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Rostock kaput! Beitrag zum 70. Jahrestag des Luftangriffes auf die Hansestadt


Inhalt

Zu Land, zur Luft und auf der See

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Ideologie und Terror

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Der Krieg kehrt heim

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Der Blick zur端ck

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Sowas kommt von sowas!

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V.i.S.d.P.: Maren Fleischer, Ulmenstr. 12, 18057 Rostock


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Zu Land, zur Luft und auf der See Die „Seestadt Rostock“ im Zeichen der nationalsozialistischen Kriegsproduktion

Wer heute so gerne und mit leidenschaftlicher Inbrunst die Geschichte des Luftkrieges und der Bombardierung deutscher Städte erzählt, redet nur ungern über die Ursachen und Gründe. Stattdessen kommt die Bombardierung in ihrer bevorzugten Erzählung zumeist als infernalische Katastrophe buchstäblich aus dem heiteren Himmel. Aus dem Nichts. Der Charakter der getroffenen Stadt wird in überschwänglichen Zügen wahlweise als „historisch“, „architektonisch wertvoll“, „kulturell bedeutend“, „mittelalterlich“, „schön“, „bezaubernd“ oder gar als „friedlich“ beschrieben. Um dieser selektiven Wahrnehmung

der eigenen Stadtgeschichte zu begegnen, bedarf es der Vergegenwärtigung, dass Rostock, wie viele andere Großstädte, ein Zentrum der deutschen Rüstungsindustrie war. Hier wurden die Mordwerkzeuge hergestellt, mit denen sich die Deutschen Europa zum Untertan machen wollten. Dies trifft insbesondere auf Rostock zu, dessen neuere Geschichte untrennbar mit dem Namen „Heinkel“ verbunden ist. Noch heute gibt man unverwunden zu:

„Die Firma brachte Rostock und Warnemünde in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts den endgültigen Durchbruch in


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Sachen Industrialisierung. Rostock wurde moderne Großstadt und Hochtechnologie-Standort.“ 1

Und nur hierzulande verstehen es die Protagonist_innen dieser neuen deutschen Geschichtsschreibung als keinen Widerspruch, sich mit dem Charme stotternder Heimatkundelehrer_innen der vielen Vorzüge und modernen Lebensaspekte zu rühmen, die durch den „Wehrwirtschaftsführer Heinkel“ ins Stadtleben gebracht wurden, aber gleichzeitig nicht wahrhaben zu wollen, dass der Aufbau einer durchmilitarisierten Mordindustrie auch genau das hervorbringt: Mord, Elend und Krieg.

„Zur Hebung der Gesundheit und der Wehrkraft“

So rühmt man sich bis heute der vermeintlichen Wohltaten, die die Ansiedlung der Großbetriebe nach sich zogen. Bis heute zeugen ganze Stadtviertel in Warnemünde und im Rostocker Westen von den nationalsozialistischen Mustersiedlungen, die für die Arbeiter_innen der Kriegsbetriebe aus dem Boden gestampft wurden. 1 Zitiert nach der „Ernst-Heinkel-Gedenkwebsite“ - siehe: http://www.gedenkseiten.de/ernstheinkel/

Doch bei architektonischen Unverschämtheiten im Einheitslook des roten Backsteins blieb es leider nicht. Die gesamtgesellschaftliche Gleichschaltung war bei den Nazis systemimmanent, so dass über kurz oder lang das ganze Stadtleben, gemäß der staatstragenden Ideologie, auf den einen Zweck ausgerichtet wurde, der für die Nationalsozialist_innen der Sinn allen Daseins war: der Kampf. Selbst sämtliche Freizeitaktivitäten sollten, mal indirekt, aber manchmal auch ganz offensichtlich, auf diese eine Bestimmung ausgerichtet werden. So gab es im neugebauten HansaKino vorrangig Kriegsfilme und „Lehrmaterial“ über den vermeintlichen „Erbfeind“ und im eigens von den Heinkel-Werken gebauten „Heinkel-Stadion“ irgendwann nur noch Duelle zwischen Militärsportvereinen und Betriebsmannschaften der Flugzeugwerke. Der damalige Rostocker Polizeipräsident und Sportkreisführer Hans-Eugen Sommer beschrieb für den Sport das, was in ähnlicher Form auch für alle anderen Lebensbereiche galt:


