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5 Tage im Wald: Spuren lesen oder die Kunst Fragen zu stellen

von Sandra Isermann und Ulrike Thesmann


Inhaltsverzeichnis Vorwort

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1

Einleitung

4

2

Die Bedeutung des Spurensuchens und -lesens

4

3

Zur Vorbereitung: Wissenswertes über Spuren

5

4

3.1

Sprache des Waldes

5

3.2

Arten von Spuren

5

3.3

Wo finde ich Spuren?

5

Methodisch-didaktische Vorgehensweise

6

4.1

Rücksichtsvolles Verhalten im Wald

6

4.2

Sinne schärfen

7

4.3

Fragen

8

5

Fazit

6

„Da kann das im Bett liegen und wenn’s mal aufwacht, dann kann das futtern.“ (Jette) Transkription eines Gesprächs mit Kindern während sie Fotos von der Waldwoche anschauten 11

7

Gespräche mit Kindern über das Erforschen der Natur

21

7.1

Kinder suchen Gespräche

21

7.2

Gesprächsbereite Erwachsene

21

7.3

Wirkliches Verstehen

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7.4

Das selbstständige Lernen

22

7.5

Gesprächsimpulse

23

7.6

Gute Fragen

24

7.7

Antworten

25

7.8

Umgang mit Kinderfragen

25

7.9

Fehlern das Negative nehmen

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7.10

Gesprächskultur in der Kindergemeinschaft

26

8

10

7.10.1 Gesprächsverhalten von Kindern im Vorschulalter

26

7.10.2 Zuhör-Situationen schaffen

26

7.11

27

Weitere Gesprächsanlässe

Literatur

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Vorwort In einer offenen Reihe stellt die Stiftung Akademie für Kinder Münster interessante Berichte aus der pädagogischen Arbeit mit Kita-Kindern vor. Im Mittelpunkt dieser Darstellungen stehen das „Forschen“ und damit die Aneignung der Welt durch die Kinder. Sandra Isermann und Ulrike Thesmann, Pädagoginnen mit langjähriger Erfahrung in der Arbeit mit Kita-Kindern, berichten von einer Waldwoche mit dem Thema „Spuren lesen“. Wir hören, welche Entdeckungen und Erkenntnisse die Kinder machen und wie sie selber diese beschreiben, und erfahren, welche Aufgaben die Erzieherinnen als Wegbegleiter im Erkundungsprozess erfüllen. Die pädagogische Grundhaltung wird ebenso wie das didaktisch-methodische Vorgehen beschrieben und erläutert. Fragen leiten das Geschehen und eine kindgerechte Gesprächskultur ermöglicht das Entstehen von Erkenntnisprozessen der Kinder, aber auch der begleitenden Pädagogen.

Günter Heimsath Stiftung Akademie für Kinder Münster

Impressum: Herausgeber: Stiftung Akademie für Kinder Sendener Stiege 49 48163 Münster Tel. 0251 - 144 87 30 Verantwortlich im Sinne des Presserechts: Günter Heimsath Autorinnen: Sandra Isermann und Ulrike Thesmann Alle Rechte vorbehalten, 1. Auflage, Oktober 2016

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1 Einleitung Im folgenden Beitrag stellen wir das Projekt „Waldwoche zum Thema Tierspuren“ vor, welches wir in unserer Kita durchgeführt haben: Fünf Tage lang gingen die Kinder von 8.30 Uhr bis 15.00 Uhr in einem am Stadtrand gelegenen parkähnlichen Wald auf Entdeckungsreise, forschten und spielten. Wieder zurück in der Kita schauten wir uns mit ihnen zusammen Fotos der Spurensuche an, nahmen ihre Erzählungen und Gespräche digital auf und schrieben sie anhand dieser Aufnahmen auf. Diese Transkription ist in Kapitel 5 zu finden: Anhand der Fotos und der Kommentare der Kinder werden ihre Erlebnisse und Erkenntnisse in der kindlichen Sprache und Ausdrucksweise deutlich. Dem Kapitel vorangestellt sind methodisch-didaktische Hinweise für das Verhalten in der Natur und für das Spurenlesen (Kapitel 1-3) In Kapitel 6 gibt es Vorschläge für die Gesprächsführung mit Kindern, die das naturkundliche Entdecken und Forschen anregen und begleiten können.

