Page 1

Heft 6: September 2009

ad hoc international

Das „Supergedenkjahr“ 2009 Gedenken und Erinnerung in einer globalisierten Welt Gemeinsames Europa, gemeinsame Geschichte, gemeinsames Erinnern? ­(Seite 2) Vom „Eisernen Vorhang“ zum Europäischen Grünen Band (Seite 8) Interview „Erinnerung im globalen Zeitalter“ (Seite 10) Vergangenheitsbewältigung in Russland und Libanon (Seite 14) Blumen und Schweigen. Das Erinnerungsjahr in China (Seite 16) Unterschiedliche Geschichtsbilder in Nepal (Seite 18)


4

Impressum Social Business Konzept

ad hoc international Zeitschrift des Netzwerks für internationale Aufgaben – Stiftungskolleg und Mercator Kolleg Alumni e. V. (vormals Netzwerk des Stiftungskollegs für internationale Aufgaben e. V.) erscheint halbjährlich. Diese Ausgabe wurde in Kooperation mit dem CSP-Netzwerk für Internationale Politik und Zusammenarbeit e. V. erarbeitet. Titelbild: „Memory Stone“ an der Stari Most in Mostar, 2007; Foto: Christoph Lüttmann Bildnachweis: Layla Al-Zubaidi (Seiten 14–15); Monika Borgmann (Seite 15); Marc Eberle (Seite 21); Judith Haugwitz/Udo Kramer (Seiten 20–21); Amalia Heyer (Seiten 4–5); Jörn und Henning Hürteler (Seiten 16–17); Kristiane Janeke (Seiten 6–7); Johannes Kiersch (Seiten 12–13); Ulrike Kind (Seite 6); Dominik Klapdor (Seiten 18–19); Daniel Levy (Seite 10); Christoph Lüttmann (Seiten 4–5); Muzna Al-Masri (Seiten 14–15); Peter Rytz (Seiten 2–3); Anne Stalfort (Seite 3); Andrea Strauss (Seiten 8–9); V+I+S+K, nach Vorlage von European Green Belt (Karte Seite 9) Herausgeber: Netzwerk für internationale Aufgaben – Stiftungskolleg und Mercator Kolleg Alumni e. V. Schillerstraße 57, 10627 Berlin, Telefon +49 (0)30 31 10 22 98, Fax +49 (0)30 31 01 62 29 gf@nefia.org, www.nefia.org Redaktion: Bernd Gallep, Kristiane Janeke (Projektleitung), Frederike von Kunow, Daniel Maier (CSP), Nadia vom Scheidt, Katharina Welle Autorinnen und Autoren: Layla Al-Zubaidi, Sebastian Gräfe, Judith Haugwitz, Johannes Kiersch, Ulrike Kind, Dominik Klapdor, Simone Müller und Henriette Rytz (HIA), Vera Lehmann, Christoph Lüttmann (CSP), Daniel Maier (CSP), Andrea Strauss Die Beiträge spiegeln die persönliche Meinung der Autorinnen und Autoren wider. Idee: Ines Wolfslast Gestaltung: V+I+S+K Büro für Visuelle Kommunikation, ­Berlin Druck: Herforder Druckcenter Danksagung: Diese Publikation wurde von der Robert Bosch Stiftung GmbH gefördert.

Netzwerk für internationale Aufgaben Stiftungskolleg und Mercator Kolleg Alumni e. V.


Editorial

Liebe Leserinnen und Leser! 2009 – das deutsche „Supergedenkjahr“ – daran kommt auch die ad hoc international nicht vorbei: 70 Jahre Kriegsbeginn, 20 Jahre Friedliche Revolution und Mauerfall, 60 Jahre Bundes­republik. Aber die ad hoc wäre nicht international, lenkte sie nicht den Blick von Deutschland aus nach Europa in die Welt. So gibt es 2009 auch in China mehrere Jahrestage: 90 Jahre 4. Mai-Bewegung, 60 Jahre Gründung der Volksrepublik, 30 Jahre Öffnung und Reformen und 20 Jahre Tiananmen. Der Bürgerkrieg im Libanon ging vor 20 Jahren, die Herrschaft der Roten Khmer in Kambodscha vor 30 Jahren zu Ende. Um diese globale Dimension des Gedenkjahres stärker als bisher in den Blick zu nehmen, nähert sich die ad hoc dem Thema ­Geschichte, Erinnerung und Gedenken mit Berichten von ehemaligen und aktuellen Stipendiatinnen und Stipendiaten aus verschiedenen Ländern und konkreten Lebens- und Arbeits­ situationen von einer globalen Perspektive. Hinzu kommt ein Gastbeitrag des Netzwerks Humanity in Action zum Thema einer gemeinsamen europäischen Erinnerung. Die Jahrestage bilden oftmals den Ausgangspunkt, sollen aber nicht den Blick darauf verstellen, dass sich Geschichte im Spannungs­feld von individueller Erinnerung und oftmals staatlich verordneter Vergangenheitspolitik nicht nur an offiziellen Gedenktagen festmachen lässt. Vielmehr ist sie einer ständigen Entwicklung unterworfen. Dieser Prozess ist zum einen ein wesentliches Merkmal der Identitätsbildung von Staaten, Gesellschaften und Individuen. Der Frage, wie sich diese Sinn stiftende Funktion von Erinnerung und Gedenken, ausgehend vom Holocaust, unter den Be­ dingungen politischer und gesellschaftlicher Globalisierung entwickelt und verändert, geht das Interview mit dem amerikanischen Soziologen Daniel Levy nach. Die Dynamik, der Erinnern und Gedenken unterworfen ist, ist darüber hinaus ein politischer Prozess, der auch dazu beiträgt,

Machtverhältnisse zu definieren oder zu verschieben. Dabei ist der Umgang mit der Vergangenheit in einer Gesellschaft ein Indiz für den Grad ihrer Demokratisierung, wie die Berichte über den Libanon und Russland, Israel und Palästina sowie China, Nepal oder Kambodscha zeigen. Über die lang andauernde Wirkungsmacht des historischen Erbes informieren schließlich die Beiträge über die Zusammenarbeit im Naturschutz entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs, über die Relikte des Kommunismus in Albanien und die rechtlichen Formen der Aufarbeitung von Vergangenheit. Ein Gespräch mit dem Bürgerrechtler Ludwig Mehlhorn erinnert an die Friedliche Revolution 1989 im Kontext der deutschpolnischen Beziehungen und beschreibt die heutige Geschichts­ politik in beiden Ländern. Weitere Beiträge bietet, wie schon bei der letzten Ausgabe, das zusätzliche Bonus-Material im Internet (www.nefia.org). Hier finden sich ein Gespräch zwischen zwei ehemaligen Stipen­ diaten über ihre persönlichen Erfahrungen der Ereignisse von 1989 sowie ihre Wahrnehmung des deutsch-deutschen ­Ver­hältnisses 20 Jahre danach, ein Artikel über die Geschichtspolitik in Russland sowie ein Bericht über die deutsch-deutsche Grenzfahrt des Netzwerks des Stiftungskollegs für internationale Aufgaben vom 17.–21. Juli 2009. Abschließend sei noch auf das diesjährige Septemberkolloquium des Netzwerks für internationale Aufgaben – Stiftungskolleg und Mercator Kolleg Alumni e. V. hingewiesen. Es findet am 22. September 2009 in Berlin in den Räumlichkeiten der Hertie School of Governance statt. Unter anderem werden Ulrike ­Poppe, eine der führenden Bürgerrechtlerinnen der DDR, und Piotr Buras, Korrespondent der polnischen Zeitung Gazeta Wyborcza, mit aktuellen und ehemaligen Kollegiatinnen und Kollegiaten sowie der interessierten Öffentlichkeit über Fragen der Aufarbeitung und Erinnerung unter einem globalen Blickwinkel diskutieren. Weitere Informationen unter (www.nefia.org).

Eine anregende Lektüre wünscht Kristiane Janeke

1


2

Gastbeitrag Humanity in Action Deutschland e. V.

Gemeinsames Europa, gemeinsame Geschichte, gemeinsames Erinnern? von Simone Müller und Henriette Rytz Im Jubiläumsjahr des Mauerfalls ist es an der Zeit, die Ereignisse der Friedlichen Revolution endlich auch in einem europäischen Rahmen zu sehen, ist die gemeinsame Erinnerung doch wichtiger Teil eines gemeinsamen Europas. Ein erster Ansatz ist das Planspiel Allonia, ein fiktives kommunistisches Land während der politischen Veränderungsprozesse 1989. In diesem Jahr jährt sich zum zwanzigsten Mal der Berliner Mauerfall – und schon jetzt sind wir inmitten zahlreicher Veranstaltungen. Die Betonung des Mauerfall-Jubiläums macht deutlich, wie stark unser gesellschaftliches Gedächtnis an nationale Kategorien gebunden ist. Nationale Geschichte ist jedoch ohne eine regionale und oft auch globale Dimension kaum denkbar. Nicht nur haben sich Grenzen immer wieder verschoben, sondern Interaktion über Grenzen hinweg ist Alltag in Europa und anders­ wo – heute mehr denn je. Bei unserer Begeisterung für das, was 1989 in Deutschland passierte, rücken die zeitgleichen Geschehnisse in anderen Teilen Europas schnell in den Hintergrund. Dass wir Deutschen den Löwenanteil der weltweiten Erinnerung an das Ende des ­Kalten Krieges gepachtet haben, scheint klar, waren es doch die Bilder des Mauerfalls, die um die ganze Welt gingen. Friedliche Revolution made in Germany – ein Qualitätsprodukt, auf das wir stolz sind! Derart eng ist die Konnotation der Berliner Mauer, dass ein Plakat auf dem Weg zum Flughafen Tegel mit der Aufschrift „Berliner, wollt Ihr mal wieder eine Mauer sehen?“ für Flüge nach China werben kann. Und der Besucherandrang im Berliner Checkpoint Charlie Museum, sowie die Enttäuschung der Touristen, wenn sie vergeblich nach (größeren) Resten der Berliner Mauer suchen, zeigt, dass wir nicht allein mit unserem national gefärbten Blick auf das Jahr 1989 dastehen.

Diesen verengten Blick auf die Friedliche Revolution heraus­ zufordern und für einen weiteren europäischen Kontext zu ­öffnen, war Ziel einer Studienfahrt nach Berlin mit dem Titel „The Transition from Dictatorship to Democracy: Peaceful ­Revolution‘ as a Simulation Game“ im April dieses Jahres. ­Organisiert wurde das Seminar von Humanity in Action, einem trans­atlantischen Bildungsprogramm und Netzwerk von und für Studierende und Young Professionals, das sich der ­Förderung von Menschen- und Minderheitenrechten widmet (www.humanityinaction.org). Ähnlich vielfältig wie Humanity in Action war auch die ­Zusammensetzung der Gruppe – junge Europäer aus Ost und West sowie Fellows aus den USA – und damit auch die Erinnerung der Teilnehmerinnen und Teilnehmer an die ­Ereignisse von 1989. Ziel dieser Studienfahrt für Nachwuchskräfte der historisch-politischen Erwachsenenbildung war es, ein Planspiel zu entwickeln und damit einen Ansatz für europäisches Erinnern zu schaffen. Die Zusammensetzung der Gruppe stellte zunächst eine Heraus­ forderung dar, war die Erinnerung beispielsweise der pol­ nischen Teilnehmer doch von einem anderen nationalen und ­somit historischen Kontext geprägt, als die der Deutschen oder gar der Amerikaner. Auch innerhalb eines Landes, wie beispielsweise in Ost und West im deutschen Fall, waren unterschiedliche Erinnerungsschwerpunkte gesetzt worden. Schließlich zeichnete sich ein Kontrast zwischen einer europäischen Innen­ ansicht und einer amerikanischen Außenansicht auf die Friedliche Revolution von 1989 ab. Die Herausforderung lag darin, sich dieser unterschiedlichen Narrative bewusst zu werden – nicht um ein internationales Großnarrativ mit dem kleinsten gemeinsamen Nenner zu formen, sondern um sich gegenseitig zu verstehen und Gemeinsamkeiten und Zusammenhänge zu entdecken. Vor allem den deutschen Teilnehmern wurde klar, dass wir dadurch gewinnen können, das Ende der DDR in einen europäischen oder gar inter­nationalen Kontext zu stellen. Anhand von Beispielen, wie die Rolle der Kirchen beim Widerstand oder die Aufarbeitung der Aktivitäten staatlicher Sicherheitsdienste, wurden Brücken zwischen den unterschiedlichen nationalen Sichtweisen geschlagen. Gegen die Mauer (oben) wird 1989 o  in der DDR (mitte) demonstriert

1989 in Westberlin f 


Gastbeitrag Humanity in Action Deutschland e. V.

