Issuu on Google+

AFRIKA NISCHES VIERTEL

Ausgabe 01 ˙ 2009 ˙ 3€ ˙ ISSN 1867–7983


Editorial

3

Liebe Leserin, lieber Leser, vor Ihnen liegt die allererste Ausgabe des Magazins »Afrikanisches Viertel«. Möglicherweise kommt es Ihnen irgendwie bekannt vor? Dann kennen Sie vermutlich unser Magazin »Afrika im Wedding«, das 2007 erschienen ist und eine Koproduktion des Weddinger Szeneblattes »Der Wedding« und des deutsch-afrikanischen Magazins »Lo’Nam« war. Das war sozusagen der Probelauf. Mittlerweile hat sich das Projekt weiterentwickelt und wir haben uns entschieden, ein neues Magazin mit einem neuen Namen herauszugeben. Natürlich ist der Wedding als Zentrum der afrikanischen Community in Berlin immer noch unser Ausgangspunkt und Mutterboden. Aber darüber hinaus wollen wir in diesem und in den folgenden Heften unseren Blick auch auf andere Bezirke, Städte und sogar ferne Länder richten. Aber warum heißt das neue Magazin »Afrikanisches Viertel«? Das hat einen lokalen und einen globalen Aspekt. Zunächst einmal gibt es im Wedding seit dem 19. Jahrhundert ein »Afrikanisches Viertel«. Die meisten Straßen dort sind nach deutschen Kolonien in Afrika benannt. Erst die Ghanastraße machte mit dieser Tradition ein Ende. Sie erhielt ihren Namen 1958, zu Ehren des Staates Ghana, der im gleichen Jahr als erstes afrikanisches Land unabhängig wurde (Seite 6). Zum anderen gibt es in vielen großen Metropolen der Welt ein »Afrikanisches Viertel«. Diese Stadtbezirke sind in der Folge von Sklaverei, Kolonialismus und Apartheid entstanden und haben sich, trotz der menschenfeindlichen Bedingungen, unter denen man sie gegründet hat, inzwischen oft zu besonders lebendigen und farbenfrohen Quartieren entwickelt. Eine solche Entwicklung zeichnet sich auch im Wedding ab, dem proletarischen und multikulturellen Hinterhof des Berliner Regierungsviertels. Im Wedding entwickelt sich derzeit eine lebendige afrikanische Infrastruktur von Afro-Shops und Internetcafés, Zopfflechtereien und Restaurants, religiösen Gemeinschaften und Kulturvereinen (Seite 24). Noch steckt alles in den Anfängen. Aber eines Tages, so hoffen wir, wird sich dieser bislang doch eher dröge und allenfalls durch Negativ-Schlagzeilen auffällige Bezirk in ein quirliges, kulturell spannendes »Afrikanisches Viertel« verwandelt haben. In dem möglicherweise nicht sämtliche sozialen Probleme gelöst sind. In dem aber Ideen und Visionen entwickelt werden. In dem die Menschen etwas bewegen. Das Berliner und Touristen anzieht. Das lebt. Inhaltlich hat sich beim »Afrikanischen Viertel« gegenüber »Afrika im Wedding« einiges geändert. Neu ist etwa die Rubrik: »Was macht eigentlich…«. Wir wollen an dieser Stelle in Zukunft das Schicksal von AfrikanerInnen unter die Lupe nehmen, die eine Zeitlang in die Schlagzeilen der Presse gerieten, etwa weil sie von Rassisten überfallen wurden. Was wird aus diesen Menschen, nachdem die Kameras abgeschaltet sind (S. 36)? Ebenfalls neu sind die »Kunst und Kultur«-Seiten, auf denen wir in Zukunft regelmäßig über die vielfältige afro-berlinische Kulturszene berichten wollen (S. 42). Das Magazin »Afrikanisches Viertel« ist entstanden dank vieler Menschen, die an die Zukunft des Wedding und seiner afrikanischen Community glauben. Wobei, wie ja oft bei solchen Projekten, ein gehöriges Maß an Selbstausbeutung im Spiel war. Aber das war es uns wert. Viel Spaß beim Lesen wünscht Ihnen Ihr Redaktionsteam Afrikanisches Viertel.


4

Inhalt

G E S C H I C H T E N D E S V I E RT E L S

3 5

Editorial Grußwort

6

Viele Grüße in die Ghanastraße! Wie fünf junge Ghanaer nach Berlin kamen und was aus ihnen geworden ist.

11

Hoffnung auf die Soziale Republik Der afrikanische BVG-Fahrer und Politaktivist Martin Dibobe

14

Auf der Suche nach Otto Müller Israel Kaunatjike und sein deutscher Großvater

FOTOGRAFIE

17

Akinbodé Akinyibi »Afrikanisches Viertel«

AU S D E R C O M M U N I T Y

24

Wie ein Fisch im Wasser Petra Strähle

26

Sidikie Cokers Kinderprojekte im Wedding und in Afrika

28

Alte und neue Heimat der Africa Market von Monsieur Ebeny

30

Mode made in Wedding Viktor Ankobeas Atelier in der Lüderitzstraße

32

Einparken mit dem Bücherbus Koulako Keita

34

Irgendwann verdiente ich mehr als ein Professor… Sampson Adjei, Unternehmer

WA S M AC H T E I G E N T L I C H …

36

Die Definition von Demokratie Mohammed Abdel Amine und die Rathenower Flüchtlingsinitiative

K U N S T U N D K U LT U R

42

Mit Musik die Festung Europa knacken Jimmy Bamba, Musikredakteur

44

Afrika gibt es gar nicht Ein Interview mit der Malerin Maria Manuela Sambo

48

Schwarze Körper weiße Blicke Wann endet der Mythos des afrikanischen Tanzes?

50

Erfolg in der Nische Afrikanisches Kino in Berlin

47

Impressum


Grußwort

5

Liebe Leserin, lieber Leser, Liebe Afrikanerinnen und Afrikaner, Liebe Deutsche mit afrikanischem Hintergrund, in Berlin leben mindestens 18.000 AfrikanerInnen, so jedenfalls sagt es die Statistik. In dieser Statistik ist weder die Zahl der Deutschen mit afrikanischem Hintergrund noch die Zahl der Afrikaner mit ungeklärtem Herkunftsland erwähnt. Unterschiedlich sind ihre Traditionen, Kulturen und ihre Weltanschauungen, unterschiedlich sind auch die deutschen Gemeinschaften, mit denen sie in Nachbarschaft leben. Allen gemeinsam ist, dass sie mit vielen Problemen und Schwierigkeiten konfrontiert sind, die das Leben in einer fremden Umgebung mit sich bringt. So hatten wir im Jahr 2005 die Idee, mit der Gründung des Afrika-Rates in Berlin und Brandenburg einen Beitrag dafür zu leisten, dass sich die unterschiedlichen afrikanischen Projekte, Vereine und Initiativen untereinander besser kennen lernen und auch die Beziehungen zur deutschen Mehrheitsgesellschaft intensiviert werden. Der Rat nahm seine Tätigkeit im Jahr 2006 auf. Er versteht sich als Anlaufstelle und Netzwerk für interkulturelle Begegnungen, für Vermittlung von Integrationshilfen, für die Bereitstellung von psycho-sozialer Beratung. Er arbeitet sehr eng mit dem Migrationsrat und dem Landesbeirat zusammen. Er beteiligt sich an kommunalen und landespolitischen Unternehmungen und unterstützt die Bemühungen für Integration auf der Ebene der Länder Berlin und Brandenburg. Wir möchten, dass es von einem Nebeneinander zu einem Miteinander von AfrikanerInnen untereinander und mit Deutschen kommt. Die Erfahrung, dass man in allen Verschiedenheiten eins sein kann im Geist der Geschwisterlichkeit, machen wir immer wieder. Sie ist wichtig in einer Zeit, in der Verschiedenheit eher als Bedrohung denn als Bereicherung erlebt wird. Für diese Erfahrungen möchten wir auch in Zukunft eine Plattform und eine zuverlässige Anlaufstelle sein, um die Einheit untereinander zu stärken. Diesem Ziel dienen unsere vielfältigen Aktivitäten wie die Veranstaltung von Seminaren, Workshops und Konferenzen, die Arbeit mit den Kulturgruppen, Gospelchören und die Beratung in bestimmten Einzelfragen. Denn wir sind überzeugt: je besser wir miteinander vernetzt sind, je besser wir einander kennen und einander helfen, desto stärker wird unsere Einheit werden, der wir uns mit unserer Arbeit verpflichtet fühlen. Mit dem Berliner Bezirk Wedding verbindet der Afrika-Rat einen traurigen Teil der deutschen Geschichte, der sich zum Beispiel in den Straßennamen im sogenannten Afrikanischen Viertel widerspiegelt. In der Vergangenheit hat sich der Afrika-Rat intensiv für die Umbenennung der »Mohrenstraße« eingesetzt. »Mohr« ist eine entwürdigende und diskriminierende Bezeichnung für Menschen aus Afrika. Auch im Wedding gibt es einige Straßen, die umbenannt werden sollten. Es kann nicht sein, dass in der Hauptstadt eines demokratischen Staates, der sich zudem seit langem klar und eindeutig von seiner kolonialen Vergangenheit distanziert, immer noch Straßen nach Betrügern und Massenmördern benannt werden. Wir hoffen, dass die BVV in dieser Sache den direkten Kontakt mit uns sucht, um eine dauerhafte Lösung zu finden. Diakon Alimamy L. Sesay (Vorsitzender Afrika-Rat, Berlin-Brandenburg e.V.)


6

Geschichten des Viertels

Einweihung der Ghanastraße | 1958

Viele Grüße in die Ghanastraße! Wie fünf junge Ghanaer nach Berlin kamen und was aus ihnen geworden ist. TEXT

Ursula Trüper

FOTOS

Landesarchiv Berlin | privat

Mit einem Foto fing alles an. Es zeigt fünf junge Afrikaner, vier Männer und eine Frau, unter einem Schild der Ghanastraße im Afrikanischen Viertel im Wedding. Auf der Rückseite des Fotos ist zu lesen, wann es gemacht wurde und warum. Nämlich am 17.7.1958 anlässlich der Namensgebung der Ghanastraße. Bei dieser Gelegenheit hatte man auch mehrere »Studenten aus Ghana (in Berlin studierend)« eingeladen. Im Juli 2008, also genau ein halbes Jahrhundert nach dem damaligen Fototermin, schickte ich eine Mail in die Welt: »Wer kennt die fünf abgebildeten Ghanaer? Wir würden sie gerne für unser nächstes Afrika-Magazin interviewen«. Danach geschah erst mal lange nichts. Dann erhielt ich eines Tages folgende Mail:


Geschichten des Viertels

7

Frank Kwami | Ivy Rau | Gisela Kwami

Frank Kwami »Ich denke, ich kenne die Ghanaer auf dem Foto. Hoffe, dass ich die Namen hinbekomme (von links): 1. Emanuel Sekyi (Arzt), 2. Ivy Rau (auch Medizinerin, verheiratet mit einem deutschen Fotografen) 3. Paul Appiagyei. 4. Francis Nkrumah, ältester Sohn von Kwame Nkrumah. 5. Alex Adomako. Alle fünf waren enge Freunde meines Vaters (der etwas rechts, außerhalb des Fotos stehen müsste). Mein Vater ist nach Ghana zurück, wo er heute noch lebt. Ich lebe mit meiner Mutter und meinen drei Geschwistern in Berlin. Ich hoffe, dass Du Erfolg hast mit Deiner Recherche. Lg. Mark Kwami.« Die erste Spur! Ich treffe mich mit Mark Kwami in seinem Laden mia (für Made in Africa) in der Elberfelder Straße in Moabit. Kwami betreibt einen Handel für afrikanisches Design. Seine frühen Kinderjahre hat er in Ghana verbracht. Er gibt mir die Telefonnummer seines Vaters. Als ich Professor Frank Kwami in Accra anrufe, erinnert sich der 76-jährige noch genau an den Tag, an dem die Ghanastraße ihren Namen erhielt. »Es war vormittags gegen 11 Uhr. Ich war damals Senior-Student, das heißt man hat mir erzählt, dass wir dort eingeladen sind und ich habe das den anderen Studenten aus Ghana weitergesagt. Ich selber konnte leider nicht anwesend sein. Ich hatte Vorlesungen,« sagt Kwami und lacht. »Ich war ein sehr gewissenhafter Student.« Frank Kwami ist nicht der erste in seiner Familie, der eine Ausbildung in Deutschland macht. Sein Großvater Robert Kwami hatte, noch zu Kaisers Zeiten, ebenfalls eine Zeitlang

in Deutschland gelebt, in Bremen. Im Auftrag der Bremer Mission hatte er die weite Reise unternommen, um Prediger zu werden. Enkel Frank hingegen entscheidet sich für ein eher handfestes Studium – Maschinenbau an der Technischen Universität. Möglich wird dies durch ein Stipendium des soeben unabhängig gewordenen Staates Ghana. Staatschef Kwame Nkrumah hat ehrgeizige Pläne – für Ghana und für ganz Afrika. Er setzt alles daran, in möglichst kurzer Zeit eine afrikanische Elite heranzuziehen, die die alte koloniale Oberschicht ersetzen soll. Nicht nur Studenten aus Ghana werden damals gefördert, sondern Studenten aus dem gesamten afrikanischen Kontinent. Nach dem Examen arbeitet Frank Kwami als wissenschaftlicher Assistent an der TU und schreibt gleichzeitig seine Doktorarbeit. An den Titel erinnert er sich noch: »Grundlagen der Antriebstechnik«. In dieser Zeit heiratet er auch und seine vier Kinder kommen zur Welt. 1969 kehrt der junge Wissenschaftler mit seiner ganzen Familie nach Ghana zurück. Sie lassen sich in der ehemaligen Hauptstadt Kumasi nieder, wo Dr. Kwami an der dortigen Technischen Universität zunächst als Professor und später als Präsident tätig ist. Mittlerweile ist er längst im Ruhestand. Noch immer ist er dankbar für die Möglichkeiten, die ihm das Bildungsprojekt Nkrumahs geboten hat. »Ohne das Stipendium,« sagt er, »hätte sich meine Familie mein Studium nicht leisten können.«


8

Geschichten des Viertels

2

Ivy Rau, geb. Welsing

Gisela und Frank Kwami

Beryl Adomako | Helga Sekyi

Die meisten Straßen im Afrikanischen Viertel erinnern an den europäischen Kolonialismus in Afrika – bis auf die Ghanastraße. Sie erhielt ihren Namen 1958 anlässlich der Unabhängigkeit Ghanas als erstem afrikanischem Staat.

