Page 1

Kulturverein Prenzlauer Berg e.V. – Juli | August | September 2015 – kostenlose Ausgabe

mittendrin Magazin für Kultur und Bildung in Prenzlauer Berg

Total normal!?

Inklusion ist Kopfsache


2 | Inhalt

INHALT

EDITORIAL

THEMA

»Alles ist eins, und alles ist verschieden« (Blaise Pascal)

Inklusion ist Kopfsache

3

Miteinander statt Nebeneinander

5

Vielfalt wagen

SHORTSTORIES International Village Show

7

Das Dorfladen-Projekt der Bundeskulturstiftung

Einladung zum Werkstattgespräch

7

Oder: Eine Frage an Beuys Erben

Ein Abschied zum Neubeginn

8

Öffentliche Demontage der Staatsgalerie Prenzlauer Berg

Crowdfunding für die Pankower Theatertage

10

Jetzt unterstützen und Dankeschön sichern

Esperanto ist mehr als eine Sprache

11

Ein silbernes und ein goldenes Jubiläum

Es ist gut

12

Eine Kurzgeschichte von Astrid Düerkop

WORT UND BUCH Karriere? Nein danke!

14

Alix Faßmann: Arbeit ist nicht unser Leben

Die Welt will betrogen sein...

Recht hat der französische Mathematiker und Philosoph Blaise Pascale – und ganz nebenbei einen Satz formuliert, der das Zeug zum Inklusionsmotto hat. Dem Thema Inklusion haben wir diese Ausgabe gewidmet und fragen uns und andere: Was heißt schon „normal“? Frei nach Pascal antworten wir: Es ist normal, verschieden zu sein!

16

Und was noch? Wir unterhalten uns mit der Kitaleiterin Manuela Deubel über das Miteinander und Nebeneinader im Kitaalltag (S. 5), besuchen einen russischen Dorfladen, der im Rahmen der „International Village Show“ (S. 7) einen regen Kulturaustausch mit dem ‚Dorf‘ Prenzlauer Berg betreibt, sind bei der feierlichen Demontage der Staatsgalerie Prenzlauer Berg (S. 8) zugegen und schauen einem neuen Kulturpflänzchen, den Pankower Theatertagen (S. 10), beim Wachsen zu.

Roman: Frau Doktor E. liebt die Abendsonne

Erlesenes für Kinder

17

Viele Bücher machen klücher

KIEZ & KULTUR Der Mann mit der Leiter

18

Mit Bernd S. Meyer unterwegs

Kafka auf Türkisch

Wie immer stellen wir Ihnen Kiezgrößen vor, diesmal z.B. den Mann auf der Leiter, alias Bernd Meyer (S. 18). Mit dem Verein Gesellschaftspiele machen wir uns auf eine kafkaeske Reise in die Türkei (S. 20). Außerdem gibt es jede Menge Literaturtipps für Groß und Klein (S. 14-17). Vielleicht schafft es das ein odere andere Buch ja in Ihren Sommerurlaubskoffer?

20

Fußballfans vor Gericht

Kolumne: Der Springende Punkt...

23

Viel Spaß beim Lesen!

...singt als Laie bei Profis

Barbara Schwarz und Frauke Niemann (Redaktion MITTENDRIN – ein Magazin des Kulturverein Prenzlauer Berg)

DAS LETZTE Wat? Wo steht denn ditte?

24

Bilderrätsel

Impressum

24


Foto: © S. Hofschlaeger / PIXELIO

Thema | 3

Inklusion ist Kopfsache Beim Thema Inklusion geht vieles durcheinander: Emotionen, Ängste, Vorurteile prallen munter aufeinander, stolpern übereinander oder über sich selbst.

I

nklusion ist längst zum Reizwort geworden, ein Politikum geradezu, schenkt man dem Rauschen im deutschen Blätterwald Glauben. Sie sei ein „radikales Bildungsexperiment“, eine „Schulideologie“ (Jan Fleischhauer, Spiegel Online) heißt es. Der „weltfremde Charakter einer Heilsidee, die über keinen positiven Begriff von Ungleichheit verfügt“ (Christian

Geyer-Hindemith, FAZ) wird ihr attestiert und unheilschwanger geunkt „gerade schöne Utopien“ hätten „mitunter hässliche Nebenwirkungen“ (Ulrich Schnabel/Martin Spiewak, Die Zeit). Auch andere Stimmen lassen sich vernehmen, z.B. die des Erziehungswissenschaftlers Hans Wocken: Inklusion sei die „ultimative Integration, sozusagen der Olymp

der Entwicklung“, danach komme nichts mehr. Der Hang zu großen Gesten und Worten scheint Inklusionsskeptikern wie -befürwortern gleichermaßen gegeben zu sein. Und wahrscheinlich hat schon manch einer selbst die Erfahrung gemacht: Wer sich auf eine Diskussion über Inklusion einlässt, gerät schnell in eine Wertedebatte, einen Diskurs über das große Ganze.


Was heißt schon normal? Normal ist gerade die Unterschiedlichkeit aller!

„Wer sich auf eine Diskussion über Inklusion einlässt, gerät schnell in eine Wertedebatte, einen Diskurs über das große Ganze.“

Aber worüber sprechen wir eigentlich, wenn wir über Inklusion reden? Inklusion leitet sich vom lateinischen Wort „includere“ ab, das ‚einschließen‘, ‚einlassen‘ bedeutet. Das Ziel inklusorischer Bemühungen ist eine Gesellschaft, in der jeder Mensch unabhängig von seinen individuellen Voraussetzungen – seinem Geschlecht, seinem Alter, seiner Herkunft, Religionszugehörigkeit, Bildung, sexuellen Orientierung, Weltanschauung oder eventuellen Behinderung – akzeptiert wird und gleichberechtigt und selbstbestimmt teilhaben kann. In einer solchen Gesellschaft gibt es keine vorgegebene, definierte „Normalität“, im Gegenteil: Normal ist gerade die Unterschiedlichkeit aller. Soweit die Theorie. Deutschland hat sich 2009, mit der Unterzeichnung der UN-Behindertenrechtskonvention, dazu verpflichtet, diese in die Praxis zu überführen. So garantieren z.B. alle Vertragsstaaten „ein inklusives Bildungssystem auf allen

Ebenen und lebenslanges Lernen“. In Artikel 24 des Vertragswerkes heißt es ganz konkret, dass Kinder nicht aufgrund von Behinderung vom „Grundschulunterricht oder vom Besuch weiterführender Schulen ausgeschlossen werden“ dürfen. Ein gemeinsames Lernen von Schülern mit und ohne Handicap gestaltet sich in der Realität allerdings viel schwieriger als auf dem Papier, was nicht an den Kindern selbst liegt, sondern an den Rahmenbedingungen, die sie vielerorts vorfinden. Viele Lehrer an den sogenannten Regelschulen sind überfordert mit inklusiven Klassen, sie werden nicht ausreichend geschult und ausgebildet, die Unterstützung durch zusätzliches Fachpersonal wie Psychologen ist nicht in ausreichendem Maße gegeben. Auch sechs Jahre nach in Kraft treten der Behindertenrechtskonvention und immerhin fast vier Jahre nach dem Beschluss der Kultusministerkonferenz, der den Konsens der Länder in Bezug

auf die Vorbereitung der Lehrer auf ihre Aufgaben in inklusiven Einrichtungen formuliert, („Die Länder gewährleisten, dass sich Lehrkräfte aller Schulformen in Aus-, Fort- und Weiterbildungen auf einen inklusiven Unterricht vorbereiten.“) sehen nicht alle Bundesländer Pflichtveranstaltungen zum Thema Inklusion für Lehramtsanwärter vor. Lediglich sechs der sechzehn Länder verpflichten angehende Lehrer zu themenspezifischen Seminaren. In Berlin ist die Einführung von Pflichtveranstaltungen erst in Planung. Will man den eingangs erwähnten Inklusionsskeptikern nicht in die Karten spielen, sollten Politik und Gesellschaft alles dafür tun, die auf dem Papier wunderbare Idee der Inklusion in die Praxis umzusetzen. Dazu gehört eine zeitnahe Bereitstellung von Ressourcen und Wissen. Ein Anfang ist das erste Berliner „SIBUZ“: ein Schulpsychologisches und inklusionspädagogisches Beratungs- und Unterstützungszentrum, in dem Psychologen und Inklusionspädagogen gemeinsam Eltern, Lehrer und Schüler beraten. Es wurde Anfang Juni dieses Jahres auf dem Bildungscampus Eichkamp eingeweiht. Text: Frauke Niemann

Foto: © Klaus-Uwe Pacyna /Pixelio

»

Foto: © knipseline / PIXELIO

4 | Thema


Thema | 5

Miteinander statt nebeneinander Vielfalt wagen

Auch Kindertageseinrichtungen sind Teil des inklusiven Bildungssystems und stellen sich jeden Tag aufs Neue der Herausforderung, gleiche Bildungschancen und soziale Teilhabe für alle Kinder zu gewährleisten. Wir sprachen mit der Kitaleiterin Manuela Deubel über Inklusion im Kitaalltag. Interview: Barbara Schwarz, Frauke Niemann

Manuela Deubel: Integration und Inklusion verfolgen zwei unterschiedliche Ansätze. Ganz einfach ausgedrückt: Integration meint, ich mache das Kind passend für die Umgebung, wohingegen Inklusion bedeutet, ich mache die Umgebung passend fürs Kind. Inklusion in der Kita umfasst nicht nur die Arbeit mit Kindern mit Behinderung oder Beeinträchtigung. Es geht vielmehr darum, einen grundsätzlichen Blick zu schaffen: Wo stehen die Kinder? Wo bestehen Barrieren, weil die Umgebung oder die Betreuung nicht passend ist?

