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  Leben Kollektives Verantwortungsgefühl

Mach

was! Alle fordern sie, zu wenige haben sie: Zivilcourage. Dabei wäre es gar nicht so schwierig, einen mutigen Beitrag zu einer ­besseren Welt zu leisten. Denn das ist fix: Wer wegschaut, macht sich mitschuldig. von andreas aichinger, Illustration Judith Keles

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Oktober 2013


asyl in russland Der »Whistleblower« ­Edward Snowden ist seit der Enthüllung des Internet-Spähprogramms der NSA wegen Verrats und Spionage angeklagt und nun auf der Flucht.

weihundert Kinder machen einen

Kleinen ihren letzten Gang zu erleichtern

Ausflug. Festlich gekleidet und fein

und den Horror so lange wie möglich von

herausgeputzt, freuen sie sich auf

ihnen fern­zuhalten. Freiwillig zahlt der

grüne Wiesen mit Blumen, ein Bad im

heute legendäre Pädagoge den höchs-

Bach, auf Beeren und Pilze. Doch man hat

ten Preis für seine Liebe zu den Kindern

den fröhlich singenden Kleinen nicht die

und seine ­Zivilcourage und teilt am Ende

Wahrheit gesagt, damals im August 1942.

sogar das unfassbare Schicksal mit

Und das ist auch gut so. Denn das wahre

»seinen« Kindern.

Ziel der jüdischen Waisenkinder ist das Vernichtungslager Treblinka. Ihre Endstation

Bürgermut tut gut

wird ein grausamer Tod durch Gas sein.

Es ist eine Geschichte, die zu Tränen rührt

Janusz Korczak weiß das. Doch der polni-

und die zeigt, wie kompromisslos und kon-

sche Arzt, Kinderbuchautor und Pädagoge,

sequent manche Menschen ihre Mensch-

der bis zuletzt ihr Waisenhaus geleitet hat,

lichkeit leben. Doch meist fordert Zivilcou-

kann nichts gegen den Wahnsinn des

rage keinen Heldenmut wie in der schier

­nationalsozialistischen Regimes tun. Nur

unglaublichen Episode aus dem zweiten

eines: Obwohl er selbst die Möglichkeit

Weltkrieg. Dennoch fällt es vielen von uns

zur Flucht gehabt hätte, bleibt er bis zuletzt

heute schwer, mutig die Stimme zu erhe-

bei den Kindern. Korczak tut alles, um den

ben. Gelegenheiten, Zivilcourage an

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1  Gefahrlos handeln »Ich helfe, ohne mich selbst in Gefahr zu bringen.« Man muss und soll nicht den Helden spielen und seine Gesundheit aufs Spiel setzen, um zu helfen. Achten Sie daher auf räumliche Distanz zum Täter, und sprechen Sie das Opfer an: »Kommen Sie her zu uns, wir helfen Ihnen!« 2  Mithilfe fordern »Ich fordere andere aktiv und direkt zur Mithilfe auf.« Durch gemeinsames Einschreiten kann meist Schlimmeres verhindert werden. Warten Sie deshalb nicht darauf, dass »schon irgendjemand irgend etwas« unternehmen wird, sondern machen Sie andere gezielt auf das Geschehen aufmerksam. Einer direkten Ansprache kann sich niemand entziehen: »Sie, der Herr im Polo-Hemd, helfen Sie mir bitte.« 3  Genau hinsehen »Ich beobachte genau und präge mir Tätermerkmale ein.« Jedes Detail ist wichtig, um ein Verbrechen aufklären zu können. Wie groß ist der Täter? Welche Haarfarbe hat er? Wie war er bekleidet? In welche Richtung ist er geflüchtet? Tipp: Notieren Sie sich Auffälligkeiten sofort, gerade vermeintliche Nebensächlichkeiten können den Ausschlag geben. 4  Hilfe holen »Ich organisiere Hilfe unter dem Notruf 112 oder 133.« Verständigen Sie die Polizei unter dem Euronotruf 112 oder unter 133 in Österreich. Notfalls borgen Sie sich rasch ein Handy aus. Schildern Sie das Geschehen in wenigen Worten, aber dennoch umfassend (Wer?, Was?, Wo?, Wann?). 5  Opfer versorgen »Ich kümmere mich um die Opfer.« Gibt es Verletzte, so kümmern Sie sich in erster Linie sofort um diese. Erste Hilfe ist die beste Hilfe! Rufen Sie die Rettung unter der Notrufnummer 144. Schon die Ausrichtung in einer stabilen Seitenlage ist für ein Opfer sehr wichtig. Und vergessen Sie nicht: Helfen kann wirklich jede/r, auch wenn Sie sich das im ersten Augenblick womöglich nicht ­zutrauen. 6  Als Zeuge mithelfen »Ich stelle mich als Zeuge zur ­Verfügung.« Viele Täter kommen ohne Strafe davon, weil sich Zeugen aus Angst oder Bequemlichkeit nicht bei der Polizei melden. Doch das ermutigt diese geradezu, mit ihren (Straf-)Taten weiterzu­machen und gefährdet so unser aller ­Sicherheit. Quelle: www.aktion-tu-was.de Zivilcourage-Trainings in Österreich: www.zivilcourage.at

