InSzene - Das Jugendtheatermagazin

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InSzene DAS MAGAZIN DER JUGENDTHEATERREDAKTION

IHR WOLLT MITGLIED IN DER REDAKTION WERDEN? DANN KOMMT VORBEI UND MELDET EUCH BEI UNS IN DER THEATERFABRIK! THEATERFABRIK GERA LEITERIN: THERESA KAWALEK CLARA-ZETKIN-STRASSE 1, 07545 GERA 0365/ 827 92 90 THEATERFABRIK@THEATER-ALTENBURG-GERA.DE THERESA.KAWALEK@THEATER-ALTENBURG-GERA.DE


FOTO: THEATERFABRIK

FOTO: THEATERFABRIK

IMPRESSUM Theater Altenburg Gera gGmbH · Spielzeit 2020/21 Generalintendant und Künstlerischer Geschäftsführer Kay Kuntze Kaufmännischer Geschäftsführer Volker Arnold Redaktion Theresa Kawalek · Texte Jugendtheaterredaktion: Hannah Höhnisch, Ella Klüger, Tilmann Lindner, Christian Mäder, Tim Schmidt Fotos soweit nicht anders angegeben: Ronny Ristok · Coverfoto (Theater) Frank Hülsbömer Gestaltung Leonie Egge · Herstellung Druckhaus Gera GmbH Redaktionsschluss 17. Juli 2021 Änderungen vorbehalten!


EDITORIAL

LIEBE THEATERBEGEISTERTE UND UNBEGEISTERTE, ja, dieses Magazin ist für euch! Vielleicht warst du noch nie im Theater und fragst dich, warum du das überhaupt tun solltest. Vielleicht liebst du das Theater aber auch und versuchst, keine Vorstellung zu verpassen. Oder hast du vielleicht das Gefühl, dass es im Theater überhaupt nichts gibt, was dich inte­ ressiert? Veraltet? Verstaubt? Und nur für intellektuelle Erwachsene mit Abendkleid und Rotweinglas in der Hand? Egal, was davon dich beschreibt oder ob es noch einen ganz anderen Grund gibt, warum du gerade jetzt unser Magazin liest – schön, dass du da bist! Denn dies ist eine Einladung, zusammen mit uns Theater neu zu betrachten, über Inszenierungen nachzudenken und Fragen zu stellen. Was bewegt und interessiert dich? Und wie muss Theater sein – damit es dir gefällt? Um das herauszufinden haben sich fünf junge Journalist:innen eine Spielzeit lang auf die Spuren des Theaters begeben, den Spielplan kritisch unter die Lupe genommen und hinter die Kulissen geblickt. Dann kam Corona. Viele geplante Interviews, Vorstellungs­ und Probenbesuche mussten ausfallen. Doch wir haben nicht aufgegeben, den Stift nicht fallen lassen und uns weiter in virtuellen Räumen getroffen und versucht, das Beste herauszuholen. Damit ist dieses Magazin nicht bloß ein Einblick in das Theater, sondern vor allem auch in ein Jahr vieler Unsicherheiten, zerplatzter Träume, immer aufs Neue gescheiterter Pläne und Krisen. Aber schaut selbst, was dabei herausgekommen ist! Denn hier ist sie – die erste Ausgabe des Jugendtheatermagazins InSzene. Theresa Kawalek Leiterin TheaterFABRIK

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DIE JUGENDTHEATERREDAKTION STELLT SICH VOR CHRISTIAN BÜRGERLICHER NAME: Christian Mäder GEBOREN: In Eisenach SPIELALTER: 40 GRÖSSE: 1,76m WOHNSITZ: Gera DIALEKTE: Mal Sächsisch, mal Plattdeutsch und Bayerisch STIMMLAGE: Tief/ mittel FÜHRERSCHEINE: Klasse B M L ROLLE, DIE EIGENTLICH MIR ZUGESTANDEN HÄTTE: Sänger in einem Gospel­ chor, Sternenknabe beim Luciafest ROLLE, DIE FÜR MICH GESCHNEIDERT IST: Benny aus meinem selbstge­ schriebenen Stück „Mach’s gut altes Haus“ DERZEITIGES ENGAGEMENT: Redakteur bei InSzene LIEBLINGSTHEATERSTÜCK: Soap Folge 3 „Think Positive“ von der Theater­ FABRIK Gera, da es um Aufklärung zu Sexualität und Verhütung von Krankheiten, sowie den Umgang mit Homosexualität geht LIEBLINGSBUCH: „Die weiße Massai“ von Corinne Hoffman und „Prinzessinnenjungs“ von Nils Pickert LIEBLINGSFILM: „Der Junge muss an die frische Luft“ LIEBLINGSORT AM THEATER: TheaterFABRIK

ELLA BÜRGERLICHER NAME: Ella Klüger GEBOREN: Vor langer Zeit SPIELALTER: 14 – 20 GRÖSSE: Genau richtig WOHNSITZ: Gera WOHNMÖGLICHKEITEN: Kleines Zelt, großes Zelt, Bierzelt DIALEKTE: Gersch STIMMLAGE: Maus bis Elefant (ansonsten Mezzosopran) FÜHRERSCHEINE: Fahrrad, Inliner ROLLE, DIE EIGENTLICH MIR ZUGESTANDEN HÄTTE: Anastasia aus „Anastasia“ ROLLE, DIE FÜR MICH GESCHNEIDERT IST: Alphaba aus „Wicked“ DERZEITIGES ENGAGEMENT: Redakteurin bei InSzene, Sängerin im Jugend­ chor am Theater Altenburg Gera LIEBLINGSTHEATERSTÜCK: „Mozart! – Das Musical“, „Untergang der Titanic“ LIEBLINGSBUCH: „The Hate U Give“ LIEBLINGSFILM: „Die Unfassbaren – Now You See Me“ LIEBLINGSORT AM THEATER: Die Bühne im Großen Haus

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HANNAH BÜRGERLICHER NAME: Hannah Höhnisch GEBOREN: In Gera SPIELALTER: 14 – 25 GRÖSSE: Riesenwuchs WOHNSITZ: Gera WOHNMÖGLICHKEIT: Gera, irgendwo auf der Welt DIALEKTE: Gersch STIMMLAGE: Hochdeutsch bis nervig FÜHRERSCHEINE: Legoland­Autoführerschein und Fahrradschein ROLLE, DIE EIGENTLICH MIR ZUGESTANDEN HÄTTE: Pippi Langstrumpf ROLLE, DIE FÜR MICH GESCHNEIDERT IST: Lucy Pevensie aus „Die Chroniken von Narnia“ DERZEITIGES ENGAGEMENT: Redakteurin bei InSzene, Sängerin im Jugend­ chor am Theater Altenburg Gera LIEBLINGSTHEATERSTÜCK: „13“, weil es das erste Stück im Theater war, bei dem ich mitgemacht habe LIEBLINGSBUCH: Ich mag zu viele, um mich zu entscheiden LIEBLINGSFILM: „Call me by your name“ LIEBLINGSORT AM THEATER: Konzertsaal

TIL BÜRGERLICHER NAME: Tilmann Lindner GEBOREN: 25.02.2001 SPIELALTER: 17 – 22 GRÖSSE: „Ey Tilinger, kannste mir das mal von da oben runter geben?“ WOHNSITZ: Theaterwohnheim Gera WOHNMÖGLICHKEIT: Mittel­ und Norddeutschland DIALEKTE: Säggssch STIMMLAGE: Geeignet für einzigartige Fills FÜHRERSCHEINE: „Ne, den Bordstein streifen dürfense nicht“ ROLLE, DIE EIGENTLICH MIR ZUGESTANDEN HÄTTE: Alfons Amberger in „Go Trabi Go“ ROLLE, DIE FÜR MICH GESCHNEIDERT IST: Priscilla in „Zoomania“ DERZEITIGES ENGAGEMENT: Nutze „TooGoodToGo“, eine App gegen Lebensmittelverschwendung LIEBLINGSTHEATERSTÜCK: „Hamlet“ unter der Regie von Roger Vontobel, die einzige Theateraufführung, bei der 10 Besuche nicht gereicht haben, um mich satt zu sehen. LIEBLINGSBUCH/ FILM: Ändert sich jedes mal LIEBLINGSORT AM THEATER: Theaterfundus

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TIM BÜRGERLICHER NAME: Tim Schmidt GEBOREN: 02.04.1999 SPIELALTER: 17 – 27 GRÖSSE: Das schwankt sehr stark je nach Gefühl WOHNSITZ: Gera, Wien WOHNMÖGLICHKEIT: Im Auto, WG mit max. 14 Menschen, „Kann ich hier mein Zelt aufschlagen?“ DIALEKTE: Klassischer Unbeliebtheits­Hitmix: Sächsisch und Bayerisch STIMMLAGE: Morgens rauher Säbelbass, abends flockiger Trällertenor FÜHRERSCHEINE: Medienführerschein 10. Klasse, Autoscooter­Führer­ schein beim Herbstvolksfest Gera ROLLE, DIE EIGENTLICH MIR ZUGESTANDEN HÄTTE: Professor McGonagall ROLLE, DIE FÜR MICH GESCHNEIDERT IST: McLovin aus „Superbad“ DERZEITIGES ENGAGEMENT: TheaterFABRIK Gera, Verein der Metzgers­ freunde Wiglshofen e.V. LIEBLINGSTHEATERSTÜCK: „Nathans Kinder“ LIEBLINGSBUCH: „Swing Time“ von Zadie Smith LIEBLINGSFILM: „Victoria“ LIEBLINGSORT AM THEATER: Die Bühne der TheaterFABRIK