Die Vielfältigkeit der Teilnehmergruppe stellte also nicht nur eine Herausforderung dar, sondern erwies sich als Bereicherung. Sie erlaubte es, das zu entwickelnde Planspiel in einen euro­päischen und transnationalen Zusammenhang zu setzen und zugleich die US-amerikanische Rolle bei den politischen ­Veränderungsprozessen in Deutschland und Ostmitteleuropa ­einzubeziehen. Mit Allonia, dem fiktiven kommunistischen Land des Planspielszenarios, ist es gelungen, ein Gerüst europäischer Erinnerung zu bauen, was sich gleichzeitig dem jeweiligen nationalen ­Kontext anpassen kann. Allonia kommt ohne eine Mauer aus und wurde bewusst als Mitgliedsstaat eines Commonwealth of the People’s Republics konzipiert. Statt diverse nationale ­Elemente zu einem europäischen Erinnerungsbrei zu ver­mischen, ist so ein Geflecht internationaler Multiperspektivität ent­ standen. Die Diskussion darüber bleibt übrigens nicht auf den kleinen Kreis der Seminargruppe begrenzt, sondern wird nach Europa ­hinausgetragen – nach einer erfolgreichen Präsentation auf dem Berliner Geschichtsforum im Mai sind bereits weitere ­Simulationen in Göteborg und Poznan geplant. Die Studienfahrt und die Beobachtungen im Jubiläumsjahr des Mauerfalls haben deutlich gemacht, dass unser Erinnern nach wie vor stark national geprägt ist. Erinnerung innerhalb nationaler Kategorien leistet einen wichtigen Beitrag zur Formung unserer nationalen Identitäten, die uns helfen zu verstehen, woher wir kommen, wohin wir gehen, und wie Geschichte uns und unser Umfeld prägt. Der Fall der Mauer ist also unbestritten ein wichtiger Meilenstein für Deutschland, symbolisiert er doch das Ende einer geteilten Geschichte. Ausschließlich nationale Erinnerung birgt jedoch die Gefahr, die das Prädikat „national“ stets mit sich bringt – die Definition des Eigenen über die Aus- und Abgrenzung vom Anderen. Wir sitzen dann der Vorstellung auf, historische Ereignisse wären an nationale Container gebunden und würden sich nur in diesen reproduzieren. Ein Nachdenken darüber, wie sich negative Entwicklungen künftig verhindern und positive (wie die friedliche Überwindung einer Diktatur) wiederholen lassen, wird erschwert beziehungsweise unmöglich gemacht. Berliner Geschichtsforum im Mai 2009, gefördert durch die Bundesstiftung s  zur Aufarbeitung der SED-Diktatur in Kooperation mit dem europäischen DARE Network.

Europäisch oder gar global zu erinnern führt zur Hinterfragung der etablierten nationalen Rollen. Indem wir unseren nationalen Erinnerungsrahmen verlassen, können wir einfache ­Einteilungen in „Opfer/Täter/Unbeteiligte“ aufgeben und uns aktiv damit auseinandersetzen, was zu bestimmten historischen ­Ereignissen geführt hat, und was wir daraus lernen können. Es erlaubt uns, unsere Nachbarn besser kennen zu lernen und zu verstehen. Schließlich kann Europa nur zusammenwachsen, wenn wir über unsere gemeinsame Geschichte auch gemeinsam reden. Vielleicht erweist sich ja die Euphorie im Jubiläumsjahr des Mauerfalls als guter Ausgangspunkt für einen solchen Dialog!

Simone Müller, Jg. 1982, ist seit Juni 2009 Vorstandsmitglied im Senior Fellow Netzwerk Humanity in Action Deutschland. Zurzeit ist sie wissenschaftliche Mitarbeiterin am John F. Kennedy Institut für Nord­ amerikastudien der Freie Universität Berlin und arbeitet an ihrer Doktorarbeit zum Thema „Transatlantic Telegraphs and the Wiring of the World“ innerhalb der DFG-Forschergruppe (Deutsche Forschungsgemeinschaft) „Akteure kultureller Globalisierung, 1860–1930“. Sie studierte Geschichte, Amerikanistik, Soziologie und Politik in Würzburg, am Davidson College North Carolina und an der H ­ arvard University.

Henriette Rytz, Jg. 1979, ist Senior Fellow des Netzwerks Humanity in Action. Nach Abschluss ihres Studiums der Internationalen Beziehungen war sie Congressional Fellow im US-amerikanischen Repräsentantenhaus und arbeitete von 2006 bis 2009 als Forschungsassistentin an der Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin. Derzeit ist sie Gast an der Yale ­University und untersucht dort in ihrem Dissertationsprojekt den Einfluss ethnischer Interessengruppen auf die Außenpolitik der USA.

3


4

Naher Osten

Binarrative Geschichtsbücher Oder wie bringe ich unterschiedliche Wahrnehmungen einer gemeinsamen Geschichte zusammen? von Christoph Lüttmann In Zeiten politischer Konflikte entwickelt sich das Geschichtsverständnis der jeweiligen Konfliktparteien auseinander. Der Umgang mit Geschichte kann in einer solchen Situation Auseinandersetzungen entweder zusätzlich anheizen oder entspannen. Erst wenn es gelingt, die verschiedenen Versionen einer geteilten Geschichte zuzulassen und einander wieder näher zu bringen, kann nachhaltiger Frieden entstehen. Eine ausführliche Auseinandersetzung mit politischen Konflikten, ob im Rahmen der Arbeit, bei Aufenthalten „im Feld“ oder aus persönlichem Interesse, hat mir zunehmend die ­Bedeutung von Geschichte für die Dynamik von Konflikten aufgezeigt. Geschichte ist nicht nur die Chronologie von Begeben­heiten und auch Auseinandersetzungen, sondern selbst eine potentielle Quelle für Konflikte – auch unsere eigene. Die Darstellung und Deutung vergangener Ereignisse ist stets eine politische Stellungnahme und kann neue Konflikte ent­ stehen lassen oder bestehende verschärfen. Gleichzeitig exis­ tiert ­jedoch auch die Möglichkeit, konkurrierende Geschichts­ verständnisse wieder zusammen zu bringen. Dies zeigen Beispiele im Umgang mit dem Nahostkonflikt und mit der Geschichte des Zweiten Weltkriegs. Im Falle des Nahostkonflikts, wie auch in anderen lang ­an­dauernden Konflikten, neigen Gesellschaften dazu, ein Geschichtsverständnis zu entwickeln und zu verbreiten, das auf Feindbildern basiert – die Israelis gegen die Palästinenser. ­Dieses Geschichtsverständnis findet Einzug ins tägliche Leben, in nationale und religiöse Feiertage, die Medien, die Sprache und auch in Bücher. Schul- und vor allem Geschichtsbücher sind in diesem Kontext eine Art Konfliktbarometer und formen Erinnerungskultur, weil sie die kollektive Identität definieren, die an die nächste(n) Generation(en) weitergegeben wird.

Ein Blick in die Geschichtsbücher der Israelis und Palästinenser zeigt, wie gegensätzlich die Darstellung derselben Zeiträume und der – im doppelten Sinne – geteilten Geschichte sein kann. Was auf der einen Seite im positiven Licht erscheint, findet sich auf der anderen als negative Darstellung – des Einen Erfolg ist des Anderen Niederlage, des einen Freiheitskämpfer ist ein Terrorist für die Anderen. Besonders offensichtlich ist dieser Gegensatz in der Bezeichnung des Kriegs von 1948: Auf der ­israelischen Seite spricht man von „War of Independence“ und auf palästinensischer Seite von „Al-Naqbah“, der Katastrophe. Und während der Holocaust in palästinensischen Geschichtsbüchern kaum existiert, wird auf israelischer Seite das palästinensische Trauma der Vertreibung ignoriert. Solche gegensätzliche Narrative gab und gibt es auch in anderen Konflikten, sei es zwischen Deutschen und Franzosen, zwischen Hutu und Tutsi, in Nordirland, oder auf dem Westlichen Balkan. Im Falle Israels und Palästinas beschlossen Sami Advan und Dan Bar-On, die Gründer des Peace Research Institute in the Middle East (PRIME), zu Zeiten der zweiten Intifada (2000–2005), den unterschiedlichen Geschichtsverständnissen etwas entgegen zu setzen. Sie begannen im Jahr 2002 mit einer paritätisch besetzten Arbeitsgruppe von Palästinensern, Israelis und internationalen Delegierten, ein binarratives Geschichtsbuch zu erarbeiten. Dabei gingen sie davon aus, dass die Geschichtsverständnisse von Israelis und Palästinenser zu weit auseinander liegen, um diese zu einer gemeinsamen Geschichte vereinen zu können. Das binarrative Geschichtsbuch stellt daher beide Versionen der Geschichte vor, um die jeweils andere Sichtweise und deren eigene Rechtfertigung aufzuzeigen. Zu denselben historischen Ereignissen des Konflikts befindet sich auf jeder Seite eine Spalte mit der palästinensischen und eine mit der israelischen Sichtweise. Dazwischen gibt es eine dritte, freie Spalte für eigene Kommentare, Fragen oder weitere Sichtweisen. Das langfristige Ziel von Sami Advan und Dan Bar-On war nicht die dauerhafte Festschreibung unterschiedlicher Geschichts­ wahrnehmungen, sondern eine Verbindung zwischen den gegen­ sätzlichen Darstellungen herzustellen. Auslöser für diese kreative Zwischenlösung war die anhaltend festgefahrene politische Situation im Nahostkonflikt.


Naher Osten

Von den Israelis erbaute Mauer zwischen i 

Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem, 2007 i 

den palästinensischen und israelischen Einflussgebieten zwischen Jeursalem und Nablus, 2007

Bisher wird das binarrative Geschichtsbuch von beiden Regierungen ignoriert und dessen breiter Einsatz aktiv verhindert und verboten. Vereinzelt und in immer mehr Schulen ist es ­jedoch schon in Gebrauch. Auch in Europa wird das binar­rative Geschichtsbuch, inzwischen in mehrere Sprachen übersetzt, benutzt, vor allem um das Konfliktpotential zwischen Muslimen und Juden auch außerhalb des Nahen Osten zu entschärfen. Das Konzept hat sich insgesamt als eine gute Herangehensweise für interethnische, religiöse und sezessionistische Konflikte er­ wiesen und findet zunehmend Anwendung in anderen Regionen, so zum Beispiel im Baskenland. Auch auf dem Westlichen Balkan bietet sich der Einsatz an: Die Geschichte aller Bevöl­ke­ rungsgruppen auf dem Balkan ist direkt miteinander ver­ bunden, doch die Geschichtsdeutung klafft auseinander. Bisher haben binarrative Auseinandersetzungen mit der geteilten ­Geschichte jedoch nur in einzelnen Veranstaltungen statt­ gefunden, etwa in einem mazedonisch-albanischen Pilotprojekt der Universität Skopje.

5

Wenn wir selbst noch nach Jahrzehnten unterschiedliche ­Versionen der Geschichte mit unseren Nachbarn diskutieren zeigt dies, dass nicht nur Zeit vergehen muss, um zu einer ­nachhaltigen Versöhnung zu kommen, sondern es darüber ­hinaus eines bewusst Konflikt vermeidenden Umgangs mit der Vergangenheit bedarf. Auch wir sind im weiteren Sinne ein „Post-Konfliktland“. Unsere Erfahrungen auf dem Weg zur „Entwaffnung der Geschichte“ (Bar-On) werden bereits ­anderen Ländern zugänglich gemacht und könnten in weiteren Regionen ein Anstoß zur Versöhnung sein. Allerdings sollten diese Prozesse auf gleicher Augenhöhe stattfinden, denn dies ist die Voraussetzung für einen Dialog der Geschichten.

