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Schmidt: Wir haben den Auftrag, realitätsbezogenes Kinderund Jugendtheater zu machen. Ein schöner Auftrag, der Spielraum läßt. Wir sind realitätsbe zogen, setzen die Realität aber nicht eins zu eins um, inszenie ren nicht brennende Häuser, brennende Menschen, sondern setzen beispielsweise »ANDORRA« und »POLENWEIHER« auf den Spielplan. Es interessiert uns einfach nicht, die Aktualität zu inszenieren, weil wir das für sinnlos halten. Niemand lernt etwas daraus, wenn Nazis, Schaftstiefel, Glatzen auf die Bühne gebracht werden und wenn gesagt wird: Die sind böse. Wir leben ja nicht in

einer Zeit mangelnder Information, im Gegenteil. Heutzutage weiß beispielsweise jeder, wie man einen Molotow-Cocktail bastelt und auch, daß man ihn in den Hausflur werfen muß, um den Fluchtweg abzuschneiden. Wir wissen, daß uns manchmal vorgeworfen wird, in die blinde Ästhetik abzugleiten. Wenn Theater sich nicht gesell schaftlichen Entwicklungen anschlösse, sondern sich davon loskehrte, wäre es sinnlos. Das Theater ist nicht unsere private Selbstverwirklichungsbude und auch nicht die von fünfzehn Schauspielern und sechs Regisseuren. Wir haben einen öffentlichen Auftrag, haben zu

1990

schauen , welche Grundversor gung ein Theater der Allgemein heit bieten muß. Denn es sind Subventionen, die von der Allgemeinheit finanziert werden, wie Krankenhäuser, Abwässersysteme, Schulen. Das Theater kann keine pädagogische Einrichtung sein, dafiir sind die Schulen zuständig. Es kann kein Unterhaltungsetablissement sein, das bietet die Privatindu strie. Was also rechtfertigt eine Subvention? Die Herausforderung an die Sinne, die ein kommerzielles System nicht leisten kann. Wir müssen provozieren. Dafiir ist die Subvention da. Podt: Die Menschen sind auf der Suche nach einer differenzierten Orientierung. Es gibt keine Leitbilder mehr und auch

,Polen weiher•

keine Autoritäten, ich meine das natürlich im guten Sinn . Die Lehrer wollen diese Rolle nicht mehr annehmen, die Eltern wollen oder können es auch nicht. Die ganze 68er Bewegung ist unter die Räder gekommen. Gleichzeitig ist die Welt gegenüber 1968, wo es klare Feindbilder gab, viel komplizierter geworden.

Schmidt: In dieser plurali stischen Gesellschaft, in der die schlimmen Mängel aus den fiinfziger Jahren beseitigt sind, hat sich vieles verändert: Die Medienschnellebigkeit zum Beispiel, die Verfiihrung durch das Geld. Wie soll jemand eine Lehre machen wollen, wenn er in einem Job viel schneller und viel mehr Geld verdienen kann? Woher soll die Motivation kommen?

• Winterichlaf

DER EINE KÄMPFT, DER NÄCHSTE ERNTET  
DER EINE KÄMPFT, DER NÄCHSTE ERNTET  

Gudrun Lukasz-Aden DER EINE KÄMPFT, DER NÄCHSTE ERNTET Vierzig Jahre Theater der Jugend, Vierzig Jahre Theater-Geschichte. Gestaltet und be...