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Eine crossmediale Publikation der Xmedia Solutions AG

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2014

Unsere Psyche Unter dem Einfluss des modernen Zeitalters

Unsere neue E-Paper-App: Wichtig: Berufliche Wiedereingliederung Seite Wege aus der Sucht Seite Mit kombinierter Therapie gegen chronische Schmerzen Seite Multiple Sklerose und die Seele Seite

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Eine crossmediale Publikation der Xmedia Solutions AG III Unsere Psyche

Die Beschäftigung psychisch Kranker geht uns alle an W

derungen nicht zu genügen, Fehler zu machen, nicht genug belastbar zu sein oder von den Arbeitskollegen gemieden zu werden. Gleichzeitig stellen Arbeitgeber natürlich laufend Personen mit psychischen Problemen an und sorgen im Normalfall auch gut für diese. Häufig sind Mitarbeitende, die zwischendurch oder länger dauernd unter psychischen Problemen leiden, sehr gute, verlässliche und engagierte Mitarbeitende – gerade weil sie oft etwas verunsichert sind, geben sie sich besondere Mühe, einen guten Job zu machen. Es fehlt also insgesamt weder den Arbeitgebenden an Bereitschaft, noch den Betroffenen an Arbeitsmotivation. Die Probleme liegen vielmehr in der Überforderung aller Beteiligten, behandelnde Ärzte inbegriffen. Psychische Probleme sind, anders als körperliche Beeinträchtigungen am Arbeitsplatz, oft nur schwer einzuschätzen, sie werden von den betreffenden Mitarbeitenden selten offen kommuniziert und die Betroffenen suchen vergleichsweise selten eine psychiatrische Behandlung auf. Die Arbeitgeber, die meist merken, dass „etwas nicht stimmt“, kommen hier an Grenzen und wissen nicht, wie sie sich verhalten sollen. Die Mitarbeiterteams haben zunächst Mitleid und wollen helfen, aber ihre Besorgnis wandelt sich mit der Zeit in Ärger und es kommt zu Konflikten. Dies vor allem, wenn es sich um persönlichkeitsbedingte psychische Probleme handelt, also um sogenannte „schwierige Mitarbeiter“, die Mühe haben, eigene Defizite einzugestehen, immer den anderen die Schuld geben, launisch sind, etc. Schliesslich

kommt es oft zu längeren Krankschreibungen, was die Situation noch schwieriger macht und den Betroffenen letztlich nicht hilft. Aber auch die Behandelnden sind bei derartigen Situationen häufig ratlos und vermeiden den aktiven Kontakt zum Arbeitgeber. Dabei wären sie die Spezialisten, die im Konfliktfall vermitteln und Arbeitsplatzanpassungen aufzeigen könnten, die ein Weiterarbeiten ermöglichen würde. Psychisch bedingte Arbeitsprobleme sind sehr dynamisch und haben komplexe Ursachen bei allen Beteiligten. Umso wichtiger ist die Rolle der „beruflichen Rehabilitation“. Das bedeutet aber auch, dass sich die Rehabilitationsfachleute nicht nur konzentrieren auf die Wiedereingliederung bei schwer psychisch Kranken, sondern vermehrt auch auf die Unterstützung aller involvierten Personen, damit der Arbeitsplatz erhalten werden kann. Das heisst, sie müssen vermehrt auch die Arbeitgeber und Ärzte unterstützen, nicht nur die „Betroffenen“. Wenn die „berufliche Rehabilitation“ diese Rolle vermehrt übernimmt, wird sie zu einem zentralen Akteur in einem zunehmend wachsenden gesellschaftlichen Problembereich.

Inhalt

Impressum

Beteiligte Unternehmen

Le i ta r t i k e l

Projektleitung: Anna-Rebekka Spellmeyer, rs@xm-solutions.com

3_Gestiegenes Bewusstsein

Redaktion: Gabriele Hellwig, Peter Mueller, Mike Paßmann, Otmar Rheinhold, Sebastian Juha Richter

- Erziehungsdepartement des Kantons Basel-Stadt - Gesellschaft für Arbeit und Wohnen (gaw) - Kantonsspital Baselland Laufen, Klinik für Schmerztherapie - Psychiatrie Baselland, Fachstelle für Psychiatrische Rehabilitation - Rütihus - Schweizerische Multiple Sklerose Gesellschaft - Stiftung Jugendsozialwerk Blaues Kreuz BL - Tele-Hilfe Basel/ Die Dargebotene Hand

enn von der „beruflichen Rehabilitation“ bei Personen mit einem psychischen Problem die Rede ist, könnte man meinen, dass es sich um ein zwar wichtiges, aber insgesamt doch um ein Spezialthema handelt, welches zahlenmässig nur eine kleine Gruppe von Menschen betrifft. Doch dem ist nicht so: Die betriebs- und volkswirtschaftlichen Kosten von psychisch bedingten Arbeitsproblemen belaufen sich laut dem eben erschienenen OECD-Bericht „Mental Health and Work: Switzerland“ auf 3,2 Prozent des Bruttoinlandproduktes der Schweiz, das sind pro Jahr rund 19 Milliarden Schweizerfranken. Der Hauptteil der Kosten wird nicht durch die medizinische Behandlung psychisch Kranker verursacht, sondern durch Produktivitätsverluste und Arbeitsabsenzen von Mitarbeitenden mit psychischen Problemen sowie durch Invalidisierungen. HR-Verantwortliche in der Schweiz schätzen, dass rund 30 Prozent ihrer Mitarbeitenden schon einmal ein psychisches Problem hatten, das sich spürbar negativ auf die Arbeitsfähigkeit oder das Teamklima ausgewirkt hat. Psychisch bedingte Arbeitsprobleme sind demnach ein Massenphänomen – genauso wie es körperliche Probleme auch sind. In der Schweiz wie auch in den meisten anderen Industrieländern ist seit rund 20 Jahren eine Entwicklung im Gange, die besorgniserregend ist und deren Ursachen bisher relativ unklar sind: Die Ausgliederung von Mitarbeitenden mit psychischen Problemen nimmt stetig zu. Die psychisch bedingten Invalidisierungen, Arbeitsabsenzen und Produktivitätsverluste der am Arbeitsplatz präsenten Mitarbeitenden wie

auch der empfundene psychische Arbeitsstress der Mitarbeitenden nehmen stetig zu. Gleichzeitig hat aber die echte Häufigkeit psychischer Erkrankungen in der Bevölkerung zumindest in den letzten rund 50 Jahren nicht zugenommen – psychische Probleme waren immer schon sehr häufig, aber sie waren früher kaum ein Thema. Anscheinend hat sich unsere Wahrnehmung verändert, was psychische Probleme bei uns selbst oder bei anderen betrifft. Und vielleicht bewerten wir heute die Arbeitsfähigkeit von Personen mit psychischen Problemen negativer als dies früher der Fall war. Diese Entwicklung ist nicht nur für Wirtschaft und staatliche Einrichtungen ein zunehmend prioritäres Problem, sondern auch für die Betroffenen. Wenn man arbeitslose oder invalidisierte Personen mit psychischen Problemen befragt, geben regelmässig etwa 80 Prozent an, dass sie sehr gerne arbeiten würden. Arbeitgeber haben aber besondere Hemmungen, Stellenbewerber mit einem bekannten psychischen Problem anzustellen. Diese Hemmung ist nicht nur durch Vorurteile begründet, sondern auch durch sehr häufige negative Erfahrungen mit psychisch erkrankten Mitarbeitenden. Zudem sind auch die Qualifikations-Anforderungen gegenüber jungen Berufseinsteigern angestiegen. Da psychische Störungen im Mittel im Alter von 14 Jahren beginnen und nicht selten zu Schul- und Ausbildungsproblemen führen, ist diese Entwicklung eine zusätzliche Barriere für solche jungen Menschen. Psychisch Kranke haben Hemmungen, sich aktiv für eine Stelle zu bewerben, weil sie Angst haben, den Anfor-

E r n e u t e r Be r u f s e i n s t i eg

V.i.s.d.P.: Mike Paßmann

4_Hilfsangebote nutzen

Fotos: Thinkstock / Getty Images Druck: DZZ Druckzentrum Zürich AG

Ko m o r b i d i tät e n 5_Wenn Sucht durch eine psychiatrische Erkrankung ausgelöst wird W o h n i n t eg r at i o n 5_Betreutes Wohnen hilft Suchtkranken beim Übergang in ein normales Leben Ch r o n i s c he S c h m e r z e n 6_Mit Physio- und Psychotherapie gegen Schmerzen M u lt i p l e S k l e r o s e 7_MS und die Seele

Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an Marc Kaars Sijpesteijn, ms@xm-solutions.com Xmedia Solutions AG, Hirschengraben 33, 6003 Luzern T: 044 998 11 33 Xmedia Solutions hat sich auf crossmediale Publikationen spezialisiert, welche in Tageszeitungen und auf relevanten Online-Portalen veröffentlicht werden.

autor Dr. Niklas Baer, Psychologe Leiter der Fachstelle für Psychiatrische Rehabilitation, Psychiatrie BL

Unsere neue E-Paper-App:

Inhalte von Unternehmensbeiträgen sowie Gastbeiträgen geben die Meinung der beteiligten Unternehmen wieder. Die Redaktion ist für die Richtigkeit der Beiträge nicht verantwortlich. Die rechtliche Haftung liegt bei den jeweiligen Unternehmen. Mehr Informationen unter: www.xmedia-solutions.com

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organisationssbeitrag – interview

„Niemand sollte in seiner Not allein bleiben“ Wer sich alleine fühlt, akute Sorgen, aber gerade niemanden zum sprechen hat, erhält rund um die Uhr Unterstützung vom Verein Tele-Hilfe Basel. Was ist Ihre Aufgabe? Wir betreuen am Telefon jeden, der Hilfe benötigt – rund um die Uhr, das ganze Jahr, auch dann, wenn andere Menschen nicht erreichbar sind. Dabei sind wir in erster Linie Zuhörer. Die Leute können uns ihre Probleme, Sorgen und Ängste mitteilen. Wir versuchen zu entlasten, zu trösten, zu motivieren. Niemand sollte in seiner Not allein bleiben.

Mit welchen Problemen werden Sie am häufigsten konfrontiert? Mit alltäglichen Fragen wie zum Beispiel: Wie strukturiere ich meinen Tag? Oft geht es um Probleme mit Mitmenschen. Weitere Themen sind Krankheit und Einsamkeit. Die wenigsten Anrufer sind akut suizidgefährdet. Es sind Menschen, die aus Sorge nicht zur Ruhe kommen und ihren Alltag nur noch mit Mühe bewältigen können.

Wer sind die Menschen, die Sie anrufen? Unsere Anrufer sind ein Spiegel der Gesellschaft: Rentner, Hausfrauen, Arbeiter, Studenten, Akademiker, Männer, Frauen, jung und alt.

Erhalten Sie oft Rückmeldungen von den Menschen, denen Sie geholfen haben? Ja, das kommt vor. Manchmal erfahren wir direkt nach dem Gespräch, dass wir weiterhelfen

konnten. Manchmal meldet sich die Person aber auch erst Monate später wieder, vielleicht mit einem neuen Problem. Geben Sie den Anrufern konkrete Ratschläge? Wir erteilen grundsätzlich keine Ratschläge. Wir besprechen das Anliegen mit dem Anrufer und suchen gemeinsam nach einer gangbaren Lösung: Was könnte für die jeweilige Person passen, welche Hilfe könnte sie in Anspruch nehmen? Haben sich die Probleme, von den Ihnen berichtet werden, im Laufe der Zeit geändert?

Eigentlich nicht. Unsere Stelle ist jetzt 40 Jahre alt. Zum Jubiläum habe ich verglichen, was vor 40 Jahren die Gründe für Anrufe waren, und festgestellt, dass sie sich weitestgehend mit den heutigen decken. Aber die Einsamkeit, auch bei jüngeren Menschen, hat deutlich zugenommen. im interview Mirjana Marcius, Stellenleiterin des Vereins Tele-Hilfe Basel/ Die Dargebotene Hand


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Leitartikel

Gestiegenes Bewusstsein Psychische Erkrankungen gehören zu den häufigsten Krankheitsbildern in der Schweiz. In den vergangenen Jahren ist das Bewusstsein dafür in der Bevölkerung gestiegen. Gerade junge Menschen verdienen es, bei der Bewältigung unterstützt zu werden. Zum Glück gibt es zahlreiche Hilfsangebote. IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII Von Otmar Rheinhold

Viele Zahlen – nicht immer eindeutig

B

Offizielle Zahlen hierzu gibt es viele. Eindeutig sind sie nicht immer – oder passen nicht immer zur Wahrnehmung. So heisst es im Bericht des Schweizerischen Gesundheitsobservatoriums (Obsan) zur psychischen Gesundheit in der Schweiz zwar, dass jeder sechste Schweizer „mittel bis stark psychisch belastet“ ist – Frauen und Jüngere häufiger als Männer und ältere Personen. Der Bericht zeigt jedoch auch, dass die psychische Gesundheit in der Schweiz „im Grossen und Ganzen“ stabil ist und sich in den

urnout, Depressionen, Essstörungen und Suchterkrankungen: Die Liste der psychischen Probleme, von denen wir uns umzingelt sehen, ist lang. Gefühlt nimmt die Zahl der Betroffenen von Jahr zu Jahr zu. Kaum eine Woche vergeht, in der nicht in Medien und vonseiten der Politik vor den gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Folgen gewarnt wir. Doch wie steht es wirklich um die psychische Gesundheit der Schweizer? Und nehmen die Probleme tatsächlich vor allem bei jungen Menschen zu?

Abb. 5.10

Anteil Neuberentungen nach Invaliditätsursache, 2000– 2010 100% 80%

9,6

7,8

6,5

29,6

29,3

34,1

14,6% 3,1%

60% 22,9

16,4

35,6

40,0

43,0

2000

2005

25,2

15,0%

20%

Psychische Krankehiten

40%

55,6%

11,7%

0% Psychische Krankheiten Knochen/Bewegungsorgane

2010

Psychogene Störungen, Psychopathie Schizophrenie Übrige Psychosen

Andere Krankheiten Unfall

2000: n=198’968; 2005: n=251’828; 2010: n=240’905

Suchterkrankungen Übrige geistige/ charakterliche Störungen

© Obsan

Datenquelle: BSV, IV-Statistik 2000/2005/2010

vergangenen zehn Jahren nicht substanziell verschlechtert hat. Beispiel Depression: Mit 2,5 Fällen pro 1‘000 Einwohnern ist sie, vor allem bei Frauen, die am meisten behandelte psychiatrische Diagnose in Spitälern. Signifikant zugenommen hat sie aber nicht. Die Suizidrate – in der Schweiz klassischerweise überdurchschnittlich hoch – fiel zwischen 1991 und 2011 von 20,7 auf 11,2 pro 100‘000 Einwohner, was einigermassen normal ist im europäischen Vergleich. Depressionen wiederum gelten als Auslöser für rund 70 Prozent aller Suizide.

Immer mehr jugendliche IV-Bezüger Zugleich vermeint die öffentliche Wahrnehmung vor allem bei Kindern und Jugendlichen wachsende Probleme mit psychischen Problemen und Suchtverhalten zu vermelden. Tatsächlich sind regelmässige Besäufnisse durchaus ein Phänomen, vor allem bei jungen Erwachsenen. Und Anlaufstellen berichten über deutlich mehr Jugendliche, die in psychischen Extremsituationen ihre Hilfe aufsuchen. Zugleich äussern sich psychische Probleme wie Depressionen oder Essstörungen naturgemäss oft schon im jugendlichen Alter, sieht man einmal von dem nicht zu unterschätzenden Problem der Altersdepression ab. Und nicht wenige Experten bezeichnen die so verbreitete Diagnose „ADHS“ schlicht als Modediagnose und Schubladisierung problematischer Jugendlicher.

