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Heft 12: November 2013

ad hoc international Städte

Leben des Homo Urbanus im 21. Jahrhundert Slumbewohner mobilisieren für ihre Rechte in Südafrika – Interview mit S‘bu Zikode (Seite 7) Istanbul – Kampf um den Gezi Park (Seite 9) Destruktive und kreative Konfliktlösung im urbanen Raum (Seite 11) Mauern teilen noch immer weltweit Städte in zwei – Interview mit Kai Wiedenhöfer (Seite 13) Mogadischu – Aufbruch am seidenen Faden (Seite 16) Bamyian – Vom Kriegssymbol zum Hoffnungsträger (Seite 18) Das Fake-Over von Peking (Seite 20)


Impressum

ad hoc international Zeitschrift des Netzwerks für Internationale Aufgaben – Stiftungskolleg und Mercator Kolleg Alumni e. V. (nefia) Herausgeber: Netzwerk für Internationale Aufgaben – Stiftungskolleg und Mercator Kolleg Alumni e. V. Neue Promenade 6, 10178 Berlin, Telefon +49 (0)30 28873397, Fax +49 (0)30 28873398 info@nefia.org, www.nefia.org

nefia ist der Alumniverein für die Absolventen des Mercator ­Kollegs und des früheren Stiftungskollegs für interntionale Auf­gaben, um nach der Zeit im Kolleg im Kontakt zu bleiben und berufliche Netzwerke zu ­pflegen. nefia ist außerdem ein Multiplikator für junge Sichtweisen auf internationale Themen und entwicklungspolitische Frage­stellungen. Mit Veranstaltungen und Publikationen mischen wir uns in global ­relevante Themen ein und vermitteln unser Praxis- und Experten­wissen. nefia ist auch Partner der Stiftung Mercator bei der Gestaltung des Kollegs. Unsere praxis­erfahrenen Mitglieder ­unterstützen die aktuellen Stipendiatinnen und Stipendiaten bei der Planung und Durchführung ihrer Projektvor­haben. www.nefia.org. Kontakt: info@nefia.org

Redaktion: Hanna Baumann (Chefredaktion), Sebastian Boll, Silvia Danielak, Christina Hübers, Julia Ismar, Anne Knauer (CSP-Netzwerk), Daniel Maier (CSP-Netzwerk), Leana Podeszfa (Fotoredaktion), Mara Skaletz (CSP-Netzwerk), Susanne Skoruppa, Stephanie von Hayek, Friedrich von Heyl (Beratung) Autorinnen und Autoren: Sibel Atasayi, Hanna Baumann & Silvia Danielak (Interview), Matthias Beckh, Gabriela Blatter & Liana Fix, Silvia Danielak, Matthias Kaufmann, Charlotte Ndakorerwa, Bastian Richter, Susanne Skoruppa & Stephanie von Hayek (Interview), Renard Teipelke Die Beiträge spiegeln die persönliche Meinung der Autorinnen und Autoren wider. Bildnachweis: Fotos Titel: Hanna Baumann, Liana Fix, Bastian Richter, Renard Teipelke Collage: Ungermeyer, grafische Angelegenheiten Sebastian Haug (Seite 2), Marcia Schenck (Seite 3), Renard Teipelke (Seite 4), Charlotte Ndakorerewa (Seite 6), Michael Premo, Poverty Initiative (Seite 7), Jenny Morgan, Filmausschnitte „A Place in the City“ (Seite 8), Cem Czwerwionke (Seiten 9–10), Uvs Uvsang (Seite 11), Dan Zelazo (Seite 12), Rasande Tyksar (Seite 12), Hanna Baumann (Seiten 13, 15), Kai Wiedenhoefer (Seiten 14–15), Bastian Richter (Seiten 16–17), Matthias Beckh (Seite 18–20), Matthias Kaufmann (Seite 21), Jan Kuntze (Seite 22) Idee: Ines Wolfslast Gestaltung: Ungermeyer, grafische Angelegenheiten Druck: Herforder Druckcenter Danksagung: Diese Publikation wurde von der Stiftung Mercator GmbH gefördert.


Editorial

Liebe Leserinnen und Leser! Schon heute lebt die Mehrheit der Weltbevölkerung in Städten und die Anziehungskraft urbaner Räume steigt weiter. Die ­Ansammlung von Menschen, Institutionen, Gebäuden und Infra­ struktur ­unterschiedlichster Art birgt enormes Potential, ­jedoch auch große ­Herausforderungen. Trotz lokaler und regionaler Besonderheiten sind Städte und Stadtbewohner auf der ganzen Welt mit ähnlichen Problemen konfrontiert. Diese Ausgabe der ad hoc international beginnen wir mit einem Bericht über Heraus­forderungen der Urbanisierung. Fünf Kol­ legiatinnen und Kollegiaten des Mercator-Jahrgangs 2012/13 berichten darüber aus den verschiedensten Ecken der Welt. Besonders in Afrika, Asien und Südamerika führt die Land­ flucht der Armen in die Städte und die Flucht der Reichen aus den Stadtzentren zur Erschließung neuer Wohnräume am Rande von Städten. Welche Folgen das hat, erklärt Renard Teipelke. Informelle Siedlungen bilden ihre eigenen Strukturen, doch das ist nicht immer zum Vorteil der Anwohner, berichtet Charlotte Ndakorerwa. Innovative Lösungen zur Verbesserung der Grund­ lebensbedingungen stecken häufig noch in den Kinderschuhen. Eigeninitiative in Slums und das Einfordern von Mitsprache­ recht für alle Stadtbewohner sind auch das Thema unseres ­ersten Interviews. Wir sprachen mit S'bu Zikode, dem Gründer und ehemaligen Präsidenten der südafrikanischen Organisation Abahlali, deren Eintreten für die Rechte der Slumbewohner in Südafrika auf Widerstände seitens der Regierung stößt. Wie die Aktivisten in Südafrika wurden auch die Demonstranten der Istanbuler Proteste um den Gezi-Park mit staatlicher Repressi­ on konfrontiert. ­Sibel Atasayi berichtet von der Stimmung, die nach den Gezi-­Protesten in der Türkei herrscht und was von der neu geformten Protestbewegung übrigbleibt.

Da Gezi nicht der einzige urbane Brennpunkt für politische Kon­ flikte ist, betrachtet Silvia Danielak das Phänomen städtischer Konflikte weltweit. Manchmal lassen sich über Mediation und Dialoginitiativen Lösungen für lokale Konflikte finden, wie an einem Beispiel in Berlin gezeigt wird. Schwieriger wird es, wenn sich ideologische Konflikte auf städtischer Ebene manifestieren. Wenn urbane Konflikte scheinbar nicht zu bewältigen sind, ist der Bau einer Mauer der radikalste Ansatz. Der Fotograf Kai ­Wiedenhöfer hat Mauern weltweit fotografiert und stellt seine Werke derzeit auf der Berliner Mauer aus. Susanne Skoruppa und Stephanie von Hayek sprachen mit ihm über die Motivation hinter dem Bau von Mauern und die Narben, die sie langfristig in der Gesellschaft und der urbanen Landschaft hinterlassen. Bastian Richter nimmt uns mit auf eine Fahrt durch Mogadischu, eine Stadt, die lange den unrühmlichen Titel der „gefährlichsten Hauptstadt der Welt“ trug und in der nun eine optimistische Wiederaufbaustimmung herrscht. Auch Bamyian, die afghanische Stadt, in der Matthias Beckh arbeitet, sieht in der Postkonflikt­ phase neuen Herausforderungen entgegen. Die kleine histo­ rische Stadt ist Teil einer einzigartigen Kulturlandschaft, die es nun wirtschaftlich zu nutzen gilt. Doch die Darstellung von kulturellem Erbe im Stadtraum ist nie neutral, sondern oft ideologisch gefärbt. Wie Matthias Kauf­ mann im Fall von Peking feststellt, unterliegen Hauptstädte oft der Selbstinszenierung eines ganzen Landes. Auf geht es also zu einer Städtereise, in der unsere Autorinnen und Autoren die vielen und ganz besonderen Seiten mensch­ licher Siedlungen aufdecken.

Hanna Baumann (Jg. 2011/12), Chefredakteurin

Über Leserbriefe freut sich die Redaktion: redaktion@adhoc-international.org, e­benso wie über ­Besuche und einen regen Austausch auf ­www.facebook.com/adhocinternational.

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Urbane Herausforderungen

Urbanisierung weltweit: Von Megastädten und Hüttenmetropolen von Gabriela Blatter und Liana Fix 2030 werden 60 % der Weltbevölkerung in Städten leben. Urbani­ sierung ist einer der Megatrends unserer Zeit. Aber wie sieht Urbanisierung in verschiedenen Weltregionen und in verschiedenen sozialen Kontexten eigentlich aus? Was verbindet Städte wie Mexiko-Stadt, Jakarta, Moskau und El Fasher in Nord Darfur? Kollegiatinnen und Kollegiaten illustrieren am Beispiel „ihrer“ Städte die größten Herausforderungen der Urbanisierung. Sebastian Haug lebt in Mexiko-Stadt und arbeitet für die ­Vereinten Nationen. Er fährt mit dem Fahrrad zur Arbeit – das wäre vor zwanzig Jahren noch undenkbar gewesen. MexikoStadt galt als eine der schmutzigsten Megastädte der Welt. Das hat sich geändert: Das U-Bahn-System wurde ausgebaut und ein Fahrradleihsystem eingerichtet. Sonntags wird sogar eine der Hauptverkehrsadern der Stadt, der Paseo de la Reforma, für Autos gesperrt. Mexiko-Stadt ist für Sebastian eine Erholung, nachdem er zuvor in Peking gelebt und erfahren hat, wie es sich anfühlt, nicht frei atmen zu können.

Können Städtebauer den perfekten sozialen Raum kreieren? Januar 2013. In Peking muss der Luftverschmutzungsindex,­ der den Feinstaubgehalt der Luft misst, erweitert werden. Während die bisherige Skala nur bis 500 reicht, misst die USBotschaft einen Wert von knapp 900. Sebastian sieht die G ­ ründe für die extremen Werte in einem Zusammenspiel der zuneh­ menden Motorisierung, der schlechten Qualität des Benzins und nicht zuletzt Pekings Industrieanlagen. Trotzdem gibt es im grauen Wust der chinesischen Hauptstadt Beispiele für faszi­ nierendes urbanes Leben. Abends versammeln sich an Straßen­ ecken und Plätzen kleine Gruppen, die zu Kofferradiomusik Choreographien tanzen. Sie erobern sich damit den öffent­lichen Raum zurück in einer Stadt, die in vielerlei Hinsicht die Attrakti­ vität des urbanen Lebens in Frage stellt. Das wirft eine interessante Frage auf: Wie viel soll, muss und darf eigentlich geplant werden in einer Stadt? Können Städte­ bauer den perfekten sozialen Raum kreieren? Zumindest in der Sowjetunion war man davon überzeugt. Moskaus berühmter Gorki Park ist so ein Beispiel. Liana Fix wohnt nur einen Steinwurf entfernt. Im „Generalplan zur Um­ gestaltung Moskaus“ von 1935 war die Anlage des „Zentralen Gorki-Kultur- und Erholungsparkes“ eines der Hauptprojekte neben dem Bau der Metro. Der „neue Mensch“ sollte sich darin nicht nur erholen, sondern auch amüsieren, geistig weiterbilden und körperlich ertüchtigen. Vor wenigen Jahren wurde der Park modernisiert und ist nun zum neuen Zentrum des öffentlichen Lebens in Moskau geworden. Heute finden hier kostenlose Yoga- und Tanzkurse statt, es gibt bunte Sitzkissen und kostenloses W-LAN. Der Park spiegelt den Wandel der Verhältnisse in Moskau: Er zieht eine wachsende Mittelschicht an, die politisch aktiv ist und den öffentlichen Raum sucht. Klimawandel, Ressourcenknappheit und andere menschlich verursachte Herausforderungen Viele Megastädte liegen an geologisch oder klimatisch prekären Orten. Eine davon ist Jakarta, wo Marcia Schenck für die Deutsche Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit ­ ­arbeitet. Da der Meeresspiegel langsam aber stetig durch die globale Klimaerwärmung steigt, wird die Stadt von immer

f U-Bahn-Station in Peking


Urbane Herausforderungen

i Slums in Jakarta

schlimmeren Überschwemmungen heim­gesucht. Studien zufolge wird die Stadt weiter sinken und in ihrer jetzigen Form nicht mehr funktionsfähig sein. Hinzu kommt die soziale Kluft inner­ halb der Stadtbevölkerung. Die Armen sind gezwungen, sich in den Schwemmgebieten ­anzusiedeln, aber die einfachen Bambus­ häuser fallen auf dem weichen Sand immer wieder in sich zu­ sammen. Tausende M ­ enschen verlieren dadurch ihr Hab und Gut. Dass Jakarta nicht funktionsfähig erscheint, bedeutet nicht, dass die Informalität keine Chancen für Planbarkeit bietet. Für die Asiatische Entwicklungsbank, wo Gabriela Blatter arbeitet, ist städtische Entwicklung mittlerweile ein wichtiger Bestand­ teil der Entwicklungszusammenarbeit. Dabei wird partizipativen Ansätzen ein großer Stellenwert eingeräumt: Stadtentwicklung muss die sozialen und politischen Aspekte der Selbstorganisation berücksichtigen, insbesondere bei Themen mit großer sozialer Sprengkraft, zum Beispiel bei Umsiedlungsprojekten. Zu häufig haben in der Vergangenheit Großprojekte wie der Bau der Metro in Neu Delhi schwere soziale und ökologische Probleme verursacht. Deshalb gibt es mittlerweile eine ganze Reihe von Sicherheitsrichtlinien. Das streng durchgeführte Monitoring der Entwicklungsbanken soll für eine faire und nachhaltige Kompensation der betroffenen Bevölkerung sorgen. Gute Umsiedlungsprogramme arbeiten nicht nur mit kurz­ fristigen Kompensationszahlungen, sondern mit langfristigen „Alternative Livelihood Programs“, zum Beispiel Berufs­ bildungskursen.