„[...] denn die Leibesübung ist im nationalsozialistischen Staate Sache des ganzen Volkes, zur Hebung der Gesundheit und der Wehrkraft.“2 Selbst in der Universität Rostock wurden nicht nur Bücher verbrannt und jüdische Mitbürger_ innen rausgeworfen, sondern es wurde auch fleißig im Sinne der NS-Ideologie rationalisiert und reformiert. Nonkonforme Fachbereiche wie die Religionswissenschaften wurden geschlossen, und andere, wie etwa das Institut zur „Erb- und Rassenforschung“ oder (abermals auf Bitten von Heinkel) das „Institut für angewandte Mathematik und Mechanik“ extra eröffnet. Die Bombenkonstrukteure von Morgen mussten schließlich auch irgendwo ausgebildet werden.

2 Siehe: „Zur Hebung der Gesundheit und der Wehrkraft. - Fußball in Rostock während des Nationalsozialismus“ auf: http://ruh.soziale-bildung.org/ node/20

5 Diese Entwicklung geriet durch den einsetzenden Krieg nicht etwa ins Stocken, sondern im Gegenteil, sie wurde noch weiter intensiviert. Mit Beginn des Krieges wurden in steigender Anzahl Zwangsarbeiter_innen, Gefangene und KZ-Häftlinge zur Arbeit in den Rüstungsbetrieben gezwungen. Die verschiedenen Großbetriebe Rostocks beschafften sich so bis zum Ende des Krieges mehrere tausend Arbeitskräfte.

Aus der Luft - In die Luft

Ironischerweise kam das große Unheil aus der gleichen Richtung, in der die Stadt jahrelang den Tod in die Welt hinaus schickte. Aus der Luft kamen die Bomben, die die nahende Befreiung einläuteten und in die Luft schickten die Rostocker_innen ihre Bomber und Jagdflugzeuge. Der größte der Rostocker Kriegsbetriebe waren die Heinkel-Flugzeugwerke. Ihre Geschichte begann 1922 mit der Gründung der „Ernst Heinkel Flugzeugwerke A.G.“ in Rostock-Warnemünde und bereits damals enthielt die vermeintlich zivile Flugzeugproduktion eine militärische Dimension. Durch den Frie-


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densvertrag von Versailles, der die Wiederholung einer Katastrophe wie den Ersten Weltkrieg unmöglich machen sollte und dem deutschen Militarismus die Grundlage entziehen wollte, war den Deutschen das Unterhalten einer Luftwaffe verboten. Der deutsche Revanchismus – zu dem maßgeblich auch Industrielle wie Heinkel gehörten – suchte bereits in den 20er Jahren nach Möglichkeiten, den Friedensvertrag zu brechen. Im In- und Ausland wurden unter Geheimhaltung Kampfpiloten ausgebildet. Und so fand auch Heinkel seinen Weg ins Ausland, bei der kaiserlich-japanischen Marine entwickelte er von Deutschland aus

hungen zu den Raketenstartplätzen der Heeresversuchsanstalt in Peenemünde, für die Heinkel Versuchsflugzeuge beschaffte, wurden ausgebaut. Die Anzahl der Beschäftigten (ohne Zwangsarbeiter_innen) wuchs von ca. 1.000 im Jahre 1932 bis zum Kriegsende auf über 10.000. Dieser Prozess führte dazu, dass die Einwohner_innenzahl der Stadt im Jahre 1935 die hunderttausend überschritt, was auf offizieller Ebene den Großstadtstatus mit sich brachte. Als eine der ersten Auswirkungen der Luftangriffe musste im Übrigen das HeinkelWerk einen Teil seiner Produktion in das nahe gelegene Barth verlagern. Unter Rückgriff auf

Es entstand ein Flugplatz zur Erprobung neuer Flugzeugtypen und die kontinuierlichen Bezie-

Reichswehr bildete schließlich ab 1925 auf dem Flugplatz „Hohe Düne“ im eigens dafür gegründe-

Militärflugzeuge, die er dann in Skandinavien in Lizenz produzieren ließ. Mit Errichtung der nationalsozialistischen Diktatur trat Heinkel der NSDAP bei; von dort an konnte er sein Kriegsgerät in aller Öffentlichkeit erforschen. Von der Universität Rostock bekam er dafür die Ehrendoktorwürde. Rostock wurde zum Zentrum der Luftkriegsproduktion.

das dort befindliche Konzentrationslager plünderte man bis zuletzt über 6.000 weitere Häftlinge als Zwangsarbeiter_innen aus. Ein weiterer Akteur in diesem Zusammenhang waren die Fabriken der Arado Flugzeugwerke GmbH, die sich bereits 1921 in Rostock niederließen und zu deren Spezialitäten Kampfflugzeuge für die Marine zählten. Die


ten Tarnunternehmen „Seeflug GmbH“ Kampfpiloten aus.

