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Das philosophische Wirtschaftsmagazin

AUSGABE 03/2014

WERTE

DAS UNSICHTBARE Visionen

GERECHTIGKEIT Sinn

ERWARTUNGEN

Ausgabe 03/2014 | Deutschland 8,90 EUR Österreich 8,90 EUR | Schweiz 13,90 CHF

Wahrscheinlichkeit

STRUKTUREN Gesellschaft

FREIHEIT

4 191717 308902

4 2

Vertrauen

03

A G O R A

DER MARKT


INHALT

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T

—3 EDITORIAL —4 INHALT

TERRAIN Hier werden Begriffe, Theorien und Phänomene vorgestellt, die für unser gesellschaftliches Selbstverständnis grundlegend sind.

—8 DIE AUTOREN —9 Birger P. Priddat

Der unsichtbare Markt — 14 Gerhard Ernst

Werte sieht man nicht — 18 Harald Welzer

Viel Grund zur Beruhigung — Transparenz & Totalitarismus — 96 AUS DER REDAKTION — 98 IMPRESSUM

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— 24 Wolfram Bernhardt

Erwartungen — Die Zukunft im Heute

— 30 Karl-Heinz Brodbeck

Geld – was die Gesellschaft im Verborgenen zusammenhält — 35 Martin Altmeyer

Sich zeigen, um gesehen zu werden — Ein exzentrisches Selbst als moderner Sozialcharakter — 40 PORTRAIT

Gestatten, Müll (von Christian Unverzagt) — 48 EXTRABLATT


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Inhalt

I

H

INTERVIEW

HORIZONT Auf zu neuen Ufern! Wie lässt sich eine andere gesellschaftliche Wirklichkeit denken, wie lassen sich konkrete Veränderungen herbeiführen?

— 62 Slavoj Žižek

Just do it! — Das Schicksal verändern — 68 Dirk Elsner — 50 Die unsichtbaren Fesseln

Interview mit Gerald Hörhan

Frisbee mit den Märkten — 72 WEITWINKEL

Michael W. Driesch

— 78 FRISCHLUFT

Capital is back (von Thomas Piketty & Gabriel Zucman) — 88 LAND IN SICHT

Aggressiver Humanismus Fleisch ohne Tiere Wollen wir Wachstum wirklich? — 94 GEDANKENSPIELE

von Kai Jannek

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DIE AUTOREN

Foto: Janusch Tschech

Foto: Langreder/S.-Fischer-verlag

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Birger P. Priddat

Gerhard Ernst

Harald Welzer

Birger P. Priddat ist Inhaber des Lehrstuhls für Volkswirtschaftslehre und Philosophie an der Universität Witten/ Herdecke und Mitherausgeber der agora42.

Gerhard Ernst ist Professor für Philosophie an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Er arbeitet vor allem zu Grundfragen der Ethik und Erkenntnistheorie. Letzte Buchpublikation: Denken wie ein Philosoph. Eine Anleitung in sieben Tagen (Pantheon Verlag, München 2012).

Harald Welzer ist Professor für Transformationsdesign an der Universität Flensburg, lehrt Sozialpsychologie an der Universität Sankt Gallen und ist Direktor von „FUTURZWEI. Stiftung Zukunftsfähigkeit“.

— Seite 9

— Seite 18

T E R R A I N

— Seite 14

Wolfram Bernhardt

Karl-Heinz Brodbeck

Martin Altmeyer

Wolfram Bernhardt studierte BWL mit dem Schwerpunkt Finanz- und Kapitalmärkte. Er ist Mitherausgeber der agora42.

Karl-Heinz Brodbeck war bis zum Wintersemester 2013/14 Professor für VWL, Betriebsstatistik und Kreativitätstechniken an der Hochschule für angewandte Wissenschaften/ Würzburg-Schweinfurt. Zuletzt von ihm erschienen: Faust und die Sprache des Geldes. Denkformen der Ökonomie – Impulse aus der Goethezeit (Verlag Karl Alber, 2014)

Dr. Martin Altmeyer ist Privatdozent für psychoanalytische Psychologie.

— Seite 24

— Seite 30 10

— Seite 35


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T E R R A I N

Der unsichtbare Markt —

Text: Birger P. Priddat

So wie wir den Kosmos in der Gesamtheit aller damit bezeichneten Phänomene oder die Natur in ihrer ökologischen Komplexität nicht „sehen“, so auch nicht die „Gesellschaft“ oder den „Markt“. Komplexe Gebilde liegen außerhalb jeder Wahrnehmung (wie auch das Gehirn, das uns, indem wir es gebrauchen, „unsichtbar“ bleibt). 11


T E R R A I N

Werte sieht man nicht — Text: Gerhard Ernst

Im Zweifelsfall, so sagt der Schriftsteller Karl Kraus, entscheide man sich für das Richtige. Aber wie können wir herausfinden, was das Richtige ist? Diese Frage stellen wir uns sowohl wenn wir als Einzelne als auch wenn wir gemeinschaftlich handeln müssen – und das müssen wir ständig. 16


Das Rätsel ethischer Erkenntnis

Die Frage, was zu tun grundlegend richtig ist, wird in der Ethik behandelt. Aber noch bevor wir sie überhaupt angehen können, muss eine andere Frage beantwortet werden, nämlich die, wie wir denn herausfinden sollen, was zu tun richtig ist. Können wir das überhaupt? Es ist die Aufgabe der sogenannten Metaethik, diese Frage nach der Möglichkeit und Natur ethischer Erkenntnis zu stellen. Man sieht schnell, warum sie schwer zu beantworten ist: Auf der einen Seite ist es so, dass wir anscheinend fest davon überzeugt sind, dass ethische Erkenntnis möglich ist. Wie sonst wäre es zu verstehen, dass wir feste ethische Überzeugungen haben, etwa die, dass es falsch ist, Menschen zu foltern, zu demütigen oder zu unterdrücken? Würde jemand diese Überzeugungen bestreiten, so würden wir ihm widersprechen. Eine solche Person, so unsere feste Überzeugung, täuscht sich. Das wissen wir, also muss ethische Erkenntnis möglich sein. Aber woher wissen wir es? Hier zeigt sich, dass wir – auf der anderen Seite – nicht leicht sagen können, wie ethische Erkenntnis möglich sein soll. Eines ist jedenfalls klar: Werte sieht man nicht. Entsprechend kann man auch nicht sehen, was die richtige, also die beste, also die wertvollste Handlungsoption ist. Man kann sehen, wie jemand gefoltert wird. Aber man kann nicht sehen, dass das falsch ist, jedenfalls nicht mit den Augen. Und gegen Antoine de Saint-Exupery möchte man sagen: Letztlich sieht man nur mit den Augen gut.