Hilfen sind vorhanden In diesem Zusammenhang wird auch immer wieder auf die wachsende Zahl der jugendlichen IV-Bezüger mit einer psychischen Erkrankung verwiesen. Während insgesamt die psychischen Diagnosen gut die Hälfte aller Neurenten begründen, sind es bei den Jugendlichen 70 bis 80 Prozent. Oft wird ADHS oder eine Persönlichkeitsstörung attestiert. Auch das muss aber nicht auf eine wachsende Zahl von Jugendlichen mit psychischen Problemen hinweisen. Es kann auch die sinkende Bereitschaft ausdrücken, „schwierige“ junge Menschen in der Arbeitswelt eine Chance zuzutrauen. Da schickt sie der Staat dann lieber in Rente – eine fatale Entwicklung, denn einmal „im System“, sind die Chancen schlecht, in den Arbeitsmarkt zu finden. Was bedeutet das nun? Wie so oft deutet vieles darauf hin, dass weniger die Zahl der Betroffenen, sondern das Bewusstsein für ihre Lage zugenommen hat. Was im Grunde eine gute Sache ist, denn sie brauchen und verdienen Unterstützung. Gerade wenn es um die Eingliederung in die Arbeitswelt geht. Für Menschen mit psychischen Problemen oder Suchtproblemen steht nämlich eine grosse Bandbreite an Hilfen und Unterstützungsangeboten bereit. Diese Publikation soll dazu beitragen, das Wissen um sie zu verbreiten.

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Organisationsbeitrag – Interview

„Frühe Förderung und kindliche Entwicklung“ Der Regierungsrat hat die frühe Förderung als einen Schwerpunkt im Legislaturplan 2009 bis 2012 bezeichnet. Wie sieht dieser Schwerpunkt aus? Die verschiedenen Massnahmen wurden in den vier Themenbereichen „Prävention und Gesundheitsförderung“, „Elternbildung“, „Betreuung und Bildung, Früherkennung“ sowie „frühe Sprachförderung“ umgesetzt. Beteiligt waren das Gesundheitsdepartement und das Erziehungsdepartement, welches auch für die Koordination verantwortlich war. Was bleibt nun nach Abschluss des Schwerpunktprogramms übrig? Die meisten Projekte werden weitergeführt und sind nun Bestandteil des sogenannten Regelangebots. Dazu gehören Projekte zur gesunden Ernährung, zur Bewegungsförderung, die frühe Förderung, der Ausbau der Mütter- und Väterberatung und insbesondere auch die frühe sprachliche Förderung. Wohin können Eltern sich bei Bedarf wenden? Hier sind in erster Linie das Zentrum Freie Strasse 35 zu nennen, wo einerseits die Mütter- und Väterberatung konkrete Hilfe und Unterstützung bietet, gleichzeitig aber auch die Informationsstellen zur Tagesbetreuung und zu den Tagesfamilien beheimatet sind. Dort werden Eltern über das Angebot der Tagesbetreuung beraten (www.baslerfamilien.info). Eltern mit Kindern mit Behinderungen oder Eltern, die in Sorge um die Entwicklung ihrer Kinder sind, steht das Zentrum für Frühförderung ZFF an der Elisabethenstrasse 51 zur Verfügung (www. zff.bs.ch). Weiter erhalten alle Eltern rechtzeitig vor dem Eintritt in den Kindergarten einen

Fragebogen zur sprachlichen Entwicklung des Kindes. Kinder, die im Hinblick auf den Kindergarteneintritt ihre sprachlichen Fähigkeiten verbessern müssen, werden gezielt zum Spielgruppenbesuch eingeladen. Welches persönliche Fazit ziehen Sie aus dem Schwerpunktprogramm? Die frühe Förderung von Kindern im Vorschulalter ist zum Selbstverständnis geworden. Bildung beginnt nicht erst im Schulalter. Dank den Bewegungsförderungsprojekten ist bereits erkennbar, dass der Anteil übergewichtiger Kinder abnimmt. Kinder treten mit besseren Deutschkenntnissen in den Kindergarten ein. Migrantenfamilien haben einen chancengleichen Zugang zu den Angeboten der frühen Förderung. Zudem sind die verschiedenen Akteure besser vernetzt und arbeiten mehr zusammen.

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Organisationsbeitrag – Interview

„Party machen ohne Kater“ Musik machen oder Feiern ist die eine Sache, die legalen Suchtmittel mit Mass zu konsumieren und illegalen Suchtmitteln zu widerstehen eine andere. Im Interview Thomas Furrer, Verantwortlicher für das Präventionsprojekt „Real DJ“

Worum genau geht es bei Ihrem Konzept? Wir bieten eine Kombination aus Jugendförderung und Suchtprävention an. Die Teilnehmer unserer DJ-Ausbildung treffen sich einmal im Monat bei uns zu Gruppentreffen, wo sie Unterstützung in technischen Fragen oder Marketing erhalten. Zusätzlich werden sie in Einzelcoachings, die etwa alle sechs Wochen stattfinden, systematisch begleitet. Dabei wird das Thema Suchtprävention immer wieder aufgegriffen, da in der Clubszene, in der sich die DJs jedes Wochenende bewegen, legale und illegale Suchtmittel ein grosses Thema sind. Zusätzlich organisieren Sie Grossevents, auf denen Ihre DJs auflegen... Beim letzten Event in Basel hatten wir 1‘200 Besucher. Das zeigt uns, dass die Jugendlichen unsere suchtmittelkritische Ausrichtung schätzen und bereit sind, im doch eher geregelten Rahmen eine gute Party zu feiern.

Im Interview Anastasia Planta hat Psychologie und Recht studiert. Sie arbeitet im Erziehungsdepartement und ist verantwortlich für die Projekte und Koordination im Frühbereich. Der Schlussbericht ist im Internet verfügbar unter

www.ed.bs.ch

Seit wann gibt es das Projekt? Seit 2011. Inzwischen sind 40 DJs bei uns angeschlossen. Wir geben ihnen praktische Tipps, wie sie Leute in ihrem direkten Umfeld für einen gesunden Umgang mit den Suchtmitteln bewegen und unkompliziert Statements dazu abgeben können.

Können Sie etwas zur Methodik der Ausbildung sagen? Gern. Es handelt sich dabei um systembezogene Suchtprävention, die sich in dem System, in dem auch der mögliche Missbrauch stattfindet, bewegt. Wir wollen mit den DJs zusammen etwas in dieser Partyszene bewegen. Dafür müssen wir die Szene so akzeptieren, wie sie ist – und von diesem Punkt aus die Veränderung entwickeln. Im Vergleich dazu gibt es die Art von Suchtprävention, bei der Jugendliche zum Beispiel mit Sport dazu bewegt werden sollen, durch sogenannte „sinnvolle Freizeitbeschäftigung“ problematischen Erfahrungen in der Partyszene erst gar nicht zu begegnen. In der Schweiz merkt man, dass dieses „Weglocken“ häufig nicht funktioniert. Daher haben wir einen glaubwürdigen Zugang zur Szene gesucht. weitere informationen Real DJ ist ein Angebot des Kompetenzzentrums Kind, Jugend, Familie KJF der Stiftung Jugendsozialwerk Blaues Kreuz BL. Das Kompetenzzentrum engagiert sich mit verschiedenen Dienstleistungen für Kinder, Jugendliche und Familien. Das KinderKraftWerk fördert kindergerechte Lebensräume. In sieben durch KJF geführte Jugendtreffpunkte können Jugendliche ihre Freizeit aktiv gestalten und die mobile Jugendarbeit & Streetwork lanciert Projekte im öffentlichen Raum. Die Jugend- und Familienberatung ist während 24 Stunden telefonisch erreichbar. Mehr Informationen unter www.kjf.ch


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Eine crossmediale Publikation der Xmedia Solutions AG III Unsere Psyche

artikel

Hilfsangebote nutzen Psychische Erkrankungen bedeuten nicht automatisch Arbeitslosigkeit und ein ewiges Leben als IV-Rentner. Allerdings stellen sie an alle Beteiligten grosse Herausforderungen, und die Gesetzeslage ist oft schwierig. Doch es gibt zahlreiche Anlaufstellen. IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII Von Otmar Rheinhold

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rbeiten, obwohl man psychisch krank ist? Nach einer längeren Unterbrechung wieder anfangen? Als junger Mensch mit psychischen Problemen gar zum ersten Mal überhaupt eine Arbeit aufnehmen? Kein Zweifel, psychische Erkrankungen mindern in vielen Fällen die Berufschancen erheblich. Hinzu kommt, dass sie oft von aussen nicht erkennbar sind und Betroffene oft wenig Verständnis von ihrer Umwelt, den lieben Kollegen und dem Arbeitgeber bekommen. Wer psychisch krank ist, hat in unserer Gesellschaft leider immer noch ein Stigma, und das wirkt sich besonders am Arbeitsplatz aus. Psychische Erkrankungen führen zudem oft in Zustände, die eine geordnete, von Eigeninitiative bestimmte Wiedereingliederung erschweren. Viele Erkrankte können die Erwartungshaltungen ihrer Umwelt ans „Funktionieren“ nicht erfüllen, sind oft auf Dauer nur beschränkt einsatzfähig. Betroffene brauchen deshalb Hilfe, Rat und Verständnis. Wer weiss, wo es die gibt, kann mit der Situation durchaus klarkommen.