Einen Schritt weiter in der Geschichtsschreibung sind Deutschland und Frankreich. Beide Länder sind sich in den fast 70 Jahren seit dem Zweiten Weltkrieg in der versöhnenden Geschichtswahrnehmung große Schritte näher gekommen. Seit 2006 gibt es, trotz schwieriger Verhandlungen, ein gemeinsames, deutsch-französisches Geschichtsbuch. Wie konfliktgeladen das Zusammenbringen verschiedener ­Geschichtswahrnehmungen nach einer solchen Zeitspanne dennoch sein kann, haben die Arbeiten des deutsch-polnischen Projekts gezeigt: Die erste Ausgabe des deutsch-polischen ­Geschichtsbuchs wurde wegen Vorwürfen der Geschichts­ verfälschung in eine weitere Über­arbeitung geschickt.

iKriegsruine in Mostar, östliche Flußseite, 2007 Mauergraffiti in Hebron, 2007 f  Israelische Siedlung zwischen Jerusalem und Hebron, 2007 d  Israelischer Checkpoint in den palästinensichen Gebieten/Westjordanland s  zwischen Jerusalem und Nablus, 2007

Christoph Lüttmann, Jg. 1981, war 2005/06 als Stipendiat des CarloSchmid-Programms im Sekretariat der Vereinten Nationen in New York tätig. Danach arbeitete er bei der Analyse-Einheit des Zentrums für ­internationale Friedenseinsätze in Berlin. Seit Anfang dieses Jahres unterstützt er als Mediation Project Manager beim CSS Project for Integrative Mediation in Berlin lokale Entscheidungsträger auf dem Balkan bei der Lösung ihrer Konflikte


6

Zeitzeugen-Gespräch

„Es wehte einfach ein freierer Geist…“

Ludwig Mehlhorn, geboren 1950 in Bernsbach, Erzgebirge. Seit seinem ersten Sommerlager in den Masuren 1970 im Rahmen der Aktion Sühnezeichen Friedensdienste mit Polen eng verbunden, in der DDR ab 1975 in verschiedenen Friedens- und ­Menschenrechtskreisen aktiv, leitete in den 80er Jahren Seminare für die Aktion Sühnezeichen in Berlin und übersetzte Schriften der polnischen Opposition ins Deutsche, Herausgeber und Autor illegaler Publikationen wie „Aufrisse“, „Spuren“, „ODER“, zwischen 1981 und 1987 Auslandsreiseverbot, im Sommer 1989 Mitinitiator der Stiftung Kreisau für Europäische Verständigung, im September 1989 Mitbegründer der Bürgerbewegung „Demokratie Jetzt“, seit 1992 Studienleiter für Ostmitteleuropa an der Evangelischen Akademie zu Berlin. Ludwig Mehlhorn erhält 2009 den Dialog-Preis der Deutsch-Polnischen Gesellschaften. ad hoc: Ludwig, wenn du dich an das Jahr 1989 erinnerst, wie würdest du die Wechselbeziehungen zwischen den Ereignissen in Polen und in der DDR beschreiben? Hat sich die Oppo­sitions­ bewegung in der DDR etwas von Polen abgeschaut? Ludwig Mehlhorn: Durchaus, aber in den Organisations­ versuchen der Opposition der DDR wirkten neben polnischen auch tschechische und russische Muster. In Polen wurde seit Mitte der 70er Jahre der Ansatz verfolgt, sich als demokratische Opposition offen zu organisieren, das heißt nicht mehr rein konspirativ und verdeckt zu arbeiten. Es begann 1976 mit KOR, einer Gruppe der Bürgerrechtsbewegung in Polen, aber auch in anderen Milieus. So schufen sich die Studenten einen unabhängigen Studentenverband, in Arbeiterkreisen entstanden die Zellen freier Gewerkschaften, die Keimformen von Solidarność ­waren. Schriftsteller und Künstler unterliefen mit der Gründung von Selbstverlagen die staatliche Zensur. Jacek Kuroń hatte nach den Streiks 1976 an die Arbeiter das Motto ausgegeben: „Zündet keine Komitees an, sondern gründet Eure eigenen.“ Es war für mich eine ganz wichtige Erkenntnis, dass die Methode funktionierte, die man früher oder später auch auf die DDR übertragen musste. Man kommt damit heraus aus dem privaten Raum und löst sich von dem nutzlosen Versuch, mit dem Staat ständig irgendeinen Schein­ dialog zu führen. Stattdessen gewinnt man eigenes Profil und kann selbstbestimmt handeln.

„… in den Organisationsversuchen der Opposition der DDR wirkten neben polnischen auch tschechische und russische Muster“ ad hoc: Wie hat sich das 1989 konkret ausgewirkt? Ludwig Mehlhorn: Niemand konnte sich zu Beginn vor­ stellen, wie die Welt am Ende dieses Jahres aussehen würde. Aus den ersten Wochen des Jahres 1989 stammte der Satz von ­Erich Honecker, dass die Mauer noch 100 Jahre bestehen würde, sofern die Ursachen fortdauerten, die zu ihrer Erbauung geführt haben. Doch schon vielen Menschen war im Frühjahr 1989 bewusst, dass die Chancen gut sind, dass man wirklich was ändern kann. Es wehte einfach ein freierer Geist als in den Jahren zuvor, die Repressionsfähigkeit des Regimes hatte nachgelassen, und man musste nicht mehr so große Angst haben, gleich ins Gefängnis zu kommen oder ausgewiesen zu werden. Natürlich wurde weiter schikaniert, aber man merkte schon eine zunehmende Verunsicherung. Die halbfreien Wahlen Anfang Juni in Polen waren das politische Signal, das zeigte: Die Kommunisten werden ihren alleinigen Führungsanspruch nach und nach ­aufgeben müssen.


Zeitzeugen-Gespräch

ad hoc: Wie Deutschland gedenkt auch Polen aktuell vieler Jahres­ tage. Was meinst du, ist in diesem Jahr das wichtigste Datum, an das erinnert wird? Ludwig Mehlhorn: September 1939 ist ein Schlüsseldatum des 20. Jahrhunderts für Polen: 70 Jahre seit dem Beginn des Krieges, Zerstörung der Zweiten Republik durch totalitäre ­Regime aus dem Westen und dem Osten, infolge des Hitler-­ Stalin-Pakts praktisch die Vierte Teilung Polens – für viele Ge­ nerationen ein Trauma, das in der geschichtlichen Erinnerung nach wie vor mächtig ist. Wichtig ist der schon erwähnte Umbruch im Juni 1989 durch die ausgehandelten Wahlen am 4. Juni. Möglicherweise kristallisiert sich dieser Tag als entscheidendes Datum heraus, an dem in Polen das Ende des Kommunismus festgemacht wird. Es gab jetzt sogar Diskussionen, den 4.  Juni zu einem offiziellen Feiertag, einem „Tag der Freiheit“, zu machen. Das wäre ein Nationalfeiertag, der mit einem ausgesprochen positiven Inhalt gefüllt ist, und nicht mit der Erinnerung an eine Niederlage.

„In Polen wird heute allenthalben beklagt, Europa habe zu wenig im Bewusstsein, dass Polen die ersten Schritte zur Ablösung des Systems gegangen ist. Das stimmt …“ ad hoc: Hältst du das für eine gute Idee? Ludwig Mehlhorn: Ich würde mir das wünschen, gerade weil es Polen in den 20 Jahren nach 1989 nicht verstanden hat, Solidarność zu einem europäischen Freiheitsmythos zu machen. In Polen wird heute allenthalben beklagt, Europa habe zu wenig im Bewusstsein, dass Polen die ersten Schritte zur Ablösung des Systems gegangen ist. Das stimmt leider, eben auch deshalb, weil bestimmte politische Kräfte in Polen selbst die moralischen ­Autoritäten der demokratischen Opposition systematisch demontiert haben. Beispielsweise kann man nicht erwarten, dass die Solidarność einerseits anerkannt wird, andererseits aber Lech Wałęsa, das Symbol dieser Bewegung und als Friedens­ nobelpreisträger die bekannteste damit verbundene Figur, ­gleichzeitig wegen geheimdienstlicher Bagatellkontakte in den frühen 70er Jahren an den Pranger gestellt wird.

7

ad hoc: Für Deutschland ist 1989 sehr stark mit dem Fall der Mauer verbunden. Wie wird diese Konzentration auf den Mauer­ fall in Polen wahrgenommen? Ludwig Mehlhorn: Polen hätte gerne, dass der eigene Beitrag zu diesem Mauerfall stärker gewürdigt wird, und ich finde diesen Wunsch berechtigt. Man versteht aber auch in Polen, dass die Berliner Mauer nicht nur ein Symbol des Kommunismus in der DDR war, sondern das Symbol für die Spaltung des ganzen Kontinents, damit für eine bestimmte geopolitische Weltsituation, die 40 Nachkriegs­jahre andauerte. Und wenn dieses Symbol sich faktisch in einer Nacht ins Nichts auflöst, noch dazu faszinierende Fernsehbilder liefert, dann ist völlig klar, dass sich dieses Bild als Ikone für das Jahr 1989 weltweit durchsetzt. ad hoc: Im nächsten Jahr bist du seit 40 Jahren mit Polen eng verbunden. Wenn du dein damaliges Polenbild mit deinem ­heutigen Bild vergleichst, was sind Ideen oder Themen, die für dich Polen ausmachen? Ludwig Mehlhorn: Als ich zum ersten Mal nach Polen kam, war ich völlig ahnungs­los, aber auch neugierig, ich hatte wahrscheinlich zunächst ein sehr romantisches und idealistisches Polenbild, bis hin zu dieser Spur von Verliebtheit, die mit etwas Wahnsinn verbunden ist und nicht alles rational kontrolliert. Das hing vor allem mit meiner Verbindung zu den Kreisen des liberalen und ökumenisch offenen Katholizismus und der demokratischen Opposition zusammen, Gruppen, von denen man Denkanstöße bekam und mit denen man sich sehr gut identifizieren konnte. Dass die Gesellschaft in ihrer Breite sehr viel differenzierter ist, der Ton in der Publizistik zum Teil rauer als in Deutschland, habe ich erst in den Jahren nach 1989 wahrgenommen. Insofern habe ich eine Entwicklung von neugieriger Ahnungslosigkeit, über romantischen Idealismus zu einem – wie ich hoffe – heute einigermaßen realistischen Bild genommen. Aber was durchgängig ist und mich bei Polen immer noch fasziniert, ist dieser unbeugsame Freiheitswille und die Fähigkeit, bei aller Ruppigkeit der Politik im sozialen Leben miteinander auszukommen. Das Interview führte Ulrike Kind unter Mitarbeit von Nadia vom Scheidt.

f Im Museum des Warschauer Aufstands, Warschau 2008

s Ausstellung auf dem Berliner

Alexanderplatz zur Friedlichen Revolution 1989, Berlin 2009

Ulrike Kind, Jg. 1969, studierte Politikwissenschaft, neueste Geschichte, öffentliches Recht in Heidelberg, Aix-en-Provence und Bonn und absolvierte ein Polnischstudium in Polen und Mainz. Sie war 1997/98 Stipendiatin des Stiftungskollegs mit einem Projekt in Polen. Es folgten Tätigkeiten bei der Polnischen Robert Schuman Stiftung in Warschau, als persönliche Mitarbeiterin von Prof. Wladyslaw Bartoszewski und als Projektleiterin bei Socius Organisationsberatung und bei der Europäischen Akademie in Berlin. Danach war sie Referentin in der Bundesgeschäftsstelle der Evangelischen StudentInnengemeinde, Berlin. Seit September 2008 ist sie Studienleiterin für Europäische Dialoge und Jugendbildung an der Evangelischen Akademie zu Berlin. Daneben arbeitet sie als Polenkorrespondentin der Zeitschrift Herderkorrespondenz.