Da die Sinne prinzipiell nicht dazu taugen, ethische Einsichten zu liefern, müsste es ein eigenes Erkenntnisvermögen geben, mit dem wir Werte erfassen. Aber was sollte das für ein Vermögen sein? Die Frage nach der Möglichkeit und Natur ethischer Erkenntnis konfrontiert uns insofern mit einem Rätsel, das eine für philosophische Rätsel typische Form hat, welche Ludwig Wittgenstein einmal folgendermaßen auf den Punkt gebracht hat: „‚Es ist doch nichts so!’ – sagen wir. ‚Aber es muss doch so sein!’“ (Philosophische Untersuchungen, §112). Es ist doch nicht so, dass ethische Erkenntnis unmöglich ist (denn wir haben doch ethische Erkenntnisse), aber es muss doch so sein (denn wir haben keine Vorstellung davon, wie ethische Erkenntnis möglich sein soll). Drei Lösungsstrategien

Es gibt grundsätzlich drei Strategien, um dieses Rätsel zu lösen. Manche Philosophen meinen, wir sollten uns von der Vorstellung verabschieden, dass es echte ethische Erkenntnis gibt. Thomas Hobbes zufolge sind Werte beispielsweise nichts anderes als die Projektion unserer subjektiven Reaktionen auf die Welt. Wir reagieren auf eine Spinne mit Ekel und sagen darum, die Spinne sei ekelhaft. Ähnlich, so die Überlegung, reagieren wir auf bestimmte Handlungen mit Empörung, und wir sagen, die Handlung sei empörend oder falsch. Wie im Spinnenbeispiel geht es aber nicht um eine echte Eigenschaft der Hand-

lung, sondern um eine Projektion von uns. Ein Hauptproblem dieser Strategie besteht darin, dass es mit ihr schwer wird, unsere Haltung zu ethischen Meinungsverschiedenheiten verständlich zu machen. Man hat kein Problem damit, dass manche Menschen Spinnen eklig finden (sich also vor ihnen ekeln), andere nicht. Man hat aber sehr wohl ein Problem damit, dass manche Menschen Folter für legitim halten. Ob man Spinnen eklig findet, ist Geschmackssache, ob die Menschenrechte gelten sollen, nicht. Ein zweiter Ansatz, das Rätsel zu lösen, besteht darin, tatsächlich ein spezielles ethisches Erkenntnisvermögen anzunehmen, das man häufig als „Intuition“ bezeichnet. Die Schwierigkeit besteht dann allerdings darin zu erklären, was für ein Erkenntnisvermögen das ist. Von „Intuition“ zu sprechen, erklärt nichts, sondern gibt unserem Unverständnis nur einen Namen. Die dritte Strategie zur Lösung des Rätsels besteht schließlich darin, ethische Erkenntnis doch als eine Art Sinneserkenntnis zu deuten. Dieser Ansatz erscheint auf Anhieb wenig plausibel, gewinnt aber an Plausibilität, wenn man ethische Erkenntnis mit wissenschaftlicher Erkenntnis vergleicht. Wissenschaftliche Erkenntnisse sind, wie man in der Wissenschaftstheorie des 20. Jahrhunderts betont hat, „theoriebeladen“, das heißt, dass man keine wissenschaftlichen Beobachtungen anstellen kann, ohne bereits wissenschaftliche Theorien zugrunde zu legen. Man „sieht“ ein 17

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Werte sieht man nicht


Ist Freiheit in Ordnung? — Oder: Wie frei ist der Mensch?

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Das passt!

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Das philosophische Wirtschaftsmagazin

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Wirtschaft. Gemeinsam. Denken.

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Viel Grund zur Beruhigung — Transparenz & Totalitarismus

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T E R R A I N

«Im historischen Rückblick ist immer wieder erstaunlich, wie viel Grund zur Beruhigung es gab, wenn gerade die Freiheit abgeschafft wurde.» 23


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Vom Nutzen und Nachteil der Statistik —

Text: Tanja Will

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Geht es um die Zukunft, braucht man die Statistik – gleich, ob es um die Vorhersage von Aktienkursentwicklungen, Unternehmensbankrott und Ausfallwahrscheinlichkeiten geht. Welche Macht und welche Verdienstmöglichkeiten mit der Fähigkeit, Trends vorherzusagen, verbunden wird, zeigen auch die Lehrpläne der Universitäten: Keine streng wissenschaftliche Ausbildung kommt mehr um die Regressionsanalyse herum, die als das wichtigste Verfahren der quantitativen Datenanalyse gehandelt wird. Regressieren bedeutet „zurückführen auf etwas“. Und das in diesem Verfahren gleich auf zweierlei Weise: Zum einen werden bestimmte Phänomene auf (idealerweise) eine Ursache zurückgeführt und damit eine Ursache-Wirkungs-Gesetzmäßigkeit aufgedeckt. Zum anderen wird diese Gesetzmäßigkeit in die Zukunft projiziert und damit unterstellt, dass gewisse Dinge statisch sind: Kaufhandlungen, Vorlieben, Interessen, die Denkweisen der Masse. Die Zukunft ist nicht mehr ungewiss, sondern wird als das Fortbestehen der Vergangenheit – beispielsweise in Form von Trendkurven – sichtbar gemacht. Dass dies nicht ganz so einfach ist, zeigen die kontroversen Debatten um das Versagen der Statistiker bei der Vorhersage der Weltwirtschaftskrise. Die OECD sagte noch im Juni 2008 fast all ihren Mitgliedsländern steigende Wachstumsraten für 2008 und 2009 voraus. Die Finanzkrise blieb davon unbeeindruckt. Nichtsdestotrotz klammert man sich an überzeugte Propheten, die die Fahne der Zukunftsberechnung hochhalten. Ein Statistiker, der unter dem Pseudonym Nate Silver zu Ruhm gelangte, wurde im April 2009 gar vom Time Magazine als eine der 100 einflussreichsten Persönlichkeiten weltweit gelistet. Er rühmt sich damit, dass selbst Terroranschläge und Umweltkatastrophen voraussagbar seien. Statt uns davor zu fürchten, derart eingefahren, langweilig und berechenbar zu sein, feiern wir lieber den großen Entdecker unserer Routinen. Beginnt hier das ersehnte Ende des Zufalls? Die Grundidee der statistischen Berechnung ist einfach. Nehmen wir einmal die Vorhersage von Ölpreisentwicklungen. Um diese abzuschätzen, schaut sich der Statistiker einige Preisschwankungen aus der Vergangenheit an und entwirft anhand ihrer denkbare Schwankungsursachen: Rohstoffknappheit, kriegerische Unruhen, Zugangsbeschränkungen etc. Aus diesen Ursachen wird nun ein sogenanntes Modell entworfen, in dem ein Wirkungszusammenhang konstruiert wird, der angibt, um wie viel der Ölpreis steigt oder fällt, wenn sich eine der Ursachen ändert. Die Änderungsraten werden dabei aus gesammelten Daten übernommen, den Belegen der Vergangenheit. Um die Zukunft mittels eines Modells zu berechnen, wird die Realität also vereinfacht dargestellt, 28

