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Magazin für Kultur und Bildung in Prenzlauer Berg

Abenteuer Bildung Kulturverein Prenzlauer Berg e.V. – Februar / März 2014 – kostenlose Ausgabe


IN MITTENDRIN Das Letzte

Thema Abenteuer Bildung Forscherdrang kennt keine Grenzen

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Lernwerkstatt Kita-Museum

Kinderläden – Eine Bestandsaufnahme

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Wat? Wo steht denn ditte? Bilderrätsel

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Wohin im Februar/März? Veranstaltungen im ZENTRUM danziger50

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Zur Historie und Tradition der Kinderläden

EDITORIAL

Shortstories Macht oder: auch Saturn fraß seine Kinder

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„Bildung beginnt mit Neugierde.“ (Peter Bieri)

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Bildung hat einen Anfang, aber kein Ende. Sie ist ein Prozess und niemals abgeschlossen. Sie beginnt mit der Neugierde auf die Welt, auf das, was uns umgibt – im Kleinen wie im Großen, im Sichtbaren wie im Verborgenen. Kurz gesagt: Sie ist ein Abenteuer, für Kinder genauso wie für Erwachsene. Grund genug, sich mit ihr zu beschäftigen. Wir tun dies ausgiebig in dieser und der kommenden Ausgabe. Neugierig fragen wir: Was macht (gute) Bildung aus in Kitas, Schulen und Universitäten? Sind Zertifikate, Leistungsnachweise, Creditpoints wirklich ihre Gradmesser, oder geht es nicht vielmehr um die Fähigkeit, Zusammenhänge herzustellen, sich zurechtzufinden in einer nicht gerade übersichtlichen Welt?

Theater und Gesellschaft geht in die zweite Runde

Was für ein TEEater! Record-Release-Party im ZENTRUM danziger50

Kunst oder Nicht-Kunst, das ist hier die Frage

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Gedanken zum MITTENDRIN-Buchtipp: Die Kraft der Kunst

Die Liebe zu den drei Orangen

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Eine märchenhafte Kinderoper

Antike Radios und jede Menge Spannung

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Krimi-Hörspiel im Kellergewölbe

Ich bin viele!

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Ich weiß nicht mehr Bescheid. Theaterstück der Fälle von Daniil Charms

Kulturverein fördert Künste

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Jetzt Projektanträge einreichen!

Bücher Über die Vielfalt menschlicher Würde

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Peter Bieri: Eine Art zu leben

Erlesenes für Kinder

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Und was noch? Natürlich gibt es auch in der ersten MITTENDRIN-Ausgabe 2014 wieder viele spannende Kiezgeschichten und Interessantes aus dem Vereinsleben, unseren pädagogischen und kulturellen Einrichtungen. Wir stellen Ihnen SchauComp, die Neue Schauspiel Compagny Berlin vor, und nehmen Sie mit auf eine kleine Zeitreise – in bester kriminologischer Gesellschaft. Glauben Sie nicht? Dann fragen Sie Dr. Dr. Dr. Augustus van Dusen, der gibt Ihnen ordentlich was „auf die Ohren“ in der Reihe Hörspiele im Kellergewölbe. Das ist aber noch nicht alles: Unser Zitatgeber Peter Bieri weiß nicht nur Bedenkenswertes über Bildung zu sagen, der Philosoph und Autor hat auch ein Buch zum Thema „Würde“ verfasst, lesenswert und Buchtipp-„würd“ig, finden wir. Auch in der Rubrik Erlesenes für Kinder gibt es wieder spannende Schmökerempfehlungen für junge Leseratten – „Kinder-TÜV“ geprüft.

Viele Bücher machen klücher…

Viel Spaß dabei und bleiben Sie neugierig!

Bildung Schule in Freiheit! Aber wie?

Ihre

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Vom Freiheitsstreben zwischen Verführung und Zwang

Eine Frage der (Aus-)Bildung

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Lehrer machen Schule

Aufbegehren Die Welt ist ein Irrenhaus & hier ist die Zentrale

Barbara Schwarz und Frauke Niemann (Redaktion MITTENDRIN – Magazin des Kulturverein Prenzlauer Berg e.V.)

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2014 hat zwar schon ein paar Tage mehr auf dem Buckel, aber sei es drum: Wir wünschen ein aufregendes, gesundes und glückliches neues Jahr und hoffen, dass es sich bisher von seiner besten Seite gezeigt hat! Weiterhin freuen wir uns über jede Wortmeldung. Ganze Artikel sind genauso willkommen wie Themenvorschläge, Leserbriefe, Hinweise auf inspirierende Lektüre oder spannende Veranstaltungen in Prenzlauer Berg. Ihre Beiträge senden Sie bitte an: mittendrin@kvpb.de. Der Redaktionsschluss für die nächste Ausgabe ist der 10. März 2014.

Neue Schauspielcompany Berlin

Impressum

(Kiez-)Kultur Kolumne: Der springende Punkt

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… und die Koedukation

Von der Kunst des Genießens

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Im SONNENREICH am Arnimplatz

Magna Mater

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Glosse: Schwanger in Prenzlauer Berg

Nicht mit uns! Anwohnerinitiative Thälmannpark

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Herausgeber: Kulturverein Prenzlauer Berg e.V. Danziger Str. 50, 10435 Berlin

Gestaltung: Edmund Cekanavicius

Redaktion: Barbara Schwarz/Frauke Niemann

Satz: Thilo Schwarz-Schlüßler

mittendrin@kvpb.de 030/43202067 Verantwortlich: Der Vorstand

Druck: Jugendmedienwerkstatt Medienpoint Norbert Winkelmann Gleimstr. 49, 10437 Berlin


Thema

Abenteuer Bildung Bildung bewegt alle, sie ist in aller Munde. Gute Bildung heißt, für die Zukunft gerüstet sein, sich in der Gegenwart besser zurechtfinden, und die Vergangenheit leichter verstehen zu können. In dieser und der kommenden Ausgabe der MITTENDRIN wollen wir uns diesem wichtigen Thema in seinen vielen Facetten und Teilbereichen annehmen. Es geht um die Bildung der Kleinsten, die Möglichkeiten und Grenzen von Schulbildung, die Ausbildung der „Ausbilder“, also der zukünftigen Lehrer, das „Lebenslange Lernen“, neue Lernkulturen durch „Kulturelle Bildung“ und vieles mehr.

Wär nicht die ganze Bildung da, wo wären wir, ja ja ja ja. (Wilhelm Busch)

W

Andere machen sich darüber Gedanken, was überhaupt zum Bildungskanon gehört. So z.B. Dietrich Schwanitz in Bildung. Alles, was man wissen muss. Das Buch des Germanistikprofessors wird im Handumdrehen zum Bestseller. Überhaupt, im Freizeit- und Unterhaltungsbereich ist ein Bildungs-Boom zu verzeichnen: Unzählige Wissenssendungen und Wissensshows stehen zur Auswahl, bei denen den Bildungshungrigen ein lukrativer Gewinn in Aussicht gestellt wird. Aber wenn dies dazu beitragen kann, dass Erwerb von Wissen, und damit das Aneignen von Bildung Spaß macht, erstrebenswert ist und im Sinne des „Lebenslangen Lernens“ jung hält, dann ist schon vieles erreicht.

ir leben im vielbeschworenen „Land der Denker und Dichter“, von Goethe und Schiller, von Kleist und Büchner. Es ist auch das Land Wilhelm von Humboldts, der in 70 Jahren Lebenskunstwerk ein neues, umfassendes Bildungsideal erschuf, auf dem heutige Bildungsstandards fußen. Sein Ziel: Selbstbestimmte und mündige Weltbürger. Bringt unser heutiges Bildungssystem jene hervor, sind wir auf dem besten Weg dahin, dieses Ideal zu erreichen? Im Kleinen vielleicht, im Großen sicherlich noch nicht.

Wir haben verstanden, dass es wichtig ist, schon die Kleinsten zu fördern, sie zu bestärken und ihnen ihre vielfältigen Möglichkeiten aufzuzeigen. Frühkindliche Bildung ist ein wichtiger Schritt auf dem Weg zum unabhängigen, selbstdenkenden und überlegt handelnden Erwachsenen. Es geht darum, Kinder von der Geburt bis ins Vorschulalter zu fördern in Hinblick auf die geistige, körperliche, kulturelle und moralische Entwicklung (ohne dass die Reihenfolge der Nennung etwas über den Stellenwert aussagt). Und darum, Kindern zu helfen, sich selbst ein Bild von der Welt zu machen und ein Gespür dafür zu bekommen: „Wo stehe ich?“

Die Köpfe stehen nicht still und das ist auch gut so! (bs/fn)

Und schon sind wir mitten im Alltag der Kitas. Dieser Alltag wird begleitet von einem Bildungsprogramm, das den konzeptionellen Rahmen setzt. Jedes Bundesland hat eine eigene Version des Bildungsprogramms entwickelt, die Grundmaximen sind jedoch ähnlich. Es soll eine Basis schaffen für ein erfolgreiches Lernen, um den Wechsel von der Kita in die Schule bestmöglich bestehen zu können. Erzieherinnen und Erzieher in Horten, Kitas, Kinderläden und -gärten dient es als Leitfaden, den ihnen anvertrauten Kindern eine möglichst umfassende Förderung zu teilwerden zu lassen. Es gilt, durchweg positive Rahmenbedingungen für Lernende zu schaffen, nicht nur für Kinder, sondern auch für Jugendliche und Erwachsene in weiterführenden Bildungseinrichtungen, Schulen, Universitäten und anderen Lernorten. Denn: Bildung kann vieles sein, auch ein Schlüssel für persönliches Glück. Jeder einzelne hat damit die Möglichkeit, seine Zukunft zu gestalten. Bildung ist auch die Grundlage für Wohlstand in einer Gesellschaft. Wissen schafft Standortvorteil. Hier könnte ein Gleichheitsprinzip gelten, denn eine Gesellschaft besteht aus Individuen und all ihre Mitglieder könnten hier einen Schulterschluss vollziehen. Werfen wir einen (ausschnitthaften) Blick auf die Bildungshistorie in Deutschland: 1964 gab es im Westteil des Landes die ersten großen Bildungsdebatten. Georg Pichts Deutsche Bildungskatastrophe gab den Anlass dazu, ein Jahr später veröffentlichte Ralf Dahrendorf sein Buch Bildung ist Bürgerrecht. In den nächsten Jahrzehnten rücken die ökonomischen Aspekte des Themas stärker in den Fokus, ein Schlagwort hat Konjunktur. Vom „Rohstoff Bildung“ ist die Rede, erstmalig 1999 in einer gleichnamigen Tagung in Frankfurt. Spätestens 2001 rückt dann die Messbarkeit von Bildung in den Fokus. Es erschienen die Ergebnisse der ersten PISA-Studie (Programme for International Student Assessment). Seitdem wird in unterschiedlichen Gremien der Bundesländer diskutiert, wie „Bildung von Beginn an“ besser, angemessener und altersgerechter vermittelt werden kann. Vieles wurde überdacht, viele Fragen aufgeworfen und Themen angestoßen. Fotos: Frauke Niemann

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Thema

Forscherdrang kennt keine Grenzen Lernwerkstatt Kita-Museum Die Lernwerkstatt Kita-Museum öffnet einen neuen Blick aufs Lernen. Erzieherinnen aus beiden Häusern der Kita Gleimstrolche, einer Einrichtung des Kulturvereins, nutzten gemeinsam einen Teamtag in der idyllisch gelegenen Villa in Falkensee im Havelland, um in verschiedene pädagogische Themenfelder und die Geschichte der Kinderbetreuung einzutauchen. In acht Räumen können Konzepte von den Anfängen bis heute erlebt werden. Zielgedanke der Lernwerkstatt des Vereins „pädal-pädagogik e.V.“ aktuell ist es, Kindern ein Lernen zu ermöglichen, das ihnen angemessen ist, und jedes einzelne dabei als „Akteur seiner eigenen Entwicklung“ (Laewen, Schäfer) zu sehen und wertzuschätzen. MITTENDRIN sprach mit der Erzieherin Elgin Tesch über den Ausflug.

lichen Pädagogikansätze. Wichtig war mir zu sehen: es ist auch Wertschätzung da für die Ostkonzepte. Es geht eben nicht um eine Wertung des Ganzen, sondern den Austausch und das Verstehen lernen.

MITTENDRIN: Was war für dich darüber hinaus besonders eindrucksvoll oder vielleicht sogar neu? Elgin Tesch: Die Geschichte der Berliner Kinderläden fand ich sehr spannend. Wie die Anfänge zustande kamen. Dass die Eltern abends in der Kneipe die Betreuung entwarfen, und wie „einfach“ alles war. Auch hier wollten alle das Beste für die Kinder, auch wenn dabei die Pädagogik erst einmal zweitrangig war. Und man bekommt ein Gefühl dafür, wie anstrengend das gleichzeitig gewesen sein muss, durch die Eigenverantwortlichkeit der Selbstverwaltung. Die Kinderläden mussten sich alles erst erkämpfen. Ich bin natürlich auch auf Namen und Konzepte gestoßen, die ich in meiner Ausbildung in der DDR gar nicht so vermittelt bekommen habe. Montessori, Reggio-Pädagogik, Fröbel, Pestalozzi und auch Waldorf. Ein Raum der Lernwerkstatt behandelt den „Situationsansatz“ und „Early Excellence“, was uns jetzt gerade in der Kita Gleimstrolche bewegt. Insgesamt war für mich am eindrücklichsten das Wiederentdecken der „alten Sachen“ aus der Vergangenheit.

MITTENDRIN: Wie war euer Teamtag in der Lernwerkstatt? Elgin Tesch: Anders als gedacht! Ich hatte vermutet, im Kitamuseum würde es vor allem um aktuelle Pädagogik gehen. Aber es war eher eine Reise in die Vergangenheit. Auch eine Reise in die Vergangenheit der „zwei Deutschlands“.

MITTENDRIN: Was nimmst du sonst noch mit von dem Besuch des Kitamuseums?

MITTENDRIN: Also gilt ein Fokus der Lernwerkstatt der verschiedenen Pädagogikkonzepte im geteilten Deutschland?

Elgin Tesch: Ich hätte nicht gedacht, dass mir Montessori so gefallen würde. Ich fand seinen Ansatz sehr spannend. Es benötigt ganz viel Ruhe, nur Umgang mit einem Material, alles wird sorgfältig behandelt, alles hat seinen festen Platz. Mir gefällt gut, dass es hier auch Ideen und Lösungsansätze gibt für Probleme und Schwierigkeiten, die wir in unserem Alltag haben. Letztendlich war es für uns als Team sehr wichtig und gut, dass wir hier waren und so viel diskutiert haben. Das hat uns weiter- und einander näher gebracht. Wer also die Möglichkeit hat: Ganz entspannt hinfahren und sich Zeit für alle Stationen nehmen. Es lohnt sich!

Elgin Tesch: Ja, unter anderem. Im Kitamuseum kann die Entwicklung von 1945 bis 1990 nachvollzogen werden. Sehr spannend, gerade für Teams mit Kolleginnen und Kollegen aus den alten und neuen Bundesländern. Es ist sehr anschaulich dargestellt, wie das Thema Kinderbetreuung in Ost und West in dieser Zeit gelebt und „bearbeitet“ wurde. MITTENDRIN: Wie waren die Reaktionen bei euch, in eurem Team? Elgin Tesch: Ganz unterschiedlich. Wir konnten auf jeden Fall feststellen, dass Teammitglieder aus dem jeweils anders sozialisierten Teil Deutschlands sich gewissermaßen erst in die Historie „reindenken“ mussten. Jeder bringt seine persönliche Sicht mit, seine eigene Geschichte und die Erfahrungen, die er während seiner Ausbildung und darüber hinaus gemacht hat: z.B. in den staatlichen Krippen, Kindergärten oder Horten der ehemaligen DDR oder in konfessionellen Einrichtungen oder selbstverwalteten Kinderläden in den alten Bundesländern. MITTENDRIN: Wie sind deine eigenen Erfahrungen? Elgin Tesch: Ich selbst habe in der ehemaligen DDR gelernt und fand die präsentierten DDR-Konzepte authentisch. Viele der Kolleginnen aus dem Westen hatten Fragen und konnten einiges gar nicht glauben. Manchmal hatte man den Eindruck, da war wieder die Mauer im Kopf, aber solche Diskussionen, wie sie hier angeregt werden, können dazu beitragen, sie dauerhaft „einzureißen“. Es gab einen wirklich lebendigen Austausch. Und dadurch auch ein besseres Verständnis, mehr Toleranz für die unterschied-

Interview: Barbara Schwarz, Fotos Kita Gleimstrolche

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Thema

Kinderläden – Eine Bestandsaufnahme Zur Historie der Tradition der Kinderläden Kinderläden entstanden Ende der 60er Jahre auch aufgrund des enormen Betreuungsplatzmangels. Das Berliner Konzept vom Januar 1968 ging von der Situation der Frauen aus. Die Kinderläden waren zunächst als vorübergehende Selbsthilfe unter Frauen gedacht, um sich gegenseitig zu entlasten.

