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Kulturverein Prenzlauer Berg e.V. | November – Januar 2015/16 | kostenlose Ausgabe

mittendrin Magazin fĂźr Kultur und Bildung in Prenzlauer Berg

Ich will d o c nur spiel h en!


2 | Inhalt

INHALT

EDITORIAL

THEMA

»Wir spielen alle, wer es weiß, ist klug« (Arthur Schnitzler)

Ich will doch nur spielen!

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Spiel ist keine Spielerei

5

Einen Platz in der Welt finden

Die Angst vor dem Nichts überwinden

6

Improtheater: Spiel ohne doppelten Boden

SHORTSTORIES Achtzehn Raubtiere

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Eine Kurzgeschichte von Astrid Düerkop

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

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Das waren die Pankower Theatertage

Bewegte Kunst bewegt die Herzen

11

Mit dem Krachlichtermobil auf Tour

WORT UND BUCH Wenn das alles ein Spiel ist, sind wir verloren.

12

Juli Zeh: Spieltrieb

Entschuldigung, sammeln Sie Flaschen?

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Auch bei Juli Zeh, der wir diesmal unseren Buchtipp (S. 12) widmen, steht das Spiel, genauer der „Spieltrieb“, im Fokus ihres lesenswerten Romans. Und was noch? Wir laden Sie herzlich ein ins Museum Pankow zum Stadtnatur-Filmfestival (S. 20), das nicht nur mit interessanten Beiträgen sondern auch mit freiem Eintritt lockt. Außerdem machen wir eine Reise in die Vergangenheit und erwecken den alten Bauch Berlins zu neuem Leben (S. 18), sind dabei, wenn das per Defintionem lautstarke Krachlichtermobil Fahrt auffnimmt (S. 11) und folgen der Fährte des Springenden Punkts (S. 23).

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Viel Spaß beim Lesen!

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Überleben in der Stadt

Erlesenes für Kinder

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Viele Bücher machen klücher

KIEZ & KULTUR Der Bauch Berlins

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Schlachthof

Höchstens siebeneinhalb

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Die Lesebühne Crazy Words

Stadtnatur-Filmfestival

Schluss mit Effizienz, Zielorientiertheit und Produktivität: Wir wollen spielen! Beim Spielen gönnen wir uns eine Auszeit vom unserem ach so rationalen Alltag. Wir können uns nach Herzenslust austoben, Zeit vorsätzlich verschwenden, virtuelles oder echtes Geld verjubeln, in andere Rollen schlüpfen, kurzum: so richtig über die Stränge schlagen. Mit Gefühlen zu spielen, ist wiederum Wahnsinn, schenkt man Wolle Petry Glauben. Trotzdem tun wir es immer wieder. Mal vorsätzlich, mal unbewußt spielen wir mit Menschen, ihren Ängsten und Träumen. Was macht eigentlich den Reiz des Spiels und des Spielens aus, fragen wir uns in dieser Ausgabe.

Dokureihe im Museum Pankow am Wasserturm

Made in Zvizzchi Yad Chanah unterstützt internationalen Kulturaustausch

Kolumne: Der Springende Punkt

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... geht spielen

Barbara Schwarz und Frauke Niemann (Redaktion MITTENDRIN – ein Magazin des Kulturverein Prenzlauer Berg)

DAS LETZTE Wat? Wo steht denn ditte?

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Bilderrätsel

Impressum

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Foto: © Rainer Strum/ PIXELIO

Thema | 3

Ich will doch nur spielen! Der moderne Mensch (Homo sapiens) ist vernunftbegabt, lernen wir im Biologieunterricht. Dass er seine Fähigkeit zu denken auch gerne mal vernachlässigt, steht auf einem anderen Blatt. Das Denkenkönnen ist aber nicht die einzige Zuschreibung, die die Wissenschaft für unsere Spezies bereithält. Auch das Vermögen, seine Umwelt aktiv zu verändern, macht den Menschen aus, sagen Anthropologen und sprechen daher vom Homo faber, dem tätigen Menschen, dem Handwerker. Das treffe es noch nicht, lies Mitte des 20. Jahrhunderts der Kulturphilosoph Johan Huizinga verlauten und prägte den Begriff Homo ludens, übersetzt: der spielende Mensch. Huizinga definiert das Spiel als Grundkategorie menschlichen Verhaltens, sieht gar den Ursprung der Kultur im Spiel.

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lle Menschen sind Spieler, könnte man demnach zugespitzt formulieren, oder andersherum: der Spieltrieb ist eine menschliche Konstante. Schon Götterbote Hermes konnte seinen

Drang zu spielen nicht bezwingen. Er gilt als Erfinder des Würfelspiels und der Weissagung durch Würfel. Wer glaubt der Ausruf „Bingo!“ halle nur durch Altersheime der Neuzeit, hat damit zwar recht, die

Chinesen führten allerdings bereits vor zweitausend Jahren ein Spiel mit sehr ähnlichem Regelwerk ein, das Zahlenlotto „Keno“. Vermutlich die erste staatliche Lotterie überhaupt – sie finanzierte nichts Geringeres


Foto: © Christiane Heuser / PIXELIO

4 | Thema

Mal verliert man, mal gewinnen die anderen.

»

Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“

als den Bau der Chinesischen Mauer. Manche Spiele sind eben zeitlos. Bestimmte Mechanismen leider auch: Das Prinzip „Brot und Spiele“ funktioniert im alten Rom genauso gut wie heute, nur sind die Gladiatoren des Hier und Jetzt weniger glamourös: Massenunterhaltung à la Schlag den Raab erfüllt heute wie damals den Zweck, das Volk zu zerstreuen, damit es sich nicht mit elementaren gesellschaftlichen Missständen auseinandersetzt. Natürlich tun wir dem Spiel mehr als Unrecht, stempeln wir es kurzerhand als nichtsnutzige, ziellose Zerstreuung ab. Ohne die Lust am Spiel hätten sich Gesellschaftsbereiche wie Kunst, Philosophie, Recht und Religion überhaupt nicht entwickelt, sagt Huizinga in seinem Buch „Homo Ludens – Vom Ursprung

der Kultur im Spiel“. Spielend entwickelt der Mensch seine Fähigkeiten, lernt soziales Verhalten, erkundet seine Umwelt und bildet kulturelle Techniken aus. Der Mensch wird erst durch das Spiel zum Menschen. Oder wie es der Literat und Philosoph Friedrich Schiller formuliert: „Der Mensch spielt nur, wo er in voller Bedeutung des Wortes Mensch ist, und er ist nur da ganz Mensch, wo er spielt.“ Aber, was reizt uns so am Spiel? Es eröffnet uns einen neuen Raum. Wir können uns ausprobieren, neu erfinden, so tun als ob, uns abgrenzen vom gewöhnlichen Leben, von Alltagszwängen und Routinen. Im Spiel sind wir frei, das zu tun, was wir wollen, nähern uns unseren Wünschen ebenso wie unseren Ängsten. Der Zweck des Spiels liegt nur im Spiel selbst, es unterliegt

genau wie der Spieler selbst, nicht dem Zwang produktiv zu sein. Im Gegenteil, beim Spielen können wir verschwenderisch sein oder (ha!) mutwillig unvernünftig, ohne uns vor den Konsequenzen fürchten zu müssen. Und noch etwas hält das Spiel bereit: Einen Nervenkitzel, nämlich den des ungewissen Ausgangs, des offenen Endes. Und doch bleibt das Gefühl, dem Phänomen Spiel in seiner Vielschichtigkeit nicht richtig beikommen zu können. Worüber sprechen wir eigentlich, wenn wir von Spielen sprechen? Roger Caillois, ein französischer Soziologe, hat sich daran gemacht, die Grundkategorien des Spiels zu definieren. Er macht vier Elemente aus: den Wettkampf, das Glückspiel (gekennzeichnet durch das Zufallsmoment), das Verstellungsspiel (das es uns ermöglicht in andere Rollen zu schlüpfen) und das rauschhafte Spiel (das uns die Realität vergessen lässt). Jedes Spiel ist laut Caillois eine Mischform eben dieser vier Elemente. Lernspielen hat er keine eigene Kategorie zugedacht. Denn das Schöne am Spielen ist ja gerade seine Selbstgenügsamkeit. Lerneffekte entstehen ganz nebenbei. Sie sind quasi Nebenprodukte des Spielens. Kinder und Erwachsene lernen beim Spielen en passant sich zu konzentrieren, vorausschauend zu handeln, strategisch zu agieren oder auch ganz schlicht, sich mit der Tatsache zu arrangieren, dass man nicht immer Erster sein kann. Und, wer sich trotzdem nicht dagegen wehren kann, verlieren doof zu finden, dem hilft vielleicht Sepp Herberger weiter: „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel!“ Text: Frauke Niemann


