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Der Altonaer Blutsonntag Eine Spurensuche im Stadtteil Altona Roman Korbut Ina Volkmer

In Kooperation mit dem Altonaer Museum und der Universit채t Hamburg, Historisches Seminar


Inhalt Vorwort ................................................................... 2 Am Vorabend des ‚Dritten Reiches‘ ........................ 4 Die Rekonstruktion des Blutsonntags ..................... 8 Der Rundgang: Erinnerung an den Blutsonntag in Altona heute ......................................................... 18 [1] Der Start des Aufmarsches: Bahnhof Altona ... 18 [2] Der Bruno-Tesch-Platz .................................... 19 [3] Die Altonaer Hauptkirche St. Trinitatis ............. 23 [5] Der Walter-Möller-Park .................................... 25 [5] Die Karl-Wolff-Straße....................................... 27 [6] Der August-Lütgens-Park ................................ 29 [7] Das Amtsgericht Hamburg-Altona ................... 33 Tipps für die Spurensuche .................................... 35 Literatur ................................................................ 35 Archive.................................................................. 36

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Vorwort Es ist die Endphase der Weimarer Republik. 7000 SA-Leute trommelt die NSDAP zur Demonstration am 17. Juli 1932 ins preußische Altona zusammen. Die damals selbstständige Nachbarstadt Hamburgs galt zu dieser Zeit als Hochburg der Arbeiterschaft. Als die Nationalsozialisten das Stadtzentrum erreichen, fallen Schüsse. Zwei SA-Demonstranten sterben, dann rückt die Polizei an. Bis zum Abend werden 16 größtenteils unbeteiligte Einwohner Altonas erschossen. Die polizeilichen Ermittlungen richten sich in der Folge vor allem gegen die kommunistischen Schützen. Die Ereignisse in Altona waren der Anlass zum „PreußenSchlag“ der rechtskonservativen Reichsregierung unter Franz von Papen und beschleunigten das Ende der Weimarer Demokratie. Die Todesurteile, die von der mittlerweile gleichgeschalteten Justiz 1934 gegen vier Kommunisten gefällt wurden, sind bis Anfang der 1990er Jahre nicht in Frage gestellt worden. Dabei gab es Hinweise auf die Unschuld der Verur2


teilten, das zweifelhafte Verhalten der Polizei und gefälschte Zeugenaussagen und Dokumente. Mithilfe dieser Broschüre können Sie die bewegenden Ereignisse des Altonaer Blutsonntags vor Ort nachverfolgen. Dafür haben wir für Sie nicht nur die genauen Ereignisse des verhängnisvollen Nachmittages zusammengestellt, sondern auch die Plätze herausgesucht, an denen die Ereignisse im Juli 1932 stattfanden. Außerdem finden Sie entlang der Route Orte, an denen dem Blutsonntag und seinen Opfern gedacht wird. Jeder nummerierte Punkt stellt eine Station dar, wo sie weitere Informationen zu den Abläufen, Protagonisten und Folgen des Blutsonntags erhalten.

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Am Vorabend des ‚Dritten Reiches‘ Nicht einmal 15 Jahre bestand die erste parlamentarische Demokratie in Deutschland. Deshalb wird die Weimarer Republik im Rückblick häufig als gescheitertes Experiment und Vorspiel für die Zeit des Nationalsozialismus begriffen. Der Zeitraum zwischen dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Machtübernahme der NSDAP war begleitet von heftigen Auseinandersetzungen zwischen den politischen Lagern, die der Demokratie zum Teil feindlich gegenüberstanden. Nach der ersten Krisenphase stabilisierte sich die deutsche Republik Mitte der 1920er Jahre jedoch. Mit der Weltwirtschaftskrise von 1929 und ihren Folgen sollte das fragile System allerdings auf eine Zerreißprobe gestellt werden, der es nicht gewachsen war. Denn der wirtschaftlichen Krise, mit einer hohen Arbeitslosigkeit, folgte eine politische Krise, in deren Windschatten die NSDAP in den frühen

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1930er Jahren ein erheblicher Machtfaktor werden konnte. Das Bemühen um Wählerstimmen wurde begleitet vom Kampf um die Straße. Die parteieigene Kampforganisation SA sollte die politischen Gegner wie Kommunisten und Sozialdemokraten im öffentlichen Raum bekämpfen. Aufgrund der Gewaltexzesse wurde die SA 1932 unter Reichskanzler Heinrich Brüning verboten. Doch sein Nachfolger Franz von Papen hob das Verbot nach Absprache mit der NSDAP bereits am 17. Juni, also genau einen Monat vor dem Altonaer Blutsonntag, wieder auf. Die steigenden Zahlen politischer Gewalttaten sollten an diesem Tag in Altona ihren vorläufigen Höhepunkt finden.

