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KulturGut

Ausgabe

08

Februar 2012

Magazin für die Kulturregion Würzburg

Netzwerke. Würzburg und das globale Gehirn | Leuchttürme. Wenn sich Kultur durch Kommunikation weiterentwickelt | Gefälligkeiten. Wann werden sie zum Zwang? |

Internet

Kommunikation

Hallo

SMS

Sprechen

Telefon

Danke

Freundschaft

Kollege

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KulturGut | Editorial | Inhalt | Titelthema | Bühne | Musik | Kunst | Literatur | Film | Stadt | Wissenschaft | Interkultur | Service

Hallo

Editorial

Netzwerken: Wann ist es gut? Und: Wo ist die Grenze? Als wir KulturGut N°8 planten, wussten wir nicht, dass uns die Debatte um Beziehungen und Netzwerke ganz aktuell zum Jahresanfang beschäftigen würde. Es lohnt sich, bei diesem Thema ganz genau hinzuschauen. Netzwerken: Ein alltägliches Wort unserer Zeit, das umschreibt, wie wichtig es für uns Menschen ist, zu wissen, mit wem wir es zu tun haben. Wir alle bedienen uns täglich der verschiedensten Netzwerke. Persönliche Nähe verbindet, gute Beziehungen wachsen mit der Zeit. Und dann gibt es diese unsichtbare Linie: Die, zwischen guten Beziehungen und Korruption. Wenn Transparenz und Offenheit geschlossenen Systemen weichen, die Ausgrenzung erzeugen, spätestens dann ist die Grenze überschritten. Was macht also den Unterschied zwischen „guten“ und „bösen“ Verflechtungen? Wie profitieren wir von Netzwerken, wie pflegen wir sie und wann werden sie parasitär? Gleichzeitig bieten die modernen Netzwerke so viel Information wie nie zuvor und die Fülle der Informationen ist nur begrenzt durch unsere wachsende Überforderung. Transparenz ist das Zauberwort, mit dem man versucht, die Herausforderung anzunehmen.

Auch daran kann man sie unterscheiden: „Gute“ Netzwerke haben nie etwas gegen Transparenz einzuwenden. Sie sind offen – eine durch und durch positive Struktur, die durch das Miteinander echter Kompetenzen lebt. Diese offenen Strukturen sind es, von denen Individuum und Gesellschaft ­profitieren. Im Kulturbereich sind sie überlebenswichtig. Um so interessanter ist es für uns, verschiedene Formen von ­Networking zu beleuchten. Wir laden Sie ein, dies mit uns zu tun. Wenn Sie weiterhin in den Diskurs mit uns eintreten ­möchten, sind Sie wie immer auf unsere Website www.kulturgut-wuerzburg.de willkommen. Wir sind dankbar für Ihre Anregungen und für einen geistreichen Dialog: Bleiben Sie uns weiterhin gewogen! Iris Wrede Chefredakteurin

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Editorial

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Inhalt

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Titelthema | Kultur zu vernetzen. Plädoyer für permanente digitale Kommunikation

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Titelthema | Region Mainfranken GmbH installierte Fachforum Kultur

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Titelthema | Dachverband freier Kulturträger ist Lobbyist

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Titelthema | Geld regiert die Kunst. Keine Scheu vor privatem Sponsoring

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Titelthema | Architekten-Vereinigung LP10 zeigt Architektur als Teil der Kultur

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Titelthema | Improvisierte Wahrheit. Eine Jazzband ohne feste Besetzung

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Titelthema | Beziehungspflege, Mauschelei oder Korruption?

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Theater | Wo das Plastische Theater Hobbit den Fernen Osten reflektiert

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Theater | Termine

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Musik | Philharmonisches Orchester unter neuer Leitung

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Musik | Studis werden Profis. Die Opernklasse der Musikhochschule

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Musik | Termine

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Kunst | Buntes Geburtstagskind zehn Jahre Kulturspeicher

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Kunst | Bilderhaken und Konzertakustik. Die VKU in ihrem Spitäle

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Kunst | Termine

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Literatur | Schreib die Stadt! Aufruf zum Wettbewerb

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Literatur | Termine

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Film | Termine

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Film | Filmwochenende: Frühlingsnächte unterm Projektorstrahl

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Stadt | Erinnerungskultur von unten: Kanaldeckel

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Stadt | Termine

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Wissenschaft | Termine

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Wissenschaft | Alle jüdischen Grabsteine in drei Büchern

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Interkultur | Fröhlichkeit made in GU. Asylbewerber machen Theater

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Interkultur | Termine

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Zum Schluss | Impressum KulturGut 08 | Seite

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Kultur zu vernetzen Ein Plädoyer für permanente digitale Kommunikation von Patrick Breitenbach

+ Das Internet bietet die technologische Grundlage, um Kultur und Wissen in einer enormen Vielfalt und Tiefe wesentlich sichtbarer zu machen als jemals zuvor. Ja sogar noch mehr: Kultur kann die Menschen stärker zueinander führen und befindet sich damit mitten in einer neuen Renaissance. Die menschlichen Interessen und deren Vermittlung sind die Grundlagen meines Plädoyers. Interessen erwachsen aus Kontexten, sie sind niemals losgelöst vom denkenden und handelnden Menschen zu betrachten: In welches Land, in welchen Einkommens- und Bildungsstatus wird man hineingeboren? Wie kommunizieren die Familie, der Freundeskreis, die Kollegen miteinander? Das alles sind wichtige Vorbilder und Muster, nach dem jeder Mensch sein Milieu, sein System definiert und somit konstruiert. Kultur ist die Abbildung sichtbarer Ergebnisse aus bestimmten Milieus, Kontexten oder Systemen. Künstler sind in der Regel damit beschäftigt, ihre Milieus oder den Wunsch nach einem neuen Milieu in ihren Werken festzuhalten bzw. auszudrücken. Richtig sichtbar, in einem größeren Umfang, wurde diese Kultur bislang jedoch nur in sehr eingeschränkter Form. Vor Hunderten von Jahren sahen die Menschen nur Kulturwerke aus ihrem unmittelbaren Kulturkreis. Lediglich die Reisenden erhielten Einblicke in neue Milieus. Sie waren so etwas wie Kulturmissionare – heute würde man wohl Trendsetter oder -scout sagen. Der Mensch neigt also auch dazu, sein Milieu mit Hilfe der Kunst zu dokumentieren. Somit ist der aus der elektronischen Netzkultur stammende Begriff „Life Cashing“, also der ständigen Verfügbarkeit von Gedanken, Bildern und Videoerinnerungen im Netz, kein wirklich neuer. Auch vor dem Netz gab es den Drang, das eigene Leben dauerhaft für die Nachwelt festzuhalten und somit zum großen kollektiven Kulturgedächtnis beizutragen. Was genau ändert sich denn jetzt durch die Einführung des Internets, des Web 2.0? Das Internet ist ein technisches Gerüst, das kommuni-

kative Hindernisse überwinden kann, die die Vorläufer-Medien nicht überwinden konnten: geographische, zeitliche, räumliche und körperliche Hindernisse. Die Nutzer agieren global, ungleichzeitig, haben keine Kapazitätsprobleme beim Speichern von Kulturgütern und können ihre Körper mit virtuellen Realitäten verbinden.

Die Veränderung der Aufmerksamkeitsökonomie Was ist nun das Resultat dieser Grenzüberwindungen, bezogen auf Kultur und ihre Vernetzung? Wir erhalten wesentlich mehr Informationen als bisher, können theoretisch in wesentlich vielfältigeren und intensiveren Kontakt zu anderen Milieus und Kulturkreisen treten und somit Kulturwissen austauschen, vergleichen und gegenseitig wertschätzen. Wir könnten wesentlich mehr über andere Milieus und ihre Hintergründe erfahren. Wir beginnen also zu teilen statt zu verdrängen (Kooperation versus Konkurrenz). Im Netz wird dies übrigens als „Sharingmodel“ bezeichnet – eine Kultur, die der bisherigen Filmund Musikindustrie das Blut in den Adern gefrieren lässt. Völlig unbeeindruckt von gesetzlichen Regeln tauschen Menschen ihre kulturellen Güter, Musik, Filme, elektronische Bücher – kostenlos. Was für die vermarktende Industrie ein Gräuel ist – denn sie besaß bisher das Monopol des Kopienverkaufs –, kann für den einzelnen Künstler zum Erfolgskriterium werden – solange er nicht Eigentum der Industrie ist. Sein Werk geht um die Welt, wenn auch zunächst kostenlos, doch sein Bekanntheitsgrad macht ihn langfristig auch wertvoller. Eine Hauptmotivation, um Kultur zu vernetzen, liegt meiner Ansicht nach in der stärkeren Visualisierung von Kultur, ihren Gütern und Erschaffern und der Vermittlung zu den Interessenten. Nur durch Interessenüberschneidung („Matching“) erreicht man den höchstmöglichen Grad an Begeisterung. Nur wenn wir wirklich nur das kaufen, was wir

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Internet

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lieben und schätzen, werden wir der Billig- und Kostenlos-Spirale entkommen. Der Wert von Gütern und Kultur wird wieder steigen. Wir leben noch nicht wirklich mit vollem Herzen in der Interessen­ ökonomie, sondern immer noch in der von der Massenproduktion und den Broadcasting-Medien geprägten Aufmerksamkeitsökonomie, also dem täglichen Wettbewerb um maximale Aufmerksamkeit und dessen Handel und Verteilung. Gerade hier entdecken wir die Auswirkungen dieser Aufmerksamkeitsökonomie, die mittlerweile die absurdesten Ausmaße angenommen hat. Mitarbeiter von Print-Publikationen beispielsweise verbringen den Großteil ihres Tagesgeschäfts damit, die eine Schlagzeile zu finden, die von allen Menschen gelesen wird. Das macht man nicht etwa mehr, um Menschen bestmöglich zu informieren, sondern weil man die größtmögliche Aufmerksamkeit auf die Werbeanzeige direkt daneben lenken will, die ihrerseits das gesamte Medium mitfinanziert. Der Erfolg von Journalismus und der Übertragung von Botschaften wird eben nicht mehr anhand Qualität, investigativer Recherche oder sinnvollem persönlichem Nachrichtenwert gemessen, sondern anhand des Aufmerksamkeitserfolgs einer Story – der Sensation. In diesem System aus Medien, Konsumenten und Produzenten konkurrieren extrem viele Botschaften und Interessen um die Aufmerksamkeit der Empfänger. Das Internet ist ein Werkzeug, um mit Aufmerksamkeit achtsamer umzugehen. Indem man nämlich die Inhalte mit entsprechenden Interessengebieten verknüpft. Statt die Menschen mit Botschaften zu penetrieren, gewährleistet man seinen Inhalten einfach nur Präsenz und damit die Auffindbarkeit bei Suchmaschinen. Eine solche Interessenökonomie stellt einen möglichen Gegenentwurf zum Kampf um die Aufmerksamkeit dar.

Vier Schritte zur Interessensökonomie Präsenz: Suchen Sie sich ein freies Plätzchen im WWW, das kann sehr einfach mit einem Profil in den Sozialen Netzwerken beginnen. Wichtig ist nur, dass Sie sich so genau wie möglich beschreiben. Streuen Sie also Interessenverknüpfungspunkte für andere Menschen durch das Hinterlassen Ihrer Interessen, aber vor allem der Interessen, die Sie mit Ihrem Angebot befriedigen können. Die Präsenz, das Grundgerüst Ihrer virtuellen Präsenz, ist die Ausgangsbasis Ihrer weiteren Aktivität. Von hier aus beginnen Sie, Ihre Signale zu senden. Signal: Ein Signal ist ein kontinuierliches Senden von Information. Die Besonderheit im Netz ist, dass Sie niemanden belästigen, sondern von Ihrer Präsenz aus stetig signalisieren, wer Sie sind, was Sie machen und was Sie zu bieten haben. Niemand muss Straßen und Zeitungen mit Werbeanzeigen penetrieren, für die sich eh kaum jemand interessiert. Stattdessen signalisieren Sie ihre Präsenz, Ihr Angebot, Ihre Interessen. Je kontinuierlicher, präziser und länger Sie signalisieren, desto schneller und erfolgreicher werden Sie gefunden werden. Hier gilt: Die Welt ist eine Google. Dialog: Der Dialog vermittelt Interessen. Im Dialog findet man Gemeinsamkeiten und Unterschiede und trifft danach ein Urteil. Es finden nicht nur Dialoge unter „Fans“ statt, sondern auch zwischen Gegnern und damit zwischen Gegnern und Fans. Sie alle haben einen leidenschaftlichen Anknüpfungspunkt, der sie verbindet. Lernen Sie über das Internet andere Menschen und Ihre Interessen und Bedürfnisse kennen und bieten Sie sich als Gesprächspartner an, wenn Sie Interessenüberschneidungen erkennen. Synergie: Kunst und Kultur waren seit jeher angewiesen auf das Mäzentum, sei es in Form von Sammlern oder Kulturämtern. Sie alle benötigten zuvor einen gewissen Grad an Begeisterung, d. h. das Überschneiden von Interessen. „Fans“ sind also auch immer potenzielle Förderer von Kultur. Sie bewerten Kultur wesentlich höher und sorgen letztendlich dafür, dass Kultur existieren kann.

Vom Massenmedium zur Massenanwendung Je mehr das Internet zur Massenanwendung wird, desto eher müssen wir uns vom Gedanken an ein Massenmedium verabschieden. Das klingt zunächst paradox, aber je mehr aktive Nutzer es gibt, je mehr Inhalte, Informationen und Werke sie hochladen, desto zersplitterter werden die einzelnen Kanäle. Die Suchmaschine ist das Tor zu den zigmillionen Medienkanälen in Form von Blogs, Foren, Websites etc. Die großen Plattformen haben die klassischen Medien im Internet längst abgelöst. Die Rolle dieser Dienste unterscheidet sich von den Verlagsund Broadcasting-Unternehmen, die wir bisher kannten. Google sendet nicht das, was Google meint zu senden – jedenfalls nicht im ersten Schritt –, sondern der Nutzer selbst hat die Kontrolle über seine Fernbedienung ins Netz. Der zweite grundlegende Unterschied zwischen Internet und Broadcasting-Medien liegt im Hyperlink, im Verknüpfen von einzelnen Stichwörtern mit weiterführenden Inhalten in Form von Websites, die wiederum Links enthalten, die zu anderen Websites verweisen usw. Das führt dazu, dass wir unser Wissen, unsere Wahrnehmung von Inhalten im Web stetig erweitern können, also zu einer explorativen Mediennutzung, die vorher nur bedingt möglich war. Fast alles ist mittlerweile miteinander vernetzt und sehr leicht zugänglich. Daher sind Links eine Währung. Je mehr Links man selbst auf andere Angebote setzt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass man auch von diesem Angebot aus wahrgenommen wird und umgekehrt ebenfalls einen Link auf das eigene Angebot erhält. So entsteht das Netz rund um Interessen und Aufmerksamkeit. Link für Link, langsam aber stetig. Sie erweitern Ihr Netzwerk nicht nur auf virtueller, sondern auch auf persönlicher Ebene, denn das Netz bietet auch den Erstkontakt und intensiven Austausch für persönliche Beziehungen. Gerade das ist in Zeiten von Budgetkürzungen und enormem Druck beim Fundraising Gold wert.

Das globale Gehirn Das Internet ist ein gigantisches und exponentiell wachsendes Kultur­ archiv. Wir können die alten Meisterwerke in digitaler Form bewundern, wir sehen die Gegenwart in Echtzeit in Form eines gigantischen „Contentstreams“ und erhalten dadurch wesentlich mehr Entwürfe für die Zukunft unseres Daseins. Das Web wächst und wächst und manche erblicken in der Zukunft ein globales Gehirn, ein Gehirn, das alle Gehirne auf der Welt miteinander verbindet, ohne deren individuelle Fähigkeiten und Ansichten zu verklumpen. Ein gigantisches Netzwerk aus Informationen, Wissen und Kultur. Ich freue mich auf die nächsten Jahre und die zunehmende Sichtbarkeit unserer globalen, gigantischen Kultur.

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info: Der Autor ist Berater, Konzeptioner und Produzent im Bereich der digitalen Kultur und lebt in Würzburg. Er ist Internetbeauftragter und Dozent an der Karlshochschule International University in Karlsruhe. Unter www.nischenkultur.net veröffentlicht er Projekte und Werke von Künstlern und Kulturschaffenden aus seinem unmittelbaren Netzwerk und produziert u. a. die beiden Audio-Podcasts | www.soziopod.de und | www.seefahrergeschichten.de.

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Auftakt der Fachforen: Viel Prominenz im VCC.

Eine Kelle für die Schöpferischen Die Region Mainfranken GmbH installierte ein Fachforum Kultur Fotos: Katrin Heyer / Region Mainfranken GmbH

+ Anfang Dezember 2011 lud die Marketing- und Entwicklungsgesellschaft Region Mainfranken GmbH zum großen Treffen. 170 Repräsentanten tagten im Vogel Convention Center mit dem Ziel, die Region zwischen Rhön und Hochspessart gemeinsam voranzubringen. Erstmals wurden dabei Fachforen gebildet, von denen sich eins der Kultur widmet. Die Gesprächsgruppen überlegten, wie sich die geballte Gemeinsamkeit künftig effektiv nutzen lässt. Dass ein Wille zum Aufbruch besteht, bestätigte schon allein das Zustandekommen des Termins. Für den nahmen sich immerhin zwei Ober- und etliche Bürgermeister, Fachreferenten sowie die Leiter fast aller wichtigen Institutionen Zeit. Und zwar gründlich. KulturGut 08 | Seite

Was bedeutete es für die kunstsinnigen Lobbyisten, persönlich zu erleben, dass Kulturträger aus ganz Mainfranken gemeinsam über ihre Zukunft nachdachten? Danach fragte KulturGut, und: Was versprechen sie sich von einer gestärkten Identifikation der Bürger mit der Region Mainfranken? Eine weitere Impulsfrage berührte die Möglichkeit, dass Kultur im Zusammenhang mit Regionalentwicklung zunächst als ein verwertbarer Faktor reflektiert werde – zur Hebung der Standortqualität: Liegt darin die Gefahr, marktkonforme Kunst gegenüber innovativer zu bevorzugen? Die Antworten zeigen: Mainfranken kann aus dem Vollen schöpfen, aber hätte für eine etwas bessere Schöpfkelle durchaus noch Verwendung.

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Vielfalt sichtbar machen Eine wichtige Aufgabe der Region Mainfranken ist das Standortmarketing. Es ist daher sinnvoll, wenn durch die Vernetzung im Fachforum Kultur und durch die Arbeit der Region Mainfranken GmbH die kulturelle Vielfalt der Region noch besser sichtbar wird. Dies kann die Identifikation der Bürgerinnen und Bürger mit „ihrer“ Kulturregion Mainfranken stärken und die Region für Firmenansiedlungen und Neubürger noch attraktiver machen. Abgesehen von diesem Aspekt ist aus meiner Sicht aber auch die Vernetzung der Kulturschaffenden an sich interessant und wichtig. Spannend ist dabei insbesondere der spartenübergreifende Ansatz des Fachforums Kultur: Durch die Vernetzung treffen verschiedenste Kulturschaffende aus ganz Mainfranken aufeinander, die sich zuvor vielleicht noch gar nicht oder nur vom Hörensagen kannten. So können sich im Lauf der Zeit neue Ideen und Kooperationen entwickeln, die die Kulturregion weiter bereichern. Die Arbeit im Fachforum hat jedoch gerade erst angefangen, so dass noch keine konkreten Themen und Projekte entwickelt wurden. Lassen wir uns überraschen…

Schweinfurter haben uns immer mit der Region und weit darüber hinaus ausgetauscht und stets davon profitiert. Das Theater führt als Bespieltheater Ensembles aus ganz Europa zu uns. Obwohl man wissen muss, woher man kommt und für wen man als Politiker oder Verantwortlicher im Kulturleben arbeitet, darf es jedoch in einer weltweit vernetzten Welt kein bloßes Inseldenken geben. Insofern ist das Mainfrankenprojekt konsequent und richtig. Auch bei uns hat es noch nie so viele Angebote auf allen Ebenen gegeben wie heute. Musik, Theater, Museen, soziokulturelle Initiativen – es gibt nichts, was man aus der Erfahrung von Metropolen wie etwa Berlin vermisst. Am Anfang soll deshalb ein Kulturbericht stehen, in dem für Mainfranken die Bandbreite der Kulturarbeit einschließlich der Kreativwirtschaft aufgezeichnet wird. Daraus lassen sich Handlungsansätze ableiten, die bis in die Werbung in überregional ausstrahlende Medien reichen. Das Mozartfest ist ein traditionelles Würzburger Aushängeschild. Längst aber hat der Kissinger Sommer höchstes Renommee und das in Bad Brückenau wirkende Bayerische Kammerorchester wurzelt in Werneck. In Schweinfurt gibt es den Nachsommer, im Landkreis Schweinfurt das Varietéfestival, in Sömmersdorf die Passionsspiele und der Landkreis Rhön-Grabfeld betreibt eine aktive Kulturagentur. Die Reihe der Beispiele ließe sich beliebig verlängern. Es kommt primär nicht darauf an, neue Angebote zu „erfinden“, sondern die vorhandenen Strukturen zu profilieren und Akzente zu setzen. Das schließt den internen Wettbewerb ausdrücklich ein. So stärken wir lokale Identitäten und schärfen zugleich das authentische Profil unserer Heimat nach außen. Um zwei Beispiele zu geben: Der große Baumeister Balthasar Neumann hat in Mainfranken Dutzende von Hauptwerken in Stadt und Land geschaffen. Sein 325. Geburtstag 2012 hätte eine wunderbare Gelegenheit sein können, sich und die ganze Kunstwelt daran zu erinnern. 2013 findet in Schweinfurt unter dem Titel „Main und Meer“ eine Bayerische Landesausstellung statt. Die große Zahl erwarteter Besucher böte eine ausgezeichnete Plattform für gemeinsame Projekte entlang des Mains. Vor dem Hintergrund der kulturellen Emanzipation der kleineren Städte und Gemeinden dürfen solche Kooperationen niemals einseitig darin bestehen, sich etwa in der Metropole um jene Einrichtungen zu versammeln, die das Wort Mainfranken im Namen führen. Wir müssen genau überlegen, wo wir überregionale Spitzenkultur fördern wollen und wo – überspitzt ausgedrückt – ein Bauerntheater genau das Richtige ist. Ein gemeinsamer mainfränkischer Theater- oder Museumsentwicklungsplan ist ein hilfreiches Instrument dafür. Kulturarbeit ist stets auch Zukunftsarbeit! Natürlich geht es auch um Geld. Das betrifft den Einsatz von Bundesund Landesmitteln sowie selbstverständlich von Geldern aus der EU. Wir müssen Fragen nach den Beiträgen aus den Städten bis zur Kulturarbeit des Bezirks Unterfranken stellen. Wie gehen die Landkreise mit der Kulturförderung um? Nicht zuletzt ist Kultursponsoring auch eine Aufgabe aller gesellschaftlichen Gruppen – Firmen und Unternehmensverbände eingeschlossen. Aber: Nie darf Kulturarbeit allein in den Dienst von etwas gestellt werden. Kunst und Kultur blühen nur, wenn sie frei sind, und ihr Wert kann nicht ausschließlich nach den Gesetzen der Marktwirtschaft beurteilt werden. Auch das werden wir beim Mainfrankenprojekt zu beachten haben.

Maja Schmidt, Regionalmanagement Landratsamt Kitzingen

Dr. Erich Schneider, Leiter der Museen und Galerien der Stadt Schweinfurt, und Sebastian Remelé, Oberbürgermeister der Stadt Schweinfurt

Wo ist Bauerntheater richtig?

