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KulturGut

Ausgabe

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Februar 2012 Juni 2012

Magazin für die Kulturregion Würzburg

Kulturinfarkt. Das Prinzip Tabula Rasa als Innovation? | Zukunft. Wenn Professoren den Wandel denken | Ausgeschlafen. Das neue Konzept für das Bürgerbräu-Gelände |

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KulturGut | Editorial | Inhalt | Titelthema | Bühne | Musik | Kunst | Literatur | Film | Stadt | Wissenschaft | Interkultur | Service

Editorial

Zukunft: Was wäre, wenn …? „Als gut gilt heute, was uns die Illusion gibt, dass es uns zu etwas bringen werde.“ Robert Musil „Was wäre, wenn …?“ ist die Frage, mit der Zukunftsszenarien beginnen. Das Nachdenken über die Zukunft ist allerdings ein komplexes Unterfangen, und so neigt der Mensch dazu, heikle Themen gekonnt zu verdrängen. Irgendwann rücken die prognostizierten Szenarien in greifbare Nähe und man beginnt, ihre Auswirkungen zu spüren. Der wachsende Druck zu Handeln schränkt die Spielräume ein. Um so wichtiger ist die öffentliche Debatte um die Zukunft und es ist gut, dass es Menschen gibt, die sie anregen. Aus Szenarien entstehen im besten Fall kreative Lösungen. Vorsichtig betrachten und hinterfragen sollte man sie dennoch – schließlich taugen nicht alle aufgestellten Szenarien dazu, positive Impulse zu setzen. Der Begriff „Horrorszenario“ drückt diesen Umstand per se gut aus: Natürlich setzen wir uns also mit dem bewusst provokanten Debattenbeitrag „Kulturinfarkt“, der seit Wochen die Kulturszene in Atem hält, intensiv auseinander.

Wendet man sich von der puren Provokation hin zu produktiven Beiträgen zur Zukunftsgestaltung, dann stößt man auf folgendes: einen Forscher, der sich mit den Zukunftsfragen der Region aktiv tätig auseinandersetzt und rührige Menschen, die die „Was wäre, wenn …?“- Frage zu greifbaren Projekten formen – zum Beispiel mit dem neuen Konzept für das Bürgerbräu-Gelände oder der neuen Würzburger Stiftung „Zukunft Kultur“. Nach der Schockstarre, die das Horrorszenario „Kulturinfarkt“ auslösen könnte, wenn man es zu Ende denkt, sicherlich ein versöhnlicher Gegenpol. Wenn Sie den Diskurs mit uns fortsetzen -möchten, sind Sie wie immer auf unserer Website www.kulturgut-wuerzburg.de willkommen. Wir sind dankbar für Ihre Anregungen und für einen geistreichen Dialog: Bleiben Sie uns weiterhin gewogen! Iris Wrede Chefredakteurin

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KulturGut | Editorial | Inhalt | Titelthema | Bühne | Musik | Kunst | Literatur | Film | Stadt | Wissenschaft | Interkultur | Service

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Editorial

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Inhalt

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Titelthema | Kulturinfarkt? Schlaganfall?? Apokalypse?! Subventionen sind der Aufreger der Saison

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Titelthema | Wirtschaftsgeograph: Für eine Zukunftsvision entscheiden!

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Titelthema | Achtelmillion am Start. Würzburger „Stiftung Zukunft Kultur“

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Titelthema | Mainfränkischer Branchen-Mix weckt Bürgerbräu-Gelände aus Dornröschenschlaf

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Titelthema | Frei gelassene Musik. Konzertmarathon zum 100. Geburtstag der Neue-Musik-Legende John Cage

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Titelthema | Das Museum der Zukunft schläft nicht unterm Tiepolo-Himmel

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26 Titelthema | Kunsttageslicht wärmt altes Holz. Erstes Leuchtturmobjekt im Mainfränkischen Museum 30

Theater | Tolle Jobs in Burkina Faso. „Die Schutzflehenden“ am Mainfranken Theater

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Theater | Termine

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Musik | Salah Eddin Maraqa, Virtuose der orientalischen Zither

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Musik | Umsonst & diskutiert: Was leistet eigentlich ein U & D-Festival?

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Musik | Termine

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Kunst | Brainpainting: Gedanken treiben es bunt

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Kunst | Termine

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Literatur | Die Erstveröffentlichung. Der Kandidat. Eine Vision von Ulrike Sosnitza

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Literatur | Termine

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Film | Termine

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Film | Schnittpunkt Klassenzimmer. Der Würzburger Schulfilm

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Stadt | Wo geht es ins Kulturquartier? Ein Viertel profiliert sich.

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Stadt | Termine

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Stadt | VHS-Studium, sommerleicht

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Wissenschaft | Schul-Initiative: Hightech begeistert jüngsten Forschernachwuchs

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Wissenschaft | Termine

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Interkultur | Termine

62 Interkultur | Jubiläumsschleife am Ägyptischen Bau: 25 Jahre Cairo 64

Interkultur | Der Herr wurde ein Mann. Zur Ausstellung „Gott weiblich“

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Impressum KulturGut 09 | Seite

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Aufregende Kultursubventionen Vom Infarkt zum Schlaganfall zur Apokalypse: Drunter geht’s nicht von Muchtar Al Ghusain / Illustration: Benjamin Brückner

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+ „Was wäre, wenn die Hälfte der Theater und Museen verschwände, einige Archive zusammengelegt und Konzertbühnen privatisiert würden? 3200 statt 6300 Museen, 70 staatliche und städtische Bühnen statt 140, 4000 Bibliotheken statt fast 8200 – wäre das die Apokalypse? […] die Halbierung würde zwei der knapp zehn Milliarden Euro öffentlicher Kuturförderung in Deutschland freisetzen.“ Mit den zwei Milliarden Euro sollten die verbleibenden Einrichtungen („Qualität kostet“), die Laienkultur (ihre Strukturen, nicht die Produkte), die Kulturindustrie („Kunst als Ware“), die kulturelle Bildung („Jedem Kind einen TabletComputer“) und die Kunsthochschulen („Ausbau zu Produktionszentren“) verstärkt gefördert werden. Soweit in Kürze einige Hauptthesen des kulturpolitischen Aufregers des Jahres 2012. Als das Buch vom

Kulturinfarkt Mitte März 2012 das Feuilleton und die Kulturszene flutete, gepusht durch einen Vorabdruck im Spiegel (Nr. 11/2012), wollte ich natürlich nicht zögern und mir das Büchlein mit seinen 280 Seiten mal eben schnell durchlesen – auch ich wurde schließlich sofort von mehreren Medienvertretern um Stellungnahme gebeten und wollte da nicht ohne Meinung sein. Da ich mir sicher war, dass die ganze Aufregung vor allem auch im aggressiven Marketing des Verlags ihre Ursache hat, wollte ich nicht zur Umsatzsteigerung beitragen und habe es mir zunächst ausgeliehen. Als ich mich schließlich durch das Buch gekämpft hatte (diese endlosen Wiederholungen, dieser penetrante neoliberale Jargon!), habe ich es mir dann doch noch selber gekauft, erstens, weil ich schon noch schlechtere Bücher gekauft und gelesen

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habe, und zweitens, weil ich – was ich selten tue – diverse Stellen gerne mit Rotstift kennzeichnen wollte. So eine Lust hatte ich, den Autoren mal richtig eins zu geben. Dabei sind das doch eigentlich alles kluge Leute, aber auf einmal irgendwie komplett durchgeknallt.

Schalke-Geld für Borussen Nun, interessanter als das Buch und seine Thesen (wer hat so was in seiner Jugend nicht so oder ähnlich selbst schon mal formuliert?) sind die Reaktionen, die es ausgelöst hat, vor allem die schiere Fülle. Wann hat es je so viele Reaktionen auf eine kulturpolitische Meinungsäußerung gegeben? Zunächst faszinierte, wie schnell die ersten Reaktionen erfolgten. Bereits wenige Stunden nach Erscheinen des Vorabdrucks im Spiegel reagierte der Deutsche Kulturrat mit einer Presseerklärung; dagegen sind die Buchautoren allerdings prompt juristisch vorgegangen. Der Deutsche Kulturrat in seiner Unterlassungserklärung vom 22. März 2012: „Wir hatten in unserer Stellungnahme zu dem Spiegel-Artikel ‚Die Hälfte?’ behauptet, die Autoren forderten 50% weniger für

die Kultur. Diese Behauptung dürfen und werden wir nicht mehr aufstellen, denn in Wahrheit wollen die Autoren nicht den Kulturetat um 50% kürzen, sondern jede zweite mit öffentlichen Mitteln finanzierte Kultureinrichtung in Deutschland schließen.“ Andere Reaktionen folgten. Raten Sie, wer als nächstes kam? Richtig: der deutsche Bühnenverein, die „Gewerkschaft der Intendanten“: „Wer zudem glaubt, eine Stadt, die ihr Theater schließt, gäbe einen Teil der frei gewordenen Zuschüsse an das Theater der Nachbarstadt, der kann auch gleich den Vorschlag machen, den FC Schalke 04 aufzulösen, um mit dem ersparten Geld Borussia Dortmund mit zu finanzieren.“ Spätestens mit diesem Vergleich wird sich der Deutsche Bühnenverein in die Herzen der deutschen Fußballfans – zumindest der Dortmunder – geschrieben haben. Da tauchen ganz neue Public-Private-Partnership-Modelle am Horizont auf. „Geht doch“, würden darauf wiederum die Autoren der kleinen Streitschrift antworten. Eine Woche nach dem Vorabdruck folgte im nächsten Spiegel (Nr. 12/2012) eine staatstragende Replik von André Schmitz, Staatssekretär für Kultur in Berlin: „Wer also davon spricht, dass man getrost

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… für ein umsorgtes Leben

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Der ideale Ort für Jung & Alt Wir sind für unsere Nächsten da. Prima Tage in der beliebten Freizeit- und Urlaubsregion Wertheim a. Main Persönliches Ambiente Professioneller Service die Hälfte unserer Theater, Opernhäuser und Museen dichtmachen könnte, versündigt sich nicht nur am Kulturstaat, er ist obendrein ein schlechter Patriot.“ Und weiter: „Deshalb ist ein Mehr für die Kultur gerade in Krisenzeiten ein nützliches Konjunkturpaket. Wenn es etwas gibt, das wir uns sparen sollten, dann sind das Kulturhalbierer.“ Na, das ist aber ruppig. Anspruchsvoller und zugleich unterhaltsamer waren da doch die Formulierungskünste der Feuilletonisten: „Irgendwie ist das selbst Kultur, vielleicht Kunst.“ (Thomas E. Schmidt, Die Zeit vom 22. März 2012). Das bringt mich auf eine Idee: Man sollte das Buch gleich selber als Theaterstück herausbringen, szenische Lesung, aufgeführt vielleicht von Rimini Protokoll, den Großmeistern des Dokumentartheaters.

Bücher zum Rezensionsvergnügen Mein persönlicher Favorit im dicken Pressespiegel ist der Beitrag von Niklas Maak in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 15. März 2012: „Werk eines Clubs ergrauter Kulturfunktionäre, die noch einmal

Probieren Sie unsere vielfältigen Köstlichkeiten im Hausrestaurant Musikalische & literarische Begegnungen 2012 steht bei uns im Zeichen Afrikas „Nur den Göttern ist des Alters Bürde fremd“ Sophokles

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die rhetorische Harley rausholen und mit mattem Thesenknattern um den eigenen Block fahren wollen.“ Und weiter: „Was die Autoren des ‚Kulturinfarkts’ vor allem vorführen, ist die Verwüstung, die marktorientiertes Denken in der Sprache anrichtet… In einem Land, in dem solche Sätze geschrieben werden, kann es gar nicht genug Subventionen für Theater und Literaturfestivals geben.“ Lieber Herr Maak: In einem Land, in dem so herrlich-bissige Rezensionen geschrieben werden, darf es sogar noch mehr Bücher wie den Kulturinfarkt geben – denn: ohne Buch keine Rezension. Nicht minder vergnüglich formuliert Kerstin Decker in der taz vom 21. März 2012: „‚Wenn das System den ganzen Tag auf der Couch sitzt und sich an den Subventionen vollfrisst, dann ist Bewegungslosigkeit da.’ So muss man das erst einmal formulieren können! Klingt wie Schlaganfallprosa, ist aber der Versuch eines deutschen Professors, den Titel seines Buches zu erklären. Der Akademiker ringt nach Worten. Das System flegelt da also auf dem Sofa – ‚nur rumsitzen und nichts zu tun‘ – und nun geschehe genau das, was die Medizin bereits so gut erforscht habe. Es verfettet. Folge: Infarkt. Kulturinfarkt. So seien sie, zu viert, auf den Titel gekommen. Das Buch ‚Der Kulturinfarkt: Von allem zu viel und überall das Gleiche‘ ist bedauerlicherweise am Dienstag erschienen. Diesem Versehen hätte eine Beisetzung in aller Stille folgen können, wenn der Spiegel den Blindgänger nicht per Vorabdruck gezündet hätte.“ Jetzt aber Spaß beiseite und ein Schwenk zu den Theatermachern. Ganze 14 Seiten (vierzehn!) widmet die Zeitschrift „Theater der Zeit“ dem Buch in ihrer Ausgabe vom Mai 2012. 21 Intendanten und Dramaturgen kommen zu Wort und formulieren teilweise auch besonnen und klug: „Unsere Gesellschaft ist keineswegs arm, und trotzdem wird uns suggeriert, dass uns Opernhäuser, Theater, Musikschulen und Bibliotheken ruinieren werden!“ (Gunnar Decker). „Auf dem Umschlag von ‚Der Kulturinfarkt’ steht: ‚Von allem zu viel und überall das Gleiche’. Diese Analyse hat mich ehrlich gesagt bestürzt. Sie trifft für mich gerade nicht auf die Künste zu, sondern eher auf die Produkte der Marktwirtschaft… Was am Markt bestehen soll, muss für die größtmögliche Nachfrage designt werden. Ich finde die Vorstellung beängstigend, dass nun auch die Künste dazu verurteilt werden. Die Politik ist eine bessere Herberge für die Künste als die freie Marktwirtschaft“ (Johan Simons, Intendant der Münchner Kammerspiele). Oliver Reese, Intendant am Schauspiel Frankfurt, formuliert in der Frankfurter Rundschau vom 21. März 2012: „Wenn man das Buch gelesen hat, merkt man woran es krankt: Es hat keine Persönlichkeit, kein Herz… Alles ist in einem kalt fordernden, robespierrehaften Ton geschrieben in Vorfreude auf das Blut, das die Guillotine heruntertropft. Es tropft aber nicht.“ In der Tat: Nirgends in diesem Buch klingt Liebe und Engagement für die Künste und ihre Werke durch. Ist es nicht ein Glück, dass man in Greifswald „The Rake‘s progress“ von Igor Strawinsky hören kann, in Bremerhaven „Lady Macbeth von Mzensk“ von Dmitri Schostakowitsch und in Passau „Don Carlos“ von Friedrich Schiller? Dass man in Würzburg Bilder von Auguste Herbin sehen kann, in Darmstadt Arbeiten von Joseph Beuys?

Podiumsdiskussion, an der auch einer der Autoren teilnahm, konfrontierte ich ihn mit dem Einwand, dass es mich immer besonders irritiert, wenn Unternehmensberater Krisen und katastrophische Endzeitstimmungen beschwören, gerade so, als wollten sie dadurch in erster Linie wieder neue Beratungsaufträge generieren. Der Autor, ein Unternehmensberater, lachte kurz auf… Muss es immer gleich die Apokalypse selber sein? Kann man die Themen nicht vielleicht etwas weniger aufgeregt und gehässig diskutieren? Erwachsener, reifer, dafür aber inspirierter, empathischer? Was ich mir wünsche? Theater und Museen etc, die dazu einladen, betreten und genutzt zu werden, ohne Dresscode, ohne Unsicherheiten, etwas falsch zu machen. Kulturhäuser, die an einem Tag von russisch-stämmigen Seniorinnen, am anderen Tag von der Fußballabteilung des Stadtteilvereins besucht werden. In denen unsere Gesellschaft, unser Menschsein verhandelt wird, die, wenn sie schon keine Antworten geben, zumindest die richtigen Fragen stellen. Ach, doch nochmal zurück zur Medienresonanz: Einer der wenigen, die den Autoren mit flammenden Worten zur Seite springen, ist der Dezernent für Umwelt, Planen und Bauen der Stadt Mühlheim/Ruhr, bis vor kurzem noch für die Kultur in dieser Stadt zuständig: Er und einer der Autoren des Buches waren länger in der gleichen Kultur-Unternehmensberatung tätig, und er attestiert den Autoren: „Profundere Kenner der Kulturlandschaft und des Kulturmanagements gibt es wahrscheinlich nur ganz, ganz wenige“. Das ist wahre Freundschaft. Sein zynischer Schlusssatz: „Kultur darf wieder Spaß machen“ (im Blog der Kulturpolitischen Gesellschaft, www.kupoge.de). Na Prost, ihm vielleicht, er ist ja nicht mehr berufsmäßig dafür zuständig. Die Armseligkeit mancher Thesen gipfelt für mich schließlich in der Forderung: „Jedem Kind ein Tablet-Computer“. Man könne doch auch auf einem PC Musikinstrumente spielen. Oder mit den Worten von Nikolaus Merck auf www.nachtkritik.de: „Wenn man dann fast am Ende des Buches noch auf den Satz stößt: ‚Die Erweiterungsflügel aller Museen brauchen nur noch virtuell gebaut werden’, fragt man sich, ob die vier Herren nicht vielleicht doch in untergeordneten Planungsabteilungen von Google besser aufgehoben wären, und klappt das Buch entnervt zu.“ Ich gebe zu, ich lebe gerne in dieser analogen Welt mit echten Menschen, echten Häusern, echten Wäldern, echten Bildern, echten Musikinstrumenten. Aber gut, dass sie darüber geredet haben. Oder auch egal.

Es gibt ein Leben neben der Hochkultur Was mich an diesem Buch nervt, ist seine Wichtigtuerei. Kultur ist nur ein Teil unserer Gesellschaft. Reformnotwendigkeiten gibt es überall, sei es in der Umweltpolitik, im Gesundheitswesen, in der Bildungspolitik. Allein das aktuell kontrovers diskutierte Betreuungsgeld, die Pendlerpauschale, die Hotelsteuer, der Euro-Rettungsfonds, die AgrarSubventionen undsoweiterundsofort machen hohe zweistellige Milliardenbeträge aus. Braucht es wirklich diesen alarmistischen Tonfall, der die Kultur mit dieser Fünfvorzwölf-Rhetorik drangsaliert? Auf einer

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Raum im Blick: Prof. Antes.

Über Zukünfte nachdenken – und sich für eine Zukunftsvision entscheiden Interview: Christine Weisner / Illustration: Benjamin Brückner

+ Als Professor für Wirtschaftsgeographie an der Universität Würz­ burg hat sich Ulrich Ante immer wieder mit Zukunftsfragen der Re­ gion auseinandersetzt. Auch nach seiner Pensionierung im Jahr 2009 ist er als Streiter für eine öffentliche Debatte über die Zukunft in seiner Wahlheimat Franken unterwegs. Sie beraten Gemeinden zum Umgang mit den Folgen des demographischen Wandels. Wie groß ist das Interesse an solchen Themen? Sicher ist in manchen Gemeinden der Groschen schon gefallen. Da haben sich Arbeitskreise gegründet und man spricht intensiv über das Thema „Wie wollen wir in Zukunft hier leben?“. Aber insgesamt se­ he ich bei den Bürgern ein eher schwächeres Interesse an Zukunfts­ fragen. Meines Erachtens ist in der Region hier die Summe der Erin­ nerungen weitaus größer als die Summe der Erwartungen. Das heißt, man beschäftigt sich sehr intensiv mit seiner Geschichte, blickt aber in viel geringerem Umfang voraus in die Zukunft. Sie befassen sich seit den 1970er Jahren mit dem demographischen Wandel. Halten Sie ihn für das wichtigste Zukunftsthema? Nein, die Themen hängen alle zusammen. Es macht beispielsweise keinen Sinn, sich mit dem Schutz der Umwelt oder anderen Formen der Energieerzeugung zu beschäftigen, ohne den Menschen im Blick zu behalten. Schließlich geht es ja nicht um eine menschenleere Erde, sondern immer auch um die Frage, wie wir Menschen künftig leben wollen. Dabei hat der demographische Wandel natürlich einen hohen Stellenwert. KulturGut 09 | Seite

Die Prognosen sagen für Würzburg einen leichten Anstieg der Bevölkerungszahlen voraus. Auch wenn es so kommen sollte, sagt eine Gesamtsumme allein we­ nig aus. Man muss die Zahlen schon genauer ansehen. Wie wird die Bevölkerung dann zusammengesetzt sein? Würzburg hat einen gro­ ßen Anteil an Studenten. Aber die meisten werden hier nach dem Stu­ dium keine Familie gründen, sondern weggehen, weil es in der Re­ gion für sie keine qualifizierten Arbeitsplätze gibt. Das ist also wenig nachhaltig. Aber gleicht sich das nicht dadurch aus, dass neue Studenten nachkommen? Ja, vorausgesetzt, das bleibt so. Der Rückgang der Bevölkerung wird auch zu einem Rückgang der Studentenzahlen führen. Was würde passieren, wenn man dann in München an einer einzigen Stellschrau­ be drehen und Würzburg plötzlich ohne seine Studenten dastehen würde? Vorausgesagt wird auch ein Zuzug von älteren Menschen aus dem Umland. Warum ziehen ältere Menschen vom Land in die Stadt? Zur Zeit ist noch unklar, welchen Umfang dieser Trend erreichen wird. Ein wichtiger Grund für diese Umzüge ist sicher die bessere ärztliche Versorgung. Daneben spielen aber auch andere Vorteile des verdich­ teten Wohnens, wie z. B. kurze Wege, eventuell auch das bessere ­Freizeit- und Kulturangebot eine Rolle.