U-Boote für den Führer

Als Hafenstadt mit einer jahrhundertelangen Bootsbautradition ließen es sich die Rostocker_innen selbstverständlich nicht nehmen, auch Kriegsschiffe für das Militär zu bauen. Während des Ersten Weltkrieges unternahm man die ersten Gehversuche und übte sich im Bau von Minensuchbooten und dem Umrüsten von Zivilschiffen. Dies sollte sich im Nationalsozialismus grundlegend ändern. In Rostock gab es zu der Zeit zwei Werften. Einerseits die Neptunwerft, welche 1850 gegründet wurde, und auf der anderen Seite die Kröger-Werft, welche 1928 die Gehlsdorfer Gebrüder Kröger eröffneten. Neben Flugsicherungsbooten und Begleitschiffen gehörten auch wieder Minensuch- und Sprengboote zum Repertoire der Rostocker Schiffbauer_innen. In der Neptunwerft spezialisierte man sich auf das tödlichste Mordgerät, das die deutsche Seefahrt zu bieten hatte, den Bau von U-Booten für die Kriegsflotte. Hier wurden bis 1945 zehn Exemplare des Typs VII-C gefertigt.

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Mit fortschreitender Militarisierung und der unersättlichen Gier des Kriegsapparats nach neuen Soldat_innen ging auch der Neptunwerft mit der Zeit das Personal aus. Auch hier versuchten die Faschist_innen den Arbeitskräftemangel durch Zwangsarbeit zu kompensieren. Als die Rote Armee am 1. Mai 1945 Rostock erreichte, wurden allein in der Neptunwerft über 1.400 KZHäftlinge und Kriegsgefangene befreit. Wer angesichts dieses Ausmaßes der Kriegsanstrengungen, ob direkt im Flugzeughangar oder indirekt bei der Sicherstellung des geordneten Ablaufs des Arbeitsalltages, behauptet, es hätte keinen Sinn ergeben, diesen vielfältig verzweigten Motor der Rüstungsproduktion zu zerschlagen, der muss sich fragen lassen, mit welchem Recht er die Niederschlagung des Nationalsozialismus gegen kaputte Hausfassaden aufwiegen will und warum das traditionelle Ambiente einer mittelalterlichen Hansestadt als historisches Argument gegen die Beendigung des Zweiten Weltkriegs standhalten soll.


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Ideologie und Terror Antisemitismus in Rostock

Bereits in den 20er Jahren häuften sich in Rostock antisemitische Kampagnen deutschnationaler Strukturen, wie bspw. die gegen den jüdischen Medizinprofessor Fritz Weinberg. 1930 hielt dann die NSDAP mit über 20 % der Stimmen Einzug in die Stadtverwaltung. Diese starke Position nutzte sie im darauf folgenden Jahr, um die wenigen jüdischen Künstler_innen im Rostocker Stadttheater zu verjagen.

Nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler wurde die öffentliche Verwaltung nach und nach im Sinne der Nationalsozialist_innen „gleichgeschaltet“. Gleichzeitig beteiligte sich eine Reihe Rostocker Dozent_innen aktiv an den Bücherverbrennungen im Mai 1933. So sehr sich die Nazis und ihre Sympathisant_innen für die rasche Umsetzung der „Machtergreifung“ engagierten, so wenig Widerstand stellte sich ihnen entgegen. So konnte


im April 1933 nahezu ungestört der erste große, organisierte Boykott gegen Geschäfte und Firmen mit jüdischen Besitzer_innen durchgeführt werden. In der Kröpeliner Straße und anderswo formierten sich SA-Posten vor Arztpraxen, Anwaltskanzleien und Kaufhäusern. In den darauf folgenden Jahren wurde nicht nur gewerkschaftliche und generell politische Arbeit unterbunden, sondern auch die Teilhabe der Rostocker Jüdinnen und Juden am öffentlichen Leben systematisch beschnitten. Dies betraf sowohl Wohnsituation, als auch Ausbildung und Erwerbstätigkeit; mit den Nürnberger Gesetzen von 1935 dann auch das Privatleben und die Sexualpartner_innen.