8

Europäisches Grünes Band

Die Umwandlung des Eisernen Vorhangs in ein Europäisches Grünes Band von Andrea Strauss Die Initiative des Europäischen Grünen Bandes fördert ­grenzüberschreitende Zusammenarbeit entlang des ehemaligen ­Eisernen Vorhangs. Ziel ist die Umwandlung des früheren ­„Todesstreifens“ in das Rückrat eines ökologischen Netzwerkes. Von der Barentssee im Norden bis zu Adria und Schwarzem Meer im Süden Europas, sollen die Grenzbereiche ein Symbol für grenzübergreifende Zusammenarbeit in Naturschutz und nachhaltiger Regionalentwicklung werden. Als der Eiserne Vorhang mit dem Ende der 80er Jahre zu­ sammenbrach, bedeutete dies mehr als das Ende des Kalten Krieges, mit seinen Konfrontationen auf politischen Level. Es bewirkte das Ende von inhumanen Grenzen, getrennten Familien und zerschnittenen kulturellen Traditionen. Der Wandel beendete zudem vielerorts die Restriktionen in den Grenzgebieten, die in ökonomischer Stagnation verharrt hatten und von Entvölkerung geprägt waren. Als eine der wenigen positiven Hinter­ lassenschaften dieser Grenzregime erwiesen sich die Naturgebiete von hohem ökologischem Wert, da sie lange von menschlicher Aktivität fast unberührt geblieben waren. Sie formen heute die Grundlage für grenzüberschreitende Kooperation innerhalb der Initiative des Europäischen Grünen Bandes. Seit dem Jahr 2004 hat die Initiative erste Erfolge im Aufbau eines ökologischen Netzwerkes schützenswerter Naturgebiete erreicht. Dieser Prozess wird von vielen Projekten und Forschungsaktivitäten begleitet, wie zum Beispiel dem Austausch von Wissen und bewährten Methoden zu grenzübergreifendem Naturschutz. Die aus den verschiedensten Bereichen ­stammenden Teilnehmer der Initiative werden auf der Basis eines gemeinsamen Arbeitsprogrammes je nach ihren Interessen eingebunden, und in ein Netzwerk integriert. Die World ­Conservation Union (IUCN) leitet von ihrem SüdosteuropaBüro in Belgrad, Serbien, aus das Sekretariat des Europäischen Grünen Bandes. Sie gewährleistet den Zugang zu Fachwissen und Erfahrungen aus den Expertengruppen der weltgrößten Naturschutz-Organisation. Nationale Ansprechpartner stellen die Verbindung zu den Regierungsebenen her. Die regionalen Koordinatoren für den fennoskandischen Raum – Finnland, Russland und Norwegen – und die Baltischen Staaten (Baltic Fund for Nature), Mitteleuropa (BUND) und Südosteuropa (Euronatur) sind Nichtregierungsorganisationen (NGOs) mit langjähriger Erfahrung in der ­Region, die andere Partner einbinden und ihnen Anregungen zu Projektaktivitäten geben können. Die Initiative lebt jedoch vor allem von der Vielzahl der NGOs, Institutionen, Unternehmern und Einzelpersonen aus den 23 Ländern, die an das Grüne Band angrenzen.

Zu den gemeinsam umgesetzten Aktivitäten gehören regel­ mäßige Arbeitstreffen, der Aufbau einer gemeinsamen GeoDatenbank, Projekte zu zivil-militärischer Kooperation von Grenzpolizei und Naturschutz und weitere Aktivitäten auf der lokalen, regionalen und pan-europäischen Ebene. Dabei gilt es noch immer, unterschiedliche organisatorische und legale Rahmenbedingungen in den verschiedenen Regionen zu überwinden. Grenzübergreifende Zusammenarbeit zu fördern bedeutet asymmetrische Situation zu überwinden, indem man gemeinsame Ziele identifiziert und diese im jeweils nationalen Kontext zu erreichen sucht. Anlässlich des 20. Jahrestages des Falles der innerdeutschen Mauer und des Endes des Kalten Krieges lohnt sich ein Rückblick, wie sich die ehemaligen Grenzgebiete in Europa in den letzten zwei Jahrzehnten entwickelt haben: Im fennoskandischen Teil des Netzwerkes fiel wegen der um Neutralität zwischen den Blöcken bemühten Außenpolitik Finnlands die finnischrussische Grenze nie unter dem Begriff des Eisernen Vorhangs. Jedoch sind diese Grenzen bis heute streng bewacht, da die Region nun eine EU-Außengrenze ­darstellt. Sowohl auf russischer als auch finnischer Seite sind heute große Flächen der berühmten Taigawälder unter Schutz gestellt. Andererseits werden die Wälder der Region an anderen Stellen in immer stärkerem ­Ausmaß intensiv forst­wirtschaftlich genutzt. Im Gegensatz zum nördlichsten Teil des Grünen Bandes wurde die baltische Küste seit den 90er Jahren geöffnet und befindet sich in einem rapiden Entwicklungs­prozess, vor allem in der Tourismus­ branche. Wo vor einigen Jahrzehnten noch Militär an den Stränden patrouillierte und großflächige Gebiete für militärische ­Nutzung gesperrt waren, ­erholen sich heute Urlauber an der Ostseeküste. Neben dem Tourismus sind weitere Aspekte ­intensiver Zusammenarbeit für die Ostseeanrainer der Küstenschutz, Wasserverschmutzung und Fischerei. In Mitteleuropa sind die Grenzen in den vergangenen zwei Jahrzehnten sehr durchlässig geworden. Die frühere, wohl am stärksten bewachte Grenze zwischen Ost- und Westdeutschlands, existiert nicht mehr. In den früheren Grenzgebieten sind an vielen Stellen Schutzgebiete entstanden, deren Einrichtung durch die europäische „Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie“ ge­ fördert wurde.


Europäisches Grünes Band

Auf dem Balkan war der Eiserne Vorhang während des ­Kalten Krieges von unterschiedlicher Gestalt. Während Albanien stark isoliert und abgegrenzt war, waren die Grenzregionen des früheren Jugoslawiens zeitweise weitaus durchlässiger. Den Grenzgebieten der Region ist jedoch gemein, dass sie im ­Völkergemisch des Balkans häufig keine kulturellen Grenzen darstellen. Auf Grund der anhaltenden Konflikte gibt es in der Region einen hohen Bedarf an friedenssichernden und ­konfliktvermeidenden Maßnahmen. Hierbei kann grenzübergreifende Zusammenarbeit und das Bewusstsein des gemeinsamen Naturerbes seinen Beitrag leisten. In der Region hat die bestehende bzw. angestrebte EU-Mitgliedschaft schon zu Fortschritten auch in Naturschutz und Regionalentwicklung geführt. In einigen Bereichen wird die Natur der Grenzgebiete durch unregulierte Tourismus- und Industrieentwicklung jedoch auch geschädigt. Besonders hier reicht die bloße Einrichtung von Schutzgebieten nicht aus, wenn nicht gleichzeitig konkrete und realistische alternative Einkommensquellen für die örtliche Bevölkerung geschaffen werden. Die vergangenen 20 Jahre haben Erfolge beim Schutz und bei der nachhaltigen Nutzung des Naturerbes des ehemaligen Eisernen Vorhangs gezeigt. Allerdings trafen die Ansätze zum Exkursion von Grenzpolizei f  und Naturschutzakteuren im Schutz der Natur nicht immer auf die Begeisterung der LandGrenzgebiet Mazedonienbesitzer und lokalen Gemeinden. Umso wichtiger war und ist Albanien-Kosovo (links und oben) es, ihnen den Wert dieses ökologischen Netzwerkes und sein Potential für Regionalentwicklung zu verdeutlichen und in Modellprojekten, zum Beispiel zur Vermarktung von ­regionalen Produkten zu demonstrieren. Grenzbunker im i 

Naturschutzgebiet

Schweden

Im Jubiläumsjahr 2009 erinnern zahlreiche Aktivitäten an die Geschichte und die heutigen Potentiale des Europäischen Grünen Bandes. Dazu gehört die Ausstellung „Das Grüne Band Europas: Grenze.Wildnis.Zukunft“ in der europäischen Kulturhauptstadt 2009, Linz, sowie eine Studienfahrt zur früheren innerdeutschen Grenze im Juli 2009 durch Ehemalige des Stiftungskollegs.

Finnland

Norwegen

Estland Russland Lettland

Dänemark p

Litauen Niederlande s Belarus

Belgien s Polen

Deutschland f  Luxemburg Frankreich Schweiz

Tschechische Republik

Österreich

Ukraine Slowakei

f  Moldavien

Ungarn

Italien

Bosnien Herzeg.

Naturschutz, beschäftigte sich schon als Stiftungskollegiatin 2005/06 mit der grenzübergreifenden Zusammenarbeit von Schutzgebieten entlang des ehemaligen Eisernen Vorhangs. Im vergangenen Jahr übernahm sie die Koordination der ­Initiative des Europäschen Grünen Bandes. Inzwischen arbeitet sie für die Michael-

Rumänien Kroatien

Andrea Strauss, Jg. 1977, Landschaftsökologin mit Schwerpunkt Internationaler

Succow-Stiftung an Projekten zu Naturschutz, Klimaschutz und nachhaltiger ­Regionalentwicklung in Belarus, Ukraine und Russland.

Serbien

Montenegro o

Bulgarien d Mazedonien

Albanien Griechenland

Türkei

9


10

Interview

„Erinnerung im globalen Zeitalter“ Daniel Levy ist Dozent für Soziologie an der Stony Brook University in New York. Als politischer Soziologe beschäftigt er sich mit Fragen der Globalisierung, der kollektiven Erinnerung und der geschichtsvergleichenden Soziologie. In seinem derzeitigen Projekt wird die globale Ausbreitung von Menschenrechtsnormen und deren Bedeutung für Fragen nach der Legitimation von (National-)Staaten untersucht. Das Ergebnis dieser Nachforschungen ist die Monographie „Memory and Human Rights“ ­(zusammen mit Natan Sznaider), die in Kürze erscheint (Penn State University Press). Weitere Information zu seiner Arbeit unter: http://www.sunysb.edu/sociol/?faculty/Levy/levy ad hoc: In 2001 you and Natan Sznaider published a book on memory in the global age. One of your empirical focal points was how Holocaust memory in Germany has changed over the last six decades and how it gradually became a commemorative ­European benchmark. How do you explain this transition? Daniel Levy: Our main argument was that with the end of the Cold War, memories of the Holocaust became a moral reference point for nation-transcending forms of commemoration and European memory in particular. We introduced the concept of cosmopolitanized memories, a memory practice transforming ethnic and national boundaries, to capture this development. Cosmopolitanism refers to a process of “internal globalization” through which global concerns become part of local experiences of an increasing number of people. Global media representations, among others, create new cosmopolitan memories, providing new epistemological vantage points and emerging moral-political interdependencies. It is precisely the abstract nature of ‘good and evil’ that symbolizes the Holocaust, which contributes to the extra-territorial quality of cosmopolitan memory. ad hoc: How do you think the centrality of Holocaust memory relates to the new expanded Europe? Daniel Levy: Much has happened since we conceived of that book during the late 1990s. And in many ways the expansion of Europe has led to a “Clash of Memories.” European integration has become a barometer for disagreement in Europe, and one that is ­especially pertinent in the context of European expansion. Here the divergent historical memories of existing (and prospective) EU member states are largely ignored. Faced with this non-recognition, many of the new member states from the East seek to garner legitimacy for their particular experiences and memories. Most notably, they disavow the centrality of the Holocaust at the expense of their own victimhood under Stalinism.

ad hoc: Given this contestation, do memories of the Holocaust hold any currency outside of Europe? Daniel Levy: The Holocaust has been confronted by various forces, which have attempted to universalize it, to particularize it, and to ­nationalize it. But now memories of the Holocaust exist on a global level. Its strength as a global collective memory has been powered and maintained precisely through the fiery interaction between the local and the global. We argue that this dual process of particularization and universalization has produced a symbol of cosmopolitanized memory–one that does not replace ­national collective memories but exists as their horizon.

“And in many ways the expansion of Europe has led to a ‘Clash of Memories.’” ad hoc: Can you give some global examples for this deployment of Holocaust memories? Daniel Levy: References to the Holocaust abound in debates about slavery and colonialism. Many African intellectuals borrow from a Holocaust vocabulary to advance their claims about ­European guilt and reparations. African Americans’ demands for reparations for slavery frequently invoke references to the way Jewish organizations negotiated reparations with Germany. In China, memories of the Holocaust are associated with the ­Japanese massacre in Nanking; and the United Nations’ ­war-crimes tribunal for Rwanda referred to the Holocaust ­explicitly in a media trial when it accused three men of inciting Hutus to murder Tutsis and moderate Hutus, to name but a few. It is the above­mentioned universal nature of evil associated with the Holocaust that fuels its metaphorical power and ­allows it to be appropriated with reference to human-rights abuses that bear little resemblance to the original event.


