionally, the simple, self-sufficient life of local villagers ensured natural diversity and local ecological balance. Todayfs systems of mass-production/ consumption have changed the face of the village completely. In teikei, all the prices of each item are discussed

In the teikei system, the consumer group can visit their farmer periodically to help them on the field. This work sharing gives a good opportunity for city people and their children to understand agriculture from an ecological standpoint, while farmers learn problems that consumers face in urban life. In Japan, there are many cases that civil groups have been born from teikei groups both in rural and urban area such as protesting against nuclear power stations, dioxin research groups anti-GM networks, public incinerator studying groups, etc. People are motivated to study further if they can see common problems and realize that ecological problems are not beyond their hands but very close to their everyday lives. Teikei helps educate people to think globally and act locally.


WIE GEHT DIE MODEBRANCHE MIT DER GESCHLECHTERROLLE UM?


UND BEUTET DIE GESCHÄFTSWELT PRAKTIKANTEN NOCH IMMER AUS?

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MANN FRAU MODE PROVOZIERT SEIT JEHER, I N D EM SI E M I T ETA B LI ERT EN GESELLSCHAFTLICHEN NORMEN SPIELT. AKTUELL IST ES DAS SPIEL MIT DEN GESCHLECHTERN. AUF DEN LAUFSTEGEN IN MAILAND, PARIS UND NEW YORK LAUFEN ANDROGYNE MODELS, DIE SOWOHL MÄNNER- ALS AUCH FRAUENMODE PRÄSENTIEREN.


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Text: Nadine Himmelsbach

SPIEL MIT DEN GESCHLECHTERN Als androgyn werden Menschen bezeichnet, die sich nicht eindeutig einem Geschlecht zuordnen lassen. Die Looks der neunziger Jahre ließen Männer eher weiblich aussehen und die Frauen eher männlich, beide aber auf eine sehr jugendliche, wenn nicht sogar kindliche Weise. Die Kindfrau Kate Moss ist wohl das bekannteste Gesicht dieser Zeit. Heute bedeutet Androgynität auf dem Laufsteg eine herausfordernde Unbestimmheit und hat eine neue Dimension erreicht: Die Mode wird jetzt vollends geschlechtslos, die beiden Geschlechter fließen in einem zusammen. Zu beobachten ist diese Entwicklung in der aktuellen Kampagne Lomo des spanischen Lingerie-Herstellers Jane Pain. Die Bilder zeigen Damen in aufreizender Unterwäsche und noch aufreizenderen Posen: Sie liegen mit ge-spreizten Beinen auf Bett oder Fußboden. Die Arbeiten der Fotografin Natasha Ygel zeigen so alles – und doch nichts. Denn die Fotos wurden zerschnitten und schief wieder zusammen gefügt, so dass die unbedeckten Genitalien vollkommen verschwinden. Selbst die Brustwarzen sind retuschiert. Das Motto der Kampagne lautet: »Alles was du nicht sehen kannst, ist was du sehen willst.« Aber möchte man stattdessen unnatürlich deformierte Körper sehen, bei denen die Hälfte des Beckens fehlt, oder ein Bein seltsam absteht? Fotografin Ygel jedenfalls gewann damit, kurz nachdem sie die Fotos veröffentlichte, den diesjährigen argentinischen Werbepreis »Lapiz de Oro« beim »Grand Prix de Bronce Clarín«. Dass die Auflösung des Geschlechts nicht nur mit Photoshop, sondern auch am eigenen Körmachbar ist, zeigt das Model Lea Tisci aus BraTisci wurde als Leonardo geboren bevor, zu einer Geschlechtsumwandlung entAls erstes transsexuelles Model auf der Elle machte sie sich einen NaAuf dem Titelblatt des Modemasie indes nicht mehr mit ihrer sondern mit purer Weiblichzwischen Tisci und Superdas Cover und sorgte für Schon länger bewegt Mode. Unter andein den dreißiger tribute zu: Zyches« Hosen-

per silien. sie sich schloss. dem Cover men.

gazins Love reizte M e t a m o r p h o s e, keit: Ein inniger Kuss model Kate Moss zierte Schlagzeilen. der Geschlechterwechsel die rem legte sich Marlene Dietrich Jahren unerhört männliche Atlinder und fiel durch ihr »unziemlitragen auf. Dafür ist sie im Modelexikon

mit der »Marlene-Dietrich-Hose« te brechen auch Männer mit ihrer Rolle, allen voran das Model Sie mischte weibliche und mente, trug Smoking und der Pariser Fashion Week Schau des Designers te er das Brautkleid, Show darstellt. Sein androgyraschte gleichhochbezahlt Männlichviel anschrei-

verewigt. Heukonventionellen Andrej Pejic. männliche ModeeleDer Australier sorgte bei 2011 für Aufsehen. Bei der Jean Paul Gaultier präsentierwelches den Höhepunkt jeder

nes Aussehen verwirrte und überzeitig. Inzwischen ist der 21-Jährige und verkörpert auf dem Laufsteg sowohl keit als auch Weiblichkeit. »Damenmode ist spruchsvoller. Es kommt darauf an, wie man tet, wie man sich bewegt. Bei Männer-Shows muss man einfach nur loslaufen«, sagt Pejic. Zuletzt warb er sogar für einen Push-up-BH. »Als Frau bin ich sexy, als Mann schlicht«, beschreibt er sich selbst.

Gaultier liebt das Spiel mit Frauen- und Männerbildern. Er lässt seine männlichen Models nicht nur weiblich aussehen, sondern seine weiblichen Models auch männlich. So wie Raquel Zimmermann, die für ihn bereits 2009 in einer Kampagne sowohl als Mann als auch als Frau posierte.

in ein dabei lasziv er als

Und Pejic ist nicht der einzige »Femiman« der Modewelt. Konkurrenz bekommt er unter anderem von Stav Strashko. Dieser bricht ein weiteres Tabu der Modebranche: Die Vorstellung, nur Frauen könnten in Unterwäsche für Autos werben. In einem Toyota-Werbespot, der nur Japan ausgestrahlt wird, zeigt er, wie sexy-weiblich Mann sein kann. Das ukrainische Model trägt nur einen roten Slip und eine Lederjacke, die er zu Boden wirft. Erst am Ende des Clips wird Mann erkennbar.

Von einer Volungsfähige schlechterspielen zu bleiben. Die Androgynität Karriewie ihre Kolleginnen.

raussetzung rückt die sonst so wandModebranche aber bei all den Genicht ab: Size Zero scheint Pflicht männlichen Models, die mit ihrer re machen, sind genauso dünn

Die »Femimen« können sodenn ihre Hüften sind schDamit wird der fragwürdinoch für die Modewelt optimiert Figur könnte zur allgemeingültiten Körperform der nahen Zukunft

gar noch schlanker sein, maler als die einer Frau. ge Magerwahn sogar - und die männliche gen perfektionierwerden.

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SPIEL OHNE GESCHLECHTER

Eine Dessous-Kampagne ist normalerweise eher sexy als befremdlich. Auf den Werbefotos des spanischen Wäschelabels Jane Pain allerdings wurden die weiblichen Genitalien der Models wegretuschiert. Übrig bleibt weder Mann noch Frau.


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Text: Tillmann Pr端fer

INTERVIEW ANDREJ PEJIC

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«Als Frau bin ich sexy, als Mann schlicht» Er ist das einzige als auch Frauverkörpert er eidie Auflösung der

Model, das sowohl Männerenmode präsentiert. Damit nen revolutionären Trend, Geschlechtergrenzen.

ZEITmagazin: Herr Pejic, fühlen Sie sich eher als Mann oder als Frau? Andrej Pejic: Manchmal eher männlich und manchmal eher weiblich. Viele finden mich zurzeit sicher eher feminin, aber ich bin beides. Und fühle mich momentan sehr wohl damit. ZEITmagazin: Wann haben Sie Ihre feminine Seite entdeckt? Pejic: Schon als ich sehr jung war, habe ich mich für die Garderobe meiner Mutter interessiert. Und solange man ein Kind ist, finden das alle auch noch süß. Erst als ich älter wurde, habe ich gemerkt, dass es eine feine Linie gibt zwischen Jungen und Mädchen. ZEITmagazin: Und dann war es nicht mehr süß? Pejic: Nein, es war dann nicht mehr okay, dass ich mit Puppen gespielt und Make-up aufgetragen habe. So zwischen acht und zwölf Jahren hatte ich eine Zeit, in der ich mit aller Kraft versuchte, ein richtiger Junge zu sein. Aber es hat nicht sehr gut funktioniert. ZEITmagazin: Sie sind in Bosnien geboren, kurz vor dem Krieg, und haben bis zum achten Lebensjahr in Serbien gelebt – das klingt für mich nicht nach einer Umgebung, die viel Rücksicht auf sexuelle Selbstfindung nimmt... Pejic: Serbien ist bestimmt kein sehr tolerantes Land. Aber ich war ein süßes Kind, da hat man mir viel verziehen. Die harte Zeit begann für mich erst, als ich älter wurde. Ich habe meiner Mutter viel zu verdanken, die uns in dieser krisengeschüttelten Zeit sehr behütet aufgezogen hat. ZEITmagazin: Wie war Ihr Elternhaus? Pejic: Mein Vater war Ökonom, jetzt arbeitet er in Bosnien in der Tourismusindustrie. Meine Mutter war Rechtsanwältin – als wir nach Australien umsiedelten, studierte sie noch einmal, heute ist sie Lehrerin. ZEITmagazin: Also eine Mittelklassefamilie? Pejic: Wir kamen aus der Mittelklasse, ja. Aber nach dem Krieg waren wir eine arme Familie – ich fühle mich eher als Arbeiterkind. ZEITmagazin: Wie haben Sie sich dort zurechtgefunden als Achtjähriger in einem fremden Land? Pejic: Es war hart. Es gab zum Beispiel kein Integrationsprogramm für Ausländer. Ich saß in der Klasse, sprach kein Wort

Englisch und versuchte, etpen. Aber wenn man ein leichter. Ich habe ein Jahr Sprache zu lernen. ZEITmagazin: Seit Pejic: Ich habe gelesen und gerne habe nie an eine ZEITmagazin: Jahr als Model. Pejic: Ich verMelbourne. kaufte in der ZEITn e Pejic: fah-

was aufzuschnapKind ist, ist das gebraucht, um die

wann interessiert Sie Mode? schon früh Modemagazine Kleidung gekauft – aber ich Modelkarriere gedacht. Sie arbeiten seit etwa einem Wie wurden Sie denn entdeckt? kaufte Obst auf einem Markt in Ein Modelagent kam vorbei und Erdbeeren bei mir. Er fragte, ob ich Agentur vorbeischauen wollte. magazin: Ohne zu wissen, dass Sie keiFrau sind? Das haben sie in der Agentur erst später erren, aber sie fanden es noch interessanter.

ZEITmagazin: Ich habe gelesen, Sie seien in Melbourne auf dem Flughafen angesprochen worden. Pejic: Wissen Sie, ich werde so oft gefragt, wie ich entdeckt wurde – da variiere ich etwas, um die Sache interessant zu halten. Jede Geschichte hat ihre eigene Wahrheit. ZEITmagazin: Zurzeit sind Sie das einzige prominente Model, das sowohl Männer- als auch Frauenmode trägt. Wann haben Sie das erste Mal Frauenmode vorgeführt? Pejic: Ich bin schon für ein paar australische Marken auf dem Laufsteg gewesen, mein erster großer Auftritt war aber für Gaultier auf der Pariser Haute Couture Show im Januar. Es hat etwas gedauert, bis man mir Damenmode zutraute, weil man bezweifelte, dass ich den Körper dafür habe. Aber offenbar habe ich ihn. ZEITmagazin: Ist es ein Unterschied für Sie, Frauen- oder Männermode zu präsentieren? Pejic: Damenmode ist viel anspruchsvoller. Es kommt darauf an, wie man schreitet, wie man sich bewegt. Bei Männer-Shows muss man einfach nur loslaufen. ZEITmagazin: Können Sie im Kopf zwischen Frau und Mann umschalten? Pejic: Ich weiß, welche Erwartungen an mich gestellt werden. Als Frau bin ich sinnlich und sexy. Als Mann bin ich eher – schlicht. ZEITmagazin: Mann zu sein bedeutet, schlicht zu sein? Pejic: Auf die Mode bezogen – ja.


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PROTEST GEGEN AUSBEUTUNG Text: Johanna Björk

Ein Stundenlohn von 1,50 Euro, angeboten von einer Organisation, die sich weltweit für faire Löhne einsetzt - das fand Mario Schenk unerträglich. Er antwortete auf die Praktikumsannonce mit einer NichtBewerbung. Statt des Personalchefs meldeten sich bei ihm Leidensgenossen aus ganz Deutschland.

Ein bezahltes Praktikum in einem SüdamerikaProjekt, ausgeschrieben von einer Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Berlin - die Stelle scheint wie geschaffen für Mario Schenk. Sein Lateinamerikanistik-Studium wird er in wenigen Wochen abschließen, er spricht fließend Englisch, Spanisch und Portugiesisch, hat jahrelang in Südamerika gelebt und schon für Nichtregierungsorganisationen gearbeitet. Der ideale Kandidat. Doch auf seinem Anschreiben prangt nicht »Bewerbung« als Betreff, sondern »Nicht-Bewerbung«. Es beginnt mit den Zeilen: »Hiermit bewerbe ich mich nicht auf die Praktikumsstelle für den Bereich ‚Projekte der Entwicklungszusammenarbeit und Öffentlichkeitsarbeit‘ in Berlin. Ich kann mir die von Ihnen ausgeschriebene Stelle einfach nicht leisten.« Eigentlich hatte Schenk eine konventionelle Bewerbung schicken wollen. Doch dann hat er es sich anders überlegt: »Ich habe beim Arbeitgeber angerufen und nachgefragt: Was ist genau mit Aufwandsentschädigung gemeint? Und was bedeutet die Angabe, dass das Praktikum mindestens drei Monate dauern soll? Dann erfuhr ich, dass es um eine 40-StundenWoche geht, für die Leute bevorzugt werden, die sechs Monate bleiben. Und das alles für eine Entschädigung von 250 Euro im Monat.« Ein Stundenlohn von rund 1,50 Euro, davon würde er nicht einmal leben können, wenn es ihm gelänge, zusätzlich ein Stipendium an Land zu ziehen. Besonders erboste ihn, dass ausgerechnet eine Organisation, die sich weltweit für faire Löhne einsetzt, ihre Praktikanten in Deutschland zu Bedingungen beschäftigt, die an Ausbeutung grenzen. »Das war das i-Tüpfelchen«, sagt Schenk. Er formulierte eine mehrseitige Nicht-Bewerbung, um der Organisation zu zeigen: Es gibt hier einen qualifizierten, interessierten Bewerber, dem es allerdings nicht möglich ist, unter diesen Bedingungen zu arbeiten. Die Stelle anzunehmen sei nur für diejenigen realistisch, die sie entweder durch einen zweiten Job finanzierten oder aus reichem Elternhaus stammten, schrieb er. Seinen Lebenslauf legte er ebenfalls bei, allerdings mit geschwärztem Inhalt. Seine Argumentation: Eine Arbeit, die so schlecht entlohnt wird, entwertet geradezu das Können des Arbeitnehmers. Entsprechend »entwertete« er seinen Lebenslauf symbolisch, indem er den Inhalt schwarz markierte.

»DAS FÜNFTE PRAKTIKUM ENTWERTET SICH SELBST« Mit seinem Ärger ist Mario Schenk nicht allein. Thomas Klauck ist schon seit sieben Jahren »diplomierter Chefabsager«. Den Titel hat er sich selbst gegeben, als er 2005 in Berlin die Absageagentur gründete. Unter dem Motto »Verkaufen Sie sich nicht unter Wert - sagen Sie lieber gleich ab«, bot er an, »hochwertige Absagen auf aktuelle Stellenanzeigen zu schreiben«. Die Idee des Philosophen und Kulturwissenschaftlers stößt immer noch auf großes Interesse, erst vor wenigen Monaten war die Absageagentur auf einer Ausstellung in Oldenburg vertreten. Bei der Agentur für Arbeit weiß man, dass Geistes- und Sozialwissenschaftler im Durchschnitt länger suchen müssen als Absolventen anderer Fachrichtungen, bis sie eine Stelle finden, die ihrer Qualifikation entspricht. Als Taxifahrer enden die meisten trotzdem nicht: Statistiken zeigen, dass 70 Prozent der Geistes- und Sozialwissenschaftler nach einem bisweilen schwierigen Start doch noch eine passende Stelle finden. Drei bis fünf Jahre können bis dahin allerdings vergehen. Ingrid Arbeitlang vom Hochschulteam der Berliner Agentur für Arbeit erlebt täglich, wie hart diese Zeit des Wartens ist: »Viele Absolventen nehmen aus lauter Verzweiflung fast jedes Praktikum an. Aber das ist, denke ich, nicht die richtige Strategie. Das fünfte Praktikum mit fünfmal der gleichen Arbeitsaufgabe entwertet sich selbst.« Manchen wird die Entscheidung für oder wider ein weiteres Praktikum dadurch abgenommen, dass sie sich die Praktikumstelle sowieso nicht leisten können - so wie Mario Schenk. Denn auch die Agentur für Arbeit fördert Praktika im Normalfall nicht. Ein Hochschulabsolvent, der Arbeitslosengeld II bezieht und ein Praktikum beginnen möchte, bekommt nur dann weiterhin Unterstützung, wenn sein Betreuer vom Arbeitsamt in dem Praktikum eine reelle Chance für den Berufseinstieg sieht.

SOLIDARISCHE GRÜSSE AUS GANZ DEUTSCHLAND Diesen Charakter haben viele Praktika aber verloren. Sie werden ausgeschrieben, um eine Stelle einzusparen, nicht, um qualifizierte Mitarbeiter zu rekrutieren. Ingrid Arbeitlang hält es daher für notwendig, dass Arbeitgeber wie auch Gesetzgeber über Wege nachdenken, Praktika wieder zu dem zu machen, was sie ursprünglich einmal waren: »Die Frage ist, ob man nicht konsequent die Forderung erhebt, dass Unternehmen nur noch Studenten als Praktikanten einstellen sollten. Aber im Moment macht das nur ein Teil der Arbeitgeber - was dann zur Folge hat, dass zu mir Absolventen kommen, die sagen: Ich werde nicht genommen, weil ich kein Student mehr bin. Und für die stellt sich dann die Frage, wie sie den Berufseinstieg schaffen sollen, noch mal in verschärfter Form.« Weil entsprechende gesetzliche Regelungen nicht in Sicht sind, hält es Arbeitlang für sinnvoll, dass sich Betroffene wehren und auf Ausbeutung aufmerksam machen - wie Mario Schenk es getan hat. Von der Berliner Nichtregierungsorganisation hat er zwar nie eine Antwort bekommen, dafür aber jede Menge solidarische Grüße aus ganz Deutschland. Nachdem er seine Nicht-Bewerbung eingereicht

hatte, schickte er eine Kopie per E-Mail an seine Freunde und Kommilitonen. Und die leiteten sie an ihre Freunde und Bekannte weiter. Nach und nach erhielt Schenk Dutzende E-Mails von Menschen, die seine Erfahrung teilten. »Natürlich war das ein tolles Gefühl, so viel Resonanz zu bwekommen«, sagt er. »Gleichzeitig hat es mich noch wütender gemacht. Es war eine Bestätigung für mich, aber auch eine traurige Bestätigung der Tatsache, dass das Problem sehr viele Menschen betrifft.« Die Nicht-Bewerbung könne er nur weiterempfehlen: »Natürlich hat es Zeit gekostet, eine sachliche und gut argumentierende Nicht-Bewerbung zu schreiben. Und das habe ich just zu der Zeit gemacht, als ich in der Endphase der Magisterarbeit war. Das hat der Arbeit sicher nicht gut getan. Mir aber schon. Denn das musste einfach raus.«

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» Hiermit bewerbe ich mich ... nicht

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Protestbrief: Mario Schenk hat Lateinamerikanistik studiert, spricht fließend Englisch, Spanisch und Portugiesisch und wäre der perfekte Kandidat für die Praktikumsstelle, die eine Berliner Nichtregierungsorganisation ausgeschrieben hat. Das einzige Problem: Er kann nicht von 250 Euro im Monat leben. Also schreibt er kurzerhand eine Nicht-Bewerbung.


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Text: Stephan A. Jansen

Die Fähigkeit zum widerstand

Merkwürdigkeiten aus den Manegen des Managements.

Man sollte locker bleiben, wenn es hart auf hart kommt. Resilienzmanagement, also die Fähigkeit, eine Organisation nach Störungen, Schocks, Krisen zu stabilisieren, wird im 21. Jahrhundert zur Kernkompetenz.

Resilienzfähigkeit heißt die Hoffnung dieser Tage. Der Begriff bezeichnet eine besondere Toleranz gegenüber Turbulenzen. Terror, Natur- und Zivilisationskatastrophen, Wirtschaftskrisen, Staatspleiten, Konjunkturzyklen, sprunghafte Veränderungen der Nachfrage oder rigide Gesetzesänderungen - all das sind gute Gründe, mal abzustürzen. Gab es in den Achtzigerjahren das politische Projekt »Great Moderation«, also die Hoffnung, abrupte Ausschläge zu dämpfen, leben wir nun wieder in einem »Paradigma der Plötzlichkeit«, das im engeren Sinne politische und unternehmerische Geistesgegenwärtigkeit braucht. Der Warnwert von Vokabeln wie Krise oder Krisenmanagement hat nach einer Vergleichsanalyse der Soziologin Jenny Preunkert anhand des Social Science Citation Index von 1960 zu 2010 deutlich verloren: Die Nennungen haben sich versechsfacht.

TURBULENZEN: VON SCHWÄNEN UND GROSSEN VÖGELN Seit Nassim Taleb in seinem Bestseller »Der schwarze Schwan« das unwahrscheinliche Ereignis zur Normalität er klärte, ist es zum Volkssport geworden, über extrem unwahrscheinliche Ausnahmesituationen zu spekulieren. Wer aber nach Vorbildern für wahrhafte Turbulenzen sucht, wird in der Luftfahrtindustrie fündig. Ein Forscherteam um Jody Hoffer Gittell zeigte: Der Terrorangriff am 11. September 2001 war ein extrem unwahrscheinliches Ereignis. Alle großen Fluggesellschaften haben gleichermaßen unmittelbare wie massive Kurseinbrüche an

den Börsen zu verzeichnen gehabt - psychologisch gut begründbar.

Umgang mit plötzlich geänderten Umweltbedingungen.

Die Kurserholung war jedoch ausgesprochen unterschiedlich: Während Southwest Airlines vier Jahre später zumindest wieder 92 Prozent des Ausgangsniveaus erreichte, lagen United Airlines und US Airways lediglich bei 12 beziehungsweise 23 Prozent dieses Niveaus. US Airways stand seit 2004 unter Gläubigerschutz. Die Analyse zeigt interessante Ergebnisse: eine negative Korrelation zwischen Wiederaufstieg und Entlassungen - und eine positive Korrelation zwischen der Höhe des Kassenbestandes und der Entlassungspolitik. Widerstandsfähiger waren Fluglinien mit höherem Kassenbestand, der ihnen in turbulenten Zeiten eine nachhaltigere Personalpolitik ermöglichte. Southwest stellte in der Folge Personal der schrumpfenden Konkurrenten ein und ist heute nach Delta die Fluggesellschaft mit den meisten Passagieren auf der Welt.

Katastrophen, Trauer und Depression oder die Fehlertoleranz technischer Systeme - das sind längst die großen Themen der Resilienzforschung in den Umweltwissenschaften, der Psychologie oder den Ingenieurwissenschaften. Die Wirtschaftswissenschaften und die Managementtheorie dagegen hofften auf die Selbstreinigung der Märkte. Aber die Verwundbarkeiten - ob bei Staaten oder den fragilen Giganten, die absichtlich oder zufällig für das Toobig-to-fail-Prinzip stehen - erfordern von der Politik fortwährend Ad-hoc-Maßnahmen.

RESILIENZ: IDEE UND KONZEPT Was sich im Sturm biegt, aber stabil bleibt, beeindruckt nicht nur Bambus-Züchter. Die aktuellen Organisations- und Managementtheorien widmen sich seit gut zehn Jahren vermehrt der Resilienzforschung, kurz: der Erforschung der Bedingungen, wie der Ausnahmezustand in den (nächsten) Grundzustand überführt werden kann. Dabei geht es zunächst erstens um Prävention durch Vorhersage, zweitens Reaktionsgeschwindigkeit und drittens das Erzielen von Vorteilen durch klugen

Widerstandsfähigkeit entsteht in einem besonderen Beziehungsmanagement, wenn es gelingt, das vermeintlich Fragile, Lockere, Unnötige und NochUnsortierte in Beziehung zu setzen. Die Frage, wie schnell und wie gut eine Organisation Innovationen umsetzen kann, wird zur Kernaufgabe des Managements und der Aufsichtsorgane.

DESIGN ROBUSTER SYSTEME Die Designanthropologin Yana Milev fordert mit Bezug auf den Schriftsteller Ernst Jünger in ihren Überlegungen zu einem »Emergency Design«: »Runter von den Mamorklippen!« In der neuen Tektonik werden fragilere Designs benötigt, Paläste sind unpraktisch in Zeiten der Plötzlichkeit. Die beiden amerikanischen Managementforsche-


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rinnen Cynthia Lengnick-Hall und Tammy Beck schlagen vor, unter der Widerstandsfähigkeit einer Organisation jene firmenspezifisch einzigartige Mischung zu verstehen, mit der sie bei Problemen reaktionsschnell Lösungen entwickelt und immer wieder überprüft, entweder als Anpassung oder als robuste Transformation von Geschäft und dessen Organisation. Diese Prinzipien sind abstrakt und deswegen praktisch:

REPERTOIRE DER ROUTINEN Wie erkennt man Überraschungen? Indem man seine Beobachtungsroutinen beobachtet und sich fragt, ob man Überraschendes überhaupt wahrnimmt - oder nur noch selbstbestätigende Informationen. Dabei hilft, nicht nur mit den bekannten, sondern auch mit eher fernen Anspruchsgruppen in Beziehung zu treten - so lässt sich die Komplexität der Beobachtung erhöhen, um sie dann für das Unternehmen zu reduzieren. Der Organisationspsychologe Karl E. Weick nennt das in Bezug auf den Anthropologen Claude LéviStrauss »Bricolage«, was - abgeleitet vom Verb »bricoler« (basteln, tüfteln) - jene aus der Jugendkultur bekannte Technik beschreibt, Gegenstände in neuen Kontext zu stellen und künstlich zusammenzusetzen. Interessant sind alle nicht vorgezeichneten und nicht abstrakt erklärbaren Bewegungen. Wer so seine Beobachtungsfähigkeit schult und auf Überraschungen eicht, kann in der Arbeit mit Krisenszenarien vorbereitete Lösungsszenarien schneller schalten.

TANZ DER REDUNDANZ Redundanz ist die Versicherungsprämie für Unternehmen in Zeiten der Plötzlichkeit: Sei es durch Ersatz (Notstromaggregate), durch Vervielfältigung und Verlinkung (redundante Zugrifforte und -wege) oder durch Spiegelung, wo Einzelteile die Information des Ganzen enthalten. Redundanz ist also teuer - keine Redundanz kann teurer werden. Es gibt die Faustregel der Sicherheitsökonomie: »Jeder Euro für Risikominimierung spart vier bis sieben Euro an Folgekosten.« Versicherungen sind in diesem Falle sowohl eine Vielfalt von Produkten, Märkten, Prozessen und eben auch Finanzierungsmittel oder ein potenzielles Netzwerk von Akteuren, die Hilfe leisten können. Die klassische Betriebswirtschaftslehre weiß vor allem, was sich durch den Verzicht auf Redundanz einsparen lässt - nicht aber, welchen Wert sie schaffen kann. Während auf Effizienz schauende Unternehmen im Dauerlauf reduzieren und wieder aufbauen, können redundantere resiliente Organisationen tanzen. Resilienz bekommt damit eine besondere Qualität: »Spare in der Zeit, dann hast du in der Not.« Und die Redundanz wird zu einer Art Zeit-Puffer, der einem im Paradigma der Plötzlichkeit hilft. Dies war übrigens bei Arbeitszeitkonten, Kurzarbeit und weiteren beschäftigungssichernden Flexibilisierungs-Maßnahmen zu beobachten und wird es wieder sein.