Wenige Wochen danach trifft eine weitere Mail bei mir ein, von Uwe Rau, der mir mitteilt, dass es sich bei der einzigen Frau auf dem Foto nicht um seine Frau handle. Trotzdem will ich natürlich mit ihr sprechen. Ivy Rau gehörte, ebenso wie die unbekannte Frau auf dem Foto, zu den wenigen ghanaischen Frauen, die damals in Berlin studierten. Sie ist Ärztin und hatte bis zu ihrer Pensionierung eine Praxis in Mölln. Sie besitzt dort auch ein Haus und einen Teil des Jahres verbringen sie und ihr Mann in Schleswig-Holstein. »Mein Vater,« erzählt sie, »wollte mich eigentlich nach England schicken. Wir waren ja Teil des britischen Commonwealth.« Und tatsächlich geht die junge Ivy Welsing zunächst nach London. »Und dann kam plötzlich unser Vertreter,« erinnert sie sich, »und sagte: Es gibt eine große Veranstaltung in Moskau mit ausländischen Gästen aus aller Welt. Ob jemand von uns mitwolle? Wir müssten natürlich unsere Fahrt selber bezahlen.« Die große Veranstaltung in Moskau waren die »Weltfestspiele der Demokratischen Jugend« von 1956. Ivy, jung und abenteuerlustig, spart sich die Reise zusammen. Sie ist begeistert: »Es war fantastisch: diese Stadt und auch die Menschen, die uns alle bewundert haben. Also wir wurden nicht etwa angeglotzt, sondern es gab echtes Interesse an uns.« Danach hat Ivy keine Lust mehr, nach London zurückzukehren. Dort hat sie sich oft recht verlassen und einsam gefühlt. Zudem ist das Leben in London teuer und sie weiß nicht, wie lange ihr Vater ihr das Studium überhaupt noch finanzieren kann. Einer ihrer Kommilitonen erzählt ihr, dass es neuerdings ein besonderes Förderprogramm für Studenten aus Ghana gibt. Ivy überlegt nicht lange und sagt zu. Ihr neuer Studienort ist allerdings nicht Moskau, sondern Leipzig. Sie wohnt in einem internationalen Studentenheim und paukt erst mal deutsch. »Ich habe mich dort sehr wohl gefühlt,« erzählt sie. Leipzig mit seinen vielen Studenten aus der Dritten Welt und aus dem gesamten Ostblock hat schon zu DDR-Zeiten internationales Flair. Nur schade, dass es zu dieser Zeit in der gesamten DDR keine anderen Ghanaer gibt. Und so entschließt sie sich schließlich, nach Westberlin überzusiedeln. Dort gibt es bereits eine ghanaische Botschaft, und dort gibt es vor allem eine ghanaische Community. Im Wintersemester 1958/59 schreibt sich Ivy Welsing an der Freien Universität ein, für das Fach Medizin. Auch sie erhält nun ein Stipendium ihres Heimatlandes. Und sie erfüllt die Erwartungen, die man in sie setzt: ihr Studium schließt sie mit Auszeichnung ab. Doch zuvor lernt sie einen jungen Fotografen namens Uwe Rau kennen, der noch heute von den wilden Festen von damals schwärmt. »Da wurde ausschließlich zu ghanaischer Musik getanzt, Ghana Highlife. Diese Musik erfreute sich in meinem Freundeskreis einer außerordentlichen Beliebtheit.« Getanzt wurde überhaupt sehr häufig. Auf privaten Partys oder in den jeweils angesagten Lokalen. Zum Beispiel im »International« in der Schöneberger Hauptstraße. »Dort gab es die heißeste Musik Berlins,« erinnert sich Rau. »Und dort war der Treffpunkt für die afrikanischen Studenten mit den Berlinerinnen.« Ivy und Uwe hatten meist einen Sonderstatus: »Sie war die einzige schwarze Frau und ich der einzige weiße Mann.« Von der Familie Rau erhalte ich den Hinweis auf eine weitere Spur: Helga Sekyi in Spandau.


Geschichten des Viertels

9

Emanuel Sekyi

Beryl und Brian Adomako

Anne und Francis Nkrumah

Familie Sekyi in Ghana

»Aber das ist ja mein verstorbener Mann,« ruft Helga Sekyi spontan, als sie zum erstenmal das Ghanastraßen-Foto sieht. »Der junge Mann ganz links, das ist er!« Kennen gelernt hat sie ihn 1960 beim Weihnachtsball im Hotel Hilton. Sie war dort mit zwei Freundinnen. Und außerdem war da auch eine ganze Clique von gutaussehenden, elegant gekleideten, tanzbegeisterten jungen Männern aus Afrika. Einer von ihnen hat sie immer wieder aufgefordert. Emanuel Sekyi hieß er, er studierte Medizin an der FU und er stammte aus Ghana. 1968, nach Sekyis Abschlussexamen, heiraten Emanuel und Helga. Da ist Kwame Nkrumah, der durch seine kompromisslos antikoloniale Politik den Unmut des Westens erregte, bereits seit zwei Jahren durch einen Militärputsch gestürzt. Der Internationale Währungsfonds erhält Einfluss auf die ghanaische Wirtschaft. Hohe Arbeitslosigkeit, politische Destabilisierung und eine katastrophale Versorgungslage für die Bevölkerung sind die Folge. Dennoch ist es für den frisch gebackenen Mediziner selbstverständlich, dass er nun nachhause zurückkehrt, um beim Aufbau seines Landes zu helfen. Er reist zunächst voraus, um für seine mittlerweile dreiköpfige Familie eine Existenz aufzubauen. 1972 folgen ihm seine Ehefrau mit der kleinen Tochter Simone. Die Familie lässt sich in Mampong nieder, einer kleinen Stadt, nicht allzu weit entfernt von Kumasi. Dort arbeitet Dr. Sekyi an einer großen Klinik, zunächst als Chirurg, später als Chefarzt. »Die Umstellung war für mich natürlich riesengroß,« erinnert sich Helga Sekyi. »Aber ich war neugierig. Ich wollte das Land kennen lernen. Ich bin in die kleinen Dörfer gegangen und habe mich, so gut es ging, mit den Leuten unterhalten. Auch das ungewohnte afrikanische Essen hat mir immer besser geschmeckt.« Doch es wird immer schwieriger, Wasser, Lebensmittel und Benzin für das dringend benötigte Auto aufzutreiben. 1981 entschließen sich die Sekyis, wieder nach Deutschland zurückzukehren. Emanuel Sekyi mit schwerem Herzen. Dieses Mal geht es umgekehrt. Zuerst reist Helga Sekyi voraus »mit den Kindern, meinem Schnellkochtopf und den Fotoalben.« Sie lebt zunächst bei ihrer Mutter in Haselhorst, bis sie Arbeit gefunden hat und eine Wohnung. Danach kommt auch Emanuel Sekyi nach Berlin. Mit über 50 Jahren fängt er noch einmal ganz von vorn an. Er eröffnet eine Praxis in der Pariser Straße. Aber es ist ihm nicht vergönnt, diese noch lange zu betreiben. 1989 stirbt er mit 58 Jahren.


10

Geschichten des Viertels

Francis Nkrumah Von den Raus erhalte ich auch die Telefonnummer von Francis Nkrumah, dem ältesten Sohn von Kwame Nkrumah. Auf dem Foto ist er der zweite Mann von rechts. Obwohl schon längst pensioniert, ist Professor Nkumah immer noch ein vielbeschäftigter Mann. Als ich in Accra anrufe, ist er gerade auf einer Konferenz im Ausland. Damals in Berlin studierte er Medizin und machte 1962 seinen Doktor zum Thema: »Untersuchung über die Häufigkeit von Arteriosklerose-Komplikationen, insbesondere Coronarsklerose und Myokardinfarkt bei der Bevölkerung von Ghana Westafrika.« Später ging Nkrumah in die USA und spezialisierte sich als Kinderarzt. Danach arbeitete er lange Zeit als Professor für Kinderheilkunde an der Universität von Harare/Zimbabwe. 1990 kehrte er nach Ghana zurück, wo er das Noguchi Memorial Institute in Accra leitete, eine Forschungseinrichtung, die sich mit der Entwicklung von Impfungen für tropische Krankheiten wie Meningitis und Malaria beschäftigt. Ich schicke ihm per Mail das Foto und bitte ihn, ein wenig über seine Zeit in Berlin zu erzählen. Die Antwort kommt prompt. »Das Bild hat mich auf die Erinnerungsspur gesetzt,« schreibt Professor Nkrumah. »Wie schnell die Jahre vergangen sind! Ja, der zweite Mann von rechts bin ich und neben mir steht Paul Appiagyei, der Agrarwissenschaft an der TU studierte. Traurigerweise starb Paul vor einigen Jahren. Er hat an unserer Technischen Universität in Kumasi gelehrt. Irgendwie kann ich mich aber nicht an die junge Frau auf dem Bild erinnern. Nun zu mir. Ich wurde im April 1935 in Ghana geboren und kam 1954 nach Deutschland. Ursprünglich war ich an der Universität Würzburg und ging dann 1958 an die Freie Universität Berlin, um mein Medizinstudium und meine Zeit als Assistenzarzt abzuschließen. Nach Ghana bin ich 1963 zurückgekehrt. Berlin war in der Tat eine aufregende Stadt, obwohl sie geteilt war. Da sie eine so kosmopolitische Stadt war, gab es wenig eigentliches ›Studentenleben‹. Aber wir haben unsere Geselligkeit auf unsere eigene Art organisiert. Ich erinnere mich auch noch gut an das historische Ereignis des Mauerbaus, während wir dort waren.« Seit 2001 ist Professor Nkrumah pensioniert, beteiligt sich jedoch noch immer an der Forschungsarbeit seines Instituts. »Ich frage mich manchmal, was eigentlich die genaue Definition von Pensioniert-sein ist«, pflegt er auf die Frage, ob er nicht irgendwann mal aufhören wolle, zu antworten. »Wenn ich das herausgefunden habe, werde ich entscheiden, was ich weiter tun werde.«

Brian Alex Adomako

Dann kommt noch eine Mail aus Ghana. Von Herrn Dipl. Ing. Brian Alex Adomako: »Ich wohne in Téma bei der ghanaischen Hauptstadt Accra seit 1970. Ich war in Deutschland von 1954 bis 1968 und studierte Schiffsmaschinenbau an der TU Berlin. Während dieser Zeit machte ich Praktika oder studierte in Stuttgart, Ludwigsburg, Bremen, Bremerhaven, Kiel, Lübeck, Hamburg, Hannover, Berlin, München, Düsseldorf, Leipzig, Vegesack, usw.« Auf dem Bild steht Brian Adomako ganz rechts, direkt hinter der Straßenschildstange. »Ehrlich gesagt,« schreibt er weiter, »ich kann mich nicht daran errinnern, wie die Ghanastraße eingeweiht wurde. Denn damals gab es so viele Einladungen. Das Bild hat mich sehr überrascht. Die meisten von den Kommilitonen leben inzwischen leider nicht mehr. Mit den wenigen, die noch leben, gibt es leider auch nicht mehr so viel Kontakt. Jeder von ihnen ist über 70 Jahre alt und bleibt lieber mehr zuhause mit der Familie. Nach dem Studium an der TU, im Jahre 1962, arbeitete ich bei der AEG-Turbinenfabrik in Moabit für zwei Jahre als design engineer. Danach ging ich zur See als Schiffsingenieur. Meine ehemalige Frau Beryll und die Kinder, Roy und Abenaa können mehr über mich erzählen.« Wie sie ihren geschiedenen Mann kennengelernt hat, weiß Beryll Adomako noch genau. Es war an ihrem 21. Geburtstag. Sie gab eine Party und ihre Freundin Ivy Welsing hatte einen Landsmann mitgebracht: Brian Adomako. Es scheint gleich gefunkt zu haben, denn seit dieser Zeit sind Beryll und Brian unzertrennlich. Sie verabreden sich fürs Kino und zum Schiffsbauer-Fest an der TU. Außerdem organisieren die Studenten aus Ghana jedes Wochenende irgendwelche Feste oder Partys. »Wir haben uns jede Woche ein anderes Kleid genäht«, erinnert sich Beryll Adomako. 1962 schließt Adomako sein Studium als Schiffsbauingenieur ab, heiratet, seine Tochter Abenaa kommt zur Welt. Nach einem Intermezzo bei der AEG-Turbinenfabrik in Moabit bewirbt er sich erfolgreich um einen Job bei der englischen Black Star Line. Seine Aufgabe ist es, monatelang als Schiffsingenieur auf einem Frachtschiff Dienst zu tun. Und die Familie? Die Adomakos beschließen, gemeinsam zur See zu fahren. Auch Abenaa und später der kleine Bruder Roy kommen mit. Fünf Jahre lang, bis Abenaa ins schulpflichtige Alter kommt, schippert die Familie zwischen England, Afrika und den USA über die Ozeane. »Das war eine wunderbare Zeit,« berichtet Beryll Adomako mit leuchtenden Augen. Gewiss, die Sakuma Lagoon ist ein Frachtschiff und kein Luxusdampfer, doch den Adomakos wird nicht langweilig. Auch die Ehefrau und der kleine Sohn des Kapitäns leben an Bord. Es werden Feste und Bälle organisiert und in den Häfen kann man in den Räumen der seaman mission tanzen gehen. Dann beschließt Brian Adomako, nach Ghana zurückkehren. Der erfahrene Schiffsbauingenieur mit dem Auslandsstudium wird dort mit offenen Armen empfangen. Er wird Direktor des Trockendocks in Téma, dem Haupthafen von Ghana. Seine Zeit an Bord der Sakuma Lagoon hat er nicht vergessen. Er hat sich ein Haus in Form einer Schiffsbrücke erbauen lassen, ganz aus Holz, mit Bullaugen und auf Säulen, in dem er heute noch lebt. »Viele schöne Grüße aus Ghana an die Einwohner der Ghanastraße und von ganz Wedding,« schreibt Brian Adomako zum Abschied in seiner Mail. »Wenn ich wieder in Berlin bin, komme ich bestimmt die Ghanastraße und das Afrikanische Viertel besuchen«.