Interview

ad hoc: What then, in your opinion, is the contemporary sig­­ nificance of global Holocaust memory? Daniel Levy: Initially, revulsion about the Holocaust was prominent in Europe, as shown by Europeans’ continuously negative attitudes toward nationalism. However, in our subsequent research, which will be published next year in a book entitled “Memory and Human Rights”, we analyze in detail how during the last two decades the Holocaust has been reconfigured as a decontextualized event ­oriented toward nation-transcending symbols and meaning systems such as the United Nations’ ­Universal Declaration of Human Rights. Memories of the H­olocaust helped shape the articulation of a new rights culture. Once that culture was in place, however, it no longer needed to rely on its original articulation to take on strong normative powers. Holocaust memory and the new rights culture have been mutually ­constitutive. The Holocaust is now a concept that has been ­dislocated from space and time, resulting in its inscription into other acts of injustice and other traumatic ­national memories across the globe.

“… the Holocaust has been ­reconfigured as a decontextualized event …” ad hoc: Does this global development have implications for ­conducting international affairs? Daniel Levy: In the aforementioned book, we discuss the nexus of memory politics, human rights and the transformation of nation-state sovereignty. We argue that historical memories of past failures to prevent human rights abuses have become a primary ­mechanism through which the institutionalization of human rights idioms and their legal inscription during the last two ­decades have transformed sovereignty. The global proliferation of human rights norms, is driven by the public and frequent, ritualistic attention to memories of their persistent violations. The emergence of this global cultural “memory imperative” finds its expression in a set of political and normative expectations to engage with past injustices. As I indicated above, memories of the Holocaust have evolved into a universal code that is now synonymous with an imperative to address past injustices (both legally as well as in commemorative terms).

11

“… historical memories of past failures to prevent human rights abuse …’” ad hoc: Your description of the globalization of the Holocaust might raise concerns about denying its uniqueness. How would you address such concerns? Daniel Levy: Our thesis has indeed elicited strong reactions, especially those concerned that historical facts and causalities are replaced by de-historicizing modes of commemoration. And some of the aforementioned global examples may indeed suggest a shift from the singular “Holocaust” to a more metaphorical “Holocaust” representing human rights violations in general. We can see a paradox here: the more universal (and pedagogical) the “lessons of ” the Holocaust become, the less they are connected to the event itself. However, this is not a normative statement on our part, but the analytic conclusion we draw from our ­research. Debates about hierarchies of ­victims, uniqueness, and whether an atrocity can be called genocide, to name but a few of the tropes that characterize this discussion, are part of the politics of memory. One way of ­tackling the de-contextualization of particular memories of human rights abuses and their universal re-appropriation is by keeping in mind the distinction between who is remembering and what is remembered. But ultimately there is no safe-guard against the differential meaning making which is an inherent element of memory work.

“… shift from the singular ‘Holocaust’ to a more ­metaphorical ‘Holocaust’ …” Das Interview führte Daniel Maier.

Daniel Maier, Jg. 1977, studierte Politikwissenschaft in Leipzig, Paris und Berlin. Nach dem Studium arbeitete er 2003/04 als Stipendiat des Carlo-Schmid-­ Programms beim United Nations Office of Project Services zunächst in New York und anschliessend in Kabul, unter anderem. in der Vorbereitung der Wahlen 2004 und 2005 sowie im Aufbau ländlicher Infrastruktur. Seit Herbst 2007 ist er als Programme Specialist im Büro für Krisenprävention und Wiederaufbau des Entwicklungs­programms der Vereinten Nationen (UNDP-BCPR) im Bereich Katastrophenvorsorge tätig.


12

Vergangenheitspolitik

Vergangenheitspolitik: Zwischen Aktenstaub und Massengräbern Ein Blick über den deutschen Tellerrand von Sebastian Gräfe Die Aufarbeitung der letzten Diktatur in Deutschland bleibt im internationalen Vergleich singulär. Die Machtverhältnisse nach Regimewechseln setzen ambitionierter Vergangenheitspolitik oft Grenzen. Geschichten von ‚hinter der Mauer‘ und über die Montags­ demonstrationen in meiner Heimatstadt Leipzig fesseln Freunde und berufliche Bekannte hier in den USA. Die Friedliche Revolution und die Wiedervereinigung ermöglichten die Schaffung gesetzlicher Grundlagen zur Aufklärung und Strafverfolgung von Unrecht und einen bisher nicht erlebten Elitentransfer. Die Stasiunterlagenbehörde machte 160 Kilometer Aktenmaterial der Öffentlichkeit zugänglich und half bei der Überprüfung von mehr als 1,7 Millionen Mitarbeiter im Öffentlichen Dienst. Gerichte verurteilten mehr als 750 Männer und Frauen wegen Wahlfälschung, Amtsmissbrauch und Korruption, Rechtsbeugung, Gewalttaten an der Grenze oder Stasi-Terror. Westdeutsche besetzten mehrheitlich Spitzenpositionen in Politik, Gewerkschaften, Medien, Justiz, Militär und Universitäten Ostdeutschlands (zum Beispiel Justiz: 92,1  Prozent, Universitäten: 54,8  Prozent). Solch „komfortable“ Bedingungen für den als Transitional ­Justice ­bezeichneten Prozess fanden sich in keinem anderen Land, das kommunistische Herrschaft, Militärdiktatur oder Genozid hinter sich hat. Ob nun in Argentinien oder Peru – oft ist es nur die Zivilgesellschaft, die sich für die Errichtung von Erinnerungsstätten und Wiedergutmachungszahlungen stark macht. Die Bereitschaft zu Entschädigungszahlungen, sei es in Südafrika oder Argentinien, sagt aber noch nichts über den politischen Willen aus, Verantwortliche auch vor Gericht zu stellen.

Gerichtsverfahren gelten nichtsdestotrotz als Hauptmittel der vergangenheitspolitischen Auseinandersetzung. An der Effektivität des Internationalen Strafgerichtshofes und von Spezial­ gerichten wie für die Balkankriege, Ruanda, oder Kambodscha mangelt es nicht an Kritik. Aber allein ihre Einrichtung ist von großer symbolischer Bedeutung. Die juristische Aufarbeitung durch lokale Gerichte leidet oft an mangelhafter Ausstattung wegen fehlenden politischen Willens. Sozialer Friede wird nach Regimewechseln oft mit Amnestie erkauft, ein beispielsweise in Latein­amerika weit verbreitetes Phänomen. So bleibt es Wahrheitskommissionen überlassen, zumindest das Leiden der ­Opfer und die Verantwortung der Täter offen zu legen. Mittel- und Osteuropa erlebte zudem nach 1989 das Bemühen, Vertretern des alten Regimes den Zugang zu politischen Ämtern oder in die öffentliche Verwaltung zu erschweren. Die Ergebnisse fielen sehr unterschiedlich aus. Im Gegensatz zur weitreichenden Öffnung von ostdeutschen Archiven spricht man in anderen ehemaligen kommunistischen Ländern von den „verlorenen“ 20 Jahren. In Bulgarien wurden zum Beispiel die ­Geheimdienstakten erst im Frühjahr 2008 einer unabhängigen Untersuchungskommission übergeben. Ein Blick in die Projektdatenbank der Stiftungskollegiaten zeigt, dass sich viele von uns für Vergangenheitspolitik in all ­ihren Facetten interessieren. Wir leisten dabei nicht nur einen Beitrag zur Professionalisierung und Systematisierung dieses Bereiches. Wir unterstützen auch lokale zivilgesellschaftliche Akteure, die unerlässlich für Aufklärung und Gerechtigkeit kämpfen. Im 20. Jahr nach den Umbrüchen in Europa zeigen die Stiftung Mercator und die Studienstiftung mit ihrer Verpflichtung zur Fortsetzung des Stiftungskollegs, wie wichtig die kontinuierliche Arbeit auch an diesen Themen ist.

Ein verlassener Partisanenfriedhof in der p 

Sebastian Gräfe, Jg. 1974, wuchs in Leipzig auf und befasste sich als Stiftungs­kollegiat 2002/03 mit den EU-Beziehungen zum Iran. Er arbeitet als Programmdirektor für Außen- und Sicherheitspolitik im Washingtoner Büro der Heinrich-Böll-Stiftung.

Stadt Bajram Curri in Nordalbanien. Der Partisanenkampf gegen die faschistischen italienischen und deutschen Besatzer war ein zentraler Gründungsmythos der albanischen Kommunisten.


Albanien

Albaniens schwieriger Umgang mit der kommunistischen Vergangenheit von Johannes Kiersch „Für jeden Menschen kommt einmal der Tag, da ihm scheint, er sei mit der Welt im Reinen, der Kreis habe sich geschlossen, und es mache keinen Sinn mehr, noch weiter auf dem Vergangenen herumzukauen.“ So beginnt der Roman „Die albanische Braut“ des albanischen Schriftstellers Fatos Kongoli. Dessen Hauptfigur Thesar will Anfang der 90er Jahre mit Tausenden anderen Menschen aus Albanien nach Italien fliehen, kehrt jedoch um und macht sich auf die Suche nach seiner Vergangenheit in den Zeiten der kommunistischen Diktatur. Nach dem Zusammenbruch der Regime in Mittel- und Ost­ europa fiel im Winter 1990/91 auch das kommunistische ­System in Albanien, symbolisiert durch den Sturz der Statue des Diktators Enver Hoxha auf dem Skanderbeg-Platz in Tirana. Hoxha hatte das Land vierzig Jahre lang bis zu seinem Tod 1985 mit ständigem Terror regiert und streng abgeschottet. Das Fundament des Denkmals steht bis heute, nun drehen dort Kinder mit kleinen Elektroautos ihre Runden. An vielen Stellen ist die Vergangenheit in Albanien weiter ­gegenwärtig, sichtbar vor allem in Form ungezählter Bunker, die das paranoide Regime zur Abschreckung möglicher Invasoren errichten ließ. Ebenso finden sich verlassene Heldenfriedhöfe und zahlreiche Denkmäler. Manchmal sind dort noch Gedenktafeln zu finden, an anderer Stelle ragen nur Betonstelen in den Himmel. Im Waffenmuseum der Burg von i 

Gjirokastër, Südalbanien, sind noch zahlreiche Artefakte des sozialistischen Realismus zu sehen.

Ehemaliges politisches Gefängnis in der g 

Burg und Stadtansicht mit Graffiti zum 100. Geburtstag von Enver Hoxha in Gjirokastër, 2008.

Auch ehemalige Gefängnisse bezeugen die Vergangenheit. In dem berüchtigten Lager in Spaç in den nordalbanischen Bergen waren vor allem politische Gefangene inhaftiert, die in Minen Zwangsarbeit verrichten mussten und Folter und Willkür ­ausgesetzt waren; viele von ihnen wurden wegen ­„ Agitation und Propaganda gegen den Staat“ verurteilt. Die Gebäude ­wurden inzwischen geplündert und sind verlassen. Zwei unscheinbare Gedenksteine erinnern daran, was hier einmal war. Es scheint, als ob der Umgang mit diesen Relikten im Ungefähren bleibt. Natürlich sind viele Menschen im nach wie vor armen Albanien primär damit beschäftigt, ihren Lebensunterhalt zu verdienen und haben andere Sorgen, als sich mit der Vergangenheit zu befassen. Andererseits gibt es neben Indifferenz durchaus Diskussionen in der albanischen Gesellschaft über die jüngere Vergangenheit, etwa in der Frage der Entschädigung ehemaliger politischer Häftlinge, die – bisher weitestgehend folgenlos – insbesondere zu Wahlkampfzeiten thematisiert wird. Ein weiteres Problem ist der Umgang mit den Akten des ehemaligen kommunis­tischen Geheimdienstes Sigurimi. Dieser kontrollierte und ­terrorisierte die Gesellschaft durch ein engmaschiges Netz von Mitarbeitern und Spitzeln. Seine Aufzeichnungen werden, ­sofern noch vorhanden, bis heute unter Verschluss gehalten. Verschiedene ­politische Initiativen haben noch nicht dazu ­geführt, eine ­Aktenöffnung durchzusetzen. Den zögerlichen Umgang mit der Aufarbeitung der Vergangenheit erklärt der albanische Schriftsteller und Publizist Fatos Lubonja, der selbst viele Jahre in Spaç interniert war, damit, dass die herrschenden Eliten durch ihre Zusammenarbeit mit dem kommunistischen System „Sklaven der Vergangenheit“ sind und kaum Interesse an einer Aufklärung haben.

Partisanendenkmal am Sullaku-Pass. Laut d  der Tafel „tötete hier eine Partisaneneinheit am 15. März 1943 30 italienische Faschisten und eroberte viel Kriegs­material“.

