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Magazin fĂźr Geschichte

Heft Nr. 1/2016


Inhalt

Nr. 1/2016

1309 Die Frau auf dem 20-Mark-Schein

Über die Geschichte der Kaufmannsfamilie Tucher und warum heute kaum jemand den Namen Elsbeth Tucher kennt

1944 Das KZ Engerhafe

Lokales Erinnern an Kriegsgefangene der NS-Zeit

9 n. Chr. Varus, Varus...

Neue Erkenntisse über die römische Expansion in Niedersachsen

1729 Katharina die Große Herrscherin über das Zarenreich, Philosophin, Liebhaberin

Fotos (Titel und Inhalt): Bildnachweise finden sich bei den entsprechenden Artikeln


Januar 2016 Januar 1945

2015

Auf der Flucht

Eine Zeitzeugin berichtet

Merkel und was dann?

Angela Merkels Karriere ist eine politische Erfolgsgeschichte: Von der DDR-Nachwuchspolitikerin zur Kanzlerin

1945 Auf der Flucht: “Die Heimat bleibt Schlesien” Kriegsflüchtlinge im Oldenburger Land. Zuhause aber nicht Heimat

2015 Palmyra: Angriff auf die Erinnerung Die Zerstörung von Kulturstätten in Syrien ist zeitgleich ein Angriff auf die kulturelle Identität


Friedrich Gunkel: Hermannsschlacht, 1864


9 n. Chr. Sie kamen, sie sahen, sie siegten? Ein Text von Lucas Just

Im Jahr 9 n. Chr. besiegte ein Bündnis germanischer Stämme eine römische Armee aus drei Legionen. Das Ereignis ging als Varusschlacht in die Geschichte ein. Doch noch immer ranken sich zahlreiche Fragen und Rätsel um die Präsenz und das Wirken der Römer im heutigen Deutschland. Dabei gilt die Varusschlacht als Fixpunkt der römischen Expansion in Germanien und ist zugleich unmittelbar mit dem Ende der römischen Präsenz verbunden. Doch aktuelle Funde lassen das Ereignis in einem völlig neuen Licht erscheinen. Tagelang marschiert der Tross nun schon Richtung Westen. Der Weg ist mühsam und fast unpassierbar. Immer wieder müssen die römischen Legionäre anhalten, weil Bäume oder Engstellen verhindern, dass sie weiter kommen. Zu ihrer Linken erstreckt sich ein schier endloser Wald aus dunklen, bedrohlich wirkenden Baumriesen, zu ihrer Rechten liegt das Moor. Seit Varus und seine drei Legionen die ursprüngliche Marschroute auf den Hinweis eines germanischen Auxiliarkommandanten hin verlassen haben, regnet es ohne Pause. Der Weg, der seinen Namen eigentlich


nicht verdient hat, ist matschig und rutschig und erschwert den Marsch erheblich. Varus Soldaten sind erschöpft und verängstigt. So oder so ähnlich müssen sich die Soldaten der drei römischen Legionen im Herbst 9 n. Chr. gefühlt haben, als sie unterwegs in ihr Winterlager waren. Kurz bevor sich die Katastrophe der Varusschlacht ereignete. Jener Schlacht, nach der Kaiser Augustus im fernen Rom eine der größten Niederlagen der Römer lautstark betrauert haben soll. Der römische Historiker Tacitus beschrieb einige Jahrzehnte später die germanische Landschaft als grausam und grässlich durch seine Wälder und Sümpfe und ließ dabei kein gutes Haar an dem Land: „Wer würde ferner, ganz abgesehen von der Gefahr, die das schauderhafte, unbekannte Meer bietet, Kleinasien oder Afrika oder Italien verlassen, um nach Germanien zu ziehen mit seinen hässlichen Landschaften, dem rauen Klima, dem trostlosen Äußeren…“ Dennoch scheuten die Römer unter Kaiser Augustus und auch Jahre später keine Mühen, um das sogenannte Germanien in ihren Herrschaftsbereich einzugliedern.