THERESA BÜRGERLICHER NAME: Theresa Kawalek GEBOREN: Im Norden SPIELALTER: Kommt drauf an, wie ausgeschlafen ich bin… GRÖSSE: Kleiner als ich mich fühle WOHNSITZ: Gera WOHNMÖGLICHKEIT: Viele DIALEKTE: Keine STIMMLAGE: Einfühlsam bis cholerisch FÜHRERSCHEINE: Fahrradprüfung 2003 ROLLE, DIE EIGENTLICH MIR ZUGESTANDEN HÄTTE: Lämmermeister aus der Operette „Frau Luna“ ROLLE, DIE FÜR MICH GESCHNEIDERT IST: Räuber Hotzenplotz DERZEITIGES ENGAGEMENT: Leiterin der TheaterFABRIK, Chefredakteurin bei InSzene, Theaterpädagogin LIEBLINGSTHEATERSTÜCK: „Die große Reise“ (das braucht keine Begrün­ dung. Wenn ihr wissen wollt, warum nicht: angucken!) LIEBLINGSBUCH: „Die Herrenausstatterin“ von Mariana Leky LIEBLINGSFILM: „Pünktchen und Anton“ LIEBLINGSORT AM THEATER: Verrate ich nicht.

DIE JUGENDTHEATERREDAKTION STELLT SICH VOR

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WAS THEATER FÜR UNS BEDEUTET

HANNAH Das Theater ist für mich ein Ort des Treffens. Ob bei Chorproben, Auftritten oder wenn ich selbst ins Theater gehe. Das Zusammen­ treffen so vieler verschiedener Charaktere und Persönlichkeiten ver­ misse ich sehr. Die Proben mit dem Kinder- und Jugendchor waren für mich immer ein Wochenhighlight. Das gemeinsame Singen, Lachen und Reden, der Austausch untereinander, egal worum es geht, und dass man immer ein offenes Ohr gefunden hat, fehlt mir sehr. Auch die Auftritte fehlen mir. Ich war immer so stolz auf mich und den Chor, weil wir das alle gemeinsam auf die Beine gestellt haben. Aber ich glaube am meisten fehlt es mir, im Konzertsaal zu sitzen und an die Decke zu starren. Ich finde die Decke so faszinierend! Der Himmel sieht so echt aus und auch, wenn dort keine Sonne ist, sieht es so aus, als würde sie strahlen. Ist der Kronleuchter an, sieht das Bild nicht überbelichtet oder künst­lich aus, der Kronleuchter wirkt einfach wie eine Sonne und so strahlt das Bild von innen heraus. Und dann kommt der Rahmen. Dort sind so viele Details eingebracht, die man erst beim genauen Hinschauen erkennt. Auch die goldenen Einarbeitungen wirken nicht überladen, sondern tragen dazu bei, dass ein eindrucksvolles und stimmiges Bild entsteht. Und jedes mal auf ’s Neue stelle ich mir die Frage: Warum? Warum hat sich jemand so viel Mühe für ein Bild, das viel zu wenig beachtet wird, gemacht? Wenn ich im Konzertsaal sitze, sehe ich keinen einzigen Menschen, der genau wie ich die Decke anstarrt und so das Bild auf sich wirken lässt. Auf mich wirkt das Bild gleichzeitig schwer und leicht. Schwer wegen dem ganzen künstlerischen Können, das dahinter steckt und leicht, weil das Bild eine Leichtigkeit in mir auslöst, die ich nicht beschreiben kann.

CHRISTIAN Das Theater ist für mich ein Ort der Begegnungen und der sozialen Teilnahme am Leben. Dort finden sich Gelegenheiten, Freund:innen zu treffen und andere Besucher:innen kennenzulernen, um sich über Theaterstücke, Kultur und Alltag auszutauschen. Es ist aber auch ein Ort, um selbst an Theaterprojekten und Aufführungen mitzu­ wirken, kreativ zu sein und Ideen für neu entstehende Theaterstücke einzubringen und diese dann zu verwirklichen. Seit Januar 2008 bin ich nun Teil der TheaterFABRIK und habe dort zum ersten Mal in dem Theaterstück „High Speed Slow Down“ mitgespielt. Im Oktober 2009 nahmen wir mit dem Ensemble von „High Speed Slow Down“ an dem „Treff Junges Theater“ in der „Schotte“, einer Theaterspielstätte in Erfurt, teil.

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In diesem Jahr wurde unser Theaterstück auch mit einem Theaterpreis ausgezeichnet, was für uns ein sehr schöner, wertvoller und unver­ gesslicher Augenblick gewesen ist. Es gibt mir ein gutes Gefühl, wenn unsere intensive Arbeit, unser Einsatz, die Freude, Leidenschaft und unsere Kreativität gewürdigt werden. Als im November 2020 die Kultureinrichtungen infolge des Lock­ downs während der Coronapandemie geschlossen werden mussten, wurde mir viel mehr bewusst, wie wichtig unsere Kultureinrichtungen in unserer Gesellschaft sind. Während dieser Zeit habe ich meine Freund:innen und Kolleg:innen vermisst. Dennoch haben wir online die Verbindungen aufrechterhalten und gezeigt, dass wir solidarisch in unserer Gesellschaft sein können. Aber unsere persönlichen Begegnungen und Theaterbesuche können dadurch nicht ersetzt werden. In diesem Sommer sind die Open-Air-Veranstaltungen vom Thea­ter ein willkommener Lichtblick nach den Zeiten der Einschränkungen, den wir nutzen sollten, um auch für den Erhalt der Kultur zu sorgen und unseren Mut und Zusammenhalt zu bewahren.

ELLA Ich bin mittlerweile seit über vier Jahren Mitglied im Kinder- und Jugendchor und würde diese Zeit als die schönste meines Lebens bezeichnen. Der Moment, in dem ich das Theater das erste Mal betreten habe, hat etwas in mir verändert. Meinem Herzen einen Teil hinzugefügt, von dem ich nicht wusste, dass er fehlte. Das Theater ist wie eine Droge für mich. Sobald ich das Gebäude be­ trete, zieht es mich in seinen Bann und lässt mich nicht mehr los. Ich kann mich endlos darin verlieren und die dicken Mauern mit den einzelnen, kleinen Fenstern schotten mich von der Außenwelt ab. Ich finde mich in einer fiktiven Wunschvorstellung wieder. Eine Vorstellung, die ich mit allen anderen, die das Gebäude betreten, teile. Wir alle haben den gleichen Traum, der zu schön ist, um wahr zu sein. Und egal, wie lang’ ich versuche, clean zu werden, mich vom Theater fernzuhalten, wird es mich mein Leben lang verfolgen. So in etwa habe ich gefühlt, nachdem sich mir diese neue Welt geöffnet hatte. Auf meiner ersten Premierenfeier hat der Generalintendant Kay Kuntze meine Emotionen sehr treffend zusammengefasst: „Wer einmal Theaterluft geschnuppert hat, bekommt nie mehr genug.“ Diese Ansicht vertrete ich immer noch. Wenn ich also gefragt werde, was Theater für mich bedeutet, kann ich nur eine Antwort geben: Leben.

WAS THEATER FÜR UNS BEDEUTET

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WENN DER BERUF EINEN FINDET SCHAUSPIELER ROBERT HERRMANNS IM INTERVIEW MIT ELLA ÜBER ARBEIT, ZUFALL UND GLÜCK – GENAU DAS RICHTIGE ZU TUN.

FOTO: CHRISTINA IBERL

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FOTO: CHRISTINA IBERL

FOTO: CHRISTINA IBERL

WENN DER BERUF EINEN FINDET

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Ich sitze an meinem Schreibtisch und starre auf meinen Laptop. Genauer gesagt auf ein kleines weißes Kästchen, auf dem jeden Augenblick das Signal erscheinen müsste, dass mein Interviewpart­ ner den Raum betritt. Denn entgegen meiner Erwartungen fin­det mein erstes Interview nicht in echt, sondern über Zoom statt. Als Robert Herrmanns schließlich eintritt, sitzt er vor einer weißen Wand, was mich etwas enttäuscht. Ich hatte gehofft, ein paar span­ nende Details im Hintergrund erkennen zu können. Schließlich ist er ein Mysterium am Theater, dessen Geheimnis ich lüften möchte. Robert Herrmanns ist Schauspieler und seit dieser Spielzeit bei uns im Theater Altenburg Gera. Wegen Corona hatte er jedoch noch nicht viele Gelegenheiten, sich dem Publikum vorzustellen. Das erledige ich dann mal:

Wie waren denn deine ersten Eindrücke vom Theater Altenburg Gera? Ich muss sagen, dass ich es sowohl künstlerisch als auch zwischenmenschlich unfassbar bereichernd finde. Ein schöneres „Herzlich Willkommen“ kann man kaum haben. Ich bin Manuel Kressin, dem Schauspieldirektor sehr dankbar für meine Antritts­ rolle in „Die Mausefalle“ und auch die Arbeit mit Jörg Steinberg als Regisseur war sehr angenehm.

