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Magazin f端r Kultur und Bildung in Prenzlauer Berg

Geschichte begegnen

Steine gegen das Vergessen Kulturverein Prenzlauer Berg e.V. / Juli/August 2013 / kostenlose Ausgabe


IN MITTENDRIN Thema

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Steine gegen das Vergessen Shortstories Ich hab kein Geld, aber du kannst es haben! Neues Theaterprojekt: Theater und Gesellschaft

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Bewegt, gesund, gebildet Kita Dreikäsehoch ausgezeichnet

„Die Meisten verwechseln Dabei sein mit Erleben.“

Begegnungen Mädchenklasse zu Besuch in der Keramikwerkstatt

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Rein geschäftlich Der Kulturverein 2012

Buchtipp

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Nichts ist möglich Byung-Chul-Han: Müdigkeitsgesellschaft

Bildung

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Empathie im Gepäck Der Erzieherberuf (er)fordert Expertenwissen

Der Soziale Bücherladen – Bücher für Alle „Das Paradies habe ich mir immer als eine Art Bibliothek vorgestellt.“

Lernpaten(t)rezept „Offenheit, Akzeptanz für Neues und eine Prise Geduld“

Kinder helfen Kindern Kunst-Aktion für Bildungsgerechtigkeit im Graefe-Kiez

Wie wollen wir leben? Politische Debatte mit Sarah Wagenknecht und Ralph Boes

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Umgang mit Widerstand und Verweigerung bei großen und kleinen Leuten

Mut zur Krücke Von der Fürsorge zur Selbstbestimmung

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(Kiez-)Kultur Kolumne: Kaltes Buffet Der springende Punkt

Vorgestellt: Abgeordnete aus unseren Wahlkreisen Stephan Lenz, CDU, Wahlkreis 6

Wo steht denn das? Bilderrätsel

Wohin im Juli/August? Veranstaltungskalender

(Max Frisch)

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enn das so ist, wollen wir nicht zu den Meisten gehören. Und haben einen Vorsatz: Wir möchten Erlebtes, Erdachtes und (vielleicht mitunter auch) Erlesenes zu Bildungs- und Kulturthemen in Prenzlauer Berg aufs Papier bringen. Dabei gilt es, unserem Namen Mittendrin gerecht zu werden. Als Magazin des Kulturverein Prenzlauer Berg e.V. berichten wir vom Vereinsleben, unserer Kulturarbeit, unseren sozialen Einrichtungen und der Arbeit unserer Partner und Förderer. Darüber hinaus wollen wir verstärkt gesellschafts- und bezirkspolitische Themen aufgreifen und das (kulturelle) Leben im Kiez vorstellen. Bei alldem brauchen wir Ihre Hilfe! Wir freuen uns über jede Wortmeldung – ob Alltägliches oder Kurioses, kleine oder größere Aufreger, Lob oder Kritik. Ganze Artikel sind genauso willkommen wie Themenvorschläge, Leserbriefe, Hinweise auf inspirierende Lektüre oder spannende Veranstaltungen in Prenzlauer Berg. Ihre Beiträge senden Sie bitte an: mittendrin@kvpb.de. Der Redaktionsschluss für die nächste Ausgabe ist der 12. August 2013. Geschichte(n) begegnen ist die Maxime dieser Ausgabe. Unser Titelthema beschäftigt sich mit einer besonderen Form des Erinnerns, den „Stolpersteinen“. Als Gedenksteine gegen das Vergessen sind sie gleichsam Kunstprojekt und Denkmal. In „Empathie im Gepäck“ geht es um die Herausforderungen des Erzieherberufs. Es ist der erste Artikel einer Serie, die sich sozialen Berufen und Fragestellungen widmet. Lokalpolitiker unterschiedlicher Parteien kommen in der regelmäßigen Reihe „Vorgestellt“ zu Wort. Zum Lesen dieser und vieler weiterer Geschichten laden wir Sie herzlich ein! Viel Spaß dabei wünschen

Aufbegehren Ein Mensch ist nicht sein Verhalten

EDITORIAL

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Barbara Schwarz und Frauke Niemann (Redaktion Mittendrin)

Impressum Herausgeber: Kulturverein Prenzlauer Berg e.V. Danziger Str. 50 10435 Berlin

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Verantwortlich: Der Vorstand

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Druck: Jugendmedienwerkstatt Medienpoint Norbert Winkelmann Gleimstr. 49 10437 Berlin

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Redaktion: Barbara Schwarz (bs) Frauke Niemann (fn) Satz: Thilo Schwarz-Schlüßler Gestaltung: Edmund Cekanavicius Kontakt: mittendrin@kvpb.de 030/43202067


Thema

Steine gegen das Vergessen Im März 2013 bekam der Kulturverein die Anfrage, ob Interesse an einer Patenschaft für einen oder mehrere Stolpersteine bestünde, die in der Danziger Straße verlegt werden sollten. Die Kunstaktion „Stolpersteine“ erinnert an Familien, die von den Nazis in Konzentrationslager verschleppt und ermordet wurden. Mit vier Steinen sollte der Berliner Familie Wolfberg gedacht werden: Herta und Arthur Wolfberg und ihre Kinder Helga und Günter wurden am 3.2.1943 deportiert und starben in Auschwitz.

konnten 1936 nach Palästina fliehen und mussten ihre Familie in Berlin zurücklassen. Zur Stolpersteinverlegung und Gedenkfeier in der Danziger Straße kamen mehrere Angehörige der Familie aus Israel.

Gedenkveranstaltungen Am 31. Mai fand die Informationsveranstaltung im Kulturverein Prenzlauer Berg statt. Hier informierte die Kommunikationswissenschaftlerin Petra T. Fritsche die Partnerorganisationen und das interessierte Publikum über das Stolpersteinprojekt im Allgemeinen. 1993 formulierte der Künstler Gunter Demnig als theoretisches Konzept die Verlegung von Gedenksteinen für Verfolgte des Nationalsozialismus in der Publikation „Größenwahn – Kunstprojekte für Europa“. Erstmalig gab es 1994 eine Ausstellung von 250 Stolpersteinen für ermordete Sinti und Roma in der Antoniter-Gemeinde in Köln auf Initiative des Pfarrers Kurt Pick. Die erste Verlegung von 10 x 10 cm großen Betonquadern initiierte er im Januar 1995 auf einem Kölner Gehweg.

Gedenken an Familie Wolfberg

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it der Erinnerungskultur der „Stolpersteine“ vertraut, sagten wir zu und übernahmen gemeinsam mit der Evangelischen Kirchengemeinde Prenzlauer Berg Nord und der Partei die Grünen die Patenschaft für vier Steine in der heutigen Danziger Straße 116. Sigrun Marks, die ehrenamtlich in einer Stolpersteininitiative aktiv ist, hat uns dabei begleitet und geholfen, uns die Bedeutung einer solchen Patenschaft ins Bewusstsein zu rufen. Die Stolpersteine verfolgen die Intention, die Namen der zu Nummern degradierten Opfer des NS-Regimes für die Öffentlichkeit präsent zu machen und einen in den Alltag integrierten Erinnerungsort zu schaffen. Gleichzeitig markieren die Steine die Tatorte der Naziverbrechen, die letzten Wohnorte der Opfer vor ihrer Deportation. Für viele Angehörige sind sie Grabersatz und eine Möglichkeit des persönlichen Gedenkens. Die StolpersteinVerlegung besteht aus drei Veranstaltungen: einer Informationsveranstaltung, der Verlegung der Steine selbst und einer Gedenkfeier, die einen Tag nach der Verlegung stattfindet. Insgesamt wurden Anfang Juni 16 Steine zur Erinnerung an die ermordeten Angehörigen der Großfamilie Baygan in Prenzlauer Berg verlegt. Zu ihnen gehörte auch Familie Wolfberg. Onkel und Tante von Helga und Günter Wolfberg, Heinz Rosen und Irina Zlotnicki,

Feierstunde: Sigrun Marks mit Angehöriger

„Ein Mensch ist erst vergessen, wenn sein Name vergessen ist.“ Talmud, zitiert von Gunter Demnig Gunter Demnig und die Steine

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Thema

Steine gegen das Vergessen Die Formen des Erinnerns O die Schornsteine

Am 6. Juni verlegte Gunter Demnig selbst die vier Steine in der Danziger Straße 116. Beeindruckt und bewegt verfolgten die Zuschauer die routinierte Hand des Künstlers, der für die Platzierung der messingbeschlagenen Steine 20 Minuten benötigte.

Auf den sinnreich erdachten Wohnungen des Todes, Als Israels Leib zog aufgelöst in Rauch Durch die Luft – Als Essenkehrer ihn ein Stern empfing Der schwarz wurde Oder war es ein Sonnenstrahl? O die Schornsteine Freiheitswege für Jeremias und Hiobs Staub – Wer erdachte euch und baute Stein auf Stein Den Weg für Flüchtlinge aus Rauch?

Innehalten Einen Tag später fand die Gedenkfeier statt. Hierfür fanden alle Partnerorganisationen eine angemessene künstlerische Sprache. Die Musiker Alexander Zerning und Martin Willy eröffneten mit ruhigen Saxophon- und Gitarrentönen, Pfarrer Seidenschnur von der Evangelischen Kirchengemeinde Prenzlauer Berg Nord schloss sich mit Worten aus dem Alten Testament an. Barbara Schwarz vom Kulturverein trug ein Gedicht von Nelly Sachs vor, der Grünenpolitiker Andreas Otto hielt eine Rede zur Gedenkkultur in der Stadt. Danach verlas Sigrun Marks die Biographien der Familie. Nach einer Schweigeminute sprach ein Angehöriger der Familie das Kaddisch, das Totengebet. Trotz des ununterbrochenen Straßenlärms kam eine feierliche Gedenkstunde zustande.

O die Wohnungen des Todes, Einladend hergerichtet Für den Wirt des Hauses, der sonst Gast war – O ihr Finger, Die Eingangsschwelle legend Wie ein Messer zwischen Leben und Tod – O ihr Schornsteine, O ihr Finger Und Israels Leib im Rauch durch die Luft!

Gemeinsam erinnern

(Nelly Sachs)

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Thema

Menschen machen Geschichte Der Kulturverein Prenzlauer Berg e.V. kooperiert seit mehreren Jahren mit dem Arbeitsförderer Steremat AFS GmbH. Zukünftig sollen die Netzwerkarbeit intensiviert und die Berührungspunkte und die gemeinsame Arbeit von Partnern stärker in den Vordergrund gestellt werden. Bislang konzentrierte sich die Zusammenarbeit auf die Unterstützung bei Veranstaltungen und die Aufarbeitung von Möbeln und Büchern. Nun ergibt sich eine weitere inhaltlich-thematische Verknüpfung: die Stolpersteine.

