KulturGut N°13

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KulturGut

Ausgabe

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Oktober 2013

Magazin für die Kulturregion Würzburg

Den Raum erobern. Junge Kreative | Streiten lohnt sich. Vom Denken über Denkmale | Ein kluger Herbst. Schüler forschen an der Universität

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KulturGut | Editorial | Inhalt | Titelthema | Bühne | Musik | Kunst | Literatur | Film | Stadt | Wissenschaft | Interkultur | Service

Editorial

Training für unser kulturelles Gedächtnis Kunst im öffentlichen Raum begleitet uns auf Schritt und Tritt. Zwischen Denkmal, Kunst am Bau und künstlerischer Freiheit nimmt sie Teil am öffentlichen und politischen Diskurs der Stadtgesellschaft. Vieldiskutiert, kommentiert, übersehen, genutzt, umgestaltet – immer ein Spiegel ihrer Zeit, ein Dokument unseres kulturellen Gedächtnisses. Und während wir noch an dem einen Denkmal stehen, streitend, ob es einfach so bleiben kann, entstehen zeitgleich heute und morgen neue. In neuem Kontext, vom jeweiligen Zeitgeist geprägt. Kunst für alle: An jeder Straßenecke kann man sie finden, vergängliche und bleibende Objekte und Aktionen. Sie alle haben gemeinsam, dass sie uns in Gegenwart und Zukunft begleiten. Und dass sie uns dazu bringen, unsere Umgebung mit neuen Augen zu sehen, weil sie diese und uns verändern.

Und so laden wir Sie ein, uns auf unserem Weg durch Würzburg zu begleiten: In dieser Ausgabe von KulturGut forschen wir nach dem Wesen der Kunst im öffentlichen Raum, nach dem Charakter und der Veränderlichkeit der Denkmale, bieten Raum für den Diskurs, aber auch einfach nur Platz für Lieblingsstücke. Wir wünschen Ihnen eine inspirierende Lektüre und sind dankbar für Ihre Anregungen. Bleiben Sie uns weiterhin gewogen. Wenn Sie gerne intensiver in den Dialog mit uns eintreten möchten, dann laden wir Sie wie immer herzlich auf unsere Website www.kulturgut-wuerzburg.de ein. Hier können Sie unser Magazin auch abonnieren.

Iris Wrede Chefredakteurin

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Editorial

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Inhalt

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Titelthema | Kunst! Platz!! So erobern junge Kreative den öffentlichen Raum

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Titelthema | Heuler 1 – Das Kriegerdenkmal war schon immer umstritten und wird es auch bleiben

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Titelthema | Heuler 2 – Verräterische Helden im Husarenwäldchen

17|19|25 Titelthema | Würzburger Liebeserklärungen: Mein Kunstwerk im öffentlichen Raum 20

Titelthema | Site-Hearing. Alexandra von Bassen vertont urbane Räume

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Titelthema | Die Plastik als Stadttor. Besuch in Zaha Hadids Technikum III

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Titelthema | Vierzehnröhrenbrunnen. Wie viele Treffpunkte benötigt die Urbanität?

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Theater | Neue Theaterwerkstatt greift wacker nach der Zukunft

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Theater | Gastregisseure werfen neue Blicke auf die Schauspieler

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Theater | Termine

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Musik | Richard Wagners Texte fielen nicht vom Himmel. In 16 Jahren neu ediert

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Musik | Termine

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Kunst | Reale Pinselstriche in der Wilhelm-Leibl-Ausstellung ab Dezember

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Kunst | Termine

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Literatur | Die Räuberbande, Teil 3: Eine Stadt lässt sich auf die „Junger Jesu“ ein

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Literatur | Termine

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Literatur | Zaubersprüche für Verwundete: Pauline Füg zog nach Würzburg

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Literatur | Erich Kästner kam nach Oberschwarzach

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Film | Der Filmemacher Steffen Boseckert hat gute Laune

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Film | Termine

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Stadt | Termine

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Stadt | Farbe am Bau. Straßenkunst ist das Senkrechte für die Europastadt

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Wissenschaft | Schüler an die Unis, Unis in die Schule! Würzburg ist Stadt der jungen Forscher 2014

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Wissenschaft | Termine

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Interkultur | Termine

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Interkultur | Rübezahls Erben. Wie der Heimatkreis Trautenau mit seiner Zukunft umgeht

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Zum Schluss | Impressum

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Kunst! Platz!! Der öffentliche Raum gründet einen Verein von Anna Valeska Strugalla

+ Wald und Wucher im Rathaus, ein verrücktes Labyrinth in der Sanderstraße und eine Garnison von bunten Bierdeckeln an der Juliuspromenade. Wer bei diesen Vorkommnissen der vergangenen Jahre an Invasion und Aufruhr denkt, liegt gar nicht mal so falsch. Sorgen muss man sich jedoch weder wegen des satten Grüns im Rathausfoyer noch wegen der farbenfrohen Pappdeckel in der Fußgängerzone machen. Diese und viele Aktionen, Installationen und Ausstellungen mehr sind KÖR.

Verstehen Sie die KÖRpersprache? Den KÖR e. V. gründeten Anfang 2011 Künstler für Künstler. Er soll seinen Namen in Würzburg zum Programm machen, Kunst im öffentlichen Raum fördern. In der Idealvorstellung der KÖR-Mitglieder ist Kunst frei zugänglich und für jedermann, und die kreativen Macher haben stets die Chance, ihre Kunst zu veröffentlichen. „Wir möchten den Marktplatz, die Mainwiesen und andere öffentliche Plätze für Künstler, ihre Ausstellungen und Aktionen zugänglich machen und ihnen somit ein großes, unberechenbares Straßenpublikum bieten“, so Manou Wahler, Vorsitzende des Vereins. „Wir wollen eine Plattform sein, die mit einem starken Netzwerk, Räumlichkeiten, Hilfen bei Verwaltungsfragen und finanzieller Unterstützung den Würzburger Künstlern bei ihrem Schaffen im öffentlichen Raum Steine aus dem Weg räumt. Zudem bieten wir durch unsere Mitglieder aber auch einfach nur das geballte Know-how aus den verschiedensten Bereichen der Würzburger Kreativen-Szene.“ Mit ihrer Aussage übertreibt die 33-Jährige nicht: Mittlerweile zählt der Verein knapp 30 Mitglieder, darunter Grafi-

ker, Illustratoren, Kulturmanager, Fotografen und Architekten. Das Jugendkulturhaus Cairo, die bunte Welt des Herrn Pfeffer, die Zeychen & Wunder in der Sanderstraße und viele weitere kreative Hotspots in Würzburg verknüpfen die Aktiven. Neben der beratenden Rolle hat dieses Netzwerk einen weiteren Nutzen: KÖR könnte sich zu einem Sprachrohr der Würzburger Künstlerszene formieren. Eine Stimme, die gegenüber Vertretern der Stadt die Bedeutung und die Vorzüge des öffentlichen Raums formuliert. Umso bemerkenswerter ist, dass der Verein seinen Fokus auf den Verwaltungsraum von eben jener Institution legt, der er rückblickend auch seine Gründung verdankt: der Stadt Würzburg. Die Idee, eine Institution zu schaffen, die sich einzig für die Kunst im öffentlichen Raum einsetzt, stammt ursprünglich von Wahler selbst. Im Jahr 2011 erhielt die studierte Kunstethnologin den mit 2500 Euro dotierten Preis für junge Kultur der Stadt Würzburg. „Eine Geldprämie der Stadt für meine dort aus freien Stücken geschaffene Kunst – das erschien mir echt absurd!“, lacht die Künstlerin. Sie suchte nach einem Format, das Geld sinnvoll zu investieren. Und so wurde das Preisgeld der Stadt zum Startkapital für KÖR. Eineinhalb Jahre nach der konstituierenden Sitzung in der Stattkneipe Kult kann der Verein auf verschiedenste Aktionen und AusstelKulturGut 13 | Seite

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lungen zurück blicken: Grüne Installationen bei der Wald-und-WucherAusstellung im Foyer des Würzburger Rathauses, Skateboard-Decks zugunsten einer Kinderhilfe und zahlreiche so genannte Free-ArtActions, das heißt Aktionen auf offener Straße mit einem nicht vorhersehbaren Publikum. Seit November 2012 können die Aktionen sogar in vereinseigenen Räumen stattfinden: im neuen Zuhause direkt an der Sanderstraße stellte zum Beispiel im Juni 2013 das Friedrich-KönigGymnasium seine Beiträge zu einem Wettbewerb des Zeitbild-Verlags mit dem Thema „17. Juni: Freiheit gestalten“ aus – KÖR-Mitglieder unterstützten die Lehrer. Ein verrücktes Labyrinth, das die persönlichen Entscheidungsfreiheiten und ihre Folgen darstellt, gewann den Wettbewerb sogar. Wem eine abgeschlossene Ausstellungsfläche des Vereins im Zusammenhang mit Kunst im Öffentlichen Raum merkwürdig isoliert vorkommt, der hat noch nie vor der Glasfront gestanden, die jeden Winkel der KÖR-Wirkungsstätte für Passanten und Interessenten freigibt. Wer in den Räumlichkeiten eine Entfaltungsmöglichkeit für seine Kunstdarstellung sieht, der muss sich nur beim Verein bewerben. Einen Monat lang kann der Kreativling dann selbst bestimmen, wann er sein Projekt für die Öffentlichkeit sichtbar freigibt – und somit im öffentlichen Raum präsentiert. Den Vereinszweck, Kunst auf Würzburgs Plätze zu bringen, verfolgten beispielsweise die etwas an-

dere Minigolfanlage in der Galerie in der Sanderstraße, die im Sommer geklebten Poster auf den städtischen Plakatständern und „500 faces - 500 Portraitfotografien von 500 Freiwilligen in 27 Stunden“ von Benjamin Brückner, zweiter Vorstand und Fotograf, auf dem diesjährigen umsonst&draußen-Festival. Doch dass sich der Vereinszweck so breit auslegen lässt, erschwert die Argumentation für finanzielle Unterstützungen in alle Richtungen: „Unsere Arbeit ist Projektarbeit, unsere Mitglieder sind an keine länger-perspektivischen Aktivitäten gebunden.“ Damit fällt KÖR aus den gängigen Förderrichtlinien. „Eine Unterstützung zum Beispiel von Seiten der Stadt wäre trotzdem wichtig für uns“, so Wahler. Die Entwicklung der letzten zwei Jahre spricht jedenfalls für den Zusammenschluss. Denn gerade der breite Auslegungsspielraum beschert dem Verein sehr positives Feedback und wachsenden Zulauf. „Die Mund-zu-Mund-Maschinerie läuft momentan richtig an, besonders von Seiten der Fachhochschule. Aber auch aus ganz anderen Bereichen sprechen uns interessierte Leute an“, berichtet Benjamin Brückner. Kein Wunder, ein Verein, der es aus dem Rathausfoyer wuchern lässt, der Plakatflächen zu kleinen Kunstwerken verzaubert und bunte Bierdeckel in der Stadt aufhängt, der muss damit rechnen, zum Stadtgespräch zu werden.

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Schwere Geburt aus dem Riesenfindling Fried Heulers Kriegerdenkmal war schon immer umstritten und wird es auch bleiben von Viviane Bogumil

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ETLICHE HEIMISCHE KÜNSTLER machen sich Gedanken über angemessene Stätten der Erinnerung an Kriege. Gerda Enk und Thomas Reuter beispielsweise skizzierten unter dem Titel „Trümmerfeld“ ein Crossover zwischen Erinnerungsort und Urban Gardening, denn „Gärten schaffen Frieden“, zititert Enk den Landschaftsarchitekten, Psychologen und Pädagogen Karl Linn. Der Raum – denkbar zwischen Husarenwäldchen und Hauptfriedhof – ist auf Zeit angelegt. Aus dem Konzept der beiden Künstler: „Nach vier Wochen beginnt der Bewuchs mit Ruderalpflanzen, die nach einiger Zeit das Trümmerfeld überwuchern. Das Trümmerfeld könnte zu einem Platz der Begegnungen werden, z. B. durch Lesungen.“

+ In den 1920er Jahren bemerkte der Schriftsteller Robert Musil, dass nichts auf der Welt so unsichtbar sei wie Denkmäler. Und das, obwohl gerade diese aufgestellt werden, um Aufmerksamkeit zu erregen. Fast möchte man meinen, sie seien sogar gegen jene imprägniert und entwickelten sich zum bloßen Gestaltungselement des urbanen Erscheinungsbilds. So ergeht es auch dem Würzburger Denkmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs im Husarenwäldchen, kurz „Kriegerdenkmal“. Alljährlich gedenkt Würzburg am Volkstrauertag mit einem Festakt der Kriegstoten am Kriegerdenkmal. Zudem wird es gelegentlich mit allerlei Parolen beschmiert. Das restliche Jahr über steht es jedoch kaum im Fokus der Öffentlichkeit, und sollte man doch einmal vor besagter Skulptur stehen, sucht man lange nach weiterführenden

Informationen, denn wie so oft bei Kunst im öffentlichen Raum findet der interessierte Betrachter keine Hinweistafel. Auch der Schöpfer der Skulptur, der fränkische Künstler Fried Heuler (1889-1959), wurde seinerzeit gern totgeschwiegen, weil dieser sich zu wenig den Belangen von Stadt und Mitbürgern unterwarf; heute wird er oft verteufelt, weil er sich im Dritten Reich zu sehr den Gegebenheiten anpasste. Das Würzburger Kriegerdenkmal ist der steingewordene Beweis dieses Problems. Es ist das bekannteste der acht Denkmäler, die Heuler für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs in der Region geschaffen hat, und wohl sein umstrittenstes, denn es polarisiert mit seiner Darstellung überlebensgroßer Soldaten. Dennoch verhalf es ihm zur Zeit seiner Aufstellung zu überregionaler Bekanntheit.

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90 Jahre Denkmal-Opposition Der Stein des Anstoßes ist ein prachtvoller Riesenfindling aus der bayerischen Rhön. Die Bevölkerung spricht sich 1923 gegen das Aufstellen der Sachspende vor dem städtischen Friedhof zum Gedenken an die Gefallenen aus und plant Nützlicheres mit dem Geld als die Errichtung eines Denkmals: den Bau eines Invalidenheims. Wegen zu hoher Folgekosten ruft der Stadtrat dennoch 1925 einen Wettbewerb für ein Kriegerdenkmal unter den fränkischen Künstlern aus, in dem weder Aufstellungsort noch Aussehen oder Größe vorgegeben sind, lediglich die Summe von 100.000 RM sollte nicht überschritten werden. Wie ob der unspezifischen Angaben nicht anders zu erwarten ist, unterscheiden sich die 99 Entwürfe so stark voneinander, dass eine Entscheidung unter Einbeziehung der Bevölkerung abgelehnt wird. Eine Wettbewerbs-Kommission kürt im Juni den Entwurf des „Würzburger Künstlerkleeblatts“ Kleinsteuber, Niedermeier und Heuler auf den ersten Platz. Dieser sieht vor, in der Längsachse des Paradeplatzes einen monumentalen Sarkophag mit zwei flankierenden Rundsäulen aufzustellen. Die Bürgermeinung ist eindeutig: Der Platz in der Stadtmitte sei für ein Denkmal anlässlich des Scheiterns des deutschen Volkes ungeeignet. Vielmehr plädiert man für einen „Heiligen Hain“ im Ringpark – ein Ort stiller Trauer und nicht des lauten Durchgangsverkehrs. Obwohl nach zwei Jahren des Stillstands die Architekten Kleinsteuber und Niedermeier ohne Heulers Wissen 1927 in Bad Tölz ein Kriegerdenkmal errichten, das dem Entwurf für Würzburg verdächtig ähnelt, lässt der Stadtrat im März 1928 sämtliche Rosskastanien auf dem Paradeplatz unter Polizeischutz fällen, um ein maßstabsgetreues Holzmodell zur Veranschaulichung aufzustellen. Der Stadtrat ist der Meinung, dass dies „angesichts der Nähe des Hofgartens und der Hofpromenade kein nennenswertes Opfer für die Bevölkerung“ sei – womit er sich irrt. Vehementer Protest folgt, und als wenig später ein Sturm die Lattenkonstruktionen zerstört, wird das Projekt für gescheitert erklärt.

stück einer terrassenartigen Anlage inmitten eines geschlossenen Baumbestands aus dichtem Grün im damals sogenannten Volksgarten. Diese Kombination wirkt schon von Weitem wie eine Vision, die die Spiritualität der Gedenkstätte unterstreicht. Die Einheit des neu gestalteten Parkabschnitts und der Skulptur sowie die zentrale Lage im Herzen der Stadt überzeugen auch die Bürger. Doch es erwarten Heuler allerlei andere Schikanen bei seinem Arbeitsprozess. Die Herstellung der Gipsmodelle gestaltet sich schwierig, da der Oberbürgermeister, der befürchtet, Heuler könne sich außerhalb von Würzburg heimlich Hilfe holen, ihm einen zu kleinen Raum im Bauhof der Stadt zuweist. Heuler muss auf eine ungeheizte Halle ausweichen; die Kälte des Winters 1930 lässt den Gips zerbrechen und sorgt für zeitlichen Rückstand. Im Sommer 1931 wird das Denkmal auf einem Werkplatz in Kirchheim ausgeführt – auch dort nicht ohne Probleme. Oberbaurat Stummer zeichnet in Abwesenheit Heulers mit Graphit Falten in die fertigen Steinstücke ein und verlangt vom Werkmeister, diese umgehend zu behauen, doch dessen Arbeiter weigern sich. Der Graphit lässt sich nicht abklopfen und Heuler stellt die neue Bearbeitung dem Oberbaurat schließlich in Rechnung. Die Figurengruppe dokumentiert den Umgang zwischen einem (einheimischen) Künstler und der Stadt, für die er arbeitet. Bevor sie unter großer Beteiligung von Bevölkerung und Presse schließlich am 1. November 1931 eingeweiht wird, hatte es in Stadtrat wwund Öffentlichkeit über Jahre hinweg heftige Diskussionen gegeben. Die Vertreter der NSDAP bleiben dem Festakt unter Protest fern, die Kontroversen zwischen den konservativen und den nationalistisch gesinnten Bürgern der Stadt werden deutlich und es offenbart sich der Bruch dieser politischen Übergangsphase in der ästhetischen Anschauung von Kunst: Den einen war das Denkmal zu heroisch, den anderen zu wenig und wieder andere fanden es schlicht zu monumental.

Alles geht immer nach München

Der amtlich entnazifizierte Stein

Man erinnert sich nun des zweitplatzierten Entwurfs („Ich hatt’ einen Kameraden“) von 1925, ebenfalls ein Wettbewerbsbeitrag der Herren Kleinsteuber, Niedermeier und Heuler. Nach dem Bad Tölzer Zwischenfall hatte sich letzterer die alleinigen Rechte daran gesichert. Heuler erhielt jedoch zwischenzeitlich von anderen Städten lukrativere Anfragen bezüglich seines Entwurfs, da dieser in diversen Architekturblättern publiziert worden war. Er setzt Oberbürgermeister Löffler in Kenntnis darüber, welcher an einen findigen Schachzug Heulers glaubt. Hans Löffler versucht, mit Hilfe von Sachverständigen aus München, Nürnberg und Würzburg Heulers Entwurf von einer Münchner Bildhauerkapazität ausführen zu lassen. Laut Heuler besteht damals die stille Übereinkunft, künstlerische Aufträge über 25.000 RM nach München weiterzureichen, um damit dessen Ruf als führende Kulturstadt aufrecht zu erhalten. Doch in Würzburg behält Heuler die Oberhand und den vollständigen Auftrag. 1930 werden die gemeinsamen Pläne Heulers, des Städtischen Hochbau- und Gartenamts genehmigt. Die Figurengruppe aus damals noch hell leuchtendem, weiß-bräunlichem Muschelkalkstein wird das Kern-

Im Zuge der Beseitigung deutscher Denkmäler nationalsozialistischen Charakters im Mai 1946 entscheidet der Kontrollrat der Alliierten, dass das Kriegerdenkmal dank seiner gemäßigten und zeitlosen Gestaltung sowie des Verzichts auf Parteisymbolik nicht entfernt werden muss. Es wird in die Gruppe der „Gedenksteine, die lediglich zum Andenken an verstorbene Angehörige regulärer militärischer Einheiten errichtet worden sind“ eingestuft. Es kann jedoch nicht geleugnet werden, dass ein Denkmal für diesen Zweck heutzutage anders aussehen würde. Entweder würde man es vorsichtigerweise weniger eindringlich gestalten oder sogar noch provokanter oder gleich so abstrakt, dass ihm niemand mehr den Anlass der Errichtung ablesen kann. Denk- und Mahnmale bleiben bis heute umstritten. Sie spiegeln das Wesen der Mentalität und des Kunstverständnisses einer bestimmten Zeit wieder. Der heute so befremdliche nationale Stolz, die scheinbar unkritische Heimattreue und die Enttäuschung der damaligen Bevölkerung ob der unerwarteten Kriegsniederlage sind – wenn auch nicht mehr gewollt – noch immer fassbar in Kriegerdenkmälern wie dem Husarenwäldchen.

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Verräterische Helden Die Krieger im Husarenwäldchen von Berthold Kremmler

Gedenkstätten-Entwurf von Gerda Enk und Thomas Reuter – siehe Seite 8.

+ Der große amerikanische Historiker Fritz Stern hat dem Begriff vom „feinen Schweigen“ durch einen programmatischen Essay zu neuem Leben verholfen. Er erläutert darin den Ausdruck, der über Nietzsche von Goethe herkommt und vor Augen führt, wie sich die Menschen vor unangenehmen Erkenntnissen und Wahrheiten abschirmen: einfach darüber schweigen. Man lügt quasi durch Aus- oder Weglassen. Wie viele Biographien im Allgemeinen, erst recht aber im Besonderen des Dritten Reiches, sind erst so akzeptabel und tolerierbar geworden! Viele von ihnen haben sich bis heute nicht verändert. Hagiografien, Heiligenlegenden trifft man heute noch auf Schritt und Tritt, wenn man es mit den Jahren KulturGut 13 | Seite

zwischen 1930 und 1950 zu tun hat. Man denke an jenen inzwischen verstorbenen Germanistik-Professor, der sich nach dem Krieg einen neuen Namen, ja eine ganz neue Existenz zugelegt, sogar nochmals sich habilitiert und viele Jahre eine neue Karriere im selben Metier verfolgt hat.

