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DIE

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MAGIE

CREDIT FÜR AUTOFOTO_1

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DAS

IST


Was ist Kreativität, wie erweckt, wie behält man sie? Ein Gespräch mit Mazdas Chefdesigner Kevin Rice.

Interview: Werner Jessner Fotos: Manuel Vazquez


Mazda gilt in der Autobranche als eines der innovativsten und anspruchsvollsten und wurde vielfach prämiert. So unter­ schiedlich die Palette auch ist: Man erkennt sofort, dass es sich um einen Mazda handelt. Kevin Rice, 53, ist ­jener Mann, der für diese e­ indeutige ­Handschrift ­verantwortlich zeichnet. the red bulletin: Was ist Kreativität? kevin rice: Für mich ist es der Wunsch, etwas, das es noch nicht gibt, auf meine persönliche Weise darzu­ stellen. Woher kommt Kreativität? Ich wollte schon als Kind die Wurst nicht so schneiden, wie Mutter und Vater es ­vorgegeben haben. Ich wollte einen eigenen Weg finden. Das hat mit Ehrgeiz zu tun, mit Ego. Jeder ist mit diesen Eigenschaften geboren. Die Frage ist, mit wie viel und wie viel man zulässt. Sie arbeiten in einem krea­ tiven Beruf … … und daher musste ich das Quantum an Kreativität, das in mir steckt, kultivieren und Techniken erlernen, meine Kreativität sichtbar und ver­ ständlich zu machen. Lang­ fristig kannst du nur kreativ sein, wenn du lernst, dich selbst zu beherrschen. Im Gegensatz zu? Aktionismus. Oder jemand anderer beherrscht dich. Und das gelingt Ihnen?

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l­ ebende Künstler denselben Stellenwert wie Denkmäler oder Naturschätze. Wir haben diesen Künstler also gebeten, sich Gedanken über unseren Claim „Soul of Motion“ zu machen. „Soul of Motion“ war für ihn ein Wasserfall. Wie hat er ihn um­ gesetzt? Er hat eine Box aus Stoff gebaut, sie mit 30 Schichten Schellack überzogen und mit 10.000 Fragmenten aus Eier­ schalen befüllt. Wenn du das Ding siehst und bewegst, den Wasserfall in der Box hörst, dann bekommst du eine Gänse­ haut, weil er das Thema so exakt und doch so überraschend getroffen hat. Der eine zerschneidet seine Wurst anders, der andere baut Wasserfälle in Boxen. Da liegen aber schon Welten dazwischen. Warum? Beides ist gegen die Konven­ tionen. Beide sind nicht zufrieden mit dem Weg, den die Gesellschaft als den besten proklamiert. Zugegeben: ­Manchmal ist der neue Weg schlechter oder ­gröber als der alte, aber auch das muss man aushalten. Setzt Kreativität Selbstbewusstsein voraus? Eher das Gegenteil. Viele Sportler, ­Unternehmer oder Musiker haben kein Selbstbewusstsein. Es entsteht erst durch ­Kreativität. Ein Meister des Autodesigns, einer der großen Namen der Branche, war der Meinung, er habe sein Leben lang keinen schönen Entwurf zustande gebracht. Man muss zwischen Selbst­ vertrauen und Selbstbewusstsein unter­ scheiden. Deine Kreativität kommt aus dir selbst. Niemand kann dir dabei helfen. Das weißt du irgendwann und weißt auch, dass du etwas schaffen kannst. Selbstbewusstsein ist eine andere Sache. Können wir den Unterschied noch ­feiner rausarbeiten? Haben wir einen Psychologen bei der Hand? Am Beginn eines neuen Weges weißt du, dass er hart und beschwerlich sein wird. In aller Regel wird es finan­

Spektakulärer Wurf: RX V ­ ision, die Studie eines künftigen Sportwagens CREDIT FÜR AUTOFOTO_2

DAS DESIGN VON

Wenn ich einen Entwurf mache, mit dem ich nur zu 99 Prozent zufrieden bin, ­drehe ich durch. Für alle anderen mag es perfekt sein, aber eben nicht für mich. Und dann? Dann trittst du einen Schritt zurück und lässt jemand ­anderen das fehlende Prozent­ ergänzen. Du musst den ­Moment erkennen, wo du ­loslassen musst. Suche nach Perfektion kann Kreativität killen. Daher arbeiten wir in der Autobranche auch in ­Hierarchien. Es ist nicht ge­ sagt, dass ein Chefdesigner der bessere Designer ist, aber einer muss den Überblick bewahren. Und das geht eben nicht, wenn du mitten im ­kreativen Prozess steckst. Die Ergebnisse kreativer ­Arbeit sind also größer als die Menschen, die sie ­erschaffen haben? Es gibt Objekte, die du siehst und schön findest. Aber ein Objekt, das dich emotional ­ berührt, ist etwas ganz anderes.­Wie und warum das ent­standen ist – das ist die Magie kreativer Prozesse. Un­ erklärlich, aber entscheidend. Versuchen wir das ­Un­erklärliche zu fassen. Du musst viel mehr von dir selbst in deine Objekte rein­ packen, als man sieht. Ein Bei­ spiel: Vor zwei Jahren haben wir in Mailand ein Projekt mit einem japanischen Künstler gemacht, der als nationaler Schatz gilt … … heißt was? In Japan haben bestimmte


