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Magazin für Kultur und Bildung in Prenzlauer Berg

Versagen Kulturverein Prenzlauer Berg e.V. – April | Mai | Juni 2015 – kostenlose Ausgabe


IN MITTENDRIN Thema »Versagen«« Schön scheitern

Das Letzte

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Wat? Wo steht denn ditte?

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Bilderrätsel

Muss eigentlich immer alles glattgehen?

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Impressum

Dem Scheitern auf der Spur: ein Gespräch

Shortstories Fair kaufen

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Ein Herz für nachhaltige Mode

Jeder kann etwas Besonderes

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Mit myKomp@tenz die eigenen Stärken kennenlernen

DIE Mädchen und DIE Jungen gibt es nicht

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Geschlechterstereotype und Erziehung

Shaina Pali

EDITORIAL »Im Leben fängt man dann und wann wieder mal von vorne an« (Wilhelm Busch )

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Eine Kurzgeschichte von Astrid Düerkop

Wort und Buch Ne reine Weltidee!?

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Markus Gabriel: Warum es die Welt nicht gibt

Kolumne: Der springende Punkt

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...sagt: Die Letzten werden die Ersten sein

Erlesenes für Kinder

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Viele Bücher machen klücher

(Kiez-)Kultur Von Schweinebäuchen und Mauerspechten

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Unterwegs mit Kiezspaziergänger Rolf Gänsrich

22 Jahre Kiezladen "Zusammenhalt"

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Nachbarschaftshilfe gestern und heute

Weiberheld!? Mit Tucholsky im Bett Die etwas andere Biographie im ZENTRUM danziger50

„Scheitern ist das Tabu der Moderne“, sagt Soziologe Richard Senett. Dabei kennt sie jeder, die Angst vor dem Versagen, vor Niederlagen und Misserfolgen. Trotzdem sprechen wir nicht gern über das, was schiefläuft. Zu eng liegt "versagt haben" und "Versager sein" für viele beieinander. In dieser Ausgabe scheitern wir mit Vorsatz. Mehr noch: Wir zelebrieren das "schön(e) Scheitern" (S. 3 f.). Vermeintliche Versager bevölkern auch unsere Buchtipps für Kinder (S. 15): Was machen eigentlich Hexen mit Zauberspruchamnesie oder Prinzessinen, die Schweineställe Schloss und Krone vorziehen? Und sonst? Wie immer stellen wir Ihnen Kiezschmankerl, interessante Orte und Menschen in und aus Prenzlauer Berg vor. Wie wäre es z. B. mit einer Kiezentdeckungstour per pedes? Aber Obacht, "Schweinebäuche und Mauerspechte" (S. 16 f.) auf halb sechs. Wir laden Sie ein, einen Abend mit dem Weiberhelden Tucholsky (S. 19) zu verbringen, dem wohl größten Lästermaul der Weimarer Rebublik. Last but not least machen wir einen Ausflug in Dornröschens Reich. Lassen Sie sich nicht ins Bockshorn jagen, böse Feen sind nicht zugegen, stattdessen zauberhafte SeconhandKleidung ("Fair kaufen", S. 6 f. ).

Viel Spaß beim Lesen!

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Barbara Schwarz und Frauke Niemann (Redaktion MITTENDRIN – ein Magazin des Kulturverein Prenzlauer Berg)


Versagen

Schön scheitern Versuch macht klug, weiß der Volksmund. Aber nehmen wir es wirklich so gelassen hin, wenn wir große oder kleine Projekte in den Sand setzen, Dinge vermasseln, Fehler machen – kurzum scheitern? Das Trial-and-Error-Prinzip hat sich bewährt, evolutionär gesehen. Woran liegt es also, dass das Versagen einen schlechten Ruf hat? Ausgenommen natürlich das Versagen, das als Erfolg umgedeutet wird!

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s gibt sie, die Musterknaben des Scheiterns, die laut und vernehmbar über ihren Erfolg berichten, den sie der Erfahrung des Scheiterns verdanken: Die jungdynamischen Unternehmer, die mit ihrem ersten Startup baden gegangen sind, das zweite gegen die Wand gefahren und mit dem dritten Millionen verdient haben. Als Verlierer getarnte Gewinner haben Konjunktur und geben ihr Fail-Forward-Mantra in Zeitungen, Illustrierten, Funk und Fernsehen zum Besten. Sie machen das

Scheitern salonfähig und lassen andere freimütig an ihren Fehlern teilhaben, damit sie daraus lernen können. Das wirft Fragen auf: Gibt es gutes und schlechtes Scheitern? Verflixt, kann man jetzt auch schon am Scheitern scheitern? Ja, zumindest, wenn es sich so passgenau in die Logik unserer Leistungsgesellschaft einfügt. Scheitern ist gut, solange daraus Erfolg erwächst, solange wir es überwinden und dank der gewonnenen Einsichten das Karriere-Treppchen weiter hinaufsteigen

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Versagen oder ökonomischen Nutzen daraus ziehen können. Das andere, das existenzielle Scheitern, das sich nicht nachträglich in eine Erfolgsgeschichte verwandeln lässt, hat wenig mediale Fürsprecher. Im Gegenteil, zappt man ziellos durch die TV-Programme, ist die Wahrscheinlichkeit groß, auf ein Format zu stoßen, das vermeintlich gescheiterte Existenzen an den Pranger stellt – unter dem Hilfe- und Beistands-Deckmäntelchen versteht sich. Wir sehen überforderte "Teenie-Mütter" ("Wenn Kinder Kinder kriegen"), Menschen am finanziellen Abgrund ("Raus aus den Schulden"), Abnehmwillige, die sich aufgrund ihres Gewichts im sozialen Abseits verorten ("The Biggest Loser"), Alkoholiker, Essgestörte oder anderweitig Krisengebeutelte ("Hilf mir doch"), die psychologisch fragwürdige Lebenshilfe erhalten. Die Fernsehmacher lachen sich ins Fäustchen. Ihre Rechnung geht auf: hohe Einschaltquoten, minimaler Produktionsaufwand, schnell verdientes Geld. Zuschauerhäme gibt es gratis obendrauf. Eine explosive Mischung aus Schadenfreude, Besserwisserei und Voyeurismus. Und, nicht zu vergessen, das gute Gefühl auf der Gewinnerseite zu stehen, angesichts all der "Verlierer", die uns hier vorgeführt werden. Hier liegt der sprichwörtli-

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»Immer versucht. Immer gescheitert. Einerlei. Wieder versuchen. Wieder scheitern. Besser scheitern.« (Samuel Beckett)

che Hund begraben: Beim Scheitern geht es immer auch um Moral, und wir empfinden – mal mehr, mal weniger heimlich – moralische Überlegenheit, wenn andere sich die Blöße geben. Ähnliche Mechanismen sind am Werke, wenn Politiker oder andere öffentliche Personen sich in die Nesseln setzen. Sie bekommen heute postwendend die Quittung in Form

eines ausgewachsenen Shitstorms (zu Deutsch: Empörungswelle), frei nach dem Motto, wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen. Das wohl prominenteste Beispiel ist Herr von und zu Guttenberg, unser Adliger mit Promotionshintergrund, der in der wochenlang die heimischen Medien beherrschenden Fußnoten-Affäre ohne Frage keine gute Figur gemacht und obendrein unterirdisches Krisenmanagement betrieben hat. Aber hat die sturmerprobte oberfränkische Wettertanne (Guttenberg über Guttenberg) soviel Gegenwind verdient? Netzbashing ist anonym und konsequenzenlos und gerade deswegen mittlerweile Volkssport. Brauchen wir solche Ventile, weil wir nie gelernt haben, vernünftig mit Fehlern umzugehen? Ist die Angst vor ihnen so groß, dass wir lieber schnell mit dem Finger auf andere zeigen, um ja nicht selbst ins Visier genommen zu werden? Nicht nur Unternehmen brauchen eine bessere Fehlerkultur – die Wirtschaft hat das Scheitern längst als Innovationsmotor entdeckt – wir selbst sollten hin und wieder Innenschau betreiben und uns und anderen Fehler verzeihen, oder sie sogar begrüßen, als etwas, das uns weiterbringt. Denn sonst bleibt uns die schöne Seite des Scheiterns verborgen. Text und Fotos: Frauke Niemann