Vergebung oder Versöhnung? Als Student konnte man sich Anfang der 1960er Jahre ein Vergnügen daraus machen, die Löcher in der Publikationsliste dieser Jahre aufzuspüren. Es hat geraume Zeit gebraucht, bis dieses Prinzip des Schwei-

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zer Käses diskreditiert wurde. Das hatte einen subjektiven Grund – wer gesteht schon gerne seine Fehler oder Schlimmeres ein? – und einen objektiven: warum sollte man etwas einbekennen, was geradezu zum gesellschaftlichen Lebensgrund gehörte? Wie lange hat es gedauert, bis die Eliten mit der bitteren Wahrheit konfrontiert wurden, wie viel Schuld sie auf sich geladen haben? Als im vorigen Jahr eine Studie erschien, die die Verstrickung der Mitarbeiter eines Oberlandesgerichts herausgearbeitet hat, war das nachgerade eine Sensation. Und erst jüngst verwies die Tochter des einstigen baden-württembergischen Ministerpräsidenten es ins Reich der Legende, ihr Vater habe auch nur entfernt zum Widerstand gehört. KulturGut 13 | Seite

Inzwischen ist die Sensibilität für die Untaten der Vergangenheit bis in die höchsten Ebenen – s. allerletztens den Bericht aus dem Justizministerium – gewachsen, aber noch immer ist die Neigung groß, diese Untaten zwar im Allgemeinen zuzugestehen – nicht aber im privaten Raum. Und schon gar nicht, sie mit den individuellen Schicksalen der Leidtragenden in Beziehung zu setzen. Man kann ja schließlich alles nebeneinander gelten lassen, nach dem Prinzip der Beichte: Wenn erst mal etwas gestanden ist, reicht ein „Vater unser“ zur Sühne und man hat, wie es in diesem Bereich gerne heißt, quasi Anspruch auf Versöhnung. Dabei kann der Übeltäter allenfalls um Vergebung bitten, niemals aber Versöhnung postulieren, die ja eine Art Gleichberechtigung voraussetzt.

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Begnadete Klobigkeit „Begnadete Hände“ lautete traditionell das schmückende Beiwort für – Albrecht Dürer, nicht zuletzt abgeleitet von den zu Tode reproduzierten betenden Händen, dem Porträt von Dürers Mutter und dem Hasenbild. In Würzburg gibt es keinen so genuinen Bildkünstler, zu dem dieses Lob passen würde. Tiepolo, der so Andere, ist vor allem kein Würzburger. Also hat man das Beiwort auf einen anderen, wenn schon nicht Würzburger, so wenigstens Franken übertragen. Das Missgeschick: vom Filigranen, Durchgeformten, das „begnadet“ ja wohl bezeichnen möchte, ist bei Fried Heuler nun wirklich nichts zu sehen. Von der öffentlichen Anerkennung, die damit einhergehen müsste, ebensowenig. Das könnte man freilich der Nachlässigkeit der Stadt zuschreiben, die an öffentlich zugänglichen Skulpturen einfach keine Identifikationsschildchen befestigen mag. Sieht man eine spätmittelalterliche Plastik, kann man ohne sonderliches Risiko raten: Das muss von Riemenschneider sein, und dürfte damit meistens richtig liegen. Aber Fried Heuler? Wer kennt denn den noch, obwohl er grade mal ein gutes halbes Jahrhundert nicht mehr unter uns weilt?! Fragen Sie einen x-beliebigen Passanten, versichern Sie sich, dass er ein bisschen was von Würzburg weiß, und dann machen Sie die Probe: Entweder Sie fragen nach dem Namen – kaum einer wird ihn kennen. Oder Sie fragen nach dem Urheber des Reiters vor der Paradepost, an dem ja jeder schon mal vorbeigegangen ist: Kaum einer wird eine Antwort wissen. Kein Wunder.

Heulerstadt Würzburg Vor vier Jahren war sein 50. Todestag. Im Würzburger Stadtrat wurde beantragt, den „großen Toten“ durch die Stadt, den Stadtrat zu ehren und sich an seinem Grab auf dem Hauptfriedhof einzufinden. Tatsächlich sollte wohl eine große Feier daraus werden. Es fanden sich ein: der Würzburger Oberbürgermeister und seine beiden Vertreter, der Kissinger OB, je ein Vertreter aus dem Kulturreferat und ein städtischer Berichterstatter, etwa vier Familienangehörige – und ein Demonstrant mit einer windigen handgemalten Pappdeckel-Tafel mit der Aufschrift „Protest“. Insgesamt wohl cirka elf Personen. Soviel zur öffentlichen Wahrnehmung des Plastikers und der Erinnerung an ihn. Nun könnte man natürlich dagegenhalten, Heuler sei vielleicht einfach nicht so bedeutend. Immerhin ist er der einzige Künstler des 20. Jahrhunderts, von dem mehrere zum Teil unübersehbare Werke in der InKulturGut 13 | Seite

nenstadt aufgestellt sind und kaum übersehen werden können. Dem zuletzt Entstandenen von ihnen, dem Postreiter von 1955, kann man zugute halten, dass man diesen plumpen Koloss einfach nicht wahrnehmen möchte. Er hat etwas so Klobiges, Unbeholfenes, Plumpes an sich – das verführt wahrhaftig nicht zum näheren Hinsehen, gar zum Bewundern. Weitere Denkmäler von ihm sind bis heute sozusagen im Gebrauch: das Kriegerdenkmal im Husarenwäldchen und das Mahnmal für die Toten des 16. März 1945, zehn Jahre später fertiggestellt. An einem anderen Denkmal wirkte er mit, indem er es mit einem größeren, markanten Adler krönte – auf der Spitze des Studentensteins im Glacis. Ob den die amerikanischen Soldaten oder die Bomben zerstörten, ist anscheinend nicht überliefert. Nach dem Krieg reichte es nur zu einer Neugestaltung der Oberfläche ohne martialischen Adler.

Von den Möglichkeiten, aus dem Weg zu gehen Eine kritische Auseinandersetzung mit Heulers repräsentativen Werken wäre umso nötiger, als die beiden großen Denkmäler regelmäßig in die alljährlichen Gedenkrituale einbezogen sind, trotz gelegentlicher Einsprüche. Zum einen stehen sie halt einfach herum und werden mit nicht unerheblichen Kosten immer wieder auf Vordermann gebracht. Zum andern lobt man sich seine Denkmäler zurecht, um an der Aura von – vermeintlicher – Bedeutung zu partizipieren. Gern nennt man dann Fried Heuler einen Künstler von internationaler Ausstrahlung und Bedeutung. Diese Qualifizierung muss aus schon lange vergangenen Zeiten herrühren. Wenn man nämlich die aktuellen Hilfsmittel der Universitätsbibliothek konsultiert, wird dieser Ruhm durchaus nicht bestätigt, vielmehr scheint er vor allem der Erfolg von Lokalpatriotismus zu sein. In einem Buch von 1989, „Denkmal – Zeichen – Monument“ aus dem Prestel-Verlag heißt es lapidar: „der kaum über die Grenzen Mainfrankens hinaus bekannte, 1959 verstorbene Künstler schuf ein nach Leistung und Wirkung überschaubares Werk“ (S. 95). Das vermutlich am häufigsten abgebildete Werk ist das Kriegerdenkmal im so genannten Husarenwäldchen. Man kann sich ihm gegenüber um jede Position herumdrücken und seine formalen Eigenschaften beschreiben, wie das – ziemlich nichtssagend-oberflächlich – die „Kunstgeschichte der Stadt Würzburg“ von Professor Kummer von 2011 tut. Am bequemsten ist es, sich darauf zurückzuziehen, dass man es durch das Datum seiner Entstehung entlastet: Es sei vor der Machtergreifung aufgestellt worden, könne also deswegen gar nicht faschi-

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stisch sein. Tatsächlich avancierte es schnell zum vielzitierten musterhaften Beispiel, z. B. im entsprechenden Band der „Blauen Bücher“ des Nazi-Kunstgeschichtlers Wilhelm Pinder (mehrere Auflagen zu Beginn des Krieges). Die formalen Eigenheiten, die Behandlung der Flächen und der Körper lassen die Nähe zu den späteren Skulpturen aus der Zeit des Nationalsozialismus spüren.

Ernsthafte Betrachtung von sieben Kameraden Eine schwierige, aber entscheidende Frage ist die der Wirkung: Verkörpert sich in der Gesamtanlage auch Trauer, oder ist nicht doch der nachdrücklichste Effekt der des Beeindruckens, des Erdrückens, der Überwältigung, wie sie in den Skulpturen dieser Zeit gang und gäbe sind? Übrigens auch in romanischen Ländern (s. die Anlage des Trocadéro in Paris). Schwerer noch wiegt die Ausstrahlung von Trotz, von Mangel an persönlicher Regung, von jeder Spur von Individualität. Wie soll sich in einem solch massivem Ungetüm überhaupt ein individuelles Gefühl zu erkennen geben, bei diesen finsteren Gestalten, die die Helme ins Gesicht gezogen haben, so dass es gar nicht mehr zu erkennen ist? Individualität würde sich etwa in unterschiedlichen Falten, geringfügigen Nuancen der Körperhaltung andeuten – hier sieht man nichts davon. Es ist, als trügen sie Uniformen aus glattgestrichenem Gips. Man stelle sich dazu einen Trauermarsch vor! Die geballte Energie steckt in der Bewegung des Aufstehens, das Ensemble strahlt die Gewalttätigkeit eines Panzers aus. Wo hätte da Trauer Platz?! Da wird Furcht erregt, Mitleid aber mit niemandem. Man erinnere sich daran, wie sehr damals der Krieg auf dem Feld in der Propaganda gewonnen wurde. Aber was war an der Heimatfront? In diesem Denkmal liegt sozusagen die Erwartung: „Volk steh‘ auf, Sturm brich los!“

Wozu dient das Kunstwerk? Überhöhung leistet dabei der ganze Ort, das Ambiente, eine Anlage von antikischer Wucht: Die Helden sind von einem Halbrund eingefasst, aus dem sie zu neuen Taten marschieren wollen? sollen? Den Katafalk tragen die Soldaten dabei, als sei er eine explosive Waffe oder ein Rammbock. Abermals: Wie soll sich da Trauer einstellen, wenn man einen toten Soldaten trägt und ihn aggressiv nach vorne bringen will? Richtig makaber wird dieser Ort aber durch seine Nutzung: als Kriegerdenkmal für alle toten Soldaten der vergangenen Kriege, nicht KulturGut 13 | Seite

aber der Zivilisten. Man tut so, als seien all die Kriege der Vergangenheit von der gleichen Qualität, und so werden sie üblicherweise in den Reden der Volkstrauertage auch apostrophiert: „unsere Soldaten, die das Vaterland verteidigen, die Heimat schützen“. Am liebsten möchte man verdrängen, dass beide Kriege Angriffskriege waren, der Erste Weltkrieg im traditionellen Schema, der Zweite Weltkrieg hingegen ein verbrecherischer Eroberungs- und Vernichtungskrieg. Da ging es nicht um Verteidigung der Familien, des Vaterlands, sondern um einen Kampf um Erweiterung des Herrschaftsgebiets und Unterdrückung und Ausrottung anderer Völker. Wie viele Jahrzehnte hat es gedauert, bis das langsam in den Köpfen eingesickert ist! Und ist es das wirklich?! Jetzt erweitern noch die Toten aus den aktuellen Einsätzen das Feld des Gedenkens, die gar nicht von der deutschen Regierung allein legitimiert sind, sondern von der UNO, und einen entschieden friedenserhaltenden Charakter haben. So geschehen in Gedenkveranstaltungen! All dies soll mit diesem Denkmal abgegolten sein?! Man denke, dass es ein halbes Jahrhundert gedauert hat, bis durch die Ausstellung zur deutschen Wehrmacht 1995 möglich wurde, sich mit diesem Teil der Geschichte auseinanderzusetzen, galt doch bis dahin immer, die Wehrmacht sei „sauber“ gewesen. Bis dahin konnte man sich nur durch eine Art Fremdschämen mit der Rolle der eigenen Väter auseinandersetzen. Und wie lange hat es gedauert, bis man Deserteure und Widerständler als verantwortliche Menschen wahrgenommen und nicht kriminalisiert hat? Ihnen gar ihrerseits Denkmäler widmet?!

Vergangenheit ernstlich betrachten Aber noch heute reagieren viele auf diese Einwände mit dem klassischen, antiken Denkmuster: Der Überbringer der schlechten Nachricht wird geköpft, nicht die Verursacher der Katastrophe. So wird man gefragt: Mit welchem Recht bringst du das zur Sprache? Statt zu fragen: Wie gehen wir mit der Wahrheit um? Das „feine Schweigen“ ist ja längst ohrenbetäubend. Die Vergangenheit – die uns doch alle zerreißt! – muss man endlich ernsthaft ins Visier nehmen und aussprechen, dass es um die Würzburger Kultur besser stünde, wenn Heiner Dikreiter die städtische Galerie damals nicht gegründet und Jahrzehnte in ein bejammernswertes Fahrwasser gebracht hätte.

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Kunst, öffentlicher Raum und Würzburg heute? Passt gar nicht. Was soll auch Kunst noch im verhunzten Stadtbild? Sie kann höchstens dagegen demonstrieren, auf dem Marktplatz. Wie der Brunnenobelisk. Widerstand leisten, trotz mehrfachen Verschiebens, Entzug des festen Bodens, Montage auf ein Garagendach. Trotz Markt-Glashallen und Forum-Lamellenkasten in der Nachbarschaft. Trotz Degradierung zum Sammelpunkt für Elektroverteilerkasten und Sonnenschirme. Das muss Kunst können im öffentlichen Raum Würzburgs.

Würzburg fasziniert und hat viel zu bieten. Besonders angetan hat es mir der Kulturspeicher mit der Lichtinstallation „Blue Line“ von Waltraut Cooper, die den ehemaligen Getreidespeicher am Main Abend für Abend in blaues Licht hüllt. Das ganze Ensemble ist äußerst gelungen – und ein Sinnbild für die Weiterentwicklung dieser im Kern barocken Stadt hier und heute. Mit einer bemerkenswerten Sammlung hinter der Fassade.

Jörg Lusin, Architekt

Stefan Rühling, CEO Vogel Business Media

Wir haben 21 Jahre lang in der Rotkreuzstraße gewohnt, im Schatten der Türme des Heizkraftwerks am Alten Hafen. Mich hat schon die ursprüngliche Fassade in ihrer leichten 1950er-Jahre Stahlbauweise angesprochen. Dann wurde der Schornstein aufgestockt, leicht tailliert und nach einem ausgewogenen Farbkonzept angestrichen. Der letzte Umbau samt Fassadenverkleidung durch die Architekten Brückner+Brückner setzte diesen Wandel in eine neue Richtung fort... Jetzt sind wir an den Mönchberg gezogen und ich ergreife gern die Gelegenheit zu dieser Fast-Liebeserklärung an die alte Nachbarin. Susanne Wildfeuer, Pfarrerin St. Johannis

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Wann ist ein Geldinstitut gut für Mainfranken? Wenn sein Erfolg ein Gewinn für alle ist. Die Sparkasse Mainfranken Würzburg ist dem Gemeinwohl der Region und den dort lebenden Menschen verpflichtet. Ihr Geschäftserfolg kommt allen Bürgerinnen und Bürgern zugute. So fördert sie jährlich über 1000 kulturelle, sportliche, soziale, wissenschaftliche und Umwelt-Projekte in der Region. Das ist gut für die Menschen und gut für Mainfranken. www.gut-fuer-mainfranken.de


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Das bronzene Hauptportal am Kiliansdom wurde in der Mitte der 60er Jahre von Fritz Koenig (auch u. a. die „Sphäre“ am World Trade Center in New York) geschaffen. Die thematische Gestaltung des Portals bildet den Beginn der Zeitachse, die den Dom seit seinem Wiederaufbau prägt. Damit reiht er sich ein in die Vorstellungswelt der Menschen, den Schöpfungsbericht der Bibel wahrzunehmen. Zu sehen ist im oberen Bereich die Schöpferhand Gottes, Wasser und Gestein bzw. Erde. Der linke Türflügel zeigt Sonne, Gestirne, Planeten, Fauna und Adam, auf dem rechten tritt Adam im Sonnenschein in das Paradies, zu seinen Füßen ausgehend vier Paradiesströme. Weiter sehen wir die Erschaffung Evas aus der Seite Adams, den Sündenfall und die Vertreibung aus dem Paradies. Leider werden die Darstellungen von den meisten Personen – evtl. aus Zeitgründen – nicht wahrgenommen.

Nun bin ich mit offenen Augen durch die Stadt gegangen und habe mal über Kunst in Würzburg nachgedacht. Dabei haben mich vier Kunstwerke beim näheren Hinschauen angesprochen: Knochen und Totenschädel hätte ich eher in Tatoostudios als auf einer Steinplatte in der Marienkirche erwartet. Der Brunnen am Oberen Markt wird irgendwann hoffentlich wieder aufgestellt, denn das Männlein darauf hat so eine positive Ausstrahlung und ist so voller Tatendrang mit seiner Hacke in der Hand. Als Katzenbesitzerin haben mich dann noch spontan die zwei Katzen in der Plattnerstraße angesprochen. Die etwas klobige Form hat mich ein wenig an die Nanas meiner Geburtsstadt Hannover erinnert. Die Reduktion auf das Wesentliche finde ich gelungen, den Standort allerdings etwas stiefmütterlich ausgesucht. Sie haben etwas mehr Natur verdient. Ja und zum Schluss noch der sitzende Mann hinterm Dom. Ich erwische mich immer beim Schmunzeln im Vorbeigehen, weil ich denke, hier sitzt ein Mensch… und automatisch schaut man dort hin, wo er vermeidlich hinguckt… Die Einbandagierung des Körpers hinterlässt bei mir die Frage nach dem Warum. Ist es vielleicht ein Tourist oder ein Ungläubiger, der vom Anblick des Doms von der Ehrfurcht gefangen ist?

Manfred Lindner, Seniorenbeirat

Carola Thieme, Markendesignerin und Sängerin

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Raum, Zeit, Schallwellendesign: Alexandra von Bassen auf dem von ihr vertonten Hubland.

Site-Hearing Alexandra von Bassen vertont urbane Räume Text und Foto: Michaela Schneider

+ Der Wind weht, Vögel zwitschern, Sandaletten klappern. Welche Geräusche real sind und welche Klänge aus dem Kopfhörer schallen, ist kaum zu unterscheiden. Aufgezeichnete und echte Landschaftstöne KulturGut 13 | Seite

verschmelzen mit Erzähltem beim Citywalk übers Gelände der ehemaligen Leighton Barracks zur Einheit. Und auch Zeiten verschwimmen: Da erzählen Menschen, die einst in der amerikanischen Kaserne arbei-

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teten. Dann wieder sind die Kommentare derer zu hören, die den heutigen Uni-Campus am Hubland entdecken. Und auch Präsident John F. Kennedy spricht in dem Klangkunstwerk im öffentlichen Raum. 15 Minuten Citywalk am Hubland-Nord bedeuten, das Gelände mit ganz anderen Ohren zu sehen. Entwickelt hat den ungewöhnlichen Klangspaziergang die Veitshöchheimer Künstlerin Alexandra von Bassen. Schon als Kind hätte sie im Italienurlaub die fremden Sprachklänge und die Geräusche der Vespas am liebsten mit nach Hause genommen, erzählt die 42-Jährige. Während ihres Kunststudiums entdeckte sie die Audioklasse für sich. „Für mich war das die ideale Schnittstelle zwischen Musik und bildender Kunst“, sagt sie. Seit 2003 kreiert die Künstlerin Citywalks kreuz und quer durch Europa. Saarbrücken, Istanbul oder Marseille hat sie zum Beispiel schon akustisch erforscht. Mit dem Aufnahmegerät „bewaffnet“ fängt von Bassen dann zunächst Hörräume ein. Dabei bewegt sie sich zwar auf einer festgelegten Route, aber ganz bewusst abseits der Touristenströme. Die Künstlerin spürt urbane Räume auf, in denen Menschen leben und den Alltag verbringen. Mehrmals läuft sie die festgelegte Route ab und nimmt Geräusche zu ganz unterschiedlichen Tages- und Nachtzeiten auf. Diese Klängen bilden die Grundlage für von Bassens Kompositionen.

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Geschichte überspielt das Land immer wieder Der Citywalk am Hubland-Nord ist ihre erste Arbeit überhaupt im Fränkischen. Am Hubland Nord war es ihr wichtig, die Geschichte des Geländes zu transportieren – deshalb reicherte sie die Klangaufnahmen um Textfragmente an. Unter anderem interviewte sie einen Gärtner, einen Heimatpfleger und eine Frau, die jahrelang in den Leighton Barracks gearbeitet hatte. Von Bassen lässt AFN-Radioklänge einfließen und Fragmente aus Kennedys Berlinrede. Die historischen Passagen vermischen sich mit den heutigen Eindrücken: „Busse fahren ja auch schon“, wundert sich zum Beispiel eine Frauenstimme. Beim Sprachenzentrum spricht ein marokkanischer Student Französisch. Und in der Gerda-Laufer-Straße lenkt der Gärtner den Blick auf den Eschenhain. Die Leighton Barracks: Für viele Würzburger waren sie über Jahrzehnte terra incognita, unbekanntes Land. Nur zum amerikanischen Volksfest öffneten sich die Tore des Kasernengeländes. Im Irakkrieg und erst recht nach dem 11. September wurden die Einlasskontrollen noch einmal verstärkt. Am 29. Juli 2005 veröffentlichte das USVerteidigungsministerium dann seine Pläne, elf Militärbasen im Jahr 2007 an die Bundesrepublik zurückzugeben. Inzwischen entsteht auf Teilen des Geländes ein moderner Uni-Campus. Und genau das ist es, was den Citywalk zu etwas ganz Besonderem macht: Das Gelände atmet Geschichte und transformiert sich weiter. Teile erobert die Natur für sich zurück, neue Nutzungsarten entstehen. Alexandra von Bassens Citywalk ist damit eine akustische Momentaufnahme und unterm Strich schon jetzt ein ganz besonders Zeitdokument. Im Herbst sind in Kooperation mit dem Atelier für Klangforschung an der Universität noch einmal Citywalks am Hubland-Nord geplant. Dazu erhält man iPod, Kopfhörer, eine Karte mit der vorgegeben Route und erfährt das ungefähre Lauftempo. Die Stimme lenkt den Blick, die Geräusche schärfen alle Sinne. Was der Rezipient erlebt und empfindet, welche Assoziationen er knüpft und welche realen Geräusche sich mit den Aufnahmen vermischen, ist von Spaziergang zu Spaziergang unterschiedlich. „Das schönste Geschenk ist es für mich, wenn jeder seine ganz eigenen Bilder beim Citywalk entwickelt“, sagt die Künstlerin.

