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Der Kandidat Die literarische Erstveröffentlichung von Ulrike Sosnitza / Fotos: Benjamin Brückner

+ Es war Herbst und früh dunkel. Drohnen überflogen die Stadt. Lilia starrte auf die Kontrollschirme, aber alles war wie immer. Sie rieb sich die müden Augen, und als sie die Bildschirme wieder anvisierte, tauchte da „Verräter“ auf, in großen, roten Buchstaben, direkt auf der Stadtmauer. Lilia traute ihren Augen nicht. Eine Drohne meldete, dass es sich um Lackfarbe handelte, magentarot. Die wurde schon lange nicht mehr hergestellt. Lilia gab den Drohnen den Befehl, die Schmierereien zu entfernen, bevor die Bevölkerung sie sehen konnte. Wer hatte etwas auf die Mauer schreiben können, ohne dass sie es bemerkte? Da zerschnitt die weibliche Stimme ihrer Handgelenkseinheit die Stille: „Polizeipräsident an Lilia Sommer: Attentat geplant. Marcus Gebauer, Vorsitzender der ‚Partei Freies Würzburg’, Personenschutz ab sofort, Wohnort Hotelturm.“ Sie quittierte mit einem Blick in den Scanner. Marcus Gebauer war Kandidat für die Oberbürgermeisterwahl. „2050, das Jahr der Befreiung“ war sein Slogan. Das System in ihrem Helm übermittelte weitere Details, während sie mit ihrem E-Mobil in wenigen Minuten von der Zellerau in die Schweinfurter Straße fuhr. Im Aufzug erklärten blank polierte Schriftzeichen die Geschichte des Hotelturmes: 2002 Grundsteinlegung, 2005 – 2012 Baustopp, 2013 Fertigstellung, Hotelbetrieb bis zur Zerstörung im Zweiten Terroristischen Krieg 2025, Abriss. 2037 Wiederaufbau durch China Tourist Consort, Teil des Würzburg Resort bis 2047, seitdem privat bewohnt. Wie Gebauer das aushielt? „2050, das Jahr der Befreiung“ meinte ja: das Jahr der Befreiung von den Chinesen. Aber als Polizistin durfte Lilia keine Meinung dazu haben, schließlich bezahlten die Chinesen ihr Gehalt. Der Anzug vibrierte leicht an ihrem Arm und das Display zeigte an, dass die Drohnen das gesuchte Objekt nicht hatten finden können. Enttäuscht weitete sie den Suchbezirk aus. Sie klingelte. Ein Mann öffnete. Helle Haut, kurze blonde Haare, weißes Hemd, Jeans. „Willkommen, Frau Sommer!“ Er streckte ihr seine Hand entgegen. Für einen Roboter hielt er sie demnach nicht. Oder testete er sie? Ein Roboter würde ihm nie die Hand geben. Sie durfte es eigentlich auch KulturGut 09 | Seite

nicht, aber er sah so sauber aus und …seine Hand war warm, der Händedruck strahlte Ruhe aus. „Infektionsgefahr!“ warnte ihr Kampfanzug. Sofort zuckte sie zurück. „Schalten sie den Plapperkasten lieber aus!“ Er legte seinen Arm um ihre Schultern, worauf wieder der Alarmschrei störte. „Möchten Sie einen Cappuccino?“ „Ich wurde von der Zentrale zu Ihrem Schutz eingeteilt, ich darf den Anzug nicht ausschalten, Kandidat Gebauer.“ „Marcus!“ Seine Augen waren von tiefstem Blau. „Du riskierst doch dein Leben für mich.“ Das Duzen von Sicherungsobjekten wurde offiziell nicht gestattet. Er hielt ihr eine goldumrandete Tasse entgegen. Der Duft echter Kaffeebohnen stieg berauschend in ihre Nase. „Uns liegen Informationen vor, dass auf Sie ein Mordanschlag ge­plant wird.“ „Na, da kann mir ja nichts mehr passieren, oder? Wenn du Tag und Nacht bei mir bist.“ Es hatten schon viele Verdächtige versucht, sie zu umgarnen. Das Spielchen kannte sie. Aber Gebauer war kein Verdächtiger. Er war das Sicherungsobjekt. Und so war sie auf der Hut, als sie ihn zu einer Rede vor dem Fränkischen Weinbau-Verband begleitete. Einziges Thema der Veranstaltung war die von ihm versprochene Aufhebung der EU-weiten Prohibition. Trotz der Begeisterung, die er bei den Winzern entfachte, wurde das allgemeine Berührungsverbot beachtet. Einzelne „Gebauer, geh du voran!“-Rufe ertönten. Das war alles. Bis ihr Anzug neue „Verräter“-Graffiti meldete, direkt am Hotelturm. Die Drohnen waren bereits unterwegs, und als Lilia und Gebauer dort eintrafen, war nichts weiter zu sehen als Mauro Wang, ihre Ablösung. Sie wohnte in der Nähe, hinterm zerstörten Stadtring. Ihr Opa wartete vor der Wohnungstür. Eigentlich ihr Ur-Opa. Seit dem Tod ihrer Eltern vor zwei Jahren tauchte er manchmal auf, meckerte viel und schnorrte eine warme Mahlzeit. Außerdem lagerte er Gerümpel im leerstehenden Schlafzimmer ihrer Eltern.

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