Muss eigentlich immer alles glattgehen? Dem Scheitern auf der Spur: ein Gespräch offen über Fehler und Schwächen sprechen, sozusagen ein Role Model des Scheiterns? Ja, denn es ist die Angst vor Fehlern, die dafür verantwortlich ist, dass man immer den vertrauten Weg geht, den den man kennt, und dem Ungewohnten, dem Neuen ablehnend gegenübersteht. Wir haben ja alle unsere Strickmuster im Kopf. Wenn offener über das Scheitern gesprochen würde, wäre das ein positives Signal: Scheitern ist normal. Es gehört zum Leben dazu. MITTENDRIN: Spürt ihr denn so etwas, wie eine gesellschaftliche Erwartungshaltung? Vielleicht eher einen latenten Druck. Im Vordergrund stehen eher die eigenen Ansprüche, denen man zu Schnell ausfindg gemacht: Schwarze Schafe. Foto: © Uwe-Jens Kahl / PIXELIO genügen versucht. Eine innere Stimme, die sagt „falsch gemacht“, Gemeinsam mit dem Team und den jungen, alleinerziehenden Frauen aus der „völlig ungenügend“ „vollkommen Einrichtung "Betreutes Wohnen (NICHT)ALLEIN MIT KIND" in der Kollwitzstraße wollen wir dem überflüssig“. Das kann etwas Konkretes sein, oder etwas schwer Fassunbequemen Thema "Versagen" auf den Grund gehen. bares. Beispiel Familie: Die eigenen Kinder kommen in die Pubertät, und man nimmt sich fest vor: Ich verhalte Funktionieren oder Versagen unterschieITTENDRIN: Scheitern als mich so, wie ich es mir in dieser Phase von den, Zwischenschritte zählen da nicht. Chance begreifen, das ist meinen Eltern gewünscht hätte, mache es Dabei kann man sich doch auch einfach oft leichter gesagt als gebesser, bin verständnisvoller. Dann geht mal über einen Minierfolg freuen. Das motan. Meist wird die Zeit nach der Plan nicht auf und ganz schnell stellt tiviert auch im Alltag. Oft wird leider nur einem Misserfolg als notwenige Lücke sich das Gefühl ein: Ich habe es nicht gedas Negative wahrgenommen, das Posibeschrieben, in der Ideen und Kräfte schafft, ich bin ein Versager. tive ist so … normal. Und wenn es heißt, langsam wieder entstehen. Wie geht ihr

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mit der Erfahrung des Scheiterns um? Es stimmt schon, man lernt aus falschen Entscheidungen, aus Momenten in denen etwas nicht so läuft wie geplant, aus persönlichen und beruflichen Niederlagen. Störend ist aber das Schwarz-Weiß-Denken vieler: es wird nur zwischen Gewinnern oder Verlieren,

du schaffst das, schwingt dabei auch immer gleich mit, du musst das schaffen. MITTENDRIN: Es gibt eine Motivationsmethode: die des positiven Tagebuchs. Jeden Tag notiert man eine Sache, die man besonders gut gemacht hat. Was meint ihr, brauchen wir im Umkehrschluss mehr Versagens-Vorbilder, die

MITTENDRIN: Es ist also oft der Druck, den man sich selbst macht, die eigene zu hoch angesetzte Messlatte, die einen straucheln lässt? Ja. Es hilft, auch mal gelassener an Dinge heranzugehen. Das hat auch mit Umdenken zu tun!

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Shortstories

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ines steht jedenfalls fest: Wir shoppen wie von Sinnen. Etwa 20 Kilogramm Textilien verbraucht ein durchschnittlicher Europäer im Jahr. Amerikaner bringen es sogar auf 35 Kilo pro Kopf jährlich, schreibt Andreas Engelhardt in seinem Schwarzbuch Baumwolle.

Darf es ein bisschen mehr sein? Möglichst viel und möglich günstig scheint die Devise der Modekonsumenten allerorten. Und, wen wundert es? Fashionfastfood gibt es an jeder Ecke, zu Preisen, die das Schnäppchenjägerherz höher schlagen lassen. Der Mode-Beutezug hat sich mittlerweile zum Event gemausert. Nicht nur, dass ganze Teenie-Horden Billigketten wie Primark zwecks gemeinsamen Power-Dauershopping entern, nein, findige Fashionistas präsentieren ihren Fang – das neue Blüschen zu fünf Euro, oder das kleine Schwarze für nen Zehner – heute in sogenannten "HaulVideos". Damit erreichen sie auf einschlägigen Portalen im Netz schon mal über eine Million Klicks. Der Informationswert ist dabei fast durchweg überschaubar: „Das Top ist echt voll süß!“ Aber auch derjenige, der sein Konsumverhalten hinterfragt, kann sich meist nicht freimachen von der herrschenden Fast-FashionMentalität. Kaufen, wegschmeißen, kaufen, wegschmeißen. Modehäuser bringen heute pro Saison nicht mehr nur eine Kollektion heraus, sondern bis zu zwölf Kollektionen im Jahr. Auf diese Weise wird uns ständig suggeriert, wir müssten unseren Kleiderschrank mit neuen, gerade angesagten Teilen füllen, wollen wir nicht den textilen Anschluss verlieren und modisch hinterherhinken.

Fair kaufen! Ein Herz für nachhaltige Mode Kleidung ist neben dem Schutz gegen Sonne, Kälte oder Nässe auch ein Spiegel unserer Seele. Sie erzählt etwas über uns, über unsere innere Verfassung, über unsere Befindlichkeit und manchmal verrät sie mehr über uns, als uns selbst recht ist. Der eine bevorzugt das Experimentieren und braucht jeden Tag die Herausforderung des Kreativen, der andere liebt zerfledderte Jeans und ausgewaschene T-Shirts. Mit Kleidung kommunizieren wir, senden Signale. Kleidung benötigt jeder, vom Baby bis zum Greis, männlich oder weiblich. Aber muss es immer das schnelle Schnäppchen aus den Modeketten im Einkaufszentrum oder der extravolle, virtuelle Einkaufswagen im Online-Shop sein?

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Dass dieser kollektive Kaufrausch nicht ohne Folgen für die Umwelt bleiben kann, dürfte jedem klar sein, zumal sich die Produktionsstandards der Billigketten oft nicht wesentlich von denen der vermeintlich hochwertigeren Labels unterscheiden. Damit unsere Kleidung möglichst wenig knittert, die Farbe nicht ausbleicht und während des Transports aus dem Herstellungsland nicht schimmelt, werden unzählige Chemikalien bei der Produktion eingesetzt, was unsere, aber vor allem die Gesundheit der nur unzureichend geschützten Arbeiter in den Produktionsländern – meist Bangladesch, Indien oder China – gefährdet. Auch die Rohstoffe, die zur Herstellung benötigt werden, sind nicht unbegrenzt verfügbar. Das gilt für Erdöl, die Basis von Polyester, genauso wie für Baumwolle, die in den nächsten Jahren immer knapper werden wird. Ihr Anbau verschlingt außerdem Unmengen an Wasser. Der Versuch, die Baumwollerträge mittels Kunstdünger und Insektizidzufuhr zu steigern, vergiftet Böden und Trinkwasser langfristig. Auch vor Ort, quasi vor der Haustür, bekommen wir die Auswirkungen zu spüren, in Form von Müllbergen, auf denen viele aussortierte Kleidungsstücke nach kurzer Tragezeit landen. Dabei haben die meisten von ihnen erst etwa 30 Prozent ihres textilen Lebens hinter sich und könnten auf die eine oder andere Weise weiterverwendet werden.


Bewußter shoppen Die wohl nachhaltigste und ressourcenschonendste Form, Mode zu konsumieren, ist es, Kleidung und Accessoires gebraucht zu erstehen. „Berührungsängste braucht hier niemand zu haben“, sagt Katrin Schell, Inhaberin des SecondHand-Ladens Dornröschen in der Schönhauser Allee. „Das Sozialkaufhausimage, das manche vielleicht noch im Hinterkopf haben, haftet Second-Hand-Läden schon lange nicht mehr an. Im Gegenteil, gerade in Berlin gibt es Second-Hand-Mode für jeden Geschmack und Geldbeutel, vom Retrofundstück bis hin zur aktuellen Designerkollektion." In Dornröschens Reich, einem liebevoll dekorierten Souterrain-Geschäft unweit der Allee Arcaden, gibt es neben den obligatorischen Deko-Röschen aktuelle Damen- und Kindermode zu fairen Preisen. „Viele Eltern kaufen nur Second-Hand ein, weil sie die Erfahrung

gemacht haben, dass gerade kleinere Kinder mit Ausschlägen und Neurodermitis auf Neuware reagieren. Hier können sie sicher sein, dass die Sachen bereits einige Male gewaschen worden sind und den Giftstoffen damit der Garaus gemacht wurde." Bewußt leben, ohne zu verzichten: Wir haben die Wahl – und als Konsument auch Macht über den Markt. Wenn wir verstärkt auf Second-Hand-Angebote, Kleider-Tauschbörsen, fairproduzierte und langlebige Mode setzen, können wir etwas bewirken!