Der passende Weg in das für Sie richtige Domizil Ideal für jedermann – mit und ohne Handicap Wir bieten Ihnen eine soziale Betreuung für sensorische, motorische und kognitive Tageserlebnisse Freuen Sie sich auf den „Wohlfühl“-Genuss durch ausgewogene Ernährung und aktivierende Lebensgestaltung Infos, Besichtigungen und Einzug jederzeit möglich. A L T E R A Senioren-Domizil Wertheim GmbH Willy-Brandt-Straße 2 97877 Wertheim

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Die Plastik als Stadttor Besuch in Zaha Hadids Technikum III von Susanne Hoffmann

+ Am Eingang zur Zellerau erhebt sich seit einigen Monaten ein großzügiger Neubau auf dem Gelände des Fraunhofer-Instituts für Silicatforschung. Der Auftrag an die Architektin stand auf breiter Basis: Aus rund 50 eingereichten Entwürfen hatten Vertreter des Instituts, der Regierung von Unterfranken, des Wirtschaftsministeriums und der Universität mit Zustimmung der Stadt das Büro Zaha Hadid ausgewählt. Die Stararchitektin ist bekannt für ihre eigenwilligen Kreationen zeitgenössischer Architektur in Anlehnung an den russischen Konstruktivismus und erhielt etliche internationale Auszeichnungen und Preise. In Würzburg realisierte sie nun mit ihren Mitarbeitern das 2000 Quadratmeter umfassende Technikum III. Schon von weitem dominiert der viergeschossige Bau durch sein markantes Design. Architektonische Ästhetik und Funktionalität bilden eine Einheit. Die konsequent KulturGut 13 | Seite

horizontale Linienführung, die an der Frontseite plastisch hervortritt, verleiht dem Bauwerk eine eigene Dynamik im Zusammenspiel mit seiner Umgebung.

Innovation hinter moderner Fassade „Das Gebäude besticht durch seine schlichte Eleganz und nimmt in seinen Proportionen gekonnt den Schwung der Straßenkurve auf“, so der Institutsleiter Prof. Gerhard Sextl. Im ersten Eindruck erinnern die gebogenen hellgrünen Glaspaneele an der Außenfassade an ein gekacheltes Schwimmbad der 1950er Jahre. „Ursprünglich haben wir mit der Glasforschung angefangen“, sagt Sextl, „insofern spiegelt die gläserne Verkleidung auch ein Stück Institutsgeschichte wieder.“ Dabei

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steckt in der Außenhülle eine Meisterleistung an innovativer Technik. Temperierung, Solartechnik und Energietankstellen sollen nachhaltig und energiesparend Labore betreiben, denn das neue Technikum ist ein hochfunktionaler Bau, genau auf die Bedürfnisse des Instituts abgestimmt. Die überwiegend grau gehaltene Innenausstattung stammt ebenfalls vom Büro Hadid. Mit Fachplanern aus Frankfurt und Hamburg wurde der sensible Bereich mit der hauseigenen Elektronik auf die Anforderungen der rund 340 Institutsmitarbeiter zugeschnitten. Die erforschen und entwickeln in den Räumen neue Energiesysteme und regenerative Materialien für die Medizin. Verbindungsstege ermöglichen einen schnellen und bequemen Zugang vom Neubau zu den älteren Gebäuden des Instituts. KulturGut 13 | Seite

„Wir sind stolz auf den Bau. Er ist eine gelungene Repräsentation des Instituts nach außen“, betont Sextl. Inzwischen häufen sich Anfragen von Interessierten zum Technikum III. Deshalb soll demnächst eine eigene Broschüre über das markante Gebäude erscheinen: „Frau Hadid hat den Bau auch noch nicht gesehen, aber wir werden sie bald nach Würzburg zur Besichtigung einladen.“ Für die Zukunft schließt Sextl eine nochmalige bauliche Ausdehnung nicht aus, denn das Areal biete genügend Platz. „Dann kann es sein, dass es wieder eine größere architektonische Anlehnung an die älteren Gebäude geben wird“, so seine Prognose. „Aber das lässt sich jetzt noch nicht vorhersagen.“ Die Gestaltung vor dem überdachten Eingangsbereich und im weiteren Umgriff sind noch in der Planung. Dort soll eine Anlage mit Bäumen, Beeten und Grünflächen entstehen.

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Wir haben Mitte September die Semmelstraße eingestrickt. An diesem so genannten Urban Knitting war ich mitbeteiligt, und deswegen beschäftigt mich dieses Kunstwerk im öffentlichen Raum momentan am meisten. Als temporäres Werk bleibt es bestehen, bis es niedergetrampelt wird. Ich hoffe, es hält ein halbes Jahr lang. Die Ursprungsidee stammt aus New York, ich habe die erste Street Art dieser Art in Berlin gesehen. Das war ganz entscheidend für den Plan, so etwas auch in Würzburg zu versuchen. Mit Hilfe von acht Seniorenheimen und -wohnstiften ist es gut gelungen. An sich verbindet man mit Straßen-Strickverkleidungen den Begriff Guerilla Art. Wir dagegen haben „Die Semmelstraße wird bunt“ mit städtischer Genehmigung gemacht. Darin sehe ich weniger eine Verwässerung des ursprünglichen Ansatzes als eine Erweiterung. Denn ob Jugendliche oder Ältere zur Stricknadel greifen, ist egal. Hauptsache eine Stadt wird durch die Kunst fröhlicher und lebenswerter. Wenn das in den Herzen und Köpfen der Menschen ankommt, dann sieht so eine Kunst der Zukunft aus. Mara Michel, Trendagentur-Inhaberin

PREMIEREN 2013/2014 ab 19. Sept. 2013 KAMMERSPIELE MITTELPUNKT: DER UNFALL – Schauspiel ab 20. Sept. 2013 GROSSES HAUS DORST: NACH JERUSALEM – Schauspiel ab 13. Okt. 2013 KAMMERSPIELE ANDERSEN: DIE SCHNEEKÖNIGIN – Puppentheater ab 18. Okt. 2013 GROSSES HAUS VERDI: RIGOLETTO – Oper ab 15. Nov. 2013 GROSSES HAUS FRAYN: DER NACKTE WAHNSINN – Schauspiel ab 27. Nov. 2013 GROSSES HAUS URAUFFÜHRUNG LÜTJE/SCHILDT: RETTET RUMPELSTILZCHEN – Weihnachtsmärchen ab 28. Nov. 2013 KAMMERSPIELE URAUFFÜHRUNG GORB: ANYA 17 – Kammeroper

Das Denkmal zum Bauernkrieg am Rand des Neutorgrabens der Festung beeindruckt sehr stark durch seine Platzierung, seine Gestaltung und die gedankliche Durchdringung dessen, wofür es steht. So wie der polierte Stahl sich vor den Augen der Spaziergänger erhebt, die den Fußweg über der Tellsteige nehmen, schafft er einen fernen Anklang an die Grausamkeit des Gemetzels, das vor knapp 500 Jahren an diesen Hängen stattgefunden hat. Und wenn man dann das Wurzelwerk, das aus dem Boden sprießt, mit den Menschen gleichsetzt, die als natürliche Wesen versuchen, an einer unendlich hoch aufragenden, feindlichen Mauer emporzuwachsen, die sie von dem trennt, was sie zum Leben brauchen - dann haben die Künstler dieser Gedenkstätte etwas Großes geschaffen. Das ist in der ästhetischen Formensprache natürlich stark vereinfacht, aber der unmittelbare Eindruck dieser elementaren Skulptur spricht ja ebenfalls für sich. Man sollte nur öfter einmal etwas Erde um das stählerne Wurzelwerk auffüllen, damit es wirklich so aussieht, als wüchse es aus dem Boden. Anna Hell, Rentnerin

ab 20. Dez. 2013 GROSSES HAUS URAUFFÜHRUNG HOFFMANN/HILD/KARNATZ: E.T.A. HOFFMANN – EINE MORITAT – Ballett ab 10. Januar 2014 GROSSES HAUS PLUCIS: KARLHEINZ: GANZ OHNE WEIBER GEHT DIE CHOSE NICHT – Ballett ab 22. Jan. 2014 FOYER STORI: DIE GROSSE ERZÄHLUNG – Schauspiel ab 24. Jan. 2014 GROSSES HAUS LEHÁR: DER ZAREWITSCH – Operette ab 13. Febr. 2014 KAMMERSPIELE BÜCHNER: WOYZECK – Schauspiel ab 13. März 2014 KAMMERSPIELE WEINGARTNER: DIE FETTEN JAHRE SIND VORBEI – Schauspiel ab 14. März 2014 GROSSES HAUS HAUPTMANN: ROSE BERND – Schauspiel ab 4. April 2014 GROSSES HAUS STRAUSS: DER ROSENKAVALIER – Oper ab 20. April 2014 KAMMERSPIELE PREUSSLER: DIE KLEINE HEXE – Puppentheater ab 15. Mai 2014 KAMMERSPIELE HITCHCOCK/BUCHAN: DIE 39 STUFEN – Schauspiel ab 16. Mai 2014 GROSSES HAUS SHAKESPEARE: KÖNIG LEAR – Schauspiel

Die schönsten Denkmäler sind natürlich die Brückenheiligen auf der Alten Mainbrücke. Da sind alle versammelt, denen die Stadt Würzburg ihre heutige Bedeutung verdankt, von St. Kilian, der das Christentum nach Franken brachte, bis zu den anderen wichtigen Bischöfen, die das Bistum und damit auch Unterfranken groß machten und zu einem richtigen kleinen Reich in deutschen Landen. Ich finde, daran wird viel zu wenig gedacht, wenn die Leute auf der Mainbrücke schöppeln. Aber auch die Festung und das Käppele sind, von hier unten aus betrachtet, wichtige Kunstwerke im öffentlichen Raum. Harald Möller, Angestellter

ab 12. Juni 2014 KAMMERSPIELE KREISLER: HEUTE ABEND: LOLA BLAU – Schauspiel ab 20. Juni 2014 GROSSES HAUS PUCCINI: GIANNI SCHICCHI – Oper LEONCAVALLO: DER BAJAZZO – Oper ab 11. Juli 2014 GROSSES HAUS RUSSELL: BLUTSBRÜDER – Musical

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Vierzehn­ röhrenbrunnen Wie viele Treffpunkte benötigt die Urbanität? von Susanne Hoffmann

+ Der Vierröhrenbrunnen, Beim Grafeneckart, ist einer der beliebtesten Anziehungspunkte im Herzen der Würzburger Altstadt: Hier werden private Verabredungen getroffen, auf dem Platz davor finden öffentliche Veranstaltungen und Versammlungen statt und für viele Demonstrationen bildet der barocke Brunnen mit seinen wasserspeienden Fischen den Start- und Endpunkt. Und auch den Tauben, die sich auf den Köpfen der steinernen Figuren niederlassen, scheint es hier zu gefallen. „Die Figuren am Vierröhrenbrunnen, sind das nicht die vier Kardinaltugenden?“, meint eine junge Würzburgerin. „Ich interessiere mich für Würzburgs Kunstdenkmäler und habe auch schon verschiedene Führungen mitgemacht.“ Mit ihrem Wissen bildet sie eher die Ausnahme zu den zahlreichen Passanten, die hier täglich verweilen. „In meinem Würzburger Reiseführer habe ich nichts über die Brunnenfiguren gefunden“, antwortet dagegen ein älterer Tourist aus der Rhön. Im Barock zählten die vier Kardinaltugenden zu den beliebtesten allegorischen Darstellungen: Die Gerechtigkeit hält die Waage und die altrömischen Liktorenbündel, die Mäßigung mischt Wasser aus einem Krug in den Weinpokal, die Tapferkeit ist mit Schild und Schwert und die Weisheit mit Buch und Spiegel versehen. Die Gruppe am Vierröhrenbrunnen stammt von Lukas Anton von der Auvera, einem Sohn aus der seinerzeit wohl bekanntesten Würzburger Bildhauerfamilie. Nach dessen Tod 1766 wurden die Skulpturen noch im gleichen Jahr von dem Hofbildhauer Peter Wagner vollendet. Den Brunnen bekrönt Franconia, die Schutzpatronin der Stadt. Die 1945 beschädigten Originale befinden sich heute im Mainfränkischen Museum und wurden am Brunnen durch Kopien ersetzt.

Wo wollen wir sitzen? Weshalb zieht es die Leute gerade hierher an den Brunnen, wo Balthasar Neumann im 18. Jahrhundert die erste Frischwasserversorgung für Würzburg hergestellt hat? „Der Brunnen liegt an der Hauptverkehrsachse zwischen der Alten Mainbrücke und dem Dom“, erläutert der Architekt und Stadtplaner Professor Martin Schirmer von der Fachhochschule Würzburg. Aber die zentrale Lage ist nicht die einzige Eigenschaft, die das Denkmal als Treffpunkt prädestiniert. Schirmer zählt auf: „Der Platz ist überschaubar, und Wasser ist immer etwas, das die Leute anzieht.“ Ein vielsagendes Gegenbeispiel zeige sich z.B. am Barbarossaplatz, der hauptsächlich zum Umsteigen für die Straßenbahn genutzt werde. Ebenso wichtig sei deshalb auch die Aufenthaltsqualität, die sich in der Randnutzung eines Platzes durch die Gastronomie ergebe und mit attraktiven Angeboten zum Sitzen und Verweilen einlade und für eine angenehme Atmosphäre sorge. All dies sei beim Vierröhrenbrunnen gegeben. Braucht Würzburg mehr solcher Treffpunkte? „Es gibt genügend Plätze in Würzburg, die vergleichbare Entwicklungen aufweisen“, lautet die Antwort, „so am Mainufer, nachdem die Maßnahmen für den KulturGut 13 | Seite

Hochwasserschutz abgeschlossen wurden, und auf der Alten Mainbrücke, wo an manchen Tagen infolge des Weinausschanks fast schon die Atmosphäre einer Volksbewegung herrscht.“

Entwicklungspotenzial am Marktplatz Ganz anders stellt sich die Situation am Marktplatz dar, der sich im Mittelalter aus dem ehemaligen Judenviertel zum nutzungsoffenen Platz

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COMEDY & VERANSTALTUNGSHIGHLIGHTS IN DER REGION

HANNES WADER 10.10.2013 „NAH DRAN“ - TOUR 2013

SAALBAU LUISENGARTEN WÜRZBURG

BEMBERS

17.10.2013 POSTHALLE

„ALLES MUSS RAUS!“

WÜRZBURG

GERD DUDENHÖFFER 20.11.2013

„DIE WELT RÜCKT NÄHER“

SAALBAU LUISENGARTEN WÜRZBURG

JOHANN KÖNIG 22.11.2013

„FEUER IM HAUS IST TEUER, GEH RAUS!“

POSTHALLE WÜRZBURG

HEIßMANN & RASSAU 23.11.2013

„EIN DUO KOMMT SELTEN ALLEIN“

CONGRESS CENTRUM WÜRZBURG

DAVID WERKER 16.01.2014 „ES KOMMT ANDERS, WENN MAN DENKT“

CAVEWOMAN THEATER-COMEDY

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22.03.2014

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DIETER THOMAS KUHN 27.03.2014 „FESTIVAL DER LIEBE“

BROILERS „NOIR“ - LIVE

CHINESISCHER NATIONALCIRCUS SHANGHAI NIGHTS mit einer Durchgangslage entwickelt hat. Erst im 18. Jahrhundert wurde der Markt durch die Randbebauung von Balthasar Neumanns zum Platz eingefasst, der neben dem Handel einen großzügigen Rahmen für größere Veranstaltungen bietet. Doch Martin Schirmer ist sich sicher, dass in dem Ort noch genügend Potential steckt: „Denn die rundherum angesiedelten Cafés verleihen dem Markt eine zusätzliche Attraktivität, was ihn zu einem beliebten privaten Treffpunkt für die Zukunft machen wird.“

POSTHALLE WÜRZBURG

28.03.2014 STADTHALLE FÜRTH

17.04.2014 CONGRESS CENTRUM WÜRZBURG

OLAF SCHUBERT 09.05.2014 & SEINE FREUNDE / „SO“

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Greife wacker nach der Zukunft Nach dem Tod von Bühnenberserker Wolfgang Schulz: Die Werkstattbühne wird erst einmal wieder Theaterwerkstatt von Manfred Kunz / Foto: Theaterwerkstatt

+ Entspannt und in sich ruhend wirkt Thomas Lazarus, der neue künstlerische Leiter der Theaterwerkstatt, nicht nur beim ersten Eindruck. „Noch sind Schulferien, da ist Zeit nicht so das Problem“ erklärt er. KulturGut 13 | Seite

„Wir haben gerade die Nebenräume des Theaters – die Probebühne und Lager/Werkstatt – entrümpelt, morgen früh wird der Müll in einem Container entsorgt.“

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Aufräumen, entrümpeln, Unnützes beseitigen – äußere Zeichen eines Neuanfangs in der Kellerbühne in der Würzburger Rüdigerstraße, der durch den Tod des Gründers und langjähriges Leiters Wolfgang Schulz im Oktober 2012 ausgelöst wurde. Eine halbe Übergangsspielzeit später signalisiert das neue Leitungsteam um Thomas Lazarus und Geschäftsführer Stephan Ladnar mit der Rück-Benennung der Werkstattbühne (deren Name seit 1985 untrennbar mit ihrem langjährigen Leiter Wolfgang Schulz verknüpft ist) in Theaterwerkstatt (so hieß die Bühne bereits von der Gründung 1981 bis 1985) auch nach außen den Neustart. Doch wandern mit den alten Bühnenbildern und gebrauchten Requisiten auch das inhaltlich Vermächtnis und die politische Haltung auf den Müllhaufen der Geschichte?

20 Theaterstücke pro Monat „Keineswegs“, versichert Lazarus glaubhaft, auch wenn sich die Gewichte etwas verschieben werden. „Den Werkstattgedanken, der Schulz sehr am Herzen lag, also die Arbeit mit jungen, theaterbegeisterten Amateuren, führen wir nicht nur im Namen Theaterwerkstatt, sondern auch ganz praktisch weiter.“ Workshops für Neulinge Ci_Anzeige Kopie_ZW.indd 1

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Hart rangenommen wurde auch das Publikum von „Nichts“. Die Revue „Greife wacker nach der Sünde“ stand schon in der letzten Spielzeit eher für die unterhaltende Seite in der Rüdigerstraße.

und gemeinsame Fortbildungen für langjährige Schauspieler sollen den Mitarbeiterstamm sowohl verjüngen als auch verbreitern, aber auch qualitativ voranbringen. Komplexer fällt die Antwort auf das po­ litische Vermächtnis aus: „Das neue Team hat weniger feste und zu­ dem reichlich andere politische Überzeugungen“ als der sich explizit als Marxist positionierende und auch im Alltag immer politisch den­ kende und agierende Schulz. „Deshalb wollen wir versuchen, uns mehr über Autoren und die Themen ihrer Stücke zu positionieren, oh­ ne dabei ins Beliebige abzugleiten“, erklärt Lazarus, der aus diesem Grund im Augenblick bis zu 20 Stücke im Monat liest. „Wir machen Theater nicht für eine spektakuläre Außenwirkung, so dass ein Stück in der Öffentlichkeit kontrovers diskutiert, aber von kaum jemand ge­ sehen wird.“

Richtungweisendes „Nichts“ Die letzte Produktion der abgelaufenen Spielzeit, die Dramatisie­ rung des schockierenden Jugendromans „Nichts“ von Janne Teller, die zudem beim Publikum überaus erfolgreich war, weist für Lazarus die Richtung, in die „das Politische“ gehen soll: packende Texte zeit­ genössischer Autoren, die mehr Fragen stellen als eindeutige Ant­ worten liefern. „Verrücktes Blut“ von Nurkan Erpulat und Jens Hillje, das preisgekrönte Erfolgsstück des Jahres 2011, steht im Spielplan der kommenden Spielzeit für diese Position (Premiere: 8. März 2014). Eröffnet wurde die Spielzeit 2013/14 im September in bester Werk­ KulturGut 13 | Seite

stattbühnen­Tradition mit Becketts „Endspiel“ in der Inszenierung von Thomas Lazarus. Als „etwas plüschiges Stück in der Vorweih­ nachtszeit“ inszeniert Cornelia Wagner ihre Dramatisierung von Os­ car Wildes bei Erscheinen im Jahr 1890/91 skandalisierten Romans „Das Bildnis des Dorian Gray“ (Premiere: 16. November), ebenfalls ein Autor, dessen Stücke fest im Repertoire der Werkstattbühne ver­ ankert sind. Als Wiederaufnahme kehrt im Februar Hermann Drex­ lers erfolgreiche Inszenierung der Revue­Collage „Greife wacker nach der Sünde“ nochmals zurück in den Spielplan – eine musika­ lisch­literarische Reise in die emotionalen Grenzbereiche menschli­ chen Handelns und Fühlens mit Texten von Goethe über Christian Morgenstern bis Karl Valentin, von François Villon über Joachim Ringelnatz bis Kurt Tucholsky. Fester Bestandteil des Programms bleiben auch Gastspiele und Sonderveranstaltungen, beispielswei­ se Kooperationen mit Germanistik­Seminaren der Universität oder Theatergruppen von Schulen. Und trotz miserabler Besucherzahlen werden von Fall zu Fall auch weiterhin Lesungen angeboten, im kom­ menden Jahr etwa aus „Die letzten Tage der Menschheit“ von Karl Kraus.

Ein Verlassener in Phalasarna Vermissen wird der langjährige Besucher der Kellerbühne in der er­ sten Spielzeit unter dem neuen Leitungsteam jene Avantgardestücke und Theaterexperimente, die den ästhetischen Ruf des Hauses be­

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gründeten und ausmachten. „Im Augenblick haben wir nicht die zündende Idee und die dazu nötigen Leute, aber wünschenswert ist es natürlich, wenn sich für die übernächste Spielzeit ein Team findet, das solche Projekte mit den dafür nötigen umfangreichen Vorbereitungen in Ruhe angehen kann“, blickt Lazarus pragmatisch in die Zukunft. „Keiner von uns kann und will Wolfgang Schulz gleichwertig ersetzen. Wir haben alle Aufgaben, die viele Jahre in seiner Person gebündelt waren, auf mehrere Schultern verteilt.“ Das hat zur Folge, dass im Organisationsteam, das neben dem ehrenamtlich tätigen künstlerischen Leiter Lazarus und seiner Frau aus dem in Teilzeit angestellten Geschäftsführer Stephan Ladnar, den Technikern Bernd Albrecht und Uwe Bergfelder, der Dramaturgin Christina Strobel und der Regisseurin Cornelia Wagner besteht, wieder mehr diskutiert und argumentiert wird. „Entscheidend für die Zukunft des Hauses wird sein, dass wir mit ähnlich tickenden neuen Leuten zu einem Team zusammenwachsen, das sich auch gemeinsam weiterentwickeln will“: Denkbar sind da der gemeinsame Besuch von Fortbildungskursen, etwa um als Schauspieler neue Ausdrucksformen kennenzulernen oder mit verschiedenen anderen Theaterformen, beispielsweise Körpertheater, zu experimentieren.

