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Kulturverein Prenzlauer Berg e.V. | Juni/Juli/ August 2016 | kostenlose Ausgabe

mittendrin Magazin fĂźr Kultur und Bildung

e u e N e g e W

Thema Crossover


2 | Inhalt

INHALT

DAS LETZTE Wat? Wo steht denn ditte?

THEMA Neue Wege gehen

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Bilderrätsel

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Impressum

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EDITORIAL

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SHORTSTORIES Welchen Stellenwert hat der Erzieherberuf? Podiumsdiskussion im Zentrum danziger50

Print adé! Scheiden tut weh.

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„Alle Wege führen nach Rom“

Mittendrin 2.0

Sonderpreis für Kreativität

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Preisverleihung der Stiftung „Haus der kleinen Forscher“

Wo? Dada!

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Neue Kunstformate im ZENTRUM danziger50

Wenn Wege sich kreuzen

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Eine Kurzgeschichte von Astrid Düerkop

WORT & VISION Das F-Wort

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Jukia Korbik: Stand up. Feminismus für Anfänger & Fortgeschrittene

Erlesenes für Kinder

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Das ist tröstlich, wenn Rom das Ziel ist. Arnold Schoenberg hält dagegen: „Der Mittelweg ist der einzige, der nicht nach Rom führt.“ Schoenberg stiftet uns also an, Nebenwege zu benutzen, bewusst Kreuzungen zu suchen, Unbekanntes zu erkunden und dabei möglicherweise andere zu treffen, die auch unterwegs sind. Wir laden Sie ein, in dieser Ausgabe mit uns den Entdeckerweg zu gehen. Folgen Sie Filmhelden auf Abwegen durch das Filmuniversum (S. 15), lesen Sie, wie preisverdächtig interdisziplinäres Denken und Handeln in der Kita sein kann (S. 6), oder wandeln Sie mit uns auf den Spuren des unorthodoxen Künstlers Erwin Wurms, dem die Berlinische Galerie aktuell eine Ausstellung widmet (S. 18).

Viele Bücher machen klücher

Filmhelden auf Abwegen

15

Crossover im Kino

KIEZ & KULTUR Erwin Wurm bei Mutti

18

Ausstellung in der Berlinischen Galerie

Schrebergarten goes Kita

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Außerdem stellen wir Ihnen neue Kunstformate im ZENTRUM danziger50 vor (S. 8) und eine rasante und lesenswerte Streitschrift über den Feminismus (S. 12). Wie fruchtbar neue Wege und Allianzen sein könnnen, zeigt nicht zuletzt die Artivismusbewegung, die Kunst und soziale Aktion miteinander verbindet (S. 22) . Viel Spaß beim Lesen!

Zusammen mit Gartenpaten die Natur entdecken

Kolumne: Der Springende Punkt

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(Redaktion MITTENDRIN – ein Magazin des Kulturverein Prenzlauer Berg)

... entdeckt verrückte Kombinationen

Die Stadt als öffentliche Bühne Artivismus: Politischer Aktivismus mit den Mitteln der Kunst

Barbara Schwarz und Frauke Niemann

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Foto: pixabay

Thema | 3

Neue Wege gehen Mit Neuem tun wir uns oftmals schwer. Denn das Neue ist ein zweischneidiges Schwert, birgt es doch Chance und Risiko gleichermaßen. Und allzugerne blenden wir die positiven Möglichkeiten aus, die uns das Unbekannte, Unerschlossene bietet und sehen nur noch die Gefahren, die jenseits gewohnter Bahnen lauern.

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ehen wir einen großen Schritt zurück. Evolutionsbiologisch gesprochen ist Vorsicht eine durchaus sinnvolle Eigenschaft. Wer Vorsicht walten lässt, überlebt. Es kann von Vorteil sein, gelegentlich die Beine in die Hand zu nehmen und vor unkalkulierbaren Gefahren Reißaus zu nehmen, vor einem wild gewordenen Säbelzahntiger beispielswei-

se. Das wussten unsere Vorfahren nur allzugut. Die Geschichte der Menschheit wäre allerdings weit weniger erfolgreich ohne eine andere evolutionsfördernde Komponente verlaufen: die Neugierde. So wurden bereits in der Steinzeit viele der heute noch üblichen Werkzeuge entwickelt. Diese Errungenschaften, die das Überleben sicherten und einfacher machten,

sind das Ergebnis von Neugierverhalten, dem Verlangen, Neues zu entdecken, auszuprobieren und munter drauflos zu kombinieren. Wir sind also auf Menschen angewiesen, die sich trauen, neue Wege zu gehen, die den Mut haben, das Gewohnte hinter sich zu lassen. Ihnen verdanken wir neue Erkenntnisse, kurz Fortschritt im positivsten Sinne.


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Öfter mal die altbekannten Pfade verlassen.

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„Ich habe keine besondere Begabung, sondern bin nur leidenschaftlich neugierig.“ (Albert Einstein)

Machen wir einen kleinen Zeitsprung. Für den antiken Philosophen Platon ist das Staunen, das „Sich-Wundern“ der Anfang aller Erkenntnis (und damit aller Wissenschaft). Das Staunen ist die Voraussetzung, etwas Neues zu entdecken, sozusagen der Zündstoff der Neugierde. Wer staunt, hinterfragt vermeintlich Bekanntes, will es genau wissen, setzt sich eigenständig mit einer Sache auseinander und verlässt sich nicht auf Altbewährtes oder herkömmliche Lösungen. Neugierige sind in guter Gesellschaft. Albert Einstein, einer der großen Denker der Neuzeit, dessen physikalische Forschungen unser Weltbild maßgeblich veränderten, begründete seinen wissenschaftlichen Erfolg in einem Brief einmal so: „Ich habe keine besondere Bega-

bung, sondern bin nur leidenschaftlich neugierig.“ Nicht immer aber treffen die Erkenntnisse der Neugierigen und Staunenden auf offene Ohren und offene Arme. Gestern wie heute haben diese den Widerstand derjenigen zu befürchten, die Veränderungen als Bedrohung empfinden. Nur zu gerne wollen sie festhalten am Status quo. Das ist bequem und unkompliziert. Und überhaupt, es ist doch alles gut so, wie es ist, oder etwa nicht? Nein, ist es nicht. Es bringt uns weiter, neue Wege zu gehen, auch wenn das nicht jeder gleich einsehen will, oder manchmal erst nach Jahren, Jahrzehnten – oder wenn es ganz schlecht läuft nach Jahrhunderten – die Leistungen der Quer- und Andersdenkenden wertgeschätzt und anerkannt werden. Lassen wir uns das Staunen nicht vermiesen!

Natürlich ist es nicht jedem, der seiner Neugierde folgt, gegeben, eine bahnbrechende Entdeckung zu machen oder die Relativitätstheorie umzuschreiben. Darum geht es auch gar nicht. Es geht um den Blick über den Tellerrand: Wir müssen die Welt nicht neu erfinden. Aber es gilt, sie zu entdecken, sich mit dem Gegebenen eigenständig auseinanderzusetzen, eigene Erfahrungen zu machen und Rückschlüsse zu ziehen und nicht blindlings an das zu glauben, was einem dieser oder jene als der Weisheit letzter Schluss präsentiert. Wer neugierig ist, erschließt sich und der Welt neue Möglichkeiten, nutzen wir sie! Text: Frauke Niemann

Foto: pixabay

Foto: pixabay

„Das Staunen ist die Voraussetzung, etwas Neues zu entdecken, sozusagen der Zündstoff der Neugierde.“


Shortstories | 5

Welchen Stellenwert hat der Erzieherberuf?

Print adé. Scheiden tut weh.

