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Interview mit Heiko Scherer, clapp mobile, Berlin Zum Thema StartUps: Erleben wir gerade einen großen Hype oder wirklich eine neue Gründerzeit? Es ist von beidem ein bisschen. Ein Hype ist es natürlich, weil mittlerweile die großen Medien auf das Thema StartUps aufmerksam geworden sind. Und es ist sicher, speziell was Berlin angeht, ein Hype der auch irgendwann wieder vorbeigeht. Erst war es das Silicon Valley, heute ist Berlin in Europa das große Thema, dann sind es wieder andere Standorte. Auf der anderen Seite ist es aber auch wirklich eine neue Gründerzeit, weil es heute, durch die Digitalisierung, einfacher ist als jemals zuvor, ein schnell wachsendes Unternehmen zu gründen. Und das mit allen operativen Strukturen, Netzwerken und weltweiten Verbindungen, ohne wie früher unglaublich viel Kapital, Struktur und Leute zu haben. Der Raum, die Möglichkeiten, die Optionen, die man heute hat um selbstständig zu arbeiten, sind so gut wie wahrscheinlich noch nie. Also treffen da gerade zwei Dinge zusammen, auf der einen Seite der Hype und auf der anderen Seite die Gründerzeit. Das eine wird irgendwann nachlassen und wir werden dann sehen wie viel von dem anderen bleibt. Aber generell ist es für die innovativen kleinen und mittelständigen Unternehmen gerade die beste Zeit, die man sich vorstellen kann.

Was war denn deine Motivation Clapp zu gründen? Meine Motivation war eine sehr persönliche. Es gab keine, über viele Jahre geplante „das wollte ich schon immer machen“ Geschichte. Ich komme ja aus dem klassischen Medien-, Film-, Fernsehbereich, habe für große Kabelnetzbetreiber gearbeitet, Fernsehsender aufgebaut und war dann selbstständig mit eigenen Musikfernsehsendern, in einem ganz klassischen Broadcast-Pay-TV-Markt. Das waren für mich die ersten Erfahrungen selbst ein Unternehmen aufzubauen, wo ich extrem viel gelernt habe. Als ich mich dann mehr oder weniger aus dieser Branche verabschieden wollte, um nach über 10 Jahren klassische Medien auch mal was ganz anderes zu machen, bin ich durch einen Tipp von einem ehemaligen Studienkollegen, das ist jetzt über 5 Jahre her, auf das Thema Mobile gestoßen worden. Damals steckte das Thema Apps noch in den Kinderschuhen. Und, das erzähle ich auch heute vielen die sich hier bewerben, ich war alles andere als ein Mobileexperte. Ich hatte sogar nur ganz wenig Ahnung davon, auch nicht von Software, das waren für mich alles neue Themen, in die ich mich dann erst mal reingearbeitet habe.


Clapp, was steckt hinter dem Namen? Es war mir dann aber sehr schnell klar, dass das Thema mobiles Internet auf die klassischen Medien gravierende Auswirkung haben wird, aber auch viele Chancen bietet. So viele wie kaum ein anderes Thema. Und so entstand meine Idee für Clapp: Ich wollte eine Firma gründen, die sich irgendwie mit mobilen Internet, Apps und diesem Technologie mit Verbindung von Inhalten kümmert. Ich habe damals nicht mit einem konkreten, 100%-igen Plan, was ich machen will, oder wo das so hingehen soll gegründet. Erstmal habe ich gesagt, ich brauche eine Hülle, eine Form, einen Namen und Projekte dafür. Ich kannte genug Leute und habe mir zugetraut, dass sich da ein Geschäft entwickelt, ohne dass ich schon am Anfang genau weiß, wo ich mich positioniere. Und das war ganz klar getrieben von Neugier auf einen neuen Bereich. Auch heute versuche ich das als DNA dieses Unternehmens zu bewahren, permanent suchen und neugierig auf neue Dinge sein. Und eben nicht sagen, wir wollen jetzt eine Strategie für die nächsten 3 Jahre festlegen und sich dann schwer tun, davon wegzugehen. Im Lauf der Zeit habe ich nämlich genau das gelernt, dass diese Strategien am Ende fast nie funktionieren. Was sich in den letzten vier, fünf Jahren, seitdem ich das Unternehmen gegründet habe getan hat ist so unglaublich viel, dass es sich per se verbietet als kleines Unternehmen einfach einer langfristigen Strategien zu folgen. Flexibel sein, um immer neue Dinge auszuprobieren und das Motto „Stay young and foolish“ zu leben, dafür war und ist das hier die perfekte Form.

