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BILDPHANTASIE

,Bravo Girl•

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ei meinen Recherchen zu diesem Stück sprach ich auch mit vielen Mädchen bei Loden-Frey. Das war Anregung für »BRAVO GIRL«, damals ein Reizwort. Die Zeit schrift suchte jedes Jahr ein »Bravo-Girl «, das war das Thema. Dahinter stand auch der Gedanke, etwas über Mädchen zu machen. Das hing auch damit zusammen, daß Hedda Kage das Theater übernommen hatte. Sie legte als Frau großen Wert darauf, Stücke über und für Mädchen herauszubringen. Beim Gespräch mit den Mädchen bei Loden-Frey erfuhr ich ihre Realität in den Betrieben oft eine stärkere Misere als für Jungen - und von ihren Träu men. Alle lasen »Bravo«, das Blatt der Aufklärung und der Träume über Schlagersänger. Ich traf auch zwei ehemalige Bravo-Girls, die mir erzählten, wie sich ihr Traum - nicht realisiert hatte. Alles war ziem-

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lieh übel, viel wurde versprochen, nichts gehalten. Das habe ich versucht, ineinanderzuarbeiten. Mein Stück sollte dazu beitragen, sich von der Medientraumfabrik zu lösen, lieber eigene Träume zu träumen und Utopien zu verwirklichen auch ein Emanzipationsstück. Das wurde dann nicht mehr verboten, und »Bravo« hat überhaupt nicht darauf reagiert. eim Internationalen Kinder - und Jugendtheater Kongreß lernte ich Jens Heilmeyer flüchtig kennen, als er gerade das Theater der Jugend übernommen hatte. Er fragte mich , ob ich Lust hätte, ans Theater zu kommen. Ich war ein freischaffender Mensch und dachte, warum eigentlich nicht. Ich wurde fester Dramaturg, was zur Folge hatte, daß ich nicht mehr zum Schreiben kam, lediglich einen Einakter von vier, »NACHWAHL«, ein ziemlicher Flop.

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it dem »MÄRCHEN VOM STARKEN HANS« wurde die Schauburg eröffnet. Dieses ganze neue Theater - es war für uns wie Stammheim, einen gend und deprimierend, total an den Bedürfnissen von Kin -

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WOHNKÜCHENREALISMUS

dern vorbeikonzipiert. Die Rückenlehnen der neuen Sitzreihen waren beispielsweise so hoch, daß die Kinder nicht darüber hinwegsehen konnten. Die mußten nachträglich abgesägt werden. Es lag der Verdacht nahe, daß die Kammerspiele mit der Schauburg langfristig eine weitere eigene Spielstätte haben wollten. Dann war da noch Günter Müller, ein CSU-Abgeordneter, ein Verfolger aller Linker im Bayerischen Rundfunk. Als wir mit einem Stück gastieren wollten, hat er gegen mich opponiert, mich die »Speerspitze der linken Kinder-Indoktrination « genannt und als DKP-Mitglied bezeichnet. Ich habe das gerichtlich klarstellen lassen, wir sind durch zwei Instanzen gezogen , er durfte es nicht weiter behaupten. So war das damals, ein kuriose Angelegenheit. Unter Kiesl veränderten sich die politischen Verhältnisse in München derart, daß HansReinhard Müller immer mehr Druck auf uns ausübte, daß immer häufiger versucht wur de, inhaltlich massiv einzugreifen, zum Beispiel gegen kirchenkritische Szenen. Als uns dann aber das Ensemble in den Rücken fiel, hat mich das eben-

so tief getroffen wie Jens Heilmeyer . In diesem Augenblick sind wir uns sehr nahe gewesen. anz allgemein habe ich da runter gelitten, daß meine Stücke nicht gut inszeniert waren. Es sind ja sehr karge Texte, die Regisseure haben zu wenig ästhetische Möglichkeiten gesehen, zu wenig soziale Phantasie entwickelt. Ich hätte mir für meine Stücke mehr Theater gewünscht, mehr Ästhetik. Die Inszenierungen waren in den meisten Fällen überpolitisi ert. In Karlsruhe sah ich beispielsweise »Bravo Girl« mit roten Fahnen am Horizont, fast mao-ähnlich, politische Überästhetisierungen, die in keinem Verhältnis zum Inhalt standen. Es ist ewig her, daß ich im Theater der Jugend war. Ich schrieb nach meinem Weggang noch einige Stücke für andere Theater, aber dann hörte ich auf damit.

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Werner

Geifrig heule

DER EINE KÄMPFT, DER NÄCHSTE ERNTET  
DER EINE KÄMPFT, DER NÄCHSTE ERNTET  

Gudrun Lukasz-Aden DER EINE KÄMPFT, DER NÄCHSTE ERNTET Vierzig Jahre Theater der Jugend, Vierzig Jahre Theater-Geschichte. Gestaltet und be...