Dornröschen Secondhand Schönhauser Allee 64 10437 Berlin Telefon: 030 - 470 80 731 Öffnungszeiten Montag - Freitag 12-19 Uhr Samstag 12-16 Ihr

Text und Fotos: Frauke Niemann

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Shortstories

Jeder kann etwas Besonderes Mit myKomp@tenz die eigenen Stärken kennenlernen Das Zitronenspiel Im Zitronenspiel sucht sich jeder eine Zitrone und hat die Aufgabe, seine Frucht kennenzulernen und sich die Besonderheiten einzuprägen. Dann kommen alle Zitronen unter ein Tuch. Jeder muss seine ganz persönliche Zitrone ertasten und wiederfinden. Der Gruppe kann er nun beschreiben, woran er sie erkannt hat. Der Berufe-Stammbaum Im Berufe-Stammbaum werden alle Berufe eingetragen, die in der Familie oder im Freundeskreis vorkommen. Damit soll die Vielfältigkeit verschiedener Berufs- und Lebenswege vor Augen geführt werden.

Nur eine/r unter vielen?

„Entdecke deine Stärken!“, lautet das Credo des Lebens- und Berufsorientierungsprojekt myKomp@tenz©. Ins Leben gerufen hat es der Bund Deutscher Pfadfinderinnen Rheinland-Pfalz zusammen mit der Medienpädagogin Iris Brucker und der Sozialpädagogin Stefani Sobek.

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as von der Aktion Mensch geförderte Projekt begleitet Schüler, junge Erwachsene und Menschen in besonderen Lebenslagen auf dem Weg in ein selbstbestimmtes Leben und gibt Orientierungshilfen für die Zukunft. MyKomp@tenz setzt auf das Bewusstmachen der eigenen Fähigkeiten und Stärken und orientiert sich an den Interessen junger Menschen. Es gibt eine projekteigene Online-Plattform, die wie ein soziales Netzwerk organisiert ist, aber auch Offline-Gruppenarbeiten, die Arbeitsmethoden zur Selbstbeobachtung an die Hand geben und spielerisch soziale, personale und methodische Kompetenzen

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Foto: © ami / PIXELIO

vermitteln. Fast alle Spiele und Aufgaben, die in Präsenzveranstaltungen analog durchgeführt werden, finden parallel auch online im virtuellen Raum statt. Jede Gruppe, die an myKomp@tenz teilnimmt, ist eine geschlossene Community mit Passwort. Man kann sich untereinander Nachrichten schreiben, und jeder einzelne führt für sich ein Logbuch mit täglichen Einträgen. Einzig der Gruppenleiter kann das Logbuch lesen und versieht es mit wertschätzenden Kommentaren. So wird Lernen durch positive Erfahrungen zum Vergnügen. Die Teilnehmer werden im Laufe der Zeit immer sicherer in ihrer Selbsteinschätzung. Nach der Projektteilnahme gehen sie mit gestärktem Selbstbewusstsein und ihrem ganz eigenen Fähigkeiten-Portfolio in der Hand nach Hause und sind für verschiedenste Lebens- und Alltagsentscheidungen besser gerüstet. Hier einige myKomp@tenz-Spiele und -Aufgaben, die sich auch hervorragend zum Selbstausprobieren eignen:

Die Madonna-Methode In der "Madonna-Methode" von Sabine Asgodom ("So coache ich") sucht sich jeder eine Person aus, die für ihn Vorbildcharakter hat. Im nächsten Schritt werden die Merkmale und positiven Eigenschaften aufgeschrieben, die jeder dieser Person zuschreibt. Es wird sich zeigen, dass sich auch Eigenschaften auf der Liste finden, die schon in einem selbst stecken. 10 Stärken Hier gilt es, zehn Stärken aufzuschreiben, die man sich selbst zuordnet. Dazu erhält jeder ca. 80 Stärkekärtchen. Auf jeder Karte ist eine Stärke aufgelistet, z.B. „Kompromisse herbeiführen“, „andere tolerieren“, „gemeinsam eine Aufgabe lösen“, „offen für verschiedene Lösungen sein“, „künstlerisch/schöpferisch tätig sein“ und vieles mehr. Dann geht es an die Verdichtung: Aus den zehn Stärken wählt man die acht wichtigsten und schließlich die fünf wichtigsten aus. MyKomp@tenz eignet sich nicht nur für Schüler und junge Arbeitssuchende, sondern auch für Menschen am Scheideweg, Selbsthilfegruppen, Berufsrückkehrerinnen oder Flüchtlingsarbeit. Text: Barbara Schwarz


DIE Mädchen und DIE Jungen gibt es nicht Geschlechterstereotype und Erziehung Typisch Mädchen, typisch Junge. Mädchen mögen rosa Kleider und spielen gern mit Puppen. Jungs stehen auf Autos und die Farbe blau. Mädchen sind brav, Jungs raufen gern. Mädchen sind sprachbegabt, Jungs können Mathe. Geschlechtsbezogene Verhaltensweisen und Erwartungen sind bereits in den ersten Jahren von Bedeutung. Aber wie sozialisiert sich ein Mensch? Wie groß ist der Anteil der Familie, der Umwelt oder der genetischen Veranlagung? 4) Wie hoch ist der Frauenanteil im Deutschen Bundestag? 5) 2,2 Millionen Kinder wachsen in EinEltern-Haushalten auf. Wie viele Alleinerziehende sind Frauen (in Prozent)? Anschließend gab Kitaleiterin Manuela Deubel einen Überblick über die Grundsätze einer geschlechterbewussten Pädagogik. Viele Fragen wurden beantwortet, neue Fragen in der späteren Diskussion aufgegriffen. Auch auf anderen Wegen näherte man sich dem Thema: Anhand zweier Kinderbilder, einmal auf blauem Papier, einmal auf rosa Papier gedruckt, sollten männliche und weibliche Eigenschaften des Babygesichtes festgestellt werden. Obwohl beide Abbildungen identisch waren, wurde eine Geschlechterdifferenzierung festgemacht.

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m aktuellen Berliner Bildungsprogramm heißt es: „Die Geschlechtszugehörigkeit eines Kindes wird sowohl biologisch, psychologisch als auch sozial-kulturell unterschieden und hat einen Einfluss auf das Selbstbild von Kindern.“ Geschlechterbewußte Erziehung ist bereits in der Kita ein großes Thema. Im Familienbereich der Kita Gleimstrolche (Haus 2) hatten Eltern und Erzieherinnnen im Rahmen einer Elternfortbildung die Möglichkeit, sich darüber zu informieren und auszutauschen. Der Workshop begann mit einem kurzen Quiz, dessen Ergebnisse* (s. rechts unten) die Teilnehmer mitunter verblüffte. Folgende Fragen galt es zu beantworten:

1) Bis wann brauchten Frauen in Deutschland die Erlaubnis zur Aufnahme einer Erwerbstätigkeit von ihrem Ehemann? 2) Aus der französischen Verfassung: „Jedwede Frau, die sich wie ein Mann zu kleiden wünscht, ist gehalten, sich bei der Polizeipräfektur zu melden und eine Bewilligung zu beantragen, die nur aufgrund eines Zertifikats eines Beamten der Gesundheitsdienste ausgestellt werden kann.“ Wann wurde dieses Gesetz aufgehoben? 3) Wie viele der 76 in Deutschland existierenden Opernhäuser werden derzeit von Frauen geleitet?