Erkrankung im Job Wer im Job erkrankt – bei wem sich beispielsweise eine Angststörung oder eine Depression bemerkbar macht –, der dürfte auch heutzutage lange Zeit verstreichen lassen, über sein Problem zu sprechen. Zu gross sind die Anforderungen an Leistungsfähigkeit, Erreichbarkeit und allseitiger Flexibilität. Doch wer seine Situation zu lang verschweigt, macht alles noch viel schlimmer. Oft ist dann die

Chance vertan, mit dem Arbeitgeber gemeinsam nach einer Lösung zu suchen, und es folgt die Kündigung. Besser ist es, frühzeitig offen mit einer Vertrauensperson zu sprechen. Immerhin: Arbeitgeber haben per Gesetz die Pflicht, sich um die Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu kümmern. Früh sollte der Einbezug des betriebsärztlichen Dienstes mit dem Versicherungsträger des Arbeitnehmers erfolgen. So können Wiedereingliederungsmassnahmen, zum Beispiel die temporäre Reduktion des Arbeitsvolumens während einer Therapie, mit allen Beteiligten geklärt werden. Auch die Anmeldung bei der IV kann hilfreich sein, da zu ihren Aufgaben auch Frühinterventionen zur Verhinderung des Arbeitsplatzverlustes gehören. Natürlich sollte auch der Hausarzt konsultiert werden. Generell sollten Arbeitnehmer sich mit so früh wie möglich nach einer Diagnosestellung mit ihren Versicherungsträgern in Verbindung setzen, um Ansprüche abklären zu lassen

Wiederaufnahme der Arbeit Wer wegen einer psychischen Erkrankung länger nicht gearbeitet hat und wieder eine Beschäftigung sucht, sollte sich zunächst ehrlich selbst prüfen. Was ist für mich möglich? Was will ich? Gibt es Strukturen, die mich bei einem Rückfall auffangen? Gespräche mit Selbsthilfegruppen, mit Freunden, der Familie oder auch den behandelnden Ärzten helfen. Für die Unterstützung bei der Arbeitsaufnahme sind die AHV und die IV zuständig. Die Zuständigkeiten überschneiden sich hier, am besten suchen Betroffene das Gespräch mit beiden. Generell bietet jedoch die

IV eher individuelle Eingliederungsmassnahmen und konkrete Unterstützung auch finanzieller Art. Sie kann auch dabei helfen, eine Arbeitsstelle in einer geschützten Umgebung zu bekommen. Generell gilt: Je früher psychisch Kranke – solange sie grundsätzlich dazu in der Lage sind – wieder mit der Arbeitswelt in Berührung kommen, desto besser.

Der erste Job Auch bei jungen Menschen greifen im Prinzip dieselben Unterstützungsmassnahmen durch AHV und IV. Doch gerade junge Leute mit psychischen Problemen brauchen eine besondere Art der Berufsvorbereitung. Denn sie müssen nicht nur besonders intensiv fürs Leben fit gemacht werden, vielen fällt in ihrer Situation auch besonders schwer, überhaupt mit der Arbeitswelt zurechtzukommen. Pünktlich sein, sich einordnen, berufliche Stresssituationen sind schon für „normale“ Jugendliche echte Prüfungen. Für Jugendliche mit psychischen Problemen können sie zu riesigen Problemen werden. Zudem braucht es jemanden, der sie begleitet. Nicht zuletzt sollte der Arbeitgeber mitspielen und unterstützen. Es gibt Hilfseinrichtungen wie Tagesstätten, offene Projekte oder Wohnprogramme, die sich speziell an Jugendliche richten und ihnen den Einstieg ins Berufsleben erleichtern. Die Sozialberatung der Wohngemeinde und die behandelnden Ärzte und andere Fachpersonen können in der Regel helfen, sie zu finden. Sie sind auch erster Ansprechpartner, wenn es um Unterstützung im Umgang mit der IV geht.

Viele Hilfsangebote In der Schweiz ist der Zugang zu psychologischer Behandlung gut. Dennoch sehen sich Betroffene, gerade was das Arbeitsleben angeht, vor einem Dschungel an Herausforderungen. Zum Glück bieten zahlreiche Stellen Hilfe. Hier eine kleine Auswahl: Hausarzt oder -ärztin: Oftmals der erste Ansprechpartner. Dasselbe gilt für die Sozialberatung der jeweiligen Wohngemeinde. Auch seinen Versicherungsträger sollte der Arbeitnehmer früh kontaktieren. Zuständige IV-Stelle: www.ausgleichskasse.ch Die Stiftung Pro Mente Sana unterstützt die Anliegen psychisch kranker Menschen und berät umfassend auch bei Arbeitsplatzfragen: www.promentesana.ch Vermittlung von Selbsthilfegruppen: www.selbsthilfeschweiz.ch

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Organisationsbeitrag – Interview

„Sprungbrett ins Arbeitsleben“ Attraktive Ausbildungs- und Arbeitsplätze sowie eine umfassende Betreuung helfen psychisch Erkrankten, im Berufsleben wieder Fuss zu fassen. IV-Rentner hier im Haus einen geschützten Arbeitsplatz finden. Vermittlung ist vor allem für unsere Auszubildenden und für Personen in beruflichen Massnahmen ein Ziel. Gesucht wird dann nach Arbeitsplätzen, die ihren Neigungen und Qualifikationen entsprechen, so wie bei jedem anderen Arbeitnehmer auch.

Im Interview Heinz Eckardt, Leiter „Coaching + Wohnen“ bei der Gesellschaft für Arbeit und Wohnen (gaw)

Welche Lösungen bieten Sie psychisch erkrankten Menschen für ihren (Wieder-) Einstieg ins Berufsleben an? Wir als Gesellschaft für Arbeit und Wohnen (gaw) bieten Lösungen für die Arbeits- und Wohnintegration von Menschen mit Beeinträchtigungen der Arbeitsleistung und der Alltagsbewältigung an. Zu diesem Zweck betreiben wir professionelle und marktorientierte Betriebe zum Beispiel in den Bereichen Gastronomie und Lebensmittelproduktion. Wohin genau vermitteln Sie Ihre Klienten? Nicht für alle ist es das Ziel, sie zu vermitteln. Wir verstehen es auch als Integration, wenn

Warum ist Arbeitsintegration so wichtig? Die Eingliederung in die Arbeitswelt ist ein entscheidender Baustein der gesellschaftlichen Integration und zur Wiederherstellung und Aufrechterhaltung der Gesundheit, hier greifen soziale Aspekte. Wenn die Menschen direkt am Markt arbeiten, zum Beispiel im Restaurant oder in der Eisfabrik, dann gibt es dort Kundschaft und auch mal Zeitdruck. Das ist echte berufliche Integration und keine Arbeitsbeschaffungsmassnahme. So unterstützen wir die Entwicklung hin zu mehr Selbstverantwortung und Selbstständigkeit und erreichen eine Verbesserung der Lebensqualität. Was ist das Optimum für Ihre Klienten? Die Integration in den ersten Arbeitsmarkt. Hier werden die Menschen durch die gaw betreut, arbeiten aber ausserhalb. Man spricht hier von „Supported Employment“. Die Teilnehmer dieses Programms weisen eine erhöhte gesundheitliche Stabilität und Belastbarkeit auf. Das Arbeitsverhältnis wird in der Regel mit der gaw geschlossen. So ist eine Rückkehr zu uns und bei Bedarf in den zweiten Arbeitsmarkt gewährleistet, falls der Arbeitsplatz durch eine krisenhafte Entwicklung in Gefahr gerät.