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rst mit der Studentenbewegung begann vielfach eine endgültige Abrechnung mit der Nazi-Vergangenheit in der eigenen Familiengeschichte. Vor diesem Hintergrund lehnten Kinderladen-Eltern die bürgerlichen Kindergärten und Kindertagesstätten ab als Institutionen, die durch ihr Erziehungshandeln autoritäre Persönlichkeiten hervorbringen. Die Kindereinrichtungen wurden mit den Kinderschmieden der Nazi-Diktatur verglichen.

Junge linke Eltern befürchteten, dass in den Kitas erneut Charaktere hervorgebracht würden, die für Rassismus, unkritischen Staatsgehorsam und patriarchale Familienstrukturen empfänglich sind. Die Auseinandersetzung mit den in Vergessenheit geratenen Erziehungskonzepten aus der Weimarer Zeit führte zur Entwicklung neuer Erziehungskonzepte. Die StudentInnen beschäftigten sich z.B. mit den Wirkungen von Konzentrationslagern auf Kinder oder mit der geschlossenen Heimerziehung. Die Suche nach neuen Erziehungsmethoden führte sie auch in andere Länder, z.B. zur Kibbuzerziehung in Israel, nach Skandinavien und in die USA. In der Folge entstanden einige Kinderläden durch Hochschulstudenten, die dort neue Erziehungsvorstellungen zu verwirklichen suchten, ihre „Ergebnisse“ analysierten, wissenschaftlich auswerteten und verbreiteten. Parallel zu diesem Anliegen und aus ihm heraus entwickelte sich in Berlin der „Aktionsrat zur Befreiung der Frauen” und der Beginn der neuen deutschen Frauenbewegung.

anstrebte, hinterfragte kritisch die Machtverhältnisse in Ehe und Familie. Bürgerliche Familien wurden als Patriarchate abgelehnt, d.h. wegen der strukturellen Dominanz des Mannes über die Frau. Mit Schwinden dieser patriarchalen Familienstrukturen in linken studentischen Kreisen wurden die neuen kollektiven Lebensformen als politische Akte begriffen. (Manuela Deubel)

Der Name Kinderladen entstand in Berlin und bezog sich auf die damals vielen leerstehenden und billigen Tante-Emma-Läden. Der erste Kinderladen war die 1967 in Frankfurt gegründete „Freie Kinderschule“. Die Kinderladenbewegung und die öffentliche Diskussion um die in den Kinderläden praktizierte antiautoritäre Erziehung begannen jedoch erst 1968 mit der Gründung von Kinderläden in Berlin, Stuttgart und Hamburg. Die antiautoritäre Bewegung, die in Kinderläden eine „Kulturrevolution“

Manuela Deubel: war von drei bis sechs Jahren Kindergartenkind in einem evangelischen Kindergarten in Süddeutschland, täglich jeweils von 8 – 11.30 Uhr. Von 1990 bis 2008 arbeite sie in Kinder- und Schülerläden. Sie ist Mutter von vier Kindern. Fotos: © Albrecht E. Arnold / PIXELIO; © Klicker / PIXELIO

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Shortstories

Macht oder: auch Saturn fraß seine Kinder Theater und Gesellschaft geht in die zweite Runde Das Ensemble des Projekts „Theater und Gesellschaft“ nimmt sich im zweiten Teil der Trilogie „Geld, Macht, Visionen“ dem Thema „Macht“ an und wirbelt energetisch auf dem Feuerball Erde.

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as Szenarium ist vertraut: In der Bühnenmitte steht ein Zelt wie ein Fels. War es im ersten Teil Geld noch mit goldenem Schein überzogen, pulsiert es nun blutrot wie ein Herz. Wir treffen alte Bekannte wieder, nur die Zeiten haben sich geändert: Im Zelt lebt der einstige Zeitverzieher (Gabriele Sander). Er schlachtet martialisch Äpfel, die er gemeinsam und genussvoll mit seinen Kindern (Ramona Eitel Villar und Saskia Recarda) verspeist. Kinder, die das rechte Maß noch suchen, hin- und her geschleudert zwischen heimeligem Gesang und Vandalismus. In all der aufbrausenden Gewalt wird die einst energiegeladene Kriegerin (Mia Kaspari), nun gebrochen und verstümmelt an Körper und Emotionen, vom Tod (Pasquale Bombacigno) vom Schlachtfeld gezerrt. Mit ruinös-kraftvoller Stimme setzt sie zur Dankesrede an.

Machtgefüge sind stetigem Wandel unterworfen. Möglich, dass, wer heute das Sagen hat, morgen der Unterlegene ist. Das Leben ist ein Kreislauf, den sowohl der Geselle des Todes als auch das engelsgleiche Wesen (Anne Katrin Hertzsch) beobachten, am Laufen halten und eventuell sogar beeinflussen. Doch wer Gewalt sät, sollte vorsichtig sein. Macht macht einsam. Dies spürt der jugendliche, selbsterkorene Held (Nicolas Dinkel) am eigenen Leib. Auch die Geschwister der Macht spielen eine Rolle: sie heißen Gewalt, Grausamkeit, Ungerechtigkeit und Opfer. Ihre Kinder sind Trauer, Reue, Tränen und echtes Gefühl. Über dem Geschehen die göttergleiche Ebene der Über-Denker, die nach-denken und mit-denken und das Individuum einbetten in Ich und Wir.

Das Leitungsteam aus Regie (Catherine Welly) und Dramaturgie (Evelyn Maguhn) hat es geschafft, in wunderbarer Weise an den ersten Teil „Geld“ anzuknüpfen. Sie nutzen die Macht der Bilder und verhelfen dem Zuschauer mittels einer mittelalterlichen, trauernden Pietá, Zitaten aus Wilhelm Tell und Klageliedern zu seiner ganz persönlichen Katharsis. Wir dürfen also gespannt sein, was uns blüht, wenn Theater und Gesellschaft zum dritten Teil „Visionen“ ruft: Premiere des Stücks ist am 13. Februar. Mehr auf www.danziger50.de. (bs) Foto: Andreas Bonal Cesar

Was für ein TEEater! Record-Release-Party im ZENTRUM danziger50 TEEater ist keine Band, eher eine Institution. Als Songgruppe 1980 in Berlin gegründet, entwickelt sich die Truppe immer mehr in Richtung Liedtheater. Sie gewinnt mehrere DDR-Förderpreise, ist im In- und Ausland erfolgreich. Soviel Aufhebens um Wort und Ton lässt die Überwachungsorgane der DDR stutzen, ein Auftritt im Oktober ´89 wird abgebrochen. Weitere Konsequenzen gibt es nicht mehr – der Wende sei Dank. 20 Jahre pausiert TEEater, dann starten sie mit neuer Besetzung ein zweites Mal durch. Ihre neue CD „Alles“ hat die Gruppe am 29. November in der danziger50 präsentiert.

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EEater schafft eine familiäre Atmosphäre im Konzertsaal des ZENTRUM danziger50, und so spielen Gründungsmitglieder Thomas Schaarschmidt (Komposition, Gitarre, Gesang) und Martin Miersch (Text, Percussions, Gesang) mit den „neuen“ Mitstreitern Marion Kruggel (Violine, Gesang), Cordula Stipp (Akkordeon, Gesang) und Ingo Dietrich (Gitarre, Gesang) neben ihrem neuen Repertoire auch Altbekanntes und unterbrechen das Konzert hin und wieder für kleine literarische Einlagen – satirische Kurzgeschichten geschrieben und gelesen von Martin Miersch. Die neue CD „Alles“ ist vielseitig und nichts zum Nebenbeihören. Es sind vor allem die Texte, die sich einprägen, mal sozialkritisch, mal selbstironisch, mal kämpferisch, mal melancholisch kommen sie daher, untermalt von oftmals folkloristischer anmutender, treibender Musik. Das live nicht immer jeder Ton sitzt, macht die charismatische Gruppe mit ihrer Spielfreude allemal wett. (fn)

Weitere Infos zu TEEater, sowie Bild- und Hörproben aus neuen und alten Tagen finden sich auf www.teeater.org.

CD-Cover: © TEEater, Fotos: Frauke Niemann

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Shortstories

Kunst oder Nicht-Kunst, das ist hier die Frage Gedanken zum Mittendrin-Buchtipp: Die Kraft der Kunst In „Die Kraft der Kunst“ versucht Christoph Menke sich „dem Rätsel der Kunst begrifflich“, nämlich philosophisch-theoretisch zu nähern. Die „uralte Frage, nach welchen allgemein vernünftigen Kriterien Kunstwerke als gut oder schlecht beurteilt werden können“ lehnt er dabei grundsätzlich ab. Doch wovon hängt die „Kraft der Kunst“ in der Praxis ab, und welche Fragen wirft sie auf?

stellungen, setzt Zeichen und Akzente, sucht nach neuen Standpunkten und Ausdrucksformen. Sie ist stetig in Bewegung und letztendlich ein Spiegel unserer Seele, unseres gesellschaftlichen Verhaltens und gleichzeitig Ausdruck der Regularien, die wir uns selbst auferlegt haben. 586 v. Chr. wurden zu Ehren des Gottes Apollon, dem Beschützer der Künste, die Delphischen Spiele eingeführt. Für die Zeit der Spiele galt der „heilige delphische Frieden“, der drei Monate andauerte und generelle Waffenruhe garantierte. Das war vor 2600 Jahren. Unbestritten ist sicher, dass sich seitdem die Menschheit durch Fortschritt und Technik weiterentwickelt hat und weiterentwickeln wird. Aber ist sie auch klüger und verständiger geworden? So klug wenigstens wie unsere Vorfahren, für einen so kurzen Zeitraum von drei Monaten friedlich miteinander umzugehen und damit einen aktiven Beitrag zum Weltfrieden zu leisten? Das wäre doch die wahre „Kraft der Kunst“. (Katrin Schell)

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einer verurteilt die Existenz von Kunst. Sie scheint elementar notwendig und wichtig zu sein. Geistige Nahrung, wie der Werbeslogan der vor kurzem geschlossenen Kollwitz-Buchhandlung „Bücher sind Lebensmittel“ nahelegt. Aber wer beurteilt Kunst? Ist Kunst messbar? Gibt es objektive Maßstäbe für ihre Qualität? Ist Kunst eine Verstands- oder Geschmacksfrage? Oder eine Frage der freien Marktwirtschaft?

Letzteres anzunehmen, drängt sich dann auf, wenn Verleger, Galerien und Kunst-Auktionatoren mit ihren Hochglanzkatalogen den Wert von Kunstobjekten idealisieren. Und das aus vorwiegend monetären Motiven. Dann wären da seit jeher noch die Reihe von „Nicht-Künstlern“, die sich um ihrer selbst willen austoben, die ihre Originalität, ihre Seltsamkeit, ihre Provokationen zelebrieren und den Markt mit Pseudokunst voll ramschen, um ihre Eitelkeit und ihre Daseins-Anwesenheits-Berechtigung als Künstler vorzuführen.

Katrin Schell hat an der Schauspielschule „Ernst Busch“ studiert und ist seit vielen Jahren als Theater- und Filmschauspielerin aktiv. Aktuell ist sie festes Ensemblemitglied des „theater 89“. Darüber hinaus Synchronsprecherin und Trauerrednerin. Seit 2012 ist sie Vorstandsmitglied des Kulturverein Prenzlauer Berg e.V.

Kunst entzieht sich der absoluten Beurteilbarkeit. In einer perfekten Welt bräuchten wir keine Kunst. Glücklicherweise wird eine perfekte Welt Utopie bleiben, die Künstler werden weiterhin Sprachrohr und Reflektor sein, Visionen vom gemeinschaftlichen Zusammenleben entwickeln. Denn der Mensch will sich mit der Wahrnehmung der Welt und den daraus gezogenen Erkenntnissen beschäftigen. Kunst öffnet Türen (und Fenster), beleuchtet Sachverhalte neu, hält unsere Geschichte fest, kreiert Gegenüber-

Foto: Katrin Schell

Die Liebe zu den drei Orangen Eine märchenhafte Kinderoper In der märchenhafte Kinderoper „Die Liebe zu den drei Orangen“ lässt Sylvia Bath die Puppen tanzen und bringt mit ihrem mobilen Puppentheater Kinderaugen zum Glänzen – zuletzt in Vorstellungen im ZENTRUM danziger50 und in den Kitas des Kulturvereins. as Märchentheaterstück Die Liebe zu den drei Orangen (L‘amore delle tre melarance) schrieb Carlo Gozzi 1761. Es diente Sergej Prokowjew als Vorlage für sein Libretto und die gleichnamige Oper, die 1921 uraufgeführt wurde. Die Schauspielerin und Puppenspielerin Sylvia Barth spielt eine eigene Fassung der Oper für Kinder ab vier Jahren.

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Ihre Akteure sind Puppen, von ihr selbst erschaffen. Wir lernen kennen: den König Treff, seinen Sohn, den Prinzen, die Prinzessin Clarisse, Leander, den Spaßmacher Truffaldino, Tschelio, Zauberer und Beschützer des Königs, die böse Zauberin Fata Morgana. Außerdem die Prinzessinnen Linetta, Nicoletta und Ninetta, die Köchin, den Herold Farfarello und Smeraldina - eine imposante Personage an Zahl und Ausstattung. Sylvia Barth ist gleichzeitig Bühne und Stimme für alle Figuren. Ihr ausgefallenes Kostüm hat einen ausgestellten Reifrock. Dieser besitzt am Bund ein Vorhangscharnier, so dass jeweils verschiedenfarbige Rocklagen den Hintergrund für die wechselnden Szenarien der Geschichte abgeben. Mit vollem Körpereinsatz und großer Spielfreude lässt sie das Märchen lebendig werden: Der Prinz ist krank. Als Heilmittel gegen die Krankheit des Prinzen gibt es nur eine einzige Medizin, die helfen könnte: das Lachen. Truffaldino, der Spaßmachergeselle wird engagiert, den Prinzen zu heilen. Doch niemand rechnet mit der Zauberin Fata Morgana, die den Prinzen verflucht. Von nun an verzehrt er sich nach drei geheimnisvollen Orangen und sucht sie im Königreich. Doch das erweist sich als schwieriges Unterfangen. Ob es wohl gelingt? (bs)

Die Liebe zu den drei Orangen wurde mit einem Kunststipendium des Kulturverein Prenzlauer Berg e.V. gefördert.

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Plakat: Sylvia Barth, Foto: Barbara Schwarz


Shortstories

Antike Radios und jede Menge Spannung Krimi-Hörspiel im Kellergewölbe: Prof. Dr. Dr. Dr. Augustus van Dusen Ein Wissenschaftler im Zeichen der Aufklärung

„Hörspiel? Historische Radiogeräte? Was soll das denn sein?“, fragt meine zwölfjährige Tochter, als ich mich auf den Weg mache ins ZENTRUM danziger50, um van Dusens erstem Fall via Rundfunkempfänger zu lauschen. Klar, Radiohören kommt bei ihr nicht vor. Und bei uns Normalverbrauchern? Schön, vielleicht als „Soundberieselung“ in der Küche beim Kochen oder im Auto, auf dem Weg zur Arbeit. Aber das war‘s dann auch mit Radiobeschallung im TV- und Internetzeitalter. Und so kann mein Ausflug ins Kellergewölbe der danziger50 schon beinahe als exotischer Abenteuertrip durchgehen.

