Issuu on Google+

William und Catherine Booth Leben und Verm채chtnis der Gr체nder der Heilsarmee

Trevor Yaxley und Carolyn Vanderwal


Copyright © 2003 by T. F. & J. B. Yaxley Originally published in English under the title The Life and Legacy of the Booths, Founders of The Salvation Army by Trevor Yaxley with Carolyn Vanderval Bethany House Publishers 11400 Hampshire Avenue South Bloomington, Minnesota 55438 USA All rights reserved. Alle Rechte der deutschen Ausgabe, © 2007, bei:

Adullam Verlag St.-Ulrich-Platz 8 85630 Grasbrunn Tel 089/468801 www.adullam.de ISBN 978-3-931484-35-1 Nachdruck, auch auszugsweise, nur mit schriftlicher Genehmigung des Verlags.


Inhaltsverzeichnis Vorwort von John Dawson ......................................................................... 9 Vorwort von Winkie Pratney ..................................................................... 13 Die Vision: Wen kümmert’s? ...................................................................... 21 1 Hunger nach Wahrheit und Liebe für die Unterdrückten .................... 29 Catherines Kindheit und Jugend (1829–1852) 2 Hölle – niemals! .................................................................................... 51 Williams Kindheit und Jugend (1829–1852) 3 Und die zwei sollen eins werden ......................................................... 71 William und Catherine finden einander (1852–1855) 4 Eins in der Ehe, eins im Dienst ............................................................. 97 Ein junger Prediger und seine Frau (1855–1861) 5 Gehorsam um jeden Preis .................................................................. 121 Die Jahre als selbstständiger Evangelist (1861–1865) 6 Gebet, Glaube und die Kraft des Heiligen Geistes ............................. 137 Die Missionsgesellschaft wird eine Armee (1865–1878) 7 Training macht erfolgreich ................................................................. 165 Der Bau eines festen Fundamentes in ihren Kindern und Mitarbeitern (1878– 1886) 8 Der Preis ist hoch ............................................................................... 191 Verfolgung im Kampf um die Ausbreitung einer weltweiten Bewegung (1878–1885) 9 Vor Gericht um der Gerechtigkeit willen ........................................... 217 Der Fall Armstrong (1885) 10 Tiefe Trauer ......................................................................................... 233 Catherines letzte Jahre (1886–1890) 11 Den Lauf vollenden ............................................................................ 255 Williams letzte Jahre (1890–1912) Nachwort: Die Herausforderung ............................................................... 285 Anhang: Englische Währungs- und Münzeinheiten zu Lebzeiten von William und Catherine Booth .................................................................. 293 Stammbaum der Familie Booth ............................................................... 295 Anmerkungen ........................................................................................... 297 Literaturverzeichnis .................................................................................. 305 Über die Autoren ...................................................................................... 309 Die Armee der ersten Welle ...................................................................... 311

3


William & Catherine Booth

Vorwort von John Dawson „Blut und Feuer – die Kraft des Blutes Jesu und das Feuer des Heiligen Geistes!“ Dieser berühmte Ausdruck erhielt eine ganz neue Bedeutung für die Helden, deren Blut vergossen wurde, als sie im Dienst von böswilligen Menschen und pöbelnden Mobs angegriffen wurden und sich dennoch weigerten, Kompromisse hinsichtlich ihrer Berufung einzugehen. Was in diesem Buch beschrieben wird, ist äußerst wichtig für uns heute. Die Geschichte der Heilsarmee ist wirklich erstaunlich. Ich bin durch die Lektüre dieses Buches zur Buße geführt worden, weil ich so wenig von Gott erwartet hatte. William und Catherine Booth waren Pioniere, die wirklich verstanden hatten, welche Nöten die Menschen ihrer Zeit plagten. Als die meisten Gemeinden sich zurückzogen und ihre reichsten Mitglieder die Chancen der industriellen Revolution nutzten, um andere auszubeuten, gebrauchte Ehepaar Booth die neuesten Technologien, um dabei zu helfen, die Zwangsjacke religiöser Vorurteile über den christlichen Dienst abzulegen. Noch vor der Einführung des Wahlrechts für Frauen setzten sie Frauen als apostolische Leiterinnen ein. Während viele an den Armen auf der Straße vorbeigingen, ohne sie eines Blickes zu würdigen, verhalfen sie diesen ungebildeten Leuten dazu, kraftvolle Prediger zu werden, die man nicht länger ignorieren konnte. Es ist äußerst bemerkenswert, dass sie in einer Zeit, in der die Welt von der Aggressivität expansiver Königreiche erschüttert wurde, ausgerechnet das Militärische als Organisationsform für einen Dienst der Liebe und Demut nutzten. Sie übernahmen die in den Armeen geschätzten Eigenschaften wie Disziplin, Hingabe und langfristige Strategie und füllten sie neu mit Sinn und Inhalt: Statt andere dadurch zu besiegen, setzten sie die Menschen damit frei! Die Art und Weise, wie William und Catherine die Heilsarmee führten, ist durchaus eine Möglichkeit innerhalb der verschiedenen biblischen Stile von Leiterschaft. Ihr Stil war eher hierarchisch als demokratisch und stand für die Wiederbelebung der apostolischen Art von Leiterschaft – in einer Zeit, als die Unterordnung des Pastors unter Komitees und Ausschüsse die Regel war. Bis heute ist die Heilsarmee die einzige größere Bewegung innerhalb des Leibes Christi, die jene militärischen Elemente verkörpert, die in den Briefen des Neuen Testaments zum Ausdruck kommen. Viele Generationen von Salutisten (Mitgliedern der Heilsarmee) haben den Armen und Hilfsbedürftigen gedient. Auf diese Weise sind sie zu Repräsentanten des Herrn der Heerscharen geworden, ohne in Gefahr zu stehen, als Fürsprecher der Gewalt missverstanden zu werden. Stell dir einmal vor, irgendeine andere christliche Bewegung träte in militärischen Uniformen auf – man würde sie wahrscheinlich rundheraus verdammen, selbst wenn sie sich als „Armee der Liebe“ bezeichnete.