Foto: Frauke Niemann

MITTENDRIN: Oft wird Inklusion in einem Atemzug mit Integration genannt. Wo genau liegt der Unterschied zwischen Integration und Inklusion in Kindertageseinrichtungen? Jeder ist anders. Inklusion heißt Vielfalt bejahen und nutzen.

»

„Inklusion meint immer alle. Es gibt keine Außenseiter.“

Und wie können wir diese abbauen? Unsere Aufgabe ist es herauszufinden, wo ein Kind seine individuellen Stolpersteine hat. Denn auch wenn es erstmal keine offenkundigen Auffälligkeiten gibt, für jedes

Kind gibt es Hemmnisse im Kitaalltag. Die Frage ist, ob es in der Lage ist, sich damit zu arrangieren oder ob man eingreifen und sie aus dem Weg räumen muss. Es geht im Prinzip darum, alle Barrieren für alle Kinder auf ein Minimum zu reduzieren. MITTENDRIN: Kann man sagen, das Ziel ist, einen Rahmen zu schaffen, einen Ort, in den niemand integriert werden muss, weil niemand ausgeschlossen wird?


6 | Thema

Grafik: © Aktion Mensch

Unterzeile fürs FotoEt volum nonsed mossequis ipsam aut laccabo repudis illan

Integration: Die Gruppe in der Gruppe. Inklusion: Alles gemischt.

Manuela Deubel: Ja, genau. Inklusion meint immer alle. Es gibt keine Außenseiter. Alle sind unabhängig von ihren individuellen Voraussetzungen Teil des Ganzen. Bei integrativen Ansätzen gibt es immer eine Zweiteilung. Die „normale“ Mehrheit und die zu integrierende Gruppe, sprich: Es wird mit zweierlei Maß gemessen. Die Inklusion legt dies ab. Alle sind von Anfang an gleichberechtigt miteinbezogen. MITTENDRIN: Wie versucht ihr das in eurer Kita zu gewähleisten? So ein Konzept kann man ja nicht einfach verordnen und mit einem Fingerschnipsen in die Tat umsetzen. Manuela Deubel: Natürlich nicht. Wir arbeiten seit Oktober letzen Jahres sehr intensiv daran, den

„Bei integrativen Ansätzen gibt es immer eine Zweiteilung. Die „normale“ Mehrheit und die zu integrierende Gruppe, sprich: Es wird mit zweierlei Maß gemessen.“

Gedanken der Inklusion im Kitaalltag zu leben. Das ist ein Prozess. Unsere Erzieher müssen sich jeden Tag aufs Neue aktiv damit auseinandersetzen. Die speziell ausgebildeten Facherzieher erarbeiten schriftliche Förderpläne, führen Gespräche mit den Eltern. Aber die eigentliche Arbeit mit dem Kind, die geht aufs

ganze Team über. Und da haben die Facherzieher die Aufgabe, das Team dazu zu befähigen. Wir haben zum Beispiel seit einiger Zeit ein kleines Mädchen bei uns, das keine Farben sehen kann. Da sind alle gefragt, sich einzudenken, was das bedeutet. Spiele müssen entsprechend aufgearbeitet oder Räume verändert werden, so dass sich das Mädchen ganz normal und ohne Einschränkung bewegen kann. Bei alldem geht es vor allem um eine Öffnung im Kopf.

Manuela Deubel ist Leiterin des HAUS 2 der Kita Gleimstrolche. Sie leitet die AG Integration der fünf Kubi Kitas des Kulturverein Prenzlauer Berg e.V., die sich seit Oktober 2014 intensiv mit dem Thema Inklusion auseinandersetzt.


Shortstories | 7

International Village Show

Einladung zum Werkstattgespräch

Das Dorfladen-Projekt der Bundeskulturstiftung Keramikwerkstatt Yad Chanah, gerade vor Ort unter die Lupe nimmt. Den kulturellen Austausch mit Zvizzchi empfindet er als Bereicherung. „Wir kommen nicht als Besserwisser, sondern als Mutmacher“, betont der Keramikmeister, „wir wollen die Menschen vor Ort zum Ausprobieren anregen. Sie sollen erkennen, was in ihren Händen steckt.“

Oder: Eine Frage an Beuys Erben

Foto: Yad Chanah

Text: Frauke Niemann

YAD CHANAH Harald Chajim Grosser Schönfließer Straße 7 10439 Berlin E-Mail: pressestelle@kvpb.de www.kvpb.de/keramikwerkstatt

Werkstattgespräch in der Keramikwerkstatt Yad Chanah: am 27. August um 18 Uhr

Foto: Frauke Niemann

Die Künstlergruppe myvillages. org um Antje Schiffers, Kathrin Böhm und Wapke Feenstra will an verschiedenen Orten in der Provinz neue kollektive kulturelle Produktionsräume und Formate rund um ortsspezifische Themen entwickeln. Die Dörfer der „International Village Show“ befinden sich in Hessen, Zentralrussland, Friesland, Colorado, Ghana, Nordengland, Andalusien, Szechuan, Nordrumänien und in Nordirland. Im Rahmen des DorfladenProjekts entsteht eine Keramikwerkstatt im russischen Zvizzchi. Dort gibt es verschiedene Tonvorkommen, die Harald Chajim Grosser, Leiter der Berliner

Ton geht auf Reisen. Ein Kulturaustausch der besonderen Art.

Kunst ist ein großes und vielgestaltiges Thema. Es ist immer wieder spannend, Teilaspekte herauszugreifen, verschiedene Meinungen und Haltungen zu sammeln, um am Ende die bisherigen Sichtweisen um neue Erkenntnisse zu ergänzen. Dies ist auch die Motivation von Harald Chajim Grosser, wenn er zur Gesprächsreihe in die Keramikwerkstadt „Yad Chanah“ lädt. Diesmal steht die „Frage an Beuys Erben: Hat der Realismus in der zeitgenössischen Kunst noch Bestand?“ im Mittelpunkt. Gewünscht ist eine offene und freie Diskussion ähnlich eines sokratischen Gesprächs. Es treffen sich die Wandermalerin Antje Schiffers, der Wirtschaftsingenieur Thomas Sprenger, der Regisseur Raphael Dlugajczyk, der Autor Claus Utikal, die Schauspielerin Franziska Gitz. Der Eintritt ist frei. Text: Barbara Schwarz


8 | Shortstories

Ein Abschied zum Neubeginn

Foto: Henryk Gericke

Öffentliche Demontage der Staatsgalerie Prenzlauer Berg

September 2010 : neues Graffiti, blankes Schild

Anfang September 2010 öffnete die Staatsgalerie Prenzlauer Berg ihre Pforten. In den beinahe fünf Jahren ihrer intensiven und wechselhaften Existenz präsentierte die Galerie unter der Federführung von Henryk Gericke über 90 Ausstellungen. Der Schwerpunkt der Ausstellungen eines festeren Stamms an Künstlern, welcher sich um die Galerie herausbildete, lag auf einem psychedelischen Ausdruck, der sich mitunter als ein Borderliner zwischen gegenständlicher und abstrakter Malerei und Fotografie erwies, doch zumeist in konkreter Weise phantastisch war. Im selben Zeitraum fanden in den Räumen in der Greifswalder Straße 218 über 200 Veranstaltungen – Lesungen, Konzerte, Film- und Buchpremieren, Bankette, Salons und eine Séance – statt. Im GründungsKommuniqué der Galerie war von einem Veranstaltungsort die Rede,

„der sich zum Größenwahn seiner kulturellen Ausrichtung bei höchst ungewisser Kostendeckung bekennt“. Dank einiger Sympathisanten und Unterstützer wie auch regelmäßiger und zahlreicher Verkäufe sowie der gut bis sehr gut besuchten Veranstaltungen, die 2013/14 durch das Kulturamt Pankow gefördert wurden, arbeitete die Galerie mal mehr mal weniger im Rahmen der ökonomischen Gesetzmäßigkeiten von Sollen und Haben-Wollen. Im Kampf um die Balance zwischen Größenwahn und Kleinkrämerei wurde die Galerie zum Schuldner ihrer Lust am Experiment und zum Gläubiger ihrer Ressourcen an wenig Zeit und wenig Geld. Als nun nach beinahe fünf Jahren auch noch die Neu-Verhandlung des auslaufenden Mietvertrages drohte, da war es wenig erstaunlich, dass die Vorstellungen der Hauseigentümer zu dem, was eine künstlerische

Initiative über die Selbstausbeutung hinaus zu leisten imstande ist, nicht kongruent sein konnten. Die Galerie im Haus war unbedingt gewollt, doch die Kunst, mit der man sich schmückte, zu fördern, war nicht Teil des marktwirtschaftlichen Fünfjahresplans. Darüber soll an dieser Stelle keine Klage geführt werden, denn die Staatsgalerie Prenzlauer Berg schließt ihre Räume, doch nicht ihre Pforten. Mit dem Auszug ins Ungewisse tun sich neue Räume an wechselnden Orten auf, denn wie der Dichter Bert Papenfuß einst einem Nymf in den Mund legte: ... man könne rügen ebensogut hawaii nennen es sei überall wie in cornwall es komme auf das herz an ...