Eine praktische Übung bildete den Abschluss. Die Eltern mussten mit langen Röcken ihre Bewegungsfreiheit unter Beweis stellen. Wie schnell kommt man damit auf den Stufenbarren an der Wand? Wie schnell kann man auf einem Liegenwagen vorwärtsrollen? Schnell stand fest: Eltern machen es Mädchen nicht leicht, wenn sie im Kitaalltag nicht auf bequeme Kleidung achten. Die Jeans ist ein größerer Garant für Bewegungslust und Freude am Toben. * 1) Juli 1977, 2) 2013, 3) Drei, 4) 36,5 Prozent, 5) 90 Prozent Text und Foto: Barbara Schwarz

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Shortstories

Shaina Pali Eine Kurzgeschichte von Astrid Düerkop Im Juni 2005 wurde Shaina Pali geboren. Als sie älter wurde, liebte sie das Wasser und kletterte auf kleine Felsen und versuchte mit den Krähen zu spielen. Shaina (hebräisch: die Schöne) Pali (thailändisch: die Hüterin) war als Baby in der Zeitung abgebildet. Christoph hatte mir den Artikel mit dem Foto mitgebracht. Ich schnitt das Foto aus und trug es immer bei mir. Vier Jahre später bekam Shaina Pali eine Schwester, Ko Raya. Sie verstarb mit zwei Jahren im Mai 2011. Da war Shaina Pali bereits über einen Monat tot. Morgens war sie gefunden worden. Sie lag auf der Erde. Mich verbindet mit Shaina Pali weit mehr, als die tragische Biografie der Elefanten des Berliner Zoos.

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it dem Foto in der Hand sitze ich in einem Zimmer auf der Bettkante. Gegenüber liegt eine junge Frau. Sie hat ihr Kind nach der Geburt nicht akzeptiert und ist depressiv geworden. Die andere Frau im Bett neben mir nimmt an einem Methadon-Programm teil. Sie ist schon länger hier als wir zwei Neuen. Meine ersten Gedanken, als ich am Morgen langsam zu mir komme: Welches Datum haben wir, welchen Wochentag und warum stehen Unmengen von Schalen, Bechern und Vasen aus Ton auf den zusammenstehenden, spintartigen Kleiderschränken? Oben auf der zugestellten Fläche ist kaum noch Platz frei. Töpferware dicht an dicht. Mir schwant Schlimmes. Drei Tage sind aus meiner Erinnerung vollständig gelöscht. Dass ich in der Psychiatrie liege, ist mir sofort klar. Die Keramiksammlung lässt nichts Gutes ahnen. Basteln, Töpfern, Therapie, Frühsport, Gruppenrunden, Einzeltherapie, Café-Be-

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trieb. Anfang der 90er habe ich in der Kinder- und Jugendpsychiatrie im Rahmen einer Studie mit magersüchtigen Mädchen gearbeitet. Sofort fühle ich mich zurückversetzt. Musikgruppe, Singen, Spielen und Tönen nachspüren, Bilder malen

und erklären, wie man sich gerade fühlt. Moni kündigt an, dass heute Bastelgruppe sei. Sie ist schon über zwei Monate hier. Daher die Unmengen an Töpferware. Jetzt gilt es, sich zu entscheiden: Perlen aufziehen, Körbe flechten, Seidenmalerei, Töpfern im Extra-Raum, mit Filz arbeiten. Auch Mandalas können ausgemalt werden. „Das kann ja heiter werden!“, ich beschließe missmutig, Perlen für ein Armband aufzuziehen, wähle die rot-schwarz

Variante. Und weil ich schnell fertig bin, gibt es noch eine zweite Mini-Kette. Diesmal drei schwarze Perlen, drei rote, gefolgt von einer durchsichtigen. Als das Armband fertig ist, sind die zwei Stunden endlich rum. Am Freitag steht wieder Beschäftigung auf dem Tagesplan. „Was machst du denn mit den vielen Töpfen, Bechern und Pötten?“, frage ich Moni. Sie möchte in eine therapeutische Wohngruppe ziehen. „Na, die stelle ich dort in die Küche“, sagt sie. Man erklärt mir, wie oft die Obgebrannt Foto: © Jens Schöninger / PIXELIO jekte werden, wie lasiert wird. Na dann, wenn es sein muss. Ich brauche kein Geschirr, keine Trinkgefäße, keine Aschenbecher. Am besten fange ich mit einem Murmeltier an, für Christoph. Er wandert jetzt alleine, seitdem das Laufen bei mir immer schlechter geht. Seine Touren werden immer extremer: MontBlanc, Tramontana, der europäische Fernwanderweg von Oberstdorf, in südlicher Richtung über die Alpen nach Bozen, weiter bis Meran. Später dann der Kilimandscharo in Tansania.


Ein Murmeltier ist das richtige. Auf Wanderungen sieht man sie ab und zu. Meins ist sehr klein, sechs Zentimeter hoch an seiner längsten Stelle. Es bekommt noch eine kleine Blume ins Maul, mit Blüte. Rosa wird sie später beim Bemalen. Trotz der Befürchtung der Therapeutin, es würde etwas kaputtgehen, bleibt alles heil, sogar die filigrane Blume. Als nächstes forme ich einen Hund mit spitzem Maul und feinen klitzekleinen Ohren. Meine Tonfiguren haben alle Manteltaschenformat. Bald werde ich gefragt, ob ich nicht einmal etwas anderes probieren, möchte. Warum immer Tiere? Nein, das will ich nicht. „Tiere passen am besten zu mir“, antworte ich, denke aber, bloß keine Töpfe. Davon stehen genug in allen Patientenzimmern. Christophs Geburtstag rückt näher. Ich beschließe, meinen Elefanten zu töpfern. Denn Shaina Pali ist mit der Zeit zu meinem Elefanten geworden. Sie sieht dem Foto ähnlich, keck blickte sie, geradeheraus, unternehmungslustig. Ich wickele sie in feines Papier, es soll kein Makel an ihr sein. Der schlanke Rüssel wirkt zerbrechlich, und zum Geburtstag soll es eine heile Überraschung geben. Christoph nimmt sie aus dem Krankenhaus mit nach Hause und stellte sie auf seinen Schreibtisch. Ich habe Ausgang an diesem Tag.

Foto: Astrid Düerkop

Armen halten. Sie weint häufig, hat Angst irgendwo alleine zu sein, sogar in die Baderäume gehen wir gemeinsam. Später machen wir Ausflüge zu zweit. Wenn ich nicht laufen kann, schiebt sie meinen Rollstuhl. Wir haben uns angefreundet. Ich töpfere Ihr einen Harlekin – größer als der Hund, aber kleiner als der Elefant – mit bunter Mütze, lustig hochgereckten Armen, einem niedlichen Jäckchen. Er sitzt auf den Knien, alles an ihm ist bunt. Er reckt seinen kleinen Mund dem Betrachter entgegen. Jetzt wollen alle etwas von mir, von Christine bekomme ich einen Satz Buntstifte in einer schönen Dose geschenkt.

Wir besuchen die Goya-Ausstellung in der Alten Nationalgalerie. Der neue Hauptbahnhof wird mit seinen riesigen Stahlgerüsten immer größer und größer. Der Sommer 2005 ist ein heißer Sommer. Wir, die Patienten, führen Gespräche in der im Innenhof liegenden Gartenanlage oder spazieren durch die Krankenhausanlage. Vor dem Haus steht eine große schattige Blutbuche.

Ich male Abschiedsbilder. Ganz am Ende, bei einem der letzten Aufenthalte in der Werkstatt, mache ich einen Kompromiss. Für einen immer traurigen jungen Mann forme ich eine Art Schale, einen Aschenbecher. Aber auf dem Rand sitzt ein kleiner Vogel. Mir tut der Vogel schon beim Herstellen leid. „Vielleicht kannst Du daraus irgendwann eine Vogeltänke machen“, so verabschiede ich mich.

Für Christine mache ich eine Ausnahme und töpfere keine Tierfigur. Sie leidet immer stärker unter der Sorge um ihr Baby, kann es aber noch immer nicht in den

Seit drei Jahren, immer wenn ich Christoph besuchte, fotografiere ich Shaina Pali, mal auf dem Balkon, mal in meiner Hand. Schließlich schaute ich im

Internet nach. Wie sieht die Hüterin des Glücks heute aus? Sie ist seit über 3 Jahren tot. Wir haben ein Abbild, Christoph und ich, und ein Foto des Abbildes und Shaina Palis Schatten, der deutlich auf einigen Fotos zu sehen ist. Am Abend schieße ich neue Bilder, der Schatten ist noch da, das Bild ein wenig unscharf. Ich stelle Shaina Pali einen Gefährten an die Seite, einen indischen Elefanten, ein Reisemitbringsel von Christoph.