Kommunikation ist Leben

Trotz aller modernen Kommunikationstechniken identifizieren wir Menschen uns zumeist mit kleinräumigen Strukturen. Die Auseinandersetzung mit dem Nahbereich Mainfranken wollen wir stärken. Wir

Kultur ist Fundament und Kitt der Gesellschaft, sie verbindet mit der Vergangenheit, stellt Verbindungen in der Gegenwart her und legt eine Linie in die Zukunft. Sich mit Kultur zu beschäftigen hat somit eine

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Drei Museumsleiter aus dem Fachforum Kul

wichtige gesellschaftliche Funktion und ist als zentraler kommunikativer Akt zu begreifen. Kulturelle Akteure, seien es nun Institutionen wie Museen oder Musikschulen, seien es Einzelpersonen wie bildende Künstler oder Autoren, leben von dieser Kommunikation – im Kleinen wie im Großen. Netzwerke, eben Kommunikation im Großen, in viele Richtungen, stellen sich damit als genuiner und tragender Bestandteil von professioneller Kulturarbeit dar. Im Bereich der jüdischen Geschichte und Kultur in Unterfranken, den ich als Profi vertrete, ist vernetztes Denken und Arbeiten von fundamentaler Bedeutung. Das Engagement und Wissen einzelner Akteure erlangen erst dann Bedeutung, wenn sie in die vernetzten Kommunikationsprozesse eingebunden werden. Das neue, von der EU und den unterfränkischen Landkreisen und Städten geförderte Projekt zum Landjudentum setzt genau hier an. Für andere Sektoren kulturellen Arbeitens in Mainfranken gelten je eigene Rahmenbedingungen; doch fast überall entsteht in der Kooperation ein Mehrwert auf inhaltlicher, methodischer oder kreativer Ebene. Die Bedingungen hierfür zu verbessern könnte eine wichtige Aufgabe des Kulturforums der Region Mainfranken sein.

Leuchttürme im Garten

Als Kulturwissenschaftlerin sehe ich genau hin, wenn mit Begriffen und Etiketten Identitäten geschaffen, geformt oder neu gedeutet werden sollen. Als Kultur-Praktikerin weiß ich, dass es eine gute „Verpackung“ braucht, um Inhalte zu transportieren, Ziele zu erreichen oder auch nur um Unterschiedliches zusammen zu fassen. Eine „Kulturregion Mainfranken“ darf nicht versuchen, „das Mainfränkische“ in der Kultur zu definieren. Ich wünsche sie mir vielmehr als regionale Plattform, auf der sich Menschen – egal, ob sie hier verwurzelt oder vor kurzem in die Region gekommen sind –, Kulturinstitutionen und Projekte kreativ und professionell austauschen können.

Ein Effekt der Auftaktveranstaltung war die Chance der persönlichen Begegnung, die neben der üblichen digitalen Netzwerkerei eine positive Eigendynamik entwickelt. Bevor Themen und Projekte eine Rolle spielen können, würde ich mir eine professionelle Präsentation der regionalen Kultur wünschen, also ein benutzerfreundliches Portal, das nicht nur lokalen Eigeninteressen dient, sondern diese als Vielfalt und nicht als Konkurrenz aufarbeitet. Auch wäre der Begriff „mainfränkische Kultur“ erst einmal zu definieren: Ist er historisch, regional oder gar kulturimmanent auszuformulieren oder zunächst einmal schlicht als „Kultur in Mainfranken“ zu verstehen? Identifikation kann man weder erzeugen noch gar verordnen. Die Qualität der unterschiedlichen mainfränkischen Kulturinitiativen liegt ja in der beständigen, oft über Jahre gewachsenen Arbeit, die die Bürger entsprechend würdigen. Den wünschenswerten Stolz auf eine ganze „Region“ zu entwickeln wird also eine ebenso mühsame wie zeitraubende Angelegenheit werden. Welche Qualität eine kulturelle „Region“ überhaupt haben kann, ob wir einen großen mainfränkischen kulturellen Garten mit den unterschiedlichsten Pflänzchen pflegen wollen oder einer – meines Erachtens zum jetzigen Zeitpunkt noch zu unreflektierten – LeuchtturmKultur anhängen, muss auch noch ausdiskutiert werden. Qualitätsanspruch wäre die Entwicklung eines intelligenten Netzwerks, das diesen Namen erst einmal verdient. Bis wir dahin kommen, müssen alle Beteiligte genügend Gehirnschmalz und die Region Mainfranken bestimmt auch Geld investieren. Die Kooperation aller ist dabei nicht eine Frage des Wollens, sondern schiere Voraussetzung. Ich sehe nicht, wie eine in kultureller Hinsicht noch gar nicht institutionalisierte Organisation inhaltlich auf die Kulturarbeit von so vielen Einzelinitiativen zugreifen sollte oder könnte. Bevor schon wieder Bedenken formuliert werden (marktkonforme Kunst ist ja eigentlich ein Paradoxon), sollten wir uns das Heft des Handelns nicht aus der Hand nehmen lassen und erst mal anfangen!

Dr. Bettina Keß, kulturplan Veitshöchheim

Johannes Wolf, Ars Musica Aub

Dr. Rotraud Ries, Leiterin des Johanna-Stahl-Zentrums

Kulturregion Mainfranken?

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um, seine Sammlung und letztendlich auf die außergewöhnlich reiche Museumslandschaft in Unterfranken hinzuweisen. Ein Projekt für die Zukunft, das wunderbar in den Netzwerkgedanken der Region Mainfranken GmbH passen würde. Aber auch eine andere Veranstaltungsreihe könnte überregional wirken und gleichzeitig identitätsstiftend für die Region Mainfranken sein. Im Landkreis Rhön-Grabfeld wird seit fünf Jahren erfolgreich einmal im Jahr die Fränkische Woche veranstaltet. Kreisheimatpflege, Museen, Kunst- und Kulturschaffende, Städte und Gemeinden gestalten gemeinsam mit der Kulturagentur eine spartenübergreifende Veranstaltungswoche zu einem regional typischen Thema: „Mundarttheater“, „Märchen und Sagen der Rhön und des Grabfelds“, „Schlösser, Burgen und Klöster“... Es wäre durchaus machbar, die Fränkische Woche auf die gesamte Region auszuweiten. Auch das Saalemusicum mit seinen musikalischen Veranstaltungen entlang der Orte an der fränkischen Saale wäre ein Ideenmodell für die Region Mainfranken. Nur eine qualitätvolle Kulturarbeit, die aus der Region erwachsen ist und Nachhaltigkeit zeigt, wird sich durchsetzen. Marktkonforme Kunst schmeckt schnell schal und kann sich letztendlich doch nicht halten. Wir praktizieren im Landkreis Rhön-Grabfeld seit Jahren die Auffassung, Kunst soll frei sein (damit auch die Kulturarbeit), wirtschaftlich denken und nachhaltig handeln. Ich denke, dass auch dies der Ansatz unserer kommunalpolitisch Handelnden war, Kultur als einen Schwerpunkt der Zusammenarbeit anzusehen. Dr. Astrid Hedrich-Scherpf, Kulturagentur des Landkreises Rhön-Grabfeld

um Kultur: Dr. Erich Schneider, Dr. Marlene Lauter, Dr. Claudia Lichte

INfo: „Strukturwandel meistern, Wettbewerbsfähigkeit sichern, Erfolgspositionen ausbauen“ – daran ­arbeiten sechs Fachforen unter der Federführung je eines Sprecherteams künftig in regelmäßigen ­Arbeitssitzungen, um ihre Handlungsfelder zu verstetigen, vorhandene Kompetenzen zu vernetzen, bisher unentdeckte Potenziale zu identifizieren und konkrete Projekte zu realisieren. Für Åsa ­Petersson, Geschäftsführerin der Region Mainfranken GmbH, entscheidet über den Erfolg des Dialogs „die kontinuierliche Zusammenarbeit“. Messen ­lassen ­müsse sich die mainfränkische Kooperation „an der Verbesserung der Lebenswirklichkeit für die Menschen der Region“. Dies sind die ­Fachforen (jeweils mit ihrem Politischen und Fachlichen ­Sprecher): • Demographischer Wandel / Fachkräftesicherung (Landrat Rudolf Handwerker, Prof. Dr. Jürgen Rauh, Geographisches Institut Uni Würzburg) • Kultur (Oberbürgermeister Sebastian ­Remelé, Muchtar Al Ghusain, Kulturreferent Stadt ­Würzburg) • Kooperation Wissenschaft & Wirtschaft (Oberbürgermeister Georg Rosenthal, Dieter Pfister, ­Präsident IHK Würzburg-Schweinfurt, Prof. Dr. ­Alfred Forchel, Präsident Uni Würzburg) • Elektromobilität (Landrat Thomas Habermann, Dr. Hubert Büchs, gf. Gesellschafter Jopp GmbH) • Gesundheit (Landrat Thomas Bold, Prof. Dr. ­Christoph Reiners, ärztlicher Direktor ­Uniklinikum Würzburg) • Erneuerbare Energien (Landrätin Tamara Bischof, Dr. Björn Dietrich, Fachbereichsleiter Umwelt- und Klimaschutz Stadt Würzburg) | www.mainfranken.org

Unbekanntes internationales Potenzial Die Region Mainfranken ist sehr reich an wahrlich hochprofessionellen, oftmals kleineren Institutionen und Künstlern unterschiedlicher Genres, die oft außerhalb der Region bekannter sind als hier. Unsere größeren Städte sind dabei nicht die Zentren. Diese in der Kultur tätigen Institutionen, die in allen sechs Landkreisen existieren, müssen sich jetzt erst einmal untereinander kennenlernen, um dann gemäß ihrer Profession gemeinsame Projekte zu entwickeln. Allein mit mir bekannten Personen aus Mainfranken, die sogar erfolgreich international tätig sind, ließen sich großartige Projekte initiieren, welche innerhalb Mainfrankens Zeichen setzen könnten, um dann auch nach außen zu strahlen. Mainfranken setzt noch zu sehr, wie die anderen Regionen auch, auf international bekannte „Importware“, die dann das Bild der Region wieder als wenig interessant erscheinen lässt, weil diese Künstler und Formationen doch überall präsent sind. Matthias Rietschel, Vorstand des Bayerischen Kammerorchesters Bad Brückenau

Modelle aus den Kreisen Ich glaube nicht, dass wir eine Weiterentwicklung einer „mainfränkischen Kultur“ im Sinne einer Einheitlichkeit brauchen. Wir sind historisch ein gewachsener Raum mit regionalen Verschiedenheiten, das ist auch gut so. Wir sollten die Idee einer Bündelung und das gemeinsame Auftreten nach Außen nicht mit der Schaffung einer einheitlichen Kultur oder Gleichmacherei interpretieren. Dazu ist die regionale Weite vom Kreuzberg in der Rhön bis ins Kitzinger Land mit all ihren kulturellen Ausprägungen zu groß. Es ist doch gerade die Vielfalt, die unsere Region Mainfranken so reich macht. Unsere Aufgabe sollte es sein, durch überregionale Projekte Reichtum und Vielfalt aufzuzeigen. Als im vergangenen Jahr vier museale Einrichtungen gemeinsam in Unterfranken das Projekt „Kunst geht fremd“ starteten, war dies genau unser Ziel: auf das jeweilige MuseKulturGut 08 | Seite

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Da, wenn’s brennt Der Dachverband freier Würzburger Kulturträger ist Lobbyist der Künstler von Daniel Staffen-Quandt

+ Irgendwie ist es ein buntes Sammelsurium, das sich da unter einem Dach tummelt. Aber genau das soll es ja auch sein. Zum Dachverband freier Würzburger Kulturträger gehört beinahe alles, was sich in der Stadt als Einzelgruppierung gleichgesinnter Kulturschaffender zusammengeschlossen hat. Das Internationale Film Wochenende ebenso wie die Vereinigung Kunstschaffender Unterfrankens (VKU) oder auch das Folk-up-Festival. Darin liegt aber auch ein bisschen das Problem des DFWK. „Wir vereinen so viele unterschiedliche Interessensgruppen unter einem Hut, dass es ziemlich schwer ist, auch nur eine Handvoll gemeinsamer Ziele zu benennen“, erklärt Vorsitzender Ralf Duggen vom Verein Umsonst&Draussen. Klassischerweise werden Dachverbände einerseits dazu gegründet, um Dienstleistungen für ihre Mitglieder zu erbringen, ihnen praktische Hilfestellungen bei Problemen zu leisten. Andererseits sind sie ein Sprachrohr ihrer Mitglieder, das sie öffentlich vertritt. Das versucht natürlich auch der DFWK, aber: er hat es ungleich schwerer als beispielsweise ein Landesverband von Kleintierzüchtern. Wohl auch deswegen hört man von ihm nicht besonders viel, vor allem nicht als Außenstehender, sprich Nicht-Kulturschaffender. Wenn er sich aber zu Wort meldet, dann meist sehr deutlich. In Erinnerung ist zum Beispiel noch sein Eintreten für eine dauerhafte Konzession für die Würzburger „Posthallen“ als Veranstaltungsort.

Kampfthemen und noch mehr Politik Gegründet im Jahr 1989 hat sich der Dachverband seine bis heute gültigen Verdienste vor allem in den 1990er Jahren erworben, als er an der Gründung eines Kulturbeirats der Stadt beteiligt war, oder durch die im Auftrag des DFWK vom Würzburger Journalisten Wolfgang Jung entworfenen Förderrichtlinien der freien Kultur in der Stadt – die erst 2009 modifiziert wurden. Und nicht zuletzt setzte sich der Verband immer wieder für eine umfassende Kulturberichterstattung in den KulturGut 08 | Seite

Lokalmedien ein. Diese großen „Kampfthemen“ sind dem Dachverband ein bisschen abhanden gekommen, trotzdem sieht er sich selbst als kulturpolitischer Mitspieler in der Stadt. So meldete sich der Vorstand vor der Wiederwahl von Kulturreferent Muchtar Al Ghusain zu Wort und ergriff für ihn Partei. „Das hat dem ein oder anderen Mitglied nicht geschmeckt“, räumt Vorsitzender Duggen ein. Es folgte eine „Wie politisch wollen wir sein?“-Diskussion. Ergebnis: Am besten noch ein bisschen politischer als bislang. Vorstands-Vize Berthold Kremmler sieht das Hauptproblem beim Dachverband in der mangelnden Kontinuität seiner Arbeit. „Wir treffen uns, besprechen uns, beschließen etwas, gehen auseinander“, sagt er. Das solle kein Vorwurf sein, schließlich seien alle Mitglieder, vor allem im Vorstand, ohnehin schon mit vielen Aufgaben und Ämtern belegt, großartig viel Freizeit in eigene Dachverbandsprojekte könne da niemand investieren. „Irgendjemand müsste die Arbeit ja auch machen“, sagt er trocken.

Im Dauerfeuer der Pressemitteilung Manchmal ist es neben der Zeit- auch eine Geldfrage, wenn angedachte Projekte nicht umgesetzt werden. „Hauptursache ist aber der Zeitmangel“, meint auch Beisitzerin Simone Papke. Ihr schwebt seit langem eine Art Kulturmesse für alle Kulturschaffenden, Veranstalter und potenziellen Sponsoren nach dem Vorbild der Freiburger Kulturbörse vor. „Ein ambitioniertes Projekt“, gibt sie zu, ein wahrer Zeitfresser, wenn man es professionell aufziehen will: „Noch will ich die Idee aber nicht beerdigen.“ Eine weitere Projektidee, die seit Jahren schon auf eine Umsetzung wartet, ist ein eigenes Magazin des Dachverbands, eine Plattform für tagesaktuelle Rezensionen. „Eine Aufgabe, die früher mal von der Tageszeitung wahrgenommen wurde“, stichelt Kremmler, die der DFWK jedoch nicht in Printform, sondern höchstens online stemmen könnte. „Eine gute Idee, aber auch dafür fehlen Zeit und Geld – irgend-

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… für ein umsorgtes Leben

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wer muss es ja umsetzen und dann auch die Autoren bezahlen“, sagt ­Dug­gen. Was ein bisschen nach Jammertal klingt, ist gar nicht so gemeint. Es ist eher eine Sachstandsanalyse, nüchtern, trocken, ein wenig bedauernd vielleicht. Die öffentliche Präsenz empfinden hingegen alle ­Vorstandsmitglieder als durchaus ausreichend. „Ich mag diese Inflation an Pressemitteilungen von mancher Seite nicht“, so Verbandschef Dug­gen. Wer sich zu allem und jedem äußere, der betreibe nur Schaukämpfe, um wahrgenommen zu werden: „Wir melden uns zu Wort, wenn’s richtig wichtig ist.“ Dass dürfte denn auch die Hauptmotivation für die meisten Kulturschaffenden gewesen sein, Mitglied zu werden. „Man weiß: Im Notfall stellt sich der Dachverband hinter einen, meldet sich öffentlich zu Wort und unterstützt einen“, so Beisitzerin Ulli Heinlein. „Wir werfen einen kulturellen Blick auf die Dinge in der Stadt“, sagt Duggen. Zudem biete man auch Vorträge und ­Workshops für Mitglieder an, beispielsweise zum richtigen Umgang mit der ­GEMA.

Wo werken die Netze? Eins ist der DFWK allerdings nicht wirklich: ein Netzwerk, in dem man sich gegenseitig künstlerisch und kulturell befruchtet, neue Kontakte knüpft, neue Projektpartner findet. „Das kann in wenigen Ausnahmefällen schon auch mal so sein“, sagt Ralf Duggen. Die Netzwerkfunktion beim Dachverband sei aber „deutlich untergeordnet. Wir verleihen durch die prominenten Köpfe der Würzburger Kulturszene auch unbekannteren Mitgliedern mehr Gewicht“, sagt Kremmler. Das kann man durchaus auch als Netzwerkfunktion bewerten. Oder eben als Dienstleistung. Und in gewisser Weise auch als Kulturpolitik. Vielleicht muss der Dachverband sich selbst und seine vielen Aufgaben auch gar nicht so scharf definieren, wie das Außenstehende gern hätten. Er funktioniert ja.

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Freundschaft KulturGut 08 | Seite

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Die Bildhauerin Verena Rempel ist künstlerische Beraterin beim Sponsor TakeNet. Gemeinsam mit dem Unternehmen realisierte sie die BBK-Ausstellung „Schnittstellen“. Den Gedanken des Netzwerkens sieht sie in ihren jüngeren Arbeiten widergespiegelt: In der Serie „Mimesis“ besteht die gesamte Ornamentik ausschließlich aus Fotos ihrer Hände und Finger. Die Foto-Grafik „Pollux“ ist ein C-Print auf Aludibond, Auflage 5+1, und kostet in der Größe 50x50 cm 450 Euro. Die Bayerische Staatsgemäldesammlung, Pinakothek der Moderne, hat gerade ein Exemplar gekauft.

Geld regiert die Kunst Kulturschaffende Antje Molz brach branchenübliche Scheu vor privatem Sponsoring von Daniel Staffen-Quandt

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+ Wer sich für ein Dasein als Kulturschaffender entscheidet, entscheidet sich meist gegen materielle Sicherheit. Das eint sie mit vielen Freiberuflern, doch Künstler haben neben dem klassischen Kunden den Vorteil zweier weiterer Einnahmequellen: staatliche Förderung und Sponsoren. Weil aber die öffentliche Hand zunehmend klamm ist, bietet sich vor allem die Wirtschaft als privater Geldgeber an. Genau davor schrecken die meisten Kulturschaffenden zurück. Anders Antje Molz.

Glaubwürdigkeit und Reklame Molz ist eine richtige Netzwerkerin. „Ich bin immer auf Synergiensuche“, sagt sie. Berührungsängste kennt sie dabei nicht. Sie ist beispielsweise Mitglied im Dachverband freier Kulturträger in Würzburg, aber eben auch bei den Wirtschaftsjunioren. Und sie ist offensiv. Sie fragt und hakt nach, statt immer nur abzuwarten. Nur so konnte sie sich ihren langjährigen, wenn nicht gar Lebenstraum erfüllen – das Würzburger Stramu, das Straßenmusikfestival, das 2012 bereits in seine neunte Auflage geht. Die Stadt Würzburg sitzt beim Stramu von Anfang an mit im Boot. „Und ohne öffentliche Förderung hätte es das Festival wohl auch nie gegeben“, meint Antje Molz. Ohne privates Sponsoring wäre aus den zarten Anfängen allerdings wohl auch nie das größte bühnenfreie Straßenmusikfestival Europas geworden. „Die staatlichen Förderungen werden tendenziell immer weniger, da muss man sich eben nach Alternativen umsehen“, findet sie. Eine im Kulturbetrieb nicht unumstrittene Meinung.

Die Monatsbilanz ist nicht alles Das weiß natürlich auch Antje Molz. Als Projektleiterin des Stramu kämen immer mal wieder Musiker auf sie zu, die „ein vollkommen werbefreies Festival wollen“. Viele Künstler setzten ein Engagement der Wirtschaft automatisch mit einer Kommerzialisierung gleich. „Die künstliche Trennung von Kunst und Kommerz ist Mist“, sagt sie. Man lebe als Künstler nicht von der Kunst um der Kunst Willen – der Begriff der Kreativ-Wirtschaft gefällt ihr da ganz gut: „Jeder versucht von seiner Kunst zu leben.“ Das gelingt mal mehr, mehr weniger gut. Sponsoren sind eine willkommene Unterstützung, so Molz. Einer ihrer Hauptsponsoren ist das IT-Unternehmen TakeNet aus der Dürrbachau. Erstmals stieß sie bei den Wirtschaftsjunioren auf die Firma, zu einer Kooperation kam es aber erst, als sie vom kulturellen Engagement des Unternehmens bei der BBK-Galerie erfuhr. „Als Sponsor im Kulturbereich kommt nur jemand in Frage, für den die Monatsbilanz nicht alles ist“, sagt sie.

Echtzeit-Spielplan in Echtzeit ­programmiert Kultursponsoring – das klingt ziemlich nobel, aber aus reiner Menschen- und Kunstfreude gibt dafür vermutlich kein Unternehmen der Welt Geld aus. Doch die Gegenleistung ist nicht immer messbar, jedenfalls nie kurzfristig. „Mittelfristig soll das Engagement natürlich KulturGut 08 | Seite

die Bekanntheit steigern“, sagt Molz. Und TakeNet-Chef Wolfgang Meier pflichtet ihr bei. Neben der sozialen Verantwortung, die man als Unternehmen verspüre, gehe es natürlich auch um die Außen- und Werbewirkung. Eigentlich eine typische Win-Win-Situation, denn nur weil das Firmenlogo von TakeNet beim Stramu auf Plakaten, Flyern, auf der Facebookund Internetseite auftaucht, verliert das Festival nicht seine künstlerische Freiheit, findet die Projektleiterin. Allerdings müsse man eben „schon schauen, wer da als Sponsor infrage kommt“. Jedes Unternehmen könne man „nicht nehmen“, vor allem bei großen Konzernen gebe es da Vereinnahmungstendenzen. „Das muss man auf alle Fälle vermeiden.“ Diese Angst hat Antje Molz bei der Firma TakeNet nicht, sagt sie. Das Unternehmen helfe ihr immer dann weiter, wenn sie selbst mal nicht weiterkommt. „Zum Beispiel, als ich auf der Suche nach einer technischen Umsetzung für einen Echtzeit-Spielplan auf der StramuHomepage Probleme hatte“, erinnert sie sich. Das Programm schrieben ihr kurzerhand TakeNet-Programmierer, denn das Unternehmen wartet und betreut die Festival-Homepage – inhaltlich mischt es sich aber nicht ein. Sponsoren anzuwerben sei „nicht einfach“, räumt Antje Molz ein, „aber es ist auch kein Hexenwerk“. Die Kulturschaffenden sollten sich Gedanken machen, was Sponsoren an ihrer Arbeit gut, interessant und unterstützenswert finden und woraus diese wiederum selbst einen Nutzen ziehen könnten. „Im Prinzip geht es darum, sich und seine Arbeit gut zu verkaufen“, erklärt sie. Genau an dieser Fähigkeit mangelt es im Kulturbereich aber oft. Gute Idee, gutes Konzept, schlecht angepriesen, Flop. Deshalb rät Molz, nicht gleich von vorneherein immer nur den ganz großen Wurf zu wollen. „Wenn man klein anfängt und alles gut dokumentiert, hat man beim zweiten oder dritten Versuch etwas, das man potenziellen Sponsoren vorlegen kann – und das ist dann wesentlich überzeugender als die blanke Idee“, sagt sie. Dabei kann vor allem das Internet hilfreich sein, besonders soziale Netzwerke wie Facebook & Co. Und man kann damit Sponsoren durch Kontinuität länger an sich binden.