Podiumsdiskussion im ZENTRUM danziger50 Am 23. Mai lud der Kulturverein Prenzlauer Berg zu einer Podiumsdiskussion zum Thema „Welchen Stellenwert hat der Erzieherberuf in unserer Gesellschaft?“ ein. Darüber, dass in Kindertageseinrichtungen in Berlin (und bundesweit) akuter Handlungsbedarf besteht, herrschte Einigkeit bei den Diskutanten. Verbesserung des Betreuungsschlüssels für die Erzieher_innen, bessere Personalausstattung in den Kitas, mehr Anerkennung für die Fachkräfte, Gebührenbefreiung für Eltern, Unterstützung beim Kita-Ausbau für die Träger, Abschaffung des Eigenanteils der Träger und somit Qualitätsverbesserung für alle. Dies sind nur einige der Stellschrauben, an denen in Zukunft gedreht werden muss, sollen sich die Bedingungen für das pädagogische Fachpersonal und die Kinder in Betreuungseinrichtungen

landes- und bundesweit verbessern. Eines ist sicher: Deutschland braucht Erzieher_innen in Kitas, in Horten, in Tageseinrichtungen. Pädagogisches Fachpersonal wird händeringend gesucht. Aber was wir auch brauchen, ist eine gesellschaftliche Debatte über den Wert von frühkindlicher Bildung. Dann gäbe es nicht diesen eklatanten Unterschied in der Entlohnung etwa eines Informatikers und einer Erzieherin. Mit dieser Diskussion um Bildung ginge ein Anstieg des Ansehens dieses Berufs einher mit einer größeren Wertschätzung und einer höheren Bezahlung. Harter Fakt ist, dass Erzieher_innen heute weniger als Paketzusteller verdienen. Es ist Aufgabe der Politik, dies zu ändern. Und was können wir tun? Diese Themen immer wieder ansprechen und so der Öffentlichkeit nahebringen!

MITTENDRIN 2.0

Wir verabschieden uns von der PapierMITTENDRIN. Ab jetzt heißt es klicken statt blättern!

Foto: Barbara Schwarz

Text: Barbara Schwarz

Es diskutierten (v.l.n.r.): Andreas Gerstädt (PROCEDO Berlin), Robin Adler (Landeselternausschuss Kita - LEAK), Severin Höhmann (SPD), Andreas Otto (Bündnis 90/Die Grünen), Christina Henke (CDU) und Manuela Deubel (Kitaleitung Haus 2, Kita Gleimstrolche. Moderation: Thilo Schlüßler (Mitte).

Alles neu, alles anders. Nach 15 Ausgaben Mittendrin seit Mai 2013 im heutigen Format und vielen weiteren Augaben vorheriger Redaktionen in der mittlerweile 26-jährigen Vereinsgeschichte sagen wir: Servus Mittendrin, deine Tage sind gezählt. Glücklicherweise nur die auf dem Papier! Denn es geht munter weiter, ab jetzt digital! Im Herbst launchen wir unseren MITTENDRIN-Blog. Wer Interesse hat mitzudenken, mitzuschreiben, im Kiez die Augen offen zu halten oder uns mit Tipps und Anregungen zu versorgen, ist herzlich eingeladen mitzumischen. Schreibt uns einfach eine Mail an mittendrin@kvpb.de. Eine regelmäßige redaktionelle Beteiligung ist genauso möglich wie das Einreichen einzelner Artikel, Veranstaltungshinweise oder Fotos. Wir freuen uns auf eure Ideen! Text: Frauke Niemann


6 | Shortstories

Sonderpreis für Kreativität Preisverleihung der Stiftung „Haus der kleinen Forscher“ im Umspannwerk

Foto: Barbara Schwarz

Krachlichtmobil war anregend und lehrreich zugleich. Ganz spielerisch wurden die Bildungsbereiche Kunst, Musik, Technik und Mobilität miteinander verbunden.Es galt, alle Materialien genau unter die Lupe zu nehmen: Welches Ding erzeugt welche Geräusche, und wie lassen sich all die gesammelten Utensilien zu einer fahrbaren Skulptur zusammenfügen? Alle Beteiligten waren mit Spaß und Ausdauer bei der Sache und wurden für ihre

Das Krachlichtmobil in Aktion: Ein lärmendes mobiles Kunstwerk der besonderen Art!

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it dem „Forschergeist 2016“ prämiiert die Stiftung „Haus der kleinen Forscher“ zusammen mit der Deutschen Telekom Stiftung Kita-Projekte, die Mädchen und Jungen für Naturwissenschaften und Technik begeistern. Insgesamt haben sich 605 Kitas aus ganz Deutschland beim „Forschergeist 2016“ beworben. Das Krachlichtmobil, ein mobiles Kunst-Geräusch-Objekt, das an vier Nachmittagen im Familienbereich über-brücken entstand, überzeugte die Jury. Sie zeichnete das Projekt des HAUS 2 der Kita Gleimstrolche mit

dem „Sonderpreis Kreativität“ aus. Für das fahrbare Kunstspektakel aus Haushaltsschrott stand der Künstler Jean Tinguely Pate. In der Bildenden Kunst finden sich viele Künstler, die technikaffin sind und sich mit dem Bau von kinetischen Objekten beschäftigt haben. Der Schweizer Maler und Bildhauer Jean Tinguely (1925-1991) war einer der faszinierendsten und vielfältigsten Vertreter dieser Kunstrichtung. Grund genug für Kinder und Pädagogen, seine Werke kennenzulernen und seinem kreativen, tüftlerischem Grundantrieb nachzuspüren. Die Arbeit am

„Ich habe absolut keine technische Begabung. Ich bin ein absoluter Träumer, verbissen in meine Arbeit, aber immer ein Träumer geblieben. Ich bin immer frei von aller Materialität. Ich funktioniere immer nur mit einem Glauben an die Sache, mit der Idee an eine Maschine, und ich fühle mich komplett frei, diese Maschine dann auch zu bauen.“ (Jean Tinguely, 1989)

Arbeit und ihren Einfallsreichtum belohnt. Denn das Ergebnis konnte sich sehen und, wie sich herausstellen sollte, auch feiern lassen! Am 1. Juni war es soweit. Haus2 konnte den mit 2000 Euro dotierten Son-


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„Kreativität zu fördern durch das Einbinden, aber vor allem auch durch ein gezieltes Zweckentfremden der Umwelt, eröffnet nicht nur neue Sichtweisen, sondern hat obendrein noch einen hohen Spaßfaktor. Das Projekt vermittelt theoretische Lernansätze in einer spielerischen Villa-Kunterbunt-Atmosphäre. Eine gelungene Kombination.“ (Auszug aus dem Urteil der Jury)

derpreis des „Forschergeist 2016“ im Umspannwerk in Kreuzberg entgegennehmen. ZDF- und KIKAModerator Eric Mayer führte durch den ereignisreichen Abend, an dem auch die Landessieger und Bundessieger des Wettbewerbs geehrt wurden. „Erzieherinnen und Erzieher in ganz Deutschland leisten jeden Tag wertvolle Bildungsarbeit in der Kita, die wir mit dem ‚Forschergeist‘ würdigen“, sagte Prof. Dr. Jürgen Mlynek, Vorsitzender des Stiftungsrats der Stiftung „Haus der kleinen Forscher“. „Ich bin beeindruckt von den vielen großartigen Bewerbungen, durch die zum Ausdruck kommt, wie wichtig die Arbeit der pädagogischen Fachkräfte ist und wie erfolgreich sie die Fragen der Kinder in den Kita-Alltag integrieren.“

HAUS DER KLEINEN FORSCHER Seit 10 Jahren engagiert sich die Stiftung „Haus der kleinen Forscher“ als Deutschlands größte Frühbildungsinitiative für eine bessere Bildung von Kindern im Kita- und Grundschulalter in den Bereichen Naturwissenschaften, Mathematik und Technik. Das „Haus der kleinen Forscher“ bietet ein bundesweites Fortbildungsprogramm an und begleitet pädagogische Fach- und Lehrkräfte dabei, den Entdeckergeist von Mädchen und Jungen zu fördern. Die Bildungsinitiative leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Förderung von Bildungschancen, zur Sicherung des Fachkräftenachwuchses in den naturwissenschaftlichen Fächern (MINT-Bereich) und zur Professionalisierung des pädagogischen Personals.

Foto: Haus der kleinen Forscher

Text: Barbara Schwarz, Frauke Niemann

Preisverleihung im Umspannwerk: v.l.n.r.: Dr. Ekkehard Winter, Thomas Rachel, Barbara Schwarz, Manuela Deubel, Michael Fritz


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Wo? Dada!

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Foto: pixabay

Neue Kunstfomate im ZENTRUM danziger50

„Ich bin der große Derdiedas. Das rigorose Element. Der Ozonstengel prima qua. Der anonyme Einprozent.“ (Hans Arp)

m ZENTRUM danziger50, unserem Kulturhaus in der Danziger Straße, gibt es neue Kunstformate, die ab jetzt regelmäßig stattfinden werden und die wir hier kurz vorstellen möchten.