Prof. Dr. Dr. Dr. van Dusen alias „Die Denkmaschine“ ist überzeugt – von sich und folgender Tatsache: Ein Kriminalfall, den sein messerscharfer Verstand nicht lösen kann, den gibt es nicht. Und recht hat er: In 78 Hörspielfolgen knacken er und sein Adlatus, Daily-New-Yorker-Reporter Hutchinson Hatch, jedes noch so verzwickte kriminologische Rätsel. Die Krimi-Reihe basiert auf Kurzgeschichten des amerikanischen Schriftstellers Jacques Futrelle, die dieser unter dem Titel The Thinking Machine zwischen 1905 und 1911 veröffentlichte. Michael Koser bereitet zunächst zwei Erzählungen – darunter auch Eine Unze Radium – fürs Radio auf, die erste Vertonung ist 1978 bei RIAS Berlin zu hören.

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ie Bar im Dämmerlicht der Kerzen: antike Röhrenradios stehen auf den Tischen und Frequenzrauschen erfüllt den Saal. Dann kämpfen sich durch dieses Zischeln und Brummen die Stimmen von Prof. Dr. Dr. Dr. August van Dusen, seines Zeichens ambitionierter Amateurkriminologe und genialer Wissenschaftler, und Hutchinson Hatch, seinem ständigen Begleiter und Chronisten. Es gilt, einen vermeintlich unlösbaren Fall aufzuklären. Die Geschichte um das Verschwinden einer wertvollen und streng bewachten Unze Radium aus dem Labor des Wissenschaftskollegen Dexter nimmt ihren rätselhaften Lauf.

Die Resonanz der Zuhörer ist groß, und Koser kann weitere Folgen produzieren. Er nutzt nur einige Geschichten Futrelles als Vorlagen für seine Hörspiele, modifiziert diese inhaltlich und erfindet schließlich eigene Fälle. Von ihm stammt auch die Idee, Van Dusen und seinen Chronisten auf Weltreise zu schicken. 1903 geht es von New York aus nach England und Schottland, von dort aus weiter nach Frankreich und Deutschland. Ebenso stehen Monte Carlo, die Schweiz, Russland, Rumänien, die Türkei und Ägypten auf dem Reiseplan. Nach einem Abstecher nach Singapur und Shanghai betreten der exzentrische Wissenschaftler und sein Chronist 1906 wieder amerikanischen Boden – unglaubliche Geschichten im Gepäck. (fn)

Fragen über Fragen: Wer ist eigentlich Madame du Chateau-Neuf, diese geheimnisvolle Französin mit dem Koffer? Welche Rolle spielt der verdächtig erscheinende Monsieur Bertrand? Die unbekannte Leiche im Hafen, was hat sie mit der Sache zu tun? Und schon entstehen Bilder vor meinem geistigen Auge – Dexters Büro, die Erscheinung der Madame du Chateau-Neuf, die Straßen des Hafenviertels. Eine fast vergessene Empfindung aus Kindertagen: Mit dem Kofferradio heimlich unter der Bettdecke und ganz in meine eigene Welt versunken. Eine Zeitreise in die Vergangenheit „als die Saurier noch lebten“, würde meine Tochter ironisch sagen. Und ganz ehrlich, das hat was! (Andreas Bonal Cesar)

Wer auch mal eine Reise in die Vergangenheit unternehmen möchte: Weiterer Fälle nehmen sich Van Dusen und sein Assistent am 30. Januar, 27. Februar und 27. März um 19 Uhr an. Mehr Informationen gibt es auf www.danziger50.de.

Andreas Bonal Cesar, Jahrgang 1954, lebt seit 1983 im Prenzlauer Berg.

Die Radiokultur feierte 2013 ihren 90. Geburtstag, am 29. Oktober 1923 nahm die Rundfunkgeschichte ihren Anfang. Die Fred-FrohbergStiftung nahm dieses Jubiläum zum Anlass, das Medium mit der Veranstaltungsreihe „Hörspiele im Kellergewölbe“ zu würdigen. Gefördert wird das Projekt durch den Kulturverein Prenzlauer Berg.

Die „Fred-Frohberg-Stiftung“, eine gemeinnützige treuhänderische Stiftung, setzt sich gemäß ihrer Satzung bereits seit Jahren für die Förderung von Kunst und Kultur und die Bildung und Erziehung Jugendlicher ein. Sie verfügt zu diesem Zweck unter anderem über eine große Rundfunktechniksammlung sowie ein umfangreiches Tonträgerarchiv (Schallplatten ab 1905 und diverse CD-Bestände). Dieser Fundus kann für Präsentationen bereit gestellt werden und ist besonders zur Durchführung und Förderung von Kulturveranstaltungen und Bildungsprojekten vorgesehen.

Fred-Frohberg Stiftung, Radio Museum Berlin Kuratorium: Michel Roemer, Gabriele Vlcek, Frank Frohberg (Treuhänder) E-Mail: fred-frohberg-stift@gmx.net

Plakat: Daniela Günther

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Shortstories

Ich bin viele! Ich weiß nicht mehr Bescheid - Theaterstück der Fälle von Daniil Charms „Mich interessiert nur Quatsch, nur das, was gar keinen praktischen Sinn macht. Mich interessiert das Leben nur in seiner unsinnigen Erscheinung.“ (Tagebucheintrag, Daniil Charms) Pasquale Bombacigno hat „Die Fälle“ des russischen Schriftstellers Daniil Charms auf die Bühne gebracht. Kurze Beschreibungen von Menschen in lebensweltlich entfremdeten Situationen und Zuständen. Vom Autor präzise bis in die Haarwurzel beschrieben, von Bombacigno unmittelbar und geradezu plastisch inszeniert.

1931 wurde er das erste Mal verhaftet. 1937 schrieb Charms in sein Tagebuch: „Mein Gott, ich habe nurmehr eine einzige Bitte an Dich: vernichte mich, zerschlage mich endgültig, stoße mich in die Hölle, laß mich nicht auf halbem Wege stehen, sondern nimm von mir die Hoffnung und vernichte mich schnell, in Ewigkeit.“ 1941 kam er das zweite Mal ins Gefängnis, wo er an Unterernährung im Februar 1942 starb. (bs)

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in beinahe leerer Bühnenraum wird mit den notwendigsten Requisiten und offenem Theaterlicht zum Terrain für all die Schatten, die Charms Figuren quälen und in die absurde Ecke drängen. Die Geschichten sind wie detaillierte Steckbriefe, anekdotenhaft aufgebaut. Pasquale Bombacigno vermittelt dem Zuschauer an seinem Soloabend die einzelnen Stränge wie eine fortlaufende Erzählung. Alles ist aufgereiht wie auf einer Perlenschnur, dramaturgisch sehr gut gelöst. Charms liebt Figuren, die nicht vollständig sind, torsohaft wirken, beschädigt sind, am Leben leiden und dennoch oft den Schalk im Nacken haben und sich nicht so leicht niederschlagen lassen.

Nächste Vorstellung; 15. Februar, 20 Uhr im ZENTRUM danziger50.

Die Inszenierung arbeitet diese Lücken heraus, durch die die Figuren zu kompletten Charakteren werden, Pasquale Bombacigno zeigt dies in Sprachführung und Habitus. Er präsentiert sie uns schauspielerisch ebenso nah wie naheliegend und dabei witzig. Witzig? Oder absurd? Es ist ein absurder Witz, bei dem das Lachen im Halse stecken bleibt. Oft besteht die Absurdität darin, dass den Geschichten die Pointe fehlt. Ich weiß nicht mehr Bescheid ist besonders. Eine Inszenierung, die im Gedächtnis bleibt und zum Nachdenken anregt. Sehenswert! Der russische Schriftstellers Daniil Charms (1905-1942) war Mitglied in vielen künstlerischen Vereinigungen, seine Eigengründung „Oberiu“ wurde 1930 als staatsfeindlich erklärt und verboten. Seine gesellschaftskritischen Werke durfte er zu Lebzeiten nicht veröffentlichen, erst im Zuge der Perestroika konnten seine Texte gedruckt und in Umlauf gebracht werden.

Fotos: Barbara Schwarz und Gerad Maybaech

Kulturverein fördert Künste Jetzt Projektanträge einreichen! Genaueres zum Antragsprozedere, zum Aufbau der Projektbeschreibung, lässt sich telefonisch (030/43202067) oder in einem persönlichen Gespräch mit Barbara Schwarz im ZENTRUM danziger50 erfragen. (fn)

Es ist wieder soweit: Der Kulturverein Prenzlauer Berg vergibt Stipendien. Mit einer Fördersumme von maximal 1.000 Euro pro Projekt werden Vorhaben aus den Bereichen „Freie Kunst“, „Kultur“ sowie „Bildung und Pädagogik“ unterstützt. Inhaltlich-thematisch Vorgaben gibt es nicht, nur eine Bedingung: Die Projekte müssen in den Einrichtungen des Kulturvereins präsentiert und der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Einsendeschluss für Förderanträge ist der 3. März 2014.

Stipendiaten gesucht!

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eit vielen Jahren gibt es im ZENTRUM danziger50, dem Veranstaltungshaus des Kulturvereins, ein vielfältiges Kulturprogramm zu bestaunen. Eines der großen Ziele des Vereins ist die Förderung von Kunst- und Kultur in Prenzlauer Berg und darüber hinaus. Zum zweiten Mal stellt der Verein nun Gelder bereit, um Künstlerinnen und Künstlern die Umsetzung ihrer kreativen Ideen zu ermöglichen. Über Anträge mit pädagogischem Bezug entscheidet der Vereinsvorstand, Projekte aus dem Bereich „Freie Kunst“ wählt eine unabhängige dreiköpfige Jury aus. Jurymitglieder sind die Filmund Theaterschauspielerin Marie Gruber, Tynne Claudia Pollmann, bildende Künstlerin und Professorin an der Kunsthochschule Weißensee und der Musiker und Komponist Tobias Kabiersch.

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Foto : © Andrea Damm / PIXELIO


Bücher

Über die Vielfalt menschlicher Würde Peter Bieri: Eine Art zu leben. Was fällt uns zum Thema Würde ein? Als allererstes dieser eine, im Grundgesetz verankerte Satz: Die Würde des Menschen ist unantastbar. Auf die Unversehrtheit der Würde haben wir also einen Rechtsanspruch, sie ist oberstes Verfassungsprinzip, ein wichtiges Gut und schützenswert. Was aber passiert, wenn wir genauer ergründen wollen, was sich hinter dem Wort verbirgt: Was meinen wir eigentlich, wenn wir von Würde sprechen?

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Buchtipp

eter Bieri hat sich vorgenommen, dies herauszufinden. Dafür taucht er in seinem im Hanser Verlag erschienenen Buch Eine Art zu leben nicht in metaphysische Tiefen ab. Eine „Theorie der Würde“ zu formulieren liegt nicht in seiner Absicht, auch nicht eine Definition des Begriffs abzuliefern oder seinen geistesgeschichtlichen Kontext herauszuarbeiten. Der Schweizer Philosoph, der unter dem Pseudonym Pascal Mercier mehrere Romane veröffentlicht hat, beobachtet lieber: „Was man braucht, ist der wache und genaue Blick auf die vielfältigen Erfahrungen, die wir mit dem Begriff der Würde einzufangen suchen.“ Jede einzelne gilt es nachzuvollziehen und sie in Beziehung zu den anderen Erfahrungen zu setzen, um sich dem Begriff „Würde“ zu nähern.

Würde als Lebensform Würde versteht Bieri nicht als Eigenschaft, etwas, das wir besitzen, weil wir Menschen sind. Vielmehr sieht er in ihr eine bestimmte Art und Weise zu leben: „Sie ist ein Muster des Denkens, Erlebens und Tuns. Diese Würde zu verstehen, heißt, sich dieses Muster begrifflich zu vergegenwärtigen und es gedanklich nachzuzeichnen.“ Folgerichtig ist Bieri über weite Strecken des Buches Situations-Sammler, er durchforstet Literatur und Leben nach Beispielen, beobachtet seine Mitmenschen und sich selbst. Drei Dimensionen der Lebensform Würde kristallisieren sich so heraus. Die eine Dimension manifestiert sich in der Art, wie ich von anderen behandelt werde. Hier liegt die Verantwortung für meine Würde außerhalb meiner selbst: Welches Verhalten anderer führt dazu, dass ich meine Würde verliere, welches dazu, dass ich sie behalte? In der zweiten Dimension bin ich allein verantwortlich: Sie kommt in der Art zum Ausdruck, wie ich andere behandele, zu anderen stehe. Mit welchem Tun und Erleben bewahre ich meine Würde, mit welchen zerstöre ich sie? Die dritte Dimension, beschäftigt sich mit der Frage: Wie stehe ich zu mir selbst? Was in meiner Art mich selbst zu sehen gibt bzw. nimmt mir die Erfahrung der Würde? Diese führt Bieri zur eigentlichen Kernfrage: Warum haben wir die Lebensform der Würde erfunden? Er antwortet: Weil unser Leben als denkende, erlebende und handelnde Wesen zerbrechlich und stets gefährdet ist. Würde ist der Versuch, diese Gefährdung in Schach zu halten. Und ihr, der Gefährdung, selbstbewusst gegenüberzutreten. „Es kommt darauf an, sich von erlittenen Dingen nicht nur fortreißen zu lassen, sondern ihnen mit einer bestimmten Haltung zu begegnen, die lautet: Ich nehme die Herausforderung an. Die Lebensform der Würde ist deshalb nicht irgendeine Lebensform, sondern die existenzielle Antwort auf die existenzielle Erfahrung der Gefährdung.“

Unterm Strich In Eine Art zu Leben geht es nicht nur um Würde. Auf ihrer Spur holt Peter Bieri aus zu einer „Vergewisserung über das menschliche Leben insgesamt“, beginnend bei der Selbstachtung des Subjekts und endend mit der Anerkennung seiner Endlichkeit. Zu keinem Zeitpunkt rutscht er dabei in Lebensratgeber-Abgründe oder Allgemeinplätze ab. Seine in der „Tonlage des gedanklichen Ausprobierens“ geschriebene philosophische Abhandlung ist in klarer, einfacher Sprache verfasst und will den Leser nicht überzeugen, sondern mit auf die Suche nehmen. Fazit: Absolut lesenswert! Peter Bieri wurde 1944 in Bern geboren. Er studierte Philosophie, Anglistik und Indologie in Heidelberg und London und lehrte als Professor für Philosophie in Bielefeld, Marburg und an der Freien Universität Berlin. Als Pascal Mercier veröffentlichte er u. a. die Romane Nachtzug nach Lissabon und Der Klavierstimmer.

Peter Bieri: Eine Art zu leben. Über die Vielfalt menschlicher Würde. Carl Hanser Verlag, München 2013 384 Seiten, geb., 24,90 Euro © Hanser Verlag

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Bücher

Erlesenes für Kinder Viele Bücher machen klücher… Diese Bücher wurden auf die Probe gestellt, haben gewissermaßen einen zweifachen Kinder-TÜV passiert. Seit einiger Zeit gibt es in den Familienbereichen der Kita Kiezeulen und der Kita Gleimstrolche abwechselnd die Veranstaltung „Kinder lesen für Kinder“. Das Konzept ist einfach: Schulkinder lesen Kitakindern ihre Lieblingsbücher vor. Wir stellen ihnen ausgewählte Schätze vor. (fn)

Der Räuber Hotzenplotz von Otfried Preußler

Ist Der Räuber Hotzenplotz ein alter Hut? Ja, ein sehr alter! Aber auch mehr als 50 Jahre nach ihrem Erscheinen zieht die abenteuerliche, fantastisch-schrullige Kasperle-Geschichte von Otfried Preußler sowohl Kitakinder als auch junge Leseratten in ihren Bann. Kein Wunder, alles da, was ein gutes Räuber-Märchen ausmacht: Ein schlitzohriger Tunichtgut, den es dingfest zu machen gilt – spätestens, als er sich an Omas geliebter Kaffeemühle vergreift – zwei mehr (Kasperle) oder minder (Seppl) pfiffige Kinder, die sich dieser Aufgabe annehmen und dabei immer wieder in mehr als brenzlige Situationen geraten, ein unfähiger, überforderter Gesetzeshüter, ein böser Zauberer und eine gute Fee, die ihr Dasein aufgrund widriger Umstände als Unke im Unkenpfuhl fristet. Eiderdaus, ob das wohl gut ausgeht? Otfried Preußler: Der Räuber Hotzenplotz. Thienemann Verlag, Erscheinungstermin August 1962. 11,95 Euro, geb. Altersempfehlung: 6-8 Jahre.