o Straßenverkehr in Jakarta

Ganz andere Erscheinungsformen hat Urbanisierung in Konflikt­ regionen. Julia Ismar arbeitet für das Umweltprogramm der Vereinten Nationen im Sudan. Rohstoffnutzung und Ressourcen­ planung sind für sie die größten Herausforderungen für die wachsenden urbanen Zentren in Darfur. Der Konflikt hat das Leben auf dem Land unsicher gemacht, weshalb immer mehr Menschen in die informellen Flüchtlingslager am Stadtrand ziehen. Die Nachfrage nach Baumaterial, vor allem Ziegeln, hat sich erhöht, sodass die Wälder um die Stadt gerodet und ­wertvolle Wasserressourcen zur Herstellung verbraucht werden. Die Wege, die die Bevölkerung zurücklegen muss, um Wasser und Brennholz zu besorgen, werden immer länger und gefähr­ licher. Die soziale Struktur des Dorfes ist in den Städten zer­ brochen, doch eine neue urbane Kultur hat sich nicht entwickelt. Zu groß ist das durch den Konflikt geschürte gegenseitige Misstrauen. Der Wunsch nach Rückkehr ist trotz der unsicheren Lage stark. Die Stadt als Durchgangsstation oder wie der USamerikanische Soziologe Mike Davis es nannte: Urbanisierung ohne Urbanität. Ist Urbanisierung unser Verderb oder eine Chance für eine nachhaltige gesellschaftliche Zukunft? Ist die Stadt Teil der ­Lösung oder Teil des Problems? In einem Punkt sind sich alle Kollegiaten einig: Urbanisierung muss gestaltet werden. Denn wenn zukünftig ein Großteil der Menschen in Städten leben wird, sind dies die Orte, an denen über alle anderen gesell­ schaftlichen Zukunftsfragen wie Bildung, Gesundheit und Umweltschutz entschieden wird. Städte sind unumkehrbar die Grundlage unseres zukünftigen Zusammenlebens.

Gabriela Blatter, Jg. 1984, studierte Chemie an der ETH Zürich und der

Liana Fix, Jg. 1987, studierte Theory and History of International Relations

Ecole Normale Supérieure in Paris. Nach Abschluss ihres Studiums

an der London School of Economics and Political Science und Geschichte

­arbeitete sie als Projektleiterin im Büro für Internationale Angelegenheiten

und Medienwissenschaft an der Ruhr-Universität Bochum. Zuvor arbeitete

der ETH Zürich und war unter anderem für die Länder Indien und

sie als Program Officer im Bereich Internationale Politik der Körber-­

­Äthiopien sowie die Themenbereiche urbane Entwicklung und Nachhaltig­

Stiftung in Berlin sowie im Russia and Eurasia Programme bei Chatham

keit zuständig. Im Rahmen des Mercator Kollegs (2012/13) beschäftigte

House. Während ihres Kollegjahres (2012/13) beschäftigte sie sich mit

sie sich mit den Anpassungen von urbanen Zonen an den Klimawandel

europäischer und transatlantischer Russlandpolitik und absolvierte S­ tationen

in Asien. (blatter.gabriela@gmail.com)

beim Auswärtigen Amt in Berlin, bei der Delegation der Europäischen ­Union in Georgien und beim Carnegie Moscow Centre.

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Aktuelle Kollegiaten

Zwischen Stadt und Land: Herausforderungen des peri-urbanen Wachstums von Renard Teipelke Stadtentwicklung am Rand von Metropolregionen führt zu­ nehmend zu Konflikten: Exklusive Immobilienprojekte verdrän­ gen zunehmend günstige Wohnungen. Es war Anfang des Jahres, als ich den unbefestigten Weg nach Witeithie hinaufging. Landwirtschaftliche Nutzflächen grenzen in dieser Siedlung direkt an neu gebaute Wohnhäuser. Man findet ein paar Läden und Essensstände an der örtlichen Kleinbushalte­ stelle. Es herrscht ein ständiges Kommen und Gehen. Die Dyna­ mik der im Wachstum und Wandel begriffenen Ortschaft in der Metropolregion Nairobi in Kenia ist deutlich spürbar. Doch ist Witeithie bereits urban oder immer noch ländlich? Die typi­ sche dichotome Sichtweise Stadt–Land ist hier wenig hilfreich. Witeithie kann am besten als peri-urban beschrieben werden. Es ist ein Ort des Zusammentreffens von ländlichen Lebens­ gewohnheiten, partieller Subsistenzlandwirtschaft, einigen urbanen Dienstleistungen und enger funktionaler Verzahnung mit der nahegelegenen Großstadt. Seine Bewohner sind durch durch Ver­ wandte in Nairobi oder das tägliche Pendeln zur Arbeit trotz der Entfernung eng mit der Großstadt verbunden. Ein weltweites Phänomen Kenias urbane Gebiete sind kein Sonderfall. Ob Lima in Peru oder Ghaziabad in Indien – Metropolregionen überall im Glo­ balen Süden erleben eine Peri-Urbanisierung. Ungebremstes ­Bevölkerungswachstum in urbanen Gebieten führt zu starker räumlicher Expansion der Städte. Die lange vernachlässigten peri-urbanen Gebiete rücken nur langsam in den Fokus der Stadtplanung. Diese Gebiete bringen das ganze Ausmaß rapider ungeplanter Urbanisierung zum Ausdruck. Beispiel Kairo: Auf Grund der hohen Nachfrage nach Wohnraum in der Innen­ stadt werden die Mieten für viele Bewohner unerschwinglich. Tausende Land-Stadt-Migranten nutzen oftmals gezwungener­ maßen den günstigeren Wohnraum am Stadtrand, um sich ein

Dach über dem Kopf zu sichern. Dafür nehmen sie die schlechte Infrastruktur in Kauf, wie zum Beispiel ungenügende Verkehrs­ anbindungen, ungenügende öffentliche Strom- und Wasserver­ sorgung oder einen schlechteren Zugang zu sozialen Diensten und Arbeitsplätzen. Wer die Ursprünge der Proteste in Ägypten – sowohl 2011 als auch in diesem Jahr – nachvollziehen möchte, muss sich die städtischen Randgebiete anschauen: Die räumlich mani­festierte, sozio-ökonomische Benachteiligung großer Teile der Bevölkerung war eine der Triebkräfte für die Demonstrationen. Die schwierige Lebenssituation ärmerer Bewohner am Stadt­ rand wird seit einigen Jahren durch einen signifikanten Interessen­ konflikt verschärft. Die aufstrebende Mittelschicht möchte den schmutzigen, engen, überteuerten Innenstädten entfliehen. Dank zunehmend besser ausgebauter Straßen rücken die Vororte in angenehme Pendlernähe. In der Folge sieht man die rapide, ungeordnete und oftmals spekulative Umwandlung von Freiflächen in Bauland. Durch die Investitionen steigen die Mietpreise und sozio-ökonomisch schwächere Gruppen werden weiter ins Hinter­ land oder in die städtischen Slums v­ erdrängt. Vergleicht man Fotos von Immobilienprojekten am Stadtrand von Accra mit jenen von Nairobi, Johannesburg oder anderer Großstädte von Lateinamerika bis Südostasien, fällt eine Gemeinsamkeit ins Auge: Beinahe überall findet man „Gated Communities“ nach US-amerikani­ schem Vorbild. In diesem Verdrängungsprozess driften ärmere und reichere Bewohner räumlich und sozial immer weiter ausein­ ander. Es erhöht sich zwar beispielsweise das Angebot an medi­ zinischer Versorgung und Bildungseinrichtungen in vormals unterversorgten Stadtrandgebieten, doch leisten kann sich diese privaten Dienstleistungen nur die kaufkräftige Mittel­schicht. Herausforderungen für Staat und Umwelt Die Herausforderungen für die betroffenen Verwaltungen sind vielfältig und gehen über Stadtentwicklungs- und sozialpolitische Probleme hinaus. In der Kairoer Metropolregion beispielsweise versuchen drei aneinander grenzende Regionalverwaltungen die Megastadt mit ihren circa 18 Millionen Einwohnern zu ­managen. In dieser wenig effektiven Verwaltungsstruktur sind überregionale Herausforderungen nur schwierig zu koordinieren. Dabei wäre gerade hier die Umsetzung einer nationalen Urbani­­sierungsstrategie gefragt. Durch die Verstädterung ­gehen ­wertvolle landwirtschaftliche Nutzflächen verloren. Der in den ­Satel­­liten­städten notwendige Autobesitz und die geringe Besied­ lungsdichte haben zusätzlich negative Aus­wirkungen auf die Umwelt. Kairo läuft Gefahr, über die Limits seines Ökosystems hinaus natürliche Ressourcen zu verbrauchen. Die langfristigen Folgen für Mensch und Umwelt treten dabei besonders gravierend f Peri-urbane Siedlung Witeithie.


Aktuelle Kollegiaten

im peri-urbanen Raum auf. Mittelfristig treffen sie vor allem jene Bevölkerungsschichten, die nicht die finanziellen Mittel für eine individuelle Infrastrukturver­sor­g ung aufbringen können und auf den Staat angewiesen sind. Auf Ebene der Entwicklungszusammenarbeit sind hier Organi­ sationen wie UNDP, UN-Habitat oder die GIZ gefordert, in ihren Tätigkeiten die Bedeutung städtischer Randzonen expliziter zu reflektieren und ihre Programme stärker den ­Bedürfnissen der lokalen Verwaltungen und der städtischen ­Bevölkerung anzu­passen. Wie in Nairobi fehlen auch anderen Metropol­ regionen häufig die Ressourcen, um das Wachstum in hunderten Quadratkilometer großen peri-urbanen Gebieten zu verwalten. Ausgewählte Infrastrukturprojekte wie Zugangsstraßen, öffent­ liche Marktplätze oder Hauptanschlussstellen für Wasser und Strom an bestimmten Punkten (sogenannte „growth nodes“) haben sich als effektiv erwiesen, um das ansonsten un­geordnete Wachs­ tum strategisch zu lenken. Ortschaften wie W ­ iteithie in ­Kenia sind hier in einer relativ günstigen Ausgangs­situation. Durch die schrittweise Umsetzung der neuen kenianischen V ­ erfassung wurde ein regionales County-System geschaffen, in welchem Nairobis peri-urbaner Norden nun von einer einzigen Verwaltungseinheit

in wichtigen Bereichen wie Infrastrukturversorgung und Raum­ planung ganzheitlich entwickelt werden kann. Trotz dieser ersten positiven Schritte bleibt die Aufgabe, den vielfältigen Herausfor­ derungen rapiden Wachstums am städtischen Rand proaktiv zu begegnen, damit sich die in Innenstädten typischen Probleme im peri-urbanen Raum nicht wiederholen.

Renard Teipelke, Jg. 1987, studierte in Berlin, San Diego und Frankfurt am Main. Als Stadt- und Wirtschaftsgeograf beschäftigt er sich im Mercator ­Kolleg 2013/14 mit Urbanisierungsherausforderungen in peri-urbanen ­Räumen wachsender Metropolregionen im Globalen Süden. Nach seinen bisherigen lokalen und internationalen Praxiserfahrungen im Bereich ­Stadtentwicklung, zuletzt in Nairobi, führen ihn nun seine kommenden ­Arbeitsstationen zur Asiatischen Entwicklungsbank in Manila, UN-Habitat in Kairo und GIZ in Eschborn. (renard.teipelke@mercator-fellows.org)

Kampf um Wasser in Kibera: Informelle Wasserversorgung in einem Slum von Nairobi von Charlotte Ndakorerwa In Kibera, Kenias größtem Slum, hapert es unter anderem an der Wasserversorgung. In die Trinkwasserversorgung sind ­verschiedenste Akteure eingebunden, von NGOs über legale Wasserhändler bis hin zu kriminellen Gruppierungen. Die ­Bewohner leiden unter der mangelnden Ver- und Entsorgung. Der Großraum Nairobi hat heute eine Bevölkerung von circa 3,9 Millionen Einwohnern. Diese Zahl wird sich in den nächsten 15 Jahren auf Grund der hohen Geburtenrate und der Land­ flucht verdoppeln. Dies führt zu einer Reihe von Problemen, insbesondere im Bereich Wohnraum, Infrastruktur, Verkehr sowie Versorgung. Einwohner aus ländlichen Gegenden Kenias zieht es auf der Suche nach Arbeit in die Großstadt. Dort benötigen sie bezahlbaren Wohnraum, den sie häufig in einer der zahlreichen informellen Siedlungen (Slums) finden. Mittlerweile wohnt fast jeder dritte Einwohner Nairobis in einer informellen Siedlung mit Slum-Charakter. Kibera ist die größte informelle Siedlung Kenias und eine der größten Afrikas. Laut der letzten Volkszählung leben ca. 200 000 Menschen unterschiedlicher Ethnien in Kibera auf

nur vier Quadratkilometern. Neben anderen infrastrukturellen Unzulänglichkeiten ist eines der Hauptprobleme Kiberas die Wasser- und Sanitärversorgung. Der städtische Wasserversorger schätzt, dass nur etwa 22 % der Slumbewohner in Nairobi über eine hauseigene Wasserleitung verfügen und Zugang zu sauberem Trinkwasser haben. Die große Mehrheit kauft ihr Wasser an sogenannten Wasser­ kiosken. Einige der Kioske werden legal betrieben. Sie sind bei der Stadt registriert, erhalten Wasser aus städtischen Leitungen und verfügen zur Berechnung ihres Verbrauchs über einen Zähler. Die meisten Wasserkioske in Nairobis Slums sind jedoch illegal. Sie zweigen Wasser mit Plastikschläuchen von städtischen Leitun­ gen ab. Die Schläuche sind oft undicht und werden mangelhaft geflickt, wodurch leicht Schmutz ins Wasser gerät. Zudem wird das Wasser überteuert verkauft. Der Preis richtet sich nach der Verfügbarkeit, denn Kibera erhält nur zwei bis drei Mal in der Woche Wasser. Durch die illegalen Abzweigungen und unregel­ mäßige Zahlung der Wasserrechnungen ist Kibera für den städ­ tischen Versorger ein Verlustgeschäft und bekommt in Folge sprichwörtlich den Hahn zugedreht. p

