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Süddeutsche Zeitung

FEUILLETON

Freitag, 25. Februar 2011 Bayern, Deutschland, München Seite 12

Urbane Akupunktur Wild, preiswert und flexibel: Wie der Architekt Thorsten Deckler dem südafrikanischen Moloch Johannesburg ein neues Gesicht zu geben versucht Johannesburg hat keinen guten Ruf. Wer kann, kehrt der Stadt den Rücken. Eine Metropole aus Gold und Gier, schamlos materialistisch, immer noch nach Rassen sortiert, von Aids zerfressen, ein neues Gomorrha – so wettert der Rapper Ewok bei seinen Performances. Und es stimmt ja: Johannesburg gehört aufgrund seiner hohen Kriminalitätsrate als eine der gewalttätigsten und gefährlichsten Städte der Welt. Für viele Südafrikaner heißt es: Nichts wie weg! Die Umzugsindustrie blüht. Nur raus aus dem Patchwork von illegalen Siedlungen und Hochhäusern, den erbärmlichen Townships mit rostigen Wellblechdächern – aber auch aus den üppigen reichen Vorstädten mit Palmen und Pool. „Das ist alles eine Riesenkatastrophe“, murmelt Thorsten Deckler und steuert seinen alten blauen Pick-up, durch die abgetakelten Hochhäuser der Innenstadt, müde Zeugen aus den Tagen der Apartheid. „Es ist nicht leicht, sich hier zurechtzufinden. Selbst wenn man sich täglich durch die Stadt bewegt, ist das wie eine Karussellfahrt. Man fühlt sich immer high oder down.“ Deckler liebt die Rauheit Johannesburgs: das Unfertige, Wilde, Rohe, in dem es für einen Architekten noch etwas zu gestalten gibt. Er ist im khakifarbenen T-Shirt unterwegs, mal in Jo’burg, mal in der Zwillingsstadt Soweto. „Der Widerspruch – das ist der Mythos dieser Stadt“, sagt er. „Das pompös eröffnete, strahlende Verfassungsgericht, eine Ikone des Neuen Südafrika, auf das alle stolz sind, ist auf den Mauern des alten Stadtgefängnisses errichtet, in dem zu Apartheidszeiten gefoltert wurde.“ Das Büro von 26’10 South Architects, das Deckler mit seiner Partnerin Anne Graupner betreibt, ist eine Art alternatives Labor für ein neues Südafrika. Ein Architekturbüro, das darauf aus ist, die Wunden der Apartheid zu heilen. Mitarbeiter brüten an langen weißen Tischen über Entwürfen, die Glasfront ist minutiös vergittert – eine notwendige Konzession an die Gewalt in dieser Stadt. Quer über die Wand hängt ein fünf Meter langes Spruchband mit einer leidenschaftlichen Liebeserklärung: „Again and again and again I love the city.“ Deckler hat internationale Preise gewonnen, gerade wurde ihm der Sonderpreis der Architekturzeitschrift Bauwelt verliehen. Er gilt als einer der fantasie-

vollsten Architekten des Landes, er übernimmt gern Aufträge von der Regierung, trotz des geringen Honorars. „Früher habe ich in der Stadt alles gesehen, was schief gehen konnte – heute sehe ich ein Meer an Chancen.“ Der Architekt hat versucht, in Deutschland zu leben, aber er hat es nur ein Jahr lang ausgehalten ohne die afrikanische Sonne und die Paradoxien von Johannesburg. Deckler beherrscht das Alphabet der Avantgarde, er hat bei Zaha Hadid und Rem Kolhaas gelernt. Aber ihn interessiert etwas anderes. Der große Schlacks mit den breiten Brillengläsern, der in der Wildnis Namibias aufwuchs, kramt einen alten Folianten heraus, den „Atlas der Apartheid“: ein Buch voller Diagramme, in denen der Stadtkörper Johannesburgs aufgeschnitten ist wie die Torte bei einem Kindergeburtstag. „Das Lila sind die indischen Wohnviertel, das Graue die schwarzen, Rot ist reserviert für die Weißen.“ 70 Prozent der Fläche, waren für Weiße eingeplant. Die Filetstücke, sorgsam getrennt vom Rest. Daran krankt Johannesburg bis heute. Riesige, ockerfarben schimmernde Abräumhalden zerschneiden das Stadtbild wie mondartige Gebirge. Deckler will

den verstopften Flow zwischen den abgetrennten Stadtteilen vitalisieren – mehr Durchlässigkeit in einem Land, in dem die Trennung lange Staatsraison war. „Die meisten Architekten streben ja nach der großen Lösung, dem Masterplan“, sagt Deckler. Das könne in Johannesburg nicht funktionieren. Helfen können nur einzelne Projekte. Eine Art urbane Akupunktur. Zwischen den Vierteln der Metropole haben sich illegale Siedlungen gebildet,