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Was bedeutet dieser Zuzug von Senioren für eine Stadt wie Würzburg? Würzburg kann davon profitieren. Vorausgesetzt allerdings, es stellt sich auf diese Bevölkerungsgruppen ein! Dann gibt es eine zusätzliche Nachfrage nach Wohnungen, Dienstleistungen und so weiter. Ungefähr ab einem Alter von 85 Jahren brauchen Menschen erheblich mehr Unterstützung. Aber es ist ebenfalls von großer Bedeutung, KulturGut 09 | Seite

dass man sich rechtzeitig auf die Bedürfnisse der jüngeren, noch aktiven Senioren einstellt. Das soll in Zukunft schwieriger werden, sagen Sie. Warum? Wir werden weniger, wir werden älter und wir werden auch bunter. Dabei wird unserer Gesellschaft keineswegs nur durch Einwanderung bunter, auch in der einheimischen Bevölkerung wird die Vielfalt grö-

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keiten in den Stadtteilen. Bildungsträger sollten ihr ­Angebot vermehrt auf Senioren zuschneiden. Warum bietet die Musikhochschule nicht Kurse für ältere Menschen an, die ein Instrument lernen wollen? Damit hätten zugleich Studenten der Musikpädagogik die Möglichkeit, sich auf eine zukünftige Zielgruppe vorzubereiten, die in der alternden Gesellschaft immer wichtiger wird. Müsste sich auch das Kulturangebot ändern? Sollte es beispielsweise spezielle Theatervorführungen für Senioren geben? Theaterleute und andere Kulturanbieter suchen ohnehin ihr Publikum, so dass es automatisch vielfältige Kulturangebote auch für diese Bevölkerungsgruppen geben wird. Vorausgesetzt natürlich, die Anbieter bekommen den Wandel in der Altersstruktur der Bevölkerung mit. Prognosen gehen von einer Bevölkerungsabnahme im Umland aus. Kann Würzburg das egal sein? Auf keinen Fall! Man muss die Region immer als Ganzes sehen. Würzburg erfüllt als Oberzentrum wichtige Funktionen für das Umland. Wenn dort die Bevölkerung weniger wird, wird Würzburg die sinkende Nachfrage deutlich zu spüren bekommen. Doch außer dem demographischen Wandel stellt sich die ganz wichtige Zukunftsfrage: Wovon wollen wir leben? Wo können qualifizierte Arbeitsplätze entstehen? Wir denken bei Industrie oft nur an ein paar Großbetriebe in Würzburg, Schweinfurt und Lohr. Aber innerhalb dieses Dreiecks gibt es eine Reihe von hochspezialisierten Kleinbetrieben, die der Öffentlichkeit kaum bekannt sind. Auch Forschungseinrichtungen werden wenig wahrgenommen. Dabei haben wir hier u. a. mit dem Fraunhofer Institut oder dem Süddeutschen Kunststoffzentrum Forschungseinrichtungen von weltweiter Bedeutung. Liegt die Zukunft der Arbeit in der Region in Hightech-Betrieben und Forschungseinrichtungen? Es fragt sich, ob das für eine nachhaltige Entwicklung ausreicht. Wenn wir zusätzlich noch ein Max-Planck-Institut nach Würzburg bekommen könnten, wäre ich optimistischer. Denkbar wären aber auch ganz andere Optionen: So haben unsere Untersuchungen gezeigt, dass Würzburg ein attraktiver Standort für Tagespendler nach Frankfurt und Nürnberg ist. Gerade in Frankfurt gibt es interessante Arbeitsplätze für hochqualifizierte Arbeitskräfte. Dagegen bietet Würzburg mit seiner reizvollen Landschaft sowie den Freizeit- und Kulturangeboten das hochwertigere Wohnumfeld. Auch darauf könnte man setzen.

ßer. Das heißt, das Bild von der häkelnden Oma am Ofen entspricht schon jetzt nicht mehr der ganzen Bandbreite der Lebensweisen. Es gibt genauso die Gruppe der aktiven Senioren, für die Reisen, Sport und Erlebnisse eine große Bedeutung haben. Welche Angebote wären erforderlich? Wir brauchen z.B. dezentrale und seniorengeeignete SportmöglichKulturGut 09 | Seite

Forschungsstandort oder Wohnstadt für Pendler, das sind zwei sehr unterschiedliche Vorstellungen. Ja, bedingt. Es ist extrem wichtig, dass man sich über verschiedene Zukünfte austauscht. Dass über die Frage, wie wir morgen in dieser Stadt leben wollen, endlich ein breiter Dialog mit den Bürgern und unter den Bürgern in Gang kommt. Man muss über verschiedene mögliche Zukünfte reden, sich dann aber für eine Zukunftsvision entscheiden und auf diese entschlossen hinarbeiten. Denn wenn man sich nicht entscheidet und meint, man könne von allem ein bisschen machen, dann bekommt man zum Schluss gar nichts.

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Achtelmillion am Start Die W端rzburger Stiftung Zukunft Kultur von Axel Herber / Illustrationen: Benjamin Br端ckner

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+ Freie Künstler haben kaum finanzielle Sicherheit, kaum Zukunftsperspektive. Das wusste David Herzog, als er sich gegen ein Studium an der Hochschule für Musik in Detmold entschied. Dabei war er musikalisch bestens präpariert. Seine Instrumente, Trompete und Klavier, beherrschte er problemlos. Zusätzlich wollte er Kunst studieren, die Bewerbungsmappe lag bereit. Aber schließlich siegte die Vernunft. Und so schrieb sich Herzog an der Universität Würzburg ein – für Jura und Geschichte. Im Lauf seiner Karriere ließ ihn die Kunst jedoch nie mehr KulturGut 09 | Seite

ganz los. Als gut verdienender Anwalt für Wirtschafts- und Steuerrecht beschloss er, Nachwuchskünstlern unter die Arme zu greifen.

Ein freies Kunstdepot Mit Gleichgesinnten organisierte er erste Kulturveranstaltungen. Das war vor etwa fünfzehn Jahren. „Wir machten alles selbst, vom Stühleschleppen bis zur Abrechnung“, erzählt Herzog. Einen Teil finanzierten

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Gelungener Schritt: Stiftungsinitiator Herzog setzte sich bereits erfolgreich für das Genossenschaftsmodell im Kino Central ein.

sie stets aus eigener Tasche. Für den Rest suchten sie Sponsoren. Seine ersten Erfahrungen mit der professionellen Organisation von Veranstaltungen machte Herzog bei den Hofmusiktagen in der Residenz. Daraus lernte er für die Gründung des Programmkinos Central. Herzog wurde Vorsitzender im Aufsichtsrat. Auch der Kulturförderkreis um Herzog, rund fünfzehn bis zwanzig Leute, entwickelte sich weiter, die Ansprüche stiegen. „Wir wollten uns in der Kulturlandschaft verorten“, erzählt er. Man entschied sich schließlich dafür, eine Stiftung zu gründen. Die brauchte einen soliden finanziellen Grundstock, um ihre Aufgaben dauerhaft erfüllen zu können. Inzwischen beträgt das Kapital „120.000 Euro, das reicht fürs Erste“, freut sich Herzog. „Gerade schreiben wir noch an der Satzung, im Juni oder Juli wollen wir den Antrag einreichen.“ Auch der Name der Stiftung existiert bereits: Stiftung Zukunft Kultur: „Er drückt genau das aus, was wir machen: Der Kultur eine Zukunft zu geben.“ Herzog veranschaulicht die Arbeitsweise der Stiftung anhand eines Konzerts der Jungen Philharmonie: „Wir haben Sponsoren gesucht, die Solisten angeworben und die Plakate gestaltet. Das macht kein anderer Geldgeber außer uns.“ Neben klassischer Musik wird die gemeinnützige Stiftung ausschließlich Jazz und bildende Kunst fördern. „Schließlich kann man nicht alles machen“, betont Herzog. „Das sind die beiden Bereiche, in denen wir bislang auch schon tätig waren.“ Dafür kann grundsätzlich jeder einen Antrag stellen, unabhängig von Wohnort, Alter und Ausbildung. Ein Gremium aus Fachleuten wählt anschließend die förderungswürdigen Projekte aus. Die zweite Säule der Stiftung sollen mehrere Kunstsammlungen bilden. Ausgewählte Künstler können ihre Werke spenden, um sie als KulturGut 09 | Seite

„ewigen Bestand“ ins Grundstockvermögen einzulegen. „Im Gegenzug verpflichten wir uns, die Kunstwerke nach dem Tod des Künstlers zu lagern, zu erhalten und der Öffentlichkeit zugänglich zu machen“, sagt Herzog. Er verhandelt deshalb bereits mit der Stadt über einen permanenten Ausstellungsraum. Dort soll beispielsweise eines Tages die Sammlung von Joachim Hiller ausgestellt werden. Der Maler aus Berlin hat seinen Nachlass bereits der Stiftung vermacht. Als Konkurrenz zu den bereits etablierten Kulturstiftungen, wie etwa der Sparkassenstiftung, sieht sich die Stiftung Zukunft Kultur nicht. „Wir wollen in erster Linie Lücken füllen“, sagt Herzog. „Würzburg hat zwar mittlerweile eine recht interessante Kulturszene, doch es trägt auch eine Bürde: Die großen Kulturereignisse sind entweder in den Händen der Stadt, wie das Mozartfest, oder in vergleichbaren Strukturen organisiert, wie die Bachtage. Das erdrückt vieles.“ So seien die städtischen Konzertsäle für freischaffende Künstler oft nicht bezahlbar. Dort könnte künftig die neue Stiftung mit einer Projektförderung auf den Plan treten. Zur Unterstützung der bildenden Kunst möchte Herzog den Ringpark zwischen Bahnhof und Fernheizkraftwerk jährlich von einem anderen Künstler gestalten lassen: „Das würde Interesse wecken, sich in Richtung Kulturspeicher zu bewegen.“ Doch das ist Zukunftsmusik. Jetzt möchte er erstmal seine Stiftung auf den Weg bringen: „Dann kann ich vielleicht endlich aufhören, Stühle zu schleppen“, hofft er.

Link: www.stiftung-zukunft-kultur.de

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Mainfränkischer Branchen-Mix Bürgerbräu-Dornröschenschlaf zu Ende von Christine Weisner / Foto: Benjamin Brückner

+ Im Fabrikensemble am Ende der Frankfurter Straße sollen sich schon in wenigen Jahren Kunden, Konzert- und Restaurantbesucher tummeln, während zahlreiche kreative Dienstleister, Handwerker und Künstler hier ihrer Tätigkeit nachgehen. Das ist das erklärte Ziel von Roland Breunig und Carsten Höfer. Die beiden Investoren sind bereit, erhebliche Mittel in die Sanierung der historischen Bausubstanz zu stecken, und sie haben ein Nutzungskonzept entwickelt, auf dessen Basis sie Ende 2011 den Großteil des rund fünf Hektar großen Areals von der Stadt Würzburg erworben haben. Zur Zeit beschäftigen sie sich intensiv mit den Detailplanungen. Kennengelernt haben sich die beiden bei einer Veranstaltung über die Zukunft des Bürgerbräugeländes. Carsten Höfer gehörte da bereits zu den Nutzern des Grundstücks, denn er gründete hier im Jahr 1994 zusammen mit seiner Frau Karin die Sektkellerei Höfer. Roland Breu­ nig war als interessierter Architekt anwesend. Sein in der Nachbargemeinde Zell ansässiges Büro archicult entwirft nicht nur Baupläne, sondern erarbeitet auch Konzepte für Gastronomie, Tourismus und Ausstellungen. Höfer und Breunig kamen ins Gespräch und entwickelten ihre eigene Zukunftsvision. Sie planen eine gemischte Nutzung des Areals, aber keine x-beliebige Mischung. Vielmehr steht über allem das Leitbild eines Kultur- und Dienstleistungszentrums mit hochwertigen Angeboten und einer starken Verwurzelung in der Region. Mit diesem auf die Kultur- und Kreativwirtschaft hin orientierten Profil unterscheidet sich das Projekt in der Zellerau vom Kulturquartier rund um den Kulturspeicher im Alten Hafen, wo Veranstaltungen, aber auch Hotels, Tagungen und Tourismus deutliche Akzente setzen. Das von Breunig und Höfer entwickelte Leitbild soll die Möglichkeit eröffnen, das Bürgerbräuareal als Ganzes zu vermarkten. Gleichzeitig

hat es den Charme, dass es sowohl Raum für Neues bietet als auch das schon Vorhandene einbezieht. Die beiden Investoren sehen einen wichtigen Pluspunkt für ihr Konzept in der Lage der Bürgerbräu: in der Stadt und doch im Grünen, mit direktem Zugang zu oberhalb gelegenen Streuobstwiesen und einem Straßenbahn-Stop vor der Tür. Positiv sehen sie auch das umliegende Viertel Zellerau, das sich nach Breunigs Einschätzung in den letzten Jahren steil nach oben entwickelt hat. Hinzu kommen die gute Erreichbarkeit mit Auto (die für 2014 geplante Wiedereröffnung des Zeller Bocks könnte zeitlich genau passen) und Fahrrad.

Historische Brauereigebäude als Markenzeichen Einen wichtigen Teil des Konzepts bilden die neu auszubauenden Gewerberäume, für die Breunig und Höfer schon ein reges Interesse bei kreativen Dienstleistern wie Architekten und Marketingfachleuten verzeichnen. Auch mit einem Filmproduzenten und dem Betreiber eines Tonstudios sind sie bereits im Gespräch. Natürlich wird Roland Breunig sein eigenes Architekturbüro ebenfalls hierher verlegen. Ganz neu hinzukommen wird ein Restaurant im Sudhaus. Seine Speisekarte wird vornehmlich auf regionale Produkte setzen und damit bestens zum Bauernmarkt passen, der seit 20 Jahren auf dem Bürgerbräugelände stattfindet. Die Kellerei selbst, die sich aufs Versekten von Frankenwein spezialisiert hat, rundet das kulinarische Angebot ab. Carsten Höfer freut sich über die Erweiterungsmöglichkeiten für seinen Betrieb und auf neue Räume für Verkostungen und eigene Veranstaltungen.

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Neben den bereits vorhandenen Künstlerateliers sollen künftig im ehemaligen Pferdestall und im hinteren Bereich Werkstätten für Handwerker und Kunsthandwerker entstehen, die vor Ort produzieren und direkt verkaufen, so dass die Kunden einen unmittelbaren Einblick in den Herstellungsprozess bekommen können. Kulturinteressierte sollen neben dem theater ensemble und dem Sieboldmuseum zwei weitere Anlaufstellen finden: Den großen Veranstaltungssaal mit einem regelmäßigen, breit konturierten ProgrammKulturGut 09 | Seite

angebot und das Brauereimuseum. Es soll Einblicke in die Geschichte des Ortes geben, weshalb bereits mit der historischen Bauforschung begonnen wurde. Überhaupt spielen die alten Backsteingebäude, die hier ab 1886 hier errichtet wurden, um den Umzug der Brauerei von Zell in die Zellerau zu ermöglichen, eine wichtige Rolle. Dieses vollständig erhaltene und für Würzburg einmalige Industrieensemble soll dem Areal auch in Zukunft ein unverwechselbares Gesicht verleihen.

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Bronnbacher Kozerte zu Gast in Bronnbach: Sa. 23.6. 20:00 Uhr

Musikalisch-literarische Soiree Christine Neubauer, Rezitation TRIO 37 (Flöte, Fagott, Klavier) So. 24.6. 16:00 Uhr

Kinderkonzert: Mozarts Entführung Leitung: Christian Kabitz Kartenverkauf unter 0931 372336 www.mozartfest-wuerzburg.de

42. Bronnbacher Kreuzgangserenade Fr. 6.7. 20:00 Uhr

T RKAUF VIVA VOCE: „Neue Songs in alten Mauern“ AUSVE Sa. 7.7. 20:00 Uhr

Von Bach bis Brubeck – Von Klassik zu Jazz Wandelkonzert mit „Point of view“ mit abschließendem festlichen Barbecue So. 8.7. 16:00 Uhr

Kinderkonzert: Der Meisterdieb mit dem Pindakaas Saxophon Quartett zu Gast in Bronnbach: So. 15.7. 18:00 Uhr

Ludwigsburger Schlossfestspiele: Wandelkonzert Sa. 25.8. 19:30 Uhr

Sommerserenade mit Fabio Martino, Klavier Werke von Beethoven, Ravel und Scriabin

Sa. 22.9. 19:30 Uhr

Musik in der Stille des Taubertals mit dem Consortium Classicum

So. 7.10. 15:30 Uhr

Teekonzert Musik aus Österreich, Ungarn und Deutschland mit Mariel Müller-Brincken, Anna Nesyba, Katja Tschirwitz

Sa. 13.10. 19:00 Uhr

Wo sind die Tränen von gestern Abend? Lieder und Schlager der 30er Jahre Herbstkonzert des Förderkreises Bronnbacher Klassik Kurt Weill, Hanns Eisler, Arnold Schönberg, Erwin Schulhoff Michal Shamir, Sopran; Moshe Zorman, Klavier InfoS: Das Bürgerbräufest, das erstmals am 2. Juni statt-

findet, gibt von 8 bis 23 Uhr einen vielfältigen Vorgeschmack auf das Kommende. Zudem kann man sich ausführlich über die Planungen für das Gesamtprojekt informieren.

Sa. 10.11. 19:30 Uhr

Rastrelli Celloquartett mit David Geringas

Informationen und Kartenvorverkauf: Sa. 17.11. 19:30 Uhr Kloster Bronnbach · Verwaltung im Prälatenbau Bronnbach 97877 Wertheim · Tel. (0 93 A-Capulco 42) 9 35 20 20 21 · www.kloster-bronnbach.de

Benefizkonzert zugunsten hilfsbedürftiger Kinder


Frei gelassene Musik Neue-Musik-Legende John Cage bekommt zum 100. Geburtstag in Würzburg den Konzertmarathon „Open Cage“ von Daniel Staffen-Quandt | Foto: Benjamin Brückner

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Alexander Jansen stellte bereits zu Cages 80. Geburtstag ein Festprogramm auf die Beine. Leider starb der Komponist kurz vorher.

+ Kurz gesagt: John Cage war nie in Würzburg. Zumindest weiß niemand davon. Und auch sonst sind die Berührungspunkte eher – nicht wirklich vorhanden. Trotzdem wird der US-Komponist, der als wichtigster Vertreter der so genannten Neuen Musik gilt, in Würzburg mit einem eigenen Kulturprogramm gewürdigt. Der Anlass: John Cage wäre am 5. September dieses Jahres stolze 100 Jahre alt geworden. Doch der Künstler starb bereits wenige Wochen vor seinem 80. Geburtstag. Damals, im Spätsommer 1992, plante ein junger Student in Saarbrücken fleißig an der Feier für Cage mit. Alexander Jansen hatte gerade eben erst Musikwissenschaft zu studieren begonnen – doch der Komponist begleitete ihn seit seinen Klavierstunden. „Ich war von frühauf ein Fan zeitgenössischer Musik“, KulturGut 09 | Seite

erinnert er sich. Und von John Cage ganz besonders. „Seine Idee des offenen Kunstbegriffs hat mich fasziniert.“ Dass er bei der Feier zu Cages Achtzigstem mithelfen würde, war für Jansen Ehrensache. Er war damals auch bei Ulrike Rosenbach zugange, einer Beuys-Meisterschülerin, die an der Hochschule der Bildenden Künste Saar die Klasse Neue künstlerische Medien leitete. Am 4. September sollte Cage in Saarbrücken zu Gast sein, am 5. September dann in Frankfurt am Main. Doch es kam alles anders. Die Geburtstags- wurde zur Trauerfeier. Eine derart unliebsame Überraschung wird den Machern von „Open Cage“ in Würzburg nicht passieren. Jansen, seit vielen Jahren in der hiesigen Kulturszene verschiedentlich unterwegs, hat sich mit Armin Fuchs, Dozent für neuere Klaviermusik an der Musikhochschule, zusammengetan – ebenfalls ein Cage-Fan. Herausgekommen ist ein wahrhaft vielschichtiger Reigen von Mai bis Dezember, allerdings werden die drei Sommermonate Juli, August und September – und damit auch Cages Geburtstag selbst – ausgespart. „Das hat rein pragmatische Gründe“, erläutert Jansen. Was helfe schließlich das tollste Programm, wenn wegen der Ferienzeit keiner komme. Seit 2010 organisieren Fuchs und er schon an „Open Cage“, immer mehr Gleichgesinnte reihten sich ein, und das nicht nur aus der Musikszene. Mit an Bord sind beispielsweise auch das Mainfranken Theater Würzburg – als Jansens frühere Hauptwirkungsstätte – mit einer Ausstellung für „aktives Publikum“ im Foyer, Bildender Kunst, einer Performance im Plastischen Theater Hobbit und natürlich vielen Konzerten, etwa in der Hochschule für Musik, der Augustinerkirche und der Residenz. Nicht zu vergessen auch die Inszenierung von „Europera 5“ durch Theater-Intendant Hermann Schneider. Außerdem wird John Cage für Kinder präsentiert und aufgearbeitet – in Konzerten und in der Reihe „Kinder-Musikhochschule“. Was nach wildem Sammelsurium klingt, würde John Cage als Künstler sicher gefallen. Irgendwie wild, konventionslos. Und trotzdem nicht abgehoben. „Cage hat den Kunstbegriff noch mehr erweitert als etwa Joseph Beuys“, sagt Jansen, der als junger Mann auch in Briefkontakt mit Cage stand. „Es geht um Lust, Cage ist nicht verkopft, nicht schwer zugänglich“, findet der Ideengeber des Programms. Die Lust Cages, musikalisch eine Welt zu entdecken, sollen die Gäste in Würzburg auch selbst spüren. Eine dafür geradezu prädestinierte Veranstaltung ist das Konzert von Armin Fuchs am 24. Oktober, wenn er das präparierte Klavier spielt – Cages Erfindung. Der US-Amerikaner wollte Kompositionen vom Entstehungsprozess eines Werkes entkoppeln, die Improvisation und der Zufall spielten dabei eine große Rolle. Cages „Sonates and Interludes“ am präparierten Klavier klingen also jedes Mal und bei jedem Künstler irgendwie anders. Verrückt. Und irgendwie simpel. Wie Würzburg. Irgendwie.

Info: Der Flyer mit dem kompletten Pogramm von

„Open Cage“ liegt an den bekannten Stellen aus, unter anderem bei der Stadt Würzburg.