Neue Funde, neue Aufmerksamkeit! Durch den Fund eines römischen Marschlagers in Wilkenburg im Oktober 2015 gewinnt genau diese Thematik wieder an Aktualität in der For-schung. Bereits 1992 waren die zuständigen Behörden auf den Fundort nahe Hannover aufmerksam geworden. Auf Luftbildern war damals eine auffällige Struktur im Boden zu erkennen, deren Identifizierung als Römerlager aber erst 2014 gelang. Mittlerweile sind die zuständigen Archäologen soweit, dass sie mit Sicherheit sagen können, ein römisches Marschlager gefunden zu haben. Salvatore Ortisi, Altertumswissenschaftler an der Universität Osnabrück bestätigte Mitte Oktober öffentlich, dass Wehranlagen und eine Toranlage nachgewiesen werden konnten. Somit würde der Fund dem bekannten Standard eines römischen Militärlagers entsprechen. Diese Lager wurden in der Regel am Ende eines Marschtages zum Schutz der Legion errichtet. Sie hatten teilweise aber auch dauerhafteren Bestand. Alle Lager waren dem gleichen Schema aufgebaut und unterschieden sich meist


Germanien zur Zeit des Varus Quelle: Wikimedia, Autor: Cristiano64


nur in den Rohmaterialen voneinander, aus denen sie gefertigt waren. Die provisorischen waren aus Holz, die dauerhaften teils sogar aus Stein. Bei weiterführenden Untersuchungen fanden die Archäologen schließlich Gegenstände aus dem Alltag römischer Legionäre, wie zum Beispiel eine Pinzette und Münzen aus augusteischer Zeit (ca. 31 v.Chr. – 14 n.Chr.). Dieser Umstand rückt den Fund in ein völlig neues Licht. Schließlich ist er der bislang nördlichste und zugleich östlichste Römerfund in Deutschland. Das lässt annehmen, dass die Expansion der Römer in Germanien unter Augustus schon viel weiter voran geschritten

war, als bisher angenommen. Doch Achim Rost, Archäologe an der Universität Osnabrück und Experte für Schlachtfeldarchäologie, warnt vor voreiligen Schlüssen: Da Marschlager im Allgemeinen nur wenig archäologisches Fundmaterial liefern würden und man für eine zuverlässige Datierung auf eine größere Anzahl von Münzen angewiesen sei, bleibe eine genaue Verknüpfung mit anderen militärischen Fundplätzen und kriegerischen Ereignissen – wie der Varusschlacht – oft Spekulation. Doch bleibt die Frage, was bewegte das römische Imperium dazu, diese laut Tacitus, trostlose Gegend in Anspruch zu nehmen?


„Gut, das ist sicherlich ein ganzes Bündel von Faktoren. Man kann das in rationale und irrationale Faktoren aufspalten, so würde ich das mal nennen“, sagt Michael Sommer, Professor für Alten Geschichte an der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg und Fachmann für römische Geschichte.

gelegt worden. Der Dichter Vergil erzählt im römischen Gründungsmythos, dass Jupiter dem Helden und Stammvater der Römer Aeneas ein „Imperium sine fine“ vermacht habe – also ein Reich ohne Ende. In der römischen Selbstvorstellung gab es folglich keine Grenzen für ihren Herrschaftsbereich! „Das Imperium sine fine ist für die Römer nicht irgendein mythologisches, traumtänzerisches Fernziel, sondern das ist Realität“, führt Ein Reich ohne Ende Sommer weiter aus. Der Kaiser sei folglich Herr Als irratonalen Grund führt er das „Imperium sine über die Welt, nicht über dieses oder jenes Terrifine“ an. Demnach waren die Römer der Meinung, torium. Dasselbe galt wohl auch für die dunklen die Herrschaft sei ihnen wortwörtlich in die Wiege Wälder und kargen Landschaften Germaniens.

Abbildung 1 (oben): Grabungsfläche in Wilkenburg Quelle: Wikimedia, Autor: Römerfan Hannover Abbildung 2 (unten): Ackerfläche, auf der das Marschlager lokalisiert wurde Quelle: Wikimedia, Foto: Axel Hindemith / Lizenz: Creative Commons CC-by-sa-3.0 de



Was uns heute merkwürdig erscheint, hatte für die Römer eine einfache Logik: Die Landschaften Germaniens gehörten einfach zur römischen Herrschaft dazu, weil die römische Herrschaft kein Ende kannte. Quasi eine Art Weltherrschaft, die keinen Widerstand duldete. Der Haken daran: „Man hat jetzt das Problem, das man immer schmerzlich wahrnimmt, dass es Lücken gibt zwischen der Wirklichkeit und dem, was man sozusagen als gewollte Wirklichkeit für das Imperium ansieht“, stellt Sommer fest. „Und diese Lücken versuchte man so klein wie möglich zu halten.“ Also blieb den Römern nichts anderes übrig, als Germanien zu erobern und sich so der Idee des „Imperium sine fine“ ein Stück näher zu bringen. Auf der anderen Seite hatten die Römer tatsächlich auch handfeste Gründe für ihr Engagement in Germanien.