9 Gleichzeitig war es für die vereinzelten „Volksdeutschen“ mit anti-faschistischer Gesinnung mit der Zeit immer weniger möglich, der nationalsozialistischen Ideologie zu widersprechen oder aus dem Weg zu gehen, da die „Gleichschaltung“ nach und nach auch die letzten Vereine und Einrichtungen ergriffen hatte. Mit viel Unterstützung von den übrigen Rostocker_innen konnte niemand rechnen, denn diese hatten 1932 mit über 40 % und 1933 mit über 35 % für die Nazis gestimmt. Vor allem diejenigen Rostocker_innen, die vermeintlich oder tatsächlich jüdischer Herkunft waren, hatten vermehrt unter der Naziherrschaft zu leiden. Nicht wenige nahmen sich schon in den Monaten nach der „Machtergreifung“ das Leben. Spätestens 1938 war klar, dass es den Nazis um mehr ging als Diskriminierung, nämlich auch um die Vernichtung der bürgerlichen Existenz auch der Rostocker Jüdinnen und Juden, ebenso wie um die tatsächliche körperliche Vernichtung des europäischen Judentums. Die Rostocker_innen unter ihnen waren zwangsweise vollständig regist-


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riert worden und die ersten wurden deportiert. Es traf zunächst 37 „Ostjuden“, die auf einen Lkw geladen und hinter der polnischen Grenze ausgesetzt wurden. Noch im gleichen Jahr entlud sich wie im restlichen Deutschland der Hass auf alles „Jüdische“ auch in Rostock, während der Reichspogromnacht im November 1938. Vorwand hierfür war das Attentat Herschel Grynszpans auf einen SA-Mann. Grynszpan war Jude und wollte die Deportation seiner Familie rächen. In Rostock wurden nicht nur Geschäfte geplündert und zerstört, die Synagoge niedergebrannt, sondern auch Privatwohnungen durch SS und SA demoliert. Nicht

Volk auch im amtlichen Namen festzuschreiben. Angesichts der überwältigenden Mehrheit, die den Terror auch in Rostock unterstützt und befürwortet hatte, war es für die wenigen Anständigen eine immense Gefahr, sich solidarisch zu zeigen. Nichtsdestotrotz sind einige Beispiele dieser Aufrichtigkeit belegt, sei es der illegale Schulunterricht für jüdische Kinder, oder auch heimlich abgelegte Essenspakete. Während die „Volksdeutschen“ immer dichter zusammenrückten und sich bspw. im heutigen Peter-Weiss-Haus zu Spendenaktionen für ihre Frontsoldaten versammelten, bekamen die Jüdinnen und Juden, die unter ihnen

Juden die Zwangsvornamen „Israel“ und „Sara“, um ihre NichtZugehörigkeit zum Deutschen

kehrte niemand zurück, wurden ermordet.

nur landete das Inventar samt Wertsachen auf der Straße, es wurde auch von den Rostocker_ innen unter dem Schutz der SS samt und sonders gestohlen. Im Januar 1939 wurde in Rostock der letzte Betrieb mit jüdischen Besitzern „arisiert“, sprich das Eigentum an diesem unter Zwang auf einen Nazigetreuen übertragen. Gleichzeitig erhielten die Rostocker Jüdinnen und

lebten, immer mehr ihren Hass zu spüren. Ausdruck dessen war nicht zuletzt der „Judenstern“, der auch in Rostock 1941 polizeilich vorgeschrieben wurde. Am 10. Juli 1942 fand sich dann der Höhepunkt des Hasses der Deutschen auf die Juden in Rostock: um 7.01 Uhr verließ der erste Deportationszug Rostock über Ludwigslust mit dem Endziel Auschwitz. Von den 24 Verschleppten alle