Ein bisschen Besessenheit muss sein Auch wenn die finanzielle Situation durch die verbesserten Einnahmen und den für die nächsten drei Jahre in stabiler Größe gesicherten Zuschuss der Stadt Würzburg inzwischen konsolidiert ist und die neue Theaterwerksatt schuldenfrei in die Zukunft geht, „sind wir na-

türlich weiterhin auf unbezahlte Mitarbeit angewiesen. Als ideellen Gegenwert bieten wir vielen Leuten, die bei uns spielen oder anderweitig mitmachen, ein Gefühl von Heimat, das vielen bisherigen und hoffentlich ebenso vielen neuen Mitarbeitern wichtig ist.“ Idealismus, Leidenschaft fürs Theater, gar eine gewisse Form von Besessenheit sind also weiterhin stilbildende Charakteristika der Theaterwerkstatt. Thomas Lazarus geht mit gutem Beispiel voran: Durchschnittlich zehn Stunden pro Woche veranschlagt der am Gymnasium Veitshöchheim tätige Lehrer für sein ehrenamtliches Engagement in Sachen Theaterwerkstatt, „selbstverständlich gezählt ohne die Stunden, die für die Lektüre von Stücken oder konzeptionelles Nachdenken draufgehen“. Ein pragmatischer Realismus scheint also die vormals von Schulz mehr oder weniger streng exekutierte politische Haltung abgelöst zu haben. Wie der Spagat zwischen den publikumsträchtigen Klassikern und gehobener Unterhaltung auf der einen Seite, den Texten der literarischen Avantgarde und politisch eingreifenden Stücken auf der anderen Seite nach der wohl als Übergangs- und Findungsspielzeit zu bezeichnenden Saison 2013/14 aussehen wird, ist ein offener Prozess – und insoweit ein ureigenes Moment der Theaterwerkstatt-Werkstattbühnen-Geschichte. Ein Element, auf das wir als Zuschauer durch unseren Besuch Einfluss nehmen können und sollten. Denn die glaubhafte neue Offenheit und Diskursfähigkeit nach Innen gilt ebenso wie nach Außen. INFO: Theaterwerkstatt, Rüdigerstraße 4, 97070 Würzburg. Telefon 0931 59400. | www.theater-werkstatt.com

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Neue Blicke auf die Schauspieler Am Mainfranken Theater inszenieren der Schauspieldirektor und Gastregisseure Interview Joachim Fildhaut / Foto: Falk von Traubenberg

+ „Von Geld und Götzen“ handelt die kommende Spielzeit an der kommunalen Bühne. Es ist die erste Saison mit Stephan Suschke als Schauspieldirektor, nachdem der langjährige Wahlberliner zehnmal Regie in Würzburg geführt hatte. Nun inszeniert entweder er selbst – oder er holt sich selbst Gäste in das Haus am Kardinal-FaulhaberPlatz. Wie kommt es zu solchen Entscheidungen und was kann das Publikum von ihnen erwarten? KulturGut: In der kommenden Spielzeit kann Würzburg viele verschiedene GastregisseurInnen erleben. Wie stark waren Sie an deren Auswahl beteiligt? Stephan Suschke: Wesentlich. Ich habe sie gemeinsam mit dem Dramaturgen Roland Marzinowski und Nele Neitzke ausgewählt. Was schätzen Sie an Ramin Anaraki und Malte Kreuzfeldt, die in den nächsten Monaten in Würzburg inszenieren? Bei Malte Kreuzfeldt die schnörkellose Psychologie, die er in furioses Spiel übersetzt, bei Ranan Anaraki seine Fähigkeit, Schauspieler zu einer unverkünstelten und dennoch poetischen Spielweise zu verführen. Wurde darauf geachtet, dass nicht zu viele Stücke von künstlerischem Personal des eigenen Hauses inszeniert werden? Es gibt eine gesunde Mischung: neben mir werden nur Gäste inszenieren. Warum keine fest engagierten Spielleiter? Ich schätze an Gastregisseuren, dass sie neu auf Schauspieler sehen, ihnen andere Facetten ihres Könnens abverlangen und uns und die Zuschauer immer wieder andere ästhetische Eindrücke vermitteln. Das langweiligste ist, sich in einem Club zu bewegen, wo alle so denken, alle so arbeiten wie man selbst. KulturGut 13 | Seite

Welche Eigenschaften sollte ein Gastregisseur in Würzburg besonders haben? Er sollte sich für das Stück interessieren, eigene Anschauungen, eine eigene Haltung haben. Das handwerkliche Rüstzeug ist Voraussetzung – und die Lust auf die Schauspieler. Wie verläuft der Entscheidungsprozess für einen bestimmten Gast am Hause Mainfranken Theater? Wir entwerfen einen Spielplan und überlegen, welche Regisseure für welche Stücke die richtigen sind. Wo lassen sich Regisseure besonders gut entdecken? Wir gehen viel ins Theater, kommen aus unterschiedlichen Theatererfahrungen, kennen viele Regisseure bzw. Regisseurinnen. Wenn wir das Gefühl haben, dass sie durch ihre Ideen, durch ihre Arbeitsweise, aber auch wegen ihrer Ästhetik zu uns passen, schauen wir uns Arbeiten von ihnen an. Dann treffen wir eine Entscheidung. In den letzten Spielzeiten pflegte das Würzburger Theater eine enge Beziehung zu den Häusern in Konstanz und Saarbrücken. Welche Häuser Ihrer bisherigen Laufbahn spielen eine Rolle als potenzielle Lieferanten von Gästen? Wir haben Schauspieler aus sehr verschiedenen Theatern engagiert, es gibt nur einen, mit dem ich schon zusammen gearbeitet habe. Im Moment versuchen wir, alle Rollen für die kommende Spielzeit aus unserem neu-engagierten Ensemble zu besetzen, weil wir Schauspieler haben, die wir gut finden, von denen wir glauben, dass sie Würzburg überzeugen werden. Die Zuschauer sollen auch wieder wegen der Schauspieler ins Theater gehen, nicht nur wegen der guten und interessanten Inszenierungen.

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König Lear: Max De Nils letzte Auftritte in Stephan Suschkes letzter Gastregie. KulturGut 13 | Seite

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Theater |

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Benefiz für die Bahnhofsmission

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burger Umsetzung wirken KünstlerInnen aus ganz Deutschland gratis mit. | www.tanzspeicherwuerzburg.de

10. Oktober, 20 Uhr, Bockshorn

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Prominente Künstler und künstlerisch begabte Prominente unterstützen die Sozialstation der Christophorus-Gesellschaft am Würzburger Hauptbahnhof – ökumenisch getragen von den kirchlichen Verbänden Diakonie und Caritas. Auf Gage verzichten Teufelsgeiger Florian Meierott, die Kabarettistin Heike Mix, die Gruppen Taphouse und DanceEncore, Mister Clarino alias Matthias Ernst und alle andern auch. Der Rapper Mistaa performt seinen YouTube-Hit „Meine Stadt“. Ob Kulturreferent Muchtar Al Ghusain Klavier, Gitarre oder virtuos Blockflöte spielt, macht ihn zu einem der zahlreichen Überraschungsgäste. | www.bockshorn.de

12. Würzburger Impro­ theaterfestival

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Der Messias

18. und 19. Oktober, je 20.30 Uhr, Augustinerkirche Dem tanzSpeicher, dem einzigen Theater für zeitgenössischen Tanz in Süddeutschland, geht es finanziell schlecht. Abhilfe sollen nicht nur die deutlich erhöhten Staatszuschüsse schaffen, sondern auch die Benefiz-Gala zum Oratorium von Georg Friedrich Händel in der Kirche, mit der Thomas Kopps Kompanie schon mehrmals zusammenarbeitete. Die Choreografie berührt die Entstehungsgeschichte der Komposition, zieht Parallelen im Künstlerleben einst und jetzt: Der Tonsetzer befand sich in einer Lebenskrise, als er 1741 wie im Rausch in nur drei Wochen den „Messias“ schuf – Schulden, Krankheit, Depressionen, Schaffensblock, kein Geld, kein künstlerischer Erfolg. Dann kam die Auferstehung. An deren Würz-

17. bzw. 24. – 27. Oktober

14 verschiedene Shows auf acht Bühnen: zum ersten Mal in Europa findet direkt vor dem Festival die Internationale Theatersport-Konferenz statt. Das führt mehr internationale Gäste und noch größere Vielfalt an den Main. Im Zentrum des Konferenz-Wochenendes stehen die vom Impro-Pionier Keith Johnstone erfundenen Formate. So enthält das Festival diesmal den Theatersport-Kampf um den „Goldenen Kaktus“. Die Profis der Welt messen sich außerdem im RegieWettbewerb Gorilla Impro sowie im Maestro Impro, bei dem jeder gegen jeden antritt. Zum Gruseln öffnet als neue Location die BürgerbräuMaschinenhalle ihren dunklen Keller für „The Vampire Bat“, „Das Ende der Welt“ und eine Zombie-Impro. Auch erstmals zu Gast ist die wunderbare Jill Bernard aus den USA mit ihrer musikalischen Solo-Show „Drum machine“, einer Mischung aus Geschichten, Beats und Sounds. | www.improtheaterfestival.de

gischen Gastregisseurs François De Carpentries gibt zu vielerlei Gedanken Anlass. Filigran und transparent musizieren die Philharmoniker, so dass sich die durchweg hervorragenden SängerInnen nie auf eine Überwältigungsästhetik einlassen müssen. | www.theaterwuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Freitag Nacht

25. Oktober, 22 Uhr, Mainfranken Theater Das Team der Stadtbühne hat sich mit dem Schauspieldirektorwechsel stark erneuert. Gemeinsam haben sie neue Formate ausgeheckt, die ein jüngeres Publikum ansprechen sollen. Jede der Spätvorstellungen führt an einen bisher unbekannten Ort hinter den Kulissen der Großhauswelt. „Kreativ bis trashig, satirisch bis rotzig, lässig bis streitbar“ soll sich das Ensemble geben, und zwar zum Spielzeitmotto „Von Geld und Götzen“. Bei dieser ersten Ausgabe geht es inhaltlich um das Wohnen und seine (Un-)Kosten. Die Theaterleute – selbst daran gewohnt, während einjähriger Engagements in Provisorien zu kampieren – haben Maklern, Mietern und Miethaien auf den Zahn gefühlt. Treffpunkt Bühneneingang Ludwigstraße. | www.theaterwuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

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Don Giovanni

18. Oktober, 19.30 Uhr, Mainfranken Theater Viermal allein im Oktober steht auf dem Spielplan Mozarts Dramma giocoso, das zum Mozartfest im Sommer Premiere hatte. Die Welt der Normen siegt mit Hilfe der Religion oder sogar in Form der Religion über den Freigeist. Die Inszenierung des belKulturGut 13 | Seite

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Elling

16. November, 20 Uhr, Theater am Neunerplatz Anfang des Jahres inszenierte Ingrid Gündisch die norwegische Psycho-Resozialisierungs-Komödie (Film oscar-nominiert) als Dauerbrenner einer Freiburger Privatbühne. Jetzt kommt sie mit ihren bestens eingespielten Schauspielern zu einem mehrwöchigen Gastspiel an den Main. Schön, dass die Würzburger


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Theater |

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Szene nicht alles aus eigenen und manchmal ja doch seeehr bekannten Kräften erledigen möchte! | www.neunerplatz.de ++++++++++++++++++++++++

Bösendorfer & Valentineien 22. November, 20 Uhr, Chambinzky

Im Einakter „Bösendörfer“ von Ferenc Karinthy wird eine Klavierverkäuferin durch einen unseriösen Interessenten in den Wahnsinn getrieben – und auf nichts anderes hat der Mann es abgesehen. Anschließend widmen sich Herbert Ludwig und Sylvia Oelwein hingegeben einigen Sketchen und Couplets von Karl Valentin, u. a. „Der Vogelhändler“, „Wo ist meine Brille“ und „Im Jenseits“. Bis Februar einige Male in dem zusehends bunteren Programm an der Valentin-Becker-Straße, wo die kleine Kellerbühne KuZu derzeit immer größeres Theater spielt. | www.chambinzky.com ++++++++++++++++++++++++

Cyrano de Bergerac 6. Dezember, 19.30 Uhr, Mainfranken Theater

Die Wiederaufnahmepremiere von Anna Vitas Ballett (Foto: Lioba Schöneck) nach dem romantischen Versepos von Edmond Rostand kombiniert bewegte Kampf- und/oder Massenszenen mit innigen Auftritten im kleinen Format. Der Schaulust wird in jedem Moment eine Menge geboten, denn die Choreographin weiß die ganze Farbskala des Theaters zu nutzen. Vor allem steht Handlung bei ihr im Vordergrund: Jede Begegnung und Bewegung hat etwas zu bedeuten, was der Zuschauer stets leicht zu begreifen vermag. Ivan Alboresi spielt den wortgewandten, titelstiftenden Degenfechter mit der langen Nase, Andrea Sanguineti ist im Orchestergraben dafür

Termine |

verantwortlich, dass die Würzburger Philharmoniker einen mitreißenden Mozart-Melodien-Reigen als Soundtrack unter das Ballett legen. | www.theaterwuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Oh, du, du Fröhliche 20.-22. Dezember, 20 Uhr, Theater Ensemble

Vor und nach diesem Gastspiel rast der „Messias“ über die Privatbühne, der im Hause bewährte Irrwitz von Patrick Barlow. Ebenfalls beliebte Gäste sind die Compagnia Buffo, seit den 1990ern gern gesehene Zelt-Komödianten mit Lagerplatz auf dem Viehmarkt und zuletzt , im September, auf der Bürgerbräuwiese. Zur kalten Zeit hält die Kompanie Einkehr in heizbareren Räumen. Das neue Weihnachtsprogramm mit Kascha B., Willi Lieverscheidt und Benedikt Hench am Cello mixt Ball und Noll, Gernhardt und Andersen, stellt Heiter-Unbesonnenes mit den Mitteln des Jahrmarkttheaters dar. | www.theater-ensemble.net ++++++++++++++++++++++++

Buddenbrooks

18. Januar, 19.30 Uhr, Mainfranken Theater Nur drei Generationen braucht das Bürgertum, um nervlich überreizt zerfallen nur noch das Weichbrot einer lebensuntüchtigen Existenz zu mümmeln. Wie sich das auf einen Theaterabend konzentrieren lässt, erprobte John von Düffel (Foto: Elke Wetzig) vor acht Jahren, als das Hamburger Thalia-Theater seine Bühnenfassung des Thomas Mannschen Wälzers uraufführte. Der Dramaturg, der sich auch als Dichter einen Namen machte, konzentriert sich in seiner Bühnenfassung auf Tony, Christian und Thomas, die KulturGut 13 | Seite

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drei Geschwister der mittleren Generation, als „die psychologisch komplexesten Figuren im Roman“. Sein Skript inszeniert nun Malte Kreuzfeldt, nicht identisch mit dem gleichnamigen taz-Wirtschaftsredakteur; der Theater-Kreuzfeldt realisierte „Buddenbrooks“ vor vier Jahren schon einmal in Heilbronn. John von Düffel geht von dem Umschlagprinzip aus, dass eine gehörige Reduktion an einem bestimmten Punkt anfängt, eine eigene Qualität zu erzeugen. Bei ihm heißt das, „Buddenbrooks“ sei „eine gnadenlose Beschreibung von ökonomischen Umständen. Interessant ist, wie die wirtschaftlichen Strukturen und gleichzeitig die Werte miteinander arbeiten. Was die Menschen zum Funktionieren bringt und sie gleichzeitig zerstört – also der Zusammenhang zwischen beidem.“ | www.theaterwuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Greife wacker nach der Sünde

25. Januar, 20 Uhr, Theaterwerkstatt Der literarische Liederabend mit Chansons, Gedichten und Balladen „zwischen lustvoller Gewalt und gewaltiger Lust“ führt einen Wedekind im Titel und geht weiter: „aus der Sünde wächst Genuss. Ach – du gleichest einem Kinde, dem man alles zeigen muss.” Allerdings bleibt die Collage nicht im Schlüpfrigen stecken, sondern ergeht sich auch in gradsinnigen Liebesbekenntnissen und anderen Wackerheiten. Textbeiträger sind Goethe und der Marquis de Sade, Christian Morgenstern, Karl Valentin, François Villon, Joachim Ringelnatz und Kurt Tucholsky. In der ersten Aufführungssaison legten sich drei Männer und drei Frauen schauspielerisch und sängerisch ins Zeug, begleitet von zwei Profimusikern an Gitarre und Piano. | www.theater-werkstatt.com


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Texte sind nicht vom Himmel gefallen Musikwissenschaftler arbeiten an einer historisch-kritischen Ausgabe von Richard Wagners Schriften. Fördermittel über 16 Jahre: fast fünf Millionen Euro Text und Foto: Michaela Schneider

+ Als Künstler genügt es nicht, künstlerisch gut zu sein. Ebenso sind Vermarktung, Promotion und öffentliche Präsenz gefragt. Das galt schon im 19. Jahrhundert. Einer, der dies wusste, war der Komponist Richard Wagner (1813 – 1883). Sein Selbstmarketing-Mittel: Er schrieb – und zwar meistens über sich selbst. Das Konzept funktionierte: Über kaum jemanden diskutierte die Presse seinerzeit so viel wie über Richard Wagner. Der Komponist verfasste ab den frühen 1830er Jahren neben seinen Musikwerken 4000 Textseiten inklusive seiner Autobiographie. Doch während seine „Dichtungen“, wie Wagner die selbst verfassten Libretti betitelte, sehr gut erforscht sind, fehlte für seine „Schriften“ bislang eine historisch-kritische Ausgabe. Dies soll sich während der kommenden 16 Jahre ändern: Der Musikwissenschaftler Professor Ulrich Konrad wird die rund 200 Schriften mit einem Forscherteam an der Julius-Maximilians-Universität nach editionswissenschaftlichen Standards bearbeiten. Gefördert wird das Projekt seit Anfang 2013 von Bund und Ländern pro Jahr mit 305.000 Euro, angesiedelt ist es bei der Akademie der Wissenschaften und Literatur, Mainz. Damit werden insgesamt fast fünf Millionen Euro in die Erforschung der Wagner-Schriften fließen, drei vollamtliche Mitarbeiter und je zwei Doktoranden werden in Konrads Team arbeiten.

Gegen Tierversuche, für Vegetarismus Nun ließ Richard Wagner zwischen 1871 und 1873 selbst eine erste Gesamtausgabe seiner bis dahin erschienenen Schriften veröffentlichen. Doch, so Konrad: „Die Gesamtausgabe ist nicht nur ein Traum für Wissenschaftler, sondern auch traumatisch.“ Denn Wagner redigierte viele seiner Schriften für die Gesamtausgabe. Dagegen soll die neue Edition „weg von Wagners Selbststilisierung und die Schriften in den jeweiligen historischen Kontext ihrer Entstehung einbetten“. Das wird akribische Arbeit bedeuten: Von der ersten Handnotiz bis zum Textdruck werden alle bekannten Wagner-Texte durchgearbeitet – halbseitige Glossen sind ebenso darunter wie mehrhundertseitige KulturGut 13 | Seite

Bücher. „Wir schauen Wagner über die Schulter vom ersten Satz bis zur Revision. In unserer Edition wird sich dann der Text wiederfinden, von dem wir glauben, dass er Wagners Wille und Meinung während seiner Entstehung am ehesten wiedergibt“, veranschaulicht Konrad. Zur Wagnerschen Biographie „Mein Leben“ betont er: „Wagner schildert sein Leben, wie er es gern verstanden hätte. Dies gilt es, faktisch zu überprüfen.“ Worüber aber schrieb Richard Wagner seinerzeit sonst noch? „Er kommentierte schlichtweg alles, was um ihn herum geschah. Er war wie ein Schwamm, der etliches aufnahm und auf seine eigene Sichtweise anwendete“, sagt der Würzburger Musikwissenschaftler. Und so geben die Schriften viel Auskunft über die Weltanschauung des großen Komponisten. Konrad beschreibt Wagner als „im Ansatz einen Linken, der auf gesellschaftliche Veränderung, Rechtsstaatlichkeit und Demokratie hinstrebte“. Dennoch nahm er die Protektion der Mächtigen in Anspruch und agierte selbst politisch. Wagner stellte sich mit seiner Schrift „Das Judentum in der Musik“ in die seinerzeit lebendige Tradition des europäischen Antisemitismus. Er setzte sich mit religiösen Fragen auseinander, die nicht nur das Christentum, sondern auch den Buddhismus betrafen. Wagner machte sich gegen Tierversuche stark. Und im Alter schrieb er in seinen Regenerationsschriften über die „Reinigung und Verbesserung des Menschen“ – unter anderem durch Verzicht auf Fleischgenuss. In Ulrich Konrads Forscherteam wird auch ein Computerphilologe mitarbeiten; bislang zog man bei ähnlichen Projekten Informatiker hinzu. Dabei ist noch offen, in welcher Form ein digitales Archiv aufgebaut wird. Fest aber steht: Der Kern der Forschungsergebnisse wird in klassischer Buchform gedruckt werden, Konrad rechnet mit insgesamt 16 bis 18 Bänden. Diese werden dann mittels neuer Medien digital ergänzt. Der Würzburger Musikprofessor hofft, mit der Schriftenedition Anstöße für weitere Wagner-Forschung zu geben. „Schön wäre, wenn das Wagner-Bild dadurch nüchterner und realitätsnaher wird“, sagt der 56-Jährige, fügt an: „Wagner war weder ein Heiliger noch ein Teufel.“

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Den Musikprofessor Ulrich Konrad erwartet viel Arbeit: 16 Jahre mit Richard Wagners Schrifttum. KulturGut 13 | Seite

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Musik |

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Lackerschmidt Connection 10. Oktober, 19.30 Uhr, Museum im Kulturspeicher

Das Sonderkonzert des Tonkünstlerverbands holt den Vibrafonisten Wolfgang Lackerschmidt an den Main: Seine Klöppelei harmoniert mit Ryan Carnieaux’ Trompete auf einem virtuos gewirkten DrumElektrobass-Fundament. Weil alle Musiker die brasilianische Rhythmik lieben, ist jeder Takt auch höchste Sinneslust. | www.tkv-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Anthems

12. Oktober, 17.30 Uhr, Augustinerkirche Der Komponist und Dirigent John Rutter lud Sänger zu einem Workshop mit Musikern des MatthiasGrünewald-Gymnasiums und dem Chor der Augustinerkirche, um einige seiner bekanntesten Hymnen einzustudieren und beim Gottesdienst anlässlich des Würzburger Augustinerjubiläums aufzuführen. | www.augustinerkirche-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

29. Jazzfestival Würzburg 26. und 27. Oktober, je 19 Uhr, Felix-Fechenbach-Haus

Neue Konstellationen: Der trompetende Stargast Randy Brecker tritt einem Nürnberger HammondTrio bei. Der Kern einer künftigen All-Star-Band, die ihre kommunikativen und improvisatorischen Ambitionen künftig unter dem Namen Würzburg Art Ensemble ausleben möchte, startet das Festival, die samstäglichen Rausschmeißer kombinieren zarteste lyrische Passagen mit heftigem Kunstgelärme: Art Zentral sind zurück in der Stadt. Dann gibt es (am