Geschichten des Viertels

11

Hoffnung auf die

der afrikanische BVG-Fahrer und Politaktivist Martin Dibobe

TEXT

Ursula Trüper

BILD

Archiv BVG

In tadelloser Uniform und strammer Haltung steht er neben seinem U-Bahnwagen an der Warschauer Brücke und lächelt selbstbewusst in die Kamera. Der schwarze Zugführer war seinerzeit eine Berühmtheit in Berlin. Wenn er Dienst hatte, so wird berichtet, liefen die Fahrgäste zusammen, um ihn anzustaunen. Er hieß eigentlich Quane Dibobe und kam 1876 in Kamerun zur Welt. Als Kind besucht er die Missionsschule, wo er nicht nur lesen und schreiben lernt, sondern auch auf den Namen

Martin getauft wird. Mit 20 Jahren geht er nach Berlin. Er und mehrere seiner Landsleute hatten sich verpflichtet, bei der Berliner Gewerbeausstellung von 1896 als Vertreter Kameruns aufzutreten. Für dieses gesellschaftliche Großereignis, das über sieben Millionen Zuschauer anzog, hatte man damals den Treptower Park komplett umgebaut und in ein riesiges Ausstellungsgelände umgewandelt. Ein wichtiger – und für die Ausstellungsbesucher sicherlich der interessanteste – Bestandteil der Gewerbeausstellung war die Erste Deutsche Colonial-


12

Geschichten des Viertels

Ausstellung. Über hundert Afrikaner aus den verschiedenen deutschen Kolonien hatte man angeworben. Ihre Aufgabe bestand darin, im Treptower Park »afrikanisches Alltagsleben« zu simulieren. Am Karpfenteich stand ein »Negerdorf«, das die Afrikaner nun – in exotische Kostüme gehüllt – mit Leben zu füllen hatten, indem sie trommelten, tanzten, sangen, auf Kamelen ritten oder in Einbäumen auf dem Karpfenteich ruderten. Ein Reporter der Berliner Illustrirten Zeitung berichtet begeistert: »Mit geschickter Ausnutzung der vorhandenen Örtlichkeit, an den idyllischen Ufern des Karpfenteichs, sind hier unseren schwarzen Landsleuten die heimatlichen Hütten wiedererstanden, so dass sie sich, abgesehen vom Klima, wie zuhause fühlen.« Dass sich die Afrikaner im Treptower Park wie zuhause fühlen, ist eher unwahrscheinlich. Sechs Monate lang, von Mai bis Oktober 1896, werden sie von morgens bis abends angestarrt. Nach Feierabend wohnen sie in engen Gemeinschaftsbaracken. Ein Privatleben ist da nicht möglich. Es ist ein kühler regnerischer Sommer, und mehrere von ihnen erkranken an dem ungewohnten Klima. Drei von ihnen sterben sogar. Hin und wieder kommen Mitarbeiter des Berliner Völkerkunde-Museums vorbei, um ihre Schädel zu vermessen und sich Notizen über ihre »Rassenmerkmale« zu machen. Lediglich einige Berlinerinnen, die mit den gutaussehenden jungen Afrikanern flirten, bringen eine gewisse Abwechslung in den tristen Ausstellungsalltag – weswegen ihnen prompt in der konservativen Presse »Würdelosigkeit« und »mangelndes Rassebewusstsein« vorgeworfen wird. Die jungen Leute aus den Kolonien hatten offensichtlich nicht damit gerechnet, in Deutschland wie die Zootiere ausgestellt zu werden. »Gar nichts wurde uns beigebracht,« beklagt sich beispielsweise Dibobes Kollege Friedrich Maharero aus der Kolonie Deutsch-Südwest-Afrika. »Wir haben nur mit Pferden reiten müssen und wurden gekleidet und gedrillt wie Soldaten.« Vermutlich hatten viele der anwesenden Afrikaner gehofft, auf der Gewerbeausstellung, die ja eine Leistungsschau der neuesten technischen Errungenschaften war, sich einiges an deutschem Know How aneignen zu können. Dibobe lässt sich nicht entmutigen. Er beschließt, nach dem Ende der Kolonialausstellung in Berlin zu bleiben und beginnt eine Schlosserlehre bei der Firma Conrad Schultz in Straußberg. Außerdem nimmt er sich ein eigenes Zimmer bei der Familie Noster in der Sophienstraße 14 in Berlin-Mitte. Und er verliebt sich: in Helene Noster, die Tochter seiner Vermieter. Anfang 1900 verloben sich die beiden. Doch vor eine Heirat haben die deutschen Behörden einige Hindernisse gesetzt. Wie viele Menschen aus den Kolonien verfügt Martin Dibobe nicht über die notwendigen Papiere. Er schreibt nach Kamerun, man möge ihm die entsprechenden Bescheinigungen schicken, aber nichts tut sich. Schließlich reißt ihm die Geduld. In perfektem Behördendeutsch schildert er der Kolonialabtei-

lung des Auswärtigen Amtes seine Lage: »In Anbetracht der Dringlichkeit bitte ich die Kolonial-Abteilung ganz ergebenst: mir die zum Zwecke meiner hier stattfindenden Verheirathung nöthigen gesetzlichen Papiere ausstellen resp. das Weitere gefälligst veranlassen zu wollen und nochmals die dringende Bitte um hochgeneigte Beschleunigung dieser Sache auszusprechen. Hochachtungsvoll ergebenst Martin Dibobe.« Es dauert dann noch ein halbes Jahr, bis die ersehnten Papiere endlich da sind und das junge Paar heiraten kann. »Für Afrikaner auf deutschem Hoheitsgebiet war es vor dem Ausbruch des ersten Weltkrieges nicht selbstverständlich, dass sie weiße Frauen heiraten durften,« sagt die Sozialhistorikerin Eve Rosenhaft von der Universität Liverpool. Gemeinsam mit ihrem Kollegen Robbie Aitken forscht sie seit mehreren Jahren über das Leben von Afrikanern im kaiserlichen Deutschland und in der Weimarer Republik. »Dass es Dibobe gelang, eine Familie zu gründen,« so die beiden Wissenschaftler, »ist als seltener Glücksfall anzusehen.« 1902 tritt der junge Familienvater eine Stelle bei der neu eröffneten Hoch- und Untergrundbahn an, dem modernsten Verkehrsmittel im damaligen Berlin. Er wird zunächst als Zugabfertiger beschäftigt, steigt aber bald zum Zugführer auf. Später schreibt er stolz: »Durch Fleiß und einwandfreies Betragen habe ich mir eine Vertrauensstellung erworben und bin seit dem Jahr 1902 in ungekündigter Stellung als Zugführer 1. Classe thätig.« Der Alltag der Familie Dibobe ist sicher nicht einfach. Nur die wenigsten Deutschen kennen leibhaftige Afrikaner aus eigener Anschauung und begegnen ihnen mit einer naiven Neugier, die sicher für die Betroffenen nicht besonders angenehm ist. Doch spielt offensichtlich der aggressive Rassismus, der auch damals schon in völkisch-konservativen Kreisen gepflegt wird, im Alltag noch keine große Rolle. Jedenfalls klagen die entsprechenden Presseorgane immer wieder darüber, »dass noch weiten Kreisen in Deutschland das Gefühl dafür fehlt, was wir unsrer Rasse und unserem Ansehen in der Welt schuldig sind.« Einen Höhepunkt in Martin Dibobes Karriere bedeutet es sicherlich, dass man ihn im Auftrag der deutschen Regierung in seine Heimat Kamerun entsendet. Er soll dort beim Bau der neuen Eisenbahn helfen. In Kamerun gärt es heftig zu dieser Zeit. Mehrere Chiefs hatten eine Beschwerdeschrift an den Reichstag geschickt, in dem sie detailliert mehrere Fälle von Misshandlung, Vergewaltigung, Zwangsarbeit, Enteignung und Raub durch die Kolonialbehörden auflisteten. Diese Eingabe erregt in Deutschland großes Aufsehen, vor allem in kolonialkritischen Kreisen. Eine Untersuchungskommission wird eingesetzt und der amtierende Gouverneur v. Puttkammer muss gehen. Offensichtlich sympathisiert Dibobe bereits damals mit den Sozialdemokraten. Sie gehören zu den entschiedensten Gegnern des Kolonialismus. Er habe, so schreibt er


Geschichten des Viertels

später, sich während seines Kamerunaufenthaltes nachts mit den dortigen Chiefs getroffen, und »ihnen die Augen geöffnet, welche Macht der Sozialismus besitzt«. Zurück in Berlin, sorgt er dafür, dass die kolonialkritischen Politiker in Deutschland weiterhin mit Informationen aus Kamerun versorgt werden. »Weil die kaiserl. Regierung den Briefwechsel der Eingeborenen mit den Abgeordneten im Reichstag streng verboten hatte,« schreibt er, sind »sämtliche Briefe, welche die Häuptlinge von der Heimat nach hier gesandt haben, durch meine Hände gegangen.« Dann kommt das Jahr 1918. Deutschland verliert den Krieg und mit ihm seine Kolonien. Der Kaiser dankt ab, und die bislang als »vaterslandslose Gesellen« verleumdeten Sozialdemokraten stellen die stärkste Partei im neuen republikanischen Reichstag. In dieser historischen Situation sieht Dibobe eine einzigartige Chance für seine Landsleute in Kamerun. Anstatt passiv abzuwarten, ob und wie die Siegermächte die deutschen Kolonien untereinander aufteilen, will er aktiv in das politische Geschehen eingreifen. »Gegen den Raub der Kolonien, sowie Unterstellung derselben unter Herrschaft der Engländer und Franzosen erheben die hier lebenden Eingeborenen aus Kamerun sowie Ostafrika den schärfsten Protest,« schreibt er im Mai 1919 an den Reichskolonialminister Bell. »Es wäre thöricht und politischer Selbstmord, da die Revolution und Umwälzung stattgefunden hat, und wir heute eine soziale Regierung haben, sich einer anderen Nation unterzuordnen. Die Eingeborenen können sich kein besseres Loos wünschen, wie ihnen die Revolution gebracht hat.« Kolonialminister Bell wird diese Eingabe mit gemischten Gefühlen zur Kenntnis genommen haben. Einerseits suchen die Kolonialbefürworter händeringend nach Afrikanern, die öffentlich ihre Loyalität zu Deutschland bekunden. Bei einer schon bald nach dem Krieg losgetretenen Propagandakampagne zur Rückerlangung der deutschen Kolonien sollen sie als Kronzeugen gegenüber den Siegermächten auftreten. Andererseits sind die meisten deutschen Kolonialpolitiker eher dem konservativen politischen Spektrum zuzuordnen. Afrikaner, die sich auf eine »soziale Regierung« und gar auf »Revolution und Umwälzung« berufen, sind keineswegs das, was sie für ihre politischen Zwecke brauchen. Einen Monat später präzisiert Martin Dibobe, was er sich für Kamerun von der neuen Regierung erhofft. Er richtet ein Schreiben an die Nationalversammlung in Weimar, in dem er klarlegt, unter welchen Bedingungen Kamerun bei Deutschland bleiben soll. Dieses Mal tritt er nicht als Privatperson auf, sondern als der Vertreter der in Deutschland lebenden Kameruner. »Wir setzen in die jetzige soziale Republik das Vertrauen,« schreiben Dibobe und seine Landsleute, »dass die Behandlung der Eingeborenen eine andere und bessere wird, als unter der gewesenen kaiserlichen Regierung.« Insgesamt 32 Forderungen stellen sie an die Weimarer Nationalversamm-

13

lung. Gleich unter Punkt eins heißt es: »Die Eingeborenen verlangen Selbständigkeit und Gleichberechtigung.« Am Schluss erklären sie: »Herr Martin Dibobe beabsichtigt nach Abschluss des Friedensvertrages nach Afrika zu fahren, um den eingeborenen Häuptlingen die Zusage der jetzigen Regierung zu überbringen. Er bedarf dazu einer Vollmacht, die wir hiermit für ihn beantragen.« Doch Dibobe erhält diese Vollmacht nicht. Zwar wird er wiederholt von verschiedenen deutschen Behördenvertretern empfangen und man bescheinigt ihm, ein »über den Durchschnitt intelligenter und weitsichtiger Afrikaner« zu sein. Doch ansonsten hält man ihn hin. Im November 1919 wendet sich Dibobe erneut an die deutschen Behörden, dieses Mal an den Reichswehrminister Gustav Noske. Offensichtlich hat er zu diesem Zeitpunkt bereits die Hoffnung aufgegeben, er und seine Freunde könnten in den Lauf der Geschichte eingreifen. Und offensichtlich lebt er inzwischen in prekären Verhältnissen. In seinem Brief an Noske argumentiert er nur noch privat: »Ich besitze in Duala ein Grundstück und muss wegen Erbschaftsregulierung, Familienstreitigkeiten und Landfrage in meine Heimat reisen. Auch erfordert meine Gesundheit, welche durch die langen Entbehrungen sich sehr verschlechtert hat, diesen Klimawechsel. Durch die lange Dauer des Krieges ist mein Erspartes verbraucht und kann daher nicht aus eigenen Mitteln in meine Heimat gehen.« Dibobe bittet in diesem Brief um ein Darlehen, um gemeinsam mit seiner Familie nach Kamerun zurückkehren zu können. Anfang 1920 wird ihm durch das Außenministerium »mündlich eröffnet, dass ihm für seine Pläne Geldmittel nicht zur Verfügung gestellt werden können.« Irgendwie schafft es Martin Dibobe dann trotzdem, das Geld für eine Rückreise nach Kamerun aufzubringen. Aber dort kommt er niemals an. Wie Rosenhaft und Aitken aus ihrem aktuellen Forschungsprojekt berichten, reist Dibobe 1922 ohne seine Familie von Hamburg nach Duala. Doch seine politischen Aktivitäten sind der neuen französischen Mandatsverwaltung nicht verborgen geblieben. Man befürchtet, dass er in Kamerun eine pro-deutsche Revolte anzetteln werde und gestattet ihm nicht, das Schiff zu verlassen. Dibobe bleibt nichts anderes übrig, als weiter nach Liberia zu reisen. »Sein weiteres Schicksal ist unbekannt,« so die beiden Historiker, »aber es ist wahrscheinlich, dass er unter diesen Umständen weder nachhause, noch nach Deutschland zurückkehren konnte.«

Die Kameruner Straße im Afrikanischen Viertel hat ihren Namen seit 1899. Der westafrikanische Staat Kamerun war von 1884 – 1919 eine deutsche Kolonie. Ebenfalls an Kamerun erinnert die Dualastraße. Sie erhielt ihren Namen 1927 und heißt so nach einer großen Stadt in Kamerun. Duala ist auch eine Sprache, die im Westen Kameruns gesprochen wird.