Im November desselben Jahres traf es dann noch einmal 14 Menschen aus Rostock. Sie wurden

am 11. November 1942 um 6.59 Uhr nach Theresienstadt deportiert. Auch aus diesem Transport überlebte niemand. An der Organisation der Vernichtung waren in Rostock nicht nur die Parteistrukturen der Nazis beteiligt. Eine aktive Rolle bei der Abwicklung der Deportationen, die allwissentlich in den Tod führten, spielten Mitarbeiter_innen der Reichsbahn, der Polizeireviere, des Finanzamtes und der Arbeiterwohlfahrt. Erstere waren für die Organisation des Abtransportes verantwortlich, letztere für den Einzug jüdischer Besitztümer. Von Nichtwissen oder Unschuld kann für die Mehrheit der Rostocker_innen also keine Rede gewesen sein. Während des Krieges setzte sich der Terror gegen die verbliebenen Jüdinnen und Juden fort. Diese wurden meist nur durch ihre Ehe mit nichtjüdischen Rostocker_innen vor der Deportation gerettet. Doch auch die Kinder aus diesen „Mischehen“ blieben von den Nazis nicht verschont. Sie wurden in und um Rostock zur Zwangsarbeit eingesetzt.

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Der letzte Akt des Rostocker Naziterrors ereignete sich, als die Stadt von der Roten Armee befreit werden sollte. Noch in der Nacht vor der Niederlage wurde eine Liste mit 157 Sozialdemokrat_innen und Kommunist_innen erstellt, die es zu ermorden galt. Nur durch die Hilfe anderer Rostocker_innen konnten sie sich dem Zugriff der Nazis entziehen. Das letzte Armutszeugnis war die Sprengung der Mühlendammbrücke, die fünf Rotarmisten noch am Tag der Befreiung das Leben kostete. Als dann am 1. Mai 1945 endlich sowjetische Truppen die Terrorherrschaft beendeten, lebten gerade noch 14 Jüdinnen und Juden in Rostock. Ursprünglich waren es etwa 300.


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Der Krieg kehrt heim Die Bombardierung Rostocks im April 1942

Nachdem Deutschland britische Städte wie Coventry 1940 bombardiert hatte, konnte das United Kingdom im selben Jahr den „Battle of Britain“ für sich entscheiden. Da außerdem durch den Angriff auf die Sowjetunion am 22. Juni 1941 der Großteil der Wehrmacht gen Osten mobilisiert wurde, war eine Landung deutscher Truppen auf britischem Boden vorerst auszuschließen. Es konnten also Pläne für einen britischen Gegenangriff auf Deutschland entworfen werden. In der britischen Angriffsstrategie kam ab 1941 der Royal Air Force die entscheidende Rolle zu. So äußerte Winston Churchill:

„Die Marine kann uns den Krieg verlieren lassen, aber nur die Luftwaffe kann ihn gewinnen... Die Jäger sind unsere Rettung, aber die Bomber allein stellen die Mittel zum Sieg.“3

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Winston Churchill: Der Zweite Weltkrieg

Schwerpunkt der britischen Angriffspläne war es, die deutsche Rüstungsindustrie zu zerschlagen und die Moral der Zivilbevölkerung zu brechen. Im Sommer 1941 entschied sich das Bomber Command für Flächenbombardements als Mittel der bevorstehenden Großoffensive, die die Landung der Briten auf dem europäischen Festland vorbereiten sollten. Begründet wurden sie dadurch, dass für Präzisionsabwürfe nicht die nötigen Navigationsmittel vorhanden

seien. Außerdem führten 1941 der Verlust von erfahrenen Besatzungen und die bessere Luftabwehr Deutschlands dazu, dass die Bomber in größerer Höhe fliegen mussten. Die Entscheidung für Flächenbombardements war auch politisch geprägt. Dass Rostock eine der ersten Städte war, die Ziel der Luftoffensive wurden, hatte verschiedene Ursachen. Als Standort der Heinkel- und Arado-Flugzeugwerke war die Stadt ein wichtiger Rüstungsstützpunkt. Die Luft-


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abwehr wurde als schwach eingeschätzt und auch die geographische Lage begünstigte eine Bombardierung. So lag Rostock nicht nur in guter Flugreichweite, sondern bot durch die Warnowmündung auch einen guten Orientierungspunkt für die Pilot_innen. Ein weiterer Faktor war, dass die Brandanfälligkeit für Rostock als sehr hoch eingeschätzt wurde, was den Plänen des Bomber Command zu Gute kam. Am 11. Juni 1940 waren zum ersten Mal Bomben auf Rostock gefallen. Im Verlauf des Jahres 1940 gab es dann noch mehrere kleine Angriffe, die u.a. auch die Kröger-Werft und die Arado-Wer-