2 Die Bedeutung des Spurensuchens und -lesens Viele Tiere bleiben unseren Blicken verborgen. Oft sind die Spuren das einzige, was wir von Wildtieren zu sehen bekommen, insbesondere von Säugetieren, die nacht- bzw. dämmerungsaktiv oder sehr scheu sind. Mit Spuren sind alle großen und kleine "Beweise" gemeint, die uns sagen, wo ein Tier gewesen ist. Sie verraten uns eine Menge über die Eigenschaften und Verhaltensweisen sowie über die Bedürfnisse eines Tieres, was schon allein wichtig ist, um sich rücksichtsvoll im Wald zu bewegen. Das Spurensuchen und -lesen gleicht einem Detektivspiel, das unsere ganze Aufmerksamkeit und Hingabe fordert. Durch das Fragenstellen kommen wir den Lösungen auf die Spur. Kinder sehen beim Spurensuchen oft mehr Details als Erwachsene. Ihr Entdeckertrieb, ihre Phantasie und ihre Begeisterungsfähigkeit sind treibende Kräfte und ihre größere Nähe und Verbundenheit zum Boden kommen ihnen hierbei zugute. Bequemlichkeit, Luxus, Konsumhaltung haben uns viel von unseren Fähigkeiten und Fertigkeiten genommen, die einst überlebenswichtig waren. Dazu zählt auch das Spurenund Fährtenlesen. Die Notwendigkeit dieser Fähigkeiten, insbesondere der erweiterten Wahrnehmung und einer gesteigerten Aufmerksamkeit ist nicht mehr gegeben, und ihre Verarmung ist der Preis der Technik. So sind wir gewohnt, zu fokussieren. Der sogenannte Tunnelblick herrscht vor und wird gefördert in der Schule, beim Fernsehen, vorm Computer, im Supermarkt. Dabei kann uns die Übersicht, der Blick fürs Ganze verloren gehen und es besteht die Gefahr, sich in (unwichtigen) Details zu verlieren (ein Fokus jagt den anderen). Auch Kinder sind davon betroffen. Die Zahlen der Kinder mit Wahrnehmungsstörungen und ADHS nehmen zu. Übermäßige Fernseh- und Computernutzung führt in extremen Fällen zu Bewegungsmangel und Übergewicht. Digitale Spielzeuge, Computer oder Fernseher interagieren kaum, sondern präsentieren vielmehr Inhalte, die nicht wirklich zu "be-greifen" sind. Umso dringlicher ist es, Kindern das intensive Verstehen und Erfassen der Welt, das Erschließen von Zusammenhängen und Kreisläufen mit allen Sinnen zu ermöglichen.

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Eine Möglichkeit ist das Spuren-und Fährtenlesen. In der modernen Gesellschaft scheinen genaue Kenntnisse über Spuren, Lebensweisen und Vorlieben der Tiere keine große Bedeutung mehr zu haben. Nicht so bei Kindern. Kaum etwas interessiert und begeistert Kinder spontan mehr als Tiere (ihre Mitgeschöpfe). Dabei kann es sein, dass bei einem Ausflug in den Zoo die Assel am Boden mehr fesselt als der Elefant im Gehege. Jeder Spaziergang oder Fußweg selbst über die Straße zeigt, dass Kinder beim Entdecken einer Ameise o.a. stehen bleiben und untersuchen wollen. An diesem ureigensten Interesse der Kinder knüpfen wir an, wenn wir uns auf Spurensuche begeben.