14

Geschichten des Viertels

AUF DER SUCHE NACH

Israel Kaunatjike und sein deutscher Großvater TEXT

Ursula Trüper

FOTO

Christoph Eckelt


Geschichten des Viertels

»Hier, mein jüngstes Kalb! Es kam zur Welt, als ich auf der Farm war.« Israel Kaunatjike sitzt in seinem sonnigen Schöneberger Wohnzimmer auf der Couch und zeigt stolz Fotos aus Namibia. Dem sportlichen Mann im tomatenroten Leinenhemd sieht man seine über 60 Jahre nicht an. Und noch weniger käme man in dieser urbanen Umgebung auf die Idee, dass er eine Rinderherde besitzt. Allerdings nur eine kleine, 35 Tiere, kein Vergleich mit den 400 Kühen und Schafen seines Bruders. »Rinder sind für uns wie eine Versicherung,« erläutert er. »Wenn du alt bist und du hast Rinder, kannst du sehr gut leben. Das ist eine Herero-Tradition.« Kaunatjike gehört zur namibischen Bevölkerungsgruppe der Herero. Seine Herde kann er allerdings nur selten sehen, denn mittlerweile lebt er schon seit über 30 Jahren in Berlin. Geboren wurde er 1947 in dem kleinen Ort Okahandja in Namibia. In der ehemaligen Kolonie Deutsch-Südwest-Afrika, in der noch heute die Nachkommen der damaligen Siedler großen politischen und kulturellen Einfluss haben. Als Israel Kaunatjike damals in Berlin ankam, hatte es niemand sonderlich interessiert, dass er Herero ist. Dann kam 2004 dieser Jahrestag – 100 Jahre Herero-Krieg. Ein Filmteam kreuzte in seiner Wohnung auf und bat ihn, bei einem Dokumentarfilm zu diesem Thema mitzuwirken. Und da schob sie sich plötzlich wieder ins Bewusstsein – die alte Geschichte, die immer in seiner Familie erzählt wurde. Dass sein Großvater ein Deutscher sein soll. Vielleicht sogar ein Soldat der sogenannten Schutztruppe. Einer von diesen Leuten, die 1904 für den Tod von fast 80 Prozent der Herero verantwortlich waren. Die ihnen ihr Land und Vieh gestohlen und ihre Frauen vergewaltigt hatten. Auch seine eigene Mutter, so hatte Kaunatjike immer vermutet, sei auf diese Art gezeugt worden. Genaueres wusste er nicht. In der Familie redete man nicht darüber. Und er fragte auch nicht nach. Schon als Jugendlicher hatte er beschlossen, den Erzeuger seiner Mutter einfach nicht zur Kenntnis zu nehmen. »Leute wie er waren für mich einfach üble Rassisten und wie meine Mutter zur Welt gekommen ist, darüber wollte ich gar nicht nachdenken.« Damals stand Namibia noch unter südafrikanischer Verwaltung. Es herrscht das Apartheidsystem und die Beziehungen zwischen schwarz und weiß sind von extremem Rassismus geprägt. Früh beginnt der junge Herero, sich gegen die täglich erlebten Ungerechtigkeiten zu wehren. Er schließt sich der Swanu an, der »South West Africa National Union«. Diese erste große Befreiungsbewegung Namibias hatte ihre Basis vor

15

allem unter den Herero und ging später in der Swapo auf. Mit 17 Jahren muss Israel Kaunatjike vor der südafrikanischen Polizei fliehen. Auf dem Umweg über Tansania und Ägypten verschlägt es ihn schließlich nach Polen. Dort wird er zum Techniker ausgebildet. Aber wie soll es danach weiter gehen? Zurück nach Namibia kann er nicht mehr. Der junge Polit-Aktivist erwägt zunächst, nach Schweden zu gehen, denn dort sitzt die Führung der Swanu. Doch dann entscheidet er sich anders. »Ich dachte, die Sprache der Deutschen kenne ich schon ein bisschen und die Mentalität auch,« erzählt er und grinst. 1970 erhält er in Deutschland politisches Asyl. Er lernt eine deutsche Frau kennen, findet Arbeit, heiratet, zieht nach Berlin, wird Vater und später Großvater. Lange Zeit scheint es, als habe er den eigenen Großvater längst vergessen. Während er mit den Fernsehleuten nach Namibia fliegt und sie von einem historischen Schauplatz zum anderen führt, beschließt er, endlich herauszufinden, wer dieser ominöse Großvater eigentlich war. Er weiß praktisch nichts von ihm. Nur dass er Müller hieß, Otto Müller. Kaunatjikes Großmutter und Mutter sind schon lange tot, die kann er also nicht mehr fragen. Er weiß lediglich, dass seine Mutter in der Nähe von Okahandja geboren ist. Er überzeugt das Filmteam, mit ihm nach Okahandja zu fahren. »Wir haben dort einen ganzen Tag verbracht und haben alle Müllers aufgesucht.« Kein leichtes Unterfangen, denn der Name »Müller« ist auch in der deutschsprachigen Community Namibias nicht gerade selten. Aber schließlich werden sie fündig. Die Spur führt nach Kalkfeld, einen heruntergekommenen, fast ausgestorbenen kleinen Ort im Westen Namibias. Und dort treffen sie endlich auf einen Mann, der Otto Müller gekannt hat. Er kann ihnen sogar sein Haus zeigen. »Heute ist da nichts mehr, nur ein Fundament,« erzählt Kaunatjike. »Es war ein ganz kleines, total zerfallenes Haus.« Hier also hat sein Großvater vor mehr als einem halben Jahrhundert gelebt. Er sei mit einer weißen Frau verheiratet gewesen, berichtet ihr Gewährsmann. Kinder habe es keine gegeben. Keine Kinder? Israel Kaunatjike hat das Gefühl, er müsse noch mal ganz von vorne anfangen. Er besucht seinen Bruder auf der Farm. Gemeinsam mit seinen Verwandten trägt er die verschiedenen Erinnerungs-Bruchstücke zusammen. Nach und nach kann er endlich die Geschichte seiner Großeltern rekonstruieren. »Mein Großvater hat früher in Okahandja gelebt,« weiß er inzwischen, »und meine Großmutter hat als Angestellte bei ihm gearbeitet. So haben die sich kennen und wohl auch lieben gelernt. Meine Mutter wurde dann 1928 in


16

Geschichten des Viertels

Okamangongua geboren, ganz in der Nähe von Okahandja.« meinen Bruder und die anderen Geschwister und Neffen und Beziehungen, wie die zwischen Otto Müller und Großmutter Nichten.« Doch vorläufig kann von einer Rückkehr noch keine Kaunatjike waren nicht selten im Süd-Westafrika der 20er Rede sein. »Hier hab ich auch viele Freunde und meine Kinder Jahre. Noch waren sexuelle Beziehungen zwischen Schwarzen und Enkel. Ich lebe schon so lange in Deutschland und fühle und Weißen gesetzlich nicht untersagt, wie später unter der mich wohl hier.« Kaunatjike lacht. »Als ich damals fliehen musApartheidgesetzgebung. Und nicht immer handelte es sich bei ste, bin ich zufällig an der richtigen Stelle gelandet – dem Ort derartigen Beziehungen um Vergewaltigungen oder um sexuel- meiner Vorfahren.« le Ausbeutungsverhältnisse. Manche waren auch von ehrlicher Zuneigung geprägt. Der Film, bei dem Israel Kaunatjike damals mitgewirkt hat, Dennoch, eine solche Beziehung zu legalisieren, das hät- ist von dem Filmemacher Martin Baer und heißt: »Weiße Geister te sehr viel Mut und unabhängiges Denken erfordert im ras- – Der Kolonialkrieg gegen die Herero«. sistischen Klima des damaligen Südwest-Afrika. Hätte Otto Müller damals seine schwarze Hausangestellte geheiratet, so hätte keiner seiner weißen Nachbarn mehr etwas mit ihm zu tun haben wollen. Irgendwann hatte Otto Müller offensichtViele Straßen im Afrikanischen Viertel erinnern an den Staat Namibia im südlichen Afrika. Namibia war lich dem sozialen Druck nachgegeben. Er heiratete eine weiße von 1884–1915 eine deutsche Kolonie, »Deutsch-SüdwestFrau und zog mit ihr nach Kalkfeld. Ursprünglich, so erinnert afrika«. 1910 benannte man die Windhuker Straße man sich in der Familie Kaunatjike, habe er seine Tochter mitnach der namibischen Hauptstadt, die man heute Windnehmen wollen. »Aber die weiße Frau wollte nicht, dass er ein hoek schreibt. Windhoek wurde 1840 durch den schwarzes Kind mitnimmt, und so ist meine Mutter dann zunamibischen Chief Jonker Afrikaner gegründet. rückgeblieben in Okamangongua.« Sie blieb das einzige Kind Afrikaner und seine Leute hatten im 18. Jahrhundert in des Otto Müller. Südafrika gelebt, an einem Ort namens Winterhoek Otto Müller hatte zwar getan, was man von ihm erwartete. in der Nähe von Kapstadt. Von dort waren sie von den Aber er hinterließ seiner kleinen Tochter ein Andenken. »Mein Weißen vertrieben worden. Zur Erinnerung an ihre Großvater hat gesagt: Wenn du nicht mitkommen kannst, dann alte Heimat nannte Jonker Afrikaner seine neue Ansiedlasse ich dir wenigstens einen Ring machen. Es war ein gollung daher Windhoek. dener Ring, und er hat seinen Namen darin eingravieren lassen. Ebenfalls 1910 erhielt die Swakopmunder Straße Meine Mutter hat diesen Ring getragen, bis sie gestorben ist.« ihren Namen. Swakopmund mit seinen FachwerkAlso keine Vergewaltigung. Kaunatjike merkt, wie ihm eine häusern und seinen Zwiebelturmkirchen ist noch heute schwere Last vom Herzen fällt. Dann muss er wieder zurück eine sehr »deutsche« Stadt mitten in Afrika. Traurige nach Deutschland. Aber seine Neugier ist geweckt: Wo ist Otto Berühmtheit erlangten Swakopmund und Windhoek für Müller begraben? Hat er tatsächlich der sogenannten Schutzdie Konzentrationslager, die dort 1904 während des truppe angehört? Aus welchem Ort in Deutschland stammt er? Krieges gegen die Nama und Herero errichtet wurden. Gibt es dort noch weitere Verwandte? »Ich werde versuchen, Von den Kriegsgefangenen, die dort zusammengepfercht dem weiter nachzugehen. Aber wenigstens habe ich jetzt den waren, überlebten viele die Gefangenschaft nicht – sie Ort gefunden, wo er gelebt hat, das war ein großer Schritt für verhungerten, starben an Seuchen oder wurden durch mich.« Kaunatjike wird nun ganz ernst. »Vielleicht finde ich Zwangsarbeit zu Tode geschunden. sogar irgendwann ein Bild von ihm. Und kann mir endlich an1911 wurde die Otawistraße eingeweiht. Sie heißt so schauen, wie dieser Mann ausgesehen hat.« nach dem Ort Otawi im Norden Namibias und erinnert Im Wohnzimmer ist es mittlerweile dämmrig geworden. an die »Otawi-Minen- und Eisenbahngesellschaft«, Sorgsam steckt Kaunatjike das Bild mit dem Kälbchen wieder deren Ziel die Ausbeutung der großen Bodenschatzvorzu den anderen in den Umschlag. Wenn er alt ist, irgendwann kommen in dieser Region war. in ferner Zukunft, will er wieder in Namibia leben. Auf der Eigenartigerweise nannte man dann 1937 noch Farm, zusammen mit seinem Bruder. Und seine Rinder hüten. eine Straße im Afrikanischen Viertel Damarastraße. »Namibia ist mein erstes Zuhause. Da hab ich Freunde und Die Damara sind eine Bevölkerungsgruppe in Namibia.


17


18

AKINYIBI

AKINBODÉ

»AFRIKANISCHES VIERTEL « 2005


19

Müllerstraße (links) Seestraße (oben) U-Bahnhof Afrikanische Straße (rechts) Ghanastraße (vorherige Seite)


20

Nachtigalplatz


Afrikanische StraĂ&#x;e


22 Otawistraße (links) Swakopmunder Straße (unten) Kleingärtnerverein Togo (rechts)


23

Akinbodé Akinbiyi kam 1946 in Oxford / Großbritannien zur Welt. Er studierte Literatur in Ibadau, Lancaster und Heidelberg, bevor er 1974 zu fotografieren begann. 1987 erhielt er ein Reportage-Stipendium vom Stern, das es ihm ermöglichte, seine langfristigen Projekte in afrikanischen Megacities

fortzuführen. Akinyibi ist Gründungsmitglied des Umzansi Kulturzentrums in Durban und war Kurator der Biennale für Afrikanische Fotografie in Bamako 2001 und 2003. Er lebt und arbeitet in Berlin. Alle Bilder dieser Serie entstanden 2005.


24

Aus der Community

WIE EIN FISCH IM WASSER TEXT

Petra Strähle

FOTO

Mirko Zander

Dass ich im Wedding wohne, ist keineswegs, wie bei vielen Berliner Neuzugängen, ein Zufall. Mein Bruder hat lange Zeit hier gelebt, ich kannte den Kiez also. Ich wohne hier aber auch nicht aus Berufung. Es hat sich einfach so ergeben: In der Endausscheidung standen fünf Wohnungen – eine in Neukölln, eine in Kreuzberg, eine in Schöneberg und eben zwei im Wedding. Heute, nach ein paar Monaten, kann ich sagen: Ich bin sehr gerne hier. Ich erinnere mich an einen Tag in meiner ersten Wedding-Woche, an dem über die wuselnde Müllerstraße bummelte, bei freundlichen Menschen einkaufte und zufrieden dachte: »Wie ein Fisch im Wasser.« Ich könnte es mir natürlich einen Tick charmanter vorstellen – insbesondere in meinem Haus – aber es ist trotzdem gut. Komplett unterschätzt hatte ich allerdings, was für ein Politikum es ist, wenn ein doch eher bürgerlicher Mensch wie ich in den Wedding zieht. Nur wenige haben Verständnis. Bekannte und Freunde, die sich nicht offen schockiert zeigen, machen, nachdem ich »Wedding« gesagt habe, eine kleine Pause, sagen »Ok« und fahren dann meist eine der folgenden Strategien: Die erfahreneren Berliner bemerken freundlich, dass die meisten Neuzugänge am Anfang Fehler machen und die Jagd nach dem perfekten Viertel eben mehr Berlin-Erfahrung voraussetzt. Der Rest schweigt höflich zur Wahl des Wohngebietes und kom-

mentiert strikt und ausschließlich die Schönheit der Wohnung. Der Wedding ist eben für viele das ewig uncoole Schmuddelviertel (im Gegensatz zu Neukölln, dem coolen Schmuddelviertel). Selbst meine 90-jährige Schwieger-Großmutter, die die ersten zwei Jahre ihres Lebens in Schöneberg verbracht hat, reagierte mit sorgenvollem Blick auf die Auskunft darüber, welcher Kiez es bei uns geworden ist. Schon immer war der Wedding als Arme-Leute-Gegend bekannt. Dass der Wedding in Rankings um cool und hübsch nicht mitmischen mag (oder darf), hat einen höchst positiven Aspekt: Man ist hier gut aufgehoben, wenn man erst gar nicht versuchen will, im »richtigen« Viertel zu landen. Dann lebt man hier einen sehr entspannten Alltag mit unterschiedlichsten Menschen, die das ebenso tun. Wenn es nie eine Szenekneipe vor der Tür gab, dann gibt’s wenigstens auch keine uncool gewordene Ex-Szenekneipe, die einem jeder vorhält. Stattdessen gibt’s einen Sprung entfernt zwei nette Biergärten, ebenso viele Bäcker, einen umwerfenden Thai-Imbiss, einen Inder, der diesem kaum nachsteht, Kneipen, Kino, Karstadt

Petra Strähle ist 32 Jahre alt, hat in Freiburg im Breisgau und Canterbury / Großbritannien studiert, in Cambridge und Koblenz gearbeitet, promoviert in Dortmund und Essen und lebt seit April 2008 im Wedding.


und Fahrradladen, die Rehberge mit dem Plötzensee und eben die heimische Dachterrasse, auf der sich der Besuch aus Berlin und Rest-Deutschland wohlfühlt. Auch dass man nach Feierabend am Kanal entlang nachhause radeln kann, ist einfach wunderbar. Für mich als Halb-Afrikanerin bietet der Wedding noch weitere Reize: Besonders erfreulich ist das mit der Haarkur. Hier ist es ganz einfach, auf dem Weg von der U-Bahn nachhause noch schnell Brot, Gemüse und eben eine Haarkur zu kaufen. Bisher habe ich mein Leben vornehmlich in winzigen bis mittelgroßen Städten im Schwarzwald, am Mittelrhein und in Ostwestfalen verbracht und bin dort komplett kulturdeutsch aufgewachsen. Da zeigt sich das Afrikanischsein vor allem beim Blick in den Spiegel und beim Griff zur Bürste. Was ich mit meinen Haaren eigentlich machen soll, habe ich erst kurz nach dem Abi herausgefunden. Damals ließ sich mein (weißer) Freund aus modischen Gründen im Urlaub Rastas flechten. Schlechte Rastas. In der Karlsruher S-Bahn drückte ihm dann ein Mann – mit mitleidigem Blick – die Visitenkarte einer Afro-Friseurin in die Hand und murmelte, seine Frau könne das besser. Mein Freund nahm mich dann mit zu Nicole. Die löste mein Haarband und murmelte erst mal entgeistert »Mon Dieu, Mon Dieu!«. Ein spröder, splissiger Mopp. Damit geriet mein Haupt erstmals in professionelle Hände.