Stolpersteinprojekt bei steremat

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teremat AFS ist Träger verschiedener Bürgerarbeitsprojekte. Eines der Projekte beschäftigt sich ausschließlich mit dem Thema Stolpersteine, für das Uta Hartwigsen seit 2011 tätig ist. Wir trafen uns mit Uta Hartwigsen, Roxandra Chrobok, die alle Arbeitsfelder von Steremat begleitet, und Bernd Thürk, dem Geschäftsführer von Steremat AFS zum Gespräch. Der Name Steremat kommt ursprünglich aus der Industrie und steht für Steuerung – Regelung – Automatisierung. Nach der Wiedervereinigung war die Neugründung erforderlich. Heute ist die Arbeitsförderung in vielen verschiedenen Projekten und Möglichkeiten das Hauptgeschäft. Seit viereinhalb Jahren gibt es einen kleinen gewerblichen Teil, in dem die Arbeitsbereiche Grünpflege, Baumaßnahmen, Transportaufgaben angeboten werden.

Qualifikation gemäß den Fähigkeiten Steremat wurde als Auffanggesellschaft für die Menschen gegründet, die in keinem anderen Arbeitszusammenhang einen Platz fanden. Gemeinsam mit dem Arbeitsamt wurde das Förderungsinstrument ABM (kurz für Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen) praktisch über Nacht entwickelt. Aus diesen Maßnahmen heraus haben sich sechs neue Gesellschaften aus der ABM ausgegliedert. Es gibt verschiedene Modelle und Möglichkeiten für die Mitarbeiter bei Steremat AFS. Im Fokus steht für Bernd Thürk der Anspruch, die Menschen nach ihren Fähigkeiten zu qualifizieren und ihnen Chancen für die Entwicklung einer eigenen Erwerbstätigkeit zu bieten. „Ich bin seit 1994 hier. Rückblickend und gegenwärtig empfinde ich unsere Arbeit als wohltuend und sinnhaft, denn so können Menschen gemäß ihren Möglichkeiten einen Beitrag leisten.“ Die Zusammenarbeit mit dem Kulturverein möchte er ausbauen: „Träger mit ähnlichen Fragestellungen und Problemen sollten sich austauschen und gemeinsame Ideen entwickeln.“

Aktiv für Stolpersteine: Uta Hartwigsen

Berufliches und persönliches Engagement Die Bürgerarbeit ist ein Modellprojekt der Agentur für Arbeit und wird aus Bundesmitteln finanziert. Die meisten Maßnahmen sind zunächst bis Ende 2014 befristet. Die Projektideen schlägt die jeweilige Trägerorganisation vor. Bei Steremat konnten so 89 Stellen in verschiedenen Bezirken geschaffen werden. Für Uta Hartwigsen ist ihr Bürgerabeitsprojekt weit mehr als eine berufliche Chance. Die Beschäftigung mit Stolpersteinen im Berliner Raum und den Biographien für die diese stehen, begreift die engagierte Frau als Lebensaufgabe, die sie mit einem klaren Ziel und vollem Einsatz verfolgt: „Ich möchte mich mit meiner Arbeit aktiv gegen das Vergessen einsetzen.“

FILM ÜBER STOLPERSTEINE Einen umfassenden Einblick in die Arbeit Gunter Demnigs und die verschiedenen Etappen des Kunstprojektes gibt der Dokumentarfilm „Stolpersteine“ (2008) von Dörte Franke. Die Tochter der Lebensgefährtin Demnigs nähert sich dem Thema von unterschiedlichen Seiten: Der Film ist Künstler- und Opferportrait zugleich, zeigt Arbeit und Anspruch Demnigs, lässt Angehörige von Opfern zu Wort kommen und fängt öffentliche Reaktionen ein.

Uta Hartwigsen ist es wichtig, sich einzubringen und sich für eine gute Sache zu engagieren. Im Rahmen des Projektes recherchiert sie Biographien der Opfer und hilft bei der Koordination der Steinverlegungen. Außerdem bietet sie Touren für Schulklassen und andere soziale Einrichtungen durch das jüdische Berlin an und scheint dabei aus einem schier unbegrenzten Wissensfundus schöpfen zu können. Bereits als junges Mädchen begann ihre thematische Auseinandersetzung mit dem Thema, die bis heute anhält. Berufliches und privates Engagement vermischen sich dabei untrennbar. Und eines ist für Uta Hartwigsen klar: „Ich werde mich auch weiter für die Stolpersteine einsetzen, ob im Rahmen der Bürgerarbeit oder ehrenamtlich.“

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Fotos: Frauke Niemann


Shortstories

„Ich hab kein Geld, aber du kannst es haben“ Neues Theaterprojekt: Theater und Gesellschaft Asche, Bares, Bimbes, Cash, Flocken, Heu, Knete, Kohle, Kröte, Mammon, Mäuse, Penunzen, Piepen, Pinkepinke, Schotter, Zaster. Was ist dran am Geld, um das so viele Worte gemacht werden? Was macht Geld mit uns? Welchen Raum geben wir ihm in unserem Leben? Macht es uns frei in unseren Entscheidungen oder lenkt es unsere Handlungen?

poetische Bilder. Ihr Anspruch: eine wertfreie, augenzwinkernde und im besten Fall erkenntnisgestaltende Annährung an das Thema. Die Reduktion auf bloßes Betroffenheitstheater vermeidet die Truppe hierbei bewusst. Die stilistischen Elemente reichen von klassischem Schauspiel, über Puppenspiel bis zu dokumentarischem Einspielen von Bild und Ton. Das Stück richtet sich an Erwachsene und Jugendliche. Es ist eine ortsungebundene, mobile Produktion, die mit reduziertem Einsatz von Kulisse und Technik arbeitet und so an (fast) jedem Ort aufgeführt werden kann.

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in internationales Kollektiv aus Berufsschauspielern und spielfreudigen Laien hat sich unter dem Dach des Kulturvereins zusammengefunden, um mit theatralischen Mitteln den Versuch einer Antwort zu wagen. Dabei wird nach dem Baukastenprinzip gearbeitet. Das Stück „Geld“, das seine Premiere am 25. Juni im ZENTRUM danziger50 feierte, ist der erste Teil der Tri- Theater und Gesellschaft weiß, was Sie …aber bisher nicht zu fragen wagten. logie „Geld, Macht, Visionen“. schon immer über Geld wissen wollten… Die Stücke bauen lose aufeinander auf, der thematische Zusammenhang bleibt stets „Es gibt Wahrheiten, die gefährlicher sind als Narren!“ nachvollziehbar. Als Basis ihrer Arbeit dienen der Theatertruppe Interviewprotokolle. Befragt wurden Menschen unterschiedlicher Lebenswelten und Altersgruppen. O-Töne quer durch alle gesellschaftlichen Schichten wurden eingefangen: Die Spanne reicht vom Millionär bis zum Obdachlosen. Aus dem Konglomerat von pekuniären Sichtweisen, Erfahrungen und Wertvorstellungen, die sich in den Antworten spiegeln, destillierten die Akteure gemeinschaftlich Figuren und

Theater und Gesellschaft richtet sich ausdrücklich auch an Oberschulen und andere Bildungseinrichtungen und kommt auf Wunsch auch ins Klassenzimmer. Es ist eine Weiterentwicklung des Kulturverein-Projekts „Theater der Bildung“, das über mehrere Jahre Theaterstücke speziell für Schulen und Kitas konzipierte und aufführte und wird vom Jobcenter Berlin Pankow gefördert. (fn)

Theater und Gesellschaft Darsteller: Anne-Kathrin Hertzsch, Gabriele Sander, Mary Braatz, Mia Kaspari, Ramona Eitel Villar, Stefan Weigel, Pasquale Bombacigno Regie: Catherine Welly / Dramaturgie: Evelyn Maguhn / Technik: Hans Balzer Musik: Alexander Zerning

Bewegt, gesund, gebildet Kita Dreikäsehoch ausgezeichnet

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as Team der Kita Dreikäsehoch um Kerstin Nath hat sich die Frage gestellt: Was können wir als Kita tun, um im gesunden und bewegungsfreudigen Aufwachsen der Kinder nachhaltig einen guten Grundstein zu legen? Der Beginn war der Ausbau der Sportstunde. Morgens wird der Tag mit Frühsport begonnen. Denn das Ziel ist es, die Kinder von Anfang an für Bewegung und gesundheitsbewusstes Verhalten zu sensibilisieren.

Das Konzept „Bewegungsfreundliche Kita“ des Bezirksamts Pankow besteht aus verschiedenen Hospitationen. Besonders lobt das Team des Bezirksamts bestehend aus Frau Barth, Frau Goen und Herrn Lemke die Angebote, welche die Erzieherinnen mit den Kindern veranstalten. Sie schaffen es, die Dreiheit aus Bewegung, Gesundheit und Bildung wie selbstverständlich in den Kitaalltag einzubauen und somit einen globalen Blick auf die Themen Gesundheit und Bewegung zu entwickeln. Im März wurde das Zertifikat feierlich übergeben und eine Plakette ans Haus angebracht, welche die Kita Dreikäsehoch als „Bewegungsfreundliche Kita“ auszeichnet. (bs)

„Damit fördern wir Motivation, Spiel, Lernen und Lebensfreude und unterstützen die Kinder in ihrer physischen, psychischen und sozialen Entwicklung“, führt Kerstin Nath aus. Die Kita beteiligt sich sowohl am Frühpräventionsprojekt „Fitness für Kids“, als auch am Zertifizierungsprozess „Bewegungsfreundliche Kita“. Fitness für Kids ist ein gesundheitsorientiertes Bewegungsprogramm für Kinder in Kindergarten und Grundschule. Attraktive Bewegungsangebote vermitteln ihnen Freude an Bewegung und erziehen sie zu einem aktiven gesunden Lebensstil. Ausführlichere Informationen gibt es unter www.fitness-fuer-kids.de

Theater und Gesellschaft / Fotos: Andreas Bonal Cesar

„Wer nicht jeden Tag etwas für seine Gesundheit aufbringt, muss eines Tages sehr viel Zeit für die Krankheit opfern“ Sebastian Kneipp

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Shortstories

Begegnungen Mädchenklasse aus Papenburg zu Besuch in der Keramikwerkstatt Am Nachmittag des 5. April 2013 war im Tonraum der Keramikwerkstatt Yad Chanah jeder Platz besetzt. Es mussten zusätzliche Stühle in den Raum gebracht werden, um allen Anwesenden das Sitzen zu ermöglichen. Nun ist es nicht ungewöhnlich, dass sich im Tonraum fröhliche Menschen versammeln. Und doch war an jenem Nachmittag alles anders als sonst.

