Issuu on Google+

Macht Europa

07-2012

1


Macht Europa

EU, ihm schmeckt´s nicht! Bürger verschmähen EU-Berichterstattung „Nervenkampf um den Euro“, „EZB diskutiert Notmaßnahmen“, „Gauck unterzeichnet ESM und Fiskalpakt vorerst nicht“ - derzeit sind vor allem Finanzund Wirtschaftskrise die Top-Themen Europas. Meldungen über die Agrarpolitik - weil da viel Geld im Spiel ist -, Außenbeziehungen, also das Verhalten der EU gegenüber Unrechtsstaaten wie Syrien, und alles was mit Verbraucherschutz zu tun hat, gehören ebenfalls zur täglichen Arbeit eines Brüssel-Korrespondenten. Ein großer Themenstrauß - doch was kommt davon beim Bürger an? Je nach Interessenslage wohl eher weniger als mehr. Denn es gibt ein großes Problem mit dem das Berichtsfeld EU zu kämpfen hat: „Es ist kompliziert, verästelt, schwer zu durchschauen. Und wenn man keine Lust darauf hat, nach- oder mitzudenken, wird es schwierig. Diese Leute wandern dann zu den RTL-Nachrichten ab...“ sagt Korrespondentin Birgit Schmeitzner.

Zahlen und Reformen langweilen den Bürger Viele Meldungen schaffen erst gar nicht den Sprung in den Fokus der Öffentlichkeit. Schmeitzner nennt die Fischereireform. Ein wichtiges Projekt, welches den Fortbestand der begrenzten Ressource Fisch garantieren soll, aber dennoch den meisten Bürgerinnen und Bürgern unbekannt sein dürfte. Gleiches gilt für Meldungen mit zu vielen Zahlen sowie für Themen, die lieb gewordene Klischees widerlegen, beispielsweise die EU-Gurken-Krüm-

2

mungsnorm oder die Breite von Traktorensitzen. Dieser beschäftigt sich lieber mit Sendungen zu Herzflimmern, Stürmen der Liebe oder Wegen zum Glück. So fristen ausführliche Debatten, beispielsweise über die Aufnahme der Türkei in die EU, ihr Nischendasein auf Phoenix, anstatt an prominenter Stelle in den öffentlich rechtlichen Hauptprogrammen präsentiert zu werden. Es fällt leicht, gerade den öffentlich rechtlichen Fernsehsendern mangelndes Pflichtbewusstsein vorzuwerfen, besitzen diese doch einen eindeutigen Bildungsauftrag. Das öffentlich rechtliche Fernsehen sollte nicht an die Quote gebunden sein, heißt es. Andererseits liegt es bestimmt auch im Interesse der Gebührenzahler, dass ihr Geld zur Produktion von Sendungen verwendet wird, die sie auch interessieren. Die alleinige Präsentation von Nachrichten über Europapolitik schafft keine Nachfrage.

sollt e n „Jou rnalisten konkreter arbeiten und mehr mit Hinblick auf die jeweilige Zielgruppe.“

Doch was können Journalisten tun, um das Interesse verstärkt auf Europathemen zu lenken? Laut Brigitte Alfter

So könnten beispielsweise öffentliche Ausschreibungen, die EU-weit Pflicht sind, ausgezeichneter Stoff für Lokal-,


Macht Europa

Regional- oder landesweite Medien sein. Jedoch betont sie auch sehr deutlich, dass es weder die Aufgabe der Journalisten

noch der Medien ist, das Interesse der Bürger an Europa oder an der Politik als solche zu wecken. „Als Journalistin bin ich der Überzeugung, dass wir gute und kritische Berichterstattung leisten müssen über die Verwaltung,

07-2012

den Gebrauch oder Missbrauch der Macht, die unsere Leser über Grundgesetz und Europäische Verträge an die EU delegiert haben.“ Die Bedeutung dieses Auftrages wächst in Zeiten, in denen die Europakommission bemüht ist, die Präsenz der EU in den Medien zu forcieren wenn auch mit durchaus kritikwürdigen Mitteln. Seit geraumer Zeit produziert die Europakommission bereits eigene Fernsehbeiträge, die sie den Medien kostengünstig zur Verfügung stellt. Unabhängige Kameras sind selten geworden bei wichtigen Debatten und Beschlüssen. Oliver Hahn, Professor für Journalistik an der Universität Passau, sieht hierbei folgendes Problem: „Viele Medien haben vielleicht nicht das Geld, sich einen eigenen Korrespondenten in Brüssel zu leisten und greifen dann auf solches kostenlos zur Verfügung gestelltes Bildmaterial über das Internet zurück und senden das so, als sei es selbst gedrehtes und selbst redaktionell bearbeitetes Material in ihren Sendern.“ So haben die Zuschauer keine Möglichkeit, zwischen kritischer Berichterstattung und Selbstdarstellung der Europakommission zu unterscheiden. Auch in den sozialen Medien hat sich die EU inzwischen auf eigenen Kanälen wie EU-Tube positioniert – „sehr zum Leidtragen der Brüsselkorrespondenten, die manchmal unter dem Eindruck stehen, dass hier Geld für Propagandazwecke verpulvert wird“, berichtet Hahn. So wolle die EU versuchen an den Korrespondenten vorbei zu kommunizieren und direkt ein

Publikum in den Mitgliedsstaaten zu erreichen.

Demokratische Leidenschaft der Bürger wecken Ob die EU auf diesen Wegen tatsächlich die europäischen Bürger erreicht, bleibt fraglich. Eine Wahlbeteiligung von durchschnittlich 40% bei der letzten Europawahl spricht durchaus dagegen. Europapolitiker jenseits des Präsidenten Barroso sind bei den Europäern gänzlich unbekannt. Bleibt die Frage, ob die Medien überhaupt in der Lage sind, die Europäische Union mit ihren komplexen Strukturen den Bürgern näherzubringen und gleichzeitig ihren Auftrag als politische „watch dogs“ zu agieren nicht zu vernachlässigen. Eine kritische Berichterstattung seitens der Journalisten ist unabdingbar. Laut Brigitte Alfter müssen Journalisten neue Methoden zur Berichterstattung weiter entwickeln. „Geschichtenerzählen – auch journalistische Geschichten – leben vom Konflikt, von der Überraschung oder von der Nähe zum Publikum.“ Journalisten sollten daher nicht den Konflikt scheuen und versuchen Missstände und Probleme aufzudecken. „Kritischer Journalismus ist nicht Europa-feindlich, nur weil Journalisten versuchen Probleme aufzuzeigen“, so Alfter. Auf dieser Basis könnte das trockene Thema Europapolitik vielleicht die demokratische Leidenschaft der Bürger (wieder) erwecken und dem Leser das Thema Europa schmackhaft machen.

Isabelle Brodesser Felix Hoffmann Julia Lehnerer 3


3punktnull: EU Media