3 Zur Vorbereitung: Wissenswertes über Spuren 3.1 Sprache des Waldes Alles, was im Wald passiert, hat einen Grund. Kommt beispielsweise ein Fuchs daher, so nehmen das andere Tiere wahr und reagieren. Plötzliche Stille, Alarmrufe, aufschreckende Vögel u.a. sind solche Reaktionen. Die Sprache des Waldes ist keine Wortsprache. Das Empfangen und Senden von Signalen findet auf unterschiedlichen Wahrnehmungsebenen statt. Alles, was nicht in Harmonie ist, stellt eine Störung dar. Das ist wichtig zu wissen, wenn man sich im Wald bewegt mit dem Ziel, möglichst wenig im Wald zu stören.

3.2 Arten von Spuren Es gibt ganz unterschiedliche Arten von Spuren, die uns viel über die Eigenarten, Bedürfnisse und das Verhalten eines Tieres verraten. Als Fährten bezeichnen wir hier - anders als es Jäger tun - alle Spuren/Abdrücke von Tieren mit Pfoten, von Vögeln und von Schalenwild (z.B. Rehe) und Huftieren. Kotspuren (Losungen) lassen sich unterscheiden in die von Schalenwild, Raubtieren, Nagetieren, Insektenfressern und Vögeln. Fraßspuren können sich zeigen durch eine Anhäufung von Federn (Rupfungen z.B. durch Habicht, Risse z.B. durch Fuchs), an Pflanzen und Früchten und in Form von Gallen. Eine besondere Form sind die Gewölle verschiedener Raubvögel. Nicht zu vergessen sind die Wohnbauten und Ruhestätten, die sich im Wald finden lassen wie die Rehbetten.

3.3 Wo finde ich Spuren? Empfehlenswert ist ein Gang bevor man auf die eigentliche Spurensuche mit Kindern geht, um sich mit der Landschaft vertraut zu machen. Dabei kann man sich das Landschaftstracking (engl.: tracking = Spurenlesen) zunutze machen. Um zu wissen, wo 5


man Spuren findet, bedarf es einiger Überlegungen darüber, was Tiere brauchen und welche Ansprüche sie haben: 

Deckung/Schutz (vor Wetter, bei der Jungenaufzucht)

Nahrung (Artenvielfalt)

Wasser

Dort, wo es eine große Vielfalt an Pflanzen gibt, ist in der Regel auch eine Vielfalt an Tieren vorzufinden. Grenzbereiche, d.h. Vegetationszonen, die ineinander übergehen, sind folglich interessant. Um nach solchen "Inseln" Ausschau zu halten, ist es hilfreich, aus der Entfernung zu gucken, verschiedene Perspektiven, z.B. im Geiste die Adlerperspektive einzunehmen, um ein Bild von der Landschaft zu bekommen. Inseln mit Vielfalt an Pflanzen sind im Wald z.B. Lichtungen. Wechsel (Tierpfade) findet man häufig parallel zum Weg und diese werden von verschiedenen Tieren benutzt. Tiere nehmen immer den ökonomischsten Weg (Energiehaushalt). Jedes Tier hat ein Territorium. Innerhalb dieses Territoriums gibt's ein Netz aus Wegen (von Insel zu Insel). Übergänge und Wechsel brauchen Vielfalt an Vegetation, wenn sie fehlt, ist die Deckung schlecht und Futterplätze sind nicht ausreichend. Im dichten Wald gibt es diese Vielfalt meist nicht (zu wenig Licht), deswegen gilt es, nach Inseln (Lichtungen) Ausschau zu halten. Bodenwellen, Vertiefungen/Mulden sowie große Fluchtdistanz und gute Sicht bieten Deckung und Schutz. Tipp: Auf Übergänge von Deckung zu Futterplätzen zu Wasser achten! Das Wetter beeinflusst alles: Stimmungen, Landschaften, Routinen. Auch Tiere reagieren auf das Wetter. Wetter- und Bodenverhältnisse sind nicht zu trennen, d.h. bei der Altersbestimmung von Spuren ist das Wetter unbedingt mit einzubeziehen. Im Umkehrschluss kann all das oben genannte Sachwissen, die Ansprüche, Bedürfnisse und das Verhalten von Tieren sowie Einflüsse wie das Wetter anhand der Landschaft und der entdeckten Spuren mit Kindern herausgearbeitet und erfahrbar gemacht werden. Anhand von Fragen (im besten Fall von den Kindern selbst formuliert) und Impulsen, erschließt sich all das Wissen, welches die Spuren und die Landschaft erzählen. Die Natur wird zur eigentlichen Lehrer/in bzw. Erzieher/In.