Regionales Paradebeispiel Dafür sollte man sich dann aber auch wieder eine Strategie zurechtlegen, findet Molz. Über ihren Stramu-Account bei Facebook postet sie das ganze Jahr über kontinuierlich. „Würde man das nur ein paar Tage vor und während des Festivals machen, würde das nicht funktionieren“, sagt sie. Und so hinterlässt das Stramu auf den FacebookSeiten seiner Sponsoren Weihnachtswünsche, Grüße und so weiter. „Man darf es aber auch nicht übertreiben“, denn Netzwerken sei auch ein Zeitfresser. Dass Sponsoring für Unternehmen nicht nur im Sport, sondern auch im kulturellen Bereich lohnt, zeigt Molz zufolge das Beispiel Distelhäuser. Die Privatbrauerei aus dem baden-württembergischen Main-Tauber-Kreis wäre in der Region längst nicht so bekannt, wenn sie nicht seit Jahren ein sehr ausgeprägtes Kultursponsoring betreiben würde. Auch das war keine kurzfristige Sache. Wieso sollte es in der Kunst auch anders sein als sonst überall? Steter Tropfen höhlt den Stein…

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Omar Pene

Sara Tavares

Y’Akoto

250 ARTISTS BAZAAR EXHIBITIONS DJ'S CHILDREN'S PROGRAMME MOVIES OMAR PENE SARA TAVARES Y'AKOTO ANGÉLIQUE KIDJO SONA JOBARTEH AFROCUBISM SEBASTIAN STURM STEPHEN MARLEY INFORMATION & TICKETS: AFRO PROJECT E.V., FRIEDENSTR. 5, D-97072 WÜRZBURG, PH: +49-931-15060, www.africafestival.org

Sona Jobarteh

Media Partner:

AfroCubism

Sebastian Sturm

Angélique Kidjo

Stephen Marley


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Matthias Braun gestaltete den Friseurladen „Pony, Bob & Pixie“ und erhielt beim Antonio-Petrini-Preis 2010 der Stadt Würzburg eine Anerkennung für Zeitlosigkeit und Souveränität.

Architektur zum Begreifen Die Baumeister-Vereinigung LP10 zeigt Architektur als Teil der Kultur Von Axel Herber / Fotos: Benjamin Brückner

+ Was ist Architektur? Komplizierte Planskizzen? Sicherlich. Doch Architektur kann genauso lebendiger Gedankenaustausch über Großprojekte wie die Würzburger Arcaden oder den halbfertigen Hotelturm sein. Sie kann Gedankenanstöße für ungenutzte Stadtflächen wie das ehemalige AKW-Gelände in der Zellerau geben. Architektur kann die Kulturszene mit ihren Ideen bereichern. Genau das versucht die Architekten-Gruppe LP10 mit ihrem Internet-Blog und diversen Veranstaltungen. Und das sogar höchst erfolgreich: Erst 2010 erhielt LP10-Weblog den Preis für Junge Kultur in der Kategorie „Besonderes“ von der Stadt Würzburg. „Unser Weblog ist das Bindeglied von LP10, das über die Jahre immer funktioniert hat“, erzählt Matthias Braun, Würzburger Architekt und einer der Gründer von LP10. Und er erklärt: „Der Name unserer Gruppierung steht für Leistungsphase zehn.“ Die Arbeit eines Architekten, beispielsweise beim Hausbau, untergliedert sich in neun Leis­ tungsphasen. „Phase zehn geht über das geforderte Soll des Berufs hinaus“, sagt Braun. Hier beginnt die Reflexion, die Einordnung in größere Zusammenhänge. Die Gruppe aus fünf bis zehn ehrenamtlichen Mitgliedern bemüht sich um regelmäßige Treffen. Denn Netzwerke sind unter den Baukünstlern keinesfalls reiner Selbstzweck, sondern fast schon existentielle KulturGut 08 | Seite

Notwendigkeit. „Feste Anstellungsverhältnisse werden in unserem Beruf leider zunehmend zur Seltenheit, vieles läuft auf freiberuflicher Basis. Kontakte und gegenseitiger Erfahrungsaustausch sind daher unerlässlich“, sagt Braun.

Einladung ins Wiener Radio Eine Möglichkeit zur Vernetzung ist die Mitgliedschaft in einem Berufsverband wie dem Bund Deutscher Architekten (BDA) oder dem Bund Deutscher Baumeister (BDB). Von den etablierten Verbänden kam im Sommer 2004 auch die Anregung, eine junge Architektengruppe zur gründen – die Geburtsstunde von LP10. Von da an strebte die „freie Netzwerkgruppierung“ danach, das Thema Architektur in die Öffentlichkeit zu tragen. Bald trugen die Bemühungen Früchte: Die OnlineDiskussion über das Baugeschehen in Würzburg und ganz Deutschland zog die Aufmerksamkeit des Radiomoderators David Pasek auf sich. Der lud die Gruppe zu seiner Architektur-Sendung nach Wien ein. Im Gegenzug hielt Pasek in Würzburg einen Vortrag über seine „Patchwork-Existenz“ als Moderator, Möbel-Designer und Architekt. Die berufliche Ambivalenz zwischen Kreativität und Broterwerb ist für die selbstironische Note im Weblog von LP10 verantwortlich: „Unser

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Hans Holbein d. J. , Madonna des Bürgermeisters Jacob Meyer zum Hasen, 1525/26 und 1528, Slg.Würth, Inv. 14.910, Foto: Philipp Schönborn, München

Joh_Madonna_Ad_4c_93x133_Kulturgut 23.01.12 11:49 Seite 1

madonna

des Bürgermeisters Jacob Meyer zum Hasen von Hans Holbein dem Jüngeren Ein neues Meisterwerk der Sammlung Würth

Johanniterkirche, Schwäbisch Hall Di – So  –  Uhr Johanniterkirche/Kunsthalle Würth Im Weiler 1, 74523 Schwäbisch Hall Fon +49 791 946 72-330 johanniterkirche@wuerth.com

Blog soll in erster Linie Spaß machen. Wir stellen deshalb auch witzige Beiträge ins Netz und küren etwa die ‚LP10-Topspots’.“ In diesen Meldungen wurde beispielsweise das Wasserspiel auf dem Marktplatz per Fotomontage kurzerhand zum Hochwassermelder. Oder man prämierte Weihnachtsdekos auf Zellerauer Balkonen. Welche Vorteile bringt LP10 den Architekten? Nun, einer allein kann keine Ausstellungen und Vortragsreihen stemmen oder den Blog aktuell halten. Und: „Man bekommt viele Kontakte, und das ist gerade in Würzburg mit seiner relativ großen Dichte an Architekturbüros wichtig“, meint Braun. So ergänzt ihre Tätigkeit als ehrenamtliche Kulturschaffende die Patchwork-Existenz, die viele Architekten führen, aufs Beste. „Und solange es Spaß macht, überwiegen eindeutig die Vorteile “, resümiert Braun.

INfo: Der Ausstellungsraum der Architektengruppe in der Herrnstraße 3 ist donnerstags und freitags von 14 bis 18 Uhr geöffnet. Außer Tafelausstellungen finden hier Vorträge und Beratungen statt. | www.bayk.de | www.lp10blog.org KulturGut 08 | Seite

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Alle Aktivitäten der Johanniterkirche/Kunsthalle Würth sind Projekte der Adolf Würth GmbH & Co. KG.

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Improvisierte Wahrheit Conference of the Birds – die Band ohne feste Besetzung Von Christian Neubert / Fotos: Barbara Buttmann

+ In Erich Kästners Jugendbuchklassiker „Die Konferenz der Tiere“ lässt das Wohl der Kinder die Tiere zusammenkommen. Bei der Würzburg-basierten Jazz-Combo Conference of the Birds verhält es sich kaum anders: ihre Kinder sind die Musik. Der Name des Projekts geht auf den Jazzer Dave Holland zurück. „Ein schönes Bild“, meint Georg Kolb, der Mann hinter dem Bandgefüge. „Der Vergleich des freien Musizierens mit Vögeln, die in den Bäumen sitzen und kommunizieren, ist sehr treffend.“ Kolbs musikalische Tätigkeiten sind vielfältig: Nach seinem Studium von Cello, Gambe und E-Bass in Würzburg und München verdingte er sich als Studiomusiker, komponierte und produzierte Klanginstallationen und Filmmusik, war musikalischer Leiter der Pro7-Sendung Bullyparade, wirkte bei diversen Bands und CDs mit und war Dozent für E-Bass. Aktuell hat er einen Lehrauftrag für Filmmusik an der Macromedia Hochschule für Medien in München. Wenn er heute seine Konferenz für Auftritte einberuft, dann darf man keine feste Band hinter dem Namen erwarten. Die Besetzung variiert, denn Kolb braucht Wandel und Veränderung. Immerhin steht bei ihm das Experimentieren im Vordergrund, das Spiel mit unterschiedlichen Klangfarben und -bildern. „Nicht reproduzieren, sondern kreieren“ – so beschreibt er den Ansatz. Ein Credo, bei dem es eher um eine Attitüde geht als um akademisch geschulten Umgang mit Instrumenten. Entsprechend ist die Conference of the Birds ein Kollektiv aus Individuen. Es lebt von der Präsenz des Einzelnen. Das ist wichtig für Kolb, denn ohne starke Charaktere könne man auch kein starkes Ergebnis erwarten. So trifft man bei Auftritten der Combo – in Würzburg zuletzt auf dem Jazzfestival 2011 – auf so unterschiedliche Musiker wie Wolfgang Roth, der sein Instrument, das Saxophon, am Berklee studiert hat. Auf Gerwin Eisenhower, der auch den Drummer für das Trio ELF gibt und mit diesem elektronische Musik von Kraftwerk oder Aphex Twin akustisch umsetzt. Oder auf Jochen Volpert, der virtuos mit der Gitarre umzugehen weiß. Auch ein Cymbalon kommt bei der Conference of KulturGut 08 | Seite

the Birds zum Einsatz, ein Instrument, das landläufig gar nicht mit Jazz in Verbindung gebracht wird, aber in Kombination mit den anderen Instrumenten viele kreative Möglichkeiten bietet. Hier wird eine Eigenschaft der Jazz-Szene zum Prinzip erhoben. Die heißt: Jeder kennt jeden, jeder kann mit jedem spielen; weil viele Kompositionen Allgemeingut unter Musikern sind; und weil Jazzer Motive vom Blatt weg aufnehmen und variieren können. Und schließlich, weil die Auftrittsgelegenheiten es oft erfordern, schnell mal ein Projekt auf die Beine zu stellen. Was in einer Stadt funktioniert, das geht auch landesweit, jedenfalls bei den guten Beziehungen des harten Kerns von Conference of the Birds. Auch wenn das Bandgefüge mittlerweile feststeht, bleibt es stets für Gäste offen. Immerhin sind Austausch und Vernetzung unter Musikern eine wichtige Sache – für Kolb liegt darin der Auftrag des Jazz: „Er muss auf das aktuelle Geschehen in der Welt reagieren, er darf nicht statisch sein.“ Dabei betrachtet er die vom Jazz geforderten Improvisationsleistungen als sozialen Akt, der ein Ego erfordert, das sowohl die Führung übernehmen kann als auch erkennt, wann es sich unterzuordnen hat. So verfüge ein guter Jazz-Musiker über „seismographische Antennen“, die ihn spüren lassen, wonach die Musik gerade verlangt. Und: „Musik ist ein Medium, bei dem fünf oder mehr Menschen völlig verschiedene Sachen beitragen und dennoch alle Recht haben.“ Kolb ist sich sicher, dass Wahrheit entsteht, wenn Musik erklingt. Eine Wahrheit, „deren Aussage in der musikalischen Substanz liegt“ und die ganzheitlich erfasst werden kann, indem Harmonie, Rhythmik und Melodie gleichzeitig Intellekt, Körper und Emotionen ansprechen. „Improvisation impliziert übrigens immer ein Scheitern“, erklärt Kolb zum Schluss. Das soll aber nicht demotivieren. Es ist lediglich ein Moment beim Verlassen ausgetretener Jazz-Muster. „Wem das gelingt, der lässt Größe erkennen.“ So ist es im Jazz, so ist es im Leben.

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In Würzburg umtriebiger Band-Organisator, lehrt Kolb in München Filmmusik. Unten zählt er die 2011er Besetzung der Conference beim Jazzfestival Würzburg ein.

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Beziehungspflege oder Mauschelei? Oder gar Korruption? Transparenz schafft Klarheit von Uwe Dolata

+ Überall, wo Netzwerke gepflegt werden, geht es um die Pflege von Verbindungen, darum, Wege zu ebnen, sich gegenseitig zu helfen. Hier beginnt denn auch sogleich eine Grauzone: Wo ist es noch gegenseitige Unterstützung und wo fängt Vetternwirtschaft an? Gerade in diesem Bereich finden sich häufig Ansätze für spätere Korruptionsfälle. Ob Lustreisen für Betriebsräte oder ein üppiges Paket edler Weine für Ärzte, Korruption hat viele Seiten in Deutschland. Eine gute Zigarre oder eine Einladung in die Ferienwohnung auf Mallorca – Geschenke erhalten die Freundschaft. Korruption gehört vielfach zum Vertriebssystem und Schmiergeldzahlungen werden als Dopingmittel für eine erfolgreiche Umsatzsteigerung eingesetzt. Eine verunsicherte Bevölkerung nimmt erstaunt zur Kenntnis, dass auch renommierte Konzerne systematisch gegen nationales und internationales Recht verstoßen. Die Methoden illegaler Finanztransaktionen über Aufwandskonten für Honorare an Berater, für angebliche Marketingleistungen und Gutachten gleichen sich weltweit. Steueroasen und Schattenfinanzplätze, ob im US-Staat Delaware oder auf den Kaiman Islands, befeuern das Problem.

Netzwerke mit Vorsitzenden Geht man von dem Ansatz aus, dass jeder Mensch seinen Preis hat, kann dies natürlich Geld sein, aber auch eine andere Leistung wie z.B. eine Reise, eine Uhr oder eine Mitgliedschaft in einem Golfclub. Es kann um eine bestimmte Position gehen. Der Deutsche ist nach wie vor ein Vereinsmensch, und dadurch ist auch der Posten eines Vereinsvorsitzenden im Tennisverein, bei der Weinbruderschaft oder im Golfclub ein beliebtes Mittel der Bestechung. Für solche Positionen werden sogar Berufe hintangestellt. Natürlich kommt das auch im po-

litischen Bereich vor, dort geht es dann um den Parteivorsitz auf Orts-, Bezirks- oder Landesebene, um Staatssekretärposten etc. Ein immer wiederkehrendes Phänomen ist das sogenannte Anfüttern. Dabei bewegt man sich langsam auf ein Objekt zu, von dem man denkt, dass es irgendwann nützlich sein könnte. Vielleicht lädt man es zu einer Messe ein, nimmt es in die eigenen gesellschaftlichen Kreise auf, verschafft ihm die Mitgliedschaft in einem Club… Wenn so etwas beispielsweise einem Entscheidungsträger im Bauamt passiert, dann kann sich das über Jahre hinziehen, ohne dass jemand etwas von ihm will. Bis dann eben der Tag kommt, wo sich jemand mit einem kleinen Problem an ihn wendet, das er dann vielleicht aus Gefälligkeit löst, weil er sich verpflichtet fühlt. Dass ein Geber konkret für eine Leistung bezahlt, ist eher die Ausnahme, zumeist geht man erst einmal in Vorleistung.

Von der Gefälligkeit zum Zwang Die Pflege von Netzwerken ist aus bestimmten Bereichen des öffentlichen Lebens nicht wegzudenken. Wir leben in Deutschland mit dem Lobbyismus. In Berlin kommen auf jedes Mitglied des Bundestages drei Lobbyisten, die versuchen, Einfluss auf Schlüsselfunktionsträger auszuüben. Wenn das mittels guter Argumente geschieht, ist das ja in Ordnung, aber natürlich funktioniert das auch anders. Eine ähnliche Entwicklung spielt sich in anderen Bereichen ab. Die organisierte Kriminalität sucht sich zum Beispiel eine Person, die in bestimmte Datennetze eindringen kann, etwa eine Frau, die beim Straßenverkehrsamt arbeitet. Mit der beginnt dann jemand bewusst ein Liebesverhältnis, und nach einer längeren Freundschaft wird erzählt, dass man einen Unfall mit Fahrerflucht erlebt hätte. Man bittet darum, das betreffen-

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de Nummernschild zu ermitteln, und wenn die Mitarbeiterin des Straßenverkehrsamts darauf eingeht, ist sie anschließend erpressbar. Auf diese Weise kann sich die organisierte Kriminalität Zugriff auf unsere vernetzten Datensysteme verschaffen. Das funktioniert genauso bei anderen Behörden oder bei der Krankenkasse – eine einzige korrumpierbare Person reicht aus, um an eine Fülle von Daten zu kommen. Überall, wo ein begrenzt verfügbares Produkt, eine begrenzt verfügbare Dienstleistung oder eine begrenzt verfügbare Stellung angeboten wird, besteht die Gefahr der Mauschelei. Eine Gefahr, der man entgegentreten muss, ob in Kommunalbehörden, bei den politischen Entscheidungsträgern, im Stadtrat, Kreistag oder bei Ausschreibungen, in Konzernen wie in mittelständischen Unternehmen. Gegen Korruption hilf nur Transparenz! Und die fürchten viele Patriarchen von Familienunternehmen wie der Teufel das Weihwasser. Nicht weil sie alle per se korrupt wären, sondern weil sie sich nicht gerne in die Karten schauen lassen, schon gar nicht von den Mitarbeitern und schon gar nicht in die Finanzen. Korruption ist für jene, die korrumpieren, sowie für die, die sich korrumpieren lassen, objektiv betrachtet eine nützliche Angelegenheit. Es gibt bei diesem Tatbestand keine Opfer im klassischen Sinne. Beide profitieren. Gelackmeiert sind im Falle von ruinösen Machenschaften korrupter Wirtschaftsbosse „nur“ die Verbraucher, in der Sphäre der Politik die Bürger und im Sport die Fans. Skandalös, wie wenig das im Sport übliche Sponsoring hinterfragt wird. Die völlig unkritische Selbstverständlichkeit, mit der ein solches Sponsoring hingenommen

wird, spricht Bände von der Akzeptanz der Geldherrschaft in der Gesellschaft. Wo es um viel Geld geht, ist der Sport ebenso infiltriert wie die Milieus Wirtschaft, Politik und Gesundheit. Das Geld ist zum bestimmenden Element unserer Kultur geworden.

Sponsoren im Visier Auf Kosten anderer zu fliegen, zu nächtigen oder sich bewirten zu lassen hatte viele Jahre lang nichts Ungesetzliches, es galt in der deutschen Geschäftswelt als Kontaktpflege, höchstens mit Gschmäckle. Die Zeiten sind vorbei – was nicht unbedingt an einer besseren Moral liegt. Der Druck des Gesetzgebers, von Finanzaufsicht und Steuerbehörden zwingt Unternehmen, weniger leichtfertig mit gegenseitigen Gefälligkeiten umzugehen. Ob diese nun legitim sind oder gar eine sinnvolle Unterstützung von Kultur oder Sport, spielt dabei immer weniger eine Rolle.

info: Der Autor ist Kriminalhauptkommissar und Stadtrat in ­Würzburg und ein bundesweit gefragter ­Anti-Korruptions-Experte. An der Hochschule für Angewandte ­Wissenschaften Würzburg / Schweinfurt FHWS lehrt er im Fach BWL „Anti-Korruptionsstrategien im Wirtschaftssystem Deutschland“.


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Das Unvorstellbare hinter der Vorstellung Wo das Plastische Theater Hobbit den Fernen Osten reflektiert Text: Nina Dees / Fotos: Benjamin Brückner & Nina Dees

+ Eine Kinderschar blickt gespannt auf die mit rotem Samt umrahmte Bühne. Peterchen, Anneliese und Herr Sumsemann reisen zum Mond, wie erstmals 1912 am Stadttheater Leipzig – nur in einer modernen und kunstreichen Bearbeitung, in der Figuren und Schatten die Hauptrolle spielen. Als abrollbares Bühnenbild fungiert ein Diorama, eine KulturGut 08 | Seite

120 Quadratmeter große bemalte Leinwand, die wahlweise als Vorderoder Hintergrund eingesetzt wird. Musik untermalt das Geschehen auf der Bühne: Maikäfer erscheinen als Schatten auf der Leinwand. Herr Sumsemann tritt hingegen nicht nur bildlich, sondern auch im übertragenen Sinne aus dem Schatten seiner Artgenossen heraus. Es ge-

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lingt dem Geige spielenden Insekt, zwei Menschenkinder zu finden, die es auf der Suche nach seinem sechsten Beinchen begleiten. Bewegliche Puppen stellen Peterchen und Anneliese dar. Auf ihrem Weg lernen sie nicht zuletzt auch die Knirpse im Zuschauerraum kennen. Die freuen sich über jede neu auftretende plastisch gestaltete Figur. Zu Recht, denn die Puppen sind kunstvoll geformt und in ihren Charakterzügen zeitgemäß umgesetzt. „Das ist ein ganz toller Film!“, piepst eine Kinderstimme aus dem Dunkel. Schauspiel mit Puppen animiere die Materie, sagt Bernd Kreußer, und: „Die Kinder beziehen das Dargestellte auf ihr eigenes Leben und erkennen sich darin wieder.“ Das Künstlerduo Jutta Schmitt und Bernd Kreußer leitet die beschauliche Bühne im historischen Petrini-Gewölbe. Der Theatersaal in der Münzstraße, Haus Nummer Eins, verfügt über rund 90 Sitzplätze. Der Grundstein für das heutige Theater, dessen Name sich auf eine Vorliebe für J. R. R. Tolkiens „Der kleine Hobbit“ zurückführen lässt, wurde bereits 1976 gelegt, damals noch als rein fahrende Bühne. Zu sehen sind die Darbietungen bis heute auch auf Tournee in deutscher, englischer oder französischer Sprache in der Schweiz, Frankreich, Schweden, Slowenien und Polen. Dort traten sie zuletzt im April 2011 mit dem Stück „Blaubart“ beim „VII. International Festival for Solo Pupeteers“ in Lodz auf. In der Heimat wurde ihr Engagement mit dem Kulturpreis des Bezirks Unterfranken 2002 sowie 2010 mit der Kulturmedaille der Stadt Würzburg gewürdigt.

Das Theater versteht sich als Fortführung des traditionellen Puppentheaters im 21. Jahrhundert. Das Zusammenspiel von Puppen und Puppenschauspieler nimmt ganz verschiedene Darstellungsformen an, jede für sich eine eigenständige Kunst, gemeinsam häufig noch viel offener als „Peterchens Mondfahrt“, betont Kreußer. Dabei kommen animierte Figuren und Puppen, Objekte und filmische Projektionen zum Einsatz, auch Schemen, Schatten und Masken eines tibetanischen Künstlerfreunds.

Kunst aus Fernost und kulturelle ­Offenheit „Einfälle, Ideen oder ganze Themen begegnen uns im Leben“, betonen Schmitt und Kreußer, „in unserem Fall ist es Asien.“ Die Geschichten spiegelten Lebenssituationen wider, so die Künstler weiter. Für Schmitts Diplomarbeit entstand das erste Stück des Theaters Hobbit, inspiriert von ihren Erlebnissen und der Kunst in Fernost. Die asiatischen Erfahrungen flossen in Bühnenbau, Puppen und Schattenfiguren ein. Neun Jahre lang tourte das Paar durch Deutschland und Europa, bis es 1985 vorerst im Theater am Neunerplatz unterkam. 1992 konnte das künstlerische Puppentheater schließlich seinen heutigen Standort beziehen. Seitdem bringt es Theatergeschichten für Kinder und im Abendprogramm für Erwachsene auf die Bühne. Auf


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zahlreichen Studienreisen, für die Jutta Schmitt und Bernd Kreußer auch schon einmal einen fünfmonatigen Landweg nach Asien und zurück auf sich nahmen, lassen sich die beiden Künstler von zentralasiatischer Kunst in China, Tibet oder der Mongolei beeinflussen. Die Darstellung von Emotionen mit Licht, Farbe und Musik spielt dort eine große Rolle, um die Seele des Betrachters zu rühren. Die Theatermacher wollen „Offenheit anbieten“ und die Möglichkeit, „etwas Neues kennen zu lernen“. Ihr Ziel ist es, einen interkulturellen Transfer auf der Bühne zu schaffen und Menschen weltweit über das Medium Theater zusammenbringen. Sie machten die Erfahrung, „dass alles möglich ist“ – vorausgesetzt, der Zuschauer lässt sich von dem Unbekannten auf der Bühne faszinieren. Auf Schmitt und Kreußer jedenfalls wirken sie kunstfördernd – „fernöstliche Existenzformen, die man sich nicht vorstellen kann“.