KEVIN RICE

Der 53-jährige Brite ver­antwortet seit 2014 das Mazda-­ Design für Europa. Er hat Transportation Design an der Uni­ versität ­Coventry ­studiert und für Opel, ­Giugiaro und BMW ­gearbeitet. ­Zwischen 1995 und 2000 ist er bereits bei Mazda am Zeichenbrett tätig gewesen und hat unter anderem den RX-8 entworfen. BMWs 3er- und 4er-­Serie stammen ebenfalls aus seiner Feder.

THE RED BULLETIN 

zielle und zeitliche Grenzen geben. Und doch marschierst du los – weil du an dich und deine Kreativität glaubst. Schritt für Schritt schaffst du eine Menge an Energie, die zu Selbstbewusstsein wird, zu Gewissheit: Ja, ich werde Erfolg haben. Dieses Mal. Beim nächsten Projekt startest­du wieder bei null. Auch was dein Selbstbewusst­ sein betrifft, während das ­Selbst­vertrauen da ist. Wie hängen Inspiration und Kreativität zusammen? Jedenfalls nicht direkt. Inspi­ ration ist eher ein subkutaner Prozess, der sich manchmal erst nach Jahren ausdrückt. Inspiration ist Kontroll­ verlust: Du hast das nicht selbst gemacht, sondern von außen aufgesaugt, und du weißt nicht, woher es kommt. Das ist cool, aber es passiert ­verdammt selten. Und dann?

Ist es wie Surfen. Inspiration ist deine Welle. Du als Person drückst dich auf ihr aus. Was inspiriert Sie? Alles. Das ist wie eine Krank­ heit. Ich schaue alles an und speichere es ab. Die Bäume und die Wand. Gefällt mir das? Warum? Warum nicht? So geht das 24 Stunden am Tag, mein Leben lang. Krea­ tives Kraftfutter sind Möbel für mich, Architektur oder Tanz. Das Erstaunliche ist dann, zu welchen Gelegen­ heiten sich der Input in meiner Arbeit äußert. Warum sehen Autos heute so ähnlich aus? Gerade im Autodesign sind wir unglaublichen Einschrän­ kungen unterworfen. Fuß­ gängersicherheit, Fertigungs­ prozesse, Kosten, viele Dinge. Da etwas Neues auf die Straße zu bringen ist super schwierig. Aber man muss es trotzdem immer probieren.

Könnte man sagen: Beschränkungen als Schleifsteine, die dazu zwingen, Ideen zu schärfen? Einverstanden. Ein Beispiel: Beim ­aktuellen CX-5 wollten wir mehr Spannung in die Linie bringen und das Design vereinfachen. Wir haben eine sehr schlichte Haube gezeichnet­ und eine Nase, die nach oben zeigt – also genau das Gegenteil von dem, was man normalerweise macht, wenn man einen sportlichen Eindruck ­erzeugen will. Unsere Nase ist nicht die eines Bullen, sondern die eines Hais. Ein Beispiel dafür, wie man von äußeren Einflüssen zu kreativen Ansätzen gezwungen wird. Was halten Sie eigentlich von ­Retrodesign? Steckt da nur die Sehnsucht nach der heilen Welt drin, oder ist da doch mehr? Wir greifen da nicht hin. Die erste Generation des MX-5 hat mit dem britischen Roadster-Gefühl der 1960er gespielt. Seither sind wir immun. Autos wie Mini oder Fiat 500 treffen den Geschmack junger Leute, die die Urmodelle gar nicht mehr bewusst mitbekommen haben. Das muss man akzeptieren. Aber warum waren­diese Autos so rund? Weil es die Produkti­ onsmethoden nicht anders zugelassen haben. Warum waren die Autos der 1980er so eckig? Weil sich die Metho­ den der Blechverarbeitung geändert hatten. Die Schleifsteine für Kreative hat es immer schon gegeben. Haben Künstler, deren Werk erst in der Zukunft verstanden werden muss, mehr Freiheiten als solche, die in der Kreativ-Industrie arbeiten? Kreative Ingenieure machen bei uns schon heute sehr viel möglich. Sie schaffen uns Freiräume. Und es ist ein Irrglaube, dass gute Designs ­immer ­sofort verstanden wurden. Der Mini war einst ein Desaster, heute ist er eine Ikone. Das zeigt, dass sich ­Krea­tive durchaus trauen können, nicht sofort zu gefallen. mazda.at

„KREATIVITÄT KOMMT AUS DIR SELBST. NIEMAND KANN DIR DABEI HELFEN.“   59

The Red Bulletin im Interview mit Kevin Rice  

Was ist Kreativität, wie erweckt, wie behält man sie? Ein Gespräch mit Mazdas Chefdesigner Kevin Rice.