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Aktuelle Kollegiaten

An wasserknappen Tagen verzichten viele Familien in Kibera auf das Wäschewaschen oder Putzen, damit genügend Wasser zum Trinken und Kochen bleibt. Auch die Abwasserent­sorgung ist ein ernstes Problem. Die Nutzung von öffentlichen Toiletten kostet 5 Kenianische Schilling (etwa 5 Euro Cent). Wegen des relativ hohen Preises greifen viele auf fliegende Toiletten zurück, wobei eine Plastiktüte als Toilette verwendet und anschließend auf der Straße entsorgt wird. Frauen nutzen diese Methode oft, da es nachts gefährlich ist, zu den meist weit entfernten öffentli­ chen Toiletten zu gehen. Auch Kinder sind von der schlechten Sanitär­versorgung betroffen: Sie spielen im Freien inmitten von Müll und fliegende Toiletten. Die mangelnde Hygiene löst häufig Erkrankungen wie Durchfall, Atemwegsinfektionen und andere übertragbare Krankheiten aus. Die labile Gesundheit der Einwohner Kiberas führt zu einer hohen Kindersterblichkeit, be­ einträchtigt den regelmäßigen Schul­besuch und führt zu krank­ heitsbedingten Arbeitsausfällen bei Berufstätigen. Kriminelle Strukturen im Wassermanagement NGOs versuchen durch den Bau von Wasserkiosken und sani­ tären Anlagen, die von Frauengruppen und anderen „Community Based Organisations“ (CBOs) verwaltet werden, die Lebens­ bedingungen zu verbessern. Doch selbst wenn ihnen Fortschritte ­gelingen, stoßen sie bei ihrer Arbeit auf Herausforderungen. Sie bekommen es mit mafiaähnlichen Gruppen zu tun, die den Zugang zu Wasser und dessen Preis kontrollieren. Die Mungiki zum Beispiel sind eine Jugendgang der ethnischen Gruppe der Kikuyu. Sie stehen einflussreichen Politikern ihrer Volksgruppe nahe, bilden Wasserkartelle und dominieren auch die Sicherheits­ lage in Kibera. Mehrere Wasserkioske, die teilweise von NGOs und internationalen Geldgebern gefördert werden, sind unter der Kontrolle der Mungiki, die sich vereinzelt auch als CBO tarnen. d Abwassergraben in Kibera mit offenem Abwässer und fl­ ying toilets a legaler Wasserkiosk in Kibera

Eine Frauenorganisation in Kibera, die einen legalen Wasserkiosk betreibt, bekam den Einfluss der Wassermafia hautnah zu spüren. Als sie die Zusage für die finanzielle Förderung des Wasser­ kiosks von einer nationalen NGO erhielten und mit dem Bau des Kiosks anfingen, verlangten die Mungiki ein Schutzgeld von umgerechnet etwa 500 Euro. Da die Frauen dieses Geld nicht so­ fort aufbringen konnten, wurden sie belästigt. Sie wandten sich an die Polizei und an lokale Behörden, aber niemand half ihnen. Die Belästigungen hörten erst auf, als sie das Schutzgeld schließ­ lich zahlten. Der Einfluss und die Vernetzung der Gangs ist groß und es scheint, dass diese Aktivitäten in der Bevölkerung oft gezwungenermaßen akzeptiert werden. Heute helfen ein paar der Mungiki sogar manchmal in dem von der Frauenorganisation geführten Wasserkiosk. Kreative Lösungen Seit langem wird über die Einführung einer öffentlichen Wasserverund Abwasserentsorgung diskutiert. Dies stellt die Verwaltung aber vor große Herausforderungen. Die kenianische Regierung toleriert den Slum, sieht die Einwohner von Kibera jedoch als illegale Siedler. Nicht vorhandene Landtitel machen den Bau von Infrastruktur kompliziert und für private Investoren sind die Slums finanziell wenig attraktiv. Trotz der Schwierigkeiten der informellen Wasserversorgung sind es Wasserkioske, die Menschen in Slums den Zugang zu Wasser oft überhaupt erst ermöglichen. Langfristig können sie das Recht auf Wasser für jeden Slumbewohner aber nicht befriedigend umsetzen. Um eine nachhaltige Lösung zu finden, die ausreichende Hygiene und eine gerechte Verteilung sicherstellt, ist eine öffentliche Ver­ sorgung in Slums notwendig – möglichst durch Hausanschlüsse. Der Weg führt sicherlich zunächst über Zwischenlösungen wie legale Wasserkioske, gemeinschaftliche Sanitär­anlagen und andere kreative Lösungen wie zum Beispiel biologisch abbaubare EinwegToilettenbehältnisse, die Krankheitserreger abtöten können wie das in Schweden entwickelte „PeePoo“. Neben dem Engagement aller Akteure und innovativer Finanzierungsformen für eine ­solche Lösung müssen aber noch viele Probleme angegangen ­werden, unter anderem die Überwindung von mafiösen Strukturen.

Charlotte Ndakorerwa, Jg.1988, studierte Jura und Internationale Beziehungen in Straßburg, London, Berlin und Potsdam. Sie sammelte erste Berufs­ erfahrung u. a. bei UNICEF Sambia, der Association for Civil Rights in Israel und dem Sonderforschungsbereich 700 „Governance in Räumen begrenzter Staatlichkeit“. Als aktuelle Kollegiatin ( Jg. 2013/14) beschäftigt sie sich mit Lösungsansätzen für eine effektive Wasser- und Sanitärversorgung in den Slums von Sub-Sahara Afrika. Ihre erste Stage verbringt sie beim Water und Sanitation Program der Weltbank in Nairobi, Kenia. (charlotte.ndakorerwa@mercator-fellows.org)


Interview

„Redet mit uns, nicht über uns“ – Südafrikanische Slumbewohner treten für ihre Rechte ein Interview mit S'bu Zikode, Gründer von Abahlali baseMjondolo Obwohl die südafrikanische Verfassung das Recht auf ange­ messene Behausung garantiert und Bürger vor ungesetzlichen Zwangsräumungen schützt, sind diese fortschrittlichen Ideale weit von der Realität entfernt. Abahlali baseMjondolo ist eine Bewegung, die seit Jahren für die Rechte von Slumbewohnern in Südafrika eintritt – oft mit Erfolg und noch öfter mit Rück­ schlägen. Jüngst, im September 2013, wurden dutzende Anwohner der informellen Siedlung Cato Crest in Durban aus ihren Hütten vertrieben, obwohl ein Gericht Zwangsräumungen zuvor unter­ sagt hatte. Als hunderte Slumbewohner demonstrierten, schoss die Polizei in die Menge. Dabei kam eine 17-jährige Schülerin um. Nur einige Monate zuvor waren zwei bedeutenden Akti­ visten, die die Rechte der Anwohner vertraten, erschossen wor­ den. S'bu Zikode, ehemaliger Präsident von Abahlali, erhielt selbst schon mehrmals Morddrohungen. Im Oktober ­forderten bedeutende Akademiker wie Judith Butler, Noam Chomsky und Slavoj Žižek den südafrikanischen Präsidenten J­ acob Zuma auf, Einschüchterungsversuche und gewalttätige Übergriffe auf Aktivisten sofort einzustellen, denn Basisbewegungen wie Abahlali werden vielerorts als treibende Kraft im weltweiten Kampf um das „Recht auf die Stadt“ gesehen. Silvia Danielak und Hanna Baumann interviewten S'bu Zikode. ad hoc: Herr Zikode, warum haben Sie Abahlali baseMjondolo gegründet? Wen repräsentieren Sie? S'bu Zikode: Die Abahlali baseMjondolo Bewegung Südafrika ist eine Basisorganisation, eine demokratische, soziale ­Bewegung der Slumbewohner („shack dwellers“) und Armen ­Südafrikas. Abahlali baseMjondolo ist Zulu und bedeutet „Slumbewohner“. Wir haben uns 2005 gegründet, angetrieben von Wut, Hunger und Frustration. Unsere Bewegung sollte die Interessen und die Würde der Slumbewohner und der Armen in Südafrika be­ schützen, weiterverbreiten und, wenn nötig, für sie kämpfen. Wir fordern das Recht auf Land und fairen Wohnraum in ­unseren Städten; und wir setzen uns dafür ein, dass jeder Mensch gleich­ wertig und mit Respekt und Würde behandelt wird.

ad hoc: Wie ist Abahlali organisiert? S'bu Zikode: Abahlali wird in den Siedlungen komplett von Freiwilligen geleitet. An unserem Hauptsitz arbeiten wir nur zu dritt. Wir glauben, dass unser Kampf nicht im Büro, sondern in den Gemeinden ausgetragen wird. Weil wir basisdemokratisch or­ ganisiert sind, wählen wir unsere Vorsitzenden in den einzelnen Siedlungen. Als mitgliederzentrierte Organisation wird jede Siedlung ein Zweig von Abahlali, sobald sie mindestens 50 ­zahlende Mit­glieder hat. ad hoc: Wie hat sich Abahlali über die Jahre entwickelt? S'bu Zikode: Zu Beginn forderte Abahlali Wohnraum in unseren Städten. Aber bald realisierten wir, dass unsere Würde kompro­ mittiert wird. Die Stadtverwaltung fragte uns, wer zum Teufel wir glaubten zu sein. In dem Augen­blick verstanden wir, dass wir in unserer Gesellschaft nicht ­zählen. So begannen wir unseren Kampf über Land und Wohnraum hinaus, für Arbeitsplätze, Bildung, Gesundheit und Würde. Wir sind der Meinung, dass der soziale Wert des Bodens über seinem kommerziellen Wert stehen sollte. ad hoc: Was konnte die Bewegung bisher erreichen? S'bu Zikode: Unsere Erfolge belaufen sich auf Veränderungen in lokaler und nationaler Politik. Wir haben viele Siege vor ­Gericht erzielt und konnten so von Zwangsräumung bedrohten Familien helfen, ihre Unterkünfte zu behalten. Wir haben auch gegen den berüchtigten „Slums Act“ am Verfassungsgericht, dem höchsten Gerichtshof in unserem Land gewonnen [2009 ­wurde dieser als nicht verfassungsmäßig erklärt, da er Massenräum­ ungen ohne das Angebot alternativer Behausungen erlaubte – Anm. d. Red.]. Dieses Gesetz zielte darauf ab, Grundbesitz­ losigkeit und Armut zu kriminalisieren. Wir haben die Nichtorganisierten organisiert und unsere eigene Kraft von unten aufgebaut. Wir haben unsere Slumsiedlungen demokratisiert. Wir unterhalten Kinderkrippen, öffentliche Gärten und HIV/Aids-Kliniken – all das ohne staatliche Kon­ trolle und Unterstützung. p

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Interview

ad hoc: Als Aktivist haben Sie von Anfang an ernstzunehmende heftige Bedrohungen erfahren. Gab es ein Schlüsselerlebnis, das Sie in Ihrem Glauben bestärkte, dass solche Schikanen es wert sind? S'bu Zikode: Als ich 2006 in einer Gefängniszelle saß, hatte ich Tag und Nacht Zeit über meine Arbeit nachzudenken. Ich musste mich entscheiden, ob ich sie weiterführen oder aufgeben will. Bevor ich mich jedoch entschließen konnte, kam der ­Gerichtstermin. Auf dem Weg zum Gerichtssaal sah ich die tau­ senden roten T-Shirts der Abahlali Mitglieder. In dem Moment entschied ich, dass es die Sache wert ist. Die Unterstützung, die Hoffnung und das Vertrauen meiner Genossen waren einer der großen Lernmomente. Ich verstand, wie wichtig mein Beitrag im Kampf der Bewegung der Slumbewohner war. Heute glauben wir, dass wir auf Grund unserer Größe und gelebten Politik eine große Bedrohung für die Behörden geworden sind. Unsere erfolg­ reiche Selbstorganisation außerhalb staatlicher Kontrolle stellt alle Top-Politiker in Frage. ad hoc: Die Organisation nennt sich selbst „größte Organisation der militanten Armen im post-Apartheid Südafrika“. Was ist Ihr Standpunkt zu gewaltfreiem Widerstand? S'bu Zikode: Abahlali ist eine Bewegung, die auf den Grund­ sätzen der Humanität beruht. Alle unsere Aktionen verlaufen friedlich und im Rahmen der Gesetze der Republik Südafrika. Unsere radikale Position gefährdet dies nicht. Wir treten für eine Politik geprägt von Wahrheit und Prinzipien ein, die sich in der gelebten Politik unserer Bewegung widerspiegelt. Wir sind keine Wohltätigkeitsorganisation. ad hoc: Die Situation in Südafrika wird oft als eine neue Form der Apartheid beschrieben. Was ist heute anders und was ist gleich geblieben? S'bu Zikode: Die Veränderung, die wir gesehen haben, ist, dass das weiße Gesicht der Unterdrückung durch das schwarze Ge­ sicht der Unterdrückung ersetzt wurde. Die größtenteils schwarze Mehrheit der Bevölkerung wird weiterhin aus raumplanerischen Entscheidungsprozessen ausgeschlossen. Die Regierung stellt uns Häuser, was gut ist. Doch sie sind standardmäßig klein und minderwertig und werden weit weg von Städten und Wirt­ schaftszentren nach einer „one size fits all“-Lösung gebaut. Die Würde der Familien wird kompromittiert. Auch die FIFA-Weltmeisterschaft hat Abahlali und den Armen nichts gebracht. Slumbewohner und die Armen wurden bestohlen und im Namen der „Entwicklung“ zwangsumgesiedelt. Die Weltmeisterschaft hat die Armen ärmer und die Reichen reicher gemacht.