DEMONTAGE DER DOMINO-DOMINANZ Domino-Spielen ist eigentlich nur überraschend, wenn ein Steinchen nicht umfällt. Widerstandsfähige Organisationen sind genau dann interessant, wenn sie einmal nicht direkt reagieren - also die Kettenreaktion der Krise unterbrechen. Dann kann ein Zeitgewinn entstehen, mit dem vermieden werden kann, dass ein Fehler von einem Teilsystem das Gesamtsystem lahmlegt. Wenn die Steine der Reihe nach fallen, lässt sich oft noch etwas durch Überholen retten - komplexere Kettenreaktionen aber lassen sich nicht mehr überholen, nur unterbrechen. Und zwar nicht, indem man die Ursache ausschaltet, sondern sich verantwortlich gegen die infektiöse Wirkung schützt. Resiliente Organisationen suchen deshalb nach Möglichkeiten, sich der Kettenreaktion durch die Analyse einseitiger Abhängigkeiten zu entziehen. Sie brauchen also ein Design, das die Überraschung routinisiert, die Redundanz achtet und auf Bewegungen nicht nur automatisch reagiert. Nur dann bleibt Organisationen die Zeit, zum Grundzustand zurückzukehren oder eben auch eine Transformation noch zu erleben. Und dann fliegt auch das turbulente Geschäft. ---------Stephan A. Jansen, Lehrstuhl Strategische Organisation & Finanzierung und Direktor des Civil Society Center (CiSoC) an der Zeppelin Universität Friedrichshafen und dort Gründungspräsident

Literatur Scott Somers (2009): Measuring Resilience Potential: An Adaptive Strategy for Organizational Crisis Planning. In: Journal of Contingencies and Crisis Management, 17, 1; S. 12-23 Jody Hoffer Gittell / Kim Cameron / Sandy Lim / Victor Rivas (2006): Relationships, Layoffs, and Organizational Resilience: Airline Industry Responses to September 11. In: Journal of Applied Behavioral Science 42; S. 300-329 Nassim Nicholas Taleb (2010): Der Schwarze Schwan - Konsequenzen aus der Krise Yana Milev (2011): Emergency Design Cynthia A. Lengnick-Hall / Tammy E. Beck (2005): Adaptive Fit Versus Robust Transformation - How Organizations Respond to Environmental Change. In: Journal of Management, 31; S. 738-757

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LENKT EINE SUPERBANK DIE WELT?


UND WIESO GREIFT DER VERGLEICH KONZERN = PSYCHOPATH?

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EINE BANK LENKT DIE WELT

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57 BANK

2007 DER ZUSAMMENBRUCH DES JAHRHUNDERTS

Rückblende: 2007, kurz vor der Krise. Die amerikanische Wirtschaft wähnt sich unbesiegbar. Doch das Land rast ungebremst der Katastrophe entgegen. Und der Kapitän sieht den Eisberg nicht kommen. George W. Bush, damaliger Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika: »Hoffnung und Chancen beruhen auf einer wachsenden Wirtschaft. Und die haben wir!«

EIN FILM VON JÉROME FRITEL & MARC ROCHE Seit Jahren provozieren die Exzesse der Finanzwelt die Wut der Menschen. Eine Finanzwelt, die offenbar jedes Maß verloren hat, verkörpert von einer übermächtigen Bank - Goldman Sachs.

Zur selben Zeit schaffen es bereits Tausende Amerikaner nicht mehr ihre Immobilienkredite zurück zu bezahlen. Nur wenige Monate später stehen 7 Millionen Familien vor der Obdachlosigkeit. Armenküchen, provisorische Unterkünfte, Zeltdörfer - in Amerika herrscht wieder Massenarmut. 75 Jahre nach der Großen Depression. Eine Amerikanerin vor ihrem Auto. Es ist Nacht. »Hier lebe ich, das ist mein Schrank und alles, was ich besitze. Dort habe ich früher gewohnt. Ich hatte zwei Häuser. Das hier hatte ich für eine Million gekauft.« Sie zeigt auf ein Foto.

Sie beschäftigt 30.000 Menschen, die das Geld 24 Stunden am Tag um den Globus jagen.

An der Wall Street ist die Euphorie ungetrübt. »Solange die Musik spielt, tanzen wir weiter« erklärt ein Bankenvorstand. Also tanzt die Wall Street. Im Juli erreicht der Börsen-Index sogar ein historisches Hoch (4000.4, Anm. d. Red.). Goldman Sachs dagegen hat bereits die Tanzfläche verlassen und beschlossen gegen die amerikanischen Haushalte zu spekulieren. Es ist eine Bank ohne Zweigstellen, ohne Firmenschild, ohne Gesicht. Sie arbeitet nie mit Privatkunden, sondern ausschließlich für handverlesene Großkonzerne wie Ford, BP, Asselan Metall oder facebook. Und für Regierungen - die der USA, Chinas, Russlands. Ihr Sitz ist ein anonymes Hochhaus in New York, einen Steinwurf vom neuen World Trade Center. Hinter den Fenstern dort beraten Goldmans Banker ihre Kunden, aber vor allem spekulieren sie in die eigene Tasche. Sie sind die Herren der Weltfinanz.

»Sie sind beinahe wie Roboter, sie sind darauf ausgerichtet ihre Position zu halten und ihre Macht zu wahren.«

William COHAN, NEW YORK

»Wenn es eine einzelne Bank gibt, die über lange Zeit die öffentliche Meinung beeinflusst hat, dann ist das Goldman Sachs.« Eine Bank? Eher schon ein Imperium. Mit 700 Milliarden Euro im Rücken – das ist das Doppelte des französischen Staatshaushalts - wettet dieser Finanzriese auf alles Erdenkliche um immer mehr Profite einzustreichen. »Es ist die Geldmaschinerie schlechthin.«

Zwischen Frankfurt und Rom, zwischen London und Washington haben die Banker von Goldman Sachs weltweit ein einzigartiges Netz geflochten. »Es ist faszinierend wieviele ehemalige Goldman -Leute in der Finanzwelt an entschiedenen Stellen sitzen.« Ganz gleich wo und in welcher Form die Krise zuschlägt und wie heftig sie sein mag, nichts zwingt Goldman Sachs in die Knie. »Regierungen wechseln, Goldman Sachs bleibt.« Haben die Regierungen, die davor zurückschrecken einem der Hauptverantwortlichen für die weltweite Krise die Stirn zu bieten, schlicht und einfach das Feld geräumt? »SHUT DOWN WALLSTREET!SHUT DOWN WALLSTREET!«

Marc ROCHE, PARIS

Journalist der Tageszeitung »Le Monde«, Autor von »Die Bank«: »Goldman Sachs ist nicht irgendeine Bank, sondern die mächtigste der Welt und vor allem von einem undurchdringbaren Geheimnis umhüllt. Während meiner Arbeit als Finanzjournalist, die ich seit 35 Jahren ausübe, habe ich erlebt wie Goldman Sachs von einer altväterlichen Bank mit einfachen und durchsichtigen Transaktionen zu einem gigantischen Supermarkt für Spekulationen und Risiken aller Art wurde. 2007 steht Goldman Sachs auf dem Höhepunkt seiner Macht. Dank der Politik des billigen Geldes und vor allem der totalen De-Reglementierung im Finanzbereich. Die Trader haben die Macht übernommen, weil sie das meiste Geld einfahren - so will es die Unternehmenskultur von Goldman Sachs. Derjenige der am meisten Geld einfährt, steht in der Hierarchie ganz oben. Und wie in der Geschichte des Victor Frankenstein entgleitet das Geschöpf seinem Schöpfer.«

Ex-Banker, Buchautor: »Ich habe 17 Jahre an der Wall Street gearbeitet, für LaSard, Maryll Lynch und JP Morgan und überall wollten wir wie Goldman Sachs sein. Sie waren so etwas wie der Goldstandard der Branche. Sie hatten offensichtlich die fähigsten und die klügsten Leute, sie zahlten am besten und sie wollten gewinnen. Ihre Devise lautete: »Es reicht nicht, dass wir Erfolg haben, andere müssen scheitern.« Wer bei Goldman Sachs anfängt, tritt einem Orden bei. Hier haben die Regeln des Hauses Vorrang vor dem Einzelnen. Die Schlagworte des Glaubensbekenntnisses lauten: Gier, Diskretion, Risikofreude. An der Wall Street werden seine Anhänger die Bankermönche genannt.

Steve BANNON, WASHINGTON D.C.

Ex-Banker bei Goldman Sachs: I: »Was bedeutete Goldman Sachs für Sie, als Sie dort anfingen?« B: »Exzellenz und Aufstieg nach Verdienst. Es war egal auf welcher Schule du warst, welcher Religion du angehörtest oder welche Hautfarbe du hattest. Es kam nur darauf an wie hart du gearbeitet hast, wie clever du warst und wie viel Geld du als Banker für deine Kunden gemacht hast. Es war als ob du den Jesuiten beitrittst. Es waren noch die alten Zeiten, vor den Tagen der sogenannten Finanzialisierung, vor den Mathematikern, die mit ihren Rechenmodellen die Wall Street übernahmen.« In den 90er Jahren läutet der Einzug der ersten Mathematiker den Beginn des goldenen Zeitalters für das Finanzgewerbe ein. Goldman Sachs rekrutiert die Besten - sie werden zum Markenzeichen des Unternehmens. Ihre Aufgabe ist es, die Welt in Gleichungen umzuwandeln und für alles was uns umgibt einen Preis festzulegen. Unternehmen, Staaten, Einzelpersonen. Und dann auf Schwankungen zu wetten und die größtmöglichen Gewinne zu erzielen. Als Gegenleistung schüttet »die Firma«, wie sie genannt wird, Millionen an Boni aus.


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Nomi PRINS, NEW YORK Früher Managing Director Goldman Sachs, Buchautorin:

I: »Was motivierte Sie damals? Spielte Geld die große Rolle?« P: »Ja, aber es ging nicht mal so sehr um das Geld an sich, sondern um die Stellung im Unternehmen, die damit verbunden war. Angenommen das übliche Einkommen bei Goldman lag bei 100.000 Dollar. Wenn du es schafftest 150.000 zu verdienen, hieß das du bist ein Gewinner, besser als die anderen. Du stachst hervor. Es ging also nicht um den tatsächlichen Betrag, es ging um den Vergleich. Wievielt macht der Typ über mir? Wievielt macht der Typ unter mir?«

William COHAN:

»Sie holen sich die Leute gerne, wenn sie jung und formbar sind. Dann impfen sie ihnen das System Goldman ein und machen aus ihnen Cyborgs. Diese Sozialisation funktioniert so: Ein Trupp Neulinge wird an einem Freitag Nachmittag vor einem langen Wochenende in den Konferenzraum bestellt. Sie kommen also rein, setzen sich und warten auf den Senior Partner. Es wird 5, kein Partner in Sicht. Es wird 6, immer noch kein Partner. Es wird 7 Uhr, 8 und sie sitzen immer noch da und fragen sich warum sie nicht endlich in ihr Wochenende können. Schließlich sagen 3 oder 4 »Was soll der Unsinn, ich verschwinde. Das ist lächerlich, so ein blödes Spielchen mache ich nicht mit.« Um 10 taucht auf einmal der Senior Partner auf , verteilt ein Schreiben und verlangt, dass jeder es abzeichnet. »Die, die nicht mehr da sind, werden am Montag Morgen gefeuert.«

Nomi PRINS:

I: »Wann und warum haben Sie gekündigt?« P: »Anfang 2002. Ich hatte einfach genug. Am 11. September arbeitete ich im vierten Stock, wo die Abteilung sitzt, die mit Öl und Benzinwerten handelt, also mit allem was mit Flugzeugen zu tun hat. Wir wussten noch nichts genaues, nur das ein Flugzeug in einen der Türme geflogen war. Gary Cohen, der damals die Abteilung leitete und jetzt Präsident von Goldman ist, gab die Anweisung aus weiterzumachen, weil sein Instinkt ihm sagte, dass egal was da gerade vorging, mit der Geschichte eine Menge Geld zu machen sei. Er witterte, wenn es irgendwas mit Flugzeugen zu tun hat, hat es mit Öl zu tun. Und das bedeutet Geld.« I: »Während die Anschläge in Gang waren?« P: »Ja, wir wussten noch nicht ob es ein Terroranschlag war. Aber das war seine erste Reaktion. Diese Leute sind dermaßen fixiert, auf ihren Job, ihre Egos, ihre Boni, auf die interne Konkurrenz und ihre Karriere, dass ihnen alle anderen egal sind.« Goldman Sachs hätte demnach aus den Anschlägen vom 11. September 2001 unmittelbar Kapital geschlagen. Ist das Fehlen von Moral Bestandteil der Goldman Sachs DNS?

Schon einmal hat die Firma auf spektakuläre Weise die rote Linie überschritten. 2007 wettet Goldman Sachs gegen die eigenen Kunden, Stichwort: ABACUSSkandal. Zunächst wählt die Bank besonders riskante Darlehen aus, bündelt sie und schafft so ein neues Hochrisikoprodukt, genannt ABACUS, für das sie sich dennoch die Triple-A-Note geben lässt, die den sichersten Investment-Produkten vorbehalten ist. Dann verkauft Goldman Sachs diese Anlagen seinen Kunden, die nicht wissen, dass die Bank selbst auf den Wertverfall dieser Papiere spekuliert. Ein halbes Jahr später kommt es zur Masseninsolvenz unter den amerikanischen Hausbesitzern. ABACUS stürzt ab. Und die Goldman Sachs Kunden verlieren ihre Investition - umgerechnet 750 Millionen Euro. Die Bank kassiert gleich zweimal. Sie erhält als Vermittler eine Provision und streicht als Spieler den Ertrag ihrer Spekulation ein. Zu den Opfern von Goldman Sachs gehört auch eine deutsche Regional-Bank mit Sitz in Düsseldorf. Die IKB - ein für gewöhnlich vorsichtiger Investor, der aber an der Wall Street in der oberen Liga mitspielen wollte. Der perfekte Dumme für die Goldman Sachs Banker, die den Deutschen für 115 Millionen Euro ABACUSPapiere verkaufen. Ergebnis: Die IKB geht in Konkurs und muss verstaatlicht werden. Für ihre Anleger bedeutet das den Verlust ihrer Ersparnisse.

Heinrich THYWISSEN, DÜSSELDORF

Früherer Aktionär der IKB Deutsche Industriebank: »Die IKB-Bank war eine Mittelstandsbank, und eine sehr konservativ orientierte Bank, mit der man gerne in Geschäftsbeziehung stand. Und ich war Aktionär mit einem Depot von mir, von meinen Kindern, von meinen Verwandten. Man stand eben in ganz langjährigen Geschäftsbeziehungen. Und sie ist zu einer Zockerbank geworden, wenn man das so sehen wollte. Sie hatte eben in Geschäfte investiert, die sie nicht überblickt hat und hat natürlich erhebliche Verluste erlitten.« I: »Haben Sie je von einem Produkt namens ABACUS gehört?« T:»Nein, hab ich noch nichts gehört von. Ich hab erst im Nachhinein was von gehört aber bis zu dieser Katastrophe, wusste ich, hab ich nicht von ABACUS gehört, nein.« Mit der ABACUS-Aktion verabschiedet sich Goldman Sachs endgültig von dem, was der Ruf der Bank ausgemacht hat: Das vertrauensvolle Verhältnis zu ihren Kunden und die Qualität ihrer Anlageempfehlungen. Die Firma funktioniert ab jetzt wie ein undurchsichtiges Spielkasino, in dem nicht mehr die Rede von Kunden ist, sondern von Gegenparteien, sprich potenziellen Opfern.

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59 BANK

Bethany McLEAN, NEW YORK

Ex-Goldman Sachs, Journalistin für »Vanity Fair«: »Das gilt an der Wall Street als eine Art Spiel. Eine Investmentbank wie Goldman tut, als wäre sie dein bester Freund, tatsächlich will sie dir aber nur irgendwas verkaufen. Ein Banker ist ein Treuhänder, dessen Aufgabe es üblicherweise ist, die Interessen seiner Kunden zu wahren. Wenn er seine Kunden aber nun als Opfer betrachtet, und er ihnen etwas verkauft, von dem er weiß, dass es die Kunden ruinieren kann, dann ist eine Linie überschritten. Das ist nicht richtig.« Die ABACUS-Opfer müssen 3 Jahre warten, bevor sie das Gesicht des Gehirns hinter dieser Operation zu sehen bekommen: Der Franzose Fabrice Tourre.

Im Verlauf der Anhörung stellt sich heraus, das Goldman Sachs Fabrice Toure gezielt geopfert hat. Es war die Bank selbst, die seine Mails den Medien zuspielte und zuvor eigens ins Englisch übersetzen ließ. Aber auch wenn er von seinem Arbeitgeber verraten wurde, Toure ist zum Schweigen verurteilt. Schließlich zahlt Goldman Sachs seinen Anwälten ein Vermögen. Die Falle ist perfekt. »Haben Sie eine Idee, warum diese Mails veröffentlicht wurden?« »Nein.« »Stimmt es, dass eigens ein Übersetzer engagiert wurde, um Reportern Ihre privaten Notizen zugänglich zu machen, die für enge Freunde gedacht waren?« »Keine Ahnung.«

Der fabelhafte Fab, wie er sich selbst nennt, ist Mathematiker, Absolvent der Pariser Ingenieurschule École centrale. Er ist 22, als ihn die Firma holt und die perfekte Karikatur des Traders Marke Goldman: ehrgeizig, reich, arrogant. 2010 muss er sich vor einer Untersuchungskommission des US-Senats Fragen zu seiner Rolle bei der Operation ABACUS stellen. Darüber hinaus hat die US-Börsenaufsichtsbehörde SEC Anklage gegen ihn erhoben. »Schwören Sie die Wahrheit zu sagen, und nichts als die Wahrheit….« »Mister Toure…Spreche ich das richtig aus?« »Ja….Herr Vorsitzender, Mitglieder des Ausschusses, …« Die Anhörung wird von den amerikanischen Fernsehsendern live übertragen. So erfährt die Welt anschaulich von den Praktiken und dem Zynismus im Hause Goldman Sachs. »Hinsichtlich einer Transaktion namens ABACUS 07 AC-1 weise ich alle Vorwürfe der Aufsichtsbehörde zurück und werde mich gegen sie vor Gericht verteidigen.« Ein Höhepunkt der Anhörung ist die Veröffentlichung der privaten Mails, die der junge Trader mit seiner Freundin austauschte: 23. JANUAR 2007: »Das ganze Gebäude droht jederzeit einzustürzen. Einziger potenzieller Überlebender: Der fabelhafte Fab.« 07.MÄRZ 2007: »Das Subprime-Geschäft ist vollkommen tot. Und die armen kleinen Darlehensnehmer werden bald in die Knie gehen.« 13.JUNI 2007: »Ich habe gerade ABACUS-Verbindlichkeiten an Witwen und Waisen verkauft, denen ich am Flughafen begegnet bin. Die Belgier, so nennen sie hier die deutschen Banken, sind regelrecht verrückt nach ABACUS-Produkten.« »Ich bedauere diese Mails. Sie werfen ein schlechtes Bild auf die Firma und auf mich. Ich wünschte, ich hätte sie nicht versandt.« Senator Edward E. »Ted« Kaufman gehörte zu denen, die im Ausschuss den fabelhaften Fab befragten.

Edward E. »Ted« KAUFMAN, DELAWARE

Us-Senator 2009 - 2010: I: »Welchen Eindruck machte der Franzose auf Sie?« K: »Einfach arrogant, super, super arrogant. Seine Haltung war: »Sie haben kein Recht mich das zu fragen. ich verstehe mehr davon als Sie. Sie haben keine Ahnung.« Das war natürlich Teil seiner Strategie, weil es einige Dinge gab, über die er nicht sprechen wollte. Aus seiner Sicht war das auch klug. Wenn er die Wahrheit gesagt und ausgepackt hätte, wäre er vermutlich ins Gefängnis gekommen.« I: »Warum war Toure der einzige der vernommen wurde?« K: »Er war jung, verdiente viel Geld und wollte seine Freundin beeindrucken. Von seiner Sorte gibt es eine ganze Menge in der Branche, aber es ist enorm schwierig gegen jemanden an der Wall Street strafrechtlich vorzugehen. Diese Leute sind gerissen und verwischen ihre Spuren sehr gründlich.« I: »Aber Toure nicht?« K: »Nein, er hinterließ seine Spuren überall.«

»Werden Ihre Anwälte von Goldman Sachs bezahlt?« »Ja.« »Herr Vorsitzender, meine Fragezeit ist um….« Fabrice Toure ist bis heute der einzige Angestellte von Goldman Sachs, der vor Gericht steht, er wartet immer noch auf seinen Prozess. Die Anklage gegen die Bank wurde fallengelassen - gegen eine Zahlung von 400 Millionen Dollar. Das ist der Gewinn von zwei Wochen und ohne, dass die Firma die geringste Schuld eingestehen musste. 2007, nachdem Goldman Sachs gegen die eigenen Kunden spekuliert hat, streicht die Bank 13 Milliarden Euro Gewinn ein. Ihr Vorstandschef gewährt sich ein Rekordgehalt von über 50 Millionen Euro. Unter sich sprechen die Manager der Bank von dieser Operation als »The Big Short«, die große Abzocke. Am Schluss der Partie gibt es nur einen Gewinner: Goldman Sachs.

Heinrich THYWISSEN:

»Die Konsequenzen, die raus sind, die Leute…Wer trägt den Schaden letztlich? Nicht wahr, den Schaden tragen Leute wie ich, nicht wahr? So, ja, in der Vielzahl. Und diejenigen, die Gewinne gemacht haben, die leben weiter lustig und fahren ihren Ferrari weiter, ne? So ist das. Ich habe immer noch den Eindruck, dass das das große Casino der Welt ist, immer noch. Und ich glaube da hat sich nicht viel dran geändert. Und wenn ich vor der Wall Street stehe, kriege ich weiter noch so einen Hals, nicht wahr. Und tja, so ist das.«


60 GESELLSCHAFT

2008 EINFLUSSREICHE MÄNNER

Der ABACUS-Skandal und der Konkurs der IKB erscheinen heute wie Vorgeben des großen Crashs, der bald drauf die Welt erschüttern wird. Als die amerikanische Immobilienblase platzt, trifft die Schockwelle nicht nur die Wall Street. Das ganze System des Finanzkapitalismus droht zu kollabieren. Im September steht einer von Goldman Sachs` größten Konkurrenten, die Investmentbank Lehman Brothers vor dem Bankrott. Die US-Regierung soll mit frischem Geld helfen. Finanzminister Hank Paulsen lehnt ab. Lehman Brothers geht unter. »Ich habe nie in Betracht gezogen, Steuergeld für die Rettung von Lehman Brothers zu riskieren.« Bevor er Minister wurde, war Hank Paulsen Vorstandsvorsitzender von Goldman Sachs und hatte die Bank an die Börse gebracht. Als er in der Regierung Busch das Amt des Finanzministers übernahm, gab er seine Goldman SachsAnteile ab - für 200 Millionen Dollar. »Es ist ein wichtiger Tag für alle und ein historischer Moment. Ich bin sicher, dass die heutigen Veränderungen uns helfen werden, im Jahr 2000 und darüber hinaus sehr erfolgreich zu sein.« Worte, die 10 Jahre später wie eine Prophezeiung klingen. Hank Paulsen hat sich nicht nur geweigert den Hauptkonkurrenten von Goldman Sachs zu retten, er entscheidet auch über das Schicksal der größten amerikanischen Versicherungsgesellschaft AIG, die ebenfalls vor dem Konkurs steht.

Falls AIG zusammenbricht, verliert Goldman Sachs umgerechnet 10 Milliarden Euro und gerät selbst in den Strudel. Paulsen organisiert in aller Eile ein Treffen in New York und führt direkte Verhandlungen mit seiner ehemals rechten Hand Lloyd Blankfine - inzwischen Vorstandschef von Goldman Sachs. Und so wird hinter verschlossenen Türen und unter alten Freunden beschlossen AIG zu retten.

William BLACK, NEW YORK

Früherer Finanz-Regulierer: »Hank Paulsen, hatte als Chef von Goldman Sachs persönlich den Milliardenkredit an AIG gebilligt. Und jetzt, als AIG vor dem Aus steht, geht er zu Goldman Sachs, damit die ihm sagen was AIG mit den Schulden bei Goldman Sachs machen soll. Das ist doch krank. Es wird Sie schockieren, aber die Empfehlung der Goldman Leute war: Die Regierung möge die Schulden übernehmen und sofort tilgen. Und sie tat es. Es ist obszön. Das hat den amerikanischen Staat Milliarden von Dollar gekostet.« Dank des Geldes des Steuerzahlers bekommt Goldman Sachs ohne einen Cent Verlust seine 10 Milliarden zurück. Die Sachs-Regierung - wie sie nun heißt, hat die Bank gerettet.

Joshua ROSNER, NEW YORK

Finanzmarkt-Analyst: »Solche Verflechtungen mit der Politik sind der Grund warum Goldman Sachs schon lange angefeindet wird. Als AIG vor dem Zusammenbruch stand, verdiente Goldman daran, oder wurde zumindest vor Verlusten geschützt. Und die Menschen sagten: « Aha, mal wieder, erst verdienen sie an der Krise und jetzt halten ihre Kontaktmänner die Hand über sie.» Da muss doch etwas viel schlimmeres und schmutzigeres dahinter stecken. «

Ted KAUFMAN:

» Natürlich spielt es eine Rolle, wenn Leute in der Regierung und Spitzenmanager der Wall Street alte Freunde sind. Ich meine, Hank Paulsen und Lloyd Blankfine, also bitte!«

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61 BANK

Ende 2008, es sind die schlimmsten Tage der Finanzkrise, weist Goldman Sachs anderthalb Milliarden Euro Gewinn aus. Die Bank hat vom Verschwinden ihrer Hauptrivalen bestens profitiert. Ein halbes Jahr nachdem er aus dem Amt geschieden ist, wird Hank Paulsen vom amerikanischen Kongress vorgeladen. Die Abgeordneten fordern Erklärungen.

Präsident OBAMA:

»Sie helfen AIG und lassen Lehman Brothers bankrott gehen? Goldmans größten Konkurrenten? Hätten Sie nicht sagen sollen: «Alle meine alten Kumpel sind bei Goldman Sachs. Ich finde nicht, dass ich darüber entscheiden sollte, ob Lehman Brothers bankrott geht. Ich sollte mich da raus halten.» Hier liegt ein derartiger Interessenkonflikt vor, und ihr Jungs merkt nicht mal, dass ihr Leuten helft, denen ihr verpflichtet seid? Das ist ungeheuerlich!« » Ich bin bei Goldman Sachs ausgeschieden und habe meine Anteile verkauft.« »Sie haben 200 Millionen Dollar Profit gemacht ohne dafür Steuern zu zahlen! Stimmt das? Ja oder nein?« »Auf Aktienverkäufe zahlt man keine Steuern.« »Gibt es für Sie nie einen Interessenkonflikt? Haben Sie keinerlei ethische Bedenken bei all dem?« »Absolut. Ich halte mich ständig sehr eng an die ethischen Richtlinien, die dem Finanzminister gegeben sind….«

Simon JOHNSON:

Hank Paulsen, Goldman Sachs ehemaliger Vorstandschef, späterer Finanzminister, wird von der Justiz nie behelligt. Die Bank zeigt ihr wahres Gesicht. Sie ist weit mehr als ein Finanzimperium. Sie ist ein Staat im Staate.