Aber zu wissen, was man tun und kaufen muss, ist eine Sache. Es da, wo man wohnt, auch kaufen zu können, eine andere. Das gilt für Friseur-Dienstleistungen ebenso wie für Produkte. Versandhandel aus dem Ausland, eigene Importe aus halb Europa (einschließlich auslaufendem Haaröl im Koffer), Kurierdienste sämtlicher Freunde und die stetige Sorge um das Schwinden der Vorräte haben mich viele Jahre lang begleitet. Ok, ich habe dabei die interessantesten und am wenigsten touristischen Viertel von Hamburg, Antwerpen, London oder Marseille kennen gelernt. Und ich habe bei der Friseur-Suche in Gütersloh eine Freundin gewonnen. Aber dass ich heute die Haarkur einfach so besorgen kann, entspannt mich ungemein. Und dass die schicken Frisuren auf der Straße herumlaufen und meine Hautfarbe guter Durchschnitt und kein Punkt in der weißen Landschaft ist, eindeutig auch. Ich will nicht ausschließen, dass mein kleinbürgerlicher Ursprung in der schwäbischen Kehrwoche-Kultur nicht doch irgendwann die Sehnsucht nach rosenduftenden Treppenhäusern, lupenreiner Mülltrennung und hundekotfreien Alleen in mir keimen lässt und mich aus dem Wedding vertreibt. Aber derzeit genieße ich das »Mein-Ding-machen« in meinem Kiez, meine wunderschöne und preisgünstige Wohnung, die Vielfalt und den Buzz. Momentan passen wir sehr gut zusammen, der Wedding und ich.


Aus der Community

27

HEY, SIDIKIE !

Sidikie Cokers Kinderprojekte – im Wedding und in Afrika

TEXT

Christof Schaffelder F O T O Mirko Zander

»Hey Sidikie!« Wenn Sidikie Coker eine Weddinger Schule betritt, wird er zumeist von einem Haufen Kinder begrüßt. Seit vielen Jahren schon leitet er nämlich Workshops an Grundschulen: Trommeln, Musik, Kinderradio – und hinterlässt dabei einen nachhaltigen Eindruck: Viele hundert Weddinger Kinder kennen und mögen ihn. In Sierra Leone, seinem Heimatland, war Sidikie Lehrer und Journalist. Als dort ein brutaler Bürgerkrieg ausbrach, musste er flüchten. 1997 stellte er in Berlin einen Antrag auf Asyl – und kam nach Brandenburg. Auch dort arbeitete er wieder mit Kindern. Er besuchte Schulklassen, um gegen rechtsradikale Vorurteile anzukämpfen – bis er im Jahr 2000 selbst zum Opfer eines neonazistischen Angriffs wurde. Gebrochene Kiefer, mehrere Monate Krankenhaus und die Übersiedlung nach Berlin waren die Folge. So kam er in den Wedding. Inzwischen war er verheiratet, eine Tochter war geboren und Sidikie Coker machte weiter in seiner Arbeit mit Schulkindern. Im »Kommunalen Forum« entwickelte er sein Projekt »Children’s World«: Die Arbeit mit Grundschulklassen und Kitagruppen. Seit 2007 arbeitet er im Kinderradio Radijojo. Hier baut er unter anderem Schulpartnerschaften mit Afrika auf: In »Radiobrücken« stellen die Schüler sich gegenseitig Fragen, machen gemeinsame Radiosendungen und lernen nicht nur Englisch, sondern auch die Lebensbedingungen auf den anderen Kontinent kennen.

Besonders am Herzen liegt Sidikie Coker dabei die Situation in Sierra Leone. In der Kleinstadt Taiama, in der er aufgewachsen ist, sind die Nachwirkungen des Bürgerkriegs noch überall zu spüren. Dort organisiert er ein Hilfsprojekt für Kinder – viele von ihnen sind Waisen. »Es fehlt alles. Viele Kinder haben keine Schuhe und viele gehen überhaupt nicht zur Schule, weil sie keine Verwandten mehr haben, die das Schulgeld bezahlen könnten. Es gibt keinen Strom. Viele Kinder sind schwer traumatisiert, waren Kindersoldaten oder Sexsklaven. Aber auch mit wenigen Mitteln kann man dort viel erreichen.« Im Januar möchte er wieder hinfahren. Und am liebsten einen ganzen Container voller Hilfsmittel mitbringen. »Wir brauchen Sommerkleidung, Schuhe, Unterrichtsmaterialien. Ich frage in den Schulen immer nach alten Sportgeräten. Bälle beispielsweise, oder Volleyballnetze. So etwas gibt es dort überhaupt nicht. Super wäre natürlich ein Generator oder eine Solaranlage, um einen Computer anschließen zu können. Für den Versand des Containers brauchen wir rund 2000 Euro.« Wer Sidikie Cokers Projekt unterstützen möchte, kann sich direkt mit ihm in Verbindung setzen.

Sidikie Coker | 0176 – 20 15 40 60 | sidman222@aol.com


28

Aus der Community

ALTE UND NEUE HEIMAT der Africa Market von Monsieur Ebeny

TEXT

Ulrike Steglich

FOTO

Mirko Zander

»Parlez vous francais?«, fragt Monsieur Ebeny. Der großgewachsene Mann mittleren Alters steht vor seinen knallroten Regalen, in denen Shampoos und Haarpflegemittel liegen, und schüttelt verständnislos und etwas tadelnd den Kopf, als seine Besucherin verneinen muss. In seinen Augen sind Englisch, Spanisch oder Russisch noch lange keine ernstzunehmenden Entschuldigungen dafür, dass jemand kein Französisch spricht. Monsieur Ebeny steht in seinem Geschäft in der Kameruner Straße, und in mehrfacher Hinsicht ist es auch ein zweites Zuhause, denn er selbst kommt aus Kamerun. Er liebt seinen kleinen Laden und es ist mehr als ein Zufall, dass der Kameruner nun in der Kameruner Straße arbeitet. Vor sechs Jahren hatte Monsieur Ebeny sein Heimatland verlassen, er zog seiner Familie hinterher nach Berlin, wo seine Frau und sein Sohn lebten. In seiner Heimat hatte er als Elektroniker gearbeitet, aber in Berlin konnte er in seinen ursprünglichen Beruf nicht einsteigen, weil ihm die entsprechenden deutschen Ausbildungsabschlüsse fehlten. Also machte er sich selbständig und gründete ein Geschäft: den Africa Market. Zwar wohnt er in Tiergarten, aber er entschied sich für Räume im Weddinger Afrikanischen Viertel, »weil hier so viele Ausländer leben«.

Zu ihm kommen Kameruner, Kongolesen, Ghanaer, Nigerianer, weil sein Laden auch ein Stück afrikanischer Heimat in Berlin ist. Ebeny verkauft afrikanische Lebensmittel, Getränke und Kosmetik. Es gibt Maismehl und große Yamswurzeln, in den roten Regalen sind vielfältige Konserven und Gewürze ordentlich aufgereiht, in der Tiefkühltruhe lagern Maniok und große Fische. An einem Kleiderständer hängen bunte afrikanische Gewänder, dahinter liegen künstliche Zöpfe in einem Korb. Bei Monsieur Ebeny kann man sich auch die Haare zu unzähligen Zöpfchen flechten lassen – und günstig in die alte Heimat telefonieren: In einer Ecke stehen zwei Telefonzellen. Aber die Überraschung kommt erst noch: Stolz öffnet Monsieur Ebeny eine Tür ganz hinten in seinem Laden zu einem winzigen Raum. Er wird nahezu vollständig ausgefüllt von einer mächtigen türkisfarbenen Sofaecke und einem großen Couchtisch davor. »Hierher kommen viele so ab 17 Uhr, dann reden und trinken wir hier«, sagt Ebeny. Sein Africa Market ist ein Treffpunkt für die afrikanische Community im Viertel. Alte und neue Heimat eben.

Africa Market Monsieur Ebeny Kameruner Straße 6 | 13353 Berlin


Aus der Community

31

MODE – MADE IN WEDDING Viktor Ankobeas Atelier in der Lüderitzstraße

TEXT

Ulrike Steglich

FOTO

Mirko Zander

»Als ich hierher kam, haben mich die Kinder immer angestarrt«, sagt Viktor Ankobea amüsiert. »Damals gab es hier kaum Afrikaner.« Damals, das war 1979, als er nach Berlin kam, ins Afrikanische Viertel. Der 53-jährige gebürtige Ghanaer steht in seinem Atelier in der Lüderitzstraße, um ihn herum lauter Schneiderpuppen, an den Wänden Modezeichnungen. Viktor Ankobea ist Maßschneider. Wäre es nach ihm gegangen, wäre er 1973 nicht in Deutschland gelandet, sondern in Amerika. Doch seine Mutter wollte den damals 18-jährigen in der Ferne nicht allein wissen und schickte ihn zu seinem Onkel nach Hamburg. Viktor Ankobea machte eine Ausbildung als Zuschneider, ging nach Berlin, arbeitete elf Jahre im noblen KaDeWe als Verkäufer in der Herrenabteilung, bis 1999. Danach versuchte er sich mit einem eigenen Im- und Export-Geschäft, aber das gab er bald wieder auf. Nach einer Zusatzausbildung machte er sich 2004 schließlich mit dem Atelier selbständig. Kein Körper ist perfekt, Ankobea kennt sich bestens damit aus. Seine Kunden kommen, weil die Konfektionsware ihnen nicht richtig passt – weil sie zu groß sind und die Ärmel immer zu kurz, oder weil sie Haltungsschäden haben. Andere wünschen ein besonderes Einzelstück oder einen bestimmten Stoff. Er arbeitet auch für Theater und Film, zum Beispiel, wenn historische Kostüme nachgeschneidert werden müssen. Alle Entwürfe entstehen zunächst in Nessel – erst wenn alles perfekt sitzt, wird der richtige Stoff zugeschnitten. Ankobea ist nicht nur ein Meister des Schnitts und der perfekten Passform, sondern auch Diplomat. Fingerspitzen-

gefühl ist erforderlich, wenn etwa eine Frau darauf besteht, in Konfektionsgröße 38 zu passen, obwohl er auf den ersten Blick sieht, dass es eine 40 ist. Oder wenn türkische Frauen sich von einem Mann nicht Maß nehmen lassen wollen – das übernimmt dann selbstverständlich eine Frau. Betrübt beobachtet er, dass immer mehr billigste Massenkonfektion von schlechter Qualität gekauft wird, und er ärgert sich über junge Mädchen, die sich täglich in uniforme enge Hüfthosen zwängen und »sich damit dauerhaft die Figur versauen«. Er kann viel über die Gegend erzählen, seit fast 30 Jahren wohnt er in demselben Mietshaus. Er weiß, wo damals der Möbelladen war, die Altberliner Kneipe, der Feinkostladen, der Herrenausstatter und die Disco Capricorn, in der er in den 80ern mal als DJ gearbeitet hat. Er findet, dass sich im Viertel einiges zum Schlechteren verändert hat: mehr Armut, mehr Kleinkriminalität. Eine Mitschuld daran sieht er auch bei Hauseigentümern, die sich ihre Mieteinnahmen gern vom Staat garantieren lassen und entsprechend vermieten. Ankobea hat eben nicht nur bei Mode einen kritischen Blick, es geht ihm insgesamt um Qualität, auch Lebensqualität. Der kritische Blick gefällt nicht allen: Manchmal, sagt Ankobea, wenn er seine Landsleute kritisiert, müsse er sich vorwerfen lassen, »rassistisch« zu sein, also irgendwie schon »zu deutsch«. Er lächelt.

Vianko Mode | Lüderitzstraße 4 | 13351 Berlin


32

Aus der Community

EINPARKEN mit dem Bücherbus

TEXT

Ulrike Steglich

FOTO

Mirko Zander

Das erste, was Koulako Keita von Deutschland sah, war der Flughafen Tegel. Das war 1981, sie war damals gerade 20, und sie fror. In Deutschland war es viel kälter als in ihrem Heimatland Guinea, sie hatte sich das nicht vorstellen können. Überhaupt war so vieles ganz anders, und sie konnte noch kein Deutsch und kannte kaum jemanden. Koulako war ihrer großen Liebe nach Deutschland gefolgt – ihr Mann lebte in Berlin. Koulako Keita sitzt in dem Bücherbus der Bezirksbibliothek, der gerade vor der Wedding-Grundschule steht. Sie ist eine schöne dunkelhäutige Frau, deren Alter sich unmöglich schätzen ließe, mit langen feingliedrigen Händen, und sie lacht viel. Sie lächelt, wenn sie sich an die ersten Jahre erinnert. Es fanden sich Familien und Freunde, die ihr halfen, sich in dem fremden Land zurechtzufinden. Sie lernte an der Volkshochschule Deutsch und machte einen Nähkurs, sie bekam zwei Söhne und arbeitete am Flughafen Tegel, später bei McDonalds. Dann starb plötzlich ihr Mann an einer Krankheit, ihre Söhne waren gerade erst fünf und acht. Der Schichtbetrieb und die Arbeitszeiten bei McDonalds waren für die Alleinerziehende kaum durchzuhalten. Ein Bekannter empfahl ihr, sich mal beim Bezirksamt Wedding zu

bewerben. Sie wurde angestellt und arbeitete fortan in Kitas und Jugendfreizeiteinrichtungen des Bezirks. Als die Kitas 1999 in freie Trägerschaft überführt wurden, bewarb sie sich für den bezirkseigenen Bücherbus. Sie war aufgeregt – und sie bekam die Stelle. Dann lernte sie erstmal Busfahren: bei der BVG in der Müllerstraße, auf einem 18 Meter langen LKW. »Das war ganz schön schwer. Das Fahren nicht so sehr. Aber das Einparken!«, lacht sie. Aber sie schaffte den Führerschein. Seitdem fährt sie den Bücherbus der Bezirksbibliothek vor die Schulen. Inzwischen sind ihre beiden Söhne längst erwachsen, 24 und 26 Jahre alt. Beide haben das Abitur gemacht, darüber hat sie sich sehr gefreut. Der Große hat ein Wirtschaftsstudium begonnen, auch sein Bruder will studieren. Koulako Keita hat ein zweites Mal geheiratet und noch eine kleine Tochter bekommen, sie ist jetzt sieben. Einmal im Monat geht sie zu ihrem Frauenkreis, der sich schon seit Jahren trifft. Es sind Frauen aus Guinea, Mali, Polen, Deutschland, sie bringen ihre Kinder mit, sie essen zusammen und reden, und wenn es schön draußen ist, grillen sie im Park. Koulako Keita mag diese Treffen. »Nur die Männer«, sagt sie, »wollen nicht mitmachen.« Und lacht.