4


William & Catherine Booth Vor einigen Jahren wurde mir nach einer Predigt auf einem Bürgersteig in Atlantic City von einigen Mitarbeitern der dortigen Heilsarmee ein Geschenk übergeben – eine wunderschöne, gut erhaltene Uniform eines HeilsarmeeOffiziers. Ich zähle sie heute zu meinen Schätzen. Sie spricht zu mir: Der hohe, steife Kragen und die militärischen Abzeichen auf der Uniform sind mir zu wichtigen Symbolen der Hingabe derer geworden, die diese Uniform getragen haben und den Weg des Gehorsams gegangen sind, manche bis zum Tod. Der Anblick dieser Uniform erfüllt mich mit Ehrerbietung für das Ehepaar Booth und die anderen Pioniere der Heilsarmee. Es gibt auch mehrere persönliche Gründe, warum ich dir dieses Buch empfehle: Während meiner Zeit als verantwortlicher Leiter der innerstädtischen Missionsarbeit von Jugend mit einer Mission, einer der größten Missionsorganisationen der Welt, habe ich einen ersten Eindruck bekommen von der überwältigenden Kraft, die hingegebenen Gläubigen zur Verfügung steht, wenn sie in Einheit aufstehen, um eine Großstadt mit dem Evangelium zu erreichen. Während dieser Zeit las ich auf einem Flug von Chiang Mai nach Bangkok das Buch Der General Gottes: William Booth von Richard Collier (Lahr 41997). Seine Beschreibung der ersten Heilsarmee-Generation wurde mir zu einer Quelle der Inspiration. Für mich liefert Colliers Buch den Inbegriff von Stadtmissionsarbeit. Es führt uns die Kraft vor Augen, die eine ganze Stadt verwandelt hat und durch die selbst nachfolgende Generationen herausgefordert wurden, es dem Ehepaar Booth gleichzutun. Aber ich stehe noch tiefer in der Schuld der Heilsarmee. Vor vielen Jahren kniete eine junge Frau während einer Evangelisation auf einem Gebetsbänkchen in Cuba Street in Wellington, Neuseeland, nieder und übergab Jesus ihr Leben: meine Großtante. Durch sie begann die Gnade Gottes, in unsere geplagte Familie zu fließen. „Mach dein Testament, pack deinen Koffer, küss deine Freundin ein letztes Mal und sei in einer Woche bereit zum Dienst“,1 sagte Booth einmal zu einem Freiwilligen. Ich fühlte mich jedes Mal in ähnlicher Weise angesprochen und gedrängt durch das Leben und das Vorbild des „Generals“ Trevor Yaxley, wenn ich gemeinsam mit diesem Visionär an einem Projekt gearbeitet habe. Er hat uns einen gewaltigen Dienst erwiesen, indem er die Lebensgeschichte von William und Catherine Booth dazu genutzt hat, prophetisch zu unserer Generation zu sprechen. Dieser ergreifende Bericht über zwei der größten Helden der jüngeren Kirchengeschichte ist hervorragend recherchiert und geschrieben worden. Sowohl Christen in verantwortlichen Positionen als auch Menschen, die erst kürzlich zum Glauben gekommen sind, sollten dieses Buch lesen. Ich selbst brauchte dieses Buch dringend: Gott hat es benutzt, um meine eigene Hingabe an Evangelisation und Jüngerschaft neu zu entfachen. William Booth sprach folgende Mahnung aus: Die größte Gefahr des 20. Jahrhunderts werden folgende Dinge sein: Glaube ohne den Heiligen Geist, Christentum ohne Christus, Ver-

5


William & Catherine Booth gebung ohne echte Buße, Errettung ohne anschließende Heiligung, Politik ohne Gott und ein Himmel ohne Hölle.2

Seit dem Tod von William Booth sind 90 Jahre vergangen, doch seine Worte haben an Aktualität nichts verloren. Er hat mit dieser Aussage in vielerlei Hinsicht den Nagel auf den Kopf getroffen, und wir erkennen, dass die Geschichte eines Mannes mit solch präzisem Weitblick auch für uns heute noch relevant und inspirierend ist. Ich glaube andererseits, dass wir in einem neuen Zeitabschnitt leben und uns auf Dinge zubewegen, die die Menschheit noch nie erlebt hat. Gott sehnt sich nach inniger Gemeinschaft mit den Christen und danach, dass die Verlorenen errettet werden. Es gibt eine ausgeprägte Parallele zwischen der Zeit, in der William und Catherine Booth lebten, und unserer Zeit. Die sich ständig verändernde Landkarte führt uns nachdrücklich vor Augen, dass wir nicht im Stande sind, die Probleme der Menschheit erfolgreich anzupacken. Wir haben wieder einmal einen historischen Tiefstand erreicht.Wir leben in einer Zeit, die weit von Normalität entfernt ist – deswegen braucht es Männer und Frauen, die sich Gott auf eine Art und Weise hingeben, die deutlich über das Normalmaß hinausgeht, und die bereit sind, sich dafür zu opfern. Unsere Welt ist derzeit sehr empfänglich für leidenschaftliches Gebet und praktisches, gelebtes Christsein. Gott ist wie in den Tagen von William und Catherine dabei, eine Armee aufzubauen, die es nicht nötig hat, im dunklen Wald zu pfeifen, um den Mut nicht zu verlieren, sondern die tief durchdrungen ist von der Gegenwart, Kraft und Herrlichkeit Gottes. Wenn wir unser Herz öffnen, kann Gott uns durch das Leben des Ehepaars Booth wichtige Dinge lehren und uns, die wir am Anfang des 21. Jahrhunderts stehen, zu Menschen machen, die die Welt verändern, genau wie William und Catherine die Welt zu Beginn des 20. Jahrhunderts veränderten. Danke, William und Catherine Booth. Danke,Trevor. Danke, Jesus. John Dawson, Los Angeles, 2002

6


William & Catherine Booth

Vorwort von Winkie Pratney Seit ihren bescheidenen Anfängen hat sich die Heilsarmee in über 100 Länder der Erde ausgebreitet, und ihre Obdachlosenheime, Notaufnahmen, Rehabilitationsfarmen und Auswanderungsbüros haben den Gefallenen dieser Welt mehr geholfen, wieder auf die Beine zu kommen, als irgendeine andere Organisation der Welt. Auch heute, fast 150 Jahre nach ihren Anfängen, gilt sie in den USA und vielen anderen Ländern immer noch als die wichtigste Wohlfahrtsorganisation.Vielleicht stimmt es sogar, dass die Heilsarmee mehr tut, um den Gefallenen wieder aufzuhelfen, als alle anderen Organisationen zusammen. Durch dieses Buch werden die Visionen, Ideale und Methoden des Ehepaars Booth, das schon seit Langem verstorben ist, für uns wieder lebendig. Es ist erstaunlich, dass ihre Lebensgeschichte auch uns heute noch sehr viel zu sagen hat, besonders denen, die sich danach sehnen, die Welt in geistlicher und sozialer Hinsicht zu verändern und die einen tief greifenden, echten Wandel für den Einzelnen und ganze Länder anstreben. Der Einfluss von William und Catherine Booth auf die politische, soziale und geistliche Entwicklung ihrer Zeit ist uns ein hervorragendes Beispiel und Vorbild dafür, wie auch wir unsere Gesellschaft verändern können. Mancher mag einwenden, dass William und Catherine für eine spezielle Zeit berufen waren. Wenn wir uns aber ansehen, warum Gott durch sie wirken konnte, dann bekommen wir einen Eindruck von der Herzenshaltung, von der ich glaube, dass Gott sie nach wie vor von denen erwartet, die sich aufmachen, Städte und Länder zu verändern. Warum konnte Gott durch William und Catherine Booth wirken?