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Die Vorgeschichte des Blutsonntages Am 14. Juli vermeldete die NS-Presse, dass etwa 10.000 SA-Leute durch das “rote Zentrum” Altonas marschieren werden, durch das Viertel, in dem die Spannungen seit Monaten nahezu spürbar waren. Die Bevölkerung wurde im Hamburger Tagesblatt dazu aufgerufen, “dieses gigantische Schauspiel aus der Nähe” zu beobachten, als hätte man das Unheil bereits erwartet. Der Altonaer Polizeipräsident und Reichstagsabgeordnete Otto Eggerstedt äußerte seine Bedenken, da er Zwischenfälle befürchtete, doch die Führer der SA versprachen, für Recht und Ordnung zu sorgen - eine schlechte Entscheidung, wie sich am 17. Juli herausstellen sollte. Doch dies war nicht die einzige Fehlentscheidung des Polizeipräsidenten: Eggerstedt ließ seine Truppen an diesem Wochenende ohne Führung. Er verweilte auswärts auf Wahlreise. Seinem Vertreter, Oberregierungsrat Schabbehard, gestand er einen Wochenendurlaub zu, so dass Regierungsrat And6


ritzke, ein unerfahrener Beamter, an diesem Wochenende das Sagen hatte. Das Unheil war nahezu vorprogrammiert. Die Kommunisten erfuhren ebenfalls durch die Tagespresse vom geplanten Aufmarsch der SA durch ihr Zentrum. Eine Reaktion blieb nicht aus. Sie versuchten beim Polizeipräsidium ein Verbot des Umzuges bzw. eine Umleitung des Zuges zu erwirken, doch der Stellvertreter des Stellvertreters konnte sich nicht gegen den Beschluss des Präsidenten wenden. Daraufhin riefen die Kommunisten zum Selbstschutz ihres Viertels auf. So hieß es in einem anonymen Flugblatt: “Verteidigt das rote Altona! Duldet nicht, daß die Hakenkreuzfetzen der Nazi-Mordpest durch die Arbeiterstraßen Altonas getragen werden.” Dieses Flugblatt erhöhte die Spannungen erheblich. Ob es tatsächlich von Kommunisten erstellt wurde oder ob der Blutsonntag gar von anderen Seiten provoziert werden sollte, ist bis heute unbekannt.

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Die Rekonstruktion des Blutsonntags Was am 17 Juli 1932 genau geschah, ist bis heute ungeklärt, wurde jedoch anhand von Zeugenaussagen und Dokumenten vom Historiker Léon Schirmann rekonstruiert. Demnach sind an diesem Tag rund 7.000 SA-Männer aus Schleswig Holstein durch das Arbeiterviertel marschiert, davon etwa 2.500 aus Hamburg und Altona, die übrigen aus entfernteren Ortschaften. Der Umzug setzte sich am Bahnhof Altona (siehe Station 1, S. 12) gegen 15 Uhr in Bewegung und wurde von Musikkapellen begleitet. Zunächst zog er durch die Ortsteile Ottensen und Bahrenfeld. Kurz nach 16 Uhr erreichte er wieder Altona, wo viele rote Fahnen und Transparente hingen. An einigen Stellen hatte sich bereits Publikum versammelt.

Der erste Zusammenstoß: Grüne Straße (Heute: Kirchenstraße) Aus zahlreichen Aussagen und Dokumenten geht hervor, dass sich der erste Zwischenfall an der Bedürfnisanstalt der Grünen Straße ereignete, in der Nähe der Kirchenstraße (in der Nähe von Station 3, S. 15), wo der SA-Zug passierte. Dort hatten sich

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etwa 10-20 Kommunisten versammelt und schrien Parolen, wie “Rotfront” oder “Nazi verrecke”. Die ersten Umzugsteilnehmer lachten noch höhnisch darüber ohne sich zur Wehr zu setzen. Schließlich wurde jedoch der Befehl gegeben “auszuschwärmen”, woraufhin Dutzende SA-Leute zur Grünen Straße eilten. Die Kommunisten flüchteten in die Kleine Mühlenstraße. So trafen die SA-Leute auf unbeteiligte Zivilisten und Passanten und prügelten mit Schulterriemen, Bierflaschen und sogar Messern auf diese ein. Es gab mehrere zum Teil schwer Verletzte. Daraufhin kamen mehrere Polizeibeamte dazu, die Schreckschüsse abgaben, um die Straße zu räumen und die Bewohner zu veranlassen ihre Fenster zu schließen. Derweil wurde auch der Hauptzug der SA mit Flaschen beworfen - warf aber umgekehrt auch Flaschen in die Menge.

