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Eine Knochenmarkspende rettete sein Leben. Doch vor allem gibt Alessandros tapferer Kampf gegen den Krebs vielen anderen Patienten im Land neuen Mut.


„Mama, heute bin ich glücklich!“ Was kann einen zwölfjährigen Bozner Buben glücklich machen? Unmöglich, es zu erraten: einen Tag in die Schule gehen! Alessandro Poli hat auf diesen Moment über ein Jahr gewartet. Er war schwerkrank, hatte Leukämie. Eine KnochenmarkTransplantation hat ihm das Leben gerettet.

von Claudia Schwarze

Vergnügt sitzt Alessandro am Tisch. Heute war ein super Tag! Davon gab es in den vergangenen eineinhalb Jahren nicht viele. Endlich ging es wieder in die Schule! Vorerst nur einmal in der Woche und nach vorheriger genauer Kontrolle seines Gesundheitszustandes. Aber es ist für ihn ein wichtiger Schritt zurück in ein normales Leben.

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Eine Alptraum für die ganze Familie

Die ganze Familie ist wieder zu Hause: Alessandro mit Papa Salvatore, Mama Emanuela, Bruder Andrea und der kleinen Schwester Anna in Bozen.

Alles begann im März 2005. Der Vierjährige wohnte damals mit seinem Bruder Andrea, Mama Emanuela und Papa Salvatore, der Ausbilder bei der

„Diese menschliche Geste wird Alessandro und uns für immer begleiten. Für die Spenderin hat es nur wenige Stunden gedauert, ihm hat es ein ganzes Leben geschenkt!“ Alessandros Mama Emanuela Imprescia Mit vier Jahren erkrankte Alessandro (im Bild mit seiner Mutter) an Leukämie – der Beginn eines achtjährigen Leidensweges.

Marine ist, in Venedig. Der Kleine war kränklich. Nach einem Arztbesuch mit anschließender Laboruntersuchungen bestätigte sich der schlimme Verdacht: akute Leukämie. Statt den Normalwert von 10.000 weißen Blutkörperchen wurden bei Alessandro 112.000 festgestellt. Sofort wurde der Kleine in die örtliche Universitätsklinik überführt, dort begann sofort die Behandlung. Das aggressive Lymphoplasma erwies sich auch bei der Behandlung als sehr resistent. Im ersten Jahr wurde eine Chemound Radiotherapie in der höchsten Dosis angesetzt, die für ein kleines Kind möglich ist. Im zweiten Jahr wurde die Behandlung medikamentös fortgesetzt. Dabei konnte Alessandro nach seiner wöchentlichen Behandlung nach kurzer Zeit das Krankenhaus verlassen und nach Hause gehen. Inzwischen war die Familie zurück nach Bozen gezogen, wo Mama Emanuela geboren ist und auch die Verwandten leben. Die Behandlungen fanden

im Bozner Krankenhaus statt. Und Alessandro wurde eingeschult. Anfänglich konnte er nicht regelmäßig gehen und auch nur mit Mundschutz. Am 23. März 2007 wurden schließlich alle Therapien gestoppt. Alessandro war wieder gesund! Regelmäßige Kontrollen mussten weiter durchgeführt werden, erst alle zwei Wochen, dann einmal im Monat, dann halbjährlich. „Wir waren alle erleichtert. Es ist auch eine große Belastung für die Familie. Ein normales Leben ist so nicht möglich, man benötigt die Unterstützung aller, der Verwandten und der Freunde“, sagt Emanuela Imprescia. Inzwischen war die kleine Schwester Anna geboren, und endlich lief das Leben für alle ruhig und geregelt. Bei der Kontrolle im September 2010 waren alle Werte perfekt, Alessandro und sein Bruder gingen in die Schule, Mama Emanuela kümmerte sich um die kleine Anna, und der Papa arbeitete weiterhin in Venedig und kam so oft wie möglich

nach Hause. Dass „Ale“, wie er von allen genannt wird, vor einem Jahr noch um sein Leben kämpfte, ist heute nicht mehr zu erkennen. Von Schüchternheit keine Spur, ein wenig Presserummel um seine Person ist er inzwischen gewöhnt. Doch neben seinem nur ein Jahr älteren Bruder wirkt er klein und schmächtig, auch noch ein wenig blass. Im Oktober 2010 war Alessandro plöttlich wieder kränklich, die Lymphdrüsen am Hals waren dick angeschwollen. „Man wird sehr vorsichtig. Nachdem sie nach zehn Tagen immer noch nicht abgeschwollen waren und sich keine anderen Krankheitssymptome zeigten, habe ich samstags das Day Hospital im Bozner Krankenhaus angerufen. Es ist eigentlich geschlossen, aber Dr. Battisti war im Dienst und hat uns sofort zur Kontrolle kommen lassen“, berichtet Alessandros Mutter. Die Werte waren alarmierend. Es war ein schreckliches Wochenende. Dennoch feierte die