Thema | 5

Spiel ist keine Spielerei Einen Platz in der Welt finden

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mmer nur spielen. Ob das gut geht? Und ob! Spielen bedeutet für Kinder Arbeit, ganz unbewusste, aber alle Sinne fordernde Arbeit. Spielen ist die bedeutsamste und wirkungsvollste Art des Lernens, schenkt man dem Berliner Bildungsprogramm glauben. Viele schlaue Köpfe haben sich mit dem Spiel und seiner Bedeutung für den einzelnen und die Gesellschaft auseinandergesetzt: Pädagogen von Fröbel bis Piaget, Philosophen von Kant bis Freud und unzählige andere verschiedener Fachrichtungen. Kinder haben ein „Recht auf Spiel“, festgehalten in Artikel 31 der UN-Kinderrechtskonventionen. Immerhin sind Kinder unsere Zukunft und „der Lärm spielender Kinder ist Zukunftsmusik“, so Horst Köhler, Bundespräsident a.D. Wir befragten die Fachleute in der KUBI Kitagruppe*, wie sie das Spiel

Foto: © Rainer Sturm/ PIXELIO

Fragen Eltern nach dem Kitabesuch ihre Kinder, was sie gemacht haben, kommt oft gar nichts, oder ein Schulterzucken. Vielleicht, weil es Kindern als seltsame Frage erscheint. Na, was soll ich schon gemacht haben? Ich war da – und ich hab gespielt.

Auch wenn es nicht immer so aussieht: Spielen ist Arbeit!

in der Kita einordnen, und was sie erfahren, wenn sie die Kinder beim Spielen – mit oder ohne Spielzeug – beobachten: Das Spiel füllt den größten Teil des Kita-Tagesablaufs aus. Impulse sind wichtig, Neugier sollte erkannt bzw. geweckt, Alltagsgegenstände ins Spiel miteinbezogen werden. Durch das Spielen finden Kinder ihren Platz in der Welt. Alle Sinne sind beteiligt, die Kinder setzen all ihre körperlichen und geistigen Fähigkeiten ein. Die Aufgabe der Erwachsenen ist es, passende Dinge bereitzustellen, oder auch bewusst auf diese zu verzichten, die richtige Waagschale zu finden zwischen „Laufen lassen“ und dem Erkennen und Aufgreifen der Spielabsichten der Kinder. Interessant ist, dass Kinder im Säuglingsalter kaum Spielmaterial

benötigen, sie beschäftigen sich mit allem, was sich in der unmittelbaren Umgebung befindet, also sie selbst und das Gegenüber. Später beginnt das Miteinanderspielen, wächst die sprachliche Kompetenz, kommen die Rollenspiele hinzu. Der Entwicklungspsychologe Jean Piaget ordnet das Spiel des Kindes als einen permanenten Versuch ein, sein Umfeld in das eigene Denken, Handeln und Gestalten einzubeziehen, um Erlebtes zu verstehen und aktiv mitbestimmen zu können. Spiel ist also nicht gleich Spielerei! TEXT: BARBARA SCHWARZ

* Zur KUBI KITA GRUPPE der KVPB Kindertagesstätten gGmbH gehören sechs Kindertagesstätten mit kulturellem Profil in den Bezirken Pankow und Mitte.


6 | Thema

Die Angst vor dem Nichts überwinden Improtheater: Spiel ohne doppelten Boden FREI.WILD frei.wild – das heißt frei im Kopf und wild auf der Bühne! Seit 2006 steht frei.wild auf den Brettern, die die Welt des Improvisations-Theaters bedeuten. Ob daheim in Berlin oder auf Festivals j.w.d. – 9 Spieler, drei Pianisten und ein Techniker improvisieren vom klassischen Theatersport über Langformen, Musikshows und Impro-Märchen für Kinder bis hin zum Auftritt auf Bestellung bei Jubiläen und Tagungen. Dabei sind die Berliner stets darauf bedacht, nie das Küken im Bären zu vergessen… www.frei-wild-berlin.de

Foto: Michael Wartmann

Spielhälfte wird nur an einer Geschichte gestrickt.

frei.wild verwandelt die Inspiration der Zuschauer in aufregende Bühnengeschichten.

Improtheater ist Spielfreude pur, immer unverfälscht, immer überraschend, oft urkomisch, manchmal tieftraurig. Davon, was es sonst noch sein kann, erzählen die Berliner Improgruppen FREI.WILD und DIE TUMORISTEN. MITTENDRIN: Was macht Improtheater aus? FREI.WILD: Improtheater heißt spielen von Moment zu Moment. Premiere und Derniere sind eins. Nichts kann wiederholt werden. Alles wird im Moment neu erfunden und erlebt. Die Inspirationen kom-

men aus den Zuschauern, die Vorgaben machen dürfen und sollen, um die Spieler herauszufordern. Sie entscheiden darüber, was sie sehen möchten. Improvisationstheater kann schnell sein: Theatersport, zwei Teams treten gegeneinander an und spielen kurze knackige Formate. Oder langsam: Über eine ganze

DIE TUMORISTEN: Wir machen Playback-Theater. Das ist eine spezielle Form des Improvisationstheaters. Die Schauspieler bringen Geschichten aus dem Alltag, die ein Bühnenleiter vom Publikum erfragt, auf die Bühne. Jede Geschichte wird mit ihren wesentlichen Aussagen zurück gespielt, deswegen

„Improtheater ist wie Sporttraining: Man trainiert Schnelligkeit und Flexibilität im Denken, muss den Druck der Perfektion überwinden und einfach machen.“


Thema | 7

„play back“. unser Anspruch ist es, die Essenz des Erlebens in einer künstlerisch-ästhetische Form darzustellen. MITTENDRIN: Was ist für euch „Spielen“ im Allgemeinen und im Speziellen das Spiel auf der Bühne? DIE TUMORISTEN: Das Spielerische geht den meisten Menschen im Laufe des Erwachsenwerdens verloren, gehört aber doch elementar zum Leben. Menschen, die in der Lage sind, zu spielen, bereichern ihr Leben. Denn Spiel bringt Freude, Kommunikation und regt die Fantasie an. Das Spiel auf der Bühne bereichert, erweitert unseren Horizont und fördert den Mut, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen. FREI.WILD: Spielen ist Lebensfreude und Lebenslust. Die Angst vor dem Nichts, vor dem Blackout zu überwinden und zu spüren, dass da immer etwas ist. Irgendwo

ist ein Impuls, eine Idee. Spielen ist die Kommunikation mit den Publikum. Spielen heißt auch, ganz einfach den Moment zu erleben. Wir haben nicht die Zeit, wochenlang an einer Figur zu arbeiten. Wir springen einfach rein. Magie passiert und man sagt Sachen und tut Dinge, auf die man vorher nie gekommen wäre, weil die Figur sofort lebt. Sie ist da. MITTENDRIN: Braucht man bestimmte Voraussetzungen fürs Improtheater? Ins kalte Wasser zu springen, liegt bestimmt nicht jedem. FREI.WILD: Improtheater ist wie Sporttraining: Man trainiert Schnelligkeit und Flexibilität im Denken, muss den Druck der Perfektion überwinden und einfach machen. Je mehr man trainiert umso freier und schneller wird man. DIE TUMORISTEN: Die Grundvoraussetzung ist der Mut, sich zu präsentieren, sich einzulassen auf

„Das Spielerische geht den meisten Menschen im Laufe des Erwachsenwerdens verloren, gehört aber doch elementar zum Leben.“ das Unerwartete – denn nichts von dem, was auf der Bühne passiert, ist vorhersehbar. Jeder Mensch, der sich auf andere einlassen und aufmerksam zuhören kann, wird wie wir den Spaß am Spiel empfinden – das haben zahlreiche Workshops gezeigt, die wir für Interessenten durchgeführt haben. FREI.WILD: Wir stellen fest, dass bei den Gruppen, die wir unterrichten die Motivation oft recht unterschiedlich ist: Einige wollen Improtheater für ihren Beruf nutzen, um z.B. schlagfertiger zu werden, andere wollen einfach nur abschalten nach einem Tag im Büro und viel und herzlich lachen!

