Page 86

1980-1989

84

Leuten, hat auch das Bewußtsein nicht. Er arbeitet mit Rollo politisch, geht nachts mit ihm Parolen sprayen. Rollo nennt das ,Gegenöffentlichkeit schaffen,. Rita interessiert auch das nicht. Sie schläft nicht mit ihm - weil er nicht will, weil er sagt: Laß' un s nichts zu schnell machen. Ich kenne dich doch überhaupt nicht. Der Witz der Geschichte ist der: Sie verhält sich traditionell männlich, unterkühlt, schnell, oberflächlich. Er mehr weiblich: nett, spielerisch, er sprüht zum Beispiel die Wände gegenüber ihrem Fenster völlig

•Rila Rila•

mit ihrem Namen voll, er weicht sie auf, denkt, ich werde schon hinter die Fassade kommen. Sie ist es nicht gewohnt, daß jemand an ihr persönliches Interesse hat. Und so entsteht aber doch eine leise Liebesgeschichte zwischen den beiden, bis Franz auf einer Demo verhaftet wird. Wie bei den legendären »Nürnberger Verhaf tungen« wird Franz zehn Tage lang festgehalten, ohne Kontakt nach außen aufnehmen zu dürfen. Er ist tief getroffen von diesem Vorfall. Aus einem fröhlichen, lebenszugewaodteo Optimisten ist ein apathischer

Mensch geworden. Wenn das passieren kann, sagt er sich, ist eigentlich alles sinnlos. Er liegt nur noch in der Ecke, hört seine Herztöne und fragt: Warum schlägst du noch. Er war zwar gegen den Staat, gegen alles, aber als Kind seiner Zeit dachte er auch: Wenn es darauf ankommt, kann ich mir einen Rechtsanwalt nehmen. Es war, als hätte man ihm den Boden unter den Füßen weggezogen. Und nun ist es Rita, die ihm aus diesem Loch wieder heraushelfen muß. Es gibt ein Happy-End insofern, als daß sie eine große Spray-Aktion starten in dem von Ritas Vater gebauten Justizpalast. Einen Tag vor der Eröffnung besorgt Rita die Schlüssel. Was auf den Wänden stand? Das ist egal. Es

und Lebensstile. Die Aufführung war nicht sehr gut. Die Regisseurin Heide Capovilla fand keinen rechten Zugang zu der Geschichte. Ich habe dann aus Enttäuschung die Buchfassung gemacht. Ganz schön war, daß es ein bißchen Ärger mit den konservativen Stadtpolitikern und Zeitungen gab. Kurz vorher hatte die Stadt München nämlich gerade wieder einmal 60.000 Mark für die Reinigung von besprühten Wänden ausgegeben. Und nun diese Sprühaktionen im städtischen Jugendtheater!

DER EINE KÄMPFT, DER NÄCHSTE ERNTET  
DER EINE KÄMPFT, DER NÄCHSTE ERNTET  

Gudrun Lukasz-Aden DER EINE KÄMPFT, DER NÄCHSTE ERNTET Vierzig Jahre Theater der Jugend, Vierzig Jahre Theater-Geschichte. Gestaltet und be...