o Ein Slumbewohner der Foreman Road Siedlung in Durban auf dem Weg zur Arbeit a Mädchen zwischen Hütten in einem Slum in Durban

ad hoc: Wo sehen Sie Herausforderungen und Chancen für das informelle Management von Slums? S'bu Zikode: Es gibt in Südafrika Slumlords im kleinen Maß­ stab, aber keine mafiösen Strukturen in den Slums. Wir haben die Möglichkeit, eine fürsorgliche Gesellschaft, wie wir sie alle haben wollen, aufzubauen. Es herrscht ein Gefühl von Kollektivis­ mus und Offenheit in unserem Alltag, ein Ethos der Selbsthilfe. So entwickeln wir unsere Fähigkeiten weiter und so entstehen neue Geschäftsideen. ad hoc: Was halten Sie von dem vielbenutzen Begriff „Slum-­ Upgrading“? Das sogenannte „upgrading“ findet bisher ohne Beteiligung der Slumbewohner statt. Die „Verbesserungen“ schließen also genau diejenigen aus, ­denen sie nutzen sollen. Sie haben nicht dabei geholfen, Arbeits­losigkeit zu bekämpfen. Sie haben nicht zum Aufbau von Fähig­keiten, die auf dem Arbeitsmarkt helfen könnten, geführt. Stattdessen haben sie ein paar Einzelpersonen im Namen von „Black Economic Empowerment“ [ein Regie­ rungsprogramm, das die wirtschaftlichen Ungleichheiten der Apartheit beseitigen sollte – Anm. d. Red] stinkend reich gemacht. Indem wir fordern „Redet mit uns, nicht über uns“, wollen wir diesen Individualismus zum Kollektivismus wenden. Wir fordern eine Kultur der öffentlichen, partizipativen Entscheidungs­ prozesse. Jede Demokratie braucht aktive Teilhabe der Bürger.


Stadtentwicklung: Zündstoff für Proteste

#DirenGeziParki: Eine Stadt im Widerstand von Sibel Atasayi Am 28. Mai protestierten friedliche Bürgerinnen und Bürger gegen die geplante Fällung von fünf Bäumen im Gezi-Park in Istanbul. Das massive Einschreiten staatlicher Sicherheitskräfte entfachte eine Protestwelle, die innerhalb eines Tages mit bis zu zwei Millionen Kurznachrichten unter dem Hashtag #DirenGezi­ Parki, „Leiste Widerstand Gezi-Park!“ für Aufsehen sorgte. Bis heute hält diese Protestbewegung an und weitet sich stetig thema­ tisch aus. Die Umgestaltung Istanbuls unter der derzeitigen AKPRegierung geschieht alles andere als spannungsfrei. Der strenge, zielorientierte und doch leere Blick ist auf das ­Atatürk Transparent auf dem Atatürk Kültür Merkezi gerichtet. Hände in der Hosentasche, ein lässiges weißes Hemd und ein Schulrucksack. Der Blick weicht nicht ab und es scheint, als wäre der Mann in einem Trancezustand. Immer mehr neugierige ­Passanten gesellen sich schweigend dazu. Binnen weniger Stunden sind es Hunderte. #DuranAdam, der stehende Mann, versinn­ bild­lichte die kollektive Stimmung der Unterstützer des GeziProtestes. Er stellte eine Wende in der Protestkultur um Gezi dar. Während anfänglich Parolen, Graffiti und satirische Comic­ figuren dem Protest Ausdruck verliehen, leitete #DuranAdam eine gewisse Resignation ein. Nach unverhältnis­mäßiger Polizei­ gewalt, juristischer Willkür, hetzerischer Rhetorik, Cyber-Terror und blacklisting von sozialen Medien sowie dem Tod von sieben friedlichen Demonstranten herrschte innerhalb der Bevölke­ rung eine Lähmung, die ihren symbolische Ausdruck in dem passiven Widerstand von #DuranAdam fand. Die zivile Pro­ testwelle nahm ihren Lauf und verlagerte sich zwischenzeitlich auf Grünflächen, wo man sich landesweit zu kollektiven Dis­ kussionsrunden über bürgernahe Regierungs- und Beteili­ gungsformen und zu Solidaritätsbekundungen traf. Neue F ­ ormen der Begegnung und Partizipation entstanden.

a Proteste im Gezi Park

Was ist eigentlich geschehen in der Türkei, wo die Regierung vor knapp anderthalb Jahren mit großer Mehrheit gewählt wurde und ein Wirtschaftswunder entfesselte, in einem Land, das vielerorts als Vorbild für säkulare Demokratie im Nahen Osten galt? Die Gezi-Proteste boten nicht nur Anlass für ­aktive Protestkunst auf den Straßen, sondern auch für politisierende Zwischenrufe in Fußballstadien und Schulhöfen. #GEZI war im Alltag der Menschen angelangt. Der rapide Verlauf der ­Ereignisse, die anfänglich über soziale Medien auf breite Öffent­ lichkeit stießen, schlug sich auch im raschen Wandel der politi­ schen Rhetorik nieder. Entlang der Grenzen zwischen „Uns“ und „Euch“ wurden politische Narrative konstruiert, die ein Land, welches ohnehin geteilt ist, zum Brechen spaltete: Nach Erd­ogans Bilanz nämlich in 50 % regierungsbefürwortender Wählerinnen und Wähler und die „Anderen“. Zu diesen „Anderen“ gehörten ausschließlich Marodeure, Betrunkene, Chaoten, Plünderer und Terroristen. Investigative Journalisten, Rechts­anwälte, die frei­ willig Nachtdienste einlegten, um Demonstranten im Untersu­ chungswahn zur Seite zu stehen und Ärzte, die verletzten ­Demonstranten auf den Straßen halfen, gehörten ebenso der Kategorie der „Anderen“ an. Urbane Transformation als Brennpunkt ideologischer Konflikte Es war eine Reihe großformatiger Infrastrukturprojekte, die ­neben dem Alkohol-, Versammlungs- und Abtreibungsverbot das Fass zum Überlaufen brachte. Die städtische Umgestaltung wurde zum Merkmal der AKP-Regierung, die neben der ­Gentrifizierung von ethnisch pluralistischen Stadtgebieten wie Tarlabaşi und Sulukule eine dritte Bosporus-Brücke sowie das umstrittene Projekt „Kanal Istanbul“ plante und die Privatisie­ rung von öffentlichen Räumen und Einrichtungen in die Wege leitete, darunter auch der historische Bahnhof Haydarpaşa. Der Erfolg der AKP sollte sich in der Errichtung und Einweihung von neuen Gebäuden, Straßen und Brücken widerspiegeln. Das Feuer entbrannte schließlich an der Räumung des Gezi-Parkes, welcher der Rekonstruktion einer Kaserne aus osmanischer Zeit weichen sollte. p

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Stadtentwicklung: Zündstoff für Proteste

Die Stadt wurde in den Sog der spontanen Protestkunst g­ ezogen. Politische Unruhe, Chaos und Wiederaufbau spiegelten sich in der urbanen Landschaft wider. Der Kulturkampf zwischen den verschiedenen politischen und religiösen Lagern in der Türkei wurde auf den Kampf um das Stadtbild der Millionenmetropole verlagert. Es galt, sie muslimischer zu machen. Ankara plante auf Çamlica, einem der sichtbarsten Hügel Istanbuls, eine Riesen­ moschee im Baustil des 16. Jahrhunderts zu errichten. „Die Baubranche ist AKP-Branche“, hieß es in Kreisen der Stadt­ planer. Die Debatte in der Zivilgesellschaft über Nutzungsweisen des öffentlichen Raumes – wie zum Beispiel Grünflächen, die im Namen der urbanen Transformation zum Opfer großer In­ frastrukturprojekte wurden – zeigen, dass es um mehr als nur ein paar Bäume geht. Über drei Legislatur­perioden der AKPRegierung beobachtete diese Öffentlichkeit den Aufstieg einer neoosmanischen und neoliberalen Ästhetik. Die Privatisierung des öffentlichen Raums, die Vertreibungspolitik der Alternativen, angeführt durch kapitalgesteuerte Bau­unternehmen, die Gentri­ fizierung sowie die perfide Mischung mit kapitalistischer Moder­ nisierung nähren den Widerstandsgeist. Alternative Nutzungsweisen des öffentlichen Raumes als Widerstand gegen den Staat Die Gemeinschaft auf dem Taksim-Platz setzte starke Signale, für welche Art von öffentlichem Raum sie einstand. Eine öffent­ liche Bücherei, hippe Volksküchen in Zeltnachbarschaften sowie wilde Gärtnereien entstanden scheinbar aus dem Nichts. Die Politisierung des öffentlichen Raumes gab der Protest­bewegung ihre große Ausstrahlungskraft und ihr Mobilisierungspotential. Der Taksim glich zeitweilig einem Volksfest, zu einem anderen Zeitpunkt schien er ein Abbild des Tahrir-Platzes zu sein. Schwul, lesbisch, kurdisch, ultranationalistisch, kemalistisch, muslimisch, atheistisch, anarchistisch – alle tummeln sich in derselben Masse. Der pensionierte Großvater mit einer Türkei­ fahne, auf der Atatürks Bild platziert ist, hält die Hand eines jungen Mannes, der die kurdische Nationalflagge mit der Auf­ schrift „Freiheit für Öcalan“ trägt. Dieser Augenblick, der vor s Proteste im Gezi Park

­ enigen Monaten nicht vorstellbar, geschweige denn aussprech­ w bar gewesen wäre, brennt sich fotografisch in das kollektive ­Gedächtnis einer Generation. Gerade aus solchen Szenen, die unerwartete Fusionen verfeindeter Gruppierungen festhalten, geht die Magie und das Charisma der #DirenGeziParki Bewe­ gung hervor. Eine Atmosphäre der Freiheit, des Wandels sowie der Forderung nach Rechenschaft waltet über dem TaksimPlatz. Die Massaker in Uludere im Dezember 2011 stehen ge­ nauso auf der Tagesordnung wie das blutige Bombenattentat in Reyhanli nahe der syrischen Grenze im Mai diesen Jahres. Auch wird daran gedacht, dass die Stufen im Gezi-Park zum Armenischen Surp Agop Friedhof gehören, welcher 1930 der Istanbuler Rundfunk- und Fernsehanstalt weichen musste. Wir werden Zeugen davon, wie sich eine Zivilgesellschaft aus eigenen Kräften versucht zu demokratisieren. Mit dem Eintreten des praktizierten Nichteinverstandenseins bricht Hoffnung­ auf e­ twas Neues aus. So schrieb Nazim Hikmet, ein türkischer ­Literat im Exil: Leben Leben wie ein Baum Einzeln und frei Und Brüderlich. Wie ein Wald Das ist unsere Sehnsucht.