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Nicht unterm Tiepolo-Himmel ausruhen! Das Museum der Zukunft Interview und Fotos: Michaela Schneider & Benjamin Brückner

+ Früher waren sie Musentempel und Hort der Wissenschaft – seit einigen Jahren wandeln sich Museen zu Lernorten mit Unterhaltungswert fürs breite Volk. Besucherorientierung lautet das Schlagwort. Für Museumsteams sind damit Herausforderungen verbunden – nicht nur finanziell, vor allem müssen neue Ideen her. Einer, der sich intensiv mit den Museen der Zukunft auseinandersetzt, ist der Kunsthistoriker Holger Simon, der über Riemenschneider promovierte. Sein Kölner Unternehmen Pausanio entwickelt Museums-Apps – also mobile Anwendungen für Smartphones oder Tablet-PC. Sind Deutschlands Museen angestaubt? Da muss man differenzieren. Insgesamt gibt es in Deutschland mehr als 6000 Museen, etwa die Hälfte davon Heimatmuseen. Unter diesen KulturGut 09 | Seite

6000 Häusern gibt es rund 50 echte Leuchtturmobjekte, die sich mehr als nur sehen lassen können. Und dann haben wir wieder erstklassige Sammlungen, die sich ganz anders präsentieren könnten, als sie es tun. Ein Beispiel ist das Martin-von-Wagner-Museum. Hier geht es schon damit los, dass der Eingang kaum zu finden ist. Der Eingang ist das eine, aber wie sieht es in unseren Museen aus? Bleiben wir in Würzburg. Im Martin-von-Wagner-Museum hängen die Bilder recht unvermittelt, zum Teil nach Größe sortiert an den Wänden, versehen mit wenigen Informationen – das war es. Auch im Würzburger Diözesanmuseum finden sich nur wenige Informationen – aber die Objekte werden extrem inszeniert. Der Museumsbesuch wird zum Erlebnis. Das Problem ist: Es gibt immer noch Häuser, die ihre Schätze

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Wie machen Smartphone & Co. eine gute Figur als Museumsführer?

hüten und am liebsten niemandem zeigen würden. Um das zu verstehen, muss man die Geschichte der Museen betrachten: Früher war ein Museum ein reines Objekt der Wissenschaft – das ist gerade in einem Universitätsmuseum wie dem Martin-von-Wagner-Museum zu spüren. Erst in den letzten Jahren tritt unter dem Haushaltsdruck die Besucherorientierung stärker in den Vordergrund. Besucherorientierung heißt, potenzielle Gäste fürs Museum zu inter­ essieren. Welche Rolle spielt das Internet? Das Internet bietet wunderbare Möglichkeiten, denn: Ein Museum ist nicht mehr so ortsgebunden wie früher, es kann sich zu jeder Zeit an jedem Ort präsentieren. Nehmen wir das Mainfränkische Museum. Besucher kommen nach Würzburg, um die Residenz und Tiepolos Deckengemälde anzuschauen – ans Mainfränkische Museum denken sie erst einmal nicht. Auf einer guten Internetseite aber kann das Museumsteam kommunizieren, welche Schätze sich auf der Festung befinden. Wie können Blogs und Social Media helfen? Ein Museumsblog ist eine gute Sache – aber er braucht jemanden, der sich regelmäßig darum kümmert. Ein veralteter Blog macht einen sehr schlechten Eindruck, dann sollte man’s besser ganz bleiben lassen. KulturGut 09 | Seite

­ acebook bietet Museen ebenfalls vielfältige Möglichkeiten, alle­rdings F braucht man ein Konzept und Ideen, um Leute auf die Seite zu locken. Soll man komplette Ausstellungen im Netz zeigen? Meine Meinung ist: Museen dürfen nicht nur, sondern müssen bereits über die Webseite sehr viel von ihren Schätzen zeigen, um neugierig zu machen. Nur dann kommen die Besucher, denn das Internet ersetzt keine Kunsterfahrung. Auf einer Museumsseite im Netz brauche ich heute gleich auf der Startseite gute Fotos, die Meisterwerke und am besten kindgerechte Elemente. Museumsteams sollten bedenken: Die Generation 60 plus kommt sowieso ins Museum, ihnen muss man vor Ort etwas bieten. Aktiv bewerben und begeistern muss ich Familien – und damit die kommende Generation. Den Besucher ins Museum zu locken ist das eine – sich ansprechend zu präsentieren, etwas anderes… Im Gegensatz zu früher müssen die Häuser ihre Schätze besonders hervorheben, sich auf zentrale Themen fokussieren und den Mut entwickeln zur Inszenierung – natürlich immer auf wissenschaftlich fundierter Basis. Der Aufschrei der Kuratoren, die jedes Objekt in ihrer Sammlung für gleich wichtig erachten, ist ihnen mit solchen Vorschlägen sicher. Will sich ein Museum aber für Besucher öffnen, müssen

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Highlights inszeniert, Leuchttürme gesetzt und Geschichten erzählt werden. Denn wenn wir ganz ehrlich sind, sind wir Kunsthistoriker nichts anders als Geschichtenerzähler, wenn auch wissenschaftlich fundiert und legitimiert. Brauchen solche Inszenierungen auch Neue Medien? Wichtig ist: Bild, Ton und bewegte Bilder ersetzen keine Exponate, sondern ergänzen sie. Museen arbeiten seit Jahrzehnten mit Medien – angefangen bei Stellwänden mit Informationstafeln über Medienstationen bis hin zu Audioguides. Die zunehmende Verwendung von Museums-Apps steht daher in einer Tradition. Das Neue liegt in der mobilen Nutzung auf dem ersten privaten Massenmedium, dem Smartphone. Verdrängt der Unterhaltungswert nicht den wissenschaftlichen Anspruch? Ein Museum ist ein Ort des Forschens, des Bewahrens und des Zeigens: ein idealer Lernort. Aber in meiner Freizeit will ich unterhalten werden – auch im Museum. Das kann auf einem hohen Niveau geschehen. Unterhaltung heißt ja nicht, dass man Clowns durch die Ausstellungsräume schickt. Wobei das auch mal eine Idee wäre… (lacht). Es ist auch eine schöne Sache, wenn Besucher bestimmte Dinge selbst ausprobieren können, solange alle Elemente dem eigentlichen Objekt dienen. Das Vermittlungsmedium darf nicht dominieren. Ihr Unternehmen entwickelt Museums-Apps. Was ist das besondere an diesen Anwendungen? Der Vorteil ist: Die Besucher bringen ihre Smartphones selbst mit. Apps sind ein wunderbares Instrument zur Besucherbindung. Gäste können die Anwendung vor Ort nutzen – und dann als Souvenir mitnehmen. Inhaltlich ist eine App nichts Neues, sondern Film, Audioguide, Texttafel und Bilderwand in einem – eine Weiterentwicklung der bisherigen Medien im Museum. Die mobile Nutzung ermöglicht dem Museum aber, seinen Gästen bereits vor dem Besuch zu zeigen, was bei ihm das Besondere ist, und nach dem Besuch über Neues zu informieren. Die Museums-App ist damit ein ideales Marketinginstrument. Wie viel Inszenierung sich ein Museum leisten kann, ist immer auch eine Frage des Geldes. Das stimmt – aber auch mit kleinem Budget kann man gute Sachen machen. Das Industriemuseum Schiffshebewerk in Henrichenburg etwa hat mit ganz einfachen Mitteln eine spannende Installation unter dem Motto „Das Monster von Waltrop“ entwickelt. Das Team hat dafür kleine Wasserschnecken aus dem Ufer unter ein Mikroskop gelegt und 200fach vergrößert. Die einfache Idee besticht und beeindruckt. Wie stellen sie sich die Museumslandschaft der Zukunft vor? Ich hoffe, dass die Museen ihre Türen weit aufmachen – und das fängt in Würzburg damit an, dass man zeigen sollte, wo die Tür überhaupt ist. In Würzburg gibt es mehr als nur Tiepolo, auch wenn das Deckengemälde natürlich großartig ist. Viel Potenzial liegt in den erstklassigen Würzburger Sammlungen, die mit einer gemeinsamen Marketingstrategie eine bessere Aufmerksamkeit verdienen. Hier sollte man sich unter dem Tiepolo-Himmel nicht ausruhen.


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Kunsttageslicht wärmt altes Holz Das Mainfränkische Museum inszeniert sein erstes Leuchtturmobjekt mit App, LED und kubischen Sitzgruppen Text und Foto: Michaela Schneider / Illustration: Benjamin Brückner

+ Neue Wege geht das Mainfränkische Museum: Moderne Inszenierungen verschaffen ausgewählten Ausstellungsstücken künftig mehr Aufmerksamkeit. Denn das Museum soll sich vom rein kunsthistorischen zum kulturgeschichtlichen Museum wandeln, wünscht Leiterin Claudia Lichte. Erstes „Leuchtturm-Objekt“: der so genannte MatternSekretär. Auf den ersten Blick nicht mehr als ein prunkvolles barockes Möbelstück, kann es auf den zweiten Blick aus einer Epoche erzählen, in der Handwerker und Feingeister die Künste in der fürstbischöflichen Residenzstadt aufblühen ließen. KulturGut 09 | Seite

Wie aber stellt man ein Möbelstück wörtlich genommen ins Schweinwerferlicht? Eine Schwierigkeit: Herkömmliche, direkte Beleuchtung kann Objekten wie dem Mattern-Sekretär schaden, denn vor allem Ultraviolett-Strahlung lässt Farbstoffe ausbleichen. Bei LEDs ist dies nicht der Fall – doch schaffen die energiesparenden Leuchtdioden eigentlich ein kühles, bläuliches Licht, das zum barocken Sekretär nicht gepasst hätte. Abhilfe schaffen konnte das Würzburger Unternehmen StrideLight mit einem Prototypen: Der Physiker Matthias Bruhnke und der Diplom-Ingenieur Bastian Freitag entwickelten gemeinsam ei-

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ne LED-Beleuchtung, die sich farblich verändern lässt. Statt im kalten Blau lassen sie den Sekretär in warmem „Kunsttageslicht“ erstrahlen. Das Prinzip: Die vier Lampen enthalten jeweils mehr als 50 LEDs in acht verschiedenen Farben, die computergesteuert zusammengeschaltet werden. Doch geht es Lichte nicht nur darum, den Sekretär ins rechte LEDLicht zu rücken. Auch will sie die Besucher motivieren, beim Sekretär zu verweilen und intensiver in die Zeit des Barock einzutauchen. Also mussten Sitzmöbel her. „Unsere Idee war eine Art Sitzsofa – und das ist in einem Haus wie dem Mainfränkischen Museum mit Möbelstücken als Objekten gar nicht so einfach“, sagt Lichte. Schließlich muss der Besucher auf den ersten Blick erkennen, was Objekt ist und wo man sitzen darf. Hier kam Schreiner Jürgen Auinger aus Zell ins Spiel. Modern sollten die Sitzmöbel sein und dem heutigen Zeitgeist entsprechen – dabei aber nicht in Konkurrenz mit den Objekten treten. Medientechnik sollte integrierbar sein und Museumsbesucher sollten das historische Objekt studieren und sich auch unter- bzw. nebeneinander austauschen können. „So kam mir die Idee, kubische Blöcke übers Eck an den Stützen zu positionieren“, erzählt Auinger. Die schwarzen Sitzgruppen aus durchgefärbter Faserplatte wirken zwar wie aus einem Block, sind aber flexibel kombinierar – zum Beispiel beim nächsten Leuchtturmobjekt. In ihrer Schlichtheit lenken sie von den eigentlichen Ausstellungsstücken nicht ab.

Zur PC-Lektüre, für die Museums-Site Integriert in die Blöcke sind Tablet-PCs mit einer multimedialen App, also einer mobilen Anwendung. Entwickelt hat diese der Kunsthistoriker Holger Simon, Geschäftsführer des Kölner Unternehmens Pausanio GmbH. Tippt der Museumsbesucher auf der Startseite der App auf die Tür, schaut er tiefer hinein in den Mattern-Sekretär: Nach einer Einführung vom Museumsleiterin Claudia Lichte kann er eintauchen KulturGut 09 | Seite

Multimediale Technik bringt auch den hölzernsten Schrank zum Sprechen.

in die Entstehungsgeschichte des Sekretärs. Er erfährt, wie das Möbelstück aus Franken nach England und erst Jahrzehnte später wieder in die alte Heimat gelangte. Und er lernt Schreiner Carl Maximilian Mattern und seine Epoche intensiver kennen. „Eintauchen und mehr wissen“ – das soll die ganz neue, moderne Präsentationsform den Besuchern ermöglichen, betont Lichte. Und übrigens nicht nur Erwachsenen. Diplom-Restauratorin Susanne Wortmann schreibt und illustriert in ihrer Freizeit eigene Kinderbücher. In

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liebevollen Illustrationen hat sie die Geschichte des Barocksekretärs und seiner Zeit kindgerecht aufbereitet. Das Ergebnis lässt sich nicht nur auf den Tablet-PCs anklicken. Man kann es auch als gutes altes Papierbüchlein durchblättern.

link: www.mainfraenkisches-museum.de KulturGut 09 | Seite

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Tolle Jobs in Burkina Faso Aktuelles Dokumentarstück „Die Schutzflehenden“ am Mainfranken Theater von Joachim Fildhaut / Foto: Falk von Traubenberg

+ Das Stück ist ein gespielter Sachbuchtext. So nüchtern muss man das sagen. ‚Oder vielleicht doch nicht?’, schleicht sich Bedenken ein. Denn in Form einer großen Videoprojektion auf den Eisernen Vorhang spricht der immer etwas hintergründige Schauspieler Rainer Appel bei der Feierstunde einer ominösen „Rückkehrberatungsstelle“ für Asylsuchende. So etwas subtil Sarkastisches muss man erst einmal erfinden! „Rückkehrberatungsstelle“! Für Menschen, die oft ihr Leben aufs Spiel gesetzt haben, um überhaupt hierher zu kommen! Der Witz ist: Diese Dienststelle arbeitet tatsächlich, in der Gemeinschaftsunterkunft an der Veitshöchheimer Straße. Fakten, Fakten, Fakten wählte und wertete der Dokumentartheatermacher Hans-Werner Kroesinger aus, und dabei zählte für ihn auch das Kriterium: Wo wird das Groteske in der bundesdeutschen Ausländerpolitik sinnfällig? Wo zeigt sich, dass dieser Verwaltungsumgang mit Menschen keinerlei menschlichen Bezug zu seinen Objekten hat?

Antike Substanz in der Gegenwart Erschrecken und Mitleid sind Wirkmomente der antiken Tragödie und ziehen sich auch durch die „Stückentwicklung nach Euripides“. Die antike Vorlage reduzierte Kroesinger auf wenige Minuten. Im überwiegenden Teil der eineinhalb Stunden zitieren und rezitieren die Schauspieler Gerichtsprotokolle, Politikerstatements, eine Kafka-Parabel, wobei sie sich Satz für Satz und manchmal auch mittendrin noch abwechseln. In der zweiten Hälfte des Stücks übernehmen einzelne Sprecher kurz sogar identifizierbare Rollen. Dabei tauchen vermehrt Requisiten auf, mehren sich die Regieeinfälle und steigern sich zu – fast schon wieder überflutender – Bühnenbewegung. Die Anfangssequenzen erscheinen also extrem undramatisch. Da fragt sich natürlich, ob hierfür ein großer Theatersaal nötig ist. Die Auslastung an einem gewöhnlichen Wochentag zeigt: Es ist. Die kleinen Kammerbühne fasst ein solches Interesse an empathischer Belehrung nicht. Zudem wäre es zynisch, wenn Künstler sich mit schönen Ideen auf dem Rücken der schutzflehenden Antragsteller profilierten. Dass KulturGut 09 | Seite

sie das tun, muss unauffällig bleiben. So erstreckt sich die künstlerische Leistung zunächst einmal auf dreierlei: Kroesinger strukturierte sein dokumentarisches Material lebendig und publikumsfreudig, und das heißt letztlich: einschlägig. Die Bühnenumsetzung funktioniert wie gewachsen, hat den „Atem“. Und schließlich möchte man ein solches Projekt keiner noch so engagierten Laienbühne überlassen, werden die erregenden Tatsachen den Zuschauern doch auch deswegen so eindringlich übermittelt, weil hier Profis in einer gekonnt unauffällig bleibenden Inszenierung mit ausgebildeten Stimmen sprechen. So gut, dass man gar nicht merkt, dass sie es tun. Schon allein das rechtfertigt wieder einmal das öffentlich subventionierte Theater. Ja, in einem Fall hätte es noch ein bisschen mehr sein dürfen. Denn die Projektionen von Tiepolo-Fresken kranken an etwas zu kleiner Technik. Abweichend von der Eitelkeit anderer profilierter Projektanten kam Hans-Werner Kroesinger nicht als Gastregisseur nach Würzburg, um dem Stadttheater sein Schema aufzustülpen. Oder, in die Zukunft geschaut: Völlig undenkbar, dass der bundesweit renommierte Dokumentartheater-Spezialist seine Würzburger Stückentwicklung demnächst auf die Bühnen von Hamburg oder Berlin hebt, um dort erst richtig Ruhm einzufahren. „Die Schutzflehenden“ verwenden fast nur lokales Datenmaterial und leben davon, dass das Geschilderte mitten unter uns geschah. Dieses Theaterstück funktioniert nur in Würzburg. Vor der veristischen Ernsthaftigkeit, mit der Kroesinger zuwerke ging, gewinnt der Schlussschuss seine Durchschlagskraft. Wenn aus Afrika, so lautet die Textüberlegung, so viele Leute abgewandert sind, wie das demographisch gebeutelte Europa zur Behebung seines Arbeitskräftemangels braucht, dann gibt es auch für die Deutschen wieder „tolle Jobs – in Burkina Faso“.

InfoS: 1., 14., 17., 22., 26., 30. Juni.

Karten Telefon (0931) 3908124. | www.theaterwuerzburg.de

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Robin Bohn und Gastspielerin Nicola Schößler bringen physische Bewegung in die Dokumente. KulturGut 09 | Seite

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 weitere Informationen: www.kulturgut.wuerzburg.de

 | Theater | 

 | Termine  | 

10, 11, 12 – third floor bis 9. Juni, ­Torturmtheater Sommerhausen

Zur Saisoneröffnung gab’s wieder einen frisch übersetzten Bühnentext. Wird die streckenweise leicht makabre Komödie es ins Repertoire schaffen? Der Kanadier Jason Hall entfaltet sein Thema „Wohnungsnachbarn“ sehr konzentriert auf wenige Motive. Eine Fußmatte zu wenig und einige Müllbeutel zuviel genügen als dramatischer Treibsatz, um einen jungen Mann und eine hübsche Frau eine Stunde lang konsequent auf Trab zu halten. Und: Müll und Matte sind Objekte, die es erlauben, den Schauplatz auf den Flur zu begrenzen. Das Bühnenbild von Hausherr Veit Relin stülpt die Ausstattung des Boulevards, der vom Türenklappen aus der Wohnungsinnensicht lebt, konsequent um. Die beiden Bewohner – gespielt von Christoph Pabst als Kumpeltyp, dem man leider nicht trauen kann, und Deborah Müller als Schönheit vom Lande mit dem besten festen Willen, sich in der Stadt zu behaupten – werfen unter der Regie von Christine Neuberger hinter den Kulissen Bälle in ihre Umwelt, treten ins Rampenlicht und fangen sie geschickt auf, um sie einander zuzuspielen. Es ist eine Freude, dabei zuzusehen. Bis die Stunde vorbei ist und nun alles mal zu Ende kommen muss. Das setzt Autor Hall abrupt. Souverän lässt Neuberger auch das einfach spielen und verlässt sich dabei zurecht auf die Präsenz ihrer Mimen. | www.torturmtheater.de ++++++++++++++++++++++++

Richard III.

6. Juni bis 14. Juli, Mi.-Sa. ­jeweils 20 Uhr, Efeuhof Es ist zwar ein Luxusproblem, aber ein Problem. Denn was soll einer machen, der mit dem ganz normalen friedlichen Leben als Gentleman der englischen

Hoch­aristokratie so gar nichts mehr anfangen kann? Der muss eben weiter das tun, was er kann. Und wenn mit dem englischen Königsthron das einzige, um was es sich für ihn zu kämpfen lohnt, schon von einem aus der eigenen Familie besetzt ist, beeinflusst das nur noch die Wahl der Mittel. Was diesen Richard Plantagenet bei seinem ihm irgendwie doch gewogenen Biographen William Shakespeare irgendwie doch sympathisch macht: im Unterschied zu den meisten anderen Verbrechern (wir erinnern an einen Chemielehrer aus Albuquerque) behauptet er gar nicht erst, in seinem verderblichen Streben nur das Gute zu wollen. Er erklärt sich gleich im ersten Akt offen zum Bösewicht und das Publikum zu seinem Komplizen. Andreas Büettner inszeniert Shakespeares letztes Königsdrama der York-Tetralogie für die Sommerbühne im Efeuhof. Eine öffentliche Schnupperprobe gibt es am 2. Juni (16.30 Uhr) beim Bürgerbräufest daheim. | www.theater-ensemble.net ++++++++++++++++++++++++

Les Bonnes

ab 8. Juni, 20 Uhr, Kunstkeller Jean Genets „Zofen“ kommen in der Originalsprache und mit einem Thema, das heute so aktuell wie lange nicht wirkt. Denn die Bediensteten, die abhängig Beschäftigten, sollten gegen den Druck der Herrschaft doch eigentlich zusammenhalten. Tun sie aber nicht, ganz im Gegenteil. Nach der Premiere steht dieser Klassiker der Moderne bis zum 7. Juli insgesamt elfmal auf dem Spielplan des kleinen Hauses Kroatengasse Nr. 20. Im Juli und September ist wieder ein Tschechow dran: „An der Landstraße“. | www.kunstkeller-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

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Käthchen von Heilbronn

9. und 14. Juni, 19.30 Uhr, 24. Juni, 19 Uhr, Theater Meiningen Thomas Goritzki inszenierte das große (in Meinin­ gen knapp dreistündige) Referenzstück des romantischen Theaters als Paradebeispiel für heutige Bühnentradition überhaupt: Kann uns das Stück noch etwas sagen und wie viel von der Bühnenkunst seiner Entstehungszeit sollte ein Theatermacher bei der Umsetzung mit transportieren? Goritzki gibt hierauf eine schlüssige Antwort, was nicht synonym damit ist, dass diese Wiederaufnahme eine in sich stimmige Inszenierung aus einem Guss vorlegte. Wie sollte sie auch? Nun, immerhin verschmilzt einiges wundersam. Denn schreiende Schauspieler sind ja nicht der letzte Gag der Gegenwartsdramaturgie, sondern Krachchargen seit jeher. Und für technischen Aufwand – ein Rezensent formulierte „einstürzende Altbauten“ über die notorische Ritterburg – steht das ehemalige Hoftheater mit der lange verpflich­ tenden Geschichte ohnehin. Schon allein deswegen sollte der Schauspielinteressent das renovierte Haus in der Nachbarschaft mal besuchen. Mit 30 Metern Bühnentiefe misst es so viel wie die Berliner Staatsoper. Die Hubzylinderdrehbühne mit doppeltem Kranz ermöglicht spannende Perspektivwechsel und ein Hinterbühnenschlitten große Verwandlungen auch während des Spiels. | www.das-meininger-theater.de ++++++++++++++++++++++++

Spezialitäten

14. bis 16. Juni, je 20 Uhr, Theater am Neunerplatz Das siebte Stück der internationalen Truppe Tschungulung feiert auf mehreren Ebenen den Grundsatz: Theater ist das ideale Medium für interkulturelles Lernen! Aus Improvisationen heraus entwickelt


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 weitere Informationen: www.kulturgut.wuerzburg.de

 | Theater | 

 | Termine  |  Tschungulung Stücke, die schließlich in deutscher Sprache zur Aufführung kommen. Letztere ist selbst Held der Shows: sie, ihre Tücken und die Schwierigkeiten, die man mit ihr in Deutschland haben kann. Das soll Ängste vor dem Fremden abbauen – auf beiden Seiten der Bühnenrampe. Einige Szenen wurden schon zur Verleihung des Bayerischen Integrationspreises im Landtag gegeben. | www.theater-am-neunerplatz.de ++++++++++++++++++++++++

Bei lebendigem Leibe ab 16. Juni, 20 Uhr, ­Mainfranken Theater

Ein Spaziergang wird diese Uraufführung sicher nicht. Der in Berlin lebende Dramatiker und Regisseur Paul M. Waschkau, 1963 geboren, gewann den Leonhard-Frank-Dramatikerpreis 2011 mit dem Thema „Nacktes Leben“. „Bei lebendigem Leibe“ komponiert 13 monologische Fragmente über die Extreme, die sich Menschen zufügen: in Vernichtungslagern, Kriegsgebieten, Kliniken und Arbeitsagenturen. Die Darstellungen der Entrechteten können ins Groteske, Ironische lappen, ohne dass dies ihre Schwererträglichkeit anhaltend mildert. Ingesamt sieben Schauspieler geben bis 20. Juli sieben weitere Vorstellungen. | www.theaterwuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Global Underscore