Für William und Catherine gab es nichts Wichtigeres auf der Welt als die Errettung von Menschen Die leidenschaftliche Liebe der beiden zu den Menschen tritt in folgendem Auszug aus Williams Predigt „Die sieben Geister Gottes“ unmissverständlich hervor: Was ist euer Dienst hier? Oh, dass ihr eure wirkliche Aufgabe hier in diesem Totenreich erkennen würdet! Dass ihr Augen hättet, die wirklich sehen könnten! Dass ihr Ohren hättet, die wirklich hören könnten! Dass ihr Herzen hättet, die wirklich mitfühlen könnten! Was werdet ihr mit diesem

7


William & Catherine Booth Friedhof tun? Mit herzloser Gleichgültigkeit darauf herumlaufen? Euch damit begnügen, dankbar dafür zu sein, dass ihr selbst lebendig gemacht worden seid? Werdet ihr achtlos darauf spazieren gehen, den verarmten Bewohnern Lasten und Steuern auferlegen, von denen ihr euren Lebensunterhalt bestreitet, aber sie sonst in der stillen, stumpfen Verzweiflung ihrer Gräber weiter vor sich hinsiechen lassen? Gott bewahre uns davor! Gott hat euch in dieses finstere Tal gesandt, damit ihr alles daran setzt, diese tief gebeutelten Geschöpfe Gottes aus den Klauen des Todes zu befreien. Das ist eure Aufgabe, eure Mission … Macht euch auf und geht zu ihnen. Geht zu ihnen und schaut sie euch an. Geht zu ihnen und umfasst sie mit eurem Mitgefühl. Geht zu ihnen und zeigt ihnen, wie Jesus ist. Geht zu ihnen und sagt ihnen Gottes Wort. Geht zu ihnen und glaubt für sie. Dann wird ein Knochen zum anderen kommen, es wird sich ein mächtiges Rauschen erheben und eine herrliche Armee wird aufstehen, um für den lebendigen Gott zu leben, zu kämpfen und zu sterben.1

Auch Catherine brachte diese leidenschaftliche Liebe zu den Menschen zum Ausdruck. Sie beschrieb die Menschen, nach denen sie für ihre Armee suchten, mit folgenden Worten: Wir suchen nach Personen, die sich der Errettung von Menschen verschrieben haben; die sich nicht dafür schämen, überall dafür bekannt zu sein, dass dies das einzige Ziel, der einzige Inhalt ihres Lebens ist und dass alles andere demgegenüber zweitrangig ist.2

Alles, was William und Catherine als Heilsarmee bezeichneten, und alle Menschen, die ihrer militärischen Leitung unterstanden, waren auf ein einziges Ziel ausgerichtet: die Errettung von Menschen, kostbaren Seelen, aus der Macht der Sünde und des Teufels, aus dem Treibsand des Bösen, der sich unter den Obdachlosen und Armen ihrer Zeit gebildet hatte. Ein Salutist musste sich diesem Ziel ganz und gar verschreiben und bereit sein, alles zu opfern – alte Freunde, die eigene Familie, Reichtum, Besitz,Annehmlichkeiten, Sicherheiten, gesellschaftliche Errungenschaften und Positionen und so weiter –, um in den Machtbereich der Finsternis einzudringen, geistliche Durchbrüche zu erzielen und Menschen in das Reich Gottes zurückzubringen.

William und Catherine waren bereit, für die Errettung von Menschen alles einzusetzen und zu riskieren Das Ehepaar Booth war seiner Zeit so weit voraus, dass sie auf Widerstand stießen. Berühmte Christen stellten sich gegen sie, weil sie in scheinbar respektloser Weise die traditionellen, religiösen und etablierten Methoden hinter sich ließen, in denen sich die Gemeinden ihrer Zeit so wohl und sicher

8


William & Catherine Booth fühlten. Die Salutisten sangen Trinklieder aus den Bars, die sie mit neuen Texten versehen hatten, und benutzten skurrile Tricks und Werbemethoden, um die Menschen zum Zuhören oder zum Besuch ihrer Veranstaltungen zu bewegen. Sie waren laut, störten die etablierten Strukturen und arbeiteten mit kompromissloser Hingabe für das wichtigste Ziel, das es für ihre Stadt gab – die Veränderung der Herzen. Catherine brachte das Grundprinzip ihrer Arbeit einmal auf folgende kurze Formel: Folgendes Prinzip gilt für uns: … Passt eure Methoden den Nöten der Menschen an, denen ihr dient. Ihr sollt ihnen das Evangelium auf eine solche Art und Weise bringen, dass sie euch zuhören und das Evangelium sich in ihrer Situation konkret auswirken kann.3

Ihr Markenzeichen war Unkonventionalität. Schon ihr Erscheinungsbild unterschied sich von dem anderer Organisationen ihrer Zeit. Williams Kleidung war zwar häufig zerknittert und ausgebeult, sein müdes Gesicht zerfurcht, seine Augen von dunklen Ringen umgeben, aber er predigte stets mit solcher Kraft, inneren Überzeugung und Leidenschaft, dass alle, die ihm zuhörten, buchstäblich von den Sitzen gerissen wurden und fühlten, wie sie zum Altar der Hingabe an den lebendigen Christus getragen wurden. William Booth liebte Jesus über alles. Und in seinem Namen liebte er die Menschen. Nichts war ihm so wichtig wie das Bestreben, anderen Menschen Jesus in reinster Form zu präsentieren, damit sie ihn so kennen lernen könnten wie er selbst: Die meisten Menschen sind wie Kinder: Sie möchten Gott zunächst sehen und hören. Sie wollen ihn in sichtbarer und praktischer Form offenbart bekommen, bevor sie bereit sind, zu glauben. Um diese Menschenmassen zu erreichen, sucht Gott nach Männern und Frauen, die so leben, dass die Menschen in ihrer Umgebung, Christen wie Ungläubige, die Stimme des lebendigen Gottes hören und ihn erkennen. Wir brauchen Menschen, die in ihrem Geist, ihrem Lebensstil und ihrem Charakter so sehr eins mit Gott sind, dass die Menschenmassen das Gefühl haben, der Schatten von Gott selbst hätte sich über ihr Leben gelegt.Wirst du in dieser Weise ein Schatten Gottes sein?4

William und Catherine Booth ließen nicht zu, dass sich irgendetwas zwischen sie und ihr Ziel stellte, Jesus ähnlich zu werden. Es war ihnen gleich, welche Folgen das für sie hatte und was andere Menschen darüber dachten.