© Thienemann Verlag

Robbi regt sich auf von Mireille d’Allancé Das ist die Höhe, findet Robbi! Nach einem ausgesprochen doofen Tag, an dem nichts so läuft, wie es soll, tischt sein Vater auch noch Spinat zum Abendessen auf. Ganz langsam fängt es an, in Robbi zu brodeln, er wird puterrot von der Nasenspitze bis zu den Füßen. In seinem Zimmer, in das ihn sein Vater mit den Worten verbannt: „Wenn du dich abgeregt hast, kannst du wiederkommen.“ – geht es erst richtig los: Robbi kocht über und spuckt ein nicht unsympathisches rotes Wutmonster aus, das anfängt, seine Sachen zu verwüsten. Bettzeug, Nachtkästchen, Lampe, Bücherregal, alles fliegt durch die Luft. Aber halt, es reicht: Als es seinem Lieblingslaster an den Kragen geht, schafft es Robbi, den Wüterich unter Kontrolle zu bringen und in eine Kiste zu sperren. Robbi regt sich auf ist ein toll gezeichnetes Bilderbuch, das kleinen und größeren Cholerikern dabei helfen kann, ihre Gefühle einzuordnen und ihr eigenes Wutmonster künftig besser in Schach zu halten. Mireille d´Allancé: Robbi regt sich auf. Altersempfehlung: ab 3 Jahren.

Beltz & Gelberg Verlag, 4. Auflage 2013. 5,95 Euro, broschiert.

© Beltz & Gelberg Verlag

Weihnachten im Stall von Astrid Lindgren Weihnachten war doch gerade! Ganz genau. Und alle Jahre wieder zeigt sich eines: Die Weihnachtsgeschichte kindgerecht zu erzählen ist gar nicht einfach. Astrid Lindgren gelingt dies mit Weihnachten im Stall ganz wunderbar. Sie reduziert die Geschichte aufs Wesentliche, formuliert knappe, schnörkellose Sätze. Eine Mutter hält ihr Kind auf dem Schoß und erzählt ihm von folgender Begebenheit: Eine namenlose Frau und ein namenloser Mann sind nachts allein unterwegs. Ihnen ist kalt, und sie finden Unterschlupf in einem Stall. Die Tiere scheinen empfänglich für ihre Not und wärmen sie. In der Nacht bringt die Frau ein Kind zur Welt. Alle Sterne leuchten am Himmel, und der hellste leuchtet über dem Stall, in dem das Neugeborene in der Krippe liegt. Lindgren destilliert gewissermaßen eine Weihnachtsessenz (ohne direkte biblische Bezüge), die eine feierliche, warme Stimmung schafft und gerade durch ihre Schlichtheit die Phantasie der kleinen Zuhörer anregt. © Oetinger Verlag

Astrid Lindgren: Weihnachten im Stall. Oetinger Verlag, Erscheinungstermin August 1962. 12,95 Euro, geb. Altersempfehlung: 4-6 Jahre.

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Bildung

Schule in Freiheit! Aber wie? Vom Freiheitsstreben zwischen Verführung und Zwang Öffentliche Erziehung scheint mir ganz außerhalb der Schranken zu liegen, in welchen der Staat seine Wirksamkeit entfalten muss. (Wilhelm von Humboldt)

Ein Kommentar von Stefan Böhme

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etzten September ging eine Erschütterung durch die „freie“ Schullandschaft Berlins. Angesichts einer täglichen (!) Schuldzinslast von ca. 5,5 Millionen Euro im Berliner Landeshausalt hatte die „Bildungs“senatorin Sandra Scheeres (SPD) aufgrund der Sparvorgaben des CDU-Finanzsenators eine geplante Gesetzesänderung vorgestellt. Der zufolge hätten zukünftig neue Schulgründungen auch von bewährten Trägern drei bis fünf Jahre ohne Anschubfinanzierung auskommen müssen. Ihre Begründung: In Berlin gäbe es inzwischen genügend freie Schulen. Auch wenn dieser Kürzungsversuch bald wieder vom Tisch war, ist der Vorgang insofern interessant, als dass im Gegensatz dazu die wiederum erfolgreiche vom Omnibus für direkte Demokratie ausgehende Volksinitiative Schule in Freiheit nun zum zweiten Mal vor dem Abgeordnetenhaus u.a. die gleichberechtigte steuerliche Vollfinanzierung von Schulen in freier Trägerschaft fordern wird. Die Begründung: Schulen in freier Trägerschaft erfüllten eine öffentliche Aufgabe, müssten schulgeldfrei zugänglich sein und dürften nicht Reichen vorbehalten bleiben. Eine Senatorin, die staatlich dekretiert, wann es ausreichend zivilgesellschaftliches Engagement gibt und eine Zivilgesellschaft, die von allen guten Geistern verlassen mehr Geld von Deutschlands Schuldenhauptstadt fordert (mal „Welthauptstadt der Schulden“ bei Google eingeben! Erster Treffer?). Na danke!

Wirkliche Freiheit ist mit Steuergeldern und Schulpflicht nicht realisierbar Da hier nicht der Raum ist, die deutsche Schulpflicht etwas ausführlicher zu betrachten, sei nur in Kürze bemerkt, dass sie sich auf das Reichsschulgesetz von 1938 gründet. Den dadurch mit Sanktionen bewehrten Schulanwesenheitszwang gibt es deshalb in den meisten anderen europäischen Staaten nicht. Hätten die Verteidiger des Status Quo Recht, müsste z.B. in Österreich oder Frankreich schon lange das Chaos ausgebrochen sein. Dass es Freiheit (selbstverständlich im Rahmen des Rechts) unter solchen Zwangsbedingungen nicht geben kann, ist eine Selbstverständlichkeit. Nun wird uns aber dieses vormundschaftliche System, wiederum im Vergleich zu den allermeisten Staaten, mit der bereits relativ guten finanziellen Ausstattung der Schulen in freier Trägerschaft versüßt. Denn für diese gibt es fast überall sonst - gar nichts. Wir haben es also mit dem Phänomen Zuckerbrot und Peitsche zu tun. Oder auch mit dem des Sogs und des Drucks. Dadurch ist das deutsche Schulsystem in doppelter Weise stärker auf den Staat bezogen, als anderswo. Dass dies notwendig sei, wird auf der einen Seite damit begründet, dass hierzulande besonders Kinder „bildungsferner“ Schichten ihrem sozialen Milieu entzogen werden müssten, um „sozialisiert“, „integriert“ und zu „verantwortlichen Staatsbürgern“ erzogen zu werden. Auf der anderen Seite wird seit Adam Smith propagiert, der einzelne sei nun mal ein Egoist und könne und solle dies sogar zum Wohle aller in der Wirtschaft auch sein. Damit die schrägen Schlüsse aus diesen Halbwahrheiten in der Breite akzeptiert bleiben, läuft eine beständige Propaganda des guten gerechten „weltanschauungsfreien“ Staates gegen die böse meist durch Religion verirrte Parallelgesellschaft und durch Gier verblendete egoistische Wirtschaft. Damit begründet der Staat die Notwendigkeit von „Kultur“- und „Wirtschafts“politik. Dereinst entstand in Deutschland daraus im Wirtschaftlichen die „soziale Marktwirtschaft“, die nun aber bei bestem Willen in Zeiten der sich globalisierenden Wirtschaft nicht mehr aufrecht zu erhalten ist und zur weltweiten Explosion der Staatsverschuldung geführt hat. Gilt heute womöglich das Gleiche für das staatliche Bildungssystem?

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Bildung

O Staat! Wie tief dir alle Besten fluchen! Du bist kein Ziel. Der Mensch muß weitersuchen. (Christian Morgenstern)

Die Kraft des Individuums unter krankmachenden Bedingungen Individuell schafft uns so ein krankes System die pathologische Tendenz einer idealistischen Willenslähmung und staatsideologischen (auch falsch verstandenen direktdemokratischen) Überheblichkeit gegenüber dem Individuum. Oder auch die Tendenz des nur egoistischen Willens und eines im Sozialen nur abstrakten Gerechtigkeitsdenkens und somit einen Kreislauf selbstreferentieller Begründung. Oder einfacher gesagt: Dieses System schafft unablässig den Menschentyp, mit Hilfe dessen es sich rechtfertigt. Die Initiatoren von „Schule in Freiheit“ befürchten nun bedauerlicherweise ganz im Sinne dieser Ideologie des Mainstreams, „private Beliebigkeit“, wenn verantwortliches Handeln wirklich an die Individualität bis in die Organisation der Geldströme überginge. Wäre die Zivilgesellschaft heute wirklich reif, Schule in Freiheit zu gestalten, wie es die Initiative (Schule in Freiheit) richtig feststellt, würde sie bestrebt sein müssen, sich von beiden Ketten der Staatsbezogenheit stückweise zu befreien, vom Prinzip „VEB Schule“ Abschied zu nehmen und sich und der Gesellschaft zuzutrauen. Gerechtigkeit individuell zu organisieren. Ich habe die Vision einer Gerechtigkeit, die solidarisch aus dem Herzen der Menschen generiert wird und nicht durch Gesetzeszwang nur vorgespielt. Dazu ist es aber notwendig die Illusion abzustreifen, es könne durch „Einrichtungen an und für sich“ erreicht werden, was nur durch eine starke ethische Kraft und Liebe zum ganz konkreten Menschen und zur Menschheit ala Ganzer entstehen kann. Doch diese Reife traut uns die Initiative Schule in Freiheit (noch?) nicht zu.

Die Überwindung von systemtragenden Denkgewohnheiten und die Grenze der Demokratie Man setzt opportunistisch in ganz üblicher Weise das Geld im Staatstopf voraus, um nun daran „gerechter“ beteiligt zu werden. Angesichts grassierender Steuerverschwendung nur allzu verständlich. Aber es wird damit die Gewohnheit der organisierten Verantwortungslosigkeit, den Staat und nicht sich selber für zuständig zu erklären, wieder einmal zementiert und darüber ausgeblendet, dass man so die „Deutungshoheit“ der Behörden darüber, wer ein Lehrer ist und wer nicht, niemals an das Individuum als mündige Lehrerkollegen, Eltern, Schüler wird übergehen lassen können. Denn der Staat muss allgemeine und eben nicht individuelle („Qualitäts“-)Kriterien in Anschlag bringen, um Steuergelder wieder auszuzahlen. Solcherart „versorgte“ und vordefinierte Schulen werden auch zukünftig keine initiativen Menschen in großer Zahl hervorbringen, die die Kraft und Lust in sich spüren sich individuell für allgemeine Ziele unternehmerisch zu engagieren. Mögen sie nun Montessori- oder Waldorfschulen heißen. Ich habe Verständnis, wenn man solche scheinbar unzeitgemäßen Anschauungen als vollkommen utopisch ansieht. Aber ohne den Mut, Gedanken, auch wenn es unangenehm wird, zu Ende zu denken, sind selbst gute Kompromisse, also solche, die in die richtige Richtung deuten, nicht zu machen. „Schule in Freiheit“ ist in Teilen ein Beispiel für diesen fehlenden Denkmut. Dass der Initiative im Praktischen der Biss nicht fehlt, ist m.E. erfreuliche Bestätigung meiner These: Sie hat sich auf wirklich freiem Boden durch die Kraft einzelner tapfer von unten organisiert. Liebe Freunde, so muss alles Kulturleben organisiert sein!

Stefan Böhme, 1961 in Bremerhaven geboren, hat im Ruhrgebiet eine Eurythmieausbildung absolviert und lebt seit 1990 in Berlin; hier baut er einen Verein für Kultur auf, tritt dem Verein Mehr Demokratie und Omnibus für direkte Demokratie bei. Er unterstützt das Institut für Dreigliederung (www.dreigliederung.de) und ist Mitarbeiter der Freien Bildungsstiftung (www.freiebildungsstiftung.de) zum Aufbau eines freien, d.h. zivilgesellschaftlich voll getragenen entstaatlichten Bildungs- und Kulturlebens.

Fotos Knipseline / PIXELIO, Stefan Böhme

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Bildung

Eine Frage der (Aus-)Bildung Lehrer machen Schule lung im Lehrerbüro, nach welcher die Pädagogen in Jahrgangsteams statt Fächern zusammensitzen, lässt den Fokus auf den Menschen statt auf den „zu behandelnden Stoff “ erkennen.

Auf der Suche nach gelungenen Lernorten haben wir uns im September 2013 für zwei Wochen auf eine Reise durch Deutschland gemacht. Wir, eine Gruppe von (Lehramts)Studierenden, die sich „Kreidestaub“ nennt, fragen: Gibt es sie wirklich, diese Lernorte, an denen Schulangst und Leistungsdruck Fremdwörter sind und stattdessen die Freude am Lernen und das Miteinander im Vordergrund stehen? Orte, an welchen Leistung keinesfalls negiert, aber anders definiert wird und die Leistungsspitze eine breite ist? Und was zeichnet diese Lernorte aus?

Für das Schulleitungsteam ist die Einstellung neuer Kollegen immer wieder eine große Herausforderung. Wer frisch von der Universität kommt, ist im Regelfall eben nicht auf das vorbereitet, was man in Bargteheide unter einer guten Schule versteht, und was über viele Jahre hinweg mit den Lehrern gemeinsam gewachsen ist: Es geht um den Blick für den individuellen Leistungsstand, die Begabungen und Eigenarten der anvertrauten jungen Menschen, darum, ihnen einfühlsam zu begegnen, sensibel für Klassendynamiken und offen für den Austausch im Team und die Selbstreflexion eigenen Handelns zu sein.

„Wir nehmen nicht die mit den besten Noten und auch erst recht keine Fachidioten“, sagt Angelika Knies, Schulleiterin der Gemeinschaftsschule in Bargteheide, die 2013 den Deutschen Schulpreis der Robert-Bosch-Stiftung gewonnen hat, über Junglehrer. „Ich suche nach Leuten, die Visionen haben, wie man eine gute Schule machen könnte.“ Die Schule selbst als lernende Institution zu betrachten, zahlt sich an der Anne-Frank-Schule (AFS) Bargteheide auch in Leistungen aus. Hier erreicht man überdurchschnittlich gute Resultate, obwohl zu gleichen Teilen Haupt-, Real- und Gymnasialempfohlene im selben Klassenraum miteinander lernen, und Heterogenität befürwortet wird. Seit 16 Jahren hat keine Schüler die Schule ohne Abschluss verlassen. Die AFS beweist, dass Schule auch anders funktioniert.