weil zugunsten der Identifizierung vermeintlich zentraler Einflussgrößen die Möglichkeit singulärer Ereignisse ausgeblendet wird. Sind solche Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge einmal entworfen, werden sie unhinterfragt als gegeben angenommen. Denn schlussendlich muss sich der Statistiker für ein bestimmtes Modell entscheiden und mit diesem rechnen. Hinzu kommt, dass die Datenbasis statistischer Berechnungen allzu häufig geschätzt, lückenhaft und uneindeutig ist. Es wäre nun zu kurzsichtig, die Statistik an den Pranger zu stellen und ihr jeden Wert abzusprechen. Ein guter Statistiker ist sich sehr wohl der Grenzen seiner Möglichkeiten bewusst, denn Fehlinterpretationen und Aussagekraft von Statistiken werden fachintern ausgiebig diskutiert. Das Problem ist vielmehr der inflationäre Gebrauch „statistischer Begründungen“. Gerade weil heute alle Entscheidungen einen nachvollziehbaren Grund vorweisen müssen, sucht man insbesondere bei unabsehbaren, riskanten, weitreichenden Entschlüssen nach argumentativem Beistand. Angezogen von der wissenschaftlichen Seriosität und den bezifferbaren Ergebnissen der Statistik ist ihr Missbrauch nahe liegend. Der Vergangenheit eine derart wichtige Rolle zuzuschreiben und auf der Grundlage ihrer Analyse die wildesten – und profitabelsten – Finanzmarktspekulationen vorzunehmen, zeigt, dass die Statistik längst Instrument eines ökonomisierten Historizismus geworden ist. Allzu verlockend ist die Vorstellung, künftige Entwicklungen, seien sie wirtschaftlicher oder politischer Natur, auf Basis solider Erkenntnisse aus der Vergangenheit vorhersagen zu können. Professor Friedrich Nietzsche fürchtete seinerzeit, dass die Historie zum Selbstzweck werde, dass der Mensch nichts tut, als „fortzuleben, wie er gelebt hat, fortzulieben, was er geliebt hat, fortzuhassen, was er gehasst hat und die Zeitungen fortzulesen, die er gelesen hat, für ihn giebt es nur eine Sünde – anders zu leben als er gelebt hat“. Eine Geschichtsbetrachtung, die bloß nach der Befolgung von Gesetzmäßigkeiten sucht, ist für ihn lebensfeindlich. Es fehle ihr an Vitalität, Fruchtbarkeit, Lebendigkeit, an der Begeisterung für das Ereignis, das kreative Erschaffen der Welt. Es bleibt paradox: Das große Geld ist nicht mit visionären Ideen, bahnbrechenden Handlungen und verrückten Köpfen zu machen. Der Rubel rollt dort, wo eingefahrene Handlungen von Massen erkannt, aufrechterhalten und damit vorhergesagt werden. Je weniger Veränderung in den Massen, desto berechenbarer der Markt und der Profit. Einst rief Nietzsche aus: „Wie, die Statistik bewiese, dass es Gesetze in der Geschichte gäbe? Gesetze? (…) So weit es Gesetze in der Geschichte gibt, sind die Gesetze nichts wert.“ Zumindest dies scheint widerlegt. Nichts ist uns heute mehr wert als unsere Routinen.


Wolfram Bernhardt

T E R R A I N

größte Erstversicherungskonzern der Welt, durfte man nicht pleite gehen lassen und so übernahm der US-amerikanische Staat knapp 80 Prozent des Unternehmens. Der neue Eigentümer wollte natürlich wissen, was er sich da ans Bein gebunden hatte. Genau an dieser Stelle kam BlackRock ins Spiel, das vom Staat beauftragt wurde, den Wert der toxischen Wertpapiere zu ermitteln. Aber wie bewertet man diese künstlichen Papiere, für die es an den Börsen keine Preise mehr gibt, weil kein Mensch mehr weiß, was sie noch wert sind, und die somit auch nicht gehandelt werden? Ganz einfach, man entwickelt mathematische Modelle und schätzt anhand von Statistiken (siehe Vom Nutzen und Nachteil der Statistik auf Seite 26) ihren Preis. Und wieder wiederholt sich die Geschichte. Waren es nicht solche hypothetischen Annahmen, welche die letzte Blase auf den Finanzmärkten hervorgebracht hatten? Bereits im Jahr 2010 versicherte mir ein Mitarbeiter der Federal Reserve Bank of New York, dass die riskanten Finanzprodukte weiterhin kreiert und gehandelt werden. Die Nachfrage nach diesen Produkten ist ungebrochen, weil man mit als sicher geltenden Anlagen (wie beispielsweise deutschen Staatsanleihen) kein Geld mehr verdienen kann. Mit anderen Worten: Es herrscht seit Längerem ein regelrechter Anlagenotstand; man weiß einfach nicht, wohin mit dem vielen Geld – wie man auch beim Börsengang von Facebook gesehen hat, als dieses gerade einmal acht Jahre alte Unternehmen mit über 100 Milliarden US-Dollar bewertet wurde. Ein weiteres wunderbares Beispiel, zu welch absurden Entwicklungen dieser Anlagenotstand inzwischen geführt hat, liest man in einem Artikel des Monatsmagazins le monde diplomatique: „In Los Angeles zum Beispiel wundert sich der Makler Mark Alstom über eine merkwürdige Entwicklung: Die Häuserpreise zogen wieder an (…): von Oktober 2012 bis Oktober 2013 um satte 20 Prozent. Unter normalen Marktbedingungen zeigen steigende Preise eine wachsende Nachfrage an. Aber hier war es anders, denn die Zahl der individuellen Hausbesitzer ging zurück.“ Sprich, es werden zwar vermehrt Häuser gekauft, in diesem Fall aber vor allem von einem Käufer. Und wen wundert es, dass dieser neue Besitzer unser alter Bekannter – nein, nicht Herr Saccard! – BlackRock ist, der durch seine Tochterfirma Invitation Homes in den letzten Jahren über 40.000 Häuser in den USA gekauft hat. Wie wir wissen, ist 30