Der zweite Vorfall: Ecke Kirchen/Papagoyenstraße und Breite Straße An der Ecke Kirchen-/Papagoyenstraße und in der Breiten Straße kam es im Verlauf der Demonstration ebenfalls zu Auseinandersetzungen, die Flaschenwürfe und angeblich auch Schüsse von beiden Seiten beinhalteten, aber keine Verletzten zur Folge hatten. 9


In der Bachstraße wurden schließlich zwei Zuschauer von den Demonstranten verletzt, woraufhin die Polizei mehrere SAMänner verhaftete. Ob hier bereits Schüsse fielen, ist unklar.

Der dritte Überfall: Ecke Große Bergstraße/Große Johannisstraße Der letzte Vorfall vor dem Blutbad ereignete sich vor dem KPD-Parteibüro an der Ecke Große Bergstraße/Große Johannisstraße, wo mehrere Kommunisten mit SA-Männern aneinander gerieten, bis die Polizei den Zusammenstoß unterband. Es ist wahrscheinlich, dass die Demonstranten die zehn Kommunisten angegriffen haben, ausgesagt wurde jedoch das Gegenteil.

Das Blutbad: Schauenburgerstraße Nachdem die SA-Leute die Straße gewaltsam “gesäubert” hatte, damit der Zug fortschreiten konnte, setzte die Schießerei ein. Angeblich wurde der Demonstrationszug aus den Häusern heraus und von 10


Dächern aus beschossen. An der Ecke Christian-/ Große Johannisstraße, an deren Stelle sich heute der Walter-Möller-Park befindet (siehe Station 4, S. 17) kamen zwei SA-Männer ums Leben: Peter Büddig und Heinrich Koch, weitere SA-Leute wurden verletzt. Bis zu diesem Zeitpunkt waren keine Polizisten an dieser Stelle des Zuges vor Ort. Als diese eintrafen, versuchten sie den Zug zu schützen. Sie gaben Schreckschüsse ab, damit die Fenster geschlossen werden. Nachdem die Polizisten von den SA-Opfern erfuhren, wurde ihnen von angeblichen Dach-Schützen berichtet. Daraufhin eröffneten sie das Feuer um den kommunistischen Aufstand zu bekämpfen. Dabei kamen 16 Zivilpersonen ums Leben.

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Die Prozesse zum Blutsonntag

Nach dem Altonaer Blutsonntag gab es sechs Prozesse über den Zeitraum von 1932 bis 1937. Insgesamt wurden 93 Personen angeklagt. 15 Personen wurden freigesprochen. Bei fünf Personen wurde die Todesstrafe eingefordert, viermal wurde sie tatsächlich verhängt. Außerdem wurden insgesamt 315 Jahre und 9 Monate Zuchthaus-Strafe für 72 Personen ausgesprochen. Für den Prozess im Amtsgericht Altona wurden insgesamt 18 ausführliche Obduktionsberichte erstellt. Jeder Bericht, samt

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Zeugenaussagen und Ermittlungsergebnissen, enthält diverse Falschaussagen sowie Urkundenfälschungen, die Historiker Léon Schirmann genau dokumentiert hat. Vier Justizmanipulationen kosteten Walter Möller, Bruno Tesch, August Lütgens und Karl Wolff 1933 im Zuge des ersten Prozesses das Leben. Den Opfern wurden Gedenkorte im heutigen Altona gewidmet, die Sie im Rahmen des Standrundgangs erkunden werden.