23. Juni, 15.30 Uhr, Tanzraum Kontakt-Improvisation wird 40 Jahre alt. Diese eigenartige Bewegungsform ist ein Kernelement zeitgenössischen Tanzes, zumal in seiner Würzburger Stilistik, da hier einige choreographisch engagierte Improvisierende wirken. Improvisiert wird mit dem

so genannten Kontaktpunkt, gewissermaßen als Spiel-Motiv – d. h. mit der Stelle, an der sich die Körper zweier Tänzer berühren. An diesem Orientierungspunkt bewegen sich die Teilnehmer, um alle Möglichkeiten zu erkunden, einander Gewicht abzugeben, übereinander abzurollen… Auf diversen Foren arbeitete Andrea Kneis viel mit KI. Nun lädt sie zum Geburtstags-Improvisieren und zum Zuschauen in die Schießhausstraße 19. Denn: Auf der ganzen Welt begehen Kontakter das Jubiläum gleichzeitig. Die Würzburger haben sich drei Stunden vorgenommen, gleichzeitig mit den Neuseeländern, zu denen man ­– zumindest über einen gemeinsamen Zeitpunkt – Kontakt hält. | www.tanzraum.li ++++++++++++++++++++++++

Die Drei von der Tankstelle 25. Juli bis 12. August, je 20 Uhr, Theater Chambinzky

Die Film-Experten sind sich da einig: Der UFAKlassiker von 1930 verdankt seine Bedeutung nicht den Comedian Harmonists oder Heinz Rühmann, sondern der Tatsache, durch den „virtuosen Umgang mit Erzählung, Tanz und integrierter Musik eine neue filmische Form“ erfunden zu haben - das erste Filmmusical wurde nicht in Hollywood, sondern im Vorkriegs-Berlin gedreht. Nach einigen nie an das fröhlich-spritzige Original mit den Schlagern von Richard Heymann und Robert Gilbert heranreichenden filmischen Adaptionen kam der kräftig ausgeklopfte Stoff um die Boygroup als Wir-AG endlich doch noch als Musical auf die Bühne: 2005 in Berlin und 2011 in Würzburg. Dröhnenden Applaus erntete Hermann Drexlers Inszenierung im vergangenen Winter und bestreitet ob der großen Nachfrage nun den Spielplan des Sommertheaters. | www.chambinzky.com KulturGut 09 | Seite

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Max Uthoff, Reiner Kröhnert 3. August, 20 Uhr, Hafenbühne

Sechs Jahre nach seiner beruflichen Neuorientierung vom Rechtsanwalt zum Kabarettisten bestreitet der (Neues aus der-)Anstaltsjurist Uthoff die zweite Hälfte des Theaterabends vom Hafensommer. Er macht das ultracool, und wenn er sich vor diesem Hintergrund analytischen Denkens zu Zynismen aufschwingt, dann schmecken die umso bitterer nach Erkenntnis. Den ersten Mann des Abends sollte man von einer der vordersten Sitzreihen aus sehen. Reiner Kröhnert, seit langem das gekröhnte Haupt unter den Parodisten, kann mit einer einzigen Mundwinkelfalte einen ganzen Menschen darstellen. Doch er arbeitet auch mit anderen Teilen seines Körpers, so dass man sogar ohne vergrößernden Bühnen-Monitor etwas von der Live-Präsenz hat. Und, nicht übersehen: Es gibt etwas zu hören. Der Mann hat phantastische Einfälle, die umso überzeugender wirken, wenn er sie seinen Polit-Opfern in den fältchengenau nachplissierten Mund legt. | www.hafensommer-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Der Vergewaltiger des Bösen 29. September, 20 Uhr, Posthalle

Olaf Schubert stellt sich schutzlos im ärmellosen Pullunder vor den Riesensaal, bemerkt in ungelenken, ja irregeleiteten Wörtern, dass er unmenschliches Streben nach Reichtum nicht richtig gern haben kann, und amüsiert damit die Leute. Man gönnt ihm das, auch wenn seine Stand-Ups bisweilen knapp am „In der DDR war nicht alles schlecht“ vorbeischrammen. Denn: Für Ostalgie gebärdet sich der Sachse zu tölpelhaft – als wäre er der Sohn vom Instrumentenwart einer Bolschewistischen Kurkapelle. | www.olaf-schubert.de


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Schicksal Musik Einer der weltbesten Spieler der orientalischen Zither lebt mitten in Würzburg. Beinahe unerkannt. von Daniel Staffen-Quandt / Foto: privat

+ Salah Eddin Maraqa würde gerne von seiner Musik leben. Kann er aber nicht. Jedenfalls nicht so, wie er möchte. Was weniger an seinen Verdienstmöglichkeiten läge, als an seinem Anspruch. Maraqa, 30 Jahre alt, gebürtiger Jordanier aus Amman, ist einer der weltbesten Qanun-Spieler, der orientalischen Zither. Traditionelle arabische Musik ist sein Leben, aber leben kann er davon nicht. Deshalb schreibt er an der Würzburger Uni seit dem Jahr 2009 an seiner Doktorarbeit im Fach Musikwissenschaft. Maraqas Weg zur Musik war eigentlich eine Trotzreaktion. Er war neun Jahre alt und ein begeisterter Fußballer, als er eines Tages mit seiner kleinen Schwester und der Mutter ins Konservatorium fahren sollte. Die Schwester sollte damals Musikunterricht erhalten, war aber noch zu jung. „Als der Direktor zu meiner Mutter sagte, ich solle doch ein Instrument lernen, sagte sie nein, weil ich ja angeblich nur Fußball im Kopf hatte“, erinnert sich Maraqa: „Da wollte ich natürlich erst recht Musik machen.“ Und weil am Konservatorium vor allem junge Menschen gesucht wurden, die nicht Klavier oder Geige lernen wollten, sondern ein traditionelles arabisches Instrument, war Salah Eddin Maraqa besonders willkommen. „Ich habe mir das einzige Instrument ausgesucht, das ich damals nicht kannte“, sagt er. Es muss irgendwie Schicksal gewesen sein. Denn der Junge entpuppte sich als Naturtalent – nach nur einem Monat Unterricht rieten die Lehrer, sich eine eigene Zither zu kaufen, weil er so begabt sei. Der Junge übte und übte – und wurde schon als Jugendlicher zu einem gefragten Qanun-Spieler. Er durfte während seiner Zeit in Jordanien auch bei Meistern wie dem 1997 verstorbenen Iraker Munir Baschir lernen. Von Kennern der arabischen Musik wird Maraqa wegen seiner Virtuosität und seiner Spielweise am Qanun als Nachfolger Munirs gesehen. Sicher auch, weil dieser außer Maraqa keinen anderen Schüler angenommen hat. Mit 17 sagte man ihm, man könne ihm nichts mehr beibringen. Maraqa ging nach Deutschland – ursprünglich mit dem Plan, Musik zu studieren. Doch er wollte kein zweites Instrument nebenher studieren, sondern sich entweder ganz dem Qanun widmen, oder gar nicht. Er machte seine Leidenschaft zum Hobby und studierte in Münster MuKulturGut 09 | Seite

sikwissenschaft. Seine Zither nahm er in dieser Zeit trotzdem täglich mindestens eine Stunde in die Hand, vor allem für sich; er übte aber auch für seine rund 20 Auftritte pro Jahr. „Angebote habe ich natürlich mehr“, sagt er.

Mit Sarband auf Welttourneen Doch der heute 30-Jährige ist wählerisch. Er ist Traditionalist und hat Überzeugungen. Deshalb kann er nicht von seiner Musik leben. „Ich will nicht in irgendwelchen Clubs oder Bauchtanzbars spielen“, sagt er. Und auch für bloße Sample-Aufnahmen kurzer Sequenzen im Tonstudio sei er nicht zu haben, obwohl sich damit schnell Geld verdienen lasse. „Ich habe jahrelang bei den besten Qanun-Spielern gelernt, ich will die Tradition der arabischen Musik bewahren und nicht ausschlachten“, erklärt er. Für niveauvolle Crossover-Projekte ist Maraqa durchaus zu haben. Schon seit Jahren ist er immer mal wieder weltweit mit dem Ensemble Sarband unterwegs, eine klassische Formation, sie sich zwischen den musikalischen Welten von Okzident und Orient bewegt. „Die machen großartige Musik, die zwar neu ist, aber in den Traditionen verhaftet“, sagt der junge Mann. Es sei jedes Mal eine „große Freude, mit dieser Band auf der Bühne zu stehen“. Auch, weil es Sarband um Kulturverständigung gehe. Musik ist für Salah Eddin Maraqa immer noch sein Leben. Seine Doktorarbeit ist fast fertig, nebenbei spielt er Qanun, gibt kleinere Konzerte, geht mit Sarband auf Welttournee. In die Vermarktungs- und Verwertungsmaschinerie der heutigen westlichen Musikwelt aber passt er nicht: „Musik ist nicht nur etwas, mit dem man Geld verdienen kann. Man muss an die Musik glauben, sie spüren.“ Maraqa hat Prinzipien. Bislang lebt er gut mit und irgendwie auch von ihnen. Beinahe unbemerkt, in Würzburg.

LINK: | www.maraqa.org

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Je nach Land hat sein Instrument 72 bis 78 Saiten: Maraqa am Qanun. KulturGut 09 | Seite

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Umsonst & diskutiert Was leistet das U & D-Festival für die Würzburger Musikszene? von Joachim Fildhaut / Foto: Jutta & Jörg Kulow

+ Opa und Oma passen beim Umsonst & Draußen-Festival (U & D) auf die Kleinen auf. Denn das hat für jeden Geschmack was im Angebot. Zur Prime Time schieben zwei Menschenschlangen in der Budengasse aneinander vorbei. Kehrt machen sie an den Bühnen, die den Schlusspunkt der Promenade für Zigtausende bilden. Doch nicht nur das. Auf der Bühne wird auch musiziert – vor einem hoffentlich wenigstens mehrhundertköpfigem Publikum. „Wer für ein Konzert 20 Euro Eintritt bezahlt, konzentriert sich auch für 20 Euro. Wer nichts bezahlt, interessiert sich nicht für die Musik“, befürchtet freilich Andy König, mit der Band Stakkato 1987 auf der Bastion beim allerersten Ur-U & D dabei. Die Kirmes-Atmosphäre entgeht auch den Veranstaltern nicht. Tilman ­Hampl, einer der 13 haftenden Organisatoren, setzt angesichts von Aufmerksamkeitsdefiziten auf die Zukunft: „Wer beim U & D seine erste Festival-Atmosphäre geschnuppert hat, hat eine gute Prägung, um später zum Konzertgänger zu werden“, sagt Hampl, der für Auftritte seiner Lieblingsmusiker gern bis nach Berlin und weiter reist.

Nachwuchs-Chancen Was also leistet dieses niederschwellige Musikangebot? Wenn es ein neues Publikum heranzieht – zieht es dies auf einen Gipfel oder in eine Talsenke der deutschen Geizlandschaft? Gitarrist Werner Küspert geht zwar nicht so weit, kostenfreie Konzerte und ebensolche Downloads gleichzusetzen. Allerdings gibt er zu bedenken: „Die Haltung im Publikum, dass Kultur nichts zu kosten hat, wird durch Freikonzerte bekräftigt.“ Was Bands von kosten- und honorarfreien Veranstaltungen haben, sieht Küspert, vielfach beschäftigter Berufsmusiker und Mitgründer der Jazzinitiative Würzburg, differenziert: „Ein Gratis-Festival ist für Amateurbands eine gute Gelegenheit, vor einem größeren Publikum zu spielen. Aber Profimusiker schneiden sich ins eigene Fleisch, wenn sie dort auftreten.“ Aus fleißiger Konzerttätigkeit kennt der Gitarrist die Haltung von Veranstaltern: ‚Bei denen hast du umsonst gespielt – und ich soll Gage für euch zahlen?!’

mal Andy König: „Bei so einem komplexen Thema stehen die verschiedenen Seiten alle unter verschiedenen Zugzwängen.“ Allerdings glaubt der Twenty-Fingers-Gitarrist nicht, dass man im Anschluss an unhonorierte Auftritte besser an größere Verträge herankommt. Ihm habe es nichts genützt, dass er ins Band-Infos schreiben durfte: ‚Habe beim U & D gespielt.’ „Wenn wir gut gespielt haben, konnten wir beim U & D ein halbes Dutzend bezahlte Auftritte festmachen“, erinnert sich hingegen Wolfgang Salomon. Der Bassist trat in den 1980ern viel mit der Würzburger Fusion-Kapelle Munju auf. Die erwähnten U & D-Anschlussgigs machte Munju allerdings nicht in Würzburg fest, sondern bei der Mutter der Umsonst-Open-Airs an der Porta Westfalica. Dahin pilgerten die Clubbetreiber aus Norddeutschland früher auf Talentsuche.

Kreativer Repertoire-Druck Fragt sich, wie Würzburger Newcomer heute die Sache sehen. Beim Abend „School of Rock“ traten sie jüngst serienweise im Bechtolsheimer Hof auf. Zusammengefasst: Auch 2012 ist das Mainwiesenfestival noch ein Orientierungspunkt. Dabei hat sich sogar der Geist der ersten Stunde, von dem die Gründergeneration gern schwärmt, ins laufende Jahrtausend gerettet: Ein tolles Gefühl sei das, Teil der Atmosphäre eines Festivals zu sein, als Performer; so sehen es die Mitglieder einer Funkrock-Band, die heuer zwar abgelehnt wurde, sich für 2013 aber sicher wieder bewirbt: „Wenn es uns dann noch gibt.“ Thrown Together spielte im Bechto bunt gemischte, knackige Covers. Aber: „Fünf, sechs Eigenkompositionen bis Ende des Jahres“ stellt sich Frontfrau Franzi als nächsten Schritt der Band vor. Ein eigenes Repertoire ist generelle Bedingung für einen U & D-Auftritt. Thrown Together fühlen sich davon ein bisschen unter Druck gesetzt; allerdings sieht Franzi auch, wie diese Vorgabe sie motiviert. Und so ist es eine ganz formal klingende Bedingung, die eine der Leistungen dieses Festivals für die Szene ausmacht: als Wegmarke bei der Entwicklung von Nachwuchsbands.

Anschlussgigs in Norddeutschland Karrieresprungbrett funktioniert nur, wenn sich ein gehöriger Menschensee unter der Bühne ausbreitet. Ein U & D als Förderfestival braucht eine Mindestgröße, auch auf die Gefahr hin, dass der Jahrmarktlärm einiges verschluckt. Da sind sich die Musiker einig. Noch KulturGut 09 | Seite

INfo: Do., 21., bis So., 24. Juni, Talavera-Mainwiesen. | www.umsonst-und-draussen.de

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Hier können Musiker Teil einer Riesen-Party sein. Was beim ersten U & D begeisterte, gilt fürs 25. Festival immer noch. KulturGut 09 | Seite

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 | Musik | 

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Frau Kraushaar

The Kooks

Kunsthochschulen haben mehr Popstars ausgebildet als Musikkonservatorien. Auch Silvia Berger a.k.a. Frau Kraushaar lernte an der Hamburger Akademie – Video und Eigeninszenierung. In Deutsch und selbstgemachten scheinslawischen Sprachen zirpt und plärrt sie zum Kinderzimmerpop des Kammerorchester Mark Matthes, dass beim Zuhörer in der Gegend zwischen den Ohren ein Wechselspiel von Grinsen und Grausen anhebt. Anscheinend wurde der Stubenarrest der Musiker erst kurz vor dem Konzert amnestiert. | www.kellerperle.blogspot.de ++++++++++++++++++++++++

Und hier der Generationen-Verbinder: Wieder einmal schafft es eine Gruppe junger Briten, Songs für ihre AltersgenossInnen zu singen und damit selbst Sechzigjährige zu rühren. Vom ersten Hören an klingen ihre Hits wie gute alte Bekannte, ja Freunde fürs Leben, wie selbstverständlich immer schon dagewesen. Das bringt die Musikgeschichte natürlich nicht weiter über die Linien eines Ray Davis und/oder Steve Harley hinaus – aber genau danach fragt man bei den Kooks eben auch nicht. Sie unterbrechen ihre Europa-Festival-Tour für drei Deutschland-Shows mit ungewöhnlich positiver und eingängiger Musik, live mit großer Spielfreude rübergebracht. | www.posthalle.de

Aufgang

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14. Juni, 20.30 Uhr, Kellerperle

16. Juni, 20 Uhr, ­ Vogel ­Convention Center Das Crossover-Projekt beim Mozartfest schwelgt in den Finessen klassischer Piano-Anschlagskultur und zugleich in der Techno-Trance. An den Flügeln sitzen Rami Khalifé und Franceso Tristano, wenn nicht einer von ihnen das vielsaitige Instrument zugunsten von Electronics verlässt. Als Scharnier bewegt sich Aymeric Westrich an den Drums. Aufgang erfindet höchst abwechslungsreiche Klangarchitekturen aus impressionistischem Jazz, Detroiter Club-Energie und Cluster-Harmonia-Reminiszenzen. Da sich die Band also nicht mit dem Trio ELF verwechseln lässt, trauert man auch nur kurz dessen Schlagwerker Gerwin Eisenhauer nach (der freilich besser trommelt als Westrich). Bei den Karten zwischen 20 und 40 Euro sollte man nicht sparen. | www.mozartfest.de

25. Juli, 20 Uhr, Hafenbühne

9. Juli, 20 Uhr, Posthalle

Dikanda

14. Juli, 20 Uhr, ­ Marktplatz Sommerhausen Die Sommerhäuser Hoffeste ziehen auf den großen Platz. Den wird an diesem Samstag ein Stettiner Sextett füllen, das mit der berüchtigten östlichen Spielfreude Folkloren von Polen bis Türkei fusioniert, zu selbstgeschriebenen Texten. Dikandas Sound aus den Kehlen zweier Sängerinnen, von Akkordeon, Geige, Gitarre, Bass und Perkussionsinstrumenten goutierten die Massen des Wiener Donauinsel-Festivals genauso wie die Gourmets auf Burg Herzberg und beim Jazzfestival Montreux. | www.hofkonzerte-sommerhausen.de ++++++++++++++++++++++++

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17 Hippies feat. Elliott Sharp

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Gleich das erste Konzert nach der Eröffnung des Hafensommers bringt eine exklusive, aberwitzig erscheinende und doch recht einleuchtende Begegnung. Die berührende Power-Polka- und Seelen­ kräusel-Combo mit der Vorliebe für östliche Folklore trifft auf einen Gitarrenextrementalisten, der in der aufgeschlossensten AKW-Zeit etliche Würzburger Ohren zum Wackeln brachte. Elliott Sharp gab in der New Yorker Downtown-Szene den Ton mit an, und der Ton hieß Noise, Nu-Jazz o. ä. Was wenige wissen: Sharp erforschte auch KlezmerKlänge, gemeinsam mit dem etwas prominenteren Saxer John Zorn und dem Tom-Waits-Gitarristen Marc Ribot, für den er bei diesem Würzburger Projekt übrigens einspringt. Da schließt sich der Kreis zu den 17 Hippies. Doch offen bleibt zum Glück manches: Als Vorprogramm stellt sich der Glatzkopf solo mit seiner Elektrischen auf die Bühne! Das Gesamtprogramm des Hafensommers lässt wieder einmal über die Leistungsfähigkeit des Kulturstandorts Würzburg staunen. | www.hafensommer-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Hubert von Goisern

27. Juli, 20 Uhr, Festung, Neutorgraben Vor genau 20 Jahren hatte H. Achleitner aus dem oberösterreichischen Goisern mit seinen Alpinkatzen auch in Bayern den Durchbruch. Danach probierte er verschiedene weitere, gleichfalls bunte Instrumentierungen aus. Inzwischen ist sein „Heast as nit“ von 1992 Österreichs zweitliebster Popsong überhaupt – und immer noch im Repertoire. Die vier Jung­ spunde, die aktuell an von Goiserns Seite agieren, interpretieren den Hit einfühlsam, an den richtigen Stellen sogar mit Macht. Sie beherrschen aber auch


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 | Musik | 

 | Termine  |  transparenten Bluesjazz, wenn der Herr aus Goisern zur Klarinette greift. Der hat sich kurz vor seinem 60. Geburtstag mit abgespecktem Sound überzeugend neu erfunden. | www.argo-konzerte.de

Méthiviér. Auf ihren Akkordeons ergehen sie sich in Klanglandschaften, über denen der Wind der Minimal Music säuselt, wenn nicht heiterere Empfindungen erwachen. | www.hafensommer-wuerburg.de

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Polnisches Requiem

Toselli-Quartett

27. und 28. Juli, 20 Uhr, Neubaukirche Monteverdichor Würzburg und Hofer Symphoniker führen eins der persönlichsten Werke Krzysztof Pendereckis auf. Darin erinnert er an Freunde und Vorbilder, zugleich ist es ein religiöses Bekenntnis, das in der Volksrepublik Polen abzulegen Mut verlangte. Solisten, großer Chor und Orchester mit vier- bis sechsfacher Bläserbesetzung lassen eine Werkfolge erschallen, in der der Komponist ein „Agnus Dei“ für Primas Stefan Wyszynski und ein „Lacrimosa“ für den niedergeschlagenen Aufstand der Danziger zum Ausgangspunkt für eine großformatige Trauermesse nahm. Soli singen Anna Nesyba, Barbara Bräckelmann und Johannes Weinhuber, Leitung hat Matthias Beckert. Vorverkauf bei Deußer, Karmelitenstraße. | www.monteverdichor.com ++++++++++++++++++++++++

Gabby Young & Arnotto 9. August, 20 Uhr, Hafenbühne

Die Leute wollen Spektakel. Eine Musikshow zum Staunen von der ersten bis zur letzten Minute verspricht die extrovertierte britische Sängerin Gabby Young mit ihrem Rock-Zirkus-Orchester Other Animals: eingängige Quersummen durch die europäische Geschichte der Tanz- und Unterhaltungsmusik. Das Vorprogramm bestreiten Arnotto, das sind der Österreicher Otto Lechner und der Franzose Arnaud

10. August, 19.30 Uhr, ­Lola-Montez-Saal, Bad Brückenau Vier Streicherinnen des Bayerischen Kammerorchesters Bad Brückenau stellten ein amerikakritisches Programm zusammen. Nichts Politisches! Die Stückauswahl wurde angeregt von Antonin Dvoraks Satz: „Unsinn, dass ich indianische oder amerikanische Motive verwendet hätte. Ich habe nur im Geiste der amerikanischen Volkslieder geschrieben.“ Anhand von Schubert, Haydn, Gershwin und des „Amerikanischen Quartetts“ von Dvorak erkundet das ToselliQuartett die Wechselbeziehungen zwischen Europa und Amerika. | www.kammerorchester.de ++++++++++++++++++++++++

Bridges & Mortazavi

12. August, 20 Uhr, Hafenbühne Und noch einmal Hafensommer (letztmals vor dem Finale), weil es so schön wird. Nämlich mit dem Brücken-Projekt zwischen Würzburg und seiner schottischen Partnerstadt Dundee. Als Botschafter über Kanal und Firth of Forth wechselnd, formierte der Würzburger Jazzbassist und Münchner FilmmusikDozent Georg Kolb ein Ensemble aus Instrumentalisten beider Städte, das Twincity European Jazz Project. Das entwickelte rasch eine eigene Klangsprache, auch wenn es schottische und fränkische Traditionals aufgreift. KulturGut 09 | Seite

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Ein Erneuerer ist auch der zweite des Doppelkonzerts. Auf die Großcombo folgt der Solist mit den persischen Percussions, Mohammad Reza Mortazavi. Der war mit neun Jahren so weit auf dem klassischen Instrumentarium, dass ihm kein Lehrer mehr etwas beibringen konnte. Also erfand Mortazavi eigene Techniken (30 an der Zahl). Vor allem aber ließ er poppige Grooves in die traditionelle iranische Musik einfließen. So vereint dieser Abend eine Welturaufführung und ein Weltwunder. www.hafensommer-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Seien sie mir ewig gut! 23. September, 17 Uhr, ­Toscanasaal der Residenz

Im Mai starteten die Toscanakonzerte, die das reiche musikalische Erbe der Region vorstellen. Gespielt werden originale Tasteninstrumente der Entstehungszeit der Kompositionen aus der Sammlung in Schloss Homburg. Renommierte Musikologen führen in das Programm ein. An diesem Sonntag erklingen Lieder, Klavierwerke und Klavierkammermusik von Joseph Martin Kraus. Der in Miltenberg geborene spätere schwedische Kapellmeister (1756-1792) wurde immer wieder mit Wolfgang Amadeus Mozart verglichen. Tatsächlich ist er einer der originellsten und unabhängigsten Musiker des 18. Jahrhunderts. Er verfügte über hervorragende Kenntnisse der gerade aufblühenden Poesie in deutscher Sprache, pflegte Kontakt zu Matthias Claudius und verfasste selbst Lyrik, die er zu Liedern verarbeitete. Seine heutigen Interpreten sind Jan Kobow (Tenor), Swantje Hoffmann (Violine), Martin Seemann (Violoncello) und der Pianist Michael Günther, der auch einige temperamentvolle Briefe des Komponisten liest. | www.clavier-am-main.de


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Adi Hoesle: „Brain-Painting B-P 9/2009, Performance BCI Conference, Berlin”. 100 x 100 cm, Courtesy/Copyright: Adi Hoesle.