Wie bist du zur Schauspielerei gekommen? Meine allerersten Anfänge waren in der katholi­ schen Kirche, Passionsspiele und solche Sachen. Und dann war ich im Koblenzer Jugendtheater, wo mich die Intendantin vom Koblenzer Stadttheater gesehen und mir eine kleine Rolle in ihrer Inszenie­ rung „Leben des Galilei“ gegeben hat. Da durfte ich den Tagesablauf als Schauspieler richtig miterleben und echte Theaterluft schnuppern.

Du warst sieben Jahre in Regensburg engagiert. Wieso hast du jetzt das Haus gewechselt? Sieben Jahre sind eine sehr lange Zeit, gerade für ein Anfängerengagement. Ich war quasi noch Student, als sie mich dort engagiert haben, erst als Gast und danach mit einem Festengagement. Normalerwei­ se sagt man, dass man als Anfänger zwei, wenn es gut läuft auch mal drei Jahre an einem Haus bleibt. Sieben Jahre sind einfach extrem lang. Ich möchte natürlich verschiedene künstlerische und dramatur­ gische Handschriften und unterschiedliche Regie­ arten kennenlernen. Und ich wollte noch einmal ganz neu anfangen in einem anderen Teil von Deutschland. Ich wollte al­ les noch einmal neu haben, um auf keinen Fall ge­ mütlich zu werden, was man ja im künstlerischen Bereich nie werden sollte.

Danach hatte ich Glück: zur Abiturzeit reiste ein Agent durch Deutschland und suchte Nachwuchs. Er fand, dass mein Typ gut in seine Agentur passte und nahm mich unter Vertrag. Dann kam ein Cas­ ting für „dasblockhaus.tv“, wo ich zwei Staffeln gedreht habe. Nach der ersten Staffel begann ich mein Studium am Mozarteum. Der Rest war wieder Glück. Ich durfte mal hier was machen – als Student bei den Salzburger Festspielen – mal da eine Rolle sprechen. Außerdem durfte ich viel drehen. Wann hast du gemerkt, dass du Schauspieler werden willst und dass die Bühne dein Ding ist? Also man könnte sagen, ich habe mir das gar nicht ausgesucht, sondern eins kam zum anderen. Natür­ lich hätte ich dagegen arbeiten können, aber das wollte ich nicht.

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Fühlst du dich auf der Bühne ganz groß, weil du der Star bist oder eher ganz klein, weil dir so viele Menschen zuschauen? Eigentlich bewerte ich das gar nicht, wenn ich auf der Bühne bin. Aber wenn man wirklich alles gege­ ben hat, nassgeschwitzt vorne steht und sich ver­ beugt, und zum Applaus kommen noch Rufe, be­ rührt mich das immer extrem.

Was bedeutet „Theater“ für dich? Ich würde sagen: Die Welt. Also einen Raum der schier unbegrenzten Möglichkeiten, wo zunächst einmal alles geht, was niemandem schadet. Einen Raum der Utopien, der Dystopien, aber auch, mit Blick auf die Vergangenheit, einen Raum der Per­ spektiven und der Sichtweisen. Einen Raum, wo Zwischenmenschliches erlebt wird, vielleicht sogar intensiver als in der realen Welt. Und letztlich einen Raum mit wenig Vorgaben, wo eben wirklich was entstehen kann.

Du hast ja auch schon einiges am Filmset gemacht. Stehst du lieber auf der Bühne oder vor der Kamera? Das ist schwer zu sagen. Es unterscheidet sich ja sehr. Ich habe den Eindruck gewonnen, dass der Filmdreh immer schneller wird. Es geht viel um Technik und wenn man gut sein möchte, muss man vor allem Schnelligkeit mitbringen. Das gefällt mir aber auch gut. Ich drehe sehr gerne. Es ist natürlich etwas völlig anderes, ob man acht Wochen inten­ siv an einer Rolle arbeitet oder ob man an das Set kommt und seine Kolleg:innen das erste Mal sieht.

Wie gehst du mit Aufregung um? Mit zunehmenden Jahren wird es im Beruf leider eher mehr als weniger. Ich möchte natürlich nicht, dass eine gute Inszenierung wegen mir scheitert. Ich versuche, mich dann immer auf meine Partner: in­nen und die Situation einzulassen. Das verdrängt die Aufregung. Kannst du uns verraten, wie man Vorsprechen meistert? Ich versuche, den Spieß umzudrehen. Dass ich nicht hingehe und denke: „Oh Gott, ich bin jetzt hier der Bittsteller und bitte, bitte gefalle ich euch!“ Viel eher, dass man selber auch einen gewissen Stolz mit­bringt und den nicht direkt abgibt, indem man gefallen will. Ihr sollt jetzt nicht resistent gegen Kri­ tik sein. Aber man hat ja etwas erarbeitet, hat eine Reise hinter sich und jetzt hat man das Recht, sich den Raum und die Zeit zu nehmen.

Die Arbeitszeiten in deinem Beruf unterscheiden sich ja doch sehr stark von denen anderer Berufe. Kannst du das gut mit deinem Privatleben vereinbaren? Das ist wirklich schwierig. Anfangs habe ich noch in der Mittagspause unterrichtet, nebenbei Sprech­ rollen angenommen und durchschnittlich einen Tag in der Woche gedreht. Da war eigentlich über­ haupt keine Freizeit mehr. Jetzt möchte ich hier nochmal neu anfangen und gucke, dass ich mich wirklich nur auf das Theater konzentriere. Und ja, die Arbeitszeiten an Theatern sind nicht besonders partner:innen- oder familien­ freundlich. Denn Abendproben und Vorstellungen gehen in der Regel meist bis 22 Uhr.

Hast du Rituale, mit denen du dich auf die Vorstellung vorbereitest? Ich gehe vor der Vorstellung in die Konzentration und verlängere die Ausatmungsphase. Das beruhigt mich. Ich glaube, da gibt es aber kein Patentrezept. Es gibt ja Leute, die zehn Minuten vor der Vorstel­ lung noch etwas posten oder so und trotzdem sind sie gut auf der Bühne. So etwas kann ich nicht. Am liebsten gehe ich Stunden vorher schon in die Kon­ zentration, weil ich mich dann besser fokussieren kann.

Eine letzte Frage hätte ich noch. Vielleicht ist es sogar die wichtigste Frage. Bist du glücklich mit deinem Beruf und deinem Leben? Schon ziemlich. Es gibt natürlich auch Phasen, da zweifelt man oder wünscht sich eine größere Si­ cherheit, und dass man mal ganz normal am Alltag teilnehmen könnte. Aber letzten Endes bin ich da­ von überzeugt, dass ich den richtigen Beruf gewählt habe oder vielmehr er mich. Und ich kann mich über eine Rolle immer noch so freuen, als wäre es die erste, die ich je bekommen habe.

Was machst du kurz bevor der Vorhang hochgeht? Also es ist natürlich eine Vorfreude auf den Abend, weil man ja nie genau weiß, was passiert. Aber in der Regel – wenn alles gut läuft – bin ich absolut fokussiert und quasi schon im Moment davor, da­ mit ich mich nicht erst auf der Bühne hoch pushen muss.

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WIE WAR’S? Wie sind die verschiedenen Sparten mit den Herausforderungen während der Coronakrise umgegangen? Wir haben die Sparten­ leiter:innen gefragt.

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kommt! Lasst es uns zusammen durchstehen!“ –  und von diesem Ensemble die Antwort bekommt: „Wir ziehen auf jeden Fall mit!“ – geht das ganz gut. Also wäre der „Geheimtipp“ wohl: Schaffe eine Ar­ beitsatmosphäre, die von Vertrauen geprägt ist.

MANUEL KRESSIN, SCHAUSPIELDIREKTOR Wie hat sich die Situation auf das Ensemble ausgewirkt? Die monatelange Zwangspause ohne Proben und Vorstellungen führte bei den ersten wieder ange­ setzten Proben zu großer Nervosität, weil die „Pro­ benkondition“ fehlte. Es musste sich erst wieder daran gewöhnt werden. Bei den Proben entstand zusätzlich eine Schüchternheit, da stets im Hinter­ kopf mitspielte, sich bloß nicht zu nahe zu kommen. So konnten die Spielenden nicht ihren natürlichen Impulsen folgen. Und natürlich brannten alle darauf, wieder zu ar­ beiten. Die Ungewissheit und Unsicherheit sorgte doch für viel Frust, mit dem sehr individuell umge­ gangen wurde.

SABINE SCHRAMM, LEITERIN DES PUPPENTHEATERS Wie hat sich die Situation auf das Ensemble ausgewirkt? Natürlich haben wir versucht, den Kontakt über Videokonferenzen zu halten, uns regelmäßig auszu­ tauschen und über Zukünftiges und Vergangenes zu reden. Jetzt aber gilt es, wieder zusammenzu­ wachsen. Auf der Bühne als Team zu agieren. Wie­ der gemeinsam auf Entdeckungsreise zu gehen. Darauf freue ich mich – und nach ersten Gehversu­ chen parallel zu den sinkenden Inzidenzzahlen bin ich sehr zuversichtlich, denn die Lust, gemeinsam Dinge, Kunst, Theater entstehen zu lassen, scheint ungetrübt. Ich meine sogar die Kraft ist größer ge­ worden und unser Bedürfnis, wieder Theater zu spielen, unermesslich.