Fragmente eines Slogans der Partei der s 

Arbeit Albaniens an einem Wohnhaus, Fierzë.

Johannes Kiersch, Jg. 1975, hielt sich während des Stiftungskollegs 2003/04 in Tirana auf, wo er im Rahmen seines Projektes zu multilateralen Strategien bei der Stabilisierung Albaniens in der Stadtverwaltung von Tirana und der Delegation der Europäischen Kommission arbeitete. Seit 2006 ist er im Verbindungsbüro der Europäischen Kommission im Kosovo tätig.

13


14

Libanesisch-russischer Erfahrungsaustausch

Gegen den Schleier des Vergessens Ein libanesisch-russischer Erfahrungsaustausch zur Aufarbeitung politischer Verbrechen von Layla Al-Zubaidi Bei einem libanesisch-russischen Austausch zum Thema Auf­ arbeitung und Erinnerung entdeckten wir trotz der augen­ fälligen Unterschiedlichkeit beider Länder erstaunlich viele Parallelen. Fazit aller Beteiligten war, dass Gesellschaften nur dann wirklich demokratisch sind, wenn politische Verbrechen bestraft werden und die Rechte von Gewaltopfern ­anerkannt werden. „Meine Güte… Jetzt wird mir erst klar, was wir im Libanon noch vor uns haben!“ rief die Teilnehmerin einer Besucher­ gruppe am ersten Besuchstag bei der russischen Organisation Memorial in Moskau. Im Januar 2008 begleitete ich die ­Gruppe libanesischer Aktivistinnen und Aktivisten, die sich um die Auf­ arbeitung des libanesischen Bürgerkriegs bemühen, der von 1975 bis 1990 andauerte und ca. 145 000 Menschen das Leben kostete. Nahezu 17 000 Menschen gelten weiterhin als vermisst. Das Moskauer Büro der Heinrich-Böll-Stiftung, langjähriger Förderer von Memorial, hatte den Besuch organisiert. Ziel war es, Einblicke in die Arbeit einer versierten Organisation zu gewinnen und Ideen für die noch am Beginn stehende Erinnerungsarbeit im Libanon zu sammeln. Wie meine Mitreisenden (von Umam Documentation & Research und dem Lebanese Center for Human Rights) war ich beeindruckt von dem, was Memorial erreicht hat.

Drei Tage tauschten sich die libanesischen Gäste und ihre ­russischen Gastgeber darüber aus, wie man Opfer befragt, ­Karteien erstellt, und oral history sichert. Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter von Memorial zeigten uns aus dem Gulag geschmuggelte Briefe von Lagerinsassen, sowie Archive über die berüchtigten Sowjetgeheimdienste. Zudem führt Memorial Bildungsmaßnahmen durch, die vor allem die junge Generation ermuntern sollen sich mit der Geschichte auseinanderzusetzen. Memorial war auch maßgeblich an der Verabschiedung des ­Gesetzes zur Rehabilitierung der Opfer politischer Repressionen im Jahr 1991 beteiligt und informierte die libanesischen Be­ sucher über rechtliche Möglichkeiten der Entschädigung. Der Dialog ging jedoch weit über technische Details hinaus. Libanesen und Russen diskutierten lebhaft über den „richtigen“ Zeitpunkt, den Finger auf schmerzhafte Erinnerungen zu ­legen. Muss nicht jede Gesellschaft ihre eigenen Methoden und ihren eigenen Rhythmus finden, um sich an die Vergangenheit heran­ zutasten? Auch wenn diese Fragen kontrovers diskutiert wurden, so waren sich alle Beteiligten einig, dass Demokratie nur dann möglich ist, wenn politische Verbrechen nicht straflos aus­gehen und Gewaltopfer Gerechtigkeit erfahren. Russland und der Libanon könnten zunächst nicht unterschiedlicher erscheinen – nicht nur was die Größen der beiden Länder, sondern auch was die Natur der politischen Gewalt ­angeht. Während sich Memorial mit der Terrorherrschaft eines totalitären Staatsapparats beschäftigt, brach das Gewaltmonopol des libanesischen Staats während des Bürgerkriegs völlig zusammen mit der Folge, dass sich eine Vielzahl von Milizen gegenüberstand. Trotz der offensichtlichen Unterschiede entdeckten wir jedoch erstaunlich viele Parallelen.

Im Geist der Perestroika unter anderem von dem Dissidenten Andrei Sacharow gegründet, forderte Memorial im Jahr 1988 eine Offenlegung offizieller Akten und widmet sich seitdem der Erinnerung an politische Gewalt auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion. Memorial hat alle Hände voll zu tun mit der Aufdeckung der unter Stalin begangenen Verbrechen, wie etwa des Gulag-Systems, der Zwangskollektivierung und -umsiedlungen. Die Organisation beschränkt sich jedoch nicht auf die Vergangenheit, sondern berichtet auch über gegenwärtige Menschenrechtsverletzungen – oft unter persönlichem Risiko der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Dies belegt unter anderem die Ermordung der Memorial-Aktivistin Natalja Estemirowa sowie einer weiteren Menschenrechtlerin, Sarema Sadulajewa, in Die Angehörigen von Vermissten s  Tschetschenien im Juli und August dieses Jahres. und Gekidnappten bei einem ­Sit-in in Sidon (Libanon)


Libanesisch-russischer Erfahrungsaustausch

Mitarbeiterinnen von Memorial zeigen aus dem g  Gulag geschmuggelte Briefe von Strafgefangenen und Bücher, die an Dissidenten erinnern.

Sowohl in Russland als auch im Libanon ist Erinnerung ein heikles Thema, denn in keinem der beiden Länder wurde ­radikal mit der Vergangenheit gebrochen, wie es zum Beispiel in Südafrika der Fall war. Auch stellt sich in beiden Ländern die Frage, wer sich mit wem aussöhnen soll oder kann. In Russland gibt es weder ethnische noch soziale Grenzen, entlang derer Ver­brechen geschehen sind. Oft stammten Täter und Opfer aus einer Familie, oder Täter wurden zu Opfern und umgekehrt. Im Libanon ist die Lage noch komplizierter, denn die Wirren des Bürgerkriegs haben dazu geführt, dass viele der kämpfenden Gruppierungen gleichzeitig Täter und Opfer waren. Heute ­erinnert man sich gern an die Gräueltaten der „Anderen“, die eigenen jedoch werden verschwiegen. Unter solchen Bedingungen sind politisch-symbolische und rechtliche Akte besonders wichtig. Dazu fehlt es aber am politischen Willen. Außer dem Rehabilitierungsgesetz, das jedoch die Opfer, nicht die Täter oder Taten definiert, existiert in ­Russland bis heute kein verbindlicher Konsens über in der Ära der Sowjetunion begangenes Unrecht. Das libanesische Par­ lament verabschiedete im Jahr 1991 ein Gesetz, das all denen die „politisch motivierte Verbrechen“ begangen hatten, Am­ nestie gewährte. Davon ausgenommen sind jedoch Vergehen an religiösen and politischen Anführern. Während die Machthaber also Gerechtigkeit für sich in Anspruch nehmen, ist der libanesische „Normalbürger“ davon ausgeschlossen. Die Aktivistin Wadat Halawani berät sich mit den Angehörigen von Vermissten und s  Gekidnappten vor dem Gerichtsgebäude in Sidon (Libanon), wo ein Vermisstenfall verhandelt wird (oben); ebenso der Menschenrechtsanwalt Nizar Saghieh, der die Familie eines Vermissten dort vertritt (unten).

Ausstellung historischer Fotos und o  Karten im Memorial-Museum.

Hauptbürden für eine Aussöhnung sind daher in beiden ­Ländern die verkrusteten politischen Eliten. In Russland hat trotz ­politischen Wandels eine ehrliche Auseinandersetzung ­offizieller Kreise mit der Vergangenheit nie stattgefunden. ­Memorial muss sich daher nicht selten als „Nestbeschmutzer“ verunglimpfen lassen. Der Libanon hat so gut wie keine ­politische Tranformation erlebt, viele der ehemaligen Kriegsherren sitzen nun in den höchsten Regierungsposten und ­präsentieren sich als Demokraten. Daher ist gesellschaftlicher Druck umso wichtiger. In beiden Ländern unterstützt die Heinrich-Böll-Stiftung Initiativen, die sich für Aufklärung einsetzen. In Russland wurde Memorial von breiten Kreisen der Reformbewegung getragen und konnte daher ein gewisses Momentum erreichen. Libanesische Ver­ bände hingegen, die beispielsweise fordern, die Massengräber zu öffnen, wie das Committee for the Families of the Kidnapped and Disappeared in Lebanon, sind bisher machtlos. „Es ist unser Recht, die Wahrheit zu erfahren. Daher kämpfen wir weiter,“ so die unermüdliche Wadat Halawani, deren Mann im Bürgerkrieg verschwand und die das Komitee leitet, „denn die Familien werden nie Ruhe finden, solange sie ihre Toten nicht begraben können.“ In diesem Kampf können allenfalls kleine Erfolge ­verbucht werden, wie Gerichtsverhandlungen in Vermisstenfällen. Was bislang noch fehlt, ist eine breite Öffentlichkeit. Von Memorial konnten die libanesischen Aktivistinnen und Aktivisten ­einige Instrumente der Lobbyarbeit lernen. Aus dem Irak, ­Marokko, Südafrika, Gutatemala, Argentinien und Bosnien haben sie weitere Beratung bekommen. Jetzt gilt es, die ­ge­wonnene Expertise auch im Libanon umzusetzen.

Layla Al-Zubaidi, Jg. 1973, ist in Deutschland geboren. Ihre Eltern stammen aus Syrien und dem Irak. 2001/02 war sie Stipendiatin des Stiftungskollegs für internationale Aufgaben. Seit 2006 leitet sie das Büro Mittlerer Osten der Heinrich-Böll-Stiftung in Beirut, Libanon. Zuvor war sie Programm Managerin der Böll-Stiftung in Beirut und Ramallah. Schwerpunktmäßig arbeitet sie zu den Themen Globalisierung sowie Medien und Kultur im Mittleren Osten.

15


16

China

Blumen und Schweigen – in China gibt es eine Kultur des Erinnerns und Vergessens von Vera Lehmann Aus Furcht vor Unruhen schafft die chinesische Führung mit der frühzeitigen offiziellen Einordnung politischer Ereignisse historische Tatsachen, damit verhindert sie eine reflektierte Aufarbeitung der Vergangenheit, individuelles Erinnern kann nicht öffentlich stattfinden und wird bedeutungslos oder passt sich den offiziellen Linien an. „Der 4. Juni? Das ist ein Tag. Ein ganz normaler Tag.“ Sagt ­ eine Kollegin Ying, 23. Als sie 2005 auf die Universität kam, m hörte sie das erste Mal von den Ereignissen des Jahres 1989. Unter den Studenten kursierte ein Film, im Unterricht wurde nie darüber gesprochen. Auch zum 20. Jahrestag in diesem Jahr schwiegen sich die chinesischen Medien aus. Bis heute ist nicht bekannt, wieviele Menschen der Niederschlagung damals zum Opfer fielen, nach offiziellen chinesischen Angaben starben insgesamt 241 Menschen, andere Quellen schätzen über 2 000 Tote. Wer am 4. Juni dieses Jahres den Platz des Himmlischen Friedens (Tiananmen) in Beijing besuchte, wo die Proteste damals gewalt­sam beendet wurden, konnte eine erhöhte Präsenz von Polizei und Sicherheitskräften feststellen. Sonst ging alles ­seinen üblichen Gang. Wer sich genauer informierte, konnte freilich auch die zusätzlich gesperrten Internetseiten und -foren be­ merken. Eine öffentliche Debatte ist nicht erwünscht. 2009 wird in China an Vieles erinnert: 90 Jahre 4. Mai-Bewegung, 60 Jahre Gründung der Volksrepublik, 30 Jahre Öffnung und Reformen. Dass gerade der Jahrestag der 4. Mai-Bewegung trotz seiner Bedeutung als Beginn der „chinesischen Aufklärung“ und Ursprung des Nationalbewusstseins sowie nicht zuletzt der Kommunistischen Partei Chinas zum „Tag der chinesischen Jugend“ heruntergespielt wurde, hängt mit den offensichtlichen Parallelen zum 4. Juni 1989 zusammen: Studenten gehen auf die Straße und protestieren gegen die eigene Regierung.