Das Thema App natürlich, das damals noch kein Hype war, sondern in einem ganz frühen Stadium. Als der Name Clapp entstand, war „App“ zwar schon ein Begriff, der immer öfter in Namen von Unternehmen aufgetaucht ist. Zum Beispiel in den Bereichen Dienstleistung, SoftwareEntwicklung und Produktentwicklung. Die hießen dann alle Appfactory oder App-schlag-mich-tot. Es war uns klar, dass der Begriff „App“ drin sein sollte. Aber wir dachten auch damals schon, dass der Begriff sich noch wandeln würde. Ich bin dann in irgendeiner kreativen Bierrunde mit Freunden auf den Namen Clapp gekommen, weil dort letzten Endes App drin steckt. Aber eher versteckt und als ein Synonym für „Creating lovely Apps“. Denn ganz am Anfang war es schon unsere Kernidee nette, lustige, spannende, neue Applikationen zu entwickeln. Das steckt in diesem Namen „Creating lovely Apps“ einfach drin. So kam der Name. Und dann noch der Zusatz mobile. Ich dachte so in die Richtung „ mobile First“, was ja heute auch so geflügeltes Wort ist. Lustigerweise entwickeln wir uns durch Tablets, durch responsive Web-Anwendungen und viele übergreifende Plattform-Projekte und Strategien vom mobilen Fokus Richtung Cross Plattform. Neben mobilen Anwendungen bauen wir auch klassische Nachrichtenportale oder Websites. Also macht Clapp viele unterschiedliche Dinge und keinesfalls nur Apps. Das wäre auch gar nicht haltbar, da die Dinge sich heute so konvergent entwickeln.


Und Was könnt ihr besonders gut? Das ist natürlich immer eine Frage, die wir uns im Rahmen strategischer Prozesse permanent selbst stellen. Und es gibt da ganz klar etwas, das wir besonders gut können. Mir war schnell bewusst, dass sich im Mobile-Bereich alles im hohen Maße um die Technologie dreht. Wir haben daher von Anfang an versucht, auch auf die Organisation wie wir arbeiten, einen sehr stark technologischen Fokus zu legen. Sicherlich einen weit stärkeren, als der von klassischen Digitalagenturen, die mit klassischen Kreativteams Konzept und Design erarbeiten und das dann irgendwann an die SoftwareEntwicklung übergeben. Wir wollen eher wie ein StartUp agieren und uns jedes Mal fragen, wie können wir Probleme mittels moderner zukünftiger Technologie am besten für Dich als Kunden lösen. Wir orientieren uns da nicht so sehr an klassischen Dienstleister-Agentur-Modellen, sondern versuchen sehr stark Technologie-Knowhow zu nutzen. Wir bauen Produkte für alle Arten von Endgeräten, Tablets, Smartphones, oder eben auch für klassische PCs und schauen, was wir aus dem jeweiligen Kontext mit Hilfe der Technologie machen können. Bei uns müssen die Kreativen zu den SoftwareEntwicklern gehen und sich alles hinterfragen lassen und nicht umgedreht. Bei vielen Dienstleistern geht der Kreative zum Techniker und sagt: „ Bitte bau das so.“ Es ist schon eine ganz andere Sichtweise, eine die sonst eher Technologiefirmen haben. Die haben wiederum uns gegenüber den Nachteil, dass sie weniger kreativ sind. Wir versuchen beides zu verbinden, ein hohes Maß an Kreativität mit einem Prozess, der eigentlich aus Technologie-StartUps kommt.

Das ist natürlich eine große Herausforderung, weil hier zwei Welten und Sichtweisen aufeinander treffen. Wir sehen aber auch, dass es bei den Kunden sehr gut ankommt, dass wir ihnen nicht den immer gleichen Prozess verkaufen, sondern individuell schauen, was das eigentliche Ziel ist. Dann überlegen wir, wie wir da am besten hinkommen und wie die konzeptionelle, technische Lösung dafür aussehen kann. In dieser Konsequenz sind wir ziemlich weit vorne. Auch, weil wir keine Altlasten haben und keine Agentur mit 100 Leuten sind, die bestimmte Ressourcen verkaufen muss. Dadurch haben wir eine hohe Flexibilität. Es ist eine Art von neuem Agenturmodell. Dass von den großen klassischen Agenturen so wenig Innovation kommt, ist ja ein großes Thema zurzeit. Klar gibt es hin und wieder nette Kampagnen und Ideen, aber in der Breite kommt nachhaltige Innovation eigentlich aus der StartUpWelt. Dabei stecken hinter den großen Agentur-KundenBeziehungen viel mehr Budget und Ressourcen. Trotzdem tun dies sich heute schwer mit der Geschwindigkeit wie Technologie den Kommunikationssektor verändert.