4 Methodisch-didaktische Vorgehensweise 4.1 Rücksichtsvolles Verhalten im Wald Um Kindern einen behutsamen und wertschätzenden Umgang mit der Natur nahe zu bringen, ist es wichtig, bestimmte Verhaltensweisen mit den Kindern zu erarbeiten und auszuprobieren. Mit der Aussicht, so womöglich auch ein wildes Tier zu Gesicht zu

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bekommen, lassen sich Kinder in der Regel schnell dafür begeistern und bringen entsprechenden Ehrgeiz auf. Um sogenannte Alarmwellen zu vermeiden bzw. zu minimieren, sollten die Kinder zunächst die Möglichkeit bekommen, sich am Lagerplatz oder am Waldrand auszutoben, bevor es auf Spurensuche geht. Im Wald heißt es dann, sich möglichst unscheinbar zu verhalten. Hierzu kann das Vereinbaren einer Zeichensprache hilfreich sein (s. Abb. 1 und Abb. 4-6). Wenn gesprochen wird, dann leise. Im besten Fall verhalten sich die Tiere wie immer. Darüber hinaus gilt es, den Waldboden mit seinen Pflanzen zu schonen, indem man hintereinander geht und möglichst wenig "zertrampelt" (s. Abb. 7).

4.2 Sinne schärfen Nach dem Austoben geht es darum, zur Ruhe zu kommen und die gesamte Wahrnehmung bestmöglich nutzen zu können. Um in die sogenannte anstrengungslose Aufmerksamkeit zu gelangen, helfen zwei Techniken: Der Weitwinkelblick und der Fuchsgang. Sich unscheinbar machen, gut angepasst sein, heißt unsichtbar werden mit dem Ziel, viel wahrzunehmen, ohne selbst wahrgenommen zu werden. Fokussierte Blicke sind spürbar. Im Weitwinkel löst sich der Fokus auf. Er ist der Schlüssel zur Unsichtbarkeit. Der Weitwinkelblick ist der ursprüngliche, natürliche Blick. Da in der heutigen Gesellschaft der Tunnelblick vorherrscht, ist der Weitwinkelblick erstmal ungewohnt, unsicher und wackelig. Mit Übung führt er uns (Kinder wie Erwachsene!) jedoch zur Erweiterung der Wahrnehmung, schult den Blick fürs Ganze, lässt uns ruhig werden und "runterfahren". Dazu bildet man zunächst einen Kreis mit so viel Abstand zwischen den einzelnen, dass man die Arme seitlich ausstrecken kann, ohne den Nachbarn zu berühren. Jetzt verändert man den Blick so, als ob man durch das, was vor einem ist, hindurch sieht. Als nächstes streckt man die Arme aus und bringt sie langsam nach vorn und wieder zurück und achtet darauf wie lange man seine eigenen Arme noch sehen bzw. wahrnehmen kann, ohne sie zu fokussieren. Dann kann man anfangen, sich langsam zu bewegen, also die Arme runternehmen und kreuz und quer gehen ohne die Augen "scharf" zu stellen. Der Fuchsgang ist der entsprechend ursprüngliche, natürliche Gang. Er ist vor allem langsam und er erlaubt, nicht ständig auf den Boden schauen zu müssen; eine wichtige Voraussetzung, um möglichst viel wahrzunehmen. Darüber hinaus hilft dieser Gang, weniger Aufsehen zu erregen, die typischen Auf- und Abbewegungen beim Gehen fallen weg und man kann schnell und in jeder beliebigen Position eines Schrittes innehalten und verharren (s. Abb. 2-3). Auch hierbei ist das Ziel, die Harmonie des Waldes weniger zu stören und von den Tieren möglichst nicht wahrgenommen zu werden. Man steht zunächst locker mit leicht gebeugten Knien, Oberkörper gerade, Kopf aufrecht. Charakteristisch für den Fuchsgang ist, dass das Körpergewicht erst dann nach vorn verlagert wird, wenn der komplette Fuß auf dem Boden platziert ist. Hierzu wird der Fuß nicht wie gewohnt von der Ferse zur Fußspitze abgerollt, sondern vom Außenballen nach innen aufgesetzt. Dadurch, dass sich der Körperschwerpunkt in der Hüfte befindet und erst nach vorn geschoben wird, wenn der Fuß sicher steht, verlangsamt sich der Gang 7