Für die Stämme auf der anderen Seite des Rheines musste der Bau alleine schon ein beeindruckender Beweis römischer Macht gewesen sein. Die Brücken Caesars, konstatiert der Althistoriker Sommer „zielten ganz klar darauf ab, die Germanen zu beeindrucken. Die sollten mit offenem Mund davorstehen und sagen, wer so etwas kann, gegen den haben wir von vorneherein überhaupt keine Chance“. Schließlich kannten die Germanen Brücken in diesem Ausmaß noch nicht. Für die Römer selber war die Brücke vermutlich nur Mittel zum Zweck. Doch das Unternehmen war früh wieder beendet. Nach nur achtzehn Tagen in feindlichem Gebiet marschierten Caesars Soldaten wieder über die Brücke in römisches Gebiet zurück. Den Ausgang der Aktion schätzt man als ambivalent ein. Einerseits konnte Julius Caesar dem Senat in Rom und vor allem seinem eigenen Ego die Tüchtigkeit und Caesars erster EroberungsFähigkeit der Römer beweisen. Eine Überquerung versuch des Rheins per Schiff würde nicht der Würde des römischen Volkes entsprechen, schrieb Caesar Dafür lohnt es sich einen Sprung in die Zeit Julius selbst in seinen Kommentaren zum Gallischen Caesars zu wagen. Denn um 50 v. Chr. hatten die Krieg. Andererseits, so Professor Sommer, habe Römer ganz Gallien besetzt. „Das wissen wir ja es auch danach immer wieder Vorstöße gersogar aus Asterix“, scherzt Sommer lächelnd und manischer Stämme in gallisches Territorium gegeführt dabei weiter aus, dass die Römer fortan eine ben. „Und deswegen, um dieses SicherheitsprobGrenze am Rhein hatten. Die Grenze war aber lem ein für alle Mal beizulegen, haben die Römer kein eiserner Vorhang, so der Experte. Folglich sich gesagt, wir müssen tatsächlich im Vorfeld gab es viel Kontakt zwischen den beiden Rhein- der Provinz Gallien aktiv werden, wir müssen dort seiten. Teils war dieser Austausch zwischen Gal- Krieg führen, wir müssen dort in der Diplomatie liern und Germanen schon Jahrhunderte alt. Doch aktiv werden, wir müssen diese Stämme zur Räfür die Römer stellte dieser Kontakt zugleich ein son bringen“, resümiert Sommer. gewaltiges Sicherheitsproblem dar. Schließlich konnten sie schwer kontrollieren, wer den Rhein wann und warum überquerte. Deshalb wagte be- Intermezzo reits Caesar die ersten militärischen Gehversuche auf germanischem Boden. Um 55 v. Chr. errich- Doch vorerst ebbten die römischen Expansionsbeteten seine Soldaten an einem bisher nicht mit strebungen in Germanien ab. Man war nach dem Sicherheit geklärten Standort eine Brücke über gescheiterten Versuch Caesars sich selbst zum den Rhein, um eine Expedition gegen Stämme Diktator auf Lebenszeit zu ernennen damit bejenseits des Flusses zu führen. Schritt für Schritt schäftigt, sich in mehreren aufeinanderfolgenden bauten die Soldaten den circa vierhundert Meter Bürgerkriegen selbst zu bekämpfen. Erst mit dem langen Übergang, während unter ihnen der Strom Sieg des Anwärters Octavian über seinen Gegenspieler Marc Anton im Seegefecht bei Actium vor unvermindert stark floss. der Küste Griechenlands 31 v. Chr., änderte sich dieser Zustand allmählich. Denn mit Octavian, der Links: Römisches Marschlager des Pseudo- später als erster römischer Kaiser unter dem Namen Augustus berühmt werden sollte, rückte auch Hygin. 1./2. Jahrhundert n. Chr. Germanien wieder in das Blickfeld römischer PoliQuelle: Wikimedia, Autor: Mediatus tik. Darauf folgten die wirklich großen Kampagnen