Aus der Community

35

IRGENDWANN VERDIENTE ICH MEHR ALS EIN PROFESSOR … Sampson Adjei, Unternehmer

TEXT

Christof Schaffelder

FOTO

Mirko Zander

Sampson Adjei beschäftigt 22 Mitarbeiter und erwirtschaftet rund 70 Millionen Euro Umsatz im Jahr im Handel mit Unterhaltungselektronik. Seine Firma Sam-Tec GmbH am Westhafen hat er Schritt für Schritt aufgebaut. Aus Kumasi, der zweitgrößten Stadt von Ghana in Westafrika kam Sampson Adjei 1980 nach Westberlin. Eigentlich sollte er Chemie studieren. Aber es kam anders. Es begann mit einem Studentenjob als Fahrer für ein Elektrogeschäft. »Damals gab es sehr viele Studenten aus Afrika und Lateinamerika in der Sowjetunion und in den anderen Ländern des Ostblocks,« erzählt er. »Die fuhren in den Ferien mit der Bahn nach Berlin und kauften hier ein – vor allem Elektrogeräte, die sie dann mit Gewinn im Osten weiter verkauften.« Am Bahnhof Zoo wartete Samson Adjej auf sie, sprach sie an und fuhr sie zu dem Geschäft seines Arbeitgebers. Mit den meisten konnte er sich auf Englisch und Französisch verständigen, dazu lernte er noch etwas Russisch. Das Geschäft boomte. Sein Boss bot ihm Provision an. »Und irgendwann verdiente ich mehr als ein Professor an der Uni!« Folgerichtig machte sich Sampson Adjei 1984 selbständig – und stieg in den Großhandel ein. Heute handelt er in ganz Europa – vor allem im Internet (www.sameurope.com). Das Internet verbindet ihn auch täglich mit Afrika: »Das ist doch fantastisch, ich höre jeden Tag die Radionachrichten aus Ghana, mit einem Klick bin ich dort.« Doch geschäftlich ist er in Afrika nicht aktiv: »Das wäre zu kompliziert!« Privat engagiert er sich jedoch umso mehr, im Afrika Kulturinstitut in Berlin und auf vielen Reisen zu seiner Familie. »Allein mein Großvater hat 37 Kinder von sieben Frauen, da kommen auf Familienfesten Hunderte zusammen«. Auch seine vier Kinder nimmt er mit, die Größte wird jetzt nach dem Abitur gar für ein halbes Jahr in Ghana leben. Was wir von Afrika lernen können? »Toleranz und Teilen«, meint Sampson Adjei. In Ghana spricht man mehr als 50 verschiedene Sprachen und Dialekte und lebt friedlich zusammen. Und in der Familie, aber auch darüber hinaus, teilen die Menschen das, was sie haben – viel freigebiger, als hierzulande.


Was macht eigentlich…

37

Die Definition von

Mohammed Abdel Amine und die Rathenower Flüchtlingsinitiative

TEXT

Ursula Trüper

FOTO

Christian Jungeblodt | Mirko Zander

Jeden Samstag Mittag fährt Mohammed Abdel Amine aus dem Wedding nach Kreuzberg. Dort arbeitet er als Pförtner in einem Flüchtlingsheim. Der 33-jährige Student der Politikwissenschaften liebt diesen Job. Gewiss, man muss 24 Stunden am Stück in der Pförtnerloge sitzen, auch nachts, während andere frei haben. Aber erstens kann man während der Arbeitszeit wunderbar was für die Uni tun – einen Text fürs nächste Seminar lesen oder auf dem Laptop Ideen für ein Referat notieren. Zweitens ist es generell ein gutes Gefühl, sich seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen. Und drittens ist die Atmosphäre hier sehr angenehm. Keine Nazis vor der Haustür, niemand schnüffelt in der Post der Flüchtlinge herum oder latscht unaufgefordert in ihre Zimmer. Auch der Umgangston ist höflich. Ganz anders als damals in Rathenow… Wer im Internet die Stichworte »Rathenow« und »Flüchtlinge« eingibt, bekommt 3760 Einträge angezeigt, die allesamt von einer Sache handeln: Vom langwierigen und zähen Kampf der Bewohner des Rathenower Asylbewerberheims gegen den absurden, unsensiblen und oft auch menschenverachtenden Umgang deutscher Behörden mit Flüchtlingen. Einer der Namen, die damals immer wieder in der Presse auftauchten, war der von Mohamed Abdel Amine. Amine kommt 1975 in einer Kleinstadt in Togo zur Welt. Schon als Gymnasiast engagiert er sich in der politischen Organisation itdh, der »Initiative Togolaise pour les droits de l’homme«, er organisiert Demos und verteilt Flugblätter. Derartige Aktivitäten sind gefährlich im Togo der 90er Jahre. Wer es wagt, am undemokratischen Regime des greisen Diktators

Eyadéma Kritik zu üben, riskiert sein Leben. Hunderte Systemgegner werden damals ohne Verfahren hingerichtet. Amine muss fliehen. Im August 1999 landet er, mit einem Touristenvisum ausgestattet, auf dem Flughafen Düsseldorf und beantragt dort Asyl. Schon damals gibt es die Regelung, dass Flüchtlinge, die aus einem »sicheren Drittland« kommen, »zurückgeschoben« werden können. Doch Amine hat Glück. »Es wurde mir gezeigt, wie man einen Asylantrag stellt. Und dann, nach mehreren Zwischenstationen, haben sie mich nach Rathenow geschickt.« Dort werden er und die anderen Flüchtlinge in einem schon etwas abgeranzten Plattenbau am Rande der Stadt interniert. Man teilt ihnen mit, dass sie weder arbeiten, noch weiterstudieren, noch den Landkreis verlassen dürfen. Sie erfahren auch, dass das nicht nur während einer kurzen Übergangszeit gilt, sondern dass ein solcher Zustand unter Umständen Jahre dauern kann. »Und immer wenn ich nach dem Grund fragte,« erinnert sich Amine, »sagte man mir: So ist das Gesetz.« In Silvesternacht 1999 / 2000 wird einer der Flüchtlinge von Neonazis zusammengeschlagen. Er und seine Freunde hatten gemeinsam mit den anderen Rathenowern die Jahrtausendwende gefeiert. Glücklicherweise kommt eine deutsche Familie vorbei, die die Polizei ruft. Im Januar wird ein weiterer Asylbewerber ganz in der Nähe des Heims übel verprügelt. »Da haben wir beschlossen, etwas zu unternehmen. Wir sind zusammengekommen und haben unser erstes Memorandum an die Regierung geschrieben.« Dort schildern sie ihre Situation: »Wir finden das Land zu unsicher, um darin zu leben. Niemand


38

Was macht eigentlich…

ist in der Lage, unsere Sicherheit zu garantieren. Bitte, wenn die Rechten nicht zur Ordnung gebracht und Asylbewerber nicht respektiert werden können, wenn auch die Genfer Konvention nicht berücksichtigt werden kann, bitte, bitte: Bringen Sie uns weg aus dem Land Brandenburg.« Dieses Memorandum erregt ein ungeheueres Presseecho – deutschlandweit und international. Aber die Flüchtlinge wollen nicht nur mit der Regierung verhandeln. In einem bemerkenswerten Appell wenden sie sich an die deutsche Bevölkerung: Sie beschreiben, unter welchen Bedingungen sie leben müssen: drei Betten in einem Raum, jedem Asylbewerber werden lediglich sechs Quadratmeter zugestanden. Sie schildern, wie sie das Gutscheinsystem – die monatliche finanzielle Zuwendung wird nicht in Bargeld ausgezahlt, sondern in Form von Warengutscheinen – sie zu Außenseitern macht. Sie versuchen, ihrer deutschen Umwelt begreiflich zu machen, was es bedeutet, nicht arbeiten oder weiterlernen zu dürfen. Was es bedeutet, dass jede Reise über den Landkreis hinaus einer speziellen Erlaubnis bedarf – die oft genug nicht erteilt wird. Vor allem die Tatsache, dass sie für ihren Lebensunterhalt nicht selber aufkommen dürfen, sei ganz wesentlich mitverantwortlich für die rassistische Atmosphäre, in der sie leben müssen. »Am schlimmsten ist, dass wir von einigen Deutschen gehasst werden, die glauben, dass ihre Steuern für uns verwendet werden. Deshalb greifen sie uns an. Warum gibt man nur dem Mann auf der Straße die Schuld, der zuschlägt? Was ist mit dem Gesetz und den Gesetzgebern?« Und sie messen den deutschen Staat an seinem eigenen Anspruch. »Leben wir in einem militärischen Regime? Leben wir unter einer Diktatur wie zuhause in unseren Ländern? Ist dies die Definition von Demokratie?« Die brandenburgischen Behörden reagieren gereizt. Da man die Vorwürfe der Flüchtlinge nicht als haltlos abweisen kann, versucht man Druck auszuüben. Mehrere Asylbewerber, die zumeist kein Deutsch verstehen, werden durch die Ausländerbehörde bedrängt, ein Formular zu unterschreiben, demzufolge sie freiwillig ausreisen. Sonst, so droht man ihnen, werde ihnen die Sozialhilfe gestrichen. Fälschlicherweise wird ihnen mitgeteilt, sie hätten kein Recht auf den Beistand eines Rechtsanwalts oder auch eines Freundes. Gleichzeitig versuchen verschiedene Politiker, den Eindruck zu entkräften, Rathenow sei ein tiefbraunes Nazinest. »Der Ministerpräsident, der Sozialminister, der Bildungsminister, die sind alle zu uns gekommen und haben viel versprochen. Aber der Punkt war immer: Wir sollten keine Kritik üben.« Nicht die rechten Schläger und die deutschen Asylgesetze scheinen das Problem zu sein, sondern die Tatsache, dass jemand öffentlich darüber redet. Immerhin ermöglicht man den Flüchtlingen, einen Deutsch-Intensivkurs zu machen. Allerdings ohne Abschlusszertifikat. Mehrere Aktivisten der Protestbewegung gründen gemeinsam mit deutschen Unterstützern die »Flüchtlingsinitiative Brandenburg« FIB. Im Dezember 2000 nimmt der kamerunische Jurist Christopher Nsoh, Asylbewerber in Rathenow und Gründungs-Mitglied der FIB, stellvertretend für seine Mit-

streiter die Carl-von-Ossietzky-Medaille entgegen, verliehen durch die Internationale Liga für Menschenrechte. Kurz darauf »enthüllt« die Bildzeitung, das Nsoh im Jahr zuvor wegen Drogenhandels zu einer Bewährungsstrafe verurteilt wurde. Nsoh selbst bestreitet allerdings, jemals mit Rauschgift gehandelt zu haben. Er erklärt, er sei damals massiv unter Druck gesetzt worden. Es habe nur zwei Alternativen gegeben: Gefängnis und eine spätere Abschiebung, oder Geständnis und Bewährungsstrafe. Und zwei Jahre später wird Nsoh die Wiederaufnahme des Verfahrens durchsetzen und freigesprochen werden. Doch zunächst gerät die ganze Bewegung ins Zwielicht. Die Presse verliert das Interesse an dem Fall. Die Rathenower Asylbewerber und ihre Forderungen geraten aus den Schlagzeilen. Unterdessen verschlechtert sich die Atmosphäre im Asylbewerberheim Rathenow immer weiter. Keiner der Angestellten spricht französisch oder englisch, und die meisten Flüchtlinge kein deutsch. So sind Missverständnisse und Konflikte unvermeidlich. Darüber hinaus versucht das Personal offensichtlich, durch selbstentwickelte Schikanen auch über die Gesetzeslage hinaus, die renitenten Asylbewerber klein zu kriegen. Zu einem klärenden Gespräch sind weder der Heimbetreiber AWO, noch die Heimleitung bereit. »Da haben wir keine Alternative gesehen, als wieder einen Offenen Brief zu schreiben,« erinnert sich Amine. Im Sommer 2002 ist das. In ihrem Brief schildern Amine und seine Mitstreiter den täglichen Kleinkrieg zwischen Personal und Flüchtlingen. Dass die Angestellten immer wieder ohne anzuklopfen in die Zimmer platzen. Dass Besucher betont ruppig behandelt werden und – trotz des Protests des brandenburgischen Datenschutzbeauftragten – ihre Papiere an der Pforte abgeben müssen. Dass die Post der Heimbewohner geöffnet und gelesen wird. Zudem erheben die Asylbewerber den Vorwurf, einige Mitarbeiter der Wachschutzfirma Zarnikow, die zum Schutz des Heims und seiner Bewohner engagiert wurden, seien Neonazis. Und wieder gibt es erhebliche Presseresonanz. Als erstes reagiert die Wachschutzfirma. Sie überprüft nicht etwa die Vorwürfe, sondern erstattet Anzeige wegen übler Nachrede. Gleichzeitig setzt das brandenburgische Innenministerium einen Untersuchungsausschuss ein. Dieser kommt dann sehr schnell zu der Erkenntnis, dass tatsächlich mehrere Wachmänner von Zarnikow einer rechtsradikalen Kameradschaft angehören. Die Firma sieht daraufhin von weiteren juristischen Schritten ab und kündigt ihren Vertrag, »auf eigenen Wunsch«, wie sie betont. Als nächstes melden sich AWO und Heimleitung zu Wort – auch sie erstatten Anzeige wegen übler Nachrede. 2004 findet der Prozess statt. Er endet für die Anzeigenden in einer Riesenblamage. Unter anderem hatte die Heimleitung behauptet, sämtliche Mitarbeiter sprächen mindestens zwei, wenn nicht drei Fremdsprachen. Amine spricht vor Gericht eine der Angestellten auf englisch an, woraufhin diese zugeben muss, dass sie ihn nicht versteht. Die Heimbewohner können schließlich nachweisen, dass sämtliche Vorwürfe, die sie erhoben haben,


Was macht eigentlich…

der Wahrheit entsprechen und werden freigesprochen. »Die hatten die Hoffnung, sie könnten uns kleine Asylbewerber bestrafen und damit einschüchtern. Aber dann hat sich der Spieß völlig umgedreht,« erinnert sich Amine. Unterdessen prangert die Bundesregierung in offiziellen Erklärungen die »zahlreichen Menschenrechtsverletzungen, willkürlichen Verhaftungen sowie die massive Beschränkung der Pressefreiheit und die Wahlmanipulationen in der Republik Togo« an. Gleichzeitig werden weiterhin togoische Flüchtlinge abgeschoben. Viele von ihnen werden schon bei der Ankunft in Togo von Polizei oder Militär in Empfang genommen, misshandelt und gefoltert. Mehrere verschwinden spurlos. Bis heute wissen wir nicht, wie viele Menschen damals ermordet wurden oder immer noch im Gefängnis sitzen. Auch Amine, der sich mit den Behörden meist auf englisch verständigt, wird eines Tages ein Formular in französischer Sprache vorgelegt, das er unterschreiben soll. Es ist ein Schreiben, mit dem er in seine eigene Abschiebung eingewilligt hätte. Der Beamte hatte wohl geglaubt, sein Gegenüber verstehe kein französisch. Schließlich wird Amine nach Frankfurt zum Bundesamt für Migration und Flüchtlinge vorgeladen, um seine Fluchtgründe darzulegen. Doch stellt er bald fest, dass sich dafür eigentlich niemand wirklich interessiert. »Der Beamte war mehr auf meine Person konzentriert, als auf die Fluchtgründe: meine Intelligenz, wie gut ich deutsch kann, wie motiviert ich bin. Danach sagte er: ›Eigentlich hätten sie alle Gründe, anerkannt zu werden. Aber Ihren Unterlagen entnehme ich, dass Sie bald heiraten werden. Das ist doch eine gute Lösung.‹ Damit war

39

mein Asylverfahren zu Ende.« Da ist Amine bereits mit einer Schweizerin verlobt. Zwar erhält er nicht die offizielle Anerkennung als Asylbewerber, doch durch die Heirat ändert sich sein Status grundlegend. Er darf raus aus dem Heim. Er kann sich frei bewegen. Er kann endlich studieren. Er zieht nach Berlin und lebt heute mit seiner Frau und den beiden Kindern im Wedding. Auch Christopher Nsoh lebt heute in Berlin. Vor wenigen Monaten hat er an der FU erfolgreich seine Dissertation abgeschlossen – über die Flüchtlingspolitik der EU. Amine war vor einigen Monaten mal wieder in Rathenow, um seine alten Freunde zu besuchen. »Das war wirklich nicht schön zu sehen,« sagt er. Gewiss, es gibt dort inzwischen eine neue Wachschutzfirma. Man hat einige Renovierungen veranlasst und für jeden Heimbewohner einen eigenen Briefkasten eingeführt. Aber sonst hat sich wenig geändert. Manche Flüchtlinge, die vor fast zehn Jahren gemeinsam mit Amine nach Rathenow kamen, leben immer noch dort. Damals waren sie junge Menschen voller Energie. Sie waren Ingenieure, Studenten oder Kaufleute. In ihrem Herkunftsland hatten sie für Freiheit und Menschenrechte gekämpft. Manche hatten dafür ihr Leben riskiert. Dann hat man sie zum Warten verurteilt. In einer feindseligen Umgebung. Heute sind viele von ihnen psychisch krank, depressiv, ohne Antrieb. Manche sind Alkoholiker geworden. Sie wollten etwas aus ihrem Leben machen. Sie wollten arbeiten und Steuern zahlen. Das hat man ihnen nicht erlaubt.