Gab es auch Chancen für die Sparte und für das Theater allgemein, die Corona mit sich bringt/ brachte? In erster Linie ist neben all der Anspannung auch die Erkenntnis gekommen, dass wir mit gemein­ samer Kraft durchaus flexibler agieren können als wir zuvor gedacht hatten. Wir haben in zwar durchaus anstrengenden Zoom-Konferenzen doch immer wieder konstruktiv auf jede Situation reagie­ ren können. Es ist außerdem ein großes Bewusst­ sein für das Gemeinschaftsgefühl entstanden. Für manche Projektplanungen hatten wir auch Zeit, sie in Ruhe durchzudenken und zu planen, die sonst neben dem laufenden Spielbetrieb angegangen wer­ den müssen. Für das Schauspiel haben wir in Altenburg vor al­ lem die Zusammenarbeit mit AltenburgTV ausbau­ en können, um dort auch über zukünftige mediale Formate nachzudenken.

Was empfinden Sie als größten Verlust für Ihre Sparte während dieser Zeit? Eigentlich gibt es für uns Theatermenschen so gut wie gar keinen Grund, nicht auf die Bühne zu ge­ hen. Vielleicht, wenn die Stimme versagt, vielleicht, wenn der Gipsfuß allzu hinderlich ist, aber dass eine Pandemie kommt, die uns gänzlich zum Schweigen zwingt – das war als Möglichkeit undenkbar. Insofern kann ich sagen, dass der größte Verlust für uns natürlich der Verlust des Publikums war, das nicht-ausüben-dürfen unserer Künste. Und „Geist­erpremieren“ zu spielen, ist ein sehr trauriges Un­ terfangen! Ich hoffe, dass wir alle das nie mehr er­ leben müssen.

Gibt es einen Geheimtipp, mit dem Sie diese ungewisse Zeit so lange aushalten konnten? Wenn man ein Ensemble bei sich hat, mit dem man vertrauensvoll und offen reden kann – eben auch mal sagen kann: „Ich weiß gerade nicht, was

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Gibt es einen Geheimtipp, mit dem Sie diese ungewisse Zeit so lange aushalten konnten? Einen Geheimtipp? Zum einem bin ich ein unver­ besserlicher Optimist und das gibt mir die nötige Hoffnung, die Kraft und Zuversicht auf andere gute und bessere Zeiten. Zum anderen habe ich mir ein persönliches Corona-Kunstprojekt ausgedacht: Täglich einen Gast für meine imaginäre Kaffeetafel zu zeichnen! Kurios und illuster ist die Gesellschaft geworden. Viele gezeichnete schwarz-weiß Por­ traits sind entstanden und mit einigen wollte man gewiss plaudern. So vielen Menschen aber wieder im realen Leben begegnen zu dürfen  –  das kann ich kaum erwarten!

dieses Neue in keinster Weise einen adäquaten Er­ satz für das interaktive, physisch von Bühnendar­ stellenden und Publikum erlebbare und dadurch wechselseitig so hoch emotionale Theaterereignis dar, welches unseren Beruf so unendlich schön und einzigartig macht. Gibt es einen Geheimtipp, mit dem Sie diese ungewisse Zeit so lange aushalten konnten? Ob diese Tipps so geheim sind, lässt sich nicht gut sagen... ;-) Aber (trockener) Humor ist die beste Medizin, um Krisenzeiten zu überstehen! Außer­ dem sollte man stets seinen Optimismus und Sinn für den gesunden Menschenverstand, aber auch Empathie mit Anderen bewahren, um das gegen­ seitige Verständnis zu verbessern bzw. aufrechtzu­ erhalten.

SILVANA SCHRÖDER, BALLETTDIREKTORIN Was empfinden Sie als größten Verlust für Ihre Sparte während dieser Zeit? Am meisten fehlt(en) uns die körperliche Nähe so­ wie Berührungen, die ja eigentlich den Arbeitsalltag von Tanzschaffenden ausmachen und ein ganz be­ sonderes Gefühl von Zusammengehörigkeit hervor­ rufen. Auch die enorm reduzierte Planungssicher­ heit und der fehlende persönliche Austausch mit Kolleginnen und Kollegen aus anderen Abteilun­ gen oder (inter-)nationalen künstlerischen Gästen hat manchmal für Wehmut gesorgt.

RUBEN GAZARIAN, GENERALMUSIKDIREKTOR Wie hat sich die Situation auf das Ensemble ausgewirkt? Ein Orchester ist ein hochsensibler und zugleich hochkomplexer Organismus und es gibt daher zahl­ reiche Aspekte, die für den kreativen Akt des Musik­ entstehens mit so vielen Menschen entscheidend sind. Man kann die alle kaum einfach mal schnell aufzählen, manche von ihnen sind sogar schwer ra­ tional erklärbar, letztendlich aber sind sie alle von enormer Bedeutung für ein perfektes „Funktionie­ ren“ des Orchesterapparats. Zu den wichtigsten ge­ hören auf jeden Fall das intensive Aufeinanderhören, Einanderfühlen – manchmal fast telepathisch! – und sei es bisweilen auch mit dem sprichwörtlichen sechsten Sinn. All das erarbeitet man nicht nur in den Proben, sondern auch und gerade in den Aufführungen, die es jetzt monatelang nicht gab. Erschwerend hinzu kommen natürlich auch die momentan notwendigen großen Abstände zuein­ ander, bei Bläsern sogar teilweise noch zusätzlich

Gab es auch Chancen für Ihre Sparte und für das Theater allgemein, die Corona mit sich bringt/ brachte? Zum Glück bringt jede Herausforderung auch immer positive Chancen mit sich, die man auch nutzen sollte, indem man ihnen mit Offenheit, Flexibilität und Freude am Beruf gegenübersteht! Man konn­ te ja in der Theaterlandschaft sehen, dass überall neue Formate aufkeimten, um das kulturelle Leben aufrechtzuerhalten und Theaterschaffenden aller Sparten eine Stimme zu geben. Und dennoch stellt

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das Online­Vorleseformat „Auf der Seitenbühne“ mit Schauspieler Thomas C. Zinke und Gästen aus dem Ensemble entstanden ist. Auch sehe ich es als Chance, durch die notgedrungene Online­Präsenz, die Reichweite des Theaters zu erhöhen und somit auch neue Zuschauer:innen zu erreichen, die sonst vielleicht gar nicht auf unser Theater aufmerksam geworden wären.

mit transparenten Trennungswänden. All das sind Herausforderungen, denen man während unserer Phase des „Hochfahrens“ begegnen und diese auch meistern muss. Gibt es einen Geheimtipp, mit dem Sie diese ungewisse Zeit so lange aushalten konnten? Dazu zählt auf jeden Fall die Familie, Bücher und Aufnahmen, die seit langem darauf warteten, end­ lich mal gelesen und angehört zu werden. Natür­ lich gab es aber auch unstrukturierte und von einer Art Stimmungstief geprägte Tage – eine Erfahrung, die höchstwahrscheinlich jeder Mensch in dieser Zeit gemacht hat. Da hilft meistens nur, sich selbst innerlich irgendwie wieder aufzurichten oder bei­ spielsweise raus zu gehen und in der Natur zu sein, sich als Teil eines unendlichen Ganzen zu begreifen.

Gibt es einen Geheimtipp, mit dem Sie diese ungewisse Zeit so lange aushalten konnten? Ein tolles Team und großartige Kolleg:innen. Zu spüren, dass wir gemeinsam an einem Strang zie­ hen, hat mich oft aufgebaut und mir Kraft gegeben. Darüber hinaus habe ich es gehalten wie Beppo der Straßenkehrer aus Momo von Michael Ende: „Manchmal hat man eine sehr lange Straße vor sich. Man denkt, die ist so schrecklich lang; das kann man niemals schaffen, denkt man. Jedes Mal, wenn man aufblickt, sieht man, dass es gar nicht weniger wird, was noch vor einem liegt. Und man kriegt es mit der Angst zu tun und zum Schluss ist man ganz außer Puste und kann nicht mehr. Und die Straße liegt immer noch vor einem. So darf man es nicht machen. Man darf nie an die ganze Straße auf einmal denken, verstehst du? Man muss immer nur an den nächsten Schritt denken, an den nächsten Atemzug, an den nächsten Besenstrich.”

THERESA KAWALEK, LEITERIN DER THEATERFABRIK Was empfinden Sie als größten Verlust für Ihre Sparte während dieser Zeit? Auf jeden Fall die Arbeit mit den Kindern und Ju­ gendlichen. Denn diese Arbeit ist das Herzstück der TheaterFABRIK und das, was meiner Arbeit den größten Sinn gibt. Dass während der ganzen Zeit so gut wie keine Kurse stattfinden konnten, war sehr hart. Gab es auch Chancen für Ihre Sparte und für das Theater allgemein, die Corona mit sich bringt/ brachte? Eine große Chance während der Zeit war es, enger mit anderen Sparten zusammenarbeiten zu können, was im normalen Spielbetrieb, aufgrund des Zeit­ mangels, auf eine so intensive Art gar nicht mög­ lich gewesen wäre. So hat sich in meinem Fall eine enge Zusammenarbeit mit dem Puppentheater und dem Schauspiel entwickelt. Wodurch zum Beispiel

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OPTIMISMUS ALS BOTSCHAFT DAS TAGEBUCH DER ANNE FRANK AUF DER BÜHNE

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FELIX ECKERLE IM INTERVIEW MIT TIM & TIL Felix Eckerle ist eigentlich Chefdramaturg und hat nun Regie bei „Das Tagebuch der Anne Frank“ geführt, einer Oper mit nur einer Darstellerin. Wir durften bei der Premiere dabei sein und haben uns danach zum Gespräch getroffen.