Gedanken treiben es bunt Gehirn-Computer-Schnittstellen verbinden Gelähmte mit virtueller Palette von Michaela Schneider

+ Sie sieht futuristisch aus, Tilo Werners Elektrodenhaube mit den bunten Kabeln. Und auch die Technik dahinter klingt wie Science Fiction: Stellt sich ein Mensch Körperbewegungen oder Gegenstände vor, entstehen im Gehirn Signalmuster. Mittels Elektroden können diese Hirnströme über die Kopfhaut gemessen und Befehle an einen KulturGut 09 | Seite

Computer gesendet werden. So kann der Proband aus der Kraft seiner Gedanken an einem Computer Bilder malen, Emails verschicken oder ein digitales Fotoalbum erstellen. Maus, Tastatur und Handbewegungen sind überflüssig. Das Ganze funktioniert über Gehirn-Computer-Schnittstellen, kurz BCI (Brain Computer Interfaces).

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Konzentration lässt sich lernen Im Rahmen des europäischen Projekts TOBI forschen zwölf Universitäten – unter anderem Würzburg – an den Verbindungen zwischen Computer und Gehirn; die Europäische Union fördert mit zwölf Millionen Euro. Jetzt sorgt die futuristische Technik sogar in der Kunstszene für Aufsehen. Künstler saßen dabei in ihren Ateliers und „zeichneten“, während der Prozess live in die Ausstellungen nach Linz und Rostock übertragen wurde. Besucher konnten Brainpainting zudem selbst ausprobieren. Zudem wurde direkt in der Ausstellung an neuen Ideen geforscht. Kurator Adi Hoesle gilt als Ideengeber und Erfinder des Brainpainting, die Würzburger Psychologin Andrea Kübler hat die Technik auf wissenschaftlicher Basis vorangetrieben und „alltagstauglich“ gemacht. Für Menschen wie Tilo Werner eröffnen BCI völlig neue Möglichkeiten und eine Lebensqualität, die vor ein paar Jahren noch undenkbar gewesen wäre, denn: Der 41-Jährige ist seit einem Badeunfall vor zweieinhalb Jahren querschnittsgelähmt. Nur Kopf und Schultern kann er noch bewegen. Damit wäre er sein Leben lang rund um die Uhr auf fremde Hilfe angewiesen. Doch will er sich nun mittels Gehirn-Computer-Schnittstellen Stück für Stück Selbstständigkeit zurückerobern. Er trainiert mit einer Apparatur, die noch einen Schritt weiter geht als die Brainpainting-Technik. Über die Bewegung seiner Schulter steuert der 41-Jährige eine ­Armorthese, eine Art Ärmel aus Metall. Dabei werden Muskeln für be-

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stimmte Bewegungen aktiviert, die der Patient selbst nicht mehr ausführen kann. Das ist an sich noch nicht das Neueste. Gleichzeitig kann Tilo Werner aber über Gehirn-Computer-Schnittstellen „umschalten“ zwischen Arm- und Handmodus, erklärt Ingenieur Rüdiger Rupp. Mit der neuen Apparatur ist es Forschern erstmals gelungen, dass bei einer so schweren Form der Querschnittslähmung ein Patient ohne fremde Hilfe in einem Zug den Ellenbogen strecken, beugen und mit der Hand zugreifen kann. Die Rede ist dabei von Brainswitch – Hirnschaltung. Dafür musste Tilo Werner hart üben – etwa ein halbes Jahr lang dreimal pro Woche – bis er als ersten Gegenstand eine Laugenstange griff. Malen aus Gedankenkraft erfordere ebenfalls viel Konzentration, sei aber einfacher zu lernen, erzählt Psychologin Andrea Kübler. Adi ­Hoesle wollte für den an amyotropher Lateralsklerose erkrankten Künstler Jörg Immendorff eine Möglichkeit schaffen, Kreativität weiter auszudrücken. Die Krankheit lähmt nach und nach den ganzen Körper. Brainpainting sei mehr als nur eine Spielerei: „Die Patienten lieben es, lässt es doch völlig neue Entfaltungsformen zu“, sagt die 48-jährige Psychologin. Hinzu kommt: Nur zwei Knopfdrucke sind nötig, um das System zu starten und es auf die Hirnantwort zu kalibrieren. Die Palette auf dem Bildschirm besteht aus Symbolen für Farben, Formen, Pinselstärke oder Transparenz. Auf einem zweiten Screen entsteht ein Bild – gezeichnet mit der Kraft der Gedanken.

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Gegenüberstellungen

Die zweite Haut

Begnadete Hände

Das kleine Diözesanmuseum bereitet die christliche Ikonographie der Volksfrömmigkeit in 17 verwinkelten Räumen und stimmungsvoller Lichtregie auf. Dank ihrer breiten Motivik eignet sich die Sammlung, auch einmal das Konzept des Mutterhauses am Würzburger Dom auszuprobieren. Und so setzt ab Mitte Juni die Sonderausstellung „Gegenüberstellungen“ Werke der Gegenwartskunst mit den Zeugnissen alter Prozessionen und Wallfahrten in Beziehung. | www.museen.bistum-wuerzburg.de

Die vorige Ausgabe wies zwar auf diese Ausstellung, nicht jedoch auf die Größe der Exponate hin. Und die ist konstitutiv für manches Werk von Sylvia Hatzl. Die aus Baumwolle, Schweinsdarm oder Hasenhäuten gestalteten textilen Skulpturenbilder bewegen sich im Hauch des Vorübergehenden, ja, teils wurden sie im gänzlich frei geräumten Museumsuntergeschoss extra so gehängt, dass man nah an ihnen vorbei schreiten muss. Von dieser Möglichkeit sollte der Besucher ausgiebig Gebrauch machen und auch selbst einmal hauchen. Alle Werke, auch das größte von sechseinhalb Metern Höhe, haben den Zuschnitt von Gewändern, der zweiten Haut eben. Wer trägt sie? Und wie? Solche Fragen drängen sich auf, und da wird‘s dann leicht mystisch. | www.museum-am-dom.de

Schnecken und Kristalle hatte Alfred Ehrhardt oft vor seiner Fotolinse. Der Bauhaus-Schüler drehte 1955 einen Film über Riemenschneider-Skulpturen, „Begnadete Hände“, und zur Vorbereitung fing er die Schatten unseres fränkischen Meisterschnitzers in ausdrucksvollen Schwarz-Weiß-Fotographien ein. Die lassen sich nun in unmittelbarer Nähe zu den Originalen betrachten. Und die Museumsleiterin persönlich hilft dabei! Am 24. Juni (14.30 Uhr) und am 26. Juli (15.30 Uhr) führt Claudia Lichte durch die Abteilung. Der zweite Termin ist der erste einer Doppelführung. Denn gleich danach geht es im Museum im Kulturspeicher weiter - Henrike Holsing konzentriert sich ab 17 Uhr auf „Neue Sachlichkeit in Franken und darüber hinaus“. | www.mainfraenkisches-museum.de | www.alfred-ehrhardt-stiftung.de

ab 16. Juni, Kartause Astheim

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LandArt

17. Juni, 14.15 Uhr, W ­ alderlebnispfad Guttenberger Forst Familien mit Kindern ab fünf bringen sich kreativ zwischen den Bäumen ein „und zaubern vergängliches Schönes in den Wald“, sagen die Pädagogen der Försterei. Material für eineinhalb vergnügliche Stunden ist in Fülle vorhanden. | www.aelf-wu.bayern.de

bis 22. Juli, Museum am Dom

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Tord Knudsen

27. Juli, 20 Uhr, Hafenbühne

Wie konservativ kann ein Künstler sein, in Aussage und Technik? Wie dekorativ darf er sein? Grundfragen der Kunst wirft der 1945 geborene Münchner Konservator (!) und Graphiker auf, dessen Drucke und Zeichnungen im kühlen Keller des Kulturspeichers hängen. | www.bbk-unterfranken.de

Videokunst und Ambient-Musik sind natürliche Verwandte. Schon der Erfinder des Musikgenres, Brian Eno, wünschte sich zur Tapetenmusik visuelle Bildschirmereignisse, die die Funktion eines gerahmten Bilds nicht überschreiten sollten. Zu einem solchen Guckkasten-Gesamtkunstwerk verwandelt sich die Seebühne am Alten Hafen, wenn – nach einem solo-E-gitarristischen Vorprogramm - das Nils Petter Molvær-Trio abstrakte, trompetengestützte Klänge in die Nacht schweben lässt. Nordlichthaft schillern dazu die Projektionen, die der ebenfalls norwegische Videokünstler Tord Knudsen von der Bühne auf die Bühne strahlen lässt. | www.hafensommer-wuerzburg.de

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Veit Schmitt

bis 30. Juni, BBK-Werkstattgalerie

bis 29. Juli, Mainfränkisches Museum

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Freiraum

bis 29. Juli, Tagungszentrum Schmerlenbach, Hösbach Skulpturen von Dierk Berthel, Christoph Jakob, Markus Schmitt und Christine Wehe-Bamberger stehen im Park (ganztags geöffnet) und Kreuzgang (werktags 9 bis 17, wochenends 9 bis 12 Uhr). Beim BBKVorsitzenden Berthel kombinieren sich Stein und Metall spielerisch und im selben Atemzug doch mit archaischer Wucht. Wehe-Bamberger trat in Würzburg mit einer Spitäle-Installation aus gedehnten Damenstrumpfhosen in Erscheinung. Christoph Jakob orientiert sich an der Stele, eine Form, derer sich Markus Schmitt bereits dezidiert für Bildstöcke bedient hat. Am 8. Juli, 15.30 Uhr kann man alle vier KünstlerInnen bei einer Führung kennenlernen. | www.schmerlenbach.de


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Aufbruch

11. August bis 23. September, Museum im Kulturspeicher Die Entdeckung der Zentralperspektive zur Renaissancezeit holte den Raum hinein in die Bildfläche. Als diese dann im 20. Jahrhundert mit der abstrakten Malerei eine ungeheure Aufwertung erfuhr und sich auf ihren zwei Dimensionen selbständig machte, holte der Raum in seinem Exil hinter der Leinwand kräftig aus – und brach durch. Malerei verließ die klassische Bildebene, Künstler ersetzten den fiktiven Bildraum durch den Bezug zum realen Umraum: die Bilder gehen über die Grenzen des Rahmens hinaus, öffnen die Fläche oder verbinden sich mit der Wand. 80 Werke von 50 Künstlern führen Strategien seit den 1950er Jahren vor Augen, darunter Ellsworth Kelly und Leon Polk Smith, die nun erstmals in Würzburg zu sehen sind. Günter Fruhtrunk, Rupprecht Geiger und François Morellet sind hingegen schon aus der Sammlung Ruppert bekannt, ebenso wie eine der Kuratorinnen: Britta Buhlmann, frühere Leiterin der Städtischen Galerie Würzburg, zeigte „Aufbruch“ bereits im Museum Pfalzgalerie Kaiserslautern. | www.kulturspeicher.de ++++++++++++++++++++++++

Sommerakademie Homburg

1. bis 8. September, Homburg am Main Ausgesprochen experimentelle Techniken erforschen die Teilnehmer von Kursen wie „Interventionen mit Papier“, „Zeichnung / Cutout / Collage“ oder „Neue Drucktechniken“ ohne Säure und Lösungsmittel. Kursleiter sind u. a. der Hrdlicka-Schüler Rüdiger Schöll, die frühere Schlossherrin Linda Schwarz und die innovative Buchbinderin Nadine Werner. Der Preis für Seminare in Bildenden Künsten (es gibt auch Mu-

sikworkshops) liegt bei 480 Euro, die freilich keine Schlossübernachtung enthalten – Beherbergung im Ort geht extra. Das schöpferische Beisammensein beginnt mit einem Begrüßungsessen, der Schlusssamstag gehört einer Ausstellung (und Konzerten der Musikteilnehmer). | www.sommerakademiehomburg.de ++++++++++++++++++++++++

Dialog

9. bis 30. September, Spitäle Die Malerin Barbara Henn und der Bildhauer Dieter Eisenberg schaffen gern Reihen. Die entstehen nicht planvoll, sondern im Dialog mit Farben, Formen und Material, und beide Künstler schließen sie ab, wenn sie die ursprüngliche Idee verwirklicht haben. Henn und Eisenberg wünschen sich sensible Betrachter, die aus den fertigen Kunstwerken etwas von diesen Dialogen heraushören können. | www.spitaele.de ++++++++++++++++++++++++

Mehr Sicht als Land

15. September bis 31. O ­ ktober, ­ Arte Noah Die Nürnberger Künstlerin Stefanie Pöllot entwickelte ihre persönliche Handschrift aus der seriellen Fotographie, von der sie einen logischen Schritt zu bewegten Bildern ging. Eine mögliche Konsequenz: Sie projiziert analoge Filme auf Alltagsgegenstände und nimmt das optische Ereignis auf Video auf. Dabei hat sie ein feines Gespür für Größen- und Zeitverhältnisse – Bedingungen dafür, dass der Zuschauer ein kontemplatives Verhältnis zu seiner Umwelt gewinnt, zumindest für die Dauer des Kunstgenusses. Pöllot will das „filmische Medium ausloten und sich gleichzeitig seiner Ursprünglichkeit bedienen“ und KulturGut 09 | Seite

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„Werke entwickeln, die trotz ihrer unspektakulären Erscheinung Komplexität versprechen“. Das ist ihr zwar nicht spielend, aber spielerisch gelungen. Im Sommer vor zwei Jahren trug Pöllot bereits im Kulturspeicher zur Nachtlandschaft-Ausstellung bei. | www.kunstverein-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Mexicanidad

bis 16. September, ­Kunsthalle Würth, Schwäbisch Hall Gemälde aus Mexiko schauen in der Regel unter starken schwarzen Augenbrauen hervor. Tatsächlich dürfte Frida Kahlo mit ihren Gemälden und Kleiderentwürfen die zugkräftigsten Exponate zur Sonderausstellung „Das Mexikanische“ beitragen. Doch sie wird nicht als Star behandelt. Vielmehr zeigen die Ausstellungsmacher, wie Identität und Mentalität fünf große Künstler besonders intensiv beschäftigten. Das Schicksal Mexikos sei ein „Kampf gegen die Leiden“, sagen die Kuratoren. Während die Surrealistin Kahlo an Leinwänden, am Leiden und an ihrem Leben arbeitete, kämpfte ihr kommunistischer Gemahl Diego Rivera unmittelbar für sein Volk. Jüngere, indigene Kollegen griffen auf ihr präkolumbianisches Erbe zurück. Sie verzichteten auf alle Raumillusion in der Malerei und entdeckten dafür Farben wie Rufino Tamayo oder Mythen wie Francisco Toledo. Der fünfte Vertreter schließlich, Adolfo Riestra, speiste seine Kunst aus der Zeitvorstellung seiner Urväter: weder linear noch kreisförmig in sich geschlossen, sondern jederzeit neu abrufbar… 100 kunsthistorisch bedeutende Meisterwerke des mexikanischen Quintetts sind in Hall zu sehen, hinzu kommen viele archäologische Fundstücke und selten gezeigte Fotos – nicht zuletzt von der schönen Frida. | www.kunst.wuerth.com


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Der Kandidat Die literarische Erstveröffentlichung von Ulrike Sosnitza / Fotos: Benjamin Brückner

+ Es war Herbst und früh dunkel. Drohnen überflogen die Stadt. Lilia starrte auf die Kontrollschirme, aber alles war wie immer. Sie rieb sich die müden Augen, und als sie die Bildschirme wieder anvisierte, tauchte da „Verräter“ auf, in großen, roten Buchstaben, direkt auf der Stadtmauer. Lilia traute ihren Augen nicht. Eine Drohne meldete, dass es sich um Lackfarbe handelte, magentarot. Die wurde schon lange nicht mehr hergestellt. Lilia gab den Drohnen den Befehl, die Schmierereien zu entfernen, bevor die Bevölkerung sie sehen konnte. Wer hatte etwas auf die Mauer schreiben können, ohne dass sie es bemerkte? Da zerschnitt die weibliche Stimme ihrer Handgelenkseinheit die Stille: „Polizeipräsident an Lilia Sommer: Attentat geplant. Marcus Gebauer, Vorsitzender der ‚Partei Freies Würzburg’, Personenschutz ab sofort, Wohnort Hotelturm.“ Sie quittierte mit einem Blick in den Scanner. Marcus Gebauer war Kandidat für die Oberbürgermeisterwahl. „2050, das Jahr der Befreiung“ war sein Slogan. Das System in ihrem Helm übermittelte weitere Details, während sie mit ihrem E-Mobil in wenigen Minuten von der Zellerau in die Schweinfurter Straße fuhr. Im Aufzug erklärten blank polierte Schriftzeichen die Geschichte des Hotelturmes: 2002 Grundsteinlegung, 2005 – 2012 Baustopp, 2013 Fertigstellung, Hotelbetrieb bis zur Zerstörung im Zweiten Terroristischen Krieg 2025, Abriss. 2037 Wiederaufbau durch China Tourist Consort, Teil des Würzburg Resort bis 2047, seitdem privat bewohnt. Wie Gebauer das aushielt? „2050, das Jahr der Befreiung“ meinte ja: das Jahr der Befreiung von den Chinesen. Aber als Polizistin durfte Lilia keine Meinung dazu haben, schließlich bezahlten die Chinesen ihr Gehalt. Der Anzug vibrierte leicht an ihrem Arm und das Display zeigte an, dass die Drohnen das gesuchte Objekt nicht hatten finden können. Enttäuscht weitete sie den Suchbezirk aus. Sie klingelte. Ein Mann öffnete. Helle Haut, kurze blonde Haare, weißes Hemd, Jeans. „Willkommen, Frau Sommer!“ Er streckte ihr seine Hand entgegen. Für einen Roboter hielt er sie demnach nicht. Oder testete er sie? Ein Roboter würde ihm nie die Hand geben. Sie durfte es eigentlich auch KulturGut 09 | Seite

nicht, aber er sah so sauber aus und …seine Hand war warm, der Händedruck strahlte Ruhe aus. „Infektionsgefahr!“ warnte ihr Kampfanzug. Sofort zuckte sie zurück. „Schalten sie den Plapperkasten lieber aus!“ Er legte seinen Arm um ihre Schultern, worauf wieder der Alarmschrei störte. „Möchten Sie einen Cappuccino?“ „Ich wurde von der Zentrale zu Ihrem Schutz eingeteilt, ich darf den Anzug nicht ausschalten, Kandidat Gebauer.“ „Marcus!“ Seine Augen waren von tiefstem Blau. „Du riskierst doch dein Leben für mich.“ Das Duzen von Sicherungsobjekten wurde offiziell nicht gestattet. Er hielt ihr eine goldumrandete Tasse entgegen. Der Duft echter Kaffeebohnen stieg berauschend in ihre Nase. „Uns liegen Informationen vor, dass auf Sie ein Mordanschlag ge­plant wird.“ „Na, da kann mir ja nichts mehr passieren, oder? Wenn du Tag und Nacht bei mir bist.“ Es hatten schon viele Verdächtige versucht, sie zu umgarnen. Das Spielchen kannte sie. Aber Gebauer war kein Verdächtiger. Er war das Sicherungsobjekt. Und so war sie auf der Hut, als sie ihn zu einer Rede vor dem Fränkischen Weinbau-Verband begleitete. Einziges Thema der Veranstaltung war die von ihm versprochene Aufhebung der EU-weiten Prohibition. Trotz der Begeisterung, die er bei den Winzern entfachte, wurde das allgemeine Berührungsverbot beachtet. Einzelne „Gebauer, geh du voran!“-Rufe ertönten. Das war alles. Bis ihr Anzug neue „Verräter“-Graffiti meldete, direkt am Hotelturm. Die Drohnen waren bereits unterwegs, und als Lilia und Gebauer dort eintrafen, war nichts weiter zu sehen als Mauro Wang, ihre Ablösung. Sie wohnte in der Nähe, hinterm zerstörten Stadtring. Ihr Opa wartete vor der Wohnungstür. Eigentlich ihr Ur-Opa. Seit dem Tod ihrer Eltern vor zwei Jahren tauchte er manchmal auf, meckerte viel und schnorrte eine warme Mahlzeit. Außerdem lagerte er Gerümpel im leerstehenden Schlafzimmer ihrer Eltern.