Foto: Die Tumoristen

DIE TUMORISTEN

Ein Schwerpunkt der Tumoristen ist die Krankheitsbewältigung und die Enttabuisierung des Themas Krebs in der Gesellschaft.

In Berlin gibt es ein Theaterensemble ganz besonderer Art: Die Akteure sind Menschen mit Krebserfahrungen und spielen Playbacktheater und Improvisationstheater. Dabei kombinieren sie das Improvisationstheater des Engländers Keith Johnstone mit dem Playbacktheater des Amerikaners Jonathan Fox - zwei verschiedene Formate, die in kombinierter Form so noch nicht auf der Bühne zu sehen waren. www.tumoristen.de Interview: Barbara Schwarz, Frauke Niemann


8 | Shortstories

Achtzehn Raubtiere Eine Kurzgeschichte von Astrid Düerkop zum Kaffee ist die Frage beantwortet! Zu allen Mahlzeiten traf sich die Tischrunde im Speiseraum wieder. In meinem Zimmer angekommen hieß es jetzt: Ausschneiden. Die kleinen Löwenfiguren wurden sauber und exakt extrahiert. Dann klebte ich die Löwen-Torsos auf, aber blank auf weißem Notizkarton sah das Ganze irgendwie dürftig aus. Also malte ich um die Löwen herum eine Geschichte, und schrieb auf die Rückseite einen passenden Text.

Foto: © Olaf Schneider / PIXELIO

Ich nenne dies meine Roma-Technik. Vor einiger Zeit war ich in einer sehr beeindruckenden Austellung im Instituto Cervantes in der Rosenstraße: „An die Grenze gehen“, Malerei, Fotos, Installationen, Bildhauerei und Videos von RomaKünstlern aus ganz Europa. Auch Textbänder waren zu lesen:

Im Angesicht des Löwen

A

ngefangen hat das Ganze an einem heißen Sommertag. Wir tranken Eli-LillyLöwenbrause, dazu aßen wir Kinderriegel, verpackt in Folien mit Löwenmotiv. Zum Nachtisch gab es Schoko- und Vanille-Eis. Die Verpackungen waren erst achtlos auf den Tisch geflogen, bis Frau Krüger plötzlich fragte: „Wieso sind eigentlich Löwen auf Eiscremeverpackungen?“

„Warum keine Eisbären oder Eisvögel?“, dachte sie laut als Frau Sannemann den Wunsch nach einem weiteren Eis äußerte. Aber es gab kein zweites Eis am Stiel, weder für sie, noch für irgendwen anders. Die Verpackungen lagen noch auf dem Tisch. Jetzt war es Frau Steinbiel, die fragte: „Wieso sind eigentlich Löwen auf Eisverpackungen?“ Ach! Ich nehme die leeren Plaste-Hüllen einfach mit, ihr werdet es sehen,

„Out of time – In der gewöhnlichen Zeit, der auf der Uhr, gibt es einige bestimmte Dinge, die man versteht. Wenn man die Zeit loslässt, versteht man einige Andere. - En el tiempo, el del reloj, hay unas cuantas cosas que se entienden. Cuando se suelta el tiempo, se entienden algunas otras.“


Shortstories | 9

Eine der Künstlerinnen hatte eine große Wandfläche mit streichholzoder briefmarkengroßen Miniaturbildern bekleidet. Produktbildchen aus ganz Europa waren der Collagen-Grund kleiner Kunstwerke, die kalligraphisch, oft mit schwarzem Scriptol um die ausgeschnittenen Elemente herum, verziert waren.

Beim nachmittäglichen Kaffeetrinken waren die ersten zwei LöwenKarten mit dabei. Der grüne Apfellöwe und die blaue Flaschenlöwin. Das Gelächter und die Zuschreibungen begannnen. Nr.1: Der grüne Apfellöwe ist ein ganzer Kerl, mit dem an deiner Seite haut dich nichts um, der haut nämlich alles weg, was dir in die Quere kommt. Nr. 2: Die blaue Flaschenlöwin ist eine Tänzerin, mit der an deiner Seite, kannst du jeden bezaubern. Alle liegen dir zu Füßen.

von ihrem letzten Krankenhausaufenthalt nicht mehr zurückgekehrt, sie war an einem der Feiertage verstorben. Manchmal spiele ich jetzt mit anderen dieses Spiel. Es macht mich immer ein wenig melancholisch. Fast jedesmal wenn ich eine Karte in der Hand halte, muß ich an Straßfurt denken. „Straßfurt. Der Ort, an dem die Fernseher zu DDR-Zeiten produziert wurden“, pflegte Frau Krüger immer zu sagen, wenn sie gefragt wurde, woher sie kommt. Von dort war sie als alte Dame nach Berlin geholt worden, und verspürte ein dauerndes Heimweh. Auch ihre Fantasie und unsere häufigen Albernheiten, konnten dieses Gefühl nicht vertreiben. Es ist vielen Menschen, die sich auf einem langen Weg in die Ungewissheit be-

wegen, zu eigen. Dies Gefühl der Entwurzelung. Die Karte des heutigen Tages ist Karte Nr. 3: der Zwerg-Flug-Löwe. Dieser Löwe mit seinem fliegenden Teppich bringt alle und alles zum Schaukeln. Er fliegt dicht über dem Boden entlang. Neben ihm sind schon die Blitze eines nahenden Unwetters sichtbar. Er selbst schaut den Betrachter gelassen an.

ÜBER DIE AUTORIN: Während der letzten Berufsjahre ist aus Schreiben und Gedankensammeln nur noch Zuhören und Lesen geworden. Erst mit dem langsameren Lebenstempo seit 2001 und dem Genuss an kleinen Wegen und Begebenheiten fand Astrid Düerkop zurück zum Geschichtenerzählen.

Als ich meine Tischrunde endlich wieder traf, war es still und leise. Ein Sitzplatz blieb leer. Frau Krüger war

Foto: © Dieter Schütz / PIXELIO

So fing es an, unser Spiel. Nach den ersten drei Flaschen Kinderlimonade und mehreren klebrig-süßen Schokoladenriegeln, hatten wir 14 Tiere im Kartenspiel. Zum Herbstanfang kam dann die Flaute. Einer nach dem anderen musste ins Krankenhaus. Endlich, zu Weihnachten, waren es 18 Karten. Auf der Rückseite aller Bilder waren die Texte geschrieben und mit schwarzem Textmarker hatte ich zum Schluß vorsichtig alle Bilder umrahmt. Das Löwen-Spiel, es hatte den Namen „Arche Noah“ bekommen.

„Und irgendwo gehn Löwen noch und wissen, solang sie herrlich sind, von keiner Ohnmacht.“ (Rainer Maria Rilke)


10 | Shortstories

Nach dem Spiel ist vor dem Spiel

Foto: © Kolonastix

Das waren die Pankower Theatertage | ptt 2015

Das kleine Gespenst von Kolonastix treibt sein Unwesen: Eine von vielen tollen Acts auf den Pankower Theatertagen | ptt 2015

Ein ganz hinreißendes Beispiel dafür gab es in der Brotfabrik am letzten Tag der ptt-2015. Dort fand eine Vorstellung der Schauspiel-Gruppe „Kolonastix“ statt mit ihrem sehr empfehlenswerten Kinderstück „Das kleine Gespenst“. Sehr

Schee war´s! Die ersten Pankower Theatertage sind Geschichte. Was bleibt? Die Vorfreude auf eine mögliche Fortsetzung in 2016, neue spannende Geschichten, Orte, Menschen und Aktionen!