Die Geschichte von Anne Frank kennen wir ja vor allem aus ihrem Tagebuch. Wie ließ sich das auf die Oper übertragen? Und wie bist du als Regisseur an dieses Stück herangegangen? Ausgangspunkt ist ja, dass der Komponist Grigori Frid Auszüge aus dem Tagebuch der Anne Frank wörtlich ins Russische übersetzt und vertont hat. Es geht um die Entwicklung der Anne Frank, ihre Gedankengänge und die Begebenheiten in diesem Hinterhaus, in dem sie sich über zwei Jahre hinweg verstecken musste. Die Herausforderung für die Inszenierung einer Oper ist es, die Musik in Bewegung zu übersetzen. Im Schauspiel ist es ja so, dass die Agogik – also ob jemand schreit oder ob jemand langsam spricht –  im inszenatorischen Prozess frei zu finden ist. In der Musiktheater-Regie kommt es darauf an, dass man szenische Begründungen finden muss, warum sich Anne Frank wie äußert und was das Orchester ent­ sprechend als zusätzliche Stimme erzählt. Dabei ist eines natürlich völlig klar: Anne Frank konnte nicht so gut singen wie Maia Andrews [Hauptdarstell­erin Anne Frank, Anm. d. Red.] (lacht). Wenn man versucht, die Psyche dieses Mädchens in der Eingeengtheit darzustellen, warum sollte man das über eine Oper, über Musik machen? Könnte man ihre Geschichte nicht viel direkter über ein Schauspiel erzählen? Ich glaube, dass die Qualität der Oper in der artifi­ ziellen Überhöhung des Ganzen liegt, und dass die Musik unmittelbarer emotionalisiert als ein Schau­ spiel. Und das unterscheidet auch die Lektüre eines geschichtlichen Dokuments und den Geschichtsun­ terricht von dem, was auf einer Theaterbühne im Allgemeinen und in der Oper im Besonderen pas­ siert.

Wie kam es zu der Entscheidung, das Stück gerade jetzt wieder auf den Spielplan zurückkehren zu lassen? Es gibt ja einige Erfahrungen, die die Menschen darüber legen können; die Isolation – heute die Quarantäne – dieses sich-eingesperrt-fühlen, einem Großteil seiner sozialen Kontakte beraubt zu sein, das sind Erfahrungen, die viele Menschen jetzt auch gemacht haben, aber unter völlig anderen Vor­ zeichen. Diese Querdenker und Ähnliche werden alle ad absurdum geführt, wie sie sich auf die Stra­ ßen stellen und meinen, dass wir in einer Diktatur leben – das wird dann alles relativiert, wenn man sieht, wie es Anne Frank ergangen ist, als ein Dik­ tator regierte. Aber du siehst da schon eine Art Vergleichbarkeit? Ich würde es eher umgekehrt sagen: Im Vergleich wird deutlich, dass es zu anderen Zeiten und zu völ­ lig anderen politischen Vorraussetzungen für uns heutzutage völlig monströs anmutende Schicksale gab, wo Menschen wirklich in die Isolation getrie­ ben wurden. Menschen, die Todesängste erleiden mussten – jeden Tag entdeckt zu werden zu können, aufzufliegen und dann erschossen zu werden – wie Anne Frank das beschreibt. Und wir wissen, dass sie am Ende in Bergen-Belsen zu Tode gekommen ist. Das relativiert so manch eine Klage, die heute er­ hoben wird. Was können wir heute noch von Anne Frank lernen? Was in ihrem Tagebuch und in der Oper immer wieder deutlich wird, ist eben dieser humane As­ pekt, diese Botschaft, die Anne Frank uns immer wieder zu vermitteln hat. Es gibt da mehrere Schlüs­ selszenen: Die eine ist die imaginäre Begegnung mit ihrer Freundin Lies.

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In der Mitte des Stückes gibt es eine Zäsur; es wird keine Musik gespielt, es ist still und Fotos von Anne Frank werden auf die Bühne projiziert. Was wolltest du damit erreichen? Ich wollte einfach, dass die Leute mal ganz kurz zur Ruhe kommen können, um zu reflektieren, dass es sich um eine reale Person handelt, deren Schicksal dargestellt wird, die mal gelebt hat und die gestor­ ben ist, weil es ein politisches System gab, das unter­ schieden hat zwischen Menschen, die leben dürfen, und Menschen, die nicht leben dürfen. Was für eine Anmaßung.

Hier hat Anne Frank plötzlich die Vision von Lies in einem Konzentrationslager. Auf der historischen Ebene ist hier erst einmal interessant, wie viele Men­ schen nach 1945 gesagt haben, sie hätten gar nichts mitbekommen; Anne Frank schreibt darüber! Das andere ist schlussendlich, dass sie sich als so­ ziales Wesen begreift. Sie möchte dieses Buch als Erlebnisbericht veröffentlichen und trägt am Ende einen großen Optimismus als Botschaft heraus. Diesen zieht sie beispielsweise wirklich aus der Na­ tur, der Beobachtung des Himmels, wie es im Tage­ buch so schön zu lesen ist, aber auch aus der Fähig­ keit, sich in den Kontext eines sozialen Gefüges zu stellen und dort etwas zu bewirken. Und dieser Op­ timismus endet ja auch nicht! Dass es der Mensch­ heit eines Tages auch wieder besser geht! Das finde ich eine ganz wichtige Botschaft. Wie hast du das auf der Bühne dargestellt? Ich habe versucht, die Situation mit der Sängerin Maia Andrews sehr klar und nachvollziehbar zu bauen, so konkret wie irgendwie möglich. Das Kos­ tüm ist historisch, das Ganze allerdings auf einem abstrakten Kubus lokalisiert: Kein Tagebuch, kein Stift, kein Schreibtisch, das findet da nicht statt. Ich mag es gerne, wenn das Publikum selbst die Mög­ lichkeit hat, Assoziationen zu entwickeln und sozu­ sagen die Bilder konkret zu Ende zu denken, wo ich als Theatermacher nur einen Brückenpfeiler baue. Welche Absicht hattest du mit dem Kubus? Jede Stellung des Kubus entspricht dem äußeren oder inneren Gehalt eines Tagebucheintrags. Zum Beispiel bei den Stellen, in denen das Versteck the­ matisiert wird, zeigt die hohe Spitze des Kubus nach vorne, damit sich die Sängerin dahinter verstecken kann. Er ist auch ein Denkmalsockel; natürlich ist das irgendwie eine Überhöhung, „Wir gedenken Anne Frank“. Das muss man ja immer wieder klar­ machen: Sie ist 1929 geboren, könnte also heute noch leben. Außerdem ist der Kubus ja auch Ge­ fängnis! Sie [Anne Frank, Anm. d. Red.] darf da nicht herunter. Sie schreitet stampfend die Grenzen des Kubus ab, wo man ihr von außen hineingeben möchte: „Bleib tapfer!“ Sie versucht, die Grenzen auszuloten – und resigniert. Man sieht ja am An­ fang des Stücks, wie Anne Frank auf den Kubus hinaufgeht, und man sieht, wie sie in der letzten Nummer abgeht. Und trotzdem wird diese Illu­ sion geschaffen. Das finde ich das faszinierende an Theater, dass man das für sich weiterdenkt. Ich mag dieses Bebilderungstheater nicht, wo man überall erklärt bekommt, was wie zu verstehen ist.

OPTIMISMUS ALS BOTSCHAFT

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IM NOVEMBER 2020 LETZTE VORSTELLUNG VOR DEM LOCKDOWN

„Der Lockdown ist unglaublich schade für das Theater und alle Beteiligten!“

„Auch unter Maßnahmen und mit notwendigen Einschränkungen: Das Theater-Gefühl bleibt für mich gleich!“

„Diese Situation ist ehrlich gesagt beschissen und unwirklich. Auch mit so wenig anderen Menschen im Publikum fühlt es sich einfach komisch an.“

„Es ist schade, dass der normale Theaterbetrieb nicht mehr möglich ist. Sowohl für uns Zuschauende, als auch für die Künstler:innen ist das doch nicht vergleichbar.“

„Gerade jetzt waren wir so oft wie möglich im Theater und werden es auch sein. Was soll’s!“

„In diesen Zeiten, wo uns gerade Kunst und Kultur so viel Halt geben kann, finde ich es furchtbar, nicht zu wissen, wie lange das nun nicht mehr möglich sein wird!“

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IM JUNI 2021

„Das könnte öfter im Freien gemacht werden!“

„Endlich wieder Theater. Auch draußen fand ich es super.“

ERSTE VORSTELLUNG NACH DEM LOCKDOWN

„Wie schön, dass Kultur wieder erlebbar ist!“

„Was soll ich sagen? Es hat wieder einen Sinn!“

„Ich bin mit gemischten Gefühlen in die Vorstellung gegangen, aber es hat sich wirklich gelohnt!“

„Es war wie Entzug! Ich musste die erste Möglichkeit nutzen!“

„Es war ein Traum! Mir hat es so gefehlt.“

„Es war sehr schön und furchtbar aufregend.“

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DER BARBIER VON SEVILLA Endlich wieder Theater! Nach sieben Monaten Zwangspause ist das Theater mit einem Sommerspielplan zurück. Die Redaktion hat die Vorstellung „Der Barbier von Sevilla“ besucht und dabei genau ge­ schaut, wie das Stück nach so langem Warten und unter erschwer­ ten Bedingungen umgesetzt wurde.