Shortstories | 9

Mit dem Prenzlauer Berg verhält es sich ähnlich. Er ist überall, wo nicht nirgends ist – im Heartland des Prenzlauer Berg oder im Outback von Pankow, Weißensee oder in Übersee. 2016 wird die Staatsgalerie Prenzlauer Berg sich aufmachen, vor den offenen Pforten ihre Tore neu zu öffnen. Zuvor eröffnete am 23. Juli die letzte und kürzeste Austellung der Staatsgalerie Prenzlauer Berg. Zwei Tage wurden noch einmal die Bilder der Künstler präsentiert, die das Programm der Staatsgalerie Prenzlauer Berg prägten. Am 25. Juli fand die Finissage dieser Ausstellung statt. Entsprechend ihres Titels „Öffentliche Demontage“ wurde der Schriftzug über der Galerie Buchstabe für Buchstabe abgenommen.

DIE BETEILIGTEN KÜNSTLER: Jens Becker, Mathias Bertram, Micha Brendel, Joe Dilworth, Juliane Duda, Jürgen Eisenacher, Martin Frese, Thomas Gust, Johannes Jansen, MK Kaehne, Robert Lippok, Ronald Lippok, Jutta Scheiner, Frank Siewert, Igor Tatschke, Tippi Tillvind, Joerg Waehner, Majla Zeneli.

Berlin nicht anders als in Paris, Barcelona oder New York.

„Letztendlich ist Kunst immer ein Zirkus, ein Zelt, das ab- und aufgebaut werden muss. Orte ändern sich einfach, das ist in Berlin nicht anders als in Paris, Barcelona oder New York.“

ohne jede Bitternis. Ich habe mich da sehr wohl gefühlt in der Greifswalder Straße. In dem Haus und in den Räumen, die einfach sehr schön sind. Es ist nicht so, dass ich leichten Herzens gehe, ich hätte da gerne in irgendeiner Weise weiter gemacht. Aber Kunst hat sich immer ihren Platz suchen müssen, diesen dann für eine Weile behauptet, und irgendwann musste sie weiterziehen. Da kommt man nicht umhin zu gucken, wo Räume und Ateliers noch bezahlbar sind. Letztendlich ist Kunst immer ein Zirkus, ein Zelt, das ab- und aufgebaut werden muss. Orte ändern sich einfach, das ist in

MITTENDRIN: Verrätst du uns deine Pläne? Willst du eine neue Galerie eröffnen? Es geht auf alle Fälle weiter. Es lief zu gut, um jetzt einfach aufzuhören. Ich werde ab 2016 zwei größere Ausstellungen im Jahr machen, an wechselnden Orten. Anlässlich des Gallery Weekend zum Beispiel. Ich will versuchen das Genre der Sammelausstellung neu zu beleben. Was mir bei Sammelausstellungen immer missfällt, ist das Versprengte: der eine Künstler hat hier seine Wand, der andere da seine Ecke. Ich möchte das Ganze wieder im Sinne eines Salons – vielleicht sogar eines surrealistischen Salons wie in den 20er Jahren – ineinander greifen lassen. Am liebsten würde ich dabei mit einem Bühnenbildner zusammenarbeiten, der die Ausstellung mitinszeniert. Es geht mir darum, eine Ausstellung als Gesamtheit zu betrachten und nicht als eine Sammlung von einzelnen Künstlern. Mal sehen, ob es gelingt. Aber das ist mein Plan. Interview: Barbara Schwarz, Frauke Niemann

Wir werfen einen Blick in Zukunft und Vergangenheit im Gespräch mit Galerist Henryk Gericke.

Henryk Gericke: Ein heimliches Rausschleichen aus der Galerie kam für mich nicht in Frage. Ich wollte den Abschied zelebrieren. Und das Juli 2015: verblasstes Graffiti, gelebtes Schild

Foto: Henryk Gericke

MITTENDRIN: Du hast keinen leisen Abschied gewählt. Warum die „Öffentliche Demontage“ der Staatsgalerie Prenzlauer Berg?


10 | Shortstories

Crowdfunding für die Pankower Theatertage Jetzt unterstützen und Dankeschön sichern

Foto: © Viviane Wild Photographer

Auf den ptt 2015 werden alle kreativen Kräfte gebündelt

Pankow macht Theater. Vom 23. bis 26. September wird ein langgehegtes Vorhaben endlich in die Tat umgesetzt. Über 50 Spielstätten und Künstlergruppen verstreut über ganz Pankow schließen sich zusammen und veranstalten die ersten Pankower Theater-Tage (ptt). „Wenn ich mit Theatermachern aus dem Bezirk zusammensaß, hörte ich immer wieder: Wir müssten mal etwas Großes für den Bezirk machen, etwas für alle Ortsteile von Pankow,“ so Thilo Schwarz-Schlüßler, der Initiator der Unternehmung. Gesagt, getan! Es beteiligen sich bezirkseigene renommierte Stätten und freie Orte und Theatergruppen gleichermaßen. „Pankow ist immer gut für Neues, und so ein Theaterfestival gibt es in Berlin noch nicht“, sagt Bürgermeister Matthias Köhne

Suchen Sie noch ein kulturelles Schmankerl für Ihre Betriebsfeier oder den 60. Geburtstag in der Familie? Dann schauen Sie doch mal, ob Sie fündig werden unter den Dankeschöns auf www.startnext.com/ pankowertheatertage. (SPD), der Schirmherr der Veranstaltung auf dem Pressefrühstück im Rathaus Pankow. Es soll eine Premiere der besonderen Art werden, auch was die Zusammenarbeit der Beteiligten und die Finanzierung betrifft. Um die Werbetrom-

mel erfolgreich für die ptt rühren zu können und die Weiterführung des Projektes zu sichern, starteten die Macher eine Spendenkampagne auf der Crowdfunding Plattform startnext. Noch bis zum 23. August können Sie das Low-BudgetTheaternetzwerk ptt unterstützen. Weitere Informationen zu den Pankower Theatertagen finden sich auf www.pankower-theatertage.de. Text: Barbara Schwarz

HELP! Unterstützen Sie uns: www.startnext.com/ pankowertheatertage. Alle Helfer erhalten ein Dankeschön! Folgen Sie uns auf: www.facebook.com/ pankowertheatertage www.twitter.com/ptt_2015


Shortstories | 11

Esperanto ist mehr als eine Sprache Ein silbernes und goldenes Jubiläum Vielleicht ist dem einen oder anderen aufmerksamen Beobachter, der schon einmal vor dem ZENTRUM danziger50 in der Danziger Straße Position bezogen hat, die Inschrift an der roten Backsteinfassade ins Auge gefallen: EN PRENCLOVA MONTO AL APOLONO KAJ AL LA MUZOJ

tauschen sich aus über Neuigkeiten der Esperantogemeinde und laden zu Veranstaltungen zum Thema. Die Wurzeln der Gruppe reichen sogar noch weiter zurück, weitere 25 Jahre, um genau zu sein. Sie war zu DDR-Zeiten im Kulturbund organisiert. Aber was ist Esperanto eigentlich? Eine Plansprache, d.h eine konstruierte Sprache. Vom

Text: Barbara Schwarz

Foto: Barbara Schwarz

Das ist Esperanto und heißt übersetzt: „Im Prenzlauer Berg dem Apollon und den Musen.“ Dieser Schriftzug schmückt das Veranstaltungshaus des Kulturverein Prenzlauer Berg nicht von ungefähr. Vor 25 Jahren wurde der Verein von der Fachgruppe Esperanto gegründet. Ihre Mitglieder treffen sich seit einem Vierteljahrhundert regelmäßig im Kulturverein und

»

Esperanto ist eine ‚neutrale‘ Sprache, die keinem Land und keinem Volk allein gehört.

polyglott gebildeten Arzt Ludwik Lejzer Zamenhof unter dem Pseudonym Doktor Esperanto entwickelt, um die internationalen Beziehungen zu erleichtern. Die Idee war und ist, dass Esperanto als Zweitsprache funktioniert, weil sie im Vergleich zu anderen Sprachen leichter erlernbar ist, was vor allem am regelmäßigen Sprachaufbau liegt. Seit über 120 Jahren lernen Menschen weltweit Esperanto. Esperanto ist eine lebendige Sprache mit wachsender Sprechergemeinschaft in fast allen Erdteilen. Es gibt Bücher, Musik, Radiosendungen und unzählige Esperantoseiten im Internet. Und nun auch ganz neu in Berlin einen Esperanto-Laden in der Katzbachstraße 25. Cxu vi volas lerni Esperanton?

Die Fachgruppe Esperanto vor dem ZENTRUM danziger50 mit Besuchern aus Korea.


12 | Shortstories

Es ist gut Eine Kurzgeschichte von Astrid Düerkop

»

Could you please explain the word ‚Rollstuhl‘ to me?“

Foto: © A. Friedrich / PIXELIO

Das Essen im Sababa, zweieinhalb Stunden später draußen in der Sonne, schmeckt vorzüglich. Der Chef des Restaurants empfiehlt uns ein ausgezeichnetes Menü und erzählt uns später von seiner Familie, seinem Lebensweg und stellt uns seine Frau und seine Tochter vor. Wir lachen gemeinsam über die Lernerei dieses Wortes:

Was hilft bei Sommerhitze? Kalte Kirchen oder kühles Nass!