William und Catherine verstanden und liebten die Armen Als William noch ein Teenager war, verlor sein Vater sein gesamtes Vermögen und starb arm und mittellos. Seine gottesfürchtige Mutter, eine Methodistin, versuchte, die Familie allein durchzubringen. Er sah ihre Bemühungen, die Kinder zu einem ordentlichen Lebensstil zu ermutigen und nicht aufzuge-

9


William & Catherine Booth ben. Er wuchs in Armut auf, daher kannte er die Kämpfe und das Leid der Armen. Das wenige Geld, das er zum Unterhalt der Familie beitragen konnte, stammte aus einer Tätigkeit als Pfandleiher. Häufig wurden Familienerbstücke zu Geld gemacht, damit die Arbeitslosen zumindest in der folgenden Woche noch ein Dach über dem Kopf und ein wenig zu essen hätten. Er wusste, was Armut aus Menschen machen konnte. Er fühlte sich den Armen verbunden, er war in gewisser Weise einer von ihnen – er kannte sie und liebte sie zutiefst. Catherine teilte diese Liebe zu den Armen von Herzen. Ihr Leben lang verspürte sie den Ruf Gottes, den Unterdrückten und Hilflosen zu helfen und sich für sie einzusetzen.

William und Catherine wussten, was es bedeutet, abgelehnt, verfolgt und gehasst zu werden William wurde seit seiner ersten Predigt auf den Straßen von Nottingham verhöhnt, verspottet, beschimpft und der Lächerlichkeit preisgegeben. Catherine erlebte voller Zorn und Ohnmacht, dass sie als Frau im England ihrer Tage keinerlei Einfluss auf die gesellschaftlichen Entscheidungen nehmen konnte und auch von der Mitwirkung in der geistlichen Leiterschaft ausgeschlossen war. Während der ersten Jahre der Heilsarmee mussten sich junge Heilssoldaten immer wieder vor Wurfgeschossen in Sicherheit bringen. Verfaultes Obst, tote Tiere, Kieselsteine und Backsteine flogen ihnen aus den Händen derer entgegen, die es nicht ertragen konnten, aus den Übeln und der falschen Lebenshaltung herausgerufen zu werden, die sich über das ganze Land gelegt hatten. Die Missionare und Evangelisten der Heilsarmee sahen sich als echte Soldaten – sie kämpften gegen die Mächte der Finsternis, um die zurückzugewinnen, die der Feind in seine Gewalt gebracht hatte. Sie führten einen Krieg der Liebe: Er liebt dich. Er hat es dir immer wieder gesagt. Er hat seine Liebe durch sein Handeln bewiesen. Die Liebe zwingt den Liebenden, sich zum Besten des Geliebten einzusetzen. Er weiß, dass die Sünde der Feind deines Seelenfriedens ist und zu großem Leid auf Erden und im Jenseits führt. Aus diesen und anderen Gründen möchte er dich erretten und befreien.5

Die Soldaten der Heilsarmee wurden gefesselt, geschlagen, getreten, bespuckt, mit harten Gegenständen und mit brennendem Schwefel beworfen. Häufig fanden sich pöbelnde Menschenmassen von Hunderten oder gar Tausenden zusammen, die gegen die kleine Schar der aufrechten Heiligen zu Felde zogen.Aber die Soldaten marschierten trotzdem in die Stadt ein, oft mit Unrat bedeckt, aber sie schämten sich nicht und standen unerschütterlich für ihr Werk ein. Sie knieten im Stadtzentrum nieder und erhoben ihren Schlachtruf: „Herr Jesus, in deinem Namen beanspruchen wir diese Stadt für Gott.“ Und dann standen sie auf, um die Stadt in diesem Sinn einzunehmen, und ließen sich von den Umständen niemals beirren!

10


William & Catherine Booth

William und Catherine wussten, was Heiligkeit ist, und maßen einem reinen Herzen größte Bedeutung zu Das Ehepaar Booth war nicht nur in einer radikalen sozialen Mission unterwegs, sondern sie predigten auch eine radikale Botschaft der Errettung. Sie predigten das Evangelium als eine Rückkehr zu den alten Pfaden der Gerechtigkeit, die eine völlige Heiligung des Herzens und eine totale Hingabe an die Person und die Ziele Gottes beinhaltete. Gott stand absolut im Zentrum ihrer Predigten und sie waren erfüllt von dem Ziel, das bereits in den ersten Christen brannte: Die Bekehrung und Veränderung des Einzelnen soll zu einer Verwandlung der Gesellschaft führen. Sie forderten ihre Mitarbeiter heraus: Das Erste und Wichtigste, was Gott von uns erwartet … ist eine charakterliche Prägung, die er gutheißt. Man könnte sogar von einem Charakter sprechen, den er bewundert. Der eigentliche Kern einer solchen charakterlichen Prägung kann in einem Wort zusammengefasst werden: Heiligkeit … Keine anderen Eigenschaften oder Fähigkeiten können an ihre Stelle treten. Weder Wissen noch Erkenntnis, weder Reden noch Singen, weder Schauspielerei noch irgendeine andere Gabe können sie ersetzen.6

Ein charakteristisches Bekenntnis der Heilsarmee lautet: „Rede nicht so viel über deinen Glauben, lebe ihn!“ Die Grundpfeiler ihrer Theologie bildeten trotzdem Buße, Glauben und ein Lebensstil der Heiligung. Für die Heilsarmee besteht Buße nicht nur darin, dass es einem leidtut, dass man gesündigt hat, sondern in einer echten, umfassenden Abkehr von der Sünde. Glaube war kein kurzer, intellektueller Schritt, sondern ein Sichwerfen der Seele auf Christus, das von tiefstem Vertrauen zu ihm geprägt war, im Hier und Jetzt beginnt und sich in Zeit und Ewigkeit fortsetzt. In der ganzen Welt wurden in den Missionsstationen der Heilsarmee wöchentliche Veranstaltungen zum Thema Heiligung abgehalten, deren Ziel es war, Christen Erfahrungen zu vermitteln, durch die sie darin wachsen könnten. Diese Art der Heiligkeit war für die Salutisten nicht nur eine Frage der eigenen Anstrengung, sondern sie rechneten damit, dass sie ihnen von dem Geist, der in ihnen wohnte, geschenkt würde. Könnte es eine andere Möglichkeit geben, an jedem Tag der Woche, im Sommer wie im Winter, bei Regen und bei Sonnenschein, eine Veranstaltung im Freien oder in einem Gebäude durchzuführen (an Sonntagen waren es meist zwei oder drei Gottesdienste), als allein durch die Kraft des Heiligen Geistes? Wie wäre es sonst möglich gewesen, dass die Soldaten der Heilsarmee an allen sieben Tagen der Woche auf ihrem Posten ausgeharrt und normalerweise an jeder Veranstaltung teilgenommen haben?