Familie ganz groß Alessandros zehnten Geburtstag.

Wenn der Krebs wieder kommt Am Montag darauf wurde die Analyse wiederholt. Die Diagnose war niederschmetternd: erste Anzeichen einer Neuerkrankung. Sofort wurde der Bub in die Uni-Klinik nach Padua überstellt und die Therapie begonnen. Dort musste der Kleine während der Therapie bleiben, durfte aber ab und zu nach Hause. „In Padua erfolgte die Therapie und Einstellung, doch die Klinik ist bei der großen Zahl von Patienten nicht in der Lage, die Familien und kleinen Patienten ausreichend psychologisch zu unterstützen. Diese Aufgabe wird in Bozen sehr gut ausgeführt“, berichtet Emanuela Imprescia. Alessandro wusste, was ihn erwartet, doch nicht die Angst vor Schmerzen und den belastenden Therapien beunruhigten ihn. Fortsetzung  27

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Alle Infos zum Thema Knochenmarkspende Wie viele Spender gibt es? Allein in Südtirol gibt es derzeit 5348 eingeschriebene Spender. 44 Südtiroler Spenden wurden bisher verzeichnet – darunter ADMO-Vizepräsident Gregorio Tranquillini, Alessandros Mama Emanuela Imprescia und der Koordinator des RAISenders Bozen, Markus Perwanger.

ALLE FOTOS: PRIVAT

Wann wird eine KnochenmarkTransplantation nötig? • Wenn die Chemotherapie keine Rückbildung der Leukämie bewirkt; • bei einem Rückfall der Erkrankung, • bei Leukämieformen mit geringer Wirkung der Chemotherapie.

Sein Lachen und den Mut hat Ale trotz des schweren Rückfalls nie verloren.72 Tage lang musste er in Isolation im Krankenhaus verbringen. Mama oder Papa (im kleinen Bild mit Bruder Andrea) waren immer bei ihm.

 Fortsetzung Seine erste Frage nach der Mitteilung der Diagnose lautete: „Und was wird mit der Schule?“ Denn Alessandro ist ein guter Schüler, und ein Schuljahr zu verlieren, ist für ihn undenkbar. Am 28. Oktober 2010 war es dann soweit: Die Therapie begann. Ales größter Wunsch war schon immer eine Reise nach Ägypten. In seiner Verfassung unmöglich, aber einen ganzen Tag im Erlebnisbad Naturns verbrachte die Familie noch gemeinsam, bevor er stationär aufgenommen wurde. Eines war sofort sicher: Die Chemotherapie würde dieses Mal nicht ausreichen. Die Suche nach einem Knochenmarkspender begann. Auch Eltern und Bruder wurde getes-

tet, von der kleinen Schwester war nach der Geburt eine Nabelschnurspende aufbewahrt worden. Doch keiner war kompatibel. In diesem Fall wird nicht nur auf die nationale Datenbank, sondern weltweit zurückgegriffen. Schnelligkeit ist dabei der wichtigste Faktor. Es waren schwere Monate. Die Therapie, um den Krankheitsverlauf zu stoppen, wurde sofort begonnen. Ein Elternteil kümmerte sich um Alessandro, der andere musste für die anderen zwei Kinder da sein.