Wir, das Team der ptt, möchten allen Sponsoren, Partnern, Unterstützern, Besuchern, allen Mitstreitern und natürlich unserem Schirmherrn, Bezirksbürgermeister Matthias Köhne, nochmal herzlich danken - ohne ihr Engagement und Mitwirken wären die ptt nicht möglich gewesen! Der Blick in die Zukunft verheißt viel Spannendes. Eins ist klar: Die Pankower Theatertage sollen keine Eintagsfliege bleiben. Text: ptt-Team

viele aufgeregte Kinder und Familien konnte man schon vor dem Eingang sehen. Die kleine Brotfabrik platzte im wahrsten Sinne des Wortes aus allen Nähten. An der Kasse wurde gesagt, dies sei ganz ungewöhnlich und unverhofft. Was kann man sich mehr wünschen für dieses Projekt! Ein Ziel der Pankower Theatertage war und ist es, die teilnehmenden

Foto: Johannes Gruhl

Die Pankower Theatertage 2015 liegen nunmehr zwei Monate hinter uns und es ist Zeit, einen Blick zurückzuwerfen. An vier Tagen Ende September fanden über 60 Theaterveranstaltungen an 20 Spielorten statt. Kein Wunsch blieb unerfüllt: Puppen-, Kinder- und Sprechtheater, Tanzaufführungen und Musikperformances – auf den ersten ptt hatten die Zuschauer die Qual der Wahl. Für jeden gab es Neues zu erleben und die Möglichkeit, die Theaterkunst im Bezirk Pankow zu entdecken. Spielorte und freie Gruppen konnten zeigen, wer sie sind und gewannen zusätzliche Aufmerksamkeit.

Künstler und Spielorte miteinander zu vernetzen und auf diese Weise eine besondere Ebene finden, zusammen zu agieren und Neues zu kreieren. Über unsere FacebookSeite facebook.com/pankowertheatertage gibt es unter anderem die Möglichkeit dazu. Dort sehen wir fast täglich Neues über unsere Teilnehmer, wann sie wo spielen, welche neuen Projekte geplant sind oder welche Veranstaltungen und interessante Theaterstücke uns demnächst erwarten. Ein Blick darauf lohnt sich also immer!

Das ptt-Team v.l.n.r.: Barbara Schwarz, Thilo Schwarz-Schlüßler, Beatrice-Fea Schirmacher, Frauke Niemann


Shortstories | 11

Bewegte Kunst bewegt die Herzen Mit dem Krachlichtermobil auf Tour Fahrradschlauch und Lampenschirm, Nudelsieb und Gießkanne, Badeschlauch und Armatur, Blumenkette und Teesieb, Kronkorken und Puppenbuggy: Auf den ersten Blick eine Ansammlung von Haushaltsschrott, auf den zweiten Blick das perfekte Material für ein Kunstspektakel!

J

edenfalls, wenn es nach Jean Tinguely geht. Diesen bewegten Künstler nahmen sich die Kinder, Eltern und Erzieher des Familienbereich „überbrücken“ zum Vorbild, und schufen ein lärmendes, bewegtes Kunstwerk: Das Krachlichtermobil. Mit diesem zogen sie pünktlich zur Langen Nacht der Familien von der Kita Kiezeulen, dem Weddinger Standort des Familienbereichs zum zweiten Standort in Prenzlauer Berg, der Kita Gleimstrolche (HAUS 2). Während der Arbeit am bunten Gefährt war eines schnell klar, es macht Spaß, ein Geräuschobjekt zu bestaunen, aber vor allem auch,

le zusammenzufügen. Hier begann der Prozess des Ausprobierens, Planens und Verwerfen der Ideen. Wie lässt sich aus einem bunten Sammelsurium an Dingen eine Skulptur formen, eine bewegliche noch dazu? Kabelbinder, Paketband, Schnur, Knete, Schrauben und Nägel kamen zum Einsatz und nach und nach nahm das Krachlichtermobil Form an. Beim großen Showdown zurLangen Nacht der Familien machte es seinem Namen alle Ehre.

selbst eins herzustellen. An vier Tagen trafen sich Kinder und Eltern, um am „Krachlichtermobil“ zu werkeln. Die Kinder entdeckten die Materialien und testeten die unterschiedlichen Lautstärken, Töne und Frequenzen der Gegenstände aus, bevor sich kleine Gruppen aus Kindern und Erwachsenen zusammenfanden, um die Einzeltei-

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„Wenn ich Schrott berühre, entsteht Magie.“

Eine Radauveranstaltung, die Jean Tinguely wahrscheinlich gefallen hätte!

(Jean Tinguely) Text: Barbara Schwarz

Foto: Barbara Schwarz

KINETISCHE KUNST

Schrott macht Spaß! Das Krachlichtermobil nimmt Form an.

In der Bildenden Kunst gibt es verschiedene Künstler, die sehr technikaffin sind und kinetische Objekten erschaffen haben. Der Schweizer Maler und Bildhauer Jean Tinguely (1925-1991) gilt als einer der Hauptvertreter der kinetischen Kunst. Er wurde vor allem durch seine beweglichen Maschinenskulpturen bekannt, die häufig auch Töne erzeugen konnten. Gemeinsam mit seiner Frau Niki de Saint Phalle und anderen Objektkünstlern wie z.B. Daniel Spoerri erschuf er wahre Kunstspektakel, die als ebenso verspielte wie ironische Kommentierung des technischen Zeitalters gelten können.


12 | Wort und Buch

Buchtipp

Wenn das alles ein Spiel ist, sind wir verloren. Wenn nicht, erst recht. Juli Zeh: Spieltrieb Das Prinzip Hoffnung regiert nicht am Ernst-Bloch-Gymnasium in Bonn, Schauplatz des Romans „Spieltrieb“ von Juli Zeh. Das lassen Ada und Alev, zwei ebenso intelligente wie skrupellose Zehntklässler, nicht zu. Ihren philosophisch geschulten Verstand nutzen sie für ein perfides Spiel: Ihre Antwort auf die Leerstellen der Gegenwart.

E

s ist nicht Bösartigkeit, die das ungleiche Zweiergespann antreibt. Es ist vielmehr die Abwesenheit von Sinn, Werten und Glauben, die Ada und Alev zu Spielern in einem moralfreien Raum macht. „Wissen Sie, was übrig bleibt, wenn man dem Menschen alle Wertvorstellungen nimmt? Sagen Sie nichts, ich sehe Ihnen an, dass Sie es wissen. Der Spieltrieb bleibt.“ Das Spiel ist ihnen Selbstzweck und letztmögliche Seinsform. Sein Regelwerk tritt an die Stelle von Grundgesetz oder Bibel, weltlichen oder überweltlichen Instanzen. Mit Alevs Worten: „Der Spieltrieb ersetzt die Religiosität, beherrscht die Börse, die Politik, die Gerichtssäle, die Pressewelt, und er ist es, der uns seit Gottes Tod mental am

Leben hält.“ Ada und Alev spielen, weil sie es können. Anything goes! Die Rolle der Spielfigur fällt dem Deutsch- und Sportlehrer Smutek – auf polnisch der Ausdruck

»

Nihilisten glaubten immerhin, dass es etwas gebe, an das sie nicht glauben konnten.

für Traurigkeit – zu. Ada verführt ihn in der Turnhalle, was Alev mit der Kamera festhält, um Smu-

tek fortan jeden Freitag zur Wiederholung des Aktes zu zwingen. Smutek ist Idealist und Menschenfreund und gerade daher das perfekte Opfer. Er soll lernen, dass Ideale und Überzeugungen wertlos sind, nicht mehr und nicht weniger. Sprachgewaltig und unerschrocken stellt Juli Zeh die Tradition der Schülertragödien des 20. Jahrhunderts auf den Kopf. Hier drangsalieren nicht Lehrer ihre Schüler, hier treiben Schüler ein Machtspiel mit ihrem Lehrer. Smuteks Lieblingsbuch, der Mann ohne Eigenschaften, ist nur eine von vielen gezielten literarischen Anleihen in „Spieltrieb“. Nicht umsonst heißt die hochgebildete, kettenrauchende, mit Aphorismen nur so um sich schleu-


Wort und Buch | 13

Cover: © Verlag btb

Unterm Strich:

dernde Hauptfigur Ada. Die Assoziation mit Nabokovs gleichnamiger Romanheldin drängt sich förmlich auf. Nicht minder scharfsinnig als scharfzüngig, verachtet Ada all die „Miniaturprinzessinnen“, die das Ernst-Bloch-Gymnasium bevölkern, diese „samt- und seidenweichen Mädchen, deren Geburt durch langsam anschwellende Musik begleitet worden war wie das hochfahrende Windowsbetriebssystem von seiner Begrüßungsouvertüre“. Adas Beine sind ebenso schnell wie ihr Kopf, geschult in der „Kunst des Davonlaufens“, die Ada pflegt, wann immer es Anlass dazu gibt, also täglich. Neben Ada nimmt sich Alev trotz weltmännischem Gehabe und eindeutig diabolischer Züge („Seine

Augen, die wie bei einer Sphinx auf die Schläfe zielten, waren leicht geschlitzt. Die Brauen bildeten breite, schwarze, seitlich auffwärts strebende Striche [...].“) eher blass aus. Zwar füllt der Diplomatensohn, der nie längere Zeit an einer Schule, geschweige denn in einem Land verbracht hat, seine Rolle als teuflischer Verführer durchaus aus, doch ist Ada ihm intellektuell weit überlegen. Am deutlichsten zeigt sich das in ihrem ausufernden Plädoyer im fulminanten Finale des Romans, in dem sich alle Spielbeteiligten vor Gericht wiederfinden. Die Richterin, die dem Leser nur als kalte Sophie vorgestellt wird, muss vor Ada kapitulieren. Ihr Urteil erhält die Aufforderung, das Versagen des Rechts offiziell zur Kenntnis zu nehmen.