mand vorgelegt. Der Bericht hob noch einmal die rüstungspolitische Bedeutung der Flugzeugwerke, die mangelhafte Flugabwehr und die hohe Brandanfälligkeit hervor. Technische Neuerungen wie die Einführung eines besseren funkelektronischen Navigationsverfahrens ermöglichten ab 1942 auch präzisere Angriffe bei Nacht, und so wurde in einer modifizierten Bomberdirektive vom 14. Februar 1942 der Doppelcharakter der Bombardierungen als Mischung aus Flächenbombardements einerseits und gezielten Angriffen anderseits festgeschrieben. Den Auftakt der groß angelegten Luftoffensive bilde-

dieses Manövers sowie weiterer Erkundungsflüge wurden am 14. Dezember 1941 dem Bomber Com-

le der Innenstadt zerstört, sowie den Heinkelwerken erheblicher Schaden zugefügt werden. Insge-

ke trafen. Nachdem Rostock verstärkt in den Fokus der britischen Planungsstäbe gerückt war, wurde in der Nacht vom 11. auf den 12. September 1941 ein größerer Angriff geflogen, bei dem auch erstmals Brandbomben eingesetzt wurden. Dabei wurden neben Zielen in Warnemünde, wie dem Hafen und der Krögerwerft, auch Gebäude in der Innenstadt bombardiert. Die Erkenntnisse

te die Bombardierung Lübecks vom 28. zum 29. März 1942. Vom 23. bis 27. April folgte dann die Bombardierung Rostocks. In den sternenklaren Nächten mit starkem Wind konzentrierte sich die Hauptgruppe der Flieger auf die Innenstadt, während ein kleinerer Verband die Heinkelwerke im Tiefflug angriff. Bei den Angriffen, an denen ca. 460 Bomber beteiligt waren, konnten große Tei-


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samt wurden mehr als die Hälfte der Häuser beschädigt und etwa 17 % der Wohnhäuser zerstört, was dazu führte, dass vorübergehend 30.000 bis 40.000 Menschen obdachlos waren. Neben der Zerstörung historischer Bauten wie der Petrikirche, der Jakobikirche, der Nikolaikirche und des Stadttheaters wurden die Wasser-, Strom-, Gas- und Energieversorgung sowie zahlreiche Verkaufs- und Versorgungseinrichtungen lahm gelegt. Es gab insgesamt 221 Tote.

In Folge der gelungenen Luft-

schläge wurde am 28. April der Ausnahmezustand ausgerufen. Die NS-Behörden versuchten durch Propaganda und rasche Normalisierung des Alltags der Demoralisierung der Bevölkerung entgegenzuwirken. Bis zum Ende des Krieges wurde Rostock noch einige Male bombardiert. Diese Angriffe, die später auch von der US-Air Force geflogen wurden, waren aber vom Umfang her nicht mit den Bombardierungen im April 1942 vergleichbar.

Der Blick zurück Opferphantasien in der Neonaziszene

Der Jahrestag der Bombardierung der Hansestadt im Zweiten Weltkrieg ist schon seit längerem ein fester Termin in der lokalen Neonaziszene. Am 26. April 2003 marschierten etwa 150 Neonazis unter dem Motto: „Alliierter Bombenterror am 24. April 1942 – Unsere Mauern brachen, aber unsere Herzen nicht!“ durch die Rostocker Innenstadt. Als Organisator der Demonstration trat die damalige Kameradschaft

„Aktionsgruppe Festungsstadt Rostock“ (AGR) um Lars Jacobs auf. Im Jahr darauf, am Tag der Befreiung, veranstaltete derselbe Personenzusammenhang eine Kundgebung unter dem Motto „8. Mai - Wir kapitulieren nie!“ vor der Kunsthalle am Rostocker Schwanenteich.