INfo: Im Februar ist für Kinder „Der Schatz in der Jurte“ und im Abendprogramm „Wo ist das Glück“ zu sehen. | www.theater-hobbit.de KulturGut 08 | Seite

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TRISTAN UND ISOLDE

HANDLUNG IN DREI AUFZÜGEN VON RICHARD WAGNER AB 31. MÄRZ 2012 � MAINFRANKEN THEATER WÜRZBURG, GROSSES HAUS Karten: Tel. 0931 / 3908-124 | www.theaterwuerzburg.de


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 weitere Informationen: www.kulturgut.wuerzburg.de

 | Theater | 

 | Termine  | 

Emilia Galotti

4. Februar bis 9. Juni, 20 Uhr, ­Kammer des Mainfranken Theaters Die Inszenierung will den Wert des Menschen in der bürgerlichen Gesellschaft untersuchen. Ihren Anspruch hat die Regisseurin Angelika Zacek, die in der vergangenen Spielzeit mit Amphitryon-Motivparaphrasen überraschte, sicher auch eingelöst. In den Vordergrund des Bühnengeschehens schiebt sich aber die Dynamik zwischen zwei Charakteren: Der willensschwache Prinz möchte am liebsten seinen unmittelbaren sinnlichen Regungen folgen, braucht aber selbst dazu einen verstärkenden Gehilfen. Als solcher stellt sich sein Kammerdiener nur allzu bereitwillig zur Verfügung. Der Intrigant hat freie Hand und das Unglück nimmt seinen Lauf. Obwohl das gesamte Ensemble sehenswert agiert (Maria Brendel zeigt, dass sie ihren Theaterpreis nicht zu Unrecht gewann) – das dynamische Duo Philipp Reinheimer (Foto: Gabriela Knoch) und Kai Christian Moritz macht das Spiel. | www.theaterwuerzburg.de

dass ihre Leichtigkeit die Ausführenden vor durchaus anspruchsvolle Aufgaben stellt. | www.theaterwuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Vom Wale verweht 22. Februar bis 3. März, 20 Uhr, Chambinzky

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Hinter dem Titel kann nur die Großromanze aus den bürgerkriegsdurchpeitschten Südstaaten stehen. Und dann noch, und zwar mit Riesenmeeressäugern, ein weiterer dicker Roman, als welcher nun lediglich „Moby Dick“ in Frage kommt. Abermals dem Titel nach zu urteilen haben wir es mit einer recht grotesken ­Mischung zu tun, und so ist es denn auch, bestätigt der Untertitel: „Eine Komödie für Herz und Harpune“. Soviel ließ sich im Voraus ermessen. Für den Rest (Foto: Dennis Meinert) hatte Regisseur Florian Hoffmann (TBC) weitgehende Handlungsvollmacht, nachdem erst einmal klar war, dass es irgendeinen Grund gibt, warum fünf Schauspieler beide Epen auf einmal auf die Bühne zu bringen gieren. Sonntags um 19 Uhr! | www.chambinzky.com

Garderobe Nr. 1

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19. Februar bis 11. Mai, 20 Uhr, Kammer des Mainfranken Theaters

Bembers

Musicalsongs müssen nicht als pompöse Gassenhauer daherkommen, auch nicht in einem Ausleseprogramm. Für eine Reihe solcher Nummern erfand der Würzburger Tänzer Ivan Alboresi Choreographien, eine verbindende kleine Handlung und vor allem überzeugende, durchaus groß gedachte Bilder: Eine ältere Diva und eine Newcomerin begegnen sich in der Garderobe einer Showproduktion. Nach anfänglicher Ablehnung solidarisieren sich die beiden Frauen (Foto: Gabriela Knoch). Dritte Heldin ist die Muse des Musicals, von der der Publikum spielerisch erfährt,

Der Nürnberger Metal-Freak Bembers lässt gelegentlich mal eine Disko in Schutt und Asche versinken, wenn dort statt Musik nur „Izzen Izzen Izzen“ aus den Boxen kommt (Platten, auf denen „der Gitarrist in Urlaub“ ist). Politische Korrektesse käme dem sofortigen Ende seines Bühnenprogramms gleich. Aber unterm Strich hat er ein Herz auf dem richtigen Fleck, und das lässt er ungehemmt und mundartlich sprechen. Seiner eigenen Forderung „schnell & hart“ kommt die Bembers-Rhetorik nur bedingt nach, und

29. Februar, 20 Uhr, Radlersaal

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gerade das Versiegende, Verstummende ist es, was einem Programm mit dem Titel „Voll in die Fresse!“ erst die richtige humoristische Durchschlagskraft gibt. Bembers ist das mittelfränkische Kind von Erwin Pelzig und Hartmut. Eine Bockshorn-Veranstaltung an stilvollem, externem Orte! Interessenten sollten Vorsorge treffen, denn die Bamberger Termine waren sechs Wochen im Voraus ausverkauft. | www.bockshorn.de | www.bembers.de ++++++++++++++++++++++++

Die Schutzflehenden

3. März bis 30. Juni, 19.30 Uhr, Mainfranken Theater Für die „Stückentwicklung nach Euripides“ kaufte die Bühne den derzeit bekanntesten deutschen Experten für das Dokumentartheater ein, das klassische Stücke mit Erhebungen aus der Realität collagiert. Hans-Werner Kroesinger kombiniert Szenen zum mythisch begründeten Asylrecht in der antiken Tragödie mit Biographien von Insassen des Würzburger Asyls. Frühe Stationen von Kroesingers Schaffen war die Mitarbeit an Heiner Müllers Inszenierung von „Hamlet / Hamletmaschine“ am Deutschen Theater Berlin und seine Beteiligung an der documenta x. Anschließend inszenierte er unter anderem am Bayerischen Staatsschauspiel, dem Zentrum für Kunst und Medientechnologie Karlsruhe und der Staatsoper Stuttgart. Dabei geht es ihm stets um die Frage, wie politische Verhältnisse den Menschen beeinflussen. Es spielen Rainer Appel, Robin Bohn, Maria Brendel, Kai Christian Moritz, Christina Motsch, Klaus MüllerBeck und der Bürgerchor des Mainfranken Theaters. Am 16. April moderiert Prof. Dr. Ulrich Sinn ab 19 Uhr im Oberen Foyer ein Diskussionsforum zum Stück in der Reihe „Treffpunkt Schauspiel“ | www.theaterwuerzburg.de


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Architekt der Ewigkeit

28. April, 19 Uhr, Hofkeller der Residenz Ein Balthasar-Neumann-Biographiespiel entwarf der Theatermann und Theologe Markus Grimm, der dafür bekannt ist, dicke Romane als Einpersonenstücke auf die Bühnen zu bringen. Diesmal schrieb er seine Vorlage selbst, umwölkt den Barockbaumeister mit ein bisschen Geheimnis, arbeitet aber besonders deutlich heraus, dass der Residenz-Architekt es vor allem auf Innenräume abgesehen hatte. Die sollten unendlich sein. Grimm spielt schlicht schwarz gekleidet bei einer Weinprobe im Weinkeller des Schlosses. Der Eintritt kostet 34 Euro. Anmeldung: vanelten@hofkeller.bayern.de. | www.hofkeller.de ++++++++++++++++++++++++

Manifest zur ­Vernichtung der Männer 10. bis 18. März, 20 Uhr, Werkstattbühne

Die Autorin Valerie Solanas erlangte kunsthistorische Berühmtheit, als sie auf Andy Warhol schoss. Dabei wird vielfach übersehen, dass die Agitatorin nicht nur ein ernsthaftes Anliegen verfolgte, sondern dieses auch hervorragend in Worte zu kleiden verstand: „Das Leben in dieser Gesellschaft ist ein einziger Stumpfsinn, daher bleibt der aufgeklärten, verantwortungsbewußten Frau nichts anderes übrig, als die Regierung zu stürzen, das Geldsystem abzuschaffen und das männliche Geschlecht zu vernichten. Wir müssen sofort damit beginnen.“ Und natürlich: „Obwohl er ausschließlich physisch existiert, ist der Mann nicht einmal als Zuchtbulle geeignet, unfähig, eine lustvolle, sinnliche Nummer

zu schieben. Die körperliche Empfindung, die er aufzubringen mag, ist gleich Null. Er versetzt sich nicht in seine Partnerin hinein, sondern ist von der Idee besessen, ob er seinen Klemptnerjob gut hinter sich bringt. Den Mann ein Tier zu nennen, heißt, ihn zu schmeicheln.“ Da lässt sich auf der Bühne doch was draus machen. Regie führt Britta Schramm. | www.werkstattbuehne.com ++++++++++++++++++++++++

Frauen sind Göttinnen 15. März, 20 Uhr, Posthalle

Comedian Ingo Appelt (Foto: Peter Schaffrath) gibt sich als „der geläuterte Comedy-Rüpel“ mit dem Plan, sich „in die Herzen der Deutschen zu predigen“. Sein Glaubensbekenntnis lautet: „Frauen sind Göttinnen, die Männer können nur noch beten.“ Einen Beweis für die läuternde Kraft des weiblichen Geschlechts erblickt Appelt in seiner veredelnden Wirkung: Verliebte Männer wüschen sich sogar. Um seine neue Religion zu positionieren, muss er auf den bereits bestehenden herumhacken, was er nach Kräften tut. Nach Kräften heißt bei Appelt: sehr schnell, schnell auch im Wechsel der Niveaus. | www.posthalle.de ++++++++++++++++++++++++

Radierungen von Anke Behrens

25. April, 19 Uhr, BBK-Werkstattgalerie im Kulturspeicher Älteren Theatergängern sagt der Name Anke Behrens noch viel. 30 Jahre lang war sie Kostümbildnerin am heutigen MainfrankenTheater, meist hatte sie 25 Produktionen pro Spielzeit einzukleiden. Fleißig ist die pensionierte Leiterin der Kostümwerkstätten KulturGut 08 | Seite

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bis heute: Die Grundlagen ihrer früheren Tätigkeit, die freie Zeichnung, kultivierte sie weiter – in der Technik der Radierung. In verschiedenen Druckereien der Stadt bildete sie sich weiter, besuchte Workshops u. a. in der Hamburger Kunsthalle und blieb überhaupt neugierig. So reist sie zu vielen Ausstellungen und nimmt in anderen Städten dann auch gleich aktuelle Theaterinszenierungen mit. Ihr jüngstes Schaffen wird nach der Vernissage am 25. April bis zum 20. Mai im Keller des Kulturspeichers gezeigt, vermehrt um Figurinen zur Erinnerung an ihre Zeit als Kostümbildnerin. | www.bbk-unterfranken.de ++++++++++++++++++++++++

Drei Mal Leben

26. April bis 2. Juni, 20 Uhr, Theater Ensemble Mit dem „Gott des Gemetzels“ hatte Dramenautorin Yasmina Reza jüngst einen Kinohit. Die Würzburger Privatbühne bewies mit „Kunst“, Rezas Durchbruchskomödie, dass sie den nötigen Drive für ihre Stücke aufbringen kann. Nun kommt das zweite Erfolgsdrama der Französin mit jüdischen Wurzeln auf Würzburger Bretter, auch ein Zwei-Ehepaar-Stück. Ein Wissenschaftler könnte sich von seinem männlichen Gast karrieremäßig protegieren lassen – außer er macht Ernst mit seiner Einsicht, dass seine Forschungen wertlos sind. Die Ereignisse werden in drei verschiedenen Versionen bzw. Handlungsoptionen durchgespielt. Das Schöne dabei: „Trois Versions de la Vie“ wurde zwar in Französisch geschrieben, aber zuerst auf Deutsch aufgeführt (Oktober 2000 am Wiener Burgtheater), so dass man gewissermaßen der Originalfassung beiwohnt. | www.theater-ensemble.net ++++++++++++++++++++++++


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Spätromantisches Verständnistraining Die Zukunft des Philharmonischen Orchesters Würzburg mit GMD Calesso und Kapellmeister Sanguineti Text: Joachim Fildhaut / Foto: Benjamin Brückner

+ Takt für Takt hüten sie die ewigen Werte – oder? Wer den Generalmusikdirektor Enrico Calesso und seinen Ersten Kapellmeister Andrea Sanguineti nach der Zukunft des Würzburger Musiklebens fragt, hört erst einmal Nachrichten aus dem gehobenen Handwerklichen. Sicher könnte man mit ihnen auch den Sinn von Musik reflektieren: Calesso schloss außer seinen musikalischen Studien (u. a. Orgel und ­Orchesterleitung) einen Magister in Philosophie ab. Aber auch die simplen Informationen über Tatsachen verbinden eins mit dem anderen, ganz holistisch. Gehen wir einfach vom laufenden Programm der Sinfoniekonzerte aus. Die Veranstaltungsplanung stammt nicht mehr vom vorherigen GMD Jonathan Seers, die stimmte bereits Calesso mit der Konzertdramaturgie und der Öffentlichkeitsarbeit ab, und zwar in der Rekordzeit von zwei Monaten. Dabei verfuhr er mit einem Kniff, der eine sinnvoll profilierte Werkfolge garantiert: Er setzte jeden Konzertabend unter einen Leitbegriff. „Metamorphosen“ und „Titan“ machten den Anfang. Der Mann aus dem Veneto strukturiert die Konzertsaison noch strenger durch als Vorvorgänger Jin Wang seine als metaphysisch deklarierte Saison 2007/08. Doch die Programme tragen nicht nur aus Imagegründen Etiketten. Es geht ihm darum, „wie mit verschiedenen Stilen, Besetzungen und in verschiedenen Epochen Antworten auf ein Thema gegeben wurden“. Und es geht ihm um Querverbindungen zwischen diesen Eckpunkten. KulturGut 08 | Seite

Klassik i. w. S. ohne Klassik i. e. S. Allzu weit liegen die Epochen heuer nicht auseinander. Die fünf Sinfoniekonzerte der Saison bringen nicht eine Komposition aus der Klassik; vielmehr gehören 13 Titel der Spätromantik und der Moderne an, einer dem Barock. Letzterer, Bachs 5. Brandenburgisches Konzert, steht am 19. und 20. April im Zusammenhang mit Paganinis 2. Violinkonzert und Bartóks Konzert für Orchester. „Concertare“, so der Oberbegriff, gehe „den Fragen nach dem Orchester selbst nach“, freut sich Calesso. Was gefährlich theoretisch klingt, ist es nicht. Zumindest kann Calesso es wunderbar vermitteln. In der Reihe „Treffpunkt Theater“ gelang es dem dirigierenden Philosophen, das dirigentische Arbeiten an der Partitur einem Laienpublikum so gut zu erklären, dass sein Vortrag mehrmals Szenenbeifall bekam. Dafür, dass die Sinfoniekonzertreihe diesmal kein Beispiel von Klassik im engeren Wortsinn bringt, nämlich aus der Epoche von Haydn, Mozart und Beethoven, hat er eine nachvollziehbare Erklärung: Dank des Mozartfests steht dieses historische Kapitel bereits häufig auf dem Kalender. Es ist aber sein Ziel, „in Würzburg Musik erklingen zu lassen, die hier sehr lange nicht oder nie er­klungen ist“. Außerdem soll die Auswahl „gut für das Orchester“ sein.

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Und was ist gut fürs Orchester? Das gewohnte Repertoire zu durchbrechen bringt den Instrumentalisten nicht nur musikalisch-technisch viel, sondern auch „für die Entwicklung“. Das heißt – Entwicklung wohin? Nun, Enrico Calesso möchte „das Verständnis für weitere Musikstile und -epochen fördern und wachsen lassen“. Für die Klassik fand er dieses Verständnis beim Philharmonischen Orchester Würzburg, für Wagner und „die Prägnanz der italienischen Oper“ ebenfalls.

Beim baskischen Berserker Was immer dieses „Verständnis“ nun auch ist – wir verweisen einfach mal auf ein späteres Gespräch mit dem jungenhaften Maestro –, es dürfte die Grundvoraussetzung dafür sein, dass ein Instrumentalist „mit Seele“ spielt. Und wenn das gegeben ist, dann kann der Dirigent beispielsweise seine Solisten bitten, dass sie ihm für eine anstehende Frage von sich aus eine Lösung anbieten. Das Ergebnis, wenn es funktioniert, nennt Calesso „authentischen Klang“, und Andrea Sanguineti berichtet begeistert von Beispielen: „Wenn ein schönes Solo gelingt, dann können sich die Verhältnisse umdrehen, dann kann ich als Dirigent die Instrumentalisten begleiten, meine Bewegungen ganz entspannt von den Klängen tragen lassen.“ Der 28-Jährige aus Ligurien überlässt sich gern seinen Erfahrungen. So übernahm er die musikalische Leitung bei extrem unterschiedlichen Inszenierungen an der Staatsoper Hannover. Dort studierte er den Dauerbrenner „Hänsel und Gretel“ aus den 1960er Jahren wieder einmal ein, arbeitete aber auch mit dem verspielten Bühnenschocker Calixto Bieito. Andrea Sanguineti betrachtet es einfach als seine Aufgabe, dazu beizutragen, „dass alles passt“. Und sieht dazu gute Chancen beim Philharmonischen Orchester Würzburg, sei dies doch „mutig, offen und arbeitet mit Herz“. Andere Symphoniker stellten sich „aus Vorsicht oft geschlossen gegen Neues. Aber die Würzburger riskieren gern.“ Er selbst bringt ein gehöriges Grundgefühl der Befreiung mit, war er an seinen bisherigen Karrierestationen doch ganz auf Opern festgelegt. Am Mainfranken Theater darf er auch Sinfonisches dirigieren.

Wie man sich beim Orchester einen guten Namen macht Den Schritt vom Ersten Kapellmeister zum Generalmusikdirektor desselben Hauses kann kaum ein Dirigent tun. Warum das Schicksal bei ihm eine Ausnahme gemacht hat, bei dieser Frage holt Calesso aus zu seinen ersten Monaten im Amt als zweithöchster Dirigent unter Jonathan Seers, auf dessen Betreiben er an den Main kam. Er habe gleich äußerst verschiedenartige Werke betreut, findet er bemerkenswert: „Da war alles drin, was für einen heutigen Orchesterleiter erforderlich ist.“ Neben dieser seiner Erprobung in der Breite glaubt er auch einen Glaubwürdigkeitstest bestanden zu haben. Er nennt es „meinen großen Versuch, auf eine Weise stilgerecht zu sein, die auch dem Publikum gerecht wird“. Das kann er am besten am Beispiel Alter Musik erläutern, die heutzutage vielfach in historischer Aufführungspraxis KulturGut 08 | Seite

interpretiert wird – an einem Stadttheater jedoch mit modernen Instrumenten. In dieser Situation kommt es für Calesso darauf an, „die beabsichtigte Wirkung des Komponisten damals mit heutigen Mitteln für ein heutiges Publikum zu erreichen“. In diesem seinem „intern konsequenten“ Vorgehen sieht er eine gute Basis für seinen Kredit bei den Philharmonikern. Einfach zusammengefasst: „Sie haben gleich verstanden, dass für mich die Sache wichtig ist, ein gemeinsames Projekt zu erarbeiten.“ Und das kollegiale Zusammenwirken habe dann die Qualität mit sich gebracht, die allen zugute kommt: ihm, den Musikern und dem Publikum.

Globaler Austausch Der 37-Jährige sieht eine gemeinsame Eigenschaft sämtlicher Beteiligten: „Alle haben großen Respekt vor der Musik und vor der Arbeit.“ Für ihn liegt hier ein Grund, warum Würzburg keine Provinz sei, seien die kulturell Interessierten, die Aktiven wie die Passiven, doch „sehr offen für Impulse von außen“. Damit erklären die beiden TopDirigenten, dass mit ihnen und dem griechischen Kapellmeister Alexis Agrafiotis das musikalische Leitungstrio des Mainfranken Theaters in mediterraner Hand liegt. Das sei „Zufall“, aber auch seit den Tagen des Residenzbaus Tradition in Würzburg: „Wo die Ströme fließen, ist es nicht provinziell.“ Er begrüßt es auch, wenn Ensemblemitglieder bei Gastspielen, etwa in Salzburg, andere Erfahrungen machen und in die tägliche Arbeit daheim einfließen lassen können. In solch einer Weiterbildung sieht er auch einen wichtigen Effekt von eigenen außerfränkischen Projekten. Man bleibt in Bewegung.

Karriere daheim Sein Bekenntnis, „für das Haus“ dazusein, lässt sich räumlich verstehen. In seine fünfjährige Amtszeit bis 2016 fällt die Generalsanierung des Baus am Kardinal-Faulhaber-Platz. Das werde „die wichtigste Zeit für das Theater seit je, abgesehen von der haushaltslosen Zeit der Stadt“ um 2001, als die Existenz des Mainfranken Theaters auf dem Spiel stand. Dass die Arbeitsbedingungen für Musiker verbessert werden könnten, das wird im Gespräch oft und oft einsichtig, stoßen künstlerische Ziele doch schon angesichts des engen Orchestergrabens vielfach an betonierte Grenzen. Was auch immer in vier Jahren mit dem Chefdirigenten geschieht, „die Musiker werden bleiben“, sagt er, und: „Ich versuche meinen Beitrag dazu zu leisten, dass nach der Sanierung bessere räumliche Bedingungen für das KunstMachen bestehen.“ Mit den geistigen sind Calesso und Sanguineti offenbar recht zufrieden.

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Liebe

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Studis werden Profis Schulbesuch: Die Opernklasse der Hochschule für Musik von Joachim Fildhaut / Fotos: Andreas Herold

+ Die junge Frau reißt’s hin und her: Segelt sie in eine langweilige Partnerschaft? Ist ein Abenteuer mit dem Anderen ihr letzter Ausweg? Effizient und effektvoll gestikulierend schiebt sich die Gesangsstudentin an der Bühnenwand entlang. Halb hinter ihrem Rücken ballt der Regisseur seinen Körper zusammen, als sei er die Energie, die in der jungen Frau tobt. Erst wenn sie dynamisch in die Schlusszeilen der Mozart-Arie ausbricht, entspannt sich Opernregie-Dozent Prof. Holger Klembt. Im Bibrastraßen-Theatersaal der Hochschule für Musik wird pro Semester ein Stück Musiktheater einstudiert. Die Opern finden ihre Liebhaber weit über den Kreis von Studentenangehörigen hinaus. Denn die Ausführenden sind hochmotiviert, wie schon der Besuch einer Probe zu hören gibt: Selbst am Ende eines langen Nachmittags singen die jungen Leute durchweg mit vollem Einsatz. Dabei kommt es hier nicht nur auf die Technik der stimmlichen Notenreproduktion an, sondern darauf, zu begreifen und auszudrücken, was die Rolle besagt. Das bringt einen weiteren Grund für die Popularität des kleinen Musikhochschul-Opernhauses ins Spiel: „Der Hauptakzent liegt bei den Menschen, bei den Studenten und ihren Rollen“, erklärt der Professor für Regie und Szenische Leitung: „Regiekonzepte bleiben dabei im Hintergrund.“ Psychologische Feinzeichnung steht vor großen weltanschaulichen Deutungswürfen; da kann sich auch ein konservativeres Publikum vor schwer verständlichen Bildern sicher fühlen. Genauso sicher wie vor unreifen Stimmen. In der „Così fan tutte“ im Februar debütiert zwar eine Fünftsemesterin, aber die meisten sind im neunten und viele Kommilitonen legen mit dem Auftritt einen Teil ihrer Diplomprüfung ab.

mal drankommt, ist jede Rolle drei- bis vierfach besetzt. Was dem Regisseur übrigens eine listige Lektion ermöglicht: Er lässt nicht immer im selben Team spielen, sondern kombiniert Liebespaare neu – damit sich die Darsteller an körperliche Nähe zu Fremden gewöhnen. Nun hat schon mancher Musikhochschüler gestaunt, wie ein schüchterner Mitstudent unter Jupiterlampen plötzlich aus sich heraustritt. „Wenn der Dozent keine Scheu hat, mitzuspielen und sich lächerlich zu machen“, so Klembt, nehme das auch den Jungen die Hemmungen. Er selbst hat Gesang, dann in Hamburg bei Götz Friedrich Musiktheaterregie studiert, anschließend 60 Opern, Operetten und Musicals inszeniert. Dabei konnte er seine künstlerischen Ambitionen hinlänglich verwirklichen, so dass ihn heute nichts mehr zum Freiberuflerdasein zurück zieht. Über Musikhochschulen in München und Detmold fand er den Weg ins pädagogische Fach, das er gern ausfüllt. Professionell sollen die Studierenden agieren. Dazu will die Opernschule die richtigen Rahmenbedingungen bieten, was bei einer Mozart-Oper heißt: Volles Orchester – zumindest die Streicherbesetzung muss komplett sein. Das kann die Hochschule für Musik aber nur jedes zweite Studienjahr leisten. Anstatt die Instrumentierung abzuspecken sucht man dann Werke, die die Komponisten gleich für KammerKlangkörper eingerichtet haben. So kommt Würzburg des öfteren in den Genuss von Opern des 20. Jahrhunderts. Und noch ein Kriterium von außen gilt es bei der Repertoiregestaltung in der Bibrastraße zu berücksichtigen: Es müssen genug Frauen im Stück auftreten, damit die vielen Gesangsstudentinnen alle mal drankommen. Da ist „Così“ trotz oder wegen schwieriger Koloraturen und drei Stunden Länge ein dankbares Objekt.