Siehst du den Stern im fernsten Blau, Der flimmernd fast erbleicht? Sein Licht braucht eine Ewigkeit, Bis es dein Aug erreicht! Vielleicht vor tausend Jahre schon Zu Asche stob der Stern; Und doch steht dort sein milder Schein Noch immer still und fern. Dem Wesen solchen Scheines gleicht, Der ist und doch nicht ist, O Lieb, dein anmutvolles Sein, Wenn du gestorben bist! (Gottfried Keller)

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Buchbesprechung

Ne reine Weltidee!? Markus Gabriel: Warum es die Welt nicht gibt.

Wenn Dittsche (alias Olli Dittrich) nach ein paar Pils im Eppendorfer Imbiss so richtig in Fahrt kommt, trägt der Philosoph im Bademantel die eine oder andere "Weltidee" vor – stets selbst hin und weg von der Großartigkeit seiner alkoholschwangeren geistigen Turnübungen. Auch Markus Gabriel, seines Zeichens Professor für Erkenntnistheorie an der Universität Bonn, betreibt Philosophie im Plauderton. In seinem Buch „Warum es die Welt nicht gibt“ rechnet er nicht nur mit der Welt ab, sondern auch gleich mit einem Großteil der Philosophiegeschichte. Hybris, wir hören dir trapsen!

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arkus Gabriels bescheidenes Ansinnen ist es, den Grundsatz einer neuen Philosophie zu entwickeln, ausgehend von diesem Grundgedanken: „Es gibt unseren Planeten, meine Träume, die Evolution, Toilettenspülungen, Haarausfall, Hoffnungen, Elementarteilchen und sogar Einhörner auf dem Mond“,

es gibt alles, nur die Welt, die gibt es nicht. Voraussetzungsfrei lesbar soll sein Buch sein und für jedermann verständlich: „Ich beschränke mich deswegen darauf, Ihnen einen (wie ich fin-

de) recht originellen Weg durch das Labyrinth der vielleicht größten philosophischen Fragen anzubieten: Woher kommen wir? Worin befinden wir uns? Und was soll das Ganze eigentlich?“

Auf dem Weg durch das Labyrinth setzt Gabriel die Machete an und schlägt munter drauf los. Die Theorien der Philosophen Spinoza, Descartes und Hegel (diese Reihe ließe sich fort-

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Tür klopfen, dann klopft tatsächlich jemand an unsere Tür. Gabriel bezieht also eine Gegenposition zum Konstruktivismus, der davon ausgeht, dass wir diese Aussage nicht treffen können, da wir niemals sicher wissen, ob das, was wir hören, sehen oder fühlen wahr ist oder uns nur so erscheint. Diese Annahme führe zu nichts, sagt Gabriel. Und verhandelt diese (wie andere) philosophische Positionen, die ihm als bloße Folie dienen, um vor dieser die Richtigkeit und Bedeutsamkeit seiner eigenen Theorie darzulegen, in wenigen Sätzen.

Letztlich bedient sich Gabriel eines Taschenspielertricks und setzt an die Stelle des Begriffes "Welt" den Begriff "Sinnfelder", in die sich die Welt bei ihm auflöst. Alles, was existiert, erscheint in einem Sinnfeld. Existenz umfasst bei Gabriel nicht nur physikalische und damit untersuchbare Gegenstände, sondern auch wahrgenommene und erdachte Realitäten. „Es gibt Hexen“, ist also eine genauso wahre Existenzaussage wie „es gibt keine Hexen“. Es kommt nur darauf an, in welchem Sinnfeld etwas erscheint. Es gibt keine Hexen in Düsseldorf, das ist richtig, dafür aber in Goethes Faust oder in Blair Witch Project. Gabriel verneint letztlich nur einen Allzusammenhang (die Welt), der alles zusammenhält. Der reißerische Titel, unter dem er seine Thesen zusammenfasst, ist symptomatisch für die Tonalität des ganzen Buchs.

Unterm Strich: setzen) seien schlichtweg falsch, der Physiker Stephen W. Hawking

Für den philosophieinteressierten Leser, mag Warum es die Welt

werde als Intellektueller weit überschätzt und der Konstruktivismus

nicht gibt sicherlich einige Denkanregungen bereithalten. Wenn

sowie die Annahmen seines Gewährsmannes Kant, gegen die sich

man sich jedoch mit den von Markus Gabriel angesprochenen

Gabriels Ausführungen vor allem richten, seien absurd.

philosophischen Problemen wirklich auseinandersetzen will, sollte man sich doch eher den Denkern zuwenden, die der Autor en

Glücklicherweise gibt es zwischen all den Irrlichtern einen, der

passant kritisiert. Nicht, weil diese die endgültigen Lösungen und

richtig liegt, Gabriel selbst. Und der spannt seine Leser nicht lan-

letztgültigen Wahrheiten anbieten, die Probleme aber in ihrer gan-

ge auf die Folter, sondern entwickelt vor ihrem geistigen Auge die

zen Tiefe analysieren.

Grundzüge seines Programms, des NEUEN REALISMUS und gar-

Text: Frauke Niemann, Cover: © UIlstein Verlag

niert es mit Beispielen aus der Unterhaltungskultur von How I Met Your Mother über Breaking Bad, bis zur Muppet Show und Seinfeld.

Der NEUE REALISMUS besagt, dass der Mensch Dinge und Tatsachen stets an sich erkenne, ohne dass ihm sein spezifischer Sinnes-

Markus Gabriel: Warum es die Welt nicht gibt. Verlag Ullstein 272 Seiten, 18 Euro

apparat diese Erkenntnis vereitle. Hören wir jemanden an unsere

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Wort und Buch

KOLUMNE

. .. ..

Der Springende Punkt sagt: Die Letzten werden die Ersten sein

H

allöle, alle mal herhören …

… da bin ich wieder, und ich muss mich jetzt erstmal ein bissel ausruhen! Puh, hab ich einen Muskelkater! Nee, nich vom Sporttreiben, hihihi: vom Umräumen. Ihr wisst, meine liebe Leserschar, was Frühjahrsputz is, wa? Diesmal hab ichs damit wohl etwas übertrieben. Nich nur Fensterputzen und Gardinenwaschen standen auf dem Plan, sondern ich wollte auch mal meine unzähligen Bücher (aus)sortieren. Frei nach der Devise: „Ein volles Bücherregal ist noch kein Indiz für einen intelligenten Menschen.“ Is doch so, oder? Ein Buch lese ich einmal, vielleicht auch zweimal … dann steht es im Regal und sieht schön aus. Nun hab ich mir etliche von den ‚Schön-Herumstehern‘ geschnappt und sie in zwei Gruppen geteilt: eine hab ich in den Sozialladen in der Winsstraße gebracht. Kennt ihr den? Der gibt die Bücher weiter an bedürftige Menschen. Find ich richtig toll, was die da machen! Die andere Hälfte bringe ich in Deutschlands erstes Bücher-Hotel in Groß Breesen (Nähe von Güstrow). Das muss jeder mal gesehen haben! Tausende, zehntausende, hunderttausende Bücher – eine ganze Scheune voll!!! Bring ein Buch hin, wühle in den Beständen, und nimm ein anderes mit, kostenlos! Und übernachten kannst du dort auch, damit du ein besonders spannendes Buch gleich an Ort und Stelle auslesen kannst. Aber ich schweife ab; eigentlich wollte ich Euch ganz etwas Anderes erzählen. Ich also beim Frühjahrsputz. Dabei höre ich immer einige meiner Schallplatten. Ja, ich habe noch Schallplatten! (Das sind die großen runden mit dem kleinen Loch in der Mitte, beidseitig abzuhören.) Diesmal lag Gerhard Schöne unter der Abtastnadel, bzw. eine seiner Platten. Bei der Gelegenheit muss ich mich als absoluter Gerhard-Schöne-Fan outen. Kaum ein Konzert von ihm lasse ich aus! Und Lieblingslieder hab ich auch, wie „Spar Deinen