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Sonntag, mit Eric Schaefer) den Jazzdrummer, der Club-Sounds mag und dieses Zaubergewand über einige Opernmelodien Richard Wagners wirft. Das Festival stellt die liederliebende Studierendenformation Drei vor und bringt Cécile Verny zurück. | www.jazzini-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Big Band Würzburg

31. Oktober, 20 Uhr, Bockshorn Würzburgs Musikfreunde erfreuen sich bald wieder öfter an orchestralem Jazz mit gut gesetzten Melodien und vorwärtsschießenden Rhythmen. 20 Männer und Frauen bringen „Eine heiße Nacht in Würzburg – von Paris bis Istanbul“. Das neue BBW wird auch künftig die Traditionslinien der Swing-Ära pflegen. Künstlerischer Leiter der Profikapelle ist Matthias Zippel. | www.bockshorn.de ++++++++++++++++++++++++

Junge Philharmonie Würzburg 3. November, 18 Uhr, Hochschule für Musik

Das Projektorchester bekommt Zuwachs von Musikern aus Würzburgs europäischen Partnerstädten und feiert das Jubiläum der Mainstadt, die vor 40 Jahren den Europapreis erhielt, mit Werken von Richard Wagner, Léo Delibes, Manuel de Falla und Edvard Grieg. | www.junge-philharmonie-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

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Perlen unplugged

7. November, 20 Uhr, Kellerperle Eine neue Konzertreihe beginnt. Künftig lädt die Sängerin Annika Frerichs jeden ersten Donnerstag im Monat zwei Perlen der deutschen Singer-SongwriterSzene in den Kulturkeller unter der Burse. Im Wohnzimmerflair tauschen die KollegInnen Geschichten über ihre Lieder aus, über ihr Schaffen oder ihr Lieblings-Modegeschäft. An diesem ersten Abend seiner Art sind Lilly und Sarah Lesch zu Gast. | www.perlenunplugged.de ++++++++++++++++++++++++

Tage der Neuen Musik 11. - 17. November, Hochschule für Musik

Vital, relevant, vielfältig und originell: was will man von Musik mehr? Die Musikhochschule weist alle zwei Jahre mit ihrem Festival nach, dass Gegenwartskomponisten nicht für den Elfenbeinturm schreiben. Heuer geht es um Hans Werner Henze und seine Schüler, um Henzes Zusammenarbeit mit Ingeborg Bachmann und Volker Schlöndorff und sein politisches Engagement - darum, wie er über die Grenzen der Musik hinaus Anregungen suchte und fand. | www.hfm-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

8. Würzburger Benefizkonzert

16. November, 20 Uhr, Vogel Convention Center

Die virtuose Flötistin Jasmine Choi mit dem zielsicheren Vibrato interpretiert mit dem Sinfonieorchester der Würzburger Musikhochschule Rossini, Mozart, Mendelssohn Bartholdy und Edwin Elgar. Es gibt keine Abendkasse, im Eintrittspreis von 90 Euro sind Speis, Trank und gute Werke enthalten. Denn die Ver-


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Musik |

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Termine |

anstalter Koenig & Bauer, Main-Post, Vogel Business Media und Robert Krick Verlag geben den Erlös an die integrativen Einrichtungen Mönchbergschule und Tierpark Sommerhausen sowie an die Kinderkrebsforschung weiter. | www.wuerzburger-benefizkonzert.de

Tanzmusik. Auf Tour geht er mit einem Trompeter, einem Saxofonisten und einem leibhaftigen Drummer. Die Klanggebäude behalten dennoch eine hochartifizielle Oberfläche. Aber klar, der Bandleader studierte ja auch Design. | www.argo-konzerte.de

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Daniel van der Hoeven

Blechschaden

Mitte März lief der Internationale Bach-Wettbewerb mit 55 Teilnehmern an - und aus ohne einen ersten Preis. Den zweiten jedoch gewann der 28-jährige Pianist, der in Paris studierte und mit 20 Jahren in der Carnegie Hall auftrat. Seine jüngste CD spielte er mit Werken von Prokofjew und Bartok ein. | www.mainticket.de

Das Bläserensemble der Münchner Philharmoniker unter dem Haudrauf-Stabmeister Bob Ross kann knallige Übergänge, die Rhythmen akzentuiert der Schlagwerker Arnold F. Riedhammer, der sich auch in einer Jazz-Bigband hören lassen könnte. Seinen Kollegen (sechs Trompeten, zwei Posaunen, Horn, Euphonium und Tuba) merkt man ihre klassische Provenienz in jeder Note an. Aber nur Dogmatiker urteilen ja, it didn’t mean a thing if it ain’t got no swing. | www.blechschaden.de

30. November, 11 Uhr, Toscanasaal

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Django 3000

6. Dezember, 21 Uhr, Cairo Das bayerische Quartett erprobt Django Reinhardts Gypsy-Swing fürs laufende Jahrtausend. Gitarre, Kontrabass, Geige und Schlagzeug zeigen, dass diese Musik am besten immer in Kneipen ankam. Dabei verzichten Django 3000 zugunsten der Stimmung aufs Zurschaustellen von Virtuosentum und geben sich als die saitenbetonten Gesinnungsgenossen der BrassBanda aus. | www.cairo-wue.de ++++++++++++++++++++++++

Parov Stelar Band

6. Dezember, 20 Uhr, Posthalle Der Oberösterreicher erfand den Elektroswing mit: Techno mit eingesampelten Melodiefetzen jazziger

13. Dezember, 20 Uhr, CCW

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Soundlounge

21. Dezember, 20.15 Uhr, Bockshorn Anfang des Jahres startete der Keyboarder und Bandleader Jan Reinelt die Bockshorn Soundlounge mit einigen Musikerfreunden. Bis zu zehn Instrumentalisten und Sänger tummeln sich bei den vierteljährlichen Konzerten auf der Bühne. Die große „Swinging Xmas“-Show mit den bekanntesten USamerikanischen Jahresend-Schlagern gestaltet er u. a. mit der engelsgleichen Natascha Wallace und dem elfengleichen Benni Freibott. | www.bockshorn-soundlounge.de ++++++++++++++++++++++++

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Eine italienische Nacht 31. Dezember, 20 Uhr, St. Johanniskirche

Hören wir uns ein bisschen aus dem kalten Winterabend hinaus und in die Stimmung italienischer Barockkomponisten hinein: Das festliche Silvesterkonzert geben die Münchner Bachsolisten unter der Leitung des Würzburger (und Heidelberger) Bachchorleiters, Kirchenmusikdirektor Christian Kabitz. | www.bachchor-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

4. Sinfoniekonzert

16. und 17. Januar, je 20 Uhr, Hochschule für Musik Das Philharmonische Orchester Würzburg, d. h. also die Musiker des Mainfranken Theaters, scheinen zunächst ein ausgesprochen östliches Programm der klassischen Moderne im Sinn zu haben mit Werken von Alexander Glasunow, Sergej Prokofjew und Béla Bartók. Dann taucht der selten gespielte Alberto Ginastera auf, ein Argentinier. Der verband – wie Bartók – die Klänge seiner Heimat mit zeitgenössischer Klassik. | www.theaterwuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Wahnsinns-Szenen

21. Januar, 19.30 Uhr, Neue Universität Die Ringvorlesung „Wahnsinn in Literatur und Künsten“ kommt bei der Musik an. Der Musikwissenschaftler Martin Zenck erklärt nüchtern und mit System Arnold Schoenbergs Monodram „Die Erwartung“ und Wolfgang Rihms „Proserpina“ nach J. W. v. Goethe. | www.romanistik.uni-wuerzburg.de


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Wilhelm Leibl: Mädchen mit weißem Kopftuch (Ausschnitt), um 1876, Öl auf Holz, 21,5 x 17 cm, Bayerische Staatsgemäldesammlungen, München – Neue Pinakothek / bpk. KulturGut 13 | Seite

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Reale Pinselstriche Zur Ausstellung „Rein malerisch. Wilhelm Leibl und sein Kreis“ ab 14. Dezember im Kulturspeicher von Joachim Fildhaut

+ Fläche und Farbe sind malerischer als Linie, Sinn und Bedeutung. Die Maler um Wilhelm Leibl hielten es mehr mit ersteren, mit den Elementen des „rein Malerischen“, wie es der Künstler gelegentlich nannte, der 1900 56-jährig in Würzburg starb und als eine der großen Berühmtheiten auf dem hiesigen Hauptfriedhof liegt. Fläche, Farbe, dazu das Wort „rein“, das lässt an eine andere Kunstrichtung als die des Realismus denken, nämlich an die höchst gegenstandlose moderne Kunst, die in den Nachbarsälen der Leibl-Sonderausstellung hängt und steht. Kunsthistoriker spekulieren nicht gern, deswegen formuliert es die stellvertretende Museumsleiterin Dr. Henrike Holsing vorsichtig: sie wisse nicht, „ob die abstrakte Malerei ohne Leibl sich so schnell in Deutschland entwickelt hätte“. Der Kuratorin geht es bei der Ausstellung tatsächlich nicht darum, zu zeigen, wie getreu Leibl seine Modelle abbildete. Bzw.: Es geht just um dieses „Wie?“, also um die „unbedingte Treue zur Natur und zum Gegenstand, dem man“, betont Holsing, „malerisch gerecht werden wollte“. Der Kuratorin geht es bei der Ausstellung tatsächlich nicht darum, zu zeigen, wie getreu Leibl seine Modelle abbildete. Vielmehr geht es darum, wie er sie getreu abbildete, wie er der Natur und dem Gegenstand, so Holsing, „malerisch gerecht zu werden versuchte“.

Die Subversion bayerischer Dorfansichten

stufungen. Henrike Holsing erklärt das Malerische: „Es ging darum, anhand eines Gegenstands verschiedene Arten, ihn zu malen, auszuprobieren.“ Die wechselnden Künstler der kleinen Gruppe wandten sich auch einigen altdeutschen Bildmotiven zu. Leibl z. B. gab sich sieben Jahre lang einer Art „Holbein-Manier“ hin. Trotzdem waren sie moderne Maler, bildeten eine starke Enklave in München, gegen die akademische Haltung mit ihrer zunehmend nationalen Überladung, und sie standen nicht allein. Der in vielem vorbildhafte Gustave Courbet stellte hier aus, Deutsche reisten selbstverständlich an den Kunstnabel der Welt nach Paris und studierten das Unspektakuläre der Landschafter von Barbizon. Leibl verzichtete nicht nur auf inhaltliche Knalleffekte, sondern bei den vielen Porträts seines Schaffens auch auf Psychologie. Sein Grund: „Ich male den Menschen, wie er ist. Da ist die Seele ohnehin dabei.“ Eine solche Sicht erfüllt sich für die Kunsthistorikerin Holsing im Spätwerk: „Da ist er ganz bei sich, hat allen Ehrgeiz abgelegt und muss sich nicht mehr von anderen absetzen.“ Er kommt dem Impressionismus nahe, dessen deutsche Vertreter sich denn auch auf ihn beriefen. Zudem zeigt die Ausstellung: Leibls Künstlerfreunde entwickelten aus einem gleichen Ansatz unterschiedliche Arbeitsweisen und damit unterschiedliche Formen des Malerischen. Carl Schuch etwa löst in seinem Spätwerk die Gegenstände ähnlich wie Paul Cézanne auf.

Da ist das Malerische also wieder und äußert sich vor dem Hintergrund der Zeit im Wunsch nach dem Einfachen. Denn den Markt beherrschte damals üppige Historienmalerei. Die pathetische Geste zählte, der exotische Kitzel, viel Aufgesetztes. Dem setzten Leute wie Leibl fast skandalös schlichte Themen entgegen, redlich hingegeben der handwerklichen Perfektion. Zum Gebot der Ehrlichkeit gehörte der Verzicht auf das Lasieren mehrerer Farbschichten übereinander, mit dem sich Fehler vertuschen lassen. Leibl brachte befreundete Kollegen dazu, wie er selbst nass in nass direkt auf die Leinwand zu malen. Misslungene Partien mussten abgekratzt und neu begonnen werden. An seinen berühmten drei betenden Frauen arbeitete der Künstler sich drei Jahre lang ab. In der Würzburger Ausstellung wird zweimal dieselbe Schmiede von Carl Schuch, einem Künstler aus Leibls Kreis, zu sehen sein. Hier ging der Pinsel streckenweise ausgesprochen flächig vor, zeigte dafür umso klarer die Farbe und mit ihr das Licht in seinen genauen AbKulturGut 13 | Seite

INFo: Bis 23. März 2014 hängt im Museum im Kulturspeicher, oskar-Laredo-Platz, 97080 Würzburg, die Ausstellung mit 107 Werken, davon 78 Gemälde, 14 Zeichnungen und 15 Radierungen. Aus eigenem Bestand sind 40 Werke, davon alle Radierungen. Leibl selbst ist mit 24 Gemälden vertreten, Johann Sperl mit zwölf, Wilhelm Trübner und Theodor Alt je mit zehn, Carl Schuch mit neun, Rudolf Hirth du Frênes und Hans Thoma je mit drei. Dazu kommen eine Gemeinschaftsarbeit von Leibl und Sperl und ein Bild eines unbekannten Künstlers, das Wilhelm Leibl als Akademieschüler zeigt, wie er mit freiem oberkörper Modell steht für einen antiken Krieger. Leibl betrieb sein Leben lang Krafttraining.

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Kunst |

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konstruktiv und bewegt

seit 26. September, Kolping-Center

Termine |

Schnittpunkt

11. Oktober bis 21. Januar, Museum am Dom

Es lohnt sich wieder einmal, im Treppenhaus des Kolping-Centers herumzusteigen. Dort nämlich stellt Trude Schumacher-Jansen ihre „kinetischen Rundbilder“ aus: Starre Körper voller Linien scheinen sich zu bewegen, wenn der Betrachter vor ihnen auf und ab geht. Die ausgeklügelten Linien verändern sich ständig. Der große alte Mann der Konkreten Kunst, Eugen Gomringer, attestierte der Folkwang- und Münchner Akademie-Absolventin: „Diese sich durch Raum und Zeit windende Struktur ist dynamisch und gestaltpsychologisch vielseitig angelegt. Wenn es aber dann noch gelingt, den individuellen Ausdruck zu gewinnen und neue Erfindungen zu machen, wird die Kunst Gleichnis für die Epoche.“ | www.kolping-akademie-wuerzburg.de

Eine Hinrichtung erlöste die Menschheit. So konnte das tödliche Marterwerkzeug, das bei diesem Vorgang verwendet wurde, das Kreuz, zum zentralen Symbol der christlichen Religion werden. Schon traditionell gebundene Schöpfer sakraler Kunstwerke bezogen aus der Überlieferung einen großen Fundus an Bildideen. Je mehr und mehr sich Künstlerpersönlichkeiten vom Christentum lösten, umso stärker variierten, ja invertierten sie Kreuzigungsmotive. Auf das 20. Jahrhundert konzentriert sich die Ausstellung, die das Kunstmuseum der Diözese zu seinem eigenen zehnten Geburtstag ausrichtet. | www.museum-am-dom.de

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18. Oktober bis 3. November, BBK-Galerie

Hier!

6. Oktober bis 6. November, Kunstschiff Arte N oah „Hier, seht was es in Würzburg gibt“, ruft der Titel zur Ausstellung von lauter privaten Leihgaben aus der Gegenwartskunst. Dies und nichts anderes ist Konzept der Schau: Würzburger gingen zum Kunstverein und erklärten (auch vor den gespitzten Ohren von Mainpost-Journalisten), was und warum es ihr Lieblingskunstwerk sei. Diese privaten Schätze, die teils durchaus beachtlichen internationalen Handelswert besitzen, stellt der Kunstverein nun treuhänderisch für die einheimischen Kunstliebhabenden vor. | www.kunstverein-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

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Cornelia Krug-Stührenberg Arbeiten auf Papier, das sind bei der Schülerin von Emil Schumacher und Per Kirkeby zumeist Aquarelle. An den Blättern in dieser Technik fällt zuallererst auf, dass das sachgemäß eher kleine Format hier dennoch eine gewisse Monumentalität erlaubt. Hier wird bei aller Transparenz der Farben richtig große Form gefunden – oder vielmehr gesucht. Denn Krug-Stührenberg pflegt keineswegs ein einziges Gestaltungsprinzip, um scheinbare Masse und ausladende Fläche zu einem typischen Krug-Stührenberg zu machen. Immer wieder erprobt sie neue Strategien, um auf einem Büttenblatt sinnvoll Figürliches ins Leben zu rufen. Das selbstverständlich einen hohen Abstraktionsgrad zeigt. Der Nebeneffekt dieses permanenten Ausprobierens ist kunsthistorisch frappant: Oft arbeitet sie mit exotischen Sujets, Afrikanerinnen, Einbaumfahrern, Masken etc. Sprich an genau den KulturGut 13 | Seite

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Themen, die Anfang des vorigen Jahrhunderts zum Inbegriff der Moderne wurden. Wenn die 60-jährige Würzburger Malerin nun ebenfalls hier ansetzt, tut sie es aus ihrem eigenen Werkinteresse heraus und damit so frisch und unbekümmert, als seien die Motive ihre ureigenste Entdeckung. Da bleibt die Zeit gleich auf mehreren Ebenen stehen. | www.bbk-unterfranken.de ++++++++++++++++++++++++

Nô-Masken - Mystische Symbole Japans

bis 20. Oktober, Siebold-Museum Ichiyu Terai ist ein geduldiger Mann. Er schnitzt Masken nach Vorbildern einer Kunst, die schon vor mehr als 600 Jahren entstand und vor allem berühmt ist für ihr hundertprozentiges Abstoßen jeglicher Veränderung. Und Geduld braucht es bereits rein für das handwerkliche Vorgehen, werden die Masken doch getreu ihren überlieferten Vorbildern aus einem Block Holz geschnitzt und dann aufs Aufwändigste und Glänzendste lackiert und poliert. Im Museum auf dem Bürgerbräu-Gelände gewinnen die Masken ihr stilles Eigenleben, da sie nicht nur im Original, sondern auch auf Farbholzschnitten in Aktion zu sehen sind. Tatsächlich – die Typen kehren immer wieder. | siebold-museum.byseum.de ++++++++++++++++++++++++

Künstlergespräch Istvan Haasz

24. Oktober, 19.30 Uhr, Museum im Kulturspeicher Der triennale Preis für Konkrete Kunst ging heuer an eine Ungarin, die Beziehungen von Rundung und Raum erforscht. Noch schneller wiederzuerkennen als Werke von Dora Maurer ist der Bemaler des gel-


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 weitere Informationen: www.kulturgut.wuerzburg.de

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Kunst |

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ben Quadrats, Istvan Haasz. Stets mehrere, selten parallel zueinander gesetzte, gern in sich geknickte Quadrate werfen auf seinen Reliefs Schatten, und damit die so deutlich wie möglich werden, bekommen die Vierecke ihren gelben Farbüberzug. | www.kulturspeicher.de ++++++++++++++++++++++++

Tiere und Vokale

Kunsthalle Würth Schwäbisch Hall & Museum Würth Künzelsau Die Kunsthalle wird zur „Menagerie“ (bis Mai 2014) und zeigt anhand von 200 Exponaten seit Lucas Cranach: Das Tier nahm im Lauf der Jahrhunderte wechselnde Rollen gegenüber dem Menschen ein. Neben dieser Sujet-Auswahl für die ganze Familie aus der Industriellensammlung läuft bis 14. März in der Stadt des Firmensitzes „A.E.I.O.U. Österreichische Aspekte in der Sammlung Würth“. Die entsprechende Würthsche Teilkollektion ist eine der größten privaten außerhalb der Alpenrepublik. Da sieht man: Österreich war fast immer Kunst-Avantgardeland. 70 Künstler zwischen Secession und Neuen Wilden belegen das eindrucksvoll. | www.kunst.wuerth.com ++++++++++++++++++++++++

Jakob Bill

bis 24. November, Museum im Kulturspeicher „das glück der farbe“ wird kleingeschrieben. Der Untertitel der Ausstellung des 71-Jährigen knüpft schon allein durch die schreibweise an die Standards des Design-Konstruktivismus an. In solchem Ambiente wuchs der kleine Jakob auf: Vater Max Bill. Und Jakob begehrte künstlerisch nur mit einem Element gegen den Vater auf. Denn er führte Farb-

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verläufe in die Konkrete Kunst ein, deren Flächen sonst keinerlei Schattierungen haben. Wobei: Die Bill Juniorschen Raster spielen meist mit Hell-DunkelVarianten einer einzigen Farbe pro Fläche, stets mit dem Effekt, dass das Zweidimensionale dreidimensional erscheint. Das bringt Jakob Bills Bilder der OpArt nahe. Nur dass er viel strenger und niemals so hascherisch wie etwa ein Vasarely arbeitet. Etwas beglückend Naives, Verspieltes behält das Werk. Und eine Erinnerung an Zeiten, als die Zukunft noch bunten Fortschritt versprach. Kuratiert hat die Ausstellung die Leiterin der Städtischen Galerie Würzburg, Dr. Marlene Lauter. Über ihre Auswahl spricht sie bei einer Führung am Mittwoch, 6. November – früher Feierarbend machen! – um 17 Uhr. Der Künstler selbst, der seine Malfarben ein Erwerbsleben lang als Archäologe erwirtschaftete, begeht die Ausstellung bei der Finissage am 24. November ab 15 Uhr. | www.kulturspeicher.de ++++++++++++++++++++++++

Augustiner in der Stadt

bis 30. November, Augustinerkloster 1263 kamen die Augustiner nach Würzburg, vor 750 Jahren. Im Kreuzgang beschäftigt sich die Ausstellung mit markanten Punkten dieser langen Geschichte. Weil sie nicht wie die Dominikaner in der Inquisition gearbeitet hatten, bekamen sie nach der Aufhebung der Orden durch die Säkularisation 1813 das Dominikanerkloster zugewiesen und konnten sich erneut etablieren, vor 200 Jahren. | www.augustinerkirche-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

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Winterausstellung 30. November bis 29. Dezember, Spitäle

Die meisten Kunstwerke werden bei der Eröffnung einer Ausstellung oder kurz danach verkauft. Dieser lebenspraktischen Erfahrung folgt das neue Konzept der Winterausstellung Kunstschaffender Unterfrankens. Die Gruppenschau wird dreimal neu bestückt: Jede Woche gibt es eine neue Ausstellung. Und an jedem Tag außer sonntags und montags spielen Schüler der Sing- und Musikschule ab 18 Uhr eine halbe Stunde Musik zur Besinnung. | www.spitaele.de ++++++++++++++++++++++++

Freunde-Weihnachtsmarkt 30. November, 10 Uhr, Kiliansplatz

Die Freunde des Museums am Dom nutzen den Vorplatz ihres Hauses bis 16 Uhr, um den – bekanntlich auch nicht ganz unkultivierten – Würzburger Weihnachtsmarkt zu veredeln. Zwischen Dom und Neumünster bieten sie u. a. Grafiken feil, Bilderrahmen, aber auch selbstgemachtes Kulinarisches wie die leckeren Plätzchen mit der äußerst geringen Halbwertzeit. | www.museum-am-dom.de ++++++++++++++++++++++++

Van Gogh

17. Dezember, 19.30 Uhr, Neue Universität Prof. Bettina Gockel habilitierte sich über „Die Pathologisierung des Künstlers. Künstlerlegenden der Moderne“ und ging nach Princeton. Als Institutsvorstand der Zürcher Kunstgeschichtler legt sie legt nun van Gogh ‚auf den Seziertisch des Pathologen’: Wie verrückt war der Maler wirklich? | www.romanistik.uni-wuerzburg.de


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Die Räuberbande, Teil 3 Eine Stadt lässt sich auf die – früher arg verhassten – „Jünger Jesu“ ein von Christine Weisner / Foto: Benjamin Brückner

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Ursprünglich stammt sie aus Chikago. Inzwischen haben deutschsprachige Städte wie Wien, Köln, Hanau, Bad Hersfeld oder Frankfurt am Main diese Idee aufgegriffen, um sie in jeweils etwas abgewandelter Form zu verwirklichen.