2009 DER BANKER GOTTES Das Jahr 2009 beginnt mit einer Kraftprobe zwischen dem neuen Präsidenten der ersten Wirtschaftsmacht der Welt und dem Vorstandsvorsitzenden der einflussreichsten Bank auf Erden. Unmittelbar nach seinem Amtsantritt bestellt Obama die 13 führenden amerikanischen Banker zu sich. Unter ihnen: die Nummer 1 bei Goldman Sachs, Lloyd Blankfine. Obama warnt sie: »Draußen erwartet euch das Volk mit Mistgabeln, es will Köpfe rollen sehen.« Die Lage ist in der Tat ernst. Das Land steckt in der Rezession und die Banken überleben nur weil Hunderte Milliarden Dollar öffentlicher Gelder in das System gepumpt werden. Obama ist bereit diese Hilfe aufrecht zu erhalten, fordert aber im Gegenzug die Unterstützung der Banker für eine Reform des Finanzsystems. »Guten Tag, ich bin John Stumpf von Wells Fargo. Danke, dass Sie hier sind. Wir hatten ein wunderbares Treffen mit dem Präsidenten. Die Botschaft lautet: Wir sind alle in einem Boot. « Die Banker atmen auf. Es werden keine Köpfe rollen. Weder an diesem Tag, noch später.

Simon JOHNSON, BOSTON

Chefökonom des IWF 2008 - 2008: »Zu Beginn des Treffens waren die Banker ziemlich beunruhigt. Sie dachten, nicht ohne Grund, der Präsident würde sie für die Katastrophe, die sie ausgelöst hatten, zur Verantwortung ziehen. « I: »Aber das tat er nicht?« J: »Ich war überrascht wie die Obama-Regierung die Dinge handhabte, jedenfalls nicht auf die beste Weise. Ich war Chefökonom des internationalen Währungsfonds, und habe über 20 Jahre lang mit Finanzkrisen zu tun gehabt. Was sie auf keinen Fall tun dürfen, ist alle Verantwortlichen einfach auf ihren Positionen zu belassen. Wenn ein Staat, der beim IWF Hilfe sucht, so etwas vorschlagen würde, wäre die Antwort »Nein, das ist nicht akzeptabel.« Aber genau das haben die USA getan. « I: »Haben Sie dafür eine Erklärung?« J: »Die Ideologie lautet: Die Wall Street ist gut. Die wissen was sie tun. Banken sind gut. Größere Banken sind besser, und globale Megabanken wie Goldman Sachs sind am besten. Das ist die Ideologie. Und übrigens, völlig falsch.« Im September 2009 ist Obama in New York. Das Kräfteverhältnis hat sich geändert. Die Banken machen wieder Profite, die fantastischen Boni sind wieder da, und die Wall Street schwingt wieder das Tanzbein im Casino als hätte es die Krise nie gegeben. Der Präsident prangert die Verantwortungslosigkeit der Finanzwelt an. Der Goldman Sachs Chef zieht es vor dem Anlass fern zu bleiben.

»Einige in der Finanzwelt haben es nicht verstanden. Deshalb hören Sie alle jetzt gut zu. Es gibt kein Zurück zu den Tagen verantwortungslosen Verhaltens und der Exzesse, die der Grund für die Krise waren. Tatsache ist: Viele der Firmen, denen es wieder gut geht, verdanken das dem amerikanischen Volk.« »Im März 2009 hatte die Regierung gegenüber den Banken eine starke Position. Sie entschied wer gerettet wurde und wer nicht. 6 Monate später hat sich das Blatt gewendet und die Banken halten alle, oder fast alle Trümpfe in der Hand.« Goldman Sachs hat das Kräftemessen mit dem Weissen Haus gewonnen. Innerhalb eines halben Jahres ist es der Bank gelungen sich in der Obama-Regierung Gehör zu verschaffen und Reformansätze zu entschärfen. Ganz gleich welcher politischen Couleur der Präsident angehört, Goldman Sachs ist in Washington immer gut vertreten. Seit Jahrzehnten spinnt die Bank ihr Netz im Herzen der Macht. Ministerien, Kongress, Bundesagenturen - keine Institution entgeht ihr. Kritiker beschreiben Goldman Sachs als Krake. »Sie müssen niemanden bestechen, sie platzieren einfach ihre Leute in Spitzenpositionen. In den USA, aber auch in internationalen Institutionen, im Währungsfond, in der Weltbank. Das Problem ist, dass Goldman Sachs dabei nicht mal ansatzweise die Gefahr von Interessenkonflikten sieht.« Die Einflussnahme von Goldman Sachs auf die Regierung funktioniert auf mehreren Ebenen. Den ersten Kreis bilden die Männer des Weissen Hauses um einen ehemaligen Vorstandsvorsitzenden der Bank: Robert RUBIN. Er war Bill Clintons Finanzminister und hält den direkten Zugang zum Präsidenten. Mark PATTERSON, Kabinettschef des jetzigen Finanzministers und Wirtschaftsstaatssekretär Robert HORMATS vervollständigen das Team. Der zweite Kreis besteht aus den Männern der Zentralbank und den sogenannten Regulatoren. Da sind vor allem der Vorsitzende der New Yorker Federal Reserve Bank William DUDLEY und Gary GENSLER, der den Rohstoffmarkt überwacht. In der Börsenaufsicht SIC ist Adam STORCH verantwortlich für die laufenden Untersuchungen, auch er ein ehemaliger Goldman Sachs Mann. Der letzte Kreis beeinflusst die internationalen Institutionen. Robert ZOELLICK hat sich gerade erst vom Vorsitz der Weltbank verabschiedet, während Mark CARNEY, Direktor der kanadischen Nationalbank die Leitung des Rates für Finanzstabilität übernimmt, der die Aufgabe hat das internationale Finanzsystem zu reformieren. Keiner dieser Männer wollte die Fragen der Filmemacher beantworten. Auch die Interviewfragen bei Goldman Sachs wurden abgewiesen. Der Club der Ehemaligen funktioniert nach dem Drehtürprinzip - dem Wechsel zwischen hohen Bankposten und öffentlichen Ämtern. Eine Praxis die zum Kern der Unternehmenskultur aller Goldman Sachs gehört.

Bethany McLEAN:

»Korruption besteht nur selten darin dass jemand einem anderen einen Umschlag mit Geld unter dem Tisch zuschiebt. Korruption entsteht schon wenn alle das gleiche denken, weil alle den gleichen gemeinsamen Hintergrund haben. Dann ist es sehr wahrscheinlich, dass alle finden, gewisse Institutionen müssen gerettet werden, weil sie für die Welt lebenswichtig sind. Diese Leute glauben das wirklich. Und das ist möglicherweise das Problem.« An der Spitze der Goldman Sachs Hierarchie steht der Vorstandsvorsitzende Lloyd Blankfine, der sich selbst zum Herrn der Welt erklärt hat. Zumindest ist er überzeugt, wie er in einem Interview der britischen Wochenzeitung »Sunday Times« sagte, er verrichte die Arbeit Gottes. I: »Wie war Ihr erster Eindruck von ihm?« Nomi PRINS: »Ich dachte im ersten Moment er ist beknackt, einfach wegen dieser unglaublichen Arroganz mit der sprach. Ich war in seinem Büro und er nahm mich mit in den riesigen Trader-Raum, der genau neben seinem Büro liegt. Er stand da, breitete die Hände aus und sagte »Verstehen Sie, das hier ist New York. Nicht London. « Ich antwortete »Ja ich verstehe, das ist New York.« Und dann sagte er »Das ist Goldman Sachs, verstehen Sie?« Was soviel hieß wie »Wir sind soviel besser als ihr. Ich sagte »Ja , ich habs begriffen.«


62 GESELLSCHAFT

An der Wall Street wird Blankfine »Lloyd, das Messer« genannt, wegen seiner schneidenden Schlagfertigkeit. Er kommt aus der Arbeiterklasse und wuchs in Brooklyn auf - einem harten Pflaster - bevor zum Goldmarkt-Spezialisten wurde und eine Stufe nach der anderen aufstieg. Bis in die vierundvierzigste Etage. Den Olymp der Banker. Mit 58 Jahren verkörpert Blankfine das neue Gesicht der Firma, einer Finanzinstitution ohne Glauben und Moral, abgekoppelt von der wirklichen Welt. Charlie Rose Show, 30/04/2010 »Wie oft haben Sie mich im Fernsehen gesehen? Nie! Wissen Sie was? Das war vermutlich ein Fehler. Wir müssen uns jetzt bemühen, den Leuten zu erklären, was wir tun. « Aber wie lässt sich erklären, dass eine Bank die eigenen Kunden ruiniert hat? I: »Ist es vorgekommen, dass Ihre Investment-Berater einem Kunden Anlagen verkauft haben, gegen die Goldman Sachs selbst spekuliert hat?« B: Schweigen…»Das muss ich erklären. Das ist ein Problem. Als Macher am Markt kaufen und verkaufen wir tausendmal pro Minute. Wahrscheinlich würden Sie es Casino nennen. Aber es ist für die Gesellschaft ein sehr wichtiges Casino. « I: »Danke nochmal!« Ende 2009 hat der Boss von Goldman Sachs gleich zweimal Grund mit sich zufrieden zu sein: Er hat Obama die Stirn geboten und die Financial Times - die Stimme der Finanzwelt - wählt ihn zum Mann des Jahres. Fortune, 16/10/2009 I: »Wissen Sie wievielt Sie dieses Jahr verdienen werden?« B:» Nein.« I:»Mehr als im vergangenen Jahr?« B: »Weniger als letztes Jahr wird es wohl kaum sein.« Während die USA monatlich 700.000 neue Arbeitslose zählen, gönnt sich Blankfine einen Jahresbonus von knapp sieben Millionen Euro. Am Ende gewinnt eben immer: die Bank.

Marc ROCHE:

»2010 greift die amerikanische Finanzkrise über den Atlantik und wird zu einer europäischen Wirtschaftskrise. Jetzt werden jene Staaten angegriffen, die stark verschuldet sind, weil sie ihre Banken retten mussten. Sie werden zu einer leichten Beute für die Spekulanten. Allen voran Goldman Sachs, die vom Geruch des Blutes angelockt werden. Und die Kette hat ein schwaches Glied: Griechenland. Und Griechenland kennt Goldman Sachs gut. Schließlich hat die Bank dem Land geholfen seine Bilanzen zu fälschen.«

2010 DER GERUCH DES BLUTES

Dabei hatte alles so schön begonnen. Am 01. Januar 2001 wird Europas kleiner Däumling in die Euro-Zone aufgenommen. Ein Zeichen der Anerkennung für ein Land dessen Wirtschaft sich spät entwickelt hat. Die Einheitswährung wird für die Griechen zum Sesam öffne dich. Der Schlüssel zu einem Leben des sorglosen Konsums - auf Kredit.

Yanis VAROUFAKIS, ATHEN

Professor für Volkswirtschaftslehre: »Um das Jahr 2000 wurde Griechenland vom Goldfieber erfasst. Es war eine, wenn auch provinzielle, Version des Goldrausches, der an der Wall Street mit der sogenannten Finanzialisierung ausgebrochen war. Das Land bekam von den Banken billiges Geld, wie ein Junkie der von seinem Dealer angefüttert wird. Den Griechen wurden Kredite aufgedrängt, die sich die Leute nicht wirklich leisten konnten.« Und wie so oft folgt auf das Fest ein böses Erwachen. Griechenlands Staatsschulden liegen bald bei 100% des Brutto-Inlands-Produkts. 60% sind nach den Kriterien von Maastricht erlaubt. Also die Schulden reduzieren um sich als guter Europäer zu erweisen - aber wie? Da gäbe es einen Weg, die geliehenen Fremdwährungen mit einem Trick hochrechnen, um die Schulden nach unten zu korrigieren. Im Wall Street-Jargon: Ein Devisen-SWAP. Das ganze wird als OTC, als Over-The-Counter-Operation abgewickelt. Ein Handel unter dem Ladentisch, der offiziell nirgendwo auftaucht. Und so wird ein hoher griechischer Beamter an die Finanzfront geschickt. das Lamm im Rachen des Wolfes.

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Christopher SARDELIS, ATHEN

Früherer Direktor der Staatlichen Schuldenagentur: »Ich war damals die meiste Zeit in London und traf dort die Vertreter der großen Banken und Investmenthäuser. Sie müssen bedenken, dass die griechische Schuldenagentur damals einen guten Ruf hatte und als eine der besten in Europa galt. Wir waren mehrfach von Fachzeitschriften als innovativ ausgezeichnet worden. Und dementsprechend gut war der Eindruck, den Griechenland auf den Märkten machte. Wir waren also durchaus professionell.« In London, Europa´s Finanzhauptstadt, begegnet der Mann aus Athen den Bankern von Goldman Sachs zum ersten Mal. Nach viermonatigen Verhandlungen gelangen die griechische Regierung und Goldman Sachs zu einer Einigung. Die Schulden werden um 2% reduziert. Und Athen wird sie erst nach den olympischen Spielen zurück zahlen. Goldman Sachs stellt eine letzte Bedingung: Die Transaktion muss vertraulich bleiben. Das Geheimnis wurde zwei Jahre lang gewahrt. Bis ein Eingeweihter die Hintergründe dieses Paktes mit dem Teufel ausplaudert.

Nick DUNBAR, LONDON

Journalist: »Ich erinnere mich sehr gut. Ich traf mich mit einem meiner Kontakte in einem Restaurant in Canary Warf. Er fragte mich:» Haben Sie von diesem Deal zwischen Griechenland und Goldman gehört?« Der Mann, der selbst mit Unsummen umging, war über den Deal schockiert. Er sagte mir, Goldman hätte an der Transaktion mehr als 500 Millionen Dollar an Provisionen kassiert.« I: »Worin genau bestand dieser Deal?« D: »Naja, da wird mit abschreckenden Wörtern wie Derivate oder SWAPs operiert. Tatsächlich ist es ziemlich einfach zu verstehen. Denken Sie an eine Wechselstube. Nehmen Sie an Sie wollen Geld wechseln und der Mann am Schalter sagt »Ich hätte da ein Angebot für Sie. Anstatt einem Dollar pro Euro, gebe ich Ihnen 2.« Sie denken »Das kann doch nicht sein! Das ist ja mehr als der Wechselkurs.«, Sie fragen »Heißt das, Sie schenken mir Geld?« Der Mann sagt »Nein, ich gebe Ihnen einen geheimen Kredit auf einem anderen Formular. Den zahlen Sie mir natürlich zurück, aber auf Ihrer Quittung steht, dass Sie zwei Dollar pro Euro bekommen haben.« Das ist im Prinzip das, was Goldman mit Griechenland gemacht hat. So haben sie Athens Schulden um mehrere Milliarden Dollar geschrumpft. Um ungefähr drei Milliarden.« Für Goldman ist der Deal ein klassisches Win-Win: Die Bank hat zu einem höheren als dem Markt üblichen Zinssatz Geld verliehen, ohne das geringste Risiko einzugehen - noch am selben Tag schließt sie eine Rückversicherung gegen eine Zahlungsunfähigkeit Griechenlands ab. Am Ende wird Goldman Sachs an dieser Operation mehr als 600 Millionen Euro verdienen. Die Griechen hingegen werden den Kelch bis zur Neige lehren müssen. Der Zinssatz schnellt in die Höhe, die Darlehensdauer wird verlängert, die Schulden haben sich verdoppelt. Das Land muss jetzt 400 Millionen Euro zurückzahlen.

Pro Jahr. Bis 2037. Eine immense Mehrbelastung für einen Staat, der ohnehin am Rande zum Bankrott steht.

Yanis VAROUFAKIS:

»Wie hoch die tatsächlichen Kosten im Moment sind? Das merken wir jeden Tag. Wenn Sie auf einer griechischen Autobahn die Maut-Gebühr bezahlen, die übrigens ständig steigt, dann wissen Sie, dass Ihr Geld direkt auf das Konto eines Goldman Sachs Kunden geht. Jedes mal wenn wir fliegen, wird die Flughafenstuer nicht für unseren Staatshaushalt erhoben, sondern für die Anleger von Goldman Sachs.« Am Londoner Sitz von Goldman Sachs International stimmt der firmeninterne Ausschuss für neue Transaktionen der Manipulation der griechischen Staatsbianzen ohne Zögern zu. Die Bank ist es gewohnt mit Regierungen zu arbeiten. Athen ist eine leichte und vielversprechende Beute. Die Firma übergibt die Angelegenheit ihren Spezialisten für Derivate - jene hochkomplizierten Finanzprodukte die die Krise ausgelöst haben.

Nick DUNBAR:

»Es war ihnen sehr unangenehm als ich damals den Namen der Person veröffentlichte, die bei dem Deal die Schlüsselrolle spielte. Eddie Loudouardis, die immer noch bei Goldman ist. Sie ist zur Hälfte Griechin und leitete damals die Verkaufsabteilung. Sie hatte einen ziemlichen Ruf auf dem Markt. Sie galt als starke Persönlichkeit, wie es so heißt. Über ihr war Michael Sherwood, der Chef der FICC, der Abteilung für Obligationen, Devisen und Rohstoffhandel. Es ist die diskreteste und profitabelste Abteilung bei Goldman. Sherwood ist der Mann im Hintergrund, der das Geschäft mit den Derivaten aufgebaut und dadurch Goldmans Einfluss und Macht auf den Märkten noch weiter gesteigert hat. « I: »Treffen Sie sich oft mit den Goldman Leuten?« SARDELIS: »Andauernd, es hieß ständig »Ändern Sie dies, machen Sie das.« Es ging um jede Menge technischer Details. « I: »Goldman Sachs hat den Ruf hart zu verhandeln. « S: »WIr haben auch hart verhandelt. Das ist so ein Vorurteil. Die armen Griechen, die von nichts eine Ahnung haben, seien von Goldman Sachs und den Wölfen der Finanzmärkte gefressen worden. Das ist Unsinn. «

VAROUFAKIS:

»Ich mache Goldman Sachs keinen Vorwurf. Ganz und gar nicht. Wenn der Bauer das Tor auflässt und der Fuchs kommt und die Hühner reißt, ist nicht der Fuchs schuld. « Was wusste Europa von diesem Trick, durch den Griechenlands Schulden mit einem Schlag um 3 Milliarden verringert wurden? In Brüssel überwacht eine EU-Behörde namens EUROSTAT die Buchführung der Mitgliedsstaaten.


64 GESELLSCHAFT

Ihre Beamten sind dafür zuständig, die von den Mitgliedern der Euro-Zone gelieferten Zahlen zu prüfen. Bei Verstößen liegt das Sanktionsrecht allerdings in den Händen der Politiker.

Baron VANDEN ABEELE, BRÜSSEL

Generaldirektor EUROSTAT 2003 -2004: »Als ich 2003 zu Eurostat kam, hatten wir, nachdem wir etwas gebohrt hatten, festgestellt, dass die von Griechenland gelieferten Zahlen bereits seit einiger Zeit, schon seit 2002, Anlass zu Fragen gaben. Also haben wir uns das näher angesehen und ein Treffen mit den zuständigen Ausschüssen angesetzt, die dann ihre griechischen Kollegen befragt haben. « I: »Und was sagten die Griechen?« V: »Sie sagten, die Zahlen die Eurostat übermittelt wurden, sind korrekt. Wir hatten da unsere Zweifel und haben auch in den kommenden Jahren immer wieder Vorbehalte geäußert. «

Nick DUNBAR:

»Bei Goldman wurde mir gesagt, Eurostat wusste von dem Deal. Eurostat hat das nie bestätigt, aber die Frage steht im Raum. « V: »Ich kann mich nicht erinnern, dass ich Goldman Sachs je grünes Licht gegeben hätte. « Die Europäer zogen es also vor weg zuschauen. Und die Griechen zogen es vor auf Kredit zu leben. Goldman Sachs jedenfalls ließ Griechenland nie aus den Augen. Die Firma kennt die wirtschaftliche Lage des Landes genau und vor allem die Männer in den Schlüsselpositionen. Als Jorges Papandreiu zum Premierminister ernannt wird, um das Ruder herumzureißen, tritt Gary Cohen, Goldmans Nummer 2 in Athen auf den Plan. In seiner Begleitung: einer der größten Goldman Sachs Kunden. Der Spekulant John Paulsen. Er verdiente ein Vermögen in dem er auf den Sturz der ABACUS-Werte wettete. Für die Europäer kein Unbekannter. Paulsen und Cohen schlagen vor Griechenland erneut um einige Milliarden Schulden zu erleichtern.

Pavlos TSIMAS, ATHEN

Journalist des privaten FS-Senders Mega TV: »Wir wissen dass Goldman Sachs gerufen wurde oder von sich aus versucht hat der griechischen Regierung einen Deal anzubieten. Eine Teilübernahme der Schulden durch einen Privatinvestor. Paulsen hat bereits in griechische Anleihen investiert. Er hatte also ein beträchtliches Interesse daran die Dinge aus der Nähe zu verfolgen und zu sehen wie es um seine Spekulation stand. Aber es wurde nichts aus dem Deal.« I: »Warum lockte ausgerechnet Griechenland die Haie an?« T: »Weil jeder sah, dass wenn Griechenland fällt, das ganze Euro-Gebäude ins Wanken gerät. Wenn Griechenland zusammenbricht, folgt Portugal. Dann Belgien, dann Irland. Wenn der erste Hai zubeißt, ist das Wasser voller Blut. Und dann kommen all die anderen Haie.« Nachdem Papandreiu den Deal abgelehnt hat, verschärft sich die Spekulation gegen die griechische Verschuldung und bald ist die Euro-Zone als Ganzes bedroht. Goldman Sachs wird vorgeworfen die Angriffe gegen die europäische Währung mit ausgelöst zu haben. Die zweifelhaften Geschäfte mit Athen werden publik und die Bank wird in den Augen der europäischen Regierungen zum Staatsfeind Nummer eins.

Gordon BROWN, Britischer Premierminister, 23.April 2010:

»Was ich lese und höre, zeugt von einem moralischen Bankrott. Ich will eine Untersuchung der Vorgänge bei Goldman Sachs. Ebenso der Verflechtungen von Goldman Sachs und seiner Filialen mit anderen Banken.«

Interview mit Christine LAGARDE, Finanzministerin Frankreich, 18/02/2010:

I: »Angela Merkel hat einen deutlich schärferen Ton angeschlagen, ohne Goldman Sachs zu nennen. Aber diese Bank war gemeint. Nach Ihren Informationen: Hat Goldman die rote Linie überschritten?« L: »Das ist eine Frage, die wir uns stellen müssen. Waren die Konten manipuliert? Und wenn ja, war das seinerzeit legal? Falls ja, müssen wir uns fragen: War das gut für die Stabilität? Wenn nicht, wie können wir verhindern, dass sich so etwas wiederholt?« Alle offiziellen Untersuchungen kommen zum gleichen Ergebnis: Die Manipulation der griechischen Bilanzen war seinerzeit eine vollkommen legale Operation. Das ihr Vorgehen ethisch zweifelhaft sein könnte, interessiert die Banker von Goldman Sachs schon lange nicht mehr. Um den Vorwürfen der Europäer entgegen zu treten, schickt die Firma eines ihrer Schwergewichte nach Brüssel. Gerald Corrigan.

Gerald Corrigan, Brüssel, 14/03/2010:

»Wenn die Frage lautet: »Würden sie es wieder tun?«, hätte ich absolut keinen Zweifel. Selbst wenn die Umstände heute genau gleich wären, was sie nicht sein können, würden wir es wieder tun. Aber ich glaube, wir würden zumindest bis zu einem gewissen Grad anders machen. …« Keine Entschuldigung. Keine Reue. Die Bank hat sich nichts vorzuwerfen. Am Ende gewinnt einmal mehr Goldman Sachs.

2011-2012 DIE EROBERUNG EUROPAS

Griechenland liegt am Boden. Der Brand weitet sich aus. Nach Spanien und Italien. Die Rettung der Einheitswährung kostet die Steuerzahler mehrere hundert Milliarden Euro, lässt Regierungen stürzen, und wird die Staatshaushalte der EU-Mitgliedsländer für mindestens 10 Jahre zusätzlich belasten. Doch nichts hält Goldman Sachs auf. 9.Juni 2011, die Bank bereitet einen ihrer schönsten Coups vor. Einer ihrer ehemaligen Vorsitzenden , der Italiener Mario Draghi ist Kandidat für die Leitung der Europäischen Zentralbank. Nur eine Hürde muss er noch nehmen. Er braucht den Segen der Europa-Abgeordneten in Brüssel. Pascal CANFIN gehörte damals zu jenen Abgeordneten, die versuchten Mario Draghi´s Geheimnisse zu lüften. Der Italiener arbeitete in den drei Jahren unmittelbar nach der Manipulation der griechischen Staatsbilanzen für Goldman Sachs. Was wusste Draghi und welche Rolle spielte er am Londoner Sitz von Goldman Sachs International?

Pascal CANFIN, BRÜSSEL

Grüner Abgeordneter des Europäischen Parlaments: »Mario Draghi hatte zwischen 2003 und 2005 mit derartigen Manipulationen zu tun. Schließlich war er bei Goldman Sachs für Drittstaaten zuständig. Da scheint es kaum vorstellbar, dass er nicht Bescheid wusste, selbst wenn er das Ganze nicht initiiert hat. Dass er für Goldman Sachs gearbeitet hat, wäre noch hinnehmbar, schockierend ist, dass er seit 2005 7 Jahre Zeit hatte um zu sagen: »Was damals passierte war nicht in Ordnung.« Das hat er nie getan. Er hat nie auch nur die geringste Selbstkritik oder auch nur Zweifel am System Goldman Sachs geäußert. Also frage ich mich, ob ihm zu trauen ist und ob er sich wirklich geändert hat.« I: »Glauben Sie dass er in der Anhörung etwas in dieser Richtung sagen wird?« C: »Wir werden ja sehen. Hoffen können Sie immer. Deshalb fahren wir ja dorthin. Sicher, es ist die alte Geschichte David gegen Goliath. Aber denken Sie daran, wer damals am Ende gewonnen hat.« Frankfurt, 19/10/2011 stellt sich Mario Draghi den Europaabgeordneten. Eine erste Lektion in Demokratie für einen Mann, der den gedämpften Ton von Aufsichtsratssitzungen und die diskrete Transaktion gewöhnt ist.

Pascal CANFIN:

»Willkommen, Herr Gouverneur! EIn Name war heute noch nicht zu hören. Auch nicht in Ihrer Einführungsrede. Goldman Sachs. Sie wissen natürlich von dem SWAP, der Abmachung, die 2000 zwischen Griechenland und Goldman getroffen wurde. Bisher haben Sie immer nur gesagt, dass Sie damit nichts zu tun hatten. Was mir falsch erscheint.«

Mario DRAGHI:

»Wenn Sie schon wissen, dass es nicht stimmt, warum fragen Sie dann? Aber lassen Sie mich antworten. Das ist eine wichtige Frage. Diese Deals wurden abgeschlossen, bevor ich bei Goldman anfing. Das sage ich immer wieder. Ich hatte damit nichts zu tun. Weder vorher noch nachher. Es war nicht meine Aufgabe, Regierungen etwas zu verkaufen. Ich arbeitete im Privatsektor. Goldman Sachs erwartete zwar, dass ich im öffentlichen Sektor tätig werde, aber ich sagte ihnen offen: Da ich aus diesem Sektor käme, hätte ich kein Interesse, in diesem Bereich zu arbeiten. Daher wusste ich nichts über diese Dinge, noch hatte ich später damit zu tun. Da können Sie jeden fragen. Das war´s von mir aus. Ich hoffe, ich habe Sie überzeugt.«

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66 GESELLSCHAFT

GOLDMAN´S EU

US

GOLDMAN´S MEN Mario DRAGHI

Peter SUTHERLAND

Charles DE CROISSET

Diese ehemaligen oder erneuten Goldman Sachs Vorstandsmitglieder arbeiten heute in hohen öffentlichen Ämtern in den USA und Europa. Ein Überblick über das Netz.