automatisch und man kann die umgebende Landschaft genießen, ohne den Blick auf den Boden richten zu müssen. Mit dem Fuchsgang (im Idealfall barfuß) kann zunächst allein und dann in Verbindung mit dem Weitwinkelblick experimentiert werden. Es macht Sinn, schon im Vorfeld z.B. in der Turnstunde oder beim Spiel in der Kita, Fuchsgang und Weitwinkelblick einzuführen und Erfahrungen zu sammeln. Um die Sinne zu schärfen, bietet sich eine Sinnesmeditation an, in der alle Sinne einzeln angesprochen und bewusst genutzt werden (solange der Sehsinn nicht dran ist, bleiben die Augen am besten geschlossen). Nacheinander kann die Luft geschmeckt und gerochen sowie auf der Haut gespürt werden. Dann wird gehört bis hin zum leisesten und zum lautesten Geräusch usw. Beim Sehen ist es gut zwischen scharf gestelltem (fokussiertem) Blick und dem Weitwinkelblick zu wechseln. Tipp: Für diese Übung am besten einen Kreis bilden, dann um 180° drehen, so dass der Blick nach außen gerichtet ist. So wird niemand durch sein Gegenüber im Kreis abgelenkt.

4.3 Fragen Beim eigentlichen Gang in den Wald, beim Entdecken erster Spuren, welcher Art auch immer, müssen Fragen gestellt werden (im besten Fall von den Kindern selbst, ansonsten können Impulse gesetzt werden). Ohne Fragen gibt es keine Antworten, d.h. keine Erkenntnisse, Theorien, Hypothesen. So fragte Conrad (5 Jahre) während unseres Ganges durch den Wald: "Sandra, warum bauen sich Rehe ihre Betten immer an Bäumen?" Ich gab diese Frage auch an die anderen Kinder weiter und sie hatten folgende Ideen: "Damit kein Schnee von oben kommt oder Regen." "Damit sie nicht gesehen werden vom Jäger." "Ist gemütlich." "Weil´ s wärmer ist." Dieses Beispiel macht deutlich, wie sich die Kinder wertvolle Informationen selbst erschließen. Wer? Was? Wann? Diese Fragen beantwortet die Spur. Warum? Das erzählt die Landschaft. Wo? Wo kam das Tier her, wo ging es hin, wo ist es jetzt? Diese Fragen lassen viel Raum für Spekulationen, Phantasie und Kreativität. Wie? Wie fühlt es sich an, dieses Tier zu sein, wie fühlte sich das Tier, als es hier war? Sicher und ruhig oder war es auf der Flucht? Bei den letzten beiden Fragen ist es wichtig, ein Gefühl für die Spur zu bekommen. Das Spielen von Tieren ist dafür hilfreich: Es verrät viel über das Tier. Durch das Einnehmen der Perspektive des Tieres erfahre ich etwas darüber, ob es sich geschützt oder bedroht fühlt. (Achtung: In Rehbetten sind häufig Zecken, deswegen bitte nicht reinlegen!). Die verschiedenen Gangarten (Schritt, Trab, Galopp) kann ich am besten verstehen und nachvollziehen, indem ich sie nachahme. Beim Zeichnen von Spuren - möglichst so wie sie sind - ergeben sich die Fragen aus der Spur/Natur. Die Antworten kommen nicht immer gleich, die Hauptsache ist jedoch, dass die Fragen nicht verloren gehen (wichtig: Fragen 8