Kunstpalaver Die neue Veranstaltungsreihe „Kunstpalaver“ will Ausflüge in die Geschichte der Künste machen und dabei Vergangenheit und Gegenwart vereinen. Das heißt, der zeitgenössischen Kunst wird eine wich-

tige Rolle zukommen. Dabei soll es zu Dialogen zwischen dem Initiator der Reihe, Claus Utikal, und seinem Publikum kommen, also zu einem Palaver im positiven Sinn des Wortes! Die Veranstaltungen sind vorerst alle zwei Monate geplant. Die Reihe beginnt am 24. Juni 2016 mit einem Triumphgeheul auf 100 Jahre DADA! Denn; „Auf nichts ist Verlass. Außer auf Dada.“ Ein geflügeltes Wort, das vor einhundert Jahren, im Februar 1916, von Zürich aus seinen Siegeszug um

die Welt antrat. Dada war eine der progressivsten und folgenreichsten Kunstbewegungen des 20. Jahrhunderts. Zürich – Berlin – Hannover – Köln – Paris – New York waren wichtige Städte, die Dada innerhalb weniger Monate eroberte. Von da sandten die Dadaisten ihre Zeichen in die Welt. Die Brisanz, die Dada damals hatte, kann man heute nicht mehr in dieser Wucht spüren. Dennoch inspirieren dadaistische Ideen auch heute das Schaffen in bildender Kunst, Literatur und


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Kunstpalaver AbbauBar, 24.6.2016, 21:00 Uhr, Eintritt: 5/3 Euro Der 24. Juni ist ein spielfreier Tag der Fußballeuropameisterschaft.

WortHörBar Die Welt entsteht durch das Denken jeden Tag neu Die WortHörBar ist eine MiniPerformance, in der Klänge und gesprochenes Wort im Mittelpunkt stehen. Jede WortHörBar hat ein zentrales Thema. Die Texte, Wortfetzen, Romanauszüge, Gedichte

schmiegen sich um das Thema im Zentrum und weben einen Teppich aus Gedanken, erst fragil, dann immer kraftvoller. Gute Gedanken sind Keimzellen des Wandels. Einmal gedachte Wahrheiten werden zu einem Perpetuum mobile, dessen Bewegung andere ansteckt, auch mitzudenken. Gemeinsam denken macht Spaß und zeigt Wirkung. Einmal pro Monat donnerstags findet die WortHörBar in der AbbauBar statt.

„Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider. Er nimmt jedesmal neu Maß, wenn er mich sieht.“ (George Bernard Shaw)

WortHörBar 2000 Die Antwort ist zweiundvierzig. Doch was war die Frage? Dort?

Nein hier. Doch warum? Warum ist die Banane krumm? Warum die Planeten rund? Und kommen nun noch Farben wie Rot und Schwarz dazu? Schwarz ist keine Farbe. Nein ist sie nicht. Wirklich. Das Weltall ist schwarz. Leer und voll und schwarz. Schwarz, wenn nichts reflektiert. Jeder reflektiert. Jeder im Weltall, die Erde und der Mensch. Am 23. Juni vereint Thilo Schlüßler für 43 Minuten und 43 Sekunden DREI Stilmittel, um einer weiteren Frage nach dem Ganzen nachzugehen. Antworten gibt es keine. Klänge, Videos und gesprochenes Wort verbinden sich zu einer Collage der Sinne. Text: Claus Utikal, Thilo Schlüßler

WortHörBar2000 AbbauBar, 23.6.2016: 21:00 Uhr, Eintritt: 3 Euro Gastleserin: Therese de Buchholz, anschließend: Bar open!

Foto: Thilo Schlüßler

Musik. Was zeichnete Kunst und Literatur der Dadaisten der ersten Stunde aus? War es mehr als Protest und Aufbegehren? Lebt Dada noch heute? Fragen über Fragen. Die Antworten sucht Claus Utikal gemeinsam mit seinem Publikum.


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Wenn Wege sich kreuzen Eine Kurzgeschichte von Astrid Düerkop

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„Als ich losgehe, ist es kühl. Der Himmel ist hart blau. Es gibt einen Unterschied zwischen blau, hellblau und hart blau.“

Foto: pixabay

Die größeren Mädchen tragen traditionelle pakistanische Kleidung, mit wunderschönen Goldverzierungen. Sie sehen mit ihren dunklen Haaren und lachenden Gesichtern schon jetzt wie kleine Prinzessinnen aus. Die Älteste erzählt mir, wie sie heute beim Fußball in der Schule gegen die Jungen verloren haben, 1:2.

Zufallsbegegnungen.

N

och scheint die Sonne. Die Sitzbank vor der Tür lädt zum Verweilen ein. Ich bestelle mir einen zweiten Kaffee. Eine Frau mit drei kleinen Mädchen nimmt ebenfalls auf der langen Bank Platz. Nach zwei Stunden turnen drei Mädchen um mich herum. Die Kleinste, vielleicht zwei Jahre, lacht so laut und hell, dass ich ihr Lachen am liebsten aufnehmen würde. Sie klettert mir über den

Schoß, zieht sich an meinen Armen hoch. Die Zweite, sie ist in der zweiten Klasse, liest mir aus ihrem kleinen Heft vor. Eine Freundin, Güzun, hat es ihr geschenkt. Güzun hat ihr vorne zwei Herzen auf das selbstgebastelte Heft gemalt. Die Dritte der Mädchen, sie ist die Älteste, bastelt gerade an einem komplizierten Knotenkunstwerk und versucht mir zu erklären, wie man die Plastikbänder ineinander schiebt.

Ich könnte dort Stunden sitzen und ihnen zuhören. Am Ende dreht die Älteste gedankenverloren an meinen grünen Ring. Der Stein ist so schön. Die Kleine gluckst vor Vergnügen, als ich sie festhalte, damit sie nicht von der Bank fällt. Die Mutter der Kinder erzählt mir unterdes von der Koranschule, zu der sie die Kinder täglich bringt. Sie und ihr pakistanischer Mann haben hier ein Geschäft, seit zehn Jahren. Seit einem Jahr läuft es schlecht. Sie wollen vielleicht nach Pakistan zurückkehren. Wir plaudern über die Schule. Den Kindern macht es Spaß, aber sie sollen es später in Pakistan auch leicht haben, mit der Sprache und mit dem Koran. Die Größere kann den ganzen Koran auswendig, viele Jahre harter Arbeit, erst Schulunterricht, dann Koran-


Shortstories | 11

schule, berichtet die Mutter. Zuerst wird die arabische Sprache gelernt, dann die Suren gelesen, später auswendig gelernt, eines Tages dann das Ganze auf Pakistanisch, und erst dann wird der Inhalt kommentiert. Ich bin überrascht. Als ich später gehe, haben wir Adressen getauscht. Die fröhlichen drei Prinzessinnen winken mir hinterher. Ein Mann mit langen weißen Haaren und einer Geige, er sitzt am Nachbartisch, sieht plötzlich glücklich aus, und der jüngere Mitarbeiter der Pizzeria ruft mir im Gehen zu: „Dann bis Morgen, Ma‘a salama!“ Wind weht vom Meer Heute Morgen, noch im Bett, lese ich einen Vierzeiler von Alexander Puschkin: „Nur Liebe ist des kalten Lebens Sonne, nur Liebe ist des heißen Herzens Qual: Sie schenkt nur einen Augenblick der Wonne, doch Leid und Schmerzen schickt sie ohne Zahl.“ Als ich losgehe, ist es kühl. Der Himmel ist hart blau. Es gibt einen Unterschied zwischen blau, hellblau und hart blau. Auf der Holzbank vor meiner Haustür ist alles frei. Ich setze mich nach kurzer Zeit um, damit mir die Sonne den Rücken wärmt. Nun kann ich durch die Glasscheibe in den Innenraum der Pizzeria blicken. Eine Perspektive, die mir normalerweise nicht gefällt. Genau im Fenster ist eine kleine Bank eingelassen, sehr tief, fast sitzt man auf dem Fußboden. Ein kleines Kind mit roten Haaren sitzt dort und ein Junge, vielleicht sieben, steht gelangweilt herum. Als die Mutter der beiden anfängt, sich zu unterhalten, beginnen die zwei zu malen. Auf Servietten, sie legen sie auf die tiefer gelegte Bank. Das kleine Kind hält mir kurz sein Bild an die Scheibe. Die Servietten sind zu dünn, sie beginnen zu zerreißen. Ich gehe hinein und schenke den