Europa-Kontakte.

Europa-Kontakte.

Europa Kontakte.

Antonio BORGES

Mario MONTI

Lord GRIFFITHS

Ottmar ISSING

Europa-Kontakte.

Europa-Kontakte.

Europa-Kontakte.

Europa-Kontakte.

Ex-Chef des internationalen Währungsfonds für Europa.

Vorsitzender der europäischen Zentralbank.

Ehemaliger Europakomissar für Wettbewerb, aktuell Chef der italienischen Regierung.

Ehemaliger EU-Komissar, erster Generaldirektor der Welthandelsorganisation, leitet nun Goldman Sachs´ internationale Ableger.

Steht nun Peter SUTHERLAND zur Seite, ehemaliger Berater Margaret Thatchers.

Ehemaliger Chef der französischen Handelskreditbank. Inzwischen Vize Präsident von Goldman Sachs Europe.

Sprachrohr für Goldman Sachs in Deutschland und ehemaliger Chefvolkswirt der europäischen Zentralbank.

Außer Mario Draghi rekrutiert Goldman Sachs weitere Spitzenpersönlichkeiten. Mario Monti, ehemaliger Europakomissar für Wettbewerb, inzwischen Chef der italienischen Regierung, hat lange als Berater der Firma gearbeitet. Genau wie sein Landsmann Romano PRODI, zuvor ebenfalls italienischer Ministerpräsident. Danach Präsident der europäischen Kommission. In Deutschland ist Otmar ISSING, ehemaliger Volkswirt der Europäischen Zentralbank, das Sprachrohr von Goldman Sachs. Im Frühjahr 2010 war er unter den Ersten, die auf ein Auseinanderbrechen der Euro-Zone setzten. In Großbritannien leitet ein weiterer ehemaliger EU-Komissar, Peter SUTHERLAND, Goldman Sachs´ internationale Ableger. Ihm zur Seite Lord GRIFFIGES, ein früherer Berater Margaret Thatchers. Darüber hinaus kann Sutherland auf die Netzwerke des Portugiesen Antonio BORGES rechnen, Ex-Chefs des Internationalen Währungsfonds für Europa. Und auf die des Franzosen Charles DE CROISSET, ehemaliger Chef der französischen Handelskreditbank , inzwischen Vize-Chef von Goldman Sachs Europe.

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Mark PATTERSON

Robert RUBIN

Robert HORMATS

Robert ZOELLICK

1. Kreis USA:

1.Kreis USA:

1.Kreis USA:

3. Kreis USA:

Adam STORCH

Gary GINSLER

William DUDLEY

Marc CARNEY

2.Kreis USA:

2.Kreis USA:

2.Kreis USA:

3.Kreis USA:

Kabinettschef des jetzigen Finanzministers der USA (arbeitet in dieser Position seit mehr als vier Jahren).

Die Regulatoren. In der Börsenaufsicht, der SEC. Verantwortlich für laufende Untersuchungen.

Rubin war Clintons Finanzminister und hält den direkten Zugang zum Präsidenten.

Die Regulatoren. Überwacht den Rohstoffmarkt.

Wirtschaftsstaatssekretär der USA.

Die Regulatoren. Vorsitzender der Federal Reserve Bank in New York.

Überwachung internationale Institutionen. Zoellick hat sich gerade vom Vorsitz der Weltbank verabschiedet.

Überwachung internationale Institutionen. Direktor der kanadischen Nationalbank. Aktuell hat er die Leitung des Rates für Finanzstabilität inne.

In Deutschland ist der aktuelle Vorsitzende von Goldman Sachs Deutschland Alexander Dibelius, der unter anderem auch die Kanzlerin Merkel berät. Mehr zum globalen Netzwerk von Goldman Sachs und eine vollständigere Liste auf http://de.wikipedia.org/wiki/Goldman_Sachs Neben diesen illusteren Köpfen verfügt Goldman Sachs noch über ein Heer von Lobbyisten und ehemaligen europäischen Beamten, die Brüssel zu ihrer Festung gemacht haben. Und so arbeitet Goldman Sachs in Europa unsichtbar für die breite Öffentlichkeit, aber allgegenwärtig hinter den Kulissen der Macht. Im Dienste einer Oligarchie, einer Kaste aus Finanzleuten, Wirtschaftswissenschaftlern und Politikern.


68 GESELLSCHAFT

Der Ton ist höflich, aber bestimmt. Mario Draghi stellt die Praktiken von Goldman Sachs in Griechenland nicht in Frage. Im Gegenteil. Auch als er in die Enge getrieben wird, zögert der Anwärter auf die Präsidentschaft der Europäischen Zentralbank nicht seinen ehemaligen Arbeitgeber zu verteidigen. Frage aus den Reihen der Abgeordneten: »Verurteilen Sie das Geschäftsmodell von Goldman Sachs?« D: »Was meinen Sie damit? Für Goldman Sachs arbeiten 23.000 Menschen. Sie betreiben eine Vielzahl von Geschäften, und in der Regel haben sie nichts dagegen kontrolliert zu werden. Ansonsten ist die Vorstellung…« Zwischenruf: »Schreckliche Frage.« D: »Wie Bitte? na, egal.«

Pascal CANFIN:

»Angesichts dessen was wir über Goldman Sachs wissen, ist es schon starker Tobak, wenn ein Anwärter auf ein hohes politisches Amt erklärt, Goldman Sachs sei kein Problem. Dass sich Draghi dazu verleiten ließ, wenn auch leider nur für ein paar Sekunden, genügt finde ich um zu beleuchten welchen gedanklichen Hintergrund er hat.« Reporter nach Draghis Auftritt vor den Europaabgeordneten: »Herr Draghi, was genau war Ihre Aufgabe bei Goldman Sachs?« Draghi: »Entschuldigen Sie mich.« 4 Monate später. Vor der Frankfurter Oper zelebriert Europas politische Elite den Amtswechsel an der Spitze der Europäischen Zentralbank. Jean-Claude Trichet geht, Mario Draghi kommt. Goldman Sachs hat es geschafft. Wieder einmal. Und die Firma baut ihr Netz in Europa zielstrebig aus.

Richard SYLLA, NEW YORK

Professor, Leonard Stern School of Business: »Sie operieren weltweit. Sie holen sich helle Köpfe von überall her, bringen sie nach New York und machen aus ihnen Führungskader. Das ist wie bei einer Studentenverbindung. Sie machen Ihren Abschluss an der Goldman Universität. Und das heißt, Sie nehmen die Goldman Kultur überall mit hin. Mario Draghi war bei Goldman Sachs und wenn Lloyd Blankfine mit dem Chef der europäischen Zentralbank direkt sprechen will, ruft er ihn einfach an. Das ist das Ergebnis der Goldman-Strategie mit der sie ihre Position in der Welt behaupten.« Die Ehemaligen von Goldman Sachs sind für die schlimmsten Exzesse der Finanzwelt mitverantwortlich. Sind sie wirklich die Richtigen um als Politiker ihren Bevölkerungen beispiellose Sparprogramme aufzuerlegen? Die europäischen Mitglieder der Regierung Goldman weigerten sich die Fragen der Filmemacher zu beantworten. Jean-Claude TRICHET war als einziger Amtsträger aus der Finanzwelt bereit uns zu empfangen.

Jean-Claude TRICHET, PARIS

Präsident der Europäischen Zentralbank 2003 - 2011: »Ich muss Sie warnen, wenn Sie alles an einem Schuldigen festmachen, sprechen Sie alle übrigen Beteiligten des Systems frei. Allerdings spüre ich in allen Industrieländern ein Unbehagen, ein echtes Unbehagen. Dieses Unbehagen ist vielschichtig. Wir tun uns schwer damit zu akzeptieren, dass das Finanzsystem so schwach sein könnte. Während die Menschen in diesem System sich selbst paradoxerweise fürstlich entlohnen. In bestimmten Branchen, besonders in der Finanzwirtschaft, hat sich etwas entwickelt, dass die Menschen, der souverän, das Volk nicht mehr hinnehmen wollen.« I:»Kommen wir zu Mario Draghi. Kritiker sprechen davon, dass zu seiner Zeit bei Goldman Sachs gewisse ethische Fragen offen seien.« T: »Stop…ich denke nach…ich war auf diese Frage nicht gefasst.« I. »Lassen Sie sich Zeit.« T: »Es wäre mir lieber wenn Sie mir diese Frage nicht stellen würden. Keine Frage zu DRAGHI. Ich werde nicht antworten.« Nach sechs Jahren an der Spitze der Europäischen Zentralbank sieht sich JeanClaude TRICHET, der Hüter des Euro offenbar außerstande die Angriffe auf seinen Nachfolger zu kommentieren. Mit dem politischen Aufstieg eines Mario DRAGHI, eines Mario MONTI oder eines Lucas PAPADEMOS, ehemals Gouverneur der griechischen Zentralbank und zeitweilig Premierminister Griechenlands, erlebt Europa die Vereinnahmung der Politik durch die Banker. Ob aus Ohnmacht oder mit Bedacht, die Politiker haben die Finanzprofis gerufen um den Brand zu löschen. Dieselben, die wenige Jahre zuvor mit dem Feuer spielten und den Markt mit toxischen Produkten überschwemmten.

Michel BARNIER, PARIS/BRÜSSEL

Seit 2010 EU-Kommissar für Binnenmarkt und Dienstleistungen: »Die Banken dachten, sie dürften alles. Und so haben sie einigen Länder toxische Produkte, beziehungsweise Transaktionen angeboten. Allerdings war ihnen seit der Deregulierungswelle vor 15/20 Jahren auch alles erlaubt. Durch das Fehlen weltweit geltender Regeln und einer allgemeinen Transparenz gingen Moral und Ethik verloren. Und eben das bauen wir jetzt wieder auf. Woche für Woche , dank der neuen Regeln.« I: »Das heißt Sie werden bei Ihren Treffen mit den Finanzakteuren als Polizist angesehen. Als Störenfried im Spekulantenspiel.« B: »Es kann nicht heißen »Wir machen weiter Business as usual.« Unter dem Vorwand die Finanzkrise läge nun vier Jahre zurück möchte mancher, dass wir so tun als wäre nichts passiert. Das geht aber nicht. Wir können nicht nur so tun als ob. Und das werden wir auch nicht. Kein markt, kein Produkt, kein Finanzsektor darf von der Regulierung ausgenommen werden. Und das wird auch nicht geschehen, wenn unsere Vorschläge vom Europa-Parlament angenommen werden.«

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Was also bleibt um die Finanzmacht von Goldman Sachs einzudämmen? In der Bank selbst regt sich nun bei dem Einen oder Anderen das Gewissen. Greg Smith, einer der Vizepräsidenten von Goldman Sachs London tritt im Frühjahr 2012 nach zwölf Jahren loyaler und lukrativer Mitarbeit zurück. In der New York Times beschuldigt Smith Goldman Sachs den Kapitalismus zu pervertieren. »Es macht mich krank zu hören wie zynisch über Kunden gesprochen wird. Im vergangenen Jahr habe ich fünf geschäftsführende Direktoren über ihre Kunden als »muppets« sprechen hören. Selbst nach dem fabelhaften Fab, nach ABACUS? Keine Demut? Integrität? Ich bitte Sie. Das war einmal.« Greg Smith´ Abscheu über die Praktiken von Goldman Sachs findet ein weltweites Echo. Mehr denn je verkörpert die Firma die dunkle Seite der Weltfinanz, den Darth Vader der Wall Street. Protestierende: »Wir wurden ausverkauft! Wir wurden ausverkauft!« Auf beiden Seiten des Atlantiks werden neue Gesetze erlassen. Vorgesehen sind: Die Begrenzung der Risikobereitschaft, erhöhte Transparenz der Operationen, Beschränkung der Boni für die Manager. Nichts was Goldman Sachs erschüttern könnte. Die Firma hat der Welt ihr Modell und ihr Personal aufgezwungen, entzieht sich so der Kontrolle und übt rund um den Globus unmittelbar Einfluss auf die Politik aus.

Simon JOHNSON:

»Goldman Sachs ist Teil eines Systems, dass sehr schlecht ist. Für Amerika, für die Demokratie und für die Weltwirtschaft.« I: »Wie könnte eine Alternative aussehen?« J: »Wir brauchen keine Banken dieser Größenordnung. Wir sollten sie zerschlagen. Kleinere Banken schaffen.«

Das Buch „Why I left Goldman Sachs“ ist im englischen Buchhandel bereits erhältlich.

Goldman Sachs zerschlagen? Bis heute hat es noch keine Regierung gewagt sich dem Finanzimperium entgegenzustellen, dass die Geschicke der Welt lenkt.

Ted KAUFMAN:

» Was wir getan haben um das System sicherer zu machen? Einstein sagte einmal »Immer das Gleiche zu tun und dabei ein anderes Ergebnis zu erwarten ist eine Form des Irrsinns.« Wir haben getan was wir 2004 getan haben, 2005, 6, 7, 8 und wir erwarten allen Ernstes ein anderes Ergebnis?« I:»Wird Goldman überleben?«

Nick DUNBAR:

»Denken Sie an einige der erfolgreichsten Tierarten. Den Hai, die Ratte, die Wespe. Sie sind ebenso furchterregend wie schön. Sie haben Meteoriten und alle anderen möglichen Katastrophen überlebt. Und wahrscheinlich werden sie auch uns Menschen überleben. Ich frag mich ob Goldman Sachs so ein Tier ist.«

Dokumentation: Sandra Kleinwechter

https://www.youtube.com/watch?v=cTjnPp2KhLw

Ein Film realisiert von Jérome FRITEL, geschrieben von Jérome FRITEL, Marc ROCHE Journalisten: Yves SCHAEFFNER, ANGELIQUE KOUROUNIS, Cécile BOUTELET, (Frankreich, 2012, 75mn) ARTE F Erstausstrahlungstermin: Di, 4. Sep 2012, 20:17


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NOTIZEN

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71 THE INTRUDERS

WE ARE

THE FORMER HMRC HEAD DAVE HARTNETT AWARDED BY PROTESTERS By Matthew Sparkes

 INTRUDERS

An after-dinner speech by the former head of HMRC, Dave Hartnett, was interrupted by protesters who awarded the retired official with a »lifetime achievement award to corporate tax planning«. Mr Hartnett was giving a speech at New College Oxford on Thursday when a group calling themselves WeAreTheIntruders, posing as employees of Goldman Sachs and Vodafone, interrupted to present him with a bouquet of flowers and the »Lifetime Achievement Award to Corporate Tax Planning«, otherwise known as the »Golden Handshake«. HMRC was accused of agreeing controversial »sweetheart« deals with large businesses over outstanding tax bills while it was still run by Mr Hartnett. The issue exploded last year after a whistleblower revealed that HMRC had waived as much as £20m of interest on a £30m tax bill owed by Goldmans on bankers‘ bonuses. It was also accused of letting Vodafone off as much as £8bn in taxes by accepting a £1.25bn settlement. It was cleared by a National Audit Office report in June, although it was told to clean up its processes to remove the suspicion of unhealthy relationships with companies. At the time HMRC said: »We welcome today’s report. We have always maintained that the settlements represented good value for the UK.« The protesters, who were dressed in black tie, uploaded a video of their stunt to YouTube and have also registered a Twitter account under the name TheIntruders. Tom Clark, one of the group that made the video, said: »We spotted that Hartnett was the after dinner speaker at this conference and couldn‘t believe our eyes. We wanted to expose this sort of establishment backslapping. The video is hopefully funny, but also we hope it‘s a peek into a world that most people don‘t know exists. «Our man on the inside told us that Hartnett was in his element when he stood up to speak. Everyone laughing, him enjoying himself. That didn‘t last long. As you can see on the video, Hartnett went pale, hunched his back and looked like he wanted the ground to swallow him up.» The video shows one of the protesters interrupt Mr Hartnett‘s speech at the gala dinner of the Key Haven Publications tax planning conference to say: «We just can‘t thank him enough for what he‘s done. We‘re just here to offer our thanks and all the best for the future.» Moments later one of the diners interjects and demands: «You will depart immediately, before we set the dogs on you.» The group agree to leave but break into a round of For He‘s a Jolly Good Fellow as they are led out, while Mr Hartnett remains silent throughout. As they leave a diner is heard calling the protesters «trespassing scum». A spokesman for HMRC said that Mr Hartnett had officially left his role on July 31 and that he no longer spoke on behalf of the agency.

Die Herausgeber haben sich entschlossen diesen Artikeltext im Original zu belassen. Die Übersetzung finden sie auf Seite 128.

Video: http://www.youtube.com/watch?v=3w4tcIsaInE


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THE CORP Regie: Mark Achbar, Jennifer Abbott. Dokumentarfilm, Kanada 2003, 143 Min.


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73 THE CORPORATION

PORATION


74 GESELLSCHAFT

THE CORPORATION

DIE DOKUMENTATION »THE CORPORATION« ATTESTIERT DEN GROSSKONZERNEN EINE SCHWERE PERSÖNLICHKEITSSTÖRUNG

DAS EIGENINTERESSE Text: Andreas Busche

Nicht erst seit dem Enron-Skandal oder Shells Aktivitäten in Nigeria ist bekannt, dass Großkonzerne sich wie die Axt im Walde benehmen. Die Geschichte von corporate crimes reicht weit über die Anfänge des Industriezeitalters hinaus. Im Jahr 1720 verabschiedete das britische Parlament ein Gesetz, das die Gründung einer Corporation, der juristischen Form einer Kapitalgesellschaft, unter Strafe stellte. Hintergrund dieser

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75 THE CORPORATION

neoliberale Form von Altruismus verstehen.

Entscheidung war der Zusammenbruch der Handelsgesellschaft South Sea Company - als Folge der Verfilzung von Business und Politik. Das Gericht verurteilte die Direktoren der Company zu hohen Gefängnisstrafen. Der Vorschlag eines Parlamentariers, die Schuldigen zusammen mit Schlangen und Geldnoten in Säcke zu stecken und im Meer zu versenken, fand keine Mehrheit. Knapp 300 Jahre später sind Corporations, seit einer Gesetzesnovelle von 1868 in Amerika in den rechtlichen Status einer Person erhoben, einflussreicher denn je. Diese bizarre Rechtskonstruktion liefert die Hypothese für Mark Achbars und Jennifer Abbotts exzellente Dokumentation »The Corporation«. Wenn man eine Corporation an sozialen Verhaltensnormen messen würde, was für ein Mensch wäre sie dann? Achbar, Abbott und ihr CoAutor Joel Bakan haben ihre Antwort im »Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders« gefunden. Als soziales Wesen trägt eine Corporation eindeutig psychopathische Züge: Eigene Interessen sind das Maß aller Dinge, sie handelt verantwortungslos, ist manipulativ und unfähig, Empathie zu entwickeln. »Das pathologische Streben nach Profit und Macht« lautet der Untertitel von Bakans Buch, auf dem

»The Corporation« basiert. Ein Slogan, der sich gut macht im Raunen der Globalisierungskritik. Mit Allgemeinplätzen haben Achbar und Abbott sich jedoch nicht begnügt. »The Corporation« entwickelt über zweieinhalb Stunden das komplexe Profil einer dominanten »Corporate Culture«, in der die Grenzen zwischen öffentlicher und privater Sphäre verschwimmen. Die Monumentalität dieses Unterfangens spiegelt sich im Aufgebot an Beteiligten, die in »The Corporation« zu Wort kommen - insgesamt über 40 Personen. Es sind jedoch nicht die üblichen Verdächtigen, die wirklich Erhellendes von sich geben, sondern vor allem die Vertreter der Gegenseite, die aus dem Nähkästchen plaudern: CEOs, Börsenmakler, Wirtschaftswissenschaftler, Industriespione, Marktforscher. Weder Noam Chomsky noch Naomi Klein können die Dynamik des Marktes so präzise fassen wie zum Beispiel ein eiskalter Ideologe vom Schlage Milton Friedmans. Friedman sagt, dass Corporations gut für die Gesellschaft sind. Allerdings gehöre es nicht zu ihren Aufgaben, Gutes für die Gesellschaft zu tun. Carlton Brown, Börsenhändler an der Wall Street, glaubt, dass »in jeder Katastrophe immer auch eine Chance liegt«. Am 11. September 2001 hatten seine Klienten innerhalb von wenigen Minuten Millionen von Dollar in Gold verdient. Die lakonische Distanziertheit, die »The Corporation« mit seinem betont ruhigen und elliptisch konstruierten Bilderfluss entwickelt, kontrapunktiert formal sehr effektvoll das

Skandalon enthemmten Gewinnstrebens. Die Macher haben sich auf keine Experimente eingelassen, und die Montage von Talking Heads und Archivmaterial entfaltet einen hypnotischen Groove. Als politische Analyse hingegen greift Achbars und Abbotts Ansatz etwas zu kurz. Die Soziopathie einer Corporation erklärt sich nicht bloß über das Prinzip der Gewinnmaximierung. Sie ist immer auch Ausdruck der politischen Verhältnisse, die die Institution »Corporation« überhaupt ermöglichen. Wer glaubt, dass Konzerne sich das politische Klima, das ihren Interessen dienlich ist, selbst schaffen, überschätzt ihre Machtposition. Es ist komplizierter.

Der Rückzug des Staates aus grundlegenden gesellschaftlichen Einrichtungen ist in jeder Hinsicht gruselig. Achbar und Abbott zeigen in »The Corporation«, wie der Vizepräsident des Pharmakonzerns Pfizer wildfremde Menschen auf der Straße belästigt, um sein soziales Engagement zu demonstrieren. Pfizer hat Millionen von Dollar investiert, um die Nachbarschaft um die Konzernzentrale herum »sicherer« zu gestalten. Mit dieser Sicherheit ist es allerdings nicht weit her; der Wachmann schläft. Erst im Scheitern bekommt die Corporation menschliche Züge.

Jede Regierung, das hat sie mit einer Corporation gemein, ist an der »Externalisierung« von Kosten interessiert. Die Privatisierung staatsbürgerlicher Grundrechte wie Bildung, Transport oder medizinische Versorgung schafft ein neues Verhältnis von Staat, Gesellschaft und Markt. In einem solchen Klima muss man den in »The Corporation« ernsthaft zur Sprache gebrachten Vorschlag, jeden Quadratzentimeter Land zum Schutze der Umwelt zu privatisieren, tatsächlich als

IST MASS ALLER DINGE

Dieser Text ist zuerst erschienen in der: taz


76 GESELLSCHAFT

DER GLAUBE. Vor 150 Jahren war der Konzern (the corporation) noch eine relativ unbedeutende Institution. Heute ist er allgegenwärtig. Wie früher die Kirche, die Monarchie oder die kommunistische Partei, ist heute die Aktiengesellschaft die beherrschende Institution. Was hat den Großkonzernen, deren Spielraum eng begrenzt war, zu einer solchen Machtposition verholfen? Was ist ein Konzern? Es ist ein Unternehmen mit einer bestimmten Rechtsform. Doch heutzutage sehen viele Menschen einen Konzern wie einen alten Bekannten mit menschlichen Eigenschaften. Im Film »THE CORPORATION«, der dem Konzern an sich Züge eines Psychopathen ansieht, kommen anfangs Passanten zu Wort, die ihre Einschätzung zu verschiedenen Unternehmen geben sollen.

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77 THE CORPORATION

DIE WAHRHEIT? Sind diese Charakterbeschreibungen der Konzerne die Wahrheit? Was wenn man die Wahrheit öffentlich macht, wenn man all die negativen Eigenschaften bei der Bewerbung zeigen müsste? Was wäre wenn wir die Wahrheit schon am Logo erkennen? Würden wir dann trotzdem kaufen?


WAS WÄRE WENN DAS GELD KEINE ROLLE MEHR SPIELEN WÜRDE?


UND WIE MACHT MAN AUS MÜLL MUSIK?

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80 WATTS

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TRYING TO DEFINE YOURSELF IS LIKE TRYING TO BITE YOUR OWN TEETH ALAN WATTS


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81 IDEAS

ALAN WATTS

Alan Watts (Alan Wilson Watts; * 6. Januar 1915 in Chiselhurst, Kent; † 16. November 1973 am Mount Tamalpais) war ein englischer Religionsphilosoph, der vorwiegend in den Vereinigten Staaten wirkte, wo er als Priester der Episcopal Church in the USA, Dozent und freier Schriftsteller tätig war. Er befasste sich vor allem mit der Philosophie des Zen, des Buddhismus und des Daoismus. Der gebürtige Engländer wuchs in einer Mittelschichtfamilie auf. Sein Vater war Reifenhändler, seine Mutter Hausfrau. Sein Großvater mütterlicherseits war christlicher Missionar gewesen. Watts wanderte 1939 in die USA aus, um an der University of Vermont und später an der Seabury Western Theological Seminary Theologie zu studieren. Er diente 1945 bis 1950 als Priester der US-Episkopalkirche, bis eine außereheliche Affäre seine Ehe beendete. Er schrieb über 25 Bücher und zahllose Artikel über Themen wie persönliche Identität, die wahre Natur der Wirklichkeit und das menschliche Bewusstsein. Eine instruktive und kritische Lebensbeschreibung, die Alan Watts in seine Zeit einbettet und vor dieser seine Lehre würdigt, verfasste der Philosoph Volker Zotz als Nachwort des Buches von Alan Watts: Zen. Stille des Geistes. Berlin 2001. In seinem späteren Leben unterrichtete er viel. Gegen Ende seines Lebens hatte er zudem mit Alkoholproblemen zu kämpfen. Watts starb 1973 im Alter von 58 Jahren nach einer anstrengenden internationalen Vorlesungsreise in seiner Berghütte auf dem Mount Tamalpais. Alan Watts war ein populärer philosophischer Autor der Postmoderne. Seine Schriften reflektieren die kulturellen und psychischen Begrenzungen, die er in Großbritannien erfahren hatte. Trotz der Bildungschancen, die ihm durch die Schulen in seiner Kindheit eröffnet worden waren, empfand er den allgemeinen kulturellen Einfluss, insbesondere im religiösen Bereich, als restriktiv und repressiv. Seiner Meinung nach hatte sich die westlich-christliche Kultur im Laufe der Jahrhunderte auf eine Art und Weise entwickelt, die der menschlichen Natur als solcher skeptisch gegenübersteht, die das Wesen des Menschen unterdrückt und ihn von einem ganzheitlichen, naturbezogenen Weltbild entfremdet, anstatt ihn zu lehren sein wahres Wesen zu erkennen und im Hier und Jetzt zu leben. Watts, der sich als Denker und Öffentlichkeitsarbeiter verstand, hatte ein lebenslanges Interesse an den östlichen Philosophien insbesondere des Zen-Buddhismus und des Daoismus und an Wissensbereichen wie der Parapsychologie, dem Mystizismus, der Thaumaturgie. Er war der Ansicht, der Mensch sei Ausdruck des Göttlichen und betrachtete das Leben als wunderbare Spielwiese, das, wie er es nannte, auf einem metaphysischen Versteckspiel basiert. Bekannt als Vermittler östlicher Philosophien in der westlichen Öffentlichkeit, wurde ihm manchmal vorgeworfen, er würde die östlichen Lehren, die auch direkt von östlichen Traditionen erlernbar seien, auf eine zu sehr vereinfachte und banale Weise vermitteln.