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Sie nahm den Teebeutel vom Frühstück und brühte für ihn eine Tasse auf. Ob sie ihm von Gebauers Überwachung erzählen sollte? Der Verkauf der Stadt an die Chinesen war ihm doch ebenso ein Dorn im Auge. „Für den falschen Hund willst du dein Leben riskieren?“, rief er, bevor er gierig den Tee trank. Fast sah es so aus, als ob ihm das warme Wasser schmecken würde. „Hast du Beweise, Opa? Ohne die mache ich gar nichts.“ „Manchmal muss man etwas auch ohne Beweise glauben. Aber du bist ja viel zu paragraphentreu dazu. Von mir hast du das nicht geerbt!“ Nein, ihr Urgroßvater hatte sich immer mit der Polizei angelegt, im Sommer nackt in den Mainwiesen geschlafen oder war über Autos gelaufen, weil sie auf Bürgersteigen parkten. Als ob sie das heute genauso machen könnte. Sie sah aus dem Fenster über die Ruinen der Straße hinüber zum Hotelturm und fragte sich, was für ein Würzburg das gewesen war, in dem ihr Urgroßvater aufgewachsen war. Reich war die Stadt gewesen, sauber, gesund. Es gab keine Krawalle, keine Viren, keine Mordanschläge, keine… ach. Damals verloren Oberbürgermeister Wahlen, KulturGut 09 | Seite

weil dieses Haus dort, dessen Fassade von der untergehenden Sonne orange gefärbt wurde, nicht fertig gebaut wurde. Für welche Nichtigkeiten die Menschen damals Zeit gehabt hatten. Am nächsten Morgen begrüßte Gebauer sie mit Handschlag, und wieder wunderte sie sich, dass die Zentrale wegen der Alarmmeldungen nicht nachfragte. Seinen Cappuccino lehnte sie ab, zu sehr hatte sie in dieser Nacht an die Zeit vor dem Krieg denken müssen. Als er telefonieren musste, schickte er sie aus dem Zimmer. „Entfernung zum Objekt größer als zwei Meter!“, protestierte ihr Anzug, aber sie trickste ihn aus, indem sie sich direkt an die Zimmerwand stellte. Von hier aus konnte sie durch das Panoramafenster über die ganze Stadt sehen. Es ging sogar noch ein großer Schritt zum Fenster, ohne dass der Anzug sich meldete. Die Mauer war sehr gut zu erkennen. Wie gut, dass Opa in Tibet gewesen war, als die alte Stadtmauer wieder aufgebaut wurde. In seinem geheiligten Ringpark. In den Stadttoren lagen die Zahlstationen. Millionen von Touristen strömten damals in die wieder aufgebaute, mittelalterliche Stadt. Schauspieler ahmten die Bewohner früherer Zeiten nach: die Ära Riemenschneiders, der Schönborns oder Leon-

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hard Franks. Die Chinesen waren ganz begeistert von Leonhard Frank und seinen Räubern. Ihr fiel auf, dass Marcus auf den Balkon getreten war. Sie folgte ihm und gab den Drohnen den Befehl, den Luftraum zu überwachen. Obwohl ein Flugzeug sofort auffallen würde, seitdem das Fliegen nur noch dem Militär und den Drohnen erlaubt war. Jetzt drehte er sich um. Er hielt einen kleinen Kasten in der Hand. Sah aus wie etwas aus Opas Gerümpel. Er lächelte, als er sie bemerkte, und steckte den Kasten in seine Hosentasche. „Meine Stadt!“, rief er und breitete sogar die Arme aus. „Noch nicht“, erinnerte ihn Lilia. Die Wahl fand erst in drei Wochen statt. Ein Vogel flog an ihnen vorbei. Lilia vermutete, dass es eine Taube war, aber sie war sich nicht sicher. Bevor sie genauer hinsehen konnte, hatte eine der Drohnen sie bereits erfasst und erschossen. Völlig ungerührt erklärte Gebauer, dass seine Umfragewerte derzeit bei 92 Prozent lagen, die von Kandidat Schmitt bei acht Prozent. „Nein, das ist meine Stadt, und ich habe Großes mit ihr vor.“ Er wischte sich eine der umherfliegenden Federn vom Hemd. KulturGut 09 | Seite

„Aber wie genau willst du erreichen, dass die Chinesen Würzburg wieder verkaufen?“ Er erklärte ihr, dass Würzburg im Wert verfallen sei. Aber das wusste jeder. Seit dem Dritten Terroristischen Krieg war der Luftraum weltweit geschlossen und das Reisen verboten. Dazu die Prohibition. „Aber bisher wollten die Chinesen nur für den ursprünglichen Kaufpreis von 22 Trillionen verkaufen“, erinnerte ihn Lilia. „Das werden wir sehen, okay? Vertrau mir!“ Er kam ihr so nahe, dass das System warnte, ohne dass er sie berührte. Sie versuchte, einen Schritt zurück zu treten. Aber er folgte ihr. „Kannst du diesen Anzug nicht ausziehen?“, flüsterte er in ihr Ohr und küsste sie leicht aufs Ohrläppchen. „Nein“, sie flüsterte unwillkürlich ebenfalls. „Fehlende Vitalzeichen. Dann steht gleich das gesamte Einsatzkommando hier.“ Er zog sich zurück und sah auf seine goldene Armbanduhr. „Ich muss zum Bürgerspital, der Abgesandte von Bangladesch erwartet mich. Es geht um ein Kunstprojekt. Fundraising für die Flüchtlinge, gute Sache, oder?“ Sie nickte, enttäuscht, wie schnell er wieder nüchtern denken konnte. Ihr schwirrte noch das Herz, so dass sie fürchtete, ihr Adrenalinwert würde zu stark steigen und das System den Einsatz abbrechen. Und er hatte Termine im Kopf. Die „Lotusblüte“ im Bürgerspital zählte zu den besten Restaurants von China-Germany. Aus der Küche roch es scharf, fremdartig. Lilia aß nicht gerne chinesisch. Sie bezog hinter seinem Stuhl Position und ließ sich von der Panoramakamera alle Personen in 100 Metern Umkreis mit Name, Funktion und Strafregister anzeigen. Gebauer und sie waren die einzigen Europäer im Restaurant. Beruhigt verschnaufte sie kurz und versuchte die verschiedenen Gerüche zu analysieren. Aber mit Sicherheit erkannte sie nur den Reis. Da schlug das System Alarm. „Id 47659590-0934, Tonoi Garosch“. Einer der Terroristen. In der Küche. Sie zog ihre Waffe, drückte Gebauer auf den Boden und beugte sich über ihn. Töpfe klapperten. Die Drohnen umklammerten den Schädel des Terroristen und zerrten ihn zu Lilia. „Ich arbeite hier!“, rief der junge Mann und heulte vor Schmerzen auf. „Tonoi Garosch, ich verhafte Sie wegen versuchten Mordes an Marcus Gebauer und der Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung!“ „Sie irren sich, ich bin hier der Spülboy!“ Die Drohnen zogen den Mann durch den Hintereingang nach draußen. Lilia hörte die Tür des Polizei-Helis klappen und das Geräusch der Rotorflügel, als der Hubschrauber abhob. Als sie sich nach Marcus umdrehte, sah sie, wie der Botschaftsangestellte ihm etwas Weißes zusteckte. Ein Taschentuch? Da übermittelte das System das Protokoll. „Der Verhaftete wirft Gebauer vor, die Stadt an die Bangladeschis als Siedlungsprojekt für ihre Flutopfer zu verkaufen.“ Seit dem Schmelzen der Polkappen waren nicht nur die Einwohner des unterge­ gangenen Bangladesch auf der Suche nach Siedlungsmöglichkeiten. Und die wurden teuer verkauft, weltweit. Aber wo sollten die ­Menschen in Würzburg leben, fragte sich Lilia, und steckte ihre Waffe wieder ins Holster.

INFOS: Die Autorin ist Sprecherin des Autorenkreises

Würzburg. Sie schreibt Kurzgeschichten und arbeitet an einem Psychothriller. „Der Kandidat“ ist der Anfang eines umfangreicheren Texts.

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 | Literatur | 

 | Termine  | 

Sonntagsdialog mit Thomas Hürlimann

17. Juni, 11 Uhr, Exerzitienhaus Himmelspforten Das katholische Exerzitienhaus lädt wieder zum religiös-literarischen Sonntagsdialog, gemeinsam mit dem Lehrstuhl für Pastoraltheologie. Dessen Inhaber, Prof. Erich Garhammer, hat sich als Forschungsschwerpunkte das Gespräch und die Auseinandersetzung mit moderner Literatur gewählt und mit dem Schweizer Autor Thomas Hürlimann einen Gast, der auf einschlägige biographische Prägung durch ein katholisches Umfeld verweisen kann. Die literarischen Umsetzungen seiner Erfahrungen als Sohn eines führenden CVP-Politikers, Neffe eines St. Galler Stiftsbibliothekars oder als Internatsschüler im Kloster Einsiedeln stießen dabei nicht immer auf die Zustimmung aller Beteiligten. Dennoch: Für seine düstere Calderon-Adaption, das Einsiedler Welttheater (2000/2007), das er im Rahmen des ApokalypseJahrs 2010 auch in Würzburg vorstellte, erhielt Hürlimann im Oktober 2011 den nach 18 Jahren erstmals wieder verliehenen Ludwig-Mühlheim-Preis für religiöse Dramatik. | www.himmelspforten.net ++++++++++++++++++++++++

Am Anfang war die Nacht Musik

„Abhandlung über die Entdeckung des thierischen Magnetismus“. Walser fügt dem die Sicht der Patientin und der um die Virtuosität der Tochter fürchtenden Eltern hinzu. Eine gewichtige Rolle spielt im Roman die Musik. Für die ist beim Mozartfest-Spezial das Harfenduo Bel Arpa zuständig, mit Werken auch dieses Wiener Zeitgenossen, der Mesmer wie Paradis kannte. Kostprobe von drei Weinen inklusive. | www.mozartfest-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Werkstattgespräch mit Ulrike Draesner

27. Juni, 19.30 Uhr, Campus ­Hubland, Universitätsbibliothek Begreift man die Form formal, so Ulrike Draesner (Foto: Jürgen Bauer), verfehlt man sie. „Form ist eine Idee, verkörpert in eine Struktur. Ein Gestalt gewordener Gedanke.“ Wenige Gegenwartsautoren wissen so genau zu beschreiben, wie sie was warum schreiben. Die nach einigen akademischen Ausflügen an der LMU in München promovierte Mediävistin entschied sich 1994 für ein Dasein als freie Schriftstellerin und lebt heute als Lyrikerin, Prosaautorin, Essayistin und Übersetzerin in Berlin. Sie gilt auch als gute Performerin ihrer Texte. Eintritt frei. | www.draesner.de ++++++++++++++++++++++++

21. und 22. Juni, 19.30 Uhr, ­Gartenpavillon Juliusspital

Endlich(e) Zeit

In Caspar Siebolds barockem Anatomie-Theater liest Alissa Walser aus ihrem 2010 erschienenen Roman über den Arzt und Magnetiseur Franz Anton Mesmer und seinen letzten Wiener Fall. Die gescheiterte Behandlung der erblindeten Pianistin Maria Theresia Paradis, die 1777 zu seiner Verurteilung als Scharlatan führte, schilderte Mesmer selbst in seiner

Die eineinhalbstündige „Literarisch-musikalische Stunde“ befasst sich mit Tod, Endlichkeit und Zeit nicht nur theoretisch. Indem die Themen gerade an diesem Ort behandelt werden, könnten sie ganz anders als gewohnt wahrgenommen werden.

30. Juni, 19 Uhr, Aussegnungshalle des Hauptfriedhofs

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„Endlich(e) Zeit“ ist eine Konzertlesung. Neben der Rezitation berühmter Autoren und ungewöhnlicher Texte wird der Würzburger Percussionist Bernd Kremling die Zeit klanglich gestalten. | www.domschule-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Lesecafe Freya

bis 11. August, jeden Samstag 14 bis 19 Uhr, KS Moderne Kultur Wöchentlich einmal bietet die Initiativgruppe KS Moderne Kultur in der Landwehrstraße 4 Raum und Gelegenheit zum Austausch über historische, philosophische und spirituell-psychologische Neuerscheinungen. Schwerpunkt im Sommer ist der Themenbereich „Gott weiblich“ mit drei Vorträgen (15. und 20. Juni, 4. Juli, je 20 Uhr, s.a. Interkultur). | www.gott-weiblich.de ++++++++++++++++++++++++

Oberst von Huhn ­bittet zu Tisch

25. September, 20 Uhr, ­Saalbau Luisengarten Wer mit Axel Hacke den Spaß am Valschen und die Freude an der Fehlleistunck teilt, kommt an diesem Abend auf seine Kosten. Sein für September angekündigtes Buch stellt der SZ-Kolumnist vor, bei dem es sich um die Auskopplung eines Sondersammelgebiets aus seinem Sprachwertstoffhof handelt – das zuweilen nicht nur kuriose, sondern auch sinnmächtige Deutsch auf Speisekarten im Ausland diente als Materialbasis. Wie immer hat Hacke nicht nur sein jüngstes Buch dabei. Begegnungen mit Neger Wumbaba oder Kühlschrank Bosch sind also eher ein- als ausgeschlossen. | www.tomprodukt.de


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 | Film | 

 | Termine  | 

Winterreisen Im April präsentierten die Musiktheater-Macher um Erhard Drexler am Neunerplatz einen Spielfilm, den man sich für fünf Euro gut und gern in die private DVD-Cinemathek stellt. Da treffen sich Musiker und Schauspieler, um Schuberts Liedzyklus „Winterreise“ filmisch umzusetzen. Ganz fremd sind sie sich dabei nicht, denn teils kennen sie sich von früheren Produktionen. Das bringt Spannungen und Entwicklung mit sich. Bevor sie fremd wieder ausziehen, sprechen sie von Liebe, gar von Eh’. Uta Tischer und der Jazzer Gerhard Schäfer arrangierten die Musik sehr einfühlsam. Etwas kantiger verläuft eine Amalgamierung mit dem Eulenspiegel-Plot. Bis auf je einen Licht- und Ton-Durchhänger gelang die Umsetzung auch technisch höchst befriedigend. Bezug: erhard.drexler@web.de ++++++++++++++++++++++++

Mozart im Kino

4., 11., 18. und 25. Juni, je 20.30 Uhr, Programmkino Central Wie schön und wie schwer es ist, Musik zu machen, zeigt das Programmkino an den Mozartfest-Montagen. „Vier Minuten“ bei einem Musikwettbewerb sind das ehrgeizige Ziel von Monica Bleibtreu und Hannah Herzsprung im gleichnamigen Filmdrama von Chris Kraus am 4. Juni. Am 11. Juni begleitet der Dokumentarfilm „Pianomania“ einen Steinway&SonsKonzerttechniker und die von ihm betreuten Stars bei der auch komischen Suche nach dem perfekten Instrument für den perfekten Klang. Jane Campions „Das Piano“ folgt, den Abschluss macht Scott Hicks mit seinem 1996 gedrehten Film „Shine“, der emotional bewegend, aber doch unsentimental die Biografie des australischen Pianisten David Helfgott nachzeichnet. Armin Müller-Stahl spielt den Vater

des unter einer schizoaffektiven Störung leidenden Musikers. Und für die Kinder Mozart pur: „Eine kleine Zauberflöte“ von der Augsburger Puppenkiste läuft im Nachmittagsprogramm am 18. und 25. Juni (16 Uhr). | www.central-programmkino.de | www.mozartfest.de ++++++++++++++++++++++++

Trace of Light

5. Juni, 20.30 Uhr, Cairo Beim „Schnittplatz #2“ zeigt der 23 Jahre junge Würzburger Filmemacher Christoph Kirchner seinen Dokumentarfilm über die Fotografin Victoria Proebstel, die er während eines Neuseelandaufenthalts kennenlernte. Im Dezember 2010 begleitete er die Tochter eines Leuchtturmwärters zum wildromantischen Ort ihrer Kindheit. Kirchner schnitt und korrigierte seinen Film im Rahmen des FH-Studiums und verpasste ihm mit dem Schweinfurter Sound-Designer Frédéric Gerth und dem amerikanischen Komponisten Sean Trauth eine kinotaugliche Tonkulisse – so beeindruckend, dass er damit nicht nur beim texanischen Boomtown Film & Music Festival überzeugte. | www.cairo.de | www.christoph-kirchner.com ++++++++++++++++++++++++

Buster Keaton mit Musik

der Inneren Aumühlstraße Buster Keatons Kurzfilmerstlinge „The High Sign“ und „One Week“ und der 42-Minüter „Sherlock Jr.“ (1924). Den Streifen sollte jeder Filmfreund mindestens einmal gesehen haben, ist er doch ein Statement und Beweis für die Möglichkeiten des Kinos überhaupt, nämlich die gefilmte Machtphantasie des Ohnmächtigen. Mit allen Schikanen. Viele Menschen können nach „Sherlock Jr.“ wochenlang keine computergenerierten Special Effects mehr sehen. Felix Schneider-Restschikow traktiert die Tasten. | www.filmclub-wuerzburg.de | www.clubl.de ++++++++++++++++++++++++

Festungsflimmern

5. bis 15. Juli, 20 Uhr (Einlass), Neutorgraben Warm gemacht für die Freiluftsaison haben sie sich beim Campusflimmern im Mai, im Juli bläst das Open Air-Kinofestteam um Nico Manger seine acht mal 16 Meter große Leinwand wieder auf der Neutorwiese auf. Auch für die zweite Saison am Festungsberg gilt: elf Tage, elf Filme mit musikalischem Vorprogramm und Platz für 1000 Gäste. Programm Anfang Juni auf | www.festungsflimmern.de ++++++++++++++++++++++++

Freilicht-Kino Aub

4. Juli, 20 Uhr, Club L

23. bis 26. August, je ca. 21 Uhr, Spitalhof Aub

Die Semester-Flatrate-Karte des Uni-Filmclubs für 12 Euro lohnt sich noch, wenn man bis 17. Juli wirklich alle sieben Dienstags-Vorstellungen im Max-ScheerHörsaal besucht (u.a. Soderberghs „Contagion“ am 19. und Polanskis „Gott des Gemetzels“ am 26. Juni). Außer der Reihe laufen am ersten Juli-Mittwoch in

Regenfestes Freilichtkino unterm Glasdach der Spitalbühne steht am letzten Augustwochenende auf dem Programm von Ars Musica. Welche Filme es ausgesucht hat, verrät das gastierende Ochsenfurter Programm-Kino Casablanca ab 29. Juli. | www.ars-musica.de

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Gutes Licht macht plastische Gesichter. Das gilt nicht nur in Hollywood.

Schnittpunkt Klassenzimmer Der Würzburger Schulfilm ist bundesweit bekannt von Christian Neubert / Foto: Hubert Pfingstl

+ So kommen die „European Indoorlympics“ auf die Leinwand: ohne Schnee, im geschlossenen Raum, mit Stop-Motion-Technik. Eine FakeDoku entlarvt die Slogans auf T-Shirts als sinnentleert. „Von Sitzbänken und Schleusentoren“ heißt das Werk. Schließlich entwickelt ein Wandrelief („Nr. 27“) auch noch ein merkwürdiges Eigenleben. Das KulturGut 09 | Seite

ist grob der Inhalt einiger Kurzfilme, die in den letzten Jahren in Würzburg als Schulprojekt umgesetzt wurden. Vor 34 Jahren wurde in Marktheidenfeld das erste Schulfilmfestival der BRD ins Leben gerufen, und mittlerweile hat sich Würzburg zu einer regelrechten Hochburg des Schulfilms entwickelt. Die jährlich Mit-

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Glänzende Zeiten für Ihre Druckprodukte! Da hätte Gutenberg nicht schlecht gestaunt: extreme Brillanz, Lack- und MetallicLook, erhabene Oberflächen, 3D-Effekte …

te Oktober stattfindenden „Filmtage der bayerischen Schulen“ werden seit fünf Jahren von Thomas Schulz, einem Pionier der hiesigen Szene, im benachbarten Gerbrunn organisiert. Und die von Würzburger Schülern realisierten Filme fuhren viele Preise ein. Zum Beispiel den Förderpreis des Kinderkanals und den des Bayerischen Staatsministeriums. „Aber auch auf Bundesebene konnten viele Preise gewonnen werden. Außerdem gingen zwei Preise von europäischen Schulfilmfestivals nach Würzburg“, weiß Hubert Pfingstl zu berichten. Er und seine Frau Sabine Blum-Pfingstl sind feste Größen in der Szene. Beide Kunstlehrer bieten Film als Unterrichtsfach seit mittlerweile 15 Jahren an. Daneben veranstalten sie schulübergreifende Kurse für 5. bis 8. Klassen und geben Fortbildungen für andere Lehrkräfte, die sich ebenfalls in der Disziplin versuchen wollen. Dabei beschränkt sich das Filmen nicht aufs Gymnasium. So engagiert sich beispielsweise Alexander Hillenbrand am Sonderpädagogischen Förderzentrum in der Schorkstraße, der Hauptschullehrer Jürgen Schultheis ist im Cairo und als Medienberater des Bezirksjugendrings tätig, um nur einige zu nennen.

Teamer und Beamer „Unsere Arbeit ist zunächst pädagogischer Art, da Film nun mal Teamwork bedeutet. Immerhin gilt die als Kernkompetenz“, stellt Sabine Blum-Pfingstl fest. Aber die als Gruppenarbeit realisierten Streifen sollen inhaltlich und ästhetisch nicht durchfallen. Im Gegenteil: „Wir leiten die Schüler an, Dinge zu kreieren und nicht nur nachzuahmen. Wir leisten Hilfestellung, eigene Ideen einzubringen.“ Ihr Mann ergänzt: „Es geht darum, etwas zu schaffen, das künstlerischen Bestand hat und nicht lediglich vor der eigenen, wohlwollenden Verwandtschaft funktioniert.“ Gemeinsam entwickeln die Projektteilnehmer die Idee, entscheiden über die Arbeitsteilung und kurz vorm Ende, beim Schnitt, kommt manche Gruppe dann wieder zusammen. Eigentlich ist das die Arbeit eines Einzelnen, aber mit einem Videobeamer kann man sich auch beim Cut als Crew betätigen. „Wir haben dann einen guten Job gemacht, wenn die Schüler so in dem Filmprojekt aufgehen, dass wir uns aus den Dreharbeiten praktisch raushalten können“, ist sich das Lehrerehepaar einig. Manche Schulen drehen überwiegend Spiel-, andere Trickfilme. Dazu kommen dokumentarische und experimentielle Arbeiten. Wenn die zahlreichen Würzburger Schulfilme etwas gemein haben, dann in erster Linie die hohe Qualität.

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Wo geht es ins Kulturquartier? Ein Viertel profiliert sich. Es k旦nnte die Stadt bereichern. von von Joachim Fildhaut / Foto: Benjamin Br端ckner

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Zwischen Kreativquartier und Künstlerviertel besteht ein Unterschied – noch.