Meine Freundin und ich wollen israelisch Essen gehen. Ein Imbiss, und doch viel mehr, wie sich später herausstellen sollte, ist schnell im Internet gefunden: „We are a hummus place. Our concept is to prove that Israeli and Arab cultures can live together in peace – in the kitchen.“ Das Restaurant befindet sich in der Kastanienallee, nicht allzu weit von meinem Kiez. Ich rufe an. Und stelle vorab meine immer gleiche Frage: „Entschuldigung, ich möchte mit dem Rollstuhl ihr Lokal besuchen, sind dort Trep-

penstufen?“ Aber der Angerufene versteht mich nicht ganz: „Could you please explain the word Rollstuhl to me?“ Damit habe ich nicht gerechnet. Schnell lege ich auf, suche die englische Übersetzung, um dann erneut anzufragen: „Hello, I phoned you a few minutes before, I have a wheelchair!“ Jetzt lacht der Angerufene laut: „Das ist ganz egal, wir tragen jeden, der Hilfe braucht, einfach die paar Stufen hoch. Komm vorbei! Du wirst sehen, alles ist ganz einfach.“ Eine prima Antwort. Ich habe sofort gute Laune und das Wort Rollstuhl auf Englisch gelernt.

Wheelchair. Mir gefällt mein Stuhl. Er bietet einen unschlagbaren Vorteil, während andere Menschen sich die Beine in den Bauch stehen, kann ich gemütlich sitzen. Warteschlangen sind kein Problem. Im Museum sitze ich vor einem besonderen Bild einer Sonderausstellung mit dem Gefühl, alle Zeit dieser Welt zu haben, während sich die Massen an mir vorbeidrängeln. Auf Open-Air-Konzerten werden hektisch Plätze gesucht: Mir sieht man es an, einen schönen Platz habe ich bereits gefunden. Er ist wie ein fliegender Teppich an meiner Seite, und fast immer lande ich sanft und erholt. Es ist der 2. August. In Polen ist dieses Datum ein Gedenktag. Die Sinti und Roma gedenken der über 500.000 Opfer während der NSTerrorherrschaft. Am 2. August


Shortstories | 13

1944 wurden 2897 Sinti und Roma, ältere Menschen, Frauen und Kinder, in Auschwitz-Birkenau, dem so genannten Zigeunerlager, vergast. An diesem Tag machen Frau K. und ich einen Ausflug zum Alexanderplatz. Es ist heiß. Ich habe Lust, mir die evangelische Marienkirche anzusehen. Es soll mittags ein kostenloses Orgelkonzert geben. Außerdem bekommt mir die Kälte in Kirchen gut, die Spastik der Multiplen Sklerose geht dann zurück. Bei Sommerhitze eine gute Therapie. Ich witzle oft, dass es klar ist, weshalb in der Bibel die Lahmen auftauchen, die plötzlich wieder „gehend“ werden. Dies sind die ersten Beschreibungen Multipler Sklerose.

„Er springt aus dem Rollstuhl, torkelt, dürr, vor- und zurückschwankend. “ Bei Überhitzung wird mancher Betroffene stocksteif. Unterwegs gibt es keine kalten Duschen, um die Körpertemperatur wieder herunterzusetzen. Abhilfe schaffen KlimaAnlagen in der Kühlabteilung von Kaufhäusern oder eine Kirche, so die Türen geöffnet sind. Das Konzert entpuppt sich als Führung auf die Empore zur Orgel. Da komme ich nicht hinauf, und ich genieße unterdes die Kühle in der ersten Reihe auf der Kirchenbank. Von hier aus habe ich eine gute Sicht auf den Catwalk-Mittelgang. Hunderte Menschen, Junge, Alte, Männer, Frauen, Kinder fotografieren alle erdenklichen Objekte. Nicht nur den Altar, die Orgel, die Kanzel, den ganzen Raum im Panoramamodus, auch Totenschädel,

Füße, Ringe und Personen, mich mit dem Rollstuhl bald hundert Mal im Vorbeigehen. Rein-raus, dünn gekleidete Mädchen, kurze Röckchen wippen keck, Blusen werden geschüttelt, Haare wieder gerichtet und massenhaft Filme gedreht, Selfies produziert. Menschen aus der ganzen Welt spulen ihr Touristenprogramm ab, dazu bekommt man von Zeit zu Zeit einige wenige Töne, kurze Pfeif-Varianten, ganz schrill oder sehr tief, und kurze Tonfolgen von der Orgel zu hören. Nach einer langen Pause ertönt unvermittelt ein sehr lauter, greller brachialer Tonsatz. Drei Japaner, die mit ihren Kameras gerade den Altar ablichteten, springen vor Schreck gleichzeitig hoch, um dann in einer Unisono-Drehung Richtung Orgel das nächste Foto zu schießen. Die einstündige Auszeit hat gereicht, langsam sind die Kräfte wieder aufgetankt. Es scheint die beste Zeit zu sein für das mitgebrachte Picknick. Vor der Tür der Marienkirche sitzen Roma-Familien. Mütter mit Babys, „Milch, Milch“, wird gerufen und die Babys werden vorgestreckt. Kinder, Großeltern, Blumenverkäufer, sie alle haben das Areal um die Kirche erobert. Nur durch einen schmalen Pass, eine Kirchenspalte, kann man die Öffnung der Tür erreichen. Kleine Pappen in allen Sprachen werden hochgehalten. Ich blicke in die Augen einer Zwei- oder Dreijährigen. Es ist etwas in diesem Blick, das bereits jetzt ein hohes Lebensalter bezeichnet. Draußen, Frau K. und ich haben eine schattige Bank an den Wasserkaskaden gesucht und gefunden, lernen wir Eno kennen. Er hat im August Geburtstag, ist aus Bulgarien, sein Freund aus Hamburg. Er

hat ihn mit dem Rollstuhl zu uns geschoben. Neben mir auf der Bank macht es sich gleich sein einjähriger kleiner Cockerspaniel gemütlich. Eno zeigt mir sein Tattoo unter dem T-Shirt-Ärmel, ein Löwenkopf. „Ganz einfach, mein Name, kann man sich merken, Eno, der Löwe!“ Wir essen gemeinsam meinen Proviant auf. Sesamstangen, Kekse, der Hund bekommt auch etwas zu futtern, und Eno versucht, mit einem dicken Pralinenbonbon zwischen den Lippen, stocksteif seine MS vorzuführen. Er springt aus dem Rollstuhl, torkelt, dürr, vor- und zurückschwankend. Ich bettele: „Hör auf, du fliegst gleich hin!“ Der Freund meint lakonisch: „Er schafft das.“ Dann plumpst Eno in seinen Rollstuhl zurück und murmelt: „Ich schaffe es alleine, brauch keine Therapie.“ Beide wollen weiter, noch Geschäfte machen, der Hund will augenscheinlich liegen bleiben und trottet schließlich widerwillig und langsam hinter den beiden her. Eine heiße Sommerwoche Anfang August. Ich besitze jetzt zwei neue Postkarten, eine eher „stille“ von einer Orgel und eine von einem Altaraufsatz mit trompetenden Engeln. Meine Engel an diesem Tag sind Eno, der Löwe, sein Freund, der ihn begleitet, und ihr kleiner Hund. Und natürlich Frau K. vom Rausgehdienst, die mich abends nach Hause schiebt.

ÜBER DIE AUTORIN: Während der letzten Berufsjahre ist aus Schreiben und Gedankensameln nur noch Zuhören und Lesen geworden. Erst mit dem langsameren Lebenstempo seit 2001 und dem Genuss an kleinen Wegen und Begebenheiten fand Astrid Düerkop zurück zum Geschichtenerzählen.


14 | Wort und Buch

Buchtipp

Karriere? Nein danke! Alix Faßmann: Arbeit ist nicht unser Leben. Karriere macht dumm, Arbeit arm, Ehrgeiz krank und Wachstum unglücklich. Den Weg zu dieser Erkenntnis ebnet Alix Faßmann ein Roadtrip ins Ungewisse in einem schrottreifen Wohnmobil. Folgerichtig formuliert Faßmann eine Anleitung zur Karriereverweigerung in ihrem Buch »Arbeit ist nicht unser Leben«. Es ist das Reisetagebuch einer Aussteigerin, gleichzeitig ein politisches Manifest und ein Plädoyer für ein neues Verständnis von Arbeit.