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WORUM GEHT ES? „Der Barbier von Sevilla“ ist eine komische Oper mit Musik von Gioachino Rossini, Libretto von Cesare Sterbini und beruht auf der Geschichte von Pierre-Augustin Caron de Beaumerchais. Es geht um den Grafen Almaviva, der in die junge und reiche Rosina verliebt ist. Rosina wird aber von dem alten Bartolo, der sich mit ihr vermählen will, zu Haus gehalten. Jetzt kommt Figaro ins Spiel! Der Barbier Figaro weiß über den ganzen Klatsch und Tratsch von Sevilla Bescheid. Somit ist er auch bestens über den Gefühlszustand von Graf Almaviva informiert und bietet ihm, gegen gute Bezahlung, seine Hilfe an, um Rosina zu befreien. Doch der Gegenspieler Bartolo ist auch nicht auf den Kopf gefallen und mit der Hilfe von Basilio, dem Gesangslehrer von Rosi­ na, ist er den Liebenden auf der Spur.

REZENSION VON HANNAH Aufgrund der aktuellen Corona-Situation war es ein Stück auf Ab­ stand. Doch weder den Darsteller:innen noch dem Publikum konnte das die Stimmung nehmen. Es war ein ganz besonderes Spektakel, diese Oper nicht wie sonst im Theatersaal, sondern auf der Freilicht­ bühne vor dem Theater Gera zu sehen. Die Freude und die Erleich­ terung, endlich wieder vor echtem Publikum zu spielen und Theater wieder live auf der Bühne erleben zu können, war bei allen spürbar. An die Situation angepasst wurde das Stück in einer gekürzten Fassung gezeigt und von Dirigent Thomas Wicklein moderiert. Dies nahm der Oper jedoch nicht den Witz und die Lockerheit. Auch wur­ de Corona immer wieder humorvoll im Stück thematisiert; so ging beispielsweise Sänger Kai Wefer mit einem riesigen Lineal durch die Reihen und kontrollierte die Sitzabstände des Publikums. „Der Barbier von Sevilla“ ist eine großartige Sommer-Oper und ein besonderes Erlebnis. Und das nicht nur, weil es so schön ist, nach so langer Zeit endlich wieder das Theater besuchen zu können.

KOMMENTAR VON CHRISTIAN Beim Besuch der heutigen Vorstellung habe ich das erste Mal seit ­Beginn des Lockdowns am 1.11.2020 wieder zusammen mit der Jugendtheaterredaktion eine Theateraufführung in Präsenz erleben können. Zusammenfassend muss ich sagen, dass ich großen Gefallen an dieser Vorstellung gefunden habe. Die Möglichkeit, wieder eine Vorstellung besuchen zu können, habe ich viel mehr zu schätzen gewusst als in vorherigen Zeiten. Es waren für mich Momente voller Freude. In dieser Inszenierung wurde die aktuelle Situation der Coronapan­ demie miteinbezogen und auf humorvolle Weise dargestellt. Ich freue mich darüber, dass endlich wieder Theater gespielt werden kann und würde die Oper bei nächster Gelegenheit wieder besuchen.

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WARUM FSJ? Wir sind Tim und Til. Und wir sind nicht nur Redakteure bei InSzene, sondern auch FSJler in der TheaterFABRIK. Und auch ei­nige von euch fragen sich vielleicht, wie das Leben weitergehen könnte; eine Möglichkeit ist ein Freiwilliges Soziales Jahr. Diese Seite ist unserem FSJ am Theater gewidmet. Wir könnten hier jetzt einen Text schreiben, in dem wir erzählen, wie toll ein FSJ am Theater ist und warum du das unbedingt machen solltest. Aber Werbung dafür kannst du auch woanders lesen und sehen, deswegen hier einfach ein paar Eindrücke von unserem Jahr:

FOTO: THEATERFABRIK FSJ

FOTO: TILMANN LINDNER

FOTO: THEATERFABRIK FSJ

FOTO: THEATERFABRIK FSJ

FOTO: THEATERFABRIK FSJ

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TIL: „Ich konnte mir nicht vorstellen, ein Studium zu beginnen, ohne nicht vorher mein Interessengebiet ein bisschen kennenzulernen. Passt Theater wirk­ lich zu mir? Und wenn ja, welcher Bereich? Solche Fragen hab ich mir gestellt. Die TheaterFABRIK als kleines Theater im Großen schien da geeignet, da alle typischen Aufgaben auch hier vorkommen.“ TIM: „Ich wollte die Chance nutzen, ganz viel prak­ tische Erfahrung in allen möglichen Bereichen zu sammeln und Einblick in die Arbeit am Theater kriegen. Und ich wollte mich menschlich weiterent­ wickeln und Teil eines tollen Teams sein. Ich woll­ te das alles kennenlernen, um in Zukunft meinen eigenen Platz in der Kultur zu finden.“

FOTO: THEATERFABRIK FSJ

FOTO: THEATERFABRIK FSJ

Wir hatten echt eine krasse und sehr intensive Zeit mit vielen Erlebnissen und Geschichten, die wir uns nicht vorstellen konnten und die wir nie vergessen werden, und in der wir vor allem richtig tolle Leute und Freunde kennengelernt haben! Also ganz ehr­ lich: Probier’s aus! Warum? Weil du’s kannst! Isso.

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TILS TAGEBUCH Das Sommerspektakel 2021 am Theater Altenburg Gera: „Krabat“ von Manuel Kressin (Buch und Regie) und Olav Kröger (Musik). Das Mystery-Musical findet Open Air statt, weitab von der Stadt, an der alten Lumpziger Bockwindmühle. Der perfekte Ort, um die Sage von Krabat auferstehen zu lassen: An der schwarzen Mühle wird nicht nur Mehl gemahlen – wenn Vollmond ist, dann bringt der Gevatter seine Säcke. Und wehe dem, der dort hineinschaut... Der Müllermeister ist der Lakai dieser Höllengestalt und muss ihm regelmäßig Tribut zahlen. Krabat durchschaut dieses dunkle Ge­ schäft und legt sich mit dem Meister an. Ich durfte bei den Proben dabei sein und die Ausstatterin Gesine Mahr als Assistent unterstützen. Von der ersten Kostümauswahl bis zu den End­proben war es ein lan­ger Weg, den ich froh bin, mitge­ macht zu haben. Hier meine Notizen.

FOTO: TILMANN LINDNER

DIE HISTORISCHE BOCKWINDMÜHLE IN LUMPZIG DIENT ALS KULISSE FÜR DAS MUSICAL

17. MÄRZ, MITTWOCH – KOSTÜME SUCHEN IM FUNDUS Es geht los! Ich treffe mich mit Gesine zum ersten Mal in Gera. Wir gehen in den Fundus – und ich bin gleich überwältigt. So oder so ähnlich hab ich mir bei Harry Potter den Raum der Wünsche vorge­ stellt! In langen Reihen, dicht an dicht und übereinander hängen dort Kostüme: Vom Brautkleid bis zur russischen Uniform, vom 20erJahre-Anzug bis zum neuesten Trenchcoat. Es gibt ALLES. Einen ganzen Raum voller Hüte, hunderte, mit breiten oder engen Krempen, aus Filz, aus Polyester, aus Pappe, glänzend, mattschwarz, Sombreros, Zylinder, Detektivschlappen, Cowboyhüte. Und in einem Neben­ raum: Schuhe, Berge von Schuhen. Aus Leder oder Stoff, verstaubt und abgewetzt oder poliert mit klackernden Absätzen, High Heels, Sandalen.

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Gesine hat ihre Materialmappen mitgebracht. Darin sind die verschie­denen Rollen aufgelistet und ein paar Ideen für die Kostüme. Mit der Leiterin des Fundus beginnt die große Suche. Fünf oder sechs Stunden lang wühlen wir uns durch die Stoffe. Gesine fühlt prüfend: Zu dick, zu dünn, soll es Seide sein? Sind diese Stickereien zu kitschig? Kann man diese Hose tragen? Schwitzt der Schauspieler nicht zu sehr in diesem Mantel? Es ist eine Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Immer wieder dumpfe Rufe aus dem Inneren der langen Reihen: Ich hab was, das könnte passen! Ich trage zusammen, ordne die Fundstücke auf Kleiderstangen. Irgendwann treten die beiden heraus. Wir begutachten den Fund, sortieren wieder aus, räumen wieder weg. Am Ende steht eine Auswahl. All das könnte in Frage kom­ men.