Im Laufe der Jahre zeichnete sich eine Tendenz weg von öffentlichen Aufmärschen hin zu klandestinen internen Veranstaltungen und Aktionen ab. So griff die relativ junge Kameradschaft „Nationale Sozialisten Rostock“ (NSR) 2008 die Thematik wieder auf. Am Jahrestag der Luftangriffe am 26. April 2008 versuchte sich ein Dutzend Jungnazis an einer nächtlichen Spontandemonstration durch die Rostocker Innenstadt, scheiterte aber kläglich. In den Jahren 2010 und 2011 beschränkten sie sich infolgedessen auf kleine Kranzniederlegungen an dem Gedenkstein der Bombenopfer auf dem Rostocker Neuen Friedhof fernab

der Öffentlichkeit. Auch auf kommunalpolitischer Ebene versuchten Neonazis wie der Stadtabgeordnete der NPD, David Norbert Petereit, die Bombardierung im Sinne ihrer Ideologie zu instrumentalisieren. Auf der Bürgerschaftssitzung am 7. Dezember 2011 forderten die NPDVertreter Petereit und Birger Lüssow die Stadt beispielsweise dazu auf, anlässlich des kommenden 70. Jahrestages der Bombardierung den Opfern „würdig“ zu gedenken.

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Derartige Umkehrungen der Täterrolle der deutschen Bevölkerung während des Zweiten Weltkriegs wie im Falle der Angriffe auf Rostock sind kein singuläres Ereignis in der lokalen Neonaziszene. Auch anlässlich der Kampfhandlungen in Stralsund veranstalteten die Neonazis über mehrere Jahre hinweg Demonstrationen. Eine jährliche Veranstaltung zum 8. Mai in Demmin schlägt ebenfalls in die Kerbe des deutschen Opferkults. Überregionale Demonstrationen, die der Thematik entsprechen, wie die Trauermärsche bezüglich der Bombardierungen von Magdeburg oder Dresden, besuchen Neonazis aus Mecklenburg-Vorpommern gewöhnlich in großer Zahl.


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Sowas kommt von sowas! Die Luftangriffe im historischen Kontext

Die Entwicklung Rostocks in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts lässt sich vereinfacht von der industriell aufstrebenden Stadt hin zur Täter_innenstadt im Dritten Reich nachzeichnen. Mit der Ansiedlung der AradoFlugzeugwerke und der HeinkelWerke etablierte sich die Hansestadt als ein wichtiges Zahnrad in der nazistischen Kriegsindustrie. Ein nicht unerheblicher Teil der Bevölkerung arbeitete Tag für Tag in den ansässigen Produktionsstätten, um die „Todesvögel“ und U-Boote der Wehrmacht zu fertigen. Die Lohnarbeit für den Krieg und voller Einsatz für ein mörderisches System gehörten für die Einwohner_innen zum Alltag.

Wer nicht direkt an den todbringenden Kampfflugzeugen herumschraubte, betätigte sich als Wärter_in für die Zwangsarbeiter_innen, als Polizist_in an der Suche nach Jüdinnen, Juden und Dissident_innen, als Straßenbahnfahrer_in am Transport der Arbeiter_innen in die Produktionsstätten, als Akademiker an der Ausbildung neuer Kriegsingenieure. Irgendwer muss es gewesen sein, der die Pokale der Sportvereine eingeschmolzen hat, um Edelmetalle für den Füh-

rer zu spenden. Irgendwer muss die Schiffe im Hafen, mit ihren Rohstoffen zum U-Bootbau, entladen haben. Irgendwer hat die Soldat_innen gesund gepflegt, die wieder an die Front gefahren sind, um andere Länder zu überfallen. Irgendwer hat ihnen das Bier gebraut, die anspornenden Briefe geschrieben und die jüdischen Mitbürger_innen denunziert. Irgendwer hat die Kommunist_innen verraten, die trotz Verbot ausländische Radiosender hörten.


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Tatsächlich bildeten die Rostocker_innen keine Ausnahme, wenn es darum ging, die Ideologie des Dritten Reiches zu verinnerlichen und mitzutragen. Erinnert sei hier an das Wahlergebnis der NSDAP, das bereits vor der Machtübernahme Hitlers nahezu eine absolute Mehrheit versprach. Ob es im Weiteren um die Plünderung jüdischer Privatwohnungen und Geschäftsräume oder die enthusiastische Beteili-

gung an dem Novemberpogrom von 1938 ging – die Rostocker Bevölkerung stimmte zu und half bei „Arisierung“ der Stadt aus eigenem Antrieb. Aber nicht nur vor Ort tat man, was man konnte, um die „Volksgemeinschaft“ herzustellen. So sollten kriegsverlängernde Spendenaktionen für die Soldat_innen an der Front dazu beitragen, den totalen Krieg um Lebensraum und Vorherrschaft in Europa zu gewinnen. Deutschland führte zum Zeitpunkt der Bombardierung Ros-