Die Ermittlungen - Gefälschte Aussagen und Dokumente Polizei und SA beriefen sich nach den blutigen Ereignissen auf die kommunistischen Dachschützen, die das Feuer nicht nur eröffnet, sondern auch die zahlreichen Opfer auf dem Gewissen hätten. Laut Léon Schirmann, der die Geschehnisse des Tages historisch aufarbeitete, habe es während des Blutsonntages jedoch keine Dachschützen gegeben, denn es sei kein einziger Hausschütze erschossen, verhaftet oder fotografiert worden. Bei den Hausdurchsuchungen, die direkt nach der Schießerei erfolgten, sei nur eine einzige Schusswaffe gefunden worden, von Dach- und Fenster13


schützen keine Spur. Laut Schirmann sei eine unbemerkte Flucht dieser jedoch keine leichte Angelegenheit gewesen, da sich sämtliche Ereignisse am helllichten Tag abspielten. Außerdem wurden bei allen Hausschützen, die gemeldet worden waren, Sonder-Ermittlungen eingeleitet. Wie auch im Fall der später zum Tode Verurteilten, haben sich jedoch alle Vorwürfe als haltlos erwiesen. In den vermeintlichen Wohnungen, aus denen geschossen wurde, befanden sich Familien, NSDAP-Mitglieder oder Invalide - zum Teil sogar Polizisten, die Wohnungen erobert und selbst von dort aus geschossen hatten. Schirmann leitet noch weitere Gründe gegen einen Angriff durch Kommunisten her, die auf eine “polizeiliche Psychose” hinweisen - man erwartete einen Angriff durch die KPD, also sah man in jedem Knall einen kommunistischen Schuss, in jedem Einschlag einer Kugel in eine Häuserwand kommunistischen Pulverrauch, in jeder abprallenden Kugel einen Schuss aus einem nahegelegen Haus ohne sichtbaren Schützen - also einem kommunistischen Dachschützen. In Wirklichkeit bekämpfte sich die Polizei selbst, was zahlreiche Personen das Leben kostete.

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Im Zuge seiner Recherchen studierte Schirmann auch die Aussagen der Polizei zu den Vorfällen des 17. Juli 1932. Insgesamt konnte er zehn Unwahrheiten in den Bekanntmachungen der Polizei aufdecken. Laut Schirmann wollten sich die Betroffenen in erster Linie selbst rechtfertigen, die Polizei sollte für ihr Verhalten reingewaschen werden. Die Ereignisse musste also den Kommunisten zugeschoben werden, damit die andere Seite entlastet wurde. Da die KPD als gewaltbereit galt, war es leicht, die beunruhigte Bevölkerung von ihrer Schuld an dem Blutbad zu überzeugen. Zu den polizeilichen Unwahrheiten gehört beispielsweise die Aussage, dass die von der KPD entsandte Delegation lediglich das Verbot des Aufmarsches gefordert hatte, nicht aber eine Umleitung des Marschzuges. In den Unterlagen aus der ersten Vernehmung der Zeugen, unter anderem des Regierungsrates Andritzke, der am BlutsonntagsWochenende die Aufsicht über das Polizeipräsidium innehatte, geht jedoch genau das hervor. Die Polizei versuchte dies jedoch zu verschleiern, da ihr dieser Planungsfehler nicht angeheftet werden sollte, sondern den Kommunisten.

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Regierungspräsident Abegg legte am 19. Juli einen Bericht vor, in dem er sogar Kampfaktionen beschrieb, die sich niemals ereigneten. Aus diesem geht beispielsweise hervor, dass die Polizei sogar noch vor Ankunft des SA-Zuges von Dächern und Balkonen an der Grünen- und Kirchenstraße beschossen worden sei. Das Polizei-Archiv selbst bestätigt jedoch, dass sich die Zwischenfälle erst nach der Ankunft des Zuges ereigneten. Weiter behaup-

tete Abegg, dass die SA-Leute nicht geschossen hätten, was ebenfalls als Falschaussage belegt werden konnte. Insgesamt konnten in Abeggs Bericht zwölf Unwahrheiten herausgestellt werden, sechs davon deckten sich inhaltlich mit den gefälschten Aussagen der Polizei.

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Beide Aussagen verfehlten ihre Wirkung nicht. So schrieb das nationalsozialistische Hamburger Tageblatt: “Der Bericht des sozialdemokratischen Polizeipräsidenten von Altona… bringt klar zum Ausdruck, daß die Schuld an der Ermordung und Verletzung vieler Volksgenossen einzig und allein die Kommunisten trifft.” Das Fehlverhalten der Polizei wurde nicht eingeräumt: “Die Polizei ist äußerst schwer beschäftigt und benimmt sich hervorragend.” Laut Schirmann haben viele Instanzen von diesen Reaktionen profitiert: Die Polizei wurde entlastet, die Nationalsozialisten beworben und die Reichsregierung von Papen, die auf der Suche nach Gründen war, um in Preußen einfallen zu können, konnte beweisen, dass die Kommunisten eine Gefahr für den Frieden waren.