FOTO: TILMANN LINDNER

DIE ERSTE KOSTÜMAUSWAHL

19. MÄRZ, FREITAG Sag mal, weißt du schon bei welchen Proben wir dabei sind? Viele Grüße und schönes WE dir! :) Lieber Til, Anders als die Schauspieler gibt es für Ausstatter keine verbindlichen Probentage. Klar ist, dass wir am ersten Probentag da sind (da wird das Projekt den Schauspielern vorgestellt). Anfang Mai finden die ersten Anproben mit dem Chor in Gera statt. Ab Juni wird es dann spannend: Eine Woche Aufbau der Bühne und Einrichtung der Tribünen und Garderoben. Dann geht es schnurstracks auf die Endproben zu. Da gibt es dann viel zu tun. Hast du irgendwelche Termine in der Zeit? Das können wir ja gemeinsam gut planen! Liebe Grüße Gesine

10. APRIL, SAMSTAG Es ist unsicher, ob überhaupt geprobt werden kann. Corona will einfach kein Ende nehmen. Unter den jetzigen Bedingungen wäre das wohl kaum möglich.

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02. MAI, SONNTAG Liebe Gesine, Wie es aussieht, werden die Proben für Krabat stattfinden, oder? :) Hast du Neuigkeiten? Sind wir direkt von Anfang an bei der ersten Probe dabei? Hallo lieber Til! Ich habe leider momentan wenig Informationen. Als ich vor zwei Wochen mit dem Schauspieldirektor telefoniert habe, sagte er, dass das Theater sich darum bemüht, Krabat rauszubringen. Zur ersten Probe da zu sein ist ziemlich wichtig, denn da wird das Konzept vorgestellt. Wichtig wäre, dass du am Anfang dafür sorgst, dass alle Probenkostüme da sind. Das heißt: ich frage in der Schneiderei, was wir an Probenkostümen brauchen und auf welche Probebühne diese gebracht werden sollen, und du schaust in den ersten Tagen, ob die Schauspieler alles beisammen haben. Wenn nicht, solltest du immer wieder Kontakt zum Fundus halten und das Fehlende nach und nach besorgen. Aber das klären wir nochmal direkt, wenn wir uns sehen. Oder wir telefonieren vorher. Wie du magst!

12. MAI, MITTWOCH Es geht wirklich los. Um 18:00 Uhr treffen wir uns zur ersten Konzep­ tionsprobe in der Bühne am Park. Das heißt konkret: Das Stück wird einmal gelesen. Alle Schauspieler:innen haben ein Textbuch vor sich und sprechen in ihrer Rolle. Da wird schon wild improvisiert, sehr witzig! Am Ende machen wir ein Foto mit allen auf dem Gerüst und los geht’s. Man kann sich noch gar nicht vorstellen, dass in sieben Wochen Premiere sein soll. Es gibt viel zu tun!

17. MAI, MONTAG Ich bin auf der Probe. Die Regieassistentin hat ein paar Arbeitsauf­ träge für mich. Mehrmals laufe ich zwischen Fundus und Probebühne hin und her, um Probenschuhe zu organisieren. Gar nicht so einfach! Muss erst noch einen Blick finden: Was passt zur Ästhetik des Stücks, in den historischen Kontext? Da sind klare Vorstellungen und Begriffe nötig, um im Fundus das Richtige zu bekommen.

FOTO: DR. SOPHIE OLDENSTEIN

ERSTE KONZEPTIONSPROBE AUF DER PROBEBÜHNE


18. MAI, DIENSTAG Habe noch eine Frage ;) sollen die Schuhe für die Damen im Stück dann Absätze haben oder nicht? Blockabsätze wären gut!

FOTO: GESINE MAHR

So was in der Art

FOTO: TILMANN LINDNER

So was wäre zu spitz oder? Sind vllt. ein wenig zu hoch. Ich denke an den unebenen Wiesenboden vor Ort

FOTO: TILMANN LINDNER

So ist ganz gut oder? Oh ja...das sieht ganz gut aus!! Cool!

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14. JUNI, MONTAG Die Probenkostüme müssen nach Lumpzig. Ich rufe an der Pforte an und lasse mich mit dem Produktionsleiter verbinden. Er wird den Kostümtransport organisieren. Puh, kein Stress für mich. Ich gehe ins Große Haus und markiere den Kleiderständer mit den Kostümen, damit morgen klar ist, was transportiert werden soll. Zurück im Büro kurzes Telefonat mit der Regieassistentin. Sie erklärt: Die Sachen müssen noch runter von den Bügeln und für den Trans­ port in große Wäschekörbe gepackt werden. Mist, das hätt ich mir doch denken können! Wer hat solche Körbe? Die leitende Ankleide­ rin, links neben der großen Bühne sei sie zu finden. Also wieder ins Große Haus. Diese vielen Korridore, Treppen und Türen – ich kenn mich immer noch nicht aus. Irgendeine französische Filmmusik klim­ pert durch die Gänge, sonst keine Menschenseele. Treppauf, trepp­ab. Dort, wo ich die linke Bühneinseite wähne, steht eine Tür of­fen. Eine Frau kommt heraus, sie lacht: Ne, die linke Seite ist ge­nau gegenüber... Alles eine Frage der Perspektive, sage ich mit rotem Kopf. Das Büro der Ankleiderin ist dann leider schon geschlossen, an der Pfor­te bestätigt man: Jaja, sie ist schon gegangen. Also Anruf bei Gesine. Der Fundus hat auch Körbe! Nochmal Schuhe schnüren also, und auf geht’s. Man drückt mir zwei überdimensionale Wäschekörbe in die Hand, die müssten reichen! 700 Meter sind’s bis zum Großen Haus. Der Schweiß läuft, die Arme brennen... Schön kühl empfängt mich das Theater. Dann die Sachen in die Körbe, Zettel drauf – geschafft!

22. JUNI, DIENSTAG Gesine und ich fahren zur Beleuchtungsprobe. Angekommen in Lumpzig merke ich gleich: Die Stimmung ist eine andere als bei den Proben sonst. Nur der Regisseur und seine Assistentin sind da, außerdem der Inspizient und die Lichttechnik. Insgesamt eine kleine Runde. Direkt nebenan steht die Abendsonne über dem Feld. Leichte Brise, ich pflücke Kirschen direkt vom Baum, bis es losgeht. Der Regisseur geht chronologisch vor. Einlass, Lichtstimmung 1. Erste Szene, Lichtstimmung 2. Es wird dunkel, kühler. Alle sind ziemlich konzentriert. Oft soll ich als Statist auf die Bühne, dorthin, wo mal gespielt wird. Scheinwerfer ins Gesicht, bis ich nichts mehr sehe. Irgend­ wann von unten: Ich find’s schön… ich auch… ja… Danke Til! Kurz vor Mitternacht ist Pause. Der Regisseur steht am Grill und für eine halbe Stunde fällt die Spannung ab. Danach leuchten wir noch weiter. So ungewöhnliche Arbeitszeiten! Finde es lustig, wie die Licht­technikerin dann pünktlich sagt: Es ist um 2! Und der Regisseur: Ach ja, dann ist jetzt Schluss. Als wäre es 17 Uhr und das Ende eines klassischen Bürotages. Die machen das hier nicht zum ersten Mal!

BELEUCHTUNGSPROBE: ICH BIN STATIST

FOTO: GESINE MAHR

FOTO: TILMANN LINDNER

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30. JUNI, MITTWOCH Fahre mit dem Bus zur Mühle, heute ist Hauptprobe, der vorletzte Durchlauf vor der Premiere. Hier ist was los, das komplette Gegenteil zur Beleuchtungsprobe: Hinten am Feldrand spielt sich ein Trompeter ein, an der Bühne die Celli. An den Sonnenblumen steht jemand singend, und aus allen Ecken schallen merkwürdige Stimmübungen von den Darsteller:in­ nen herüber. Die Flügel der Mühle drehen sich, aus dem Busch schnellt eine Stichflamme hervor: Pyro Test! Ankleiderinnen tragen Kostüme über dem Arm, die Maske eilt zu den Schauspieler:innen. Hier sind auf einmal Menschen unterwegs, die ich im Probenprozess vorher noch nie gesehen habe. Alles, was das kleine Team die letzten Wochen vorbereitet hat, wird jetzt in andere Hände gelegt. Spätestens morgen zur Generalprobe wird der Regisseur sagen: Hiermit über­ gebe ich die Produktion! 21 Uhr, die Sonne kommt nochmal raus. Zum ersten Mal sehe ich das Musical ohne Unterbrechungen. Gesine neben mir flüstert Sachen wie: Rock Mutter länger oder Mikrofon Herrmanns zu leise oder Lichtstimmung Müllerburschen überdenken. Ich schreibe mit, am Ende sind 4 Seiten voll, vieles betrifft das Licht. Also nochmal nach­ leuchten, auch der Regisseur hat einiges mitgeschrieben. Ich bin spät im Bett. In 48 Stunden ist die Premiere schon über die Bühne gegangen. Toi toi toi!