Ein Blick zurück kann die offizielle Einordnung erklären helfen: Gewaltsame Umwälzungen haben in China häufig zu einer ­Gewaltspirale geführt, aus der es so schnell keinen Ausweg gab. In der Regel fanden daran anschließend keine weiterführenden Reformen statt, Geschichte wurde als Kreislauf betrachtet, ­insofern war auch kein „Lernen aus Geschichte“ erkennbar. Zwischen 1840, dem Beginn des ersten „Opiumkrieges“ gegen die ausländischen Kolonialmächte, und dem Tod Mao Zedongs im Jahre 1976 gab es in China eine Reihe solch massiver und brutaler Ereignisse: Dazu gehörten der fast 15 Jahre währende Taiping-Aufstand im 19.  Jahrhundert, der Anti-Japanische Krieg (wie der Zweite Weltkrieg in China heißt) und schließlich die Kulturrevolution, die das Land für zehn Jahre ins Chaos stürzte. Aus diesen Erfahrungen rührt eine in der chinesischen Gesellschaft deutlich spürbare Abneigung gegen alles, was radikalen Umbruch, Gewalt und Chaos bedeutet. „Harmonische Gesellschaft“ lautet das Credo. Für die chinesische Führung, deren oberste Priorität die Wahrung der Stabilität im Inneren ist, verbietet sich damit alles, was im Zuge historischer Aufarbeitung zu einer öffentlichen Auseinandersetzung mit der Vergangenheit oder sogar ihrem Wiederaufleben führen könnte. Insofern hat sie aus der Geschichte gelernt und versucht nun, die direkte Konfrontation zwischen Vergangenheit und Gegenwart zu unter­ binden, um eine friedliche Entwicklung zu ermöglichen.


China

Die Kehrseiten dieses Bemühens sind „Erinnerungsmonumente“ und „Erinnerungsallergie“ – Geschichte wird offiziell fest­ geschrieben, ansonsten möchte man vergessen. Auf Nachfrage höre ich von Chinesen immer wieder die gleichen Interpretationen: Mao? 30 Prozent schlecht, 70 Prozent gut (das hat die Partei fest­gelegt). Kulturrevolution, Landverschickung zur ­Umerziehung? Das hat uns geholfen, die Reformen durchzu­ stehen. Tiananmen? Manche wussten gar nicht, warum sie da waren. „Wissen sie es heute?“, frage ich meine Kollegin, aber sie zuckt mit den Schultern und verweist darauf, dass radikale ­Reformen dem Land nicht gut täten. Aber sie sagt auch: „Ich glaube nicht, dass die Regierung damals (1989) das Land ­schützen wollte. Sie wollte sich schützen.“ Damit hat sie wohl Recht. Zu bedenken ist jedoch: Wie kann man aus Geschichte lernen, wenn man sie nicht versteht? Denn nur, wenn man versteht, kann man erinnern und gleichzeitig Verantwortung für die Zukunft übernehmen, wie es der bekannte chinesische Schriftsteller Ba Jin forderte. Die derzeitige Staatsführung war zur Zeit der Kulturrevolution alt genug, um aktiv am Geschehen teilzunehmen. Es ist bekannt, dass viele ehemalige Mitglieder der so genannten Revolutionskomitees heute zur Führungselite gehören. Doch ob Hu Jintao oder Wen Jiabao tatsächlich Teil hatten an den Demütigungen, Misshandlungen und Tötungen, die etliche Millionen Menschen traumatisierten, ist nicht bekannt. Eine Identifizierung der Täter und Opfer, sowie deren Zahl sind ebenso wenig ­gewollt, wie die Aufarbeitung der Formen der Gewalt. Diese Tabuisierung führte zusammen mit der bald nach dem Ende der Kulturrevolution erfolgten offiziellen Einordnung der ­Geschehnisse dazu, dass es kein individuelles Erinnern gibt. Vielmehr hat sich ein kollektives Gedächtnis gebildet, das sich mangels Alternativen an politischen Vorgaben orientiert. Die in China zu diesem Thema erschienenen literarischen Werke reflektieren dies zur Genüge. Chinesische Schriftsteller, die sich kritisch mit ihren Erfahrungen jener Zeit auseinandersetzen, leben und veröffentlichen im Ausland.

17

Zur Untermauerung des kollektiven Gedächtnisses dienen einseitige Darstellungen in Schulbüchern und Museen, über 1 000 Museen sollen zwischen 2006 und 2016 in China entstehen, davon ­etliche über die Kulturrevolution. Diese sogenannten Erinnerungsmonumente „fördern Amnesie und verhindern ein umfassendes Begreifen von Geschichte“, schlussfolgert Dr. Nora Sausmikat vom Institut für Ostasienwissenschaften an der ­Universität in Duisburg. Die heutige Generation wird über die Ereignisse der Vergangenheit nur bruchstückweise mündlich erfahren können. Dies birgt zum einen die Gefahr, dass nicht verarbeitete Hass- und Schuldgefühle unreflektiert weiter­ gegeben werden. Zum anderen unterbleibt die Warnung für die Generationen der Zukunft. Der Oppositionelle und ­ehemalige Präsident des unabhängigen chinesischen PENZentrums, Liu Xiaobo, bezeichnete das offizielle Verbot eines öffentlichen Diskurses über die Kulturrevolution als „eine ­weitere Katastrophe“. Weil er angeblich Gerüchte verbreitet und den Staat diffamiert habe, wird er nun wegen des versuchten (Um-)Sturzes des sozialistischen Systems Chinas angeklagt. Der chinesische Philosoph Yuan Weishi schrieb: „Wir wissen heute, dass eine der wichtigsten Ursachen für die Katastrophen und Verfolgungen der 50er Jahre bis zur Kulturrevolution in der Erziehung lag: Wir sind mit Wolfsmilch aufgezogen ­worden. Nach 20 Jahren entdecken wir in den Lehrbüchern für Mittelschüler, das unserer Jugend weiter Wolfsmilch ein­ geflößt wird.“

Revolutionsdenkmal auf dem Platz des f 

­Himmlischen Friedens, 2008 (links und mitte).

Die heutige Generation wird über die Ereignisse d 

der Vergangenheiz nur bruchstückweise mündlich erfahren können.

Vera Lehmann, Jg. 1977, ist Chinawissenschaftlerin und arbeitete im Jahr 2006/07 als Stiftungskolligiatin bei der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit, der WHO (China) und UNDP ­(Indien) zur Rolle von Grassroots-Organisationen bei der Bekämpfung von HIV und AIDS. Derzeit leitet sie das Beijinger Büro der Klimaschutz-­Beratungsfirma UPM UmweltProjekt-Management.


18

Nepal

Nepals anhaltende Metamorphose – Geschichte schreibt man nicht an einem Tag allein von Dominik Klapdor Jedem Anfang wohnt ein Zauber inne. So wirkte auch die ­Metamorphose Nepals nach der Abschaffung der über 230jährigen Monarchie und dem Ende des zehn Jahre währenden Bürgerkriegs zunächst wie ein Zauber. Doch Frieden kann nicht allein durch historische Einmalereignisse geschaffen und die schmerzhafte Auseinandersetzung um unterschiedliche ­Geschichts- und Zukunftsvisionen nicht für immer aufgeschoben werden. Ein Schlüssel für einen stabilen Frieden ist der offene und kritische Umgang mit der eigenen Vergangenheit – im Falle Nepals mit den Ex-Rebellenkämpfern. Nepal schreibt Geschichte Der kleine Binnenstaat mit den großen Bergen macht meist wenig Schlagzeilen in der internationalen Presse. Und wenn es dazu kommt, geht es nicht selten um Guinessbucheinträge für das letzte ausgefallene Sportevent auf dem Mount Everest oder um einen Flugzeugabsturz mit westlicher Beteiligung. Von Nepals politischen Verhältnissen hörte man vielleicht noch, dass bei einem Massaker im Königspalast im Jahre 2001 zehn Mitglieder der Königsfamilie unter mysteriösen Umständen ums Leben kamen. Dabei sind Nepal in den letzten Monaten drei politische Kabinettstücke geglückt: Ein vom Volk aus­ gehender, unblutiger Regimewechsel, das Ende eines langjährigen Bürgerkriegs und die Transformation einer gewaltsamen Rebellengruppe in eine friedliche politische Partei. Wie sich diese geschichtsträchtigen Transformationsprozesse auf die gegen­ wär­tige politische Situation in Kathmandu auswirken und was sie mit einem sprichwörtlichen Elefanten im Nadelöhr gemeinsam haben, dazu in Kürze mehr.

Rückblick in die jüngste Vergangenheit Als am Abend eines langen Reisetages meine Maschine in das Kathmandutal eintaucht, ist es stockfinster. Nicht verwunderlich für die Tageszeit, jedoch schon für das Überfliegen einer 1,5 Millionen­metropole. Ich erinnere mich zurück an das, was ich während meiner Masterarbeitsrecherche im letzten ­Sommer über dieses Land gelernt hatte: Dass das Volk im Frühjahr 2006 nach neunzehntägigen Massenprotesten den König abgesetzt, die seit über 230 Jahren vorherrschende Monarchie im einzigen hinduistischen Königreich der Welt abgeschafft, und der über zehn­jährige Bürgerkrieg mit seinen über 13 000  Opfern im ­November desselben Jahres durch einen Friedensvertrag beendet worden war. Ich frage mich, wie wohl das Leben in einem solchen Staat, der gerade einen Krieg und einen Regimewechsel hinter sich hat, aussieht. Vor mir liegt die Antwort. Finster. Und das zunächst einmal im konkreten Sinne, weil es in Kathmandu, wie in großen Teilen des Landes, 16 Stunden am Tag keinen Strom gibt. Ähnliches gilt für die Wasserversorgung. Dass die candle-light dinner in den kommenden drei Monaten von der romantischen Ausnahme zum Regelfall werden sollen, ist mir hier noch nicht ­bewusst. Ein kritisches Zeitfenster In meiner Arbeit bei der International Crisis Group, einer auf Konfliktforschung und Länderanalysen spezialisierte Fach-NGO, geht es darum, Lösungsansätze zur Sicherung des sehr fragilen Frieden in Nepal zu erarbeiten. Das klingt im ersten Moment nach einer für den Politologen und Konfliktforscher unglaublich spannenden Aufgabe, nicht zuletzt weil in diesen ersten Monaten und Jahren die Weichen für die Zukunft des Landes gestellt werden und häufig alles auf dem Spiel steht. Doch wer glaubt, nur mit den letzten wissenschaftlichen Theorien bewaffnet und ohne das Wissen um das oft unattraktive innenpolitische Kleinklein zur langfristigen Befriedung und Konflikt­ lösung beitragen zu können, verkennt die Bedeutung einer ­Politik, die sich oftmals mehr um charismatische Persönlichkeiten als um politische Programme dreht.

fGruß eines tradtionsbewussten Hindus


Nepal

19

fBuddhistisches Heiligtum ­Swayambhunath

iGanesh Himal (Himalaya) pKathmandu

Durbar Square

Einmalige historische Wende garantiert noch keinen Frieden Am Schreibtisch in unserem Dreimannbüro muss ich an diesen so unwirklichen Tag im April des Vorjahres denken, als in den ersten voll demokratischen Wahlen des Landes die maoistische Partei (CPN/M) in der ersten Wahl ihrer Geschichte überhaupt den Sieg davontrug. Hiermit hatte keiner gerechnet, ­weder national noch international, waren das doch dieselben Leute, die noch bis zwei Jahre zuvor in den entlegenen Berg­ dörfern des Westens und den Dschungelgebieten des Südens als Rebellen die Staatsmacht bekämpft hatten. Die Transformation vom Guerillakampf hin zur friedlich-politischen Partei war den Maoisten ebenso gelungen wie die beeindruckende Wahlmobilisierung der Bevölkerung. Doch kann die damalige Euphorie nicht darüber hinwegtäuschen, dass diese eine Wahl noch keine funktionierende Demokratie geschaffen hat. Auch hat sie – obschon sie die Einhaltung einer Schlüsselklausel des Friedensvertrags bedeutet – keinen Frieden herbeizaubern können. Stattdessen ähnelt der Friedensprozess zu Beginn des Jahres 2009 einem Elefanten, der wie es ein nepalesisches Sprichwort sagt, bereits wie durch ein Wunder mit seinem großen, behäbigen Körper durchs Nadelöhr geschlüpft ist, dann aber mit seinem kleinen Schwanz stecken zubleiben droht.