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Wein nicht auf für morgen“. Aber ganz vernarrt bin ich in seine Kinderlieder – Favorit: „Ein Popel, ein Popel, ein Popel, olala!“ oder „Jule wäscht sich nie“ oder „Kalle, Heiner, Peter“, bekannt? Nee? Der schöne Gerhard singt von drei Jungen, die etwas gehandicapt sind. Kalle bleibt beim Mannschaftenwählen immer bis zuletzt stehen, weil er etwas dicker is. Heiner wird oft gehänselt, weil er oft heult, und Peter wird wegen seiner Brille verspottet. Drei Verlierer? Versager? In sehr gefühlvoller Weise erzählt der Sänger von anderen, guten Eigenschaften der Jungen: Peter kann Geige spielen und tut dies auf der Weihnachtsfeier; Heiner hat im letzten Winter eine Möwe vor dem Erfrieren gerettet; Kalle hat eine Fensterscheibe, die beim Fußballspielen zerbrach, zum Glaser gebracht. Hm, Fazit: keiner is rundum schlecht, hat auch gute Seiten. Keiner is nur Versager! Und so endet das Lied: „Kalle, Heiner, Peter, solche kennt wohl jeder: Kinder, die nicht stark, nicht schnell sind, Kinder, die nicht ganz so hell sind. Doch lernst du sie richtig kennen, lässt du sie nicht stehen, wirst du etwas ganz Besondres grad bei ihnen sehen, und ihr könnt auf Erden die besten Freunde werden.“ Gerade jetzt in der Zeit der vielen Weltmeisterschaften in den Wintersportarten muss ich an viele Sportler denken. 50 Skispringer gehen auf die Schanze, jeder will gewinnen, aber einer kann es nur. Also ein Gewinner und 49 Verlierer? Eine Biathletin setzt einen Schuss neben die Scheibe – „Oh, jetzt hat sie wohl die Goldmedaille verspielt“, höre ich den Sportreporter sagen. Is die silberne denn nichts wert? Ein anderer Reporter fragt sie nach ihrem Lauf: „Schätzen Sie doch mal ein, was war denn heute so problematisch, dass es nicht zum Sieg gereicht hat?“ Die Sportlerin keucht noch und zwängt sich heraus: „Ja, ich weiß auch noch nich, was da war. Das muss ich erst mit meinem Trainer auswerten. Aber ich bin sehr froh über Silber. Ich bin das Rennen ruhig angegangen und habe mein Bestes gegeben.“ Recht hat sie! Und wenn zwei Bobs im Kampf um Plätze vier und fünf mit nur einer Hundertstelsekunde Unterschied ins Ziel kommen – wer hat versagt? In der heutigen Zeit is es sehr problematisch, einen anderen als den ersten Platz zu belegen. Das Ringen um die Siegertrophäe in jeglicher Hinsicht hat z.T. ungesunde Ausmaße angenommen. Schneller, höher, weiter – na klar, aber die Zweit-, Dritt-, Viert-, …platzierten haben sich doch auch angestrengt. Der „Sieger“ wird bejubelt, und schon ab Platz zwei fällt die Wertschätzung oft hinten runter. Ganz zu schweigen von den „ganz hinteren“ Plätzen: eine Schülerin hat im Diktat 16 Fehler. Klar, die schlechteste Zensur. Im nächsten Diktat – der Lehrer weiß, die Schülerin hat geübt – hat sie nur 13 Fehler. Leider is das immer noch keine bessere Zensur, aber eine bessere Leistung. Die anerkannt und gelobt werden will! Zwei Jungen laufen um die Wette. Der eine kommt zuerst ins Ziel und jubelt: „Ich bin Sieger! Ich bin der Beste! Ich habe gewonnen!“ Ganz ruhig steht der andere mit einem Lächeln im Gesicht daneben. „Ich habe einen ehrenvollen zweiten Platz erreicht! Du bist nur vorletzter!“ Denkt mal drüber nach, meine geneigte Leserschar! Ich spring dann mal wieder los …

„Warum kriegt der Zweite immer nur Schmäh?“ fragt der Springende Punkt vom KVPB. (pad)


Erlesenes für Kinder

Viele Bücher machen klücher…

Diese Bücher wurden auf die Probe gestellt, haben einen zweifachen Kinder-TÜV passiert. Seit einiger Zeit gibt es im Familienbereich der Kita Kiezeulen und Gleimstrolche das „Lesen für Kinder“. Wir stellen Ihnen ausgewählte Schätze dieser Vorlesestunde vor. Irma hat so große Füße von Ingrid Schubert Irma hält es nicht mehr aus im Hexenwald, sie nimmt Reißaus. Zwei Dinge machen der kleinen Hexe zu schaffen. Erstens: Sie wird von den anderen Hexen wegen ihrer riesigen Füße ausgelacht. Zweitens: Sie ist extrem vergesslich und bei jedem falsch aufgesagten Zauberspruch wachsen ihre Füße noch ein kleines Stückchen mehr. Natürlich verfliegt sich Schusselchen Irma und landet bei Lore im Badezimmer. Lore ist mehr als erstaunt über den kleinen Gast, der es sich schnarchend in ihrem Zahnputzbecher gemütlich gemacht. Die beiden klagen sich gegenseitig ihr Leid und Lore zeigt Irma ihre großen Ohren, die ihr den Namen „Lore Segelohre“ eingebracht haben. Lore bemalt Irmas Schuhe und ganz nebenbei überredet sie Irma, mal das Zähneputzen zu versuchen. Ein Vorschlag, den die 777-Jährige Hexe mehr als abwegig findet, ist sie doch sehr stolz darauf, ihre gelben Beißerchen noch niemals nicht geputzt zu haben. Und siehe da, plötzlich werden Irmas Zähne weiß und mit einem Mal fallen ihr alle Zaubersprüche wieder ein. Gemeinsam entdeckt das ungleiche Duo, dass Anderssein auch sehr viel Spaß machen kann. Denn wenn man eine Hexenfreundin hat, werden aus Segelohren ganz schnell Flügel. Cover: © Fischer Verlag

Ingrid Schubert: Irma hat so große Füße. FISCHER Sauerländer, Ersterscheinung 1990, 15,90 Euro, Altersempfehlung: ab 3 Jahren.

Prinzessin Isabella von Cornelia Funke

Cover: © Oetinger Verlag

Prinzessin sein ist nicht schön, sondern überaus langweilig, findet Isabella. Und die muss es wissen, schließlich ist sie eine waschechte Prinzessin mit einer güldenen Krone auf dem Kopf. Nie darf sie nach Lust und Laune lachen, auf Bäume klettern, sich ihre Brote selbst schmieren; eben genau das tun, wonach ihr gerade der Sinn steht. Ständig wird an ihr herumgezuppelt, die Löckchen gerichtet, die Nase geputzt. Es reicht! Kurzerhand schmeißt sie ihre verhasste Krone aus dem Fenster und brüllt: „Ich will keine Prinzessin mehr sein!“ Der König will seine Tochter zur Räson bringen, und lässt sie in die Küche schaffen, wo sie zum Kartoffelschälen und Zwiebelschneiden abkommandiert wird. Aber auch nach drei Tagen Küchenarbeit ist Isabellas Laune blendend, es gefällt ihr in der Küche. Also muss der König härtere Geschütze auffahren und schickt sie in den Schweinestall. Dort findet es Isabella so heimelig, dass sie sogar samt Lieblingspuppe dort übernachtet. Eklig finden das nur ihre beiden großen Schwestern. Langsam dämmert es dem König, dass er nachgeben muss: „Komm zurück ins Schloss, Töchterchen. Ich vermisse dich.“ Isabella tut ihm den Gefallen. Sie verschenkt all ihre unbequemen Kleider und schläft weiterhin im Schweinestall, wenn ihr danach ist. Und an manchen Tagen setzt sie sogar die Krone auf – ihrem Papa zuliebe. Cornelia Funke: Prinzessin Isabella. Oetinger Verlag, Ersterscheinung 1997, 12 Euro, Altersempfehlung ab 4 Jahren.