MitarbeiterInnen zu bekommen und zu halten ist heute, gerade im technischen Bereich, nicht so einfach. Was machst du, um Deine guten Leute zu halten? Das ist ein Thema, dem jeder Gründer heute höchste Aufmerksamkeit widmen muss oder widmen sollte. Aus dem einfachen Grund, dass in dem Bereich, in dem wir unterwegs sind, es bis heute einen eklatanten Mangel an guten Leuten gibt. Das ist der war of talents, der kleine und große Unternehmen beschäftigt, ganz besonders die StartUps in Berlin. Alle, ob groß oder klein müssen sich Gedanken machen, wie sie Strukturen, Bedingungen, Räumlichkeiten und eine Arbeits-Atmosphäre schaffen können, in der die Besten der Besten gerne arbeiten. Es gibt Unternehmen, die können sicherlich mehr zahlen, aber es geht diesen Leuten überhaupt nicht um Geld, sondern es geht ganz stark um qualitative Themen. Das war für mich auch immer wichtig. Wir sitzen hier nicht jeden Abend bis 10 oder 11 Uhr. Wir machen ganz viele Sachen außerhalb des Büros. Wenn es im Sommer warm ist, machen wir mittags zu und fahren an den See. Wir haben eine ganz hohe Flexibilität in der Art wie wir hier arbeiten und wie viel wir arbeiten. Wer mal einen Tag von zu Hause arbeiten will, kann das gerne tun. Wir haben schon lange abgeschlossen mit Anwesenheitspflicht und mit diesen starren Strukturen, die man in großen Unternehmen hat. Den Mitarbeitern eine entsprechende Atmosphäre schaffen, ist für viele mehr Wert als Geld. Darüber hinaus ist es immer wieder wichtig, guten Leuten Freiräume zu geben. Für eigene Projekte oder für gemeinsame neue Dinge. Das ist die Neugier, die ich selbst habe und die ich auch von meinen Leuten verlange. Auch über die Projekte für

Clapp-Kunden hinaus Projekte und Produkte entwickeln, auch eigene Dinge vorantreiben. Die guten Softwareentwickler haben ja oft eigene spannende Ideen, für die oft die Finanzierung oder Struktur fehlt. Dass man da dann ganz klar sagt, wir fördern das. Bei anderen, größeren Unternehmen, ist das oft ein Problem, bei uns ist es genau anders herum, wir finden, das ist eine große Qualifikation. Und das Ganze kann auch in unseren Räumen stattfinden, so ein bisschen wie in einem Coworking Space. Das hat einen sehr offenen Charakter und diese Dinge sind entscheidend, um gute Leute zu finden und zu halten. Viel mehr als Geld oder irgendwelche Annehmlichkeiten oder allzu viel Schnickschnack. Es sind diese, an persönliche Motivationen appellierende Sachen, die einen Arbeitsplatz attraktiv machen.

Was motiviert Dich mehr: Geld oder Liebe? Zu gründen hat mich ursprünglich nicht der große Traum von etwas Konkretem motiviert, sondern ganz klar das Thema Unabhängigkeit. Für mich ist das der größte Wert. Eine gewisse Unabhängigkeit, die natürlich die monetäre Situation betrifft, aber vor allem die Liebe zu dem was man tut. Und dass man die Freiheit hat zu entscheiden, was man macht, mit wem man das macht, warum man das macht. Für mich war immer klar, da ich auch in großen Unternehmen gearbeitet habe, diese Unabhängigkeit und diese Freiheit kann man nur genießen, wenn man letzten Endes selbst gründet. In dem Sinne ist das für mich etwas aus beidem - Geld und Liebe. Geld ist für mich nur der Katalysator. Also wirtschaftlich ein Unternehmen so zu führen, dass es mir Freiheit gibt die Dinge zu tun, die ich liebe.


Ganz am Ende ist das Ziel nie das Geld, sondern immer die Liebe. Aber mit dem Geld kommt man der Liebe vielleicht etwas näher. Es gibt wenig Gründer die wirklich alleine die Motivation des Geldes erfolgreich gemacht hat. Aber selbst da muss man immer eine andere Art der Motivation haben, die eher aus emotionalen oder persönlichen Themen kommt.