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BlackRock ein Profi, wenn es um die Bewertung seltsamer Wertpapiere geht. Folgerichtig war man beim Kauf dieser vielen Häuser auch besonders findig: Um Kapital für den Kauf der Häuser einzusammeln, nahm man nicht einfach Kredite auf, sondern kreierte kurzerhand eine ganz neue Wertpapierklasse – die mietbesicherten Wertpapiere. Nicht mehr die Immobilien selbst dienen hierbei als Sicherheit für den Kredit, sondern die Mieteinnahmen, die man durch die Immobilien erzielen kann! Die Erwartungen an Invitation Homes sind hoch, denn schließlich muss sich die Firma nun als Immobilienverwaltungsgesellschaft beweisen, die zuverlässig Mieten einnimmt, um damit die Kredite bedienen zu können. Ein großes Projekt, sicherlich, aber kein großartiges. Denn mit einem solchen Geschäftsmodell kann man heute die Fantasie nicht mehr in Wallung versetzen. Zu frisch ist noch die Erinnerung an die vielen geplatzten Blasen, die immer mehr Verlierer produziert haben und produzieren. Zu unglaubwürdig klingen heute die Versprechungen der Finanzwirtschaft, dass sie allem und jedem Leben einhauchen kann. Wenn es jedoch nicht einmal mehr mittels der magischen Kräfte der Finanzwirtschaft gelingen kann, die „Erde umzukneten“, wie dann? Wie können heute großartige Projekte aussehen, welche die Leidenschaften zum Lodern bringen? Auch wenn ich darauf keine Antwort geben kann, wünsche ich mir doch, dass die künftigen Projekte weniger selbstzerstörerisch angelegt sind als all jene, mit deren Folgen wir zu kämpfen haben. Mithin lautet die Frage: Wie könnte eine Zukunft aussehen, die uns wieder erwartungsfroh stimmt? ■

Federal Reserve Bank of New York Diese Bank ist ihrem Vermögen nach die größte der zwölf US-amerikanischen Regionalbanken. Sie ist Teil des Zentralbankensystems der USA und hat insofern die üblichen Aufgaben von Zentralbanken zu erfüllen. Darunter fallen in erster Linie die Ausgabe der Landeswährung, die Erledigung der Bankgeschäfte der Regierung sowie die Abwicklung der bedeutendsten Devisentransaktionen des Staates. In ihren Tresoren lagert mit rund 8.000 Tonnen die weltweit größte Menge an Barrengold.

Vom Autor empfohlen: SACHBUCH

Nassim Nicholas Taleb: Fooled by Randomness: The Hidden Role fo Chance in Life and in the Markets (Penguin, 2007) KEIN SACHBUCH

Ein frei zugängliches Dossier der Le Monde diplomatique zur Finanzkrise: http://www. monde-diplomatique.de/pm/.dossier/ finanzkrise ROMAN

Natürlich Émile Zola: Das Geld; aber auch: Andreas Eschbach: Eine Billion Dollar (Bastei Lübbe, 2003) FILM

Fight Club von David Fincher (1999)


Portrait

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Portrait

Gestatten, Müll —

T E R R A I N

Der lange Schatten des Menschen

Text: Christian Unverzagt

Nachdem der Mensch sich aufgerichtet und somit beide Hände frei hatte, begann er Dinge wegzuwerfen: Bananenschalen, abgenagte Knochen, abgenutzte Faustkeile, zerbrochene Pfeilspitzen. Der Müll folgte dem Menschen wie ein treuer Gefährte. Wo immer er kampierte und Feuer machte, ließ der Mensch ihn wieder zurück. Aber nie wurde er ihn auf Dauer los. Manches verrottete, anderes blieb Jahre und Jahrtausende erhalten, sodass die Archäologie, die durch die Erde hindurch zurück in die Vergangenheit blickt, die ersten Spuren des Menschen in seinem Müll entdeckte. Noch bevor er Felswände bemalte, Gräber aushob oder sich gar zum Bau von aufwendigen Palästen anhalten ließ, machte der Mensch Müll. 43


Portrait

Die Ansammlung des Mülls

Schon früh war Müll zweierlei: das Unbrauchbare und das Unreine. Letzteres bedeutet, dass der Mensch sich nicht nur aus Platzgründen von seinem Müll trennen musste. Lange Zeit waren es vor allem Religionen, die Gebote zur Reinhaltung und Reinigung erließen. Sie konnten nicht ein für alle Male erfüllt werden, denn Abfall ist das, was permanent anfällt. So auch die Reinigung von ihm. Rhythmisch wie das Ein- und Ausatmen muss sie sich wiederholen. Der Mensch lebt im Rhythmus von Müll machen und Müll entsorgen. Während sich Hygienemaßnahmen gegen das Unreine allmählich von der Religion lösten, wurde die Entsorgungstechnik immer wichtiger. Als Menschen sich in Siedlungen und schließlich Städten ansammelten, zeigte auch der Müll – wie ein Double des Menschen – seinen Hang zur Ansammlung, der sich noch heute an jeder wilden Müllkippe beobachten lässt. Der Müll forderte seine Infrastruktur, die mit den Städten wuchs: Müllhaufen wurden ausgelagert, sortiert, kompostiert, deponiert, verbrannt, dann wurden Straßen gepflastert und regelmäßig gereinigt, Kloaken wurden angelegt etc. Wie ein länger und länger werdender Schatten begleitete der Müll den Menschen. Das katastrophische Auftauchen des Mülls

T E R R A I N

Die Geschichte des Mülls verläuft jedoch nicht linear. Müll will vergessen werden. Er ist das Nicht-Thema schlechthin. Das erfordert immer wieder Bewusstseinssprünge, die durch Skandale erzwungen werden. Eine Konstante in der Geschichte des Mülls ist sein katastrophisches Auftauchen. Im Jahre 1185 ließ der französische König Philipp II. die wichtigsten Straßen von Paris pflastern, nachdem er durch aufsteigendes Faulgas einen Ohnmachtsanfall erlitten hatte. An anderen Orten und zu anderen Zeiten waren es Pest und Cholera, die den Stadtbewohnern die Notwendigkeit einer organisierten Müllentsorgung erneut vor Augen führten. Im 20. Jahrhundert wurde der Fortschrittsoptimismus der Industriegesellschaft zum ersten Mal in den 60er-Jahren mit dem Hinweis auf die Begrenztheit ihrer Ressourcen gedemütigt. Noch bevor man daran dachte, dass eines Tages das Erdöl ausgehen könnte, war der Raum für den Abfall knapp geworden. Deponien waren überfüllt, überall entstanden wilde Müllkippen – und mit ihnen Gefahr für Leib und Leben der Bevölkerung. Massenproduktion und Massenkonsum unter dem Vorzeichen unbedingten Wachstums hinterließen ihre Spuren. Mit dem rein quantitativen Anwachsen des Müllbergs ging aber noch eine andere Gefahr einher: Die Industriegesellschaft hatte die Stoffzusammensetzung der Dinge verändert. Noch vor den großen Unfällen von Seveso (1976) und Tschernobyl (1986) drangen durch lokale Skandale Botschaften einer neuen Gefahr ins gesellschaftliche Bewusstsein. Konnte in vorindustrieller Zeit der ausgelagerte Müll als verschwindendes Phänomen behandelt werden, so war er nun zur problematischen Materie geworden. Der Müll erschien plötzlich als unbezähmbares Ungeheuer, das den Lebensraum des Menschen bedrohte, als giftige Hydra, der zwei Häupter nachwachsen, wenn man ihr eines abschlägt. Vermeiden – Verwerten – Verschwindenlassen