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Jüdisch-christlicher Dialog

echzehn Schülerinnen einer 11. Klasse am Mariengymnasium Papenburg saßen in erwartungsfroher Runde und lauschten den Worten von Meister Chajim, der sie mit der Geschichte und mit den Aufgaben der Keramikwerkstatt vertraut machte. Die Schülerinnen wurden von Schwester Meister Chajim erzählt. Sponsalis und Pastorin Renate Disselhoff begleitet. Was war der Grund für den Besuch der Klasse in Berlin? Wie kam es zu dem Treffen mit Meister Chajim in der Keramikwerkstatt? Schwester Sponsalis klärt mich auf. „Ich habe Meister Chajim während der christlich-jüdischen Bibelwoche in Haus Orbeck bei Osnabrück kennen gelernt. Als wir dann planten, unsere Seminarfahrt nach Berlin zu machen, habe ich gesagt, wir sollten Meister Chajim dort besuchen, auch, um seine Kunst kennen zu lernen.“

Schwester Sponsalis und Frau Pastorin Disselhoff leiten das Seminar Jüdisch-christlicher Dialog. Ihre Reise nach Berlin dient dem Zweck, die Schülerinnen mit dem jüdischen Leben in Berlin vertraut zu machen und mit Menschen jüdischen Glaubens ins Gespräch zu kommen. Das Seminar Jüdisch-christlicher Dialog hat eine Laufzeit von zwei Jahren. „Wichtig ist, dass die Schülerinnen nach zwei Jahren das Gefühl entwickelt haben: Ich bin vertraut mit dem Judentum. Das ist für mich etwas völlig Normales“, sagt Pastorin Disselhoff. Doch nun hat jedes Mädchen vor sich einen Klumpen Ton. Meister Chajim erklärt, wie man eine Fingerschale formt, die dann, gebrannt, eine schöne Erinnerung an den Besuch in der Keramikwerkstatt bilden wird. Die Mädchen sind mit großem Geschick bei der Sache. Schnell entstehen die Tonschalen. Nebenbei lauschen sie den Erzählungen von Meister Chajim. So vergeht die Zeit schnell. Der nächste Programmpunkt wartet schon: der Besuch der Synagoge Rykestraße und danach eine Buchlesung. Der Besuch der Mädchenklasse reiht sich ein in die lange Geschichte der pädagogischen und kulturellen Veranstaltungen in der Keramikwerkstatt. Diese Begegnungen sind ein großer Beitrag zur weiteren Entwicklung des jüdisch-christlichen Dialogs. Die Mädchen und ihre Lehrerinnen dankten Meister Chajim herzlich für den ereignisreichen Nachmittag.

Während ich mit Schwester Sponsalis spreche, werden die Teller gefüllt. Ein leckeres Nudelgericht steht vor jedem Mädchen. Und die lassen es sich schmecken, reden fröhlich miteinander. Maria, eine der Schülerinnen, gefällt es sehr gut in der Keramikwerkstatt. Nach dem Abitur will sie auf jeden Fall studieren, was, weiß sie noch nicht genau. Auch den anderen Mädchen gefällt es sehr gut. Hinter ihnen liegt ein Besuch in der Synagoge Oranienburger Straße, und noch viele Erlebnisse und Überraschungen werden folgen. Jetzt aber bereitet Meister Chajim den Ton vor. Gleich weiht er die Schülerinnen in die Kunst der Keramik ein. Die Zeit bis dahin nutze ich, um mit Pastorin Renate Disselhoff zu sprechen. „Ich unterrichte am Mariengymnasium Papenburg Evangelische Religion. Das ist ein katholisches Mädchengymnasium, aber auch evangelische Schülerinnen lernen hier.“

Text: Claus Utikal Claus Utikal, 64, ist Kulturwissenschaftler und seit zehn Jahren freiberuflich als Autor und Publizist tätig. Vorher war er im Funkhaus Berlin Lektor für Medien und Sport und Leiter der Öffentlichkeitsarbeit bei TheMa e.V. Berlin. Den Kulturverein unterstützt er seit 2006 als aktives Mitglied: in vielen Lesungen, mit Interviews oder der Gründung der Zeitung beZette.

Rein geschäftlich Wie bringt man eine mehr als bunte Truppe wie den Kulturverein Prenzlauer Berg e.V. unter einen (gedruckten) Hut? Ganz einfach, indem man alle Einrichtungen, Gruppen und Projekte des Vereins selbst zu Wort kommen lässt. So geschehen im mittlerweile zur jährlichen Tradition gewordenen Geschäftsbericht.

Offenheit und Toleranz für alle Menschen und Lebenssituation hat sich der Kulturverein auf die Fahne geschrieben und lebt sie in den verschiedenen angeschlossenen Einrichtungen. Sie prägten die Kulturarbeit im ZENTRUM danziger50, in der Keramikwerkstatt und der vereinseigenen Museumsdruckerei genauso wie die soziale Arbeit in den vier Kitas, im Familienzentrum Weißensee und Betreuten Wohnen (NICHT) ALLEIN MIT KIND oder im neuen kiezübergreifenden Projekt in Kreuzberg, der Kiezinitiative Düttmann-Siedlung.

Vielseitige Angebote und Projekte

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er jetzt abwinkt, weil er trockene Fakten in Tabellenform vor seinem geistigen Auge vorbeiziehen sieht, liegt falsch und sollte zumindest einen Blick riskieren! Denn es sind nicht Zahlenkolonnen, die LeserInnen des Jahresberichts 2012 erwartet, sondern kleine spannende Geschichten aus den unterschiedlichsten kulturellen und sozialen Bereichen.

Die Vereinsarbeit, die hier in Wort und Bild vorgestellt wird, ist so bunt und vielfältig, wie die ca. 115 Mitarbeiter und 70 Mitglieder, die unter dem Dach des Kulturvereins für und mit Menschen aus den Bezirken Pankow, Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg wirken und werken. Lesen lohnt sich! (fn)

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Begegnungen / Foto: Claus Utikal


Buchtipp

Nichts ist möglich Byung-Chul-Han: Müdigkeitsgesellschaft Byung-Chul Hans knapp 60 Seiten umfassender Essay „Müdigkeitsgesellschaft“ liest sich zunächst wie eine Krankenakte – ein pathologischer Befund der heutigen Leistungsgesellschaft. Das reizüberflutete, überforderte Individuum führt Krieg mit sich selbst. Es kapituliert vor einem Zuviel an Möglichkeiten und Informationen, das gipfelt im Yes-we-can-Mantra. Han diagnostiziert eine kollektive Müdigkeit, eingebettet in eine Kultur der Selbstausbeutung. Seine Behandlungsempfehlung lautet: Verweigerung!

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ans „Müdigkeitsgesellschaft“ ist keine Ratgeberlektüre, sondern eine anregende, originelle und bisweilen provokante Gesellschaftsanalyse. Der aus Seoul stammende Autor lehrt seit 2012 Philosophie und Kulturwis-

senschaft an der Berliner Universität der Künste und entwickelt seine Thesen auf Grundlage der Annahme von epochalen Leitkrankheiten, die an mentale Epochenwenden geknüpft sind. Bis zum 21. Jahrhundert fokussieren sich demnach Ängste auf (bakterielle oder virologische) Infektionen und damit auf das von außen eindringende Fremde. Nach Han hat diese immunologisch organisierte Welt eine bestimmte Topologie. Sie ist von Grenzen und Beschränkungen geprägt und wird bestimmt von Verboten: „Ihre Negativität erzeugt Verrückte und Verbrecher. Die Leistungsgesellschaft hingegen bringt Depressive und Versager hervor.“

Von Neinsagern und Neurotikern Diese pathologischen Zustände sind, so Han, auf ein Übermaß an Positivität zurückzuführen und Ausdruck eines Nicht-Mehr-Können-Könnens. Dies schlägt sich nieder in den typischen Befunden der Jetztzeit: Depression, BurnOut oder Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom, kurz ADHS. Mit anderen Worten: unsere Nerven liegen blank. Wir leben in einem neuronalen Zeitalter. Sein Kennzeichen ist eine paradoxe Freiheit: der freie Zwang zur Maximierung der Leistung. So verändert die Positivierung der globalisierten Welt Mensch und Gesellschaft und schafft autistische Leistungsmaschinen, die nicht mehr körperlichen Infekten, sondern Infarkten der Seele ausgesetzt sind – verursacht durch Leistungsdruck, Bindungsarmut und einer veränderten Aufmerksamkeitsstruktur. Han spricht in diesem Zusammenhang auch von einem zivilisatorischen Regress: Multitasking ist keine positive Errungenschaft, sie kennzeichnet vielmehr das Verhalten von Tieren in freier Wildbahn, die ihre Umgebung permanent nach Fressfeinden absuchen. Kulturleistungen speisen sich aber aus dem Vermögen einer tiefen, kontemplativen Aufmerksamkeit. So mündet Hans Essay in einem Plädoyer für die Müdigkeit – verstanden als heilende, gelassen machende Müdigkeit, eine Müdigkeit der negativen Potenz. Es ist das Vermögen, nein zu sagen.

Unterm Strich Hans Essay „Müdigkeitsgesellschaft“ ist pointiert, kurzweilig und absolut lesenswert. Der Autor trifft im wahrsten Sinne des Wortes den Nerv der Zeit und verpackt seine Thesen sprachlich anschaulich jenseits akademischen Geschwurbels. Dies beweist die breite mediale Aufmerksamkeit ebenso wie die Tatsache, dass die erste Auflage des kleinen, schön gestalteten Büchleins innerhalb kurzer Zeit ausverkauft war. Zwar liefert Han keine umfassende Begründung seiner Thesen, dafür regt er zum Selbstdenken an und zeigt individuelle Auswege aus einer gesamtgesellschaftlichen Misere auf. (fn)

Byung-Chul Han: Müdigkeitsgesellschaft Matthes & Seitz Berlin, 10 Euro

Bildquelle: Verlag Matthes & Seitz Berlin

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Bildung

Empathie im Gepäck Der Erzieherberuf (er)fordert Expertenwissen

Engagement und Impulse

„…Erziehermangel…“, „…zu wenig Anerkennung in der Gesellschaft…“, „…großer Zeitdruck…“, „…nicht ausreichende Ausbildung von Lehrern und Erziehern…“, „…Pisastudie…“, „…Kitaqualität…“, „…Bildungsprogramme…“, „…wenig Aufstiegsmöglichkeiten bei zu geringer Bezahlung…“, „…hoher Krankenstand…“, „… Integration…“, „…Inklusion…“

ErzieherInnen müssen sehr viele Interessen und auch Begabungen mitbringen. Kinder sind neugierig, möchten viel erfahren, wissen und ausprobieren. Deshalb nützt ein guter Wissengrundstock in vielen Bereichen: Psychologie, Soziologie, Naturwissenschaften, Philosophie, Geschichte und Zukunftsforschung. Medizinisches Grundwissen und beraterisches Geschick sind unerlässlich, denn manchmal braucht es einen schnellen Blick auf den derzeitigen Zustand des Kindes: Ist es traurig? Und wenn ja, warum könnte es so sein? Gibt es Konflikte mit anderen Kindern? Ist im Umfeld etwas geschehen, was die Gefühlslage des Kindes beeinflusst? Verhält sich das Kind auffällig? Stört es wiederholt? Bewegt sich das Verhalten noch innerhalb des normalen Maßes, oder müssen alle Alarmglocken angehen? Wird etwa logopädische Unterstützung oder psychologische benötigt? Und wie vermittle ich das sanft, aber bestimmt, den Eltern? Wie weit kann Elternwünschen gerecht nachgekommen werden? Und manchmal kommen auch alle Fragen auf einmal.