Was möchtest Du nie in Deinem Leben digitalisiert haben? Ganz spontan, würde ich sagen, es ist, spannenderweise etwas, das ich sogar selbst digitalisiert habe. Es ist ganz banal die gedruckte Ausgabe der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Für mich persönlich ist es eine große Freiheit an einem Sonntag mal auf keinen Screen zu starren, keine E-Mails zu lesen und völlig nicht-digital diese Sonntagszeitung zu lesen, auf echtem Papier, auf meinem Sofa. Das geht inzwischen vielen Leuten so, deshalb wachsen die Leserkreise von Wochenzeitungen immer noch. Diese UserExperience an einem Sonntag eine Zeitung zu lesen, ist für mich echte Lebensqualität. So toll, wie diese Zeitung gemacht ist, ist es an sich etwas, dass kann man so gar nicht gut digitalisieren. Wenn man das digitalisiert, muss man sich etwas komplett Neues überlegen. Die Erfahrung, die ich mit diesem Produkt habe, lässt sich aber nicht digitalisieren, weil sie per se genau das Gegenteil ist. Und ich glaube, dass das eine große Zukunft hat.

Und was wird in Deinen Augen nie digitalisierbar sein? Ich glaube das Schwierigste ist die Digitalisierung von Erfahrungen, die man per se gar nicht digital erleben will. Wie eben sonntags die Zeitung lesen, aber auch ein paar andere Dinge, wie ein gutes Dinner oder eine Food-Tour durch Berlin zu machen. Es ist die Erfahrung über die reine Funktion hinaus. Aber heute fällt mir ja kaum etwas ein, was nicht digitalisierbar ist. Aus meiner Perspektive ist manchmal heute schon fast zu vieles digitalisiert. Ich habe selbst privat eine Sehnsucht, wieder nach Dingen zu suchen, die nicht digital sind. Ich glaube zu erkennen, dass der Trend dahingeht, dass man im Urlaub oder in seiner Freizeit, einen ganz großen Mehrwert dadurch hat, offline in einer rein analogen Welt zu leben.

„Neue Idee brauchen alte Räume“, ein Satz von Jane Jacobs, ist da was Wahres dran? Definitiv. Bei jeder Gründung einer neuen Firma gibt es immer eine neue Idee mit der man auf alte Räume, Gegebenheiten, Konditionen trifft. Wir sitzen hier ja auch in einer alten Fabrik, es ist ein bisschen rauer und das finden wir auch gut so. Damit zu brechen ist glaube ich das Wichtige. „Neue Idee, alte Räume“ klingt wie ein Widerspruch und aus Widersprüchen entsteht ja wieder Energie und Dynamik. Es ist der essentielle Widerspruch, den jedes StartUp irgendwie lösen muss. Der „Alte Raum“ lässt sich gut auf den Markt oder das Produkt beziehen. Auch dort gibt es ja eine alte Welt mit Platzhirschen, gegen die man erfolgreich sein muss. Insofern ist da, gerade was StartUps angeht, etwas sehr wahres dran.


dem, wo ich heute stehe. vernünftigen Work-Life-Balance, an der man manchmal noch arbeiten arbeiten müsste, vor allem was das „Life“ betrifft.

Wo möchtest du in 10 Jahren stehen? Das ist natürlich immer die schwierigste Frage. Es wäre für mich sicherlich die größte Motivation, wenn ich in 10 Jahren weiterhin eine solche wirtschaftliche und inhaltlich so geprägte Unabhängigkeit genießen könnte. Das ist das große Ziel. Und einfach auch noch mehr spannende Sachen ausprobieren, mit spannenden Leuten und noch mehr Freiraum gewinnen, um die Dinge zu tun, die ich tun will. Oder die ich ausprobieren will. Da wäre ich gerne in 10 Jahren. In Verbindung mit einer vernünftigen Work-Life-Balance, an der man manchmal noch arbeiten müsste, vor allem was das „Life“ betrifft. Aber im Ernst, das ist sofern gar nicht so weit weg von dem wo ich heute stehe. In 10 Jahren bin ich hoffentlich immer noch genau so neugierig auf neue Technologien und Trends. Dieses „stay foolish“, verrückt sein und auch mal neue Sachen auszuprobieren, das ist glaube ich etwas, was ich mir gerne erhalten würde. Ein Leben lang.

Photographer: Stefan Graef/Berlin Interview: Dr. Bastian Schwithal/Birgit Altstoetter www.kindai-projects.com

im Ernst, das ist sofern gar nicht so weit weg von dem, wo ich heute stehe. In 10 Jahren bin ich hoffentlich immer noch genau so neugierig auf neue Technologien und Trends. Dieses „stay foolish“ und verrückt sein, auch mal neue Sachen auszuprobieren, dass ist glaube ich etwas, was ich mir gerne erhalten würde. Ein Leben lang.


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kindai:people - Heiko Scherer, clapp mobile  

kindai:people portrait of Heiko Scherer, Managing Director, clapp mobile in Berlin