G

ehört das so? Kommt da noch was? Unzufriedenheit mit dem eigenen Job, den Arbeitsbedingungen oder den Berufsperspektiven kennen viele, den Ausbruch aus dem Hamsterrad wagen wenige. Zu fest der Glaube an das – längst aufgekündigte – Versprechen von Wohlstand, Unabhängigkeit und Sicherheit durch Arbeit. Alix Faßmann jedenfalls hat genug von Jobfrust im Allgemeinen und der Verbortheit und Rückwärtsgewandtheit der Partei, für die sie als unabhängige Journalistin tätig ist, im Besonderen. Sie hängt ihre Top-Karriere kurzerhand an den Nagel und macht

sich auf ins „prekäre Abenteuer“. Ohne Sicherheiten, ohne Ziel und fast ohne Geld. Ihre Reise führt sie in Etappen von Berlin nach Sizilien. Immer schön langsam, ihr klappriger vierrädriger Begleiter lässt ohnehin keine Eile zu. Mit Tempo 80 tuckert sie durch Italien, bleibt in Florenz, Neapel, längere Zeit in Palermo. Ein dreiviertel Jahr ist sie insgesamt unterwegs. Die Flucht vor dem „Normalitätsterror, in dem sich natürlich jeder selbst entfalten kann, wenn er denn genug Angst in sich trägt“, eröffnet neue Denkräume. Faßmann hat viel Zeit und den nötigen Abstand, um zu analysieren, was falsch läuft

in einem System, das immer mehr Verlierer produziert – sogenannte „working poor“, die von Ihrer Erwerbsarbeit nicht mehr leben können, Leih- und Zeitarbeiter, die für einen Hungerlohn arbeiten, Freelancer, die sich keine Krankenversicherung mehr leisten können. Ein System, das gleichzeitig einen leeren Karrierewahn befeuert, der sich auf die Endlosschleife Arbeit, Konsum und noch mehr Arbeit reduzieren lässt. Faßmann plädiert für mehr eigenständiges Denken und das Hinterfragen von Erwartungshaltungen. „Wir sollen (…) die Ungleichverteilung von Geld, Land, Eigentum und


Wort und Buch | 15

Cover: © Bastei Lübbe

Unterm Strich:

Möglichkeiten finanzieren. Wir sollen vorsorgen, privat, wir sollen Ehrenämter übernehmen, unbezahlt, die Klimakrise abwenden, die Energiewende schaffen, in Frieden leben, Sprachen lernen, ja lebenslang lernen, uns immer bewerben, adrett und gesund sein, ins Fitnessstudio gehen, mit Freunden Spaß haben, eine schöne Einrichtung besorgen, viel lesen, ein Herz für die Schwachen haben und Bio kaufen.“ Alix Faßmann möchte lieber nicht. Zurück in Berlin gründet sie zusammen mit Anselm Lenz, einem Dramaturgen, den sie in Italien bei der Olivenernte kennengelernt hat, das Haus Bartleby. Ein virtuelles Zentrum der Karriereverweigerung. Der Name ist eine Reminiszenz an Herman Melvills Titelheld „Bartleby, der Schreiber“ und sein berühmtes

„I would prefer not to”, mit dem der Kopist einer New Yorker Anwaltskanzlei höflich aber nachdrücklich alles ablehnt, was ihm zuwider ist. In letzter Konsequenz sogar sein eigenes Leben. Im Haus Bartleby will man dem Phänomen Arbeit gemeinsam mit Gleichgesinnten auf die Spur kommen und Wege aus dem Labyrinth der Abhängigkeiten erforschen, Lobbyarbeit leisten für demokratische Ressourcenverteilung. „Man kann Orte schaffen, an denen die künstliche hochgepushte Existenzangst draußen bleibt“, sagt Faßmann. Das Haus Bartleby ist ein solcher Ort von Verbündeten, Bartlebys Brüder und Schwester im Geiste, die sich trauen dem alltäglichen Wahnsinn ein „I would prefer not to“ entgegenzustellen.

Alix Faßmann spricht sich in ihrem Buch »Arbeit ist nicht unser Leben« nicht gegen Arbeit an sich aus, sie ist weder Arbeitsverweigerin noch verklärte Aussteigerin. Um sich und das Haus Bartleby zu finanzieren, arbeitet sie als freie Journalistin. Aber Faßmann will der „Entfremdung und Entkoppelung von Arbeit, sich selbst und dem Leben“ etwas entgegensetzen. Solidarität und Angstfreiheit. Ein absolut lesenwertes Buch! Text: Frauke Niemann

Alix Faßmann

Arbeit ist nicht unser Leben Verlag Bastei Lübbe 271 Seiten, 12,99 Euro www.hausbartleby.org


16 | Wort und Buch

Die Welt will betrogen sein, und ich will wunderbar sein

Kraft und Mut zuspricht, weil sie kapiert hat, dass man der Hölle nur entfliehen kann, wenn man die Mitgefangenen ebenfalls befreit.“

Roman: Frau Doktor E. liebt die Abendsonne

Juliane Beers „Frau Doktor E. liebt die Abendsonne“ ist ein feministisches Buch, in dem aber nicht kämpferisch die Männerwelt zurechtgewiesen wird. Die Hauptfigur sucht ihren eigenen Weg, möchte täglich in den Spiegel sehen können und testet unbedingte Loyalität dem Leben gegenüber. „Ich habe nie begriffen, warum Frauen ihre beruflichen Chancen nicht dazu nutzen, es besser zu machen als Männer, nämlich die Dinge bei ihrem Namen zu nennen und sie damit zu dem zu machen, was sie sind: Ballons, die aufgeblasen werden, bis sie platzen.“

Cover: © Marta Press

telpunkt stellt, dass es manchmal schon an Selbstaufgabe grenzt. Eins ist klar, Frau Dr. E. hat es nicht leicht in der normierten Ärztewelt, die als klare Männerdomäne geschildert wird. Sie wechselt ständig die Arbeitsstelle, die Stadt und sogar das Land. Aber warum nur?

Juliane Beer lebt seit 1986 in Berlin. Nach vielen Jahre im Bereich des Freien Theaters ist sie seit 2000 als Autorin tätig. Frau Doktor E. ist ihr fünfter Roman.

„Frau Doktor E. liebt die Abendsonne“ ist die Geschichte der Ärztin Dr. E, die mit Menschen am Rande der Gesellschaft arbeitet: obdachlose Kinder und Erwachsene, Schmerzpatienten, psychisch Kranke, Leute in prekären Familienverhältnissen. Erzählt wird aus der Sicht der Titelheldin, die den Umgang mit Insassen von Krankenhäusern, Altenheimen und Psychiatrien anprangert. Sehr schnell bin ich als Leserin mitten in der Geschichte, habe Teil an den Gedankengängen dieser Frau und hege Sympathien für sie und ihr Wirken. Das liegt auch daran, dass sie die Aufgabe ihres Berufes mit einer Absolutheit in den Mit-

Juliane Beer scheut vor Tabuthemen nicht zurück. So bringt sie in ihrem Roman z.B. zur Sprache, mit welchen Problemen die Töchter psychisch kranker Mütter zu kämpfen haben, und was dies für ihre Zukunft bedeutet. Außerdem thematisiert sie das Wirken und die Motivation von Hochstaplern, ein beliebtes Motiv in der Literatur und weit verbreitet im Alltag. Hochstapler sind oft auf ihren eigenen Vorteil bedacht, in Juliane Beers Roman ist dies anders. Hier wird Hochstapelei für das Gute verwendet. „Ich wollte einfach nur dafür sorgen, dass die Welt gerechter wird. Aber wenn man Gerechtigkeit durchsetzen will, muss man häufig befehlen, sonst befehlen andere einem.“ Der Plan von Frau Dr. E. wackelt bis zuletzt. Wird sie weiterziehen müssen? Ach, wie sehr gönne ich der Heldin, dass sich ihr Wunsch nach Sesshaftigkeit und Anerkennung erfüllt. „Ich bin jetzt eine Dame der Gesellschaft. Das ging so schnell und lautlos, dass mein inneres Stimmungs- und Selbstbild noch nicht hinterher gekommen ist. Für mich bin ich noch immer die Frau mit aufgekrempelten Ärmeln, die sich

Text: Barbara Schwarz

ÜBER MARTA PRESS Der Marta Press Verlag aus Hamburg ist ein junger Independent Verlag. 2013 erschien das erste Buch, bis zum Frühjahr 2015 folgten zehn weitere. Das Portfolio reicht von Belletristik bis Sachbuch. In der zweiten Jahreshälfte soll die Reihe „Crime Time“ an den Start gebracht werden. Die Reihen „Comics & Graphic Novels“ und „Art Brut“ folgen. Über 20 Autorinnen und Autoren gehören zum Verlag, neue Manuskripte sind ausdrücklich gewünscht. Die Verlegerin Jana Reich hat publizistische Erfahrung als Autorin und Herausgeberin. 2001 erhielt sie für ihr publizistisches Engagement den Alternativen Medienpreis. Seit 2011 ist sie eine der zwei Herausgeberinnen der Schriftenreihe „Feministisches Forum - Hamburger Texte zur Frauenforschung“.


Wort und Buch | 17

Erlesenes für Kinder Diese Bücher wurden auf die Probe gestellt, haben einen zweifachen Kinder-TÜV passiert. Seit einiger Zeit gibt es im Familienbereich der Kita Kiezeulen und Gleimstrolche das „Lesen für Kinder“. Wir stellen Ihnen ausgewählte Schätze dieser Vorlesestunden vor. Text: Julia Schmelzer

© BELTZ & Gelberg

© Sankt Michaelsbund

© Hoffmann & Campe

Der Hase mit der roten Nase

Die grüne Katze von Alexander Kostinskij

Du bist ANDERS – und das ist GUT SO!

von Helme Heine

von Carson Kressley

In „Der Hase mit der roten Nase“ geht es um einen Hasen, der anders ist, als die anderen: Er hat eine rote Nase und ein blaues Ohr. Die anderen Tiere wundern sich über diesen sonderbaren Hasen und wollen nichts mit ihm zu tun haben, weshalb der kleine Hase immer allein und traurig ist und sich nichts mehr wünscht, als normal zu sein. Eines Tages kommt der Fuchs vorbei, um sich sein Mittagessen zu holen. Doch er erkennt den Hasen nicht als solchen und geht einfach weiter. Da ist der Kleine plötzlich sehr froh darüber, dass er so ist, wie er ist. Sein Andersein hat ihm das Leben gerettet. „Der Hase mit der roten Nase“ ist ein Buch, das Spaß macht, toll gezeichnet ist und mit seinen einprägsamen Versen schon den Kleinsten das Thema Inklusion spielerisch nahebringt.