Schüchternheit unter Jupiterlampen Nicht jede Musikhochschule leistet sich eine solch profunde Vorbereitung auf die Theaterlaufbahn. Klembt sagt über die Kapazität der Würzburger Opernschule, zu der noch Dozenten für Sprechtechnik, Tanz, Schminken, Musical und Korrepetition kommen: „Wer zur Bühne will, und das wollen die meisten, macht bei mehreren unserer Produktionen mit.“ Der Nachwuchs fängt im Chor an und steigert sich zu Solorollen. Zwei Sopranistinnen der Wintersemester-Inszenierung traten im letzten Sommer sogar schon in der Weikersheimer „Così fan tutte“ auf. Ebenso regelmäßig gastieren MusikhochschülerInnen „drüben“: Klembt zeigt in Richtung MainfrankenTheater. Damit jede und jeder KulturGut 08 | Seite

Info: Mozarts komische Oper „Così fan tutte“ hat am

10. Februar im Theatersaal der ­Hochschule für ­Musik an der Bibrastraße Premiere und läuft dann am 11., 13., 14., 16. und 17. Februar. ­Kartenvorverkauf an der Pforte.

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Mozarts „Così fan tutte“ schreit nach einer Besetzung mit jungen Leuten – wenn die die schwierigen Stellen beherrschen

„Fiebern extrem auf die wenigen Aufführungstermine hin“: Prof. Holger Klembt über die HfM-Ensembles. KulturGut 08 | Seite

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Bloodgroup

2. Februar, 20 Uhr, Cairo Live singen die beiden Frontmenschen recht exzessiv Achtziger-Melodien, und dass drei Keyboards die Isländer begleiten, schaukelt sich auf der Bühne ordentlich hoch. So kommt ihr Elektropop durchaus rockig daher: statt New New Romantics eher ein bisschen Frankie Goes to Bansheeland. | www.cairo.wue.de ++++++++++++++++++++++++

Gisbert zu Knyphausen

9. Februar, 20.30 Uhr, Posthalle Der Baron versteht sich auf massive Schrammelgitarren im Dienst großer Gefühle: „Bitte bleib hier, sonst bist du weg“, formuliert er mit äußerster Klarheitsschärfe. Seine Poesie von spröder Logik behandelt Phänomene, mit denen auch der Ü-30er was anfangen kann: ein gutes (Wieder-)Einstiegskonzert für Menschen, die den Kontakt zur aktuellen Musik­szene verloren haben. Alten Label-Beobachtern sei es getrommelt: Der Mann stammt aus dem Grand Hotel van Cleef. Sein Quintett baut auch richtige Walls of Sound, deswegen evtl. Ohrstöpsel mitbringen. | www.posthalle.de

Francis Poulenc führte der Tod eines engen Freundes zu einer Wende. Die 1950 entstandene Huldigung der Mater Dolorosa ist eine seiner bedeutendsten Arbeiten. Lili Boulanger schrieb ihren Psalm 130 „Aus der Tiefe rufe ich, Herr, zu dir“ und starb ein Jahr später mit nur 24 Jahren. Unter Leitung von Matthias Beckert singen die Solisten Christine Wolff (Sopran), Barbara Bräckelmann (Alt), Daniel Ochoa (Bass) und Rae Joo Kim (Tenor). Im Monteverdichor singen derzeit rund 100 Studierende der Würzburger Hochschulen, insbesondere der Musikhochschule. | www.monteverdichor.com ++++++++++++++++++++++++

The Miserable Rich 4. März, 20 Uhr, Cairo

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In Brighton netzwerkt das „Willkommen Collective“, und ein unplugged-Ableger dieses Kreativenpools sind die Elenden Reichen. Das Quintett aus vier Streichern bzw. Zupfern und einem Sänger hält die Tradition englischer Singer/Songwriter und musikalischer Pub-Poeten lebendig. Die Briten leisten da nichts, was zu Überschwänglichkeiten hinreißt, aber einer muss es ja machen – bisweilen mit unvermeidlichen Anklängen an Amiland. Schließlich waren sie bereits zum SXSW nach Austin geladen. | www.cairo.wue.de

Monteverdichor

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25. und 26. Februar, 20 bzw. 17 Uhr, Neubaukirche

Lehrerkonzert

Der Preisträger beim Deutschen Chorwettbewerb gibt ein Heimspiel mit der Vogtland Philharmonie. Geprägt von der Russischen Revolution und persönlich berührt vom Tod seiner Nichte komponierte Karol Szymanowski die Kantate „Stabat Mater“ mit Elementen der Gregorianik, der Vokalpolyphonie des 16. Jahrhunderts und des Impressionismus. Auch für

Die Dozenten der Sing- und Musikschule haben nicht nur eine pädagogische Ader. In den verschiedensten Ensembles kommen sie ihren kammermusikalischen Leidenschaften nach. Einen kleinen Ausschnitt dieser Aktivitäten haben sie für diesen Nachmittag zusam-

11. März, 17 Uhr, Schönbornhalle des Mainfränkischen Museums

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mengestellt, wobei die große Spannbreite der gepflegten Stile hörbar wird. Der Eintritt ist frei. | www.musikschule-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Anne-Sophie Mutter 16. März, 20 Uhr, CCW

Das Kleid wird voraussichtlich von Dior sein und die Geige ihre Stradivari Lord Dunn-Raves – Anne-Sophie Mutter (Foto Harald Hoffmann / DG) weiß ihre Konzerte glänzend zu gestalten. Seit 1988 begleitet sie der amerikanische Pianist Lambert Orkis, der schon im Alter von zwölf als Solist beim Philadelphia Orchestra debutierte. Außerdem musizierte er mit dem Emerson und dem American String Quartet. Auf dem Programm steht neben Mozart, Schubert und SaintSaëns mit der Partita von Witold Lutoslawski das moderne Werk, das Mutter lehrte: Gegenwartskomposition einzustudieren ist „ein aufregender Prozess, ein frustrierender, ein Kräfte zehrender –und eine zutiefst erfüllende Auseinandersetzung“. | www.ticketonline.de ++++++++++++++++++++++++

Flamenco-Festival

6. bis 14. April, versch. Orte in Würzburg Die großen Shows gehen im MainfrankenTheater über die Bühne, die kleineren in der Zehntscheune des Juliusspitals. Gemeinsam ist ihnen, dass Mercedes Sebald als Kennerin der internationalen Szene die Künstler zusammengestellt hat, die in Würzburg sowohl Tradition als auch Zukunftsfähigkeit des andalusischen Tanzes unter Beweis stellen, klassisch, schlicht emotional, für sich sprechend und ohne Rüschenfolklore. | www.wueflamencofestival.com


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The King‘s Singers 18. April, 19.30 Uhr, ­Hochschule für Musik

Im Großen Saal und auf Betreiben der Musikalischen Akademie erklingt Tanzmusik vom 16. Jahrhundert bis zur Gegenwart aus aller Herren Länder zum Abschluss der Saison. „Absingen“ also gewissermaßen mit dem Gesangsensemble, das das Frequenzspektrum vom Countertenor bis zum Bass genussvoll auskostet. | www.hfm-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Swing Legenden

28. April, 20 Uhr, CCW Max Greger (Saxophon, Bandleader), Hugo Strasser (Klarinette) und Paul Kuhn (Piano, Gesang): zusammen mit der SWR Big Band versprühen die drei Männer, die den westlichen Soundtrack Nachkriegsdeutschlands verfeinerten, eine Ü85-Power, die sich hören lassen kann. Ihr Repertoire enthält, was sie in den späten 1940ern begeisterte: Glenn Miller, Benny Goodman, Count Basie, Duke Ellington. Höhepunkte der Auftritts sind die Trios der Drei, denen das große Orchester kräftig Akzente setzt. Vor und nach Würzburg stehen die renommiertesten Hallen auf dem Tourplan: Meistersingerhalle und Gewandhaus. | www.argo-konzerte.de ++++++++++++++++++++++++

Folk Up

5. Mai, 15 Uhr, Felix-Fechenbach-Haus Schön, dass einige wenige Festivals der illustren Location die Treue halten. Der leider vielfach unterschätzte frühe postmoderne Konversionsbau des Grombühler Stadtteilzentrums gibt die Bühne frei für das 9. Würzburger Folkfestival, zugleich der zehnte

Geburtstag der Band Solid Ground, die sich schon die Weihen einer Irlandtournee holte. Bei diesem Benefizkonzert für die Palliativstation des Juliusspitals haben die Headliner gleich ein paar Gäste mit an den Mikros. Gitarrenversteigerung und Whiskeyprobe bringen Atmosphäre in den Saal, den sechs weitere Formationen unterhalten: Im Duo Hand in Hand spielen Beate Wein und Annett Lipske E-Piano und Schlagwerk zu deutschen Texten über das Abenteuer Alltag. Eine Drummerin hat auch das Quintett Cúl na Mara (Winkel am Meer), das seinen keltischen Folk gern ein wenig elektrisiert. Wer es sanfter mag, ist bei Nadja Birkenstocks Harfe gut aufgehoben – Willi Basler erzählt dazu Geschichten. Heiter bis Folkig vertreten nach einem Jahr Festivalpause abermals die Bardenfraktion, Markus Rill das eher US-amerikanisch angehauchte Songwritertum (Foto). Löbelwowon bringen eine eigenständige Musik zwischen Poesie, Jazz und Kammerklängen.| www.folkup.de

Africa Festival

25. bis 28. Mai, Talavera-Mainwiesen

Das vierte Jugendkonzert des Philharmonischen Orchesters bringt im Großen Haus Ludwig van Beethovens sechste Sinfonie, die Pastorale. Es dirigiert Generalmusikdirektor Enrico Calesso, so dass die Zuhörer – empfohlenes Alter: 14 bis 19 Jahre – nicht nur einen mitreißenden Maestro und Erklärer kennen lernen, sondern zugleich ein Hauptwerk der Klassik, das mit seinen Lautmalereien („Erwachen heiterer Empfindungen bei der Ankunft auf dem Lande“ heißt der bekannteste Satz) weit in die Zukunft hinein wirkte. | www.theaterwuerzburg.de

Das 24. Festival mit afrikanisch beeinflusster Musik setzt einen Schwerpunkt auf Senegal und die Kapverdischen Inseln, hat aber auch Ghana, Deutschland und Kuba auf der To-Sound-Liste. Und nebenbei ergab sich wieder eine starke Präsenz weiblicher Stimmen; wobei die Neuentdeckung im Fest-Programm, Y’Akoto, musikalisch ungefähr so exotische Akzente setzt wie die verblichene Amy Winehouse. Das jüngere Schaffen der beliebten Sängerin Angélique Kidjo (tritt mit Y’Akoto am Samstag auf) erweckt den Eindruck, sie entwickle sich mehr und mehr zur Stimmvirtuosin; es wäre schön, wenn sie dazu die unmittelbare Bühnenenergie ihrer frühen Jahre wiedergewänne. Während sie mit Musikern von Miriam Makebas ehemaliger Band auf Tour geht, hat ein zweites Projekt ebenfalls beziehungsreiche Wurzeln in der Vergangenheit: Afrocubism, die Gruppe des Sonntags, rekonstruiert eben die Star-Kombination, die vor 16 Jahren für den Buena Vista Social Club vorgesehen war, dann aber an Visaproblemen scheiterte. Jetzt gibt es karibisch-malinesische Freudenklänge eines 13-köpfigen Großensembles. Den Roots-Reggae darf diesmal ein Deutscher auf die Hauptbühne bringen, Sebastian Sturm, der mit seiner Heiserkeit viel cooles Jamaika-Feeling rüberbringt. Der Vorverkauf hat früh begonnen, erfahrungsgemäß ist das Zirkuszelt auf dem weitläufigen Festivalgelände vor der Abendkasse längst ausverkauft. Platz für musikalische Entdeckungen hält die Nebenbühne bereit, deren Programm für den Gelände­Eintritt (sechs Euro, Viertageskarte 20 Euro) ­genossen werden kann und kurzfristiger bekannt gegeben wird. | www.africafestival.org

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Pastorale

8. Mai, 11 Uhr, Mainfranken Theater

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Buntes Geburtstagskind Zehn Jahre Museum im Kulturspeicher W端rzburg von Susanne Hoffmann

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am nördlichen Stadtausgang.“ Die Architekten Brückner & Brückner bauten den Getreidespeicher aus dem Jahr 1904 zu einem Museum aus, ohne die ursprüngliche Nutzung des Gebäudes zu verleugnen. In den ehemaligen Lagerhallen fanden auch das Kabarett Bockshorn, der Tanzspeicher, die BBK-Galerie und das Restaurant Lumen einen Platz. 2005 wurde das Museum im Kulturspeicher mit dem Bayerischen Museumspreis ausgezeichnet.

Guter Grund fürs Umgruppieren

+ Vor zehn Jahren zog die Städtische Galerie aus den beengten Räumlichkeiten in der Hofstraße an den Alten Hafen um. Heute steht hier ein Museum der modernen und zeitgenössischen Kunst von internationalem Rang, das am 22. Februar Geburtstag feiert. „Den Anstoß gab damals die Dauerleihgabe der Sammlung Konkrete Kunst, die das Ehepaar Peter C. Ruppert der Stadt überließ“, erläutert die Museumsdirektorin Dr. Marlene Lauter: „Als ein idealer Standort erwies sich dabei die geplante Kulturmeile mit dem Kino Cinemaxx und dem Hotel KulturGut 08 | Seite

Plastiken, Gemälde und Fotografien von 171 Künstlern aus 22 Nationen zeugen von der 30-jährigen Sammelleidenschaft des Ehepaars Ruppert. Auf drei Etagen werden „Positionen, Phänomene und Spielarten der Konkreten Kunst“ von 1945 bis zur Gegenwart erfahrbar – mit namhaften Künstlern wie Max Bill, Josef Albers, Victor Vasarely und einem breitem Spektrum von Exponaten aus Großbritannien eine hochkarätige Sammlung. Zum Ausdruck kommt in der Konkreten Kunst nicht die sichtbare Realität; es geht allein um die bildnerischen Mittel, die oft auf geometrischen Grundlagen basieren: „Hierin zeigt sich die sinnliche Dimension der Mathematik, die auch Leute anspricht, die Mathematik bisher als langweilig empfunden haben“, erklärt Lauter. Die Gestaltung der Räume erfolgte mit Beteiligung des Ehepaars Ruppert. Da die Sammlung immer noch weiterwächst, wurde in den letzten Jahren dreimal umgruppiert. Einen Gegenpol bilden die Exponate der ehemaligen Städtischen Galerie. Sie veranschaulichen dem Betrachter die figürliche und abstrakte Entwicklung der Kunst vom 19. bis zum 21. Jahrhundert, darunter Werke von Wilhelm Leibl und seinem Kreis, von Max Slevogt und den deutschen Impressionisten, der Berliner Sezession, des Expressionismus und der Neuen Sachlichkeit. 1941 hatte der Maler und Kunsterzieher Heiner Dikreiter mit dem Aufbau der Sammlung begonnen. Dabei waren ihm Bezüge zur lokalen Kunstszene wichtig. Aus privaten Nachlässen erhält das Museum immer wieder Schenkungen. „Das sind natürlich Glücksmomente in der Museumsarbeit“, sagt Marlene Lauter, und: „Manche Leute haben sich eingehende Gedanken darüber gemacht, weshalb gerade ihre Kunstobjekte in den Kulturspeicher passen könnten“.

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Die vorige Doppelseite zeigte August Macke. Gartenrestaurant (1912). Hier unverkennbar Paul Klee. Vollmond im Garten (1934).

Wechselausstellungen sind der Puls Pro Jahr finden drei bis vier Wechselausstellungen statt, was im Vergleich zu anderen Häusern dieser Größenordnung eine beachtliche Anzahl bedeutet. Neben einigen Leihgaben wird gerne auf die vielen Exponate zurückgegriffen, die im Depot lagern. „Die Dauerausstellung ist das Rückgrat und die Wechselausstellung der Puls des Museums. Sie vermittelt dem Besucher neue Anregungen“, meint Dr. Lauter. Dabei möchte sie visuelle Netzwerke für die Besucher schaffen, die es ermöglichen, Beziehungen zwischen den unterschiedlichen Kunstwerken zu erkennen, so wie dies z.B. mit der Ausstellung „Ornament verbindet“ in Zusammenarbeit mit dem Mainfränkischen Museum 2010 geschehen ist. Jedes Jahr besuchen ca. 40.000 Menschen den Kulturspeicher, davon viele aus dem Ausland, die sich für die Sammlung Peter C. Ruppert interessieren. Eine ebenfalls erfolgreiche Besucherbilanz konnte bisher bei den Sonderausstellungen verbucht werden, wobei sich die Werke der Klassischen Moderne als Publikumsmagneten erwiesen. Jeweils 14.000 bis 17.000 Besucher sahen die Ausstellungen über August Macke, das Bauhaus, Paul Klee und Lyonel Feininger. Regelmäßige Unterstützung bei den Sonderveranstaltungen erhält das festangestellte Museumsteam, bestehend aus zwei Leiterinnen, zwei Wissenschaftlern, zwei Museumspädagoginnen, einem BiblioKulturGut 08 | Seite

thekar, einem Hausmeister und fünf Aufsichtskräften durch die freiwilligen Helfer vom Freundeskreis Kulturspeicher e.V. Seit seiner Gründung im Jahr 2002 ist der Förderverein auf die stattliche Zahl von 810 Mitgliedern angewachsen. Finanzielle Leistungen aus den Mitgliedsbeiträgen fließen direkt an das Museum – 2010 rund 25.000 Euro. In Absprache mit der Museumsleitung gibt der Freundeskreis ein Programm mit eigenen Veranstaltungen heraus, darunter die Klangraumkonzerte im Foyer und die Künstlergespräche der MIKS, der jungen Freunde des Kulturspeichers e.V.

Zukunftsfragen ans Geburtstagskind Und wie sieht Dr. Lauter die zukünftige Entwicklung des Museums im Kulturspeicher? Welche Projekte möchte sie noch verwirklichen? Den Bereich des Stilllebens würde sie gern mit weiteren Werken aus dem süddeutschen Raum ergänzen. Ein wichtiges Thema wird die Kunst in der Region bleiben. Allerdings sind Neuankäufe nur in einem sehr bescheidenen Rahmen möglich: „Einen städtischen Ankaufsetat haben wir im Augenblick nicht“, bedauert Marlene Lauter. Die Stelle der zweiten Leiterin wurde gerade neu besetzt. Lauters Vertretung soll dann auch wieder kleine Sonderausstellungen wie „Drehscheibe“ oder „Heimspiel“ ausrichten. Nach wie vor aktuell bleibt die Aufarbeitung der Kunst im Dritten Reich durch eine Bürgerwerkstatt.

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Dazu ist für 2013 eine Ausstellung geplant. Ebenso werden vermehrt Schauen von anderen anderer Häusern übernommen. Vom 5. Mai bis 22. Juli sind Spitzenwerke der Klassischen Moderne aus der Sammlung Rupf in Bern zu besichtigen, wobei erstmals Gemälde von Picasso im Kulturspeicher gezeigt werden. Ob figürliche Darstellungen, optische Täuschungen oder Farbabenteuer: Die Themenauswahl der beiden Museumspädagoginnen Christiane Rolfs und Anja Klinger gestaltet sich vielfältig. Eher ungewöhnlich anmutende Kombinationen von Kunst mit Physik oder Mathe kommen bei naturwissenschaftlichen Lehrkräften gut an. Die Zeit für die Schulklassen ist mit nur einer Stunde knapp bemessen – davon bleiben gerade mal 20 Minuten für den praktischen Teil mit einem Bilderpuzzle oder Legespiel übrig. Bei mehrtägigen Ferienworkshops „haben die Kinder mehr Zeit zum Ausprobieren und können auch mal richtig mit den Farben rumsauen“, meint Christiane Rolfs. „Häufig kommen die jungen Teilnehmer schon das zweite oder dritte Mal zu uns.“ Mit zwei Lehraufträgen sind die Pädagoginnen an der Würzburger Universität im neuen Fachbereich Museologie vertreten, wobei sie die Studenten beim Erstellen des didaktischen Materials zukünftig stärker einbeziehen wollen. Und wo bleiben die Erwachsenen? „Ein Programm für Senioren wird gerade ausgearbeit“, berichtet Christiane Rolfs.

INfo: Den Auftakt zum Festwochenende machen am Mittwoch, 22. Februar, drei Kammeropern von Reinhard Febel, am 23. folgt eine Percussion vom Freundeskreis Kulturspeicher und am Freitag, 24., findet der eigentliche Festakt mit Oberbürgermeister Georg Rosenthal und einer Ansprache von Dr. Wolfgang Heubisch, Staatsminister für ­Wissenschaft, Forschung und Kunst statt. Im Jahresprogramm, an dem sich auch andere Kultureinrichtungen beteiligen, spielt die Zahl 10 eine tragende Rolle: Die BBK-Galerie veranstaltet ein zehntägiges Bildhauersymposion, jeweils zehn Schüler zeigen rund ums Haus je zehn Objekte und es gibt eine Ausstellung mit zehn Druckgraphiken. Die Aktionen beginnen immer am 10. eines ­Monats und enden am 10. November mit ­einer langen ­Kulturspeichernacht.


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Wände, Bilderhaken und Konzertakustik Vereinigt. Kunstschaffend. Und ein bisschen unterfränkisch: Die VKU in ihrem Spitäle von Christine Weisner / Foto: Benjamin Brückner

+ Das Spitäle an der Alten Mainbrücke hat sich als Ausstellungsraum längst etabliert. Nun tritt die ehemalige Spitalkirche mehr und mehr als Veranstaltungsort in Erscheinung. Innovationen gibt es auch bei den Kunstausstellungen, so stehen im April 2012 erstmals die „­Neuaufnahmen“ auf dem Programm. Diese Schau bietet Gelegenheit, das Schaffen von neuen Mitgliedern der Künstlervereinigung VKU kennenzulernen. Nicht als Mitglied, sondern als Gast kommt ­dagegen Johannes Vetter im Juni mit seiner Ausstellung „Nullpunkt“, in deren Zentrum großformatige Darstellungen von heutigen ­Menschen stehen. Das Rückgrat des Jahresprogramms bilden wie bisher die Einzelpräsentationen von VKU-Mitgliedern. Dabei gibt es erneut Kombinationen. So treten im September Barbara Henn und Dieter Eisenberg in einen malerisch-bildhauerischen Dialog. Bereits ins vierte Jahr geht die abwechslungsreiche Form der Winterausstellung mit wöchentlich wechselnden Exponaten. Fast schon kein Geheimtipp mehr sind die Konzerte im Spitäle. Ihr Spektrum reicht vom portugiesischen Fado bis hin zu Gesprächskonzerten, bei denen unter der Überschrift „Spitälsche Musikbesichtigungen“ unterfränkische Komponisten und Zeitgenossen Mozarts zu Gehör gebracht werden. Einige Konzerte stehen im Zeichen außergewöhnlicher Kombinationen von Instrumenten oder Stilrichtungen. So schlagen die Musiker in den „Zeit-Brücken“ am 30. März einen Bogen von der Barockmusik zur Klangsprache der Gegenwart.

