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Magazin für Kultur und Bildung in Prenzlauer Berg

Engagiert euch! Freiwillige vor… Kulturverein Prenzlauer Berg e.V. – November/Dezember-2013 /Januar-2014 – kostenlose Ausgabe


IN MITTENDRIN Das Letzte

Thema Engagiert euch! Freiwillige vor… Das richtige Ehrenamt finden

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Anlaufstelle Freiwilligenagentur

Berlin meets Bayern

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Wat? Wo steht denn ditte? Bilderrätsel

Wohin im November, Dezember, Januar?

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Veranstaltungen im ZENTRUM danziger50

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Nachbarschaftsarbeit verbindet

Engagement mit langer Tradition

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Aktiv im Kiez: Das Nachbarschaftshaus Urbanstraße

„Es gibt nichts Gutes, außer man tut es.“

Shortstories Die ersten Gelder sind verteilt

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Kunststipendien des Kulturvereins

Ein Raum ist ein Raum ist ein Raum

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Kinder-Kunst-Ausstellung Bildung ist bunt

Woyzeck im Schlund

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Ein postmoderner Theaterrausch

Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit

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Themenabend: Gender und BGE

Alte Hasen und junge Hüpfer

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Zweimal Kita-Geburtstag

Musikalischer Nachwuchs

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Vogelhochzeit bei den Dreikäsehochs

Bücherspezial Wie ist Kunst überhaupt möglich?

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Christoph Menke: Die Kraft der Kunst

Bookcrossing

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Büchlein, wechsle dich!

Erlesenes für Kinder

EDITORIAL (Erich Kästner)

Recht hat er, der Erich. Und weil das so ist, widmen wir uns in dieser Ausgabe dem Thema „Ehrenamt“ frei nach dem Motto: „Engagiert euch! Freiwillige vor…“. Etwa 850.000 Berlinerinnen und Berliner tun dies bereits und unterstützen in ihrer Freizeit unterschiedliche Einrichtungen und Menschen, die ihre Hilfe benötigen. Sie engagieren sich in der Jugend-, Sozial- oder Seniorenarbeit, sind als Schüler-Mentor, Mediator oder Schöffe tätig, im Kultur- und Sportbereich aktiv oder helfen der Feuerwehr und dem THW dabei, Leben zu retten. Die Einsatzbereiche sind vielfältig. Einige stellen wir Ihnen auf den nächsten Seiten vor. Und damit Sie nicht den Überblick verlieren, machen wir Sie mit „Profis“ bekannt: z.B. mit Juliane Erler von der Freiwilligenagentur Pankow. Sie hilft bei der Suche nach dem richtigen Ehrenamt. Und sonst? Wie immer gibt es Interessantes aus unseren pädagogischen und kulturellen Einrichtungen zu berichten, auch die Kultur und Kunst im Kiez kommt nicht zu kurz. Sie finden Herbstzeit ist Bücherzeit? Wir auch. Einigen besonderen Exemplaren widmen wir uns in unserem „Bücherspezial“. Ach ja, à propos kalte Jahreszeit: Wir machen zwar keinen Winterschlaf, gönnen uns aber ein kurzes Nickerchen und melden uns im neuen Jahr mit altem Elan und einer neuen MITTENDRIN zurück. Bis dahin, kommen Sie gut durch den Winter. Wir wünschen schöne Feiertage, einen schwungvollen Start ins neue Jahr und wie immer natürlich: Viel Spaß beim Lesen! Ihre

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Viele Bücher machen klücher…

Barbara Schwarz und Frauke Niemann (Redaktion Mittendrin)

Aufbegehren Überall dabei

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Inklusion im Alltag

Menschlich, allzu menschlich

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Ein Blick in den kulturschlund

Impressum

Kiezkultur Kolumne: Der Springende Punkt

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… und das Kreuz mit den Kreuzungen

Poetisiert euch!

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Ein Verlag macht ernst

Konsum als revolutionärer Akt?

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RLF: Das richtige Leben im falschen

Anstiftung zum Denken

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Nicht vergessen: Das hier ist Wasser

Klang & Collage für David Foster Wallace Liveperformance im ZENTRUM danziger50

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Herausgeber: Kulturverein Prenzlauer Berg e.V. Danziger Str. 50 10435 Berlin

Redaktion: Barbara Schwarz Frauke Niemann

Satz: Thilo Schwarz-Schlüßler

Druck: Jugendmedienwerkstatt Medienpoint Norbert Winkelmann Gleimstr. 49 10437 Berlin

Verantwortlich: Der Vorstand Kulturverein Prenzlauer Berg e.V.

Kontakt: mittendrin@kvpb.de 030/43202067

Gestaltung: Edmund Cekanavicius


Thema

Engagiert euch!

Freiwillige vor... Es ist alles andere als selbstverständlich, dass Menschen - neben Beruf, Familie, Freunden und Hobbys - Zeit dafür aufbringen, anderen zu helfen. Trotzdem sind nach aktuellen Schätzungen in Europa derzeit etwa 100 Millionen Freiwillige für die „gute Sache“ im Einsatz. Was ist dran am Ehrenamt?

Webseite zählt ein Ticker Unterstützer und Unterstützte. Aktuell sind es knapp 400.000 Menschen, die ca. 6.000 Projekten geholfen haben. Es gibt ein eigenes Berlin-Portal mit über 200 Projekten. Über eine halbe Millionen Euro wurden auf betterplace.org bereits für Berliner Initiativen gespendet.

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http://www.betterplace.org/de/portals/berlin

enschen, die regelmäßig freiwillige Sozialarbeit leisten, leben länger, behauptet die Studie „A little volunteering can prolong your life“ der Universität Michigan. Auch eine Studie der UBC in Vancouver stellt Ähnliches fest. Ehrenamtliche Tätigkeiten seien gut für das Herz: sinkende Entzündungs-, Cholesterin- und Blutfettwerte sind demnach die positiven medizinischen Folgen. Ob sie damit richtig liegen oder nicht, rumgesprochen hat sich die angeblich lebensverlängernde Wirkung wohl noch nicht; sie dürfte für die meisten nicht die Hauptmotivation für die Übernahme einer Freiwilligentätigkeit sein. Vielleicht fände eine Formulierung abseits medizinischer Implikationen und frei nach Forrest Gump breitere Zustimmung: „Gut geht´s dem, der Gutes tut!“ Soziales Engagement verbessert zweifellos nicht nur das Leben anderer, sondern auch das eigene und ist gut für Seele und Wohlbefinden. Es macht zufrieden, etwas Sinnvolles zu tun, das anderen zu Gute kommt. Freiwilligenarbeit kann aber noch viel mehr. Sie bietet die Chance, die Gesellschaft im Kleinen mitzugestalten, die Erfahrung des positiven Mitmischens. Sie bringt Menschen in Kontakt und einander näher und eröffnet die Möglichkeit, auf verschiedensten Ebenen dazuzulernen. Natürlich gibt es viele Wege ins Ehrenamt. Manche stolpern zufällig über ein Projekt, das sie für unterstützenswert halten, andere wissen, dass sie sich engagieren möchten, aber nicht genau wofür und in welcher Form. Für diese gibt es mittlerweile ein vielfältiges Angebot: Projekte, Stiftungen und Organisationen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, zwischen Engagement-Willigen und sozialen Projekte zu vermitteln, und das auf ganz unterschiedliche Weise. Wir haben eine kleine Übersicht zusammengestellt. Also, nur zu: Engagiert euch, Freiwillige vor…

Eine gute Tat: Jeder kann helfen Unter dem Motto „Heute ein Engel“ vermittelt die Berliner Stiftung Gute Tat hilfsbereite Bürger in ehrenamtliche Kurzzeitengagements. Menschen, die sich nicht längerfristig an eine Institution binden können oder wollen, finden auf der Webseite Projekte, die häufig nur eine einmalige Teilnahme voraussetzen oder zeitlich begrenzte Unterstützung suchen. Mittlerweile ist Gute Tat auch über die Grenzen Berlins hinaus in München und Hamburg aktiv. http://www.gute-tat.de

Helfen leicht gemacht Ehrenamts-Entscheidungshilfe: Der Engagement-O-Mat Der Engagement-O-Mat der Aktion Mensch hilft dabei, maßgeschneiderte Angebote in der direkten Umgebung zu finden. Im Multiple-Choice-Verfahren kann der oder die Engagement-Suchende Interessen, Zeitfenster, körperliche Konstitution und weitere Parameter angeben. Die Auswahl führt direkt zu passenden Einrichtungen in unmittelbarer Nähe. https://www.aktion-mensch.de/freiwillig/engagement-o-mat.php Kinder an die Macht: Online mitbestimmen und den Kiez verändern Das Berliner Projekt kiez-verändern.de der Drehscheibe Kinder- und Jugendpolitik setzt auf E-Partizipation. Das Portal möchte Sprachrohr für Kinder und Jugendliche sein, die online ihre Ideen und Wünsche für ihren Kiez äußern und eigene Projekte initiieren können. kiez-verändern.de bietet Beratung und Projektcoaching. Auch eine finanzielle Förderung ist möglich, z.B. über die Jugendjury Mitte. http://www.kiez-veraendern.de Make the World a Betterplace Auf betterplace.org treffen Menschen, die Hilfe benötigen, auf Menschen, die helfen wollen und ihren Projekten Geld oder Zeit spenden. Auf der

Foto: Maik Ferdinand

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Thema

Das richtige Ehrenamt finden Anlaufstelle Freiwilligenagentur Viele Menschen möchten sich ehrenamtlich engagieren, gesellschaftliche Verantwortung übernehmen, anderen helfen, wissen aber nicht wo und wie sie aktiv werden können. Umgekehrt gibt es unzählige soziale Einrichtungen, Vereine und Initiativen, die Bedarf an freiwilligen Helfern haben, aber niemanden finden, der bereit oder geeignet ist, sie bei ihrer Arbeit zu unterstützen.

Muss. Außerdem wird ein Leitfaden zum Download angeboten, der Tipps bereithält, die den ehrenamtlichen Mitarbeitern in spe dabei helfen sollen, ihre Rolle zu klären sowie sich über Rechte und Pflichten bewusst zu werden, die diese mit sich bringt. Pro Jahr vermittelt die Freiwilligenagentur im Stadtteilzentrum Pankow etwa 100 Freiwillige. „Wir arbeiten mit einer speziell für die Bedürfnisse von Freiwilligenagenturen konzipierten Datenbank“, erzählt Juliane Erler. In dieser sind die Organisationen und Freiwilligen gelistet. Mit Hilfe der Datenbank können nach entsprechenden Matching-Kriterien Organisationen und Freiwillige passgenau zusammengebracht werden. „Die Ansprechpartner in den Organisationen bekommen dann von uns die Information, dass es interessierte Freiwillige gibt und werden gebeten, Kontakt mit diesen aufzunehmen.“ Derzeit sind 90 Organisationen in der Datenbank aufgeführt, alle werden vorab von den Mitarbeiterinnen der Freiwilligenagentur besucht. Auch die Freiwilligen selbst entscheiden erst nach einem Kennenlerngespräch vor Ort – oft auch erst nach einer mehrwöchigen Schnupperphase – ob das vorgeschlagene Ehrenamt das richtige für sie ist. „Viele der Interessierten, die bei uns anfragen, haben Angst davor, ein Ehrenamt zeitlich nicht ausfüllen zu können, aufgrund beruflicher oder anderer Verpflichtungen“, so Erler. „Diese Angst versuchen wir ihnen zu nehmen. Man bringt so viel Zeit mit, wie man erübrigen kann und will. Das können sechs Stunden pro Woche sein oder eine Stunde im Monat. Natürlich ist das auch abhängig von der Art der Tätigkeit und der Absprache mit den Einrichtungen.“

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ier kommt Juliane Erler ins Spiel. Sie ist Leiterin der Freiwilligenagentur Pankow. Seit vier Jahren vermittelt sie Freiwillige an passende Organisationen. Unterstützt wird sie dabei – nomen est omen – von zwei regelmäßig tätigen ehrenamtlichen Kolleginnen. „Unsere Aufgabe als Freiwilligenagentur ist es, beide Seiten zusammenzubringen“, erklärt Erler. „Wir beraten per Telefon oder E-Mail, in der Regel jedoch im persönlichen Gespräch. Wir geben grundsätzliche Informationen zum Thema bürgerschaftliches Engagement und zeigen Einsatzmöglichkeiten entsprechend der jeweiligen Wünsche und Interessen auf.“ Um den eigenen Vorstellungen auf die Schliche zu kommen und mögliche Tätigkeitsfelder und Einsatzbereiche auszumachen und einzugrenzen, können Interessierte im Vorfeld einen kurzen Fragebogen ausfüllen. Das ist aber kein

Wer hellhörig geworden ist und mehr zum Thema wissen möchte, wählt die Nummer 030 - 499 87 09 20 oder schreibt eine Mail an freiwillig@stzpankow.de. (fn) Foto Freiwilligenagentur Pankow