Sibel Atasayi, Jg. 1986, hat Politische Psychologie an der Ruprecht-­KarlsUniversität in Heidelberg und Woodrow Wilson School for International and Public Affairs in Princeton studiert. Sie ist Project Officer bei der Berghof Foundation für das „MENA Programme on Dialogue, Mediation and Peace Support Structures“. Ihre ­Expertise erstreckt sich insbesondere auf ­nationale Dialogprozesse, Beratung zu multi-stakeholder Verhandlungen und den Aufbau von friedensunterstützenden Infrastrukturen. Im Rahmen des Kollegjahres (2011/12) hat sie sich mit dem nationalen Dialog- und Versöhnungsprozess im ­Libanon beschäftigt. (s.atasayi@berghof-foundation.org)


Stadtentwicklung: Zündstoff für Proteste

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Wege aus der wütenden Stadt: Destruktive und kreative Konfliktlösung im urbanen Raum von Silvia Danielak Rund 100 000 Bürger nahmen 2011 an Protesten in Stuttgart teil, um den Neubau des Hauptbahnhofs im Rahmen des Groß­ bauprojekts „Stuttgart 21“ zu verhindern. Fast eine Million Menschen demonstrierten am 20. Juni 2013 in Brasilia und ­weiteren hundert brasilianischen Städten für faire Preise im ­öffentlichen Nahverkehr. Nahezu zeitgleich gingen Tausende Bewohner Istanbuls auf die Straße, um gegen die Bebauung des Gezi-Parks zu protestieren. Der Spiegel titelte: „Gezi ist unser Stuttgart 21.“ Was bedeuten diese Ereignisse? Warum gewinnen lokale Kon­ flikte nationale Brisanz und sorgen für weltweites Aufsehen? Warum mobilisieren lokale Themen die Massen, treiben sie auf die Straße und fordern am Ende sogar Todesopfer wie in Istanbul? Die Themen – der Ausbau von Verkehrsinfrastruktur und städ­ tischen Großprojekten auf Kosten der Grünflächen einerseits und der Abbau von öffentlichem Raum und Dienstleistungen wie Gemeindezentren, Sport- und Spielplätzen andererseits – sind ursprünglich lokal, gewinnen j­ edoch schnell eine nationalpolitische, zuweilen ideologische Dimension. Das hat viele Ursa­ chen: Städte wachsen und be­heimaten immer mehr Menschen, sie gewinnen als Finanz- und Wirt­schaftszentren an globaler Bedeutung und gleichzeitig kon­zentriert sich hier die mediale und politische Macht. Neue ­Infor­mationstechnologien sorgen für mehr Vernetzung, stärkere Mobilisierung und können teilweise Politik entscheidend be­einflussen. Die Forderung nach dem „Recht auf Stadt“ Proteste in Istanbul, Rio de Janeiro oder Stuttgart. Was verbindet die verschiedenen Bewegungen? Die Aktivisten träumen von einer alternativen Stadt. Sie fordern eine menschlichere Stadt und wollen an der Planung ihrer Stadt teilhaben. Sie sind getrieben von dem Wunsch nach Kooperation und Kameradschaft und kritisieren die neoliberale Globalisierung mit ihren destruktiven Einflüssen auf die Stadt. Dazu gehören die Privatisierung von

ö­ ffentlichem Raum und urbaner Infrastruktur, die Verschlechte­ rung von Arbeits- und Wohnverhältnissen und ökologische Degradierung, Einschnitte in Sozialleistungen und dadurch be­ dingt schrumpfender Raum für autonomes Handeln und indivi­ duelle Lebensgestaltung. Im Mittelpunkt der urbanen Bewe­ gungen in Brasilien beispielsweise steht die Kritik an der schlechten Qualität des öffentlichen Personennahverkehrs. Da­ hinter jedoch steht die Kritik am mangelnden Respekt vor den Rechten und der Würde der Bürger. Die urbanen Bewegungen fordern Mitsprache­recht. Der Soziologe Henri Lefebvre bezeich­ net diese Vision als „Droit à la ville“ und meint damit, dass alle Bürger einer Stadt wirtschaftliche, politische und soziale Vortei­ le und Leistungen der Stadt genießen dürfen. Mega-Events wie die Olympischen Spiele 2010 in Vancouver und 2012 in London führen mit drastischer Geschwindigkeit zur Privatisierung von städtischem Raum. Bürger werden zwangs­weise umgesiedelt oder schrittweise verdrängt. Die Protestler hinter­ fragen den Nutzen und die Nutzer dieser Projekte. Zunächst mo­ bilisiert die Angst vor steigenden Fahrpreisen oder der Zorn über die Bebauung eines Parks die Massen mit dem konkreten Ziel, das geplante Projekt abzuwenden. Der Stadtgeograph und Sozialtheoretiker David Harvey hat die Idee Lefebvres des „Rechts auf Stadt“ erneut aufgegriffen. Er stellt fest, dass die Stadt mit den in ihr ausgetragenen Konflikten destruktiv und kreativ ist. Sie stellt einen historischen Ort für kreative Destruktion dar und ist dennoch ein widerstands­ fähiges, beständiges und sozial-innovatives Konstrukt. Die Pro­ testler hinterlassen brennende Autos, demolierte und geplün­ derte ­Geschäfte, Gewalt. In Istanbul eskalierte der Konflikt derart, dass achttausend Menschen verletzt wurden und sieben starben. Auch in Stuttgart kam es zu gewalttätigen Auseinander­ setzungen zwischen Demonstranten und der Polizei. Wo bleibt das Kreative, Innovative und Soziale der Stadt, von dem David Harvey schreibt? p d Protestaktion zur Baumrettung am Landwehrkanal


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Stadtentwicklung: Zündstoff für Proteste

i Stuttgart 21 Protest

Mediation lokaler Konflikte: ein pragmatischer Ansatz Mit Ausnahme einiger lokal engagierter Berliner haben wenige von der sechsjährigen Mediation zur Nutzung und Gestaltung des Landwehrkanals gehört. 2007 kam es zum Konflikt zwischen Anwohnern und dem Berliner Wasser- und Schifffahrtsamt, nachdem ein Uferabschnitt im Stadtteil Kreuzberg eingestürzt war. Die zuständige Behörde begann prompt mit Sicherungsmaß­ nahmen, Bäume sollten gefällt und das Ufer neu gestaltet werden. Die Anwohner gründeten eine Bürgerinitiative zum Schutz des Naturgebiets. Es folgten Proteste und radikale Aktionen zur ­Behinderung der Bauarbeiten. Die geplanten Sanierungsmaß­ nahmen am Landwehrkanal hätten das Potential gehabt, noch weitaus mehr Menschen quer durch Berlin zu mobilisieren. Die Wasser- und Schifffahrtsverwaltung initiierte ein Mediations­ verfahren, um die scheinbar unvereinbaren Ziele der Parteien zu versöhnen und die akute Handlungsunfähigkeit aufzuheben. Externe Mediatoren luden Senatsverwaltung, Denk­malbehörde, Wasser- und Schifffahrtsamt, Umweltverbände, Industrie- und Handelskammer, Reedereien und Wasserwirtschaftsverband und Bürgerinitiativen ein – insgesamt sieben Parteien –, um gemein­ sam an einer Lösung zu arbeiten. s Demonstrationen für den Gezi-Park auf dem Taksim Platz

Das Format und die Sensibilität der Mediatoren führten zum Erfolg: Sämtliche Baumaßnahmen wurden von den Konflikt­ parteien gemeinsam beschlossen und das sogar um einiges kosten­günstiger, als vom Staat vorgesehen. Die vielen Parteien und ­Interessen, bürokratische Vorgaben und die immer wieder­ kehrende Drohung, aus der Mediation auszusteigen, haben ­jedoch gezeigt, wie zermürbend und langwierig ein solches Verfahren sein kann. Eine umfassende Lösung für den Landwehrkanal gibt es bis heute nicht; dennoch sind die meisten am Ball geblieben. Ist eine Seite nicht zum Dialog bereit, wird der Konflikt weiter/ wieder auf der Straße ausgetragen und droht potentiell, je nach Reaktion der staat­lichen Behörden, in Gewalt und Zerstörung umzuschlagen. Dies war beim Istanbuler Gezi-Park der Fall. ­Einem Dialog stimmten Politiker und Investoren nicht zu. Eine Mediation oder Dialoginitiative ist kein Patentrezept, ins­ besondere, wenn Grundsatzthemen wie die Natur eines Wirt­ schaftssystems die mobilisierenden Faktoren sind. Häufig tritt der lokale Konflikt in den Hintergrund und eine allgemeine Kritik am Neoliberalismus, am Ausbau der Städte und an der Verdrängung rückt in den Vordergrund. Die unterschiedlichen Grundsätze und Weltanschauungen, auch Religionen und Identitäten sind nicht verhandelbar. Dass es sich lohnt, über Mediationen und alternative Konfliktschlichtungsverfahren nach­zudenken, haben der Landwehrkanal und verspätet auch Stuttgart 21 gezeigt. Der lokale Konflikt ist transformierbar und lokal lösbar, Bürger können ihr „Recht auf Stadt“ zurück­ fordern. Ein pragmatischer Weg, denn er führt zu sichtbaren Veränderungen.

Silvia Danielak, Jg. 1987, studierte Sicherheits- und Konfliktstudien in P ­ aris und Boston und Europäische Studien in Maastricht. Im Kollegjahr (2011/12) beschäftigte sie sich mit dem Aufbau von Friedensinfrastrukturen und Multitrack Mediation mit Schwerpunkt Zentralasien. Sie arbeitet d­ erzeit als GIZ Beraterin in Addis Abeba für das „African Union Border P ­ rogramme“ im ­Bereich Konfliktprävention und wirkungsorientiertes M ­ onitoring. Zusätzlich schreibt sie den Blog PlanningReSolution.wordpress.com über Konfliktbear­ beitung und Urban Governance. (silvia.danielak@gmail.com)


Interview

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Mauern und geteilte Städte Weltweit Interview mit dem Fotografen Kai Wiedenhöfer Kai Wiedenhöfer, 47, hat Mauern in der ganzen Welt foto­ grafiert: in Berlin, Belfast, in den besetzten palästinensischen Gebieten und an der amerikanisch-mexikanischen Grenze. Stephanie von Hayek und Susanne Skoruppa trafen ihn an der West Side Gallery in Kreuzberg, wo seine Ausstellung ­WALLONWALL gezeigt wird. Die Anbringung der groß­ formatigen Fotos dauerte zwei Tage. Wiedenhöfer ist leicht ­genervt. Fast jeden Tag muss er Beschmierungen auf seinen ­Fotos entfernen. Sechs Jahre brauchten die Behörden, um ihm die Genehmigung für seine Fotoausstellung auf der Rückseite der Mauer zu bewilligen. ad hoc: Herr Wiedenhöfer, was hat Sie motiviert, Mauern zu ­fotografieren? Kai Wiedenhöfer: Ich habe 1989 den Mauerfall fotografiert. Ich war 23 Jahre alt und im ersten Semester meines Fotografie­ studiums an der Folkwang Schule in Essen, als ich mit einem amerikanischen Fotografen sprach, der meinte, er würde sofort nach Berlin fahren. Unsere Professoren verhielten sich dazu nicht. Wir fuhren und waren vier Tage in Berlin. Danach sind wir wieder zurück, weil wir dachten: Folkwang Schule, furcht­ bar wichtig. Wir wären besser zwei Wochen hier geblieben. ad hoc: Wie ging es weiter? Kai Wiedenhöfer: Die Idee war damals: Jetzt haben wir eine freie, grenzenlose Welt, alles wird in Ordnung sein. Doch in den letzten 25 Jahren ist genau das Gegenteil passiert. ich habe etwa 6 500 bis 7 000 Kilometer Mauer gesehen. ad hoc: Was ähnelt sich in den Städten, die Sie gesehen haben? Kai Wiedenhöfer: Das Generelle ist diese simple Idee und ­intuitive Reaktion: Wir lösen den Konflikt, indem wir eine Mauer bauen. Damit ist das Problem weg. Wir haben mit der Berliner Mauer gesehen, dass das nicht funktioniert. Eine fast kindliche Herangehensweise, weil es nichts löst. Im Gegenteil: Es macht die Probleme größer. In Baghdad zum Beispiel bei den Schiiten und Sunniten wurde früher über die Konfession hinweg geheiratet. Das ist jetzt nicht mehr der Fall. Es separiert sich. Damit wachsen dann Ideen, die man von der anderen ­Seite hat. Sie wachsen im Kopf, haben aber mit dem realen ­Leben nichts mehr zu tun.

ad hoc: Man nährt die Phantasien. Kai Wiedenhöfer: Ja, das Feindbild, den schwarzen Mann. Man sieht das sehr gut in Belfast, in Baghdad und in den von Israel besetzten Gebieten. ad hoc: Gibt es jenseits dieser Ähnlichkeiten auch Unterschiede, die Sie in den geteilten Städten beobachtet haben, etwas ganz ­Spezifisches, das Sie anderswo nicht gesehen haben? Kai Wiedenhöfer: Die Konflikte sind auf ganz verschiedenen Levels. In Baghdad gab es letzten Monat 1 000 Tote. Baghdad ist im Prinzip ein großes Militärcamp. In Nord­irland gab es während der Unruhen in den 60ern und 70ern 3 500 Tote über einen Zeitraum von 15 Jahren. ad hoc: Gehen die Menschen unterschiedlich mit der Mauer um? Kai Wiedenhöfer: Natürlich gehen Sie damit anders um, aber das sind auch die Strukturen. In Baghdad gibt es elf oder zwölf sunnitische und schiitische Ghettos, das heißt die Separierung wächst gerade erst, während sie in Belfast sehr alt ist und auch bloß von Straßenzug zu Straßenzug geht. Die längste Mauer in Belfast ist 1,5 oder 2 Kilometer lang. Es gibt 48 verschiedene. In Baghdad dagegen steht man auf einer Autobahnbrücke und sieht vier Kilometer Mauer links und rechts davon: Auf der ­einen Seite ist das sunnitische, auf der anderen das schiitische Viertel. Dort fand ein riesiger Krieg statt. Daher ist die Ge­ schichte jeder Mauer sehr verschieden. ad hoc: Welches menschliche Bedürfnis steckt dahinter, Mauern zu bauen? Man hat ja auch Häusermauern und im Mittelalter gab es die Stadtmauern. Kai Wiedenhöfer: Schutz. Und es ändert sofort das Verhältnis zu meinem Nachbarn, wenn ich eine Mauer baue. Wie Winston Churchill gesagt hat: Erst schaffen wir Gebäude und wenn sie einmal stehen, dann beeinflussen sie uns. Es ist ein umgekehrter Prozess, der stattfindet. ad hoc: Obwohl die Menschen sehen, dass die Mauern nach einer gewissen Zeit wieder eingerissen werden, bauen sie diese trotzdem. Warum? Kai Wiedenhöfer: Das ist einfach dieser Reflex, mehr ist es ja nicht. Meistens ist es so, dass die Imperien, die Mauern bauten, auch fielen. Das beste Beispiel ist die amerikanisch-mexikanische

