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Im Welthandel ist im vergangenen Jahr einiges in Bewegung geraten. Schlägt nach dem Freihandel nun die Stunde der Protektionismus? Und worauf müssen sich die Unternehmen einstellen. AnachB fragte den renommierten Wirtschaftswissenschaftler Prof. Henning Vöpel.

auswirken. Wir haben derzeit globale Ungleichgewichte, die sich eben nicht automatisch über die Zeit abbauen, sondern im Gegenteil, noch aufbauen. Das gilt für den deutschen Leistungsbilanzüberschuss gegenüber den Euro-Mitgliedsländern, aber auch für das Verhältnis zwischen den USA und China. Wir sehen in Europa, dass es innerhalb eines Währungsraumes sehr schwierig ist, politisch die Handelsbilanz-

„Das nächste Kapitel der Globalisierung wird schwieriger.“

AnachB: Herr Professor Vöpel, hat die Globalisierung

ungleichgewichte abzubauen, wenn es keinen automati-

ihren Höhepunkt bereits überschritten?

schen ökonomischen Ausgleichsmechanismus gibt. Wir

Prof. Vöpel: Diesen Eindruck kann man in der Tat bekom-

müssen aber sicherlich in Richtung einer Angleichung

men. Die Zunahme protektionistischer Maßnahmen,

gehen. Das geht nicht von heute auf morgen; aber es gibt

ausgehend von den USA und der America-first-Politik von

ausreichend Möglichkeiten.

Donald Trump deutet an, dass wieder stärker nationale Interessen in den Vordergrund rücken. Wir werden in

Zum Beispiel?

Zukunft womöglich nicht mehr die Globalisierung erleben,

Wir können und sollten nicht in einzelwirtschaftliche

die wir aus den letzten 20 Jahren kennen. Ein neues Kapitel

Entscheidungen eingreifen, aber makroökonomisch

in der Globalisierung könnte anstehen – eines das vielleicht

einen Teil unserer volkswirtschaftlichen Ersparnis

nicht die Rückentwicklung der Globalisierung bedeutet,

wieder stärker im Inland investieren, um damit den

aber eben auch keine Fortsetzung im bisherigen Tempo.

Exportüberschuss nicht allzu groß werden zu lassen. Wir müssen unsere Straßen reparieren, unsere Brücken, die

Wie könnte diese Globalisierung 2.0 aussehen?

digitale Infrastruktur ausbauen und Bildung und Tech-

Das nächste Kapitel der Globalisierung wird viel stärker

nologie stärken. Das heißt, es gibt gute Gründe, auch in

auf den Ausgleich der nationalen Interessen ausgerichtet

den heimischen Kapitalstock zu investieren. Das würde

sein müssen. Wir gehen in eine multipolare Weltord-

wiederum bedeuten, dass wir mehr von unserer eigenen

nung. Wir haben nicht mehr allein die USA an der Spitze,

Produktion inländisch verwenden und unser Expor-

die mit dieser Politik mittelfristig einen Bedeutungsver-

tüberschuss somit nicht ganz so groß ist.

lust erleiden werden. Das Gleiche gilt in gewisser Weise auch für Europa. Mehrere Entwicklungs- und Schwel-

Gehen wir mal auf die Ebene der Unternehmen. Worauf

lenländer sind auf dem Sprung, insbesondere China.

muss sich die deutsche Exportwirtschaft mittelfristig einstellen?

Was bedeutet eine multipolare Weltordnung für den

Auf deutlich schwierigere weltpolitische Bedingungen,

Welthandel?

auch und vor allem regulatorisch und steuerrechtlich.

Wir werden erleben, dass bilaterale Handelsabkommen

Wir werden uns daran gewöhnen müssen, dass die

an Bedeutung gewinnen zu Lasten des Multilateralismus,

grenz­überschreitenden Wertschöpfungsketten nicht

also gemeinsamer Regeln des internationalen Handels,

mehr so einfach zu managen sein werden. Dazu kommen

unter die sich alle stellen. Die Weltwirtschaft wird insge-

geopolitische Risiken: Nehmen Sie beispielsweise die

Prof. Henning Vöpel ist seit 2014 Direktor

samt komplexer und unübersichtlicher, auch für Mit-

möglichen Kriegsfolgen in Nordkorea oder die Sanktio-

des Hamburgischen WeltWirtschaftsInstituts

telständler, für die Exporteure. Insofern ist das nächste

nen gegen Russland, eine politisch sehr viel schwieriger

(HWWI). Zuvor leitete er die Forschungsbe-

Kapitel der Globalisierung eher schwieriger als leichter.

gewordene Türkei, die ein ganz wichtiger Absatzmarkt für die deutsche Exportwirtschaft ist. Also wir müssen

reiche Konjunktur und Weltwirtschaft. 2010 wurde Vöpel als Professor für Volkswirt-

Deutschland wird ja von anderen Nationen der sehr

uns darauf einstellen, dass tatsächlich gerade für Mittel-

schaftslehre an die HSBA Hamburg School

starke Handelsüberschuss vorgeworfen. Schaden wir

ständler die Handelskosten steigen, und wir uns darauf

of Business Administration berufen. Seine

tatsächlich der Weltwirtschaft?

einstellen müssen, dass wir viel stärker ins Management

Forschungs- und Themenschwerpunkte sind

Tatsächlich müssen wir feststellen, dass die Ungleich-

und die Diversifizierung der Lieferketten einsteigen

Konjunkturanalyse, Geld- und Währungspoli-

gewichte, die sich aufgebaut haben, sich zunehmend

müssen.

tik, Finanzmärkte und Digitalökonomie.

schädlich auf die Weltwirtschaft und deren Stabilität

Profile for AEB Software

AnachB 01.2018. IT-Management. Viva la Revolution!  

AnachB bringt zusammen, was zusammengehört: Informationen zu Außenwirtschaft, Logistik und IT. Im Fokus stehen dabei Nutzwert und Mehrwert f...

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