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auf wundersame Weise alle Outsourcing-Wellen, Preisrunden und Effizienzwettkämpfe überstanden haben. Bemühen sich um Kooperationen und Assoziationen mit den Alteingesessenen. Die 25 Jahre junge Handelskette J. Crew beispielsweise erweiterte ihr Sortiment vor einiger Zeit um Red-Wing-Boots, Timex-Uhren und Barbour-Jacken – „Marken, die lange da und unantastbar sind“, wie der Kreativdirektor Frank Muytjens sagt. Eine alternative Strategie verfolgt die dänische Sportmarke Hummel, die vergessene Designs aus ihren Firmenarchiven kramt und in modifizierter Form neu auflegt Andere kreieren kurzerhand eine heroische Historie. Die Teenie-Marke Hollister beispielsweise suggeriert mit ihren Retro-Shops und dem Schriftzug „1922“ auf Shirts und Sweatern eine kalifornische Surfertradition, die es so nie gegeben hat. Dabei ist die Abercrombie-&-Fitch-Tochter mit ihren 14 Jahren sogar noch jünger als viele ihrer Kundinnen.

Der Schuh ist jetzt fertig. In ihm stecken mehr als 250 Arbeitsschritte, die vom Rohlederzuschnitt bis zur Korkfüllung alle unter dem Dach der Manufaktur ausgeführt werden. Sieht man von den elektrischen Maschinenantrieben, ein paar handwerklichen VeränFür ältere und vor allem männliche Traditionalisten gibt es mittderungen und kleineren Materialinnovationen ab, haben sich dielerweile sogar ein deutsches Zentralorgan, das auch bei Conrad se Produktionsschritte im abgelaufenen Jahrhundert kaum veränHasselbach in Hamburg auf dem Tresen liegt. Die »Heritage Post« dert. „Tricker’s sind keines jener Produkte, die sich spätestens nach präsentiert sorgfältig unrasierte Kerle, deren Outfit anmutet, als zwei Saisons erledigt haben“, sagt Roy Martyniak, „im Gegenteil: hätte es mindestens einmal auf einem selbst geschraubten MoSie werden mit der Zeit immer besser.“ Er ist Verkaufsleiter bei torrad die Welt umrundet. „Täuschen wir uns, oder sahen die Tricker’s und gerade erst aus Tokio zurückgekehrt. Dort verkaufen Menschen früher besser aus?“, heißt es in der Zeitschrift, die vom die Briten heute mehr Schuhe als in irgendeinem anderen Land. Düsseldorfer Designer Uwe von Afferden herausgegeben wird. „Die Japaner sind ohnehin extrem anglophil, aber ihr Interesse an Tricker’s schlägt alles“ sagt Martyniak, ein grau melierter Mittfünfziger mit Schurwolle-Pullover „Die alte Modeweisheit nach der und Steinchenkette am Handgelenk. Zweitgrößter Tricker’s-Markt ist Italien, gefolgt von diversen Län alles Alte wiederkommt, ist momentan dern Europas, Asiens, Nord- und Südamerikas sowie auf den Kopf gestellt. Heutzutage sieht alles Australien. Für dieses weltweite Vertriebsnetz ist Neue irgendwie alt aus.“ Martyniaks vollgestopftes Büro Showroom, Konfe »Women’s Wear Daily« renzraum, Büro und Referenzbibliothek in einem. Auf seinem Schreibtisch liegt ein Berg unerledigter Arbeit. „Kleiden wir uns doch so, dass unsere Großväter stolz wären und „Momentan könnte ich jeden Tag ein Interview geben. Ich könnte sich nicht schämen müssten für ihre rosa tragenden halb männlizwei Leute einstellen, die ausschließlich Fabriktouren machen. chen Nachkommen. Kaufen Sie sich nur Stücke, die Sie lieben werTue ich aber nicht.“ Denn man sei immer eine diskrete Marke geden – und tragen Sie diese mit Würde.“ Nebenbei erfahren die Lewesen, die davon lebe, dass man sie erst einmal kennen, finden ser unter anderem Wissenswertes über Herkunft und Herstellung und schätzen lernen müsse. Es gebe sie deshalb auch weder in des Arbeiterhosenstoffes Corduroy, Essenzielles zu Auswahl und Haupteinkaufsstraßen noch in Luxusboutiquen, sondern eher bei Einsatz von Tabakpfeifen sowie Erhellendes zur angeblich weithin langjährigen, kleinen Handelspartnern wie Conrad Hasselbach. unterschätzten Kunst, ein ordentliches Butterbrot zu schmieren. Diese unkonventionelle Verknappung wiederum führt dazu, dass Viermal pro Jahr trägt die »Heritage Post« auf diese Weise den Roy Martyniak zurzeit immer mal wieder überraschenden Besuch Ethos von Manufactum weiter. Das Nostalgie-Versandhaus, das erhält. „Zu uns“, so der Verkaufsleiter, „kommen momentan eine heute zum Otto-Konzern gehört, gilt als Begründer der FrüMenge Leute, die uns erst einmal erzählen, wie beliebt wir bei her-war-alles-besser-Welle. Während Manufactum in den verIhnen seien. Dann fragen sie, ob sie unsere Produkte haben könngangenen 25 Jahren den Durchschnittskonsumenten beackerten. Mit anderen Worten: Sie wollen unser Image kaufen.“ Weil te, hat die Heritage-Welle in den vergangenen Jahren auch die aber nicht jede Marke über eine glorreiche Geschichte verfügt, Hipster und „bärtigen Pfeifenwiederentdecker“ erfasst, wie sie der suchen Manager heute weltweit nach Geschichten, die sich mit Innovationsforscher Stefan Baumann nennt. Aus Tradition wurde einer Marke erzählen lassen. Nach Traditions-Manufakturen, die [partner:]

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3 | 2015

[pma:] Partnermagazin Nr. 32  

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