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ll diese Schlagworte finde ich in der Presse. Was hat es damit auf sich? Wie verhalte ich mich dazu im Berufsleben und im Privaten? Denn innerhalb eines jeden Lebens hat ein jeder Berührung mit dem Beruf des Erziehers oder Pädagogen. Jeder ist mal Kind, mal Schüler, wird alt und braucht diese engagierten Menschen, die sich der sozialen Arbeit widmen. Dieser Text ist der erste einer Reihe, in der Berufe und Berufsgruppen aus den sozialen Bereichen vorgestellt werden. Der Kulturverein hat 115 Mitarbeiter. Die meisten davon sind ErzieherInnen in Kindertagesstätten. Ich bin Mutter und arbeite selbst seit vielen Jahren in verschiedenen Jugendclubs, biete Workshops und Kurse im Feld der kulturellen Bildung in den Bereichen Theater und Kunst an. Ich habe also durchaus einige Berührungspunkte mit dem Gebiet der Pädagogik, aber dies nicht 40 Stunden in der Woche und nicht seit 20 Jahren.

In meiner Mutterrolle habe ich es genossen, mit den Erzieherinnen meiner Kinder in Kontakt zu treten. Denn, wann habe ich die Chance, meine Kinder unter so professionellen Fachaugen liebevoll betrachtet zu wissen? Sie zeigten mir Seiten an meinen Kindern, die mir manchmal vielleicht lieber verborgen geblieben wären – was schade gewesen wäre. Sie spiegelten mir Verhaltensweisen, die mein Kind komplett(er) und wertvoll(er) machten und waren mir bei Fragestellungen ein aufmerksamer und kompetenter Begleiter.

Die Arbeitsfelder und damit Herausforderungen innerhalb dieses Berufs sind vielfältig. Sei es in der Betreuung von Kindern und Jugendlichen oder der Arbeit mit älteren Menschen und Menschen mit Behinderung. Und hier fängt die Bewunderung an, die ich den KollegInnen gegenüberbringe: den Kindern Wissen, Bildung und ein Gefühl für die Welt zu bereiten. Sie in ihrer eigenen Neugier zu unterstützen und dabei selbst neugierig zu bleiben. Das Kind mit seinen Kompetenzen, Fähigkeiten und Visionen jederzeit in der Welt wahrzunehmen. Dabei immer authentisch zu bleiben und gefestigt hinter dem eigenen Weltbild zu stehen. Dennoch mit dem Wandel der Zeit zu gehen, also der Tradition und dem Wandel gleichermaßen das geeignete Maß zu zollen.

Auf diese Weise kann ich mich von Ferne bedanken bei all jenen, die diese herausfordernde und bestimmt wunderbare Tätigkeit auf sich nehmen. Diese persönliche Impression möchte einen Anstoß dazu geben, sich in den folgenden Ausgaben der „Mittendrin“ mit Themen rund um soziale Fragestellungen auseinanderzusetzen, sei es in persönlichen Statements, Vorstellung verschiedener Berufe oder Trends, die in der Gesellschaft zu bemerken sind. Gern kann auch ein Blick zu unseren europäischen Nachbarn gewagt werden. Bitte schreiben Sie an mittendrin@kvpb.de. (bs)

„Erziehung ist Beispiel und Liebe – sonst nichts.“ (Friedrich Wilhelm August Fröbel)

Der Soziale Bücherladen - Bücher für alle! „Das Paradies habe ich mir immer als eine Art Bibliothek vorgestellt.“ (Jorge Louis Borges) Wem dies ähnlich geht, der sollte einen Ausflug in die Winsstraße 30 unternehmen. Hier warten etwa 20.000 Bücher auf ihre Leser. Das Angebot ist breitgefächert, ein internationales Sortiment bedient Bücherfreunde aller Altersklassen. Das Besondere daran: Wer fündig wird, darf den Wunschlesestoff mit nach Hause nehmen und gibt dafür das, was er erübrigen kann.

Natürlich ist sie dabei auf Hilfe angewiesen. Ehrenamtliche Mitarbeiter unterstützen sie bei der Buchannahme und der Arbeit im Laden. Ihr Konzept fußt auf Bücher- und Geldspenden. Ein Konzept, das aufgeht, denn nicht nur die Lesekundschaft freut sich, auch die Buchspender sind froh über die Anlaufstelle. Viele kommen regelmäßig und bringen ihre ausgelesenen Bücher vorbei, ganze Buchsammlungen oder kuriose Fundstücke.

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en „Sozialen Bücherladen“ gibt es seit 2008. Seine Betreiberin Milena Abramian verfolgt mit dem kleinen, gut sortierten Laden ein großes Ziel. Sie möchte allen Bürgern einen Zugang zum Medium Buch ermöglichen – unabhängig vom Geldbeutel. Und die Nachfrage ist groß, denn immer mehr öffentliche Bibliotheken schließen. In Pankow genauso wie in anderen Berliner Bezirken.

Stöbern, Bücher und Geld spenden können Interessierte von montags bis freitags 10 – 17 Uhr, am Donnerstag bis 19 Uhr. (fn) Der Soziale Bücherladen Winsstr. 30 10405 Berlin info@einlichtsrahlev.de www.einlichtstrahlev.de

Mit ihrem Projekt schafft Milena Abramian eine Alternative und macht Lektüre auch für sozial schwache und mittellose Bürger wieder zugänglich.

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Foto: Frauke Niemann


Bildung

Fragen an Tina Reiß und Felix Mayer von den elhana-Lernpaten Lernpaten(t)rezept: „Offenheit, Akzeptanz für Neues und eine Prise Geduld“

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ina Reiß und Felix Mayer von den elhana-Lernpaten unterstützen Kinder und Jugendliche auf ihrem Bildungsweg. Ihr Einsatzgebiet ist die WernerDüttmann-Siedlung im südlichen Graefe-Kiez in Kreuzberg. Im Gegensatz zum angrenzenden Altbaugebiet leben hier viele Menschen an oder unterhalb der Armutsgrenze. Der Bedarf an außerstaatlichen Bildungsangeboten ist hoch. Für elhana sind ehrenamtliche Lernpaten aktiv, die Kinder und Jugendliche vor Ort betreuen und so eine individuelle Lernförderung ermöglichen.

Mittendrin: Wofür steht elhana genau? Könnt ihr kurz das Konzept erläutern? Felix Mayer: elhana steht für Eltern, Hausaufgaben und Nachhilfe. Das Projekt bietet GrundschülerInnen eine individuelle Unterstützung in ihrem Schulalltag und auf ihrem Bildungsweg durch einen Lernpaten. Mittendrin: Tina, wie bist du zu elhana gekommen und seit wann arbeitest du für elhana? Tina Reiß: Über einen Universitätsmailverteiler habe ich von dem Projekt erfahren. Danach traf ich mich mit der Projektgründerin Vera Klauer, die mir die Inhalte der elhana Lernpaten näher brachte. Seit 2010 bin ich Lernpatin für zwei Schülerinnen. 2011 bin ich dann in die Projektleitung eingestiegen. Mittendrin: Felix, du betreust elhana ebenfalls als Projektleiter. Wie sieht ein typischer Arbeitstag für dich aus? Felix Mayer: Dreimal die Woche sitzen wir in unserem Büro in der 5. Etage der Urbanstraße 44 und beantworten Mails, nehmen Telefonate entgegen, organisieren Lernpatentreffen und -fortbildungen, machen Öffentlichkeitsarbeit und führen mit den Lernpaten Einzelgespräche. Ein wichtiges Arbeitsfeld ist die Vermittlung von potenziellen neuen Lernpaten an die Kinder und ihre Familien. Darüber hinaus suchen wir immer wieder nach neuen Finanzierungsmöglichkeiten für unser Projekt und führen mit unseren KooperationspartnerInnen gemeinsam Aktionen durch, um die elhana Lernpaten noch bekannter zu machen. Mittendrin: Seid ihr beide als LernpatIn aktiv? Tina Reiß: Ja, seit Mai 2010 unterstütze ich zwei Schülerinnen zweimal pro Woche beim Lernen. Felix Mayer: Ich bin 2008 als Lernpate in das Projekt eingestiegen und habe zeitweilig mit drei Kindern gelernt. Die Begeisterung, die die Lernpatenschaft damals bei mir geweckt hat, hält bis heute an und jetzt engagiere ich mich vor allem in der Projektkoordination. Seit kurzem betreue ich auch wieder ein Patenkind. Die Arbeit mit ihm macht mir noch mal stärker bewusst, wofür wir unsere Arbeit eigentlich tun.

lernt, relaxter und offener durchs Leben zu gehen. Die schönsten Momente sind, wenn wir eine scheinbar nicht lösbare Aufgabe am Ende doch bewältigen können. Und das ist das Wichtigste: Nicht verzweifeln, sondern es gemeinsam noch einmal versuchen! Mittendrin: Macht es Spaß, Lernpate zu sein? Tina Reiß: Ja. Durch die Tätigkeit bekomme ich einen anderen Blick auf das Thema Lernen, das auf so unterschiedliche und vielfältige Weise stattfindet. Ich finde es toll, wenn ich etwas von meinem Wissen abgeben kann und gleichzeitig etwas dazu lerne. Auch wenn die schulischen Leistungen nicht immer optimal sind, so wissen meine Patenkinder und ich: Der Weg ist das Ziel! Und ich bin froh darüber, ein Teil dieses Weges zu sein. Mittendrin: Wie viele Lernpaten engagieren sich derzeit? Tina Reiß: Derzeit engagieren sich 40 Menschen in unserem Projekt. Mittendrin: Und wie viele Kinder werden betreut? Felix Mayer: Zurzeit werden 50 betreut. Mittendrin: Muss ein Lernpate bestimmte Voraussetzungen mitbringen? Tina Reiß: Wir verlangen keine Lehrerausbildung oder ähnliches, aber man sollte sowohl Offenheit und Akzeptanz für Neues als auch eine Prise Geduld mit im Gepäck haben. Wichtig ist uns, dass die LernpatInnen gern mit Kindern zusammen arbeiten. Mittendrin: Schult ihr denn die Lernpaten, bevor es losgeht? Gibt es so etwas wie einen Lernpatenführerschein? Felix Mayer: Wir führen Kennenlerngespräche und erzählen ihnen vom Projekt, unseren Visionen und Erfahrungen. Nach Abgabe eines erweiterten polizeilichen Führungszeugnisses stellen wir ihnen ihr Patenkind und dessen Familie vor. Einen Lernpatenführerschein gibt es in dem Sinne also nicht, aber Autofahren kann man auch nicht von Anfang an. Man muss sich erst auf die neue Situation einlassen, sich Herausforderungen stellen, Vertrauen fassen. So ist es auch innerhalb der Lernpatenschaft. Irgendwann erhält man den Führerschein automatisch.