11


William & Catherine Booth Ein solch anstrengendes Leben lässt sich nur in der Kraft des Heiligen Geistes bewältigen. Der General der Armee hatte dies erkannt und machte daher die Heiligung, auch als Erfüllung mit dem Heiligen Geist bezeichnet, zu einer der grundlegenden Lehren innerhalb der Heilsarmee. William und Catherine Booth errichteten ihr Werk auf einem wahrhaft apostolischen Fundament, sie predigten auch die Aspekte des Wortes Gottes, die von denen gemieden wurden, die Errettung haben wollten, aber nicht bereit waren, sich der Person und den Zielen Gottes wirklich hinzugeben. Ein reines Regelwerk in Verbindung mit aufrichtigem moralischen Bemühen reicht niemals aus, um Männer und Frauen, deren Leben zu Bruch gegangen ist, auf den Weg zur Erlösung zu führen. Einzig und allein das Evangelium der Gnade, der Kraft und der Abkehr von allem Widergöttlichen, das im und durch den Heiligen Geist gepredigt wurde, konnte in der Welt, in der William und Catherine lebten und dienten, reale Veränderung bewirken und Menschen für Gott zurückgewinnen. Das Ehepaar Booth und ihre heilige Armee haben mehr Länder besucht, häufiger gepredigt, mehr Menschen für Jesus gewonnen und mehr gefallene Männer und Frauen gerettet als irgendjemand anders in der Geschichte der Straßenmission, wahrscheinlich mehr als alle anderen zusammen. Überall, wo sie hinkamen, dienten oder eine neue Missionsstation gründeten, haben sie die Dinge zum Guten gewandelt. Suchen wir nicht genau diese Qualität in unserem eigenen Dienst für Gott? Winkie Pratney, 2002

12


William & Catherine Booth

Am 9.April 1865 traf Robert E. Lee im Salon eines Privathauses in Appomattox Court House im US-Bundesstaat Virginia mit Ulysses S. Grant zusammen. Er kapitulierte mit seiner Armee und setzte damit den Schlusspunkt unter eine vierjährige Zeit des Blutvergießens und der Zerstörung, die wir heute als den Amerikanischen Bürgerkrieg bezeichnen. Im gleichen Jahr erklärte ein 36-jähriger Engländer namens William Booth den Mächten der Finsternis den Krieg, indem er die Heilsarmee gründete. Paul Smith

13


William & Catherine Booth

Die Vision: Wen kümmert’s? Vision ohne Aktion bleibt Vision. Aktion ohne Vision bringt Stagnation. Aktion aus Vision bewirkt Mission. Leonhard Ravenhill

Im Juni 1885 veröffentlichte die Heilsarmee-Zeitschrift The War Cry (der Kriegsruf) eine Reihe von Briefen von General William Booth unter der Überschrift: „Theoretischer Glaube“. In diesen Artikeln wird deutlich, dass sich William danach sehnte, dass alle Christen wie Christus leben. Er war betrübt davon, dass das Leben vieler Menschen, die von sich behaupteten, Christus nachzufolgen, künstlich wirkte und nicht konkret von Christus geprägt war. Er war beunruhigt und aufgebracht über die Massen, die in die Kirchen strömten, deren Lieder und Gebete jedoch in extremen Widerspruch zu ihrer Lebensführung standen. Als er über die vielen Menschen nachdachte, die allein in London lebten und keine Ahnung davon hatten, wie sie die Ewigkeit verbringen würden, drängte sich für ihn eine Frage allmählich in den Vordergrund: „Könnten wir Christen nicht ein solches Maß an Hingabe erreichen, dass unser Leben wirklich das zum Ausdruck bringt, was wir über diese Menschen sagen, die der ewigen Verdammnis entgegengehen?“ In der Zeit, als ihn diese Fragen beschäftigten, empfing William die folgende Vision von Gott. Die ausdrucksstarken Bilder führten ihm die unfassbare Verlorenheit und Verdorbenheit des gefallenen Menschen vor Augen. Er reagierte sofort auf die Vision. Solch eine Vision kann einfach nicht ignoriert werden! Er veröffentlichte sie in schriftlicher Form erstmals in der Ausgabe des War Cry vom 15. Juni 1885 und wollte sie als Herausforderung an alle Salutisten verstanden wissen. Der Inhalt ist für Christen in aller Welt heute noch genauso relevant und herausfordernd wie für die Christen, die vor über 100 Jahren lebten. Ich sah ein dunkles, stürmisches Meer. Über ihm hingen schwere, finstere Wolken, die von düsterem Donnergrollen durchzogen waren. Hier und da zuckte ein greller Blitz. Der Wind heulte, die Wellen wogten hin und her. Das Meer hob und senkte sich, Wellen türmten sich auf, Schaumkronen bildeten sich, die Wellen brachen, um sich wenig später von Neuem aufzutürmen. In diesem Meer erblickte ich eine unübersehbar große Menschenmenge. Die bedauernswerten Kreaturen stürzten ins Meer, wurden hin- und hergetrieben, schrien und fluchten, kämpften um ihr Leben, gingen unter, tauchten unter Fluchen und Geschrei wieder auf, fluchten weiter und versanken schließlich, um nie wieder aufzutauchen.

14


William & Catherine Booth Aus diesem dunklen, zornigen Meer sah ich einen mächtigen Felsen aufragen, der sich bis über die finsteren Wolken erhob, die über dem stürmischen Meer hingen. Am Fuße des Felsens erblickte ich eine riesige Plattform und zu meiner Freude sah ich, wie ständig eine beträchtliche Anzahl der gegen das Ertrinken kämpfenden armen Geschöpfe aus den Fängen des wilden Meeres auf die Plattform kletterte. Als ich genauer hinsah, bemerkte ich, dass einige der Geretteten sich darum bemühten, mit Hilfe von Leitern, Seilen und Booten die um ihr Leben Kämpfenden aus der tosenden See zu retten. Vereinzelt sprangen sogar einige unter Nichtbeachtung möglicher Konsequenzen zurück ins Meer, beseelt von dem Verlangen, die Ertrinkenden zu retten. Ich wusste nicht recht, was mich mehr erfreute: Der Anblick derer, die auf den Felsen kletterten und sich in Sicherheit bringen konnten, oder die Hingabe und die Opferbereitschaft derer, die einzig und allein darauf bedacht waren, andere Menschen aus dem Meer zu retten. Als ich auf die Plattform schaute, fiel mir auf, dass die dort stehende Menge aus Menschen verschiedenster Art bestand. Sie waren aufgeteilt in verschiedene Gruppen oder Klassen und taten sehr unterschiedliche Dinge. Es waren vergleichsweise ziemlich wenige, die sich ernsthaft darum bemühten, Menschen aus dem Meer zu retten. Am meisten verwirrte mich, dass fast alle ihre eigene Rettung aus dem Meer vergessen zu haben schienen, obwohl sie selbst einmal im tosenden Meer zu versinken drohten. Die Erinnerung an die Finsternis und die Todesgefahr machte ihnen keinerlei Schwierigkeiten oder sie hatten alles vergessen. Genauso eigenartig und verwirrend war die Tatsache, dass die Leute überhaupt kein Herz zu haben schienen – kein wirklich leidenschaftlich mitfühlendes, mitleidendes Herz – für die armen Ertrinkenden, die direkt vor ihren Augen kämpften und ertranken. Und das, obwohl viele der Todgeweihten die Ehemänner oder -frauen, die Mütter, Geschwister oder Kinder derer waren, die sich auf der Plattform befanden. Dieser Mangel an Mitgefühl konnte nicht dadurch verursacht worden sein, dass sie nicht wussten, was geschah, denn sie lebten in Sichtweite der Ertrinkenden. Manchmal sprachen sie sogar darüber, und sie gingen regelmäßig zu Vorträgen, die sich mit der schlimmen Lage beschäftigten. Ich habe bereits erwähnt, dass die Menschen auf der Plattform sich mit verschiedenen Dingen beschäftigten. Manche waren Tag und Nacht damit beschäftigt, Geld durch Handel zu verdienen und den Gewinn in Kisten aufzubewahren oder auf anderem Wege zu sichern. Viele vertrieben sich die Zeit damit, mit größtem Vergnügen Blumen an den seitlichen Felshängen zu pflanzen.Andere entwarfen Gemälde,