Der Mensch nahm den Kampf auf. Gegen den Müll, den er zunächst als Feind behandelte, besann er sich auf Strategien – die zwar nicht wirklich neu waren, aber neu entdeckt, erneuert und neu angewendet wurden. Das Nächstliegende schien zu sein, Müll einfach zu vermeiden. Allerdings enthüllte die Idee der Müllvermeidung auf den zweiten Blick, dass sie genauso groß wie unrealistisch ist. Diese Idee, heute als Textbaustein unverzichtbar, liefe bei ihrer Realisierung auf ein Vermeiden der Industriegesellschaft selbst hinaus. Diese Einsicht führte zu der Erkenntnis, dass der Müll, der eben noch als Feind des Menschen identifiziert worden war, plötzlich als sein Alter Ego erschien. Bei der Vorstellung eines Lebens ohne Müll entdeckte der Mensch, dass jener zu seiner Würde gehört. Bedeutet nicht: mehr Müll = mehr Mensch? Die australischen Ureinwohner hatten außer einfachen Grabstöcken und Bumerangs kaum Dinge, entsprechend kaum Müll. Sie waren der Meinung, dass die Dinge irgendwann Besitz von den Menschen ergreifen würden; die Industriegesellschaft ist es nicht. Es kann also nur um eine Vermeidung des Mülls „im Rahmen des Möglichen und Machbaren“ gehen. Dieser Rahmen lässt zurzeit am Industriestandort Deutschland jährlich rund 385 Millionen Tonnen Müll zu. 44

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Gestatten Müll — Der lange Schatten des Menschen

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Die Einsicht, dass man den Müll nicht vermeiden kann, weil er zur Conditio humana gehört, kann als der große Augenöffner einer Epoche betrachtet werden, die durch ökologische Erkenntnisse in tiefe Selbstzweifel gestürzt worden war. Auf einmal taten sich versöhnliche Perspektiven auf. War der Kampf mit dem Müll nicht ein Bruderkampf mit Hoffnung auf Befriedung? Es ist doch eine Welt, in der wir leben, eine Erde, der wir alle – Mensch und Dinge – entstammen. Dieser Gedanke stand Pate bei der Lieblingsidee der Epoche, dem Recycling. Der Traum: dass sich alles wiederverwerten lässt; dass mithilfe der Technik es an uns ist, die Materie als Müll oder als Rohstoff zu definieren; dass sich ein Kreislauf von Ver- und Entsorgung schließen lässt. Aber: Zum einen blieben zu viele Produkte durch ihre Stoffzusammensetzung von der Möglichkeit des Recyclings ausgeschlossen. Zum andern sind mit dem Recycling Kosten und ein erneutes Müllaufkommen verbunden, bei unter Umständen leicht degenerierten Produkten. So sammelt sich der Müll weiter an. Ließen sich die in Deutschland produzierten 385 Millionen Müll-Tonnen in große Fässer verpacken, reichten sie mehrfach um den Äquator. Dafür aber ist der Äquator nicht gedacht. Die Menge muss reduziert werden, und für den Rest müssen andere Orte gefunden werden. Müllverbrennungsanlagen (MVAs) und Deponien sollen in der strategischen Aufstellung gegen den Müll wie zwei Backen einer Zange zusammenwirken. Müll-Verbrennung gab es schon in der Steinzeit. Bereits damals setzte man periodisch Müllhalden in Brand, wahrscheinlich weniger, um ihr Volumen zu reduzieren, als mehr, um der Geruchsbelästigung und der Ungezieferplage Herr zu werden. Die erste moderne MVA wurde 1870 in England (Paddington) in Betrieb genommen. Richtig in Gang kam die Müllverbrennung aber erst mit der Konsumgesellschaft. 1971 waren es in Westdeutschland schon 30 MVAs, im Jahr 1981 dann 42. Im Jahr 2008 hatte man auf 71 erhöht. Wie kam es zu diesem Boom? Durch heutige MVAs lässt sich 1. die beim Verbrennungsvorgang freigesetzte Energie in Strom oder Heizwärme umsetzen; 2. wird durch die Verbrennung eine Volumenreduktion des Mülls auf 30 Prozent, manchmal sogar auf bis zu 10 Prozent erreicht. 45

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«Der Müll erschien plötzlich als unbezähmbares Ungeheuer, das den Lebensraum des Menschen bedrohte, als giftige Hydra, der zwei Häupter nachwachsen, wenn man ihr eines abschlägt.»


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I N T E R V I E W

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I N T E RVI EW


Interview

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I N T E R V I E W

Die unsichtbaren Fesseln – Interview mit Gerald Hörhan

Fotos: Gabriel Gerlinger

Gerald Hörhan Gerald Hörhan, geboren 1975 in Wien,

2011 gründete er zusammen mit Harald

studierte am Harvard College Mathematik

Psaridis „Die Finanzschule“, die es sich

und Betriebswirtschaft. Er arbeitete als

zum Ziel gesetzt hat, Privatpersonen öko-

Investmentbanker für JPMorgan Chase &

nomisches Grundwissen zu vermitteln,

Co. in New York und als Unternehmens-

um sie unabhängiger von gesellschaftli-

berater für McKinsey & Company in Frank-

chen wie wirtschaftlichen Umwälzungen

furt. Er ist Eigentümer und Vorstand des

zu machen. Zuletzt erschien von ihm das

international tätigen Corporate Finance

Buch Null Bock Komplott (edition a, 2013).

Unternehmens Pallas Capital Holding AG.