Berlin meets Bayern Nachbarschaftsarbeit verbindet kennen: den „Waldperlacher Treff “, ein ehemaliger Schreibwarenladen, der nun als Café, Näh-, Bastel- und Strickstube dient. Hier werden Vorträge zu Gesundheit und über Philosophie veranstaltet, aber auch Spieleabende und andere Freizeitaktionen angeboten. 120 zahlende Vereinsmitglieder gewährleisten durch ihren Beitrag die Miete der Räume und damit die Möglichkeit, dass solche Angebote umgesetzt werden können. Alle Aktiven arbeiten ehrenamtlich, sei es die Heilpraktikerin, die zu Gesundheitsthemen referiert oder der Philosoph aus der Nachbarschaft, der sich in seinen monatlichen Gesprächsrunden zuletzt mit dem Thema „Fremdsein“ beschäftigt hat. Auch wurde ein spezieller Seniorenstadtplan erstellt mit einer detaillierten Aufstellung von barrierefreien Orten. Die Seniorenarbeit ist nur ein wenn auch sehr wichtiger Teil der Vereinsarbeit. Alle Altersklassen sollen mit einbezogen, der nachbarschaftliche Zusammenhalt über alle Altersgrenzen hinweg gestärkt werden. In den Wintermonaten veranstaltet z. B. eine Puppenspielerin mit den Waldperlacher Kindern ein Stabpuppentheater. Im letzten Jahr lud der Verein zum großen Stadtteilfest: 100 Jahre Waldperlach wurden gefeiert. Hier stellte ein Rikschaverleiher seine Gefährte zur Verfügung, damit Senioren und Enkel gemeinsam die Gegend erkunden konnten. Eine Rikscha dient weiterhin dem guten Zweck: An zentraler Stelle geparkt, hat sie sich bei den Waldperlachern als Tauschbörse etabliert. Ihre Sitzbank beherbergt Bücher und Kleinigkeiten, die einfach mitgenommen werden dürfen. Ein paar Tausend Bücher wechseln hier pro Woche die Hände. So hat sich ganz nebenbei ein Ort des Austauschs und der gegenseitigen Hilfe fest im Stadtteil etabliert. (bs)

Der Stadtteil Waldperlach im Südosten von München ist mit seinen dreizehntausend Einwohnern eher klein. Viele Senioren, oftmals alleinstehend, wohnen in das Stadtbild beherrschenden Einfamilienhäusern. Gemeinsame Aktivitäten und gegenseitiger Austausch müssen organisiert werden. Dabei hilft der Verein für nachbarschaftliches Leben in Waldperlach e.V. Christiane Gruzlewski vom Vorstand sprach mit mir über die schönen und herausfordernden Seiten ihrer Arbeit.

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chnell wird mir klar, es geht hier nicht um Komfortfragen, sondern um Grundsätzliches. Viele Anwohner können Dinge, wie den Gang zum Arzt, nicht mehr allein erledigen und benötigen Unterstützung. Ambulante Hilfen und Versorgungsdienste sind teuer, und es ist kaum eine pflegerische Infrastruktur vor Ort. Ich lerne das Herzstück der Vereinsarbeit

Verein für nachbarschaftliches Leben in Waldperlach e.V. Gänselieselstraße 39 81739 München vorstand@lebeninwaldperlach.de

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Foto: Josephine Elsa Schlüßler


Thema

Engagement mit langer Tradition Aktiv im Kiez: Das Nachbarschaftshaus Urbanstraße Das Nachbarschaftshaus Urbanstraße (NHU) ist ein Kooperationspartner des Kulturvereins. Die beiden Vereine verbindet u.a. das Projekt „Kiezinitiative Düttmann-Siedlung“, das sich für Bildungsgerechtigkeit im Kreuzberger Graefe-Kiez einsetzt. Wir sprachen mit dem Geschäftsführer Matthias Winter über Nachbarschaftsarbeit und ehrenamtliches Engagement.

dern. In allen genannten Bereichen sind wir Träger von entsprechenden Regelangeboten oder Projekten. MITTENDRIN: Wie könnt ihr diese vielfältigen Angebote und unterschiedlichen Projekte realisieren? M. W.: Die Arbeit unsres Vereins wird von 80 hauptamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern und etwa 140 ehrenamtlich engagierten Menschen getragen. Ohne diese freiwillige Beteiligung an unseren Aktivitäten, der Mitarbeit vor Ort und in unseren Einrichtungen könnten wir vieles gar nicht stemmen. Das Nachbarschaftshaus, sein Selbstverständnis und seine Arbeit gründen sich auf ein breites freiwilliges und bürgerschaftliches Engagement. In dieser Tradition stehen wir. Daher ist es uns ein wichtiges Anliegen, die Freiwilligenkultur im Bezirk und über die Bezirksgrenzen hinaus zu fördern. MITTENDRIN: Und wie kann man sich bei beziehungsweise für euch engagieren? M. W.: Da gibt es sehr viele Möglichkeiten für kurz- und langfristiges Engagement. Ehrenamtliche Helfer können uns z. B. bei Festen und Veranstaltungen unterstützen, im Arbeitsausschuss und Vorstand tätig werden, in unseren Kinder- und Jugendeinrichtungen oder in der Freiwilligenagentur Friedrichshain-Kreuzberg mitarbeiten. Es gibt aber noch viele weitere Einsatzmöglichkeiten.

MITTENDRIN: Wie lange gibt es das Nachbarschaftshaus Urbanstraße schon? M. W.: Mehrere Jahrzehnte. Gegründet wurde es 1949 von einer amerikanischen Glaubensgemeinschaft, den Mennoniten. Die Amerikaner wollten mit der Gründung von Nachbarschaftshäusern im damaligen Westteil der Stadt demokratische Werte wie Solidarität, Partizipation und bürgerschaftliches Engagement in der deutschen Nachkriegsgesellschaft verankern. 1955 wurde unser Trägerverein Nachbarschaftshaus Urbanstraße e. V. gegründet, der auch heute noch die Geschicke des Vereins lenkt. MITTENDRIN: Welche Arbeitsfelder gab es damals? M. W.: Vor allem die Nachbarschaftsarbeit mit einem Schwerpunkt auf sozial-kulturellen Angeboten. Dazu kam dann die Jugendarbeit mit Rock’n Roll-Bands im historischen Ballsaal und so weiter. Parallel bildete sich der Schwerpunkt „Seniorenarbeit“ heraus. Zwei schwer zu vereinbarende Bereiche, wie man sich denken kann. MITTENDRIN: Und heute? Habt ihr noch die gleichen Arbeitsfelder, oder gab es einschneidende Veränderungen? M. W.: Wir sind ein offenes Haus, fördern Kontakte, Austausch und Zusammenkünfte für Menschen aus der Nachbarschaft und unterstützen Eigeninitiativen. In den letzten 25 Jahren hat sich das Nachbarschaftshaus allerdings zunehmend nach außen orientiert. Dabei hat sich der Schwerpunkt „Gemeinwesen und Stadtteilarbeit“ herauskristallisiert. Wir holen Initiativen und Gruppen ins Haus und unterstützen sie vor Ort im Stadtteil dabei, ihre Anliegen und Interessen zu vertreten. Jugendarbeit in unserer Trägerschaft findet heute, von der Kita im Nachbarschaftshaus mal abgesehen, in eigenen Einrichtungen im Sozialraum statt. An die Stelle der „Seniorenarbeit“ sind intergenerative und inklusive Angebote getreten. Im Mittelpunkt unserer gebietsorientierten Arbeit stehen vor allem die Werner-Düttmann-Siedlung und der Graefe-Kiez in Kreuzberg. Seit 2008 ist der Reichenberger Kiez und seit 2010 auch der Gneisenau-Kiez Teil unserer Gemeinwesenarbeit. Darüber hinaus gehört Jugendhilfe, Bildung sowie Erziehung und Beschäftigungsförderung zu unseren Tätigkeitsfel-

Kontakt: Matthias Winter Geschäftsführer Nachbarschaftshaus Urbanstraße e. V. m.winter@nachbarschaftshaus.de Telefon: 030 - 690 497 15 Urbanstraße 21 10961 Berlin www.nachbarschaftshaus.de

Interview: fn/bs, Fotos: Nachbarschaftshaus Urbanstraße

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Shortstories

Die ersten Gelder sind verteilt Kunststipendien des Kulturvereins Erstmalig förderte der Kulturverein Projekte im Bereich der Freien Kunst. Hierzu wurde eine Kulturjury gebildet, die zweimal jährlich über Förderanträge entscheidet. Unsere Jurymitglieder sind die Schauspielerin Marie Gruber, der Musiker Tobias Kabiersch und die Kunstprofessorin Tynne Claudia Pollmann. Der Bewerbungsschluss für die nächste Auswahlrunde ist der 03.03.2014. Hier stellen wir Ihnen die bisher geförderten Projekte vor, die im ZENTRUM danziger50 präsentiert wurden oder noch werden.

Das hier ist Wasser Klang und Collage für David Foster Wallace Die KlangCollage basiert auf der berühmt gewordene Rede Das hier ist Wasser des amerikanischen Schriftstellers David Foster Wallace. Diese gilt in den USA mittlerweile als Klassiker und Pflichtlektüre an Schulen und Universitäten. Der Verein kulturbus.net präsentierte Das hier ist Wasser als KlangCollage und untermalte die gelesene Rede im Rahmen einer Liveperformance musikalisch und künstlerisch. Mehr dazu auf Seite 18 und 19. (bs)

Hörspiele im Kellergewölbe der Fred-Frohberg-Stiftung Gewürdigt werden soll die Radiokultur, die im Jahr 2013 ihr 90jähriges Jubiläum feiert. Projektauftakt der Hörspielserie war der Tag des Hörspiels am 30.10.2013, an dem sich zum 75. Mal die legendäre Erstausstrahlung des Hörspiels Krieg der Welten von Orson Welles im amerikanischen Radiosender CBS jährt. SchauspielCompagny Berlin: Irrenhaus Danton – da wir nichts voneinander wussten Das Jahr 2013 ist das Jahr Georg Büchners und auch das Jahr der Aufklärung. Die SchauspielCompagny, kurz: SchauComp, stellt Dantons Tod von Büchner ins Zentrum ihrer Theaterproduktion. Aber auch Texte anderer Autoren werden in Irrenhaus Danton – da wir nichts voneinander wussten ausschnitthaft miteinander verwoben. Büchner war 21 Jahre alt, als er das Stück verfasste, er starb mit gerade mal 23 Jahren. Die Premiere ist am 08. November. kulturschlund: Morion.3 - Woyzecks Büchner oder Why The Fuck Did He Kill Marie? Und noch einmal Büchner: Die Künstlergruppe kulturschlund wagt sich an eine Neuinterpretation des Woyzeck und transfomiert Büchner in ihr ganz eigenes, das Morion-Universum. Was das heißt, erfährt, wer die Rezension zum Stück von Stefan Wirner auf der nächsten Seite liest oder weiterblättert und auf Seite 14 und 15 in die Gedankenwelt der kulturschlünder eintaucht. Im Oktober gab es bereits drei Aufführungen Morion.3 - Woyzecks Büchner oder Why The Fuck Did He Kill Marie? im ZENTRUM danziger50. Weitere folgen am 30. November, 1. Dezember, 31. Januar und 1. Februar. Foto: © Rike/PIXELIO

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Grafiken: Kaja Krajnik


Shortstories

Ein Raum ist ein Raum ist ein Raum Kinder-Kunst-Ausstellung Bildung ist bunt Der Nachbarschaftstreff in der Werner-Düttmann-Siedlung in Kreuzberg wurde für zwei Stunden zur Ausstellungsfläche. Junge Künstler aus dem Kiez zeigten zum ersten Mal ihre Kunstwerke und sorgten damit für reichlich Gesprächsstoff.

nem Ort für Kunst. Alle Tische und Stühle wurden an den Rand gestellt. in 1,40 m Höhe wurden Schnüre an drei Seiten gespannt und die Bilder mit Wäscheklammern befestigt. Fertig. Und nun passierte das Erhoffte: es wurde flaniert, auf Augenhöhe entdeckt, über die Wahl der Farbe, des Materials, des Motivs gestaunt. Es herrschte lebendiges Treiben und ein reger Austausch zwischen Künstlern und Besuchern. Es gab auch Platz für den unterstützenden Charakter der Veranstaltung: die Bilder der jungen Kreuzberger schmücken nun Bildungsbons, durch deren Erwerb der Bildungsfonds gespeist wird. Viele Bildungsprojekte für die Bewohner der Düttmann-Siedlung sollen mit seiner Hilfe realisiert werden. Die Ausstellung knüpft an eine Benefizausstellung im Dezember 2012 in der Kapelle am Urban an und gibt den Auftakt für zwei weitere Ausstellungen, bei dem die Werke der jungen Künstler im Posterformat gezeigt werden. Der Poster-Verkaufserlös fließt ebenfalls in den Bildungsfonds. Dieses Beispiel dafür, dass Bildung bunt sein kann, hätte Werner Düttmann, dem Architekten, Maler und Namensgeber für die Siedlung sicherlich gefallen. Die Werner-Düttmann-Siedlung hat er von 1981 bis 1982 erbaut, es war das letzte Wohnbauprojekt vor seinem Tod im Jahre 1983. (bs)

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m 11. Oktober kam neues junges Leben in den Nachbarschaftstreff auf dem Werner-Düttmann-Platz. Kunstwerke, die auf dem Nachbarschaftsfest der Düttmann-Siedlung am 15. Juni entstanden sind, wurden ausgestellt. Kunst und Künstler standen im Mittelpunkt. Im Sommer unterstützten fünf Künstlerinnen und Künstler aus Kreuzberg vor Ort diesen kreativen und individuellen Prozess, bei dem unter dem Motto „Und später mal? Wie male ich mir die Zukunft aus?“ künstlerische Zukunftsvisionen entstanden. Ein paar kleine Veränderungen und der Raum wurde zu ei-

Woyzeck im Schlund Ein postmoderner Theaterrausch Büchners Dramenfragment in einer Rocky-Horror-Revue. Woyzeck und Marie kreidebleich im schwarzen Guckkasten. So kann Theater in der danziger50 aussehen.