15


William & Catherine Booth musizierten oder zogen sich auf immer neue, interessante Weise an, sodass sie beim Umhergehen bewundert wurden. Einige waren die ganze Zeit mit Essen und Trinken beschäftigt.Andere diskutierten mit Feuereifer über die armen, ertrinkenden Geschöpfe und deren Zukunft, während viele ihr Gewissen beruhigten, indem sie mit großer Regelmäßigkeit an merkwürdigen religiösen Feiern teilnahmen. Als ich genauer hinsah, bemerkte ich, dass einige einen Weg gefunden hatten, der auf eine höher gelegene Plattform führte, hoch über den finsteren Wolken, die sich über dem Meer zusammengeballt hatten. Von dieser hoch gelegenen Plattform hatten sie einen guten Blick auf das Festland, das gar nicht weit entfernt war; sie erwarteten, an einem weit vor ihnen liegenden Tag dorthin gebracht zu werden. Sie verbrachten ihre Zeit mit erbaulichen Gedanken, gratulierten sich selbst und anderen, dass sie aus den stürmischen Fluten gerettet worden waren, und sangen Lieder über die Freude, die sie erleben würden, wenn sie eines Tages auf das Festland gebracht würden. Die ganze Zeit lang trieben die kämpfenden, schreienden Massen in der dunklen See und waren eigentlich nah genug an der Plattform, um in Sicherheit gebracht werden zu können. Das geschah jedoch kaum, sondern sie versanken auf ewig in den Fluten, während die auf dem Felsen Lebenden zuschauten, wie nicht nur Einzelne, sondern täglich große Scharen in den unheimlichen Fluten des tosenden Meeres untergingen. Während ich zuschaute, sah ich, dass die Hand voll Leute, die ich schon zuvor bemerkt hatte, sich weiterhin abmühte, andere zu retten. Oh, ich wünschte mir so sehr, es wären viel mehr gewesen! Sie taten kaum etwas anderes, als sich weinend um die sterbenden Menschen zu bemühen. Sie schufteten und setzten sich für ihre Rettung ein. Sie gönnten sich keine Ruhe und drängten außerdem die Menschen in ihrer Umgebung, ihnen bei der Rettung der Ertrinkenden zu helfen. Nach kurzer Zeit wurden sie besonders von den milden und liebenswürdigen und den außergewöhnlich religiösen Menschen für ein Ärgernis gehalten. Trotzdem arbeiteten sie weiter, investierten alles, was sie besaßen und bekommen konnten, um Boote, Flöße, Netze und Seile zu erwerben, und ersannen viele weitere Mittel und Wege, um die armen Ertrinkenden zu retten. Es gab einige andere, die hin und wieder mithalfen, aber dann auch anderen Dingen nachgingen. Die Menschen, die meine Aufmerksamkeit am stärksten auf sich zogen, waren diejenigen, die sich von ganzem Herzen für die Rettung anderer einsetzten. Sie gingen mit solcher Leidenschaft und unerschütterlicher Entschlossenheit zu Werke, dass viele andere sie für verrückt erklärten, unter ihnen sogar diejenigen, die die gleiche Arbeit, nur mit weniger Eifer, taten.

16


William & Catherine Booth Und dann sah ich etwas, das noch herrlicher war: Das Elend, die Qualen, die Gefahren und die Lästerungen der bedauernswerten, ums Überleben kämpfenden Menschen im finsteren Meer erregten das Mitleid des großen Gottes im Himmel so sehr, dass er ein wunderbares Wesen sandte, das die Menschen retten sollte. Dieses wunderbare, von Jahwe gesandte Wesen kam direkt aus dem Palast Gottes, bahnte sich einen Weg durch die finsteren Wolken und sprang zu den ertrinkenden, untergehenden Menschen direkt in die tosende See. Ich beobachtete, wie er schwer arbeitete, um sie zu retten. Er weinte und stöhnte, bis der Schweiß seiner Anstrengung und Qualen als Blut an ihm herabfloss. Während er arbeitete, die armen Kreaturen umfasste und auf den Felsen zu heben suchte, rief er die ganze Zeit hinüber zu den bereits Geretteten – also zu denen, denen er mit seinen eigenen, blutenden Händen geholfen hatte –, sie sollten zu ihm kommen und ihm bei der schmerzhaften und anstrengenden Rettung der anderen aus dem Meer helfen. Es war für mich so erschreckend, dass die Menschen auf der Plattform, also diejenigen, die er rief, nicht auf seine Worte reagierten – obwohl sie seine Stimme hörten und das Gefühl hatten, sie müssten helfen, zumindest sagten sie das. Diejenigen, die ihn so sehr liebten und ihm von Herzen alles Gute wünschten bei dem Werk, das er sich vorgenommen hatte, die ihn sogar anbeteten oder zumindest behaupteten, dies zu tun – diese Menschen reagierten nicht auf seine Worte. Sie waren so beschäftigt mit ihrer Arbeit, ihrem Beruf, ihrem Geldverdienen, ihren Vergnügungen, ihren Familien, ihren Freunden, ihrem Glauben, ihren Diskussionen für ihren Glauben und ihren Vorbereitungen auf die Reise zum Festland, dass sie seinem Ruf aus dem Meer nicht Folge leisteten. Falls sie ihn überhaupt hörten, schenkten sie ihm keine Beachtung. Sie kümmerten sich nicht darum, daher kämpften die Massen im Meer weiterhin gegen die Fluten, schrien und versanken schließlich in Finsternis und schlimmen Qualen. Und dann sah ich etwas, das mir das Eigenartigste zu sein schien in dieser eigenartigen Vision. Ich sah, dass einige der Menschen auf der Plattform, die das herrliche Wesen dazu bewegen wollte, zu ihm zu kommen und ihm zu helfen, seine an sie gerichteten Schreie ignorierten und stattdessen die ganze Zeit beteten und riefen, er möge zu ihnen kommen. Sie wollten, dass er zu ihnen käme und bei ihnen bliebe, um seine Zeit und Kraft in sie zu investieren. Zunächst erwarteten sie von ihm, dass er sie glücklicher machen sollte. Zweitens erwarteten sie, dass er ihnen die Zweifel und Bedenken nähme, die sie hinsichtlich der Wahrheit einiger Briefe hegten, die das herrliche Wesen ihnen geschrieben hatte. Dann wollten sie noch, dass er sie darin unterstützte, sich auf dem Felsen sicherer zu