illus www.judithkeles.com

Z

6-Punkte-Programm für den Fall der Fälle


Rotraud Perner,  Psychotherapeutin, Juristin und Buchautorin sagt: Zivilcourage kann man lernen. Was hat den Anstoß zu Ihrem neuen buch  Die reuelose Gesellschaft gegeben? Als Psychoanalytikerin ist man ja nicht nur mit den leidenszuständen einzelner Personen konfrontiert, sondern liest auch die Berichte, was sich so in nah und fern abspielt, mit einem »sozialdiagnostischen Blick«. Da ist mir aufgefallen, dass Verantwortlichkeit eigentlich unmodern geworden ist – man redet sich raus. Als Juristin ist mir dieses Phänomen aus dem gerichtssaal vertraut, aber als gesundheitspsychologin weiß ich, dass dieses Abstreiten gesundheitsschädlich ist. nicht nur für die anderen, sondern auch für sich selbst. Gibt es heute tatsächlich weniger  Unrechtsbewusstsein und Verantwortungsgefühl als früher? ich will meinem Buch nicht vorgreifen – aber so viel sei verraten: Die Beziehungen haben sich verändert, sind oberflächlicher, distanzierter geworden. Je weiter jemand weg ist – beispielsweise der Big Boss in einem anderen land – desto weniger berührt ihn, was mit seinen mitarbeitern geschieht. und je weniger intensiv die seelische nähe zwischen Partnern ist, desto weniger rühren einen die gefühle der anderen. Worin sehen Sie die Ursachen? Zunehmende  Ich-Zentriertheit, Wurschtigkeit? Werteverlust? ich-zentriertheit ist ja grundsätzlich nichts Schlechtes. wir können im leben so ziemlich alles austauschen außer uns selbst. Daher muss man zuerst darauf schauen, dass man mit sich selbst im rechten lot ist. Dann erst kann man anderen unbelastet und ohne neid und Aggression begegnen. Statt »wurschtigkeit« würde ich es »Erschöpfung« (Anmerkung: siehe auch Perners Buch der erschöpfte Mensch) nennen. Viele menschen bringen gar nicht mehr die Kraft auf, sich mit sich selbst kritisch auseinanderzusetzen und weiterzuentwickeln. Das stört dann auch Partnerschaften – man erwartet, dass einen die andere Person wie eine gute Elternperson umhegt. Das alles kann natürlich unter »werteverlust« subsumiert werden. wir entscheiden ja selbst, was uns wichtig ist. Allerdings unter der Voraussetzung, dass wir gelernt haben, eigenständig in solchen fragestellungen zu denken. War früher tatsächlich »alles besser«,  oder bekommen wir durch das mediale  bombardement mit bad news ein  verzerrtes bild  vermittelt? Die geschichte zeigt, dass es früher keineswegs besser war. nur sind wir heute zumindest in mittel- und westeuropa gebildeter als früher. und Bildung heißt für mich auch, nicht mehr wegschauen zu dürfen. gerade Bad news sind doch eine Aufforderung, an der Verbesserung zu arbeiten – oder nicht?