Würzburg liest „Die Jünger Jesu“ Veranstalter in Würzburg sind die Leonhard-Frank-Gesellschaft und die im Aktionsbündnis „Lass den Klick in deiner Stadt“ zusammengeschlossenen Buchhandlungen Dreizehneinhalb, Knodt, Schöningh und Neuer Weg. Für das Projekt, das im nächsten Jahr erstmals in Würzburg stattfinden soll, haben sie Leonhard Franks Roman „Die Jünger Jesu“ ausgewählt. Leonhard Frank, ein bedeutender, wenn nicht gar der bedeutendste Würzburger Autor, schrieb dieses Buch 1946 noch im US-amerikanischen Exil. Als Schauplatz wählte er die Trümmerlandschaft seiner 1945 zerstörten Heimatstadt Würzburg. Bei den Titel gebenden Jüngern Jesu handelt es sich ähnlich wie in Franks „Räuberbande“ um einen Haufen Jungs. Ihre Mitglieder bestehlen die wenigen Reichen und beschenken heimlich diejenigen, denen es im Nachkriegselend am Notwendigsten fehlt. Hätte Frank es bei diesem Thema belassen, wäre das Buch damals sicher freundlicher aufgenommen worden. Aber er legte es breiter und damit politischer an. Es erzählt auch von der Ermordung jüdischer Mitbürger und Zwangsprostitution in der NS-Zeit, von der Traumatisierung der überlebenden Opfer und der Suche nach Gerechtigkeit, von der wenig befriedigenden juristischen Aufarbeitung von NS-Verbrechen und dem Nazismus, der untergründig in Teilen der Bevölkerung weiterschwelt.

Bitte umblättern

+ Was taugt zum Stadtgespräch? Ein Fußballendspiel? Kurzzeitig vielleicht. Der Fernsehkrimi von gestern Abend? Immer weniger in Zeiten, in denen sich jeder sein Programm mit Hilfe neuester Medien selbst zusammenstellen kann. Und überhaupt hat weder das Fußballfinale noch der Krimi etwas mit einer bestimmten Stadt zu tun. Aber wie wäre es mit einem alten Medium, einem Buch als Stadtgespräch? Das dachten sich die InitiatorInnen der Arbeitsgemeinschaft „Würzburg liest ein Buch“, als sie das Projekt in ihrer Heimatstadt für das Jahr 2014 auf den Weg brachten. Die Idee selbst ist nicht neu. KulturGut 13 | Seite

Erste Voraussetzung dafür, dass eine Stadt ein Buch liest, ist natürlich, dass es erhältlich ist. Deshalb hat der Verlag Königshausen & Neumann eine Neuauflage herausgebracht. Nachworte liefern viele Zusatzinformationen zum Autor und zur damaligen Zeit. Der Preis wurde bewusst niedrig gehalten. Ausschlaggebend für die Wahl war neben dem Autor auch die thematische Breite des Werkes, die geeignet ist, ganz unterschiedliche Bevölkerungsgruppen anzusprechen. So geht die Arbeitsgemeinschaft davon aus, dass die jugendlichen Hauptpersonen des Buchs Anklang bei Jugendlichen finden. Auf der anderen Seite können Ältere, die die Nachkriegszeit selbst erlebt haben, als Zeitzeugen ihren Blick auf diese Zeit beisteuern. Das könnte zum Beispiel bei einer gemeinsamen Veranstaltung einer Schule mit einem Alterheim geschehen. Überhaupt geht es bei der Aktion „Eine Stadt liest ein Buch“ um mehr als stille Lektüre, zufällige Gespräche und ein paar Lesungen. Annähernd 100 Veranstaltungen sollen „Würzburg liest ein Buch“ zum kulturellen Großereignis machen, mit Film, Theater, Tanz, Musik, Ausstellungen, Vorträgen u. v. m. Da verwundert es nicht, dass die zentrale Veranstaltungswoche von „Würzburg liest ein Buch“ etwas mehr als sieben Tage dauert. Sie geht vom 4. bis 13. April. Georg Rosenthal übernahm die Schirmherrschaft, als Kooperationspartner sind bereits mit dabei: Stadtbücherei, Mainfranken Theater, die freien Theater Würzburgs, das Central Programmkino, die Volkshochschule, Würzburgs Realschulen und Gymnasien, Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft, Sparkasse Mainfranken und das Internetblog Würzblog. Die AG „Würzburg liest ein Buch“ ist offen für weitere Kooperationspartner, ob Institutionen, Vereine, Firmen oder einzelne Bürgerinnen und Bürger.

LINK: | www.wuerzburg-liest.de

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Literatur |

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Betrommeltes Sprachvergnügen

17. Oktober, 20 Uhr, Stadtbücherei Die zweite Veranstaltung des Literarischen Herbsts (nach Ilja Trojanow am 14. Oktober) bringt zwei der bedeutendsten deutschen Klangkünstler zusammen: den Freijatzer Günter Baby Sommer mit seinem selbstgesammelten Trommelset und die Vokalartistin Nora Gomringer. Zum Dialog über Generationengrenzen hinweg kann der 70-jährige Dresdner Instrumentalist übrigens locker trocken einiges beitragen. | www.stadtbuecherei-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Tiere streicheln Menschen 6. November, 20 Uhr, Kellerperle

In ihren Actionlesungen vermischen Martin Gottschild und Sven van Thom gesprochenes und gesungenes Wort, gezeigtes und suggeriertes Bild; für die eingeschleusten Flohmarktdias und deren Erklärung wurde eigens der Begriff „Max Goldtscher Bildunterschriftenhumor“ erfunden. Die beiden Bildunterschriftsteller starteten ihre Performances im Berliner Frannz Club, dem sie bis heute treu sind, auch wenn das Fernsehen (QuatschComedy u. a.) sie entdeckte. Bei allem dadaistischen Nonsens schwingt häufig etwas Melancholisches mit, etwa wenn der Sänger entdeckt, dass die Lippen der Angebeteten Blasen haben. | www.tierestreichelnmenschen.de ++++++++++++++++++++++++

Des Wahnsinns sanfte Flügel 7. November, 18 Uhr, Weinstube Popp

Das Thema der Ringvorlesung packt nun auch die Katholische Akademie Domschule. Uni-Literaturdozentin Isabel Fraas konstatiert: „Dichtung und

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Wahnsinn gehen oft eine fruchtbare Verbindung ein: Darstellungen (vermeintlichen) Wahns beflügeln den Dichter zu neuen Ausdrucksformen und schaurigfaszinierenden Einblicken in seelische Abgründe.“ Das maximal 30-köpfige Symposion soll die schmale Grenze zwischen Wahn und literarischer Wahrheit beschreiten, mit dem „Iwein“, E. T. A. Hoffmanns „Sandmann“, Hofmannsthals Chandos-Brief und etwas Trakl. Anmeldung Telefon 0931 38664500. | www.domschule-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Krawall und Satire 1. Dezember, 20 Uhr, Saalbau Luisengarten

Der Vorsitzende der „Partei für Arbeit, Rechtsstaat, Tierschutz, Elitenförderung und basisdemokratische Initiative“ („Die Partei“), Martin Sonneborn, hat wieder Wahlkämpfe hinter sich. Sein Rüstzeug verschaffte er sich in der ersten Hälfte der Nullerjahre als Chefredakteur des Satiremagazins Titanic, inzwischen ist er für das gleiche Ressort bei Spiegel online verantwortlich. | www.die-partei.de ++++++++++++++++++++++++

Rousseau, Pestalozzi und Mark Twain entdecken die Kindheit

8. Dezember, 11.15 Uhr, Schröder-Haus Darauf musste erstmal einer kommen: dass Kinder keine Mängelwesen sind, deren Defizite es zu beseitigen gilt. Jean-Jacques Rousseau (1712 - 1778) heißt ihr Entdecker, Johann Heinrich Pestalozzi (1746 - 1827) ihr Fürsprecher und Mark Twain (1835 - 1910) derjenige, der Kindern in der Literatur ihre eigene KulturGut 13 | Seite

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Stimme gab. Mit Nachdenklichem und Aufmüpfigem zum Thema Kindheit in Geschichten, Liedern und Gedichten gestaltet Roland Seiler seine literarische Matinee. | www.schroeder-haus.de ++++++++++++++++++++++++

Leider kann derselbe nicht benutzt werden 13. Dezember, 16.30 Uhr, Uni-Bibliothek

Viele Bücher aus den historischen Sammlungen können nicht mehr herausgegeben werden, so beschädigt sind sie - durch jahrhundertelange intensive Benutzung, Materialermüdung, unsachgemäße Aufbewahrung, Feuer, Wasser, Holzwurm, Mäusefraß und Vandalismus. Ein Bibliothekar zeigt solche Ruinen und Restauriertes, fast so schön wie ehedem, | www.bibliothek.uni-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Literarischer Neujahrs­ empfang des Autorenkreises 14. Januar, Stadtbücherei

Die literaturinteressierte Würzburger Szene trifft sich, wenn der Autorenkreis von den Highlights 2013 sowie von den Plänen 2014 berichtet. Zudem gibt es kleine literarische Appetithäppchen und ein gesittetes Prosten. Anfangszeit bitte der Tagespresse entnehmen. Am 23. Januar und am 4. Februar lesen dann jeweils drei AutorInnen längere Passagen ihrer aktuellen Werke. Außerdem sind die Kreis-AutorInnen ab dem 30. Oktober sechsmal mittwochs im Chambinzky-Keller KuZu zu Gast. | www.autorenkreis-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++


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Zaubersprüche für Verwundete Die preisgekrönte Slam-Poetin Pauline Füg ist nach Würzburg gezogen von Ulrike Schäfer / Foto: Benjamin Brückner

+ Die Bezeichnung Slam-Poetin fällt oft, wenn über sie gesprochen oder geschrieben wird, trifft es aber nur teilweise. Denn Pauline Fügs literarische Produktion ist zu vielfältig, um sie ausschließlich der Poetry-Slam-Szene zuzuordnen. Wichtig war und ist diese Szene für sie KulturGut 13 | Seite

aber durchaus, bot sie ihr doch früh die Möglichkeit, das zu tun, was sie reizte: ihre Texte nicht nur in schriftlicher Form, sondern auch persönlich zu präsentieren, ihnen stimmlich, mimisch und gestisch Ausdruck und damit eine zusätzliche Dimension zu verleihen.

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Allerdings entstanden ihre Bühnentexte nicht in Reaktion auf die Slam-Szene, sondern unabhängig davon. Sie trägt, anders als die meisten, Lyrik vor, gereimte ebenso wie freie Verse, und verhandelt darin, ebenfalls nicht allzu üblich, auch ernste Themen. Das fiel auf bei den Poetry-Slammern, die häufig auch Veranstalter sind und sie auf weitere Bühnen einluden. Zugleich hat ihr Weg immer schon auch über die Szene hinausgewiesen. Und er hat ihr nicht nur begeisterte Resonanz beim Publikum eingebracht, sondern auch mehrere Auszeichnungen, darunter den Förderpreis der Literaturstiftung Bayern und den Kulturpreis Bayern.

Für die Bühne oder für das Papier? Nicht alle Texte entstehen für den mündlichen Vortrag. Welche sich dafür eignen und welche nicht, zeigt sich ihr schon beim Schreiben. Ihre Gedichte „Die Abschaffung des Ponys“ erschienen als Buch – im Würzburger stellwerck-Verlag, in reizvoller Kombination mit der zweiten Anthologie studentischer Literatur –, weil sie explizit nach der Schriftform verlangen. Dass sie leidenschaftliche Netzwerkerin ist, spiegelt sich in ihrem Werk, das häufig aus dem Zusammenspiel mit anderen Künstlern und Künsten entsteht. Ihr Prosagedicht „Zauberspruch für Verwundete“ zeigt exemplarisch diese Vielfalt: Während einer Reise durch Amerika entstanden, trug sie es zunächst auf Poetry-Slams vor. Später floss es, von Ludwig Berger mit Beats unterlegt, in das Album „an grauzonen vorbei“ der Gruppe „großraumdichten“ ein, zu der als Dritter im Bunde auch ihr langjähriger künstlerischer Partner Tobi Heyel gehört. Schließlich setzte sie es mit dem Illustrator Markus Freise als Graphic Novel um, die 2013 im Verlag Literatur-Quickie erschien. Nicht nur eigene Texte verbindet sie so zu multimedialen Werken. Zusammen mit anderen adaptierte sie 2012 den Roman „Der Schatten des Körpers des Kutschers“ von Peter Weiss für eine Bühnen-Performance.

Lockruf der Uni-Psychologen So vielfältig ihre Kunst, so bewegt ist auch ihr bisheriger Lebensweg. Geboren wurde Pauline Füg 1983 in Leipzig, wuchs in und um Nürnberg auf, studierte in Eichstätt Psychologie - nicht Germanistik, „um noch mal einen anderen Input zu bekommen“ und weil das Interesse schon früh geweckt war, unter anderem durch die Arbeit in einem Pflegeheim und die Betreuung Jugendlicher während und nach der Schulzeit. Über Etappen unter anderem in Berlin führte sie ein Psychologieprojekt zuletzt für zwei Jahre nach Hannover: Dort hat sie mit einer Freundin das Konzept „DemenzPoesie“ entwickelt und praktisch erprobt, eine Arbeit mit Demenzkranken, die auf den Erkenntnissen von Gary Glazner aufbaut und Gedichte als Therapieform einsetzt. Seit August nun wohnt sie in Würzburg. Süddeutschland sollte es wieder sein, und die Kleinen unter den Großstädten haben es ihr angetan. In Würzburg hat sie Freunde, zum stellwerck-Verlag gute Kontakte seit Erscheinen ihres Lyrikbands dort, und schließlich reizt sie das thematische Angebot des Fachbereichs Psychologie an der Würzburger Universität. Denn auch dort kann sie sich Weiterarbeit und Forschung vorstellen. Wie es ihr überhaupt an Visionen und Ideen nicht mangelt. Und so werden sich auch in Zukunft Impulse für reizvolle Querverbindungen und gegenseitige Inspiration bieten - zwischen Poesie und anderen Künsten, zwischen Literatur und Psychologie, und nicht zuletzt: zwischen Pauline Füg und Würzburg. Freuen wir uns darauf.

LINK: | paulinefueg.blogspot.de


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Kästner kam ins Kinderheim Den Nachlass des Autors kann man in Oberschwarzach besichtigen von Daniel Staffen-Quandt / Foto: Daniel Peter

+ In Oberschwarzach lagert ein riesiger Schatz: Das dortige Kinderdorf darf nicht nur den Namen des berühmten Schriftstellers Erich Kästner tragen, es hat vor Jahren auch das komplette Inventar seines Münchner Hauses geerbt. Es war wohl eins der letzten Telegramme, die der schwer kranke Erich Kästner verschickt hat. Der Text vom 1. Juli 1974 ist denkbar kurz: „Bin mit Kinderdorfbenennung einverstanden“, schreibt der Autor. Vier Wochen später – am 29. Juli – stirbt er im Klinikum Neuperlach an Speiseröhrenkrebs. Seit fast vier Jahrzehnten heißen die inzwischen sechs Häuser in Unterfranken „Erich Kästner Kinderdorf“.

Bibliothekswissenschaft und Heimat Als das Telegramm aus München damals in Unterfranken ankam, waren die Gründer des Kinderheim-Trägervereins überglücklich. „Als Kinderheim so einen Namen tragen zu dürfen, das ist großartig“, sagt Daniela Huhn, Mitglied der Kinderdorf-Gesamtleitung. Niemand habe auch nur im Traum daran gedacht, dass es außer dem Namen eine weitere Beziehung zum berühmten Autor geben würde. Bis dann 1991 die langjährige Lebensgefährtin Kästners, Luiselotte Enderle, starb und Kinderdorf-Vertreter zur Testamentseröffnung eingeladen wurden. „Wir haben gedacht, dass wir vielleicht ein Gemälde oder einige Bücher bekommen“, erinnert sich Daniela Huhn. Doch es kam alles ganz anders. Das Kinderdorf bekam das komplette Inventar aus Kästners Reihenhaus im Münchner Stadtteil Bogenhausen vermacht. „Wir wissen nicht, wieso wir als Erben ausgesucht wurden - es gab keine Begründung“, berichtet Huhn. Enderle verfügte nur, dass der Nachlass „zur Pflege des Namens Erich Kästners“ sowie „der geistigen und körperlichen Pflege der Kinder“ dienen soll. Die Vereinsmitglieder waren ausnahmslos überwältigt. Der Freude des ersten Augenblicks folgte bald rege Betriebsamkeit. Das Problem: Das Haus musste schnell geräumt werden, das Gebäude selbst wurde nämlich anderweitig vererbt und sollte verkauft werden. „Für uns war das eine echte logistische Herausforderung“, sagt Huhn. Denn zum Inventar des Hauses gehörten neben den vielen Möbeln auch über 8200 Bücher. Um das Erbe Erich Kästners zusammenhalten zu können, musste Platz geschaffen werden. In der Steinmühle Oberschwarzach wurde die alte Tenne in Eigenleistung bis 1994 zu einer Bibliothek umgebaut. Hier stehen nun nicht einfach Regalmeter an Regalmeter. In der alten Tenne leben Erich Kästner und Luiselotte Enderle weiter. Hier eine venezianische Eckbank mit Tisch, dort Kästners Schreibtisch mit Lesebrille und Schreibmaschine. Daneben ein Stuhl mit seinem Koffer und Hut. Alles echt und original, nichts hinter dicken Absperrungen oder in Vitrinen. „Man darf hier alles anfassen, man darf sich hinsetzen, die ganze Atmosphäre soll auf die Besucher wirken“, sagt Daniela Huhn.

Die Kindheit ist unser Leuchtturm Herzstück des Ganzen ist natürlich die Privatbibliothek Kästners. Neben den Erstausgaben seiner eigenen Werke gehören dazu vor allem KulturGut 13 | Seite

Geschenke anderer Schriftsteller wie Carl Zuckmayer oder Wolfgang Borchert und die jährlichen Buchgeschenke von Kästners Vater an seinen Sohn. „Wir haben den Bestand damals zwar erfasst“, sagt Huhn. Wissenschaftlich aufgearbeitet wurde er bislang allerdings nicht. „In viele Bücher haben Erich Kästner oder Luiselotte Enderle handschrift-

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liche Notizen gemacht, das wäre für Bibliothekswissenschaftler sicher spannend bei uns.“ Spannend ist die Bibliothek selbstverständlich auch für die Kinder und Jugendlichen, die im Kinderheim leben. „Ihnen ist sehr bewusst, was für ein Schatz hier in ihrer Mitte bewahrt wird“, sagt Daniela Huhn. KulturGut 13 | Seite

Weil sie den Wert kennen und schätzen, dürfen sie auch immer unbeaufsichtigt in die Bibliothek, wenn ihnen danach ist. Das sei auch im Sinne Kästners. „Die Kindheit ist unser Leuchtturm“, schrieb der Autor einst. Huhn will „den Nachlass Kästners nicht einfach konservieren, sondern unseren Kindern damit eine Heimat schaffen“.

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Das Leben kann schön sein Filmemacher Steffen Boseckert und sein Hang zur guten Laune von Max Schmitt

+ Steffen Boseckert steigt nicht vom Fahrrad. Er schwingt sich vielmehr von seinem Drahtesel, als springe er vor einem galoppierenden Ross. Der Himmel ist grau, anthrazit gemasert. Der kalte Wind treibt dem Filmemacher den Reisverschluss seiner faltigen braunen Lederjacke bis unters Kinn. Doch die trübe Witterung kann ihm sein herzKulturGut 13 | Seite

liches Lächeln nicht aus dem Gesicht wischen. Er betritt das Asiahaus in der Textorstraße, die Hände reibend, als versuche er einen kleinen Funken zu erzeugen, der die fröstelnden Knöchel auftauen lässt. Die Gäste sind so bunt wie die Regale des kleinen Spezialitätenladens, so authentisch wie eine Speisekammer, doch charmanter als ein Ber-

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liner Straßencafé. Eben das könnte auch den studierten Kommunikationsdesigner beschreiben. Den vollen Teller in der rechten und eine Tasse in der linken Hand – bei dem 30-Jährigen bricht der kleine Junge durch, der sich auf sein Leibgericht freut. „Seelennahrung“, sagt er und greift beherzt zum Löffel. Die vielen Schachteln spiegeln sich auf der durchsichtigen Plastiktischdecke und werden vom Schatten seiner grauen Schiebermütze unterbrochen. Boseckerts Fünf-Tage-Bart ist perfekt gestutzt. Zwei Ohrlöcher hat er sich in Italien stechen lassen, doch „das hat sich böse entzündet“. Im warmen Süden ist er gern. Kommt gerade aus Portugal zurück. „Nein, dieses eine Mal war es Urlaub“, lacht er und nippt an seinem Getränk.