Wenn wir uns einen anderen Schultypus wünschen, dann müssen wir die Lehrerausbildung anders gestalten. Die Gründe für neue Schulvisionen können dabei (je nach Interessengruppen) vielfältig, das Ergebnis dennoch das gleiche sein. So kann für Idealisten die gelebte Achtung vor dem anderen Menschen in solchen Lerndörfern ausschlaggebend sein, und für Interessenvertreter aus der Wirtschaft vor allem der Faktor, dass sich in der Arbeitswelt jetzt schon und künftig in einer zunehmend komplexen und vernetzten Welt Kompetenzen wie Kommunikation, Kreativität, Kollaboration und

Eine Reise zur „guten Schule“

Mit vielen Fragen im Gepäck haben wir uns fernab der Universität selbstorganisiert auf die Suche begeben nach Lernorten wie diesen. Unterwegs haben wir Erstaunliches gesehen und gelernt. Mehr – so fühlt es sich manchmal an – als in den Jahren des Studiums. Und dabei ist immer deutlicher geworden, dass wir in unserer Lehramtsausbildung offenbar unzureichend auf Praxisanforderungen vorbereitet sind. An der Preisträgerschule 2013 treffen wir auf außergewöhnlich motivierte Lehrer mit einem guten Draht zur Schülerschaft. „Unsere Lehrer verstehen sich als Pädagogen, nicht nur als Wissensvermittler”, betont auch der pädagogische Koordinator Herr Hein. Diese Haltung bedeutet in der Praxis, dass je zwei Klassenlehrer ihre Schüler von der 5. bis zur 10. Klassenstufe begleiten. Durch eine solche Kontinuität ist Beziehungsaufbau erst möglich und Beziehungspflege notwendig. Auftretende Schwierigkeiten müssen gelöst werden. Dabei sind die Klassenleiter nicht allein: sie sind gut vernetzt mit ihren Kollegen des Jahrgangsteams und können sich gemeinsam beraten. Sogar die Auftei-

kritisches Denken auszahlen. Zu den „Kompetenzen des 21. Jahrhunderts“ zählen das Finden eigener Lösungsstrategien statt Paukerei vorgefertigter Lösungen, Teamfähigkeit, echte Kreativität und auf der Meta-Ebene lernen, wie Lernen funktioniert, damit dieses lebenslang als aktiver Prozess gestaltet werden kann. Anstatt den Fokus auf das Vermitteln von Wissen zu legen, rückt das Erforschen und Entdecken eigener Wege in den Vordergrund: Die Schule erscheint vielmehr als Gestaltungsort statt Vermittlungsanstalt. Um den Erwerb dieser Kompetenzen zu unterstützen, muss der Lehrer eine Coachfunktion einnehmen. Es bedarf dabei weiterer Kenntnisse als Fachwissen und Fachdidaktik. Zusätzlich zur Reflexion eigener Kommunikationsmuster und das Wissen um Gruppenprozesse, um eine positive Lernatmosphäre zu schaffen, müssten diese Lernbegleiter mit der Lernpsychologie und einer Vielzahl an Methoden vertraut sein, die ihnen erst ermöglichten, auf die Besonderheiten eines jeden jungen Menschen einzugehen.

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Bildung

Von FachlehrerInnen und pädagogischer Praxis Dass dieses Selbstverständnis in der momentanen Lehrerausbildung in Berlin nicht entwickelt wird, zeigt sich bereits beim Aufbau des Studiums. Zurzeit sieht das Berliner Hochschulgesetz für Anwärter auf das Gymnasial-Lehramt einen sogenannten Kombi-Bachelor mit Lehramtsoption, einen Master of Education und ein 18-monatiges Referendariat vor. Während des Bachelors werden hauptsächlich die beiden Fächer studiert, die später als Lehrer unterrichtet werden, für sie müssen 90 und 60 Leistungspunkte erbracht werden. Zusätzliche 30 Leistungspunkte entfallen auf die „Lehramtsbezogenen Berufswissenschaften”, welche eine Vorlesung zur Einführung in die Erziehungswissenschaft, die Vorlesung Deutsch als Zweitsprache, Fachdidaktik und das einzige vierwöchige Praktikum beinhalten.

schlossenen Lehramtsanwärtern gerecht zu werden, bedeutete dabei vor allem, einen auf sie zugeschnittenen Studiengang zu entwickeln. Denkbar wäre, die Lehrerausbildung bereits frühzeitig als duales Studium anzulegen und kontinuierlich für ein Jahr zwei Praxistage mit drei Unitagen zu kombinieren, denn durch frühzeitigen Kontakt zu Kindern und Jugendlichen können sich Lehrer in unterschiedlichen Situationen und pädagogischen Rollen ausprobieren. Diesen Erfahrungen, ihrer Reflexion und dem Entwickeln eigener Ansprüche an das pädagogische Handeln sollte zudem besonderer Raum während des Studiums gegeben werden. In der Universität sollte das Fachwissen unmittelbar mit der Fachdidaktik verbunden und die pädagogische Theorie um fachnahe, berufsrelevante Theorien ergänzt werden. Dies bedeutete, zeitgemäße Unterrichtsmethoden zu erlernen und zu entwickeln, lernpsychologische Theorien zu kennen und in der Praxis umsetzen zu lernen, Kommunikationsmethoden und das Moderieren von Gruppen zu üben, sich systematisch mit verschiedenen Schulmodellen und ihren Besonderheiten auseinanderzusetzen und Unterschiede vor Ort zu erfahren.

Strukturell ist das Studium auf den Unsicheren unter den Lehramtsstudierenden ausgerichtet, da Fächer mit oder ohne Lehramtsoption studiert werden können, die Studierenden jedoch dieselben Veranstaltungen besuchen: Ein Wechseln zu den Fachwissenschaften ist jederzeit möglich. Das derzeitige Studium setzt vor allem auf Fachwissen und kaum auf didaktische, lernpsychologische und kommunikative Kenntnisse und pädagogische Praxis. Dabei zeigt sich in den Ergebnissen der Meta-Studie Visible learning: a synthesis of over 800 Meta-Analyses relating to achievement des Neuseeländischen Bildungsforschers John Hattie (2008), dass das Fachwissen der Lehrkraft für den Lernerfolg der Schüler kaum entscheidend zu sein scheint. Die Hattie-Studie, welche auf über 50.000 Einzelstudien an rund 83 Millionen Schülern basiert, untersucht, welche Faktoren das schulische Lernen wie stark beeinflussen. Bezüglich des Fachwissens betont Hattie: „That doesn’t mean that we should ignore it. We need to understand why it doesn’t matter, so that we can make it matter.”

Die angehenden Lehrer würden also selbst zu Lernenden, die eigene Haltungen und Visionen entwickeln, überprüfen und weiterentwickeln, indem sie ständig eigene Erfahrungen in der Praxis und Theorie machen und diese reflektieren. Den Kommilitonen kommt dabei als Partner für Austausch und Reflexion eine zentrale Rolle im Sinne des „peer learning“ zu. Ein breit gefächertes Studienangebot, welches ebenfalls Freiräume für das Entwikkeln, Planen, Organisieren, Durchführen und Reflektieren eigener Projekte bietet, sollte um Supervisionsgruppen, die systematische Auseinandersetzung mit der eigenen Bildungsbiografie und Stimm- und Atemtraining ergänzt werden. Ein gewisser Trend in diese Richtung scheint sich in Form der Zentren für Lehrerbildung (ZfL) bereits abzuzeichnen, die zusätzliche wählbare Angebote wie z.B. letzteres zum Studieninhalt anbieten. Ein derart ausgebildeter Lernbegleiter wäre, so die Theorie, das ergebnisoffene und entdeckende Arbeiten im Team und die Selbstreflexion seines pädagogischen Handelns vom Studium bereits gewohnt. Dieser Pädagoge wüsste um seine Wirkkraft auf den Lernerfolg seiner Schüler und verfügte über einen Pool an Methoden und ein Verhaltensrepertoire, welche ermöglichten, Lernprozesse zu unterstützen.

Es scheint, dass „learning on the job”, also die Verbindung von Praxis und Theorie, tatsächlich einen Unterschied macht. Die fachwissenschaftlich orientierte Lehramtsausbildung hat auf den Lernerfolg der Schüler wiederum nur einen verschwindend geringen Einfluss. Hattie argumentiert: „That doesn’t mean, that we should ignore teacher education, that means we need to get it right”. „To get it right“ hieße in diesem Fall, die Lehrerbildung derart zu gestalten, dass sie starken positiven Einfluss auf den Lernerfolg der Schüler nimmt.

How to get it right?

Diese Ansätze begreifen sich als Beginn einer Suche, denn als Lösung für die Ausbildung zu einem derart komplexen Beruf, wie es der Lehrberuf ist. Es ist gerade die mögliche Vielfalt und der Gestaltungsraum, die uns inspirieren, gemeinsam mit anderen, eine Antwort unter vielen zu suchen. Denn letztlich ist die Lehrtätigkeit ein attraktiver Beruf mit potentiell vielen Freiheiten, die es während des Studiums zu entdecken gilt. (Kreidestaub)

Die folgenden Ansätze zur Professionalisierung des Lehrerberufs begreifen sich dabei keinesfalls als erwiesene „best practice“, vielleicht aber als praxiswürdiger Versuch. Zunächst sollte dem Fachanteil im Studium nicht seine Berechtigung abgesprochen werden. Stattdessen gilt es, die angehenden Lehrer zu spezialisieren – für ihr Kerngeschäft. Und dieses ist nicht das reine Fach, sondern die Fachdidaktik, das Einordnen der Inhalte in Weltbezüge, um Schülern das Erkennen von Zusammenhängen zu erleichtern, und die pädagogische Begleitung des Lernprozesses.

Kreidestaub ist eine Gruppe von (Lehramts-)Studierenden, die sich vor ca. einem Jahr in Berlin gefunden hat. Was ihnen im Lehramtsstudium fehlt, das organisieren sie sich selbst in Form von Workshops, Seminaren, Hospitationen und dem offenen Austausch mit Bildungsexperten der Praxis. Im September sind sie selbstorganisiert zwei Wochen durch Deutschland zu sechs gelungenen

Die Studierenden selbst sollten ihr Fachwissen nicht nur beherrschen, sondern es dahingehend diskutieren, wie Fachinhalte in einen lebensweltlichen Zusammenhang gesetzt werden können, um das Interesse und die Begeisterung der Schüler zu wecken. Es gilt, Studierende Verbindungen zu ihrem späteren Aufgabenfeld bereits im Studium knüpfen zu lassen, berufliche Integrität strukturell zu ermöglichen, sodass sie diese Erfahrung sinnstiftend an ihre Schüler weitergeben können. Eine Haltung, die nicht durch fehlende Fachkenntnis zu einer Farce verkommen sollte.

Lernorten gereist. www.kreidestaub.net/bildungsreise-2013.de

„Schüler haben ein Anrecht auf erwachsen gewordene Erwachsene“, sagt Erziehungswissenschaftler und Bildungsjournalist Reinhard Kahl und meint damit letztlich, dass eine Lehrperson zunächst ein selbstreflektierter Mensch ist, der sich seiner Möglichkeiten, Prägungen und Grenzen bewusst ist. Auch Studierende haben von daher das Anrecht, sich zu erfahren und somit zu wachsen: Das hieße, sie in der Ausbildung zu fordern, indem sie z.B. Erfahrenes kritisieren, eigene Visionen von Schule und Lehrerhandeln entwickeln und ihre eigene (Schul-)Biografie aufarbeiten. Den ent-

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Fotos: Kreidestaub


Aufbegehren

Die Welt ist ein Irrenhaus und hier ist die Zentrale Neue Schauspiel Compagny Berlin „Das Theater kann sein Gedächtnis für die Wirklichkeit nur wiederfinden, wenn es sein Publikum vergisst. Der Beitrag des Schauspielers zur Emanzipation des Zuschauers ist seine Emanzipation vom Zuschauer.“ Heiner Müller Die Neue Schauspiel Compagny Berlin, kurz: SchauComp, lädt ein – zu einem Trip ins Irrenhaus. Genauer gesagt ins „Irrenhaus Danton“. In der Inszenierung „Irrenhaus Danton – Da wir nichts von einander wussten“ (frei nach Georg Büchner und anderen) zieht das SchauComp-Trio (Ramona Eitel-Villar, Pasquale Bombacigno und Thilo Schwarz-Schlüßler) genussvoll alle schauspielerischen Register, schwelgt in absurden Gedankenwelten und stellt sie den Gebaren damaliger und heutiger Revolutionäre gegenüber. Das nächste Mal am 6. und 7. Februar im ZENTRUM danziger50.

Erfahrungen, die wir in die Rollen legen, oder in die wir unsere Figuren werfen, ungenau erscheinen, hat jedes Ensemblemitglied das Recht, neue Ideen zur Konkretisierung des zu Spielenden einzubringen. MITTENDRIN: Habt ihr ein Beispiel? SchauComp: In Dantons Tod von Büchner ist die Gefühlsebene zwischen Julie und Danton für unsere Begriffe zu verwaschen, um sie gut zu spielen. Also suchten wir in anderer Literatur nach Geeigneterem. Und spielen es. Bei „Irrenhaus Danton“ arbeiteten wir z.B. noch Adward Albee, Mr. Pilk und Peter Handke ein. Ansonsten ist schon viel Büchner drin. Es ist aber nicht wichtig, wer der Autor ist. Wir empfinden es als notwendige Konkretisierung. Also tun wir es, ohne danach zu fragen, ob sich der Gesamtkontext des Stückes verändert. SchauComp wurde mit der ausdrücklichen Absicht gegründet, die Arbeit des Schauspielers an der Figur in den Mittelpunkt zu stellen. In den Proben und in den Aufführungen treffen dann die von uns geformten Charaktere wie Menschen im realen Leben aufeinander. MITTENDRIN:Auch wenn der Autor bei euch nicht im Vordergrund steht, so wählt ihr doch ein Stück aus bestimmten Gründen für eure Art der Inszenierung aus. Wieso Danton? Was hat euch am „Stoff “ gereizt? SchauComp: Wir benötigten einen Gegenstand für unsere Form der Theaterarbeit. Klassische Texte haben eine schöne Sprachbehandlung. Vielleicht war es das? Dann war 2013 das Büchner-Jahr. Aber auch das sind alles im Nachhinein erzeugte Gründe. MITTENDRIN: Nochmal zurück zur Eigenverantwortlichkeit, kann man sagen die Unabhängigkeit ist euer Motor?

MITTENDRIN: Was ist das Besondere, das Ungewöhnliche an „Irrenhaus Danton“ und an SchauComp selbst?

SchauComp: Auf jeden Fall ist die Verantwortung für das eigene Spiel essentiell, und sie verändert natürlich auch das Proben. Hier kommt wieder der „geschützte Raum“ ins Spiel. Egal, ob wir weiterkommen, oder es gerade an einer Stelle hakt, nichts ist falsch oder fehlerhaft, sondern ein Schritt auf einem Weg. SchauComp ist ein persönliches Theater: mein persönliches Theater, mein geheimer Garten, in dem ich mich in diesem Garten frei bewegen. Wir sind sozusagen ständig gezwungen, unseren schauspielerischen „Urinstinkt“ zu finden und ihm zu vertrauen. Man probiert ständig aus, sucht den richtigen Gang, die richtige Bewegung, den richtigen Tonfall. Diese Selbstbestimmtheit bringt auch eine besondere Art der Aufregung vor einer Aufführung mit sich.

SchauComp: Schwierig, weil wir nicht in diesen Kategorien denken. Am Stück selbst vielleicht nichts, aber an unserem Arbeitsansatz. Als besonders könnte man hervorheben, dass wir ohne Regisseur arbeiten. Wobei dies in der freien Szene nichts Besonderes mehr ist. Uns geht es in unserer Arbeit vor allem darum, den Text im wahrsten Sinne des Wortes bloßzustellen, bar jeder Wertung. Ohne den Anspruch einer geschichtlichen oder figürlichen Wahrheit. SchauComp nimmt sich den Gegenstand, also das Stück und spielt die Geschichte des Textes. Die Quelle spielt dabei keine Rolle, die Herkunft, die Vergangenheit hat für SchauComp keine Relevanz. SchauComp ist ein geschützter Raum zum Spielen. Im Gegensatz zu Nicht-SchauComp, da ist man nicht geschützt, sondern spielt für andere. Und ungewöhnlich? Welche Kunst ist schon gewöhnlich! Spannend ist es für jeden einzelnen von uns auf seine Art und Weise.

MITTENDRIN: Inwiefern? SchauComp: Es ist ein viel größeres Risiko, gerade weil man sein eigener Herr ist und sich sehr schnell in Sicherheit wiegen kann. Man arbeitet genauso hart, als müsste man etwas abliefern. Nur, dass man es vor sich selbst abliefern, seinen eigenen Ansprüchen gerecht werden muss. Das ist vom Gefühl her schöner. Es ist eine andere Aufregung, als gleich etwas ausführen zu müssen, was jemand anderes ersonnen hat.