Gilt ein ähnliches Prinzip für Ausbildungsplätze? Ja, entsprechend gibt es bei uns die „Supported Education“. Bei dieser Ausbildungsform findet der praktische Teil der Ausbildung nicht im geschützten Rahmen der gaw, sondern in einem Betrieb des ersten Arbeitsmarktes statt. Die gaw unterstützt dabei sowohl die Auszubildenden als auch den Ausbildungsbetrieb durch Beratung, begleitendes Coaching und Stützunterricht.

innerhalb des Arbeitsverhältnisses funktioniert. Bei Kündigung oder wenn kein Arbeitsvertrag besteht, wird mit der IV besprochen, was möglich ist. Dann wird versucht, die Berufsfähigkeit wieder herzustellen. Idealerweise kann man die Arbeitsfähigkeit bei uns im Haus auf 100 Prozent steigern. Dabei müssen aber realistische Ziele ausgearbeitet werden – und es gilt auch, mit Rückschlägen zurechtzukommen.

Wie sind die Aussichten für die Auszubildenden in der gaw? Jedes Jahr verlassen uns 20 bis 30 Personen nach Abschluss ihrer Ausbildung. Für gewöhnlich finden weit über die Hälfte eine Arbeitsstelle oder eine weiterführende Ausbildung.

Welche Veränderungen können Sie derzeit in Ihrem Bereich beobachten? Eine Entwicklung, die Mut macht, ist, dass man heute viel offener über psychische Krankheiten reden kann als noch vor 20 Jahren. Das ist natürlich für die Integration ganz wichtig.

Mit welchen Herausforderungen werden Ihre Klienten konfrontiert? Es gibt eine höhere Anfälligkeit für Störungen: Eine Person kommt beispielsweise morgens plötzlich nicht mehr aus dem Bett, oder aufgrund ihres Verhaltens gibt es Konflikte am Arbeitsplatz. Wenn die Kollegen und Arbeitgeber geschult sind, ist das aber kein Problem. Man muss nur wissen, dass die Leistung bei Menschen mit psychischen Erkrankungen auch mal eingeschränkt sein kann und nicht immer auf gleichem Niveau abgerufen werden kann.

Wie genau sieht eine erfolgreiche Integration aus? Integration bezieht sich nicht nur auf den ersten Arbeitsmarkt, sondern durchaus auch auf geschützte Arbeitsplätze. Das EingebundenSein in die menschliche Gesellschaft sowie in Produktionsprozesse ist auch in der gaw gegeben. Und soziale Kontakte, Freundschaft und Feindschaft – das gibt es hier genauso wie in der freien Wirtschaft.

Wie sieht das konkrete Vorgehen bei einer Erkrankung aus? Ist der Betroffene noch im Arbeitsverhältnis, dann kann er nach vier Wochen Krankheit bei der IV angemeldet und aktiv werden. Zunächst wird überprüft, ob eine Weiterbeschäftigung

www.gaw.ch


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artikel

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Wenn Substanzkonsum durch eine psychiatrische Erkrankung ausgelöst wird

Betreutes Wohnen hilft Suchtkranken beim Übergang in ein normales Leben

Zwischen Suchterkrankungen und psychischen Störungen gibt es eine Wechselwirkung. Eine zeitgemässe Suchttherapie sollte ganzheitlich ansetzen.

Auch nach Entzug und Entwöhnung brauchen Suchtkranke weitere Nachsorge, um nicht rückfällig zu werden. Einrichtungen der Wohnintegration können dabei helfen, den Übergang in einen selbstständigen Alltag zu bewältigen.

IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII VON Gabriele Hellwig

E

ine Doppeldiagnose ist nicht selten: Komorbiditäten treten besonders oft bei psychiatrischen Erkrankungen und Suchterkrankungen auf. So haben beispielsweise Patienten mit Schizophrenie im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung nachweislich ein erhöhtes Risiko an einer Alkohol- oder Drogensucht zu erkranken. Die Ursachen sind vielfältig: Genetische Faktoren spielen eine wichtige Rolle in der Ausbildung einer Psychose oder Suchterkrankung. Verschiedene Studien zeigen, dass bei Patienten mit einer Doppeldiagnose Familienangehörige häufig ebenfalls unter affektiven Störungen leiden.

Faktor Persönlichkeit Die Persönlichkeit ist von genau so grosser Bedeutung, wenn es um das Auftreten von Suchterkrankungen und psychiatrischen Er-

krankungen geht. Es gibt Belege dafür, dass Persönlichkeitsfaktoren wie Impulsivität oder Enthemmung mit einer erhöhten Häufigkeit von Substanzmittelkonsum bei psychiatrischen Erkrankungen korrelieren. Ferner ist Suchtmittelkonsum eine Möglichkeit, um zum Beispiel die Symptome einer Depression zu mildern. Vorübergehend verschwinden Gefühle wie Trauer, Langeweile oder Einsamkeit.

Ganzheitlich betrachten Weder die Suchterkrankung, noch die psychiatrische Erkrankung darf allein behandelt werden. Der Patient muss immer ganzheitlich betrachtet werden – nur so verspricht die Behandlung Erfolg. Es ist wichtig, für jeden Patienten ein individuelles Behandlungsmodell zu erstellen - unter Berücksichtigung der Biografie, der aktuellen Lebenssituation, des familiären und sozialen Umfeldes, sowie seiner Probleme und Ressourcen. Am Anfang jeder Therapie steht immer die Selbsteinsicht des Patienten, dass beide Krankheiten vorliegen. In der Therapie lernt der Patient dann einerseits Rückfall gefährdende Situationen zu vermeiden und andererseits ein gesundes Verhalten, das die Lebenszufriedenheit erhöht.

IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII VON Peter Mueller

I

n der Therapie von Suchterkrankungen wie etwa Alkohol-, Cannabis- oder Heroinsucht, kommt der Zeit nach der akuten Entwöhnung in Spezialkliniken eine grosse Bedeutung zu. Es ist wichtig, die Betroffenen nicht wieder auf sich alleine gestellt in die alten Lebensumstände zu entlassen. Begleitete und betreute Wohnsituationen bieten dagegen ein geregeltes Umfeld. Unterstützung ist jederzeit verfügbar und es wird darauf geachtet, einen strukturierten Ta-

gesablauf einzuüben. Auf der anderen Seite stehen ebenso Raum und Zeit zur selbstständigen Gestaltung des eigenen Lebens zur Verfügung, sodass eigene Kompetenzen gestärkt werden können. Neben der Betreuung der Suchterkrankung wird grosser Wert auf eine psychosoziale

Begleitung gelegt. Wohnintegration kann auf diese Weise ein Sprungbrett zu unabhängigem Wohnen sein. Für Menschen mit chronischen Abhängigkeitsstörungen oder eingeschränkten Entwicklungsperspektiven stellen solche Wohnangebote auch eine dauerhafte Lösung dar.

Abstinenz ist die Grundvoraussetzung für eine Aufnahme Die Aufnahme in ein integriertes Wohnprojekt ist Teil der Nachsorgephase bei Suchterkrankungen, nachdem Entgiftung und Entwöhnung bereits durchlaufen worden sind. Die Bereitschaft zur Abstinenz ist dementsprechend eine Grundvoraussetzung für die Aufnahme in eine Wohngruppe. Die gesundheitliche Verfassung der Betroffenen sollte ebenfalls schon grundlegend stabil sein, damit die Anforderungen des Alltags weitgehend selbstständig bewältigt werden können. Im Verlauf des Aufenthalts werden konkrete Zielvereinbarungen bearbeitet. Von einer intensiv betreuten Gruppe im Haus kann der Weg dabei zu einer offeneren Aussenwohngruppe führen. Gegenseitiges Verständnis und Unterstützung durch Mitbewohner mit ähnlichen Erfahrungen helfen bei der Verarbeitung des Erlebten.