auch mal stehen lassen können und ggf. zu einem späteren Zeitpunkt wieder aufgreifen). Will man eine Fährte aufnehmen, so ist ein Stock (Tracking-Stick) als Abstandsmesser hilfreich. Einfach mit einem Stock die Schrittlänge zwischen zwei Spuren messen, am Stock markieren oder an der Stelle anfassen und als Abstandhalter benutzen, um nach dem nächsten Abdruck zu suchen. Darüber hinaus gibt es weitere Methoden, tiefer in die Thematik einzusteigen: 

Karten vom Gelände anfertigen (gemeinsam und/oder jedes Kind für sich)

Feldboxen errichten: o im Wald: Dort, wo man Spuren erwartet (einfach ein abgestecktes Stück Boden ca. 2 x 0,5 m an einem Wechsel von Laub befreien und glatt machen (s. Abb. 19) o in der Einrichtung: selber Spuren auf unterschiedlichem Untergrund machen und deren Veränderung/Zerfall beobachten/festhalten

Spurenjournale anfertigen, worin Spuren gezeichnet, Ort, Zeit und Wetter eingetragen werden

Spuren ausmessen: Länge, Breite, Schrittlänge; Maße ins Journal übertragen

Fundsachen wie Gewölle, angefressene Zapfen u.ä. mitnehmen und genauer untersuchen

Nachschlagen in Bestimmungsbüchern

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5 Fazit Alle Spuren geben Rätsel auf und bieten Anlässe zum Fragen stellen. Dabei werden neben der Sinnesebene auch die Gefühlsebene, die geistige Ebene und die intellektuelle Ebene angesprochen und trainiert. Je mehr wir wahrnehmen, desto mehr wollen wir wissen. Das "Fragen stellen" ist quasi das Benzin, um Spuren zu lesen: Eine Spur wird zum Wort, eine Folge von Spuren (Gangart) wird zum Satz. Zusammenhänge werden erkannt, Wiederholungen, Gemeinsamkeiten und Unterschiede erfasst. Der Blick fürs Ganze entsteht (hier lebt dieser Vogel, dann wächst hier auch diese Pflanze). Gesetze der Schwerkraft (Aktion und Reaktion), Gesetze des Lebens, Verbindungen und Wechselwirkungen werden erfahren. Wichtig ist dabei, das Wissen in einem selbst bzw. in den Kindern lebendig werden zu lassen. Lebendiges Wissen, ist eines, das sich eingräbt und sich mit anderem Wissen verbindet. Bei diesem eher informellen Lernweg (im Gegensatz zum formalen Lernen) gibt es etwas, was den Lernenden immer im Hier und Jetzt sein lässt. Forschergeist und Kreativität haben Raum und sind gefragt. Und mit Spaß lernt man besser. Die neurobiologische Forschung zeigt ganz klar, wie wichtig Aufmerksamkeit, Motivation und "affektives Mitschwingen" sind. Wir wissen heute, dass die Lernfähigkeit unserer neuronalen Areale entscheidend mit dieser positiven affektiven Beteiligung des Lernenden zusammenhängt.

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Profile for Stiftung Akademie  für Kinder

Leseprobe Skript " 5 Tage im Wald: Spuren lesen oder die Kunst Fragen zu stellen"  

Auszug aus einem Projektskript für einen Kita

Leseprobe Skript " 5 Tage im Wald: Spuren lesen oder die Kunst Fragen zu stellen"  

Auszug aus einem Projektskript für einen Kita

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