Von und mit anderen lernen

Spendenaktion zu Ramadan

Mittendrin: Könnt ihr eure persönlichen Erfahrungen mit euren Patenkindern schildern? Wie erlebt ihr eure Patenschaft? Tina Reiß: Ich mag es, gemeinsam mit meinen Patenkindern zu lesen, zu rechnen und die Hausaufgaben zu erledigen. Ich freue mich sehr darüber, wenn sie das, was ich ihnen erkläre, verstehen und Fortschritte in der Schule machen. Natürlich gibt es auch Probleme. Die versuche ich dann mit ihnen gemeinsam zu lösen, sodass wir zu einem Ergebnis kommen, mit dem alle einverstanden sind. Felix Mayer: Die größte Herausforderung besteht für mich darin, mich selbst zurückzuhalten und meinem Patenkind nicht die Lösungswege, ob bei schulischen oder sozialen Fragen, vorzugeben. Ich weiß, dass ein Kind nur dann lernt, wenn es die Wege selber aktiv geht und nicht nur das nachmacht, was ein Erwachsener ihm sagt. Dafür ist es dann umso schöner, wenn ich sehen kann, dass mein Patenkind seine Aufgaben erfolgreich löst. Dann verstehe ich, dass meine Rolle eher die ist, ihn zu ermutigen und ihm Aufmerksamkeit zu schenken. Mittendrin: Was habt ihr von euren Patenkindern gelernt? Tina Reiß: Von meinen Patenkindern und ihren Familien habe ich ge-

Mittendrin: Wenn ich elhana unterstützen möchte, mir aber nicht vorstellen kann, selbst Lernpate zu sein, gibt es auch andere Möglichkeiten, für elhana aktiv zu werden? Tina Reiß: Natürlich. Wir freuen uns über jede Unterstützung, sei es als Lernpate, als Geldspender, als Fundraising- und Öffentlichkeitsarbeitunterstützer, als Zeit- und Sachmittelspender bei Aktionen. Wir begrüßen alles. Zum Ramadan werden wir eine kleine Spendenaktion im Graefe-Kiez durchführen. Die akquirierten Gelder wollen wir für unser Projekt nutzen, um noch mehr Lernpatenschaften ermöglichen zu können. Mittendrin: Was wünscht ihr euch für die Zukunft von elhana? Tina Reiß: Ich wünsche mir, dass das Projekt eine gefestigte Finanzierung erhält, damit noch mehr Kinder unterstützt werden können, erfolgreich ihren Bildungsweg bestreiten und zuversichtlich in die Zukunft blicken. Felix Mayer: Ich wünsche mir, dass viele der Kinder, die wir über die Grundschulzeit begleiten, mit einem positiven Bild von sich selbst in die Oberschule übergehen und ihre Potenziale und Talente weiterentwickeln können.

Interview & Foto: Frauke Niemann

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Bildung

Kinder helfen Kindern Kunst-Aktion für Bildungsgerechtigkeit im Graefe-Kiez Bildungsfonds und -verein etablieren

Die Kiezinitiative Düttmann-Siedlung ist ein relativ neues Projekt des Kulturverein Prenzlauer Berg. Seit 2011 setzt es sich für mehr Bildungsgerechtigkeit und Bildungschancen im südlichen Graefe-Kiez ein – gern auch in Farbe!

Die Kiezinitiative hat sich zum Ziel gesetzt, einen Bildungsfonds zu etablieren, der von den Anwohnern selbst verwaltet wird. Die Mittel aus dem Verkauf der Bons fließen in diesen Fonds und sollen dazu beitragen, bewährte Bildungsangebote wie die elhana Lernpaten zu sichern, und neue Projekte zu ermöglichen, die individuell auf die Bedürfnisse der Bürger zugeschnitten sind. Zum Austausch von Ideen und zur gemeinschaftlichen Förderung dieses Ziels soll im Laufe dieses Jahres ein Verein für gerechte Bildung gegründet werden. Dieser bildet den Rahmen für gemeinsames Engagement und soll die Bildungschancen im Kiez auf lange Sicht vergrößern.

Bildung im Fokus

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uf dem Nachbarschaftsfest der Werner-Düttmann-Siedlung am 15. Juni gaben Kinder künstlerisch-farbenfrohe Antworten auf die Frage „Und später mal?“ und gestalteten zusammen mit Kunstschaffenden aus dem Graefe-Kiez ihre Zukunftsvisionen. Ihrer Kreativität konnten sie dabei freien Lauf lassen. Es wurde geklebt, Schattentheater erstellt und ganze Miniaturszenarien erschaffen. Die so entstandenen Kunstwerke wurden anschließend fotografiert.16 Motive gehen in den Druck und finden sich auf Bildungsbons wieder, die für jeweils fünf Euro erworben werden können. Der Erlös kommt Bildungsprojekten in der Düttmann-Siedlung zugute. Die kleinen bunten Bildungshelfer werden ab August 2013 in Kultureinrichtungen und vielen Geschäften im Kiez erhältlich sein.

„Und später mal?“

Wer mithelfen möchte in Wort und Tat oder durch Spenden, findet hier ein offenes Ohr: Kiezinitiative Düttmann-Siedlung Cornelia Rasulis Urbanstraße 44 10967 Berlin 030 / 274904381 kiez-initiative@kvpb.de

Janina Mansoor

Wie wollen wir leben? Politische Debatte mit Sahra Wagenknecht und Ralph Boes In Zukunft besser

ZENTRUM danziger50, 3. Juni, 20 Uhr. Der Veranstaltungssaal des Kulturvereins platzt förmlich aus allen Nähten. Bis ins Treppenhaus hinein stehen Menschen, die offensichtlich drängenden Fragen nachgehen wollen. In welcher Gesellschaft leben wir? Und in welcher Gesellschaft wollen wir leben?

Gefragt nach einer sozialgerechten Zukunftsvision, zeichnen beide unterschiedliche Bilder. Für Sahra Wagenknecht steht fest, dass der im Grundgesetz formulierte Anspruch „Die Würde des Menschen ist unantastbar“ in einem kapitalistischen Wirtschaftssystem grundsätzlich nicht einlösbar ist. Innerhalb dieses Systems könne es nur kleine Schritte auf dem Weg zu mehr Menschenwürde geben: Mindestlohn, Abschaffung von Hartz IV, Arbeitszeitverkürzung sind einige davon.

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n der Gesprächsreihe mit dem programmatischen Titel Club Voltaire lädt Ralph Boes, Vorstand der Berliner Bürgerinitiative Bedingungsloses Grundeinkommen e.V., zum politischen Meinungsaustausch. Seiner Einladung gefolgt ist Sahra Wagenknecht, Stellvertretende Parteivorsitzende der LINKEN und Mitglied des Deutschen Bundestages. Für die Moderation und – falls notwendig – Mediation hat sich der Journalist Ralph T. Niemeyer eingefunden. Schnell ist jedoch klar, dass sich an diesem Abend wohl kein wirkliches Streitgespräch entfachen wird. Die Diskutanten sind sich einig, was den Ist-Zustand in Deutschland angeht.

Ralph Boes sieht in der Einführung des Bedingungslosen Grundeinkommens einen Ausweg aus der sozialen Ungerechtigkeit und zeigt dessen mögliche Umsetzbarkeit anhand von Rechenspielen auf. Doch auch hier bahnt sich kein Streit an. „Das Entscheidende ist, dass wir um die gleichen Dinge ringen“, sagt Wagenknecht. Ob man dabei immer einer Meinung sei, stehe nicht im Vordergrund. Nach zwei Stunden intensiven Gesprächs muss sich die Politikerin der LINKEN verabschieden. Die Diskussion um Gerechtigkeit und Zukunftsmodelle aber geht weiter – es wird debattiert bis in die Nacht. Wer sich selbst ein Bild machen und mehr hören und sehen will, findet einen Mitschnitt der kompletten Veranstaltung auf dem Youtube-Kanal von KiekeMa Film Berlin. (fn)

Von einer Politik für die oberen ein Prozent der Gesellschaft ist die Rede, der Menschenunwürdigkeit von Hartz IV, den prekären Beschäftigungsbedingungen und einer Diktatur des Geldes, verbunden mit einer alles bestimmenden Markt- und Wachstumsgläubigkeit. „Wesentliche Zustände in Deutschland sind offen verfassungswidrig“, fasst Wagenknecht zusammen.

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Fotos: Frauke Niemann


Aufbegehren

Ein Mensch ist nicht sein Verhalten Umgang mit Widerstand und Verweigerung bei großen und kleinen Leuten

Maslows Bedürfnispyramide

Widerstände in allen Konstellationen und Zusammenhängen gehören mit zum Alltag. Jeder kennt sie. Keiner sehnt sie herbei. Wie können wir mit Konflikten umgehen, um bei uns und unserem Gegenüber das Selbstbewusstsein zu stärken?

Alle Menschen haben die gleichen Bedürfnisse. Abraham H. Maslow hat dies in seiner Bedürfnispyramide bildlich dargestellt, welche sich ursprünglich in 5 Stufen aufteilte. Kurz vor seinem Tod 1970 erweiterte er die Pyramide noch um drei weitere Stufen.

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m 24. April referierte Heidemarie Götting im Familienzentrum in Weißensee zum Thema Widerstände. Es war viel mehr als ein reiner Frontalvortrag. Jeder Zuhörer konnte sich als Teilnehmer eines Seminars fühlen. Gewissermaßen Weiterbildung im Sauseschritt. Eine kleine Reise ins ICH. Damit das Thema greifbar wird, konnten die Zuhörer Beispiele aus ihrem Alltag zur Diskussion stellen. So bestand nicht die Gefahr, dass graue Theorie um sich greift, sondern es gab die Chance einer Identifikation mit den eigenen Fragestellungen.