beiden eine schwarze Pappe. Das kleinere Kind läuft weg, aber der Junge schnappt sich die Pappe und kurze Zeit später sitzt er draußen auf der Nachbarbank in der Sonne und fängt an, ein Bild zu malen. Er hat nur drei Stifte, einen schwarzen und einen roten und einen gelben Textmarker. Ich gehe rüber zu seinen Tisch, und leihe ihm meine zwei neuen dicken Buntstifte. Weiß und Rosa. Er malt angestrengt, die Zunge kommt zwischen seinen Lippen hervor. Der Oberköper wippt hoch und runter. Ein Mann, ein Handwerker, der neben ihm Platz genommen hat, sieht ihm aufmerksam zu. Seifenblasen kommen vorbei geflogen von irgendwoher, und dann fällt etwas vom Himmel, es sieht aus wie eine kleine eingedrehte Muschel. Es ist eine kleine hellbraune Blüte. Ich stehe auf, um mir noch einen Kaffee zu holen. Im Vorübergehen sehe ich auf sein Bild: eine große Blume, rote Blätter, rosa Ränder und ganz in der Mitte ein dicker roter Punkt. Dann, nach einiger Zeit fängt er an zu radieren, zu schattieren. Das Bild ist grandios geworden. Im Laden frage ich den Cousin des Besitzers: „Ist das Ihre Frau mit den zwei Kindern?“ Es ist seine Schwester. „Richten Sie Ihr bitte aus: Ihr Junge hat Begabung im Malen.“ Als sie nach einiger Zeit mit ihrem kleinen Sohn zurückkommt, sagt er es ihr. Sie setzt sich zu mir in die Sonne auf die Bank. Der malende Junge kommt nun auch herüber. „Er spielt aber viel lieber Fußball“, sagt sie zu mir. „Da war gestern auch schon ein Mädchen,“ erzähle ich, „das spielte auch lieber Fußball.“ Der Junge fängt an zu lachen. Die Mutter meint: „Ich habe von jedem Kind eine Mappe, ich sammle alle Bilder.“ Ich erzähle ihnen, dass ich eigentlich einen Vogel malen wollte

und frage den Jungen, ob er mir einen malt. Er zögert. „Vögel kann ich noch nicht!“ Ich hole meine nächste schwarze Pappe raus. Er legt sie zur Seite, und fängt an auf der Rückseite des Blumenbildes zu malen. Der Vogel ist weiß, hat hühnerartige Beine. An den Rändern, dort wo die Flügel am Körper anliegen, ist er ein wenig rosa. „Ach, kannst Du ihm noch ein paar Federn an den Kopf malen?“, bitte ich ihn. „Und einen Schnabel!“, ruft die Mutter, „er hat ja gar keinen Schnabel.“ Der Vogel bekommt eine Art Perücke, eine seitliche Strichnase und einen lachenden Mund. Ein Glück. Dazu malt er Wolken, aus denen es mächtig in dicken weißen Streifen regnet. Als seine Mutter dann kurze Zeit später zum Aufbruch mahnt, fordert sie ihn auf: „Schenk ihr das Bild!“ „Die Blume ist aber so schön und war so schwer!“, mault ihr Sohn. Wir machen einen Tausch: Ich schenkte ihm meine dritte schwarze Pappe, er reißt sie mir aus der Hand, und ich halte sein Bild in den Händen. Beim Gehen der drei bin ich gerührt. Jetzt erst sehe ich was aus den Regenwolken schaut: Ein fein gezeichneter roter Kreis blickt aus den Wolken zu dem Vogel herunter. Der Kopf hat zwei rote Punktaugen, keine Nase, keinen Mund, über dem linken Auge befinden sich als Augenbraue drei sehr feine Wimpern, die nach oben weisen.

ÜBER DIE AUTORIN: Während der letzten Berufsjahre ist aus Schreiben und Gedankensammeln nur noch Zuhören und Lesen geworden. Erst mit dem langsameren Lebenstempo seit 2001 und dem Genuss an kleinen Wegen und Begebenheiten fand Astrid Düerkop zurück zum Geschichtenerzählen.


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Buchtipp

Das F-Wort Julia Korbik: Stand up – Feminismus für Anfänger & Fortgeschrittene Feminismus? Brauchen wir nicht, wollen wir nicht, so der Standpunkt vieler. Frauen haben doch schon soviel erreicht! Seit mittlerweile drei Legislaturperioden lenkt eine Vertreterin des weiblichen Geschlechts die Geschicke Deutschlands, an der Spitze des Internationalen Währungsfonds steht die Französin Christine Lagarde und fast alle einflußreichen Polittalkshows hierzulande werden von Frauen moderiert. Welche Mechanismen, Vorurteile und politischen Weichenstellungen dazu führen, dass wir eben doch nicht so gleichberechtigt sind, wie wir gerne glauben, zeigt Julia Korbik in ihrem ebenso unterhaltsamen wie gut recherchierten Buch „Stand up - Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene“. Ein kleiner Selbstversuch: Schon mal bei einem lockeren Partyplausch in geselliger Runde das „F-Wort“ fallen lassen? Augenrollen und zotige Witze sind noch die harmloseren Reaktionen. Warum, so fragt Julia Korbik, hat der Feminsmus eigentlich so ein schlechtes Image? Insbesondere junge Frauen reagieren oft geradezu allergisch, wenn die Sprache auf Feminismus kommt. Klar: „Im Vergleich zu, sagen wir mal, dem Mittelalter, wo Frauen die aus der Rolle fielen, als Hexen verbrannt wurden, geht es dem weiblichen Teil der deutschen Bevölkerung heute gut. Und im Vergleich zu Ländern, wo weibliche Genitalien mit rostigen Rasierklingen (...) verstümmelt werden, auch. Trotzdem ist die Bundesrepublik Deutschland von einem gleichberechtigten Wun-

derland weit entfernt.“ Noch immer verdienen Frauen hierzulande deutlicher weniger als ihre männlichen Kollegen – bei gleicher Qualifikation und Berufserfahrung. Im

„Der Feminismus hat ein großes Problem: sein schlechtes Image. Er ist wie ein tolles Produkt, das unter der Kampagne der Konkurrenz (das gute alte Patriachat) arg gelitten hat.“ europäischen Vergleich ist der sogenannte Gender Pay Gap, also der geschlechterspezifische Lohnunter-

schied, in Deutschland und Österreich sogar am höchsten. Bei uns beträgt der statistische Unterschied zwischen Frauen- und Männereinkommen stolze 22 Prozent. Auch die Führungsetagen sind mitnichten von Frauen bevölkert, es sind gerade mal drei bis acht Prozent der Führungskräfte weiblich – je nach Branche und Erhebungsmethode. Das Ehegattensplitting – ein Relikt aus der Zeit, als arbeitswillige Frauen noch auf die Erlaubnis ihren Gatten hoffen mussten (erst 1977 durften Frauen auch gegen den Willen ihres Mannes einen Arbeitsvertrag unterschreiben) – festigt nach wie vor die traditionelle Arbeitsteilung und innerfamiliäre Rollenzuweisung. Denn je größer der Gehaltsunterschied der Partner, umso höhere Steuervorteile genie-


Wort & Vision | 13

© Rogner & Bernhard

Unterm Strich:

ßen beide als Paar. Was dazu führt, dass es sich für die schlechterverdienende Partei, meistens die Frau, lohnt, gar nicht oder nur in Teilzeit zu arbeiten. Die Literaturwissenschaftlerin Barbara Vinken bringt es auf den Punkt: „Bundesdeutsche Familienpolitik hat die Frau in ihrer Rolle als Ehefrau und Mutter, nicht aber als berufstätige Bürgerin gefördert.“ Und genau das tut sie immer noch. Zwar hat die Politik mittlerweile erkannt, dass Kinderbetreuungsmöglichkeiten eine wichtige Stellschraube in Punkto Geschlechtergerechtigkeit sind und ihren Ausbau gefördert. Trotzdem gibt es immer noch viel zu wenig Krippen- und Kitaplätze in Deutschland. Es geht zwei Schritte vor und

einen zurück: Aussetzer wie die so genannte „Herdprämie“ sind an der Tagesordnung. Erst im letzen Jahr wurde das 2012 eingeführte Betreuungsgeld für Eltern, die ihre Kinder nicht „fremdbetreuen“ lassen, vom Bundesverfassungsgericht gekippt. Nur die Bayern halten weiter fest an einer reaktionären Maßnahme, die gestrige Rollenbilder zementiert. Nach der aufmerksamen Lektüre von „Stand up - Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene“ dürfte es keinen Zweifel mehr geben: Es gibt noch so einiges zu tun, soll die im Grundgesetz verankerte Gleichberechtigung von Mann und Frau mehr sein als ein zahnloser Papiertiger.