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Interview

Grenze. Dort haben sie für vier Milliarden Dollar gebaut, aber die Mauer ist nur ein Geschwindigkeitshemmer. Sie ist physisch da und man kann sagen: Seht nur, wir tun etwas gegen Immigration. Aber sie löst überhaupt nichts. Um das auszugleichen, müsste man das wirtschaftliche Gefälle zwischen Mexiko und den USA beseitigen. Innerhalb der EU, nicht nach außen, versucht man den wirtschaftlichen Unterschied zwischen den Ländern anzu­ gleichen. Das ist, glaube ich, der Prozess, der längerfristig zu einer Lösung führt. Diese ökonomischen Verwerfungen, die wir haben, sind extrem. An den EU-Außengrenzen haben wir Menschen, die auf ihren Schiffen sterben. Wie viele es genau sind, weiß niemand. Inzwischen geht man von 15 000 bis 25 000 Toten im letzten Jahrzehnt aus. Keiner redet darüber. Es gibt kein Denk­ mal für sie. Sie verschwinden im Mittelmeer und weg sind sie. Damit ist das Problem auch nicht mehr greifbar. ad hoc: Symptombehandlung, aber die Wurzeln des Übels werden nicht behandelt. Kai Wiedenhöfer: Es ist immer so: Es ist nur ein Vorzeige­ objekt, vor allen Dingen in den USA. Es ist auch eine mentale Sache, weil die Grenze dann da ist und sie sich auch psychologisch bei den Leuten manifestiert. ad hoc: Aus den Augen, aus dem Sinn? Kai Wiedenhöfer: Nein, nicht aus den Augen, aus dem Sinn. Die ist ja da. Jeder, der in Amerika lebt, weiß: Wir haben diese dicke Mauer gegen Mexiko und das hilft. Die Leute verinnerlichen das. ad hoc: Haben Sie mit Menschen gesprochen, die von der Mauer direkt betroffen sind? Kai Wiedenhöfer: Dort, wo eine Mauer gebaut wird, stirbt das Leben. Menschen, die ein Geschäft dort hatten, haben jetzt keine Kunden mehr. Die wirtschaftliche Grundlage für Menschen, die direkt an der Mauer wohnen, wird ihnen entzogen. Die Folge: Die Quartiere verarmen oder zerfallen. ad hoc: Und werden Niemandsland? Kai Wiedenhöfer: Nein, nicht Niemandsland. Meistens ziehen die Wohlhabenderen und der Mittelstand heraus, zumindest aus diesen Gegenden, und die ärmeren Leute rücken nach. Manchmal ist das ganz extrem, wenn Häuser leer stehen.

ad hoc: In Ihrer Ausstellung wird das ganz gut in einem Foto von Belfast mit den heruntergekommenen Häusern gezeigt. Kai Wiedenhöfer: Diese sind in der Zwischenzeit zerstört. Das ist der letzte Schritt. Ich dachte, sie bauen sie wieder auf, aber das haben sie nicht gemacht. ad hoc: Haben Sie Menschen fotografiert oder mit ihnen gesprochen, die am Mauerbau beteiligt waren? Kai Wiedenhöfer: Ja, mit Danni Tirza, dem Chefplaner der israelischen Mauer. Das war ein Interview mit Newsweek zu­ sammen. Er war ein echter Technokrat. Der hätte alles machen können. Er hatte überhaupt keinen menschlichen Bezug zu der ganzen Sache. ad hoc: Die, die bauen, sind auch von der Mauer betroffen? Kai Wiedenhöfer: Nein, die Leute natürlich nicht. Wenn reiche Leute betroffen sind, werden diese ihre Interessen immer schützen. Dann baut man 500 Meter irgendwo anders oder sie kaufen Milizen oder den Stadtrat, der Einfluss ist so groß, die haben immer Möglichkeiten. Nicht wie der kleine Schlachter, der einen kleinen Laden hat und dem sie die Mauer vor die Nase gesetzt haben. Der kann nichts machen. ad hoc: Die Mauer als Instrument, um Ungleichheit aufrecht zu erhalten? Kai Wiedenhöfer: Ja, klar. Für die Menschen, die direkt an der Mauer wohnen, bedeutet es Machtlosigkeit. Gerade in Israel können sich die Menschen sehr schlecht wehren. Das kleine Dorf Bil’in, hat drei Viertel seiner landwirtschaftlichen Fläche ver­ loren. Das wurde einer israelischen Siedlung zugeschlagen. 2005 fingen sie an zu demonstrieren. Es gab einen Bescheid vom obersten israelischen Gerichtshof, dass das Land zurück gegeben werden muss. Dieser wurde nicht umgesetzt. Die Demonstra­ tionen gingen weiter, sie versetzten die Mauer, aber nicht ganz nach der Grenzziehung, wie sie der oberste israelische Gerichts­ hof beschlossen hatte. Jeden Freitag haben sie demonstriert. Es gab auch viel internationales Interesse. Schließlich wurde es zu teuer, die Grenzpatrouille und die ­Armee immer dort zu haben.


Interview

ad hoc: Leider nicht teuer genug, um die Mauer wieder abzureißen. Kai Wiedenhöfer: Das hat in Israel auch keinen Sinn. 1990 hatten die Palästinenser und die Israelis noch eine klare Vor­ stellung voneinander. Die haben sie jetzt nicht mehr. In Gaza lebten 1990 750 000 Menschen. Heute sind es 1,8 Millionen. Wenn du mit zehnjährigen Kindern in Gaza über Israelis sprichst, kennen sie die Namen jeder Drohne und jedes Kampfflugzeugs und das war᾽s. Vielleicht haben sie einen israelischen Soldaten einmal aus der Ferne gesehen. Da ist der blanke Hass. In der ­Beziehung tut sich gar nichts. ad hoc: Die Mauer ist auch eine Geschichte über Beziehungen. Kai Wiedenhöfer: Da geht es nur um Beziehungen. ad hoc: Was sind die Langzeitwirkungen des/eines Mauerfalls? Kai Wiedenhöfer: Die Dinge ändern sich nicht von heute auf morgen. Zwar arbeiten die Menschen immer schneller und pro­ duktiver, aber geistig kommen wir nicht hinterher. Die Teilung Deutschlands war 40 Jahre lang Fakt und die Einheit war ein Pro­ zess. Insgesamt ist es erstaunlich. Hier bricht nichts auseinander. ad hoc: Wie hat Sie die Arbeit verändert? Kai Wiedenhöfer: Man sieht die Freiheiten, die man hat und begreift das Leben ein bisschen anders. Das hat sicher mit der Region zu tun, in der ich lebe. Den Frieden, den wir hier haben, nehmen viele Leute nicht als Privileg wahr. 60 Jahre Frieden in Europa. Mein Vater war im II. Weltkrieg, zwei meiner Groß­ väter sind im I. Weltkrieg gefallen. Die Urgroßvätergeneration war in zwei Kriegen. Der Wohlstand hier … wir können ihn nicht schätzen. Das liegt an diesem „Kauf, kauf-System“. Das ist schade. Ich brauche für mich selber sehr wenig. Wir verschwenden Milliarden an Euro, indem wir neue Autos und Computer ent­ wickeln, aber wie viel wird in neue Strukturen für die Gesell­ schaft investiert? Vermutlich ein Promilliardstel. Wenn jetzt alle Menschen glücklich wären mit dem System … aber die ­meisten sind unzufrieden.

i Eine irakische Frau schaut durch eine Lücke in der Mauer in Baghdad. f Der Mauerbau entlang der US-Mexikanischen Grenze p Besucher der Ausstellung WALLONWALL

ad hoc: Das kommt darauf an, welche Studie man gerade liest. Kai Wiedenhöfer: Ich lese keine Studie. Ich setze mich in die S-Bahn und gucke mir die Leute an oder laufe über den Alexander­platz. Das hilft mir mehr. ad hoc: Wird Ihre Ausstellung WALLONWALL auch woanders gezeigt werden, in anderen Städten mit Mauer vielleicht? Kai Wiedenhöfer: Wir werden das versuchen. Die Kuratorin möchte das sehr gerne. Es ist immer die Frage, wen konfrontiert man damit. In Israel kann man das nur auf palästinensischer Seite machen. Dort haben wir das Problem, wenn wir das auf der Mauer zeigen, die Mauer läuft ja nicht durch. Sie trennt meistens Palästinenser von Palästinensern. Wenn man nach ­Jerusalem geht vielleicht. In Amerika wäre es gut, es auf ameri­ kanischer Seite zu machen. Vielleicht in Belfast auf der Mauer. Aber wir haben sechs Jahre für die Genehmigung in Berlin ­gebraucht. Es traute sich hier keiner was, wir brauchten selbst ein Gutachten, das der Beton von Tapetenkleister nicht an­ gegriffen wird. Vielleicht werden wir uns nach dem Erfolg von WALLONWALL in Berlin an anderen Plätzen leichter tun. Kai Wiedenhöfers Buch „Confrontier“ ist im Oktober beim Steidl Verlag erschienen.

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Wiederaufbau und vorsichtiger Optimismus

Mogadischu: Aufbruch am seidenen Faden von Bastian Richter Die von jahrzehntelangem Bürgerkrieg gebeutelte Hauptstadt Somalias erlebt seit kurzem einen Aufschwung. Somalis, die jahrelang im Exil lebten, kehren in ihre Heimat zurück, um beim Wiederaufbau zu helfen. Und doch scheinen die urbanen Fortschritte noch nicht dauerhaft zu sein. Eine Fahrt durch die Stadt, die lange den unrühmlichen Titel der „gefährlichsten Hauptstadt der Welt“ trug. An unserem gepanzerten Land Cruiser ziehen sich meine Kollegen Tim und Joanna ihre schweren Splitterschutzwesten über. Wir fahren heute von unserem UNO-Camp am Flughafen zu einem Treffen in die Villa Somalia, dem Regierungssitz des Landes. Wir wollen Stabilisierungs- und Wiederaufbaumaßnahmen mit der Regierung besprechen. Fünf Kilometer Fahrt durch Mogadischu. Die Fahrt beginnt entlang der Landebahn, auf der reger Flug­ verkehr herrscht. Erstmals seit langer Zeit kehren Exil-Somalis wieder nach Somalia zurück. Seitdem die Islamisten von Al Schabab im August 2011 die Stadt der somalischen Regierung und den Soldaten der Afrikanischen Union (AMISOM) über­ ließen, sind bereits Tausende hier gelandet. Viele kommen, um Verwandte zu besuchen, die trotz des Krieges nicht geflohen sind; andere kommen, um zu bleiben und Geschäfte aufzubauen. Bauboom und Not in unmittelbarer Nachbarschaft Wir müssen nicht weit fahren, um die Wiederauferstehung Mogadischus zu erleben. Gleich hinter den Toren des geschützten Flughafengeländes wird überall gebaut und renoviert. Wir fahren vorbei an himmelblauen und pfirsichfarbenen Vorstadtvillen sowie dem neuen Jazeera Hotel. Der Aufbruch ist greifbar an der Airport Road.

Umso bedrückender wirken daher, inmitten der Neubauten, die verbliebenen Zeltlager der Binnenvertriebenen, der soge­ nannten IDPs („Internally Displaced Persons“). Die meisten dieser Camps entstanden während der großen Hungersnot von 2011, als Somalis zu hunderttausenden in ihrer Hauptstadt Zuflucht, Nahrung und medizinische Versorgung suchten. Zwei Jahre später sind viele der Camps noch immer da und in meist er­ bärmlichem Zustand. Geschätzte 360 000 Menschen leben nach wie vor unter Zeltplanen oder in Kriegsruinen in der Stadt ohne Zugang zu sauberem Trinkwasser und Toiletten. In fast jeder Regenzeit gibt es Fälle von Cholera und erstmals seit sechs Jahren wütet auch das Poliovirus wieder in der Stadt. Zudem bleiben sexuelle Übergriffe gegen Frauen und Mädchen ein gravierendes Problem. Dennoch wollen viele IDPs nicht wieder in ihre Heimatregionen zurück, wo oftmals nur Hunger, Elend, und die strenge SchariaHerrschaft der Al Schabab auf sie warten. In Mogadischu gibt es die Hoffnung auf Arbeit, etwa als Tagelöhner auf dem Bau oder als Putzfrau in einem der Hotels oder UNO-Compounds. Schleichend werden aus IDPs somit arme Stadtbewohner und aus Flüchtlingslagern werden Slums. Bürgermeister Mohamed Nur hat ambitionierte Pläne für ein neues Stadtviertel, in das sämtliche IDPs umgesiedelt werden sollen. Bisher ist aber noch nicht viel passiert. Unser Konvoi biegt auf die Muka al Mukarama ein, eine der Hauptverkehrsadern Mogadischus. Der Verkehr ist höllisch, die Geschäfte brummen. Wir fahren an Wäschereien, Gemischt­ warenläden und Cafes vorbei. Die unzähligen Einschusslöcher, die nahezu jede Hausfassade entstellt haben, werden mit Mörtel geflickt und mehr und mehr Neubauten füllen die L ­ ücken, die der Krieg in die Straßenzüge gerissen hat. Männer sitzen im Schatten, trinken Tee und kauen Kat. Gegenüber tragen Frauen einer lokalen NGO die jahrelang unberührten Müllberge ab. Ihre Stadt galt einmal als die „Weiße Perle des Indischen Oze­ ans“. Hier und da scheint die lange verlorene Schönheit zaghaft wieder durch. Letztes Jahr ließ eine norwegische NGO entlang der Muka solarbetriebene Straßenlaternen aufstellen, die die ganze Nacht über Licht spenden. Die Sicherheitslage entlang des Boulevards verbesserte sich spürbar, Cafés und Läden blei­ ben nun bis spät geöffnet.