Unterschiedliche Geschichtsvisionen bringen den Friedensprozess zum Stillstand Der bildliche Elefantenschwanz bleibt konkret auf zwei Ebenen stecken: Auf der Alltagsebene der kleinen Leute, deren Grundbedürfnisse nach Wasser, Strom, Benzin, aber auch nach Sicher­ heit vor Gewalt nicht gestillt werden, und auf der höchsten Ebene der Machtverteilung unter Spitzenpolitikern und Militärs. Eines der politisch sensibelsten Probleme liegt im pragmatischen Umgang mit der Vergangenheit, in diesem Fall mit den ehemaligen Rebellenkämpfern. Der Friedensvertrag sieht ihre Reintegration in die Gesellschaft mit Hilfe von Ausbildungs­ angeboten und durch die Aufnahme in eine reformierte Nationale Armee vor. Dass diese Aufnahme ihren ehemaligen Gegnern ein Dorn im Auge ist, ist nicht weiter verwunderlich; sehen sich die Militärs doch nach der erzwungenen Abdankung des nepalesischen Königs und dem Wahlsieg der CPN/M als letzte Bastion gegen die Machtübernahme der Maoisten. Die Ex-­ Rebellen auf der anderen Seite verstehen sich als Befreier einer ­unterdrückten, vor allem ländlichen, Bevölkerung von einem diktatorischen König und einer korrupten politischen Elite und als Sieger des militärischen Konflikts. Der politische Kampf um die Deutungshoheit der Geschichte ist in den letzten Wochen so sehr eskaliert, dass der maoistische Minister­ präsident Prachanda nach einer Reihe offener Auseinander­ setzungen mit dem Chef der Nationalen Armee und den Oppositionsparteien Anfang Mai 2009 von seinem Amt als Regierungschef zurückgetreten ist. Was bleibt? Große historische Einmalereignisse – Regimewechsel, Friedens­ schluss und Wahlen – allein schaffen noch keinen Frieden. Entscheidend ist ihr Eingang in die politische Alltagswirklichkeit der Menschen. Fest steht, in Nepal wird in diesen Tagen weiterhin Geschichte geschrieben. Bleibt zu hoffen, dass sie auch für den Elefantenschwanz ein gutes Ende nimmt.

Dominik Klapdor, Jg. 1981, hat Politikwissenschaft, Philosophie und Psychologie an der Universität Freiburg und der Yale University sowie Development Studies an der London School of Economics studiert. Als Stiftungskollegiat 2008/09 beschäftigt er sich mit dem Thema nachhaltiger Friedenssicherung in Post-Konfliktstaaten, schwerpunktmäßig mit Sicherheitssektorreform und der Prävention erneuter Kriegsausbrüche. Hierzu absolvierte er Stagen im Bureau for Crisis Prevention and Recovery von UNDP, Genf, und der International Crisis Group, Kathmandu. In seiner letzten Stage arbeitet er für die Fach-NGO Saferworld in London.


20

Kambodscha

Das Kambodscha-Tribunal – eine Chance zur Vergangenheitsaufarbeitung? von Judith Haugwitz Drei Jahrzehnte ist es her, dass die Roten Khmer Kambodscha terrorisierten. Die kommunistische Guerillabewegung unter Pol Pot versuchte, alle Klassenunterschiede zu beseitigen und einen primitiven Bauernstaat in Kambodscha zu etablieren. Die Stadtbevölkerung wurde aufs Land vertrieben, Industrie und Handel kamen zum Erliegen, Akademiker wurden verfolgt, Kunst und Kulturgüter vernichtet. In knapp vier Jahren wurden rund 1,7 Millionen Menschen umgebracht oder kamen durch Hunger, Krankheit oder Erschöpfung ums Leben. Der Bedarf an geschichtlicher Aufarbeitung ist enorm. Durch das Kambodscha-Tribunal entsteht endlich eine öffentliche De­ batte über die Vergangenheit. Die Erinnerungskultur in Kambodscha treibt zuweilen bizarre Blüten. Der Besuch der „Killing Fields“ nahe der Hauptstadt Phnom Penh beginnt mit einem höchst fragwürdigen Vergleich: „The Pol Pot Clique criminals (…) massacred the population with atrocity in a large scale, it was more cruel than the genocidal act committed by Hitlers nazis“, heißt es auf einer ­Informationstafel. Die Nutzungsrechte an den „Killing Fields“ sind vor einigen Jahren an eine japanische Firma übergeben worden. Die Eintrittspreise sind gestiegen, viele Kambodschaner können sich den Besuch nicht leisten. „Ein Volltreffer der Geschmacklosigkeit und der Geldgier der Regierung“, sagt Marc Eberle, in Kambodscha lebender Dokumentarfilmer. Er beschäftigt sich seit Jahren mit gesellschaftspolitischen Entwicklungen in ­Kambodscha und anderen Ländern Südostasiens. Zur Zeit arbeitet er an einer Dokumentation über das Kam­ bodscha-Tribunal und dessen Auswirkungen auf die Gesellschaft. Dreißig Jahre nach dem Regime der Roten Khmer (1975–79) stehen erstmals fünf Verantwortliche vor Gericht. Erster Angeklagter ist Kaing Guek Eav, genannt Duch, der das Foltergefängnis S-21 leitete. Dort wurden 16 000  Menschen gefoltert und anschließend ermordet.

Warum erst jetzt? Fast zehn Jahre lang verhandelten Kam­ bodschas Regierung und die Vereinten Nationen über die ­Einrichtung eines Tribunals aus kambodschanischen und ausländischen Richtern. Zuvor hatte die internationale Staaten­ gemeinschaft wenig Interesse an einer Aufklärung der Ereignisse. Viele Staaten, darunter die USA, China, Thailand und Israel, unterstützten die Roten Khmer zum Teil bis in die 90er Jahre mit Waffen, Geld und militärischer Ausbildung. Schließlich wurde Kambodscha 1979 vom „falschen“ Land, Vietnam, befreit. „Realpolitik at its best“, so Marc Eberle. Mit der Vergangenheit alleine gelassen Drei Jahrzehnte wurden die Kambodschaner mit ihrer Vergangenheit alleine gelassen. Für viele ist das Tribunal jetzt ein Katalysator, die Geschichte öffentlicher zu diskutieren. Jede Familie in Kambodscha, bis hin zu Pol Pots eigener Familie oder der des Königs, hat Opfer zu beklagen. Marc Eberle hat viele von ihnen interviewt. „Mütter, Großmütter, die nie über ihre persönlichen Erfahrungen während der Schreckensherrschaft gesprochen haben und auch nicht wussten, was den anderen damals widerfahren ist. Manche sind regelrecht zusammengebrochen, als sie erstmals offen über die Vergangenheit geredet haben. Viele Kinder trauten sich nicht, ihre Eltern nach der Vergangenheit zu fragen. Viele Eltern wollten bisher nicht darüber sprechen, weil sie immer noch traumatisiert sind. Wenn ein Fremder sich dafür interessiert – so habe ich es jedenfalls erlebt – sprudelt es nur so aus ihnen heraus. Die Grausamkeiten, die ihnen widerfahren sind, werden oft bis ins Detail dargelegt.“ Outreach In einer Umfrage der University of California zum Tribunal ­sagten 77 Prozent der befragten Kambodschaner, dass sie mehr über das Regime erfahren wollen. Viele jüngere Kambodschaner wissen so gut wie nichts über die Roten Khmer. Erst im Mai 2009 wurde das erste offizielle Schulbuch über die Schreckensherrschaft herausgegeben. Bis dahin waren dem Thema knapp zwei Seiten im Geschichtsbuch gewidmet.


Kambodscha

Dokumentarfilmer Marc Eberle bei der Arbeit. o 

Impressionen aus Kambodscha. g 

Es ist erklärtes Ziel des Tribunals, die Bevölkerung über die ­Verbrechen aufzuklären und die nationale Aussöhnung voranzutreiben. Nach Meinung vieler hat das Gericht diese Aufgabe bisher vernachlässigt. Das spiegelt sich im Budget wider: Der Gesamtetat für das Tribunal beträgt über 140 Millionen USDollar, aber das Budget für Outreach-Aufklärungsarbeit, die den Kambodschanern die Arbeit und Ziele des Tribunals nahebringen soll – beträgt nur rund 50 000 US-Dollar. Viele Nicht­ regierungsorganisationen übernehmen stattdessen die dringend notwendige Aufklärungsarbeit.

„Viele Kambodschaner sagen, besser ein schlechtes Tribunal als gar keines. Andere wiederum sind der Meinung, das Geld solle besser woanders investiert werden“, so Marc Eberles Erfahrung. Eines ist jedoch sicher: Durch das Tribunal entsteht endlich eine öffentliche Debatte über die lange verdrängte Vergangenheit. Und erstmals in der Geschichte internationaler Straf­ gerichtsbarkeit werden zivile Nebenklagen zugelassen. Mit ­Unterstützung von lokalen Nichtregierungsorganisationen ist es so gelungen, bisher vernachlässigte Opfer wie Waisenkinder und Kindersoldaten in die Verfahren einzubeziehen.

Hohe Erwartungen Kann das Tribunal die dringend notwendige Aufarbeitung der Vergangenheit leisten? Dagegen spricht seine begrenzte Reichweite, sowohl was den Täterkreis als auch den Zeitraum der verübten Verbrechen betrifft. Angeklagt sind lediglich fünf Hauptverantwortliche des Pol-Pot-Regimes. Unzähligen anderen droht keine Anklage, weil Kambodschas Regierung dadurch die öffentliche Sicherheit gefährdet sieht. Einige ehemalige Rote Khmer sind Teil der aktuellen Regierung, selbst Ministerpräsident Hun Sen diente zeitweise als Kommandeur eines ­Regiments den Roten Khmer. Auch die Ereignisse vor und nach der Pol-Pot-Zeit – beispielsweise die geheimen und ille­ galen Bombardierungen der USA Anfang der 70er Jahre in Kambodscha – sind vor dem Tribunal tabu.

Die Bundesrepublik steht nach Japan an zweiter Stelle der ­Geberländer für das Tribunal. Um die Finanzierung seines ­Dokumentarfilms kämpft Marc Eberle hingegen immer noch: „Leider hat bisher noch kein deutscher Sender Geld für den Film gegeben.“ Ein großer Teil der Finanzierung kommt aus ­Kanada. „Viele deutsche Redakteure sind der Meinung, Kambodscha sei zu weit weg. Dabei ist es ein Thema, das gerade für die Deutschen aufgrund ihrer Vergangenheit interessant ist. Durch die Distanz zwischen Deutschland und Kambodscha ist es oft einfacher, Parallelen zu entdecken und sich selbst besser kennen zu lernen.“

Außerdem steht die Arbeit des Tribunals immer wieder in der Kritik: Das Gericht arbeite nicht transparent, Mitarbeiter ­würden korrumpiert, die Abstimmung zwischen kambod­ schanischen und internationalen Richtern funktioniere nicht, die kambodschanischen Richter und anderen Mitarbeiter seien bloße Befehlsempfänger der kambodschanischen Regierung, welche die Arbeit des Gerichts zu untergraben versuchen.

fLebendige Hauptstadt Phnom Penh. Unter Pol Pot glich

­ hnom Penh einer Geisterstadt, fast die gesamte Bevölkerung P wurde auf das Land deportiert (ganz links).

Judith Haugwitz, Jg. 1975, verbrachte ihr Stiftungskollegjahr 1999/2000 in Brüssel und Polen und arbeitet zurzeit als Redenschreiberin im Bundesgesundheitsministerium. Bei einem Aufenthalt in Kambodscha traf sie den Dokumentarfilmer Marc Eberle bei seiner Arbeit und sprach mit ihm über seine Recherchen und Beobachtungen zur Vergangenheitsbewältigung in

fKambodscha ist ein sehr junges Land: Fast die Hälfte der

13,8 Mio. Einwohner ist unter 14 Jahre alt. Die Jüngeren wissen nur sehr wenig über die Roten Khmer (mitte und rechts).

Kambodscha.

21


Heft 7 erscheint im Fr端hjahr 2010

ad hoc 6: Das "Supergedenkjahr" 2009  

Das "Supergedenkjahr" 2009 - Gedenken und Erinnerung in einer globalisierten Welt