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Der Rundgang: Erinnerung an den Blutsonntag in Altona heute [1] Der Start des Aufmarsches: Bahnhof Altona Der 1898 erbaute Altonaer Hauptbahnhof war ein zentraler Verkehrsknotenpunkt der Stadt. Er verband Altona nicht nur mit den nahegelegenen Städten wie Hamburg oder Wedel, sondern auch mit dem Norden Deutschlands. Von Altona aus konnte man Kiel ebenso wie Sylt oder Dänemark erreichen. Der Bahnhof war auch der Transportweg der SAGruppen, die aus Schleswig-Holstein nach Altona kamen und am Bahnhof ihren Aufzug starteten. Der „preußische“ Bahnhof wurde 1978 abgerissen. Der anschließende Neubau des Fernbahnhofs inklusive unterirdischer S-Bahntrasse findet sich noch heute an gleicher Stelle. 18


[2] Der Bruno-Tesch-Platz Der Jüngste der vier Verurteilten, der 20-jährige Bruno Tesch, wurde 1987 Pate einer Gesamtschule in Altona. Nachdem sie 2004 geschlossen wurde, bekam der bislang unbenannte Platz zwischen der Großen Bergstraße und der Jessenstraße seinen Namen. Nur wenige Straßen weiter, in der Schomburgstraße, der ehemaligen Schauenburgerstraße, wuchs der Sohn von Virginia und Hermann Tesch auf.

Mit zwölf Jahren kam Tesch, der von seinem siebten bis zwölften Lebensjahr bei seinen italienischen Großeltern in Fiume in Italien lebte, nach Hamburg. Mit 16 Jahren begann er eine Ausbildung zum Klempner und besuchte die Berufsschule in der Museumsstraße. Seine Lehrer beschrieben ihn als fleißig und ordnungsliebend, „als Mensch von aufrichtiger und anständiger Gesinnung“, so sein Gewerbelehrer.

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Nach seiner Gesellenprüfung wurde Tesch arbeitslos und nahm wie viele Jugendliche am Freiwilligen Arbeitsdienst teil. 1930 trat er in die SAJ ein, einer der SPD nahen Arbeiterjugend. Aus Enttäuschung über die Rüstungspolitik der Partei wechselte er jedoch nach einem Jahr zum Kommunistischen Jugendverband und half bei der Verteidigung gegen die zunehmenden Überfälle nationalsozialistischer Schlägertrupps auf Linksgerichtete. Dadurch wurde man in Altona auf Tesch aufmerksam. Im Februar 1932 wurde er von zwei SA-Männern in der Altstadt überfallen, man hatte ihn also auf dem Kieker. Dies wurde ihm schließlich am Tag des Blutsonntages zum Verhängnis. Während der Demonstrationszug durch die Straßen schritt, wurde Tesch an der Ecke Schauenburger Straße/ Johannisstraße von ehemaligen Kollegen aus dem Arbeitsdienst erkannt, die im Demonstrationszug mitgingen. Er wurde überfallen und getreten. Obwohl er aus einer Kopfwunde blutete, hatte er jedoch noch die Kraft, eine Frau mit zwei kleinen Kindern, die vor einem Lokal in der Großen Marienstraße in Gefahr geraten war, in Sicherheit zu bringen. Doch in genau diesem Moment wurde er ver20


haftet. Vor Gericht wurde dieser Zeitpunkt genannt, zu dem Tesch angeblich geschossen haben soll. Ehemalige Kollegen, drei SA-Männer, belasteten ihn und sagten aus, dass sie gesehen haben, wie er eine Waffe wegwarf - was nie bewiesen werden konnte. Im Stadtteilarchiv Ottensen (Zeißstraße 28) befinden sich im Bruno-Tesch Archiv Aufzeichnungen aus seiner Zeit im Gefängnis: Tagebucheinträge, Briefe und die letzten Worte vor der Hinrichtung an seine Eltern. So auch die letzte Bitte an seine Mutter: „Liebste Mutti, ich bitte dich, überwinde dies um meinetwegen. Du mußt leben bleiben um meine Unschuld ans Tageslicht zu bringen. Das ist mein letztes Vermächtnis an dich, du mußt es an den Tag bringen, was für ein grässlicher Justizmord hier verübt wurde…“