Ein offenes Fenster zur Welt 72 Tage absoluter Isolation folgten. Nur Mama und Papa wechselten sich am Bett ab,

niemand anderes durfte den kleinen Patienten besuchen. Die Verbindung mit der Außenwelt blieb trotzdem erhalten. Mama Emanuele hatte eine Seite in Facebook eingerichtet. Hier konnte Alessandro berichten, erhielt Nachrichten und fand unglaublich viele Freunde. „Zuerst haben wir noch gestaunt, als ich 100 Eintragungen hatte, ich kannte kaum einen davon. Jetzt sind 15.500 in der Gruppe und viele nennen mich Neffen oder Enkel“, erzählt Alessandro. Die Eltern haben festgestellt, Vorbehalte oder Hemmungen schwinden, wenn man offen und ehrlich berichtet. Es geht jetzt darum, auch anderen zu helfen. Alessandro hat eine zweite „Mama“ in Deutsch-

land gefunden. Sie wissen nichts über die 22-Jährige, sind ihr aber unendlich dankbar. Viele Erkrankte warten noch auf die lebensrettende Spende, deshalb ist Aufklärung und die Suche nach freiwilligen Spendern ihr größtes Anliegen. Emanuela hat sich bereits nach der ersten Erkrankung ihres Sohnes eingeschrieben. Sie hatte das Glück und konnte wie weitere 43 Südtiroler Spender einem Schwerkranken das Leben retten.

Eine Rückkehr ins Leben Schlimm war die erste Zeit. Ale musste wochenlang künstlich ernährt werden. Noch heute bereitet ihm das Essen Proble-

Wer kann spenden? • Gesunde Spender, bei denen die Gewebemerkmale mit dem Empfänger übereinstimmen • Eine Typisierung ist nötig; ihr wird jeder potenzielle Spender unterzogen. • Verwandte sind potentiell die besten Spender. Bei Geschwistern liegt die Kompatibilitäts-Chance bei 1:4, bei Nicht-Verwandten bei etwa 1:100.000. • Jeder gesunde Erwachsene im Alter von 18 bis 38 Jahren mit einem Körpergewicht von über 50 kg kann sich als Spender registrieren lassen, bis zum 55. Lebensjahr kann gespendet werden.

Alessandro im Krankenhaus in Padua im März 2011 mit seinem Lieblingstier, einem kleinen Spielzeugdelfin. Der steht als Symbol für Fröhlichkeit, Intelligenz und Lebensfreude – und das Meer.

me. Aber er ist seit September wieder zu Hause. Fast ein Jahr ist seit seiner „Wiedergeburt“ vergangen, wie es Mama Emanuela bezeichnet. Der Papa kümmert sich um ihn, er hat sich zur Pflege beurlauben lassen. Die Mutter arbeitet als Lehrerin wieder in der Bozner Mittelschule Alfieri, die auch Alessandro besucht. Nachdem bekannt wurde, wie wichtig dem Jungen der Unterricht ist, schalteten das Lehrerkollektiv und die Behörden sofort. Das Klassenzimmer wurde multimedial, drei Kameras und eine Spezialtafel installiert. Punkt 7.50 Uhr schaltet sich Alessandro per Computer in Videokonferenz zu seiner Klasse. Erst 13.10 Uhr wird ausgeschaltet. Selbst wenn manch-

mal das Bild ausfällt, hört er gespannt zu, um keinen Satz zu verpassen. Auch seine Ergebnisse und Antworten kommen direkt bei den Lehrern an. Im Februar gab es für ihn das Zeugnis. Alles super Noten, nur Englisch liegt ihm nicht so sehr, da hat er eine Sieben. Aber vor Kurzem war es endlich soweit: der erste echte Schultag! Noch darf Alessandro nur einen Tag in der Woche hingehen und muss nach dem Verlassen des Hauses einen Mundschutz tragen. Aber die Tage in Videokonferenz sind gezählt. Seine Genesung schreitet voran. Und wenn er wieder ganz gesund ist, steht fest: Dann reist die ganze Familie in den Urlaub nach Ägypten!

Wie erfolgt eine KnochenmarkTransplantation? Die Entnahme der Spende erfolgt bei Vollnarkose oder Epiduralanästhesie und dauert durchschnittlich 45 Minuten. Etwa zehn Tage vor der Transplantation wird der Patient mit einer aggressiven Chemotherapie und Ganzkörperbestrahlung behandelt, um sein krankes Knochenmark vollständig zu zerstören. Dann werden die Blutstammzellen des Spenders verabreicht. Das neue Knochenmark beginnt nach zwei bis drei Wochen weiße Blutkörperchen zu produzieren.

INFO: ADMO Südtirol, www.admobz.com Tel & Fax: 0471 400823 / E-Mail: info@admobz.com 29

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Mama, heute binich glücklich!  

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