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Organisationsbeitrag – Interview

„Vier Wohnformen für Suchtkranke unter einem Dach“ Das Rütihus in Frenkendorf unterstützt Menschen mit Suchtproblemen dabei, ein drogenfreies Leben zu beginnen. Seit 1999 bietet die Institution Betroffenen unterschiedlicher Altersgruppen vorübergehend oder langfristig einen „Beziehungsort“. Was ist das Besondere an Ihrem Konzept? Unsere Institution besteht aus vier Angeboten: einem Wohnheim, einer Krisenstation, einer Aussenwohngruppe sowie einer Langzeit-Aussenwohngruppe. Wesentlich dabei ist, dass die verschiedenen Wohnformen wie ein Reissverschluss miteinander verzahnt sind und sich gegenseitig positiv beeinflussen. Die Leistungsangebote der jeweiligen Wohnform sind nicht starr, sondern werden den individuellen Bedürfnissen der Klienten und Pensionäre angepasst und richten sich nach Lebenssituation und individuellem Ziel der eintretenden Personen. Wie unterscheiden sich die einzelnen Wohnformen voneinander? Unser Wohnheim wendet sich an Frauen und Männer bis ins hohe Alter, die aufgrund von Suchtproblemen beziehungsweise psychiatrischen Diagnosen vorübergehend oder längerfristig in ihrer Alltagsbewältigung auf Hilfe und Anleitung angewiesen sind. Ihnen bieten wir ein betreutes, begleitetes und aktivierendes Wohnen inklusive individueller Förderplanung. Vor allem die Arbeit mit Bezugspersonen und lebenspraktische Themen wie Hygiene, Mobilität und soziale Kontakte werden dabei grossgeschrieben. Zur Zielgruppe der Krisenstation zählen insbesondere Personen mit einer akuten Abhängigkeit von Alkohol- beziehungsweise illegalen Drogen. Auch Klienten im Methadonprogramm werden im Rütihus therapeutisch betreut. Für die sozialarbeiterischen Belange ist jeweils eine interne Bezugsperson zuständig. Und für wen bieten sich die Aussenwohngruppen an? Vor allem geht es ja darum, den Ausstieg und eine stabile Basis für eine Neuorientierung zu schaffen. Diese Wohnform richtet sich an Personen, die sich nach einem stationären Aufenthalt in der Krisenstation einem selbstständigeren und suchtfreien Leben zuwenden möchten. Hierfür ist jedoch eine günstige Prognose für ein zukünftiges, drogenfreies Leben Voraussetzung. Noch weiter geht die Langzeit-Aussenwohngruppe. In kleinen Wohneinheiten werden Klienten und Klientinnen zeitlich unbefristet in Begleitung einer Bezugsperson an eine feste Ta-

gesstruktur gewöhnt. Für die Tagesklienten sind Förder- und Therapieprogramme des Rütihus‘ und bei Krisen sogar stationäre therapeutische Programme nutzbar.

Die Bewohner möchten in erster Linie ihre Suchterkrankung bekämpfen, mit dem Ziel, das eigene Leben wieder in den Griff zu bekommen. Dies bedeutet zunächst, den Ausstieg aus der Abhängigkeit zu schaffen. Langfristiges Ziel ist ein selbstständigeres Leben. Die Klienten wollen nach überstandener Krise die gewachsenen Beziehungen und die begonnenen Prozesse für die Weiterentwicklung nutzen. Worin liegen die Ursachen für eine Suchterkrankung? Grundsätzlich lässt sich sagen, dass Suchtkrankheiten nicht vom Himmel fallen. Die Gründe für den Einstieg in die Sucht liegen oft lange zurück und werden in Einzel- oder Gruppentherapien geklärt. In der Therapie werden sowohl die Herkunftsfamilie als auch die eigene Familie mit einbezogen, da Sucht nicht ohne den Kontext des Umfelds betrachtet werden kann.

Mit welchen Therapien arbeiten Sie im Rütihus? Bei uns kommen verschiedene, sich ergänzende Methoden zum Einsatz. Diese reichen von der systemischen Therapie über psychosoziales Coaching bis hin zu sozialtherapeutischer Betreuung. Sowohl professionelle ambulante Unterstützungssysteme als auch spezifische interne Angebote wie Gewaltberatung, Focusing und die Traditionelle Chinesische Medizin werden miteinbezogen. Mithilfe eines vernetzten, interdisziplinären Teams können wir unseren Bewohnern so einen stabilen Boden für den Weg in ein suchtfreies und selbstbestimmteres Leben bieten.

Was hat sich in den letzten Jahren beim Konsum von Drogen verändert? Das Rütihus ist eingebettet in ein breitgefächertes Angebot des Suchthilfesystems der Kantone Baselland und Baselstadt. In verschiedenen Fachgruppen werden die einzelnen Angebote vernetzt und die aktuellen Entwicklungen diskutiert mit dem Ziel das Hilfsangebot bedarfsgerecht anzupassen. Aktuell stehen die Themen Rauschtrinken bei Jugendlichen, Alter und Sucht sowie Verhaltenssüchte wie zum Beispiel Internetsucht oder Spielsucht im Vordergrund. Im Rütihus sehen wir aktuell Handlungsbedarf beim Thema „Alter und Sucht“. Das Wohnkonzept unserer Langzeit-Aussenwohngruppe ist der Versuch, für dieses Klientel ein adäquates Betreuungsangebot zur Verfügung zu stellen. Im Interview Bernd Beutel, Leiter des Rütihus in Frenkendorf

Mit welchen Hoffnungen kommen die Menschen mit Suchtproblemen zu Ihnen?

www.ruetihus.ch


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Eine crossmediale Publikation der Xmedia Solutions AG III Unsere Psyche

artikel

Mit kombinierter Therapie chronischen Schmerzen zu Leibe rücken Die Behandlung chronischer Schmerzen stellt oft ein grosses Problem dar, da die Ursachen oft nicht komplett geklärt werden können. IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII Von Peter Mueller

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atienten mit chronischen Schmerzen stehen oft unter grossem Rechtfertigungsdruck. Sie können leicht das Gefühl bekommen, dass man ihnen ihre Schmerzen nicht abnimmt. Gerade, wenn bei „hartnäckigen Rückenschmerzen“ kein klarer körperlicher Grund diagnostiziert werden kann, führt dies schnell zu neuen Ängsten und Unsicherheiten bei den Betroffenen. Dabei sind oft psychische Faktoren an der Ausprägung lang anhaltender Schmerzen beteiligt. Das heisst allerdings nicht, dass die Schmerzen eingebildet oder weniger echt sind. Zur erfolgreichen Schmerztherapie gehören deshalb nicht nur körperliche Untersuchungen und Massnahmen wie Physiotherapie, sondern auch die Suche nach akuten, aber möglicherweise auch länger zurückliegenden mentalen Ursachen für wiederkehrende Schmerzen.

Viele Ursachen für chronische Schmerzen Chronische Schmerzen können viele Gründe haben. Durch jahrelange Fehlhaltungen etwa am Arbeitsplatz, können sich orthopädische Probleme ausprägen. Der Bewegungsapparat verschleisst mit zunehmendem Alter und kann zum Beispiel eine Arthrose, also eine Veränderung der Gelenke durch eine andauernde Belastung, ausprägen. Ebenso könnte eine rheumatische

Erkrankung oder eine Schilddrüsenfehlfunktion für diffuse Schmerzen verantwortlich sein. Auch Medikamente können Schmerzen als Nebenwirkung mit sich bringen, wie etwa Cholesterin senkende Arzneimittel. Nicht zuletzt verursachen Gefäss- und Nervenkrankheiten oder Tumore manchmal andauernde Schmerzen. Besonders schwierig sind Fälle, in denen keine klare körperliche Ursache identifiziert werden kann.

Bei Schmerzen in verschiedenen Körperregionen kommt das Fibromyalgiesyndrom infrage Das Fibromyalgiesyndrom (FMS) ist eine Krankheit, die durch chronische Schmerzen an verschiedenen Körperteilen charakterisiert ist. Es bestehen also zum Beispiel nicht nur Schmerzen im Rückenbereich, sondern auch in Armen und Beinen und in Brust oder Bauch. Wörtlich steht Fibromyalgie für „Faser-Muskel-Schmerz“. Zu den Symptomen zählen auch anhaltende Müdigkeit und Schlafstörungen. Für Patienten ist das eintretende Gefühl der Ohnmacht neben den Schmerzen selbst besonders belastend. Sie haben das Gefühl, ihren Schmerzen ausgeliefert zu sein, da keine klare, behandelbare Ursache erkennbar ist. Oft reihen sich viele Besuche bei Fachärzten aneinander, bis im Durchschnitt nach etwa drei bis fünf Jahren die Diagnose FMS gestellt wird. Etwa zwei Prozent der Menschen

sind davon betroffen. Die Krankheit tritt vor allem im mittleren Lebensalter zwischen 40 und 60 Jahren auf, wird in selteneren Fällen aber auch bei Kindern und Jugendlichen oder Senioren diagnostiziert. Frauen sind häufiger betroffen als Männer. Die Ursachen sind bis heute ungeklärt. Es wird aber ein Einfluss mehrerer Umstände, wie zum Beispiel persönliche Veranlagung, dauerhafte Überlastung, schlimme Lebensereignisse oder schlecht verarbeiteter Stress vermutet.