Schöpfer griffen immer wieder in die eigentliche Woyzeck-Handlung ein – trieben das Stück voran, bremsten es, stoppten es zuweilen. Meist philosophierten sie zynisch über den Sinn des Ganzen. Geboten wurde so der gesamte Woyzeck (im Guckkasten), eingebettet in eine Art assoziativ-burlesker Büchner-Rocky-Horror-Revue. Und damit wären wir bei der dritten Ebene: bei der Musik. Denn das Stück war auch ein Musical – mit eigens dafür komponierten Liedern, Geräuschen und Klängen der Gruppe rund um den Komponisten und Regisseur Raphael Dlugajczyk. Die drei Ebenen verschmolzen streckenweise zu einer beeindruckenden Aufführung. Vieles blieb einem als Zuschauer im Gedächtnis haften. Das ständig wiederkehrende, wahnhafte „Immer zu, immer zu“ Woyzecks, die „Teufel!“-Rufe, die Doktor- und Hauptmann-Szenen, die schauerlichen Songs. Ein Höhepunkt war es auch, als sich Schöpfer und Woyzeck-Darsteller im Rausch auf der Bühne miteinander vereinten und in einem orgiastischen Reigen durch den Saal tanzten. Die anschließende Szene ließ den Ethanol-Kater der Schöpfer greifbar werden, bis sie, angetrieben von der gestrengen Prof. Dr. Clara, die Woyzecks wieder in den Schlund verbannten. Was aber ist nun zu dieser Woyzeck-Interpretation zu sagen? Warum, zur Hölle, brachte er Marie um? Nur so viel sei verraten: Büchner hat am Ende Recht behalten. Jedem ist es möglich, das selbst zu überprüfen. Die nächsten Aufführungen finden am 30. November, 1. Dezember, 31. Januar und 1. Februar in der danziger50 statt. Immer zu!

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luttriefende, nackte Leiber, voyeuristische Erotikszenen, hysterisches Geschrei und krawallartige Torten-Tomaten-Schlachten wahlweise in Nazi- oder Stasiuniform: So manches klassische Werk wurde im postmodernen Theaterrausch derart entstellt, dass man sich fast nach den alten werkgetreuen Guckkastenvorführungen früherer Zeiten sehnte. Grell und laut soll es sein, provozieren soll es um jeden Preis – und der Gehalt wird beliebig verwaschen und verzerrt. Why The Fuck Did He Kill Marie? Dieser ebenso postmodern daherkommenden Frage ging das Theaterensemble kulturschlund zum 200. Geburtstag Georg Büchners nach. Ein „tragikomisches Musiktheater“ zum Woyzeck-Fragment wurde versprochen. Sollte mal wieder ein Meisterwerk bis zur Unkenntlichkeit verbeult werden? Ende Oktober gab es drei Aufführungen dieser Woyzeck-Inszenierung im ZENTRUM danziger50. Und wer eine davon gesehen hat, kann in jedem Fall von sich behaupten, eine ungewöhnliche Interpretation des Dramenstoffes erlebt zu haben. Das Stück spielte auf drei Ebenen: Da war zum einen die Woyzeck-Ebene, die sich erfreulich ernstgemeint am Originalfragment orientierte. Diese Szenen spielten in einer in Schwarz gehaltenen Guckkastenbühne – einem wahrhaften Kulturschlund. Im Kasten agierten Marie, Woyzeck und die anderen in einem kreidebleichen Weiß. Auf der zweiten Ebene die sogenannten Schöpfer: ein Gaukler als tuntig auftretender Impressario, eine streng dreinblickende Psychiaterin mit saurem Zitronenmund, ein grüner, nietzscheanischer Narr und die Figur Georg Büchner selbst. Diese

Text Stefan Wirner Stefan Wirner ist Journalist und Autor und lebt seit 1991 im Prenzlauer Berg. Hier geht es zu seinem Lyrik-Blog: http://stefanwirner.wordpress.com/

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Fotos: Frauke Niemann


Shortstories

Freiheit, Gleichheit, Schwesterlichkeit? Themenabend: Das bedingungslose Grundeinkommen aus Gendersicht

Die Diskussion um das bedingungslose Grundeinkommen (kurz: BGE) ist lauter geworden, findet zunehmend mehr Gehör in unserer Gesellschaft, angesichts eines sich ausweitenden sozialen Ungleichgewichts, prekärer Beschäftigungsverhältnisse und der Benachteiligung alternativer Familien- und Lebensmodelle.

des Arbeitsmarktes, die den so genannten Gender-Pay-Gap bedingt. Heißt: Frauen verdienen im Schnitt deutlich weniger als Männer. Zum einen gibt es männer- und frauenspezifische Branchen. Berufe, die überwiegend von Frauen ausgeübt werden, sind deutlich schlechter bezahlt als männerdominierte Berufe. Aber auch in vergleichbaren Berufspositionen verdienen Frauen weniger als ihre männlichen Kollegen. Dementsprechend geringer sind später ihre Sozialversicherungsleistungen, die sich an die Lohnhöhe koppeln. All diese Faktoren zusammengenommen erhöhen das Armutsrisiko von Frauen und führen zu einer deutlichen Schlechterstellung gegenüber Männern. Die Vorteile eines bedingungslosen Grundeinkommen für Frauen sind also leicht nachvollziehbar: das BGE ist voraussetzungslos, die Existenzsicherung ist nicht gekoppelt an Erwerbsarbeit oder Ehe. Persönliche Abhängigkeiten, wie sie durch eheliche abgeleitete Versorgungsansprüche entstehen, werden nicht befeuert. Ungleichbehandlungen und Benachteiligungen in der sozialen Sicherung entfallen, jedenfalls dann, wenn das BGE erwerbszentrierte Sicherungssysteme vollständig ablöst. Und jenseits von sozialstaatlicher Absicherung? Befördert das bedingungslose Grundeinkommen darüber hinaus gleiche und damit gerechtere Lebens- und Arbeitsbedingungen für Frauen und Männer? Da gehen die Meinungen auseinander. Mit der Einführung des BGE wären alternative Familien- und Lebensmodelle der „ehelichen Kernfamilie“ gleichgestellt, kein bestimmtes Familienkonzept begünstigt. Die Chancen, tradierte Geschlechterrollen aufzubrechen wären damit stärker gegeben. Aber auch ein Gegentrend wäre denkbar: Wenn die Notwendigkeit der Erwerbsarbeit entfällt, könnte dies zu einer Retraditionalisierung von Geschlechterrollen führen.

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uch im ZENTRUM danziger50 wurde sie im Rahmen des Themenabends „Gender und BGE“ des Netzwerks Grundeinkommen lebhaft geführt. Anlässlich der sechsten internationalen Woche des Grundeinkommens vom 16. bis 22. September referierte Roswitha Pioch, Politikwissenschaftlerin und Direktorin des Instituts für Interdisziplinäre Genderforschung und Diversity an der Fachhochschule Kiel, über genderspezifische Aspekte des Grundeinkommens. Dabei ging es vor allem um die Frage, ob ein Grundeinkommen dazu beitragen kann, die Beziehungen zwischen den Geschlechtern gerechter zu gestalten. Das Grundeinkommen ist für Pioch eine mögliche Antwort auf eine Armutsproblematik, die hierzulande immer augenscheinlicher und offensichtlicher wird: ein Konzept, das es erlaubt, über den Tellerrand des gegebenen erwerbs- und ehezentrierten Sozialsystems hinauszudenken.

Bleibt festzuhalten: Die Existenzsicherung durch das BGE ist für alle gleich, unabhängig von geleisteter (Erwerbs-)Arbeit. Die geschlechtsspezifische Benachteiligung am Arbeitsmarkt setzt sich also nicht mehr in der sozialen Sicherung fort. Aber: Sie bleibt dennoch bestehen, denn die Ursachen der Ungleichbehandlung werden durch die Einführung eines Grundeinkommens nicht bekämpft. Will man Geschlechtergerechtigkeit erreichen, bedarf es vieler weiterer Änderungen und Neuerungen. Der Abbau von Einkommensunterschieden zwischen Männern und Frauen, die Aufwertung weiblich dominerter Arbeitsbereiche oder die Neuorganisation und -bewertung von Familienarbeit sind nur einige davon. (fn)

Doch was sehen wir beim Blick auf den „Teller“? Es ist zumindest mal angerichtet, könnte man behaupten, und hinzufügen, die Absicherungsmechanismen unseres Sozialstaates greifen gut. Ja? Aber nur bei denjenigen, die sich in einem sogenannten Normalarbeitsverhältnis befinden, also als Arbeitnehmer in abhängiger Erwerbsarbeit, der ohne größere Erwerbspausen einer existenzsichernden, sozialversicherungspflichtigen, unbefristeten Vollzeitbeschäftigung nachgeht. Dieses Szenario entspricht aber nicht mehr der heutigen Lebensrealität und Arbeitswelt. Und wie steht es mit der Geschlechtergleichstellung? Gefördert wird sie trotz gesetzlich verankerter Regelungen durch die gegebenen Sozialstrukturen nicht, das Gegenteil ist schon eher der Fall. Die immer noch überwiegend von Frauen geleistete familiäre Fürsorgearbeit erfährt keine Gleichstellung mit der Erwerbsarbeit, Familienarbeit begründet keinen Anspruch auf soziale Absicherung. Unser System befördert ohne Frage patriarchale Strukturen: Die Versorgerehe wird durch steuerliche (Stichwort Ehegattensplitting), sozialpolitische (Stichwort: Krankenkassen-Mitversicherung) und arbeitsrechtliche Maßnahmen (Stichwort: Sozialauswahl) gestützt. Die Mechanismen der „modernen“ Form geschlechterbezogener, familiärer Arbeitsteilung wirken ähnlich. Oft sieht dieses Modell so aus: Während der Mann vollzeiterwerbstätig ist, trägt die Frau die Doppelbelastung von Familienarbeit und (Teilzeit-)Erwerbsarbeit. Die vielbeschworene Vereinbarkeit von Familie und Beruf gestaltet sich in der Realität meist schwierig. Erwerbsbiographien von Frauen weisen größere Lücken auf, häufig arbeiten sie mit reduzierter Stundenanzahl. Zudem spricht man von einer Geschlechtersegregation Fotos: Frauke Niemann

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Shortstories

Alte Hasen und junge Hüpfer Zweimal Kita-Geburtstag Ein halbes Jahrhundert Kita Dreikäsehoch und 30 Jahre Kita Gleimstrolche: Runde Geburtstage sollte man feiern. Genau das taten Erzieher der beiden Prenzelberger Kindertagestätten zusammen mit den Kitakindern und ihren Eltern ausgiebig. Die vielen Glückwünsche der Gäste reichen auf jeden Fall für viele weitere Jahre!

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ur Feier des 50jährigen Bestehens der Kita Dreikäsehoch kamen viele kleine und große Gäste in die Mandelstraße 13. Das abwechslungsreiche Programm unterhielt Erwachsene und Kinder gleichermaßen. Eine Ausstellung gab Einblicke in die Geschichte der Einrichtung und weckte bei vielen nostalgische Erinnerungen. Das Highlight war ein wunderbares, liebevoll dekoriertes Kinderbuffet der Köchin Kathrin Möcks, unterstützt von Sven Henschel.