MITTENDRIN: Ein wichtiger Punkt: Ihr kommt ohne „andere“ aus, arbeitet unabhängig, ohne Regisseur, ohne Dramaturgen oder Bühnenbildner. Wie erarbeitet ihr euch eine Inszenierung? SchauComp: Im Zentrum steht der eklatante Freiheitsgedanke des Schauspielers. Natürlich gibt es Inszenierungen, die sind fantastisch, weil ein Regisseur und ein Bühnenbildner sich gemeinsam etwas ausgedacht haben, und die Schauspieler hervorragende Erfüllungsgehilfen sind, die das Ganze zum Leben erwecken. Wir haben eine Grundregel: Jeder ist für seine Rolle und die Arbeit an seiner Rolle selbst verantwortlich. Mit dieser Verantwortung tritt der Schauspieler dann ins Gespräch mit seinen Spielpartnern, sofern das fürs Spiel erforderlich ist. Jeder bringt also die für ihn wichtigen Punkte und Texte mit ein. Wenn in der Arbeit Situationen oder

MITTENDRIN:Und wie steht es mit dem Publikum? SchauComp: Das Publikum wird „ausgeblendet“ ist in der Absicht der Rollenarbeit nicht vorhanden. Somit richtet sich unser Spiel weniger an den Zuschauer. Wenn wir eine Szene auf eine bestimmte Art spielen, dann nur, weil es sich uns so erschlossen hat. Wenn sich das auf unsere Gäste überträgt, umso besser.

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Aufbegehren

Willkommen im Irrenhaus!

MITTENDRIN: Wie würdet ihr denn eure Zusammenarbeit beschreiben?

„Die allgemeinen fixen Ideen, welche man die gesunde Vernunft tauft, sind unerträglich langweilig.“ (Georg Büchner)

SchauComp: Wir haben Vertrauen, ineinander und in unsere Arbeitsweise. Gerade bei unserem jetzigen Stück Irrenhaus Danton wirkt die „Macht des Dreiecks“. Die Figuren sind im Gleichgewicht. Die Chemie zwischen uns stimmt. Wichtig ist vielleicht zu erwähnen, dass wir kein demokratisches Theater sind. Natürlich entscheiden wir manche Dinge gemeinsam. Aber sobald es um die Figurenarbeit geht, ist es der komplette Egoismus. Jeder ist der Schöpfer seiner Figur, wie bereits ausgeführt.

„Irrenhaus Danton – da wir nichts voneinander wussten“ ist die erste Produktion der Neuen Schauspiel Compagny Berlin. Die drei Akteure (Ramona Eitel Villar, Pasquale Bombacigno und Thilo Schwarz-Schlüßler) betreten nacheinander die Bühne, vermessen sie mit ihren Körpern, ihren Stimmen, loten ihre Umgebung aus auf der Suche nach der besten Position im Raum. Ist die Bühne endlich oder immens groß? Es scheint, als sei die vierte Wand, auf die sie frontal treffen, porös: Grenzen werden überschritten, die Durchlässigkeit zu den Zusehenden gesucht, schattenhaft, willkürlich, als seien diese nicht vorhanden. „Sie werden hier nichts von dem sehen, was sie nicht schon immer gesehen haben.“

MITTENDRIN: Euer Dreieck wurde zwischenzeitlich auch durch andere Schauspieler ergänzt, oder? SchauComp: Ja. Gruppen haben eine eigene Dynamik. Mal passt es, und dann eine Weile wieder nicht. Einzelne probieren sich aus und kommen zu dem Schluss, dass sie anderes tun wollen. Wie jedes andere freie Ensemble auch, ist Neue Schauspiel Compagny Berlin einem ständigen Wandel unterworfen. Wir sind noch zu jung – im Januar haben wir unseren ersten Geburtstag gefeiert – um Kontinuität auszustrahlen. Wir lieben das Leben und stecken diesen Enthusiasmus auch in unsere Arbeit. Eigenverantwortlich zu arbeiten ist natürlich eine Herausforderung und liegt auch nicht jedem. Andersherum entstehen aber eben auch sehr außergewöhnliche und dankbare Konstellationen, wenn geeignete Kollegen aufeinander treffen.

G

relle Farben, schnelle Wechsel, Spannung baut sich auf. Wir sind mitten in der Revolution - mit allem, was dazugehört: Szenarien von Anklage, Verrat, Verhaftung, Aufbegehren gegen die Mächtigen, Terror aus den eigenen Reihen, Verlachen, Verspotten, Selbstzweifeln und dem Traum von dem, was die Revolution bringen könnte. Und da ist noch etwas: die ebenso quälerische wie erschreckende Erkenntnis, sich vielleicht verrannt zu haben, seine Liebsten mit in den Tod zu zerren, vielleicht den falschen Weg eingeschlagen zu haben. Was heißt es, dem Volk zur Blüte zu verhelfen? Wer ist das Volk, wer der einzelne? Welchen Sinn hat das Mühen um Veränderung? Veränderung wohin? Was steht am Ende? Ein besseres Leben? All diese Fragen und (Gefühls-)Ebenen arbeitet die Inszenierung plastisch heraus, sie überrascht, ist unvorhersehbar, pointiert und temporeich. Irrenhaus Danton ist Revolution als Beziehungsarbeit.

MITTENDRIN: Gibt es schon Pläne für die Zukunft? Ja. Es wird eine zweite Produktion von SchauComp geben. Zum Sommer hin wollen wir fertig sein. Jetzt geht es erstmal um die Themenfindung und im zweiten Schritt um das Destillieren der für uns wesentlichen Aspekte. Alles mit Ruhe und Frieden. Man darf also gespannt sein!

Im Spielplan, dem Schauspielführer des Theaterkritikers Georg Hensel, ist nachzulesen: Im Januar und Februar 1835 schrieb der 21 jährige Büchner Dantons Tod, heimlich in Darmstadt im Haus seines Vaters. Parallel bereitete er mit der von Büchner selbst gegründeten Darmstädter Sektion der Gesellschaft der Menschenrechte die Revolution vor. Dabei blieb er selbst der Zweifler, der genaue Beobachter, keiner, der sich ins Revolutionsgetümmel stürzt. Diese Grundhaltung der Ambivalenz schwingt in Irrenhaus Danton stets mit, SchauComp macht sie erlebbar. Die kaum zu bändigende Spielfreude der drei Protagonisten ist das ganze Stück hindurch zu spüren und zieht den Betrachter unweigerlich hinein ins Geschehen. Weiter dreht sich das Rad, die revolutionäre Beziehungstat geht nahtlos in eine eheliche über. Wir sehen Wer hat Angst vor Virginia Woolf von Edward Albee. Vorgeführt wird die tiefe Entzweiung eines langjährig verheirateten Ehepaars. Es ist ein Kampf in Wort und Tat, Aggression und Wut. Mittelmaß und entlarvte Lebenslügen greifen Raum. Beißend, böse, belustigend und befreiend zugleich. Die Figuren treffen wie reale Menschen aufeinander, wir erhaschen einen Blick ins Wohnzimmer. Die spartanisch eingerichtete Bühne ist gefüllt mit Papierschnipseln aus dem Reißwolf, Papier ist geduldig. Schlachten werden woanders entschieden. „Wo die Notwehr aufhört, fängt der Mord an; ich sehe keinen Grund, der uns länger zum Töten zwänge.“ Recht hat Danton. (fn)

SchauComp - Das Ensemble Ramona Eitel Villar wurde 1988 in Köln geboren und ist in Chile aufgewachsen. Sie hat die Schauspielschule Charlottenburg absolviert und ist seit 2012 freischaffende Schauspielerin und Sprecherin. Aktuell ist sie auch in Geld, Macht, Visionen (ZENTRUM danziger50) und We Play (Ballhaus Naunynstraße) zu sehen. Pasquale Bombacigno wurde in einer alten süditalienischen Hafenstadt, geboren und ist in Hessen aufgewachsen. Er besuchte die Schauspielschule in Mainz, die er 2000 erfolgreich abschloss. Nach einem Ballett-Jahr gastierte er in verschiedenen Städte. 2002 zog er nach Berlin. Im ZENTRUM danziger 50 ist auch sein Soloprojekt Ich weiß nicht mehr Bescheid zu sehen. Thilo Schwarz-Schlüßler, Regisseur und Schauspieler, sucht und realisiert immer neue Formen von Theater für Menschen, Gründer der Neuen Schauspiel Compagny.

Fotos und Logo: Schaucomp

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(Kiez-)Kultur

Der Springende Punkt …und die Koedukation Hallöle, alle mal herhören … … da bin ich wieder. aber oh, au, aahh, mein Fuß tut mir so weh! Ich glaube, heut bin ich der „hinkende Punkt“. Mich drückt der Schuh, aber wie ... ! Apropos „Schuh drückt“: könnt Ihr Euch, meine geschätzte (etwas ältere) Leserschar, noch erinnern? Vor langer, langer Zeit, als unser Kulturverein noch der Kulturbund war, als in der Deutschen Demokratischen Bundesrepublik noch zwei halbe Berlins existierten, sendete in der einen Hälfte der RIAS Berlin. Einmal in der Woche hieß es für fünf Minuten: „In unserer Sendereihe ,Wo uns der Schuh drückt’ spricht nun der Regierende Bürgermeister von Berlin.“ Da wurden dann Probleme angesprochen, das war toll, wa? Dieses rrrrrrollende rrrrr von Willy Brrrrrrrandt hat mich mächtig fasziniert! [Oh, jetzt hab ich mich wohl geoutet als „ohrenmäßiger Republikflüchtling“. Peinlich! Aber im Jahr 25 n.M. *) wird das wohl nich mehr zu einer Bestrafung führen, oder?] Ja, also, wenn es diese Sendung

Kiez-Kolumne „Der Springende Punkt“

heute noch gäbe, würde ich unserem Regierenden gern einen Themenvorschlag machen. Ich würde sagen: „Wowi“, würde ich sagen, „nun sag, wie hast du’s mit der ...“ neee, nich Religion, das hat doch die Margarethe den Faust gefragt (sagt Goethe). Ich frage: „Wie hast du’s mit der Koedukation?“ Nun muss ich wohl für alle, die nich gerade in erziehender oder betreuender Funktion im KV tätig sind, erklären: das Wort kommt aus dem Lateinischen. „Ko“ ist abgeleitet von „cum“ und heißt etwa „mit, miteinander“ und „educare“ heißt „aufwachsen, lernen, erziehen“. Landläufig wird mit diesem Begriff der gemeinsame Schulunterricht von Mädchen und Jungen bezeichnet, und ich kann sagen: ich bin für Koedukation! Aber im letzten Jahr verstärkte sich die Pro-/Kontra-Diskussion um dieses Thema. In der Berliner Zeitung (30.07.2013) wurde von einer Mutter berichtet, die sich beschwerte, dass in der Schule ihrer Tochter (5. Klasse) Jungen und Mädchen im Sportunterricht getrennt wurden, und die Kleine nich mit den Jungs Fußball spielen durfte. Selbst ein Gericht sprach der Schule einen „Beurteilungsspielraum“ zu, wenn dies „pädagogisch sinnvoll“ sei. (VG 3 L 494.13) Was macht man nu mit dieser Realität? Was is „pädagogisch sinnvoll“? Steffi Jones, die Direktorin für Frauen- und Mädchenfußball beim DFB sagt: „Der Fußball lebt Integration, Toleranz und Respekt. Er vermittelt soziale Kompetenzen.“ (aus: alverde, Heft 11/2013) Richtig, Steffi! Hm, aber sollten wir diese positiven Werte den Mädchen vorenthalten? Ich frage die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in unseren Kitas: brauchen wir jetzt eine „pädagogisch sinnvolle“ Trennung beim Spielen oder bei den sportlichen Beschäftigungen? Ich frage: dürfen Eure kleinen Mädchen nicht mehr mit Autos spielen, die Jungen nicht mehr mit einer Puppe? Ich frage Silvia Neid: woher bekommst Du den Nachwuchs für die Frauenfußballmannschaft? Ich meine: Frauen dürfen sich doch auch im Boxen oder im Skispringen messen. Is doch gut! Es gibt sogar im Tennis ein Mixed! ... Ich verstehe es nich!!! Na, es gibt vielleicht eine Ausnahme: ich würde kaum einem Jungen oder Mann eine Schwebebalkenübung zumuten, wa? - schon aus rein anatomischen Gründen. Hi, hi, hi. Es gibt aber auch andere Beispiele: In der Robert-Havemann-Schule in Karow (unweit von unserer künftigen Bucher Kita) können die Kinder der Karower Dachse, und zwar beiderlei Geschlechts, in einer Hockey- Mannschaft trainieren. Find ich klasse! Und einen guten Rat für die oben zitierte Mutti: Zögern Sie nich! Bringen Sie Ihre Tochter zum 1. FC Union! Hier gibt es fünf (in Worten: FÜNF) Mädchen-Fußballmannschaften!!! Super, Ihr Unioner! Und ganz nebenbei: die B-Juniorinnen haben vor kurzer Zeit in Neubrandenburg den Hüneke-Cup gewonnen! „Wir haben sehr guten Mädchenfußball gesehen“, sagte die Org.-Chefin Katharina Berger. (Nordkurier/Müritz-Zeitung, 27.12.2013) Noch Fragen??? Allen, die irgendwie von meinem heutigen Thema flankiert werden, rufe ich zu: „Passt auf, dass aus der Koedukation keine K.o.-Edukation wird!“ Ich spring dann mal wieder los …

„Trennt Weiblein und Männlein nich, ´s tut ihnen weh“, knurrt der Springende Punkt vom KVPB. (pad) *) nach Mauerfall

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(Kiez-)Kultur

Von der Kunst des Genießens Im SONNENREICH am Arnimplatz Claus Utikal im Gespräch mit Guntram Zessin und André Wiedecke Ein grauer Herbstnachmittag. Feuchte Kälte dringt durch die Kleidung. Ich laufe durch die Seelower Straße schnell meinem Ziel entgegen: dem SONNENREICH, einem Weinladen, den Guntram Zessin und André Wiedecke gemeinsam führen. Jeder, der den Laden betritt, spürt sofort die besondere Atmosphäre, die an ein Wohnzimmer erinnert und zum Verweilen einlädt. Genau das ist das Ziel der beiden Inhaber, den interessierten Kunden aus dem In- und Ausland einen Moment der Ruhe und des Weingenusses zu schenken. Große, helle Räume. An den Wänden Regale mit vielen, vielen Weinflaschen. Die Atmosphäre gefällt mir auf Anhieb. Ich sitze am großen Tisch, der den Mittelpunkt des Raumes bildet. Mir gegenüber sitzen Guntram Zessin und André Wiedecke, meine Gastgeber. Wir führen ein anregendes Gespräch. Claus Utikal: Man kann sich am großen Tisch als Kunde niederlassen und auch vor dem Kauf ein Gläschen probieren. Wird das gut angenommen, also hier herkommen und sich praktisch wie im Wohnzimmer zu fühlen? SONNENREICH: Uns ging’s und geht’s in erster Linie um Entschleunigung. Wir versuchen mit unserer Atmosphäre den Menschen die Möglichkeit der Entschleunigung zu geben. Dadurch entstehen ruhige und entspannte Gespräche. Man kann sich hinsetzen, man kann mal durchatmen. Wir nehmen unsere Kundschaft sehr ernst, weil wir unseren Job sehr ernst nehmen. Claus Utikal: Seit wann arbeitet ihr zusammen? SONNENREICH: Also Partner sind wir erst seit Kurzem als GbR. Wir haben uns aber vor vielen Jahren kennen gelernt. Seitdem sind wir befreundet. Die eigentliche geschäftliche Partnerschaft hat sich eigentlich erst im letzten Jahr vollzogen. Als wir beide eine GbR gegründet haben. Dinge müssen sich immer entwickeln. Es gibt im Volksmund Bedenken: Arbeite nie mit einem Freund zusammen. Wenn man wirklich Freund ist, dann hilft man dem anderen, wenn etwas schief läuft, man ist für einander da. Claus Utikal: Aber der Startschuss für Sonnenreich war 2003? SONNENREICH: Wir sind selber erstaunt über die vergangenen zehn Jahre, wie schnell sie vergangen sind. Es macht uns große Freude zu sehen, wie sich alles verändert. Man erlebt den Kiez mit, man erlebt die Leute mit, man hat Spaß miteinander, man grüßt sich. Das finden wir in dieser irrsinnig schnellen Welt total wichtig.

Claus Utikal: Fahrt ihr auch in andere Länder, um dort die Weinbaugebiete und die Menschen, die sich mit Weinbau befassen, kennen zu lernen und dort auch einzukaufen?