Juli Zehs Roman „Spieltrieb“ hat schon ein paar Jährchen auf dem Buckel. Das sollte aber niemanden davon abhalten ihn zu lesen, denn das Thema, das hier verhandelt wird, ist zeitlos. Zeh hat keine Angst vor großen Fragen. Die Antworten die sie ihren Protagonisten in den Mund legt, haben es verdient, Gehör zu finden. Dass sich nicht nur Zehs Figuren dem Spieltrieb hingeben, sondern auch die Autorin selbst, wird bei der Lektüre schnell deutlich: virtuos (und an der einen oder anderen Stelle auch etwas überambitioniert) jongliert sie mit literarischen Zitaten, Metaphern und Denkmodellen.

Text: Frauke Niemann

Juli Zeh

Spieltrieb Verlag btb Taschenbuch, 576 Seiten, 10,99 Euro


14 | Wort und Buch

Entschuldigung, sammeln Sie Flaschen? Überleben in der Stadt

Foto: © Rainer Sturm / PIXELIO

flaschen die einzige Möglichkeit ist, überhaupt Geld zu verdienen und ihre Existenz zu sichern oder Akademiker, die nach dem Verlust ihres Jobs keine neue Stelle mehr finden.

Das Geld liegt auf der Straße, sagt eine Redensart. Für Menschen, die Flaschen sammeln, ist der geldwerte Abfall, den sie in Parks, U-Bahnhöfen oder Mülleimern finden, oft überlebenswichtig.

F

laschensammler sind aus Großstädten nicht wegzudenken, sie gehören zu unserem Stadtbild. Und doch wissen wir nichts über sie. Philipp Catterfeld und Alban Knecht, Sozialforscher aus München, wollten dies ändern und starteten ein unorthodoxes Forschungsprojekt. Im Mittelpunkt stand die Frage „Warum sammeln Menschen Flaschen?“ Catterfeld und Knecht schickten zwei Semester lang 35 Studenten Hochschule München „ins Feld“ um Antworten darauf zu finden. Die Flaschensammlerinnen und -sammler, die die Studenten ansprachen, erwiesen

sich als überaus auskunftsfreudig. Das Ergebnis der Feldforschung findet sich im 180 Seiten starken Sammelband „Flaschensammeln. Überleben in der der Stadt.“ mit 22 Beiträgen, die einen bewegenden Einblick in die Seelenlage und Motivation der Befragten geben. Transkribierte Interviews stehen neben protokollierten Selbstversuchen und eigenen Beobachtungen. Renter, die sich ein Zubrot verdienen wollen, kommen ebenso zu Wort wie Migranten ohne Papiere, für die das Sammeln von Pfand-

Für viele ist Flaschensammeln eine absolute Notlösung in Ermangelung von Alternativen. Flaschensammeln sei dreckig ekelig, abwertend, verabscheuungswürdig und Menschen verachtend, sagt Herr M., ehemals Diplomingeneur. „Ich sammle, weil ich das Geld brauche! Wenn ich am Tag meine drei bis vier Euro nicht bekomme, dann habe ich am Abend auch nichts zu essen.“ Es finden sich auch positive Sichtweisen: Manche sehen Flaschensammeln als Zeitvertreib an der frischen Luft oder als Möglichkeit, den Tag zu strukturieren. Doch weitaus häufiger handeln die Gespräche von Scham, vom Ausgestoßensein, vom Leben am Rand der Gesellschaft. Das Kompendium lenkt die Aufmerksamkeit auf die „Klasse der Unterversorgten“, die die „Reste des in der Öffentichkeit feiernden und trinkenden Mittelstands“ abräumt. Die Äußerungen der Sammler sind ebenso differenziert und vielfältig wie ihre Strategien zum Überleben in der Stadt. Text: Barbara Schwarz, Frauke Niemann

Philipp Catterfeld, Alban Knecht (Hg.): Flaschensammeln. Überleben in der Stadt. UVK Verlag, Konstanz 2015, 184 Seiten, 24,99 Euro


Wort und Buch | 15

Erlesenes für Kinder Diese Bücher wurden auf die Probe gestellt, haben einen zweifachen Kinder-TÜV passiert. Seit einiger Zeit gibt es im Familienbereich der Kita Kiezeulen und Gleimstrolche das „Lesen für Kinder“. Wir stellen Ihnen ausgewählte Schätze dieser Vorlesestunden vor.

© Aufbau Verlag

© Verlag MINEDITION

© Aufbau Verlag

Kasimir hat einen Vogel

Ein Haus für den Bären

Doddlmoddl

von Wolfdieterich Schnurre

von Barbara Ortelli

von Wolfdieterich Schnurre

Kasimir Grünspan ist Schneider. Er schneidert Kostüme, näht Hosen und flickt Westen. Manche Menschen sagen, bei ihm piept‘s wohl. Er habe einen Vogel, so hört man. Eines Tages bekommt Kasimir tatsächlich Vogelbesuch. Dieser fühlt sich so wohl bei ihm, dass er nicht mehr weggeht. Am liebsten sitzt er auf Kasimir Grünspans Kopf, den jetzt Tag und Nacht ein Hut ziert wegen der scharfen Krallen seines neuen, ein wenig menschenscheuen Freundes. Der Vogel kann es gar nicht leiden, wenn Kasimir an seinen Kunden Maß nimmt. Und auch die Leute beschweren sich bei Kasimir: Wer einen Vogel hat, kann doch kein Schneider sein! Das macht Kasimir traurig. Er liebt seinen Beruf und inzwischen auch den Vogel. Was soll Kasimir jetzt bloß tun?

Im Land Baobab leben alle friedlich zusammen – in einem einzigen Baum, jeder in seinem Haus. Der Biber sammelt Holz und macht Feuer. Maus und Wildschwein pflücken Beeren, aus denen der Fasan Marmelade herstellt. Das Chamäleon wechselt die Farbe, wenn den Bewohnern Baobabs Gefahr droht. Als es eines Tages lila wird, machen sich die anderen Sorgen, dass es vielleicht krank ist. Doch was ist das? Am Baumstamm lehnt plötzlich ein riesiges fremdes Tier. „Ich bin ein Bär. Und ich weiß nicht, wo ich bleiben soll“, brummt es. Auf Baobab ist er nicht erwünscht: zu groß, kein Platz. Der Frosch wirft ein, dass der Bär bestimmt auch etwas gut kann. „Fische fangen“, sagt der Bär und alle sind begeistert. Am nächsten Tag beginnen sie, ein Haus für den Bären zu bauen.

Doktor Doddlmoddl kümmert sich um Tiere, die alle das gleiche Krankheitsbild aufweisen: Sie leiden an Menschen. Doddlmoddls unorthodoxe Heilmethoden verfolgen vor allem ein Ziel: „Das Wichtigste ist, dass die Tiere wieder begreifen lernen, sie haben einen eigenen Willen.“ So verabschieden sich seine geheilten Wellensittiche postwendend von der Käfigstange und machen sich auf in den Urwald. Tiere die noch nicht ganz soweit sind, können u.a. beim Ausflug in die Stammkneipe des Tierarztes ihre neue Freiheit beim Selbstbestellen erproben. Nach und nach besinnen auch sie sich auf ihre ungezähmte Natur, da ist sich Doddlemoddl sicher. So wie sein ambitionierter Vorzeigepatient, der ihm 23 Tage Gefängnis einbrockt. Ein ausgezeichetes Ergebnis, findet der Tierarzt.