Die Teams der Kita Gleimstrolche wählten ein anderes Format für ihr 30jähriges Jubiläum. Schon Tage vor der Feier wurde die „magische Zahl“ in der Kita aktiviert: Die Kinder pflanzten eine „30“ aus gelben Blumen in ein Beet des Kita-Gartens. Es gab einen Riesengeburtstagskuchen aus dreißig kleinen, von den Kindern selbst gebackenen Kastenkuchen zur Geburtstagssause in der Gleimstraße. Aus einer dreißig Meter langen Papierrolle machten kleine, farbbekleckste Künstler ein beeindruckendes Wandgemälde. Die Chorkinder gestalteten gemeinsam mit der Musikpädagogin Dörte Löber ein gelungenes Bühnenprogramm. (bs)

Fotos: Frauke Niemann Fotos: Frauke Niemann und Kita Dreikäsehoch

Musikalischer Nachwuchs Vogelhochzeit bei den Dreikäsehochs Stuhlkreis, sang die Vogelhochzeit und habe den Kindern so hoffentlich eine Freude gemacht. In Erinnerung scheint der Tag jedenfalls geblieben zu sein: ein Junge hat mich eine Woche später mit der Frage begrüßt, ob ich denn meine Gitarre wieder mitgebracht hätte.

Ein Vogel wollte Hochzeit machen. Das war die Geschichte. Und fragt ihr mich, was nun geschieht. Hört zu, was ich berichte. (Rolf Zuckowski) Es hat sich alles so entwickelt: Ich hörte im Juni, dass sich die Kitagruppe meines Enkelkindes mit dem Thema „Vogelkinder“ beschäftigt. Da ausgerechnet in diesem Jahr meine Kanarienvogelmutti in unserem Vogelbauer Eier gelegt hatte und Ende April zwei kleine Vögelchen die Schalen durchbrochen hatten, im Nest saßen, gefüttert und groß gezogen werden wollten, konnte ich das alles wunderbar fotografieren und die Fotos der Kita Dreikäsehoch in der Mandelstraße zur Verfügung stellen. Einige Wochen lang hingen die Fotos an der Wand des Gruppenraumes, die Kinder konnten immer wieder einen Blick darauf werfen. Dann habe ich mich daran erinnert, dass schon meine längst erwachsenen Töchter in ihrer Kindergartenzeit den Liederzyklus Vogelhochzeit von Rolf Zuckowski gesungen haben. Der Liedermacher hat diesen Zyklus 1977 veröffentlicht. Er beschreibt den Jahreskreislauf der jungen Vögel vom Kennenlernen über den Nestbau, das Brüten und Schlüpfen, das Aufwachsen bis zum Nestverlassen. Ich bot an, den Kindern die Lieder vorzusingen. Am 6. August konnte dann der Auftritt stattfinden. Mit Gitarre und Liederheft setzte ich mich in den

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Text und Foto: Rolf Prums


Bücherspezial

Wie ist Kunst überhaupt möglich? Christoph Menke: Die Kraft der Kunst „Das Gelingen der Kunst ist an ihre Blindheit gebunden, während das Wissen der Philosophie den Verlust dessen bedeutet, von dem sie weiß.“

Christoph Menke

Buchtipp

Die theoretische Reflexion über Kunst ist nicht nur Teil der gleichnamigen Wissenschaft, sondern seit jeher auch Gegenstand der Philosophie und seit dem 18. Jahrhundert als Ästhetik eigenständige Teildisziplin. Platon, Aristoteles, Kant, Hegel, Schopenhauer, Nietzsche oder Adorno haben sich in ihren Werken der Frage nach der Kunst gestellt oder ihr explizit Schriften gewidmet. Mit „Die Kraft der Kunst“ hat der Frankfurter Philosoph Christoph Menke ein Buch vorgelegt, das versucht, in Auseinandersetzung mit diesen Positionen dem Verständnis von Kunst von Neuem auf die Spur zu kommen. In der Aufsatzsammlung geht es nicht so sehr um die Frage, was Kunstwerke von Alltagsgegenständen unterscheidet (Danto) oder um die Wahrheitsfrage in der Kunst (Gadamer), sondern darum, woraus sich der künstlerische Prozess sowie die Rezeption von Kunstwerken speist. Was passiert, wenn wir künstlerisch tätig werden? Was geschieht, wenn wir Kunstwerke betrachten? Wie ist Kunst überhaupt möglich? Und was bedeutet sie politisch? Die Unmöglichkeit von Kunst

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enkes Denken kreist dabei um den Begriff „Kraft“. Diesen bestimmt er gegenüber der Vernunft oder dem Verstand nicht als bewusstes Vermögen von Subjekten, das durch soziale Übung erworben wird und am Gelingen ausgerichtet ist, sondern als unbewusst, vorsubjektiv, erfinderisch und zweckfrei. Für die künstlerische Tätigkeit sind nun Kräfte ausschlaggebend: Das ästhetische Werk der Kunst besteht in der „(Selbst-)Überschreitung jeder selbstbewussten Tätigkeit des Subjekts“, die künstlerische Tätigkeit gelingt, „indem sie mit der Praxis selbstbewussten Machens bricht“. Menke folgt hier Nietzsche, indem er den Künstler als einen Menschen des Rausches kennzeichnet, der nicht ein Subjekt von Vermögen, sondern durch eine wesentliche „Unfähigkeit“ definiert ist: die Kräfte des Künstlers entfalten sich zunächst spielerisch, es ist sein Unvermögen, das schöpferisch wird. Erst danach wird er sich seiner Tätigkeit bewusst. Was der Künstler paradoxerweise also eigentlich kann, „ist nicht zu können“. Das Kunstwerk ist in diesem Sinne nur möglich, „weil und sofern wir es nicht zu machen vermögen“: nur „als unmögliches ist das Kunstwerk möglich“. Ähnlich wie für den künstlerischen Prozess macht Menke den Widerstreit zwischen Kraft und Vermögen auch für die Rezeption von Kunstwerken geltend. Er lehnt dabei die uralte Frage, nach welchen allgemein vernünftigen Kriterien Kunstwerke als gut oder schlecht beurteilt werden können, grundsätzlich ab. Wenn ein Kunstwerk das Ergebnis eines Prozesses ist, zu dem „ein ästhetisches Tun als spielerischer Ausdruck unbewusster Kräfte gehörte“, dann „kann es kein Urteilen über ästhetische Gegenstände geben, das nicht selbst an seinem solchen Tun teilnimmt – und darin wie das ästhetische Tun ist“. Erst in einem zweiten Schritt schaltet sich die Vernunft ein und sucht nach Gründen für das jeweilige Urteil. Die Kritik eines Kunstwerkes zielt nun nicht darauf ab, die Kluft zwischen unbewusstem und bewusstem Urteil zu überbücken, sondern diese allererst zu entfalten. Ob ein Kunstwerk gelungen oder ungelungen ist, hängt nach Menke allein davon ab, ob es den Betrachter zu einer solchen Art der Beurteilung überhaupt befähigt, sprich: ob ein Widerstreit zwischen unbewusstexpressivem Urteil einerseits und bewusst-vernünftigem Urteil andererseits stattfinden kann. In einem Selbstversuch betrachtet er daraufhin Neo Rauchs Gemälde Amt. Nach dessen Beschreibung stellt Menke fest, dass die Beschreibung selbst alles ist, was er über das Gemälde zu sagen hat. Es lässt ihn buchstäblich „kalt“. Der Widerstreit zwischen unbewusst-expressivem Urteil und bewusst-vernünftigem Urteil hat sich nicht entfalten können, darum ist das Werk nach Menke schlecht. Doch bleibt beim Lesen seiner Analyse auch ein Fragezeichen zurück. Denn was soll sie uns zeigen? Dass Menkes Theorie stimmt? Dass Rauchs Gemälde seinen Ansprüchen nicht genügt? Oder etwa, dass Rauchs Gemälde uns ästhetisch ansprechen muss? Vielleicht wäre es an dieser Stelle anschaulicher gewesen, wenn Menke auch das Beispiel eines gelungenen Kunstwerks angeführt hätte, um zu verdeutlichen, inwieweit seine Theorie über das ästhetische Urteil greift. Das Politische der Kunst Doch lässt sich Menkes Buch nicht auf diese Einsichten reduzieren. Im zweiten Teil des Buches geht es vorrangig um die politische Dimension der Kunst und des ästhetischen Denkens. Die Platonische Tradition hatte Kunst stets mit Argwohn betrachtet, untergrabe sie doch das Normative in den Bereichen Politik, Erkenntnis oder Religion, da sie nur die Sinnlichkeit anspricht. Dem hält Menke mit Nietzsche entgegen, dass sie neben dieser „unbeherrschbaren Bedrohung“ immer schon die Möglichkeit zur Erneuerung von Ordnung in sich trage. Insofern auch der Reflexion über Politik, Erkenntnis oder Religion ein ästhetisches Moment innewohnt – der Theoretiker schaut schließlich, bevor er reflektiert – kann gerade auch ästhetisches Denken zur Erneuerung des Normativen beitragen. Im letzten Kapitel unternimmt Menke dann gar den Versuch, nach der Möglichkeit politischer Gleichheit auf dieser Grundlage zu fragen: Gleichheit ist (mit Arendt) keine natürliche Tatsache, die auf die Politik übertragen werden kann, noch kann sie aus Vernunftgleichheit abgeleitet werden, da die Vernunft als Vermögen ungleich verteilt ist. Erst die Kraft, Vermögen überhaupt auszubilden, kommt nach Menke allen Menschen zu. Diese Kraft entfaltet sich aber nur in ästhetischen Akten, im Akt des Zuschauens: Gleichheit entsteht somit als „Effekt der Ästhetisierung im Zuschauen“. Damit folgt Menke einer neueren philosophischen Tendenz, die versucht, das Politische auf Ästhetik zu gründen. In Anbetracht der gegenwärtig anzutreffenden Flüchtigkeit Politischer Philosophie scheint dies ein vielversprechender Ansatz zu sein.

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Bücherspezial

Unterm Strich Die Kraft der Kunst ist sowohl an das Fachpublikum als auch an den philosophisch und künstlerisch Interessierten adressiert. Etwas philosophische Geduld und Vorwissen sind bei der Lektüre sicherlich von Vorteil, aber nicht zwingend erforderlich, zumal die einzelnen Kapitel zwar aufeinander bezogene, aber eigenständige Abhandlungen sind, die auch jene ästhetischen Positionen näherbringen, auf die sich Menke beruft. Wo er dabei auf Widersprüche und Ausweglosigkeiten trifft, versucht er diese nicht aufzulösen, sondern in Derridascher Manier produktiv für das Verständnis von Kunst zu entfalten. Damit ist Menke vielleicht näher an seinem Gegenstand, als so manch einer seiner philosophischen Vorläufer, wenn sie meinten, das Rätsel der Kunst begrifflich gelöst zu haben. In jedem Fall regt sein Buch dazu an, das eigene künstlerische Tun theoretisch zu betrachten, sich bewusst zu machen, was überhaupt passiert, wenn wir uns der Kunst zuwenden, und nicht zuletzt auch dazu, sich die politische Relevanz der Kunst vor Augen zu führen. In Anbetracht der Fülle der Fragen und Antworten, die Menke beibringt, kann man es nur als wertvoll erachten. Text: Jan Ferdinand

Jan Ferdinand, Jahrgang 1982, hat Politikwissenschaft und Philosophie studiert. Er ist Mitarbeiter eines Forschungsprojektes über Berliner Denkmäler zum Nationalsozialismus und freiberuflicher Lektor. Christoph Menke: Die Kraft der Kunst. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft. 1. Auflage. Berlin 2013. 179 Seiten. 14,00 Euro.

Bookcrossing Büchlein, wechsle dich! „Ein Buch ist nicht nur ein Freund, es schafft Dir neue Freunde. Wenn Du ein Buch in Gedanken und im Geist besessen hast, bist Du bereichert. Aber wenn Du das Buch weitergegeben hast, bist Du dreifach bereichert.“ Henry Miller

Dies ist der zentrale Gedanke hinter einer globalen Bewegung, die sich Bookcrossing nennt. Gelesene Bücher werden an öffentlichen Plätzen ausgesetzt, finden neue Leser, die sie für eine Weile adoptieren, um sie danach wieder in die Freiheit zu entlassen und anderen Schmökerwilligen zur Verfügung zu stellen. Der Bücherwald in der Sredzkistraße ist ein solcher Ort.