Das Todesurteil gegen Bruno Tesch: Tesch wurde Opfer von eindeutig falschen Zeugenaussagen – und richterlicher Argumentation. Angeblich habe er an der Straßenecke geschossen, an der die SA-Männer getötet wurden. Eigentlich seien diese jedoch Opfer einer Schützengruppe 21


gewesen, die sich 50 Meter weiter befand. Demnach konnte Tesch die SA-Leute gar nicht ermordet haben. Dennoch wurde er wegen vollendetem gemeinschaftlichen Mord verurteilt. Die Argumentation des Gerichtes: Tesch sei Mittäter. Er habe in dem Bewusstsein gehandelt, die Aktivitäten der SchützenGruppe zu ergänzen – und umgekehrt. Aus einem angeblich versuchten Mord machten die Richter einen vollendeten Mord – ohne materielle Beweise.

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[3] Die Altonaer Hauptkirche St. Trinitatis Das Mitte des 18. Jahrhunderts errichtete barocke Kirchengebäude lag mitten im Zentrum Altonas. Während der Luftangriffe 1943 wurde es teilweise zerstört, zwischen 1954 und 1969 in enger Anlehnung an das ursprüngliche Aussehen neu aufgebaut. Die Kirche St. Trinitatis ist heute eines der wenigen und markantesten Überreste des alten Altonas. Zwischen dem Altonaer Bahnhof und der Kirche kam es bei der bis dahin weitgehend friedlichen Aufmarsch der SA am Nachmittag des 17. Juli zu ersten Auseinandersetzungen. Diese Vorfälle im Herzen des alten Altonas sollten jedoch lediglich zur Nebensächlichkeit werden, nachdem der Zug der Nationalsozialisten wenig später das Wohngebiet nördlich der Kirche erreicht hatte.

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Das Altonaer Bekenntnis Während in der Altonaer Hauptkirche Pastor Hans Asmussen seine Predigt hielt, verwandelten sich die umliegenden Straßen in einen Schauplatz von Gewalt und Tod. Als Reaktion auf die Geschehnisse in der Stadt entwickelten die Geistlichen das „Wort und Bekenntnis Altonaer Pastoren in der Not und Verwirrung des öffentlichen Lebens“, besser bekannt als Altonaer Bekenntnis, das im Januar 1933 von 21 Altonaer Pastoren verlesen wurde. Es sollte die Bedeutung der Kirche, vor allem gegen andere Ideologien, stärken. Damit war es, wenn auch nicht explizit ausgeführt, gegen die Vereinnahmung der Kirche durch den Nationalsozialismus gerichtet. Die Ursprünge der Bekennenden Kirche, die später gegen das NSRegime opponierte, werden im Altonaer Bekenntnis verortet. 24


[5] Der Walter-Möller-Park

Der grüne, weitläufige, fast 4 ha große Walter-Möller-Park liegt zwischen Holstenstraße und LouiseSchröderstraße und grenzt im Westen an die Schomburgstraße/Ecke Unzerstraße. Der große Park erinnert an Walter Möller, Sohn einer Arbeiterfamilie. Er lebte in der Kegelhoffstraße 13 in Eppendorf und arbeitete als Gelegenheitsarbeiter, z. B. als Packer oder Beifahrer. 1931 wurde er arbeitslos, engagierte sich jedoch im Kommunistischen Jugendverband Deutschland und in der Eppendorfer „Antifaschistischen Aktion“. Am 25


Blutsonntag brachte er sich während der Tumulte im Hinterhof der Christianstraße 29 in Sicherheit, wo er gemeinsam mit Karl Wolff wenig später von einem Einsatzkommando der Sicherheitspolizei verhaftet wurde.

Die Todesurteile gegen Walter Möller und Karl Wolff: Am Blutsonntag wurde eine Schusswaffe in einem Hinterhaus der Christianstraße gefunden. Nach Beginn der Schießerei flüchteten zwölf Personen in eben dieses Hinterhaus – unter ihnen Walter Möller und Karl Wolff. Verschiedene Zeugen sagten vor Gericht aus, Möller habe geschossen und die Waffe anschließend in der Garderobe versteckt, was jedoch nicht der Wahrheit entsprach. Auch Wolff sei anwesend gewesen, habe ebenso geschossen. Um ihre Schuld zu beweisen, ließ der 1. Staatsanwalt letztendlich das bei der Obduktion des SA-Mannes Koch gefundene Geschoß durch andere Munition ersetzen.