Bleibt zu hoffen, dass Julia Korbik mit ihrem Buch „Stand up - Feminismus für Anfänger und Fortgeschrittene“, viele Menschen erreicht. Korbiks Erstling ist ein Aufklärungsbuch ohne erhobenen Zeigefinger und eine glühende Streitschrift für den Feminismus, die gleichermaßen informiert und unterhält. Korbik liefert Feminismus kompakt – auf 400 Seiten findet sich alles, von theoretischen Basics bis Popkultur, von Simone de Beauvoir bis Peaches. Unbedingt lesen!

Text: Frauke Niemann

Julia Korbik

STAND UP – FEMINISMUS FÜR ANFÄNGER UND FORTGESCHRITTENE Rogner & Bernhard, 416 Seiten, 22,95 Euro


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Erlesenes für Kinder

© Carlsens Verlag

© Arena Verlag

© Thienemann Verlag

Diese Bücher wurden auf die Probe gestellt, haben einen zweifachen Kinder-TÜV passiert. Seit einiger Zeit gibt es im Familienbereich der Kita Kiezeulen und Gleimstrolche das „Lesen für Kinder“. Wir stellen Ihnen ausgewählte Schätze dieser Vorlesestunden vor.

Mit Oma ist jetzt alles anders.

Tschüss, kleines Muffelmonster.

von Sibylle Rieckhoff

von Julia Boehme

Das Buch „Mit Oma ist jetzt alles anders“ geht der Frage nach, was sich im Leben eines Kindes verändert, wenn die Großeltern plötzlich krank werden und nie mehr so werden, wie sie mal waren. Paulines Oma ist die Beste. Sie ist lustig, lieb, mutig, schnell, witzig, und sie macht fast jeden Spaß mit. Sie zeigt Pauline die schönen Dinge und tröstet sie, wenn der Tag mal nicht so gut gelaufen ist. Aber eines Tages ist alles anders, die Oma wird mit Blaulicht ins Krankenhaus gebracht. Nach ein paar Tagen kann Pauline sie schon besuchen, welche Freude! Doch Oma sieht zwar so aus wie früher, aber sie sitzt im Rollstuhl, sagt nichts und lacht nicht. Zuerst ist Pauline verzweifelt, aber dann erinnert sie sich an ihre mutige Oma, die allem getrotzt hat. Pauline hat einen Plan.

Moritz bekommt Besuch in seinem Kinderzimmer. Ein zerzaustes, kleines Muffelmonster, so groß wie ein Kuscheltier, wirbelt plötzlich in seinem Kinderzimmer herum und verbreitet schlechte Laune. Das Monster verrät ihm, dass es nur sichtbar ist, wenn es sauer ist. Um wieder unsichtbar zu werden, muss es gute Laune bekommen. Moritz hat sofort viele Ideen, die dem Monster helfen könnten: toben, tanzen, Fell kraulen, kuscheln, Kekse essen oder saure Gurken. Alles wird abgelehnt. Da wird Moritz traurig und hockt sich entmutigt auf den Boden. Jetzt wendet sich das Blatt, und das Monster geht sanft auf Moritz zu. Dieses Buch schafft zweierlei. Es erzählt sehr eindrücklich von schlechter Laune, die jeder kennt und gibt viele Tipps, wie schon die Kleinsten dieses Gefühl überwinden können.

Dieses Buch wagt sich an das Thema Demokratie in der Familie. Es geht der Frage nach, wer eigentlich der Bestimmer ist, wenn alle bestimmen wollen. Familie Wiefel ist eine ganz normale Familie, bestehend aus Papa, Mama, Anki und Spätzchen. An Ankis 7. Geburtstag beschliesst sie, dass sie groß ist und dass sie bestimmen kann. Warum sollen immer Mama und Papa alles bestimmen? Aber von nun an gibt es bei den Ausflügen, beim Einkaufen und bei der Wahl des Abendessens großes Chaos, weil jeder etwas anderes will und macht. Bis die Wiefels verschiedene Demokratiemodelle ausprobieren, was anfangs noch ein bisschen holpert, aber immer mehr verfeinert wird. Spannend, was die vier sich ausdenken und wie sie dadurch wieder eine stabile, liebevolle Familie werden.

ThienemannVerlag gebunden, 32 Seiten Altersempfehlung: 4-6 Jahre

Arena Verlag gebunden, 32 Seiten Altersempfehlung: 4-6 Jahre

CarlsenVerlag gebunden, 48 Seiten Altersempfehlung: 4-6 Jahre

Texte: Barbara Schwarz

Jetzt bestimme ich! von Juli Zeh


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Filmhelden auf Abwegen Crossover im Kino

„Die simpelste Variante eines filmischen Crossovers stellt (...) der Cameo-Auftritt dar. Dabei “besucht” ein bekannter Charakter eine für ihn sonst fremde Filmwelt.

Foto: pixabay

schlichten Erwähnung andere Filmfiguren und -Welten) der CameoAuftritt dar. Dabei “besucht” ein bekannter Charakter eine für ihn sonst fremde Filmwelt. Diese Momente sind besonders häufig humoristischer Natur.

Versteck-Spiel: Der Cameo-Auftritt ist meist ein spielerischer Verweis auf eine andere Filmwelt.

D

er Begriff “Crossover” ist nicht nur ein Thema für Kunstprojekte oder den öffentlichen Raum, sondern auch ein beliebtes filmisches Motiv. Er bezieht sich dabei auf das “Überkreuzen” von Figuren oder Orten. Es handelt sich also um ein Phänomen, das besonders wichtig für die Handlung von Filmen ist. Dabei gibt es mehrere Möglichkeiten, wie zwei oder mehr Filmwelten aufeinander verweisen und somit ineinandergreifen können.

„Es gibt viele Möglichkeiten, um Filme miteinander zu kreuzen. Von kleinen Details und humorvollen Cameos bis hin zum Aufbau ganzer gemeinsamer Filmwelten. „ Die simpelste Variante eines filmischen Crossovers stellt (neben der

So findet sich zum Beispiel in der Western-Komödie “A Million Ways to Die in the West” (2014) von Seth MacFarlane so ein Moment. Die Hauptfigur Albert betritt einen Schuppen und findet dort den aus der “Zurück in die Zukunft”-Reihe bekannten Doc Brown bei der Arbeit an seiner Zeitmaschine vor. Entscheidend für diesen CameoAuftritt sind die vielen hör- und sichtbaren Verweise auf die eigentlich fremde Filmwelt. Erst durch die erneute Besetzung von Christopher Lloyd, das entsprechende Kostüm und die bekannten Sprachmuster wird deutlich, um wen es sich in der Szene handelt. Hinzu kommen die berühmte Zeitmaschine in der Form eines DeLoreans sowie subtile musikalische Verweise auf die “Zurück in die Zukunft”-Reihe. Aus diesen Puzzlestücken ergibt sich sehr schnell


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16 | Wort & Vision

Handlungstragende Crossover verknüpfen Filmwelten zu einer gemeinsamen Erzählung.

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Handlungstragende Crossover werden mittlerweile besonders gern innerhalb eigener Filmwelten als Ausgangspunkt für Neustarts und Parallelgeschichten benutzt.

und sehr deutlich das erwünschte Bild: Hier handelt es sich tatsächlich um Doc Brown. Ein Eindruck, der im Film selbst nie an- oder ausgesprochen wird. Ebenfalls wichtig für einen Cameo-Auftritt: Er dauert nur wenige Minuten. Die Szene ist schnell vorbei, denn der Witz ist beim Publikum angekommen. Wichtig für die Handlung sind solche Momente eher selten. Crossover als handlungstragend Ganz anders verhält es sich hingegen, wenn diese Crossover-Momente die Handlung des Filmes voranbringen. Solche Momente werden mittlerweile besonders gern

innerhalb eigener Filmwelten als Ausgangspunkt für Neustarts und Parallelgeschichten benutzt. Die jüngsten “Star Trek”-Verfilmungen sind dabei ein gutes Beispiel. In “Star Trek” (2009) wird gleichzeitig ein Neustart der gesamten Filmreihe, aber auch eine Einreihung dieses Neustarts in die Tradition der Serie vorgenommen. Die Schlüsselfigur ist dabei der von Leonard Nimoy gespielte Mr. Spock, der als Bindeglied zwischen alter und neuer Filmwelt auftaucht. Der Film versteht sich selbst als Neustart und besetzt alle ikonischen Figuren mit neuen, jüngeren Schauspielern und veränderten Charaktereigenschaf-

ten. So auch Mr. Spock, der fortan von Zachary Quinto gespielt wird. Der “alte” Spock aus der “alten” Filmwelt taucht als Dimensionsreisender innerhalb des Filmes auf und bringt so die beiden Filmwelten zusammen. Der Film sagt dem Publikum also: Ab jetzt wird alles neu und anders, aber die vergangenen Erzählungen lassen sich immer noch damit vereinbaren. Filmuniversen durch Crossover Der jüngste und derzeit populärste Hollywood-Trend dürfte als Königsdisziplin des Crossovers angesehen werden: Das gemeinsame Filmuniversum. Durch den allge-