17


William & Catherine Booth fühlen – so sicher, dass sie in der Gewissheit ruhen könnten, niemals mehr vom Felsen herabzurutschen. Schließlich wünschten sie sich noch das Gefühl der Sicherheit von ihm, dass sie eines Tages wirklich das Festland erreichen würden, denn sie wussten, dass einige so nachlässig auf dem Felsen umhergegangen waren, dass sie ausgerutscht und ins tosende Meer zurückgefallen waren. Diese Menschen hatten es sich zur Gewohnheit gemacht, so hoch wie möglich auf den Felsen hinaufzuklettern, von dort aus Richtung Festland zu schauen, wo sie das herrliche Wesen vermuteten, und zu rufen: „Komm zu uns! Komm, und hilf uns!“ Aber er befand sich die ganze Zeit bei den bedauernswerten, kämpfenden und ertrinkenden Menschen im tobenden Meer, hatte seine Arme um sie gelegt und versuchte, sie auf den Felsen zu heben. Dabei hielt er voller Sehnsucht, aber vergeblich Ausschau nach denen, die sich auf dem Felsen befanden, und rief ihnen mit heiser gewordener Stimme zu: „Kommt zu mir! Kommt, und helft mir!“ Und dann verstand ich die ganze Vision. Sie war eindeutig. Das Meer ist das Meer des Lebens – der Ort der wirklichen menschlichen Existenz. Der Donner war das Echo des aus der Ferne vernehmbaren Zornes Gottes. Die Blitze waren das Aufleuchten der Wahrheit, die vom Thron Jahwes zu uns drang. Die Menschenmassen, die im sturmgepeitschten Meer umhertrieben und schrien, kämpften und litten, waren die Tausenden und Abertausenden von Huren und Zuhältern, von Alkoholikern und denen, die sie dazu gemacht hatten, von Dieben, Lügnern, Gotteslästerern und gottlosen Menschen jeder Art aus allen Ländern und Nationen. Oh, wie tiefschwarz das Meer war! Welche riesigen Massen von Reichen und Armen, Ungebildeten und Gebildeten. Und doch hatten sie alle eines gemeinsam – vor Gott waren sie Sünder. „Sie hatten alle eines gemeinsam?“ Nein, sogar zwei Dinge. Sie waren nicht nur alle dem Verderben anheimgegeben, sondern würden alle tief, tief, tief in die gleiche Hölle hinab-, hinab-, hinabfahren, wenn sie nicht gerettet würden. Der große, rettende Fels war Golgatha. Die Menschen auf dem Felsen waren die Erretteten. Die Art und Weise, wie sie ihre Kraft, ihre Gaben und ihre Zeit einsetzten, war ein Bild für das Verhalten derer, die vorgaben, von Sünde errettet worden zu sein und für Gott zu leben. Die kleine Schar derer, die wirklich entschlossen anpackten, um Menschen zu retten, waren Soldaten der Heilsarmee, die gemeinsam mit anderen Gläubigen arbeiteten, die den gleichen Geist besaßen. Das herrliche Wesen war der Sohn Gottes, welcher derselbe ist „gestern, heute und auch in Ewigkeit“, der auch heute noch dabei ist, die sterbenden Massen unter uns vor der fürchterlichen Zukunft der ewigen Verdammnis zu retten. Seine Stimme ist trotz der Musik,

18


William & Catherine Booth des religiösen Betriebes und des Gesäusels von der Errettung auch heute vernehmbar und fordert die Geretteten auf, zu ihm zu kommen und ihm dabei zu helfen, die Welt zu retten. Meine Kameraden, hört zu: Ihr seid aus der tosenden See errettet worden – ihr steht auf dem Felsen. Er befindet sich im finsteren Meer und ruft euch zu, zu ihm zu kommen und ihm zu helfen.Werdet ihr dies tun? Schau dich doch um. Das wogende Meer der Sterbenden rollt heran bis an den Ort, an dem du stehst. Ich rede jetzt nicht mehr von einer Vision oder einer bildhaften Vorstellung. Es geht um etwas, das so real ist wie die Bibel selbst; so real wie Jesus, der am Kreuz hing; so real, wie der Tag des Gerichts sein wird; und so real wie der Himmel und die Hölle, die danach anbrechen werden. Schau dich um! Lass dich nicht vom äußeren Schein blenden – die Menschen und ihre Umstände sind nicht so glänzend, wie es scheint. Meine Vision war lediglich ein Bild – die Realität ist viel qualvoller, als irgendeine Vision oder ein Bild sein könnte.Alle, die nicht auf dem Felsen sind, befinden sich im tosenden Meer. Schau sie dir aus der Perspektive des Großen Weißen Thrones an.Was für ein Anblick! Jesus Christus, der Sohn Gottes, befindet sich mitten unter den sterbenden Menschenmassen und setzt sich für ihre Errettung ein. Er fordert dich auf, ins Meer zu springen, an seine Seite zu kommen und ihm zu helfen. Wirst du springen? Wirst du dich zu seinen Füßen beugen und dich ihm voll und ganz zur Verfügung stellen? Wirst du dich wie ein Mann verhalten, der am Ufer steht und einen Ertrinkenden im Wasser sieht; der Mantel, Hemd und Hose ablegt, weil sie ihn nur behindern würden, und hineinspringt, um den anderen zu retten? Wirst du, der du noch am Ufer stehst, nachdenkst, betest und über die armen, mit dem Tod ringenden Kreaturen nachdenkst, deine Scham ablegen, deinen Stolz, deine Sorgen wegen der Meinung anderer Menschen über dich, die Liebe zum leichten Leben und die Vorliebe für manch andere Annehmlichkeiten, die dich allesamt so lange schon zurückgehalten haben, und hineinspringen, um die Massen von kostbaren, sterbenden Menschen zu retten? Sieht die wogende See finster und gefährlich aus? Das könnte durchaus sein. Es steht außer Zweifel, dass der Sprung ins Meer für dich und all die anderen, die springen, Gefahren, Spott und Leiden mit sich bringen wird. Es könnte sogar noch schlimmer kommen, es könnte deinen Tod bedeuten. Er, der dich aus dem Meer ruft, weiß jedoch, was kommen wird. Und in diesem Wissen ruft er dich, lädt dich ein und fordert dich auf, zu ihm zu kommen.

19


William & Catherine Booth

Ein Poster zum Darkest-England-Schema und der Vision: „Wer kümmert sich?“.