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ünf Baumstämme, mit eingelassenen Bücherklappen, in denen etwa 100 Bücher Platz finden, formieren sich zu Berlins kleinster Bibliothek. Sie befindet sich direkt vor dem Café Anna Blume, Ecke Kollwitzstraße. Das öffentliche Bücherregal kann jeder befüllen, mitgebrachte, ausgelesene Bücher einstellen oder interessante Fundstücke mitnehmen. Ein Schild informiert Passanten über das Prinzip des kostenlosen Buchaustauschs und die Möglichkeit, die Wege der „freigelassenen“ Bücher online zu verfolgen. Wer möchte kann sein Buch unter www.bookcrossers.de registrieren. Mit Hilfe von BC IDs (BookCrossing-IDentifiezierungsnummern) lässt sich jedes eindeutig markieren und seine Reise von Lesestation zu Lesestation verfolgen. Die Seite ist schon lange keine reine Datenbank mehr, sondern ein soziales Netzwerk, das Bücherfreunde nutzen, um sich über Ländergrenzen hinweg auszutauschen. Mittlerweile gibt es weltweit über 2 Millionen „registrierte“ Bookcrosser und knapp 10 Millionen gelistete Bücher, die durch über 130 Länder reisen. (fn)

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Fotos: Frauke Niemann


Bücherspezial

Erlesenes für Kinder Viele Bücher machen klücher… Diese Bücher wurden auf die Probe gestellt, haben gewissermaßen einen zweifachen Kinder-TÜV passiert. Seit einiger Zeit gibt es in den Familienbereichen der Kita Kiezeulen und der Kita Gleimstrolche abwechselnd die Veranstaltung „Kinder lesen für Kinder“. Das Konzept ist einfach: Schulkinder lesen Kitakindern ihre Lieblingsbücher vor. Wir stellen ihnen ausgewählte Schätze vor. (bs/fn)

Die Geschichte vom Löwen, der nicht schreiben konnte von Martin Baltscheit Der Löwe ist der König der Tiere. Er kann alles, was ein Löwe können muss: mit gelegentlichem Brüllen und Zähne zeigen ist er vollauf zufrieden. Eines Tages trifft er eine lesende Löwin, die ihm sehr gut gefällt. Er würde sie gerne küssen, aber bevor er sein Glück versucht, kommt er ins Grübeln: „Eine Löwin, die liest, ist eine Dame. Und einer Dame schreibt man Briefe.“ Schreiben kann er nicht, also sucht er sich Ghostwriter. Aber alle Tiere, die er bemüht, treffen nicht den richtigen Ton. Der Affe möchte mit der Löwin klettern und Bananen essen: „Total lecker.“ Das Nilpferd möchte mit ihr im Fluss schwimmen und Algen essen: „Total lecker“. Der Mistkäfer möchte mit ihr den Dung teilen: „Total lecker“. Auch Giraffe, Krokodil und Geier enttäuschen die Erwartungen des Löwen. Also brüllt er seine Liebeserklärung in Löwenmanier in die Weite. Ob das die Dame seines Herzens hört?

Martin Baltscheit: Die Geschichte vom Löwen, der nicht schreiben konnte. Beltz & Gelberg, 2013. 13,95 Euro, geb. Altersempfehlung: 5-7 Jahre.

Die dumme Augustine von Otfried Preußler Ist ein Kinderbuch aus den 70er Jahren, in dem es um Emanzipation und die Rollenverteilung in der Familie geht, heute noch lesenswert? Ja, unbedingt. Die dumme Augustine ist vielbeschäftigt. Sie putzt, kocht, bügelt und versorgt die drei Kinder Guggo, Gugga und Guggilein. Ihr Traum ist es, einmal wie ihr Mann, der dumme August, im Zirkus als Clown aufzutreten. Der hält das für absurd: Seine Frau soll sich um den Haushalt kümmern, ihre Ambitionen verspottet er. Als der Clown wegen Zahnschmerzen nicht auftreten kann, ist Augustines großer Tag gekommen, sie springt ein und wird vom Publikum gefeiert. August ist überzeugt, Haus- und Zirkusarbeit werden von nun an geteilt. „Die dumme Augustine“ kommt, obwohl vor über 40 Jahren verfasst, keineswegs verstaubt daher und liefert eine Menge Stoff für Diskussionen. Otfried Preußler: Die dumme Augustine? Thienemann Verlag, 1971. 12,95 Euro, geb. Altersempfehlung: 3-5 Jahre.

Wann gehen die wieder? von Ute Krause Dieses Buch ist ein Muss für alle Patchworkfamilien. Besonders natürlich für die Kinder, die nicht nur mit Verlusten leben lernen müssen, sondern auch wie selbstverständlich neue Bezugspersonen vor die Nase gesetzt bekommen. Und womöglich noch mit einer Menge Anhang. So geht es jedenfalls den Räuberkindern in „Wann gehen sie wieder?“ Nicht genug, dass sie mit ihren Köfferchen zwischen Räubermama und -papa hin und her pendeln müssen. Zu allem Überfluss bringt Papa eine Prinzessin ins Haus und eine Horde nerviger Prinzesschen gleich dazu. Jetzt reicht es, die kleinen Räuber nehmen ihr Schicksal selbst in die Hand und vergraulen den ungebetenen adligen Familienzuwachs. Doch das wirft neue Probleme auf. Einen traurigen Räuberpapa möchte doch auch niemand, oder?

Ute Krause: Wann gehen die wieder? Ars Editon, 2010. 13,90 Euro, geb. Altersempfehlung: 4-6 Jahre.

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Aufbegehren

Überall dabei Inklusion im Alltag Pärchen unterwegs waren, ohne Begleitung. Keine Ahnung, was sich die Menschen dabei denken. Behinderte dürfen nicht zusammen sein? Das erschreckt mich schon. Wenn kleine Kindern starren, ist das was anderes. Bei Erwachsenen, sage ich aber schon mal was. Die sollten eigentlich wissen, was sie tun.

Patrick Fähnrich ist seit 2012 für den Kulturverein tätig, 24 Jahre alt und von Geburt an körperlich eingeschränkt. Im Gespräch mit MITTENDRIN erzählt er von alltäglichen Herausforderungen, positiven wie negativen, und seinem Wunsch nach einem selbstverständlichen gleichberechtigten Miteinander.

MITTENDRIN: Woher nimmst du die Kraft, anderen in solchen Situationen Paroli zu bieten? P. F.: Unter anderem aus vielen positiven Erfahrungen. Ich unternehme viel, habe viele Hobbys und Freunde. Jahrelang habe ich Kampfsport betrieben, spiele gern Tischtennis, mache auch Krafttraining mit Hanteln. Außerdem bin ich Fußballfan und oft im Stadion, wenn Hertha spielt. Mit Musik beschäftige ich mich auch viel. Ich habe sechs Jahre Keyboard gespielt. Irgendwann wurden aber die Mädchen interessanter. Da hatte ich dann keine Lust mehr zu üben. Jetzt gehe ich oft auf Konzerte. Ich mag deutschen Hip Hop mit intelligenten Texten, aber auch Reggae oder R´ n´ B. Was gar nicht geht, ist Schlagermusik.

MITTENDRIN: Patrick, hier im ZENTRUM danziger50 hast du ein Jahr lang als Praktikant gearbeitet. Seit Anfang September bist du festangestellter Mitarbeiter. Eigentlich könnte man von zwei Arbeitsplätzen sprechen, oder? P. F.: Ja, die eine Hälfte der Zeit bin ich im Veranstaltungshaus im Prenzlauer Berg, die andere in der Familienbibliothek der Kita Kiezeulen in der Eulerstraße im Wedding. Die Familienbibliothek habe ich mit aufgebaut, noch zu Praktikumszeiten. Sie ist Teil des Projekts „Über-brücken“. Ich habe die gesamten Bücher der Bibliothek erfasst, die sich aus neuen Exemplaren und Buchspenden zusammensetzt, und sie in eine Onlinedatenbank eingepflegt. Ausleihen kann man die Bücher noch nicht, aber während unserer Öffnungszeiten vor Ort lesen.

MITTENDRIN: Klingt nach einem vollen Terminplan… P. F.: Ja, auf jeden Fall. Arbeiten, Hobbys, Physio. Viel Zeit bleibt da nicht. Aber gerade, was den Sport betrifft, kann ich gar nicht anders. Ich will den körperlichen Standard, den ich habe, halten. Auf keinen Fall möchte ich irgendwann auf einen Rollstuhl angewiesen sein. Nach einer OP musste ich mal acht Wochen im Rollstuhl verbringen, da bin ich fast verrückt geworden. Ich musste alles wieder neu lernen. Zuerst kam ich dann auch in eine RehaGruppe, in der es vor allem darum ging, sich mit dem Rollstuhl vertraut zu machen. Ich habe aber allen sofort klar gemacht, dass ich das gar nicht will. Und habe alles daran gesetzt, wieder laufen zu lernen. Selbst die Therapeuten haben gestaunt, wie schnell das ging. Man sagt ja nicht umsonst, der Glaube versetzt Berge: Wenn man an sich glaubt, schafft man alles.

MITTENDRIN: Wieso „Über-brücken“? Was steckt dahinter? P. F.: „Über-brücken“ soll helfen, verschiedene Kieze zu verbinden, also eine Brücke schlagen zwischen Wedding und Prenzlauer Berg.

MITTENDRIN: Glauben wir dir gern! Was hilft dir noch, neben deinem festen Willen, ständig Fortschritte zu machen und regelmäßigem Training? P. F.: Da gibt es einiges. Manchmal auch Skurriles. Ich hatte zum Beispiel schon mal eine Botoxbehandlung. Allerdings für meinen Arm, nicht fürs Gesicht. Was mir wirklich sehr hilft in Bezug auf den ganzen Körper, ist Osteopathie, es werden bestimmte Punkte aktiviert bei Kopfschmerzen, Husten, Rückenschmerzen und allem möglichen Anderen. Es ist schade, dass die Kasse diese Art der Behandlung nicht bezahlt. Ich gehe trotzdem regelmäßig hin. Viele denken, dass ist Hokuspokus, stimmt aber nicht. Wie schon gesagt, ich mache natürlich auch jede Woche Physiotherapie, also Krafttraining, Dehnen, und Gleichgewichtsübungen. Wenn ich nicht tagtäglich trainieren kann, merke ich das sofort. Teilweise bekomme ich dann auch richtig starke Schmerzen. Trainingspausen werfen mich sofort zurück.

MITTENDRIN: Was erwartet kleine und große Leseratten, die die Familienbibliothek besuchen? P. F.: Ein großes Spektrum: Romane für Kinder, Jugendliche und Erwachsene. Aber auch Sachbücher, insbesondere zum Thema Pädagogik. Wir haben auch regelmäßige Veranstaltungen in der Bibliothek. Ich bin gern da, aber auch im ZENTRUM danziger50, da gibt es einiges zu tun. Ich recherchiere, helfe bei der Presse- und Projektarbeit, schreibe Artikel. Ich nehme auch an vielen Veranstaltungen im Haus teil. Gerade überlege ich, ob ich einen Schreibkurs besuchen soll, der hier stattfindet. Schreiben macht mir sowieso am meisten Spaß. Ein Rechtschreibfetischist bin ich nicht gerade, aber ich spiele gern mit Worten. Und ich kann das Schreiben nutzen, um mit Vorurteilen aufzuräumen.

MITTENDRIN: Gibt es auch ganz einfache, alltägliche Dinge, die dich motorisch weiterbringen? P. F.: Ja, das Falten von Papier zum Beispiel. Ich falte hier gerade Veranstaltungspläne für die danziger50. Alles, was kleinteilig ist, ist gut. Auch Mosaiklegen oder Puzzeln hilft mir, meine Motorik zu verbessern.

MITTENDRIN: Begegnen dir denn viele Menschen mit Vorurteilen? P. F.: Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es vor allem darauf ankommt, wie man auf Leute zugeht. Ich gehe offensiv mit meiner Behinderung um. Wenn man sich vergräbt, ist es schwerer. Ich habe überhaupt kein Problem damit, zu erzählen, was ich habe, wenn ich gefragt werde. Beleidigungen hingegen blende ich aus. Die höre ich gar nicht. Wer so etwas macht, hat nichts in der Birne. Oft wissen Menschen aber einfach nicht, wie sie mit Behinderungen umgehen sollen, haben Berührungsängste. Deswegen versuche ich, allen offen zu begegnen.

MITTENDRIN: Hast du Wünsche für die Zukunft? Was möchtest du noch alles schaffen? P. F.: Meinen allergrößten Traum kann ich mir nur allein erfüllen. Ich möchte einmal im Leben die Krücken wegschmeißen können und frei laufen ohne jegliche Hilfsmittel. Das war immer schon mein größter Wunsch, und wenn es nur für einen Tag ist. Das können sich viele vermutlich nicht vorstellen, weil es so normal für sie ist. Außerdem wünsche ich mir, dass die Beziehung zu meiner Freundin ewig hält und dass meine Mutter und meine Oma gesund bleiben. Vielleicht halten mich manche für ein Muttersöhnchen, aber das ist mir egal. Meine Mutter hat mir extrem geholfen, zu werden wie ich bin. Sie hat mir gezeigt, dass man kämpfen muss für seine Ziele. Und, dass man sich nichts gefallen lassen darf, sich nicht in eine Schublade stecken lassen soll, nach dem Motto: behindert gleich doof. Das ist totaler Quatsch!