Wort & Vision | 17

Los ging es mit dem ersten “Iron Man” (2008), an dessen Ende Nick Fury einen Cameo-Auftritt hat und suggeriert, dass die im Film aufgebaute Welt weitere Superhelden als Iron Man kennt. Ebenso beim Marvel-Film “The Incredible Hulk” aus dem gleichen Jahr. Im ersten Schritt wurden simple Verweise der Superhelden-Filme aufeinander gesetzt. Im zweiten Schritt in der Form von “Iron Man 2” (2010) wurden diese zaghaften Verweise handlungsfüllend ausgebreitet. Anstatt lediglich nach dem Abspann in kurzen Cameo-Auftritten aufzutauchen, wird in diesem Streifen aktiv an einer gemeinsamen Filmwelt, gar einem ganzen Filmuniversum gebaut. Helden wie Black Widdow und War Machine werden hier eingeführt und in den späteren AvengersFilmen erneut aufgegriffen. Agent Coulson taucht erneut auf und verweist mit seinem Auftritt auf den nächsten Film innerhalb des Marvel Filmuniversum. “Thor” (2011) konzentriert sich mit seiner Erzählung zwar auf den Titelhelden, knüpft mit Agent Coulson aber an “Iron Man 2” an und bringt mit Hawkeeye gleich noch einen weiteren Helden ins Spiel. In “Captain America” (2011) wird mit dem Protagonisten

ebenfalls ein neuer Held der späteren Avengers eingeführt, doch auch das Objekt der Begierde für den Bösewicht taucht im gemeinsamen Filmuniversum wiederholt auf. Kurzum: Obwohl vier der fünf Filme als eigenständige Geschichten und Filme funktionieren, verweisen ihre Handlungen so stark aufeinander, dass sie schon als Fortsetzungsgeschichten innerhalb derselben Filmwelt angesehen werden können. Genau dieses Argument liefert auch schlussendlich “Marvel’s The Avengers” (2012), bei dem alle erwähnten Helden erstmals filmisch aufeinandertreffen. Das CrossoverExperiment ist nicht nur vollendet, sondern auch hervorragend geglückt. Dabei ist die Idee eigentlich nicht neu. Crossover als neues Paradigma Es gibt viele Möglichkeiten, um Filme miteinander zu kreuzen. Von kleinen Details und humorvollen Cameos bis hin zum Aufbau ganzer gemeinsamer Filmwelten. Der große Erfolg von Marvel zeigt, dass

Hollywood durch Crossover in einem neuen Paradigma steckt, dem Paradigma der Filmuniversen. Was das für die Erzählweisen und -mechanismen von Filmen bedeuten wird, lässt sich momentan nur erahnen. Es kann trotz aller berechtigten Kritik aber auch als Chance für eine völlig neue Art der Erzählung angesehen werden. Eine Form der Erzählung, bei der die erzählte Welt ebenso wichtig genommen wird wie die Charaktere, die in diesen Welten leben. Text: Christian Steiner

Autoreninfo Christian Steiner, Jahrgang 1987 studierte Philosophie und Medienwissenschaft an der CAU Kiel. Sieht in der gegenwärtigen Crossover-Kultur eine Chance für neue Erzählformen. In seiner Freitzeit podcastet er regelmäßig über Filme. www.secondunit-podcast.de www.superherounit.de

Foto: pixabay

meinen Siegeszug der Comichelden auf der großen Leinwand und ganz besonders durch Marvels clevere Vorgehensweise mit den “Avengers” (2012) werden Crossover zu mehr als nur kleinen oder großen Gimmicks. Erstmals teilen sich Filmfiguren nicht nur eine gemeinsame Welt, sie bauen sie sogar aktiv auf! Der große Siegeszug der Avengers wurde nämlich von langer Hand geplant und mit vielen kleinen Cameos und handlungstragenden Crossovern vorbereitet.

Hollywoods jüngster Trend ist das Zusammenführen von Filmwelten zu gemeinsamen Filmuniversen.


18 | Kiez & Kultur

Erwin Wurm: Bei Mutti

© Erwin Wurm, VG Bild-Kunst Bonn, 2016, Foto: Amin Akhtar

Ausstellung in der Berlinischen Galerie

Wenn Museumsbesucher selbst zum Kunstwerk werden: In Erwin Wurms Ausstellung eher die Regel als die Ausnahme.

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er Österreicher Erwin Wurm, Jahrgang 1954, zählt zu den erfolgreichsten Gegenwartskünstlern. 1987 war er Stipendiat des DAAD-Künstlerprogramms in Berlin. Jetzt widmet ihm die Berlinsche Galerie als erste Berliner Einrichtung eine monographische Ausstellung. Wurm holt den Rezipienten aus der Ecke des reinen Betrachters. Der Zuschauer wird spielerisch Teil seiner Kunstwerke, bei denen die Grenzen zwischen Skulptur, Objekt und Performance verschwimmen. Mittelpunkt der Ausstellung ist

das Narrow House, eine begehbare Nachempfindung des Wurmschen Elternhauses in Oberschöckl bei Graz in der Steiermark. Es ist von den Blumenkästen bis zur Tapete ein detailgetreuer Nachbau, allerdings zusammengestaucht auf 1,10 Meter Breite. So macht Wurm die Enge der Provinz erlebbar und verweist gleichzeitig auf die Entferung zwischen Kinderblick und Erwachsenensicht. In den One Minute Sculptures geht Wurm noch einen Schritt weiter. Hier partizipiert der Betrachter nicht mehr nur. Nein, er wird selbst

zum Kunstwerk. Durch genaue zeichnerische Anweisungen gibt der Künstler die Posen vor, die der Ausstellungsbesucher einnehmen soll. Das kann ein Stuhl sein, den es wie einen Latz anzuziehen gilt, ein Pulli, in dem zwei Menschen stecken oder Gläser, die auf den Schuh-

„Es interessiert mich, die Dinge auf den Kopf zu stellen und so auf neue Realitäten zu stoßen.“ (Erwin Wurm)


Kiez & Kultur | 19

sohlen im Liegen abgestellt werden. In „Keep a cool head“ sollen die Besucher die Aufforderung wörtlich nehmen und ihren Kopf in einen Kühlschrank stecken. Das Werk „Confessional“ (Beichtstuhl) bilden zwei Besucher, die ihren Kopf in eine Hundehütte stecken.

terialien nach und verfremdet sie gleichzeitig durch Verzerrung und Größenverschiebung. Zur Ausstellung erscheint im Prestel Verlag ein

Katalog mit etwa 80 Abbildungen, der sich hauptsächlich den bisher nur in Ausschnitten veröffentlichten Zeichnungen Wurms widmet.

© © Erwin Wurm, VG BILD-KUNST Bonn, 2016 , courtesy: Galerie Thaddaeus Ropac, Salzburg, Paris, Foto: Studio Erwin Wurm

Wenn das Publikum Wurms Aufforderung zum Mitmachen befolgt, findet es sich schnell in den absurdesten Situationen wieder. Der Spaßfaktor für Jung und Alt ist auf jeden Fall garantiert durch die Umwertung und Neukombination von Alltagsgegenständen. Crossover eben. Wurm sagt von sich, dass er ein sehr politisch denkender Mensch ist, aber kein politischer Künstler. Er nutzt den Humor regelrecht als Waffe, indem er den Alltag aus einer anderen Perspektive zeigt. In seiner Heimat wurde Wurm schon mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, zuletzt 2015 als er zum „Österreicher des Jahres“ in der Kategorie Kulturerbe gekürt wurde. Er prägte auch die Kunst im öffentlichen Raum, etwa mit seiner Installation „Gurken“ 2011 in Salzburg.