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Fehlende Zivilcourage hat auch mit  Mutlosigkeit und der Angst vor einer  Selbstgefährdung zu tun. zivilcourage und mut brauchen auch Vorwissen und Voraus-Denken. Als Präventionsforscherin ist es mir ein ganz großes Anliegen, zum »prometheischen« Denken anzuleiten. Prometheus ist in der griechischen Sage ja der, welcher vorausdenkt. im gegensatz zu seinem Bruder Epimetheus, der immer erst im nachhinein zu denken beginnt und daher gedankenlos die Büchse der Pandora öffnet, aus der alle Schlechtigkeit der welt herausströmt. So wie beim feueralarm in der Schule müssen wir daher das richtige Verhalten in Krisensituationen vorab einüben. Das kann man lernen – ich biete dazu seit Jahren eintägige intensiv-Selbsthilfeseminare zur gewaltprävention an. Welche Wege führen uns zu einer besseren,  humaneren Gesellschaft? Das lässt sich nicht in einem Satz beantworten. Aber grundsätzlich gilt es, so früh wie möglich sozialpsychologisches wissen mit kommunikativen fähigkeiten zu erwerben und anhand von praktischen Beispielen zu verbinden. unsere menschlichkeit basiert auf der fähigkeit zur Selbstwahrnehmung und zur Sprache. Beides gehört frühzeitig eingeübt, damit wir später in Beruf und Privatheit die im zusammenleben unvermeidlichen Konflikte auf humane weise – also im gemeinsamen gespräch – lösen können. Sie schreiben auch von der »reinigenden  Kraft der Reue«? Diesen Begriff formuliere ich, um mut zu machen, sich zur wahrheit zu bekennen. Aber zurück zur zivilcourage: ich gehe davon aus, dass fast alle menschen Situationen kennen, die sie nicht in Ordnung finden. in denen sie aber nicht wissen, wie sie sich verhalten könnten. Dabei würde es oft genügen, zu sagen: »Das finde ich nicht in Ordnung!« Aber so etwas muss man zuerst bei jemand anderem erlebt haben. wir lernen alle durch Vorbilder.

Zum mut bedarf es keiner außerordentlichen Fähigkeiten. die Gelegenheit bietet sich früher oder später für jeden von uns. John F. Kennedy us-Präsident (1917–1963)

den Tag zu legen, gibt es im Alltag sonder zahl: mobbing in der Schule. gewalt im Autobus. umweltsünder, die einen alten Kühlschrank im wald entsorgen wollen. unverbesserliche, die ihren Hund noch immer auf gehsteige koten lassen. Aber auch korrupte Politiker und wirtschaftsbosse. geiz, gier und gewalt in allen lebenslagen. wenn jemand beim Einparken ein fremdes Auto beschädigt, schauen wir eher weg – oder machen wir etwas? Je mehr menschen einen Vorfall beobachten, desto eher werden sich alle auf die jeweils anderen verlassen. Dieser zunächst unverständliche zuschauer-Effekt sorgte erst im vergangenen Juli für Schlagzeilen: Ein Betrunkener war auf die gleise der u-Bahn in wien gestürzt und wurde am Ende vom einfahrenden zug schwer verletzt. mindestens zehn fahrgäste mussten den zwischenfall mitbekommen haben – und taten nichts. und das, obwohl ein beherztes Betätigen des notstopps das unglück verhindert hätte. Selbst wenn die Sache in fällen mit mehreren Beobachtern psychologisch komplizierter sein mag, als es im ersten moment den Anschein hat: Derzeit beklagen doch auffallend viele menschen, dass unserer gesellschaft die Bereitschaft zur übernahme von Verantwortung und zu zivilcourage immer mehr abhanden zu kommen scheint. umgekehrt zeigt die enorme Hilfsbereit-

Was wünschen Sie sich von den Verantwortlichen in Politik und Gesellschaft? Vorbildwirkung! wer nicht fähig oder willens ist, seine fehler einzugestehen und in Ordnung zu bringen, was verpatzt wurde, diskreditiert sich für führungsaufgaben. Die führung einer Ehe oder Partnerschaft inbegriffen.

schaft – man denke nur an Aktionen wie

Werden wir die Wende hin zu mehr Zivilcourage schaffen? ich bin grundsätzlich optimistisch, aber keine Prophetin. ich werde mich jedenfalls so wie immer bemühen, meinen Teil dazu beizutragen – als Vortragende und Seminarleiterin, als Psychotherapeutin und als Buchautorin.