Alan Wilson Watts (6 January 1915 – 16 November 1973) was a British-born philosopher, writer, and speaker, best known as an interpreter and populariser of Eastern philosophy for a Western audience. Born in Chislehurst, he moved to the United States in 1938 and began Zen training in New York. Pursuing a career, he attended Seabury-Western Theological Seminary, where he received a master‘s degree in theology. Watts became an Episcopal priest but left the ministry in 1950 and moved to California, where he joined the faculty of the American Academy of Asian Studies. Living on the West Coast, Watts gained a large following in the San Francisco Bay Area while working as a volunteer programmer at KPFA, a Pacifica Radio station in Berkeley. Watts wrote more than 25 books and articles on subjects important to Eastern and Western religion, introducing the then-burgeoning youth culture to The Way of Zen (1957), one of the first bestselling books on Buddhism. In Psychotherapy East and West (1961), Watts proposed that Buddhism could be thought of as a form of psychotherapy and not a religion. Like Aldous Huxley before him, he explored human consciousness, in the essay »The New Alchemy« (1958), and in the book The Joyous Cosmology (1962). Towards the end of his life, he divided his time between a houseboat in Sausalito and a cabin on Mount Tamalpais. His legacy has been kept alive by his son, Mark Watts, and by many of his recorded talks and lectures that have found new life on the Internet. According to the critic Erik Davis, his »writings and recorded talks still shimmer with a profound and galvanizing lucidity.«

Alan Watts says:


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Was reizt Dich? Welche Situation wünschst Du Dir? Lasst uns mal nachdenken....Ich mache das oft bei der Beratung der Studenten....Sie kommen zu mir und fragen «Nun ja, ehm, wir sind bald mit dem Studium fertig und wir haben nicht die leiseste Idee was wir danach tun wollen. Dann frage ich: »Was würdest du gerne tun wenn Geld kein Thema wäre? Wie würdest du dein Leben gerne leben? Nunja, es ist ein großartiges Ergebnis unseres Bildungssystems, denn Massen an Studenten antworten: »Nunja, wir würden gerne Maler sein, wir würden gerne Poeten werden, wir würden gerne Schriftsteller sein, aber wie jeder weiß, kann man damit kein Geld verdienen.« Eine andere Person sagte »Ich würde gerne ein Leben draußen führen und Pferde reiten.« Ich sagte »Du möchtest an einem Pferdehof unterrichten?« Lass uns das weiterführen, was genau möchtest du tun?« Wenn wir dann schließlich bei etwas landen, bei dem der Mensch sagt, dass er das eigentlich tun will, sage ich zu ihm: »Mach das. Und vergiss das Geld. Denn wenn das Geld die wichtigste Sache wird wirst du das ganze Leben deine Zeit verschwenden. Du wirst Dinge tun, die Du nicht magst um mit dem Leben weiterzumachen, das mit Dingen weitergeht, die du nicht un möchtest. Das ist bescheuert. Es ist besser ein kurzes Leben zu leben, dass voller Dinge ist, die Du gerne tust, als ein langes Leben, dass in einer miserablen Art verbracht wird. Und schlussendlich, wenn Du das magst was du tust – unwichtig was das ist – kannst du ein Meister darin werden. Das ist eigentlich der einzige Weg ein Meister in etwas zu werden, wenn man wirklich in etwas drin ist. Und dann wirst du auch ein gutes Honorar dafür bekommen. Also, mach Dir nicht zu viele Sorgen, jeder ist an etwas interessiert. Etwas, dass dich interessiert, wird andere finden, die es lieben. Aber es ist absolut dumm Deine Zeit mit etwas zu verbringen, dass Du nicht magst, um mit Dingen weitermachen zu können die Du nicht tun möchtest und Deinen Kindern beizubringen in Deine Fußstapfen mit genau dem gleichen Weg zu treten. Schau Dir an, was wir da tun, wir erziehen unsere Kinder und lehren ihnen dasselbe Leben wie wir zu leben. Was dazu führen wird, dass sie sich richtig finden und Erfüllung im Erziehen ihrer Kinder in der gleichen Weise erhalten, und diese damit wieder weitermachen. Also ist es alles Wiederholung und kein Kotzen. Man kommt nie an. Daher ist es so wichtig sich folgende Frage zu stellen:

WHAT DO I DESIRE?

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83 IDEAS

Alan Watts über eine Ideologie, die uns vielleicht retten kann.

What makes you itch? What sort of a situation would you like? Let´s suppose....I do this often in occassional guidance of students.... They come to me and say «Well, ehm, we are getting out of College and we haven´t the faintest idea what we want to do. So I always ask the question:» what would you like to do if money were no object? How would you really enjoy spending your life? Well, it´s so amazing as a result of our kind of educational system crowds of students say »Well, we‘d like to be painters, we‘d like to be poets, we´d like to be writers, but as everybody knows you can´t eran any money that way.« Another person says »I would like to live an outofdoors-life and ride horses.« I said »You want to teach in a riding school?« Let´s go through with it, what do you want to do? When we finally got down to something which the individual says, he wants to do, I´ll say to him »You do that. And forget the money.« Because if you say, getting the money is the most important thing, you will spend your life completly wasting your time. You will be doing things you will spend your life completly wasting your time. You will be doing things you don´t like doing in order to go on living that is going on with things you don´t like doing. Which is stupid. Better to have a short life, that is full of what you like doing, than a long life, spending in a miserable way. And after all, if you do like what you´re doing - it doesn´t matter what it is - you can eventually become a master of it. This is the only way of becoming a master of something, if you are really with it.And then you will be able to get a good fee for whatever it is. So, don´t worry too much, somebody is interested in everything. Anything you will be interested in, you will find other who love it. But it is absolutely stupid to spend your time doing things you don´t like in order to go on doing things you don´t like and to teach your children to follow the same track. See what we are doing, we are bringing up children and educate them to live the same sort of life we are living. In order that they may justify themselves and find satisfaction in life by bringing up their children to bring up their children to do the same thing....so it´s all regg and no vomit. It never gets there. And So...therfor it´s so important to consider this question: What do I desire?


84 GEDANKE

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85 LESER

by Malizia Moulin (C) (copyright) www.codecouleur.ch


86 MUSIK

»THEY SEND US TRASH. WE SEND BACK MUSIC.«

Die Herausgeber haben sich entschlossen diesen Artikeltext im Original zu belassen. Die Übersetzung finden sie auf Seite 128.

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87 MÜLL

Text: Johanna Björk In Cateura, a slum built atop a landfill in Paraguay, young people are discovering the joys of art, music and creativity. They don’t have money to buy expensive instruments — a violin is worth more than a house around in these parts. Instead, they have learned to play on instruments skillfully crafted from trash found in the adjacent landfill. Nicolas Gomez, who is known to his peers as »Cola,« builds these violins, cellos, flutes and more in his studio (which he also built). http://vimeo.com/52711779


88 MUSIK

»THEY SEND US TRASH. WE SEND BACK MUSIC.«

Under the direction of Favio Chavez, these youths have formed an orchestra that has come to be called the »Landfill Harmonic.« This is also the name of an upcoming feature-length documentary about these kids and their remarkable journey into the world of music. The film shows how trash and recycled materials can be transformed into beautiful sounding musical instruments, but more importantly, it brings witness to the transformation of precious human beings.« This is where the magic starts. Nicolas Gomez, better known as »Cola,« building a recycled violin in his (also homebuilt) studio in Cateura.

Instrument-maker Nicolas »Cola« Gomez and Favio Chavez, Director of the Orchestra, in Cateura, Paraguay.

This is where the magic starts. Nicolas Gomez, better known as »Cola,« building a recycled violin in his (also homebuilt) studio in Cateura.

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»Without music,« one girl says, »my life has no meaning.«

WATCH THE TRAILER AND VISIT THE FILM’S FACEBOOK PAGE FOR MORE INFORMATION ABOUT THE RELEASE DATE.

Images courtesy of Landfill Harmonic

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90 ANZEIGE

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LESER

NUTZE JEDEN

TROPFEN. 2025 werden 70% der Weltbevölkerung keinen Zugang zu frischem Wasser haben. Weltweit hat der Kampf um die Kontrolle der lebenswichtigen Ressource begonnen. Als Bolivien die Wasserversorgung seiner drittgrößten Stadt refinanzieren wollte, bestand der Kreditgeber Weltbank auf Privatisierung. Und so besitzt der US-Konzern Bechtel heute sämtliches Wasser in Cochabamba. Sogar das, das vom Himmel fällt.


WIE KANN EIN KONZERN EINE GANZE STADT RUINIEREN?


UND WIE BAUT MAN SICH SEIN EIGENES DORF?

Seite 94 106


94 CITY

DETROIT NOW AND THEN: Text: Sandra Kleinwechter

QUESTIONS TO THE INITIATORS

Es geht um den Verfall einer der größten Städte Amerikas. So findet man auf der Seite detroiturbex.com – einer Mischung aus Detroit und Urbex (also urban exploration) zahlreiche Bilder, die den Niedergang der alten und blühenden Metropole zeigen.

Why? Because people need to see what is happening to the people and city of Detroit.

In weniger als 100 Jahren ex- und »implodierte« die Bevölkerung von Detroit, angefangen bei 300.000 Einwohnern im Jahr 1910, über 1,8 Mio. zur Mitte des Jahrhunderts sank die Zahl 2012 rapide wieder auf 700.000 Einwohner (siehe Infografik rechte Seite). Dieser besonders schnelle Wandel zeigt natürlich Spuren – einerseits tragisch und bedrückend, andererseits liefert diese Szenerie auch die Möglichkeit für ganz besondere Bilder. Sehen Sie selbst auf der nächsten Seite. Die Initiatoren von Detroiturbex.com halten sich trotz dieser dokumentarisch wertvollen Bilder auf der website eher bedeckt. Denn sie bieten auch Touren an. Touren die durch die verlassenen Viertel Detroits, über alte Fabrikgelände und in ehemals öffentliche Gebäude führen – alles am Rande der Legalität. Dennoch fragten wir nach, warum diese website, warum dieses Interesse für eine sterbende Stadt. Eine Stadt, die von der Wirtschaft groß gemacht wurde und nun zurückgelassen wurde.

What‘s happening to Detroit? This is a good place to start. What‘s the point of this site? To raise awareness of the social and economic challenges the city of Detroit faces through photography. What is urban exploration / urbex? The exploring or photographing abandoned buildings and places. You can read more about it here, here, or here. Is what you‘re doing legal? No. Will you show me around X location? Email me. Where is X location? With a few exceptions, I don‘t make any effort to conceal the whereabouts of a location. Most of them are already wellknown, and can be found easily enough with a little detective work. Your photos suck, you hack hipster douchebag. Mom, seriously, leave me alone. Mehr zu den Touren und die Bilderserie zu »Detroit – now and then« von Detroiturbex finden Sie auf der nächsten Doppelseite.

Sonstiges unter www.detroiturbex.com Die Herausgeber haben sich entschlossen diesen Artikeltext im Original zu belassen. Die Übersetzung finden sie auf Seite 128.

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95 WIRTSCHAFT

OVER THE COURSE OF 100 YEARS THE POPULATION LEVEL OF DETROIT HAS RAPIDLY EXPANDED AND CONTRACTED. Detroit is a city laid out and designed for 2 million people. Less than a third of that number remain today.

1910

Population.

285k

1950

Population.

1.850k

2010

Population.

713k

As the population expanded, city infrastructure - streets, schools, hospitals - expanded as well to meet demand. When the population started to declare, the additional infrastructure remained.

24 mi2

139 mi2

143 mi2


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97 WIRTSCHAFT

Detroit is a city of tremendous social, cultural, and historic heritage. It can also be a very complex city to navigate, particularly to out-of-towners and visitors from other parts of the world. Detroiturbex.com offers an easy and safe way to see all sides of this incredible city with an experienced, knowledgeable, and professional tour guide. Past clients have included academics, movie studios, researchers, urban planners, artists, musicians, and people who are simply curious about Detroit. We are able to accommodate people from all walks of life and all parts of the world. For more details including availability and rates, contact them at admin@detroiturbex.com


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DER ERFUN ORT 98

DORF

Von Lars Reichardt Fotos: Robert Brembeck aus Heft 47/2012 Süddeutsche Zeitung Magazin

Geht das eigentlich: irgendwo hinziehen und ein Dorf gründen? Ein paar Unternehmer und Aussteiger haben es in der süddeutschen Provinz probiert. So entstand etwas wunderbar Unmögliches: ein schwäbischer HightechKibbuz.

Sieht natürlich albern aus: vierzig Erwachsene, die Händchen halten und schweigen. Zehn Minuten lang. Dann reden sie kurz, bevor sie mit ihren erhobenen Händen wackeln. Wie im Kindergarten. Die Leute vom Dorf Tempelhof wissen, wie das auf Fremde wirken muss. Sie kommen aus der Großstadt, sind keine Hippies und wollen dennoch nicht aufs Händchenhalten verzichten. Nicht mal vor einem Fotografen. Hat ja auch Sinn: Jede Gemeinschaft braucht Rituale – der Kindergarten, die Kleinfamilie, der Fußball- wie der Gesangsverein. Rituale stärken die Verbundenheit zwischen Menschen. Erst recht, wenn sie früher eher Einzelgänger waren. So wie der Unternehmer Wolfgang Sechser. So wie der Weltumsegler Ben Hadamovsky. Rituale verbinden erst recht, wenn eine Gemeinschaft so groß ist wie ein ganzes Dorf und niemand genau weiß, wie viele Bewohner es gerade hat, weil es von Monat zu Monat wächst. Seit zwei Jahren schon.

Tempelhof ist eine Art schwäbischer Hightech-Kibbuz mit 26 Hektar landwirtschaftlicher Nutzfläche in der Nähe von Dinkelsbühl auf halbem Weg zwischen Ulm und Würzburg, auf denen genügend Gemüse und Obst für den Eigenbedarf wächst und die reichlich Platz bieten für sechzig Ziegen, hundert Hühner, für Käserei, Bäckerei, Imkerei, Waldkindergarten, Schneiderei, Schreinerei, Schlosser-, Fahrradwerkstatt, eine große Dorfkantine und ein kleines Café. Aber auch für ein Glasfasernetz mit eigenem Server und ein Labor, in dem zwei Forscher mit Wasserstofftrennung experimentieren und über Biomeiler nachdenken, die ohne Verbrennung Strom und Wärmeenergie erzeugen. Bald sollen eine Schule und ein Hospiz folgen. Seminarräume und Gästezimmer werden vermietet. Wenn die im Sommer für 350 Konfirmanden oder Englischschüler aus Baden-Württemberg nicht reichen, wird ein Zeltlager aufgebaut.


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99 WIRTSCHAFT

Zwei schwer erziehbare Jugendliche leben und arbeiten mit ihrem Erzieher schon in Tempelhof, mehr werden kommen. Das unorthodoxe Erfolgsrezept des Erziehers heißt: »Ritual statt Ritalin.« Es funktioniert, die beiden Jungs haben die starken Beruhigungsmittel längst abgesetzt. Niemand hat Angst vor den hundert neuen Nachbarn, die mit ihren Händen wackeln. In Tempelhof entstehen neue Arbeitsplätze, und Tempelhof will bestehenden Werkstätten in den Nachbarorten keine Konkurrenz machen. Jeden Monat veranstaltet das Dorf Informationstage und einmal im Jahr ein großes Maifest; Satzung und Ziele sind auf der Homepage www.schlosstempelhof.de einsehbar, selbst die Geschäftsberichte der Dorfgenossenschaft können nachgelesen werden.

Dieses dritte Ritual ist eine Geste aus der Gebärdensprache und ersetzt das gewöhnliche Klatschen. Die Bewohner von Tempelhof haben sie übernommen, weil am Morgenkreis auch kleine Kinder teilnehmen, für die Klatschen zu laut wäre. Gegen Ende des Morgenkreises stellen sich verschiedene Gäste vor: Tempelhof bekommt im Jahr etwa 500 Besucher, die ein oder zwei Wochen mithelfen. Um Urlaub zu machen. Aus Neugier auf das Leben in einer Großkommune. Einige wollen das Dorfleben genau kennenlernen, bevor sie einen Aufnahmeantrag stellen. Andere wollen Tempelhof kopieren und als Muster für ein eigenes Dorf irgendwo anders in Europa nutzen. Tempelhof ist berühmt unter Menschen, die nach Alternativen zu einem bürgerlichen Leben in der Kleinfamilie suchen. Bei der Begrüßung ihrer Gäste wackeln die Bewohner wieder mit den Händen. Rituale stärken die Gemeinschaft, aber Fremde schrecken sie gelegentlich ab, sie können altmodisch, esoterisch, antiaufklärerisch wirken, und natürlich sieht das Wackeln mit den Händen besonders albern aus. Aber für alle drei Rituale sprechen genügend praktische Gründe: Der Morgenkreis dient der Besinnung und er ersetzt auch die tägliche Zeitung mit den jüngsten Dorfnachrichten für die Einwohner. Tempelhof hat jedenfalls keine Scheu davor, irgendjemandem nicht zu gefallen. Das Dorf kann sich vor Anmeldegesuchen kaum retten. Im Augenblick herrscht Aufnahmestopp, das Dorf ist voll.

NDENE In Zeiten der Landflucht von jungen Leuten ist selbst der zuständige Bürgermeister der umliegenden Gemeinde Kreßberg über die zugereisten Städter glücklich. Tempelhof bedeutet für die anderen 3883 Bewohner Kreßbergs: stabile Wasserpreise und Schulen, die nicht geschlossen werden. Und endlich ist mal wieder richtig was los für die Jugend aus den umliegenden Dörfern. Vielleicht ist Tempelhof ein Symbol für die neue Landlust vieler Städter. Das Dorf liegt nicht zu weit, um unter der Woche in die Großstadt zu pendeln. Tempelhof versucht ganz sicher den Spagat zwischen modernem Arbeitsplatz vor dem Computer und Wohnen in idyllischer Natur, zwischen moderner freiberuflicher Tätigkeit als Einzelkämpfer und alter Sehnsucht nach Geborgenheit in dörflicher Gemeinschaft, zwischen neuen Lebensentwürfen und alten Ritualen.

Das Dorf Tempelhof kennt drei Rituale. Nummer eins: Zum gemeinsamen Essen in der Kantine ertönt ein Gong; auch vor langen Diskussionsabenden wird er geschlagen. Nummer zwei: Morgens nach dem Frühstück in der Kantine bilden die Bewohner einen Kreis. Sie fassen sich an der Hand und schweigen bis zu zehn Minuten lang, dieses Ritual nennen sie Morgenkreis. Kindergärten machen das auch häufig, nur nicht so lange. Nach dem Schweigen kommt im Morgenkreis Alltägliches zur Sprache: Wer fährt wann die 190 Kilometer nach München oder die 120 nach Stuttgart und könnte etwas mitnehmen? Mag jemand bei der Birnenernte helfen? Ein Techniker, er ist vom Dorf angestellt, verkündet: Die fünfte Fotovoltaikanlage ist angeschlossen. Das Dorf erzeugt jetzt an guten Sonnentagen fünfzig Prozent mehr Strom, als es verbraucht. Bei dieser Nachricht wackeln die Menschen im Kreis mit erhobenen Händen. Auch Sechser, der Unternehmer, und Hadamovsky, der Weltumsegler. Früher Bauunternehmer, heute Dorfvorstand und Meditationslehrer: Wolfgang Sechser.

Mehr Platz wird es nächsten Herbst wieder geben, wenn die beiden Neubauten fertiggestellt sein werden. »150 bis 300 Leute sollen hier einmal leben, aber wir dürfen nicht zu schnell wachsen«, erklärt Wolfgang Sechser, der zum siebenköpfigen Dorfvorstand gehört. Sechser ist 51, hat zwei Baufirmen in München geführt, ist erst reich, dann krank geworden, hat seine Unternehmen abgegeben, mit Meditieren begonnen und das Dorf vor zwei Jahren mitgegründet. »Ich habe maximale Lebensschulung genossen, in jeder Beziehung.« Dass er einmal in großer Gemeinschaft leben würde, hätte er sich früher nicht vorstellen können.

Der Autor Lars Reichardt wurde in Tempelhof zum Mitsuna-Fan: Die Salatsorte probierte er in der vorwiegend vegetarischen Kantine von Tempelhof zum ersten Mal in seinem Leben.


100 DORF

Anne Schmid ist mit Kind und Mann von München nach Tempelhof gezogen, sie arbeitet freiberuflich als Stylistin und Schneiderin, ihr Mann pendelt noch jede Woche nach München.

Der Bruch in der Biografie scheint eher untypisch für die Leute in Tempelhof. Sechser bekommt das Landleben jedenfalls sichtlich: Er sieht schlank und gesund aus. Er zieht sich immer noch schick an. Niemand in Tempelhof trägt Hippieklamotten. Inzwischen zogen insgesamt an die hundert Leute zu, darunter zwanzig Kinder. Auch eine Französin, eine Argentinierin, eine Polin, eine Rumänin, ein Schweizer Ehepaar und demnächst auch eines aus Japan. Einige Künstler, ein Knallgasforscher, ein UNO-Mitarbeiter aus Genf, der Rest: Handwerker, Akademiker, Manager, Rentner, Krankenschwestern und Pfleger aus umliegenden Gemeinden, auch einige Münchner, die zur Arbeitsstelle noch hin- und herpendeln. 25 000 Euro müssen alle in die Genossenschaftskasse einzahlen, dafür bekommen sie das Recht auf billigen Wohnraum und billiges Essen: Sie dürfen für 250 Euro im Monat in der Kantine essen, wenn sie möchten, dreimal am Tag. Aber sie müssen natürlich nicht, sie können auch zu Hause kochen. Sie dürfen allein oder in einer Wohngemeinschaft oder mit Partner oder Familie wohnen – wie sie wollen und so wie es gerade möglich ist, gegen eine Warmmiete von nur fünf Euro pro Quadratmeter. DIE WARTELISTE IST LANG Manche wohnen zur Probe, sie dürfen mitentscheiden bei allen Belangen des Dorfes, müssen aber damit rechnen, nach einem Jahr wieder weggehen zu müssen. Alle Bewohner stimmen über jeden neuen Mitbewohner dreimal ab. Wer nur ein einziges Mal ein einziges Veto erhält, muss ausziehen. Aufgenommen werden nur »Leute, die zu uns passen«, sagt Sechser, der Ex-Unternehmer. Die Warteliste ist lang.

Junge Familien mit kleinen Kindern haben bessere Chancen, Handwerker werden immer gebraucht, jetzt auch Lehrer für die eigene Schule, die spätestens im Frühjahr eröffnet werden soll. Für Menschen ab sechzig sieht es dagegen erst mal schlecht aus, dabei sind ältere Frauen besonders neugierig auf Tempelhof: »Wir müssen auf unsere Altersstruktur achten. Sonst werden wir in zehn Jahren zum Altersheim«, sagt Agnes Schuster. Auch sie ist ein Gründungsmitglied und wurde schon zum zweiten Mal in den Dorfvorstand gewählt. »Hundert junge Leute können zehn Alte pflegen, als Kleinfamilie ist man mit einem Pflegefall überfordert.« Generationenübergreifendes Wohnen haben sich die Gründungsmitglieder vorgenommen. Agnes Schuster ist auf einem Bauernhof groß geworden, hat später immer in großen Wohngemeinschaften gelebt und hält die unzureichende Altersversorgung für eines der drängenden Probleme in Deutschland: »Man kann ja nie genug Geld sparen, um sich für das Alter abzusichern, und besonders die 68er werden sich nicht mehr ins Altenheim abschieben lassen.« Die Altenpflege im Dorf soll ganz freiwillig geschehen: »Wenn ich helfe und jemanden in den Tod begleite, dann hilft mir später auch jemand, darauf hoffen wir alle.« Sie hofft auch, dass dabei die Würde und Schönheit des Alters wiederentdeckt werden. Tempelhof war zunächst der Name eines kleinen Schlosses an der bayerischschwäbischen Grenze, das es seit dem 17. Jahrhundert gibt. Auf dem Schlossplatz des Gutes wurden später fünf Fachwerkhäuser angebaut. In den Fünfziger- und Sechzigerjahren kamen zwei Mehrfamilienhäuser, zwei Anbauten und zwei besonders hässliche Flachbauten hinzu.

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in dem Jung und Alt sozial gerecht, sinnerfüllt, ökologisch nachhaltig in einer Art Basisdemokratie ohne Chefs zusammenleben. Ein sehr ehrgeiziges Ziel.

Wie ein wehrhaftes Dorf sieht Tempelhof von einigen Seiten aus, dabei wollen sich die Bewohner gar nicht von der Welt abschotten.

Bis 1986 unterhielt die Diakonie auf dem Gut ein Kinderheim, bis 2005 war Tempelhof ein Heim für behinderte Kinder, anschließend stand das Gut mit dreißig Hektar Wiesen und Ackerland und vernachlässigten Häusern vier Jahre leer. Ein Makler kaufte es der evangelischen Kirche ab, spekulierte auf Gewinn beim Wiederverkauf. Scientology zeigte sich interessiert, auch eine rechtsradikale Gruppe, ein Scheich, der im Hubschrauber einflog, und ein russischer Oligarch, der ein Kongresszentrum auf dem Land suchte. Aber dann kam die Finanzkrise und die Kaufinteressenten sprangen ab – bis auf eine Gruppe aus München und Umgebung. 18 Leute, die sich bereits seit drei Jahren darauf vorbereitet hatten, ein ganzes Dorf zu gründen. An den oberbayerischen Seen fanden sie kein geeignetes Grundstück, das sie sich auch hätten leisten können. Den Kaufpreis von Tempelhof konnte Sechser, der versierte Unternehmer, auf 1,5 Millionen Euro herunterhandeln. Als die 18 Münchner in einem Bus zur ersten Besichtung vorfuhren, hatten sie bereits eine fertige Dorfsatzung in der Tasche. Sie ist verankert in einem juristischen Geflecht aus gemeinnütziger Stiftung und gewöhnlicher Genossenschaft, in die sich jeder Bewohner mit 25 000 Euro einkauft. Das fest geschriebene Ziel lautet: ein Dorf,

Sozial gerecht heißt in Tempelhof zunächst einmal: Jeder Bewohner, außer den jungen Eltern, absolviert zwanzig Sozialstunden im Monat, die der Gemeinschaft zugutekommen – Abwaschen in der Kantinenküche, Gemüse ernten und einkochen, Fahrräder reparieren, Turnhalle putzen, Ruinen renovieren, erst die Hälfte der 13 000 Quadratmeter Wohnfläche ist saniert. Der Gemeinschaftsdienst gilt für die zwanzig Pendler, die nur im Dorf wohnen, genau wie für die zwanzig Freiberufler und zwanzig Rentner oder die etwa zwanzig Mitarbeiter der Genossenschaft, die im Dorf für das Dorf arbeiten. Sozial gerecht heißt auch: Alle passen auf das Kind mit Downsyndrom auf und helfen seiner alleinerziehenden Mutter; für kein Kind muss die Genossenschaftseinlage oder ein Essensbeitrag bezahlt werden; jeder Angestellte der Genossenschaft – die Bauern, der Imker, der Koch, die Techniker – bekommt, was er zum Leben braucht: 250 Euro jeden Monat für das Essen in der Kantine, die günstige Miete in einer Wohngemeinschaft oder dem eigenen Apartment; darüber hinaus Geld für Versicherungen, Urlaub und Fortbildungsseminare. So ein Bedarfseinkommen fällt bei jedem unterschiedlich hoch aus, der Lohn wird nicht nach der Arbeitsleistung oder dem Marktwert außerhalb des Dorfes berechnet. Einige wie Sechser, das Vorstandsmitglied, arbeiten sogar ganz unentgeltlich, weil ihr Unterhalt durch Mieteinnahmen oder Rente gedeckt ist. Und alle haben ihre gesamten persönlichen Finanzen offengelegt: Schulden, Unterhaltszahlungen, Immobilienbesitz, Ersparnisse. Mit Sozialismus hat das wenig zu tun, laut Sechser ist das »ein verstaubtes Wort«. Ebenso wie das Wort Kommune. Die radikale Offenheit bei den Finanzen soll die Leute miteinander verbinden und Ängste abbauen, so wie die anderen Rituale das tun. DAS EXPERIMENT GEMEINSCHAFTSEINKOMMEN Einer Wohngemeinschaft ist das nicht radikal genug: Sieben junge Handwerker, der älteste von ihnen ist 32, schmeißen sogar alle ihre Einkünfte zusammen und bedienen sich den Monat über aus einem gemeinsamen Safe. »Natürlich gab es anfangs längere Diskussionen darüber, warum ein Nichtraucher die Zigaretten der Raucher mitbezahlen soll«, erzählt einer aus der WG, Niko Ratering. Er hat in Brüssel als Restaurateur viel Geld verdient und schick gewohnt, bevor er nach Tempelhof kam, wo ihm nur mehr Schrank und Bett gehören, wo er mit 1500 Euro brutto und weniger McDonalds-Besuchen auskommen will und er das Dorfplenum um Erlaubnis fragen muss, ob seine Freundin nun zu ihm ziehen darf.