Mit Physio- und Psychotherapie gegen Schmerzen Zur Behandlung dieses Syndroms – aber auch anderer chronischer Schmerzen – wird regelmässiges leichtes körperliches Training empfohlen. Geeignete Übungen können in physiotherapeutischen Sitzungen eingeübt werden. Permanente Anspannung der Tiefenmuskulatur und damit verbundene Versteifungen und Verkürzungen von Muskelpartien können in diesem Zusammenhang ebenfalls Gründe für chronische Schmerzen sein. Daneben ist aber auch die Behandlung der psychischen Situation der Patienten wichtig. Ein bewusster Umgang mit den eigenen Schmerzen kann bereits zu einer Verbesserung des Befindens führen. Statt eines Ankämpfens gegen die Beschwerden zielen psychotherapeutische Massnahmen auf eine Akzeptanz des Schmerzes und ein „Loslassen“

im Umgang damit. Neben solchen verhaltenstherapeutischen Ansätzen ist aber auch die Erforschung der psychischen Hintergründe der Patienten wichtig. Traumatische Erlebnisse in der frühen Kindheit wie der Tod eines nahen Angehörigen können an einer Veranlagung zu chronischen Schmerzen ebenso beteiligt sein wie zwischenmenschliche Probleme am Arbeitsplatz. Auch wer sich immer zusammenreisst und eigene Gefühle nicht zeigt, wenn etwa Familienmitglieder oder Freunde eine schwere Krankheit durchleiden, kann unter Umständen ein dauerhaftes Schmerzempfinden entwickeln. Das Auffinden, Anerkennen und Bearbeiten solcher psychischer Faktoren kann in manchen Fällen der erste Schritt zu einer Besserung der Beschwerden sein.

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klinikbeitrag

Neue Wege für Patientinnen und Patienten mit chronischen Schmerzen

In Zusammenarbeit mit den Psychiatrischen Diensten Baselland wurde mit der Konventionellen multimodalen Schmerztherapie (MMST) ein Konzept für eine intensive stationäre Gruppentherapie entwickelt, die im Kantonsspital Baselland am Standort Laufen seit Juli 2013 angeboten wird. Gemäss einer grossen Telefonumfrage (Medical Tribune 2010) leiden 16 Prozent der erwachsenen Schweizer unter chronischen, nicht tumorbedingten Schmerzen. Schlussfolgerung: „Trotz Behandlung haben viele Schmerzpatienten weiterhin starke bis sehr starke Schmerzen, da sie nicht ausreichend therapiert sind!“ Das Angebot an Schmerzmedikamenten steigt, und der Verbrauch nimmt ständig zu. Dank der medizinischen Entwicklung erweitern sich auch die Möglichkeiten in anderen Bereichen (interventionelle Schmerztherapie, operative Disziplinen). Tatsache ist aber auch, dass bei den meisten dieser Massnahmen der Patient selber passiv bleibt.

Dieses Prinzip umzudrehen, also den Patienten zu einem aktiven Umgang mit sich und seinem Schmerz zu befähigen, ist das Ziel unseres Behandlungskonzeptes. In der Klinik für Schmerztherapie durchlaufen die Teilnehmer während drei Wochen in kleinen Gruppen (maximal acht Personen) ein abgestimmtes Programm aus psycho- und physiotherapeutischen Einheiten. Schwerpunkte liegen dabei in der Wissensvermittlung, in der Förderung der Behandlungs- und Veränderungsmotivation, in der Unterstützung bei der Krankheitsbewältigung, in der Reduktion von Ängsten, in der Verhinderung von Resignation sowie in einer Orientierung für zu Hause im Sinne der körperlichen und psychischen Konditionierung. Ergänzt werden diese aktivierenden Therapien durch die Medizinische Trainingstherapie, durch Entspannungs- und Atemtherapie sowie durch Aktivitäten im Aussenbereich und im Umfeld des Spitals. Nach einem halben Jahr ist eine sogenannte „Booster-Woche“ vorgesehen, während derer die Patienten das Erlernte nochmals auffrischen und die eventuell zu Hause aufgetretenen Schwierigkeiten aufarbeiten können. Ein weiterer Unterschied zu anderen stationären Abläufen liegt in der konsequenten Umsetzung einer interdisziplinären Arbeitsweise. Die Entscheidungen über die durchzuführenden diagnostischen oder therapeutischen Massnahmen trifft immer das Team aus ärztlichem Leiter, Psychologen, Internisten, Physiotherapeuten und Pflegefachkraft mit Schmerzausbildung. Nach dem Motto „Ein Patient – ein Team – ein Therapieziel“ werden die Patienten so mit ihrem

Schmerz aufgefangen und auf den Weg zu einer möglichst grossen Selbstständigkeit begleitet. Für dieses intensive Training mit circa 75 Therapieeinheiten in drei Wochen wurde eine

komplette Station am Standort Laufen neu gestaltet. Auch hierbei wurde auf eine konsequente Abgrenzung gegenüber den üblichen stationären Verhältnissen geachtet. Die Zimmer haben Hotelcharakter, und grosszügig angelegte Gruppenbereiche zielen, genauso wie die Speisenversorgung in der Cafeteria des Spitals, auf eine möglichst starke Eigenaktivität der Patienten ab. Vorgaben für das Wochenende und für abendliche Aktivitäten dienen der Integration sowie einer Strukturierung des Tagesablaufs.

Da die Therapie innerhalb einer festgelegten Gruppe wesentlicher Bestandteil des Gesamtkonzeptes ist, füllen die Patienten nach Anmeldung einen ausführlichen Fragebogen aus, der unter anderem der Beurteilung dient, inwieweit die Patienten von einer Gruppentherapie profitieren können. Angesprochen sind Chronische Schmerzpatienten mit einer deutlich erkennbaren oder drohenden Beeinträchtigung der Lebensqualität und/oder der Arbeitsfähigkeit, mit Fehlschlag

einer vorherigen unimodalen Schmerztherapie, eines schmerzbedingten operativen Eingriffs oder einer Entzugsbehandlung sowie mit bestehender Medikamentenabhängigkeit oder einer schmerzunterhaltenden psychischen Begleiterkrankung. autor Dr. med. Thomas Blaettner, Chefarzt Klinik für Schmerztherapie Kantonsspital Baselland Laufen


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artikel

Multiple Sklerose und die Seele Bei einer schweren oder chronischen Krankheit müssen die Betroffenen oft erst lernen, wie sie damit umzugehen haben. Die Diagnose, an einer chronischen Krankheit erkrankt zu sein, führt oft dazu, dass neben der Krankheit auch plötzlich Ängste aufkommen. IIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIIII VON Eva Herzog

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ultiple Sklerose, kurz MS, wird auch als die Krankheit mit den 1‘000 Gesichtern beschrieben. Derzeit sind in der Schweiz circa 10‘000 Menschen, also jeder Siebenhundertste

davon betroffen, wobei Frauen doppelt so häufig daran erkranken wie Männer. Bei achtzig Prozent der Erkrankten tritt MS im Alter zwischen zwanzig und vierzig Jahren auf und ist in diesem Alter die häufigste, neurologische Erkrankung.

Die Diagnose MS zieht häufig Gefühle von Angst, Hilflosigkeit und Hoffnungslosigkeit mit sich. Gerade bei anhaltenden körperlichen Schmerzen gehört Depressivität häufig als Begleiterkrankung dazu. Psychische Störungen können sich auch in einer Verstärkung der Symptome niederschlagen, oder es können unerklärlich scheinende Symptome hinzukommen. Die Patienten fühlen sich in ihrem Leben eingeschränkt und müssen häufig erst mit psychologischer Hilfe lernen, mit ihrer Krankheit umzugehen. Hilfreich sind hier kombinierte Therapien, einschliesslich Funktionstherapien und dem Austausch mit anderen Betroffenen innerhalb von Selbsthilfegruppen. MS zu diagnostizieren erweist sich häufig als schwierig, da die Erkrankung viele Symptome aufweist. Die gute Nachricht ist, dass MS weder tödlich, noch ansteckend ist und dass das viel gefürchtete Leben im Rollstuhl auch keine zwangsläufige Folge der Krankheit ist.