TEXT

Christof Schaffelder

FOTOS

Mirko Zander

Mit Musik die Festung Europa knacken Jimmy Bamba, Musikredakteur

42 Kunst und Kultur


Kunst und Kultur

Bam ba Berlin« , ste llt sich Jim my »Ic h bin der Bao bab von Rad io Auf .« ppe rot bau m in der Ste vor, »de r ein sam e Affenb Jah elf t sei e les geb ürt ige Sen ega Mu ltik ult i mo der ier t der e neu t tier sen prä g Afrobe at und ren regelm äßi g die Sen dun bebei Da m. Rau afr o-k ari bis che n Ent wic klu nge n aus dem sze ne in der Sta dt. sik Mu oba chtet er auc h die wa ika nis che n Mu sik in Berlin »Di e gol den e Zei t der afr me aha our Abd t er. Mu siker wie ren die 80e r Jah re.« , erz ähl r hie n rte feie abo p und Roots An Dio p, Gru ppe n wie Saf -Sa l vie hr me ht nic dem Ma uer fall kam ihre ersten Erfolge. Nac h .« lich ent eig r abe ere ssie rt mic h Ne ues hin zu – »nu r das int Mu Zei tge ist änd erte sich , die Der : Da für nen nt er Grü nde en eut sch und sich auf Ma ins tre am sik lab els kon zen trie rte n dt Sta der in sik afr ika nis che n Mu das Ris iko , die Qu alit ät der chstis dra der nd ise auc h auf gru gin g zur ück – mö glic her we ute eta ts der We stb ezi rke . He tur Kul en Kür zun gen in den von lin Ber in er ika nis che r Mu sik kön ne kau m noc h ein afr ner der feie rn jetz t die Afr o-B erli für sein er Mu sik leb en. »Da

43

spi el in e: Joh nny Str ange zum Bei zweite n Gen era tion Erfolg .« sliw No r Cul cha Can del a ode der mu ltik ult ure llen Ban d ht nic t gib Es wa rze n Dia spo ra. »W ir leb en hie r in der sch in el spi Bei Tra dit ion wie zum die kul tur elle Bal lun g und ht nds ten Ent wic klu nge n sie nne spa Lon don ode r Par is«. Die ika Afr in n auc h nic ht, son der Jim my Bam ba dor t jed och eel, der Ha upt sta dt von Sen spi Bei sel bst : »In Da kar zum 200 cht llei zel nen Sta dtb ezi rk vie gal , gib t es in jed em ein ein iv mit we stli che r Mu sik aus ens Ban ds, die sic h auc h int ist end Jug afé s sin d vol l – die and ers etz en. Die Int ern et-C « ue. Ne das Kon tak t: So ent ste ht mit der gan zen We lt im siMu n rze wa ise r Fre und , den sch Un d er ziti ert sei nen Par opa we rde n wir die Fes tun g Eur sik ker Wa ziz Dio p: »M it Mu kna cke n!« dh kri ege rich tig Lus t auf We Un d wa s Berlin angeht: »Ic sich ut bra da vie le Afr ika ner. Un d din g. Da wo hne n ja auc h der Ort bis zeh n Jah ren wir d das f etw as zus am me n. In fün ss.« sei n, wo ma n hin geh en mu


Afrika gibt es gar nicht. Ein Interview mit der Malerin Maria Manuela Sambo über stolze Frauen, modernes angolanisches Kunstverständnis und deutsches Schubladendenken. I N T E RV I E W

Julia Boeck

FOTO

Mirko Zander

Wie kamen Sie zur Kunst, Frau Sambo?

Ich habe 1986 angefangen, als Künstlerin zu arbeiten. Mein Mann ist Künstler, er hatte ein Atelier, also habe ich dort auch immer etwas gemacht. Allerdings habe ich mich damals noch nicht als Künstlerin gesehen, denn ich wollte mein Germanistikstudium zu Ende bringen. Die Kunst war mehr so eine Nebenbeschäftigung, obwohl ich damals auch schon erste Ausstellungen machte. Und wann haben Sie sich dann entschlossen, als bildende Künstlerin zu arbeiten?

Eine Weile nachdem ich mit dem Studium fertig war. Ich konnte mich zuerst nicht entscheiden, das muss ich ehrlich sagen. Aber dann Mitte der Neunziger, 1996, 1997, da hab ich

eine klare Entscheidung getroffen. Von da an habe ich dann nur noch künstlerisch gearbeitet. Sie haben autodidaktisch gearbeitet?

Ja nur. Ich wollte nie an eine Kunsthochschule. Das war nie mein Bestreben. Ich bin mehr oder weniger zufällig, aus purer Lust an der Malerei und am Maskenbau, dahin geraten. Wie gesagt, das Atelier meines Mannes stand mir zu Verfügung. Mein Mann hielt sich fast immer dort auf und ich dann eben auch. So habe ich angefangen. Es war nie mein Ziel, Künstlerin zu werden. In Wahrheit hat sich das mehr oder weniger ergeben. Worin bestand Ihre Motivation zum Malen?

Ich hatte eine schreckliche Sehnsucht nach Zuhause, nach


Kunst und Kultur

Angola, nach meiner Familie. Ich kam 1986 zum Studium in die DDR. Das Leben in Leipzig war sehr schwierig für mich. Als Afrikanerin habe ich mich sehr fremd gefühlt. Und hätte ich nicht gleich meinen Mann kennen gelernt, wäre ich auch wieder zurückgegangen. Und dann spürte ich in diesem Maskenbau und dann auch in der Malerei immer so eine Verbindung mit Zuhause. Das war ganz verrückt, denn durch meine künstlerische Arbeit hatte ich auf einmal auf einer speziellen, sehr persönlichen Ebene eine Verbindung mit Angola. Das hätte ich nie von mir gedacht. Ich bin zwar in Angola aufgewachsen und ich bin Angolanerin aber ich habe mich nie zu den afrikanischen Formen hingezogen gefühlt und habe diese auch nie so bewusst wahrgenommen. Mein Vater hat damals zwar viel traditionelle Kunst gesammelt, die überall im Haus stand, aber ich habe nie ein besonderes Interesse daran gehabt und hätte auch nie gedacht, dass sich diese Formsprache so in mir festgesetzt hat. Und als ich anfing künstlerisch zu arbeiten, kam das auf einmal raus. Und ich dachte: »Wie kommt das denn, dass ich diese Formen baue und mache?« Das war merkwürdig. Ein intuitives Wissen über die traditionelle afrikanische Kunst?

Ja, das spürte ich dann wirklich. Da war etwas ganz tief in mir, wovon ich nicht wusste und was ich nicht bewusst angesteuert habe. Wie gesagt, ich hab wirklich nur so aus Spaß und Lust an der Sache diese Dinge im Atelier gemacht. Aber das kam dann alles raus. Durch die künstlerische Arbeit im Atelier habe ich mich meiner Familie und meiner angolanischen Kultur sehr verbunden gefühlt. Lassen Sie uns über Ihre Bilder sprechen: Sie malen Frauen. Warum?

Das ist wirklich eine interessante Frage, die mir immer wieder gestellt wird. Ich habe mir die Kunst ohne Studium und ohne Konzept angeeignet und von Anfang an gemalt, wonach es mir war. Als ich intensiv anfing zu malen, gab es eine Zeit, in der ich mich besonders mit mir selbst auseinandergesetzt habe. Das hatte etwas mit meiner Bewusstwerdung als Frau zu tun. Ich habe in dieser Zeit meine Tochter bekommen. Warum tragen Ihre Frauen auf den Bildern oft Masken?

Als Frau trägt man eine Maske. Es geht darum, sein Innerstes nicht ganz zu zeigen. Gucken ihre Masken grimmig?

Die Masken sind nicht grimmig. Im Gegenteil, sie sind voller Stolz und Selbstbewusstsein. Diese Frauengesichter haben für mich überhaupt nichts Erschreckendes oder irgendwie Abstoßendes, sondern etwas sehr Sensuelles. Und warum sind die Frauen nackt?

Ich sah keine Notwendigkeit, sie anzuziehen. Das hat vielleicht auch etwas damit zu tun, »sich so zu zeigen, wie man ist«. Ab und zu tragen sie ja auch mal einen Rock. Ich fand es viel interessanter, die Frauen nackt zu malen, so konnte ich Spuren auf die Haut schreiben, malen, kratzen. Das fand ich spannender als so ein Kleidungsstück. Die Frauen sind eigentlich nie wirklich nackt. Einmal durch diese Gesichter, die ziemlich einheit-

45

lich sind, die man fast als Maske bezeichnen kann und dann durch diese Spuren auf der Haut, durch die Symbole oder Ornamente. Ich empfinde die Frauen nicht als nackt. Als ich für dieses Interviews recherchierte, las ich unter anderem, dass ihre Frauenfiguren vom Neo-Expressionismus inspiriert sind. Was sagen Sie dazu, wenn Ihre Kunst eine Kunstrichtung bekommt?

Damit hab ich gar kein Problem. Denn als ich damals in Dresden in die Kunstwelt kam, war das schon die Zeit, in der sich die DDR-Künstler sehr stark und sehr intensiv mit dem Expressionismus auseinandergesetzt haben. Mein erstes Eindringen in die Kunst geschah also auch über die Expressionisten. Zudem haben sich die Expressionisten sehr stark, wenn nicht sogar ausschließlich, an der Formsprache von afrikanischen oder Südseevölkern bedient. Sie haben ihre Formsprache ursprünglich aus Afrika. Von daher ist das ja auch meine Formsprache. Also frage ich mal: Wer hat was von wem? Auf der anderen Seite gibt es mit Sicherheit Einflüsse aus der Dresdener Zeit. Da waren viele Maler, die ich sehr bewundert habe und bis heute bewundere. Ich habe mir ihre Sachen intensiv angesehen und mich damit auseinandergesetzt. 2002 haben Sie zusammen mit ihrem Mann Daniel SamboRichter eine Ausstellung in Luanda / Angola gemacht. Wie wurde ihre Kunst dort verstanden?

Die Ausstellung war unglaublich erfolgreich. Es wurde fast alles verkauft, was mir hier in Deutschland noch nie passiert ist. Als ich in Luanda ankam, hatte ich überhaupt nicht mit so einem großen Interesse gerechnet. In Angola, also in Luanda, gibt es nun auch nicht so viele Ausstellungen. Ich war fassungslos: Die Ausstellung wurde so begeistert aufgenommen, es war richtig voll in den Galerieräumen, es gab Zeitungsartikel, Fernsehbeiträge dazu. Und die Luandiner fanden das einfach toll. Worüber wurde denn auf Ihrer Ausstellung gesprochen?

In Luanda wurden ganz andere Gespräche geführt als hier bei den Ausstellungen. Es standen eher inhaltliche Fragen im Vordergrund, weniger diese formalen Fragen, die es hier oft gibt. Viele Leute wollten zum Beispiel wissen, ob das eine bestimmte Bedeutung hat, dass ich manchen Bildern Namen gegeben habe, die von traditionellen Masken kommen. Auch das Thema »Nacktheit« stand im Vordergrund. Ist Nacktheit nicht etwas ganz Selbstverständliches in der afrikanischen / angolanischen Kunst?

Doch. Schau dir zum Beispiel mal die traditionellen Skulpturen an, die sind fast alle immer nackt. Aber in der modernen Malerei, in der modernen afrikanischen Kunst ist es nicht so geläufig, dass eine Malerin mit meinem Anspruch so malt, wie ich es tue. Vielleicht liegt es daran, dass es in der Gegenwartskunst kaum Malerinnen in Angola gibt. Nacktheit war ein wichtiges Thema auf der Ausstellung. Das war gar nicht anstößig gemeint. Die Leute fanden es eher interessant und wollten die Gründe dafür wissen. Sicher waren Ihre Landsleute auch sehr stolz auf Sie.

Ja, die fanden das sehr gut. Ich denke, die Ausstellung be-


wirkte auch so einen Überraschungseffekt, weil ich in Luanda als Malerin ja komplett unbekannt war. Niemand wusste, dass ich male und auf einmal gab es eine große Ausstellung von und mit mir. Deswegen kamen alle, um zu gucken, wer das denn jetzt ist. In Angola gibt es ein paar Künstler, die sehr bekannt sind und auch immer wieder ausstellen und auf einmal war da jemand Neues. Afrikanische Künstler haben es in Deutschland oftmals schwer mit ihrer Kunst. Haben Sie das Gefühl, dass Ihre Kunst in Deutschland verstanden wird?

Ja, aber nur von einem kleinen Publikum. Afrikanische Kunst in Deutschland, da denken viele an irgendwelche exotischen Sachen. Wie wirkt sich das konkret aus?