f Blick vom Balkon des Präsidenten auf Mogadischu


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i IDP Camp nahe des Flughafens g Auf der Muka al Mukarama

Unser Konvoi erreicht die Villa Somalia. Unsere Gesprächs­ partnerin Maluka Abdikadir ist, wie viele hier, Exil-Somalierin. Sie wuchs überwiegend an der US-Ostküste auf und war dort bis vergangenes Jahr Investmentbankerin, zog es dann aber vor, für ein allenfalls symbolisches Gehalt der Regierung beim Wieder­ aufbau des Landes zu helfen. Maluka verkörpert für mich die größte Hoffnung Somalias: Eine gut ausgebildete, junge Dia­ spora, die die Risiken nicht scheut und zurückkommt, um mit anzupacken. Einfach haben es die Rückkehrer gleichwohl nicht. Der Argwohn der Einheimischen, die während der zwei Dekaden des Bürgerkriegs in Somalia ausharrten, ist oft groß. Terroranschläge drohen, die Aufbruchsstimmung zu ersticken Auf der Rückfahrt stoppen wir kurz am „Village Restaurant“. Sein Besitzer Ahmed Jama war einer der ersten, die 2008 aus dem Londoner Exil zurückkehrten, um ein Geschäft zu öffnen. Jama entdeckte eine Marktlücke in Mogadischu: Die Sehnsucht nach etwas Normalität – und einem guten Espresso. Sein Restau­ rant ist insbesondere bei Regierungsbeamten und Parlamentariern beliebt, was schnell die Missgunst der Schabab weckte. Tim zeigt uns, wo sich im September 2012 zwei Selbstmordattentäter in die Luft sprengten und 14 Restaurantgäste töteten. Kürzlich folgte ein weiterer Anschlag, wieder 15 Tote. Jama überlebte beide unbeschadet, aber ob sich sein Geschäft nach dem zweiten Anschlag noch einmal erholen wird, ist fraglich.

Auch die UNO ist vor Angriffen nicht gefeit. Bevor unser Konvoi den Flughafen wieder erreicht, halten wir kurz am Hauptsitz von UNDP, wo vor wenigen Monaten eine Autobombe das Außentor zum Einsturz brachte. Im anschließenden Schuss­ wechsel mit einem Schabab-Kommando kamen neben den Angreifern auch eine Reihe unbeteiligter Zivilisten und UNAngestellter ums Leben. Für die Islamisten ist die UNO ein ­legitimes Angriffsziel. Sie begründeten den Anschlag unter an­ derem damit, dass die UNO säkularer Schulbildung Vorschub leiste und mit der somalischen Regierung den Aufbau eines is­ lamischen Staates untergrabe. Diese Situation macht Mogadi­ schu bisweilen zu einem unmöglichen Arbeitsort. Unsere zwangs­ läufig strengen Sicherheitsvorkehrungen schaffen eine oft unüberwindbare Distanz zu genau jenen Menschen, die unsere Hilfe am nötigsten haben. Aus diesem Teufelskreis kommen wir momentan nur schwer heraus. Und dennoch: Die Hoff­ nung auf eine bessere Zukunft in Mogadischu war selten größer.

Bastian Richter, Jg. 1982, beschäftigte sich während seines Mercator Kollegjahres (2010/11) mit Sicherheit und humanitärer Hilfe am Horn von Afrika. Seine zweite Stage absolvierte er im UN Political Office for Somalia (UNPOS) in Nairobi, wo er anschließend bis Juni 2013 tätig war. Bastian arbeitet mittlerweile für UNICEF. (richter.bastian@gmail.com)


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Bamiyan City – Vom Kriegssymbol zum Hoffnungsträger von Matthias Beckh Der Afghanistankrieg geht diesen Herbst in sein zwölftes Jahr. In der Provinzhauptstadt Bamiyan, im zentralafghanischen Hoch­land, wo zu Beginn des Konfliktes im März 2001 die welt­ bekannten Buddha Statuen von der Taliban beschossen und schließlich gesprengt wurden, ist von der weiterhin angespannten Sicherheitslage in weiten Teilen des Landes nur wenig zu spüren. Auch die regel­mäßigen Anschläge in der Hauptstadt Kabul sind weit entfernt. Fast wähnt man sich in einem anderen Land. Das fruchtbare Hochtal, dessen sattgrüne Felder einen starken Kontrast zu den ockerfarbenen Karstformationen der Umgebung bilden, wirkt wie eine friedliche Oase inmitten dieses kriegsge­ beutelten Landes. Wie neu und fragil diese Situation ist, zeigt ein Blick in die jüngere Geschichte der Provinz. Als H ­ eimat der schiitischen Hazaras, der nach Paschtunen und T ­ adschiken drittgrößten Ethnie des Landes, wurde Bamiyan in den 1990er Jahren Schauplatz zahlloser Verbrechen und Gräueltaten. Getreu ihrer Redewendung „Tadschiken nach Tadschikistan, Usbeken nach Usbekistan und Hazara nach Goristan (auf den Friedhof )“, begingen die Taliban zahllose Morde und Gewalttaten an der Hazara-Bevölkerung. Erst seit dem Eingreifen der ISAF Truppen 2001/02 herrscht Frieden im Tal.

s Neues Viertel auf der Nordseite der Stadt a Blick auf die Buddha-Nischen

Das Bamiyan-Tal ist eingefasst von den hohen, schneebedeck­ ten Bergen des Hindukusch. Zahlreiche Kulturen haben hier, im südlichen Wegegeflecht der historischen Seidenstraße, ihre Spuren hinterlassen. Eine Fülle archäologischer Stätten lassen die Vergangenheit stets präsent erscheinen. Die Stadt selbst ist, von der belebten Stadtmitte und der Haupteinkaufsstraße ab­ gesehen, wenig urban und genau genommen eher eine große Streusiedlung, die sich auf dem fruchtbaren Talboden ausbreitet. So haben Landwirtschaft und Handel von jeher das Leben der Stadtbewohner bestimmt. Das Besondere ist die Symbiose städtischen Lebens mit einer Landschaft von beeindruckender Schönheit und zahlreichen kunst- und kulturgeschichtlich be­ deutsamen Orten. Bis heute konnte Bamiyan seinen ursprüng­ lichen Charakter weitestgehend bewahren. Gleichzeitig stellen das rasante Wachstum der letzten Jahre und insbesondere die Hoffnung auf touristische Entwicklung die Harmonie der ­gewachsenen Kulturlandschaft vor große Herausforderungen. Stadt – Kultur – Landschaft Erst 2003 wurde die Kulturlandschaft von Bamiyan und die zu­ gehörigen archäologischen Stätten in die von der UNESCO geführte Liste des Weltkulturerbes aufgenommen. Neben den bekannten Kolossalstatuen aus dem 6. Jahrhundert gehören ausgedehnte Höhlenklöster, die in den weichen Stein des über zwei Kilometer breiten Sandsteinkliffs geschlagen wurden, zum geschichtlichen Erbe aus buddhistischer Zeit. Viele der über 700 Höhlen waren seit ihrer Entstehung durchgängig be­ wohnt und boten gerade den ärmsten Familien Bamiyans eine kostenlose Bleibe. Im Zuge der Aufnahme in die Welterbeliste wurde jedoch die forcierte Umsiedlung der Bewohner in eine außerhalb der Stadt gelegene Siedlung beschlossen, um eine bessere Konservierung der Höhlen zu ermöglichen. Allerdings führte die Sorge um den Erhalt der Höhlen damit auch zu einem Verlust des authentischen und lebendigen Charakters und letzten Endes zu einer Musealisierung des Kliffs. Ein Dilemma.


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Darüber hinaus gibt es bedeutsame Anlagen aus islamischer Zeit, wie die gewaltigen Festungsbauten von Shahr-e-Gholghola und Shahr-e Zohak, die über der Talebene thronen und die vorbeiziehende Karawanenstraße kontrollierten. Die acht zum Weltkulturerbe zählenden Kernzonen befinden sich am Rande oder in der unmittelbaren Umgebung der Stadt Bamiyan. Die Stadt selbst wurde in den 1990er Jahren ihres historischen Lebens­ mittelpunktes beraubt, als die alte Bazaarstraße in Folge ethni­ scher Konflikte abgebrannt wurde. Hauptstadt der Hazara Heute, zwölf Jahre nach der Vertreibung der Taliban ist die Provinz eine der sichersten des Landes. Von den Kriegswirren, die vor allem die südlicheren Provinzen erschüttern, fühlt man sich weit entfernt. Diese Situation hat für die Entwicklung der Stadt spürbare Konsequenzen: Der Zuzug ist immens. Vor allem Hazaras aus anderen Provinzen haben in den letzten Jahren hier Zuflucht gesucht. Und obwohl es aus Gründen der Staats­ räson, um einer ethnischen Separation des Landes nicht Vor­ schub zu leisten, von Seiten der Provinzregierung nicht in der Öffentlichkeit geäußert wird: Der Ausbau der Stadt als „sicherer Hafen“ für die Hazaras ist nach Jahrzehnten der Unter­ drückung und Verfolgung politisch gewollt. So hat sich allein in den letzten 20 Jahren die Bevölkerung auf heute gut 60 000 Einwohner verdoppelt. Neue Stadtviertel sind in kurzer Zeit entstanden, um die neuen Bewohner aufzunehmen. In nur wenigen Jahren wurden die steilen Berghänge am nördlichen Stadtrand bebaut. Aus städtebaulicher Sicht ist erfreulich, dass die neuen Wohnhäuser in traditioneller Lehmbauweise errichtet sind und sich harmonisch in die Umbegung einfügen, da das Baumaterial praktischerweise dem Grundstück entnommen wird. Auch auf der Hochebene südlich der Stadtmitte befindet sich ein aus­ gedehntes Entwicklungsgebiet, das die Fläche der Stadt nahezu verdoppelt hat. In der Umgebung der Flughafenpiste sind inner­ halb kürzester Zeit viele Verwaltungsbauten und die Erweite­ rung der Universität entstanden.

Die vergleichsweise gute Sicherheitslage hat neben dem Bevöl­ kerungsdruck weitere Konsequenzen. Aufgrund der stabilen Situation war es für Bamiyan in den letzten Jahren schwierig, Hilfsgelder oder -projekte für die Stadtentwicklung zu akqui­ rieren. Investiert wird eher in die prekären und unruhigeren Ballungszentren des Landes, die natürlich stärker im Fokus der Aufmerksamkeit stehen, als das friedsame Bamiyan. Erst seit kurzem scheint dieser Trend gestoppt. Habiba Sarabi, seit 2005 Gouverneurin mit großem Geschick und erheblicher Courage, gilt als Urheberin dieser Entwicklung. Hoffnung auf touristische Entwicklung Die Regierung der Provinz setzt heute große Hoffnung auf eine Renaissance des Tourismus in der Region und unternimmt viel, um an die Zeiten vor der sowjetischen Invasion 1979 anzu­ knüpfen. In den 1960er und 70er Jahren war Bamiyan Durch­ gangsstation für zahlreiche Backpacker, die auf dem „Hippie Trail“ Richtung Kathmandu oder Kuta weiterzogen. Schätzungen zufolge waren es wohl um die 50 000 Besucher im Jahr – eine willkommene Geldquelle und ein wichtiger Wirtschaftsfaktor für die Stadt. Heute ist der Tourismus praktisch zum Erliegen gekommen. Nur noch wenige ausländische Besucher schauen an den Wochenenden vorbei, zumeist Mitarbeiter der Hilfsin­ dustrie aus Kabul. Hauptziel sind natürlich die leeren Nischen der Buddhas. Ein internationales Team bemüht sich seit Jahren um den Erhalt der traurigen Reste und die Konservierung der weiteren, zum Weltkulturerbe zählenden Stätten. Mittlerweile weitestgehend entmint, können diese Orte heute vorsichtigen Fußes wieder begangen und besichtigt werden.

s Blick aus dem Hubschrauber auf das Sandsteinkliff in Bamiyan mit den großen Buddha-Nischen

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Wiederaufbau und vorsichtiger Optimismus

p Neue Bazaarstraße s Besucher auf einem der ­türkisen Bergseen von Band-e Amir

Trotz der andauernden schwierigen Sicherheitslage am Hindu­ kusch unternehmen Stadt und Provinz viel, um Bamiyan auf der touristischen Landkarte zu verorten und damit an dem Erfolg teilzuhaben, den andere Weltkulturerbestädte entlang der Seiden­straße, wie zum Beispiel Buchara, Samarkand, Merv oder Dunhuang, für sich verbuchen können. Seit ein paar Jahren gibt es beispielsweise das „Silk Road Festival“, auf dem traditio­ nelle Spiele, Musik und Tanz zelebriert werden. Daneben gibt es aber auch weitere Aktionen, um Besucher für die Landschaft und die umliegenden Berge zu begeistern. So versucht man bei­ spielsweise, mit der Erstellung einer ersten Trekkingkarte oder der Ausrichtung der „Afghan Ski Challenge“ die Region für Bergsteiger und Wintersportler attraktiv zu machen. Auch der einzige Nationalpark des Landes, die unweit der Stadt gelegenen, türkis-leuchtenden Bergseen von Band-e Amir, werden als t­ouristische Destination beworben.