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Gerald Hörhan

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BASEL III

Mit Basel I, Basel II und Basel III werden Maßnahmenpakete zur Bankenregulierung bezeichnet. Entwickelt wurden diese Regulierungsmaßnahmen vom Baseler Ausschuss für Bankenaufsicht, der 1974 von den Zentralbanken der G10-Staaten in Basel gegründet wurde. Ihm gehören derzeit Vertreter aus 27 Ländern an: Repräsentanten der Zentralbanken und der Aufsichtsbehörden der Mitgliedsstaaten. Da der

Herr Hörhan, in Ihrem jüngsten Buch ist häufig von einem System die Rede, genauer einem Kontrollsystem, das die Menschen ihrer Freiheit beraubt und die Wirtschaft erlahmen lässt. Was ist das für ein System?

Dieses System zeichnet sich durch eine Vielzahl dummer und undurchführbarer Gesetze und Verordnungen aus. Es wird von einem Staat getragen, der versucht, für jede Lebenslage solche Vorgaben zu schaffen und deren Umsetzung zu überwachen. Außerdem fordert das System, dass sich der Bürger an dieser Überwachung beteiligt: Man wird dafür belohnt, dass man andere Bürger verpetzt, Stichwort technische Überwachungsapparate oder Compliance Officer. Das gab es schon einmal in der DDR, das sogenannte Spitzelwesen. Und das wird jetzt wieder neu erfunden – nur mit wesentlich effizienterer Technologie. Dadurch wird die individuelle Freiheit massiv eingeschränkt.

Baseler Ausschuss nur Empfehlungen setzung der Maßnahmen den nationalen Behörden. Im Jahr 1988 wurde das 30 Seiten starke Dokument Basel I verabschiedet. Es galt als Meilenstein der Bankenaufsicht, wurden doch erstmals weltweit Mindeststandards für die Eigenkapitalunterlegung der Banken festgelegt. Dementsprechend müssen Banken mindestens acht Prozent ihres Eigenkapitals im Verhältnis zu ihren Kreditpositionen einbehalten. Im Jahr 2004 wurde mit Basel II eine Reform des ersten Entwurfs veröffentlicht, der 347 Seiten umfasste. Denn durch neue Finanzinstrumente und Methoden der Kreditrisikosteuerung konnten die Eigenkapitalanforderungen leicht umgangen werden. Da auch dieses Reformpaket die Finanzkrise nicht verhindern konnte, wurde 2010 die Reform der Reform, Basel III, veröffentlicht, die 616 Seiten umfasst und deren Regeln schrittweise von

Andererseits: Bedarf es in manchen Bereichen – Stichwort Finanzmarktaufsicht, Schattenbanken oder Steueroasen – nicht noch strengerer Regulierungen, wenn uns beim Platzen der nächsten Blase nicht alles um die Ohren fliegen soll?

Ja, wir brauchen Regulierung, aber eine zielgerichtete. Was ich kritisiere, ist die völlige Überregulierung, die in allen gesellschaftlichen Bereichen zu beobachten ist. In Deutschland gibt es 20 verschiedene regionale Verordnungen zum Hundeführerschein oder zur Länge der Hundeleinen. Wie kann es sein, dass man sich bei diesem Thema nicht auf eine klare Vorschrift einigen kann? Aber auch die ganzen Regulierungen auf dem Finanzmarkt gehen am Ziel vorbei. Das Ziel einer Bank sollte doch sein, die Kunden möglichst gut zu kennen, um dadurch abschätzen zu können, ob sie in der Lage sind, einen Kredit zurückbezahlen oder nicht. Aber dies gerät mehr und mehr aus dem Blick. Stattdessen müssen die Banken sich inzwischen mit Regulierungsvorschriften befassen – Stichwort Basel III –, die zum Teil so komplex sind, dass sie niemand mehr versteht. Bezüglich der Steueroasen und Schattenbanken muss man leider konstatieren, dass Europa da ohnehin nichts machen kann – jedenfalls solange nicht, bis die EU ihre Gerichtsbarkeit nicht auch auf die Steueroasen ausdehnt, wie das die USA vorgemacht haben. All die Restriktionen, die stattdessen vorgenommen werden, bringen nichts. Noch einmal: Wir brauchen Regulierungen, aber die müssen einfach und zielgerichtet sein. Was wir jedoch erleben, ist eine Entmündigung der Bürger in allen Bereichen. Diese Entmündigung wird dann unter dem Label „Schutz des Bürgers“ verkauft – Anlegerschutz, Konsumentenschutz, Mieterschutz etc. Zugleich wird der Bürger kriminalisiert: Es ist ja fast nicht mehr möglich, durch den Tag zu gehen, ohne zahlreiche Verordnungen zu verletzen.

2013 bis 2019 eingeführt werden sollen. Banken müssen demzufolge ihre Kreditgeschäfte mit mehr eigenem Kapital von besserer Qualität absichern. Der Vorstand der Bank of England, Andrew Haldane, führte in seinem Vortrag „The dog and the frisbee“ im Jahre 2012 aus, dass diese Vorschriften für eine international tätige Bank mehrere Millionen Berechnungen nach sich zieht, wenn die Risiken richtig eingeschätzt werden sollen. Berechnungen, für die Unmengen von Daten benötigt werden. Da jedoch keine Bank der Welt über diese Daten verfügt, müssen in vielen Fällen Schätzungen vorgenommen werden. Ob dieses Vorgehen das Bankgeschäft sicherer macht, darf Haldane zufolge bezweifelt werden.

Sind nicht viele dieser Regulierungen, zum Beispiel was den Anlegerschutz oder den Mieterschutz angeht, gerade deshalb entstanden, weil Bürger übervorteilt oder nicht ausreichend informiert wurden?

Die meisten Bürger verstehen nicht, was Freiheit bedeutet. Freiheit bedeutet auch, dass man für die Konsequenzen seiner Entscheidungen Verantwortung übernimmt. Die Bereitschaft dazu ist aber immer weniger vorhanden. Das hat dazu geführt, dass man kaum noch jemandem ein vernünftiges Anlageprodukt verkaufen kann. Es ist doch bezeichnend, dass genau jene Anleger, die auf eine hohe Rendite aus waren, sich dann über einen zu geringen Schutz beschwert haben, als sie mit dem Verlust ihrer Investitionen konfrontiert wurden – und dabei oft noch zu ihrer Entlastung vorbrachten, sie hätten dieses riskante Finanzprodukt gar nicht verstanden. Ein anderes Beispiel für diese Mentalität: Es wäre doch vernünftig, wenn ein Hundebesitzer einem Passanten Schmerzensgeld zahlen muss, wenn dieser von seinem Hund gebissen wird. Heute haben wir Gesetze erschaffen, die präventiv sicherstellen sollen, dass sich dem Hund nicht einmal mehr die Gelegenheit bietet, jemanden beißen zu können. Das erhöht den Verwaltungsaufwand ungemein und bringt trotzdem nicht das gewünschte Ergebnis. Denn Hunde beißen natürlich weiterhin. Vielleicht kommt man demnächst auf die Idee, ein Bellverbot oder eine Lärmbeschränkung für bellende Hunde zu erfinden. Da sind der Fantasie keine Grenzen gesetzt. 55