MITTENDRIN: Musstest du das erst lernen? Und gab es eine Phase, in der es für dich schwierig war, so offensiv auf die Menschen zuzugehen? P. F.: Nein, eigentlich nie. Meine Mutter hat mich da geprägt, für mich war es von klein auf selbstverständlich, selbstbewusst aufzutreten. Ich kenn´s nicht anders. Aber natürlich registriere ich die Reaktionen anderer genau. Ich war zum Beispiel vor kurzen mit meiner Freundin, die im Rollstuhl sitzt, einkaufen. Wir wurden teilweise angestarrt wie Außerirdische, weil wir als

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Interview und Foto: Frauke Niemann


Aufbegehren

Menschlich, allzu menschlich Ein Blick in den kulturschlund Die Berliner kulturschlund-Crew geht den Dingen auf den Grund. Im Zeichen der Grenzüberschreitung mischt sie souverän und unorthodox Theater, Musik, Philosophie und Kunstperformance zu einer Kulturerfahrung der besonderen Art, zuletzt im tragikomischen Musiktheater „Morion.3 –Woyzecks Büchner“, das am 17. Oktober im ZENTRUM danziger50 Premiere feierte. „Why The Fuck Did He Kill Marie?“ fragen die kulturschlünder. Dass sie auch Antworten parat haben, beweist Raphael Dlugajczyk im Gespräch mit MITTENDRIN im Probenendspurt kurz vor der Aufführung.

MITTENDRIN: Trauminspiration? Klingt geheimnisvoll. Was verbirgt sich hinter Morion? Ein Paralleluniversum? Tatsächlich habe ich in der Neujahresnacht 2007 alle wesentlichen Prinzipien der Morion-Welt geträumt. Ich träumte, dass ich mir aus kleinen Steinchen eine Welt und Umwelt bauen konnte, in welcher ich selbst leben und inszenieren konnte – ein Kuss der Musen also, wie man ihn sich klassischer nicht vorstellen kann. Da wir damals ohnehin auf der Suche nach neuem Stoff für die nächste Inszenierung waren, beschlossen Nicolas Rocher, Nico Schütze und ich diesen ‚Traum‘ in die Tat umzusetzen, Charaktere zu kreieren und schließlich eine Geschichte zu schöpfen. „Morion“ bedeutet im Altgriechischen „Steinchen“, aber auch „Moira“, also „Schicksal“, klingt mit. Es ist nicht wirklich ein Paralleluniversum, sondern eigentlich eine Ebenen- oder Spährenparallelität, wie sie uns tagtäglich widerfährt. Auf der oberen Schöpfer-Ebene, derjenigen also, wo die Schöpfer eine Geschichte schöpfen und inszenieren, kann man das Verhältnis des Künstlers zum geschaffenen Werk betrachten. Welche Beziehung entsteht zum Werk? Platon beschrieb es als ein durchweg erotisches Verhältnis. An anderer Stelle spricht er von ‚geistigen Kindern‘, welche gar begehrenswerter sind als physische.

MITTENDRIN: Warum „kulturschlünder“? Weil ihr euch Kultur einverleibt und zu eigen macht? Ja, auch. Wir verschlingen Kultur, verdauen sie und „scheißen“ sie im neuen Gewand wieder aus, mit einer eigenen Duftnote! Eigentlich geht der Name auf unsere Musikperformance Der Schlund aus dem Jahr 2005 zurück. Er steht, stark vereinfacht, als Metapher für das Leben. Den „Schlund“ (ex negativo) ließen wir dann 2009 in einer Baustellen-Performance sterben. Seither lebt er im Namen weiter. Ursprünglich ist der Schlund eine nominelle Abwandlung des Abgrund-Gedankens, der einen Paradigmen-Wechsel in der philosophischen Kulturgeschichte des 19. Jahrhunderts einleitete. Er machte sich auf allen Gebieten des kulturellen und wissenschaftlichen Denkens und Handelns breit und wirkt bis heute nach. Auf unserer Homepage haben wir zur Beschreibung einen Ausspruch Blixa Bargelds verwendet: „kulturschlund ist ... wenn das Armageddon ausbleibt“. Das trifft‘s ganz gut.

MITTENDRIN: Die Zuschauer können also, im Morion-Sinne, das Steineaufeinander-setzen verfolgen, sind quasi Zeugen der Kunstproduktion und des Schöpfer-Geschöpf-Zusammenspiels? Ja, genau. Das Inszenieren selbst wird zum Thema. In Morion.1 herrscht ein durchweg sadistisches Verhältnis zwischen den Schöpfern und seinen Geschöpfen. In Morion.2 gibt es schon mehr Sympathien. Im aktuellen dritten Teil, der Woyzeck-Inszenierung, leidet unser Büchner mit seinen Schöpfungen Woyzeck und Marie, in letztere verliebt er sich sogar. Um eine gute Geschichte erzählen zu können, muss er dieses Leid auf sich nehmen und auf das Glück zunächst verzichten. Von der Geschöpf-Ebene aus betrachtet, ergeben sich philosophische oder religiöse Fragen wie: Haben wir einen freien Willen? Werden wir gezielt wie Marionetten, in unserer Welt dann ‚Morionetten‘, gesteuert? Wenn ja: von wem? Zu welchem Zweck? Haben wir Einfluss auf das Schicksal? Oder ist letztlich alles nur purer Zufall und die Welt ein Chaos? Sind Chaos und Zufall ästhetisch? Tragisch? Komisch? Tragikomisch? Oder einfach nur überflüssig? Das Spielen mit diesen beiden Ebenen erlaubt es einem, stets neue Geschichten zu spinnen, oder wie im Falle von Woyzeck oder Alkestis, Geschichten der Literaturgeschichte in die Handlung mit einzubauen und sich gleichzeitig darüber zu stellen, darüber zu reflektieren, zu dekonstruieren, im Derridaschen Sinne, und dieses wiederum selbst zur Handlung zu machen.

MITTENDRIN: Wie lange bewegt ihr euch schon an besagtem Abgrund? 2003 gab es eine erste musik-theatralische Produktion Der Gekreuzigte Prometheus, eine Inszenierung von Nietzsche-Texten. Von 2005 bis 2008 folgten viele weitere Projekte unter verschiedenen Namen wie phantasmagoria und phonoton.org und mit wechselnden Künstlern. Seit 2009 arbeiten wir als kulturschlund zusammen. MITTENDRIN: Ihr seid ja recht personenreich. Befragt man euren Blog kulturschlund.wordpress.com, sind es aktuell 25 Mitstreiter. Wer war von Anfang an dabei? Nico Schütze und ich. Wir initiieren alle Projekte und leiten und gestalten sie kreativ. Aber auch Frank Anderson und Le Zwie, beide Musiker, waren schon in der ersten Produktion 2003 dabei. Damals noch als Techniker bzw. Organisatoren. MITTENDRIN: Woher bekommt ihr kulturschlund-Zuwachs?

MITTENDRIN: Mal abgesehen von Traumeingebungen, wie erarbeitet ihr euren „Stoff “? Gemeinschaftlich oder kommt ein einzelner mit einer fixen Idee?

Das ist unterschiedlich. Meistens durch Empfehlungen von (Freundes-) Freunden oder den kulturschlündern selbst.

Meistens kommen Nico oder ich mit einer Idee an. Wir spinnen sie beim Bierchen oder Whisky weiter, und wenn die Idee uns dann verfolgt und nicht loslässt, erweist sie sich eventuell als brauchbar. Alle sind dann herzlich eingeladen, am Projekt mitzuarbeiten. Bei Woyzeck gab es beispielsweise verschiedene Themen-Grüppchen wie Dramaturgie, Ästhetik, Schauspielerei oder Musik.

MITTENDRIN: Worum geht es in euren Produktionen? Gibt es ein verbindendes Element? Im Vordergrund stehen philosophische Themen, alltägliche aber auch kulturgeschichtliche. Uns interessiert der Mensch in all seinen Facetten und Abgründen. Ziel unserer Produktionen ist es immer, die unterschiedlichen Bereiche der Kunst – Literatur, Musik, Theater und bildende Kunst – miteinander zu verknüpfen. Dabei entstanden zumeist musiktheatralische Inszenierungen. Viele mit lyrischem Einschlag, wie die Performances Gekreuzigter Prometheus, Unterbewusster Lebensstil, Vom Ereignis oder die Reihe szenischer Lesungen Aus dem Kellerloch. Aber auch biographische Musikshows, zum Beispiel über den Staatsfeind Jacques Mesrine oder den französischen Komponisten, Texter, Schauspieler und Skandalkünstler Serge Gainsbourg. Und zu guter Letzt natürlich das tragikomische Musiktheater aus dem Morion-Universum, das 2007 per Trauminspiration entstand und das wir seitdem in verschiedenen Inszenierungen wieder aufleben lassen.

MITTENDRIN: Dieses Jahr ist Büchner-Jahr. Habt ihr den Woyzeck schon lang im Voraus geplant, oder war zuerst der Inhalt da und dann das Jubiläum? Die erste theatralisch-musikalische Lesung über Woyzeck haben wir schon vor zwei Jahren gemacht. 2012 wurde das Ganze vielmehr zu einem gelesenen Theaterstück mit musikalischer Untermalung. Beides war ausschließlich an die Original-Büchner-Texte angelehnt. 2013, also im Büchner-Jahr, bauten wir den Woyzeck in die Morion-Welt mit ein: Morion.3 -

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Aufbegehren

Woyzecks Büchner: oder Why The Fuck Did He Kill Marie? Das heißt, wie schon bei MORION reCreaTion X und MORION.2 – Alkestis, entstanden verschiedene Ebenen innerhalb des Stückes. Neben dem Büchner-Text gibt es auch eigene Texte, die auf die zusätzlichen Charaktere in morionesker Manier zugeschnitten wurden. Morion.3 ist eine Woyzeck-Inszenierung, wie es sie vorher noch nicht gegeben hat. MITTENDRIN: Geht es genauer, ohne zu viel zu verraten? Das Besondere ist die Verschmelzung von Büchners Woyzeck mit dem bereits erwähnten, eigenkreierten Morion-Universum in einer Symbiose von Tragik und Komik. Wir lassen unseren Büchner selbst auftreten. Er verstrickt sich mit seinem glanzgeilen Regisseur, dem Gaukler, und der Wahrheitsfanatikerin Dr. Clara in eine philosophische Diskussion über den Sinn, Zweck und die Wirkung der Inszenierung. Aber auch auf der „Schaubuden-Ebene“ gibt es einige andere Sichtweisen auf das Drama. Andres stellt das schizophrene Alter-Ego Woyzecks dar, die Rollen Hauptmann, Doctor und Tambourmajor verschmelzen zu einer einzigen Karikatur der damaligen Gesellschaft, und Woyzeck und Marie wirken wie griechische Statuen. Als eine mögliche Schnittstelle zwischen Schöpfer und Geschöpfen schlüpfen Büchner und Marie, die offensichtlich auch auf den Dichter eine anziehende Wirkung versprüht, plötzlich auch in die Rollen Pygmalion und Galatea und stellen das ‚erotische‘ Verhältnis zwischen Künstler und Kunstwerk dar. Schließlich tritt auch das irrationale oder destruktive Prinzip eines Dramas, in allen Bedeutungen des Wortes, auf: In der Figur des Juden, als der Tod aller Theater-Toten und des Narren, als der personifizierte Wahnsinn – einem Hauptthema des Morion-Universums. Der Narr, der das Ganze zwischendurch kommentiert, verbindet in seinem Kostüm, seinen Bewegungen, seiner Art zu sprechen und den Worten, die er sagt, Tragik und Komik auf einer weiteren Ebene in sich. MITTENDRIN: Was habt ihr in nächster Zeit so vor? Erstmal liegt die Konzentration bei der Premiere am 17. Oktober und den weiteren Aufführungen an den beiden darauffolgenden Tagen im ZENTRUM danziger50. Bis dahin gibt es noch viel zu tun: eine CD aufnehmen, Trailer, Flyer, Poster, Programmheft etc. fertigstellen und natürlich proben, proben, proben. Danach ist das Ziel, MORION.3 so oft wie möglich in 2014 hier und dort weiterzuspielen. Außerdem arbeiten wir zusammen mit Claus Utikal an dem Kammerspiel De Sade zum 200. Todestag des Marquis de Sade im nächsten Jahr. Ideen für Morion.4 und Morion.5 schwirren auch schon durch den Äther. Die sind aber noch streng geheim! MITTENDRIN: Eine schwierige Frage zum Schluss: Was versteht ihr unter Kunst? Kunst muss und sollte bewegen – das einzige Existenzkriterium. Kunst ist ein abstrakter Begriff wie Liebe. Wenn man versucht sie – beide sind ja weiblich – in Worten zu definieren, entfernt man sich dadurch immer weiter von ihr.