Transzendenz Selbstverwirlichung Ästhetische Bedürfnisse

Begeisterung tötet Widerstand

Kognitive Bedürfnisse

Wie nebenbei streut die Referentin Fachbegriffe, Theorien und deren Vertreter ein. So war der Vortrag gleichsam kurzweilig und mit Lerneffekt. Dabei konnten wir unmittelbar aktiv einen aktuellen Vertreter der Bildungselite nachvollziehen. Gerald Hüther vermittelt das Credo, ein Gehirn wird so, wie wir es mit Begeisterung benutzen. Und: wenn wir begeistert sind, dann gibt es keinen Grund für Widerstand.

Individualbedürfnisse Soziale Bedürfnisse Sicherheitsbedürfnisse Physiologische Bedürfnisse

Widerstände sind jedem Menschen in vielerlei Konstellation bekannt: mit Kindern, mit dem Partner, mit Arbeitskollegen. Alle Menschen kennen das. Aber wie kommt es dazu? Widerstand gehört zum Verhalten des Menschen und ist eine Überlebensstrategie. Es gibt ein paar Regeln, Kniffe, Tipps, die uns Frau Götting mit auf den Weg gab. Patentrezepte, um Widerstände aufzulösen, kann es nicht geben, aber vieles können wir uns in der Rolle als Erziehungspartner unserer Kinder klarer machen.

Die Bedürnispyramide nach Abraham H. Maslow Schon lange vor Maslow wurden ähnliche Einteilungen von Bedürfnissen durch europäische Gelehrte vorgenommen, so vor allem in Lujo Brentanos „Versuch einer Theorie der Bedürfnisse“ (1908). Bereits in der Antike führte Platon in „Der Staat“ aus: „Das erste und größte aller Bedürfnisse ist aber die Beschaffung der Nahrung um der Existenz und des Lebens Willen. (…) Das zweite dann die Beschaffung einer Wohnstätte, das dritte die von Kleidung und was dahin gehört.“

Möglichkeiten, keine Lösungen Es gibt kein sinnloses Verhalten. Wenn Widerstände spürbar werden, dann steckt dahinter oft große Not. Oder Vorschriften werden als nicht sinnvoll betrachtet. Darauf reagiert das Gegenüber mit Widerstand. Jugendliche können wir in ihrer Selbstständigkeit unterstützen, indem wir ihnen nicht fertige Lösungen anbieten (z.B. wie sie jetzt zum Praktikums- oder Ausbildungsplatz kommen), sondern mit ihnen über das Ziel, die Aufgabe selbst sprechen und sie darin bekräftigen, dass sie die richtige Entscheidung treffen werden. Es geht darum, Möglichkeiten aufzeigen. Hier kommt z.B. das „Aktive Zuhören“ ins Spiel, die erste Stufe des Modells von Thomas Gordon. Aktives, bzw. empathisches Zuhören beschreibt die Fähigkeit, Meinungen und Gefühle von Gruppenmitgliedern zu reflektieren. Ein wichtiges Ziel dabei ist es, das Gruppenmitglied oder das Kind dazu anzuleiten, die eigenen Probleme zu verstehen und Problemlösungen selbst herzuleiten. Hilfreich ist es beispielsweise, Gesagtes mit eigenen Worten zu wiederholen.

Es sich in dieser Bildhaftigkeit vor Augen zu führen, klärt manches auf. Denn wenn die Kernfrage der Sicherheit nicht geklärt ist, dann ist es nicht passend, Respekt zu thematisieren. In unserer Gesellschaft ist Punkt IV (Liebe, Annerkennung) und V (Leistung) vertauscht. Und hier liegt der Grund für manchen Konflikt, manches Missverständnis oder manchen Widerstand verborgen. Da das Unterbewusstsein am besten in Bildern funktioniert, kann die Pyramide helfen, dass jeder seine Bedürfnisse hinterfragt und dies auch mit oder für die Menschen vollzieht, bei denen es gerade Widerstand und Verweigerung gibt. Dies ist ein Schritt, Beziehungsgeschichten aufzubauen, und so schließt sich auch der Bogen. Denn: Ein jeder Mensch ist richtig. (bs) Heidemarie Götting, 1954 in Kassel geboren, lebt seit 1977 in Berlin, Mutter zweier Kinder, Coach und Kommunikationstrainerin.

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Aufbegehren

Mut zur Krücke Von der Fürsorge zur Selbstbestimmung

Praktikumsplatz statt Behindertenwerkstatt

Mein Name ist Patrick Fähnrich. Ich bin 24 Jahre alt und bin von Geburt an körperlich eingeschränkt. Falls jetzt der Eindruck entstehen sollte, schon wieder einer, der uns seine Leidensgeschichte erzählen will: Das ist nicht meine Absicht! Ich bin ein Mensch, der auf Leute zugeht und sehr offensiv und sehr offen mit seiner Einschränkung umgeht. Ich will mit diesem Artikel kein Mitleid erzeugen. Denn Mitleid ist das Letzte, was ich brauche! Ich möchte erreichen, dass ein genormtes Bild vom Menschsein in den Köpfen der Leute verschwindet. Denn Menschen mit Behinderung sind nicht anders als die sogenannten normalen Menschen. Was ist in dieser Gesellschaft schon normal? Ich stelle mir oft die Frage, warum in der Öffentlichkeit behauptet wird, dass eine Menge für Menschen mit Behinderung gemacht wird. Denn die Realität sieht oft anders aus. Das möchte ich euch jetzt anhand einer Situation erzählen, die ich erlebt habe.

Ok, dachte ich mir, erst mal einen finden, der so ein Gegengutachten erstellt. Zum Glück habe ich durch Mundpropaganda und der Hilfe meines ehemaligen Einzelfallhelfers eine Institution gefunden, die mit mir diesen Test durchgeführt hat. Dafür danke ich den Mitarbeitern der KompetenzAgentur, die mich so unterstützt haben und diesen schwierigen Weg mit mir gegangen sind. Mit dem Gegengutachten in der Tasche bin ich dann zusammen mit meiner Mama und den Herren von der Kompetenz-Agentur zum Arbeitsamt gegangen, um über das Ergebnis des Testes und über meine berufliche Zukunft zu reden. Bei dem Gespräch kam heraus, dass ich nicht in die Behindertenwerkstatt gehen muss, sondern in eine Maßnahme kann, wo dann individuell nach einem Praktikumsplatz geschaut wird. Nach dem Gespräch war ich so erleichtert, das sage ich euch! In der oben genannten Maßnahme habe ich mit Hilfe meiner Betreuerin endlich ein perfektes Praktikum beim Kulturverein Prenzlauer Berg gefunden. In diesem Verein habe ich mich das erste Mal richtig willkommen gefühlt. Ich bin diesen Leuten bzw. dem Verein so dankbar, dass sie mir diese Chance gegeben haben und ich hoffe, dass ich Teil von diesem Verein bleiben darf.

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lles fing damit an, dass ich meinen Führerschein vom Arbeitsamt finanzieren lassen wollte, um nicht mehr von anderen abhängig zu sein. Um dieses Ziel erreichen zu können, musste ich mich einem achtstündigen Test vom Arbeitsamt unterziehen. In diesem wurde ich in allen möglichen Bereichen geprüft. Was hat das mit meinem Führerschein zu tun? fragte ich mich. Auf Grund meiner Prüfungsangst bin ich dann durch den Test gefallen. Das war mir im Nachhinein egal. Viel schlimmer fand ich die Frage des Psychologen, der den Test durchgeführt hat, wie ich überhaupt meine Ausbildung schaffen konnte. Hätte ich gewusst, was für Folgen das Ganze für mich hat, hätte ich mir das mit der Finanzierungsunterstützung für den Führerschein noch mal überlegt!

Mein Fazit aus dem Erlebten ist: Man sollte immer für seine Ziele kämpfen. Egal, was andere erzählen. Man sollte den Glauben an sich selbst nie verlieren! Ein Sprichwort sagt: Wer kämpft, kann verlieren; wer nicht kämpft, hat schon verloren. Dieser Artikel ist auch ein kleines Dankeschön an die Menschen, die mich in dieser schwierigen Zeit unterstützt haben. Ein ganz besonderer Dank geht an eine ganz besondere Frau in meinem Leben, ohne ich die das alles nicht geschafft hätte: Mama, du bedeutest mir mehr als alles andere in der Welt. Ich hab dich lieb!

Das lasse ich mir nicht gefallen Nach den psychologischen Tests wurde ein Gutachten erstellt. Auf Grund der Ergebnisse wurde ich vom Arbeitsamt in eine Maßnahme gesteckt, in der ich trotz meiner abgeschlossenen Berufsausbildung meine Arbeitstauglichkeit für den ersten Arbeitsmarkt beweisen musste und zwar wieder in siebenstündigen täglichen psychologischen Tests. Als wenn das nicht gereicht hätte, musste ich mir jeden Tag von einer Psychologin anhören, wie dumm ich sei und dass meine Ausbildung sowieso nichts wert ist! Zudem meinte diese Frau zu mir, dass ich dem Druck, der auf dem ersten Arbeitsmarkt herrscht, nicht gewachsen sei und dass ich in einer Behindertenwerkstatt besser aufgehoben wäre. Das fand ich sehr respektlos und unverschämt. Erstens kennt sie mich nicht, und zweitens kann sie mich nicht allein auf Grund von Tests beurteilen. Ich wurde in verschiedenen Bereichen geprüft: z.B. Mathe, Deutsch, Logikaufgaben und noch vielen mehr. Dadurch sollten meine Arbeitsmarktfähigkeiten eingeschätzt werden. Meiner Meinung nach sagt so ein Test aber nichts über die Arbeitsweise eines Menschen aus.

Patrick Fähnrich ist seit Mai 2012 Praktikant im Kulturverein. Wenn er nicht gerade Artikel schreibt, unterstützt er das Projektmanagement mit Recherchen oder betreut die von ihm aufgebaute Familienbibliothek im Familienzentrum „über-brücken“.

Was ist Inklusion?

Warum reichen die Testergebnisse der Psychologin als Grundlage, um zu entscheiden, ob ich für den ersten Arbeitsmarkt geeignet bin oder ob ich in die Behindertenwerkstatt gehen soll? Wofür habe ich eigentlich so viel gelernt, wenn ich am Ende sowieso abgeschoben werde? Mir war klar: Das lass ich mir nicht gefallen! So begann der Kampf gegen die Abschiebung. Zuerst musste ich mir einen Plan überlegen! Meine erste Anlaufstelle war der Anwalt. Ich fragte ihn, ob ich einfach auf Grund eines Gutachtens in die Behindertenwerkstatt gesteckt werden kann. Der Anwalt meinte zu mir, dass es so einfach nicht geht, da ich eine abgeschlossene Berufsausbildung vorweisen kann. Er legte mir ein Gegengutachten ans Herz. Aber was das heißt, könnt ihr euch ja vorstellen: acht Stunden Test in allen Bereichen.