I N T E R V I E W

aussprechen kann, obliegt die Um-


H HORIZONT


Slavoj Žižek

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H O R I Z O N T

Just do it! —

Das Schicksal verändern Text: Slavoj Žižek

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FRISCHLUF T

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Hier werden Forschungsergebnisse präsentiert, die neue Denkräume eröffnen. Stellen Sie Ihre Arbeit bei uns vor: info@agora42.de

H O R I Z O N T Illustrationen: Carlos García-Sancho dedesign.tumblr.com

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C A P I TA L I S B A C K : W E A LT H - I N C O M E R AT I O S IN RICH COUNTRIES 1700–2010* — Thomas Piketty Gabriel Zucman

Fragestellung Wie entwickelt sich langfristig gesehen privates Vermögen (Kapital) in Relation zum Wirtschaftswachstum?

H O R I Z O N T

Datenerhebung Die Autoren erstellen eine Datenbank mit Daten aus volkswirtschaftlichen Bilanzen, die bis ins Jahr 1700 zurückreicht. Ergebnis Die Analyse der Daten zeigt, dass das private Vermögen schneller wächst als die Wirtschaft. Die Folge: Man nähert sich einer Vermögensverteilung an, wie sie für das 18. und 19. Jahrhundert typisch war.

*Erschienen in: Quarterly Journal of Economics, vol.129, no.3, 2014

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Frischluft

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ZUSAMMENFASSUNG DES ARTIKELS Zum ersten Mal in der Geschichte der Ökonomik werden derartig umfangreiche Daten zur Entwicklung von Vermögenswerten auf der einen und dem Wirtschaftswachstum auf der anderen Seite analysiert. Dabei ist das Wirtschaftswachstum der Gradmesser für die Verdienstmöglichkeiten, die man durch Arbeit erzielen kann (income). Im Gegensatz dazu stehen die Einnahmen, die durch Vermögenswerte (wealth) erzielt werden können. Das besondere Augenmerk in dem Artikel gilt der Entwicklung des Verhältnisses von wealth und income, da sich aus diesem Verhältnis Aussagen darüber ableiten lassen, wie sich die Verteilung des Vermögens in der Gesellschaft entwickelt.

In allen untersuchten Ländern konnten die Autoren feststellen, dass die Bedeutung des Vermögens gegenüber der Bedeutung des Werts der Arbeit zunimmt. Damit nähert man sich strukturell einer Verteilungssituation an, die man in Europa im 18. und 19. Jahrhundert beobachten konnte. Die Gründe hierfür sind den Autoren zufolge in den Preissteigerungen von Vermögenswerten (ihrerseits verursacht durch die wirtschaftliche Erholung der Nachkriegsjahre) sowie darin zu finden, dass die Bevölkerung kaum mehr wächst und auch die Produktivität nicht mehr so stark zunimmt wie früher.

H O R I Z O N T

1 . D I E D AT E N G R U N D L A G E

Durch Daten abgedeckter Gesamtzeitraum

Verfügbare jährliche Daten

Zehnjährige Schätzungen

USA

1770-2010

1869-2010

1770-2010

Japan

1960-2010

1960-2010

Deutschland

1870-2010

1870-2010

Frankreich

1700-2010

1896-2010

1700-2010

Großbritannien

1700-2010

1855-2010

1700-2010

Italien

1965-2010

1965-2010

Kanada

1970-2010

1970-2010

Australien

1970-2010

1970-2010

— Die Grundlage dieser Analyse stellen Daten nationaler statistischer Ämter dar. Für die Jahre 1970 bis 2010 entsprachen diese in den allermeisten Fällen bereits dem U.N. System of National Accounts (kurz SNA), einem von den Vereinten Nationen veröffentlichten Standard zur Erstellung Volkswirtschaftlicher Gesamtrechnungen. Insofern sind diese Daten direkt miteinander vergleichbar. In den Fällen, in dem die Daten von diesen Standards abwichen, wurden sie bestmöglich angepasst. Dies gilt auch für die Daten vor 1970, die im Falle Frankreichs bis ins Jahr 1700 zurückreichen.

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2 . D A S V E R H Ä LT N I S W E A LT H - I N C O M E

H O R I Z O N T

Im Zentrum der Argumentation steht die Formel = s/g, die das Verhältnis ( = „Beta“) von wealth (private Vermögenswerte) und income (Einkommen) angibt. Dabei steht das „s“ im Zähler nicht für das Vermögen als solches, sondern vielmehr für den Zuwachs des Vermögens pro Jahr. Dabei beinhaltet der Begriff Vermögen natürlich Geld, umfasst darüber hinaus aber auch jegliches Vermögen, das (in der Regel) problemlos verkauft werden kann: Immobilien, Land, Aktien, Anleihen oder andere Wertgegenstände. Auch das „g“ im Nenner steht für eine Zuwachsrate – in diesem Fall für das Wachstum der Wirtschaft, das mittels des Bruttoinlandsprodukts gemessen wird und die Summe aller Einkommen in einer Volkswirtschaft (Arbeits- und Kapitaleinkommen) darstellt. Auch das „g“ im Nenner steht für eine Zuwachsrate – in diesem Fall für das Wachstum der Wirtschaft, das mittels des Bruttoinlandsprodukts gemessen wird und die Summe aller Einkommen in einer Volkswirtschaft (Arbeits- und Kapitaleinkommen) darstellt. Folglich gibt jeder Wert über 100% an, dass der Wert des bloßen Vermögens schneller steigt als die Wirtschaft wächst. Ist das der Fall, heißt das, dass die Bedeutung von Vermögen (Grund, Boden, Maschinen, Aktien) als Zugewinnfaktor gegenüber dem Einkommen als Zugewinnfaktor zunimmt. Bei einem von 400%, sprich einem s=4% und einem g=1%, nimmt der Zugewinn durch Vermögen 4-mal so stark zu wie der Zugewinn durch steigende Einkommen. Entsprechend könnte der Vermögende drei Viertel des Wertzuwachses seines Vermögens verpulvern und dennoch würde sein Vermögen im Gleichschritt mit der Wirtschaft wachsen.

