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Gespräch mit Dagmar Schmidt (Jahrgang 1953) und George Podt (Jahrgang 1949), verheiratet seit Juli 1988, seit Februar 1990 Intendanz und künstlerische Leitung

»Theater Ist eine Herausforderung an die Sinne, die ein kommerzielles System nicht leisten kann.«

1990

Schmidt: Als Jürgen Flügge ging, bewarben wi r uns beide um die Nachfolge. Und zwar getrennt, weil wir das Gefühl hatten, als Team keine Chance zu haben. In den siebziger Jahren war das etwas anderes. Aber heute? Da gilt, daß im Ernst/ all bei einem Team keiner verantwortlich ist. Eine Kommission siebte die Bewerber und traf eine Vorauswahl. Der Stadtrat hatte die bereits in Augenschein genommen, als die Journalistin Anne Rose Katz darauf hinwies, daß keine Frau dabei war. Also wurden schnell noch mal die Unterlagen durchgeschaut und auch drei Frauen gerufen. Am S. Dezember 1988 erreichte mich der Anruf in Amsterdam mit der Aufforderung, am nächsten Tag nach München zu kommen. Fünf Minuten hatte ich dann Zeit, mein Konzept im Stadtrat vorzusteUen. Mich kannte man ja, denn ich war von 1980 bis 1986 Dramaturgin unter Jürgen Flügge. Ich sagte nur, daß ich so weitermachen wollte und das fortführen, was gut war. Die ganze Situation war irgendwie entwürdigend. Alle Bewerberinnen kannten sich, mußten gemeinsam in einem Raum warten, drei Stühle für

zehn Bewerberinnen. Um Weihnachten ist die Entscheidung gefallen. Ich hatte mir keine Chancen ausgerechnet. Von Anfang an war es meine Einschätzung, als Alibifrau zu fungieren. Dirk Fröse war der Lieblingskandidat. Die Wahl fiel jedoch auf Barbara Fischer. Sie hatte an jenem Tag keine Zeit gehabt und einige Tage später die Gelegenheit, über eine Stunde lang vor dem Kulturausschuß zu reden. Uns allen war klar, daß Barbara Fischer keine Ahnung vom Theatermachen hatte . Im Stadtrat hatte man offenbar nicht viel gedacht. Jedenfalls nicht daran, daß das Theater der Jugend in der Öffentlichkeit und in der Presse sehr beachtet war und daß die Entscheidung für Frau Fischer einen Aufruhr verursachen würde. Als sie das Theater nach vier Monaten verließ, wußten wir, daß die Kammerspiele mit der Suche nach einem Nachfolger beauf tragt waren. Wir bewarben uns nicht neu, hatten unterstellt, daß sie vielleicht einen ihrer Dramaturgen auf den Posten loben. Aber das war nicht so .

DER EINE KÄMPFT, DER NÄCHSTE ERNTET  
DER EINE KÄMPFT, DER NÄCHSTE ERNTET  

Gudrun Lukasz-Aden DER EINE KÄMPFT, DER NÄCHSTE ERNTET Vierzig Jahre Theater der Jugend, Vierzig Jahre Theater-Geschichte. Gestaltet und be...