Was macht den Reichtum einer Gesellschaft aus? Wirtschaftliche Macht? Politische Sicherheit? Oder kulturelle Vielfalt? Es ist von jedem etwas. Dennoch: Eine Gesellschaft besteht aus Menschen. Und sie sind es, die das Wohl einer Gesellschaft prägen – und zwar in allen wichtigen Lebensbereichen. Um nichts anderes geht es bei Inklusion: Jeder Mensch erhält die Möglichkeit, sich vollständig und gleichberechtigt an allen gesellschaftlichen Prozessen zu beteiligen – und zwar von Anfang an und unabhängig von individuellen Fähigkeiten, ethnischer wie sozialer Herkunft, Geschlecht oder Alter. Definition der Aktion Mensch: www.aktion-mensch.de

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Foto: Frauke Niemann


Kiez-Kultur

Kolumne Hallöle, alle mal herhören … … da bin ich wieder. „Essen hält Leib und Seele zusammen“, sagt der Volksmund. Is wohl auch so, denn wer kann schon ohne zu essen existieren? Aber unter „essen“ verstehen ja die Menschen recht unterschiedliche „Inhalte“… Fängt ja schon beim Frühstück an: für die einen is ein ruhiges und im Sitzen eingenommenes solches mit einer oder zwei schön belegten Stullen und einem heißen Käffchen das A & O. (Sollte ich mich jetzt auch in die Diskussion „Schwaben in Berlin“ – siehe Buchempfehlung in meiner vorigen Kolumne – einmischen und erklären: eine Stulle is eine Scheibe Brot, ja? oder für die bei uns lebenden Bürger aus Sachsen: eine Bemme … hm… lass ich aber!!!) Für die anderen reicht ein vor der Rasur angesetzter und während derselben erkalteter „Türkischer“ und eine Zigarette im Vorbeiflitzen. Na, will auch keinem zu nahe treten, muss jede oder jeder machen, wie er will, aber ganz ohne geht’s nich. Natürlich spielt auch das Geld eine Rolle. Viele Lebensmittel haben, auch durch ihre Bio-Qualität (?), preislich ziemlich angezogen. Aber ich muss doch was in meinen Bauch kriegen! Wie gut, dass es für Bedürftige die Aktion „Laib und Seele“ gibt. (Nee, is kein Druckfehler, gemeint is hier wirklich ein Brotlaib.) Ganz in der Nähe von unserer Zentrale, in der Göhrener Straße im Elias-Kuppelsaal, können sich Hartz-IV-Empfänger oder ihnen Gleichgestellte Essen abholen. Auch einige junge Menschen aus unserem BeWo haben dieses Angebot dankbar angenommen. Aber es gibt ja noch andere Möglichkeiten, zu kostenlosem oder kostenreduziertem Essen zu kommen, stellvertretend zwei Beispiele: die get2card = zwei Essen bestellen, nur eins bezahlen oder der DKB-Club = als Kunde der Deutschen Kreditbank erhalte ich prozentuale Rabatte in Gaststätten. (In beiden Fällen natürlich nur in solchen, die auch dabei mitspielen!) Hm … die beste Möglichkeit, sich mal so richtig kostenlos sattessen zu können, is aber noch eine andere: Lasst euch zu einem Buffet einladen; egal ob kaltes, kalt-warmes, Kuchen- oder sonstwas für eins. Es lohnt sich in jedem Fall. Reinhard Mey konnte davon auch ein Lied singen. In „Die heiße Schlacht am kalten Buffet“ beschreibt er in der ersten Strophe die Atmosphäre recht treffend:

„Gemurmel dröhnt drohend wie Trommelklang. Gleich stürzt eine ganze Armee die Treppe herauf und die Flure entlang: dort steht das kalte Buffet. Zunächst regiert noch die Hinterlist, doch bald schon brutale Gewalt. Da spießt man, was aufzuspießen ist, die Faust um die Gabel geballt. Mit feurigem Blick und mit Schaum vor dem Mund kämpft jeder für sich allein und schiebt sich in seinen gefräßigen Schlund, was immer hineinpasst, hinein.“ Also, besser hätte ich es auch nich sagen können. Hab ja auch schon etliche Buffet-Erfahrungen gesammelt in den Jahren. Dumm is nur, dass man sich vorher erst die Reden anhören muss! Das is aber wohl so unverzichtbar wie die Werbung mitten im Spielfilm im Fernsehen. Was allerdings in Meys Lied fehlt, is das Ende. Komisch: er spricht nich davon, dass sich die Beteiligten beim Gastgeber bedanken oder das tolle Buffet loben. Das wär doch selbstverständlich, wa? So wie bei den wunderbaren kulinarischen und musikalischen Genüssen bei unserm Neujahrsempfang oder all den schönen Feier-Buffets in unseren Kitas … Oder hab ich da was überhört? Na, bleib ich beim Volksmund: „Entstehende Ähnlichkeiten sind rein zufällig … beabsichtigt.“ Mey endet: „Na denn: Prost bis zum nächsten Mal.“ Hi, hi, hi! Wir treffen uns.

Ich spring dann mal wieder los … „Auf, auf, mit Elan zum nächsten Buffet“, schmatzt der Springende Punkt vom KVPB.

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Kiez-Kultur

Vorgestellt: Abgeordnete aus unseren Wahlkreisen Stephan Lenz, CDU, Wahlkreis 6

Unterstützung des „Café Treffpunkt“. Die Unterstützung der Heilsarmee, speziell des „Café Treffpunkt“ in der Kuglerstraße, bildet einen weiteren Schwerpunkt der Arbeit von Stephan Lenz in seinem Wahlkreis. „Wir haben mit der Heilsarmee seit vielen Jahren eine enge Zusammenarbeit, denn wir finden das, was die Heilsarmee macht, sehr gut, nämlich das Leisten wirksamer Hilfe für Menschen, die Hilfe nötig haben.“ Ich erinnere mich an einen Besuch im „Café Treffpunkt“ und weiß, dass die Arbeit dort knallhart ist, die öffentliche Anerkennung sich dafür aber in Grenzen hält. Andere Hilfsorganisationen genießen viel mehr Öffentlichkeit. Die Heilsarmee aber wird in den Medien kaum wahrgenommen. Ein Fehler, der vielleicht mit dazu geführt hat, dass das „Café Treffpunkt“ heute in seiner Existenz gefährdet ist. Der Bezirk Pankow muss sparen. „Wir haben uns von Anfang an dafür eingesetzt, dass der Standort gesichert wird.“ Lenz’ Stimme wird lauter. „Der Erhalt ist erst einmal gesichert, aber die Diskussionen werden wieder beginnen. Eine Zusammenlegung mit anderen Einrichtungen ist keine Option.“

Stephan Lenz, 44 Jahre alt, gehört zu den Abgeordneten aus den Wahlkreisen im Ortsteil Prenzlauer Berg, die bei der Abgeordnetenhauswahl 2011 zum ersten Mal ins Parlament einzogen. Wir treffen uns im Haus des Kulturvereins Prenzlauer Berg e. V. zu einem Gespräch.

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tephan Lenz ist Rechtsanwalt, verheiratet, hat zwei Söhne. Er ist Vorsitzender des Ortsverbandes Schönhauser Allee der CDU. „Es macht Spaß, der Vorsitzende des Ortsverbandes Schönhauser Allee zu sein. Wir sind ein Team, das sich aufeinander verlassen kann.“ Der Ortsverband sei in den vergangenen Jahren kontinuierlich größer geworden, erfahre ich von ihm. „Ich bin 2001 auf dem Höhepunkt der Berliner Bankenkrise in die CDU eingetreten. Es war die Zeit, wo es für die CDU sehr schlecht lief.“ Es folgten Jahre in der Funktion als Schatzmeister im Ortsverband Schönhauser Allee und seit 2006 der Vorsitz des Ortsverbandes. „Viele Ideen, die ich nach draußen trage, entstehen im Team. Sie bilden ein Werk, das im Austausch mit meinen politischen Freunden entstanden ist, die mir auch klar sagen, wenn sie etwas nicht richtig finden. Das ist das, was uns zusammenhält als Ortsverband, unser gemeinsames Verständnis von Urbanität.“ Das Thema Urbanität wird unser gesamtes Gespräch begleiten.

Nun sind wir beim Thema Geldknappheit in Berlin. Dennoch ist Stephan Lenz überzeugt, dass die Haushaltskonsolidierung oberste Priorität genießen muss. „Berlin muss raus aus der Schuldenfalle“, sagt er. „Wir hatten ja Glück, konnten wider Erwarten das Jahr 2012 mit einem Haushaltsüberschuss von mehr als 600 Millionen Euro abschließen. Die Hälfte davon mussten wir als Rückstellung für den Flughafen BER deklarieren. Aber immerhin konnten wir 315 Millionen tilgen. Der Abschluss 2012 ist ein Ausweis für die gute Arbeit der Koalition. Es macht traurig, dass so ein guter Erfolg in den Hintergrund gerät wegen anderer negativer Schlagzeilen wie dem Flughafen BER.“

„Natürlich war die Freude groß, als feststand, dass ich über die Landesliste in das Abgeordnetenhaus einziehen werde“, erzählt Stephan Lenz. Gerade nach einem langen und Kräfte zehrenden Wahlkampf möchte jeder Erfolg haben. „Ich kann Ihnen auch sagen“, fährt Lenz fort, „nicht jeden Tag, aber überwiegend macht es doch großen Spaß, Abgeordneter zu sein.“ Die parlamentarische Arbeit war Stephan Lenz auch vor der Wahl nicht fremd. Er war zehn Jahre lang wissenschaftlicher Referent der CDU-Fraktion im Abgeordnetenhaus von Berlin. Seine Hauptarbeitsbereiche waren die Innen-, Rechts- und Integrationspolitik. So konnte er nach der Wahl gleich an diese Erfahrungen anknüpfen. „Ich bin Mitglied des Innenausschusses, des Verfassungsausschusses und des Europa- und Medienausschusses. Alle drei Ausschüsse habe ich als Referent beratend begleitet. Heute bin ich im Ausschuss für Verfassungsschutz in der Sprecherposition.“

Der Arbeitstag eines Abgeordneten ist oft lang, häufig gibt es Termine am Abend und am Wochenende. Offiziell ist das Berliner Abgeordnetenhaus ein so genanntes „Halbtagshaus“. Der Umfang der Arbeit ist jedoch halbtags nicht zu stemmen. Für Stephan Lenz ist es sehr wichtig, den bisher ausgeübten Beruf nicht aufzugeben, sondern ihn reduziert weiterzuführen. „Ich bin immer noch als Rechtsanwalt tätig. Das schafft Unabhängigkeit, denn Politik ist immer ein Mandat auf Zeit. Wenn das Mandat erlischt, muss man eine berufliche Heimat haben. Man merkt, wenn Politiker ihre Unabhängigkeit verlieren und dann besonders anfällig für Kompromisse sind. Ich möchte keine Kompromisse eingehen müssen, die ich nicht verantworten will.“ Bei diesem Arbeitspensum ist es nicht leicht, immer genügend Zeit für die Familie zu haben und für persönliche Hobbys. Doch darauf achtet Stephan Lenz sehr. „Ich spiele sehr gern mit meinen Kindern, Gesellschaftsspiele, auch Computerspiele. Dann nehme ich natürlich am kulturellen Leben in Berlin teil. Ich bin nach Berlin gekommen, weil ich bewusst in der Großstadt leben möchte.“