20


William & Catherine Booth Du musst es tun. Du darfst dich nicht aufhalten lassen. Du hast dich lange genug am religiösen Betrieb erfreut. Du hast gesungen. Du hast schöne Gefühle gehabt, schöne Lieder gesungen, schöne Veranstaltungen besucht und dich schönen Zukunftsaussichten hingegeben. Du hast viel menschliches Glück und fröhliches Klatschen erlebt, sehr viel Himmel auf Erden. Nun, jetzt ist es an der Zeit, zu Gott zu gehen und ihm zu sagen, dass du bereit bist, all diesen Dingen den Rücken zuzukehren und den Rest deines Lebens mit den sterbenden Menschenmassen zu ringen. Du musst es tun. Du musst hinabgehen zu den sterbenden Massen. Dein neues Glück besteht darin, ihr Elend zu teilen, deine Ruhe im Teilen ihrer Schmerzen. Deine Krone ist, dass du ihr Kreuz trägst. Und es ist der Himmel für dich, in die Tiefen der Hölle zu steigen und sie aus den Fängen der Finsternis zu befreien. Wirst du seinem Ruf folgen? Wirst du es tun?1

___________________________________ 1

William Booth, „Theoretical Religion“ (theoretischer Glaube), The War Cry, 15. Juni 1885. Der vorliegende Abschnitt „Die Vision“ aus diesem Buch (S. 21–28) darf ohne weitere Genehmigung fotokopiert und verbreitet werden, sofern es sich um Nutzung zu Unterrichtszwecken in Schulen, Bibelschulen oder Diskussionsrunden handelt. Die Kopien müssen in der in diesem Buch gegebenen Form erstellt werden und folgenden Quellenhinweis enthalten: „Aus: William und Catherine …

21


William & Catherine Booth Während ihrer Untersuchungen zu In Darkest England and the Way Out hatten die Salutisten die fürchterliche Ausbeutung der Fabrikarbeiter ans Licht gebracht. Nichts hatte William so entsetzt wie die Arbeitsbedingungen in Englands Streichholzfabriken.Täglich gingen über 4.000 Arbeiter, zumeist Frauen und Kinder ab acht Jahren, in die Fabriken. Sie schufteten täglich 16 Stunden lang, hatten keine Pausen und erhielten etwas mehr als einen Schilling für ihre harte Arbeit. Schlimmer noch als die unmenschlichen Arbeitszeiten und der niedrige Lohn waren die akuten Gesundheitsgefährdungen, denen sie ausgesetzt waren. Die englischen Fabriken produzierten, anders als in anderen Ländern, weiterhin Streichhölzer, die an jeder rauen Fläche entzündet werden konnten. Bei der Herstellung wurden die Streichholzköpfe in gelben Phosphor getaucht, eine Substanz, die bereits in kleinen Mengen tödlich wirkt.Auch die Dämpfe des gelben Phosphors sind hochgiftig.Aufgrund der schlechten Belüftung in den Fabriken mussten die Arbeiter die tödlichen Dämpfe Tag für Tag einatmen. Als Williams Mitarbeiter die Arbeitsbedingungen untersuchten, fanden sie heraus, dass viele der Frauen über schlimme Zahnschmerzen klagten. Die Ursache ihrer Schmerzen, den Frauen gänzlich unbekannt, bestand in dem so genannten „Phosphorkiefer“ – einer Degeneration des Kieferknochens aufgrund des giftigen gelben Phosphors, die häufig von bakteriellen Infektionen begleitet wurde und zum Tod führte. Die Besitzer der Streichholzfabriken waren sich der medizinischen Risiken bewusst, denen sie ihre Arbeiter aussetzten, aber sie weigerten sich, etwas dagegen zu tun. Ihr einziges Interesse bestand darin, ihren Gewinn zu maximieren. Als Reaktion auf diesen tödlichen Industriezweig eröffnete die Heilsarmee im Jahr 1891 eine eigene Streichholzfabrik. Die Fabrik wurde gut belüftet und beleuchtet. Die 120 Beschäftigten erhielten fast doppelt so viel wie die Mitarbeiter der anderen Fabriken, und es wurde darauf geachtet, dass jeder Beschäftigte im Lauf des Tages regelmäßige Pausen einlegte. Die Lights-InDarkest-England-Streichholzschachteln enthielten ausschließlich Streichhölzer, deren Köpfe in harmlosen roten Phosphor getaucht worden waren. Die guten Arbeitsbedingungen erhöhten die Produktivität und in ihrer besten Zeit produzierte die Fabrik sechs Millionen Streichhölzer pro Jahr. Die Berichte über die guten Arbeitsbedingungen breiteten sich in Fachkreisen schnell aus. Die Sicherheitsstreichhölzer waren doppelt so teuer wie die mit gelbem Phosphor hergestellten Streichhölzer, daher wurde es erforderlich, eine Werbekampagne ins Leben zu rufen, durch die Menschen auf die Gefahren des billigeren Produkts hingewiesen werden sollten. Salutisten informierten Nachrichtenagenturen und Politiker über die wahren Kosten der mit gelbem Phosphor hergestellten Streichhölzer. Sie luden sie nachhause zu den Arbeitern ein, die unter einem „Phosphorkiefer“ litten, damit sie die schrecklichen Auswirkungen des gelben Phosphors aus nächster Nähe betrachten konnten. In den engen Mietskasernen reichte der Gestank des absterbenden menschlichen Gewebes aus, um jeden Menschen von der Realität der Gefahr zu

22


William & Catherine Booth überzeugen. Um die Wirkung zu verstärken, wurden die Gaslaternen ausgeblasen, sodass man das phosphoreszierende Leuchten am Kiefer und an den Händen der Opfer wahrnehmen konnte. In ihrer eigenen Modellfabrik wurden Führungen veranstaltet, die den starken Kontrast zeigten zu dem jammervollen Zustand der Frauen, die unter den Wirkungen des gelben Phosphors zu leiden hatten. Die Salutisten in ganz England wurden aufgefordert, zur Unterstützung der Aktion in den Geschäften nach Sicherheitsstreichhölzern zu fragen und die gefährliche Sorte zu boykottieren. Die öffentliche Meinung wandte sich schrittweise den Sicherheitsstreichhölzern der Heilsarmee zu. Durch Druck aus Öffentlichkeit und Politik wurden die Streichholzfabrikanten in England gezwungen, sich dem Standard anzupassen, der in der Fabrik der Heilsarmee gesetzt worden war. Bis zur Jahrhundertwende verbannten alle großen englischen Streichholzfabriken den gelben Phosphor aus ihrer Produktion. Zehn Jahre später, als der Sieg errungen war und die Streichholzindustrie Reformen zum Schutz der Gesundheit der Arbeiter und ihrer fairen Behandlung in die Wege geleitet hatte, schloss die Heilsarmee ihre Fabrik und wandte ihre Aufmerksamkeit anderen sozialen Missständen zu.

23


William & Catherine Booth

24


9783931484351_leseprobe_01