ERWIN WURM: BEI MUTTI - Ausstellung © Erwin Wurm, VG Bild-Kunst Bonn, 2016, Foto: Amin Akhtar

Neben den Skulpturen und Performances gibt es in der Berliner Ausstellung auch Einzelblätter aus Wurms Werk „Von Konfektionsgröße 50 zu 54 in acht Tagen“ inklusive Speiseplänen, Rezepten und Instruktionen, wie man in acht Tagen seinen Körperumfang erheblich steigert. Ein Teil der Präsentation widmet sich skulpturalen Arbeiten, die erst in den letzten Monaten entstanden sind. Es sind Gegenstände aus der Alltagswelt, allesamt deformiert: verbeulte Kühlschränke, riesige verformte Telefone und eingeknickte Sideboards. Wurm bildet die Objekte aus verschiedenen Ma-

Das Herzstück der Ausstellung: Das Narrow House

Noch bis zum 22. August 2016 in der Berlinischen Galerie Museum für moderne Kunst Alte Jakobstraße 124–128 10969 Berlin Mittwoch–Montag 10:00–18:00 Uhr Dienstag geschlossen Tageskarte: 8, erm. 5 Euro, jeden ersten Montag im Monat: 4 Euro Freier Eintritt bis 18 Jahre Text: Barbara Schwarz


20 | Kiez & Kultur

Schrebergarten goes Kita

Foto: Kita Gleimstrolche, HAUS 2

Zusammen mit Gartenpaten die Natur entdecken

„Unkraut nennt man die Pflanzen, deren Vorzüge noch nicht erkannt worden sind.“ (Ralph Waldo Emerson)

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ie Kleingartenanlagen Bornholm I und II bestehen seit 1896 und befinden sich an der Grenze des Stadtbezirkes Prenzlauer Berg zum Wedding. Auch diese Anlagen sind, wie viele andere, durch Schließung bedroht. Schon 1972 fielen viele Kleingärten dem Bau des Botschaftsviertels zum Opfer. Auch heute ist die Lage alles andere als entspannt, die Sicherheit des Bestandes ist nur bis 2020 gewährleistet. Deshalb wurden die Kleingärtner politisch aktiv und verfassten eine Anfrage an die Parteien im Abgeordnetenhaus. Sie wünschen sich Bestandssicherheit, denn ihr Dasein und ihre Arbeit erfüllen eine

ökologische, städtebauliche, soziale und kulturelle Funktion. Die Kleingärten schaffen so viel Gemeinsamkeit für das gesellschaftliche Zusammenleben. Das zeigt sich auch an den vielfältigen Kooperationen mit Bildungseinrichtungen im Kiez. So kam auch die Kooperation zwischen der Kleingartenanlage Bornholm mit Haus2 der Kita Gleimstrolche zustande. Mehrere Treffen pro Jahr sind vereinbart, zwei im Frühjahr, drei im Sommer und einer im Herbst. Die Gartenpächter bauen mit den Kindern gemeinsam Wurmkisten, Insektenhotels, Vogelhäuser, Igelhäuser und Fledermaushäuser. Die Kinder können in der Gartenanlage Beete anlegen, säen,

pflegen und ernten, wobei sie sich alles Wissenswerte unter Anleitung über das Gärtnern aneignen können, wie kompostiert wird und welche Pflanzen die Nähe von anderen suchen oder meiden. Dabei können die Setzlinge und Stecklinge auch von den Kindern und Erzieher_innen in der Kita vorgezogen werden. Es gibt so viel zu erfahren, über Pflanzen und ihr Wachstum oder die Lebensweise von Insekten, Vögeln und anderen Gartenbewohnern. Die Kinder lernen ganz spielerisch den Kreislauf der Natur kennen und erleben, welchen Spaß es macht, mit den Händen in der Erde zu wühlen. Text. Barbara Schwarz


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Kiez & Kultur | 21

Kolumne:

Der Springende Punkt

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allöle, alle mal herhören… da bin ich wieder,

heute is mir echt lustig zumute! Hab ich doch mit der Pünktin, die, wie Ihr ja wisst, meine Angetraute is, einen ausgedehnten Spaziergang gemacht. Viel Neues konnten wir entdecken, und ich sehe mir doch so gern die vielen schön bepflanzten Blumenkästen auf den Balkons an. Leider entdeckte meine bessere Hälfte dort auch Pflanzen, die wir in unseren Kästen nich haben. Und … wir landeten in einem der holländischen Gartencenter. Aber, was ich da erblickte, das glaubt Ihr nich: eine TOMTATO-Pflanze. Ihr wisst nich, was das is!? Hi, hi, hi, ich hab sowas auch nich gekannt. Eine Tomtato ist eine neue Züchtung, an der oberirdisch TOMaten und unterirdisch PoTATOs, also Kartoffeln wachsen. Irre, wa? Zwei völlig verschiedene Sachen sind hier zu einer (neuen) geworden! Bisher kannte ich eigentlich solche Kombis (wie man so schön neudeutsch abkürzt) in der Musik. Da haben Musiker den Sprung von der E-Musik zur U-Musik gewagt; David Garrett oder Nigel Kennedy zum Beispiel. Was die ihren SuperGeigen für Töne entlocken, das geht von Bach bis Rock ´n Roll und noch viel weiter! Da ignorieren sie jegliche Grenzen zwischen der „ernsten“ und der „Unterhaltungs“musik.

Und David hat sogar eine CD nach dieser Methode eingespielt, eine super Scheibe: „Crossover“ heißt die. Zurück zu Bach: Was hat der eigentlich komponiert? Oder andere Kompositeure… War das EMusik? Oder auch U? Sicher beides. Ein Menuett von Mozart ist sicher E und U gleichzeitig; damals wurde sehr gern danach getanzt. Und Bachs Kantaten sind sowohl konzertante als auch Gebrauchsmusik. Und wie steht´s mit René Kollo? Von Hause aus Opernsänger, Special: Wagner; dann plötzlich entdeckt er die Liebe zur Musik seines Vaters und Großvaters und singt Operettenmelodien. Prima gemacht, René. Und weil ich gerade dabei bin: Wie sieht´s denn bei Heino aus? Mag ich ihn mögen oder nich – sein Ausflug vom Schlagersänger zum Hard-Rocker war halbwegs sensationell! Lustigerweise gibt es ja auch in der Tierwelt solche „Ereignisse“: Was ist denn ein Maultier oder Muli??? Na? Das ist auch eine „Kreuzung“: Mama ein Pferd, Papa ein Esel. Da hat sich die Natur was Tolles ausgedacht - oder die beiden Elternteile. Aber die Natur kann noch mehr. Wie passen denn Schokolade und Chili zusammen? Gar nich? Doch! Es gibt Schokolade und auch Marmelade aus beiden Zutaten. Und die schmecken! Eigentlich gibt es nix, was es nich gibt – wie es so heißt. Auch bei Eis wird viel experimentiert, Zutaten zusammenzubringen, die ungewöhnlich sind. Es

gibt sogar Knoblaucheis, uff! Da sag ich: Erlaubt is, was gefällt, oder schmeckt. Und weil ich weiter oben von der Tomtato sprach, sollte auch nich unerwähnt bleiben, dass viele Obst- und Gemüsesorten erst durch Veredlung ertragreich werden. Da werden einfach Pflanzentriebe einer Sorte auf eine ganz andere Pflanzunterlage gepfropft. Ohne diesen Vorgang ginge es gar nich. Ich muss Euch, meine liebe Leserschar, ganz einfach sagen: ich finde dieses Wandern zwischen ursprünglich nich zusammengehörigen Dingen einfach knorke. Und weil wir ja bald die Olympischen Spiele bewundern, setze ich noch eins drauf, nämlich die Sportler. Was wäre beispielsweise ein Radsportler ohne Kraftübungen (die ja sonst nix mit dem Radsportwettbewerb zu tun haben), oder ein Eisschnellläufer ohne das Radfahren im Sommer? Und so könnte ich noch mehr Beispiele geben. Also, wenn ich so nachdenke… Los, meine verehrte Leserschar: Wagen wir es! Lasst uns neue Wege beschreiten, lasst uns das Ungewöhnliche versuchen, lasst uns experimentieren. Immer nach der Devise: „Unmögliches erledigen wir sofort – Wunder dauern etwas länger.“ Oder wie es Che Guevara ausdrückte: „Seien wir realistisch, versuchen wir das Unmögliche.“ Oder gefällt Euch Hermann Hesse besser: „Damit das Mögliche entsteht, muss immer wieder das Unmögliche versucht werden.“ „Was Neues entsteht, wo ich geh und steh “, meint der Springende Punkt vom KVPB (pad)


22 | Kiez & Kultur

Die Stadt als öffentliche Bühne

Foto: pixabay

Artivismus: Politischer Aktivismus mit den Mitteln der Kunst

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as Kunstwort Artivismus meint die Verbindung von politischem Aktivismus mit den Mitteln der Kunst. Peter Weigel vom Karlsruher Zentrum für Kunst und Medientechnologie prägt diesen Begriff. Es ist für ihn die „erste wirklich neue Kunstrichtung des 21. Jahrhunderts“. Also eine wirkliche Neuerung, denn kunstgeschichtlich betrachtet, befindet sich die abendländische Kultur immer noch in der Postmoderne. Artivismus bietet für Künstler und Aktivisten einen Nährboden, in dem ihre Ideen gewissermaßen verschmelzen können, somit wird Artivismus als mögliche „Reparaturkul-

tur“ unserer Zeit angesehen, auch, um Demokratie mit neuem Leben zu füllen und Systeme zeitweilig in Frage zu stellen. Das Phänomen Artivismus treibt nicht nur Menschen in den westlichen Metropolen um. Es beschäftigt nicht nur die Kreativen oder künstlerisch Tätigen, sondern auch politische Aktivisten, die sich gezielt für Menschenrechte und Bleiberechte, gegen Ausgrenzung und Armut engagieren.

ne sich oder eine Gruppe aus unterschiedlicher Motivation um ein Stückchen Stadt „kümmern“ kann, um auf alle Fälle eins zu erreichen: Identifikation mit einem Ort und das Selbstvertrauen, etwas bewegen zu können. Denn Menschen in der Stadt interessiert es, welches Recht auf Mitsprache sie in einer Demokratie haben, was sich z.B. anhand des Themas, wem der öffentliche Raum gehört, gut diskutieren lässt.