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3 . W E A LT H - I N C O M E V O N 1970 BIS 2010

H O R I Z O N T

In allen untersuchten Ländern konnten die Autoren zwischen 1970 und 2010 einen Anstieg von feststellen – von circa 200 bis 300% im Jahr 1970 auf 400 bis 600% im Jahr 2010. Dabei fällt die Entwicklung von in zwei Ländern besonders auf: So verzeichnete Japan den stärksten Anstieg der wealth-income-Rate (von unter 300% im Jahr 1970 auf über 700% im Jahr 1990). Da in das Privatvermögen auch Immobilienpreise einfließen, lässt sich dieser Anstieg mit der Immobilienblase in den 90-Jahren in Japan erklären. Deutschland hingegen verzeichnete einen Anstieg von 200% im Jahr 1970 auf knapp über 400% im Jahr 2010. Somit driften in Deutschland die Vermögenszuwächse im Vergleich zu den Zugewinnen durch Arbeit weniger auseinander als in den meisten anderen Ländern. Die Autoren erklären diese Unterschiede unter anderem mit dem starken Einfluss der Gewerkschaften, der dafür sorgt, dass die Unternehmenspolitik nicht ausschließlich darauf ausgerichtet ist, die Profite der Eigentümer zu maximieren. Entsprechend führt dies dazu, dass die Aktien deutscher Unternehmen weniger wert sind als jene vergleichbarer Unternehmen in anderen Ländern.

4. BLASENBILDUNG

— Steigt das Beta überproportional stark an, können dadurch Vermögensblasen identifiziert werden. Dies kann man sehr gut anhand der Werte für Japan in den 90er-Jahren und der Werte für Spanien in den Nullerjahren nachvollziehen.

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Net foreign assets Other domestic capital Housing Agricultural land

The changing nature of national wealth: france 1700 – 2010

800%

700%

% national income

600%

500%

400%

300%

H O R I Z O N T

200%

100%

0% 1700

1750

1780

1810

1850

1880

1910

1920

1950

1970

1990

2000

2010

5. ZURÜCK INS 18. JAHRHUNDERT?

— Es ist unmöglich, den Anstieg von in reichen Ländern zwischen 1970 und 2010 zu verstehen, ohne diese Periode in einen größeren historischen Kontext zu setzen. Die Frage, die sich die Autoren gestellt haben, ist, ob die niedrigen -Werte, die man zwischen 1945 und 1970 beobachten konnte, im historischen Kontext eher die Regel oder eher die Ausnahme darstellen. Vergleicht man die niedrigen Betawerte in diesen Jahren mit den langfristig erhobenen Daten (die beispielsweise in Frankreich bis ins Jahr 1700 zurückreichen; siehe Abbildung), zeigt sich, dass die Nachkriegsjahre die Ausnahme darstellen. Auch wenn sich die -Werte zunehmend jenen des 18. Jahrhunderts annähern, lässt sich – nicht nur in Frankreich – beobachten, dass im Unterschied zum 18. Jahrhundert der größte Zuwachs im Bereich der Vermögenswerte bei den Immobilien zu verzeichnen ist.

6. THEORIE & PRAXIS

— Die hier vorgestellte Studie hat weitreichende Konsequenzen zum einen für die ökonomische Theorie und zum anderen für die Politik. So zeigen die Ergebnisse, dass eine der grundlegenden Annahmen der neoklassischen Theorie – die Investition von Kapital führt zu steigendem Wachstum – nicht zwangsläufig zutrifft. Ferner muss die Gesellschaft eine Antwort auf die Frage finden, wie man mit der zunehmenden Ungleichverteilung des Vermögens umgehen will – und insofern mit der Entwicklung hin zu einer Oligarchie. Eine Entwicklung, die durch die gängige Erbschaftspraxis noch verstärkt wird.

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NACHGEFRAGT

— Unsere Fragen beantwortete Gabriel Zucman.

«For half a century (from the Great Depression to the late 1970s) the U.S. has taxed large estates at more than 70-80%. It would not be absurd to come back to such a system.»

H O R I Z O N T

As wealth becomes more and more concentrated in the hands of a few: Would there be viability in abolishing the right to inherit? In principle we could abolish the right to inheritance by taxing all inheritances at a rate of 100%. However that would not be desirable. I think it’s good to allow people to leave bequests to their children in general. But you’ve got to find the right balance between the altruism of parents, who naturally want to help their children, and our meritocratic values. The right balance probably involves high taxes on very big inheritances (of several millions euros and more). For half a century (from the Great Depression to the late 1970s) the U.S. has taxed large estates at more than 70-80%. It would not be absurd to come back to such a system. To correct the rising inequality of wealth and income you suggest progressive taxation. What do you think about the elimination of the interest rate on capital? I don’t favor the elimination of the interest rate on capital. Simply put, it’s not possible: there would be no reason for saving, and thus no capital in the economy. Now capital is useful, it helps produce more. For a given distribution of wealth, it’s always better to have more capital in the economy – more and better houses, more and better machines that can do lots of useful things, etc. And for that, we need a positive interest rate. The main problem, then, is how to make sure that capital is not too unequally distributed – and here, taxes play an important role. In a democracy one has the right and the duty to fight for ones rights. As not many people fight against rising inequality, can we conclude that it is democratically legitimised?

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Capitalism was for many years much more than an economic system – it was the promise, that everybody can better his conditions of life, that there will be endless progress, that there will be liberation from feudalistic structures etc. In view of environmentel destruction and neofeudalistic tendencies: Is the dream over? And what comes next? The capitalist dream is not over – but capitalism needs to be reformed. If capital taxes go to zero and nothing is done to seriously deal with climate change, then yes there’s a serious risk of witnessing a return to extreme wealth inequalities in the decades ahead, and extreme environmental damage. However, we’re not doomed. Our capitalist and democratic societies can prevent these outcomes from happening, with the right policies, in particular by taxing wealth and taxing carbon emissions.

Do you consider initiatives like The Giving Pledge, that was initiated by Bill Gates and Waren Buffet, as a possibility to reduce the concentration of capital? Charitable giving can help reduce the concentration of capital, but it would be a grave mistake to rely on that force only. Today, despite all the pledges made, the wealth in US private foundations is only 1% of total household wealth – and no more than 5% of the wealth of the top 0.1% of the population. Charitable giving is not substitute for progressive taxation. Gabriel Zucman Gabriel Zucman hat Wirtschaftswissenschaften studiert und ist Assistant Professor an der London School of Economics.

H O R I Z O N T

I don’t agree with your premise that „not so many people fight against rising inequality“. When you vote for a government, for a Parliament that enacts tax laws, in effect you vote for some types of redistributive policies. Our tax and transfer systems do achieve a fair amount of redistribution – one that might be insufficient in many ways, but still, one that makes today’s societies fundamentally different from the aristocratic societies of the past.

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agora 03/2014 Das Unsichtbare  

Vertrauen, Werte, Sinn, Erwartungen, Freiheit, der Markt oder die gesellschaftlichen Strukturen: all das kann man nicht sehen. Dennoch, oder...

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