Was passiert im Körper? Die Multiple Sklerose ist eine Entzündung des Nervensystems, die meist im frühen Erwachsenenalter beginnt. Wenn das Gehirn Signale über das Rückenmark zum Körper sendet oder von dort welche empfängt, so werden diese durch verschiedene Nervenfasern geleitet, die ähnlich wie ein elektrisches Kabel von einer Isolierschicht umgeben sind. Die Isolierung besteht hier nicht aus Gummi oder Silikon, sondern aus Myelin. Eine Entzündung in diesem Bereich führt dazu, dass die Nervenimpulse nicht

(mehr) richtig übertragen werden. In der Folge entstehen dadurch häufig Missempfindungen, Kribbeln oder Sehstörungen. Auch stolpern, Nervenschmerzen bis hin zu Muskellähmungen können mögliche Folgen im Verlauf von Multipler Sklerose sein.Warum es zu diesen Entzündungen kommt, ist noch nicht bekannt. Vermutet wird, dass unter anderem das Immunsystem der Patienten stellenweise falsch „programmiert“ ist, Mediziner sprechen von einer Autoimmunerkrankung. Umwelteinflüsse, aber auch erbliche Komponenten werden als Ursachen diskutiert.

Die Krankheit ist kaum planbar Typisch für MS ist ihr schubweises Auftreten. Dabei können die Beschwerden innerhalb weniger Tage plötzlich zunehmen und sich innerhalb einiger Wochen wieder zurückbilden, oder aber sie sind über einen langen Zeitraum schleichend und nehmen dabei weiter zu. Bei frühzeitiger Diagnose und Behandlung, können die Schübe reduziert werden. Bei später Diagnose können die Schübe hingegen häufiger vorkommen und die Symptome weiter zunehmen. Diagnostiziert wird MS anhand einer gründlichen, körperlichen, wie auch neurologischen Untersuchung. Eine Untersuchung mittels EEG überprüft bestimmte Muster bei der Rücksendung von Impulsen, zum Beispiel an Hör- und Sehnerven, die auf MS hinweisen können. Aber auch Verfahren wie MRT oder Liquoruntersuchungen helfen dabei, den Verdacht auf MS zu bestätigen oder auszuschliessen.

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interview

„Den psychischen Aspekten von MS mehr Beachtung schenken“ Multiple Sklerose ist weder heilbar, noch ist der Krankheitsverlauf vorhersehbar. Diese Ungewissheit ist sowohl für die Betroffenen als auch für deren Angehörige belastend. Multiple Sklerose, kurz: MS, gilt als unheilbar – wie gehen Betroffene und deren Angehörige mit der Diagnose um? Zu Beginn steht auf beiden Seiten meist ein Diagnoseschock. Welche Folgen, welche Veränderungen diese entzündliche Erkrankung des zentralen Nervensystems mit sich bringt, ist da noch vollkommen unklar. Während die einen in eine Schockstarre verfallen, oder die Diagnose einfach nicht wahr haben wollen, informieren sich die anderen ausgiebig über den Krankheitsverlauf. Es gibt jedoch keinen typischen Krankheitsverlauf bei MS, die Beschwerden sind von Patient zu Patient unterschiedlich. Es kann neben Sehstörungen zu Gefühlsstörungen, Nervenschmerzen, Störungen der Blasenentleerung sowie zu Lähmungserscheinungen kommen, die unter anderem das Gehen beeinträchtigen können. Problematisch für den Patienten ist, dass MS in der überwiegenden Zahl der Fälle schubförmig verläuft und nicht vorausgesagt werden kann, wann und für wie lange der Schub erfolgt und welche Symptome auftreten werden. Das sorgt für erhebliche Unsicherheiten aufseiten des Patienten und der Angehörigen. Wie wirkt sich der unklare Krankheitsverlauf auf die Psyche der Patienten aus? Er wird als sehr belastend erlebt. Bei circa 50 Prozent der Patienten besteht die Wahrscheinlichkeit, eine Depression zu entwickeln. Da es bei der MS – stark vereinfacht dargestellt – aufgrund der Zerstörung der Isolierschicht der Nervenfasern zu einer verminderten Signalübertragung von einer Zelle zur anderen kommt, können Gehirnbereiche betroffen sein, die für die Aufrechterhaltung bestimmter Stimmungslagen

verantwortlich sind. Ist das der Fall, kann es zu einer negativen Grundstimmung oder auch zu Angststörungen kommen. Ebenfalls typisch ist in diesem Zusammenhang eine abnorme Ermüdung, medizinisch Fatigue genannt. Sie kommt bei 80-90 Prozent der Betroffenen vor. Welche Folgen haben Fatigue und die weiteren körperlichen Veränderungen für die Betroffenen? Die körperlichen Veränderungen verhindern in der Regel eine ‚normale‘ Teilnahme am sozialen, gesellschaftlichen und beruflichen Leben, die Patienten sind deutlich eingeschränkt. Durch die Fatigue beispielsweise sind die Betroffenen über den Tag verteilt nur noch für wenige Stunden leistungsfähig, bevor eine abnorme Erschöpfung einsetzt, während derer sie sich ausruhen und/oder schlafen müssen. Eine volle Arbeitsfähigkeit ist dadurch nicht mehr möglich, eine frühe Verrentung oder auch eine Teilverrentung, ist häufige Folge. Welche Auswirkungen haben diese Veränderungen auf die Angehörigen? Das Freizeitverhalten der Betroffenen ändert sich ebenso zwangsläufig, wie der Aktionsradius und meist auch der Freundeskreis. Mit dieser allumfassenden Veränderung des bisherigen Lebensstils können nur wenige Patienten relativ problemlos umgehen – und deren Angehörige eben so wenig. Auch bei ihnen sind alle Lebensbereiche betroffen und die Ungewissheit über Verlauf und Symptome nagt ebenfalls an ihnen. Sie machen alle Aufs und Abs mit und machen sich Gedanken über die Zukunft. Es beschäftigen sie Fragen wie: Wie erkläre ich es den Kindern? Wird das Einkommen bei einem verminderten

Beschäftigungsgrad reichen? Muss ich meinen Partner später pflegen? Wo erhalten Betroffene und Angehörige Unterstützung? Die behandelnden Ärzte sind natürlich eine wichtige Anlaufstelle. Zusätzliche umfangreiche und unabhängige Aufklärung und Unterstützung gibt es beispielsweise von der Schweizerischen Multiple Sklerose Gesellschaft, kurz: MS-Gesellschaft. Sie informiert über den Stand der Forschung, Medikamenteneinnahmen, Umgang mit den Kindern und den psychischen Erkrankungen. Sie unterstützt ebenfalls mit einem Case-Management, dass die Eingliederung des MS-Patienten ins Berufsleben in Zusammenarbeit mit dem Arbeitgeber regelt. Generell lässt sich sagen, dass den psychischen und psychosozialen Aspekten der Erkrankung mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden sollte. Das Netzwerk aus Psychologen, Sozialarbeitern, Ärzten, Arbeitgebern, Angehörigen und Freunden sollte mehr gestärkt werden, damit die Betroffenen besser und mit weniger Sorgen leben können. Welche therapeutischen Möglichkeiten stehen den Patienten zur Verfügung? MS ist nicht heilbar, aber die Symptome sind behandelbar. Es gibt inzwischen verschiedene Wirkstoffe, die den Verlauf positiv beeinflussen und beispielsweise die Schübe unterdrücken beziehungsweise den Krankheitsverlauf insgesamt positiv beeinflussen können und die auch in der Langzeittherapie zum Einsatz kommen. Im Rahmen der symptomatischen Therapie werden beispielsweise Spastiken, Lähmungen oder

Schmerzen behandelt. Im psychischen Bereich wird versucht, speziell an die MS-Erkrankung orientierte Therapien zu etablieren. Gerade in diesem Bereich unterstützt die MS-Gesellschaft die Zusatzqualifikation von Psychotherapeuten.

Im Interview Prof. Dr. Pasquale Calabrese, Professor für Neurowissenschaften an der Universität Basel, Fachberatung Neuropsychologie, Verhaltensneurologie und Psychotherapie bei der MS-Gesellschaft


PK 80-8274-9 www.multiplesklerose.ch

UnserePsyche 0514 baz  
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