Wer sich definiert, schränkt sich ein Vor kurzem wurde „Momento – Pupkulies & Rebecca play Cabo Verde“ abgedreht. Er schwärmt von den Eindrücken des afrikanischen Inselstaats. Die Leichtigkeit, Lebensfreude und der typische Rhythmus, der mit den elektronischen Klängen der Würzburger Band Pupkulies & Rebecca interagiert, wurde zu einer „fesselnden Fusion“, sagt Boseckert. Er ist kein Fan von stoischen Genregrenzen: „Wer sich definiert, schränkt sich doch in erster Linie ein und verpasst die Chance, sich zu entfalten.“ Er erzählt von seinem besten Freund, vielleicht die wichtigste Begegnung in seinem Leben. Wie einen großen Bruder bewundert er ihn und seine Stringenz. „Er hat einfach alles umgesetzt, was er sich vorgenommen hat. Ehrlichkeit, Zielstrebigkeit, doch immer ohne Scheuklappen durch das Leben gehen.“ Das hat er von ihm gelernt und sich zu Herzen genommen. Doch sein Beruf bringt Stress mit sich, und er musste lernen, wie viel er seinem Körper zumuten kann: „Ich brauche diese Auslastung, doch ich weiß, wie ich meinen Akku wieder aufladen muss.“ Er geht laufen, schwimmen, liest ein Buch. Literatur beeinflusst ihn sehr, liefert Ideen für Handlung, Charaktere, und ist auch zum Abschalten da. Dabei hebt er eine Hand und beginnt seine Geschichte zu dirigieren. Er unterteilt die vielen Eindrücke, die ihn beim Entwickeln eines Drehbuchs prägen, in feine Scheiben: „Da spielt so viel rein.“

Die Hand über der Kaffeetasse Als Abschlussarbeit seines Studiums drehte er den Kurzfilm „Johnny & Die Leichtigkeit“. Bei der Konzeption lernte er, wie wichtig es ist, alles klar zu unterteilen. Casting, Story, Dreharbeiten – Postproduktion. Doch seine kindliche Neugierde, seine Kreativität und Phantasie erhielt er sich. In der Mönchbergschule gibt er Filmunterricht und drehte mit den Kindern „Schattenspringer“ über das Anpassen und Akzeptieren von neuen Situationen. Zwei Kids aus Ungarn und Äthiopien treffen sich in einem fremden Land und versuchen ihre unterschiedliche Mentalität und die neue Situation unter einen Hut zu bekommen. Boseckert ist „beeindruckend, wie produktiv und kreativ die Kids arbeiten“. Er spricht von Integration und dem Spagat zwischen Tradition und neuer Kultur. Sein Blick wird nachdenklicher und er kreist langsam mit seinem Löffel über der weißen Keramiktasse. Kreist, sucht und sticht zu, als hätte er die Lösung im Milchschaum gefunden, der sich an der metallenen Spitze des kleinen silbernen Bestecks teilt. „Gerade zur Wahl ist der Umgang mit politischen Flüchtlingen wichtiger denn je.“ Er mag die Kapverdischen Inseln. Dort habe er gesehen, wie schön das Leben sein kann. Letztes Jahr war er in Bangkok. Ein krasser Gegensatz zur Leichtigkeit des Inselstaats. Gedreht wurde eine Dokuserie: „The Other Job“. Zusammen mit Christian Huller zeigt er die anderen Seiten der thailändischen Metropole, fernab von Party und Tourismus. Im Fokus steht ein Mann, der all sein Hab und Gut in seiner Weste trägt: „Er besitzt nichts und alles. Ist wahrscheinlich einer der glücklichsten Menschen der Welt.“ Es beginnt zu nieseln. Boseckert schützt seine Tasse mit der Hand und schließt die Augen. „Das Leben kann schön sein.“ Er lacht.

INFO: Für die Fertigstellung der Dokumentation „Momento – Pupkulies & Rebecca play Cabo Verde“ werden weiterhin Sponsoren gesucht: | www.mind-core.de

Szenenfotos aus dem Kurzfilm „Schattenspringer“. KulturGut 13 | Seite

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 weitere Informationen: www.kulturgut.wuerzburg.de

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Ent-Faltung im Alter(n)

9. Oktober bis 6. November, je 19 Uhr, Casablanca, Ochsenfurt Alle reden vom demografischen Wandel, hier ist er zu sehen. Fünf Filme beschäftigen sich mit dem Leben von hinten und bieten somit teils ungewohnte Perspektiven. Vor jedem der Mittwochsstreifen treffen sich die Initiatoren zu Einführung und Gespräch: der Bamberger Dogmatikprofessor Jürgen Bründl, Dietmar Kretz von der Akademie Domschule, der katholische Weltanschauungsbeauftragte Jürgen Lohmayer und Kino-Co-Chef Hannes Tietze. Anschließend geht es um „Wolke 9“ des ebenso radikalen wie höflichen Andreas Dresen, am 16. mit den anwesenden Regisseurinnen Wiltrud Baier und Sigrun Köhler auf Hohenlohisch mit schriftdeutschen Untertiteln darum, „How Time Flies“; es folgen am 23. „Pandora’s Box“ im türkischen OmU, am 30. Michael Hanekes „Liebe“ und zum Schluss „Die plötzliche Einsamkeit des Konrad Steiner“ (1976) vom schweizerischen Regisseur Kurt Gloor. | www.casa-kino.de ++++++++++++++++++++++++

Der Wahnsinn im Kultfilm 22. Oktober, 19.30 Uhr, Neue Universität

„Für Fachhochschullehrer, die sich im Psycho- und Medienbereich herumtreiben, ist ‚Psycho Movie’ ein Muss. Ohne Gnade. Für Veranstalter der hartnäckig überlebenden ‚Psychiatrie im Film’-Tage sollte dieses Buch einen festen Platz bekommen“, schrieb Ilse Eichenbrenner 2007 in „Soziale Psychiatrie“ über das Buch von Hans Fellner. Auch andere Leser halten „Psycho Movies“ sehr, sehr hoch. Der Autor spricht in der Ringvorlesung über Irrsinn und Kunst. Jenseits klinischer Kategorien lieferte seine Studie für mehr als 100 Spielfilme eine systematische Übersicht über

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spezifische Subjektbegriffe, mit denen Filmemacher kulturelle Bilder zu gesellschaftlichen Normalitätswie Abweichungsverhältnissen konstruieren. Fellner zeigte auch, wie die symbolischen Grenzüberschreitungen der Psycho Movies als etablierte Abweichungscodes Normalitätsgrenzen festigen. | www.markus-fellner.de ++++++++++++++++++++++++

Geschichten aus dem alten Würzburg, aus Schlesien und Aschaffenburg 29. Oktober, 19 Uhr, Miravilla

Der Historiker und Journalist Roland Flade zeigt einen kurzen Film, der 1942 in der unzerstörten Stadt aufgenommen wurde, und liest unter anderem Auszüge aus dem Tagebuch der Würzburger Abiturientin Ortrun Koerber, die sich 1944 verbotenerweise in einen italienischen Kriegsgefangenen verliebte. In einem Kapitel seiner gerade entstehenden Familiengeschichte geht es um die Hochzeit seines Urururururururgroßvaters im Jahr 1674 in einem schlesischen Städtchen. Zum Schluss liest er einige humoristische Dialektgedichte aus einer Geburtsstadt Aschaffenburg. Das Seniorenstift des Landkreises liegt in der Hackstetterstraße am Hubland. | www.miravilla.de ++++++++++++++++++++++++

Von Stockholm nach Casablanca

12. bis 14. November, 19 bzw. 22 Uhr (Einlass), Residenz „Sie hat eine viel zu große Nase, schiefe Zähne und unmögliche Augenbrauen“, meinte Studioboss David O. Selznick über seinen Schwedenimport. Der widersetzte sich den Verschönerungswünschen HollyKulturGut 13 | Seite

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woods und Selznick machte aus der Not eine Tugend: er etablierte die Bergmann als naturbelassene nordische Blonde mit rigoroser eigener Moral und wenig Humor. So die Legende. Und auch wenn man Katharine Hepburn lieber mag – dass Ingrid Bergmann sogar in schlechteren Filmen einfach eine gute Schauspielerin war, zeigen vier Hollywoodstreifen aus den 1940er Jahren bei den 11. Filmnächten im Hofkeller. Am Dienstag kämpft sie in Sam Woods „Wem die Stunde schlägt“ (1943) mit Gary Cooper als Partisanin im spanischen Bürgerkrieg, am Mittwoch bricht sie als italienische Emigrantin im Vorkriegsparis Charles Boyer das Herz (Remarques Roman „Arc de Triomphe“ diente Regisseur Lewis Milestone als Vorlage für den 1948 gedrehten Film) und am Donnerstag treibt selbiger Boyer die Bergmann in George Cukors „Das Haus der Lady Alquist“ (1944) am viktorianischen Thornton Square in den Wahnsinn. Und erst dann, in der Donnerstags-Spätvorstellung ab 22 Uhr, darf sie als treue untreue Ilsa Lund in Michael Curtiz’ „Casablanca“ (1942) Humphrey Bogart alias Rick Blaine zu etwas bringen, was er doch wirklich nicht mehr wollte. Berthold Kremmler von der Filminitiative Würzburg moderiert. | www.hofkeller.de ++++++++++++++++++++++++

Melodien aus Film und Musical

11. Januar, 19.30 Uhr, CCW Vom Mars über Superhelden bis hin zum guten Geist aus der Öllampe führt die akustische Abenteuerreise. Und: Zum Jahreskonzert des Projektorchesters Würzburg stellt sich dessen neuer Leiter Peter Leipold vor. Seine 80 Bläser und Percussionisten haben dank wöchentlicher Proben auch einige Pop-Hits drauf. | www.projektorchester.de


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Dr. Georg Angermaier

999 Jahre St. Stephan

27. Oktober, 15 Uhr, Stephanskirche

Winterfreuden – Historische Schlitten

15 Einrichtungen kooperieren für diesen Vortrag von Prof. Fabian Wittreck (Universität Münster) und Helmuth Caspar Graf Moltke. Ihr Thema ist „Der Justitiar der Diözese Würzburg im Widerstand gegen die NS-Diktatur (1913-1945)“. Zu Redaktionsschluss soll(te) die Lengfelder Helmuth-ZimmererStraße nach Angermaier umbenannt werden, der sich als Rechtsberater kirchlicher Einrichtungen für die Verteidigung kirchlicher Rechte gegenüber dem NS-Regime einsetzte und versuchte, die Bischöfe zu öffentlichen Protesten gegen die Menschenrechtsverletzungen des NS-Regimes zu bewegen. Wittreck betrachtet den Fall als Direktor eines Instituts für Öffentliches Recht und Politik, von Moltkes Vater Helmuth James wurde 1945 von den Nazis hingerichtet: Er gehörte teils Angermaiers Kreisen an. | www.wuerzburg.de

Das ehemalige Kloster vor den Stadtmauern Würzburgs blickt auf eine 999-jährige Geschichte zurück, davon gut 200 Jahre als evangelische Kirche. Sie ist heute u. a. Dekanatskirche. Ein knappes Drittel der kirchensteuerzahlenden Christen Würzburgs bekennt sich nämlich zur Lutherischen Konfession. Maike Hansen besucht das markante Bauwerk im Rahmen der sonntäglichen Stadtverführungen für Einheimische. Außer um die Geschichte geht es ihr um die Innenausstattung mit Kreuzigungsgruppe, Pieta und Stephanus-Relief von Helmut Ammann. | www.wuerzburger-gaestefuehrer.de

28. November bis 9. März, Mainfränkisches Museum

Als Museum der unterfränkischen Heimat hütet das Depot auf der Festung eine ganze Sammlung von Kufenfahrzeugen, wie sie sich der normale „Bahn frei!“-Rufer nicht vorstellt. Vier der ungewöhnlichen Modelle wurden eigens für diese Ausstellung restauriert, die als dritte und letzte Sonderschau den Veranstaltungsreigen zum 100. Geburtstag des Mainfränkischen Museums beendet. Am 1. Dezember um 13 Uhr beginnt ein Aktionsnachmittag. | www.mainfraenkisches-museum.de

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Stümpler, Störer, Rörenschieber

Nacht der offenen Weinkeller

18. Oktober, 18 Uhr, Ratssaal

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Sammlung Willi Dürrnagel bis 20. Oktober, Spitäle

Von den Schiestls bis zu Vater und Sohn Stein: Rahmen an Rahmen bedecken Bilder Würzburger Künstler die Wände im Sanderauer Häuschen des leidenschaftlichen Herbipolensica-Sammlers Dürrnagel. Wenn der Stadtrat und Verschönerungsvereinsvorsitzende seine Ausstellung besucht, dienen ihm auch Urkunden, Medaillen, Ansichtskarten als Aufhänger für Erklärungen dessen, wie das alles miteinander zusammenhängt. Und als Pensionär hat er oft Zeit, sich zwischen seinen Schätzen aufzuhalten. | www.spitaele.de

8. November, 16.30 Uhr, Universitätsbibliothek Von der Informationstheke der UB am Hubland geht es zu ausgewählten fürstbischöflichen Verordnungen, die beweisen: Die Regelungswut der EU ist kein neues Phänomen. Auch die Würzburger Landesherren versuchten, das Leben ihrer Untertanen bis ins kleinste Detail zu regeln. Da geht es um Poller, Spatzenköpfe, Hasenbälge u. v. m. Die Erläuterung einiger Landesverordnungen erlaubt schlaglichtartige Einblicke in die Sozial- und Verwaltungsgeschichte des frühneuzeitlichen Hochstifts. | www.bibliothek.uni-wuerzburg.de

30. November, 18 Uhr

Die vier zentralsten richten sechs lehrreiche, geschmackvolle und erlebnisträchtige Stunden rund um Silvaner & Co aus: Bürger- und Juliusspital, Staatlicher Hofkeller und Weingut am Stein. Die Weingüter laden zu Musik, Probiergläschen und Rundgängen durch die Fertigungsanlagen, die Stadt drehte es hin, dass die Fußwege von Gut zu Gut durch keine Service-Wüste führen: Im Kernbereich der Altstadt können Geschäfte in dieser Nacht zum Ersten Advent bis 23 Uhr geöffnet bleiben. | www.buergerspital.de | www.juliusspital.de | www.hofkeller.de | www.weingut-am-stein.de

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Farbe am Bau Straßenkunst ist das Senkrechte für die Europastadt von Anna Valeska Strugalla / Foto: Benjamin Brückner

+ Zwei Gestalten tänzeln auf einem Gerüst, das eine massive Säule umschließt. Am Boden aufgestellte Strahler tauchen sie in ein schattenreiches Licht. Die eine hat eine Spraydose in der Hand, die andere einen Pinsel. Beide wirken hochkonzentriert, routiniert und wendig. Offenbar handelt es sich um Frauen. Sie betrachten die Säule aus allen Positionen und Perspektiven, um sich dann für einen Farbtupfer oder einen Pinselstrich kurz nach vorne, an das Objekt zu beugen. Sie tragen bequeme, sportliche Kleidung, eine der Personen ist mit Gasmaske und Kopfhörern nahezu vermummt. Manou Wahler und Pau Quintanajornet setzen letzte Akzente in den letzten Momenten eines Street-Art-Projekts in Würzburg.

in der Szene als „Tigapigs“ bekannt. „Die Szene“, das sind die Künstler, die im öffentlichen Raum produzieren oder ausstellen. Sie verstehen sich durchaus als offizielle Künstler, eben als Urban Artists. Den Ausdruck ‚Street Artists‘ hören sie, so Manou, hingegen nicht so gerne. „Gute Leute“ definiert die Trägerin des Würzburger Preises für junge Kultur über einen markanten Stil mit Widererkennungswert im Zusammenspiel von Graffiti und moderner Malerei, über die Plätze, an denen sie gemalt haben, und auch über die Größe der Flächen, auf denen sie arbeiten.

Spontaneität trifft Zähigkeit

Ein guter Urban Artist zu sein, das heißt vor allem aber auch, dass sie für ihre Kunst bezahlt werden. Die Aktion, die wohl schnell als „städtisch genehmigte Sprayerei und Schmiererei“ missverstanden werden kann, ist im Grunde eine Arbeit von jungen Künstlern und gleichzeitig Meistern ihres Fachs. Doch ist eine bemalte Säule auf einem Festival und eine Wand am Bürgerbräu-Gelände wirklich „Urban Art“? „Zu hundert Prozent!“, da ist sich die Künstlerin sicher und gleichzeitig bei einem ihrer großen Anliegen angekommen: Urban Art, das steht nicht für heimlich und illegal, nicht für Dunkelheit und Taschenlampe. Die Künstler, die im Sommer in Würzburg tätig waren, wollen Werke schaffen, die für die Öffentlichkeit frei zugänglich sind und möglichst viele erreichen. Und „öffentlicher Raum“, da ist sich Wahler sicher, ist das umsonst&draußen durch und durch. Wie der Name schon sagt, kann jeder das Festival besuchen, ohne Eintritt. Zudem sind die Mainwiesen im Normalfall für jedermann frei zugänglich. Auch das Bürgerbräu-Gelände sei „öffentlicher denn je“, so Tigapigs, auch wenn es sich derzeit in einem Zwischenstadium befinde.

In 27 Stunden haben die beiden weiblichen Urban Artists eine graue starre Säule der Einheits-Brücke mit hellen Farben und kräftiger Ledertinte in eine kurvenreiche Schönheit mit wallendem, schwarzem Haar verwandelt. Quintanajornet und Wahler mussten sich nur fünf Minuten besprechen, dann fiel der Startschuss für die zweitägige Farbenexplosion der beiden jungen Frauen.

Eine Initiative zum Preisträgergeburtstag Das 40-jährige Jubiläum Würzburgs als Europapreisträgerstadt war der Anlass für zehn „Straßenkünstler“, ihre geballte Kreativität hier und am anderen Ende der Zellerau, auf dem Bürgerbräu-Gelände zu entfesseln. Die Eingeladenen sollten so jung wie möglich sein, aus mehreren Ländern kommen und vor allem etwas drauf haben – so die Vorgaben des Komitees, das für diese Geburtstagsgrüße zuständig war. Die Koordination lag bei Manou Wahler. Die vielseitige 33-jährige Würzburger Künstlerin ist auch als Urban bzw. Street Artist aktiv.

Bekannte aus dem Internet Wie sie auf ihre KollegInnen-Auswahl kam? „Durch Netzwerke wie Flickr oder Facebook kennt man heutzutage die guten Leute in der Szene. Mit den meisten habe ich seit langem Kontakt“, erzählt Wahler, KulturGut 13 | Seite

Eine Definitionsfrage des Geldes

Ein Kunstwerk spiegelt seine Entstehung wieder Das große Bürgerbräu-Wandgemälde legt beredtes Zeugnis davon ab, dass der Ort des künftigen Kreativzentrums heute schon lebt. So

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schlich zu Beginn der Urban-Artists-Ortsbegehung ein misstrauischneugieriger Passant um die Künstlerinnen und Künstler herum. Bei der Motivauswahl war schnell klar: Die Begegnung mit dem Mann war ein klares Zeichen! Nun ist er am Bürgerbräu verewigt.

Treffen von Kontinenten In diesem Juni 2013, an den Tagen des umsonst&draußen-Festivals, wurde eine Art Gipfeltreffen der internationalen Urban-Artists-Jugend abgehalten. Drei Frauen und sieben Männer zwischen 20 und 33 JahKulturGut 13 | Seite

ren kamen aus Chile, Spanien, Mexiko und Israel angereist. Nach einigen Tagen der Akklimatisierung und einer Begehung des Gestaltungsraums starteten sie.

Eine Frage der Flächen An die Aktion am Brückenpfeiler erinnert sich die quirlige Künstlerin Manou Wahler gerne. „Die Möglichkeit, diese relativ anspruchsvolle Fläche zu bearbeiten und gleichzeitig mit dem Publikum zu kommunizieren, ergab eine tolle Atmosphäre. Wir haben losgelegt, ohne Rück-

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Alle Vorteile auf einen Blick www.adac.de/ticketshop

Vorteilsprogramm

sicht auf Verluste. Wie frei wir an die Sache gegangen sind, hat die Leute beeindruckt. Vorzeichnen oder so etwas gab es bei uns nicht“, grinst die junge Frau mit den kurzen schwarzen Haaren. Und auch die anderen Künstler der Gruppe waren durchaus zufrieden mit den Umständen des Urban-Art-Wochenendes. „Ich bin mir sicher“, so Wahler: „Hätte ich noch ein paar Flächen gehabt – die hätten mit Freude weitergearbeitet!“ Doch trotz oder wegen dichter Besiedlung: Flächen für Urban Arts sind in Würzburg rar.


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Sch端ler an die Unis, Unis in die Schule! W端rzburg ist Stadt der jungen Forscher 2014 Text und Foto: Michaela Schneider

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+ In den Schülerlaboren des Rudolf-Virchow-Zentrums wird getüftelt, das Bienenprojekt „Hobos“ vernetzt Schüler weltweit und im naturwissenschaftlichen Labor am Friedrich-König-Gymnasium tauchen junge Menschen ein in die Welt von Molekularbiologie und Laserphysik. Schon seit Jahren setzen sich Würzburgs Professoren, Forscher, Schulen und Unternehmen dafür ein, junge Menschen für Wissenschaft zu begeistern. Jetzt wird dieses Engagement ganz offiziell

gewürdigt: Würzburg ist Stadt der jungen Forscher 2014. Gegen vier Mitbewerber setzte sich die Bischofsstadt Anfang Juni in dem Wettbewerb durch, den Körber-, Robert-Bosch- und Deutsche Telekom-Stiftung jährlich ausloben. Mit den 65.000 Euro Preisgeld will die Stadt Netzwerke stärken und Neues auf die Beine stellen. „Würzburg hat drei Hochschulen und eine vielfältige Schullandschaft. Es gibt etliche Einzelprojekte, doch arbeiten die meisten punktuell für sich“, beschreibt Monika Hahn, Wissenschaftsbeauftragte der Stadt die Situation. Klares Ziel des kommenden Jahres: „Wir wollen Strukturen für längerfristige Kooperationen schaffen.“

Wie sich die Kommune engagiert Gleich im Juni schrieb die Stadt einen Wettbewerb für Schul-Wissenschaftsprojekte aus, bei denen jeweils eine Forschungseinrichtung und eine weiterführende Schule ab der 8. Klasse beteiligt sein muss. „Es wurden nicht nur naturwissenschaftliche Kooperationen eingereicht, sondern auch geisteswissenschaftliche und kulturelle“, verrät Nadine Bernhard von Fachbereich Schule der Stadt Würzburg. Rund 50.000 Euro werden in den Wettbewerb fließen, der so viele Ideen wie möglich fördern soll. Ergebnisse zeigt die Kooperationsbörse „Schule – Wissenschaft – Wirtschaft“ am 10. Oktober ab 14 Uhr im Hörsaalgebäude der Uni am Hubland. Schüler, Lehrer, Wissenschaftler und Wirtschaftsvertreter knüpfen in lockerer Atmosphäre engeren Kontakt. Workshops geben Nachhilfe in Präsentationstechniken oder Projektmanagement. Eine solche Börse möchte Monika Hahn als jährliche etablieren – kommen darf jeder, der sich für Wissenschaft interessiert. Die Gewinner des Schülerwettbewerbs werden bei der Kooperationsbörse noch nicht bekannt gegeben, das geschieht im November.