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[5] Die Karl-Wolff-Straße An der östlichen Seite des August-Lütgens-Parks, zwischen der Holstenstraße und der Chemnitzstraße, liegt die Karl-Wolff-Straße.

Ihren Namen verdankt sie Karl Wolff, einem der vier Hingerichteten. Der als Sohn eines Schmiedes und eines Dienstmädchens geborene ledige orthopädische Schuhmacher lebte im dritten Stock eines Hinterhauses in der Süderstraße 323. Der Schuhmachermeister, bei dem Wolff arbeitete, bezeugte, dass er ehrlich und fleißig gewesen sei. Der Vorsitzende des Ruderclubs sagte aus, dass er hilfsbereit und politisch eher gemäßigt gewesen sei. Vorstrafen besaß Wolff ebenfalls nicht. Dennoch wurde er 1932 zu einem Opfer der Justiz, denn ihm wurde vorgeworfen, am gewaltsamen Mord an den SAMännern Koch und Büddig mitschuldig gewesen zu sein.

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Während des Blutsonntags wurde Karl Wolff in einem Hinterhof in der Christianstraße 29 verhaftet. Zeugen der SA behaupteten, er hätte aus einer Gruppe heraus an der Ecke Christianstraße Schüsse abgegeben. Das Gericht ging anderen Zeugenaussagen, dass er den Hinterhof zu keinem Zeitpunkt verlassen habe, nicht nach. Als Beweis für Wolffs Schuld diente dem Gericht eine Schusswaffe, die bei einer von zahlreichen Hausdurchsuchungen in Altona gefunden wurde. Eine der Kugeln habe den SA-Mann Koch getroffen und zu dessen Tod geführt. Bei der Aufhebung der Urteile 1992 stellte sich jedoch heraus, dass die bei der Obduktion gefundenen Kugeln aus einer Polizeiwaffe gegen andere Munition ausgetauscht worden war – und zwar gegen solche, wie sie in der gefundenen Schusswaffe hätten gefunden werden können. Der SA-Mann kam also eindeutig durch eine Polizeikugel ums Leben.

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[6] Der August-Lütgens-Park

Auf dem Gelände des ehemaligen Altonaer Krankenhauses befindet sich der August-Lütgens-Park. Geographisch liegt die „grüne Oase“, wie sie von der Stadt Hamburg beschrieben wird, zwischen der Max-Brauer-Allee, Holstenstraße, Karl-Wolff-Straße und der Hospitalstraße. Hier laden drei Spielplätze und eine bunt bemalte, betreute Kletterwand, die auf die Geschehnisse des Altonaer Blutsonntages hinweist, zum Spielen und Verweilen ein.

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Seinen Namen verdankt der Park August Lütgens, der gemeinsam mit Karl Wolff, Walter Möller und Bruno Tesch am 1. August 1933 im Hinterhof des Altonaer Gerichtes hingerichtet wurde. Der in einer sozialdemokratisch orientierten Arbeiterfamilie aufgewachsene Lütgens besuchte bis 1911 die Volksschule in Lübeck, heuerte als Schiffsjunge an und wurde Seemann. Gegen Ende des Ersten Weltkrieges beteiligte er sich an der „Novemberrevolution“, den Matrosenaufständen gegen das Kaiserreich, wofür er zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Er konnte jedoch nach Russland fliehen, wo er politisches Asyl fand, heiratete und zwei Kinder mit Lisa Fiedler, Tochter einer aus Hamburg emigrierten Familie, bekam. 1931 kehrte Lütgens zurück nach Hamburg und trat dem seit 1929 verbotenen kommunistischen Rotkämpferbund bei, der zum Schutz gegen den nationalsozialistischen Straßenterror in den Arbeitervierteln Altonas Häuserschutzstaffeln organisierte.