Aufbau Verlag gebunden, 32 Seiten Altersempfehlung: 4-6 Jahre

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Der Bauch Berlins Auf den Spuren eines Industriedenkmals

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dem Berliner Umland lebend auf dem Viehhof angeliefert. Mit dem Zug wurden sie aus den östlichen Provinzen des Reiches nach Berlin transportiert, um an einem der zwei wöchentlichen Markttagen verkauft zu werden. Ihr letzter Weg führte sie zum Schlachthof, dort wurden die Tiere getötet, zerlegt und später in der Markthalle auf dem Alexanderplatz an die Berliner Fleischer verkauft. Hygienisch kontrolliertes Schlachten war ein Novum, das den schmutzigen Hinterhofmetzgereien ein Ende machen und

grassierende Cholera- und Thypusepidemien eindämmen sollte – die Folge gedankenloser Entsorgung von Schlachtabfällen und mangelnder Hygiene bei der Schlachtung selbst. Nach und nach entwickelte sich eine ganze Industrie zur Verarbeitung der Fleisch und Nebenprodukte auf dem Gelände. Alles wurde verwertet, die Häute zu Leder gegerbt, Knochen in der Knochenmühle zu Seife verarbeitet, aus Talk in der Talkschmelze künstliche Butter hergestellt und das Tierblut in der Albuminfabrik für die

Illustration: Dominik Joswig

uftrieb auf dem Schlachthof: Schweine 11.543, Rinder 2016, Kälber 920, Hammel 14.450. Ein Schlag, hatz, sie liegen.“ In Alfred Döblins Roman Berlin Alexanderplatz spiegelt der Mikrokosmos Zentralschlachthof die Härte und Roheit der Großstadt wider. Ohne Zweifel war es ein blutiges Geschäft, das auf dem 50 Hektar großen Gelände um die heutige Thaerstraße betrieben wurde. Seit seiner Eröffnung im Jahre 1881 wurden täglich Tausende Rinder, Kälber, Hammel und Schweine aus

Geführte Touren über das Gelände des Zentralvieh- und Schlachthof Berlin bietet das Museum Pankow an. Die zweistündigen Touren – zu Fuß oder mit dem Rad – kosten 120 Euro pro Gruppe.


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Foto: © Museum Pankow

Zu Füßen des Wasserturms, Garant für ausreichenden Wasserdruck für die vielen Wasseranschlüsse auf dem Gelände, wird eine Gruppe Rinder zum Schlachthaus geführt.

dem einer neuen Bebauung weichen. Einige steinerne Zeugen Berliner Industriegeschichte sind aber noch erhalten. Damit der sogenannte „Bauch Berlins“ nicht in Vergessenheit gerät, haben sich das Museum Pankow, die Steremat AFS GmbH und das Geschichtsbüro Müller zusammengetan und laden auf www.schlachthof-berlin.de zu einem virtuellen Rundgang über das geschichtsträchtige Gelände ein: Mithilfe einer interaktiven Karte mit zwölf Stationen (s. Bild links unten) kann man sich ausfürlich über die ältere und jüngere Vergangenheit des Komplexes informieren. Natürlich kann die dort beschriebene Tour auch live vor Ort nachvollzogen werden. Das Museum Pankow bietet auch geführte Touren über das Gelände an. KONTAKT Telefon: 0178.8384038 E-Mail: zentralviehhof@gmail.com

Auf immerhin 110 Jahre sollte es der Zentrale Vieh- und Schlachthof Berlin letztlich bringen. Zu DDRZeiten in Fleischkombinat umbenannt, stellte er nach dem Fall der Mauer 1991 seinen Betrieb ein. Viele der alten Hallen mussten seit-

Foto: © Museum Pankow

pharmazeutische Industrie aufbereitet. Die Größe und Modernität der Anlage – es gab eine funktionierende Kanalisation, gepflasterte, beleuchtete Wege und Warmwasser, keine Selbstverständlichkeit um 1900 – waren für diese Zeit beachtlich: der Zentrale Vieh- und Schlachthof war einer der größten Europas. Noch vor Beginn des zweiten Weltkrieg hatte er sich zu einer regelrechten Touristenattraktion entwickelt, was ein gedruckter Führer bezeugt, der 1910 bereits in sechster Auflage erschien.

Im Fleischschauamt wurde das Schlachtfleisch auf Unbedenklichkeit getestet. Nur Fleisch, das einen Qualitätsstempel erhielt, durfte das Gelände verlassen. Text: Frauke Niemann


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Höchstens siebeneinhalb Die Lesebühne „Crazy Words“ Höchstens sieneneinhalb Minuten! So lang darf ein Textbeitrag für die Lesebühne „Crazy Words“ sein.

Rolf Gänsrich hat „Crazy Words“ ins Leben gerufen, er erzählt von den Anfängen der Lesebühne, der Motivation und den Autoren. Eine der Stammautoren von Crazy

Words ist Juliane Beer von rockradio, seit 2013 im Boot. Sie spricht sich für mehr Frauenpower auf Berlins Lesebühnen im Allgemeinen und der Crazy-Word-Bühne im Besonderen aus. MITTENDRIN: Wie kam es zu Crazy Words? ROLF GÄNSRICH: Da muss ich etwas ausholen! Ab 2003 veranstaltete die Künstlergruppe „Diesseits im Jenseits“ immer donnerstags Autorenlesungen mit Livemusik in einer Kneipe in der Raumerstraße, die es heute nicht mehr gibt. Ich

kam als Redakteur der Prenzlberger Ansichten, weil ich einen kleinen Veranstaltungsartikel schreiben wollte. Die Truppe und die Atmosphäre waren so anregend, dass ich von da an jede Woche wiederkam und schließlich ein Dauerlesegast der Künstlergruppe wurde. Irgenwann teilte sich die Truppe. Ein Teil blieb „Diesseits im Jenseits“, ein anderer Teil wurde zu den „Be-TonWerkern“, die in der Schachkneipe En Passent in der Schönhauser Allee weitermachten. Eine Zeitlang hielt ich „Diesseits im Jenseits“ noch die Stange, dann gründete ich Crazy

Foto: © Marvin Siefke / PIXELIO

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n jedem 4. Sonntag im Monat trifft sich ein kleiner Kreis von Stammautoren in Speiches Rock- und Blueskneipe in der Raumerstraße, um eigene Texte vorzutragen. Natürlich können auch Gäste Selbstverfasstes zu Besten zu geben, oder einfach nur zuzuhören. Jede Veranstaltung wird live auf rockradio.de übertragen.


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Words. Zunächst trafen wir uns in Kreuzberg. 2010 ging es dann in den Prenzlauer Berg in eine Nähstube in der Schliemannstraße, die leider im Sommer 2013 schließen musste. Auf der Suche nach einem neuen Ort wurden wir dank Thilo Schwarz-Schlüßler im ZENTRUM danziger50 fündig. 2015 wechselten wir dann in Speiches Blueskneipe. MITTENDRIN: Was motiviert dich weiterzumachen, immer wieder auf die Bühne zu gehen? ROLF GÄNSRICH: Erstmal: Dieses Gefühl, auf der Bühne live und quasi nackt zu stehen, ist unglaublich schön. Genauso wie der Applaus. Zum anderen hole ich mir auf der Bühne die Lockerheit, die ich für meine Hörfunksendung OKbeat bei alex-radio brauche. Und es gibt mir Sicherheit, das Gefühl, alles moderieren zu können, selbst wenn Unvorhersehbares passiert. Außerdem ist meine Triebfeder, jungen Künstlern, die ich z.B. auch schon in meiner Sendung zu Gast hatte, eine Bühne zu bieten, auf der sie auftreten können. Oder andersherum: ich lade auch immer wieder neue Leute, die bei Crazy Words auftauchen zu OKbeat, so dass sich beides immer gegenseitig befruchtet. MITTENDRIN: Bei euch mischen sich alte und neue Hasen auf der Bühne? ROLF GÄNSRICH: Ja, unsere Stammautoren sind Juliane Beer, Dave, der von Beginn an mit dabei war, Wolfgang Endler und Wolfgang Weber und icke natürlich. Es

kann jeder vorbeikommen und im zweiten, offenen Teil von Crazy Words, seine Beiträge darbieten, ganz egal, ob Musik, Text oder artistische Vorführung. Wir verstehen uns nicht als reine Lesebühne, sondern als Kleinkunstbühne. Da Crazy Words ja auch live bei rockradio ausgestrahlt wird, müssen wir uns alle an gewisse Hörfunkregeln halten. Die wichtigste Regel sagt: kein einzelner Wortbeitrag sollte länger sein als maximal siebeneinhalb Minuten. Um das hinzubekommen, muss man ein bisschen üben. 1. Tipp: Stellt euch Zuhause vor einen Spiegel und lest laut mit Stoppuhr den eigenen Text 2. Tipp: Siebeneinhalb Minuten entsprechen ungefähr einer Textlänge von anderthalb Seiten „Times New Roman“ bei Schriftgröße 12. MITTENDRIN: Juliane, du bist momentan die einzige Frau im Stammautorenkreis. Hast du eine Idee, warum dass so ist? JULIANE BEER: Grundsätzlich sind Männer bei Berliner Lesebühnen überrepräsentiert. Woran das liegt? Vielleicht daran: Männer sind in der Regel selbstbewusster als Frauen. Also trauen sie sich auch eher als Frauen mit einem selbstverfassten Text auf eine Bühne zu steigen. Also, Ladies: Nicht zögern, ihr seid bei uns herzlich willkommen! Entweder man kommt regelmäßig zur Lesung der Stamm-Autoren ab 16 Uhr, oder man kommt einmalig als Gast-LeserIn zur offenen Bühne

CRAZY WORDS Die halboffene Kleinkunstbühne Crazy Words findet jeden 4. Sonntag im Monat statt.