+ Die Wiener haben es gut. Ihr Museumsquartier wird geographisch klar durch den langgestreckten Gebäudekomplex quartier21 definiert. Auch der Münsteraner kann nicht klagen. Kreativkai ist für ihn einfach das, was die Stadtwerke unter diesem Titel verpachten. In Würzburg liegen die Verhältnisse um das „Kultur- und Kreativquartier Alter Hafen“ komplizierter. Denn: Gibt es ein solches überhaupt? Nun, in direkter Nachbarschaft stehen immerhin drei Museen bzw. Galerien, zwei Theater, sieben Kinosäle und zwei Diskotheken. Schon jetzt, ohne Frankenhalle, hat dieses Viertel obendrein zwei Locations für 1500 Besucher. Eine Co-Working-Station vereint vorzugsweise Selbständige der Kreativwirtschaft, ein Erwerbszweig, der auch in den alten Zollamtshallen bis unters Dach sprießt. Da muss die DichKulturGut 09 | Seite

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Alle Aktivitäten der Kunsthalle Würth sind Projekte der Adolf Würth GmbH & Co. KG.


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te an Künstlern, die hier in der Äußeren Pleich wohnen, nicht außergewöhnlich hoch sein, um das Urteil zuzulassen: Dieser Raum ist ein Kulturquartier. Er ist’s zwar nicht so hundertprozentig, wie Grombühl einst ein reines Eisenbahnerviertel war. Auch fehlt links und rechts der Ziegelaustraße jedwedes Künstlerflair von Notting Hill oder Sacre Coeur. Doch der Nutzungsschwerpunkt liegt eindeutig zwischen Freizeitindustrie und ästhetischer Avantgarde. Und außerdem lässt sich beobachten: Alter Hafen und Äußere Pleich bilden den einzigen Würzburger Stadtteil, der überhaupt ein solch scharfes Profil entwickelt hat! So wie der Heuchelhof eine reine Schlafstadt werden sollte, aber nicht wurde. Hier dagegen hat die Konzentration von Kunst & Co. geklappt. Sie könnte ein kräftiger Faktor bei der künftigen Image-Bildung von Würzburg sein. Mit den Chancen und Hemmnissen eines solchen Prozesses befasste sich das Dortmunder Planungsbüro Schulten Stadt- und Raumentwicklung (SSR) und legte in diesem Frühjahr ein „Integriertes Städtebauliches Entwicklungskonzept“ (ISEK) für die Würzburger Innenstadt vor. Die Westfalen bezeichnen das Gebiet am Alten Hafen als einen „Nutzungsbaustein“ in „attraktiver Lage“. Doch sobald dieser Lebensraum gewonnen, scheint er schon zerronnen. Denn gleich die 15. Zeile im einschlägigen ISEK-Kapitel moniert: „Die Anbindung an den Kernbereich der Altstadt ist jedoch ebenso verbesserungswürdig wie die Gestaltung der Veitshöchheimer Straße als zentrale Verkehrsader im Quartier.“ Und das Wechselbad der städtebaulichen Gefühle setzt sich unvermindert fort, denn gleich der nächste Absatz jubelt wieder: „Die Mainpromenade ist ein attraktiver Teilraum“ – um nachzusetzen, der Übergang von der Achse Alte-Mainbrücke–CCW zum Alten Hafen sei „ungeklärt“. Hier sollte was geschehen.

Frankenhalle als Sofortmaßnahme Nun ist der Franke rasch geneigt, Informationen wie den obenstehenden zu entgegnen, er wisse sehr wohl, dass die Veitshöchheimer Straße ein Kino hat. Eine andere Perspektive auf den ganzen Stadtteil gewinnt hingegen ein Franke, der sich vorstellt, das Entree zum Hafen-Kunstquartier werde markiert durch, sagen wir probehalber, eine Skulptur wie den neuen Triumphbogen von La Défense, durch das Düsseldorfer Stadttor oder eben etwas regional Angemesseneres. Sofort leuchtet die besondere Qualifikation des derart inszenierten Stadtteils ein. So schlagen die Dortmunder denn auch als mittelfristige Maßnahme für den „Teilraum“ eine „Markierung der Eingangssituation in das Kultur- und Kreativquartier an der Veitshöchheimer Straße Ecke Röntgenring durch Kunst und/oder einen Informationspunkt“ vor. An der idealen Stelle befindet sich allerdings bereits ein Brünnlein mit Bank. Da müsste auch SSR in anderen Dimensionen denken als an eine Investition von 50.000 Euro. – Kurzfristig (!) steht für die externen Gutachter übrigens die Umnutzung der Frankenhalle im Vordergrund.

Äußerst langgestrecke Piazza: Promenade Wer nun von der Mainseite der Altstadt her den Oskar-Laredo-Platz erreicht hat und also im Herzen des Kulturlebens steht, kann stolz auf KulturGut 09 | Seite

pfadfinderische Fähigkeiten zurückblicken. Und darauf, die Weinhandelsstadt Würzburg von ihrer industrieromantischen Seite entdeckt zu haben. Außerdem gehört furchtlose Abenteuerlust dazu: Man pirscht sich von der Friedensbrücken-Rampe eine schmale, fast verborgene Treppe durchs Grüne hinunter auf einen Parkplatz. Dort wird der neugierige Wegsucher von einem Leucht-Leitsystem im Stil der Architektenbrüder Brückner angelockt und, wenn er einem völlig unmotivierten Impuls nach halblinks Richtung Schiffsschraube folgt, empfangengenommen. Der erschaute Stelenzaun fragwürdiger Funktionalität führt zwischen Rampen und den Rückseiten historischer Fabrikgebäude zu einem weiteren Parkplatz, hinter dem – nun erkennt auch der Erstbesteiger die städtebauliche Situation allmählich wieder – der Zentralplatz mit dem Kulturspeicher harrt. Dort beschleicht den Entdecker das dumpfe Gefühl, ob er nicht irgendwie den Uferweg verpasst habe.

Fingerspitzengefühl für Parkplatzfragen Damit Bummelanten von der beliebten Ufer-Promenade am Kranenkai zum Kreativquartier abfließen können, haben die Gutachter „mittel- bis langfristig“ (also mit Machbarkeitsstudie etc.) im Sinn, die Autos vom Parkplatz unter der Friedensbrücke wegzukarren und in einer mehrgeschossigen Garage auf dem derzeitigen Nachbarparkplatz (dem mit Zufahrt von der Veitshöchheimer) unterzubringen. Der frei werdende Asphaltstreifen müsste dann analog zum Oberen Mainkai gestaltet, beleuchtet, möbliert und bepflanzt werden, dann wären der Kulturspeicher und seine Nachbarn weitaus besser als heute an den Stadtkern angebunden. Langfristig erwägt SSR sogar das „Heranführen des Ringparks an den Main und Prüfung einer Gestaltung der Pleichachmündung in den Main“. Neben solchen großen Lösungen sind die prinzipiellen Anmerkungen der Autoren zum Übergangsbereich zwischen Mainpromenade und Kreativquartier beherzigenswert. Dessen Status Quo sei a) gesichtslos, biete b) keine Orientierung und führe c) nicht zum Main. Wie schwer auch immer es den Gremien fallen mag, dereinst so etwas wie den großen Wurf zu beschließen, als Richtschnur für einzelne Eingriffe eignet sich dieser Befund der externen Gutachter sehr wohl: Jede Maßnahme im Einzugsbereich der Friedensbrücke sollte daraufhin durchdacht werden, ob sie den Main erschließt, Orientierung bietet, gut aussieht. So zeigt sich SSR nicht unzufrieden mit dem - bereits vorliegenden – städtischen Plan, einen Steg über das Wasser kragen zu lassen, parallel zum Mainuferparkplatz, der zwar beibehalten, aber immerhin soweit neu strukturiert wird, dass man hier auch mal Feste feiern und Sport treiben kann.

Was hinter dem Schild gilt Fehlt noch so etwas wie ein Gateway Arch als Quartierhaustür. Indes, das Wahrzeichen von St. Louis wäre mit seinen knapp 200 Metern doch unangemessen hoch; niedergelegt könnte es ein Viertel des Viertels umzäunen. Zudem beharrt die SSR-Empfehlung nicht auf einem Kunstwerk – ein Informationspunkt reicht den Dortmundern durchaus. Denken wir uns eine mannshohe Stahl-Glas-Stele mit der schriftlichen Information, hier fange das Kultur- und Kreativquartier an. Dasselbe braucht ja keine Riesensymbole. Ihm genügt das Wort.

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Bürgerbräufest

2. Juni, 8 bis 23 Uhr, ­Bürgerbräugelände Was bleibt und was kommt? Bleiben werden Sektkellerei und Bauernmarkt, Künstlerateliers und Sporteinrichtungen, Theater und Museum. Sie alle zeigen beim ersten Bürgerbräufest, was sie zu bieten haben, Stadtrat Willi Dürrnagel führt um 13 Uhr historisch Interessierte über das Gelände. Dazu kommt einiges von dem, was kommen soll: Musikerauftritte, Leckereien, ein Kunsthandwerkermarkt und das Architekturbüro archicult. Es stellt das von der Stadt geforderte Gesamtkonzept der Investoren für die Umwandlung der Industriebrache zum Kreativquartier vor (wie auch diese KulturGut-Ausgabe ab Seitze 17 unter dem Titel „Mainfränkischer Branchen-Mix“). Wer mit der Straßenbahn fährt, fährt umsonst! | www.archicult.de | www.wuerzburg.de

deutschen Katholiken weichenstellende andere Tagung thematisiert: Von 1971 bis 1975 beriet hier die Gemeinsame Synode der Bistümer über die Umsetzung der Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils. Vier Referenten, unter ihnen der Würzburger Kirchenhistoriker Prof. Wolfgang Weiß, stellen die damaligen konzeptionellen Grundlagen vor und fragen, ob und wie die Beschlüsse umgesetzt wurden. Denn wie es so ist mit denkmalgeschützten Altbauten – einige der Renovierungswünsche sind bis heute nicht realisiert. | www.domschule-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Einblicke mit Ausblick

22. Juni, 14 bis 18 Uhr, Rathaus

Maßgebliches Auswahlkriterium für die Gute-LauneBands von Äl Jawala bis Ziehgaeuner (Foto): Keiner bleibt auf den Bänken, keine Hüfte ungeschwungen. | www.weingut-am-stein.de ++++++++++++++++++++++++

Ringparkfest

4. und 5. August, 14 bzw. 11 Uhr, Klein-Nizza-Park So wie des Menschen Seele die Stammkneipe braucht, die über Jahre hinweg einfach keine Expansionsambitionen zeigt, so benötigt die Würzburger Festivallandschaft eine Feier, die August für August in verlässlicher Kleinheit den Urlaubsdaheimbleibern einen Treffpunkt im Grünen beschert. Ein nettes leises Bühnenprogramm, bewährte Gastronomen brutzeln, Heimatkundler führen Interessierte zu Bemerkenswürdigkeiten im Park und in den anliegenden Straßen. Und Papa kriegt sein Bier. Bis 22 Uhr. | www.wuerzburg.de

Musikalisches Zentrum des Mozartfests bleibt selbstverständlich die Residenz. Aber noch vor dem Eröffnungskonzert im Kaisersaal mit Fabio Biondi, Marcello Gatti und Marta Graziolino am Samstag­ abend bespielen kleine und große Ensembles aus der Region die ganze Innenstadt mit Musik von Klassik bis Pop. Halt Mozart für alle. | www.mozartfest-wuerzburg.de

Zu einem Seminar der höheren Art bittet der Mittelalterhistoriker Rainer Leng. Vom Rathausturm aus erläutert er maximal 20 rüstigen Teilnehmern (Treppen ganz oben!), was der Fachmann bei diesem seltenen Blick auf Würzburg erkennt: die soziale Topographie der Stadt, wie sie sich von den Anfängen bis ins Hochmittelalter mit eigenen Handwerkervierteln, weltlichen und geistlichen Bezirken entwickelte. Wer auch am zweiten Block am 6. Juli teilnimmt, lernt das spätmittelalterliche Würzburg als Heimat einer bedeutenden Judengemeinde und eines aufstrebenden Bürgertums kennen und erhält darüber hinaus Kostenermäßigung und Vorrang bei der Anmeldung. | www.domschule-wuerzburg.de

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Baustelle Kirche

Hoffest am Stein

4. bis 16. Juli, 17 Uhr, Weingut Knoll

Wenn alles gut geht, ist die Residenzkirche an diesem Tag wieder geöffnet – mit restaurierten Wänden und Deckenfresken, sanierten Gewölbedecken, erneuerter Dacheindeckung, reaktiviertem Glockenturm und erweiterter Orgel. Und einem neuen, raumklimafreundlichen Eingang. Den spannenden Fortgang der langwierigen Innenraumsanierung dokumentiert die Bayerische Schlösserverwaltung bis dahin im Internet. | www.restaurierung-hofkirche.de

Derzeit geschlossen ist der Dom – wegen Umbaus. Gute Gelegenheit für eine Tagung, die eine für die

Dreizehn Tage geht es ab 19.30 Uhr rund am Stein – 25 Euro kostet die Dauerkarte für alle Konzerte.

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Mozarttag

2. Juni, 11 und 17 Uhr, Innenstadt

16. Juni, 9 bis 17 Uhr, Kiliansdom

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Hofkirche

30. September, Hofkirche


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Studium, sommerleicht Sonderprogramme der Volkshochschule von Nina Dees / Foto: Joachim Fildhaut

+ Als Bildungsinstitution bietet die Volkshochschule Würzburg wie kaum eine andere die Gelegenheit zu persönlicher Entfaltung und lebenslangem Lernen, sagt ihr Leiter Stefan Moos. Neben dem regulären Semesterprogramm hat sie einiges mehr zur sinnvollen Freizeitgestaltung im Repertoire: Dieses Frühjahrssemester fiel der Startschuss

zum Studium Generale mit dem Schwerpunkt auf griechischer Antike. Fächerübergreifende Veranstaltungen lassen sich zu ganz persönlichen Studienprogrammen zusammenzustellen. Das Studium Generale fördert „die Lust am Denken, Lernen und Erforschen zusammen mit Gleichgesinnten“, verspricht die Volkshochschule, denn schon

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das humanistische Streben nach vollständigem Wissen, sondern auch die allzu menschlichen Wissenslücken. Ziel des Studium Generale soll es sein, möglichst viele dieser Lücken zu schließen und so die Kursteilnehmer dem humanistischen Menschenbild wieder ein Stück näher zu bringen. Im kommenden Herbst wird sich das Studium Generale der römischen Antike widmen. Aus den unterschiedlichen Blickwinkeln von Geistesund Kulturwissenschaften, Gesellschafts- und Sozialwissenschaften sowie Naturwissenschaften nähern sich die Teilnehmer dem Schwerpunktthema und lernen unterschiedliche Betrachtungsweisen kennen. Vorträge, Seminare, Führungen und Exkursionen bereiten teils schwer greifbare verständlich Themen auf, beispielsweise aus Politik oder Philosophie. In diesem Punkt sieht Stefan Moos auch klar die Abgrenzung zur Universität: Die Teilnahme am Studium Generale basiert auf keinerlei Zugangsvorrausetzungen, sondern baut gänzlich auf Freiwilligkeit und persönliches Interesse.

Sommerliche Leichtigkeit Denken und Spielen prägt den Menschen. Das wissen wir seit der Antike.

Platon erkannte: „Das Staunen ist der Anfang der Erkenntnis.“ Gemäß diesem Gedanken will sie Bildung als spannende und vielleicht sogar abenteuerliche Erfahrung vermitteln. Zur Veranschaulichung hat der Würzburger Künstler Peter Stein eine Collage geschaffen: Ein Kubus mit verschobenen sowie fehlenden Segmenten symbolisiert nicht nur KulturGut 09 | Seite

Doch zunächst steht erst einmal der Sommer vor der Tür: Strahlend blauer Himmel und Sonnenschein, davor Palmen, Liegestühle und weißer Sand mit Blick auf die Festung Marienberg. Mit diesem Bild wirbt die Volkshochschule wieder für ihre Sommer-vhs. Und so sollen sich die Kurse auch anfühlen. Die leichte und offene Gestaltung sei bewusst gewählt, betont Stefan Moos. Es gehe hier vor allem um persönliches Interesse und „die Leichtigkeit des Seins“. Daher spielt die berufliche Wiederverwertbarkeit kaum eine Rolle, leichter zu konsumierende kulturelle Themen stehen im Blick. Außerdem erinnert das Sonderprogramm erneut an Kurse, die bereits im gängigen Semesterprogramm zu finden sind, und überbrückt somit die lange Zeitspanne zwischen den Erscheinungsterminen der regulären Programme. Denn während der laufenden Semester kommen immer wieder Kurse neu hinzu, die ein gedrucktes Sonderprogramm notwendig machen. Ebenso bedeutend ist für Moos der Bezug zu Würzburg, insbesondere in Form von Kooperationen mit anderen Bildungs- und Kultureinrichtungen. Das Zusammenspiel mit Frankenwarte, Mainfrankentheater oder Mozartfest ermöglicht es zudem, neue Zielgruppen anzusprechen. Mit neuen Ideen. Denn die Kurse unterliegen „keiner DIN-Norm“, betont Stefan Moos.

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Bionik: Welche technischen Lösungen können wir von der Natur abschauen?

Hightech begeistert für Naturwissenschaft Würzburger Schul-Initiative fördert Bayerns jüngsten Forschernachwuchs von Dagmar Wolf / Foto: IJF

+ Handys, Touch-Screens, Carbon, LEDs – was Jugendliche in ihrem Alltag umgibt, findet keinen Platz im Unterricht. Zumindest noch nicht. Auch sonst finden Schüler kaum Möglichkeiten, sich mit Nanotechnologie, Photonik, Materialtechnologien oder Robotik auseinanderzusetzen. Dabei finden sie solche Themen besonders spannend. Deshalb wurde die Initiative Junge Forscherinnen und Forscher (IJF) vor anderthalb Jahren aktiv. Der gemeinnützige Verein hat seinen Sitz in Würzburg, ist bayernweit tätig und wird vom Bayerischen Arbeitsministerium mit rund 2,8 Millionen Euro aus dem Europäischen SozialKulturGut 09 | Seite

fonds gefördert. Sein Ziel: Zukunftstechnologien für Kinder und Jugendliche begreifbar machen, damit sie sich heute dafür begeistern und morgen als Experten die Nase vorn haben.

Vor der Schule parkt das Nanomobil Die IJF-Mitarbeiter besuchen Schulen kostenfrei. Im „TechnologieShuttle“ bringen sie Hightech-Geräte mit, von denen Schüler und Lehrer nur träumen können: etwa ein Rasterkraft- und ein Rastertunnel-

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mikroskop, das Atome sichtbar macht. Oder ein Feinstaubmessgerät, mit dem sich Nanopartikel in der Luft nachweisen lassen. Die gibt’s nämlich auch in jedem Klassenzimmer. Mittlerweile finden sich einige Unternehmen aus der Region Mainfranken unter den Förderern. So genannte Top-Mitglieder sind u. a. Brose, Knauf und die Vogel Stiftung Dr. Eckernkamp, Fördermitglieder das SKZ, das Cluster Nanotechnologie, die IHK Würzburg-Schweinfurt, die Sparkasse Mainfranken und das Unternehmen va-Q-tec. Und Vogel Business Media ist der Medienpartner. „Das ist eine tolle Initiative, die direkt bei den Jugendlichen ansetzt und gewissermaßen tagtäglich Initialzündungen der Begeisterung in den Köpfen der künftigen MINT-Studenten erwirkt. Wir wissen um die großen Sorgen der Industrieunternehmen, was den Nachwuchsmangel angeht, und fördern das Projekt finanziell und redaktionell. Diese Geschichte müssen wir mit unseren Medien erzählen“, sagt Dr. Gunther Schunk, Mitglied der Geschäftsleitung Vogel Business Media. Natürlich gefällt ihm ganz besonders, „dass der Sitz der bayerischen Initiative hier an der Universität Würzburg ist. Das zahlt alles langfristig auf das Konto der Region ein!“

Willi weiß es auch

Ausgabe

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Eben hat die Initiative ihren ersten Jahresbericht vorgelegt. Die Bilanz kann sich sehen lassen: Mit 117 Veranstaltungen erreichte sie rund 16.000 Kinder, Jugendliche und Lehrkräfte. Sie entwickelte Materialien, Publikationen und pädagogisch-didaktische Konzepte für Kita und Schule, einen Schulwettbewerb zur Nanotechnologie und das Experimentarium in Würzburg. Und hat Willi Weitzel als Schirmherrn gewonnen, der nicht nur Kindern als neugieriger Reporter aus der BRFernsehserie „Willi wills wissen“ bekannt ist. „Nachwuchsförderung muss mit allen abgestimmt werden, die an diesem Prozess beteiligt sind“, erläutert Professor Alfred Forchel, Präsident der Universität Würzburg und Vorstandsvorsitzender der IJF. „Nur so umfassend angelegt kann es gelingen, die naturwissenschaftlich-technischen Potenziale zu aktivieren und sie bis zum Berufseinstieg zu erhalten.“ Bayerns Arbeitsministerin Christine Haderthauer begrüßt diese Initiative: „Unsere Kinder und Jugendlichen sind unsere Zukunft. Ihre frühzeitige Förderung liegt mir deshalb besonders am Herzen. Mit den Mitteln aus dem Europäischen Sozialfonds haben wir deshalb gezielt das Zukunftsprojekt unterstützt.“

Oktober 2012

Konzerte, Theater, Lesungen, Workshops und vieles mehr seit 25 Jahren Programm: cairo.wue.de

Link: | www.initiative-junge-forscher.de KulturGut 09 | Seite

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Fremde Federn finden

Campus erleben

Mit der Vortragsreihe „Gute Lehre“ greift das Servicezentrum innovatives Lehren und Studieren (ZiLS) ein Projekt der Hochschulrektorenkonferenz auf. An diesem Mittwoch erläutert Deborah Weber-Wulff (Foto: Andrea Jaschinski), was ein Plagiat ist, wie man es ent- und aufdeckt und warum man das überhaupt tun sollte. Die Artenvielfalt geistigen Ideenklaus demonstriert die Berliner Professorin für Medieninformatik mit aktuellen Fallbeispielen – „WiseWoman“ nennt sie sich im Plagiatsjägerforum VroniPlag, das ihr auch für den Forschungsschwerpunkt E-Learning im Schwarm als Echtzeitlabor dient. | www.zils.uni-wuerzburg.de

Natur und Technik zum Anfassen verspricht der Campus-Tag. Den gemütlichen Teil eröffnet um 11 Uhr eine Jazz-Matinee auf der Wiese hinter der Mensa.. Dort startet schon um 10 Uhr der „Tag der Physik“ – die Fakultät informiert mit Studienberatungen, einer Experimentierstraße und Laborführungen über ihre Arbeit. Vorträge behandeln Laser in der Kryptographie, Weltraumteleskope und Nanoteilchen, Staunen verspricht eine Lasershow, Knalleffekte die Chemievorlesung. Zum Abschluss zeigen die WissenschaftsKomiker Die Physikanten im Max-Scheer-Hörsaal ihre verblüffendsten Experimente (16 Uhr). Externe Interessenten begrüßt auch der Infotag des Uni-Projekts „Globale Systeme und interkulturelle Kompetenz“ (Foto: GSiK-Tag 2011) im benachbarten Zentralen Hörsaal- und Seminargebäude (9-18 Uhr, Anmeldung unter www.jura.uni-wuerzburg.de). „Identität und Kommunikation“ lautet das Thema, das die zehn beteiligten Fachbereiche in Workshops ausloten. Den Schlussvortrag bestreitet um 16 Uhr der Passauer Amerikanist und Kulturtheoretiker Prof. Klaus P. Hansen. Wer dann noch im Z6 bleibt und eine Karte hat, kann ab 19 Uhr ein Gläschen Sekt mit Panoramablick und ab 20.30 mit Mathias Tretter, Vince Ebert (Foto: Frank Eidel) und Robert Erzig das genießen, was die Uni ebenfalls erfolgreich produziert: Kabarettisten. | www.uni-wuerzburg.de