Daniel Vorgestern lebt in einer Stadt, in der alle Leute so grau sind wie er: Graue Haare, graue Haut, graue Kleidung. Alle gehen zur selben Zeit schlafen, stehen zur selben Zeit auf. Eines Tages trifft Daniel im Park eine grüne Katze. Auf die Frage, warum sie grün ist, antwortet sie: „Weil es mir gefällt.“ Daniel zieht sich Schuhe und Socken aus und läuft barfuß über das Gras. Das hat er sich schon sein ganzes Leben gewünscht. Und es ist noch viel besser, als er es sich vorgestellt hat! Mit jedem weiteren neugierigen Schritt in die Welt wird Daniel Vorgestern unaufhaltsam zu Daniel Übermorgen, der seine Wünsche ernst nimmt und danach lebt – der grünen Katze sei Dank. „Die grüne Katze“ ist eine Parabel für Kinder und Erwachsene, die Mut macht, aus der Reihe zu tanzen.

Fohlen Felix ist ein Phänomen. Eines schönen Frühlingstages steht es einfach auf der Weide. Sein Fell ist so weiß wie der Schnee. Obwohl er zu keiner der Stuten gehört, findet Felix bald Anschluss und neue Freunde. Der kleine Frechdachs ist bald das beliebteste Fohlen weit und breit. An seinem ersten Geburtstag bemerkt er eine kleine Beule auf der Stirn, die immer größer wird, bis schließlich ein großes Horn auf seiner Stirn prangt. Seine Freunde finden das eklig und albern. Außerdem ist dieses Ding ziemlich unpraktisch beim Rumtoben und gefährlich für Felix‘ Gefährten. So kommt es, dass die anderen nicht mehr mit ihm spielen wollen und er von nun allein im Stall ist. Felix ist traurig. Doch ganz unverhofft schlägt Felix' große Stunde.

Verlag BELTZ & Gelberg, Pappbuch, 4,95 Euro Altersempfehlung: ab 2 Jahren

Verlag St. Michaelsbund, gebunden, 4,80 Euro, Altersempfehlung: ab 3 Jahren

Verlag Hoffmann und Campe, gebunden, derzeit vergriffen, nur gebraucht erhältlich


18 | Kiez & Kultur

Der Mann mit der Leiter

E

in trüber Samstagvormittag im Frühling. Auf dem Nikolsburger Platz in Wilmersdorf, nahe dem Gänselieselbrunnen, sammeln sich Menschengruppen, warten auf den Beginn der Führung, warten auf Bernd S. Meyer. Es ist die 124. Stadtführung der Zeitung „Berliner Woche“. Bernd Meyer erscheint. Alle Teilnehmer, schätzungsweise 100, scharen sich um ihn. Die Führung über den Hohenzollern- und Nikolsburger Platz beginnt. Wer an Meyers Stadtgängen teilnimmt, ist immer wieder fasziniert von der lebendigen Art, mit welcher er sein Wissen präsentiert. Und es ist erstaunlich, dass unter seiner Führung alle bisherigen Stadtführungen der „Berliner Woche“ stattfanden. „Diese Führungen gibt es seit Januar 2005. Viele Teilnehmer haben einen Bezug zur jeweiligen Gegend und wollen gern darüber sprechen, bringen auch Fotos mit“, sagt Meyer. Daraus ergeben sich anregende Gespräche, die für alle ein Gewinn sind. So auch bei der Führung am Hohenzollerndamm,

wo ein Teilnehmer sich an seine Konfirmation in der dortigen Kirche vor 50 Jahren erinnerte und Bilder zeigte. „Solche Begebenheiten bringen viel Farbe in meine Veranstaltungen“, freut sich Bernd Meyer. Immer wieder gehen Teilnehmer der Führung auf ihn zu, die seit Jahren mit ihm durch Berlin ziehen, die nicht genug bekommen können von seinen Erläuterungen. Stammteilnehmer. Sie kaufen Meyers Publikationen, die er für seine Führungen editiert. Stammkunden, die wiederkommen werden zur nächsten Führung des Mannes mit der Leiter. In der Tat ist der Slogan „Mann mit der Leiter“ zu einem Markenzeichen geworden. Meyer benutzt die Leiter, um einen besseren Überblick zu haben, wenn er zu

einhundert oder mehr Menschen spricht, die der Einladung der Zeitung „Berliner Woche“ zu den Führungen gefolgt sind. Die zweite Art der Stadtgänge organisiert Bernd Meyer selbst. Diese sind individueller, die Zahl der Teilnehmer überschaubar. Wirft man einen Blick in seinen Veranstaltungsplan, fällt die Terminfülle sofort ins Auge. Es gibt das Standardprogramm, das sich hauptsächlich auf den Bezirk Pankow konzentriert, aber auch Spezialtermine, für die man Wünsche äußern kann. Meyer betont, die Führungen, pro Woche durchschnittlich drei bis vier, fänden bei jedem Wetter statt. Sie dauern ca. zweieinhalb Stunden oder länger. Bernd S. Meyer ist Jahrgang 1944. Nach Berufsausbil-

Foto: © Erich Werner / PIXELIO

Foto: Claus Utikal

Mit Bernd S. Meyer unterwegs

Ein Stadtgänger kommt selten allein.


Kiez & Kultur | 19

dung zum Chemiefacharbeiter und dem Abitur an der Abendschule studierte er Kulturwissenschaft an der Humboldt-Universität zu Berlin. Bernd Meyer ist Diplom-Kulturwissenschaftler und langjähriges Mitglied im Kulturverein Prenzlauer Berg e.V. Er gehörte dem Vorstand des Vereins während mehrerer Wahlperioden an. Dabei erwarb sich Bernd Meyer große Verdienste unter anderem beim Aufbau und der Etablierung der Vereinszeitung „Mittendrin“. Daneben muss sein Engagement in der „Blankenstein AG“ gewürdigt werden. Diese Arbeitsgruppe des Vereins beschäftigt sich mit dem Werk des Stadtbau-

»

über den Jüdischen Friedhof in der Schönhauser Allee. Munter erzählte dabei aus seinem Leben, immer mit Lokalkolorit. Ich staunte über seine großen Kenntnisse zur Geschichte Berlins. Arnold Munter hat mich als Persönlichkeit stark beeindruckt.“ Es gab noch einen anderen Impuls für Meyers Stadtgänge. „Ich brauchte 2004 noch einen Job, um bis zur Rente zu kommen.“ Meyer lächelt. „Leider“, sagt er, „waren die Teilnehmerzahlen im Durchschnitt nicht so, wie ich es mir aus wirtschaftlicher Sicht vorgestellt hatte.“ Ehrliche Worte. Bereut aber hat Bernd Meyer seine Unternehmung „Stadtgänge“ nie.

„Ich habe damals viele Gespräche mit Arnold Munter geführt, er hat mich als Persönlichkeit stark beeindruckt.“

meisters Hermann Blankenstein, der auch das heutige ZENTRUM danziger50 erbaut hat. Die AG organisiert in jedem Jahr zum Tag des Offenen Denkmals eine Radtour zu den Blankenstein-Bauten in Prenzlauer Berg. Dieses Jahr findet sie am 12. September statt. Seit wann lädt Bernd Meyer zu seinen Stadtgängen? „Seit Februar 2004 führe ich meine kommerziell beworbenen Terminführungen durch“, sagt Bernd Meyer. Ein wichtiger Impuls dafür wurde für die Begegnung mit Arnold Munter in den Neunzigerjahren. Arnold Munter, Widerstandskämpfer gegen den Nationalsozialismus, überlebte das Ghetto Theresienstadt. Später war er in Berlin Kommunalpolitiker. „Ich habe damals viele Gespräche mit Arnold Munter geführt.“ Bernd Meyer denkt zurück. „Munter war damals schon 80 Jahre alt. Er organisierte Führungen, unter anderem

Es ist schwer, aus dem Gesamtangebot einen besonderen Höhepunkt herauszuheben, ohne andere dabei unverdient in den Hintergrund zu drängen. Aber die Touren durch das Hansaviertel im Stadtteil Tiergarten sollen hier eine Ausnahme bilden. Wer mit Meyer durch diese Straßen zwischen St.-Ansgar-Kirche und Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche streift, erfährt mit jedem Schritt eine Fülle von Informationen zur Baugeschichte dieses Quartiers. Es markiert das Ausstellungsgelände der in den Fünfzigerjahren veranstalteten Internationalen Bauausstellung. Aufgelockerte Baustrukturen und viel Grün zwischen den Bauwerken fallen sofort auf. Bernd Meyer weiß zu jedem Gebäude Interessantes zu erzählen. Sei es zum Grips-Theater, direkt am Hansaplatz, zum Schwedenhaus oder Eternithaus.