Bei jeder Ausstellung sagt irgendjemand: »Ach ja, das sind ja afrikanische Farben, oder?« Natürlich löst das beim Betrachter auch eine gewisse Sehnsucht aus. Oder es gibt Kommentare, wie: »Das ist ja nicht so richtig afrikanisch.« Man vermisst das exotische Element. Viele Menschen verwechseln afrikanische Kunst mit dieser sogenannten Airportart – mit dieser Touristenkitsch-FlughafensouvenirKunst. Allerdings sprechen wir hier von einem Publikum, das sich überhaupt nicht informiert hat und das Kunst sehr oberflächlich sieht. Erstaunlicherweise geschieht dies aber auch bei Menschen, von denen man denken könnte, dass ein gewisses Wissen oder wenigstens eine Haltung, eine Art von Reflexion vorhanden ist. Afrika gibt es ja gar nicht in diesem Sinne. Es gibt verschiedene afrikanische Länder. Ich komme aus Angola, nicht aus Afrika. Hier sagt ja auch keiner »Ich komme aus Europa, sondern ich komme aus Deutschland, Frankreich, Portugal. Also von daher bin ich Angolanerin und kann auch nur von der angolanischen Kunstszene sprechen, aber das allein sorgt oft schon für Erstaunen. Kunst hat ja weltweit eine Globalisierung gefunden. Aber das wird Afrika, den afrikanischen Ländern nicht so zugestanden. Dass eben dort, genauso wie hier, eine kultur- und kunstgeschichtliche Entwicklung stattgefunden hat, die viele Einflüsse hatte – angefangen von der traditionellen afrikanischen Kunst über die portugiesische Kunst, über die westliche Kunst bis heute. Alle diese Dinge finden ihren Ausdruck in der modernen angolanischen und afrikanischen Kunst. Und ich selbst bin ein Teil dieser Bewegung, der neuen, der modernen, der Gegenwartskunst in Afrika – in einem afrikanischen Land – nämlich Angola. Sicher fehlen im deutschsprachigen Raum auch die Vokabeln, um die afrikanische Kunst angemessen und differenziert zu diskutieren. Im englischen Sprachraum ist man da schon viel weiter.

Sicher ist das so, aber ich versuche das mal so zu sagen: In Angola ist nichts anderes passiert als in Deutschland. Da gibt es heute Künstler und da gab es schon immer welche – genauso wie hier. Die Kunst hat sich hier entwickelt, bei uns genauso. Ich sehe mir zum Beispiel meinen Mann an, er ist ein deutscher Künstler. In seiner Kunst lebt eine gesamte

46

Kunstgeschichte von Deutschland, von Europa. Sie findet ihren Ausdruck in seiner Kunst. Warum? Weil er ein Kind dieser Gegend ist, dieser Breitengrade, dieser Geschichte, dieser Kultur. Er kann sich dem gar nicht entziehen. Genauso ein angolanischer Künstler, genauso ich. Ich lebte dort, trage in mir eine ganze kunst- und kulturgeschichtliche Entwicklung und diese findet ihren Ausdruck in meiner Kunst. Genauso wie alles andere auch – mein persönliches, mein privates Leben und so weiter. Die angolanischen Künstler sind ebensolche Menschen wie die hier auch und so findet man zur Modernität oder so lebt man in der Modernität als Künstler. Welchen Zugang zu Ihrer Kunst würden Sie sich wünschen?

Dass man im Umgang mit afrikanischer Kunst genau die gleichen Maßstäbe ansetzt, wie an deutsche Kunst, genau die gleichen Anforderungen an die Qualität stellt. Und dass man mit den gleichen Erwartungen und mit der gleichen inneren Prädisposition herangeht und nicht denkt, »Oh, Afrikanische Kunst, da setze ich jetzt aber andere Maßstäbe an.« Es ist schwierig, aber nicht unmöglich. Es gibt ja auch Galerien, wie die Galerie Peter Herrmann (Brunnenstraße 154, 10115 Berlin), die in dieser Hinsicht eine sehr konsequente Arbeit leisten, indem sie immer wieder Gegenwartskunst aus den verschiedensten afrikanischen Ländern unter verschiedenen Gesichtspunkten zeigen. Das ist sehr wichtig. Das gibt es noch zu wenig. Gibt es noch andere vergleichbare Initiativen?

Es gab im Februar 2008 den Kulturgipfel der Grünen, wo unter anderem diese Thematik aufgegriffen wurde. Ich fand das sehr gut, dass die Wahrnehmung von afrikanischer Kunst in der heutigen deutschen Gesellschaft in den Besprechungskatalog der Grünen aufgenommen wurde. Auf der Konferenz sind auch viele gute Ideen entstanden. Sie wollen verschiedene Dinge anregen, zum Beispiel einen Lehrstuhl für afrikanische Gegenwartskunst an der Uni oder Museumsarbeit, Galeriearbeit mit wissenschaftlicher Forschung usw. Das alles gibt es bisher so gut wie gar nicht für die Gegenwartskunst aus Afrika. Damit sich dieses Ethnokunst-Bild in den Köpfen endlich auflöst.

Maria Manuela Sambo wurde 1964 in Luanda, Angola, als Tochter einer Portugiesin und eines Angolaners geboren. 1984 erhielt sie ein Stipendium und zog in die DDR. An der Universität in Leipzig studierte sie Germanistik und Literaturwissenschaften. Durch Kontakte zu Dresdner Künstlern begann sie sich der Bildenden Kunst zuzuwenden. Manuela Sambo lebt seit 2001 mit Ihrer Tochter und Ihrem Mann, dem Künstler Daniel Sambo-Richter, in Berlin und hat ein Atelier im Bezirk Wedding.


IMPRESSUM H E R AU S G E B E R R E DA K T I O N FOTOGRAFIE GRAFIK M I TA R B E I T T E X T

M I TA R B E I T F O T O

B I L D NAC H W E I S E

V E RT R I E B

D RU C K PA P I E R AU F L AG E

Initiative Afrikanisches Viertel Ursula Trüper Mirko Zander | www.bildmitte.de Lucas Fester | www.lucasfester.de Julia Boeck | Christof Schaffelder Alex Moussa Sawadogo Alimamy Sesay | Ulrike Steglich Petra Strähle Akinbodé Akinbiyi | Christoph Eckelt Christian Jungeblodt Titel: Mirko Zander S.3 Akinbodé Akinyibi S.8 Landesarchiv Berlin S.16 Archiv BVG vertrieb@afrikanisches-viertel.de Antiquariat Mackensen und Niemann | Malplaquetstraße 13 | 13347 Berlin sowie einschlägige Kulturvereine und Afroshops. Per Bestellung beim Herausgeber vertrieb@afrikanisches-viertel.de Preis 3 € (+ 1,20 € P &V) Oktoberdruck | www.oktoberdruck.de Cyclus Offset | aus 100 % Altpapier 3.000 Alle Texte und Illustrationen sind urheberrechtlich geschützt. Texte können zu Unterrichtszwecken vergütungsfrei vervielfältigt werden.

Wer über zukünftige Ausgaben und Aktivitäten der Initiative Afrikanisches Viertel informiert werden möchte, schicke bitte eine E-Mail an newsletter@afrikanisches-viertel.de Förderinnen und Förderer des Magazins sind immer gern gesehen. Spendenquittungen können gerne ausgestellt werden. M I T F R E U N D L I C H E R U N T E R S T Ü T Z U N G VO N

Die nächste Ausgabe erscheint im Winter 2009/2010


48

Kunst und Kultur


Kunst und Kultur

49

SCHWARZE KÖRPER WEISSE BLICKE

Wann endet der Mythos des afrikanischen Tanzes?

TEXT

Alex Moussa Sawadogo

FOTO

»Ibeji« Mirko Zander

Als der große Vordenker des Antikolonialismus und Antirassismus, Frantz Fanon, 1952 seinen Essay »Schwarze Haut, weiße Masken« veröffentlichte, war die Rassentrennung in vielen Ländern noch schreckliche Realität. Aber hat sich seit dem offiziellen Ende von Rassentrennung und Apartheid wirklich etwas am Blick der Weißen auf die Schwarzen geändert? Bis heute sind Vorurteile gegenüber Menschen schwarzer Hautfarbe tief verwurzelt – auch bei Leuten, die jeglichen Rassismus-Vorwurf weit von sich weisen würden. Noch immer ist der schwarze Körper in Europa mit Klischees und Phantasievorstellungen behaftet. Von Josephine Baker bis Michael Jackson – das Stereotyp des Afrikaners, dem die Fähigkeit zum Tanzen offenbar in die Wiege gelegt wurde, ist in der westlichen Welt fest verankert. Noch immer denken viele, Schwarze bräuchten keine Ausbildung zum Tanzen, kein regelmäßiges Training, keine Proben – und schon gar kein Nachdenken über das, was sie da tun. Doch auch Schwarze selbst trugen dazu bei, dieses hartnäckige Klischee zu verfestigen, etwa mit der »Négritude«Debatte. »Das Gefühl ist schwarz«, meinte etwa der ehemalige senegalesische Staatspräsident und Poet Léopold Sédar Senghor. Damit reduzierte Senghor den künstlerischen afrikanischen Tanz zur Folklore. Denn afrikanische Tradition ist – wie alle anderen Traditionen auch – weder angeboren, noch unveränderlich, sondern sie kann sich immer wieder wandeln und weiterentwickeln. Die Choreographen Salia Sanou, Seydou Boro, Opiyo Okach, Boyzie Cekwana, Faustin Linyekula und andere haben in den vergangenen 15 Jahren daran gearbeitet, den afrikanischen Tanz aus seiner Erstarrung zu holen. Diese Künstler schöpfen aus ihren Traditionen und entwickeln

daraus zeitgenössische Choreographien, in denen es um universelle Themen geht, die jeden Menschen auf der Welt etwas angehen. Von New York über London und Brüssel bis hin nach Paris ist es dem zeitgenössischen afrikanischen Tanz gelungen, sich gleichberechtigt unter anderen Kunstformen aus aller Welt zu behaupten. In Berlin dagegen hat dieser Tanz noch immer Mühe, Fuß zu fassen. Keine zeitgenössische afrikanische Tanzkompagnie ist in der Bundeshauptstadt zuhause, und auch Koproduktionen zwischen einheimischen und afrikanischen Gruppen sind rar. Zwar bemühen sich Berliner Tanzfestivals wie »In Transit« und »Tanz im August« sowie die »Potsdamer Tanztage«, das interessierte Publikum jedes Mal zufrieden zustellen – denn die Nachfrage ist inzwischen groß. Gleichwohl schaffen es nur wenige in Afrika selbst produzierte afrikanische Choreographien auf die Berliner Bühnen. Es ist paradox: In Berlin haftet dem universellen zeitgenössischen Tanz aus Afrika aufgrund seines Seltenheitswerts mehr Exotik an, als dem folkloristischen »afrikanischen Tanz«, der in unzähligen Kursen angeboten wird. Mit dem Mythos des afrikanischen Tanzes in Berlin kann erst Schluss sein, wenn das Publikum und die Kritiker ihm die Möglichkeit geben, sich neu zu erfinden. So sieht es auch Michel Chialvo (Africultures Nr. 42/2001): »Der afrikanische Tanz ist am Siedepunkt, man muss ihm die Zeit zum Entwickeln geben und ihn nicht nach der Vorstellung bewerten, die der Westen von ihm hat oder nach dem, was die Traditionalisten gerne in ihm sehen würden.« Die einengenden Klischees müssen ausgeräumt werden – nur so kann sich der afrikanische Tanz öffnen und eine lebendige Kultur werden.


50

Kunst und Kultur

ERFOLG IN DER NISCHE Afrikanisches Kino in Berlin

TEXT

Alex Moussa Sawadogo

Im Gegensatz zu anderen Kunstformen hat es Kino aus Afrika in Berlin nicht schwer. Gleich mehrere Veranstaltungsreihen bringen afrikanisches Kino in die Hauptstadt. Der Verein AfricAvenir etwa zeigt in seiner Reihe »african reflections« regelmäßig afrikanische Filme. Mit african reflections will AfricAvenir einen Rahmen schaffen, in dem über politische, wirtschaftliche, soziale und kulturelle Fragen im Zusammenhang mit Afrika diskutiert und nachgedacht werden kann. »African reflections hat es dem Berliner Publikum innerhalb kurzer Zeit ermöglicht, sein Wissen über Afrika zu vertiefen«, sagt der Vorsitzende von AfricAvenir, Eric van Grasdorff. Die Berliner Programmkinos zeigen ebenso wie das Afrika-Festival in Potsdam jedes Jahr neben Musik, Tanz und Kunst auch afrikanische Filme. Dass in Afrika die Filmindustrie boomt, belegen neue Wortschöpfungen wie »Hillywood« in Ruanda, »Riverwood« in Kenia, »Kinawood« in Burkina Faso – und natürlich »Nollywood«, die riesige Filmindustrie in Nigeria. Digitale Filme made in Nollywood sind in Afrika beliebt wie HollywoodFilme in der ganzen Welt. Um die Nollywood-Produktionen auch außerhalb Afrikas bekannt zu machen, lädt Julien Enoka-Ayemba einmal monatlich zum Jour Fixe »Nollywood Spezial« in die Neuköllner Werkstatt der Kulturen. In ihrem Dokumentarfilm »Loving Lagos«, hat sich auch die Berliner Filmemacherin Dorothée Wenner mit der nigerianischen Filmindustrie auseinandergesetzt. Das breite Interesse an der Dokumentation zeigt, wie groß die Neugier auf das unbekannte Film-Terrain Afrika ist. Jüngster Neuzugang unter den afrikanischen Filmforen in Berlin ist das Festival Afrikamera, das im November 2008 erstmals im Haus der Kulturen der Welt zu sehen war. Es versteht sich nicht nur als Plattform für den afrikanischen Film,

sondern auch als Ort der Begegnung und des Austauschs zwischen afrikanischen und europäischen Regisseuren, Produzenten und Verleihern sowie zwischen Filmemachern und Zuschauern. Afrikamera zeigte unter dem Motto »Migrating Identities« erstmals in Deutschland Filme des größten afrikanischen Filmfestivals, des Fespaco 2007. Mit Filmen wie »Africa Paradis« von Sylvestre Amoussou und »Juju Factory« von Balufu Bakupa-Kanyinda kann das Publikum ein neues afrikanisches Kino entdecken, das in Form und Inhalt Risiken eingeht, Fragen offen lässt und schonungslos den Menschen erforscht. Trotz des Hypes, der derzeit in Berlin um Filme aus Afrika herrscht: Es bleibt noch viel zu tun, damit Kino aus Afrika eine echte Chance in Deutschland hat und auch jenseits von Festivals und ausgesuchten Kinos die Menschen erreicht. Hilfreich wären deutsche Koproduktionen. In dieser Hinsicht haben Nachbarländer wie Frankreich und Belgien den Deutschen etwas voraus.

Alex Moussa Sawadogo ist 1974 an der Elfenbeinküste geboren. Er hat Kunstgeschichte und Archäologie an der Universität Ouagadougou in Burkina Faso studiert. Seit 2004 lebt er als freier Kulturmanager und Journalist in Berlin und war bis Ende letzten Jahres in der Botschaft von Burkina Faso für den Bereich »Kultur und Kommunikation« zuständig. Seit November 2006 ist Sawadogo künstlerischer Leiter des Projekts »Afrikamera – Aktuelles Kino aus Afrika.«


Anzeige

t d n a w r e V * t f a h c s

DER WEDDING Magazin für Alltagskultur

* »Der Wedding« Nr. 02 zum Thema „Verwandtschaft“ ist demnächst überall im Zeitschriftenhandel erhältlich. Infos unter: www.derwedding.de


Afrikanisches Viertel