Keine Bebauung des Mauerparks Stephan Lenz, geboren in Cochem an der Mosel, ist Wahlberliner. „Neuberliner möchte ich nicht mehr sagen. Seit fast 18 Jahren lebe ich hier.“ Lenz lehnt sich zurück. Er scheint an diese Jahre zurückzudenken.„Meine beiden Söhne sind in Berlin geboren. Ich bin ganz bewusst nach Berlin gezogen. Ich lebe sehr gern in einer Großstadt, und deswegen ist auch Urbanität eins meiner Themen.“ Eng zusammen mit dem Thema Urbanität sieht Stephan Lenz die Entwicklung des Mauerparks. Sein Ziel ist es, dass der Mauerpark sich stetig entwickelt und ein noch größerer Anziehungspunkt für jedermann wird. „Da hat sich in der letzten Zeit einiges getan, speziell was die Sicherheit betrifft.“ Vor nicht langer Zeit bestand der Plan einer weit reichenden Bebauung freier Flächen im Mauerpark. „Ich habe nichts gegen Bebauung“, sagt Lenz, „aber nicht im Mauerpark. Es ist eine einmalige Chance, eine so große Freifläche zu haben, die man nutzen muss, für Jung und Alt. Wir haben auch viel erreichen können; die Südbebauung wurde komplett verhindert.“ Aus diesen Worten spricht Genugtuung. „Wichtig war uns, dass die Gewerbetreibenden im Süden weiter tätig sein können, denn sie haben eine große Bedeutung für den Charakter des Parks.“ Der Park soll nicht eine langweilige Grünfläche sein. „Der Mauerpark ist der Mauerpark. Dazu gehört der Flohmarkt genauso wie Karaoke. Eine bunte Mischung, ein Anziehungspunkt für ganz Berlin und für Touristen.“

Urbanität heißt Heterogenität Kehren wir noch einmal zur Arbeit im Ortsverband Schönhauser Allee zurück. Ein weiteres Thema, das dort mit Sorgfalt besprochen wird, ist das Steigen der Mieten, das viele Menschen im Kiez und darüber hinaus beschäftigt. „Es muss so sein, dass Menschen, die hier leben, auch möglichst hier leben bleiben können, wenn sie das möchten. Urbanität heißt für mich auch Heterogenität.“ Lenz möchte nicht, dass hier nur reiche Leute leben. „Wobei ich das in Prenzlauer Berg noch mit einer gewissen Gelassenheit sehe. Leute mit gutem Einkommen bringen Kaufkraft.“ Das fördere auch Vielfalt. Lenz freut sich auch über vermögende Leute im Kiez, die sollen aber andere nicht verdrängen. „Es fängt aus meiner Sicht erst dann an problematisch zu werden, wenn Verdrängung einsetzt, also wenn Leute wegziehen müssen, die gerne bleiben würden und die aus finanziellen Gründen für Andere Platz machen müssen.“ Stephan Lenz sieht die Problematik, was die Luxussanierung betrifft, kritisch. „Man muss, um den Bestandsschutz zu sichern, den kritischen Blick bewahren und mit geeigneten Maßnahmen reagieren.“

Auf der Website von Stephan Lenz findet sich unter anderem die Aussage, bürgerlich sein heißt, für sich und andere zu sorgen, eigenverantwortlich das eigene Leben und das seiner Familie zu gestalten.„Das ist mein Begriff von Bürgerlichkeit, den ich natürlich auch als Christdemokrat lebe. Das ist meine Überzeugung, die auf der christlichen Soziallehre beruht. Danach ist der Mensch verpflichtet, für sich selbst und die Seinen verantwortlich zu sorgen.“ Stephan Lenz blickt nachdenklich auf seine Hände. „Das schließt natürlich ein, auch dem Anderen zu helfen, ihn dazu zu bringen, sich wieder selbst helfen zu können. So ist unsere ordnungspolitische Vorstellung, eine starke Betonung des Prinzips der Eigenverantwortung. Freiheit und Verantwortung bilden eine Einheit.“

Die nächste Abgeordnetenhauswahl wird 2016 stattfinden. Was will Stephan Lenz in dieser Zeit politisch erreichen? „Ich möchte diese Zeit nutzen, um meine Projekte abzuarbeiten. Auf Landesebene sind wir dabei, den Verfassungsschutz neu zu organisieren. Als Sprecher des Ausschusses für Verfassungsschutz darf ich da an federführender Stelle mitwirken. Ich würde gern in einer Arbeitsgruppe mitwirken, um die Berliner Erfahrungen bei der Stärkung der Elemente direkter Demokratie bundesweit stärker publik zu machen. Kommunalpolitisch bleiben der Mauerpark und die Heilsarmee Schwerpunkte.“ Unser Gespräch geht zu Ende. Wir verabschieden uns, wollen vor dem Ende der Legislaturperiode weitere Gespräche führen. Und das ist gut so. Text: Claus Utikal

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Bildnachweis / Copyright: Stephan Lenz / Fotograf: Yves Sucksdorff


Bilderrätsel Wo steht denn das? In Pankow gibt es mindestens 226 Kunstwerke im öffentlichen Raum. Darunter Statuen aus Bronze und Messing, Plastiken aus Holz und Stein, Objekte aus Stahl und Kunststoff, Brunnen aus Stein, Denksteine, Wasserspiele und Figuren.

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ir suchen ein lebensgroßes Bronze-Mädchen. Es findet sich mitten im Prenzlauer Berg in der Nähe einer stark befahrenen Straße und steht auf einem rechteckigen Granitsockel, der von geometrischen Spielgegenständen umgeben ist. Sein Blick richtet sich auf eine kleine Grünfläche, umrandet von Bäumen. Der Künstler wurde in Berlin geboren und studierte Bildhauerei an der Kunsthochschule Weißensee. Seine Kunstwerke finden sich nicht nur in Deutschland. Das gesuchte Mädchen erschuf er 1982 und widmete es einem bekannten Pädagogen, dem Gründer des ersten Kindergartens.

Gleich erkannt? Teilen Sie uns bitte bis zum 9. August Ihre Lösung unter mittendrin@kvpb.de mit. Unter allen Mitratern verlosen wir 2 Eintrittskarten für die Inszenierung von SchauComp/danziger50 „Irrenhaus Danton – da wir nichts voneinander wussten“ am 16. August um 19 Uhr im ZENTRUM danziger50. (bs) Fotos: Frauke Niemann

Wohin im Juli/August? Veranstaltungskalender

Montag, 8. Juli, 19.30 Uhr Was: Fachgruppe Esperanto. Esperanto in Kroatien. Wo: ZENTRUM danziger50/Danziger Str. 50/10435 Berlin Eintritt frei.

Freitag, 19. Juli, 20 Uhr Was: Musikalischen Soirée mit Luciene Weiland und Easy Living. Mit Stücken von brasilianischen Modernisten und Bertolt Brecht. Wo: ZENTRUM danziger50/Danziger Str. 50/10435 Berlin Eintritt 10 Euro, ermäßigt 7 Euro.

Montag, 22. Juli, 19.30 Uhr Was: Fachgruppe Esperanto. Welche Signale kommen aus Island vom 98. Esperanto-Weltkongress in Reykjavik? „Inseln, die sich nicht isolieren: Für eine gerechte Kommunikation zwischen den Sprachgemeinschaften“ Wo: ZENTRUM danziger50/Danziger Str. 50/10435 Berlin Eintritt frei.

Montag, 05. August, 19 Uhr Was: Klönkino. Mit Ausschnitten aus „Im Westen nichts Neues“. Wo: ZENTRUM danziger50/Danziger Str. 50/10435 Berlin

Montag, 15. August, 19 Uhr Was: Vernissage. Eröffnung der Fotografieausstellung „rot!“ von s. sabine krause. Öffnungszeiten der Ausstellung 16. August bis 15. Oktober, Mo bis Fr 10 - 16 Uhr. Wo: Galerie unter der Treppe/ZENTRUM danziger50/ Danziger Str. 50/10435 Berlin Eintritt frei.

Mittwoch, 21. August, 17 Uhr Was: Dornröschen-Puppentheater. Weitere Termine: Donnerstag, 22. August, 10 Uhr/ Freitag, 23. August & Samstag, 24. August, 17 Uhr. Wo: PuppenTheater Felicio/Schivelbeiner Straße 45/10439 Berlin Kinder 4,00 Euro, Erwachsene 7,00 Euro; Kindergärten und Schulen mit dem Ermäßigungsschein des JKS 2,50 Euro, Erzieher haben freien Eintritt.

Freitag, 23. August, ab 15 Uhr Was: Musikalisches Sommerfest des ZENTRUM danziger50 und der Jungen HumanistInnen Wo: Innenhof/ZENTRUM danziger50/Danziger Str. 50/10435 Berlin Eintritt frei.

Eintritt frei, Spenden erwünscht.

Montag, 12. August, 19.30 Uhr Was: Fachgruppe Esperanto. Bildvortrag „Meine Erlebnisse in Myanmar (Burma)“ – Peter Kühnel bericht von einer ungewöhnlichen Reise. Wo: ZENTRUM danziger50/Danziger Str. 50/10435 Berlin Eintritt frei.

Freitag, 16. August, 19 Uhr Was: Freilichttheater. Irrenhaus Danton – Da wir nichts voneinander wussten. Wo: Freilichtbühne/ZENTRUM danziger50 Danziger Str. 50/10435 Berlin

Montag, 26. August, 19.30 Uhr Was: Fachgruppe Esperanto. Ideen für das Jubiläum „111 Jahre Esperanto in Berlin“ – eine Diskussion. Wo: ZENTRUM danziger50/Danziger Str. 50/10435 Berlin Eintritt frei.

Samstag, 31. August, ab 16 Uhr Was: 4. Berliner Buchnacht: Literatur Festival in der Kulturbrauerei Mit Heinz Strunk u. a. 60 Künstler / 30 Lesungen / 8 Stunden. Wo: KulturBrauerei/Schönhauser Allee 36/10435 Berlin Eintritt 15 Euro, ermäßigt 12 Euro.

MITTENDRIN Juli-August-Ausgabe 2013  

Magazin für Kultur und Bildung in Prenzlauer Berg

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