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Das Todesurteil gegen August Lütgens: Was Lütgens am Tag des Blutsonntags gemacht hat, ist bis heute ungeklärt. Erst einen Monat nach dem Vorfall wurde er in der Schauenburgerstraße 12 festgenommen. Das Verfahren wurde zunächst wegen Mangels an Beweisen eingestellt, dennoch blieb er inhaftiert. Lütgens wurde eine handschriftliche, gefälschte Skizze der Straßen rund um die Schauplätze des Blutsonntages zum Verhängnis. Sie wurde angeblich bei seiner Verhaftung in Beschlag genommen und bildete vor Gericht den Beweis für eine vorsätzliche Planung und Vorbereitung des kommunistischen Überfalls auf den Demonstrations-Zug. Tatsächlich wurde sie nachträglich in das beschlagnahmte Material geschoben, nachdem sie um belastende Zusätze ergänzt wurde. Seiner Familie hinterließ er einen Abschiedsbrief: 31.7.1933: „Liebe Kinder, wenn ihr diesen Brief erhaltet, ist euer Papa nicht mehr, dann wurde er erledigt, laut Urteil, also wir sollten uns nicht mehr se31


hen, aber wenn ihr größer seid und die Weltgeschichte studiert habt, dann werdet ihr begreifen, was euer Papa war, warum er kämpfte und starb, auch werdet ihr begreifen, warum euer Papa so und nicht anders handeln konnte, nun lebt wohl und werdet Kämpfer. Es grüßt euch euer Papa.“

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[7] Das Amtsgericht Hamburg-Altona Die letzte Station des Rundgangs ist das alte Gerichtsgebäude, das 1867 errichtet wurde und in der Max-Brauer-Allee 91 ansässig ist. Damals hieß es nur Amtsgericht Altona. Erst mit der Vereinigung von Altona und Hamburg im Jahre 1937 wurde es

zum Amtsgericht Hamburg-Altona. Das Gericht erstreckt sich über zwei Gebäudeteile und steht seit 1981 unter Denkmalschutz. Eine Tafel am Eingang des Backsteinbaus und vier Stolpersteine erinnern an seine blutige Vergangenheit.

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Im Hinterhof des Gebäudes, an der Stelle des früheren Gefängnishofes befindet sich am Rande eines Spielplatzes eine Gedenkstätte, die zu Ehren der vier Hingerichteten errichtet wurde. Die Beweise für die Justizmanipulationen wurden erst Anfang der 90er Jahre durch den Historiker Léon Schirmann geliefert. Zu einer Wiederaufnahme des Verfahrens hinsichtlich der vier Hingerichteten kam es jedoch erst am 50. Jahrestag des Blutsonntages, am 17. Juli 1992. Am 13. November beschließt die 21. Strafkammer des Hamburger Landgerichts, Lütgens, Möller, Wolff und Tesch freizusprechen.

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Tipps für die Spurensuche Wenn Sie weitere Informationen über den Altonaer Blutsonntag erhalten wollen, gibt es zahlreiche Orte sowie Quellen, mit denen Sie auf Entdeckungstour gehen können. Hier stellen wir Ihnen die wichtigsten Archive und Bücher kurz vor, damit sie erste Anhaltspunkte zur weiteren Spurensuche bekommen. Viel Spaß wünschen Roman Korbut (Historiker) & Ina Volkmer (Journalistin) Hamburg, 2013

Literatur Gewehr, Birgit (2008): Stolpersteine in HamburgAltona. Biografische Spurensuche. Landeszentrale für politische Bildung. Freie und Hansestadt Hamburg. Heins, Helmut (1983): Bruno Tesch und Gefährten. Erinnerungen an den Altonaer Blutsonntag. VVN, Hamburg.

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Kopitzsch, Wolfgang (1983): Der „Altonaer Blutsonntag“. In: Herzig, Arno (Hrsg.) (1983): Arbeiter in Hamburg. Hamburg. Schirmann, Leon (1995): Justizmanipulationen. Der „Altonaer Blutsonntag“ und die Altonaer bzw. Hamburger Justiz 1932-1994. Berlin. Schirmann, Léon (1994): Der Altonaer Blutsonntag: 17. Juli 1932; Dichtungen und Wahrheit. Hamburg.

Archive Bruno-Tesch-Archiv Stadtteilarchiv Ottensen Zeißstraße 28, 22765 Hamburg info@stadtteilarchiv-ottensen.de Altonaer Stadtarchiv e.V. Max-Brauer-Allee 134, 22765 Hamburg http://www.altonaer-stadtarchiv.com/ kontakt@altonaer-stadtarchiv.de Dieser Broschürenentwurf ist an der Universität Hamburg unter der Leitung von Prof. Dr. Franklin Kopitzsch in Zusammenarbeit mit dem Altonaer Museum entstanden. Er wurde im Rahmen eines Seminars zur Geschichte Altonas entwickelt und ist nicht autorisiert oder zur Veröffentlichung gedacht.

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Altonaer Blutsonntag  

Eine Spurensuche im Stadtteil Altona

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