20. Juni, 13.15 Uhr, Hubland, Z­ entrales Seminar- und Hörsaalgebäude

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Doping fürs Gehirn

28. Juni, 14 Uhr, Neubaukirche Jeder zwanzigste Student nimmt zur Leistungssteigerung und zum Stressabbau Schmerz-, Beruhigungs- oder Aufputschmittel. Man kann das freundlich „pharmakologisches NeuroEnhancement“ nennen, andere ziehen die Bezeichnung „Hirndoping“ vor. Mediziner, Psychologen und Soziologen informieren in vier Vorträgen dreieinhalb Stunden lang über die einschlägigen Mittel und deren Auswirkungen bei Studierenden und in der Arbeitswelt. Und darüber, inwieweit sich der schnelle chemische von langwierigeren Wegen der mentalen Selbstformung unterscheidet. Anmeldung bitte über die E-Mail-Adresse: suchtberatung@zv.uni-wuerzburg.de. | www.uni-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

30. Juni, 11 bis 17 Uhr, Campus Hubland

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Die Erschaffung der Welt

17. Juli, 19.30 Uhr, Neue Universität Aus- und Umgestaltungen alter und moderner Schöpfungsmythen in Literatur, Musik und bildender Kunst stellen Bibelwissenschaftler, Philologen, KunsthistoKulturGut 09 | Seite

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riker und Musikwissenschaftler an zwölf Dienstagen des Sommersemesters vor. Friederike Günther, Lehrbeauftragte am organisierenden Institut für Deutsche Philologie, beschließt die Ringvorlesung mit ihrem Vortrag „Vom Sterben des Anfangs“ über Botho Straussens irritierenden Text „Beginnlosigkeit“ von 1992. | www.graduateschools.uni-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Mittel und Wege

20. Juli, 14.15 Uhr, ­Rudolf-Virchow-Zentrum (D 15) Promovierende der Graduiertenschule stellen bei diesem Symposium unterschiedliche Arbeitsmethoden in den Geisteswissenschaften vor – vom Interview in der qualitativen Sozialforschung bis zu den Methoden, mit denen etwa die Medienlinguistik den Einfluss von Online- auf Printmedien untersucht. Anmeldung bis 12. Juli unter: t.schmid@uni-wuerzburg.de | www.graduateschools.uni-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

August Sperl 26. September, 19.30 Uhr, Handwerkskammer Nach Berufsstationen in Amberg, Castell und Nürnberg kam August Sperl 1910 als Archivrat nach Würzburg – eine Seitenstraße im oberen Frauenland ist nach ihm benannt. Denn: Mit seinen historischen Romanen und Erzählungen erreichte er zu Lebzeiten ein Riesenpublikum. Der Frankenbund erinnert anlässlich des 150. Geburtstages an den Historiker, Archivar und Schriftsteller. | www.horchbuch.de ++++++++++++++++++++++++


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Südamerikanische Legenden 5. bis 8. Juni, je 20 Uhr, ­Theater am Neunerplatz

Die spanischsprachige Theatergruppe „Ventana al sur” lässt eine bolivianischen Liebeslegende in der Inkazeit spielen und inszeniert zudem die aus Ecuadors spanischer Kolonialzeit stammende Geschichte vom schlauen Cantuña. Damit wollen die in Würzburg lebenden Südamerikaner die gesellschaftliche Vielfalt ihrer Länder zeigen. Die Leitung haben der Filmemacher Joaquin Balladares aus Ecuador und Yuli Vacaflores aus Bolivien, die Theaterfreunde schon von ihrer Arbeit mit der Gruppe Tschungulung kennen. | www.neunerplatz.de | www.ventanaalsur.de ++++++++++++++++++++++++

Auf den Spuren der Hussiten bis 26. Juni, Museum Kirche in Franken, Bad Windsheim

100 Jahre vor Luther prangerte Jan Hus in Böhmen ähnliche Missstände an und wurde dafür 1415 hingerichtet. Die Hussitenkriege erreichten auch fränkischen Boden. Eine Wanderausstellung zeichnet die dramatische historische Bewegung nach. Die späte wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem alten Phänomen hat ihren Grund. Erst mit der Grenzöffnung 1990 öffneten die Forscher in Deutschland und der Tschechoslowakei einander auch ihre Archive. | www.freilandmuseum.de ++++++++++++++++++++++++

wofür die Erziehungswissenschaftlerin Annedore Prengel seit 1993 plädiert: für eine „Pädagogik der Vielfalt“, die primär die Vorteile nebeneinander bestehender Lebenswelten sieht. Und Unterschiede nicht überbrückt, sondern aufgreift. Der zweistündige Workshop mit Elisabeth Tuider, Professorin für „Soziologie der Diversität“ an der Uni Kassel, und dem Diplompädagogen und systemischen Berater Mario Müller stellt Grundzüge und Methoden vor, die die Vielfalt von der Vielfalt aus erfahrbar machen (Teilnahme kostenlos, Anmeldung erforderlich). | www.zfl-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Krank in einem kalten Land 29. Juni, 19.30 Uhr, ­Residenz, Toscanasaal

Seine Aufenthalte in Afrika und Asien haben dem Tropenmediziner Prof. August Stich gezeigt, dass man auch mit bescheidenen Mitteln gute Medizin betreiben kann. Dennoch hält der Chefarzt am Missionsärztlichen Institut das, was das deutsche Asylverfahren Migranten an medizinischer Versorgung bietet, für unzureichend. Denn: Deren Gesundheitsstatus ist schlechter als der von Deutschen in vergleichbarem Alter, die Kinder- und Müttersterblichkeit doppelt so hoch. | www.theaterwuerzburg.de | www.uni-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Diversity Education

Bestaunt, ­bewundert, vorgeführt

Interkultur ist out, „diversity education“ der neue pädagogische Ansatz. Er propagiert in etwa das,

Fast 500 Jahre wurden Afrikaner als Sklaven, exotisches Fürstengeschenk oder Wissenschaftsobjekt

28. Juni, 18 Uhr, Uni Wittelsbacherplatz, Hörsaal 1

13. Juli, 19.30 Uhr, ­Residenz, Toscanasaal

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nach Europa verschleppt. Die wenigen Ausnahmen, die es als Künstler oder Wissenschaftler zu Ansehen brachten und als Personen fassbar sind, stellt Karin Sekora vor. | www.uni-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Gott weiblich

bis 25. August, verschiedene Orte Die religionsgeschichtliche Ausstellung aus Fribourg prägt den Interkultursommer mit ihrem Rahmenprogramm. Die Veranstaltungsformen variieren vom Gottesdienst in St. Stephan (So., 3.6., 10 Uhr) mit Bischöfin i. R. Maria Jepsen und einer anschließenden (11.15 Uhr) Prozessions-Performance bis hin zu wissenschaftlichen Vorträgen. Letztere haben ihren Jour fixe in der Neuen Universität am Sanderring, Hörsaal 127, montags um 19.30 Uhr. Thema sind beispielsweise am 11. Juni „Rabbinische Vorstellungen von Gottes Weiblichkeit“. Im Schröder-Haus greift eine Kunstausstellung den Titel der Hauptschau in der benachbarten Stephanskirche auf: Künstlerinnen und Künstler gestalten weiblich Göttliches, wie es uns heute begegnet – Gegenwartskunst zur BibelArchäologie. Was sie sich dabei gedacht haben, erläutern sie bei Sonntagsgesprächen am 24. Juni und 29. Juli, jeweils 11.15 Uhr. Im Schröder-Haus dürfte es am 3. Juli besonders interessant werden. Dann fragt Prof. Ulrike Bechmann: „Keine Göttin in Israel? Vom Verhältnis der Bibel zur Archäologie“. Am 27. Juli startet Katrin Rieger eine zweiteilige Einführung in „Die Verehrung des Weiblichen“. Für „Gott weiblich“ öffnet auch die Kontaktstelle Moderne Kultur in der Landwehrstr. 4: Am Freitag, 15. Juni, lädt sie zu einer meditativen Bildbetrachtung, am Mittwoch, 20. Juni, spricht Zohreh Salali über „die persischen Göttinnen vor dem Islam“ (Beginn je 20 Uhr). | www.gott-weiblich.de


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Jubiläumsschleife am Ägyptischen Bau Ein Vierteljahrhundert Cairo von Christian Neubert / Foto: Benjamin Brückner

+ Statt Blumen kriegt das Jugendkulturzentrum zum Geburtstag ein Baumhaus. „Das Cairo hat einen schönen Hof, den man wunderbar nutzen kann“, erklärt der 28-jährige Student Johannes von Hollander, der viele ehrenamtliche Helfer beim Bau anleitet. Die Idee stammt vom KÖR e.V., dem Verein zur Förderung von Kunst im öffentlichen Raum. Steffen Deeg sieht das genauso. Der Innenhof des Cairo soll verstärkt­ genutzt werden – für Filmvorführungen, Kunstaktionen oder vegane Grillabende. Entsprechend war der Cairo-Leiter sofort Feuer und KulturGut 09 | Seite

Flamme für die Baumhaus-Idee des KÖR e.V. – „vor allem, weil das Projekt so interdisziplinär ist.“ Das ist auch die Philosophie des Cairo. Hier wird Wert auf Austausch gelegt. Der Sozialpädagoge Deeg sieht sich auch als Kulturmanager und Kulturermöglicher – als jemand, der vermittelt, berät und nötige Infrastrukturen schafft. So stellt das Cairo lediglich den Raum für viele, die das Würzburger Kulturprogramm mitgestalten. Was sich daraus entwickeln kann, liegt in den Händen der zahlreichen ehrenamtlichen Mitarbeiter.

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Das Frauengefängnis des Revolutionsarchitekten Peter Speeth blickt ruhig auf die belebte Saalgasse.

Nach diesen Prinzipien funktioniert das gesamte Jugendkulturhaus seit 2004. Denn im siebzehnten Jahr seines Bestehens wurde das Jugendzentrum geschlossen. Deeg hält das rückblickend für eine gute Entscheidung: Im Stadtgebiet gibt es den Bechtolsheimer Hof, der offene Jugendarbeit betreibt. Der Bedarf an kreativen Orten war bereits 2004 größer als das räumliche Angebot, und seit der Schließung des AKW sowie dem Umzug des Immerhin braucht die Jugendkultur verstärkt einen Ort für Veranstaltungen und kreative Aktivitäten. Projekte, für die das Cairo Räume stellt, bekommen nur eine Vorgabe: Sie sollen Erfolg versprechen. Nicht im Sinn von finanzieller Rentabilität! Auch nicht gemessen an der Zahl der Besucher. Vielmehr geht es darum, wie die Angebote angenommen werden. Um Verhältnismäßigkeit: Ein erster Auftritt auf der Studiobühne vor 20 Gästen kann ebenso ein Erfolg sein wie ein ausverkauftes Konzert im großen Saal. Und es geht um die Bereitschaft zum Mitwirken.

Raum für Veranstalter

die sich teilweise erst im Cairo formiert haben. Diese beweisen jeweils ein gutes Händchen bei der Auswahl der Künstler, die sie nach Würzburg holen. Auf der Bühne des Cairo haben schon Bands wie The Gossip, Tomte oder Sportfreunde Stiller gespielt, bevor sie große Hallen füllen konnten.

Im Cairo fing vieles an Außerdem bietet das Cairo Kurse an. In 25 Jahren Jugendkulturhaus wurden schon Modellbau unterrichtet, Frisbee-Golf als Trendsportart etabliert und verschiedene Tanzstile erprobt. Neben Fotolabor und Töpferwerkstatt gibt es ein Videostudio, das auch Schulen gern nutzen. Die Begeisterung für Improvisationstheater, auf die man in Würzburg stößt, wurde übrigens auch vom Cairo losgetreten. Angefangen hat alles mit einem Praktikumsprojekt, mittlerweile nimmt Würzburg eine herausragende Stelle in der bundesdeutschen Impro-Landschaft ein.

Neben Lesungen, Theateraufführungen und Filmevents machen Konzerte in etwa die Hälfte der Veranstaltungen des Jugendkulturhauses aus. Rund 170 Darbietungen finden mittlerweile pro Jahr statt. Um die Bookings für diese Events kümmern sich diverse Veranstalterteams, KulturGut 09 | Seite

Link: | www.cairo.wue.de

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Der Herr wurde ein Mann Ausstellung „Gott weiblich“ entdeckt Seine verborgenen Seiten von Daniel Staffen-Quandt / Foto: Benjamin Brückner

+ Frauen werden von Männern oft vergöttert. Aber Gott ist in den Vorstellungen der meisten Menschen männlich. Die Ausstellung in der St. Stephanskirche beleuchtet die weiblichen Elementen des biblischen Gottes. Gott ist - der liebende Vater, der gute Hirte oder der Mensch gewordene Sohn, manchmal auch der zornige, wütende Herrscher über die Welt. Er ist stark, kräftig, patriarchalisch, aber auch sanftmütig und weise. Eins aber ist der jüdische und christliche Gott in den verbreitetsten Vorstellungen nicht: weiblich. Doch es gibt sie, die weibliche Seite - damit befasst sich eine Ausstellung mit etlichen jahrtausendealten Exponaten aus dem Nahen Osten. Die ursprünglich archäologische Schau des Bibel+Orient-Museums aus dem Schweizer Fribourg wurde um neue Facetten ergänzt.

364 mal Dorfgottheiten, einmal Jahwe Gott war nicht immer nur männlich. Göttinnen gab es in der Antike ebenso wie beispielsweise im Orient, sagt Harald Wildfeuer, Direktor des mitveranstaltenden Rudolf-Alexander-Schröder-Hauses. Im Alten Testament gebe es eine „klar erkennbare Tendenz, alle weiblichen Züge aus Jahwe und alle weiblichen Gottheiten ringsum zu eliminieren“. Historisch sei das völlig anders gewesen, wie die archäologischen Fakten zeigten: Juden- und Christentum entstanden „in einem polytheistischen Kontext“, in dem es natürlich auch Göttinnen gab. Religionen existierten damals nicht strikt getrennt von-, sondern im Austausch miteinander. „Das Jahr über haben die Menschen ihre Dorfgottheiten angebetet – und einmal im Jahr sind sie in den Tempel gegangen, um dort dann Jahwe zu danken“, so Wildfeuer. Das Weibliche wurde aus Kultstätten verbannt, Erotik und Sexualität – einstmals sinnbildlich für Schöpferkraft – tabuisiert und dämonisiert. Doch das Weibliche hat bis heute Spuren hinterlassen, zum Beispiel in der Marienverehrung der katholischen Kirche. „Die offizielle Lehre hat sich in diesem Punkt schon seit jeher klar von der Volksfrömmigkeit unterschieden“, erklärt Wildfeuer. Während Maria von den (katholischen) Gläubigen schon seit Jahrhunderten verehrt wurde, hat sich die Amtskirche dem Marienkult erst deutlich später zugewandt. Dabei gibt es im Alten Testament viele Stellen, an denen die weiblichen Attribute Gottes durchschimmern, wo Gott als Mutter oder als „Glucke“ beschrieben wird. Diese Aspekte erörterte in den 1970er und 80er Jahren vor allem die feministische Theologie. Die Ausstellung versucht die Brücke zwischen altorientalischen Göttinnen und der heutigen Sicht auf Frauen zu schlagen, die einerseits gleichberechtigt sind, zugleich aber auch von Männern als SexsymKulturGut 09 | Seite

bol, als schönste oder als mächtigste Frau der Welt regelrecht vergöttert werden. Aus den 14 Kapiteln der Original-Ausstellung wurden für die Würzburger Variante die fünf Themenräume Weisheit, Vitalität, Anblick, Macht und Mutter. Die antiken Objekte aus dem Schweizer Museum stehen moderner Kunst gegenüber. Hierfür holten das evangelische Rudolf-Alexander-Schröder-Haus und die Katholische Akademie Domschule als Veranstalter den Berufsverband Bildender Künstlerinnen und Künstler (BBK) Unterfranken ins Boot. Der BBK schrieb einen Wettbewerb aus, die Siegerbeiträge hängen und stehen in der Stephanskirche. Die neue Würzburger Variante der Schweizer Wanderausstellung wird bundesweit beworben, sie ist eine theologische, archäologische und auch künstlerische Auseinandersetzung mit der göttlichen Weiblichkeit. „Heute gilt in der Theologie die gängige Lehrmeinung, dass Gott weder männlich noch weiblich ist“, sagt Wildfeuer. Auch diese „transsexuellen“ Elemente greift die Ausstellung mit auf, macht den Besuchern bewusst, „dass man Gott mit den Krücken menschlicher Worte nicht beschreiben kann“, meint Wildfeuer. So scheine er mal eher als Mann, mal als Frau. Für die Kirchengemeinde St. Stephan ist die Ausstellung mit einigen Einschränkungen verbunden. So ist die Kirche normalerweise jeden Tag für jeden geöffnet – ganz ohne Eintritt. Das ist nun für gut dreieinhalb Monate anders. „Aber der Kirchenvorstand hat sich gerne darauf eingelassen“, sagt der Chef des direkt benachbarten Schröder-Hauses. Für Wildfeuer sind Projekte wie diese Ausstellung ein wichtiges Element in der christlichen Bildungsarbeit von heute, deshalb ist das Begleitprogramm auch besonders umfassend geraten. „Klassische Vorträge, Podiumsdiskussionen und Workshops sind immer noch ein wichtiger Bestandteil unseres Auftrags“, sagt Wildfeuer. Doch neue „Kunden“ erreiche man eher „mit Cross-Over-Projekten wie dieser Ausstellung“. Viele würden erst durch das Begleitprogramm auf die Schau und kirchliche Bildungshäuser aufmerksam.

inFoS: Die Ausstellung „Gott weiblich – Begegnung mit

einer verborgenen Seite des biblischen Gottes“ ist bis zum 25. August zu sehen, dienstags bis samstags von 9 bis 17 Uhr, sonntags von 12 bis 17 Uhr. Eintritt: 4,50, ermäßigt 3 Euro. Öffentliche Führungen jeweils sonntags um 15 Uhr (3 Euro zzgl. Eintritt). | www.gott-weiblich.de

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Zwei Kapellen, Begegnungsraum und Empore wurden in der Dekanatskirche zum Ausstellungsraum. KulturGut 09 | Seite

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 | Impressum |  Herausgeber und V.i.S.d.P.: MorgenWelt Würzburg GmbH Gerberstraße 7, 97070 Würzburg Telefon 09 31 32 999 0 und Kulturreferat der Stadt Würzburg Rückermainstraße 2 97070 Würzburg Redaktionsadresse MorgenWelt Würzburg GmbH: KulturGut Gerberstraße 7, 97070 Würzburg Telefon (09 31) 32 999 0 Anzeigen: MorgenWelt Würzburg GmbH, Gerberstraße 7, 97070 Würzburg Stefan Luz, Telefon (0931) 32999 11 Matthias Meyer, Telefon (0931) 32999 14

Internet: www.kulturgut-wuerzburg.de Chefredaktion, Konzept: Iris Wrede

Druck: Schleunungdruck GmbH, Marktheidenfeld

C. v. D.: Joachim Fildhaut

Auflage: 10.000 Exemplare ISSN 2191-9666

Mitarbeiter: Nina Dees, Axel Herber, Christian Neubert, Gabriele Polster, Daniel StaffenQuandt, Christine Weisner, Dagmar Wolf

Sonstiges: Alle Veranstaltungsangaben ohne Gewähr. Veranstalter, die Fotos an den Verlag senden, haben eventuelle Honorarkosten zu tragen. Urheberrechte für Anzeigenentwürfe, Vorlagen, redaktionelle Beiträge sowie für die gesamte Gestaltung bleiben beim Herausgeber. Der Nachdruck von Fotos, Zeichnungen, Artikeln und Anzeigen, auch auszugsweise, bedarf der ausdrücklichen Zustimmung des ­Herausgebers. Für unaufgefordert eingesandte Manuskripte, Leserbriefe und Fotos kann keine Haftung übernommen werden. Bearbeitung und Abdruck behalten sich Verlag und Redaktion vor. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung des Verlags und der Redaktion wieder.

Redaktionsbeirat: Anja Flicker, Muchtar Al Ghusain, Stefan Moos, Dr. Rotraud Ries, Hermann Schneider, Dr. Gunther Schunk, Prof. Ulrich Sinn Fotos: Benjamin Brückner, Falk von Traubenberg, Jutta & Jörg Kulow, KulturGut ­Bildarchiv, Veranstalter Art Direktion Melanie Probst Produktion & Distribution: MorgenWelt Würzburg GmbH, Gerberstraße 7, 97070 Würzburg

Dank: Wir danken ausdrücklich den Unterstützern und beteiligten ­Kulturinstitutionen und ­Kulturschaffenden, ohne die die Herausgabe dieses Mediums nicht möglich wäre.

Kostenlose Auslage in Kulturzentren, Kinos, Veranstaltungshäusern, städtischen Einrichtungen, Gastronomie und ausgewählten Ladengeschäften

KulturGut erscheint dreimal jährlich in Würzburg.

 | KulturGut

10   Oktober 2012    |

KulturGut 09 | Seite

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EIN SOMMERNACHTSTRAUM

BALLETT VON YOURI VÀMOS NACH WILLIAM SHAKESPEARE AB 26. MAI 2012 � MAINFRANKEN THEATER WÜRZBURG, GROSSES HAUS Karten: Tel. 0931 / 3908-124 | www.theaterwuerzburg.de


www.hummel-lang.de

w w w . h a f e n s o m m e r- w u e r z b u r g . d e

Festival am Alten Hafen Würz Würzburg

24.7.–15.8.2012 15.8.2012

Sommer-Highlights 2012

26.07. Jane Birkin 27.07. Nils Petter Molvær 28.07. Rebekka Bakken 29.07. jbbg/Wolfgang Dauner 01.08. Supersilent feat. John Paul Jones (Led Zeppelin) 02.08. Fatoumata Diawara 05.08. Caravan Palace

Weitere Programmpunkte

Bauchklang, Elliott Sharp, Mohammad Reza Mortazavi, 17 Hippies, Stian Westerhus, Pauline Croze, Synje Norland, Gabby Young & Other Animals, Otto Lechner/Arnaud Méthiviér, Die Goldenen Zitronen, Kristof Schreuf, Max Uthoff, Reiner Kröhnert, Twincity European Jazz Project, Karo, Mina Tindle, Stabil Elite, Niels Frevert, u. a.

KulturGut N°9  

Das Kulturmagazin für die Region Würzburg

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