Ambitioniert sind auch die Pläne der Stadtentwicklung in diesem Bereich. So wird gerade die Bettenkapazität der touristischen Unterkünfte massiv aufgestockt. In den letzten fünf Jahren hat sich diese bereits auf heute 400 Betten mehr als verdoppelt. Bis zum Jahr 2018 sollen über 1 000 Übernachtungsmöglichkeiten zur Verfügung stehen, wie ein Mitarbeiter der Aga Khan Stiftung ­berichtet, die die Regierung in Fragen der Stadtentwicklung berät. Ob diese Bedarfsabschätzung allerdings realistisch ist, steht und fällt mit der weiteren Entwicklung des Landes. Eine wünschens­ werte Stabilisierung der Sicherheitslage und damit steigende ­Besucherzahlen werden jedenfalls eine städtebauliche Heraus­ forderung mit sich bringen: Den ursprünglichen Charakter von Stadt und Tal zu bewahren und gleichzeitig den Anforderun­ gen einer touristischen Infrastruktur zu genügen. Die beiden derzeit im Bau befindlichen Hotels, die sich – vorsichtig formu­ liert – nicht gerade ideal ins Stadtbild einfügen, geben Anlass zur Sorge, in wie weit sich diese Ziele miteinander vereinbaren lassen. Doch es gibt auch viele Ereignisse, die Mut machen. So entwickeln lokale Akteure derzeit Konzepte für ökologischen Tourismus. Und Gouverneurin Habiba Sarabi scheut sich nicht vor kontro­versen Entscheidungen. Als kürzlich gegen die Auf­ lagen des Welterbes verstoßen und innerhalb der Schutzzone gebaut wurde, ließ sie die Häuser kurzerhand abreißen. Menschen wie Habiba Sarabi stimmen zuversichtlich, dass die gewaltigen Herausforderungen, denen Bamiyan sich heute stellt, gelöst werden können. Wenn man von den Bergen auf die wunderschöne Talebene hinabblickt, fällt es nicht schwer auf eine gute Zukunft zu hoffen, inshallah.

s Die Festung von Shahr-e Gholghola

Matthias Beckh, Jg. 1974, arbeitete während des Stiftungskollegs (2002/03) zum Thema „Entwicklung von präventiven Sicherungsmaßnahmen zum Schutz von erdbebengefährdetem Kulturgut“ in Rom (ICCROM), Tokio (TOBUNKEN) und auf den Philippinen (UNESCO). Nach längeren Arbeits­ aufenthalten in New York und Kathmandu ist er seit 2005 an der Architektur­ fakultät der TU München sowie freiberuflich tätig. Aktuell arbeitet er an Projekten im Bereich Kulturerhalt in Myanmar und in B ­ amiyan/Afghanistan im Auftrag von ICOMOS. (mbeckh@hotmail.com)


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Stadtplanung als Spiegel der Staatsideologie

Pekings „Fake-Over“: Durch Olympia zur „World-Class City“ von Matthias Kaufmann Seit den Vorbereitungen der Olympischen Sommerspiele 2008 verfolgen die Stadtoberen Pekings das Ziel, die alte chinesische Hauptstadt in eine „World-Class City“ zu transformieren und aus ihr ein Schaufenster für Chinas kometenhaften Aufstieg zu einer Großmacht des 21. Jahrhunderts zu machen. Die ­Regierung versteht darunter zwei Dinge: Wirtschaftswachstum und die Erschaffung eines Stadtbilds, das eine ganz bestimmte Idee von Chinas Vergangenheit und Gegenwart verbreiten soll. Zum einen Kontinuität mit alten Glanzzeiten und zum anderen das Bild eines modernen, sauberen und zivilisierten Chinas. Stadtplanung als Identitätskonstruktion. Und als bittere Pille für diejenigen, die nicht von ihr profitieren. Denn vorgegangen wird bei dieser riesenhaften, städtebaulichen Image-Kampagne mit wenig Rücksicht auf kulturelle, historische oder soziale Realitäten. Elend und Tumult aus Vergangenheit und Gegen­ wart werden einfach wegsaniert. „Sanierung“ von historischen Vierteln bedeutet zumeist Abriss und stark veränderter, kom­ merzialisierter Wiederaufbau. Chinesische Kritiker sprechen angesichts der dabei häufig bemühten historistischen Formen von „Fake-Over“. Allein zwischen 1990 und 2002 verlor Peking so schätzungsweise 40 % seiner jahrhundertealten Bausubstanz. Die Armen im Zentrum, das bewusst als repräsentative Wohnund Arbeitsstätte für Reiche und Beamte ausgebaut werden soll, werden massenhaft in monotone Trabantensiedlungen am Stadtrand umgesiedelt. Pekings Nord-Süd-Achse: Chinas alte und neue Bühne Besonders interessant ist, wie in Vorbereitung der Olympischen Spiele Politik und Geschäftsleute Hand in Hand die chinesische Hauptstadt quasi auf den Kopf gestellt haben. Die alte, kaiserliche Nord-Süd-Achse, unter Mao lange vernachlässigt, beziehungs­ weise sogar städtebaulich bewusst zerstört, wurde durch „Sanie­ rungsprojekte“ reaktiviert und neu definiert. Den Auftakt am südlichen Ende der Achse bildet die Rekonstruktion eines in den 1950ern abgerissenen Stadttors, Yongdingmen. Um seinen Denkmalcharakter zu unterstreichen, wurde das umliegende, heruntergekommene Wohnviertel abgerissen und durch einen neuen Park entlang der Achse ersetzt. Südlich des zentralen Tiananmen-Platzes wurde die traditionsreiche Geschäftsstraße Qianmen Dajie durch Massenabrisse und einen klischeehaften Wiederaufbau in eine Art Shopping-Themenpark des alten ­Peking verwandelt. Etwas weiter nördlich leuchten nun die ranghöchsten Hallen der Verbotenen Stadt mit den goldenen Hochglanzfassaden von Qianmen um die Wette, so gründlich p Blick von Süden auf das Pekinger Nationalstadion, genannt „Vogelnest“ – zentraler Austragungsort der Olympischen Sommerspiele 2008

hat man sie renoviert. Den grandiosen nördlichen Abschluss der Achse bildet der neue Olympiapark mitsamt des spektakulären „Vogelnest“-Stadions der Schweizer Stararchitekten ­Herzog und de Meuron. Um dieses Projekt in seiner epochalen Bedeutung einordnen zu können, muss man verstehen, dass die alte Nord-Süd-Achse ­Pekings ursprünglich die zentrale Ordnungsgröße einer Stadt war, die als Abbild des alt-chinesischen Weltbilds geplant ­wurde: Im Zentrum der zivilisierten Welt gelegen, rechteckig wie die Erdscheibe, außen von einer mächtigen Mauer um­ geben, im Innern ein Schachbrett von dicht aneinander ge­ drängten Hofhäusern mit der gewaltigen Anlage des Kaiser­ palastes im Zentrum. Die ranghöchsten Hallen des Palastes ebenso wie die wichtigsten Tore der Hauptstadt und der ­Glocken- und der Trommelturm, die dem gesamten Reich die Zeit vorgaben, liegen auf der zentralen Nord-Süd-Achse der Stadt, dem „Rücken des Drachen“, der „axis mundi“ der alten ­chinesischen Welt. In ihrem Zentrum saß der Herrscher der Welt, der „Sohn des Himmels“, auf dem Drachenthron und blickte durch die Tore des Palastes und der Stadt über die ­zentrale Achse hinweg gen Süden in sein Reich. Hier, im Mittel­ punkt der Welt, ging er seiner kosmologischen Aufgabe nach, durch die Pflege der Riten und eine tugendhafte Herrschaftsund Lebensführung einen den Menschen wohlgesinnten Himmel zu garantieren. Es ist wenig verwunderlich, dass die Kommunisten in den Jahren nach ihrer Machtübernahme 1949 keine Mühen scheuten, die alte Achse und ihre kosmologische Bedeutung vergessen zu ­machen, ja sogar symbolisch zu zerstören. Zunächst verstellten


Stadtplanung als Spiegel der Staatsideologie

sie den kaiserlichen Blick gen Süden, indem sie auf die Mitte des Tiananmen-Platzes vor der Verbotenen Stadt das „Denkmal für die Helden des Volkes“ platzierten. Die einzigartige, mächtige Stadtmauer wurde in den 1950ern geschliffen und durch eine Ringstraße ersetzt. Mit ihr fiel auch das zentrale Stadttor Yongdingmen im Süden der Achse. Kurz nach Maos Tod reihte sich der Bau des megalomanen Mausoleums für den „Großen Vorsitzenden“ auf der südlichen Hälfte des TiananmenPlatzes in diese Liste ein. Entgegen jeder chinesischen Konvention weist es, wie das Volkshelden-Monument, gen Norden. In der Eingangshalle sitzt ein mächtiger Mao aus Marmor und bietet symbolisch dem Kaiserthron und der alten Kosmologie die Stirn. Die kaiserliche Nord-Süd-Achse wurde außerdem in ihrer staatstragenden Bedeutung durch eine neue Ost-WestAchse ersetzt, die Chang-An Dajie. Auf über 40 Kilometer ­verlängert und für Aufmärsche und Truppenparaden prächtig ausgebaut, wurde sie zur Bühne des neuen, kommunistischen Chinas. Das China des 21. Jahrhunderts brauchte ebenfalls eine neue Bühne. Die Eröffnungszeremonie der Pekinger Spiele begann um acht Uhr abends am chinesischen Glücksdatum 08. 08. 2008 mit der Einspielung einer kurzen, aber eindrucksvollen Video­ sequenz, vom offiziellen Kommentar als „Footsteps of History“ ­be­zeichnet. Sie bestand aus einer Kamerafahrt entlang der NordSüd-Achse, den Lauf von gigantischen, roten Feuerwerksfußstapfen s Blick gen Süden vom Jingshan-Park, entlang der historischen Pekinger ­Nord-Süd-Achse, auf die zentralen Hallen der Verbotenen Stadt

verfolgend, vom rekonstruierten Stadttor Yongdingmen im Süden über Qianmen Dajie, Tiananmen-Platz und die Verbotene Stadt hinweg bis hin zum neuen ­Nationalstadion. Hier markierte ein Feuerwerkstusch am Ende der Sequenz den ­Beginn der aufwendigsten und teuersten ­Eröffnungsshow der olympischen Geschichte, vom China-Wissenschaftler Geremie Barmé als mit Symbolik aufgeladene „coming of age party“ dechiffriert. Es liegt nahe, bereits in der ­aufwändigen Filmein­ spielung eine offizielle Botschaft an die Chinesen und den Rest der Welt zu sehen. Die von den „Footsteps of History“ überflogene, sanierte und ergänzte Achse wird als zentraler Ort des heutigen China vorgestellt. Ihre Stadträume machen unmissverständlich klar: China ist wieder da. Es ist wohlhabend, zivilisiert und mächtig und blickt, von einer langen und reichen Geschichte ausgehend, nach vorn in eine glorreiche, moderne Zukunft. Die Geschichte des letzten Jahrhunderts wird dabei kurzerhand umgeschrieben. Bürgerkrieg, Armut, Massenmorde und Millionen Hungertote, die Katastrophe der Kulturrevolution und die brutal nieder­geschlagenen Aufstände von 1989 spielen in dieser Erzählung keine Rolle. Hohe soziale Nebenkosten Was die Kommentatoren der Eröffnungszeremonie ebenfalls verschwiegen, sind die unvorstellbaren sozialen Kosten, die die Umgestaltung der Stadt für die wenigen Wochen OlympiaMagie den Menschen in Peking abforderte. Die internationale Nichtregierungsorganisation „Centre on Housing Rights and Evictions“ ging 2007 in einem Bericht davon aus, dass während des Stadtumbaus für die Pekinger Olympiade 1,5 Millionen Menschen umgesiedelt wurden. Das städtebauliche Erbe der ersten chinesischen Olympiade ist somit auch ein ­beredtes Zeugnis dafür, was falsch läuft im heutigen China. Es bleibt zu hoffen, dass sich die von der neuen Führung angekündigte Abkehr vom Wachstum um jeden Preis positiv auf ­Stadtplanung und -entwicklung in China auswirken wird. Denn was Peking braucht, um eine wirkliche „World-Class City“ zu werden, sind keine glänzenden Fassaden, sondern eine menschenfreundlichere Politik.

Matthias Kaufmann, Jg. 1984, ist seit Januar 2013 Projektmanager am Mercator Program Center for International Affairs (MPC), wo er das Programm „Zukunftsbrücke – Chinese-German Young Professional Campus“ ­verantwortet. Er studierte Ostasienwissenschaften, Politik und Geschichte in Heidelberg, Peking und Hongkong sowie Internationale Beziehungen in Paris und Bosten. Während seines Mercator-Kollegjahres 2011/12 b­ efasste er sich mit diplomatischem Dialog und GovernanceZusammenarbeit mit China, zunächst beim Europäischen Auswärtigen Dienst in Brüssel und anschließend bei UNDP China in Peking. (kaufmann@mpc-international.org)

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Heft 13 erscheint 2014

ad hoc 12: Städte  

Leben des Homo Urbanus im 21. Jahrhundert

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