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Interview: Frauke Niemann, Fotos: kulturschlund


Kolumne

Der Springende Punkt …und das Kreuz mit den Kreuzungen Hallöle, alle mal herhören …

Kiez-Kolumne von Peter Aderhold alias „Der Springende Punkt“

… da bin ich wieder. aber der Schock sitzt tief, meine liebe Leserschar! Das is doch wohl nich nahörnsemal! Habt Ihr das „Berliner Abendblatt“ für unsern Prenzelberg, genauer gesagt: die Ausgabe Nr. 11, gelesen? Nee? Habt Ihr Glück; mich hats total auf die Bretter gehauen. Da steht doch tatsächlich: wir Prenzelberger haben „Die schlimmste Kreuzung Berlins“ (Originalüberschrift)! Kann mich überhaupt nich beruhigen! Unsre Kreuzung Schönhauser Ecke Bornholmer/Wisbyer is nach der Unfallstatistik diejenige mit 12 (!) und damit der höchsten Zahl von verunglückten Personen 2012! Na, mal ehrlich, Leute; ich muss zugeben, dass ich auch immer mit etwas gemischten Gefühlen in die Nähe dieser Kreuzung gesprungen bin. Aber es is ein bisschen wie ´das-Problem-vor-sich-her-schieben´, wenn es dort vom Verkehrssicherheitsreferent Andreas Tisch heißt: „Letztlich aber liegt die beste vorbeugende Maßnahme in einer erhöhten Aufmerksamkeit von Autofahrern und Radlern.“ Ganz falsch liegt er ja damit nich. Und in der „Berliner Zeitung“ vom 30.07. wird bestätigt: „Die Kreuzung ist ein Alptraum für Auto- und Radfahrer und laut Polizei Berlins Hauptunfallschwerpunkt.“ Mir stellte sich ja schon seit längerer Zeit die Frage: warum hat diese Kreuzung eigentlich unter der U-Bahn keine weiteren Ampeln, wie beispielsweise Schönhauser Ecke Wichert/Schivelbeiner? Das hätte die Situation sicher etwas entschärfen können. Hi, hi, hi, da kann ich nur in Abänderung des Ausspruchs von Professor Higgins aus „My fair Lady“ sagen: „Mein Gott, jetzt ham sie ´s!“ Denn, Ihr habt es sicher schon bemerkt: seit Anfang August, nach längerer verkehrsbelästigender Bauzeit, sind dort Ampeln und sogar Abbiegespuren! Hoffen wir gemeinsam auf ein Ende von Berlins Hauptunfallschwerpunkt! In der oben erwähnten „Berliner“ geht es auch um Kontrollen der Radler! Is lesenswert! Das sind offenbar ganz besondere Verkehrsteilnehmer. Kaum einer von denen weiß wohl, dass auch Radwege – wenn nix Anderes angezeigt wird – Richtungsfahrbahnen sind. Das bedeutet, dass nur rechts und in der Richtung gefahren werden darf, in der auch die daneben liegende Fahrbahn zu benutzen ist. Damit bin ich wieder in der Schönhauser. Wer als Autofahrer aus einer der Querstraßen (z.B. Paul-Robeson-, Kugler-, Erich-Weinert- oder Rodenbergstraße) in die Schönhauser abbiegen will, schaut zuerst nach rechts, ob Fußgänger kommen, dann nach links, ob Fußgänger, Radfahrer oder Fahrzeuge kommen. Aber wer rechnet denn damit, dass da plötzlich VON RECHTS ein rasendes Rad heranschießt! Schon knallts – entweder zwischen Rad und Auto oder die Faust des Radlers auf die Motorhaube des Autos! Schlimm und unschön, aber VERMEIDBAR. Obendrein is der Autofahrer, wenn was passiert in dieser Situation, auch mit SCHULD! (ADAC Motorwelt 5/2013) Au, Backe! Ich hatte eigentlich den Gedanken, dass in der neuen StVO (wisst Ihr eigentlich, dass die seit dem 1. April in Kraft is? Kein Aprilscherz!) einige Verhaltensweisen, die sich so bei Radfahrern eingeschliffen haben, legalisiert würden, so z.B. das Kreuzungsüberqueren bei Rot, das generelle Fahren auf Bürgersteig und Zebrastreifen ohne Begrenzung der Höchstgeschwindigkeit o.a. Aber das is leider (oder besser: glücklicherweise!) nich eingetreten. Schön, dass in den Verkehrsschulen kleine Radfahr-Neulinge geschult werden. Ich fordere nun als nächsten Schritt auch für Fahrräder Nummernschilder zur besseren Identifikation! Mofas haben sie doch auch, und die machen weniger Unfälle, oder? Und wie stehts mit Punkten in Flensburg? Hm … Noch ein Wort zur neuen StVO: Schön, dass die Straßen jetzt offensichtlich sicherer sind, denn die Verkehrszeichen Schnee- und Eisglätte (113), Schleudergefahr (114) und Steinschlag (115) sind entfernt worden und erscheinen nur noch als Sinnbilder. Lustig finde ich auch eine sehr wesentliche Änderung: in der alten StVO gab es im § 1 (2) „Verkehrsteilnehmer“. Neu heißt es: „Wer am Verkehr teilnimmt …“. Klar, wer zu Haus auf dem Sofa sitzt, der nimmt natürlich nicht am Verkehr teil. Und wer die „Neue“ bis zum Ende durchliest, erfährt sogar, dass nicht nur der Minister für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung, Herr Ramsauer, daran gebastelt hat, sondern mit ihm auch der Minister für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, Herr Altmaier. Gute Zusammenarbeit gewesen, ihr beiden Peters? Hi, hi, hi. Ich spring dann mal wieder los …

„Ich nehme Rücksicht, wo ich geh und steh“, ampelt der Springende Punkt vom KVPB.

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(Kiez-)kultur

Poetisiert euch! Ein Verlag macht Ernst Lange Lyriknacht Samstag, 16. November, ab 20 Uhr Die Brotfabrik in Weißensee verwandelt sich in einen poetischen Raum! Aber was überhaupt sind Gedichte, diese Universen auf kleinem Raum? Worin besteht das Verführerische der Poesie? Wie ist die geheimnisvolle Sphäre beschaffen, in der sie entsteht? Und welche Rolle spielen sie in der heutigen Welt? Dies sind Fragen, die von 26 Lyrikerinnen und Lyrikern in Lesungen und Diskussionen, Buchvorstellungen und im Lyrik-Wrestling beantwortet werden – bis in den Morgen!

es geht um uns. es geht um widerstände. um worte. veränderung. um rückgewinnung. lyrik als modus. poetisiert euch.

E

ine vorsichtig vorgetragene Bitte, ein leiser Appell ist das nicht. Der Independent-Verlag J. Frank | Berlin lässt keine Zweifel aufkommen. Er will neuen Autoren und Illustratoren Aufmerksamkeit verschaffen, eine Plattform sein für Gegenwartsliteratur, insbesondere Lyrik und Kurzprosa. Der Anspruch an die Publikationen? Der ist hoch. Im Programm: „Literatur, die mit Sprachlust ihren Lesern begegnet, Literatur, die verändern möchte. Andere Kriterien werden nicht angesetzt. Literatur jenseits von ihrem rein ökonomischen Potenzial betrachten: Das bedeutet auch, statt auf die Bedienung von Lesegewohnheiten auf Veränderung zu setzen.“ Seit acht Jahren führen Johannes CS Frank, Andrea Schmidt und Dominik Ziller den kleinen Verlag in der Chodowieckistraße mit viel Liebe zum Detail. Ihre Bücher sehen sie als Gesamtkompositionen, gewissermaßen als KunstHybride, in denen Text und grafische Gestaltung als eigenständige Ausdrucksformen in einen künstlerischen Dialog treten. Mitte November lädt J. Frank | Berlin zum Lyrikwochenende in die Brotfabrik in Weißensee. Eine gute Gelegenheit, dem Aufruf des Verlages nachzukommen. In diesem Sinne: Poetisiert euch! (fn)

Ab 1:00 UHR // PARTY DJ Set mit Ruben McLoop & Tristan Marquardt Internationaler Lyrikbrunch Sonntag, 17. November, ab 11 Uhr Nach der »Langen Lyriknacht« können Sie sich beim »Internationalen Lyrikbrunch« stärken! Von 11–15 Uhr finden in der Brotfabrik Skype-Lesungen internationaler Lyrikerinnen und Lyriker statt, moderiert von poetischen Gastgebern aus den Reihen der Verlagshaus-Autoren. Am Nachmittag (15-17 Uhr) folgt eine poetische Filmvorführung, und am Abend (19.30 Uhr) liest Marlen Pelny zusammen mit Alexander Graeff zum Abschluss dieses Lyrikwochenendes in der Reihe »Literatur in Weißensee«. Brotfabrik, Caligariplatz 1, Weißensee, Eintritt12 Euro, erm. 8 Euro für beide Veranstaltungen, Karten unter post@belletristik-berlin.de Foto: Hans Praefke

Konsum als revolutionärer Akt? RLF: Das richtige Leben im falschen Widerstand ist möglich und käuflich, meint RLF. „Das richtige Leben im falschen“ will den Kapitalismus mit seinen eigenen Waffen schlagen. Folgerichtig ist RFL in erster Linie ein Unternehmen. Eines das limitierte Luxusprodukte für ein kaufkräftiges Klientel anbietet. Was ist es noch? Konzeptkunst, Roman, revolutionäre Keimzelle?

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Die Luxusgüter-Palette konnte erstmals im Rahmen einer Ausstellung im August in der Kreuzberger Kirche St. Agnes in Augenschein genommen werden. Seit dem 17. Oktober sind die Produkte auch im Concept Store von Andreas Murkudis und im unternehmenseigenen Webshop erhältlich. Seinen eigenen Gründungsmythos spinnt RLF im gleichnamigen bei Suhrkamp erschienenen collagenartigen Roman. Laut Autor Friedrich von Borries ein (Tatsachen-)Bericht über die Entstehungsgeschichte von RLF. Das richtige Leben im falschen lässt er darin in Gestalt der Philosophin Judith Butler, des Empört euch!-Autors Stéphane Hessel, des Sozialpsychologen Harald Welzer u.a. zu Wort kommen. Die im Buch erhaltenen Interviews wurden wirklich geführt, gefilmt und sind online abrufbar.

heodor W. Adorno glaubte: „Es gibt kein richtiges Leben im falschen.“ Ein Trugschluss? RLF offeriert nichts Geringeres als die Teilhabe an einer Revolution. Initiatoren und Köpfe des Ganzen sind Friedrich von Borries, Publizist, Architekt und Designtheoriedozent an der Hamburger Hochschule für Bildende Künste, die serbische Politaktivistin Slavia, und der Künstler Mikael Mikael. Ihr Unternehmen stellt die Ausrüstung für Revolutionäre. Der Akt des Widerstands vollzieht sich bereits im Kauf der RLF-Produktpalette; nach eigener Aussage gleichsam „Abzeichen zur Identifikation und Distinktion einer Gemeinschaft, die in Möglichkeitsräumen denkt und soziale Wirklichkeit hinterfragt“. Möbel, Wohnaccessoires und eine Modekollektion warten auf konsumwillige Aufständler mit dem nötigen „Kleingeld“. Ein Revoluzzer-Sofa kostet 12.000 Euro, ein vergoldeter Ikea-Billy-Tisch ist für 6.000 Euro zu haben. Durch die Abnutzung des Tisches wird nach und nach die eingeschriebene Botschaft „Show you are not afraid“ sichtbar.

Das ist aber längst nicht alles, das RLF-Schlagwort lautet Echtzeitinformation. Auf der Webseite www.rlf-propaganda.com gibt es einen „Resistance Ticker“ mit aktuellen News zum weltweiten Widerstand, des weiteren Twitternachrichten von Slavia und ein Blog von Friedrich von Borries, der zum Eintauchen in den Unternehmenskosmos einlädt. „Werdet Shareholder der Revolution“, so die neudeutsche Forderung auf allen Plattformen. Alles nur geschickte Marketingstrategie oder doch mehr? Medienwirksame Inszenierung in jedem Fall. Alles andere liegt im Auge des Betrachters. (fn) Mehr Infos unter: www.rlf-propaganda.com www.friedrichvonborries.de Foto: Frauke Niemann

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(Kiez-)kultur

Eine Anstiftung zum Denken Nicht vergessen: Das hier ist Wasser Denn es gibt eine Alternative zu unserer Standardeinstellung. Es ist die Freiheit, diese „automatische, unbewusste Haltung“ abzulegen, in der die „langweiligen, frustrierenden und überfüllten Teile des Erwachsenendaseins“ erlebt werden, eine neue Perspektive einzunehmen. Wirklich denken gelernt hat man, laut Wallace, wenn man weiß, dass man eine Wahl hat und „wie man über das Wie und Was des eigenen Denkens eine gewisse Kontrolle ausübt“. Wir selbst entscheiden, worüber es sich nachzudenken lohnt: „Die wirklich wichtige Freiheit erfordert Aufmerksamkeit und Offenheit und Disziplin und Mühe und die Empathie, andere Menschen wirklich ernst zu nehmen und Opfer für sie zu bringen, wieder und wieder, auf unendlich verschiedene Weisen.“

2005 hielt der Literaturprofessor und Autor David Foster Wallace vor Absolventen des Kenyon Collage, Ohio, eine Abschlussrede. Sie ist unter dem Titel „Das hier ist Wasser“ bekannt geworden und erschien 2012 als zweisprachige Buchausgabe beim Verlag Kiepenheuer und Witsch. Die sogenannte „Commencement Speech“ hat in den USA eine lange Tradition. Redner sind oft Prominente aus Kultur, Politik oder Wirtschaft. Wer jetzt schon den Finger im Anschlag zum Umblättern hat, weil er Binsenweisheiten, Allgemeinplätze oder überoptimistische Hauruck-Rhetorik von einer solchen rituellen Ansprache erwartet, sollte Wallace eine Chance geben. Denn er hat etwas zu sagen.