tocks einen knapp drei Jahre andauernden Vernichtungskrieg bis dahin unbekannten Ausmaßes. Raub, Unterdrückung und der industrielle Massenmord von Millionen Menschen kennzeichneten diese Zeit. Im Jahre 1942 hatte Deutschland bereits eine Vielzahl europäischer Staaten, wie Polen, Frankreich und Norwegen, okkupiert und führte sogar Feldzüge in Nordafrika. Ein Ende des fanatischen Mordens war jedoch nicht absehbar. So starteten die Nationalsozialist_innen im Jahre 1941 erst den Balkanraubzug und überfielen schließlich im Juni desselben Jahres die Sowjetunion. In alle Himmelsrichtungen brachte die

Wehrmacht Verwüstung, Elend und Tod. Die „rassische“ Säuberung, die in Deutschland und den besetzten Gebieten begann, kulminierte schließlich im Bau unzähliger Konzentrations- und Vernichtungslager, die bis zum Ende des Krieges Millionen Menschen das Leben kosteten.


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Klar war, dass die Todesmaschinerie Deutschland schnellstmöglich gestoppt werden musste. Diplomatische Verhandlungen waren kategorisch auszuschließen, womit allein eine militärische Zerschlagung des Reiches in Frage kam. Dazu war es zum einen nötig, die Rüstungsindustrie zu zerstören, aber aufgrund der frenetischen Überzeugung eines Großteils der deutschen Bevölkerung für den Nationalsozialismus mit all seinen Facetten musste des Weiteren auch die Moral der Menschen gebrochen werden, was nur dadurch möglich war, ihnen die Folgen ihres Krieges an Ort und Stelle vor Augen zu führen. Nicht zuletzt führte ein Erschüttern des gesellschaftlichen Alltags unweigerlich auch zur Einschränkung des geregelten Rüstungsbetriebes. Somit bot Rostock durch die immense Kriegsproduktion und die nationalsozialistische

Überzeugung der Bevölkerung ein geeignetes Zwischenziel auf dem Weg zur Befreiung Europas vom Naziterror. Auch wenn das militärische Mittel der Flächenbombardements entsetzlich sein mag, waren sie in diesem Falle und beim Angriff auf weitere deutsche Städte nötig und angemessen. Das Schicksal Rostocks kann nicht losgelöst vom Krieg betrachtet werden, denn es war wie all die anderen deutschen Großstädte ein Motor des Krieges.


Auf dem Neuen Friedhof in Rostock offenbart sich jedoch ein äußerst merkwürdiges Bild des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus. So erscheint die Gedenktafel für die Opfer des KZ-Außenlagers Barth geradezu spärlich im Gegensatz zum Mahnmal aus massiven Granitplatten anlässlich der Bombardierung vom April 1942. Auch wenn die Hansestadt Rostock auf offizielle Trauerveranstaltungen bisher verzichtet hat, ist in der bundesdeutschen Gedenkpolitik häufig eine augenscheinliche Verzerrung der Geschichte wahrzunehmen. So werden die Bombardierungen deutscher Städte oftmals aus ihrem historischen Kontext gelöst und als alleinstehende Ereignisse mit einer Viel-

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zahl an Todesofern dargestellt. Schließlich seien auch die Deutschen Opfer des Krieges geworden. So berichtete beispielsweise Der Spiegel im Jahre 2003 über die „Kinder- und Frauenverbrennung [sic!] von Hamburg und Dresden“4 durch die Alliierten. So weckt bereits der Titel „Rostock im Feuersturm“ eines Buches anlässlich des 70. Jahrestages des Bombardierung Assoziationen zu den Propagandamythen der Nazis vom „Bombenholocaust“. Solche geschichtsrevisionistischen Darstellungen relativieren jedoch die deutsche Kriegsschuld oder führen gar zu einer TäterOpfer-Umkehr. Die Bombardierungen sind vielmehr die direkte Folge der nationalsozialistischen Allmachtsphantasien, die Millionen von Menschen auf bestialischste Weise das Leben gekostet haben, und noch unzähligen weiteren Menschen dasselbe Schicksal bereitet hätten. Die entsprechende Losung kann also nur lauten: Sowas kommt von sowas! 4 3/2003

„So muss die Hölle aussehen“, Ausgabe


Rostock kaput  

Ein antifaschistischer Beitrag zum 70. Jahrestag des Luftangriffes auf die Hansestadt

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