Ein kluger Herbst Dann wird auch das hiesige Fraunhofer-Institut zur 1. Würzburger Talent-School in die Außenstelle Bronnbach einladen. Neunte bis zwölfte Klassen können dabei in drei Workshops die Themen Energieversorgung, Nanotechnologie oder Recyclingforschung für sich entdecken. Dabei werden wiederum nicht nur die Natur-, sondern auch Geisteswissenschaften in den Fokus gerückt, zum Beispiel durch eine Produktion für die Kammerspiele des Mainfranken Theaters in Kooperation mit mehreren Schulen unter dem Motto „Von Natur aus Wissenschaft“. Der eigentliche Höhepunkt im Jahr der „Stadt der jungen Forscher“ soll am 6. Juli 2014 auf dem Unigelände am Hubland als ganztägiges Campusfestival stattfinden. Unter anderem wird dort der „Schülerforscher des Jahres“ ausgezeichnet. An den beiden Tagen davor tagen die drei beteiligten Stiftungen zum Thema Kooperation Schule/ Wissenschaft in Würzburg. Eine eigene Homepage soll die Kommunikation zwischen jungen Menschen und Forschern, Schulen und wissenschaftlichen Einrichtungen fördern. „Wir wollen die Strukturen für die Plattform schaffen und hoffen, dass sich diese zum Selbstläufer entwickelt“, sagt Nadine Bernhard. Der Kontakt zur Basis ist jedenfalls eingerichtet: Jugendliche können Fragen ans Organisationsteam der „Stadt der jungen Forscher“ schicken, die sich im Schulalltag ergeben. „Wir suchen dann die Wissenschaftler, die Antworten geben“, verspricht Hahn. LINK: | www.junge-forscher-wuerzburg.de KulturGut 13 | Seite

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Geschaffen aus Sternenstaub

7. Oktober, 19 Uhr, Johannes-Kepler-Schule u. Sternwarte Sind wir Menschen die Krone der Schöpfung oder nur ein vergängliches Staubkorn in den unvorstellbaren Weiten des Universums? Die fundamentalen Fragen „Wo kommen wir her?“ und „Wo gehen wir hin?“ sind heute aktueller denn je. Gestellt werden sie an diesem Abend von der Akademie Domschule, der Volkssternwarte und der Gemeinschaft Christlichen Lebens. Hauptreferent zum Thema „Leben in kosmischer Dimension“ ist Johannes Brückner. Der Mainzer Physiker widmete sich Analysemethoden, die auf fremden Planeten angewandt werden können, um die chemische Zusammensetzung von Steinen und Staub zu bestimmen. Gegenwärtig ist er an zwei Mars-Missionen beteiligt. An den Vortrag mit Gespräch schließt sich bei klarem Wetter eine Führung in der nahegelegenen Sternwarte an, deren Teleskop einen Blick ins Weltall erlaubt. Anmeldung Telefon 0931 38664500. | www.domschule-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Die Renaissance – das Zeitalter der Erfindungen

8. Oktober, 9.30 Uhr, Volkshochschule Das Zeitalter der Renaissance, WintersemesterSchwerpunktthema im studium generale der VHS, setzte mit der Erfindung des Buchdrucks und der Entdeckung Amerikas ein. Aber auch die etwas kleineren neuen Einsichten hatten große Bedeutung für die Menschen vor einem halben Jahrtausend: Wir staunen über die Erfindung der Zentralperspektive durch die Italiener Alberti und Brunelleschi, die Entwicklung eines Fallschirms oder eines Baukrans durch Leonardo da Vinci oder die Beschäftigung mit verschiedenen Typen der menschlichen Erscheinung

Termine |

in der Form von Dürers Proportionsstudien. Einen eineinhalbstündigen Vortrag hierüber hält Uda Ebel, Kunsthistorikerin, Romanistin und dank zahlreicher Führungen pädagogisch erfahren. Anmeldung Telefon 0931 355930. | www.vhs-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Martin Rütter

11. Oktober, 20 Uhr, s.Oliver-Arena Der Mann wurde zwar in Duisburg geboren, dennoch gilt er als schweizer Präzisionstierpsychologe, weil er dieses Fach an einer eidgenössischen Privattierklinik studierte und, fast noch wichtiger, wegen seines hervorragenden Timings bei den AufklärungsShows, die er HundehalterInnen angedeihen lässt. Für 33,50 Euro in einer Dreifachturnhalle kann man außer raumfüllender Körpersprache und astreiner Rhetorik auch ein paar sachdienliche Hinweise erwarten. Das Wichtigste, was man von dem Abend mitnimmt, bevor man daheim die Leine zum tagesfinalen Gassigang (für den Hund: zum Jagen) ergreift, ist: Tölen ticken total anders, als Klein-Hänschen bisher dachte. Auch der größte Einzelgängerhund lebt in und arbeitet an Sozialstrukturen, und zwar immer an hierarchischen. Rütters Training geht vom individuellen Sozialcharakter eines jeden Hunds aus. | www.martin-ruetter-live.de ++++++++++++++++++++++++

Physik trifft Theaterpädagogik 28. Oktober, 9 Uhr, IJF, Matthias-Lexer-Weg 25

Wie kann man naturwissenschaftliche Phänomene spielerisch erarbeiten? Christine Väterlein hat mit ihren Kindern die Wissenschaft neu entdeckt. Daraus KulturGut 13 | Seite

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sind Fortbildungen für ErzieherInnen und Grundschullehrer entstanden. Als Referentin bei der Initiative Junge Forscherinnen und Forscher (IJF) zeigt Väterlein den Stromkreislauf, das Verhalten von Wasser und Luft – für Kinder, die sich als Strom-, Wasser- oder Luftteilchen selbst auf Entdeckungsreise begeben. Der methodische Ausgangspunkt: Kinder lernen am besten spielend, und zwar nicht nach Lehr- oder Bildungsplan, sondern nach ihrem eigenen Bedürfnis und Rhythmus. Anmeldung IJF, Ruth Jesse, Telefon 0931 3169914, r.jesse@initiative-junge-forscher.de, | www.initiative-junge-forscher.de ++++++++++++++++++++++++

docta varietas

ab 25. November, Gemäldegalerie Die neuere Abteilung des universitären Martin von Wagner-Museums in der Residenz präsentiert die Leistungen des Kollegs Mittelalter und frühe Neuzeit. Zwölf geisteswissenschaftliche Fächer arbeiten in diesem Verbund miteinander. Was sie schwerpunktmäßig tun, stellen sie in Wort und Bild auf Postern dar, um die „Leistungsfähigkeit geisteswissenschaftlicher Forschung an der Universität Würzburg“ zu dokumentieren. Geschichte, Kunstgeschichte, Literatur- und Musikwissenschaften – also die Philosophische Fakultät I – initiierte den Verbund, dem sich Philosophie-, Rechts-, Kirchen- und natürlich die Medizingeschichte anschlossen. Die Ringvorlesung des Kollegs (ab 22. Oktober) hat das Thema „Wahnsinn in Literatur und Künsten“. Wir weisen unter den jeweiligen Ressorts auf einige Termine hin. | www.mfn.uni-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++


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Die Peripherie im Zentrum 7. Oktober, 18.30 Uhr, Ratssaal

Peter Sedlacek leitet in Würzburgs schwedischer Partnerstadt Umeå die philosophische Uni-Dekanatskanzlei. Aus dieser ausgesprochen jungen (Durchschnittsalter 36 Jahre) 140.000-EinwohnerStadt am Rand der Nord-Ostsee berichtet er von den Vorbereitungen für 2014, wenn Umeå Kulturhauptstadt Europas wird. Wir nehmen vorweg: Um Pfingsten herum spricht eine Bürgerreise vor allem Würzburger Familien an, um in gemieteten Landhäuschen des wald- und gewässerreichen Umeå-Umlands ein paar Ferientage zu verbringen. Den Stargästen aus aller Welt hat die Stadt durchaus ein Eigengewicht entgegenzusetzen, so dass das Festprogramm nicht global austauschbar wird. Das liegt schon an den Eröffnungen. Immer zu Jahreszeitenbeginn des samischen (bzw. lappländischen) Kalenders wird es neu gestartet, und das heißt: im Vorfrühling und im Frühling, im Früh-, im eigentlichen Sommer und im Spätsommer, im Früh-, Herbst- und Spätherbst. Und dann noch einmal im Winter. Sedlacek spricht im Rahmen der Vortragsreihe „Würzburgs Partnerstädte und Europa“. | www.wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Termine |

hen wird, und zwar von der „Europäischen Bewegung Deutschland“ an den „Ring Europäischer Frauen“ bzw. dessen Gründerin Daniela Topp-Burghardt. | www.wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Länderabend Iran

10. Oktober, 18.30 Uhr, Akademie Frankenwarte Alle Welt redet über den Iran. An diesem Abend besteht die Gelegenheit, mit Iranern zu reden, zumindest ihr Land in einigen ungewohnteren Facetten kennen zu lernen. ExpertInnen stellen das Perserreich von heute politisch, landestypisch kulinarisch und kulturell vor. Diesen 27. Länderabend am Leutfresserweg veranstaltet die Akademie Frankenwarte in Kooperation mit der Volkshochschule und dem Ausländer- und Integrationsbeirat der Stadt. Anmeldung: Telelefon 0931 80464340, carmen.schmitt@frankenwarte.de. | www.frankenwarte.de

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Weihnachtsmeditation

Fesche Frisuren und fröhliche Feschde!

40 Jahre Europapreis

17. November, 11 Uhr, Martin-von-Wagner-Museum

Das halbjährige, abwechslungsreiche Programm „Würzburg feiert 40 Jahre Europapreis“ kommt zu seinem finalen Höhepunkt mit dem Festakt in der Universitätsaula für geladene Gäste. Unter den geladenen Gästen sind viele einfache Bürger, Schülerinnen und Schüler, die zu den vielen Einzelveranstaltungen im Sinne Europas beitrugen. Einige von ihnen geben Kostproben. Zum Geburtstag bekommt die Stadt, dass in ihr der „Preis Frauen Europas“ verlie-

Multikulti am Nil! Schon als der junge Alexander aus Makedonien das ägyptische Reich von den Persern übernahm, präsentierte er sich dem Volk als der neue Pharao. Bei dieser singulären Mischung sollte es nicht bleiben. Auch die Kultgegenstände alltäglicher religiöser Verrichtung am Nil gerieten unter massiven Einfluss zunächst der griechischen, dann der römischen Götterwelt. Jahrhundertelang entstanden aus dem Nilschlamm Tonfiguren, die, so ein Museumssprecher „Einblicke erlauben in die alltäg-

9. Oktober, 19 Uhr, Neubaukirche

lichen Bedürfnisse, Sorgen und Gelüste der antiken Menschen, mal sinnenfroh und obszön, mal voller Ehrfurcht vor dem Leben“. Die Sonderausstellung „Griechisch – ägyptisch – gryptisch“ ist vom 15. Oktober bis zum 27. Juli in der Antikensammlung zu sehen. An diesem Sonntag führt Caroline Goll vom studentischen Museumsdienst zu den Haarfrisuren und Partys in der Bar zum Krokodil. | www.museen.uni-wuerzburg.de

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Fremdsein

24. Oktober bis 8. November, KoppArt Die Galerie in der Ursulinergasse 6 zeigt im Rahmen des Interkulturellen Herbsts und auf Betreiben des Mallehrers Alexander Kopp sowie des Würzburger Kunststück e. V. Werke von zugewanderten und einheimischen Künstlern. | www.brueckenbogen.de ++++++++++++++++++++++++

10. Dezember, 20 Uhr, Johanniskirche Die Theologin Margot Käßmann verfasste „Die Botschaft der Engel“. Texte dieses Buchs liegen auch der Weihnachtsmeditiation zugrunde, die sie gemeinsam mit dem Blockflötisten Hans-Jürgen Hufeisen gestaltet, der das Konzept entwickelte und die Musik komponierte. Am Klavier begleitet Thomas Strauß. Käßmann war von 1999 bis 2010 Bischöfin der größten evangelischen Landeskirche (Hannover) und 2009/2010 Ratsvorsitzende der EKD. Ein Jahr nach ihrem vieldiskutierten Rücktritt wurde sie Botschafterin ihrer Kirche für das Luthersche Reformationsjubiläum 2017. Im Team mit Hufeisen war sie schon auf mehreren Kirchentagen zu erleben. | www.stephans-buchhandlung.de


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Rübezahls Erben Wie der Heimatkreis Trautenau mit seiner Zukunft umgeht von Anna Valeska Strugalla / Fotos: Benjamin Brückner

+ Die üblichen Verdächtigen sind schon da und machen es sich auf der Eckbank mit Kaffee und Gebäck gemütlich: zwei Frauen Anfang siebzig und ein deutlich älterer Herr. Winfried Kreutzer hat seine Unterlagen bereitgelegt, Andrea Huber schaut überrascht auf, als zwei weitere Gäste durch die Tür kommen. Huber kennt sie nicht, doch ist sofort zur Stelle: „Zur Schatzsuche sind Sie hier richtig.“ Die monatliche „Schatzsuche mit Rübezahl“ zum Erzählen, Erinnern, Aufarbeiten ist momentan die einzige regelmäßige Veranstaltung in den Räumen über dem Stadtarchiv in der Neubaustraße. Der Riesengebirgler Heimatkreis Trautenau e.V. ist einer von 81 Kreisen in Deutschland, die ihrerseits Teil der so genannten visuellen Gliederung der Sudetendeutschen in der Bundesrepublik sind. Ihre Geschichte: Als eine Folge des Zweiten Weltkriegs wurden die deutschstämmigen Bewohner aus den sudetendeutschen Gebieten im östlichen Europa zum Großteil nach Bayern vertrieben. Ihre Suche nach vermissten Angehörigen und Freunden erleichterte u. a. der Zusammenschluss der ehemaligen sudetendeutschen Bewohner des Kreises Trautenau, gelegen im heutigen Tschechien. Außerdem pflegten die Heimatkreise von Beginn an Kultur und Traditionen der alten Heimat. 1956 übernahm die Stadt Würzburg die Patenschaft für die Bürger aus Trautenau. Seitdem gehörten sie zum Vereinsleben. Sie lieferten Beiträge zum kulturellen Programm Würzburgs, richteten eine kleine Ausstellung und ein Archiv über das Riesengebirge ein. Ihre Jahrestreffen machen deutlich, welche Veränderung der Verein durchmachte. Von den früheren Treffen erzählen ältere Mitglieder mit Freude: „Die Hutten-Säle wurden damals fast gesprengt. Die Treppe vor dem Gebäude war sogar noch vollbesetzt“, berichtet der 86-jährige Rudolf Staffa. Ende der 1940er-, Anfang der 1950er Jahre kamen zwischen 2500 und 4000 Besucher. Das Programm des Treffens hat sich bis heute nicht großartig geändert: Die alten Lieder werden gesungen, Mundartvorträge und kleine Einlagen erheitern und die Vollversammlung wird abgehalten wie eh und je. Doch die Teilnehmerzahl schrumpfte rapide. Im April dieses Jahres waren es noch knapp 200.

Begegnungszentrum zu Vertreibung und Integration Der Verein besteht überwiegend aus Mitgliedern der Erlebnisgeneration. Zu der Erinnerungskultur der Heimat finden viele Nachkommen keinen Zugang, da es nicht um „ihre Heimat“ geht. Für viele der Mitglieder ist es ein Spiel auf Zeit, man ist sich der traurigen Wahrheit gewiss: „Nach uns kommt ja eh keiner mehr.“ Doch nicht alle sehen das so. Mitverantwortlich dafür ist Andrea Huber. Von 2003 bis 2012 war sie Geschäftsführerin des Vereins: „Emotional bin ich an den Heimatkreis gebunden. Ich habe zwischenKulturGut 13 | Seite

menschlich viele Gemeinsamkeiten mit den Mitgliedern entdeckt und fühle mich hier sehr wohl.“ Die 55-Jährige sieht die Zukunft des Heimatkreises keinesfalls in einem stillen Ende. Die Wahrung der sudetendeutschen Kultur aus dem Riesengebirge ist ihr als alleiniger Vereinszweck zu wenig. Sie setzt auf die Themen Integration und Vertreibung. „Wir müssen aus den alten Strukturen raus“, so die Würzburgerin. Die Öffnung nach außen sei da ganz entscheidend. Die „Schatzsuche mit Rübezahl“ ist ein Weg, ein neues Publikum für den Verein zu interessieren. Eine Ausstellung im Dezember 2012 präsentierte die Geschichte des Heimatkreises unter dem Titel „Vertreibung, Integration, Versöhnung“. 2008 wurden Würzburg und das tschechische Trutnov, ehemals Trautenau, Partnerstädte. Der Heimatkreis hatte sich lange Zeit für diesen Schritt eingesetzt und versprach damals dabei zu helfen, „die Partnerschaft mit Leben zu erfüllen“. Das gelang etwa beim Frühling International und auf der Mainfrankenmesse. „Der Heimatkreis ist ein Beispiel für Integration“, so Huber, „Vertreibung und Inte-

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gration sind heute mehr denn je Thema. Der Verein hat eine wichtige Vorbildfunktion, denn die Erfahrungen der Mitglieder können an vom selben Schicksal Betroffene weitergegeben werden.“ Eine Art Begegnungszentrum zum Thema Vertreibung könnte die Zukunft des Vereins sein. Huber lässt den Blick durch die Stube gleiten: „Unser Raum hier birgt so viele Schätze, die Aufschluss über unsere Integration geben. Eine Neuorientierung gemeinsam mit einer Neugestaltung des Raums könnte von großem Nutzen für die hiesige Gesellschaft sein.“

Wenn einer nicht zur Erlebnisgeneration gehört Andrea Huber ist nicht allein mit ihrer Idee. Vorsitzender Rainer Rosenbaum ist der erste Amtsträger, der nicht mehr aus der ErlebnisgeKulturGut 13 | Seite

neration stammt. Eine wichtige Eigenschaft, denn Rosenbaum schaut nach vorn: Kann der Heimatkreis noch eine Zukunft haben? „Nicht nur kann, sondern muss!“ Der ehemalige Entwicklungshelfer wirkt entschlossen. „Vertreibung ist nicht einmal isoliert passiert, sondern passiert immer wieder. Doch die Menschen lernen wenig und sind nicht bereit, sich damit auseinanderzusetzen. In der Hinsicht haben wir eine bedeutsame Verantwortung. Wir haben eine Integration geschafft. Hier gibt es Menschen mit Migrationshintergrund, die unsere Hilfe brauchen könnten. Die finden uns aber so, in unserer heutigen Formation nicht.“ Die Schnittmenge an Optimisten, Visionären und körperlich einsatzbereiten Mitgliedern ist klein, aber sie existiert. Doch eine Kehrtwende wird der Verein nicht aus eigener Kraft schaffen. Die Geschäftsleitung steht in Kontakt mit dem Institut für Museologie der hiesigen Universität. Vor kurzem hat die Stadt einer weiteren Unterstützung für die Unterhaltungskosten der Stube zugestimmt.

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Impressum |

Herausgeber und V.i.S.d.P.: MorgenWelt Würzburg GmbH Gerberstraße 7, 97070 Würzburg Telefon 09 31 32 999 0 und Kulturreferat der Stadt Würzburg Rückermainstraße 2 97070 Würzburg Redaktionsadresse MorgenWelt Würzburg GmbH: KulturGut Gerberstraße 7, 97070 Würzburg Telefon 09 31 32 999 0 Anzeigen: MorgenWelt Würzburg GmbH, Gerberstraße 7, 97070 Würzburg Stefan Luz, Telefon 0931 32999 11 Matthias Meyer, Telefon 0931 32999 14

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Druck: Schleunungdruck GmbH, Marktheidenfeld

C. v. D.: Joachim Fildhaut

Auflage: 10.000 Exemplare ISSN 2191-9666

Mitarbeiter: Viviane Bogumil, Susanne Hoffmann, Berthold Kremmler, Manfred Kunz, Gabriele Polster, Michaela Schneider, Daniel Staffen-Quandt, Ulrike Schäfer, Max Schmitt, Anna Valeska Strugalla, Christine Weisner.

Art Direktion: Melanie Probst

Sonstiges: Alle Veranstaltungsangaben ohne Gewähr. Veranstalter, die Fotos an den Verlag senden, haben eventuelle Honorarkosten zu tragen. Urheberrechte für Anzeigenentwürfe, Vorlagen, redaktionelle Beiträge sowie für die gesamte Gestaltung bleiben beim Herausgeber. Der Nachdruck von Fotos, Zeichnungen, Artikeln und Anzeigen, auch auszugsweise, bedarf der ausdrücklichen Zustimmung des Herausgebers. Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte, Leserbriefe und Fotos kann keine Haftung übernommen werden. Bearbeitung und Abdruck behalten sich Verlag und Redaktion vor. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung des Verlags und der Redaktion wieder.

Produktion & Distribution: MorgenWelt Würzburg GmbH, Gerberstraße 7, 97070 Würzburg Kostenlose Auslage in Kulturzentren, Kinos, Veranstaltungshäusern, städtischen Einrichtungen, Gastronomie und ausgewählten Ladengeschäften

Dank: Wir danken ausdrücklich den Unterstützern und beteiligten Kulturinstitutionen und Kulturschaffenden, ohne die die Herausgabe dieses Mediums nicht möglich wäre.

Redaktionsbeirat: Anja Flicker, Muchtar Al Ghusain, Stefan Moos, Dr. Rotraud Ries, Hermann Schneider, Dr. Gunther Schunk, Prof. Dr. Ulrich Sinn. Fotos: Benjamin Brückner, KulturGut-Bildarchiv, Veranstalter. Die Illustrationen zum Schwerpunktthema fotografierte Benjamin Brückner.

KulturGut erscheint dreimal jährlich in Würzburg.

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KulturGut 14 Februar 2014 |

KulturGut 13 | Seite

66 | Würzburg

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LOHENGRIN OPER VON RICHARD WAGNER PREMIERE: 29. SEPTEMBER 2013 17.00 UHR | GROSSES HAUS MAINFRANKEN THEATER WÜRZBURG Weitere Premieren / Konzerte im Großen Haus:

DER GEIZIGE

Komödie von Molière Premiere: 12. Oktober 2013 | 19.30 Uhr mit einen Vorspiel aus Paul Lafargues „Die Religion des Kapitals“

DON GIOVANNI

Dramma giocoso von Wolfgang Amadé Mozart WA-Premiere: 18. Oktober 2013 | 19.30 Uhr

SUNSET BOULEVARD

Musical von Andrew Lloyd Webber, Christopher Hampton, Don Black Premiere: 08. November 2013 | 19.30 Uhr

„HOFFNUNG“ – EIN GEDENKKONZERT

Werke von Aaron Copland, Felix Mendelssohn Bartholdy und Ludwig van Beethoven 09. November 2013 | 19.30 Uhr

CYRANO DE BERGERAC

Ballett von Anna Vita nach Edmond Rostand WA-Premiere: 06. Dezember 2013 | 19.30 Uhr Karten: 0931 / 3908-124 www.theaterwuerzburg.de


8. 8. im Vogel Convention Center VCC am 16. November 2013 Beginn: 20:00 Uhr

Jasmine Choi Sinfonieorchester ein Weltstar an der Querflöte

mit dem

der Hochschule für Musik Würzburg Mit Werken von Rossini, Mozart, Mendelssohn und Elgar

Eintritt: 90 € Kartenvorverkauf: tickets@wuerzburger-benefizkonzert.de www.wuerzburger-benefizkonzert.de Veranstalter 09267

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