Leicht, vergänglich, beweglich: die Architektur des Augenblicks die die alten Trennungslinien überschreiben. „Wir dürfen nicht mehr herabsehen auf die wilden, illegalen Behausungen. Wir müssen von der Kreativität ihrer Einwohner lernen“, sagt Deckler. Zwei Millionen so genannte Matchbox-Houses hatte Mandela den benachteiligten Schwarzen versprochen: hässliche Steinkästen mit vierzig Quadtratmetern Grundfläche. Ein Fortschritt, zweifellos, für Menschen aus den Slums. Diese Betonschachteln überziehen jetzt ganze Hügel. Doch

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Deckler hält nichts davon: „Was der Staat jetzt an Behausungen baut, ist nicht viel besser als das, was der Apartheidsstaat hervorgebracht hat.“ Mit seinem Büro hat er eine andere Vision entwickelt: einen freundlicheren, besser nutzbaren Häusertyp, der mehrere Stockwerke umfassen kann, an den sich mit einfachen Mitteln eine Veranda anfügt und den man bequem erweitern kann – das alles fast zum selben Geld wie die monotonen Regierungshütten. Es sind nicht die großen Prestigeobjekte, die Deckler interessieren. Man brauche hier keine de Meurons und keine Fosters, keine glänzenden Ikonen in der staubigen Landschaft. „Als ich in Europa war, habe ich mich gewundert, wie wenig von den Menschen die Rede war, die dort einmal wohnen sollen.“ Stattdessen bringt er bunte Kultur nach Soweto. In Kliptown, einem verödeten Viertel, nahe dem monumentalen Walter Sisulu Platz, der einmal stolzes Zentrum eines südafrikanischen Modernismus werden sollte, hat er geholfen, ein ehemaliges Kino neu zu beleben: das „Sans Souci“ – einer der raren Orte, an denen Schwarze überhaupt Filme und etwas von der Welt sehen konnten.

Auferstanden in Ruinen: In den kariösen Resten des Kinos Sans Souci in Kliptown, einem verödeten Viertel von Soweto, brachte Deckler ein temporäres Zentrum für Performancekünste (hier eine Tanzveranstaltung) unter. Foto: oh

Hier ist ein temporäres Zentrum der Performancekünste entstanden, Gruppen aus dem Zentrum von Johannesburg kamen gern, es gab in der Ruine leidenschaftliche Tanz- und Theatervorstellungen – alles ohne staatliche Subventionen. Dennoch scheiterte Decklers Plan, das Kino dauerhaft umzugestalten. Obwohl er bereit war, ohne Entgelt zu arbeiten, ließ sich kein Geld für das Kulturprojekt locker machen. So ist das einzige, das von dem Projekt bleibt, die Erinnerung an die Performances, die bei den Einwohnern des Viertels ein nachhaltiges Interesse an ihrer eigenen Kultur auslösten. Und es gibt einige phantastische Fotos, die zeigen, wie das „Sans Souci“ mit seinen Fensterlöchern und bizarren Mauern ein zauberhaftes Stadtspektakel abgab, vor allem wenn Menschen abends in den Fensterhöhlen Party machten. Thorsten Deckler hat trotz allem etwas erreicht. Er hat die Lebensqualität der Anwohner gesteigert und ihnen einen Impuls für die Zukunft gegeben. Deckler finanziert seine sozialen Projekte weitgehend selbst: er baut Luxusvillen für Betuchte, exklusive Objekte in der weiten Natur, um mit den Einnahmen schwarze oder gemischtrassige Stadtteile zu sanieren, etwa solche, die durch Kloaken und öffentliche Kanäle verseucht sind. „Ein Township ist ja in den Augen seiner Anwohner nicht unbedingt etwas Schlechtes“, sagt er. Manche Familien leben seit Generationen in Slums, ja es kommt vor, dass aufgestiegene Einwohner, die in die schicken Vororte gezogen sind, zurückkommen, um unter ihren Bekannten zu leben – zumindest für das Wochenende. „Für uns ist gerade das Flexible dieser Stadt inspirierend, auch deshalb, weil Architektur sonst immer als solide und permanent präsentiert wird“, erklärt Deckler. Kultur in Südafrika sei nicht die Herrschaft des Beton, sondern etwas Leichtes, Vergängliches. Man brauche eine Architektur des Augenblicks, keine Lösung für die Ewigkeit. „Neue Kultur entsteht ja nicht in Bilbao oder in einem Museum. Die entsteht auf der Straße oder in hybriden, gemischtrassigen Wohngebieten wie District 6 in Kapstadt oder Sophiatown in Johannesburg. Dort hat sich Südafrikas kulturelle Identität entwickelt.“ Das klingt sehr romantisch – es könnte aber auch die Zukunft Südafrikas sein. WERNER BLOCH

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26'10 south Architects / Suddeutsche Zeitung February 2011  

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