FOTO: MANUEL KRESSIN

GESINE UND ICH AUF DER HAUPTPROBE

KRABAT (MITTE, SEBASTIAN SCHLICHT) BEKOMMT EIN FESTMAHL VON DEN MÜLLERBURSCHEN

DER KORAKTOR IST DAS HEILIGE ZAUBERBUCH DES MÜLLERMEISTERS

DER GEVATTER MIT SEINEN HÖLLENTIEREN KOMMT IMMER ZUR MÜHLE, WENN VOLLMOND IST

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WELCHER THEATER-TYP BIST DU? Mach den Theater Schnell­Test und finde heraus, welche Sparte am besten zu dir passt. Damit dein Theaterbesuch ein positives Ergebnis bringt.

WELCHES IST FÜR DICH DIE STÄRKSTE AUSDRUCKSFORM? A: Gesang! Denn die Stimme ist für mich das intimste und ehrlichste Instrument. B: Musik ist für mich alles! Und kann mehr sagen als alle Worte der Welt. C: Wenn Menschen andere Rollen so überzeugend verkörpern, dass ich dabei vergesse, dass ich im Theater bin. D: Wenn Gegenstände und Material zum Leben erweckt werden. Das ist Zauberei! E: Den Körper sprechen lassen. Geschichten in Bewegungen erzählen. Das ist für mich die direkteste Sprache und die größte Kunst. F: Musik, Tanz und Schauspiel gehören einfach zusammen.

WAS TRÄGST DU AM LIEBSTEN IM THEATER? A: Abendgarderobe! Ich finde es toll, mal einen Anlass zu haben, um mich richtig schick zu machen. B: Elegant, aber nicht zu auffällig. C: Ich hab überhaupt keine Lust, mich für das Theater zu verkleiden. Das können ja die auf der Bühne machen. Jeans und Turnschuhe! D: Ich will das anziehen, wozu ich grad am meisten Lust habe. E: Am liebsten mag ich es, wenn alle im Publikum ganz verschieden gekleidet sind: Die einen schick, die anderen elegant und wieder andere ganz normal. F: Ich würde so gern mal ein Partyoutfit ins Theater anziehen.

WIE LANGE DAUERT DIE PERFEKTE VORSTELLUNG? A: Je länger, desto besser. Ich halte es auch schon mal fünf Stunden bei einer Vorstellung aus. B: Auf 100 – 600 Jahre sollte das Repertoire mindestens zurückgehen. Oh – war das die Frage? C: Spielfilmlänge find’ ich super. D: Eine Vorstellung sollte nicht länger sein als die Bindfäden an einer Marionette. E: Bei einem schwungwollen Abend ist mir die Zeit egal. F: Ich find’ alles gut, solang’ es keine Längen hat.

AUS WELCHER REGION WÜRDEST DU GERN MAL ETWAS AUF DER BÜHNE SEHEN? A: B: C: D: E: F:

Italien Westliche Welt, aber gern auch aus Deutschland Ganz egal – je bunter, desto besser. Hauptsache ich verstehe den Text. Augsburg find ich klassisch. Aber die Welt hat so viel mehr zu bieten. Frankreich und Russland New York, der Broadway und Hamburg

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WELCHE MENSCHEN FINDEST DU AM SPANNENDSTEN? A: Theater ist für mich erst komplett mit richtigen Diven in roten Pelzmänteln. B: Mich nerven diese aufdringlichen Selbstdarsteller:innen. Viel wichtiger ist doch, was Menschen wissen und können. C: Charismatische Menschen, die viel zu erzählen haben, finde ich toll. D: Am liebsten höre ich Menschen zu, die so lebhaft erzählen können, als würden mindestens drei vor einem stehen und reden. E: Menschen, die von überall auf der Welt zusammen finden und trotzdem eine gemeinsame Sprache haben, bei der das Sprechen überflüssig wird. F: Menschen, denen zu jeder Geschichte auch ein Song einfällt, finde ich klasse.

WENN ICH INS THEATER GEHE, MÖCHTE ICH… A: B: C: D: E: F:

…große Emotionen vom tiefsten Brummen bis zum höchsten, Gläser zerberstenden C. …die Augen zumachen und mich ganz in der Klangwelt verlieren. …sehen, wie geschriebene Worte zu zwischenmenschlichem Erleben werden. …an roten Fäden meine Seele und meine Gedanken baumeln lassen. …die Luft anhalten und fliegen. …alles zusammen, davon ganz viel und Konfetti oben drauf.

MIT WEM GEHST DU INS THEATER? A: B: C: D: E: F:

meinem Friseur Elise Vater der kleinen Hexe John Lennon meinem Freund Bunbury.

WAS INTERESSIERT DICH AM MEISTEN? A: B: C: D: E: F:

Barbier von Sevilla Vier Jahreszeiten Extrawurst Pudels Kern TanzLust Hedwig and the Angry Inch


LÖSUNGEN Na, welche Antwortmöglichkeit hast du am häufigsten ausgewählt?

A: OPER Du willst die ganz großen Gefühle. Du fühlst dich richtig wohl, wenn dir dramatische Geschichten von schönen, kraftvollen Stimmen erzählt werden, die durch Mark und Bein gehen. Du willst pompöse Vorstellungen erleben, die von den großen Themen handeln: Liebe, Leben, Intrigen, Macht und Verderben – und zwischen all dem sitzt du. Du willst Oper.

B: KONZERT Wenn das Orchester sich stimmt, wenn nach und nach alle Instru­ mente einfallen und zu einem großen atmosphärischen Klangkörper werden, dann erreicht deine Vorfreude ihren Höhepunkt. Dann lehnst du dich zurück. Dein Körper ist jetzt entspannt und umso wacher dein Kopf. Du willst auf eine Reise mitgenommen werden, du willst etwas erleben, das keine Worte braucht. Du willst Konzert.

C: SCHAUSPIEL Du willst echte Geschichten von echten Menschen ohne Brimborium. Schwarzer Bühnenboden, harte Worte, weiche Worte, Blicke, Gesten, zwischenmenschliche Funken – das ist für dich echtes Theater. Hier darf geschrien werden, geflüstert und sogar geschwiegen. Denn auch so etwas ist für dich wesentlich. Du willst Schauspiel.

D: PUPPENTHEATER Du willst genau hinschauen und dich entführen lassen in ganz andere Welten voller besonderer Wesen und Gestalten. Figuren sollen vor deinen Augen zum Leben erweckt werden und dich immer wieder aufs Neue verblüffen. Hier ist alles möglich. Du willst Puppentheater.

E: BALLETT Du willst Menschen über die Bühne schweben sehen, die mit ihrem ganzen Körper Geschichten erzählen können und Emotionen ent­ stehen lassen. Wenn Körper und Musik ineinanderfließen, ist das für dich unvergleichlich. Du willst Ballett.

F: MUSICAL Du willst Spektakel. Du möchtest vielfältige Storys, verpackt in mi­ treißender Musik, Tanz und Schauspiel. Für dich ist eine bunte Bühnenshow genau das richtige: mit viel energetischer Bewegung, facettenreichen Stimmen, und Themen, die uns alle bewegen, die uns zum Weinen, Lachen, Nachdenken und Lieben bringen – oder alles zusammen. Du willst Musical.

WELCHER THEATER-TYP BIST DU?

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THEATER-KNIGGE Das Theater ist ein lebendiger Raum, der erst durch euch – das Publikum - zum Leben erweckt wird. Wer also dachte, man müsse immer schön still auf dem Stuhl hocken bleiben und dürfe bloß nicht zu laut atmen, liegt völlig falsch. Mit diesen und anderen Vor­ urteilen wollen wir jetzt aufräumen und zeigen euch deshalb, was ihr im Theater alles dürft:

IHR DÜRFT IN EINER VORSTELLUNG…

…LAUT LACHEN.

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…ETWAS BLÖD FINDEN.

…GENIESSEN.

THEATER-KNIGGE

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…SCHOCKIERT SEIN.

...AUFSTEHEN UND GEHEN.

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…APPLAUDIEREN, JUBELN UND BEGEISTERUNG ZEIGEN.

…ETWAS NICHT VERSTEHEN.

THEATER-KNIGGE

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…ANZIEHEN, WAS IHR WOLLT.

…EUCH VERLIEBEN.

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FOTO: THEATERFABRIK

FOTO: THEATERFABRIK

IMPRESSUM Theater Altenburg Gera gGmbH · Spielzeit 2020/21 Generalintendant und Künstlerischer Geschäftsführer Kay Kuntze Kaufmännischer Geschäftsführer Volker Arnold Redaktion Theresa Kawalek · Texte Jugendtheaterredaktion: Hannah Höhnisch, Ella Klüger, Tilmann Lindner, Christian Mäder, Tim Schmidt Fotos soweit nicht anders angegeben: Ronny Ristok · Coverfoto (Theater) Frank Hülsbömer Gestaltung Leonie Egge · Herstellung Druckhaus Gera GmbH Redaktionsschluss 17. Juli 2021 Änderungen vorbehalten!


InSzene DAS MAGAZIN DER JUGENDTHEATERREDAKTION

IHR WOLLT MITGLIED IN DER REDAKTION WERDEN? DANN KOMMT VORBEI UND MELDET EUCH BEI UNS IN DER THEATERFABRIK! THEATERFABRIK GERA LEITERIN: THERESA KAWALEK CLARA-ZETKIN-STRASSE 1, 07545 GERA 0365/ 827 92 90 THEATERFABRIK@THEATER-ALTENBURG-GERA.DE THERESA.KAWALEK@THEATER-ALTENBURG-GERA.DE