Ein kleines Kulturzentrum „Wir haben mit dem Spitäle einen tollen Raum. Durch die Verbindung der Architektur mit den ausgestellten Kunstwerken und der Musik entsteht eine einzigartig Atmosphäre, ja man kann geradezu von Synästhesie sprechen“, sagt Thomas Wachter, 1. Vorsitzender der VKU und selbst ein leidenschaftlicher Konzertgänger. Um einen Auftritt im Spitäle bewerben sich viele Musiker, was Wachter begrüßt: „Wir können unter einem breiten und hochwertigen Angebot auswählen. Das ist KulturGut 08 | Seite

sehr schön, weil wir so unseren Wunsch verwirklichen können, Konzerte abseits der ausgetretenen Pfade zu veranstalten.“ Gerne würde er künftig auch der Sprachkunst eine Plattform bieten und mit anderen Partnern kooperieren. Überhaupt möchte Wachter das Spitäle mehr noch als bisher zu einem Ort des lebendigen Austauschs machen. Die in der Vereinigung Kunstschaffender Unterfrankens organisierten Künstler betreiben das Spitäle gemeinsam als Produzentengalerie und unterstützen sich so gegenseitig auf dem Weg in die Öffentlichkeit. Eigenarbeit spielt eine wichtige Rolle, aber auch Förderanträge wollen gestellt, Sponsoren gefunden, Netzwerke gepflegt werden. „Es macht durchaus Spaß, wenn man in der Kulturwelt drinnen und Teil des Netzwerkes ist. Das wiegt aber die Belastungen nicht auf“, berichtet Thomas Wachter von seiner Tätigkeit als ehrenamtlicher Vorsitzender. Er ist im Hauptberuf als Kunsterzieher an einem Gymnasium und als freischaffender Künstler tätig. Als Maler, der sich stark für Farbe und Form interessiert, fand er in der fränkischen Landschaft ein Motiv, das ihn immer wieder beschäftigt. Für ihn ist die Landschaftsmalerei „die reinste Malerei vor der gegenstandslosen“ und zugleich eine Möglichkeit, sich mit dem Leben an sich auseinanderzusetzen. Warum er den zeitintensiven Vorsitz der VKU übernahm? „Weil ich darin die Möglichkeit sehe, etwas für die Gesellschaft zu tun. Ich bin durch die 68er-Zeit geprägt, mich gesellschaftlich zu engagieren“, antwortet er und kommt schnell wieder auf die VKU und das Spitäle zu sprechen, wo es bald einiges zu feiern gibt: 2017 wird es genau 50 Jahre her sein, dass VKU-Mitglieder die Ärmel hochkrempelten und sich daran machten, die Kriegsruine des Spitäles herzurichten. Ein Jahr darauf jährt sich die Eröffnung der Ausstellungshalle zum 50. Mal und 2019 begeht die VKU ihren 100. Geburtstag.

links: | www.vku-kunst.de | www.twachter.de

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Ein Landschafter in seiner Architektur: Thomas Wachter, Maler, Kunsterzieher und VKU-Vorsitzender. KulturGut 08 | Seite

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Erstmals

bis 25. März, Museum am Dom Nur einen kleinen Teil dessen, was in den letzten Jahren gestiftet, geschenkt, gekauft oder geerbt und großteils noch nie im Museum gezeigt wurde, hat nun seine Ausstellungspremiere: Neuzugänge in den Kunstsammlungen der Diözese. Auf mehr als 10.000 Werke schätzt Museenleiter Dr. Jürgen Lenssen den Gesamtbestand, rund 100 Werke wurden für die Präsentation ausgesucht. Wählen konnte der Kurator – um drei jüngere Stiftungen zu nennen – aus dem Nachlass des extrem reduzierenden, figurativen Bildhauers Friedrich Press. Für manchen gibt es ein Wiedersehen mit Werken von Theodor Maß (1907–1988), der viele Skizzen, Aquarelle und Federzeichnungen von Würzburg und Umgebung vor und nach dem Krieg anfertigte. Zu entdecken ist der relativ jung verstorbene Würzburger Künstler Karl-Heinz Kram(höller) (1940–1984), beeindruckende Tuschezeichnungen und Collagen. Führungen jeden zweiten Sonntag, außerdem 14. März, 14 Uhr, für Senioren und 17. März, 15 Uhr, für Kinder. | www.museum-am-dom.de ++++++++++++++++++++++++

Eklogit

bis 3. Juni, M ­ ineralogisches Museum der Uni Eklogite entstehen dort, wo Erdplatten kollidieren, sich eine unter die andere schiebt und durch den hohen Druck ihre kristalline Struktur verändert. Erst nach Millionen Jahren gelangen sie an die Oberfläche. Sie sagen den Geowissenschaftlern viel über die Entstehung unserer Erde, und auch für die Bildhauerin Susanne Specht, seit 2008 Professorin an der Hochschule Niederrhein in Krefeld, lassen sich mit dem extrem harten und schweren Eklogit innere Ver-

wandlungs- und Zeitprozesse besonders gut sichtbar machen. Die Skulptureninstallation im Mineralogischen Museum ist verzahnt mit der Präsentation von geologisch analysierten Eklogitstücken aus aller Welt. | www.mineralogisches-museum.uni-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Zeitgenössische ­mongolische Kunst

ab 3. Februar, 19 Uhr, BBK-Galerie Tsultem Enkhjin, Biziyagiin Shatarsaikhan und Sodnomyn Tugs-Oyun studierten an Kunsthochschulen in Deutschland, Russland und der Mongolei. In verschiedensten Techniken unterwegs, sehen sie sich doch alle bereichert, weil sie auf jahrhundertealte Traditionen ihres Lands zurückgreifen können. | www.bbk-unterfranken.de ++++++++++++++++++++++++

Christian Mischke

5. Februar, 11 Uhr, Martin-von-Wagner-Museum Der 68-jährige Zeichner und Radierer stellte mehrfach in Würzburg aus, 1983/1984 nahm er einen Lehrauftrag an der FH wahr. Einem größeren Publikum wurde er mit Illustrationen zum Werk Eichendorffs und seinen Spielkarten bekannt, die Geburtsstadt Breslau würdigte den poetisch-phantastischen Realisten 2011 mit einer großen Ausstellung. Radierungen aus seiner gesamten Schaffenszeit trug das Münchner Sammlerehepaar Gisela und Karl Haberkorn zusammen und übereignete den Großteil dem Universitätsmuseum. Rund 80 Stücke zeigt die Gemäldegalerie in der Sonderausstellung, durch die Viviane Bogumil am letzten Öffnungstag führt. | www.museum.uni-wuerzburg.de KulturGut 08 | Seite

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Camille Graeser

11. Februar bis 15. April, Kulturspeicher Den Prozess „vom Entwurf zum Bild“ will die Ausstellung über den konkreten Künstler (1892-1980) greifbar machen: ein Blick in das Atelier. Die Würzburger Ausstellung kombiniert 80 Entwurfsblätter mit etwa 20 großformatigen Gemälden. Graeser zählt mit Max Bill, Richard Paul Lohse und Verena Loewensberg zu den Zürchern, die seit den 1940ern wegweisend für die internationale Entwicklung der Konkreten Kunst wurden.Für die Inneneinrichtung der Weißenhofsiedlung Stuttgart hatte er schon in den 1920er Jahren eine ausgesprochen poppige Idee: Er ließ Bauhaus-Sessel mit geflecktem Kuhfell bespannen. Die Sammlung Konkrete Kunst im Kulturspeicher verdankt eins ihrer heitersten Werke Camille Graeser: das gelbe Quadrat „Translokation B“ von 1969 mit vier kleineren farbigen Quadraten an der Oberseite, von denen das rote allerdings gerade heruntergefallen ist – bzw. nicht gerade, sondern auf einer Kreisbahn… | www.kulturspeicher.de ++++++++++++++++++++++++

Leonardo Live

16. Februar, 20 Uhr, Cinemaxx Eintrittskarten gibt es für die derzeit laufende Londoner da-Vinci-Ausstellung schon lange nicht mehr, und das ist schade. Denn erstmals werden hier alle erhaltenen Werke Leonardos aus seiner Zeit am Mailänder Hof der Sforza (1482 bis 1499) gezeigt, dazu mehr als 60 Zeichnungen und Skizzen aus der Sammlung der Queen. Ein 100-minütiger Dokumentationsfilm gibt Daheimgebliebenen via Leinwand die Möglichkeit, sich von dem Kunsthistoriker Tim Marlow deutsch untertitelt durch die Jahrhunderausstellung führen zu lassen. | www.cinemaxx.de


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Karin Laumeister und Maria Kreuzer

Rectangle and Square. Von Picasso bis Judd

Zwei unterschiedliche Schaffensprozesse hinterlassen kräftige Spuren: Karin Laumeisters Hand prägt sich in den Ton ein, Maria Kreuzer geht mit Farben und gelegentlich mit Collagematerialien in der lebendigen Art des Informel um. Die Keramikerin aus Wörth am Main und die Malerin und Galeristin aus Amorbach bescheren der VKU-Ausstellungshalle an der Alten Mainbrücke eine Doppelausstellung voller nuancierter Dialoge. Weitere Gemeinsamkeiten: Beidemale kommt das Material sehr stark zu seinem Recht, und meist kann sich der Betrachter auf das Spiel einlassen und fragen: An welche Objekte erinnert mich das Dargestellte? Oder gebe ich mich der Vorstellung von etwas ganz Neuem, Ungesehenem hin? | www.spitaele.de

Hermann und Margrit Rupf legten zu Beginn des 20. Jahrhunderts den Grundstein zu einer Sammlung, die heute im Kunstmuseum Bern absolute Spitzenwerke, ja Schlüsselwerke der Moderne enthält. Bis heute ist es der Stiftung möglich, mit den vom Stifterpaar zur Verfügung gestellten Mitteln die Sammlung zu ergänzen. Im Sinne des Sammlerpaares wurde mehrheitlich in zeitgenössische Kunst investiert. Die aktuelle Schau kombiniert Werke der Klassiker mit zeitgenössischer Kunst, insgesamt 65 Gemälde, Objekte und Skulpturen aus der Zeit von 1900 bis heute (Abb.: Copyright Josef Albers VG Bild-Kunst, Bonn 2012). Das bietet nun erstmals die Möglichkeit, Gemälde Picassos, der wie kein anderer die Kunst des 20. Jahrhunderts beeinflusst hat, in Würzburg zu zeigen. Der Titel „Rechteck und Quadrat“ bringt also keineswegs allein rein geometrische Kunst an den Main, auch wenn mit Donald Judd ein Designer präsentiert wird, der den rechten Winkel für Wohnobjekte rehabilitiert hat. Das Zauberwort des Ausstellungskonzepts heißt Kubismus. Diesen Schwerpunkt der frühen Rupf-Sammlung weiteten die non-figurativen Neuerwerbungen der Folgejahre konsequent aus. Da kommt so ein WürfelKünstler wie Donald Judd am Ende einer langen Entwicklungsreihe naturgemäß gerade recht. Das Museum im Kulturspeicher ist der einzige Projektpartner der Stiftung für diese Ausstellung und Standort der ersten Präsentation der Rupf-Stiftung in Deutschland überhaupt. | www.kulturspeicher.de

18. März bis 8. April, Spitäle

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Die zweite Haut

21. April bis 22. Juli, Museum am Dom Ihre Kleider und Kostüme erinnern an abgeworfene Larvenhäute, an verschlissene, einst prächtige Roben oder an die lehmfarbenen Fragmente von Leinenhemden und -tüchern, die viele Jahre unter der Erde lagen. Sie evozieren eine Vergangenheit, die sie nicht hatten, eine Geschichte, die nie gewesen ist, einen Verlust von Leben, Schönheit und Vollständigkeit, den sie nicht erlitten, weil sie nie anders waren. In Brüssel lebt die Bildhauerin und Malerin, Kostüm- und Bühnenbildnerin Silvia Hatzl, für deren neue Arbeiten zum Thema „Geistliches Gewand“ das kirchliche Kunsthaus sein Untergeschoss frei räumt. | www.museum-am-dom.de

5. Mai bis 22. Juli, Kulturspeicher

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buchobjektbuch

18. Mai bis 10. Juni, BBK-Galerie Bücher sind doch mehr als bloßer Text. Sophie Brandes (Veitshöchheim), Dik Jüngling (Heidelberg), Irmtraud Klug-Berninger (Obernburg), Marina Volkova (Heidelberg) und Gabi Weinkauf (Güntersleben) zeigen die Qualitäten des oft totgesagten Zeichenträgers als haptisches Ereignis, visuelles Notizbuch oder experimentelles Objekt. Vernissage am Freitag, 18. Mai, um 19 Uhr. | www.bbk-unterfranken.de ++++++++++++++++++++++++

15. Artbreit

19. und 20. Mai, Marktbreit Aus den USA brachte Claus Peter Berneth die Idee für das Kunstfest mit Musik heim. Gemeinsam mit seiner Frau organisierte er 1993 die erste Artbreit. Südtirol ist das Schwerpunktthema in diesem Jahr. Das beginnt mit dem Eröffnungskonzert der Gruppe Herbert Pixner Project. Außerdem reisen Bildhauer und Maler aus Südtirol an, u. a. Hubert Mussner (Foto), Leo Ferdinando Demetz, Jonas Senoner und Roland Perathoner. Sie sind wesentlich daran beteiligt, die traditionelle Holzschnitzkunst zeitgemäß weiterzuentwickeln ,und mischen sich unter die vielen anderen Künstler, die das Mainstädtchen an diesem Wochenende wieder bis in die Höfe hinein mit Leben füllen. Der Organisator des Ganzen stellt sich und seine Lieblingsmusik bereits am Dienstag, 7. Februar, 20 Uhr im Fränkischen Hof vor, wenn die Talkshow „My Favourite Tracks“ erstmals in Marktbreit gastiert. Claus Peter Berneth ist promovierter Diplomchemiker und leitet das Marktmanagement eines großen Baustoffherstellers in Iphofen. Er studierte neben Schule und Studium Trompete am Konservatorium und an der Musikhochschule in Würzburg. | www.artbreit.de


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Schreib die Stadt! Höchste Eisenbahn für Literaturwettbewerb „heute.gestern.morgen“ von Joachim Fildhaut / Fotos: Benjamin Brückner

+ Waren die Gassen frisch gepflastert oder überhaupt gepflastert und deswegen so glatt, wie Achim von Arnim am Anfang seiner „Kronenwächter“ schrieb: „Der Bürgermeister von Weiblingen, Herr Steller, und der Vogt des Grafen von Wirtemberg, Herr Brix, führten einander in der Neujahrsnacht mit ungewissen Schritten durch die glatten Gassen, nachdem sie einander beim Schlage der zwölften Stunde vor dem Ratskeller den flockig fallenden Schnee vom Barte geküsst und alles gute Glück gewünscht hatten.“ Oder hatten historische Entwicklungen die alten Gassen glatt gescheuert? In der Zwischenzeit und in bayerischen Städten ereignete sich jedenfalls dies: Nicht Bürgermeister und Vögte, aber Kulturreferenten und -amtsleiter schlossen sich zusammen zum „Netzwerk bayerischer Städte e.V. StadtKultur“, zuvor – auch recht tätigkeitsklar – Arbeitskreis gemeinsame Kulturarbeit genannt. Die Jahresarbeit 2012 ist das Ausrichten bzw. „Vernetzen des Festivals Stadt.Geschichte.Zukunft“, das ab Mitte Mai im öffentlichen Raum von sich reden machen soll.

Was verraten Parks und Parkplätze?

Zeitspanne sind die Jahre 1900 bis 2050. Bewerben können sich alle Schriftstellerinnen und Schriftsteller bis 35 Jahre mit einem biographischen oder Werksbezug zu Bayern und einem noch unveröffentlichten Text von maximal zehn DIN-A4 Seiten. Einsendeschluss ist der 12. Februar. Die zehn besten Beiträge werden durch eine Jury nominiert. Es wird ein erster Preis in Höhe von 2000 Euro vergeben. Eine Partnerschaft mit neobooks macht die Veröffentlichung der zehn bes­ ten Beiträge in einer Anthologie möglich.

Crowdfunding – Schwarmfinanzierung Die Literaturstiftung Bayern sucht nicht nur Manuskripte, sondern auch Förderer. Es müssen keine großen Summen sein. Schwarmfinanzierung nutzt das Internet und soziale Netzwerke für neue Projekte. Auf www.startnext.de/heute-gestern-morgen haben Interessenten bis zum 12. März 2012 die Möglichkeit, unkompliziert und schnell den ­Literaturwettbewerb finanziell zu unterstützen. Außer dem ­schönen Gefühl, sich für die Kultur nützlich gemacht zu haben, winkt „ein kleines Dankeschön“.

Eins dieser Projekte ist der Prosawettbewerb „heute.gestern.morgen – Geschichten über den Stadtalltag“ mit Texten über das tägliche Leben: „Wie es gestern war, in der Stadt zu leben, heute ist und morgen sein wird.“ Die Literaturstiftung Bayern als Mitausloberin fragt: „Welche Spuren hinterlassen die Menschen in einer Stadt? Was erzählten ihre Häuser, Wege und Straßennetze über das tägliche Leben? Was werden sie uns in 50 Jahren erzählen? Wie schreiben sich Lebensgewohnheiten in ein Stadtbild ein, was verraten Parks oder Parkplätze über die Liebe und ihre Liebhaber?“ Historische Betrachtungen sind dabei genauso willkommen wie Reflexionen des Hier und Jetzt und phantastische Zukunftsvisionen. KulturGut 08 | Seite

INfo: Literaturstiftung Bayern, Dr. Christine Fuchs, Hohe-Schul-Straße 4, 85049 Ingolstadt, Telefon (0841) 3051868, info@literaturstiftung.de | www.stadt-geschichte-zukunft.de

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 | Literatur | 

 | Termine  | 

Der Autorenkreis liest 9. Februar und 1. März, 19.30 Uhr, Falkenhaus

Mit dem literarischen Neujahrsempfang startete die Autorenvereinigung ihre neue Lesereihe in der Stadtbücherei. „Mögliche Nebenwirkungen“ und „Kopfgewächse“ heißt es im Februar und März, u. a. mit Roman Rausch. | www.autorenkreis-wuerzburg.de

4. Mai kommt endlich auch Heinrich Steinfest nach Würzburg, der dem deutschen Kriminalroman zeigte, dass er noch einiges mehr sein kann. Am 4. Mai stellt schließlich Felicitas Hoppe, nach fundierter Kennermeinung „Verfasserin von Deutschlands schönster und intelligentester Prosa“, ihre für März angekündigte tragikomische Traumbiographie „Hoppe“ vor. | www.stadtbuecherei-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

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Nora Gomringer

24. Februar, 19 Uhr, Kulturspeicher

Bei mir bist du schäin

18. März, 11 Uhr, Schröder-Haus

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Jüdisches in Musik, Gesang und Wort hat Baritonsänger und Schauspieler Roland Seiler neu für diese Sonntagsmatinee zusammengestellt. Gemeinsam mit Karin Amrhein (Klarinette & Bass-Klarinette) und Annette Hirt (Gesang & Klarinette) präsentiert er Klezmer-Musik, Lieder aus der jiddischen, sephardischen und hebräischen Tradition und kabarettistisch-literarische Texte. | www.schroederhaus.de

Literarischer Frühling

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Papa Eugens Sammlung konkreter Kunst ist in Ingolstadt, aber Sprachkünstlerin Nora kommt aus Bamberg in den Kulturspeicher nach Würzburg zum offiziellen Festakt „Zehn Jahre Kulturspeicher“ – nicht verpassen! | www.nora-gomringer.de

7. März bis 10. Mai, je 20 Uhr, Falkenhaus

Noch stehen nicht alle Termine, es sollen ja vor allem Neuerscheinungen sein und möglichst hochkarätige dazu. Judith Schalansky eröffnet die Reihe mit ihrem 2011 für den Deutschen Buchpreis nominierten Bildungsroman „Der Hals der Giraffe“, in dem sie recht vergnüglich die Begrenztheit darwinistischer Überlebenskonzepte im deutschen Osten und generell demonstriert. Jasmin Ramadan, mit ihrem Buch zum Film „Soul Kitchen“ bekannt geworden, stellt eine Woche später (13. März) ihren im Februar erscheinenden Neuling „Das Schwein unter den Fischen“ vor, dessen Anfang schon 2006 mit dem Hamburger Förderpreis für Literatur ausgezeichnet wurde. Am

Die russische Fracht

1. April, 20 Uhr, Saalbau Luisengarten Die Russen sind die neuen Iren, befand Harry Rowohlt und las die Hörbuchfassung des Romans von Oleg Jurjew ein. Der seit 1991 in Frankfurt lebende Autor schickt darin seinen Helden vom St. Petersburger Flusshafen auf eine bizarre Schiffsreise mit Kapitän Achov, der in der Kabine seines Frachters besonders gern sowjetische Heldenlieder schmettert. Rowohlt liest, Jurjew singt, an diesem Abend live. | www.wuerzburg-deluxe.de ++++++++++++++++++++++++

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Hä?

