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KOMPLIZIERTHEIT

Podt: Diesen Kindern und Jugendlieben müssen wir etwas anderes bieten. Wir wollen sinnliche, komplexe und komnplizierte Geschichten kompliziert erzählen. Einfach erzählt man nur, wenn man gewohnt ist, einfach zu denken, nach bekannten Mustern: Mir gebt's schlecht, mir fehlt etwas, wer nimmt mir etwas weg, wer ist schuld, die Türken sind schuld. Das nenne ich einfaches Denken.

Schmidt: Kinder und Jugendliche müssen lernen, tolerant zu sein, liebevoll zu bleiben, auch wenn es ihnen schlecht geht. Schönwetterdemokrat zu sein, ist keine Kunst.

GEGEN

Podt: Das Theater lebt seit 2000 Jahren von Widersprü chen in der Geschichte. Die Widersprüche sind das Wichtigste, sie treiben das Leben progres siv voran, nicht eindeutige Erklärungsweisen, die nur konservativ oder bestätigend sind. In diesem Sinn knüpfen wir an eine alte Tradition. Noch etwas zur Vereinfachung des Denkens. Ich denke dabei auch an die bei Kindern so beliebten Computerspiele, wo es nur richtige und falsche Antworten gibt, vorgeschriebene Wege. Andere führen ins Nichts. Aber so einfach ist die Welt nicht . Ich habe nichts dagegen, wenn während der Schulzeit - zwei Drittel sind Schulveranstaltun-

VEREINFACHUNG

gen - sinnliche Komplexität an die Schüler herangetragen wird. Und das ohne Pause. Man müßte schon sehr gut argumentieren, daß man eine Zäsur, sprich Pause, macht. Wenn wir sagen: Unsere Stücke sollen anspruchsvoll, sinnlich und komplex sein, und wenn wir gleichzeitig wissen, daß viele Kinder und Jugendliebe sich nur fünf Minuten konzentrieren können, dürfen wir den Bogen nicht überspannen mit Zweieinhalbstunden-Theater, dann wird es unendlich schwer, das Publikum bei der Stange zu halten. Wenn Schüler eine Stunde oder eineinhalb mitmachen, sind wir sehr froh.

Schmidt: Wir wissen, daß sich unsere Thesen nicht allgemein durchgesetzt haben. Auch unter Kindertheaterkollegen wird gesagt, daß wir am Publikum vorbei unsere Erwachsenentheater-Ambitionen am unrechtmäßigen Ort ausleben. Ich erwidere dann: Man muß doch nicht so tun, als ob die Jugendlichen dumm wären, weniger verstehen würden. Wir haben die Erfahrung gemacht, daß ihre Sehnsucht nach komplexen Vor• Traumspiele•

• lphigenie König skind •

gängen , ihre Sehnsucht, ernstgenommen zu werden, riesengroß ist. Podt: Ich kann mich doch nicht extra kleinmachen und wie Sechs- bis Zwölfjährige denken. Ich bin erwachsen und habe als Theatermacher die Verantwortung, als Erwachse ner etwas zu erzählen. Dieser Verantwortung entziehen sich heutzutage viele Pädagogen.

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•Familienbande•

DER EINE KÄMPFT, DER NÄCHSTE ERNTET  
DER EINE KÄMPFT, DER NÄCHSTE ERNTET  

Gudrun Lukasz-Aden DER EINE KÄMPFT, DER NÄCHSTE ERNTET Vierzig Jahre Theater der Jugend, Vierzig Jahre Theater-Geschichte. Gestaltet und be...