Claus Utikal: Sonnenreich ist ein schöner Name. Also Sonne. Man denkt dabei an südliche Länder. Wer ist denn auf den Namen gekommen? Du, Guntram?

SONNENREICH: Sporadisch. Man schafft es eigentlich kaum, bei dem üblichen Arbeitsaufwand. Wir haben das große Glück, gute Lieferanten zu haben. Wir werden an unserem Standort gut wahrgenommen. Es kommen Winzer mit großer Erfahrung zu uns. Daraus entstehen oft langfristige Handelsbeziehungen. Man lernt sich im Vorfeld kennen, um festzustellen, ob man miteinander kann oder nicht. Das ist total wichtig. Wenn man aber Zeit hat, ist man gern vor Ort und sieht sich dort alles an. Sei es in Frankreich, Portugal oder Spanien. Das ist sozusagen Weiterbildung vor Ort. Das macht großen Spaß.

SONNENREICH: Ja, das war meine Idee. Ich suchte nach einem Wort, das nicht nach Warenhaus klang. Ein Wort, das als Adjektiv und als Substantiv in verschiedenen Formen und Arten möglich ist und etwas Positives ausdrückt. Der Name entstand an einem Tag im Mai, als durch das Fenster Sonnenstrahlen fielen. Sonnenreich fiel mir spontan ein. Wir mögen den Namen, weil er positiv ist. Claus Utikal: Aus welchen Anbaugebieten stammen denn die meisten Weine, die ihr anbietet?

Claus Utikal: Wein ist ja eine uralte Kulturpflanze. Es gibt viele, viele Geschichten, die sich um den Wein ranken, von der Antike bis in unsere Zeit. Werden bei euch im Sonnenreich auch Verkostungen durchgeführt, also inszenierte Veranstaltungen?

SONNENREICH: Wir sind da sehr offen. Wir haben keine Vorurteile, was Überseeländer angeht, Chile oder Argentinien. Oder Vorurteile gegen irgendwas. Für uns ist wichtig, dass die Qualität stimmt und die Herangehensweise. Denn es stecken ja Menschen dahinter, die den Wein produzieren. Wir haben großes Glück, dass wir schon vielen dieser Menschen begegnet sind, viele auch hier an diesem Tisch gesessen haben. Daraus entsteht ein ganz anderes Miteinander und ein anderer Bezug zu den Weinen.

SONNENREICH Wir haben eine breit gefächerte Kundendatei. Deshalb veranstalten wir gern Themenabende, die Wünsche und Bedürfnisse der Kunden befriedigen. Wir werden auch des Öfteren gefragt, ob wir Schulungen machen können. Das machen wir nicht, weil wir eine entspannte Atmosphäre für Gespräche rund um das Thema Wein bevorzugen. Hier an dem

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(Kiez-)Kultur

Tisch können zehn bis fünfzehn Leute entspannt sitzen. Dann machen wir Verkostungen, aber immer entspannt. Fast alle verlassen den Raum dann mit einem Lächeln. Claus Utikal: Was wird denn mehr nachgefragt: Weißwein, Rotwein, oder hält sich das die Waage? SONNENREICH: Das ist in erster Linie saisonal begründet. Und in den Köpfen der Menschen verankert. Wenn Sommer ist, muss man Weißwein trinken, wenn Winter ist, Rotwein. Wir versuchen den Kunden die Scheu davor zu nehmen, mal was anderes zu tun als sie kennen. Dass man etwa einen Rosé auch im Winter trinken kann. Oder einen Weißwein zu Gans, und nicht auch noch einen schweren roten Wein dazu. Ansonsten hält sich das die Waage. Claus Utikal: Gehören zu eurem Kundenkreis mehr jüngere oder ältere Menschen oder ist das Verhältnis ausgewogen? SONNENREICH: Sowohl als auch. Dadurch, dass wir schon lange in Prenzlauer Berg sind, kennen wir hier viele Leute. Durch unsere einfache Art, an die Sache heranzugehen, kommen auch sehr viele junge Leute zu uns. Jeder wählt den Wein nach seiner Subjektivität aus. Wir erleben natürlich auch, dass große Weinkenner hier rein kommen. Dann hören wir manchmal zu. Man lernt nie aus. Für uns sind die Leute alle private Personen, und wir behandeln alle mit Respekt.

kannst die gleichen Reben nehmen, die gleichen Bedingungen für zwei Winzer, es entstehen zwei verschiedene Weine. Die Subjektivität des Einzelnen kommt immer mehr zum Tragen; die Persönlichkeit, das technische Können und das Verständnis für die Natur. Jeder Jahrgang ist anders. Claus Utikal: Vielleicht gibt es auch bei den Winzern bestimmte Rezepte, die wie ein Augapfel gehütet werden.

Claus Utikal: Nun hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten sehr viel geändert in Prenzlauer Berg.

SONNENREICH: Auf jeden Fall. Da gibt’s so viele Kleinigkeiten, die jeder für sich persönlich als wichtig empfindet. Wir haben schon viele Winzer kennen lernen dürfen, die erzählen auch mal davon, wie sie es schaffen, die Natur nicht zu besiegen, sondern mit ihr zu arbeiten, zu leben. Ein Winzer ist ja auch ein erfahrener Bauer.

SONNENREICH: Es ist deutlich zu merken, dass sich enorm was verändert hat. Aber hier in diesem Kiez schlief ja vor zehn, fünfzehn Jahren noch alles. Deshalb sind wir mit Absicht hierher gegangen, um auch die Möglichkeit zu haben, in Ruhe zu wachsen. Ich sehe aber, dass heute nur noch sehr wenig ältere Menschen hier leben.

Claus Utikal: Ist der deutsche Wein beliebt? CClaus Utikal: Hat das Auswirkungen auf euer Geschäft? SONNENREICH: Der deutsche Wein hat sich in den letzten Jahren einen eigenständigen Stellenwert zurückgeholt. Die deutschen Winzer haben gerade in den letzten Jahren dazu gelernt. Das betrifft besonders den Weißwein.

SONNENREICH: Man darf sich der Entwicklung nicht entziehen. Andererseits sind wir natürlich darauf bedacht, unsere Ideen in die Tat umzusetzen. Und da unser Spektrum recht breit gefächert ist, denke ich, dass man viele damit anspricht. Man merkt, dass die Hinzugezogenen teilweise ein anderes Verhältnis zum Wein haben, als die Menschen, die schon länger hier wohnen.

Claus Utikal: Welche Wünsche habt ihr, wenn wir den Blick in die Zukunft richten?

Claus Utikal: Ich habe gelesen, dass der Durchschnittsdeutsche heute 20 Liter Wein im Jahr konsumiert. Damit liegt Deutschland hinter traditionellen Weinländern. Aber immerhin 20 Liter pro Kopf scheinen doch nicht so klein.

SONNENREICH: Wir nehmen unsere Arbeit sehr ernst und möchten davon leben können. Wir möchten langsam wachsen. Wir wollen nicht die Welt neu erfinden mit unserem Geschäft. Aber wir würden uns freuen, wenn alles so bleibt und vielleicht noch besser wird. Die Menschen sollen weiterhin gern zu uns kommen und das Gefühl haben, dass wir für sie da sind. Wir bekommen ja von unseren Kunden viel zurück. Wir hören Geschichten, es kommt zu Begegnungen, die machen ganz einfach Spaß. Dieser Spaßfaktor sollte niemals verloren gehen. Unser Standort ist nicht so überlaufen. Das gefällt uns. Wenn wir aus dem Fenster sehen, gucken wir nicht auf eine graue Wand, sondern auf einen kleinen Park.

SONNENREICH: Es hat ein Umdenken stattgefunden. Es ist zu merken, dass die Leute im Vergleich zu früher ein gewachsenes Interesse am Wein haben. Wein hat einen anderen Stellenwert als Bier. Es wächst eine neue Generation heran bzw. ist bereits heran gewachsen, die der Weinkultur aufgeschlossen gegenüber steht. Claus Utikal: Mit Wein verbindet man oft den Gedanken an Festlichkeit, an gute Stimmung, die abgehoben von alltäglichen Dingen ist. Der Genuss von Wein hat eine gehobene Position innerhalb der Getränke.

Claus Utikal, 1949 in Görlitz geboren, ist Diplom-Kulturwissenschaftler. Er war Lektor für Medien und Sport im Funkhaus Berlin und Leiter der Öffentlichkeitsarbeit bei TheMa e.V. Aktuell ist er als freiberuflicher Autor und Publizist tätig.

SONNENREICH: Man sieht das in den Medien, den vielen Sendungen rund um das Kochen. Dadurch wird ein spezielles Publikum angesprochen, und es geht auch um passenden Wein zu den Speisen.

SONNENREICH - Weine am Arnimplatz

Claus Utikal: Man sagt oft, ein wichtiges Vorhaben müsse reifen wie ein guter Wein.

Seelower Strasse 6. 10439 Berlin

SONNENREICH: Es spielen viele Faktoren eine Rolle, die auf den Wein Einfluss haben: das Klima, das Wasser, die geografischen Besonderheiten. Du

www.sonnenreich-weine.de

030/40 00 30 44

Fotos: © Martina Friedl / PIXELIO, Claus Utikal

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(Kiez-)Kultur

Magna Mater Glosse: Schwanger in Prenzlauer Berg Da ich mich nicht dazu durchringen kann, einen Kurs mit dem Titel Morgengruß ans Becken zu buchen, ist mein erster Vorbereitungsversuch ein Besuch im Babymöbelgeschäft. Ich bekunde bei der Verkäuferin mein Interesse an einem Kinderbett, das ans Elternbett montiert werden kann. Die Dame zwischen den zahlreichen Babyartikeln mit Tiermotivik mustert mich ausgiebig, um dann festzustellen „Sie sind ooch eene von denen, die sich hier beraten lassen und denn billig im Internet bestellen, wa?!“ Darauf weiß ich nichts zu antworten. Muss ich auch nicht, da die Babybettenspezialistin zu einer Belehrung über gute und schlechte Schlafbedingungen für Neugeborene anhebt. Offensichtlich ist mein Vorhaben, mein Baby in einem halbrunden Anbau direkt neben mich zu betten, einer der größten Fauxpas, den man sich als Erziehungsberechtigte leisten kann: Mein Kind wird sich nie daran gewöhnen, alleine zu schlafen, die umständliche Montage des Bettes raubt den letzten Nerv, und die traute Dreisamkeit hält letztlich alle wach. Stattdessen empfiehlt die resolute Verkäuferin die Anschaffung eines Stubenwagens. Ich folge ihr zu den zahlreichen Ausstellungsstücken und fühle mich mittlerweile so klein mit Hut wie der Zirkusdirektor auf dem Kissenbezug Babsi/Buche/Zirkustiere.

Innerhalb der zwei Jahre, in denen ich hier im Kiez wohne, habe ich mich auf besondere Weise an meinen Stadtteil angenähert: Mittlerweile sehe ich aus wie der Prenzlauer Berg höchstpersönlich. Die beeindruckende Erhebung in meiner Körpermitte hat sich allerdings erst innerhalb der letzten Monate gebildet und wird (hoffentlich) nicht von langer Dauer sein. Sie hat mir aber zu einer ganz neuen Sicht auf meinen Kiez verholfen.

Flucht nach vorn „Was soll’s denn jetzt sein?“, werde ich nach dem gefühlt vierzigminütigen Vortrag gefragt. Ich stammle, dass ich mich vor dem Kauf mit meinem Freund beraten müsse, traue mich aber nicht, das Geschäft zu verlassen, ohne etwas zu kaufen. Deshalb lasse ich mich von der Herrscherin über die niedlichen Kinderartikel zu den Wickelunterlagen führen und entscheide mich für das einzige Modell ohne Tieraufdruck. Meine Wahl für die grüngepunktete Plastikmatte wird von meiner Beraterin nicht kommentiert, und so verlasse ich das Geschäft zügig mit der ersten Anschaffung für mein Baby unter dem Arm und mit dem Versprechen, mir die Sache mit dem Stubenwagen zu überlegen. Da mein Aufenthalt zwischen den Babymöbeln viel länger gedauert hat als angenommen, ist nun Eile geboten, um pünktlich zum Kontrollbesuch beim Frauenarzt zu erscheinen. Diese Termine sind mittlerweile zur Routine geworden. Wenigstens auf diesem Gebiet gehe ich als Schwangerschaftsprofi durch. Ich nutze die Zeit im Wartezimmer, um mich von meinem Besuch im Kindermöbelparadies zu erholen.

S

owieso bringt so eine Schwangerschaft viele neue Erkenntnisse mit sich. Das geht schon damit los, dass sie zehn Monate dauert. Das habe ich nicht gewusst! Ich war immer von neun ausgegangen. Und zwar von neun Monaten voller freudiger Erwartung, in denen man sich – so wie die Frauen in den zahlreichen Broschüren, die zur Information über Schwangerschaft und Geburt beim Gynäkologen ausliegen – im weißen HomeDress, entspannt am reich gedeckten Frühstückstisch sitzend, mit einem versonnenen Lächeln im makellos glatten Gesicht unentwegt über den perfekten Kugelbauch streichelt. Zugegeben, ich bin wohl recht naiv in die Schwangerschaft gestartet. Zwar freue ich mich wahnsinnig auf mein Baby (immerhin – das habe ich mit den Broschüren-Damen gemein). Aber ich hatte mir das Ganze nicht so kompliziert vorgestellt.

Statt zu einer Schwangerschaftsbroschüre greife ich zur aktuellen Ausgabe der Zeitschrift „Öko-Test“. Aber auch die Autoren dieses Blattes fühlen sich anscheinend dem Babythema verpflichtet. Die Schlagzeile auf dem Titelblatt: So ein Dreck – Wickelunterlagen im Test. Mir schwant Böses: Von 14 Wickelunterlagen bekommen zehn die Wertung ungenügend. Unter den als gesundheitsschädlich eingestuften Produkten befindet sich – richtig – die von mir soeben erworbene fröhlich gepunktete Erstanschaffung für mein Baby. Ich kann gerade noch wütend beschließen, den giftigen Poposchoner morgen umzutauschen und die Testsiegermatte online zu bestellen, als ich ins Untersuchungszimmer gerufen werde. Mein Arzt erkundigt sich darüber, ob ich mich schon für eine Geburtsklinik entschieden habe, einen Termin für eine geburtsvorbereitende Akupunktur vereinbaren wolle und ob ich an der Einlagerung von Nabelschnurblut interessiert sei. Mit einem Stapel Informationsbroschüren verlasse ich die Praxis und bin auf dem Nachhauseweg sehr froh darüber, dass ich zehn Monate Zeit habe, um mich mit Beckenböden, prä- und postnatalem Yoga, Erstausstattung und Homöopathie für Kleinkinder vertraut zu machen. Neun Monate wären definitiv zu kurz!

Nachdem ich murrend zur Kenntnis genommen hatte, dass das Hormonchaos in meinem Körper länger als angenommen dauern würde, mein Arzt mir ein Beschäftigungsverbot ausgestellt hatte, da mein Rücken schon im vierten Schwangerschaftsmonat in einen Generalstreik trat, und ich einsehen musste, dass mein Körper anscheinend jedes bekannte Schwangerschafts-Zipperlein höchstpersönlich ausprobieren möchte, beschloss ich, das Beste daraus zu machen: Mich mit der gebotenen Langsamkeit auf meine Mutterrolle vorbereiten!

Morgengruß ans Becken Wenn man als Schwangere durch den Prenzlberg spaziert, kann man Unglaubliches beobachten: 1. Jede zweite Frau im Kiez ist schwanger. 2. Die andere Hälfte ist bereits Mutter. 3. Jedes dritte Geschäft ist ein Spezialgeschäft für Biokinderbekleidung, Babymöbel oder Schwangerschaftsmode. 4. Jedes Hinterhaus beherbergt entweder eine Kita oder ein Yogastudio, das wöchentlich zwei Yogakurse für Schwangere, einen „Beckenboden spezial“- und zwei Rückbildungsyogakurse anbietet.

Mater ist Anna Hase, Jahrgang 1982. Wenn sie nicht gerade leicht schwerpunktverlagert eine formschöne Kugel durch Prenzlauer Berg schiebt, ist die ausgebildete Schlagzeugerin musikpädagogisch im Einsatz.