Die Liste berühmter Baumeister aus aller Welt, die an der Gestaltung des Viertels beteiligt waren, ist lang. Walter Gropius, Alvar Aalto, Egon Eiermann, Oscar Niemeyer, Paul Baumgarten. Glanzvolle Namen. Eine Frau aber ist nicht darunter. Und noch etwas verdient Erwähnung: Die große Anzahl von Kunstwerken, die die Bauten zieren. Henry Moore, Ben Wagin, Alfredo Ceschiatti seien stellvertretend für die Schar der Künstler genannt. Auch hier sind Frauen nicht vertreten. Die Gestaltung des HansaViertels war das Werk von Männern, was dem damaligen Zeitgeist entsprach. Die Vereinigung von bildender Kunst und Bau ist gelungen. Um das zu erleben sollte man sich der Führung von Bernd Meyer anschließen. Bernd S. Meyer wird weitermachen, immer weitermachen, solange es Spaß macht. Er wird dabei neue Ideen umsetzen, neue Gebiete unserer Stadt erschließen. Und er wird sich über viele alte und neue Teilnehmer seiner Stadtgänge freuen, besonders auch, wenn diese Mitglieder unseres Vereins sind. „Für die Mitarbeiter der Kitas und für die anderen Teams des Vereins organisiere ich gern Führungen auf ehrenamtlicher Basis. Ich bin immer bereit, daraufhin angesprochen zu werden“, freut sich Meyer auf rege Kontakte. Text: Claus Utikal

Stadgänge mit Bernd S. Meyer Kontakt: b-s-meyer@web.de 030 442 32 31 Weitere Informationen und Termine der Führungen: www.stadtgaenge.wordpress.com


20 | Kiez & Kultur

Kafka auf Türkisch Fußballfans vor Gericht

Fotos: © Gesellschaftsspiele Berlin

Vor der Verhandlung demonstrieren Beşiktaş-Fans vor dem Gerichtsgebäude.

Ein sonniger Freitagmorgen in Istanbul. Dank Ramadan fließt der Verkehr nicht so zäh wie sonst. Unser Taxi schlängelt sich flott durch die kleinen Straßen bis zur Stadtautobahn. Dann steht es schließlich vor uns, das angeblich

»

Der Fan-Gruppe Çarşı wird ein Putschversuch im Rahmen der GeziProteste 2013 vorgeworfen. Den 35 Angeklagten droht eine lebenslängliche Haftstrafe.

zweitgrößte Gerichtsgebäude Europas. Hier findet heute der dritte Verhandlungstag gegen Fußballfans von Beşiktaş Istanbul statt. Der FanGruppe Çarşı wird ein Putschver-

such im Rahmen der Gezi-Proteste 2013 vorgeworfen. Den 35 Angeklagten droht eine lebenslängliche Haftstrafe. Wir, der vor kurzem in Prenzlauer Berg gegründete Verein „Gesellschaftsspiele“, sind nach Istanbul gereist, um den Prozess zu beobachten. Vor Ort wollen wir uns einen kleinen Einblick in die politische Lage in der Türkei verschaffen. Diese hat sich seit den Gezi-Protesten vor zwei Jahren grundlegend verändert. Zum einen sind damals in allen Teilen des Landes Millionen von Menschen aus allen gesellschaftlichen Schichten auf die Straße gegangen, um gemeinsam gegen den damaligen Ministerpräsidenten Erdoğan zu protestieren. Zum anderen hat die Zivilgesellschaft seitdem mit großen staatlichen Repressionen, wie stark eingeschränkten Demonstrationsrechten, zu kämpfen. Besonders heftig hat es interessanterweise

Fußballfans getroffen. Für die Beteiligung an den Protesten im Sommer 2013 drohen den Angeklagten bis zu 49 Jahre Gefängnis, die Höchststrafe in der Türkei. Die Staatsanwaltschaft wirft den Angeklagten vor, einen Staatsstreich geplant zu haben – angeblich indem sie ausländischen Medien Fotos von Straßenkämpfen weitergegeben haben.


Kiez & Kultur | 21

Das habe, laut Anklage, die Proteste als eine Art Arabischer Frühling erscheinen lassen. Der ungewöhnliche Fall hat uns zunächst dazu bewegt, im April in der Schankwirtschaft BAIZ (Schönhauser Allee) eine

Diskussionsveranstaltung mit Teilnehmern der Gezi-Proteste sowie Prozessbeobachtern zu organisieren. Gut 60 Gäste lauschten bei Bier und Raki den Augenzeugenberichten, politischen Analysen und Anekdoten. Die abenteuerliche Anklage und teils absurde Beweisführung, in der beispielsweise Wasserpfeifen als Brandsätze bezeichnet werden, haben uns nicht losgelassen. Deshalb haben wir uns Ende Juni auf den Weg nach Istanbul gemacht, auch wenn im Vorfeld bereits ein Freispruch erwartet wurde. Alle Belastungszeugen hatten ihre Aussage zurückgezogen.

auf die Suche nach dem Verhandlungssaal. Vor den Türen haben sich bereits an die 100 Anhänger des Fußballclubs in schwarz-weißen Trikots versammelt. Die Stimmung schwankt zwischen Anspannung und offen nach außen getragener Lockerheit. Langsam trudeln alle Angeklagten mit ihren Anwälten vor dem Prozesssaal ein. Man begrüßt und umarmt sich, raucht auf der Toilette gemeinsam eine letzte Zigarette vor der Verhandlung. Eigentlich erwarten heute alle vor Ort das Plädoyer des Staatsanwalts, nachdem am zweiten Prozesstag im April die Beweisaufnahme abgeschlossen wurde. Doch so schnell der Verhandlungstag beginnt, so schnell ist er auch wieder zu Ende. Der Staatsanwalt beantragt gleich

»

zu Beginn, das Verfahren auf September zu vertagen, man habe bei einem der Angeklagten eine Waffe gefunden. Unklar bleibt, wem die Waffe genau gehört. Trotz Anträgen der Verteidigung, diesen Fall separat von den 34 anderen Fällen zu behandeln, besteht die Staatsanwaltschaft darauf, die Anklage wegen Putschversuches gegen alle 35 Angeklagten aufrecht zu erhalten. So ist der Prozesstag nach zehn Minuten bereits beendet. Wer jetzt erwartet, die angeklagten Fans seien deshalb geknickt, wird noch im Justizgebäude eines besseren belehrt. Gemeinsam mit ihren Freunden singen die mittlerweile rund 150 Beşiktaş-Anhänger lautstark ihre Fangesänge und verlassen unter den verwunderten Blicken der Passanten den pompösen

Wir, der vor kurzem in Prenzlauer Berg gegründete Verein „Gesellschaftsspiele“, sind nach Istanbul gereist, um den Prozess zu beobachten.

Ein skurriles Verfahren Als wir am Gerichtsgebäude ankommen, bringen gerade einige Beşiktaş-Fans ein Transparent gegenüber des Eingangs an. Der Banner zeigt eine verbeulte Justizia und spielt auf den fragwürdigen Prozess an. Wir folgen einem Fan und machen uns im übergroßen Justizbau

Die Bosporus-Brücke: Sie verbindet den europäischen mit dem asiatischen Teil der Stadt.


Foto: © Gesellschaftsspiele Berlin

22 | Kiez & Kultur

Beşiktas-Fans nach der Verhandlung vor dem Gerichtsgebäude.

Gerichtsbau. Vor der Tür wird zur Feier ein Rauchtopf gezündet, das anwesende Fernsehen bekommt ein paar schöne Bilder. Die Angeklagten und ihre Anwälte geben Interviews. Unter den Anwesenden verfestigt sich der Eindruck, die Verschiebung des Prozesses sei auf politischen Druck zurückzuführen. Momentan finden in der Türkei Koalitionsverhandlungen statt. Bei den Parlamentswahlen Anfang Juni hatte die AKP von Präsident Erdoğan überraschend die absolute Mehrheit verloren. Noch ist unklar, ob die Koalitionsgespräche erfolgreich verlaufen oder schon im November Neuwahlen anstehen. In dieser Phase politischer Unsicherheit soll es keine Signale der Liberalisierung geben, kein Sieg für die Gezi-Demonstranten über eine parteiische Justiz. Da sind sich die Beobachter vor Ort, unter ihnen der grüne Bundestagsabgeordnete Özcan Mutlu, einig.

Zwischen Unterdrückung und Selbstermächtigung Fußballfans wurden während der Proteste 2013 zu den Hauptfeinden Erdoğans. Er beschimpfte sie in seinen öffentlichen Reden als Abschaum und Banditen. Nach der Niederschlagung der Gezi-Proteste durch die Polizei ließen staatliche Repressionen nicht lange auf sich warten. Zur Saison 2013/14 wurde ein elektronischer Fan-Ausweis eingeführt, ohne den man nun nicht mehr ins Stadion kam. Für die sogenannte „Passolig“ müssen Fußballfans sogar ein Konto bei der der AKP-nahen Aktif Bank eröffnen. Die Plätze im Stadion sind personalisiert, und die persönlichen Daten werden nicht nur zur Überwachung der Fans genutzt, sondern dienen auch den Geschäftsinteressen der Aktif Bank. Das Ergebnis der Einführung der „Passolig“ sind halbvolle Stadien, manche Erstligaspiele finden nur noch vor 500 Zuschauern statt.