Ein schräger Vogel von Helga Bansch Rabe Robert fällt auf im rabenschwarzen Einerlei. Er trägt bunte Kleider, trällert den ganzen Tag, erzählt Witze – kurzum: er findet das Leben schön und hält damit nicht hinter den Schnabel, Verzeihung, hinter den Berg. Wäre da nur nicht die Rabensippe, die mit Robert so gar nichts anfangen kann. Mehr noch, sein Verhalten, das so gar nichts mit dem gemein hat, was sie für normal halten, regt die schwarzgefiederten Trübsalbläser immer mehr auf: Sie lästern über seinen auffälligen Putz, halten sich die Ohren zu, um seinen Gesang und seine Witze nicht ertragen zu müssen. Schließlich sind sich alle einig: Der schräge Vogel muss weg! Robert fliegt von dannen und macht schnell eine Entdeckung. Anderen Vögeln geht er mit seiner Art ganz und gar nicht auf die Nerven. Im Gegenteil mit seinem Gesang begeistert er die gesamte Vogelwelt. Robert ist glücklich. Und die anderen Raben? Die stellen fest, dass so ein Rabenleben ohne Robert ganz schön langweilig ist!

Cover: © Beltz & Gelberg

Helga Bansch: Ein schräger Vogel. Beltz & Gelberg, 12,50 Euro, derzeit nur gebraucht erhältlich. Altersempfehlung: ab 4 Jahren. Texte: Frauke Niemann

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(Kiez-)Kultur

Von Schweinebäuchen & Mauerspechten Unterwegs mit Kiezspaziergänger Rolf Gänsrich Rolf Gänsrich stellt sich selbst als Ur-Berliner vor, geboren in Hohenschönhausen, jetzt wohnhaft in Prenzlauer Berg. Seit 1996 schreibt er für die Prenzlberger Ansichten, eine Kiezzeitung, die es seit knapp einem Vierteljahrhundert gibt. Hier stellt er regelmäßig „Unbekannte Ecken in Prenzlauer Berg“ vor, so auch der Titel seiner Kolumne. Ich begleitete ihn auf seiner Tour „Mauersprechte“. Sie führt über die Kastanienallee, die Oderberger Straße, vorbei am Mauerpark und von dort auf die Bernauer Straße, an der Mauergedenkstätte entlang bis zum Nordbahnhof an der Invalidenstraße.

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u Gast im eigenen Bezirk. Ein gutes Gefühl für mich, die als Wahlberlinerin seit 26 Jahren in Berlin unterwegs ist und seit 19 Jahren im Prenzlauer Berg wohnt. Die rasanten Veränderungen eines Stadtviertels nimmt man im Prozess zwar wahr – jeden Protest gegen Schließung, jede Bebauung einer Baulücke – aber dennoch werden Veränderungen auch zum Alltag. So ist es absolut wohltuend, sich ein wenig Zeit zu nehmen, um einige Straßen, Bauten, Alltäglichkeiten und Besonderheiten durch die Brille des Stadtführers Rolf Gänsrich zu sehen. An der Kreuzung Eberswalder Straße geht es meist sehr lebendig, fast hektisch zu. Wir starten an der „Meldestelle“, heute ein Modegeschäft, früher befand sich

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hier die Meldestelle der Polizei. Der Blick nach links zeigt die Sparkasse, auch in früheren Zeiten gab es dort eine Bank. Und rechts im heutigen „Kochhaus“ wurden auch früher schon Töpfe und Pfannen verkauft. Die Straßenführung an der Eberswalder scheint ein wenig chaotisch, zwei Straßenbahnen münden in die Kastanienalle, die U-Bahn fährt auf einer Hochtrasse. Drei große Straßen treffen sich und gehen sternförmig auseinander. Diese Straßenführung entstand, weil zwei Bebauungspläne mit Parzellierung übereinander gelegt wurden. Weiter geht es in die Schönhauser Allee. Hier wurde Filmgeschichte geschrieben. Daran erinnert ein Kunstwerk im öffentlichen Raum: eine Filmrolle, die in die Gehwegpflasterung eingelassen wurde. Die Gebrüder Skladanowsky, Mitbegründer des Kinos, machten hier ihre ersten Filmaufnahmen und entwickelten ein Filmvorführgerät, mit dem sie am 1. November 1895 die erste öffentliche Filmprojektion Deutschlands präsentierten. Wir biegen ab in

die Kastanienallee und verweilen vorm Pratergarten, einem Gartenausschank, der ab 1852 von Familie Kalbo betrieben wurde. Er war Kneipe, Ausflugslokal, Varieté, Volkstheater, Ballsaal, Garten,


Versammlungsort und ist auch heute noch ein beliebter Treffpunkt für Touristen und Berliner. Über die belebte Oderberger Straße geht es weiter zum Mauerpark. Vorbei am Hirschhof, künstlerisch gestaltete zusammengelegte Hinterhöfe an der Ecke Oderberger/Kastanienallee, ehemals ein Treffpunkt der Untergrundkultur Ostberlins, heute ein Kleinod für Spiel, Spaß und Erholung für alle. Mit 25 Metern Länge ist das Areal gerade groß genug, dass eine Feuerwehrleiter geschwenkt werden kann. Nebenan sehen wir die älteste Feuerwache Berlins in der Oderberger Straße 25. Gegenüber befindet sich die „Kiezkantine“, mit günstigem Frühstücksangebot und Mittagstisch. In der Oderberger Straße ist noch altes Berliner Straßenpflaster zu begutachten. Die großen Felsbrocken werden liebevoll Schweinebäuche genannt, weil ihre Oberfläche bei Regen so fettig wie eine Schweineschwarte wirken und ihre Unterseite konvex gewölbt ist, wie ein hängender Bauch. Wir gehen weiter Richtung Bernauer Straße und machen Halt in der Schönholzer Straße. Die Häuser hier befanden sich

auf Grenzgebiet. Eine Bronzetafel erinnert an den „Tunnel 29“, durch den im September 1962 29 Menschen in den Westen gelangten. Auf dem ehemaligen Mauerstreifen ist der Verlauf der Mauer mit Eisenstreifen markiert, auch die verschiedenen Bereiche der Grenzstreifen, z.B. Postenweg und Signalzaun sind gekennzeichnet. Der

ganze Weg von der Oderberger bis zum Nordbahnhof wirkt wie ein Gedenkgang. Runde Schilder auf dem Boden erinnern an Maueropfer, Originalteile der Mauer samt innerem Stahlgerüst sind zu sehen, ein Kellergeschoss wurde freigelegt, was bezeugt, wie nahe die Häuser an der Mauer standen. Rolf Gänsrich schafft es, den historischen Bogen der reichhaltigen Geschichte zu spannen, einige markante und oft vergessene Details zu erwähnen, Jahreszahlen lebendig mit Details zu verknüpfen und viele Geschichten einzustreuen, die von Zeitzeugen überliefert wurden und nicht nachzulesen sind. Text und Fotos: Barbara Schwarz

Das Berliner Original Kiezspaziergänge mit Rolf Gänsrich Kontakt: r.gaensrich@gmx.de 030 28 83 63 62 0160 40 16 111

Weitere Infos unter: https://rolfgaensrich.wordpress.com

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(Kiez-)Kultur

22 Jahre Kiezladen "Zusammenhalt" Nachbarschaftshilfe gestern und heute und Betroffene wurden miteinander ins Gespräch gebracht. Außerdem fanden viele Kunst- und Kulturprojekte einen Arbeits- und Ausstellungsort im Kiezladen.

Der Kiezladen heute

Den Kiezladen "Zusammenhalt" in der Dunckerstraße 14 gibt es seit 22 Jahren. Im Oktober 1992 wurden die Räume als Sitz der „Betroffenenvertretung für das Sanierungsgebiet Helmholtzplatz“ angemietet und in Eigenleistung mit finanzieller Unterstützung des Bezirksamtes ausgebaut.