102 DORF

Das Experiment Gemeinschaftseinkommen haben alle sieben trotz kleiner Reibereien nach einem Jahr noch nicht abgebrochen. »Wir haben eine Menge über uns gelernt.« Als Zukunftswerkstatt und soziales Experiment verstehen alle Bewohner ihr Dorf. Das gemeinsame Dorfziel eines sinnerfüllten Lebens bedeutet in Tempelhof vor allem sinnsuchend: in Seminaren zur Krise von Marktwirtschaft und Wachstumsgesellschaft; in Vorträgen zur Nachhaltigkeit, zu denen Fachleute aus ganz Deutschland eingeladen werden; in Workshops, in denen nach der Lehre des amerikanischen Psychotherapeuten Scott Peck sowie des deutschen Neurobiologen Gerald Hüther das Leben in einer Gemeinschaft geübt werden soll. Oder erfolgreiches Kommunizieren. Das wichtigste Rezept für große Gruppen: Es kommt darauf an, die richtige Balance zwischen Freiheit und Verbundenheit zu finden. Die meisten Menschen geben in ihrem Leben das eine zugunsten des anderen auf. Und Rituale sind auch ganz wichtig, egal welche, selbst Händewackeln funktioniert. Vier solche Workshopwochenenden im Jahr soll jeder Tempelhofer absolvieren, das macht den Ort noch nicht zur Sekte. »Wir verstehen uns grundsätzlich schon als spirituelle Gemeinschaft«, sagt Sechser, der Vorstand. »Aber hier sind alle Glaubensrichtungen vertreten: Buddhismus, Christentum, auch Atheismus.« Das Schweigen im Morgenkreis ist die einzige spirituelle Geste, die sichtbar ist und die alle Dorfbewohner irgendwann praktizieren. In erster Linie will Tempelhof ökologische und soziale Lösungen für die Welt erarbeiten. Ben Hadamovsky etwa, der Weltumsegler, Bauleiter von Beruf, Mitte vierzig. Vier Jahre lang blieb er mit seiner Frau und zwei kleinen Kindern an keinem Ort länger als drei Wochen. Warum nur zieht eine Kleinfamilie, die sogar auf einem kleinen Segelboot gut funktionierte, in eine große Dorfgemeinschaft? Hadamovsky sagt: »Wir haben auf dem Meer den ganzen Müll schwimmen sehen, den unsere westliche Gesellschaft produziert. Die ganze Welt will so leben wie wir in Europa, das geht so nicht weiter, der Müll nimmt überhand. Wir müssen ökologisch umdenken, das passiert hier.« Stefanie Raysz ist aus Neugier nach Tempelhof gezogen: »Mein Mann ist Wetterforscher, hat zwei Firmen in Karlsruhe aufgebaut. Wir haben als Kleinfamilie alles geschafft, was man nur erreichen kann: zwei gesunde Kinder und ein Reihenhaus. Wir suchen einfach eine neue intellektuelle Herausforderung.« Ihr Mann Jon arbeitet jetzt an einem Permakultur-Projekt mit, auf der Wiese vor dem Dorf sollen ab nächstem Jahr Erdhäuser gebaut werden. Ökologisch nachhaltig bedeutet in Tempelhof außerdem: Energie sparen und ökologisch erzeugen, Carsharing, auch viel vegetarische Küche.

Manchmal setzen sich die Fleischesser auf dem Speiseplan der Kantine durch, und in den eigenen vier Wänden isst ohnehin jeder, was er will. Tempelhof ist keine Öko-Diktatur. Das Dorf probt eine Konsensgesellschaft. In der Theorie heißt das: Nicht die demokratische Mehrheit entscheidet. Wichtige Entscheidungen werden nur ohne Gegenstimme getroffen. »Keiner wird übergangen, aber jeder kann alles aufhalten«, sagt Sechser. Wichtig ist: Wer wird ins Dorf und die Genossenschaft aufgenommen? Soll eine neue Heizung jetzt auf Kredit gekauft werden oder wartet man auf mehr Eigenkapital und eine noch ökologischere Lösung? »Eigentlich ist das ein wahnsinniges Vorhaben, solche Fragen nur einstimmig verabschieden zu wollen«, sagt Sechser, der es in seinem früheren Leben als Unternehmer gewohnt war, alles schnell allein zu entscheiden. »Aber dafür hat Tempelhof in zwei Jahren schon eine ganze Menge auf die Beine gestellt.« Zweimal im Monat kommt der Vorstand zusammen, um mit den verschiedenen Projektleitern offene Fragen zu entscheiden. An diesen beiden Abenden regiert sich das Dorf. Die Sitzung beginnt nachmittags um vier. Sie beginnt natürlich mit dem Gong und einigen Minuten Schweigen. Zwanzig Leute diskutieren miteinander, aber jeder im Dorf ist eingeladen zuzuhören und sich zu Wort zu melden. DIE KOMMUNE GILT ALS RADIKAL LINKS; ABER SEHR WOHLHABEND Einstimmig wird nach kurzer Vorstellung und anschließender Diskussion entschieden, zwei Familien in die Probezeit aufzunehmen. Allgemeines Händewackeln. Zwischenbericht von der Neubauplanung: Zwei Holzhäuser mit Platz für vierzig neue Leute sollen bis nächsten Herbst fertig sein. Es wird teurer als geplant. Zwischenbericht von der Kantinen-Neugestaltung, das Budget ist ausgegeben. Wann wird die Kantine denn endlich mal fertig, mahnt Sechser die Verantwortliche an und zeigt seine Unzufriedenheit deutlich. Zwischenbericht vom Stand der Verhandlungen über den Antrag, das eigene Quellwasser im Dorf als Brauchwasser zu benutzen. Die rechtliche Einschätzung ist schwierig, die Debatte verläuft sich in Einzelheiten. Gegen neun Uhr erstes Gähnen. Der Takt, in dem Entscheidungen gefällt werden, ist erstaunlich hoch. Der Diskussionsleiter lässt Platz für Zweifel und beendet die Diskussion, wenn sie ins Leere zu laufen droht. Der Ton bleibt sachlich, auch wenn Unangenehmes verhandelt wird: »Warum hast du dich nicht erkundigt, auf wie viel Grad wir das Trinkwasser wegen der Legionellengefahr erhitzen müssen? Das fällt in deinen Aufgabenbereich. Ich möchte nicht in deiner Haut

An zwei Abenden im Monat tagt der Vorstand und alle dürfen mitreden, wenn die Belange des Dorfes entschieden werden.

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Zwanzig Leute aus dem Dorf arbeiten auch für das Dorf: die meisten in der Landwirtschaft.

stecken, wenn da was schiefläuft«, warnt Sechser einen anderen Vorstand. Gegen elf Uhr vermehrtes Gähnen. Schließlich noch der Zwischenstand von der Renovierung des Jugendhauses: Die Jugendlichen wollen die Außenwand mit einer kobaltblauen Lasur streichen. »Wisst ihr nicht, dass Blau im Farbspektrum die Farbe ist, die krank macht in der Dämmerung?«, fragt ein besorgter, esoterisch gebildeter Dorfbewohner. »Verdammt noch mal, ich gehe in das Haus nur spätnachts zum Schlafen. Mir ist die Farbe der Außenwand egal«, beendet der Diskussionsleiter diese Diskussion ungewohnt ungeduldig. Tempelhof ist ansonsten kein Ort, an dem sachliche Auseinandersetzungen gescheut würden. »Die ewig langen Sitzungsabende sind für junge Eltern kaum zu bewältigen. Das nervt manchmal«, sagt Anne Schmid, Stylistin beim Film und die Schneiderin im Dorf. Sie ist eine junge Mutter, sehr hübsch, auf dem Land groß geworden, lebte zuletzt mit ihrem Mann in München, aufs Land wollte sie eigentlich nie wieder ziehen. »Aber wir haben schon dazugelernt: Anfangs haben wir noch über jedes kleine Detail beraten und abgestimmt. Inzwischen delegieren wir schon viel mehr an Arbeitsgruppen, die das dann für alle mitentscheiden.« Das Dorf ist ein lebendes Experiment, kein Dorfgesetz unabänderlich. Was nicht klappt, wird nachjustiert, deswegen können sich viele Dorfbewohner ihrer Sache auch nie zu sicher sein: Ben Hadamovsky, der Weltumsegler, kann nicht ausschließen, dass er und seine Familie sich nach so langer Zeit auf dem Boot in eine so große Gemein

schaft nicht mehr eingliedern können. »Frag mich in zwei Jahren wieder, dann weiß ich, ob Tempelhof für uns hinhaut.« Tempelhof gehört nicht zu den streng orthodoxen Ökodörfern wie Sieben Linden in Brandenburg, wo in etwa gleich viele Menschen in Strohhäusern und Bauwagen wohnen; Haustiere sind dort verboten, nichtbiologische Körperpflege- und Reinigungsmittel ebenfalls; Handys dürfen nicht eingeschaltet bleiben. Tempelhof dagegen hat eigens eine Glasfaserleitung für die vielen Freiberufler verlegt, die auf eine schnelle Internetverbindung angewiesen sind. Tempelhof ist erst recht keine Sex-Kommune wie das Zegg, »Zentrum für experimentelle Gesellschaftsgestaltung«, achtzig Kilometer südwestlich von Berlin, mit Ablegern in ganz Europa. Deren achtzig Mitglieder misstrauen langen Partnerschaften und der Institution Ehe. In Tempelhof leben einige Ehepaare, allein oder gemeinsam in einer WG. Ein Elternpaar lebt getrennt, weil es glaubt, das tue seiner Beziehung gut. Ein anderes Paar war früher einmal in der Kommune von Otto Muehl in Österreich, wo die Männer keine eigenen Betten hatten und jede Nacht bei einerder Frauen um Asyl bitten mussten, wo nicht mal Unterhosen als Privateigentum geduldet wurden. Das Paar ist längst geläutert. In Tempelhof sind Finanzen das Intimste, was öffentlich gemacht wird. Tempelhof ist auch kein Auroville. In der südindischen alternativen Kleinstadt ist Alkohol verboten und Bilder des Gründers Sri Aurobindo sind allgegenwärtig. In Tempelhof steht ein Bierautomat in der Kantine, und Agnes Schuster sagt: »Ich könnte nirgends leben, wo sich so wie in Auroville jemand zum Guru erklärt.« Mit einer Kommune wie Niederkaufungen in Nordhessen ist Tempelhof auch kaum vergleichbar. Dort fließt alles Geld in eine gemeinsame Kasse. Wer etwas braucht, nimmt es sich. Privateinkommen gibt es überhaupt nicht. Die gemeinsamen Einnahmen stammen aus einem Baubetrieb, Werkstätten, der Landwirtschaft und einer Kindertagesstätte. Die Kommune gilt als radikal links, aber sehr wohlhabend. Das Tempelhofer Motto: »In Gemeinschaft leben« verspricht mehr als nur einen Versorgungsverbund. Aus alternativen Kreisen stammt die heftigste Kritik an Tempelhof: Wenn man sich erfolgreiche, gesunde, fleißige Menschen raussucht, die auch noch jeder 25.000 Eigenkapital aufbringen können, sei es kein Problem, ein funktionierendes Dorf aufzubauen. Problematische Sozialfälle hätten keine Chance, in Tempelhof aufgenommen zu werden. Tempelhof tauge deswegen nicht als Modell für die Gesellschaft. »Die haben ja teilweise recht«, sagt Sechser. »Das Dorf war anfangs noch nicht groß und stark genug, um viele arme, problematische oder kranke Menschen mittragen zu können. Aber inzwischen haben wir schon sieben Leute, die überhaupt kein Geld hatten, aufgenommen.« Drei Personen wurden in der Probezeit als zu schwierig empfunden und nach einem


104 DORF

Alle haben ihre Finanzen offengelegt. Auf dem Plakat im Dachstuhl kann man jederzeit nachlesen, was der andere verdeint, besitzt oder schuldet.

Jahr aus dem Dorf geschickt. »Man trennte sich in Frieden. Wir haben nicht zusammengepasst«, sagt Sechser. Bei einem Morgenkreis im Herbst teilt ein etwa zwanzigjähriger Gast dem Dorf seinen Entschluss mit, vorzeitig nach drei Nächten abzureisen. Es sind nicht die ungewohnten Rituale, die ihn abschrecken. Ihm missfällt die Art, wie die Leute auf der Versammlung am Abend zuvor miteinander umgegangen seien: »So geschäftsmäßig, wie ihr gestern auf der Sitzung diskutiert habt, unterscheidet ihr euch ja gar nicht groß von der Welt draußen.« »Wir wollen gar kein Fluchtort für Leute werden, die sich draußen nicht zurechtfinden«, entgegnet Sechser, der erfolgreiche Unternehmer. »Wir wollen mit unseren Ideen anstecken«, so drückt das Agnes Schuster aus, bis hin zu der Idee einer alternativen Gesundheitsfürsorge. Tempelhof will Vorbild sein, wie die Welt im Kleinen zu verändern ist, kein Reservat für Aussteiger. Die Dorfgemeinschaft verabschiedet auch einen enttäuchten Gast mit wackelnden Händen.

Mit Obst und Gemüse versorgt sich Tempelhof schon weitgehend selbst. Birnenernte gehört auch zu den zwanzig Stunden Gemeinschaftsdient, die jeder Bewohner leistet.

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WIE KÄMPFT MAN MIT ALTKLEIDERN GEGEN DEN KONSUM AN?


UND IST TAUSCHEN STATT KAUFEN VIELLEICHT EINE ALTERNATIVE?

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IST JA MÜLL, W A S DU DA TRÄGST

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DESIGNER

WILLKOMMEN IN DER WELT DER SCHROTTÀ-PORTER-MODE: JEDES JAHR LANDEN TONNENWEISE TEXTILIEN IM MÜLL,

DOCH DESIGNER HABEN DAS ALS NISCHE FÜR SICH ENTDECKT.

BEIM UPCYCLING WERDEN NEUE KLEIDUNGSSTÜCKE AUS ABFALLRESTEN ENTWORFEN. SELBST EIN BRANCHENRIESE MACHT MIT. VON DANIEL-C. SCHMIDT

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NEUE FARBEN, NEUE STOFFE, NEUE SCHNITTE - ALLE SECHS MONATE WERDEN AUF DEN FASHION WEEKS NEUE TRENDS AUSGERUFEN, DIE WENIG SPÄTER IHREN WEG IN DEN EINZELHANDEL FINDEN. DORT RÄUMEN FLEISSIGE MITARBEITER DIE REGALE FREI, UND KURZ ZUVOR NOCH ALS TOPMODERN ANGEPRIESENE WARE VERWANDELT SICH DAMIT IN: MÜLL. Textilverbände und Unternehmen halten sich bedeckt mit Auskünften über Abfallmengen. Sicher ist, dass bei der Produktion neuer Kollektionen Unmengen an Stoffresten und Verschnitten übrig bleiben. Auch modebewusste Bürger verhalten sich nicht gerade sparsam: Laut Statistischem Bundesamt sorgten deutsche Haushalte allein im Jahr 2010 für 100.000 Tonnen Textil- und Bekleidungabfall. Um der Wegwerfwelle entgegenzuwirken, etabliert sich in der Modewelt seit einiger Zeit eine Designnische mit dem simplen Credo: Neues entwerfen mit möglichst wenig Abfall. Manche designen ihre Stücke daher gleich aus Modemüll und veredeln diesen dabei. Beim sogenannten Upcycling entsteht so aus Abfall neue, höherwertige Kleidung. Wer sich das Konzept ausgedacht hat? Unklar. Einen wichtigen Denkanstoß lieferte das Buch »Einfach intelligent produzieren« von Michael Braungart und William McDonough. Darin machen sich der Chemiker und der Architekt Gedan ken über alternative Produktkreisläufe: Kaufen, benutzen, wegschmeißen - kann Design diesen Zyklus brechen? Ja! Sagen zumindest drei Upcycling-Designer aus Berlin, der Heimat der deutschen Fashion Week.

Herrenanzug von Daniel Kroh: Auf den ersten Blick fällt gar nicht auf, dass an den Ärmeln Löcher als dekorative Akzente dienen. Bei Jeans ist das ja auch üblich. Foto: Dario Srbic

DER REFLEX, DAS ZEUG ZU RETTEN Daniel Kroh sitzt vor seinem Laden und fischt eine Lucky Strike aus dem Softpack. Drinnen im Atelier hantiert ein Assistent mit Kreide und Schnittmustern. »Wir haben verlernt, Dinge wertzuschätzen«, sagt Kroh. »Stattdessen schmeißen wir weg.« Kroh schneidert aus ausrangierten Arbeitsuniformen moderne Herrenanzüge. »Bei den Firmen für Arbeitskleidung entsteht ein Berg an Müll. Die Entsorgung ist nicht kostspielig, die Textilien haben einen guten Brennwert, also kommen sie weg. Mein Reflex ist, das Zeug zu retten. Mir ist es genauso wichtig, Wertstoffe vor der Vernichtung zu bewahren, wie schöne Teile zu entwerfen«, sagt der Mittdreißiger. Und wie er so dasitzt, mit schulterlangen Wuschelhaaren, in Turnschuhen, Jeans und verwaschenem T-Shirt, könnte man ihn für seinen eigenen Assistenten halten. Mode verleitet zum oberflächlichen Blick. »Ich mache das jetzt seit sieben Jahren, und seit zwei Jahren entwickelt sich ein ziemlicher Hype«, sagt der Wahlberliner. »Aber wir erfinden das Rad nicht neu. Man muss ja nur in die Nachkriegszeit schauen, als man Kostüme aus Vorhängen gemacht hat. Irgendwann in den Neunzigern kam dann der Begriff Upcycling auf.« Galt es früher nicht als sonderlich schick, umgenähte Textilien aufzutragen, kann man als Designer heute gutes Geld dafür verlangen. Kroh zieht ein Jackett aus seiner Kollektion über, genäht aus einer hellen Schweißeruniform, die Ärmel zieren dunkle Fleckchen vom Funkenflug, als hätte ihm jemand auf den Unterarm geascht. In so einem Stück stecken zehn Arbeitsstunden, der Preis liegt bei 400 Euro, dafür bekommt man dann ein Unikat, waschbar bei 60 Grad.

Daniel Kroh in seinem Atelier in Berlin-Charlottenburg vor den Arbeitsuniformen (etwa Schweißer, Stahlarbeiter, Maler, Glaser, Tischler), aus denen er Herrenanzüge schneidert. Foto: Daniel-C. Schmidt


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IN DIE ÖKO-ECKE GEPACKT Da sich Upcycling mit Nachhaltigkeit und knappen Ressourcen beschäftigt, haftet ihm etwas Biolatschiges an, kaum Fashion-Week-Glamour. »Ich werde immer wieder in die Öko-Ecke gepackt. Dabei steckt da viel mehr dahinter«, sagt Kroh. »Nur muss der Designaspekt noch besser herausgearbeitet werden.« Vielleicht können ja die Leute hinter dem Label Schmidttakahashi erklären, wie das gehen könnte. Bei der letzten Fashion Week durften sie ihre nachhaltige Mode im edlen Rahmen präsentieren: im »Green Showroom« des Hotel Adlon. Am Paul-Linke-Ufer in Berlin, zwischen Kreuzberg und Neukölln, haben Eugenie Schmidt und Mariko Takahashi ihr Hinterhausatelier. Die Designerinnen kennen sich von der Kunsthochschule. »Wir bekommen im Jahr etwa eintausend Teile gespendet«, sagt Takahashi. »Ich glaube, die Leute wollen, dass ihre Lieblingsstücke weiterleben.« Die zwei stehen vor einer Regalwand, sechs Reihen bis zur Decke, darin Altkleider aller Art, gefaltet, sortiert nach Schnitt, Stoff und Farben. »Wir schauen, was uns gefällt, kombinieren, zerschneiden und fügen zu einer neuen Kollektion zusammen«, erklärt Schmidt. Jeder Spender bekommt einen persönlichen Code und kann damit auf der Website des Labels verfolgen, was aus seinem Stück geworden ist. Für die beiden erzählen Kleider Geschichten. »Wie bei altem Geschirr«, so Schmidt. Diese Inspiration habe anfangs im Vordergrund gestanden, erzählt Takahashi, nicht der Umweltaspekt. In Zeiten von Energiewende und Bio-Essen hat es ein Thema wie Upcycling sicher leichter. Trotzdem: Hat das tatsächlich etwas mit Nachhaltigkeit zu tun? Oder ist es doch nur ein Modetrend für Individualisten? »Das Design steht klar an erster Stelle. Aber die Leute wollen gute Geschich ten hören«, sagt Christine Mayer. Eine Mischung aus Künstlern und Kreativen drängt sich in ihren Laden in Berlin-Mitte, Mayer stellt gerade ihre Herbst-/ Winter-Kollektion vor. Es werden Häppchen gereicht, in der Ecke sitzt eine Musikerin an der Harfe. Die Designerin beschäftigt sich seit anderthalb Jahren mit Upcycling. Für ihre aktuelle Linie hat sie aus mehr als hundert Jahre alten Mehlsäcken Blazer und Sakkos geschneidert, aus Seesäcken der Bundeswehr Jacken und Mäntel genäht.

Von vorn sieht es noch wie ein ganz schlichtes Hemd aus, das an den Ärmeln blauen Stoffbesatz hat. Foto: Schmidttakahashi

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Eugenie Schmidt (links) und Mariko Takahashi in ihrem Atelier in Berlin-Kreuzberg. Foto: Daniel-C. Schmidt

Kleine, unerwartete Details von Schmidttakahashi: Hier ist es die Taillenpartie, die auffällig gestaltet ist. Foto: Jule Felice Frommelt

GEHT DER SCHUSS NACH HINTEN LOS? Ob Gürtel aus Fahrradreifen, Handtaschen aus Rettungswesten oder Anzüge aus Tischleruniformen - Geschichten liefert Upcycling-Mode zuhauf. Nur: Ist die Idee mainstreamtauglich? Macht sie die Industrie wirklich nachhaltiger? Oder bleibt sie, wie Bio-Baumwolle, nur eine von vielen Spielarten grüner Mode? »Upcycling löst nur einen Teil des Problems. Es geht um ein anderes Wirtschaften, um industrielle Materialkreisläufe und unser aller Konsumverhalten«, sagt Susanne Schwarz-Raacke. Mit zwei Kolleginnen betreibt die Professorin an der Kunsthochschule Weißensee das Greenlab, wo Studenten nachhaltige Designstrategien entwickeln. »Heute werden Klamotten nur kurze Zeit getragen. Ein T-Shirt kostet fast nichts, man kann jeden Tag ein neues kaufen. Der Preis hat nichts mehr mit dem Warenwert zu tun.« Glaubt sie an ein Umdenken in der Modeindustrie? »Momentan läuft Upcycling noch im kleinen Maßstab. Es ist häufig einfacher und preiswerter, neue Stoffe zu verwenden, als alte wiederzuverwenden. Die Logistik dafür muss erst einmal hergestellt werden, das kostet.« Um das Thema zum großen Trend zu machen, müsste es wohl ein Branchenriese anpacken. Und siehe da, H&M scheint das Wiederverwerten für sich zu entdecken: Nachdem der Konzern in die Kritik geraten war, unverkaufte Stücke aus seiner Lanvin-Kollektion in New York weggeschmissen zu haben, kam Anfang 2011 eine »Waste Collection« aus Reststücken dieser Kollektion heraus. Im gleichen Jahr testete die schwedische Kette in der Schweiz ein Modell: Kunden konnten alte Stücke - egal, von welcher Marke - in den Filialen abgeben, um sie recyceln zu lassen. Als Dankeschön winkte ein Rabattgutschein pro Altkleidertüte. »Die Recycling-Aktion ist sehr gut angenommen worden. Wir haben sie in 17 Stores in der Schweiz getestet, dann auf das ganze Land, also auf 81 Stores, ausgeweitet«, sagt ein Sprecher. Das Unternehmen verkauft fast fashion in mehr als 40 Ländern. In der Branche munkelt man, die Test-Aktion könnte bald auf andere europäische Länder ausgeweitet werden.


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MAYER. Peace Collection MAYER. Peace Collection steht für die Verschmelzung von Mode und sozialem Engagement sowie für die Transformation recycelter Materialien. Jedes Kollektionsteil wird von Hand aus recycelten Stoffen gefertigt. Christine Mayer erspürt die Vergangenheit des Ursprungmaterials. Durch eine positive Transformation erhält jedes Stück eine neue Bestimmung und besticht durch seinen Unikatscharakter und die eigene Geschichte. Polarisierende Kombinationen aus robustem Material und weiblicher Passform sowie der Anspruch auf hohe und ökologische Qualitätsverarbeitung zeichnen MAYER. Peace Collection aus. Seit 2012 gibt es zusätzlich die Spirit und Soul Line: eine Wohlfühl-Linie aus weichen, anschmiegsamen Bio-Materialien sowie Algen-Jersey mit Anti-Ageing Effekt. »Die fortwährende Suche nach neuen Materialien ist meine Leidenschaft. Mit ihnen Räume zu schaffen, in denen Körper und Seele sich entfalten können, ist meine Passion.« Der Zyklus eines unbrauchbaren, alten Stücks (wie z.B. ein gelöcherter Mehlsack) wird durch die einzigartige Transformation von Christine Mayer verlängert und zu einem neuen Leben verholfen. Um kreative Dankbarkeit auch auf gesellschaftlicher Ebene zurück fließen zu lassen, kommen Teile der Einnahmen von MAYER. Peace Collection kontinuierlich verschiedenen Kinder- und Bildungsprojekten in Nepal und Indien zugute. Der Mensch und die Seele stehen immer im Mittelpunkt der Arbeit von MAYER. Peace Collection. In Zeiten von zweidimensionalen Schnittstandards, arbeitet die Designerin mit einer speziellen, aus Japan stammenden Technik, bei der jeder Schnitt an der Puppe drapiert wird. Wie ein Bildhauer formt die Designerin die Stoffe auf kunstvolle Art und Weise, um sie so zu einer nahezu perfekt

sitzenden, zweiten Haut werden zu lassen. Solch anspruchsvolles Couturehandwerk lässt die Kleidung zu persönlichen Lieblingsstücken werden, die sowohl Schutz als auch Raum zur Entfaltung des eigenen Seins bieten. Die Anziehungskraft von MAYER. Peace Collection liegt insbesondere in der einmaligen Ästhetik, die auf spielerische Weise Sensibilität und Wildheit kombiniert und eine poetische Einheit entstehen lässt. Alle Stoffe der MAYER. Peace Collection werden von Antiquitätenhändlern und Produktionen aus Europa bezogen. Mit einem konstanten Fokus auf Schadstoffreduzierung und unserer Umwelt, entspricht dies den aktuellen EU Richtlinien. Diese Ausrichtung formt die Grundlage des unternehmerischen Handelns von MAYER. Peace Collection, dessen Philosophie von Nachhaltigkeit, sozialer Verantwortung und einem ganzheitlichen Bewusstsein geprägt ist. Mit diesem Ansatz möchte MAYER. Peace Collection nicht nur zukunftweisende Schritte gehen, sondern auch für andere eine inspirierende Unterstützung darstellen. Soziales Engagement ist ein essentieller Bestandteil der MAYER. Peace Collection. Die Materialien der MAYER. Peace Collection besitzen alle ein sogenanntes vergangenes Leben: als Leinentischdecke, Mehlsack, Mangeltuch, Militärszelt, Laken oder als Seesack. Mit dem Ziel diesen Stoffen eine einzigartige Transformation zu ermöglichen, ist es Christine Mayer besonders wichtig, mit ihrer Arbeit auch auf gesellschaftlicher Ebene etwas Positives zu schaffen. Um kreative Dankbarkeit zurückfließen zu lassen, kommen daher Teile der Einnahmen der MAYER. Peace Collection verschiedenen Hilfs- und Kinderprojekten zugute. Gemäß des Mottos der MAYER. Peace Collection »Kleider machen klug« zu sehen. Ohne Schule könnte sie das nie tun.«

Designerin Christine Mayer in ihrem Atelier in Berlin-Mitte mit ihren Kreationen. Foto: Daniel-C. Schmidt

Auch C&A experimentiert zaghaft in diese Richtung: »Eine Upcycling-Kollektion haben wir zwar noch nicht«, erklärt Unternehmenssprecher Thorsten Rolfes, »aber wir beschäftigen uns mit dem Thema. Ökologie ist uns wichtig, aber sie muss einhergehen mit nachhaltiger Ökonomie. Wir können uns im Prinzip vorstellen, Upcycling in Zukunft zu nutzen.« Und wie bewertet man die H&MAktion, alte Kleider einzusammeln gegen Gutscheine? »Alle Aktivitäten, die dafür sorgen, dass brauchbare Textilien nicht auf dem Müll landen, sind zu befürworten. C&A führt zur Zeit einen ähnlichen Test in allen Filialen in den Niederlanden durch.« Klingt vorbildlich. Sieht man von einem möglichen Denkfehler ab, auf den Susanne Schwarz-Raacke vom Greenlab hinweist. »Ein Schuss, der möglicherweise nach hinten losgeht. Ich kann alte Sachen abgeben, das gibt mir ein gutes Gefühl – kann aber gleich etwas Neues kaufen.« Nur dadurch, sagt die Professorin, werde der Wäscheberg leider eben nicht kleiner.