4. April, 20 Uhr, Saalbau Luisengarten Michael Kobr und Volker Klüpfel stellen ihren sechsten Kluftinger-Roman „Schutzpatron“ vor. Für alle, die es nicht wissen: Kommissar Kluftinger ist Kult. In Füssen, Kempten und Altusried gibt es „Klufti-Führungen“, dazu ein Kochbuch, eine Schauplatz-Karte und ein Brettspiel, Hörbücher sowieso und zwei Bände der Allgäu-Krimireihe sind mittlerweile auch verfilmt – Tatort-Kommissar Miroslav Nemec hielt die Laudatio bei der Verleihung eines der Kulturpreise Bayern im letzten Jahr. Sogar der dem Genre Regionalkrimi nicht eben zugeneigte Literaturkritiker Dennis Scheck verzieh dem Autorenduo ob der schrulligen Komik die stilistische Reduziertheit der Prosa. Deren Qualitäten denn auch eher bei lauter denn stiller Lektüre zum Tragen kommen, vor allem, wenn es die beiden selber machen. Die Bezeichnung „Lesung“ vermeiden sie für ihre kabarettistischen Inszenierungen – zu Recht. | www.wuerzburg-deluxe.de ++++++++++++++++++++++++

Pauline Füg

19. April, 20 Uhr, Falkenhaus Eigenständig, kritisch und gerne politisch, eben ­„Literatur von morgen“ und „Abbild der Vielfältigkeit an Subkulturen“ sollen die Texte sein, die der studentisch geführte Würzburger Stellwerck-Verlag sucht. Gleich mit seiner zweiten Publikation konnte er punkten: Der Lyrikband „Die Abschaffung des Ponys“ der Slampoetin Pauline Füg fuhr 2011 einen der EonBayern-Kulturpreise ein. Die Performancekünstlerin stellt sich im Rahmen einer Kooperation von Verlag und Bücherei vor. | www.stellwerck.de | www.stadtbuecherei-wuerzburg.de


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Unter Kontrolle

7. Februar, 19 Uhr, Max-Scheer-Hörsaal, Am Hubland,

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Würzburg goes Hollywood

5. SchulKinoWoche Bayern

Der Traum von der sauberen Atomkraft ist ausgeträumt. Was passiert wirklich hinter den Mauern der Kernkraftwerke? Regisseur Volker Sattel besuchte deutsche AKWs und konnte – noch unbelastet von kommenden Ereignissen – unglaubliche Einblicke gewinnen. Er zeigt den Mensch als irritierendes Fremdteilchen in der von ihm selbst geschaffenen Welt. Der Filmclub Uni Würzburg bringt jeden Dienstag um 19 Uhr sehenswerte Filme für geringen Eintritt ins Physik-Gebäude. – Dienstags ist auch in der Innenstadt studentischer Kino-Tag: Unter der Stadtmensa ab 20.30 Uhr zu monatlich wechselnden Schwerpunktthemen. | www.filmclub-wuerzburg.de | kellerperle.blogspot.com

Ausdrücklich keine Kostümführung: Festung, Alte Mainbrücke und Residenz standen 2010 Kulisse für den 3D-Musketierfilm von Paul Anderson. Sie bilden die Fixpunkte einer neuen dreistündigen Stadtführung, bei der Gruppen bis 35 Teilnehmer für 102 Euro Interessantes zum Dreh und seinen Stars vor Ort erfahren können. Nähere Informationen und Buchungen beim Gästeführerservice im CTW, Telefon (0931) 372650 oder fuehrungen@wuerzburg.de. | www.wuerzburg.de

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Was Globalisierung ist, weiß man erst, wenn sie da ist: An vier Einzelschicksalen aus vier Kontinenten zeigt Dokumentarfilmer Florian Opitz, welch dramatische Folgen es haben kann, wenn grundlegende Dinge des Lebens wie Strom, Wasser, Gesundheitsversorgung oder Verkehrsmittel zu reinen Wirtschaftsgütern werden. Opitz tut dies kommentarlos, und seine Protagonisten sind keine zu bemitleidenden Opfer, sie sind Teil eines Prozesses, der uns in Deutschland noch bevorsteht, wenn nicht – ja was? 2007 kam der Film in die Kinos und bewirkte, ganz im Sinne des Regisseurs, vor allem eines: Diskussionen darüber, was getan werden kann und muss, um die durch eine rein profitorientierte Weltwirtschaft geschaffenen sozialen Probleme zu überwinden. Wider Willen in die Schlagzeilen gerieten der Regisseur und sein Kameramann Andy Lehmann, als sie bei Dreharbeiten in Nigeria wegen Spionageverdachts verhaftet wurden und erst nach zwei Monaten wieder frei kamen. | www.frankenwarte.de

Episode 3: Vollmond 12. Februar, 19.30 Uhr, ­ Theater am Neunerplatz

Letzte Gelegenheit, den dritten Dadord Würzburch im Kino- respektive Theatersaal zu sehen. Den derzeitigen Vampirhype nimmt die Produktion aufs Korn. Dreisprachig, weil mit der neuen Ermittlerin Hermine Schnürle (Silvia Forster) nun auch das Schwäbische seinen Einzug hält. An 32 Drehtagen zwischen Oktober 2010 und 2011 (Foto Wilma Wolf) realisierte das Team um Regisseur Christian Kelle den schaurigkruden Grusel. Die Hauptrolle spielt aber wie immer, wenn Privatdetektiv Axel Strick (Christian Kelle) und Oberkommissar Gerald Rabe (Gerald Schneider) zur Musik von Klaus Wolf von den Ereignissen überrollt werden, die Stadt – die erste Leiche sitzt malerisch bleich in der Pleich. | www.radiorimpar.de

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Der große Ausverkauf 8. März, 19.15 Uhr, ­ Akademie Frankenwarte

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19. bis 23. März, Programmkino Central

Filme veranschaulichen in der Schule Zeitgeschehen, literarische Werke und naturwissenschaftliche Abläufe. Jetzt werden sie, ihre Konzeption und Umsetzung untersucht. Das Programm mit aktuellen Produktionen, Dokumentarfilmen, Animationen und Klassikern bietet allen Schularten und Jahrgangsstufen lehrplanrelevanten Stoff zur Auseinandersetzung. Lehrerfortbildungen, Kinoseminare sowie Unterrichtsmaterialien zur Vor- und Nachbereitung ergänzen das Angebot. Das Filmprogramm zum Wissenschaftsjahr 2012 fragt auch: Wie wollen wir leben? Wie müssen wir wirtschaften? Und: Wie können wir unsere Umwelt bewahren? | www.schulkinowoche-bayern.de ++++++++++++++++++++++++

Afrika im Film

25. bis 28. Mai, 21-24 Uhr, Mainwiesen Der Senegal und die Kapverdischen Inseln sind die kulturell so unterschiedlichen Themenschwerpunkte beim 24. Africa Festival und allabendlich im ARTEKinozelt. Wer sich schon jetzt auf die bunten Maitage einstimmen will: die Mitschnitte aller Abendkonzerte 2011 hat der Sender auf einer eigenen Festival-Seite im Internet eingestellt. | www.africafestival.org | www.arte.tv/africafestival ++++++++++++++++++++++++


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Frühlingsnächte unterm Projektorstrahl Internationales Filmwochenende, zum zweiten Mal im Frühjahr: 22. bis 25. März von Joachim Fildhaut / Foto:Gleb Polovnykov

+ „Im israelischen Film gibt es absolut nichts zu lachen“, sagt einer, der es wissen kann: Navot Papushado. Zusammen mit seinem Kumpel und Co-Regisseur Aharon Keshales drehte er „den ersten israelischen Film, der kein Kriegsdrama ist und nicht von einer zerrütteten Familie erzählt“ – „Kalevet / Rabies“, Tollwut, Israels bislang einzigen Horrorstreifen. Die beiden Tel Aviver haben genau drauf geachtet, dass Schrecken und Komik sich gut abwechseln, etwa wie bei Tarantino. Florian Hoffmann von der Filminitiative entdeckte den seltenen Streifen von 2010 auf einem Festival in Portugal. Damit hielt er sich an eine ziemlich übliche Vorgehensweise der Filmwochenende-Ausrichter: Einer hat einen Film schon mal ganz gesehen. Wenn dann die Programmgruppe zusammentritt und einzelne Szenen mustert, kann der Entdecker auf verborgene Stärken – oder auf Anfangslängen, die sich nach 20 Minuten geben – hinweisen. Bei einem guten Film ist den Sichtenden meist nach fünf Minuten klar: Den wollen wir. Vor einem ablehnenden Bescheid lassen sich die Cineasten mehr Zeit.

Bewährte Stimmung an neuen Orten Christopher Franz besucht gern Fantasy-Festivals. Er ist seit sieben Jahren für das Filmwochenende aktiv und pflegt vor allem den Kontakt zu den Vorverkaufsstellen. Er hofft „auf einen späten Frühling“, KulturGut 08 | Seite

damit wieder mehr Publikum den Weg ins Cinemaxx und Central findet. 2011 fiel das Filmfest auf die ersten sonnigen Tage des Jahres. Früher fand die Kultbegegnung Ende Januar statt, und im Corso an der Kaiserstraße. Die räumliche Veränderung reut Franz nicht: „Im Central ist es gemütlicher.“ Viviane Bogumil wirbt für die Veranstaltung: „Du triffst nur enthusiastische Mitarbeiter, die pure Freundlichkeit.“ Beide haben es in der Hand, denn während des Festivals machen sie Kasse, Einlass, helfen, wo’s gerade nötig ist. Und sie sind sich einig: Beim Wandern zwischen den Aufführungsorten kommt Festivalstimmung auf. „Man sieht sich in der Stadt“, konkretisiert Viviane Bogumil, „die Besucher sind Teil eines Events. Schließlich machen sie selbst ja auch die Wettbewerbspreise.“

Bonus Tracks live Der aktive Zuschauer interessiert sich nicht nur für die eigene Stadt. Wenn ein Film in Hamburg spielt, teilweise aber in Dresden gedreht wurde, möchte er die Gründe erfahren. Oder die politischen Hintergründe eines südamerikanischen Streifens. „Bei jedem dritten Film im Programm“, verspricht Christopher Franz, „steht ein Verantwortlicher Rede und Antwort – der Regisseur, ein Produzent oder ein Hauptdarsteller.“ Den Trend zu Gästen kennen auch die normalen Kinos. Und

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natürlich finden Filmfreunde Erklärungen und Interviews auf dem beliebten Medium DVD. Das Internationale Filmwochenende bringt die Bonus Tracks gewissermaßen live. Eine weitere Besonderheit im Programm sind Filme in Originalfassungen. Gelegentlich sieht man am Filmwochenende Uni-Dozenten mit einer kleinen Schar Sprachstudenten in diesen Vorstellungen. Auch in diesem Jahr bekommen sie aus dem – fürs Würzburger Festival traditionellen – romanischen Sprachraum wieder vielerlei geboten. „Es könnten aber noch mehr Studenten kommen und den Altersschnitt unseres Publikums senken“, sagt Franz, der verstärkt an der Uni plakatiert. Häufig haben die originalsprachigen Kinofilme keine Untertitel. Einem alten Service des Internationalen Filmwochenendes Würzburg folgend sprechen dann Simultanübersetzer den deutschen Text über Kopfhörer ein. Das gefällt besonders den Kindern, die heuer nicht nur von einer eigenen Programmschiene, sondern auch von der parallel laufenden Schulkinowoche angesprochen werden. Ein Mitorganisator der bundesweiten Aktion, Thomas Schulz, sitzt mit in der Filminitiative. So wurde darauf geachtet, dass das Schul- und das Ini-Angebot einander inhaltlich ergänzen. Beide Ausrichter können Werbematerial gemeinsam verteilen: „Der Mitnahmeeffekt ist jedenfalls größer als die Konkurrenz“, fasst Ini-Vorstandsmitglied Hannes Tietze die Gleichzeitigkeit zusammen.

Der langsame Abschied vom Zelluloid Falls der Frühling wieder Zuschauer abwirbt: Wird der Aufwand insgesamt nicht durch digitale Projektionen geringer, das Festival also billiger und weniger störanfällig? Tietze, Mitbetreiber des Ochsenfurter Programmkinos Casablanca, schnaubt. Die Technik werde durch DCPFilme allenfalls handlicher, mache aber planerisch größere Schwierigkeiten. Denn im Cinemaxx sind noch längst nicht alle Säle digitalisiert. Schlussfolgerung: „Wenn sich zu viele DCP-Filme bewerben, können wir gar nicht alle zeigen. Die Programmauswahl hängt also auch davon ab, wie viele 35-Millimeter-Filme kommen.“ Ob Datenstrom oder Zelluloid – noch stehen nur wenige Titel fest, aber auch die diesjährige Auswahl bestätigt Tendenzen, entnimmt man dem Plaudern der drei Kinofreunde: Die skandinavischen Filmemacher erzählen schwere Geschichten witzig verpackt, während die russischen Kollegen häufig eher mit sprödem Charme daherkommen. Das Filmwochenende lebt von der Neugier seiner Besucher. Christopher Franz sagt: „Viele Filme erscheinen überhaupt nicht auf DVD und in die regulären Kinos kommen sie erst recht nicht. Die kann man ausschließlich bei uns sehen.“

INfo: Die Schaufenster der Stadt sollen, wie beim ­Mozartfest, in den Wochen vorm Internationalen Filmwochenende der Kunst huldigen – hier naturgemäß der filmischen. Im Februar beginnt die Filminitiative Würzburg, Deko-Materialien an die teilnehmenden Geschäfte zu verteilen. Bedingung ist die Verwendung des Plakats, ansonsten sind die Gestalter bei der Wahl ihres Film-Themas vollkommen frei. Anmeldung zum Schaufensterwettbewerb, das Programm und viele weitere Informationen im Netz: | www.filmwochenende.de Vorverkauf von Sammelkarten jetzt schon in den Buchhandlungen Knodt, Neuer Weg, Schöningh am Hubland und 13 1/2 sowie in der VR-Bank. KulturGut 08 | Seite

Theater am Neunerplatz Tel.: 0931- 415 443 www.neunerplatz.de

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Eisenreliefs mit Füßen treten Kanaldeckel, Kopfsteinpflaster, Fußabstreifer: Erinnerungskultur ganz unten Text und Fotos: Gunther Schunk

+ Wir trampeln auf ihnen herum, treten sie mit Füßen, haben keinen Sinn und Verstand für ihren historischen Wert – dabei sind Kanal- und Versorgungsdeckel in den Würzburger Straßen Teil der Alltagskultur, Teil des historischen Gedächtnisses unserer Stadt. Der Würzburger Landschaftsgärtner Wolf von Bodisco hat sich ihrer angenommen. Er läuft gesenkten Hauptes durch die Stadt. Generell. Ja, auch aus Demut. Aus Demut vor den historischen Schätzen, die in den Straßen schlummern. Über die wir alle achtlos hinwegspazieren. Dabei können diese historischen Zeitzeugen beredt erzählen aus der Geschichte unserer Stadt. Deshalb läuft Wolf von Bodisco also in erster Linie gesenkten Hauptes durch die Stadt: Er schaut nach unten auf den Straßenbelag. Dort, im Asphalt oder Kopfsteinpflaster, findet er in Würzburg Kanaldeckel aus rund 130 Jahren Stadt- und Straßengeschichte. Und er ist ihr Sammler, Hüter, Kartograph und Inventarisierer. Er sammelt Kanaldeckel. Natürlich nicht die Kanaldeckel selbst, vielmehr fotografiert und sammelt er sie in Ordnern. Macht Notizen, Anmerkungen, vergleicht und beschreibt. Seit 1996 archiviert er akribisch die Kanal-, Wasser- und Stromdeckel der Stadt und hat mittlerweile ein fast vollständiges Verzeichnis dieser Versorgungsdeckel in Form von sieben Ordnern und rund 700 Fotografien. „Es gibt runde, eckige und ovale, mit Rastermuster oder ohne, mit Namen und Bezeichnungen und gänzlich ohne Hinweise, und die ganz alten haben sogar noch Holzeinlagen!“, schildert der Sammler den Typenreichtum begeistert: „Manche sind richtig künstlerisch und erinnern an expressionistische Gemälde wie die von Macke.“ KulturGut 08 | Seite

Mit Holzeinlage Schon am 6. Januar 1999 schrieb er an das Kulturamt der Stadt Würzburg: „In den letzten zwei Jahren habe ich eine Bestandsaufnahme des Würzburger Altpflasters und von den darin befindlichen Kanalund Versorgungsdeckeln vorgenommen.“ Er zählte damals 200 Altpflasterflächen, „die zum großen Teil in einem ziemlich erbärmlichen Zustand sind“ und ergänzte: „Im Moment noch gut erhalten sind einige schöne Kanaldeckel, die teilweise noch eine Holzfüllung besitzen, was im ganzen Stadtgebiet ungefähr bei 20 Exemplaren zu finden ist. Ein guter Teil der Deckel im Stadtbereich ist 90 bis 120 Jahre alt, manche sogar älter.“ Im Vorläufer des „KulturGut“, „Würzburg heute“ Nr. 68, schrieb er im selben Jahr einen Artikel zur Kultur des Kanaldeckel in Würzburg. „Das verrückte war dann“, grinst von Bodisco heute, „dass ich für Recherchen ins Deutsche Museum nach München gefahren bin, und das einzige Dokument, was man mir dort zum Thema Kanaldeckel geben konnte, war mein eigener Artikel.“ Seine Bestandsaufnahme führte er bis heute weiter. Den Zustand beobachtet er genau. Er hat auch schon einige Kanaldeckel bei Straßenbauarbeiten „gerettet“ und darauf gedrungen, diese zum Beispiel im Tiefbauamt einzulagern. Dort wurden einige in Asphalt gebettet. Seine Lieblingsexemplare hat er als große Fotos aufgezogen. Und wie sieht er die Situation heute, zwölf Jahre nach seinem ersten Brief? „Das Altpflaster verschwindet. Ganz aktuell: Am Peterplatz, an der Löwenbrücke, auf Höhe der Mainkuh, im Zwinger – es wird weniger oder bei

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Sanierungen wesentlich verändert wieder hergestellt“, mahnt von Bodisco. Bei allem Verständnis für die rechtlichen Anforderungen wünscht er sich einen sensibleren Umgang mit diesem historischen Kulturgut.

Zeugen der Wirtschaftsgeschichte

finden sie heute kaum noch Verwendung. Von Bodisco hat selbstverständlich die wichtigsten Exemplare fotografiert und dokumentiert. Genauso wie die Altpflasterflächen. Gleichwohl wird der begeisterte Hobbyhistoriker auch weiterhin gesenkten Hauptes durch die Straßen laufen. Wer weiß, vielleicht entdeckt er ja doch noch eine bislang unbekannte Trouvaille?

Von Bodiscos größter Wunsch ist es, die Kanal- und Versorgungsdeckel in einem Museum auszustellen, zu dokumentieren und einzelne Exemplare auf Plätzen, zum Beispiel vor dem Kulturspeicher, im Boden einzulassen und so der Nachwelt zu erhalten. Schließlich dokumentieren diese Versorgungsdeckel auch einen Teil der Würzburger Wirtschaftsgeschichte. So stammen die ältesten Exemplare (1873 bis 1881) von der Maschinenfabrik und Eisengießerei Bohn-Fasbender & Herber. Mit rund 300 Angestellten fertige diese Firma bis 1936 Kanaldeckel, vor allem aber Druckmaschinen. Dann kaufte Koenig & Bauer das Unternehmen, jedoch wurde dieses „Werk KoeBau II“ 1945 völlig zerstört. An seiner Stelle steht heute das Grombühler Stadtteilzentrum Felix-Fechenbach-Haus. Auch das wäre ein Platz, diesen Teil der Würzburger Wirtschaftsgeschichte mit einigen Kanaldeckel-Exponaten als Zeitzeugen zu illustrieren. Und dann weist von Bodisco noch auf ein vom „Aussterben“ bedrohtes Gebäudeelement hin: die Fußabstreifer neben den Hauseingängen, mit denen man Schuhe vom gröbsten Dreck reinigen konnte. Auch von diesen gibt es in der Stadt noch einige Exemplare, doch KulturGut 08 | Seite

INfo: Auch als ödp-Politiker engagiert sich Wolf von ­Bodisco für den Erhalt der historischen Substanz Würzburgs, als fotografierender Flaneur entdeckt er Gartenlauben als individuell gestaltete Orte ­urbaner Ruhe, blühende Pflanzen im Winter oder die ganz andere Sicht auf Altbekanntes aus der Perspektive des Schwindelfreien. Eine kleine Foto­ausstellung in der Stadtbücherei im Falkenhaus setzt noch bis 4. Februar den demolierten Gleisanlagen am Bahnhof und den geschleiften Gebäuden bis hinüber zur Schweinfurter Straße in einigen ­Detailaufnahmen ein traurig-schönes ­fotografisches Denkmal. | www.stadtbuecherei-wuerzburg.de

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 | Stadt | 

 | Termine  | 

Erinnerungskultur

3. Februar, 16.30 Uhr, Unibibliothek Im Rahmen des „Dialogs Würzburger Erinnerungskultur“ bietet die Unibibliothek allen Interessierten eine eineinhalbstündige Schulung zum Bibliothekskatalog und zu den bibliographischen Datenbanken an. Die Abteilung Fränkische Landeskunde sammelt alle Publikationen, die über Würzburg erscheinen, und verzeichnet alles, was über die Stadt geschrieben wird, in der Unterfränkischen Bibliographie. Die UB steht als Regionalbibliothek allen Bürgern zur Nutzung offen. Die Teilnahme ist kostenlos, Anmeldung beim Fachbereich Kultur, Telefon (0931) 372210, kulturamt@stadt.wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Würzburg im Bild

19. Februar, 11 Uhr, Martin von Wagner Museum Der Museumsdienst der kunstgeschichtlichen Universitätssammlung wird von fachlich spezifizierten Studierenden geleistet, die ihr Thema meist leidenschaftlich beackert haben und sich gerne darüber mitteilen. Das ist schon einen Teilnahmebeitrag von zwei (Kinder einen) Euro wert. An diesem Sonntag führt Julius Goldmanns Streifzug durch die Stadtgeschichte, wie sie in Öl auf Leinwand festgehalten wurde. Der Museumsdienst wechselt seine Sonntagsführungen im Semester wöchentlich zwischen Gemäldegalerie und Antikensammlung. | www.museum.uni-wuerzburg.de

schule in Trägerschaft der Evangelischen Kirche und somit das erste evangelische Gymnasium Unterfrankens (Foto: Konzeptions-Mitverantwortlicher Christian Herpich und Schulstiftungs-Vorsitzender Eberhard Lammerer). Aber ein Drittel der Lehrkräfte bleibt in städtischem Dienstverhältnis, die Schule selbst definiert sich als konfessionsunabhängig offen für jeden, der sich mit Zielen und Inhalten identifizieren kann, und die drei angebotenen Zweige – naturwissenschaftlich-technologisch, wirtschafts- und sozialwissenschaftlich – unterscheiden sich nicht fundamental von denen des städtischen Vorgängers. Was also macht dieses Gymnasium, was macht Bildung „evangelisch”? Worin unterscheidet sich der evangelische Bildungsansatz von anderen und was haben Eltern und Schüler davon? Hausherr Harald Wildfeuer moderiert das Podiumsgespräch im evangelischen Bildungshaus mit Vertretern von Schule, örtlicher und Landeskirche. | www.schroederhaus.de

Deutschen Gesellschaft für Eisenbahngeschichte. Reguläre Öffnungszeiten hat das Museum im Neuen Hafen, das eigentlich nur aus Rangiergleisen und Werkstatt besteht, zwar nicht. Aber samstags und dienstags, wenn die Vereinsmitglieder, meist Ehemalige des Bahnbetriebswerks Würzburg, an den historischen Fahrzeugen schrauben und polieren, darf man gerne mal vorbei schauen (Veitshöchheimerstr. 107b). Eine 1943 ausgelieferte Kriegsdampflok der Baureihe 52, eine Diesellok V100-1200, einige Rangierloks vom Typ Köf und vier Personenwagen aus der Zeit von 1927 bis 1962 gehören zum Bestand. „Richtige“ Öffnungen für Besucher gibt es zwei- bis dreimal im Jahr, und vor allem die Museumsfahrten. Dann geht auch die Dampflok, die wegen einer defekten Achse über den Winter im Bahnhof Plochingen fest saß, wieder auf Fahrt – an diesem Sonntag von Tauberbischofsheim über Würzburg nach Bamberg. | www.eisenbahnmuseum-wuerzburg.de

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Wohnen Bauen Ambiente

50 Jahre Lebenshilfe

Die Aussteller dieser jährlich veranstalteten Messe wenden sich in erster Linie an Renovierende, die individuelle Lösungen für ihr künftiges Wohnen suchen. Zudem liegt ein Schwerpunkt auf Wohndesign. Aber auch über Haussicherung kann man sich kundig machen. | www.messe-bubmann.de

Die Lebenshilfe ist Trägerin von Einrichtungen für geistig behinderte Menschen in Deutschland und Österreich. Der Verein bzw. die GmbH berät deren Angehörige und versteht sich auch als Interessenvertreter dieser Klientel. Genau am 50. Gründungstag des Landesverbands der Lebenshilfe feiern die Bayern mit Bühnenshow und Infoständen unter dem Motto „Gemeinsam stark durchs Leben“. Heute ist der Verband mit Sitz in Erlangen die Dachorganisation von gut 170 Mitgliedern, mit denen er ein umfassendes Netz der Lebenshilfe aufgebaut hat. Zum Feiern sind alle Menschen mit und ohne Behinderung eingeladen. | www.lebenshilfe-bayern.de

10. und 11. März, CCW

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Bildung evangelisch

Sonderfahrt

Seit August 2011 ist das städtische Mozart-Schönborn-Gymnasium eine staatlich anerkannte Privat-

Neben Bochum und Neustadt a. d. Weinstraße ist Würzburg einer von drei Museumsstandorten der

6. März, 20 Uhr, Schröder-Haus

29. April, 11.10 Uhr, Hauptbahnhof

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12. Mai, Unterer Markt


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 weitere Informationen: www.kulturgut.wuerzburg.de

 | Wissenschaft | 

 | Termine  | 

Kilian & Co.