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urch die extremen Veränderungen nach der Wende Anfang der neunziger Jahre war der Wohn- und Lebensraum vieler Menschen rund um den Helmholtzplatz existentiell bedroht. Deshalb verstand die Betroffenenvertretung ihre Arbeit von Anfang an nicht nur als "Bürgerbeteiligung im Sinne des Baugesetzbuches", sondern als "Hilfe zur Selbsthilfe" für die vielen Nachbarn, die im Kiezladen Unterstützung suchten. Die Anwohnern waren mit hohen Mietsteigerungen, neuen Hausbesitzern oder untätigen Hausverwaltungen konfrontiert. Den Bedrohungen des Lebensraumes wurde im Kiezladen mit der Solidarität der Betroffenen begegnet. Zum wöchentlichen „Kieztreff “ am Dienstagabend kamen an manchen Abenden zwanzig Hilfesuchende. Gemeinsam wurden Mieterversammlungen einberufen, ,"Runde Tische" abgehalten, vielfältige Aktionen durchgeführt und natürlich auch Hof- und Straßenfeste geplant und gefeiert. Hauseigentümer, Wohnungsbaugesellschaft, Bezirksamt, Mieterberatung

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Die Gentrifizierung in Prenzlauer Berg geht weiter. Die ehrenamtliche Mieterberatung im Kiezladen betreut eine ganze Reihe von Hausgemeinschaften und Mietern, die sich gegen überzogene Modernisierungsmaßnahmen und unbezahlbare Mietforderungen wehren. Mieterversammlungen im Kiezladen ermutigen die Nachbarn zum gemeinschaftlichen Widerstand. Die wöchentliche Sozialberatung hilft unbürokratisch Menschen, die sich keinen Rechtsanwalt leisten können. Zur Kleiderkammer, die jeden Montag stattfindet, kommen sehr viele Menschen, für die der Kiezladen auch ein Treffpunkt ist, um Kaffee zu trinken und miteinander ins Gespräch zu kommen. Und es gibt noch viel mehr Angebote im Kiezladen: Zurzeit treffen sich hier der „Tauschring Prenzlauer Berg“, die Kabarettgruppe „Die Kreuz- und Querberger“, der (männliche) „Dunckerchor“ und der Frauenchor „Krassnajas“, ein politischer Lesekreis, der „Selbsthilfeverein Geringverdienender“, eine englischsprachige CoDA-Selbsthilfegruppe, eine Filmgruppe, die „Food-Saver“, eine Yogagruppe und eine Aikidogruppe. Einen Einblick in das Gestern und Heute des Kiezladen gibt die aktuelle Ausstellung BLICK ZURÜCK NACH VORN:

BLICK ZURÜCK NACH VORN – Kiezladen Zusammenhalt in Bildern Montag Dienstag Mittwoch Donnerstag Freitag

10 -12 Uhr | 15 - 18 Uhr 17.30 - 19.30 Uhr 15 - 18 Uhr 18 - 20 Uhr 15 -18 Uhr

Wer sich für den Erhalt der Kiezladenräume engagieren möchte, ist herzlich eingeladen zum „Kieztreff “, jeden ersten und dritten Dienstag des Monats (19.30 - 21.00 Uhr). Text: Jens Oliva, Foto: privat


Weiberheld?! Mit Tucholsky im Bett Die etwas andere Biographie im ZENTRUM danziger50 Ist er Ehemann? Oder Freund? Vielleicht Liebhaber? Gar Macho? Kurt Tucholsky, das wohl größte Lästermaul der Weimarer Republik, wird in „Weiberheld? Mit Tucholsky im Bett“ aus der Perspektive der Frauen in Szene gesetzt. Viele davon hat er im Laufe seines Lebens in den Bann gezogen, obwohl klein und dick und beileibe kein Schönling. Doch muss der Moment der Erfüllung auch für diesen Womanizer nur von kurzer Dauer gewesen sein: „In der Ehe pflegt gewöhnlich einer der Dumme zu sein. Nur wenn zwei Dumme heiraten – das kann mitunter gut gehen”, meinte er selbst.

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m 24. Und 29. April laden Heike Feist und Florian Stiehler ins ZENTRUM danziger50 ein auf eine Reise durch das Leben dieses großartigen Dichters und Frauenflüsterers. Im steten Wechsel von Komik und Tragik rücken sie seine wichtigsten Frauen ins Zentrum. Mary Gerold – Tucholskys große Liebe und zweite Ehefrau – kommt zu Wort, wie auch seine Liebhaberinnen Else Weil, Lisa Matthias und andere. So entfaltet sich eine spannende, berührende und zuweilen auch komische Lebens- und Liebesgeschichte, die von seiner rastlosen Suche nach Erfüllung geprägt ist. Eine fulminante Reise durch das Liebesleben und Liebesleiden des Weiberhelden (?) Kurt Tucholsky!

Die etwas andere Biographie Ein Glück für die Zuschauer: Heike Feist wandelt auf den Spuren mehrerer illustrer Dichter und Denker und nimmt in ihrer selbstkonzipierten Reihe „Biographien für die Bühne“ nicht nur Tucholsky künstlerisch aufs Korn. In „Schöner Scheitern mit Ringelnatz“ begibt sich Feist auf eine Achterbahnfahrt durch Abgründe und Einsamkeiten, Höhenflüge und Lebenslust. Ende 2015 gibt es eine neue Biographie: Heike Feist feiert mit einem Stück über Hildergard von Bingen Premiere. Zudem ist die umtriebige Schauspielerin deutschlandweit mit einem Soloprogramm auf Tour und gibt als „Cavewoman“ praktische Tipps zur Haltung und Pflege eines beziehungstauglichen Partners.

Weiberheld?! – Mit Tucholsky im Bett Im ZENTRUM danziger50 Danziger Straße 50, 10435 Berlin Freitag, 24. April, 20 Uhr Mittwoch, 29. April, 20 Uhr Eintritt 17 Euro, ermäßigt 13 Euro Text: Frauke Niemann, Barbara Schwarz, Foto © Urban Ruths

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Das Letzte

Bilderrätsel Wat? Wo steht denn ditte? Ja, ganz recht, Sie sehen doppelt. Allerdings kein Lottchen, das sollte selbst bei einem flüchtigen Blick auf unser Rätselmotiv schnell klar sein.

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wei Bronzemänner, ein junger Spund und ein älterer Herr, stehen zweisam einsam auf einem Sockel in einer kleinen Parkanlage im nördlichen Prenzlauer Berg. Sie schauen starr in verschiedene Richtungen. Ihre Ähnlichkeit können sie allerdings nicht verbergen, so unbeteiligt sie auch dreinschauen mögen. Um noch wirrer zu werden und auch auf die Gefahr hin, Adam Riese zu verärgern, noch ein Hinweis: eins und eins macht in diesem speziellen Fall eins. Wenn Sie zum selben Ergebnis kommen und wissen, wer sich hier mit wem einen Stein teilt und außerdem noch Standort und Schöpfer des gesuchten Kunstwerks benennen können, dann zögern Sie nicht, uns an Ihrem Wissen teilhaben zu lassen. Ihre Lösung senden Sie bitte bis zum 10. Mai an mittendrin@kvpb.de. Unter allen Mitratern verlosen wir zwei Karten für die Feist-Produktion "Schöner Scheitern mit Ringelnatz" (Dienstag, 12. Mai, 20 Uhr, ZENTRUM danziger50). Heike Feist und Andreas Nickl entführen Sie in Ringelnatz´ Welt, eine Welt in der Scheitern noch Spaß macht!

Des Rätsels Lösung: In der letzten MITTENDRIN-Ausgabe haben wir die Skulpturen „Adam und Eva“ des Berliner Künstlers Rolf Biebl gesucht. Zu finden im Hof der Kulturbrauerei, direkt vor den Toren des Kesselhauses. Text und Foto: Frauke Niemann

MitTENDRINmachen Die MITTENDRIN ist das kostenlose Kiezmagazin des Kulturverein Prenzlauer Berg e.V. Es erscheint alle zwei Monate in einer Auflage von 2.000 Stück. Wir freuen uns über jede Wortmeldung – ob Alltägliches oder Kurioses, kleine oder größere Aufreger, Lob oder Kritik. Ganze Artikel sind genauso willkommen wie Themenvorschläge, Leserbriefe, Hinweise auf inspirierende Lektüre oder spannende Veranstaltungen in Prenzlauer Berg. Aktuelle und vergangene Ausgaben finden Sie hier: www.kvpb.de/mittendrin.

Der Redaktionsschluss für die nächste Ausgabe ist der 20. Juni 2015. Ihre Beiträge senden Sie bitte an: mittendrin@kvpb.de.. mittendrin@kvpb.de

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Impressum Herausgeber: Kulturverein Prenzlauer Berg e.V., Danziger Str. 50, 10435 Berlin | Redaktion: Barbara Schwarz, Frauke Niemann | ViSdP: Der Vorstand | Grundlayout: Edmund Cekanavicius | Gestaltung: Frauke Niemann

Redaktion MITTENDRIN Barbara Schwarz | Frauke Niemann Danziger Straße 50 10435 Berlin Tel: 030/346 235 39 | 030/490 852 37 Mail: mittendrin@kvpb.de

MITTENDRIN April-Mai-Juni-Ausgabe 2015  

Magazin für Kultur und Bildung in Prenzlauer Berg

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