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Foto Frauke Niemann


(Kiez-)Kultur

Nicht mit uns! Ein Lagebericht der Anwohnerinitiative Thälmannpark Am 5. Januar 2013 ging es dann mit einer sichtbaren Aktion los: mit dem Böllerputz im Park und vor dem Thälmann-Denkmal. Wir wollen ja nicht nur reden, sondern auch wirklich etwas für unsere Umgebung tun. Die Flächen vor den Häusern liegen in der Verantwortung der Gewobag und der Genossenschaft, alles andere obliegt dem Bezirk.

Nun gibt es uns schon über ein Jahr! Am 7. Dezember 2012 fand unser erstes Treffen statt. Dr. Markus Seng und Raik Weber luden in die „Alte Gaslaterne“ ein. Gerechnet haben die beiden mit etwa zehn Interessierten – gekommen sind über neunzig! Schnell wurden die organisatorischen Dinge geklärt, und dann ging es auch schon los. Warum braucht das Areal zwischen Prenzlauer Allee, Danziger Straße, Greifswalder Straße und Ringbahn eine Anwohnerinitiative?

K

urz zusammengefasst - aufgrund der bereits durchgeführten oder angedachten städtischen Bebauungspläne im und um den Thälmannpark herum: Eigentumswohnungen auf dem ehemaligen BSR-Gelände sind bereits gebaut, das ehemalige GASAG-Gelände wurde vom selben Investor gekauft und auch das Bahngelände ist im Visier der Investoren. Es drängen sich Fragen auf: Wie soll es mit dem Thälmannpark weitergehen? Wie sieht die Zukunft der Gewobag-Wohnungen aus? Ist mit Sanierungen, Neubauten und steigenden Mieten zu rechnen? Von Anfang stand für uns, d.h. die Mieter der Gewobag und der Genossenschaft fest, dass die Grünflächen im Thälmannpark bestehen bleiben müssen und auf keinen Fall zugunsten von höherpreisigem Wohnungseigentum reduziert werden dürfen. Unsere allererste Aktion betraf die Einrichtung einer Website, um eine Plattform zum Austausch und zur Information zu schaffen. Schaut rein: Auf www.thaelmannpark.wordpress. com findet Ihr inzwischen alles Wichtige zur Anwohnerinitiative, sämtliche Dokumentationen der betreffenden BVV-Veranstaltungen, Links zu den Medien, Geländekarten sowie Hinweise zu umliegenden Initiativen.

Im Café 157 (ein Besuch ist sehr zu empfehlen) in der John-Schehr-Straße trafen wir uns am 11. Januar 2013 zur Gründungsveranstaltung, und schnell wurde klar, welches Potenzial das gesamte Areal des Thälmannparks birgt: Hier finden sich das Zeiss-Großplanetarium, das Alte Krankenhaus, Museen, das Bezirksamt, das Vivantes-Klinikum, das Kulturareal mit der Wabe, Theater unterm Dach und Kunsthaus e.V., Plattenbauten mit erschwinglichen Mieten, eine Schwimmhalle, ein Hockeyplatz, Grundschulen, Kindergärten, Spielplätze, ein Kiezteich, Gaststätten, Kleingewerbe und große Grünflächen. Das Thälmann-Areal hat über 4.000 Bewohner – woanders eine Kleinstadt. Aus diesen formierte sich eine total bunte Truppe mit vielfältigen Ideen und voller Tatendrang. Volker Herold und Angelika Hornig z.B. kümmern sich schon seit Jahren um den Kiezteich, den es ohne die beiden so nicht mehr gäbe. Nun haben sie etwas Verstärkung bekommen. Mehrere Arbeitsgemeinschaften zu verschiedensten Themen gründeten sich und fingen an, konkrete Maßnahmen zu planen. Und es war höchste Eisenbahn, etwas zu unternehmen, denn die Investoren für den (schon erwähnten höherpreisigen) Wohnungsbau hier im Thälmannpark scharrten bereits mit allen Hufen – der Großinvestor Christian Geromé z.B. kaufte von der Bahn Land ohne Baurecht. Ja warum wohl?

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(Kiez-)Kultur

Claudia Steiger (Jahrgang 1958) wohnt seit 1998 mit ihrer Familie im Thälmannpark. Auch wenn bereits zwei ihrer Söhne ausgezogen sind, möchte sie so lange wie möglich in dieser Wohnung bleiben, die noch grün gelegen, verkehrsgünstig und preiswert ist.

Das Bezirksamt, respektive der Stadtrat für Stadtentwicklung, Herr Kirchner, hatte zwar die schlimmsten Auswüchse der Investorenwünsche gedämmt bezüglich der Ausmaße des Prenzlauer Bogens, aber die Investoren lassen nicht locker. Und so wurde die STATTBAU Stadtentwicklungsgesellschaft mbH vom Bezirk beauftragt, ein Planungskonzept für das Areal Thälmann-Park zu erstellen.

Voruntersuchung „Thälmannpark“

Dann ging es plötzlich Schlag auf Schlag zum Thema Thälmannpark: Bachelorarbeit von Architekturstudentinnen, BVV-Abende zum Thema Altlasten, Artikel in der Presse, Gründung eines Mieterbeirats durch die Gewobag, regelmäßige Treffen der Anwohnerinitiative, unsere Veranstaltung in der Wabe, der Sommer-Parkputz, Beiträge im RBB, ein Anwohner-Flohmarkt, Demonstrationen vor dem Thälmanndenkmal, STATTBAU-Podiumsdiskussion zur Voruntersuchung (nach dem Artikel folgt die Stellungnahme eines Gründungsmitgliedes dazu), ein Parkspaziergang mit Vorstellung unseres teddyzweinull. teddyzweinull steht für mehr Raum für Kultur und Bildung, mehr Platz für Kinder und Jugendliche, bezahlbare Wohnungen erhalten und einfach mehr Grün für alle!

Stellungnahme zur Voruntersuchung „Thälmannpark“ der STATTBAU Stadtentwicklungsgesellschaft GmbH von Günter Hahn, einem der ersten Mieter im 1985 neu geschaffenen Thälmannpark-Plattenbau

Ohne unser Zugpferd Markus (der mir diesen Begriff hoffentlich verzeiht) und das ständige Engagement der Mitglieder der Arbeitsgemeinschaften wären wir nicht da, wo wir heute stehen: Wir sehen uns als ernst zu nehmenden Partner (nicht Gegner) des Stadtrats für Stadtentwicklung, Herrn Kirchner – auch wenn sich dessen Visionen bezüglich des Thälmannparks sehr von unseren Vorstellungen und auch von den Empfehlungen der Voruntersuchung unterscheiden. Das alles ist für uns ein Grund zum Feiern: Am 21.1.2014 treffen wir uns ab 18.00 Uhr mit hoffentlich viel Anwohnern in der Wabe, um unser einjähriges Bestehen zu feiern. (Claudia Steiger)

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Vorbemerkung: Insgesamt gesehen betrachte ich die Ausarbeitung als durchaus umfassend gute und teils berechtigt kritische Arbeit, abgesehen von nicht immer aktuellen Angaben zur Bevölkerungsstruktur. Allerdings fehlen fast immer die richtigen Schlussfolgerungen für angesprochene Problem und berechtigte Kritiken. Als Bürger Günter Hahn habe ich nach eingehendem Studium der Unterlagen bereits einige Vorschläge an STATTBAU geleitet. Diese beziehen sich auf mögliche Einsparungen gegenüber den in der Ausarbeitung genannten Aufwendungen, die unglückliche Einordnung des Schulcampus sowie die fehlende Schlussfolgerung zu der mehrfach erwähnten aktiven Arbeit und Wirkung der Anwohnerinitiative Thälmannpark.

Grünflächenversorgung: Prenzlauer Berg hat eine Fläche von 10.950.000 m² und ca. 152.770 Einwohner. Der Richtwert für Grünfläche je Einwohner (wohnungsnaher Freiraum) beträgt 6 m². Daraus ergibt sich die insgesamt benötigte Grünfläche von 916.620 m². Die vorhandene Grünfläche beträgt 475.000 m². Hieraus ergibt sich eine Grünflächenversorgung von lediglich 3,1 m² pro Einwohner. Weitere nutzbare Flächen wie der überlaufene Volkspark Friedrichshain sind nicht einbezogen. Wegen der nachgewiesenen Unterversorgung mit Grünflächen in dem ohnehin stark verdichteten Stadtbezirk Prenzlauer Berg kann die in der Voruntersuchung vorgeschlagene Bebauung überhaupt nicht in Erwägung gezogen werden.

Vorkaufsrecht: Nach Baugesetzbuch (BGB) §§ 24 ff. ist das generelle Vorkaufsrecht der Städte und Gemeinden festgeschrieben und bei Verzicht ein Negativ-Attest zu hinterlegen. Im Falle des von der Bahn an den Investor Geromé verkauften Grundstücks wäre zu prüfen, ob und zu welchem Zeitpunkt diesem Erfordernis nachgekommen wurde! In jedem Fall muss das Bezirksamt tätig werden und erreichen, dass das Grundstück in das Eigentum des Bezirkes - eventuell auch durch Tausch außerhalb des Thälmannparks – übergeht.

Zusammenarbeit mit BVV: Ich bin nach wie vor der Überzeugung, dass eine vorurteilsfreie Zusammenarbeit mit dem Bezirksstadtrat bzw. seinem Vertreter unerlässlich ist und zwar durch immer die gleichen Vertreter der Anwohnerinitiative. Auch die Teilnahme von Vertretern der Anwohnerinitiative in den angeregten zu bildenden Arbeitsgruppen und Beiräten halte ich für unverzichtbar. Wie sonst will die Anwohnerinitiative ihre Vorstellungen bei der weiteren Präzisierung des Betrachtungsgebietes denn realisieren können? Zukünftig sollte die Anwohnerinitiative durchsetzen, dass ihre Vertreter immer an Gesprächen oder Verhandlungen – auch mit Investoren – teilnehmen, um damit die Vorstellungen der Anwohner und ihrer Initiative berücksichtigt zu sehen.

Fotos: AI Thälmannpark


Das Letzte

Wat? Wo steht denn ditte? Bilderrätsel zipiert, mit dem Einverständnis beider Künstler wurde es auf einer anderen Brücke installiert. Aber auf welcher? Sie sind sich sicher, die Antwort zu wissen? Dann weihen Sie uns ein und senden Ihre Lösung an mittendrin@ kvpb.de. Unter allen Mitratern verlosen wir eine Fotografie aus der Ausstellung „NEBEL und ALLES GUTE“ von Norbert Winkelmann vom 20.02. bis 18.4.14 im ZENTRUM danziger50 zu sehen. Einsendeschluss ist der 10. März 2014. Viel Glück! (fn)

Schon von weitem hebt sich etwas vom Grau der Umgebung ab. Kaum zu übersehen in knalligem Orangerot, das auch durch mehrere Schichten Graffiti hindurch seine Signalwirkung behält. Viele Passanten kommen an dem auffälligen, eiförmigen und irgendwie deplatziert wirkenden Ding vorbei, das direkt vor einem Bahnhof der S-Bahn mitten auf einer vielbefahrenen Brükke steht, die die Bezirke Prenzlauer Berg und Mitte verbindet. Ein paar Mutige trauen sich, und nehmen trotz Minusgraden und eisigem Wind in der in das Ei eingelassenen Kuhle Platz.

W

ären die integrierten Lautsprecher nicht außer Betrieb, würden Gesprächsfetzen an ihr Ohr dringen, bei näherem Hinhören nur ein Wort: „Wahnsinn“. Dann läge es auf der Hand: Das Befremden, das von dem orangenen Plastik-Lulatsch ausgeht, ist beabsichtigt und Teil eines (Kunst-)Konzeptes. Erdacht und umgesetzt hat es das Künstlerpaar (e.) Twin Gabriel, alias Else Gabriel und Ullf Wrede. Beide leben und arbeiten in Berlin und Hamburg. Else Gabriel studierte an der Hochschule für bildende Künste in Dresden und wurde als Mitbegründerin der Künstlergruppe AUTO-PERFORMANCE-ARTISTEN bekannt. Seit 1988 arbeitet sie mit ihrem Partner Ullf Wrede zusammen, seine Arbeitsweise bezeichnet das Paar als „Plastische Planung“. Mit der gesuchten orangeroten Plastik gewinnen (e.) Twin Gabriel 1996 einen Wettbewerb des Senats zum Thema „Übergang“. Es setzt ein künstlerisches (Denk-)Zeichen an einem ehemaligen innerstädtischen Grenzübergang. Ursprünglich war es für die Oberbaumbrücke in Kreuzberg kon-

Foto: Frauke Niemann

Wohin im Februar/März? Veranstaltungen im ZENTRUM danziger50 Donnerstags, 13., 20., 27. März, 19.30 Uhr Trilogie Geld, Macht, Visionen. Dramatischer Abend von Theater und Gesellschaft. Weitere Aufführungen bitte telefonisch erfragen unter 030 41715887.

Samstag, 1. Februar, Freitag, 28. und Samstag 29. März, 19 Uhr Morion.3 – Woyzecks Büchner – oder: Why The Fuck Did He Kill Marie? Tragikomisches Musiktheater von kulturschlund. Eintritt 16 Euro, erm. 10 Euro

Eintritt frei

Donnerstag, 6. und Freitag, 7. Februar, 20.00 Uhr Irrenhaus Danton – da wir nichts voneinander wussten. Ganz ehrlich: Das wolltet Ihr doch so! Und wenn nicht, dann ist es genau so geworden! Freie Produktion von SchauComp / danziger50 frei nach Georg Büchner und Anderen. Unterstützt von KVPB e.V.

Sonntags, 23. Februar/23. März, 16-18 Uhr Halboffene Kleinkunstbühne. Crazy-Words…ist wieder da: ab Oktober an jedem 4. Monatssonntag in der Abbaubar der danziger50. Die Veranstaltung wird live auf Rockradio übertragen. www.crazy-words.de.

Eintritt frei wählbar

Eintritt: Spende in den Hut

Donnerstag 13. und Freitag 28. Februar 19.30 Uhr Visionen. Dritter Teil der Trilogie Geld, Macht, Visionen. Dramatischer Abend von Theater und Gesellschaft. Weitere Aufführungen bitte telefonisch erfragen unter 030 - 41715887.

Freitag, 21. Februar, 19-1 Uhr NACHTFLOHMARKT mit Kulturprogramm, POI-Feuerartistik auf der Straße, Überaschungsprogramm

Eintritt frei

Sonntag, 23. Februar, 9-15 Uhr KINDERFLOHMARKT Mont Klamott. Für das leibliche Wohl sorgt das hauseigene Café mit warmen und kalten Getränken und kleinem Imbissangebot

Samstag, 15. Februar, 20 Uhr Daniil Charms. Ich weiß nicht mehr Bescheid. Einmanntheater mit Pasquale Bombacigno. Eintritt 10 Euro, erm. 7 Euro

Außer Haus

Donnerstag, 20. Februar, 19 Uhr Vernissage: NEBEL und ALLES GUTE – Fotografie von Norbert Winkelmann in der Galerie unter der Treppe. Zu sehen bis 18.04.14

Mittwoch, 29. Januar bis Sonntag, 16. März | Galerie Parterre Ausstellung MATHIAS WILD - VERTIGO - der Blicke Fleck. MALEREI & ZEICHNUNG Danziger Straße 101, 10405 Berlin, Tel: 030 - 902 95-3846 / -3821

Eintritt frei

Donnerstags, 27. Februar/27. März 19 Uhr Prof. Dr. Dr. Dr. Augustus van Dusen – oder Die Denkmaschine. HÖRSPIEL IM KELLERGEWÖLBE mit historischen Radiogeräten und Lichtinstallationen. Ein Projekt der Fred-Frohberg-Stiftung mit Förderung des Kulturverein Prenzlauer Berg e.V.

Samstag 8. Februar bis Samstag, 8. März | Staatsgalerie Prenzlauer Berg Ausstellung Tippi Tillvind „Metabolic Investigations“ (Collage / Decollage) Greifswalder Straße 218, 10405 Berlin, Tel: 030 - 44324741

Austritt auf Spendenbasis

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MITTENDRIN Februar-März-Ausgabe 2014  
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