Es geht dabei nicht um „Moral, Religion, Dogmen oder wichtigtuerische Überlegungen zum Leben nach dem Tod“: „Die Wahrheit im Vollsinn des Wortes dreht sich um das Leben vor dem Tod. Sie dreht sich um die Frage, wie man es schafft, dreißig oder fünfzig Jahre alt zu werden, ohne sich die Kugel zu geben. Sie dreht sich um den wahren Wert wahrer Bildung, die nichts mit Noten oder Abschlüssen, dafür aber alles mit schlichter Offenheit zu tun hat – Offenheit für das Wahre und Wesentliche, das sich vor unser aller Augen verbirgt, so dass wir uns immer wieder daran erinnern müssen: Das hier ist Wasser. Das hier ist Wasser.“ (fn)

avid Foster Wallace spielt mit den zu solchen Anlässen oft beschworenen Klischees und Plattitüden. Eine davon ist die, dass ein Studium der Geisteswissenschaften nicht reines Wissen vermittelt, sondern vielmehr das Denken selbst lehrt. Wallace beginnt seine Rede mit einer kurzen didaktischen Tier-Parabel. Und bedient sich damit unverhohlen einer der, wie er meint, „besseren, nicht so verlogenen Konventionen dieser Textsorte“: Zwei junge Fische treffen auf einen älteren Fisch. Auf seine Frage „Wie ist das Wasser?“ wissen beide keine Antwort: „Was zum Teufel ist Wasser?“

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Die Definitionshoheit weist Wallace gleich weit von sich: „Wenn Sie Angst haben, ich wollte hier den weisen alten Fisch abgeben, der Ihnen erklärt, was Wasser ist, darf ich Sie beruhigen. Ich bin nicht der weise alte Fisch.“ Aber worum geht es ihm dann? Um etwas oftmals Totgeschwiegenes: die Sensibilisierung für und die Vorbereitung auf eine triste Welt des „Siegens, Leistens und Blendens“ mit nervigen, rücksichtslosen Mitmenschen und einem Alltag, in der „Langeweile, Routine und banale Frustration“ herrschen. Verantwortlich macht Wallace, zumindest in Teilen, einen einerseits natürlichen anderseits auch durch unsere Gesellschaftsstrukturen beförderten Egozentrismus: „Meine unmittelbare Erfahrung stützt meine tiefsitzende Überzeugung, dass ich der absolute Mittelpunkt des Universums bin, der echteste und bedeutendste existierende Mensch. Wir denken selten über diese natürliche, grundlegende Selbstzentriertheit nach, weil sie sozial so abstoßend ist, im Grunde ist sie aber bei uns allen so ziemlich gleich. Sie ist unsere Standardeinstellung, die mit der Geburt in unseren psychischen Festplatten verdrahtet wird.“ Wallace ist es wichtig, dass seine Worte nicht als Moralpredigt mit erhobenem Zeigefinger verstanden werden. Vielleicht schaffen wir es manchmal, die aufgetakelte Frau an der Supermarktkasse, die ihr plärrendes Gör anschnauzt, mit anderen Augen anzuschauen, können über ihre störende Anwesenheit hinwegsehen oder den Blick richten auf ihr Leben. Vielleicht hat sie private Probleme, einen unterbezahlten Job, einen kranken Mann zu Hause? Das ist nicht unbedingt wahrscheinlich, aber möglich. Und es ist nach Wallace unsere Entscheidung, wie wir die Dinge sehen wollen.

Foto: Frauke Niemann, Bild: Burkhard Witzmann

David Foster Wallace: Das hier ist Wasser / This is water. Kiepenheuer und Witsch Verlag. Köln 2012. 64 Seiten. 4,99 Euro.

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(Kiez-)kultur

Klang & Collage für David Foster Wallace Liveperfomance im ZENTRUM danziger 50 25 klangvolle Minuten für David Foster Wallace. Am 24. September fand eine Gedenkveranstaltung zum fünften Todestag des Schriftstellers im Veranstaltungssaal des Kulturvereins statt. Wallace setzte seinem Leben am 12. September 2008 selbst ein Ende.

Jugendprojekten koordiniert und kuratiert kulturbus.net seit Juni 2011 die „Galerie unter der Treppe“ im Treppenhaus des ZENTRUM danziger50. kulturbus.net – Ideen für Schule und Freizeit – wurde 2004 ins Leben gerufen, um einen Beitrag zur kulturellen Bildung in Schulen, Jugendeinrichtungen und Kitas berlinweit zu leisten. Die Vereinsmitglieder arbeiten bewusst berlinweit, insbesondere auch in den Bezirken Neukölln, Spandau, Pankow Nord, Reinickendorf und seit 2008 sehr intensiv in Marzahn. (bs)

ber nicht nur Töne und gesprochenes Wort erfüllten den Raum des ZENTRUM danziger50 an diesem Abend. Die Klangcollage Das hier ist Wasser sprach Auge und Ohr gleichermaßen an. Die Schauspielerin Katrin Schell hauchte Wallaces Text Leben ein. Das Publikum konnte die von ihr vertonte Rede über Funkkopfhörer verfolgen. Textpassagen wechselten sich dabei ab mit musikalischer Untermalung von Alexander Zerning (Gitarre) und Martin Willy (Saxophon), die live vor Ort eingespielt wurde. Gleichzeitig verbildlichte der Künstler Burkhard Witzmann in einer Livemalperformance das literarische Kunstwerk von David Foster Wallace auf einer großen auf dem Boden liegenden Leinwand. Das Publikum saß im Stuhlkreis um den Künstler herum und konnte jeden seiner Pinselstriche verfolgen. In nicht einmal einer halben Stunde entstand ein etwa fünf mal zwei Meter großes Gemälde.

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Die Rede soll zukünftig als offen zugängliche Klanginstallation im Treppenhaus des ZENTRUM danziger50 für Besucher des Hauses hörbar gemacht werden. Auch ist es geplant, weitere Liveperformances von Das hier ist Wasser in Schulen oder anderen pädagogischen Einrichtungen aufzuführen. Die Idee und künstlerische Konzeption des Projekts hat der Verein kulturbus. net entwickelt und umgesetzt. Er ist seit 2005 Kooperationspartner des Kulturverein Prenzlauer Berg und seit Eröffnung des ZENTRUM danziger50 im Juni 2006 aktiver Veranstalter. Neben verschiedenen kreativen Kinder- und

Informationen und Kontakt: Telefon: 030-26372752; Mail: post@kulturbus.net

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Fotos: Frauke Niemann


Das Letzte

Wat? Wo steht denn ditte? Bilderrätsel Klappern gehört zum Handwerk, heißt es. Stimmt in diesem speziellen Fall aber nicht. Der marmorne Riese, der seine steinernen Zelte in unmittelbarer Nähe einer U-Bahnstation im südwestlichen Prenzlauer Berg aufgeschlagen hat, ist zwar ein Vertreter dieser Zunft, aber ein leiser – und das nicht nur aufgrund seines fortgeschrittenen Alters.

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as von Rudolf Pohle geschaffene Denkmal, das wir suchen, wurde 1892 auf dem Thusneldaplatz aufgestellt. Es war das erste in Berlin, das zu Ehren eines Handwerkers errichtet wurde. Der Platz wurde später umbenannt und trägt seit1896 den Namen des Marmormannes, seines Zeichens Lithograf, genauer gesagt, Erfinder der Lithografie, auch Steindruck genannt. Es ist das älteste Flachdruckverfahren und war im 19. Jahrhundert das Standardruckverfahren für farbige Drucke. Heute kommt es nur noch in künstlerischen Bereichen zum Einsatz. Das Denkmal zeigt den zu Ehrenden sitzend auf einer barocken Säule mit einer Steinplatte in der Hand. Zu seinen Füßen zwei Putten, die das von ihm erdachte Druckverfahren spielerisch darstellen: eine schreibt den Namen des Erfinders in Spiegelschrift auf Stein, die andere prüft die Lesbarkeit mit einem Handspiegel.

Mitraten und gewinnen Sie wissen, von wem hier die Rede ist, und wo der findige Herr und seine Anhängerschaft sein Unwesen treibt? Dann weihen Sie uns ein und senden Ihre Lösung an mittendrin@kvpb.de. Unter allen Mitratern verlosen wir zwei Eintrittskarten für Daniil Charms am 14. Dezember. Einsendeschluss ist der 6. Dezember. Viel Glück und dreimal auf Stein geklopft! (fn)

Fotos: Frauke Niemann

Wohin im November/Dezember/Januar? Veranstaltungen im ZENTRUM danziger50

Mittwoch, 1. November 19.30 Uhr Geld. Teil I der Trilogie Geld, Macht, Visionen. Dramatischer Abend von Theater und Gesellschaft. Weitere Aufführungen bitte telefonisch erfragen unter 030 - 41715887.

Samstag, 7. Dezember, 16 Uhr Die Liebe zu den drei Orangen frei nach Carlo Gozzi. Ein opernhaftes Märchen mit Puppen für Kinder ab 4 Jahren mit Sylvia Barth. Förderung des Kulturverein Prenzlauer Berg e.V.

Eintritt frei

Eintritt 4 Euro, erm. 2 Euro

Freitag, 8. November, 19.30 Uhr | Premiere Irrenhaus Danton – da wir nichts voneinander wussten. Ganz ehrlich: Das wolltet Ihr doch so! Und wenn nicht, dann ist es genau so geworden! Freie Produktion von SchauComp / danziger50 frei nach Georg Büchner und Anderen. Unterstützt von KVPB e.V. Weitere Aufführungen am 15. November, 6. und 7. Dezember.

Freitag, 13. Dezember, 19 Uhr Vernissage: HEAD-TO-GO – Malerei und Collagen von Julia Gebauer in der Galerie unter der Treppe. www.my-fear-lady.com.

Austritt auf Spendenbasis

Samstag, 16. November, 20 Uhr Transvers - Stefan Wirner liest neue Gedichte. Wirner ist Journalist und Schriftsteller und lebt in Berlin. Eintritt 3 Euro

Sonntag, 24. November/22. Dezember/26. Januar, 16-18 Uhr Halboffene Kleinkunstbühne. Crazy-Words…ist wieder da: ab Oktober an jedem 4. Monatssonntag in der Abbaubar der danziger50. Die Veranstaltung wird live auf Rockradio übertragen. www.crazy-words.de.

Eintritt frei

Samstag, 14. Dezember, 20 Uhr Daniil Charms. Ich weiß nicht mehr Bescheid. Einmanntheater mit Pasquale Bombacigno. Eintritt 10 Euro, erm. 7 Euro

Dienstag, 07. Januar, 20 Uhr | Premiere Schöner Scheitern mit Ringelnatz. Ein Theaterabend mit Heike Feist und Stefan Plepp. Gedichte, Lieder, Zitate und Anekdoten. Eintritt bitte erfragen

Außer Haus

Eintritt: Spende in den Hut

Donnerstag, 28. November/12. Dezember/30. Januar, 16-18 Uhr Prof. Dr. Dr. Dr. Augustus van Dusen – oder Die Denkmaschine. HÖRSPIEL IM KELLERGEWÖLBE mit historischen Radiogeräten und Lichtinstallationen. Ein Projekt der Fred-Frohberg-Stiftung mit Förderung des Kulturverein Prenzlauer Berg e.V. Austritt auf Spendenbasis

Samstag, 30. November, 19 Uhr/1. Dezember, 17 Uhr Morion.3 – Woyzecks Büchner – oder: Why The Fuck Did He Kill Marie? Tragikomisches Musiktheater von kulturschlund. Eintritt 16 Euro, erm. 10 Euro

Samstag 9. November, 17-19.30 Uhr Rundgang Stolpersteine. Anlässlich des 75. Jahrestag der Reichspogrome Start an der Karl-Liebknecht-Str. 11 vor der Markthalle Berlin-Carree. Kontakt: Uta Hartwigsen; Tel: 030 - 28388969; uta.hartwigsen@gmx.de Mittwoch 27. November, 20 Uhr | Staatsgalerie Prenzlauer Berg Lese- und Gesprächsreihe Welteis & Phantome. Eine Präsentation von Artur Beifuss zum Propaganda-Artwork terroristischer Organizationen. Moderation: Robert Mießner. Kontakt: Staatsgalerie Prenzlauer Berg, Greifswalder Straße 218, 10405 Berlin, Tel: 030 - 44324741.

MITTENDRIN November-Dezember-Januar-Ausgabe  
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