Lorenz Fries als Historiograph Musik für den Ernstfall

Was macht man mit Handschriften, die von höchstem wissenschaftlichem Interesse sind, aber aus konservatorischen Gründen möglichst gar nicht benutzt werden sollten? Man digitalisiert sie. Bis Ende 2013 sollen alle 214 in Würzburg verbliebenen Manuskripte der ehemaligen Dombibliothek online einsehbar sein, gut fünfzig sind es schon jetzt. Die nach der Säkularisation 1803 an die Universität gelangten „Libri Sancti Kiliani“ des Würzburger Domstifts gelten als eine der bedeutendsten Handschriftensammlungen Mitteleuropas. – An diesem Nachmittag folgen Dr. Hans-Günter Schmidt und Kerstin Dößel 90 Minuten der Spur, die die irischen Missionare des 7. und 8. Jahrhunderts in den Beständen der Handschriftenabteilung hinterlassen haben. Und bieten den Teilnehmern der Führung die äußerst seltene Gelegenheit, Frankens „Heiliges Buch“ einmal im Original zu sehen. Ohne Anmeldung. Ohne Gebühr. | www.libri-kiliani.de | www.bibliothek.uni-wuerzburg.de

Prof. Dr. Helmut Flachenecker hält seinen öffentlichen Vortrag über den Bischofssekretär und Chronisten (1489/91 – 1550) im Rahmen des Kongresses „Lorenz Fries und sein Werk. Bilanz und Einordnung“, bei dem heimische Forscher und einige Gäste ihre neuen Erkenntnisse zusammentragen über den Mann, der als Kanzleivorstand, Archivar, Rat und Reichstagsgesandter von drei Würzburger Fürstbischöfen als der bedeutendste fränkische Geschichtsschreiber des 16. Jahrhunderts gilt. Bekannt ist vor allem seine Würzburger Bischofschronik, die bis ins 18. Jahrhundert einfach fortgeschrieben wurde. | www.freunde-mainfranken.de

10. Februar, 16.30 Uhr, Unibliothek

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BildungsArten

11. Februar, 9 bis 18 Uhr, Matthias-Grünewald-Gymnasium Das Zentrum für Lehrerbildung stellt in Form einer Messe ganz verschiedene Arten vor, wie Künste im Unterricht verwendet werden können. Als Roter Faden zieht sich durch die Tagung die Präsenz des Trompeters und Performance-Künstlers Markus Stockhausen (Sohn, ja!). Der gibt am Freitag schon einen Sing-Workshop. Nach den Schülerprojekten, von denen er selbst eins leitet, gibt er um 16.30 Uhr ein Konzert. Eintritt frei, Spenden erbeten. | www.zfl-wuerzburg.de

Fr., 24. Februar, 20 Uhr, Stadtarchiv

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Klostermedizin

27. Februar, 19 Uhr, Matthias-Ehrenfried-Haus Betrachtet man die Zivilisationsgeschichte als eine Geschichte der Gewürze, kann man feststellen: Schon die ältesten Kulturen nutzten sie zum Konservieren und Verfeinern von Speisen ebenso wie als Heilmittel. Neue wissenschaftliche Erkenntnisse bestätigen ihre Bedeutung für die Gesundheit. Dr. Johannes Mayer, Leiter der Forschungsgruppe Klostermedizin am Institut für Geschichte der Medizin, gibt in seinem Vortrag mit dem Untertitel „Gewürze, wertvoll für unsere Gesundheit“ einen Einblick in die Historie des gesunden Kochens und Würzens. Anmeldung bis 27. Februar erforderlich! | www.me-haus.de ++++++++++++++++++++++++

1. März, 19 Uhr, Akademie für Palliativmedizin

Die historischen, ästhetischen und soziologischen Aspekte der Popmusik sind das Hauptforschungsgebiet des Gießener Musikwissenschaftlers und -psychologen Ralf von Appen. In seinem Vortrag über „Tod und Sterben in der Popmusik“ an der Akademie für Palliativmedizin (Juliuspromenade 19) geht er der Frage nach, warum gerade Popsongs für die emotionale Auseinandersetzung mit dem Sterben geeignet sind. Von Appen ist Vorstand des Arbeitskreises Studium Populärer Musik, der diese Kultur angemessen ernst nimmt, und gibt die Online-Zeitschrift Samples heraus. Er betreibt Pop-Interpretationen alles andere als naiv, sondern fragt, was und zu welchem Zweck inszeniert wird. „Die Zeit“ interviewte ihn Ende 2011 als Spezialisten für Authentizität im Pop. Anmeldung bis 23. Februar, Telefon (0931) 393-2281. | www.juliusspital.de ++++++++++++++++++++++++

Pflanzenbörse

13. Mai, 10 bis 18 Uhr, Botanischer Garten Die Uni-Biologen informieren über und verkaufen Pflanzenspezialitäten. Bzw. lassen verkaufen, denn die Wissenschaftler haben Spezialitätengärtnereien und Pflanzengesellschaften aus dem gesamten Bundesgebiet eingeladen. Die Fachleute beraten auch gern über allerhand Gartenfragen. Außerdem können sich die Besucher bei Führungen durch den Botanischen Garten inspirieren lassen. Eintritt 2,50 Euro, Pro-planta-Mitglieder und Kinder bis 16 Jahre frei. | www.bgw.uni-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

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Hochspeziell für Jedermann Alle mittelalterlichen jüdischen Grabsteine Würzburgs in drei Büchern von Gideon Zoryiku / Foto: Benjamin Brückner

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+ Sie liegen wohlbehütet, geordnet in Reih und Glied im Dunkeln. Sie sind ein ganz besonderer Schatz. Der Würzburger Judaist Karlheinz Müller nennt die mittelalterlichen jüdischen Grabsteine im Museum des Gemeindezentrums Shalom Europa „das kulturelle Gedächtnis“. Sehen kann man die Steine nur durch eine Glastür. Mittlerweile sind sämtliche Inschriften digital erfasst, und die bisher umfangreichste Edition über sie ist erschienen. Es war ein sensationeller Fund. So viele jüdische mittelalterliche Grabsteine wie in Würzburg gibt es nirgendwo sonst auf der Welt. 25 Jahre nach ihrer Entdeckung wurde jetzt ein Druckwerk über diesen Fund veröffentlicht. Zehn Jahre lang arbeiteten Müller und seine israelischen Kollegen Simon Schwarzfuchs, Abraham Reiner und Edna Engel daran. Heraus kam eine dreibändige Publikation, zehn Kilo schwer. „Es war ein unglaubliches Projekt und eine der wichtigsten ZusamKulturGut 08 | Seite

menarbeiten zwischen Juden und Nicht-Juden“, sagt der emeritierte Würzburger Theologieprofessor.

Beweis für Bedeutung Obwohl die Veröffentlichung sehr umfangreich ist, betrachtet Müller sie nicht als sein Lebenswerk: „Ich sage das ohne Bescheidenheit.“ Zwar denke er nicht in solchen Kategorien, aber die Steine hätten ihn von seinem eigentlichen „Lebenswerk“ abgehalten. Am liebsten hätte er über die Geschichte des jüdischen Gesetzes von der Perserzeit bis zur Zerstörung des Zweiten Tempels geschrieben. Oder mal etwas über den Prozess Jesu. „Das ist leider nicht möglich gewesen.“ Schon im Hochmittelalter war Würzburg ein bedeutendes Zentrum jüdischer Gelehrsamkeit. Dies belegen die 1455 Grabsteine, die 1987 bei

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Abrissarbeiten im Würzburger Stadtteil Pleich entdeckt wurden. Auf diesen seien 200 Jahre „herausragender religiöser und geistiger Kontur“ abzulesen: „Dieses kulturelle Erbe und Gedächtnis ist für die Jüdische Gemeinde und die Stadt Würzburg von großer Bedeutung“, erklärt Müller. Denn im 13. und 14. Jahrhundert gehörte Würzburg zu einer der „absolut bedeutendsten und führendsten“ Gemeinden in Europa. Alle Informationen auf den Steinen führen Müller zu dem Resümee: Das mittelalterliche Würzburg war eine der Zentralen des „Limmud“ und des „Talmud Tora“ – des Studiums der Lehre.

Die einzigen Zeugen Tatsächlich zeigen Inschriften auf manchen Steinen, dass sich international renommierte Rabbiner und Gelehrte längere Zeit in Würzburg aufhielten oder hier ihre Ausbildung machten. Unter ihnen waren Eliëser ben Natan, sein Schwiegersohn Joel ben Jizchaq hal-Levi, dessen Sohn Elieser ben Joel hal-Levi, Jizchaq Or-Sarua, Meïr ben Baruch von Rothenburg und El’asar ben Mosche had-Darschan. Von einem Gelehrten mit dem Titel „Licht des Exils“ ist gar die Rede. „Wir waren platt, als wir das entdeckten“, sagt Müller. Allerdings hat man nirgendwo Schriften von ihm gefunden, von ihm ist also fast nichts überliefert. Man stieß auf die Namen bekannter Persönlichkeiten, von denen man nicht wusste, dass sie in Würzburg studiert hatten, bis man die Namen auf den Grabsteinen mit denen in der Traditionsliteratur verglich. Müller: „Ohne diese Steine hätte man nie herausfinden können, wie bedeutend die Würzburger jüdische Gemeinde im Mittelalter war.“ DiesWürzburger Juden starben bei der Geburt ihrer Kinder, am Schabbat, an Festen. Sie wurden in Pogromen ermordet, starben im Greisenalter oder als Jugendliche, als Gelehrte, Rabbiner, als Vorbeter und Gemeindeleiter. Somit wird der ganze Bogen jüdischen Lebens auf den Grabmälern erfahrbar. Die Aufgabe der vier Wissenschaftler bestand darin, ihre Forschungsergebnisse einem breit gefächerten Interessentenkreis aus Geschichtswissenschaftlern, Judaisten, Religionshistorikern und Kulturgeschichtlern in einer gut lesbaren Edition vorzulegen. Der ganze erste Band enthält nur Aufsätze. Diese betreffen die Fundgeschichte der Grabsteine, die Einordnung des Friedhofs in die Gesamtentwicklung jüdischer Friedhöfe, das Material und die Dimension der Grabsteine, die Handwerker, die sie anfertigten, die Abkürzungen, dererman sich bediente, und die Entwicklung der Inschriften zwischen 1147 und 1346, Untersuchungen zu den Namen auf den Steinen, zur Altersstruktur der Verstorbenen und zu den genannten Orten, zu Märtyrern, Konvertiten, Ämtern, Gelehrten, Titulaturen und Ehrenbenennungen und vieles mehr.

haben große Erwartungen geweckt, die jetzt durch die Edition erfüllt werden“, so Müller. Nach der Entdeckung wurden die Steine Jahre lang in einer Scheune am Rotkreuzhof gelagert. Dort hatten Studenten sie geschrubbt, gesäubert und fotografiert. Währenddessen wurde das Konzept des neuen jüdischen Zentrums erarbeitet. Heute befinden sich die 1455 Grabsteine im Fundament, im Tiefgeschoss des Gemeindezentrums Shalom Europa. Für Professor Müller ist das programmatisch. Denn das Gebäude wurde um das Depot herumgebaut, „um auf den Richtungssinn jüdischer Grundwerte“, wie auf den Grabmälern beschrieben, aufmerksam zu machen. Ein Richtungssinn, der auch den Weg der jüdischen Gemeinde Würzburgs in eine neue Zukunft bestimmen soll. Die Grabsteine hätten mit der Zukunft der Jüdischen Gemeinde zu tun – und mit dem Haus „Shalom Europa“, von dem diese Zukunft ausschlaggebend abhänge. Ins Zentrum integriert ist die 1970 eingeweihte Synagoge. Das jüdische Altenheim, das früher hier stand, gibt es nicht mehr. An seine Stelle hat die Gemeinde gemeinsam mit der Ronald S. Lauder Stiftung eine Jugendbegegnungsstätte mit Schabbat-Programmen und religiösen Fortbildungskursen für junge Juden aus ganz Europa errichtet.

An-Denken ohne Museumsstarre Die Steine liegen in Reih und Glied auf mehreren Regalen. Sehen kann man sie nur durch eine Glastür. Ihre Ruhestätte ist der einzige Raum im großen Zentrum, in den kein Tageslicht fällt. Das Museum zeigt in der Gebäudeebene darüber eine Dia-Schau zu den Grabsteinen. Und quer im Raum stehen Glasplatten mit den Namen der 895 von den Nationalsozialisten ermordeten Juden aus Würzburg. Die Liste ist nicht einfach zu lesen. Zufall? Keineswegs, es war so beabsichtigt: Beim Lesen fällt der Blick zunächst auf die Geschichte, die Juden auf die Schoah zugeführt hat, die Zeit nach der Schoah und auf die Zukunft. Die Besucher müssen sich die Namen der Ermordeten also buchstäblich erarbeiten. Dadurch lebt die ganze Präsentation. Denn, so Karlheinz Müller: „Wir wollen keinen Friedhof aufstellen, sondern die Steine, die für die jüdische Religion von großer Bedeutung sind.“

Informationen für die Allgemeinheit

INfo: Ab 1. Februar spricht Prof. Karlheinz Müller wöchentlich mittwochs von 18.30 bis 19.15 Uhr im Gemeindezentrum Shalom Europa über wechselnde Aspekte des Grabsteinfundes. Neunmal bis 21. März.

Die eigentliche Edition gibt im zweiten und dritten Band allen hebräischen Grabinschriften zwei Kommentare mit auf den Weg: in deutscher und in neuhebräischer Sprache. Dabei wendet sich die ausführlichere deutsche Erläuterung nicht nur an kundige Insider. „Die Steine KulturGut 08 | Seite

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Erste Inszenierung: Die Spieler der Gemeinschaftsunterkunft stellten alptraumatische Themen in den Vordergrund.

Fröhlichkeit made in GU Asylbewerber machen Theater von Gabriele Antrecht / Fotos: Nico Manger und Dorette Riedel

+ „Clownerie ist das befreiende Lachen mit unterdrückten Tränen.“ Alexander Jansen muss nicht lang überlegen, um auf den Punkt zu bringen, was für ihn das Wesen der Clownerie ausmacht. Der Zirkus fasziniert ihn. Diese Liebe und Leidenschaft teilt der Dramaturg mit der Regisseurin Barbara Duss, die unter anderem Clownerie studierte und mehrere eigene Zirkusprojekte betreibt. Gemeinsam mit dem Ensemble der Gemeinschaftsunterkunft (GU) Würzburg erarbeiten die beiden Theaterleute derzeit eine spritzige Revue, die im Hochsommer die Würzburger Innenstadt mit Leben erfüllen soll: ein farbenfrohes KulturGut 08 | Seite

Spektakel, ein Straßentheater, das Musik und Tanz, Geschichten in vielen Sprachen, Akrobatik und natürlich Clownerie vereint. Mehr als 400 Flüchtlinge leben in einem umzäunten Areal vor den Toren der Stadt. Menschen, die voller Hoffnung in unser Land kamen und nun in einem Wartestand verharren müssen. „Alles ruht da, teilweise jahrelang“, bringt Jansen die Situation auf den Begriff. In dieser Zeit könnten sich die Menschen nicht weiterentwickeln. Die Projekte der Flüchtlingstheatergruppe erscheinen einem wie ein Akt der Befreiung. Ihre erste große Inszenierung, die Collage „Traum

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„Traum vom Leben“ im Sommer 2011.

vom Leben“, entstand aus Erzählungen der Flüchtlinge. Die Theaterbilder verzichten gänzlich auf Kostüme, Requisiten und Schminke. Die Szenen leben allein vom expressiven Spiel der Akteure, die Ausschnitte aus ihrem Leben auf die Bühne bringen. Ungeschminkt erzählen sie von einem Bombenattentat, von den Schrecken der Folter, von ihrer dramatischen Flucht, aber auch von ihren Kindheitserinnerungen, Hoffnungen und Träumen. Im ersten Schritt öffneten sich die Tore der GU für eine begrenzte Zahl an Theaterbesuchern: Die ersten Aufführungen vom „Traum vom Leben“ fanden dort statt. Im zweiten Schritt verließen die Akteure die ehemalige Kaserne in der Veitshöchheimer Straße und spielten in der Würzburger Innenstadt und im Nürnberger Künstlerhaus.

Leitung von Dramaturg Jansen (vormals Mainfranken Theater) und Regisseurin Barbara Duss. Begleitet werden die Schauspieler von den Medizinstudentinnen Hannah Förster und Eva Giese. In diesem Jahr sind sie mit ihrem kleinen Repertoire regelmäßig in der Stadt präsent. „Wir haben bereits mehrere Anfragen von Schulen aus Würzburg und Umgebung und sind zur WeltUni nach Nürnberg eingeladen“, erzählt Jansen, der sich viel von der persönlichen Begegnung zwischen einheimischen Jugendlichen mit Gleichaltrigen aus der GU verspricht. Während der Jugendbuchwochen läuft dazu in Kooperation mit der Stadtbücherei eine Schreibwerkstatt. Inspiriert werden die Teilnehmer durch Gespräche mit dem GU-Ensemble.

Miteinander ins Spiel kommen Das zweite Projekt der Gruppe, eine Lesung mit szenischen und pantomimischen Elementen, stellt die Lieblingsmärchen der Ensemblemitglieder und somit ein Kulturgut aus ihren Heimatländern vor. Und nun arbeiten sie an dem Entwurf einer Utopie, an einem Straßentheater, das Fröhlichkeit verheißen, die Würzburger Innenstadt erobern und die Passanten in seinen Bann ziehen soll. Es ist ihre Befreiung aus dem Kokon: Diesmal wollen sie durch bunte Kostüme und geschminkte Gesichter, auf Stelzen und mit riesigen Puppen die Passanten verzaubern. Die Theatergruppe der GU ist mehr als ein Ensemble. Jansen nennt sie ein „soziokulturelles Unternehmen“. Es gehe darum, mit Würzburgern in Kontakt zu kommen, Deutsch zu lernen und die hiesige Lebenswelt zu erfahren. Letztendlich: Brücken zu bauen. Dieser Aspekt wird auch beim geplanten Straßentheaterprojekt im Vordergrund stehen. Das Straßentheater lebe ohnehin von Interaktion, so Jansen. „Das heißt, jemand spielt etwas vor und irgendwann wird das Publikum einbezogen. Daraus macht der Clown wiederum etwas. Genau das wollen wir: dass man miteinander ins Spiel kommt.“

INfo: Spende mit dem Hinweis „Theatergruppe der GU“ auf das Konto des Vereins Vivovolo, 44936490, Sparkasse Mainfranken Würzburg, BLZ 790 500 00. Bei der Schreibwerkstatt „Fremde Freunde“ berichten junge Asylsuchende aus der ­Würzburger ­Gemeinschaftsunterkunft über ihr Schicksal, die Heimat, die Flucht, die Ankunft in Deutschland. Das nehmen Schüler der 8., 9. und 10. Klassen zum Anlass für Gedichte, Kurzprosa oder ­Reportagen. Creative-Writing-Methoden ­leisten dabei Hilfestellung. Die beeindruckendsten Texte werden im Flüchtlingsmagazin „Heim-­Focus“ veröffentlicht und bei den Schultheatertagen des Mainfranken Theaters durch Schauspieler rezitiert. Die Schreibwerkstatt leiten Alexander Jansen und ­Fatemeh Aryaee Nejad. Termine: 5., 12. und 26. März ­vormittags, Stadtbücherei im Falkenhaus. Der Eintritt ist frei, Anmeldung erforderlich bei Angelika.Riedel@stadt.wuerzburg.de, Telefon 373783.

Fremde Freunde Das junge Ensemble bilden 20 bis 25 Leute aus dem Irak und Iran, aus Äthiopien und Afghanistan. Die Gruppe steht unter der künstlerischen KulturGut 08 | Seite

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 weitere Informationen: www.kulturgut.wuerzburg.de

 | Interkultur | 

 | Termine  | 

La Gata VS. Die Kaktussen 23. Februar, 20 Uhr, Jugendkulturhaus Cairo

Zur Theatersport-Weltmeisterschaft 2006 kam das südamerikanische Impro-Duo erstmals nach Deutschland. La Gata aus Bogota steht für sehr körperliches, phantasievoll-absurdes Improtheater, mit unglaublicher tänzerischer Leichtigkeit agieren die beiden Kolumbianer Urrea und Ortiz in CapoeiraAkrobatik auf der Bühne – kein leichter Gegner, den die Würzburger Lokalmatadoren sich da zur internationalen Begegnung geladen haben. | www.cairo.wue.de ++++++++++++++++++++++++

Interkulturelle Stadttour Der Stadtjugendring entwickelte diesen Weg durch Würzburg für Kinder und Jugendliche aus der Jugendarbeit, organisierte Jugendgruppen sowie -verbände (nicht für Schulklassen und Privatveranstalter!). Denn das Projekt Kulterbunt will in erster Linie zur interkulturellen Öffnung der Organisationen beitragen, indem es die gesellschaftlichen Strukturen bewusst macht, die wesentlich von Migrationsprozessen geprägt werden. Aber auch zur praktischen Verbesserung dieser ­Verhältnisse sollen Gruppenleiter und Ehrenamtliche zwischen 13 und 16 Jahren Schlüsselqualifikationen erwerben, die es ermöglichen, die Einzigartigkeit und Eigenheit des Anderen zu akzeptieren und sich mit dieser Vielfalt im positiven Sinne auseinanderzusetzen. Dem Stadtjugendring geht es darum, Migration und Integration weniger als Problem denn als Chance für die Jugendarbeit zu begreifen. Der Rundgang legt sich nicht auf historische Bau- und Geschichtsobjekte fest, sondern bezieht Aktuelles und interaktive Übungen mit ein. Anmeldungen

bei Swetlana ­Losowski, Telefon (0931) 78007800, swetlana.losowski@sjr-wuerzburg.de. | www.sjr-wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Almaz Böhm sagt „Danke“ 7. März, Programmkino Central

Als Belohnung für die 2011 gewonnene Städtewette mit stolzen 76.768 Euro aus Würzburg hat die Äthiopienhilfe ein Nachmittagsprogramm mit einer Lesung äthiopischer Märchen, landestypischer Musik und Showeinlagen organisiert. Almaz Böhm, mittlerweile Leiterin der Stiftung „Menschen für Menschen“, kommt dazu persönlich nach Würzburg. Die Spende fließt in den Bau einer Schule im Südwesten Äthiopiens. | www.wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++

Gott weiblich

5. Mai bis 25. August, ­Kirche St. Stephan „Begegnungen mit einer verborgenen Seite des biblischen Gottes“ lautet der Untertitel der Ausstellung mit Exponaten aus zehn Jahrtausenden, die am 4. Mai (19 Uhr) in der Würzburger Dekanatskirche St. Stephan eröffnet wird. Die urzeitlichen Göttinnen-Idole und farbigen Mariengemälde sind in dieser Zusammenstellung nun zum fünften Mal zu sehen, die Würzburger Variante der Wanderausstellung des Bibel+Orient Museums im schweizerischen Fribourg hat aber mehrere hervorstechende Eigenheiten. Das Evangelische Bildungszentrum Schröder-Haus und die katholische Domschule Würzburg kooperieren bei der Konzeption mit der ökumenischen CityPastoral und dem Berufsverband Bildender Künstler KulturGut 08 | Seite

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Unterfrankens. Denn die historischen Darstellungen bilden nur einen anschaulichen Schwerpunkt in den fünf Themenräumen, hinzu kommt Gegenwartskunst, beigetragen von heimischen Bildhauern und Malern. Nach Präsentationen in Fribourg, den Diözesanmuseen in Rottenburg und Bamberg sowie in der Heidelberger Jesuitenkirche wird der historische Kernbestand erstmals an einem evangelischen Schauplatz gezeigt. | www.gott-weiblich.de ++++++++++++++++++++++++

Frühling International 17. Mai, 12 bis 17.30 Uhr, Landesgarten

Gleich drei der elf Städtepartnerschaften Würzburgs feiern in diesem Jahr runden Geburtstag: Im Mai 1962 wurden die Verträge mit Dundee und Caen unterschrieben, mit dem schwedische Umeå im April 1992. Für das Jubiläumsjahr hat das städtische Büro International deshalb eine Bürgerreise nach Dundee (9.-15. Mai) organisiert. Die Daheimgebliebenen können sich in zwei Vortragsreihen im Rathaus über Kultur und Geschichte der schottisch-normannischen Nachbarn informieren. Verantwortlich dafür zeichnen die Deutsch-Britische Gesellschaft (5., 12. und 19. März, 9. Mai, 4. Juni, 13. Juli, je 18.30 Uhr) und die Union Bayern-Bretagne (23. April, 7. und 21. Mai, 11. und 25. Juni, 9. Juli, jeweils 18.15 Uhr). Offiziell gefeiert wird im Herbst, den inoffiziellen Auftakt macht an Christi Himmelfahrt das von den internationalen Gesellschaften gestaltete Frühlingsfest. Das bietet neben Leckereien, Musik und Tanz aus aller Welt Spiele zum Kennenlernen und Ausprobieren an. | www.wuerzburg.de ++++++++++++++++++++++++


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Tagen

hinter Klostermauern Historische Klostermauern, verbunden mit moderner Kunst, bieten am Stadtrand von Würzburg ein hochmodernes Tagungsflair. Das klösterliche Ambiente vermittelt Ruhe und Gelassenheit und ist für eine Auszeit für die Seele ebenso geeignet wie für Tagungen und Fortbildungen. Himmelspforten ist ein Haus der katholischen Kirche. Deshalb ist eine christliche Einstellung die Grundlage für unser Miteinander und den Umgang mit den Gästen.

Das Haus verfügt über 84 Zimmer jeweils mit Dusche und WC, Telefonund Internetanschluss. Die Gäste erhalten in Himmelspforten Vollverpflegung. Der Schwerpunkt liegt auf regionalen und saisonalen Gerichten.


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