Wo? Speiches Rock- und Blueskneipe Raumerstraße 39 10437 Berlin Wann? ab 16 Uhr: Stammautoren ab 17 Uhr: Gastautoren

ab 17 Uhr. Wir sind aber gar nicht so streng, wie es jetzt vielleicht aussieht – Gast-Leser dürfen auch mal ab 16 Uhr auf die Bühne und umgekehrt springen wir ab 17 Uhr ein, wenn niemand aus dem Publikum will. MITTENDRIN: Was wünscht ihr euch für die Zukunft? JULIANE BEER: Wir hoffen, dass wir noch lange in Speiches Bluesund Rockkneipe bleiben können und im Rahmen dieser kurzweiligen Sonntagnachmittage noch viele nachdenkliche, amüsante, traurige, alberne und todernste Texte zu hören bekommen! Interview: Barbara Schwarz, Frauke Niemann


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Stadtnatur-Filmfest

Foto und Plakat: © Wild Bunch

Dokureihe im Museum Pankow am Wasserturm – Eintritt frei!

Das Museum Pankow lädt zum Doku-Filmfest zum Thema „Stadtnatur“ im Rahmen der Ausstellung NATUR ENTDECKEN IN BERLIN-PANKOW, PRENZLAUER BERG UND WEIßENSEE ins Kultur- und Bildungszentrum Sebastian Haffner. Alle Filmabende sind kostenlos. Los geht es im November mit „More than Honey“, einer Dokumentation über das weltweite Bienensterben und seine Ursachen. More Than Honey 12. November 2015, 19 Uhr Mehr als ein Drittel unserer Nahrungsmittel ist abhängig von der Bestäubung durch Bienen. Der Physiker Albert Einstein soll gesagt haben: Wenn die Bienen aussterben, sterben vier Jahre später auch die Menschen aus. Beginnend bei einem Imker in den Schweizer Bergen ist Markus Imhoof rund um die Welt gereist. In die USA, wo die Bienen in industriellem Maßstab von Monokultur zu Monokultur

transportiert werden, oder nach China, wo in gewissen Regionen die Blüten bereits von Hand bestäubt werden müssen. Er trifft in Arizona Fred Terry, der sich auf Killerbienen spezialisiert hat, in Österreich die Familie Singer, die Königinnen züchtet und in die ganze Welt verschickt. Schlussendlich sind wir in Australien, wo das Bienensterben noch nicht angekommen ist und wo die junge Familie Baer-Imhoof ihre Forschung betreibt. Nach dem Film im Gespräch: Die Berliner Imkerin Angelika Sust und Museumsleiter Bernt Roder


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Sprechende Gärten

Im Himmel, unter der Erde

03. Dezember 2015, 19 Uhr

14. Januar 2016, 19 Uhr

AUSSTELLUNG NATUR ENTDECKEN IN BERLIN-PANKOW, PRENZLAUER BERG UND WEIßENSEE

Plakat: © Teresa Beck

Plakat: © Amélie Losier/Britzka Film

DIE BERLINER URBAN GARDENING BERWEGUNG

DER JÜDISCHE FRIEDHOF BERLIN WEISSENSEE

Überall sind sie zu finden, verwilderte und geordnete, kleine und große Gärten, an Straßenecken, auf alten Brachflächen und nun auch auf den Berliner Dächern. Mit neuem Bewusstsein setzen sich die Bürger für den Wandel ihrer Stadt ein. Sie wollen es grüner haben, ihr eigenes Obst und Gemüse anbauen und verstärkt in der Gemeinschaft aktiv ihre Stadt mitgestalten. Neben dem sozialen Aspekt spielt oft auch ein politisches Engagement eine Rolle. Diese aktuelle Entwicklung wird im Dokumentarfilm „Sprechende Gärten – Die Berliner Urban Gardening Bewegung“ exemplarisch an sieben verschiedenen Gartenprojekten des Berliner Stadtraums gezeigt, ihre Besonderheit und Vielfältigkeit herausgestellt.

Im Norden der Stadt, versteckt in einem Wohngebiet, umgeben von Mauern und bedeckt von einem Urwald aus Bäumen, Rhododendron und Efeu liegt der Jüdische Friedhof Berlin-Weißensee. Er wurde 1880 angelegt, ist 42 Hektar groß, hat derzeit 115.000 Grabstellen und immer noch wird auf ihm bestattet. Weder der Friedhof noch sein Archiv sind je zerstört worden – ein Paradies für Geschichten-Sammler. Britta Wauer und ihr Kameramann Kaspar Köpke waren immer wieder auf dem Jüdischen Friedhof und haben einen höchst lebendigen Ort vorgefunden. Menschen aus aller Welt kommen dort hin und können von jüdischer, Berliner und zugleich deutscher Geschichte erzählen, von der dieser Ort erfüllt ist.

Nach dem Film im Gespräch: Die Filmemacher Teresa Beck und René Reichelt mit Museumsleiter Bernt Roder

Nach dem Film im Gespräch: Filmemacherin Britta Wauer und Museumsleiter Bernt Roder

Der Bezirk Pankow gilt zu Recht als einer der grünen Bezirke Berlins. Wie vielfältig und unterschiedlich die Grünflächen und deren Fauna und Flora ausgestattet sind und welche Nutzungsmöglichkeiten für die Berliner und deren Gäste bestehen, zeigt und präsentiert mit allen Sinnen ein übergreifendes Ausstellungsprojekt im Museum Pankow. Außerdem widmet sich die Schau den aktuellen Trends und Entwicklungen der aktiven Initiative zur Schaffung, Pflege und Erhalt des Grüns in der Stadt (Urban Gardening). Die Ausstellung „Natur entdecken in Berlin-Pankow, Prenzlauer Berg und Weissensee“ wird noch bis zum 7. Februar 2016 dienstags bis sonntags 10-18 Uhr gezeigt.

MUSEUM PANKOW AM WASSERTURM Prenzlauer Allee 227/228 10405 Berlin www.j.mp/stadtnaturfilmfest


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Made in Zvizzchi Myvillages: Die Keramikwerkstatt Yad Chanah unterstützt internationalen Kulturaustausch

Fotos: Thomas Sprenger

Antje Schiffers und Wapke Feenstra von der internationalen Künstlergruppe Myvillages.org

Im russischen Dorf Zvizzchi, gelegen im malerischen Ugratal, hat ein Fund für Aufregung unter den Dorfbewohnern gesorgt: Tonerde direkt vor der Haustür!