Kunst & Aktion im Alltag der Stadt Lilo Schmitz versammelt in ihrem Sammelband „Artivismus _ Kunst und Aktion im Alltag der Stadt“ viele unterschiedliche Beispiele aktivistischer Stadtkunst und zeigt Möglichkeiten auf, wie der einzel-

Ein Fotoprojekt begleitet Müll- und Papiersammler in Istanbul, die in Junggesellen-Zimmern leben. Aus Deutschland zeigt das Beispiel neu eingereister Menschen aus Rumänien und Bulgarien, wie Politik Mängel erzeugt und wie sich Menschen


Kiez & Kultur | 23

voller Solidarität und Freundschaft, gemeinsam gegen die verarmenden Strukturen stellen. Stadt selber machen Ein neuer Mitmachurbanismus ist entstanden. Diese Lust, Stadt selber zu machen, macht aus ihren Bewohnern, die von der Ökonomie oft nur aufs Konsumieren reduziert werden, wieder Benutzer und Produzenten. Urban Gardening zählt ebenso zum Mitmachurbanismus wie z.B. Stadt-Biographie-Arbeit. Menschen gehen auf Entdeckungsreise, entwickeln bunte Muster von Kreativität, mischen sich mit phantasievollen künstlerischen Produktionen ein und erkennen, dass sie sich auf viele Weisen beteiligen können und dass Projekte eine produktive und positive Kraft haben. Diese stärkende Erfahrung von Selbstwirksamkeit ist ein zukunftsweisender Effekt. Den offenen Blick zu stärken und Möglichkeiten für Beteiligung aufzuzeigen, wird jungen wie alten Menschen in Schule und Freizeit in der Identifikation mit ihrer Stadt helfen. Dass auch Senioren enga-

giert dabei sind, wenn es um Artivismus geht, zeigt eindrucksvoll ein Düsseldorfer Projekt. Die sogenannte „Angströhre“ ist ein Tun-

„Die Aktivitäten sozialer Bewegungen, die schon die 70er Jahre kennzeichneten, sind im neuen Jahrtausend anders. Sie sind bunter, fröhlicher, weniger miesepetrig, weniger besserwisserisch. Sie sind ästhetik-bewusst, sie sind künstlerischer geworden, während viele Kunst sich sozial engagiert.“ (Lilo Schmitz)

nel, der die Düsseldorfer Stadtviertel Benrath und Paulsmühle unter mehreren Bahngleisen verbindet. Diesen Ort belebten die Senioren selbst künstlerisch neu, indem sie

sich zusammenschlossen und verschiedene Events ausprobierten: Strickrunden, Tanztee, Flohmarkt, gemeinsame Turnübungen. So nahmen sie sich dieses notwendige Stück Architektur und füllten es mit Sinn und Freude, erschufen gemeinsam etwas Neues. Ein weiteres beeindruckendes und nicht ganz ungefährliches Ativismusbeispiel ist die Performance „Standing Man“ des Choreographen und Tänzers Erdem Gündüz während der Proteste im Gezi-Park in Istanbul. Gündüz stand inmitten der aufgewühlten Menge stundenlang stumm und bewegungslos da und stellte sich so der Polizeigewalt entgegen. Er stand nicht lange alleine. Diese Aktion inspirierten Andere zu ähnlichen Aktionen, z.B. am ZKM Karlsruhe. Der Sammelband „Artivismus“ zeigt vielfältige Ideen, wie jeder sich als Bürger seiner Stadt annehmen kann und macht Lust, verschiedene Aktionen auszuprobieren und weiterzutragen. Text: Barbara Schwarz

LITERATUR ZUM THEMA Lilo Schmitz (Hg.): Artivismus. Kunst und Aktion im Alltag der Stadt. Transcribt Verlag, 278 Seiten, 24,99 Euro

Tobias Morawski: Reclaim Your City. Verlag Assoziation A, 168 Seiten, 16 Euro

Malte Bergmann, Bastian Lange (Hg.): Eigensinnige Geographien. VS Verlag für Sozialwissenschaften, 306 Seiten, 39,95 Euro


24 | Das Letzte

Bilderrätsel

„She is gone“ steht auf der Mütze des Mädchens, das eine Hauswand in einer prominenten Straße mitten in Prenzlauer Berg schmückt. Geschaffen hat es El Bocho, dessen Großstadtwesen an Hauseingängen, Wänden und Abrissgrundstücken eine Aura von Unnahbarkeit, fast Traurigkeit versprühen. Seine Werke heißen „I miss my Plattenbau“ oder „Homegirl“, manchmal begleiten sie die Passanten fast lebensgroß auf Augenhöhe, manchmal sind sie klein und versteckt außerhalb des Blickwinkels angebracht. Ja angebracht, denn sie sind nicht direkt auf die Wände gemalt, El Bocho verwendet die Technik des Pastings: Bemaltes Papier wird auf den Untergrund gekleistert. El Bocho, was so viel heißt wie „Das Eselchen“, ist gebürtiger Frankfurter und lebt

Foto: Barbara Schwarz

Wat? Wo steht denn ditte?

seit 20 Jahren in Berlin. Tagsüber arbeitet er als Typograf und Illustrator, nachts lebt er sein Künstlerdasein aus. Wenn Sie wissen, wo genau sich unser gesuchtes Street-ArtMädchen befindet, senden Sie Ihre Lösung bitte bis zum 30. Juli 2016 an mittendrin@kvpb.de. Unter allen Mitratern verlosen wir zwei Freigetränke auf unserem Sommerfest am 10.09.2016 im Hof des ZENTRUM danziger50.

Des Rätsels Lösung: In der letzten Ausgabe konnten nur diejenigen unser Rätsel lösen, die schon mal offenen Auges durch die Lychener Straße flaniert sind und sich die Häuserfasasde unweit des Clubs „Ausland“ genauer angeschaut haben. Da findet sich ein überlebensgroßes Plakat von Asif. Asif nimmt Teil am multidmedialen Street-Art-Projekt „Familiar Facades“ zum Thema Migration. Text: Barbara Schwarz, Frauke Niemann

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Die MITTENDRIN ist das kostenlose Kiezmagazin des Kulturverein Prenzlauer Berg e.V. Zukünftig wird es statt der Prinausgabe einen Bog geben. Wir freuen uns über jede Wortmeldung – ob Alltägliches oder Kurioses, kleine oder größere Aufreger, Lob oder Kritik.

Herausgeber: Kulturverein Prenzlauer Berg e.V., Danziger Str. 50, 10435 Berlin | Redaktion: Barbara Schwarz, Frauke Niemann | ViSdP: Der Vorstand | Layout: Henriette Anders | Satz und Bildredaktion: Frauke Niemann

Ganze Artikel sind genauso willkommen wie Themenvorschläge, Leserbriefe, Hinweise auf inspirierende Lektüre oder spannende Veranstaltungen in Prenzlauer Berg. Aktuelle und vergangene Ausgaben finden Sie hier: www.kvpb.de/mittendrin.

Redaktion MITTENDRIN Barbara Schwarz | Frauke Niemann Danziger Straße 50 - 10435 Berlin Tel: 030/346 235 39 | 030/490 852 37 Mail: mittendrin@kvpb.de

MITTENDRIN Juni-Juli-August-Ausgabe 2016  

Magazin für Kultur und Bildung

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