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Für diesen Mantel wurden Seesäcke der Bundeswehr recycelt, gefärbt und bearbeitet, während Kapuze und Manschetten aus Schurwolle/Angora handgestrickt sind. Billy and Hells

»Rough Style« trifft nicht unbedingt jedermanns Geschmack: Die Jacke »Tilbert« fertigte Christine Mayer aus 150 Jahre alten Mehlsäcken.

Eine Jacke namens Ferdinand: Die Mehlsäcke gibt es auch für den Herrn - die Antiquitäten aus Stoff sind Unikate.

Billy and Hells

Billy and Hells

MAYER. Peace Collection hat ein Charity-Shirt entworfen, dem der Gedanke zugrunde liegt, dass alles Existierende eine Einheit bildet und dessen kompletter Erlös Kindern in Indien zu Gute kommt. Um dies auch in kreativer Form umzusetzen, hat MAYER. Peace Collection Kinder aus Berlin um ihre Unterstützung gebeten. Mit dem Ziel eine Verbindung zu den Kindern in Indien zu schaffen, haben sie uns Ihre Sichtweise der Einheit aller Erdbewohner aufgezeichnet. MAYER. Peace Collection spendet den vollständigen Gewinn der verkauften Charity Shirts zu 100% an die Organisation Food for Life in Vrindavan in Indien. Dort erhalten die ärmsten der armen Kinder Nahrung, medizinische Versorgung, Kleidung und eine Schulausbildung an der Sandipani Muni School sowie viel Aufmerksamkeit und Liebe (www.fflvrindavan.org). Christine Mayer verwirklicht mit dieser Aktion weiterhin die Prinzipien der Wahrheit, Einfachheit und Liebe, welche die Designerin seit Beginn ihrer Arbeit in ihren Kollektionen verankert hat. Sie möchte dadurch Herzen öffnen und zu einem neuen Bewusstsein inspirieren, hin zu mehr Menschlichkeit und Nächstenliebe. Das Charity-Shirt ist in weiss und in schwarz für €98,- ab Februar 2012 im Handel erhältlich. Alle Mitwirkenden dieses Projekts von MAYER. Peace Collection, Sängerin Judith Holofernes von Wir Sind Helden, die Fotografen Billy und Hells, die Stylistin Jazz Mang und alle Berliner Kinder, haben sich im Rahmen ihres eigenen sozialen Engagements kostenlos für diese Aktion zur Verfügung gestellt. Hier ein Ausschnitt von unterschiedlichen Motivationen und Wünschen der Kinder, die sich an den Charity-Shirts beteiligt haben: Karim, 10 Jahre: »Es ist mein Herzenswunsch, den Kindern in Indien zu helfen. Mir tun alle Kinder leid, die nicht die Möglichkeit haben zur Schule zu gehen.« Elsa, 5 Jahre: »Meine Hände sind Zwillinge und alle Kinder auf der Welt sind Geschwister.« Lupita, 8 Jahre: »Ich möchte, dass die Kinder überall auf der Welt an einer Schule lernen können, wie ich und dass sie eine Kindheit haben dürfen. Meine beste Freundin ist aus Indien. Sie ist froh, dass sie auf eine Schule gehen kann und will mal Pilotin werden, um die ganze Welt von oben zu sehen. Ohne Schule könnte sie das nie tun.«

Judith Holofernes von Wir Sind Helden präsentiert das neue Charity Shirt


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TAUSCHEN

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»Ich kreisel«,

sagt Anne Schmidt. Damit meint die Lehrerin aus Osnabrück ihre Mitgliedschaft bei Kleiderkreisel. »Wenn mein Schrank zu voll wird, miste i c h aus. Doch anstatt dann die Sachen auf dem Flohmarkt oder über E-Bay zu verkaufen, schaue ich lieber, ob sie sich nicht gegen etwas Schönes eintauschen lassen«, erklärt sie. Damit wird ihr Schrank zwar nicht leerer, aber sie hat außer den Portokosten auch keine weiteren Ausgaben.

OSNABRÜCK. TAUSCHEN, VERKAUFEN, VERSCHENKEN: DAS IST DAS T FORM KLEIDERKREISEL.DE. ALLERDINGS WILL DIE INTERNET-BÖRSE DAM SCHEN KLEIDERSCHRÄNKEN SORGEN, SONDERN AUCH ZU NACHHAL

»Bei Kleiderkreisel geht es darum, gemeinsam mehr zu erreichen als jeder für sich allein«, erklärt Gründerin Sophie Utikal im Gespräch mit unserer Zeitung. »Ich habe Schuhgröße 37 und finde in meinem Freundeskreis vielleicht zwei, höchstens drei Leute, mit denen ich tauschen könnte. Bei Kleiderkreisel finde ich auf Anhieb 30000 Schuhe, die mir passen würden und die einen neuen Besitzer suchen.« Die Fotos der überflüssigen Kleidung – von Schuhen über Accessoires bis hin zu Kosmetikartikeln – können kostenlos hochgeladen werden. Und auch der Verkauf muss nicht unbedingt mit einem Gewinn verbunden sein: Beim Einstellen der Artikel kann man die »Verhandlungsposition« auswählen: verkaufen, tauschen oder verschenken.

Zudem steht im Profil, was der Anbieter für Dinge sucht. Wie Anne Schmidt Kleider aus den 70erJahren. »Die tausche ich dann gerne ein gegen einige der Dinge, die ich nicht mehr haben will.« So bekommt die Lehrerin also etwas für die Dinge, die sie abgibt. »Wer mir sympathisch wird über seine Nachrichten und das Porto übernimmt, dem schenke ich auch schon einmal etwas«, erzählt Schmidt weiter. Die Idee zu dem Tausch- und Verkaufsportal kam Utikal und ihrer Schulfreundin Susanne Richter im Jahr 2008 bei einer Reise durch Osteuropa: In Litauen trafen sie Justas Janauskas, der dort die Online-Tauschbörse manodrabuziai.lt gegründet hatte. »Wir waren von der Idee begeistert und haben sie dann 2009 zusammen mit Martin Huber in Deutschland umgesetzt.« Heute hat kleiderkreisel.de rund 325000 registrierte Mitglieder – 95 Prozent davon Frauen – und die drei Gründer können dank der auf der Seite geschalteten Werbung vom Portal leben.


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SC Text: Corinna Berghahn

Doch es gehe bei Kleiderkreisel nicht nur um günstigen Kleidertausch, sondern darum, »überflüssigen Konsum« zu vermeiden, betont Utikal »Indem wir Menschen dazu animieren, eigene Kleidungsstücke, die nicht mehr getragen werden, weiterzugeben, möchte unsere Online-Community der Verschwendung von Ressourcen entgegenwirken. Das nennt sich ,Collaborative Consumption«, also gemeinsamer Konsum.«

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S TÄGLICHE GESCHÄFT AUF DER ONLINEPLATTDAMIT NICHT NUR FÜR NEU-ORDNUNG IN DEUTALTIGEM KONSUM ANREGEN. Der spart nicht nur Geld, sondern schont auch die Umwelt, denn je länger ein Produkt genutzt wird, desto weniger muss etwas Neues produziert werden. Um möglichst viele Anhänger dafür zu finden, verzichtet Kleiderkreisel auf jegliche Gebühren, sowohl bei der Anmeldung als auch bei den Transaktionen, sagt Utikal. Und berichtet noch etwas aus der Tauschbörsen-Nähkiste: Ein verregneter Sonntagnachmittag ist der ideale Zeitraum für Tauschwillige. Denn um 16 Uhr stellen die Mitglieder der Community die meisten neuen Angebote ein. Zudem hat sich der Sonntag als aktivster Tag erwiesen, an Feiertagen wird hingegen vergleichsweise wenig zum Tausch hochgeladen. Und bei schlechtem Wetter gibt es rund 20 Prozent mehr neu eingestellte Ware als bei Sonnenschein. Nun sei man dabei, unter dem Motto:

»Kreisel im Viertel« die Mitglieder zu KleidertauschPartys vor ihrer Haustür zu animieren, erzählt sie. »Zudem sind wir dank eines lebendigen Forums, bei dem sich von Mode über Ernährung, Politik und Beziehungen über alle Arten von Themen unterhalten

wird, auch weitaus mehr als eine Tauschbörse«, findet Utikal.

Eine Einschätzung, die Userin Schmidt teilt: »Ich verliere mich manchmal über Stunden in all den Threads, denn die lesen sich oft amüsanter als eine Frauenzeitschrift«, sagt sie und lacht.

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KANN EIN PLUGIN UNSER EINKAUFSVERHALTEN ÄNDERN?


UND STIRBT DIE HOFFNUNG ZULETZT?

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LÖCHER L A D Text: teresa-fries

Was wir uns fragen, wenn wir einkaufen: Ist das cool? Oder sehe ich damit aus wie ein Trottel? Was wir uns oft nicht fragen: Wo kommen die Waren her? Von wem sind sie wie gefertigt worden, dass sie so günstig sind? Dass wir diese Fragen verdrängen, ist nicht verwunderlich. Die Antworten könnten jeden Shoppingspaß vermiesen. Wer kann sich schon über eine Hose freuen, die von einem Neunjährigen zusammengenäht und ohne Schutzkleidung gefärbt wurde, bis seine Hände aufgeweicht waren vom Bleichmittel? Die Medien bringen das Thema Kinderarbeit immer mal wieder schlaglichtartig in unser Bewusstsein. Sie zeigen erschreckende Arbeitsbedingungen, die ein unangenehmes Gefühl hinterlassen. Vielleicht sogar gute Vorsätze. Doch meist sind die beim Anblick der nächsten Turnschuhe auf Zalando wieder vergessen. Das aVOID-Plugin soll den Job machen, an dem der gute Wille und das schlechte Gewissen bisher gescheitert sind. Einmal im Internetbrowser installiert, blendet es in großen Onlineshops die Angebote der Marken aus, die mit Kinderarbeit in Verbindung gebracht werden. Es hilft, Produkte mit fragwürdiger Herstellung zu meiden (engl. avoid), indem es im Shop an ihrer Stelle nur eine Lücke (engl. void) zurücklässt. Rechtlich ist das Plugin nicht angreifbar, weil jeder Nutzer selbst entscheidet es zu verwenden. Es ist vergleichbar mit einer Kinderschutzsoftware, mit einem Filter, den man installiert, um keine nackten Frauen mehr angezeigt zu bekommen. Entwickelt haben das Plugin drei Mitarbeiter von Interone, einer Münchner Agentur für integrierte Multikanalkommunikation, in Zusammenarbeit mit dem gemeinnützigen Verein EarthLink.

Im Rahmen der Kampagne »Aktiv gegen Kinderarbeit« veröffentlichte der Verein vor ungefähr sieben Jahren eine Liste, die seitdem kontinuierlich aktualisiert und erweitert wird. Sie zeigt anhand einer Ampelbewertung mit roten, gelben oder grünen Punkten, gegen welche Marken konkrete Vorwürfe vorliegen, wem das Thema egal ist und wer sich gegen Kinderarbeit einsetzt. Insgesamt sind mittlerweile 314 Marken und Firmen erfasst, 58 davon aus der Textilbranche. Die Entwickler Gregor Myszor, Jörg Radehaus und Thomas Fink kannten die Liste, doch die Anwendung war ihnen viel zu kompliziert. »Man musste sehr viel Aufwand betreiben, um an den Punkt zu kommen, an dem man sagen konnte: Ich shoppe jetzt fair«, erklärt Gregor Myszor. Man musste sich eine halbe Stunde damit beschäftigen, die Liste aufzurufen und mit den Onlineangeboten abzugleichen. Die

Drei boten dem EarthLink-Geschäftsführer Bernhard Henselmann an, das Plugin zu programmieren, und das auch noch ehrenamtlich. Henselmann war begeistert. »Das Plugin trifft die Firmen nochmal anders«, sagt Henselmann. Während es für Unternehmen früher noch nahezu keine Auswirkungen hatte, was die EarthLink-Liste über sie sagt, schmerzt sie das Plugin mehr. Seit es online ist, haben sich schon einige Firmen gemeldet, um selbst Auskunft zu geben und sich zu informieren, damit ihre Produkte nicht mehr gesperrt werden. Für Henselmann ein großer Erfolg. Wer das Plugin installiert, ahnt vielleicht schon, dass mehr Produkte

Könne ein Unternehmen Vorwürfe aus dem Weg räumen, verschwinde der rote Punkt auch ganz schnell wieder. mit Kinderarbeit hergestellt werden, als einem bewusst ist. Der Blick in einen Onlineshop wie Zalando ist dennoch schockierend. In der Kategorie Stiefeletten sind die fünf am häufigsten gekauften Schuhe ausgeblendet. Statt fünf Modelle der beliebten Marke Tamaris sieht man kleine aVOID-Logos auf viel weißer Fläche. Beim weiteren Klicken durch die Seite, wird das beklemmende Gefühl immer größer. Viele große, sehr beliebte Marken fehlen: American Apparel, Tommy Hilfiger oder Cheap Monday – sie alle stehen auf der EarthLink-Liste. Das bedeutet, sie haben in einer von drei Kategorien einen roten Punkt bekommen. Es heißt allerdings nicht zwingend, dass sie alle ihre Produkte mit Hilfe von Kinderarbeit herstellen. Die Sache ist etwas komplizierter, denn es kommt auf die Kriterien an, die Earthlink zur Bewertung heranzieht.

Es ist meist schwer, von Marken, gegen die konkrete Vorwürfe vorliegen, an aufschlussreiche Informationen zu kommen. Die Sportartikelmarke Speedo teilte auf Anfrage von jetzt.de mit, der zuständige Leiter sei drei bis vier Wochen im Urlaub. Eine Vertretung gebe es nicht – ebensowenig weitere Auskünfte. Der Mutterkonzern Warnaco hatte der EarthLink-Liste zufolge in China Produkte mit Kinderarbeit für Speedo herstellen lassen. Als das heraus kam, hat Warnaco den Zulieferer zwar verwarnt, aber trotzdem weiter beschäftigt. Treffen die Vorwürfe mit einiger Wahrscheinlichkeit zu, halten sich die Unternehmen also gerne bedeckt. Anders ist es bei vielen Marken, für die die Liste in den anderen beiden Kategorien einen roten Punkt anzeigt: Unternehmenspolitik und Kontrollen der Produktionsstätten. Hier geht es zum einen darum, ob Firmen Kinder-

EarthLink wolle nicht gegen die Firmen arbeiten, sondern ihnen helfen, ihre Verantwortung wahrzunehmen, erklärt Bernhard Henselmann: »Ein Vorfall von Kinderarbeit kann jeder Firma einmal passieren. Die Gefahr liegt oft bei den Subsubsub-Unternehmern.« Aber dann müsse man eben auch Verantwortung zeigen. »Wir wollen keine Firma reinreiten«, betont Henselmann.

arbeit ablehnen und einem Verhaltenskodex folgen – einem so genannten Code of Conduct. Zum anderen ist die Frage, ob Konzerne ihre Produktionsstätten oder Zulieferer regelmäßig kontrollieren. Ist eins von beidem nicht der


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EIN PLUGIN FÜR DEN INTERNET-BROWSER BLENDET BEI VERDACHT AUF KINDERARBEIT PRODUKTE IN ONLINESHOPS AUS. SO KANN DER NUTZER SICHERSTELLEN, DASS ER NUR FAIR HERGESTELLTE PRODUKTE KAUFT. EIN PAAR FIRMEN FÜHLEN SICH ABER UNGERECHT BEHANDELT.

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Fall, gibt es einen roten Punkt, und das Plugin filtert die entsprechende Marke. Hier allerdings fühlen sich Firmen ungerecht behandelt. Denn für einen roten Punkt kann schon eine unbeantwortete Mail Grund genug sein. Die Marke Tamaris zum Beispiel wird durch das Plugin gesperrt, weil sie sich – so heißt es auf der EarthLink-Homepage – auf eine Anfrage vom 18. April 2012 bis heute nicht gemeldet habe. Die Wortmann Schuh-Holding, zu der Tamaris gehört, kann nicht bestätigen, ob sie diese E-Mail erhalten haben oder nicht. Grundsätzlich, heißt es in einer Stellungnahme, beantworte Wortmann Anfragen dieser Art aber umgehend. Denn Wortmann ist sogar stolz auf seine Unternehmenspolitik gegen Kinderarbeit. Seit vielen Jahren schon gebe es einen ausführlichen Code of Conduct,

der ein klares Verbot von Kinderarbeit beinhalte. Bei einem Verstoß trete ein Aktionsplan in Kraft, um den betreffenden Kindern und Jugendlichen zu helfen. Außerdem würden externe Kontrollen der Produktionsstätten durch international tätige Prüfungsinstitute erfolgen. Damit würde die Marke Tamaris allen geforderten Punkten von EarthLink entsprechen. Stellt sich die Frage, warum EarthLink das bei der Recherche nicht herausfinden konnte. Hätte man vielleicht nur einmal mehr nachfragen müssen? Geschäftsführer Henselmann erklärt, dass die Mitarbeiter im Internet mit

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der Recherche beginnen, hauptsächlich auf den offiziellen Seiten der Marken. Finden Sie dort keine oder ungenügende Informationen zur Unternehmenspolitik und den Produktionsstätten versenden sie eine E-MailAnfrage mit der Bitte, sich binnen vier Wochen zu melden. »Wenn die Unternehmen länger brauchen, um an die Auskünfte zu kommen, warten wir gerne. Hauptsache, sie reagieren«, so Bernhard Henselmann. Wer sich auf das Anschreiben allerdings gar nicht meldet, wird rot gekennzeichnet und fällt damit in den Filter. EarthLink interpretiert eine ausbleibende Rückmeldung als Desinteresse gegenüber dem Thema Kinderarbeit und damit als nicht wahrgenommene Verantwortung. Henselmann sieht in dieser Arbeitsweise kein Problem. Sie zeige viel mehr ein weiteres Problem der Firmen: Wenn die Kontaktdaten im Internet nicht angegeben sind oder nicht an die richtige Stelle führen, ist das ein Mangel an Transparenz. »Sie haben auch die Ver-

Link: »Das Unternehmen hat auf unsere Nachfrage an kundenservice@ benchstore.de am 10.01.2012 noch nicht geantwortet.« Julia Hanke, Pressesprecherin von Americana Germany, die Bench vertritt, erklärt das Ausbleiben der Antwort mit internen Umstrukturierungen. Der Kundenservice sei erst Ende letzten Jahres nach Deutschland geholt worden, und im Januar noch als reine Betreuung bei Fragen zur Bestellung im Onlineshop eingesetzt worden. Auf die große Zahl der Anschreiben und Fragen zur Unternehmenspolitik sei man damals noch nicht vorbereitet gewesen. Der bestehende Code of Conduct, in dem sich Bench auch gegen Kinderarbeit

ausspricht, sei zwar knapp gehalten, aber er existiere. Sehr oberflächlich und nicht ausdifferenzierte Kodizes sind nicht selten reine Imagemaßnahmen ohne große Wirkung. Bei EarthLink reicht das aber, um erst einmal um seine roten Punkte abzubauen. Im Zuge der Recherche für diesen Artikel wurde die Stellungnahme zum Code of Conduct von Bench an den Verein EarthLink weitergeleitet. Die roten Punkte in der Liste wurden daraufhin sofort geändert. In einigen Tagen wird die Marke auch durch das Plugin nicht mehr gesperrt werden.

antwortung, ihren Kunden die Möglichkeit zu geben, sich zu informieren.« Auch die Marke Bench hat zwei rote Punkte und wird aus den Shops herausgefiltert. Die Begründung laut Earth-

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EarthLink setzt sich ein für eine sozial und ökologisch verträgliche Entwicklung weltweit. Projekte unterstützen die Eigeninitiative von Menschen im Süden, die ihren Lebensraum bewahren und ihre Lebenssituation verbessern wollen. Informationsarbeit hier in Deutschland zeigt unsere Verantwortung für eine »gerechtere Welt« auf. Netzwerkarbeit verknüpft Ideen und Erfahrungen vieler Akteure, die für eine nachhaltige Entwicklung eintreten. www.earthlink.de


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The problem is

Everything is incredible and People don´t accept it.

Die Herausgeber haben sich entschlossen diesen Artikeltext im Original zu belassen. Die Übersetzung finden sie auf Seite 128.

The subject of Tyler Bastian’s short documentary film »Everything is Incredible« is Agustin: a 60-something man in Siguatepeque, Honduras, who has devoted the past 50 years to building a helicopter from scratch. Constrained in life by poverty and polio, Agustin has never seen a functioning helicopter up close; the inspiration for his project came from a magazine photo of a helicopter that captured his imagination as a teenager. After a half-century of effort, Agustin has achieved what he considers his final design, »although you can see it looks like a caricature of a helicopter,« he tells us. At the opening of the film, he acknowledges: »Strictly speaking for everyone it’s been a cause for mockery because the whole world thinks it is impossible. That I’m just crazy.« There are many ways to view »Everything is Incredible,« and one of them is with sincere respect for Agustin’s technological achievement. His helicopter does, in fact, resemble a caricature of a Hiller or Bell 47, and it does not appear to be in danger of becoming airborne anytime soon. But it also incorporates working mechanisms — such as a rotating universal joint — that are genuinely impressive when one realizes they were fabricated from parts scavenged at trash dumps, by a disabled shoemaker with little formal education and no reference to actual helicopter designs.

By Elan Head Yet few people are likely to view »Everything is Incredible« as a technological documentary. Since the film went viral on Vimeo.com, it has been praised, instead, as a complex meditation on the things that inspire us and give our lives meaning – which is closer to what the filmmaker intended. »It’s a complicated story,« Bastian told Vertical in a recent phone interview. »My goal as a filmmaker was really walking a fine line. . . . I didn’t want people to walk away thinking ‘What a Don Quixote; what an idiot.’ It’s not easy to judge who he is or what he’s done.« Bastian met Agustin — »just ran into him, really« — when he was living in Honduras as a young man from 1996 to 1998. Although Bastian returned to the United States, eventually becoming a high school teacher, he didn’t forget Agustin or his story; 10 years later, he had raised enough money to begin the filmmaking process. Along with his friends Trevor Hill and Tim Skousen, Bastian filmed »Everything is Incredible« over four low-budget trips beginning in 2007 (additional footage is contained in a longer version of the film, »Rise,« which is not on Vimeo but is available for purchase at http://theriseinstitute.com). The documentary is currently making the film festival rounds, in addition to having garnered more than 250,000 views on Vimeo. »Everything is Incredible« tells Agustin’s story through interviews with Agustin and others; their commentary is woven through shots that linger on the streets of Siguatepeque and, of course, on the helicopter itself. The other people in the film are never explicitly identified (according to Bastian, most of them are relatives of Agustin, with the obvious exception of a Catholic priest). This anonymity is by design. »All of those characters in the film could have been all of us at different points in our lives,« Bastian explained, referring to the characters’ varying takes on Agustin and the value of his life’s work. With its themes of adversity, doubt, faith and perseverance, Agustin’s story »really is just a story about what all of us go through,« Bastian said. Not all viewers see value in Agustin’s experience: one Vimeo commenter described it as »just sad.« However, most people who have given Bastian feedback have been overwhelmingly positive about the film — and sympathetic to Agustin’s plight. More than a few have suggested a fundraising campaign to give Agustin a ride in a »real« helicopter, but according to Bastian, it’s not clear that this is what Agustin actually wants. »There’s always been a debate among the filmmakers: should we take him up in a helicopter or should we not?« Bastian said.

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In »Rise,« Bastian elaborates a bit more on why Agustin, with all of his physical and socioeconomic disadvantages, chose to persevere with a project that most people would deem impossible. According to Bastian, Agustin wanted his life to be defined by a positive problem — not by poverty or polio. In Agustin’s words: »I chose to build a helicopter because I wanted to choose my problems. One will always have problems, but so few people choose their own problems. They just take whatever problems come their way, the problems off the street. I chose this to be my problem in life: building this helicopter.«

»Every time I speak about [the film] the debate comes up.« Because Agustin has not expressed a desire for a helicopter ride, opinions are split on whether it would be the realization of a lifelong dream, or irrelevant to the actual role that the helicopter has served in his life. As Bastian observes in »Rise,« the longer version of the film: »I think in his mind he’s flying every day.« Consequently, while Bastian has initiated a fundraising campaign to benefit Agustin, its goal is not to give him a helicopter ride. Rather, it seeks to provide him with additional money for health and living expenses, and to purchase his helicopter in trust to ensure that it is not destroyed after his death. (According to Bastian, while Agustin is indifferent to a ride in someone else’s helicopter, he has expressed a definite wish that his own helicopter be preserved.) People who are interested in contributing can find more information at page 128.


126 IDEA

THE STORY. Beginning in 2007 Producer-Directors Tyler Bastian, Trevor Hill and Tim Skousen embarked on a journey to make a film that tells a story of a man Tyler met in Honduras over a decade ago. »Everything is Incredible« is about Agustin, who is physically disabled from polio, yet has spent 50 years building a surprisingly advanced helicopter out of re-bar, bicycle parts and wood. His dream to take flight has inspired us to capture his spirit, attitude, and perspective in an emotional film about determination and the purpose of life goals.

http://vimeo.com/2315077 The film has an original score by Kirby Heyborne and Tyler Hill.

SUPPORT IF YOU ARE HOW INSPIRED. HELP?

WIE HELFEN?

The filmmaker initiated a project on a charity appeal platform to raise money for Agustin.