OBErfläcHlicHE BEziEHungEn

»licht ins Dunkel« – in Österreich, dass die menschen nicht so schlecht und egoistisch sind, wie viele weltuntergangsPropheten glauben machen wollen.

Eine gewisse gleichgültigkeit und resignation ist aber dennoch unübersehbar. unsere welt ist heute vernetzter als je zuvor und tickt schneller als je zuvor. wer findet

FOTOs BeiGestellt

Interview


  Leben Kollektives Verantwortungsgefühl

da überhaupt noch genügend Zeit, über

Zivilcourage-trainings

seinen oder ihren Tellerrand zu blicken?

Es gibt aber auch eine gute Nachricht: In

Wer fragt schon seinen Nachbarn nach

den allermeisten Fällen ist es ganz einfach

seinem Befinden? Wer bleibt bei einem

und völlig gefahrlos, Zivilcourage an den

Unfall stehen und versucht, erste Hilfe zu

Tag zu legen. Oft genügt es schon, die Be-

leisten? Die Psychotherapeutin, Juristin

reitschaft zum Einmischen zu signalisieren,

und Buchautorin Rotraud Perner, deren

um eine Belästigung schlagartig zu been-

neues Buch Die reuelose Gesellschaft

den. Etwa wenn eine Frau von einem

­dieser Tage erscheint, glaubt, eine weitere

Fremden begrapscht wird. Auch gegen

Hilfe brauchen.« Gut so. Denn wer sich

Ursache für den Schwund an Unrechts­

Korruption und Politiker ohne Rückgrat

­einmal überwunden hat, im Fall des Falles

bewusstsein und Verantwortungsgefühl

kann man Zeichen setzen, nicht nur bei

eben doch etwas zu unternehmen, der

erkannt zu haben. Rotraud Perner: »Die

Wahlen. Als Leitfaden für den Alltag bietet

oder die weiß um das gute Gefühl da-

Beziehungen haben sich verändert, sind

sich beispielsweise das nachfolgende

nach. Vor allem: Mit jedem Gewalttäter,

oberflächlicher, distanzierter geworden.«

6-Punkte-Programm der »Aktion tu was«

­jedem Umweltsünder, jedem rücksichtslo-

Es ist nun einmal unbequem – und

der polizeilichen Kriminalprävention in

sen Rüpel gegen Gemeinschaft und Ge-

manchmal sogar gefährlich – gegen den

Deutschland an. Richtiges Verhalten wird

sellschaft, dem oder der wir eine Wieder-

Strom zu schwimmen. Auch heute noch.

jedoch im Idealfall schon vorab eingeübt.

holungstat verübeln können, wird auch

Man denke nur an die »Whistleblower«,

Rotraud Perner etwa bietet Intensiv-Selbst-

unsere Welt ein Stückchen besser. Frei

die eigentlich Missstände aufzeigen und

hilfeseminare zur Gewaltprävention an.

nach der Devise im Song von Tim Bendzko:

deren Engagement nicht wertgeschätzt

Spezielle Zivilcourage-Trainings für Jugend-

»Muss’ nur noch kurz die Welt retten.«

wird, sondern die sich danach vor einer

liche werden vom Mauthausen Komitee

Verfolgung durch die Justiz ihres Landes

Österreich (MKÖ) angeboten. Eine der

fürchten müssen, wie im aktuellen Fall des

Rückmeldungen macht Hoffnung: »Coole

ehemaligen Geheimdienst-Mitarbeiters

Sache, sehr interessant. Ich nehme mir

Edward Snowden.

das mit, dass ich anderen helfe, wenn sie

Inserat 1/2 quer rechts

Mut auf dem Schlachtfeld ist bei uns Gemeingut, aber Sie werden nicht selten finden, dass es ganz achtbaren Leuten an Zivilcourage fehlt. Otto von Bismarck deutscher Politiker (1815 –1898)

Buchtipp

Die reuelose Gesellschaft Rotraud A. Perner, Residenz Verlag 2013

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Mach was! - Zivilcourage