Doch die meisten türkischen Fußballfans lassen sich von den Repressionen nicht unterkriegen. Bereits bei den Gezi-Protesten ließen sie alte Rivalitäten beiseite und demonstrierten Seite an Seite. Der Zusammenschluss der Fans von Galatasaray, Fenerbahçe und Beşiktaş zur Verteidigung der Protestierenden gegen die Polizei ging als „Istanbul United“ in die türkische Fußballgeschichte ein. Seitdem demonstrieren einige Fan-Gruppen sogar am 1. Mai gemeinsam. Die Fußballanhänger wehren sich. Mittlerweile haben Fans verschiedener Vereine die Initiative „Tarafter“ gegründet, die vor Gericht gegen den Fan-Ausweis „Passolig“ klagt. Auch die türkische Politik hat das wahrgenommen. Mittlerweile haben alle Oppositionsparteien die Abschaffung des elektronischen Fanausweises in ihr Programm aufgenommen. Nach den Parlamentswahlen ist es gut möglich, dass die Fans bald wieder ganz normal ins Stadion gehen können. Die wegen Putschversuchs angeklagten 35 Beşiktaş-Fans müssen nun aber erst einmal weitere drei Monate warten und hoffen, dass der absurde Prozess gegen sie dann ein Ende findet. Text: Peter Dittmann, Gesellschaftsspiele

ÜBER GESELLSCHAFTSSPIELE „Gesellschaftsspiele“ hat sich im Januar 2015 in Prenzlauer Berg gegründet. Der Verein widmet sich den Themen Fußball & Politik und veranstaltet Podiumsdiskussionen, Workshops und Bildungsreisen. Im Fokus stehen Themen wie Rassismus, Homophobie, Gender und Antisemitismus. Mehr Infos unter: www.gesellschaftsspiele.berlin


. .. ..

Kolumne: Der Springende Punkt

H

allöle, alle mal herhören… da bin ich wieder,

und ich muss euch, meiner geneigten Leserschar, heut was Tolles erzählen. Es is ja nun so meine Art, dass ich überall ein bisschen rumstromer, wa? Neulich verschlug es mich zum Potsdamer Platz. Meine Güte, is der aber gewaltig groß geworden! Diese riesigen Häuser, so viel Glas, so viele Institutionen, so viele Menschen! Beim Umherkucken und Staunen bei herrlichem Sonnenschein fiel mir auf, dass, neben den vielen Selfie-Touris aus aller Welt, auch etliche Menschen mit etwas vornehmerer, sprich: dunklerer, Kleidung unterwegs waren. Eiligen Schrittes bewegten sie sich alle in eine bestimmte Richtung. Neugierig lief ich hinterher. Dabei bemerkte ich bei einigen ein grünes Heftchen in der Hand. Eine junge Frau hielt es mit der Titelseite nach außen: Verdi Requiem. Oho, da war mir klar: Die wollen alle zur Philharmonie. Aber um diese Zeit? Sonntags, morgens um ¾ 10 ? Meine Neugier steigerte sich so, dass ich einer mittelälterlichen Dame in die Jackentasche sprang, bei meiner Größe bzw. Kleine gar kein Problem, hi, hi, hi.

So kam ich – ebenfalls problemlos – auch durch die Eingangskontrolle. Im Großen Saal angekommen, wandelte sich meine Neugier in Skepsis: das kann doch nich sein: alle Leute mit Noten im Zuschauerraum verteilt, und auf der Bühne stehen leere Stühle und Pulte. War das ein Geraune und Begrüßen, offensichtlich kannten sich sehr viele. Wie aus dem Nichts heraus stand plötzlich ein nicht allzu großer Mann am Dirigentenpult, drehte sich in alle Himmelsrichtungen und wünschte mit einem hörbar englischen Akzent allen einen „Guten Morgen“. „Oh, süper, dass Sie alle hier sind“, freute er sich, „dann legen wir mal gleich los.“ „Das is der Dirigent, der Simon Halsey, der Leiter des Rundfunkchores Berlin“, flüsterte die Dame, die mich hier eingeschleust hatte, ihrer Nachbarin zu. Und schon gings los. Ich war verwundert, dass ich gar nichts verstand – na, wurde ja auch alles auf italienisch gesungen. Zwei Stunden dauerte die Probe. Herr Halsey war offensichtlich recht zufrieden, denn ich hörte ihn des Öfteren sagen: „Süper, fast exzellent!“ Das klang so süß in seinem englischen „R“, wobei er das letzte Wort noch schier endlos dehnte: exzelläääänt. Jetzt war Pause. „Meine“ Sängerin erklärte ihrer Sitznachbarin, dass sie schon etliche Male beim Mit-

Kiez & Kultur | 23

singkonzert mitgesungen hat. Hä? Mitsingkonzert? Ich erfuhr (weil ich immer noch in ihrer Jackentasche saß), dass es diese Art von Konzert schon seit 12 Jahren gibt. Der Rundfunkchor Berlin lädt sangeslustige Menschen aller Stimmgattungen mit oder ohne Chorerfahrung zum Mitsingen ein. Ein Jahr vorher wird veröffentlicht, welches Musikstück gesungen werden soll, das Rundfunk-Sinfonieorchester begleitet. Simon Halsey is der Initiator. Diese Veranstaltung is so beliebt, dass auch Sänger aus anderen Bundesländern und sogar aus dem Ausland dazu nach Berlin kommen. Neben der Möglichkeit, vorher mit einer speziell gefertigten CD zu üben, gibt es auch Chöre, denen sich Interessierte für Proben anschließen können. Zum Schluss gibt es dann, wie oben berichtet, erst eine gemeinsame Probe aller 1.300 (!) Laien, dann eine Probe mit Rundfunkchor und -orchester und eine Aufführung mit Publikum. Und ich kann Euch sagen: das war der Hammer! Lang anhaltender Beifall und „Bravo“-Rufe belohnten eine „süper“ Aufführung, grandios geleitet von Simon Halsey, der im Anschluss von seiner Funktion als Chefdirigent des Rundfunkchores verabschiedet wurde. Unnötig zu sagen, dass er nich nur für die Laienchorarbeit der Hauptstadt Großes geleistet hat. Er hat auch vielen jungen und beruflich noch wenig erfahrenen Sängern und Instrumentalisten die Chance zum gemeinsamen Musizieren gegeben. So einbezogen zu sein in ein gemeinsames Ganzes, ist eine großartige Erfahrung. Ein dickes Dankeschön, lieber Simon! Und nächstes Jahr … bin ich wieder dabei. „Als Laie bei Profis, das find ich o.k.“, singt der Springende Punkt vom KVPB.


24 | Das Letzte

Bilderrätsel

Wat? Wo steht denn ditte?

Dorflinden waren gewissermaßen die O2-Arenen des Mittelalters und der frühen Neuzeit. In Ermangelung solch kommunaler Mehrzweckhallen, traf sich das findige Volk unter Bäumen zum Feiern, Tanzen und Feilschen. Unser gemeinschaftsstiftendes Bäumchen der Gegenwart hat neun rotierende Segel-Äste. Auf ihnen finden sich farbige Handund Fußabdrücke von kleinen und großen Kiezbewohnern. Auch im kreisförmigen Sockel haben Anwohner ihre Spuren hinterlassen.

Foto: Frauke Niemann

Ein weißer, schlaksiger Metallhüne steht mitten auf einem belebten Platz in Prenzlauer Berg. Seine dünnen Ärmchen formieren sich zu einer Baumkrone, die immer in Bewegung zu sein scheint. Der Idee nach ist unser – im wahrsten Sinne – windiger Geselle nichts Geringeres als eine Dorflinde 2.0.

Wenn Sie wissen, welche Skulptur wir suchen und außerdem noch Standort und Schöpfer des gesuchten Kunstwerks benennen können, dann zögern Sie nicht, uns an Ihrem Wissen teilhaben zu lassen. Ihre Lösung senden Sie bitte bis zum 17. September an mittendrin@kvpb.de. Unter allen Mitratern verlosen wir zwei Eintrittskarten für eine Theatervorstellung im

ZENTRUM danziger50 im Rahmen der pankower theater tage | 2015 . Des Rätsels Lösung: In der letzten MITTENDRIN-Ausgabe haben wir das Einstein-Denkmal der Bildhauerin Anna Franziska Schwarzbach gesucht, zu finden im gleichnamigen Park zwischen Einsteinstraße, Storkower Straße und Pieskower Weg. Text: Frauke Niemann

MitTENDRINmachen

Impressum

Die MITTENDRIN ist das kostenlose Kiezmagazin des Kulturverein Prenzlauer Berg e.V. Es erscheint alle zwei Monate in einer Auflage von 2.000 Stück. Wir freuen uns über jede Wortmeldung – ob Alltägliches oder Kurioses, kleine oder größere Aufreger, Lob oder Kritik.

Herausgeber: Kulturverein Prenzlauer Berg e.V., Danziger Str. 50, 10435 Berlin | Redaktion: Barbara Schwarz, Frauke Niemann | ViSdP: Der Vorstand | Layout: Henriette Anderes | Satz und Bildredaktion: Frauke Niemann

Ganze Artikel sind genauso willkommen wie Themenvorschläge, Leserbriefe, Hinweise auf inspirierende Lektüre oder spannende Veranstaltungen in Prenzlauer Berg. Aktuelle und vergangene Ausgaben finden Sie hier: www.kvpb.de/mittendrin.

Redaktion MITTENDRIN Barbara Schwarz | Frauke Niemann Danziger Straße 50 - 10435 Berlin Tel: 030/346 235 39 | 030/490 852 37 Mail: mittendrin@kvpb.de

Der Redaktionsschluss für die nächste Ausgabe ist der 15.10.2015. Ihre Beiträge senden Sie bitte an: mittendrin@kvpb.de.

MITTENDRIN Juli-August-September Ausgabe 2015  

Magazin für Kultur und Bildung in Prenzlauer Berg

Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you