Der Filmemacher Tyler Bastian initiierte einen Spendenaufruf auf einer Plattform im Internet.

The objective is two fold;

Das Ziel ist zweigeteilt:

1. Raise enough funds to help Agustin with living expenses by purchasing the helicopter and his home. He will retain both and at the end of his life the helicopter will be preserved to be a lasting legacy of who Agustin is and how he spent his life.

1. Genug Geld zu sammeln um Agustin bei seinen Lebenshaltungskosten zu unterstützen, mithilfe von Helikopter-Teilen und Teilen für sein Zuhause. Er wird beides zurücklassen und am Ende seines Lebens wird sein Helikopter konserviert um eine lang anhaltende Erinnerung zu erhalten für wer Agustin war und wie er sein Leben gelebt hat.

2. They would also like to raise enough to try and get Agustin up in a helicopter. All of this will be filmed to make a feature length film about this amazing man. So, if you feel as inspired as we did, go to

2. Sie wollen ebenfalls genug Geld sammeln um Agustin mit einem Helikopter nach oben zu bringen. All das wird gefilmt um einen Film über diesen außergewöhnlichen Mann zu machen. Falls Sie sich ebenso inspiriert wie wir fühlen, gehen Sie bitte auf

ur own Get yo eams« e dr »I sav hirt d T-S ion an donat ort. r u o y pp with our su show y

http://www.indiegogo.com/round2everythingisincredible,

and decide on your amount to spend (from 1$ up to 5000$ is possible, in reward you can get from a Thank you Email up to parts of the original helicopter) and donate. If you want to, you can leave a comment of support, too. Until now they organised a first round of appeal and raised 13.736 $.

und entscheiden Sie selbst über die Höhe Ihrer Spende (von $1 bis $5000 ist alles möglich und im Gegenzug erhalten Sie von einer Email bis hin zu ausgemusterten Orignalteilen des Helikopters) und spenden Sie. Wenn Sie möchten können Sie dort zudem einen Kommentar der Unterstützung hinterlassen. Bis jetzt wurden in der ersten Spendenrunde 13.736 $ gesammelt.

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127

QUELLEN

QUELLEN WIRTSCHAFT

Bild und Textnachweis Alle Fotoarbeiten und Texte sind in der Regel von den Studierenden selbst hergestellt. Wir bitten um Nachsicht, dass in einer Lehrsituation die Fragen nach Rechten nicht immer geklärt werden können. Da es nicht die Absicht ist, einzelne Studienarbeiten in der Öffentlichkeit zu publizieren, sie also als Layout zu betrachten sind, bitten wir um Verständnis. Die hier dokumentierten Quellen sind ohne Gewähr auf Vollständigkeit, aber nach bestem Wissen aufgeführt. TEXT

BILD

3 Gedanken Originalidee von Will Durant aus: u&lc magazine, Volume twelve, Number One, May 1985

DIE GIER 4 Gedicht von Wilfried Schmickler.: »Die Gier« 5

MANIFEST

DIE GIER 4 http://www.flickr.com/photos/loganalexander/4139853884/sizes/l/in/photostream/ 5

MANIFEST

Zitat von Louis C.K.

Nursery Dots: littlebabygarvin.blogspot.com

9 Wasser, das Wellen wirft Artikel von Regula Fuchs. Erstellt: 17.01.2012, 07:57 Uhr http://www.derbund.ch/kultur/kino/Wasser-das-Wellen-wirft/story/24484379 Weitere Texte Info Urs Schnell/DOKLAB und Sandra Kleinwechter.

9 Wasser, das Wellen wirft Illustrationen Flaschen, Schweiz und Jean Ziegler von Sandra Kleinwechter. Illustration Plastic is not fantastic: Denis Bashev, http://www.behance.net/gallery/Bag/829307

18 Wassermythen Aus »brand eins« 11/2012, Text: Andreas Molitor

18 Wassermythen Arktisbild 1: Ludovic Hirlimann auf Flickr, weitere Arktisbilder von: Janet Little Jeffers Infografik: Sandra Kleinwechter

26 Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet! Text: Wolf Südbeck-Baur, 6.1.2012, 00:01 Uhr Publik-Forum Ausgabe Nr. 11/2011

26 Ein Kind, das an Hunger stirbt, wird ermordet! Zeichnung und Illustrationen: Sandra Kleinwechter

32 Prinzip TEIKEI Text von SHINJI HASHIMOTO, http://blog.urgenci.net/?p=71 Übersetzung: Sandra Kleinwechter

32 Prinzip TEIKEI Illustrationen: Sandra Kleinwechter.

42 Spiel mit Geschlechtern Text »Spiel mit den Geschlechtern: NADINE HIMMELSBACH, 5. September 2012 18:02 http://www.sueddeutsche.de/stil/transgendering-in-der-modewelt-spiel-mit-den-geschlechtern-1.1457197 Interview: Tillmann Prüfer, 17.02.2011 - 13:11, http://www.zeit.de/2011/08/Mode-Model

42 Spiel mit Geschlechtern Foto Pejic: Kristiina Wilson, http://www.theones2watch.com/newwave/5735 Kampagnenbilder: copyright Jane Pain Lingerie, Coverbild Pejic: serbische ELLE 01/2013

48 Hiermit bewerbe ich mich nicht Text von Nadja Leoni Nolting, 04.01.2013, http://www.spiegel.de/karriere/berufsstart/absagen-statt-bewerben-kreativer-protest-der-generation-praktikum-a-875549.html

48 Hiermit bewerbe ich mich nicht Bild & Screenshot: Mario Schenk

50 Die Fähigkeit zum Widerstand Aus brand eins 11/2012 - WAS WIRTSCHAFT TREIBT, Text: Stephan A. Jansen, http://www.brandeins.de/magazin/zweite-chance/merkwuerdigkeiten-aus-den-manegen-desmanagements-die-faehigkeit-zum-widerstand.html

50 Die Fähigkeit zum Widerstand Illustration: Sandra Kleinwechter

56 Goldman Sachs – eine Bank lenkt die Welt Text ist ein Abschrieb des Filmdrehbuchs von JÉROME FRITEL & MARC ROCHE von Sandra Kleinwechter dokumentiert.

56 Goldman Sachs – eine Bank lenkt die Welt Illustration: Sandra Kleinwechter auf Basis Osean´s Eleven DVD Covers, Screenshots aus dem Film. Bilder Fabulous Fab: Getty.

71 We are the Intruders Text: Matthew Sparkes, 1:23PM BST 24 Sep 2012 http://www.telegraph.co.uk/finance/economics/9562696/Former-HMRC-head-Dave-Hartnettawarded-by-protesters.html,

71 We are the Intruders Illustration: Kate Bingaman-Burt, nachgezeichnet & übersetzt von Sandra Kleinwechter

72 THE CORPORATION Text: Andreas Busche, Text erschien zuerst in der taz, Text Folgeseiten: Sandra Kleinwechter http://www.filmzentrale.com/rezis/corporationab.htm

72 THE CORPORATION Nachgebautes Cover und Screenshots aus dem Film »THE CORPORATION«, Illustrationen auf Basis der »Honest Logos« von Mike Chliounakis, http://printbench.com/honest-logos/

80 What if Money was not the object? Biographie: http://de.wikipedia.org/wiki/Alan_Watts und www.alanwatts.net, Text Mitschrieb: http://www.youtube.com/watch?v=siu6JYqOZ0g&list=FLb1uvlK1T4cxPmUlPuHQoaw

80 What if Money was not the object? Foto Alan Watts: http://userserve-ak.last.fm/serve/_/8402329/Alan+Watts+Alan20Wattslow. jpg, Foto Reh von Peter Hacker aus dem Film »We miss you« von Hanna Maria Heldrich

86 They send us trash, we send back music. Johanna Björk on December 11, 2012, http://www.goodlifer.com/2012/12/landfill-harmoniccreating-beautiful-music-on-instruments-made-from-trash/

86 They send us trash, we send back music. Foto Titel: Thomas Prellwitz, Fotos Artikel: Images courtesy of Landfill Harmonic

94 Detroit – Now and then Text: Sandra Kleinwechter, Infografik-Inhalte: detroiturbex.com

94 Detroit – Now and then Foto Central Michigan Station von www.davidejackson.com, weitere Fotos:detroiturbex.com

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Der erfundene Ort

Text: Lars Reichardt, aus Heft 47/2012 Süddeutsche Zeitung Magazin

98 Der erfundene Ort Fotos: Robert Brembeck, Illustration: Sandra Kleinwechter

108 Ist ja Müll was du da trägst. Von Daniel-C. Schmidt, 08.11.2012, www.spiegel.de Info über Mayer- Peace : http://www.modekultur.info/index_de/charity-shirt-mayer-0112

108 Ist ja Müll was du da trägst. Fotografen je Bild in BU vermerkt.

116 TAUSCH. Corinna Berghahn 07. Oktober 2012 16:42 Uhr, http://www.noz.de/deutschland-und-welt/ gut-zu-wissen/67064548/verkauf-oder-tausch-online-boerse-kleiderkreisel-de-laesst-die-wahl

116 TAUSCH. Komposition: Sandra Kleinwechter

120 Löcher im Laden. Text: teresa-fries, 09.09.2012 - 18:14 Uhr, http://jetzt.sueddeutsche.de/texte/anzeigen/555248

120 Löcher im Laden. Komposition: Sandra Kleinwechter, Logos: www.earthlink.de

122 Everything is incredible Elan Head, 10/2012, http://verticalmag.com/news/articles/21782-everything-is-incredible.html

122 Everything is incredible Illustration: Sandra Kleinwechter, Screenshots aus dem Film »Everything is incredible«


128 ENGLISH

ÜBERSETZUNG S. 71 WIR SIND DIE EINDRINGLINGE Der ehemalige HMRC Chef (Steuerbehörde in England) DAVE HARTNETT wird von Protestierenden mit Preis bedacht. Eine Ansprache des ehemaligen Steuerbehördenchefs Englands nach einem feierlichen Essen wurde von Protestierenden unterbrochen, die dem in Rente gehenden Beamten einen Preis namens »lifetime achievement award to corporate tax planning« (Preis für sein Lebenswerk für gewerbliche Steuerplanung) überreichten. Hr Hartnett hatte am Donnerstag eine Rede am New College Oxford gehalten, als eine Gruppe, die sich selbst WeAreTheIntruders nennt, sich wie Angestellte von Goldman Sachs und Vodafone verkleidet hatte, ihn unterbrachen um ihm einen Strauß Blumen und besagten Preis, auch bekannt als »Golden Handshake« (der goldene Handschlag). Die englische Steuerbehörde wurde verdächtigt sogenannte »sweetheart« deals (Bestandteil: ausstehende Steuerabgaben) mit großen Konzernen abzuschließen. Diese Deals wurden angeblich während der Amtszeit von Herrn Hartnett vereinbart und wurden sehr kontrovers diskutiert. Das Thema explodierte letztes Jahr, nachdem ein Maulwurf enthüllte, dass die HMRC fast £20 Millionen auf £30 Millionen Steuernachzahlung der Goldman Sachs Boni erlassen hatte. Ebenso wurde die HMRC verdächtigt Vodafone bei einem zu zahlenden Steuervolumen von £8 Milliarden nur £1.25 Milliarden anzufordern. Es wurde damals von einem öffentlichen nationalen AuditTeams im Juni geprüft, obwohl ihnen gesagt wurde, sie sollen die Zahlen säubern um weitere Verdächtigungen zu vermeiden. Zu dieser Zeit sagte die HMRC: »Wir begrüßen die heutige Prüfung. Wir haben immer gesagt, dass die Zusammenarbeit mit Unternehmen einen guten Wert für unser Land hat.« Die Protestierenden, in schwarzer Abendgarderobe gekleidet, luden ein Video ihrer Aktion auf Youtube hoch und haben sich auch bei Twitter einen Account mit dem Namen The Intruders eingerichtet. Tom Clark, einer der Mitglieder, die das Video erstellt haben, sagte: »Wir haben vermutet, dass Hartnett nach dem Essen hält und konnten es dennoch nicht glauben, als es soweit war. Wir wollten diese Art des Schulterklopfens im Establishment aufdecken. Das Video ist hoffentlich witzig, aber wir hoffen auch es zeigt einen kleinen Einblick in eine Welt von der die meisten Menschen nicht wissen, dass sie überhaupt existiert.« Unser Kontaktmann erzählte uns, dass Hartnett voll in seinem Element war, als er für seine Rede aufstand. Jeder lachte, jeder hatte Spaß. Das hielt nicht lange. Wie Sie im Video sehen können, wurde Hartnett ganz bleich, zog seine Schultern zurück und sah aus als würde er gerne in einem Loch im Boden verschwinden.« Das Video zeigt einen der Protestierenden, wie er Herrn Hartnett´s Rede auf einem Gala Dinner der Key Haven Publications tax planning conference unterbricht, um Folgendes zu sagen: »Wir können ihm einfach nicht genug danken, für das was er getan hat. Wir sind nur hier um ihm unsere Glückwünsche zu überbringen.« Minuten später übernimmt einer der Dinner-Gäste und fordert: »Sie werden sofort gehen, bevor ich die Hunde raus lasse.« Die Gruppe akzeptiert zu gehen, aber nicht ohne in ein »For He‘s a Jolly Good Fellow« einzustimmen während sie hinausbegleitet werden, während Herr Hartnett ruhig auf seinem Sitz verweilt. Als sie gehen, hören sie wie einer der Gäste »eindringender Abschaum« murmelt. Ein Sprecher der HMRC sagte, dass Herr Hartnett seinen Posten offiziell am 31.Juli verlassen hat und seither nicht mehr als Offizieller der Behörde spricht.

S. 86 »SIE SENDEN UNS MÜLL. WIR SCHICKEN IHNEN MUSIK.« In Cateura, einem Slum gebaut auf einer Müllhalde in Paraguay, entdecken junge Menschen die Freuden der Kunst, der Musik und der Kreativität. Sie haben kein Geld um sich teure Instrumente zu kaufen – eine Violine kostet mehr als ein Haus dort wert ist. Stattdessen haben sie gelernt wie man auf Instrumenten spielt, die begabt zusammengebaut aus dem Müll der angrenzenden Halde bestehen. Nicolas Gomez, der als »Cola« bekannt ist, baut diese Geigen, Cellos, Flöten und mehr in seiner Werkstatt (die er ebenfalls erbaut hat). Unter der Anweisung von Favio Chavez, haben sich diese Jugendlichen zu einem Orchester geformt, dass sie »Landfill Harmonic« getauft haben. Das ist auch der Name eines angekündigten Kurzfilm-Dokumentation über diese Kinder und ihrer bemerkenswerten Reise in die Welt der Musik. Der Film zeigt wie Abfall und recycelte Materialien in etwas so wohlklingendes wie diese Musikinstrumente verwandelt werden kann, aber vor allem dokumentiert er die Verwandlung von kostbaren Lebewesen. Das ist wo die Magie beginnt. Nicolas Gomez, besser bekannt als»Cola,« baut eine recycelte Geige in seiner (ebenfalls selbst erbauten) Werkstatt in Cateura. »Ohne Musik,«sagt ein Mädchen, »hätte mein Leben keine Bedeutung.« Instrumenten-Macher Nicolas »Cola« Gomez and Favio Chavez, Direktor des Orchesters, in Cateura, Paraguay. SCHAUEN SIE SICH DEN TRAILER AN UND BESUCHEN SIE DIE FACEBOOK-SEITE DES FILMS FÜR MEHR INFORMATION UND DAS VERÖFFENTLICHUNGSDATUM.

S. 86 »DETROIT. JETZT UND DAMALS.« FRAGEN AN DIE INITIATOREN: Warum? Weil die Menschen sehen müssen was mit den Menschen und der Stadt Detroit passiert. Was passiert in Detroit? Das ist ein guter Anfang. Was ist der Sinn dieser website? Um auf die sozialen und wirtschaftlichen Herausforderungen der Stadt Detroit mithilfe von Photographie aufmerksam zu machen. Was ist urban exploration / urbex? Das Entdecken oder Photographieren von verlassenen Gebäuden und Plätzen. Sie können hier etwas dazu lesen (Links auf der Webseite zu finden, Anm. d. Red.) Ist es legal was Sie da machen? Nein. Würden Sie mir »X location« zeigen? Emailen Sie mir. Wo ist die X location? Mit ein paar Ausnahmen mache ich eine location nicht unkenntlich. Die meisten von ihnen sind wohlbekannt und können mit ein wenig Detektivarbeit leicht gefunden werden. Ihre Bilder sind schlecht, Sie Hipster. Mom, ernsthaft. Lass mich in Ruhe. IN EINER ZEIT VON 100 JAHREN HAT SICH DER BEVÖLKERUNGSSTAND RASANT ERHÖHT UND VERRINGERT. Detroit ist eine Stadt, die auf zwei Millionen Menschen ausgelegt und designt wurde. Weniger als ein Drittel dieser Zahl lebt heute noch dort. Als die Bevölkerungszahl zugenommen hat, hat sich die Stadt-Infrastruktur – Straßen, Schulen, Krankenhäuser – ebenfalls vermehrt um der Nachfrage gerecht zu werden. Als die Bevölkerung begann weniger zu werden, blieb die zusätzliche Infrastruktur zurück.

Population = Bevölkerung. Touren: Detroit ist eine Stadt mit einem riesigen sozialen, kulturellem und historischen Erbe. Es kann auch eine sehr verwirrende Stadt sein, besonders für Zugereiste und Besucher aus anderen Teilen der Welt. Detroiturbex.com bietet einen einfachen und sicheren Weg um alle Seiten dieser unglaublichen Stadt mit einem erfahrenen, kompetenten und professionellem Führer zu sehen. Bisherige Kunden waren Schulen, Filmstudios, Historiker, Städteplaner, Künstler, Musiker und Menschen, die einfach neugierig auf Detroit sind. Wir können Menschen aus allen Bereichen des Lebens und der Welt unterbringen. Für mehr Details wie Verfügbarkeit und Kosten, kontaktieren Sie sie bitte unter admin@detroiturbex.com

S. 122 »Das Problem ist, ALLES IST UNGLAUBLICH, aber die Menschen akzeptieren das nicht..« Das Thema von Tyler Bastian’s kurzem Dokumentarfilms »Everything is Incredible« ist Agustin: ein 60-irgendwas jähriger Mann in Siguatepeque, Honduras, der 50 Jahre seines Lebens dafür geopfert hat einen Helikopter aus dem Nichts zu bauen. Erschwert durch ein Leben in Armut und Polio, hat Agustin nie einen Helikopter aus der Nähe gesehen; Die Inspiration für das Projekt erhielt er von einem Zeitschriftenbild, dass er als Teenager gesehen hatte. Nach einem halben Jahrhundert an Aufwand, hat Agustin das erreicht, was er als finales Design bezeichnet, »obwohl du sehen kannst, dass es eher eine Karikatur eines Helikopters ist,« erzählt er uns. Zu Beginn des Films gibt er zu: »Um die Wahrheit für alle zu sagen, es war ein gefundenes Fressen für Verhöhnung weil alle Welt denkt, dass es unmöglich ist. Dass ich einfach verrückt bin.« Es gibt viele Wege »Everything is Incredible« zu sehen, und einer davon ist mit ernstem Respekt für Agustin´s technologischer Leistung. Sein Helikopter ähnelt wirklich einer Karikatur eines »Hiller« oder »Bell 47«, und es sieht so aus als könnte es demnächst wirklich irgendwann fliegen. Aber es hat auch arbeitende Mechanismen in sich – wie z.B. ein Rotatorenpunkt – die ziemlich eindrucksvoll wirken, wenn man bedenkt, dass sie aus erbeuteten Teilen von Müllhalden von einem behinderten Schuhmacher mit wenig Bildung und keiner Vorlage eines realen Helikopters hergestellt worden sind. Immer noch sehen ein paar Leute »Everything is Incredible« als eine Doku über Technik. Seit der Film auf Vimeo.com viral on air ging, wurde er gelobt, obwohl eher als komplexe Meditation über die Dinge, die uns inspirieren und unserem Leben eine Bedeutung geben – was wohl eher auf das zutrifft, was der Filmemacher im Sinn hatte. »Es ist eine komplizierte Geschichte,« erzählte Bastian Vertical bei einem kürzlich abgehaltenen TelefonInterview. »Mein Ziel als Filmemacher war wirklich ein schmaler Grat...Ich wollte nicht, dass die Leute weggingen und sagten ‘Was für ein Don Quixote; was für ein Idiot.’ Es ist nicht einfach zu beurteilen wer er ist oder was er geschafft hat.« Bastian traf Agustin — »Ich lief ihm irgendwie über den Weg, wirklich.« — als er in Honduras als junger Mann von 1996 bis1998 lebte. Obwohl Bastian in die USA zurückkehrte, und ein High School Lehrer wurde, vergaß er Agustin und seine Geschichte nicht; 10 Jahre später hatte er genug Geld gesammelt um sein Filmprojekt zu starten. Mit seinen Freunden Trevor Hill und Tim Skousen, filmte Bastian »Everything is Incredible« während vier low-budget trips angefangen in 2007 (zusätzliches Material ist in einer längeren Version des Films »Rise« untergebracht, welchen es nicht auf Vimeo, aber hier zu kaufen gibt: http://theriseinstitute.com). Der Dokumentarfilm dreht derzeit seine Runden auf verschiedenen Film Festivals und hat zudem mehr als 250,000 views auf Vimeo.

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129 DEUTSCH

VORSCHAU

»Everything is Incredible« erzählt Agustin’s Geschichte mit Interviews mit Agustin und anderen; ihre Kommentare sind verwoben mit Aufnahmen der Straßen in Siguatepeque und natürlich Aufnahmen des Helikopters selbst. Die anderen Personen im Film werden nie vollständig identifiziert (laut Bastian sind die meisten von Ihnen Verwandte von Agustin, mit der offensichtlichen Ausnahme des katholischen Pristers). Dieser Aufbau ist gewollt. »Alle Charaktere im Film könnten wir an verschiedenen Punkten unseres Lebens sein,« erklärt Basian, bezugnehmend auf die unterschiedlichen Blickwinkel der Charaktere auf Agustin und den Wert seines Lebenswerks. Mit den Themen Entbehrung, Zweifel, Glaube und Ausdauer ist Agustin´s Geschichte »wirklich nur eine Geschichte über etwas, das wir alle durchmachen.« sagt Bastian. Nicht alle Zuschauer sehen den Wert in Agustin´s Erfahrung: ein Vimeo Kommentator beschrieb ihn als »einfach traurig.« Doch die meisten Leute gaben Bastian ein überaus umwerfendes, positives Feedback – und sympathisierten mit Agustin´s misslicher Lage. Mehr als ein paar haben vorgeschlagen eine Spendenkampagne zu starten um Agustin einen Flug mit einem »echten« Helikopter zu ermöglichen, aber laut Bastian ist nicht klar, ob Agustin das wirklich will. »Es gab da immer eine Debatte unter den Filmemachern: Sollen wir ihn mit auf einen Helikopterflug nehmen oder nicht?« sagt Bastian. »Jedes Mal wenn ich über den Film spreche, kocht die Debatte wieder hoch.« Weil Agustin den Wunsch für einen Helikopterflug nie geäußert hat, gehen die Meinungen darüber auseinander ob es die Erfüllung eines Lebenstraums, oder irrelevant gegenüber der eigentlichen Rolle, die der Helikopter in seinem Leben hat, ist.Wie Bastian in »Rise«, der langen Version des Films, feststellt: »Ich denke in seinem Kopf fliegt er jeden Tag«. Konsequenterweise ist es nicht Bastian´s Ziel seiner Spendenkampagne einen Helikopterflug für Agustin zu ermöglichen. Stattdessen versucht er damit Geld für Gesundheits- und Lebensmittelausgaben für Agustin zu erbringen, und für die Bewahrung des Helikopters, damit dieser nicht nach seinem Tod zerstört wird. (laut Bastian hat Agustin sich zwar nicht zu einem Flug in einem Helikopter von irgendjemand geäußert, aber einen definitiven Wunsch für die Erhaltung seines Helikopters). Leute, die etwas dazu beitragen möchten finden mehr Informationen auf Seite128. In »Rise,« arbeitet Bastian etwas mehr heraus warum sich Agustin mit all seinen physischen und sozialwirtschaftlichen Nachteilen entschieden hat ein Projekt anzugehen, das die meisten Menschen als unmöglich lösbar ansehen würden. Laut Bastian wollte Agustin sein Leben mit einem postitiven Problem definieren – und nicht durch Armut oder Polio. In Agustin´s Worten: »Ich entschied mich einen Helikopter zu bauen, weil ich meine eigenen Probleme wählen wollte. Man wird immer Probleme haben, aber so wenige wählen ihre eignen. Sie nehmen die Probleme, so wie sie ihren Weg kreuzen. Ich habe mich dafür entschieden, dass das mein Problem im Leben sein soll: einen Helikopter zu bauen.« Die Geschichte. 2007 brachen Tyler Bastian, Trevor Hill und Tim Skousen zu einer Reise auf, um einen Film zu machen, der vom Leben eines mannes zu machen, den Bastian in Honduras ein Jahrzehnt vorher gkennengelernt hatte. »Everything is Incredible« ist über Agustin, der körperlich behindert von Polio, 50 Jahre verbracht hat einen überraschend ausgebauten Helikopter aus Müll, Fahrradteilen und Holz zu bauen. Sein Traum zu fliegen hat uns inspiriert seinen Glauben, seine haltung und Perspektive in einem emotionalen Film über Durchhaltevermögen und den Sinn von Lebenszielen zu dokumentieren. Der Film hat eine Original Filmmusik von Kirby Heyborne and Tyler Hill. UNTERSTÜTZEN SIE, WENN SIE SICH INSPIRIERT FÜHLEN.

KEIN FASTFOOD MEHR.

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In der nächsten Ausgabe:

Titelthema Kein Fast Food mehr. Stattdessen steigen immer mehr auf alternative Ernährungskonzepte um. Von Paleo (Steinzeit-Ernährung) bis Crossfit-Eiweiß-Diät. Was Sie wissen müssen.

Gedanken Du isst was du bist.

FLEISCH IST MEIN GEMÜSE Ein Auszug aus Heinz Strunck´s Buch. Zur Einstimmung.

MANIFEST Warum dieses Magazin.

Die Paleo-Diät - Der Urgeschmack Die Paleo Diät oder auch Steinzeiternährung beschreibt ein sehr einfaches und seit hunderttausenden von Jahren bewährtes Konzept, das zum idealen Körpergewicht, optimaler Gesundheit und höchster Leistungsfähigkeit führt.

Was sollen wir essen – und wenn ja, warum? Eine Vegetarierin erklärt einem Ernährungstrend, der hauptsächlich auf Fleisch basiert, den Krieg.

WE FEED THE WORLD Jean Ziegler warnt vor einer weiteren Ausbreitung des Welthungers. Und Erwin Wagenhofer dreht über neue Themen.

Plastic is not fantastic. Ein Selbstversuch. Können wir ein Leben ohne Müll führen? Ein Selbstversuch eines Kochs in London.

Schmutzige Gerichte 110 $ für ein Gericht im Sterne-Restaurant. Ganz normal. Was aber wenn Schmutz die Hauptzutat ist. Wie ein japanisches Restaurant in den USA den Gaumen anders kitzelt.

...und vieles mehr. Ab 7. Juni im Handel und an ausgewählten Stellen erhältlich.


130 ABO

SO, DO YOU HAVE THE TIME TO SAVE THE WORLD ? GET YOUR ABO OR DIE TRYIN.

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131 ENDE


I WAS FEELING NOTHING. I WENT SHOPPING. I BOUGHT THIS MAGAZINE.

WE - Wir und die Gesellschaft  

Semesterarbeit. Monothematische Zeitschrift zum Thema "Gibt es noch Manieren in der Wirtschaft?". Bilingual in Deutsch und Englisch. semest...

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