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it Unterstützung des Berliner Keramikmeisters Chajim Harald Grosser entstanden daraus in mehreren Workshops vor Ort Behälter für Heilkräuter, Teller und anderes Schönes und Nützliches. Hierfür wurde eigens ein Holzbrandofen gebaut. Die extrem hohen Temperaturen beim Brennen, Rauch und Feuer verleihen den Stücken aus Zvizzchi eine ganz eigene Färbung und Oberfläche. Bis zum 25. Oktober waren die Keramiken zusammen mit anderen Erzeugnissen „Made in Zvizzchi“

im Rahmen der Ausstellung „Natürlicher Tausch. Internationaler Dorfladen“ in der Moskauer Galerie Bogorodskoje zu sehen. Im März nächsten Jahres soll der „Internationale Dorfladen“ nach Leipzig kommen. Die Ausstellung ist Teil des Projektes „Myvillages“, das die Künstlerinnen Wapke Feenstra und Antje Schiffers ins Leben gerufen haben. Es geht darum, lokale Geschichten, sprich Dorfgeschichten, zu erzählen und in partizipativen Kunstprojekten erlebbar zu machen, das Wechselverhältnis von Land und

Stadt zu beleuchten und Impulsivefür weitere kreative Aktivitäten zu geben. Text: Frauke Niemann


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Kolumne: Der Springende Punkt

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allöle, alle mal herhören… da bin ich wieder,

ich bin noch ganz außer Atem! Na, ich hab gestern vielleicht eine Geschichte erlebt. Da ich lange nich in unseren Kitas war, wollte ich das mal nachholen. Spring ich also los. Auf der Straße hab ich noch ein bisschen in die Schaufenster der Läden gekuckt. So hab ich auch nich rechtzeitig bemerkt, dass ein Hund auf mich zukam. Kein allzu großer, aber seine Geschwindigkeit war beachtlich. Frauchen hatte so eine Leine, die immer länger wird, wenn der neugierige Hund es möchte. Glücklicherweise war das Ende der Leine kurz vor mir erreicht! Er bellte mich an, und ich hatte Angst, dass er mich mit einem Schnaufer einatmen würde – so klein, wie ich bin, hi, hi, hi. Und obendrein hör ich doch Frauchen sagen: „Keine Angst, der will doch nur spielen!“ Hä, spielen? Der Hund?? Mit mir??? Aber nachdenklich bin ich doch geworden. Spielen? Der Hund? Na klar, Tiere spielen auch, genauso wie die Kinder in den Kitas. Warum aber spielen Tiere, Kinder und sogar Erwachsene? Das frage ich mich, weil doch heutzutage alles auf Resultate ausgerichtet ist. Spielen is doch unnütz, weil das doch

nur Zeitvertreib is, oder? Natürlich nich!!! Viele wissenschaftliche Untersuchungen haben längst den Stellenwert des Spiels für die Entwicklung von Mensch und Tier nachgewiesen. Spielen ermöglicht gemeinsame Erlebnisse. Kinder lernen bei Wettspielen, dass sie nich nur immer Gewinner sein können. Verlierer zu sein, ist zwar nich unbedingt schön, aber wer rechtzeitig lernt, solche Situationen zu akzeptieren, der wird im Leben besser zurechtkommen. Beim Spiel in Gruppen lässt sich prima lernen, anderen Gruppenmitgliedern zu helfen, um gemeinsam zum Ziel zu gelangen. Darauf baut ja auch ein Großteil der Sportarten auf: Ballspiele, Staffelläufe und andere Wettbewerbe. Gut für die kindliche Entwicklung sind auch viele unterschiedliche Lernspiele. Besonders wichtig ist das Freispiel, hier können die Kleinen zum Beispiel in Rollenspielen wie „Vater, Mutter, Kind“ Erlebtes nachspielen und verarbeiten. Auf Schritt und Tritt begegnen wir dem und den Spielen. Nun gibt es natürlich auch Spiele, die einer allein spielt, z.B. eine Patience legen schweres französisches Wort. Es bedeutet: Geduld, also etwa: geduldig Spielkarten in eine ganz bestimmte Reihenfolge oder Anordnung zu

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legen. Solche Spiele stärken das geistige Vermögen. Hm, ungeduldig werde ich, wenn ich die vielen Menschen sehe, die auf der Straße spielen. Die haben so einen kleinen Kasten in der Hand, auf dem sie mit ihren Daumen herumtrommeln. Liebe Leute, lasst euch sagen: Das is nich gut! Wenn ihr zusätzlich noch Kopfhörer aufhabt, dann kriegt ihr doch von dem ganzen Verkehr nix mehr mit und gefährdet euch und die anderen Passanten und Fahrzeuge! Aber, da rede ich wohl gegen die sprichwörtliche Wand, wa? Genug der Belehrung! Ich war ja dann noch in der Kita. Und da erwartete mich eine Überraschung. Ich hatte gedacht, viele Spielsachen vorzufinden. Aber denkste! Nix davon war zu sehen. Die Kinder spielten im Freien mit Ästchen, Sand, Blättern und verschiedenen Sachen, die sie in der Umgebung fanden, beobachteten Käfer … Ich ging spornstreichs zur Leiterin, um mich zu beschweren, dass die Kinder kein Spielzeug haben. Doch erfuhr ich von ihr, dass dies ein pädagogisches Konzept is, um die Kreativität der Kinder zu wecken und zu fördern. Sie nennen das „spielzeugfreie Zeit“. Super, kannte ich nich. Is ja so: wenn nix da is, muss ich mir was einfallen lassen. Und den Kindern fällt jede Menge ein, das wissen wir alle. Und, meine hochgeschätzte Leserschar, heut am Abend mal die Fernsehberieselung zugunsten eines familiären Würfel- oder Kartenspiels zurückstellen? Wär das nich was? Schreibt mir doch einfach mal, wenn ihr es getan habt, denn „Das Spiel ist uns wichtig seit eh und je“, meint der Springende Punkt vom KVPB. (pad)


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Bilderrätsel

Wat? Wo steht denn ditte?

„Wrinkles of the city“, heißt sein weltweites Pasting-Projekt, das JR – sein richtiger Name ist nicht bekannt – u.a. schon nach Cartagena, Shanghai, Los Angeles, Havanna und Istanbul geführt hat. Die Idee ist ebenso einfach wie bestechend: JR fertigt überdimensionale Schwarzweiß-Portraits von ältern Bewohnern der jeweiligen Städte an und klebt seine großformatigen Arbeiten an ausgewählte

Foto: Frauke Niemann

Wer bei dem Kürzel JR nur an Dallas denkt, dem sei geraten, offenen Auges durch Berlin zu gehen. Vielleicht sichtet der eine oder andere ja dabei den überlebensgroßen alten Herren, den der französische Street-Art-Künstler JR an eine prominente Hauswand, irgendwo zwischen Mitte und Prenzlauer Berg, tapeziert hat.

Gebäuden. Er installiert auf diese Weise Zeitzeugen der urbanen Transformationen: die Falten der Stadt. Ursprünglich waren es 13 Werke, die die Berliner Straßen schmückten, viele sind der Witterung zum Opfer gefallen, wurden abgerissen oder verbaut. Unser Mann hält aber noch die Stellung! Wenn sie wissen, wo er sich befindet, senden Sie Ihre Lösung

bitte bis zum 20. Januar 2016 an mittendrin@kvpb.de. Unter allen Mitratern verlosen wir ein Neujahrsüberraschungpaket. Des Rätsels Lösung: In der letzten MITTENDRIN-Ausgabe haben wir Karsten E.W. Kunerts Windskulptur gesucht, zu finden auf dem Helmholtzplatz. Text: Frauke Niemann

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Impressum

Die MITTENDRIN ist das kostenlose Kiezmagazin des Kulturverein Prenzlauer Berg e.V. Es erscheint alle zwei Monate in einer Auflage von 2.000 Stück. Wir freuen uns über jede Wortmeldung – ob Alltägliches oder Kurioses, kleine oder größere Aufreger, Lob oder Kritik.

Herausgeber: Kulturverein Prenzlauer Berg e.V., Danziger Str. 50, 10435 Berlin | Redaktion: Barbara Schwarz, Frauke Niemann | ViSdP: Der Vorstand | Layout: Henriette Anders | Satz und Bildredaktion: Frauke Niemann

Ganze Artikel sind genauso willkommen wie Themenvorschläge, Leserbriefe, Hinweise auf inspirierende Lektüre oder spannende Veranstaltungen in Prenzlauer Berg. Aktuelle und vergangene Ausgaben finden Sie hier: www.kvpb.de/mittendrin.

Redaktion MITTENDRIN Barbara Schwarz | Frauke Niemann Danziger Straße 50 - 10435 Berlin Tel: 030/346 235 39 | 030/490 852 37 Mail: mittendrin@kvpb.de

Der Redaktionsschluss für die nächste Ausgabe ist der 15.01.2016. Ihre Beiträge senden Sie bitte an: mittendrin@kvpb.de.

MITTENDRIN November-Dezember-Januar 15|16  

Magazin für Kultur und Bildung in Prenzlauer Berg

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