Oben: Friedrich Tüshaus Schlacht zwischen Germanen und Römern am Rhein 1876 Rechte Seite: Eiserne Maske eines Gesichtshels, gefunden in Kalkriese Quelle: Varusschlacht im Osnabrücker Land”/ Christian Grovermann des Drusus (12-9 v. Chr.) und des Tiberius (ca. 4-6 n. Chr.) in Germanien. Bis sich 9 n. Chr. das für die Römer traumatisierende Erlebnis der Varusschlacht ereignete. Doch wie gingen die Römer bis dahin bei der Eroberung Germaniens vor?

die sich entlang von Flüssen – wie der Lippe – ins Landesinnere Germaniens schlängelten. Die heutige Stadt Haltern zählt zu den bekanntesten Beispielen dieser Winterlager und liegt an der Lippe nicht unweit der Rheinmündung bei Xanten. Flüsse wie die Lippe dienten den Römern dabei als verlängerte Arme. Auf ihnen konnten sie sicher Entlang der Flüsse den Nachschub und den Transport von Soldaten ins Landesinnere gewährleisten. Außerdem konntKrieg hatte in der Antike einen strikten Jahres- en Versorgungsboote die Legionen mit Lebensrhythmus. Während man im Frühjahr und im Som- mitteln, neuen Waffen und Pferden beliefern. Nemer auf Feldzügen war, zog man sich im Winter ben diesen militärischen Komponenten wird ein zurück. Im Fall der römischen Legionen in Ger- Aspekt jedoch häufig vernachlässigt. Historiker manien zog man sich in befestige Lager auf der Sommer betont explizit, dass man parallel zu der linken Seite des Rheins zurück. Diese Lager wur- militärischen Unterwerfung bereits zivile und adden „mit großem Aufwand aus dem Boden ge- ministrative Strukturen aufgebaut habe: „Da gibt es stampft“ und sind heute zum Beispiel als Xanten zum Beispiel Steuereintreiber, die durch die Lande oder Nimwegen in den Niederlanden bekannt. gehen oder Leute, die Recht sprechen. Die StattDie andere Möglichkeit bestand darin, dass die halter, wie Quintilius Varus sind gleichzeitig obersLegionen in befestigte Winterlager marschierten, te Militärs und oberste Verwaltungsbeamte in der


Provinz.“ Gleichzeitig bemühe man sich darum, Kennzeichen der römischen Zivilisation wie Bäder oder vermeintlich simple Dinge, wie Häuser mit Fenstern zu bauen. All das sind Zivilisationsgüter, die den Germanen vorher fremd waren. Die Römer stoßen also eine Art Akkulturationsprozess an, in dem die Germanen sich langsam der Kultur der Römer annähern können und Gefallen an dieser Kultur finden. Inwiefern dieser Prozess bewusste Strategie oder eine Begleiterscheinung der römischen Präsenz war, vermag Sommer nicht genau zu sagen. Er stellt aber fest, dass die Erfahrung aus den römischen Eroberungen in Europa immer dieselbe ist: Es ist „das Paket aus Zuckerbrot und Peitsche, mit dem die Römer eigentlich in jeder neuen Provinz auftauchen und das dann innerhalb einer Generation dahin führt, dass die Leute dann doch eigentlich recht gerne im römischen Imperium leben.“ Am Ende sollte eine Herrschaft stehen, die sich nicht nur auf den Rhythmus der saisonalen Kriegsführung beschränkt, sondern ganzjährig galt.

griffen die germanischen Krieger unter der Führung des Cheruskers Arminius aus dem Hinterhalt heraus an. Der römische Historiker Cassius Dio berichtet im dritten Jahrhundert: „[Da] umstellten die Germanen sie plötzlich von überall her gleichzeitig durch das Dickicht hindurch, […], und zwar schossen sie zuerst von fern, dann aber, als sich keiner wehrte, doch viele verwundet wurden, gingen sie auf sie los. […] Daher schlossen sie die Römer mühelos ein und machten sie nieder, so dass Varus und die Angesehensten aus Furcht, gefangen genommen oder getötet zu werden – denn verwundet waren sie schon – sich zu einer furchtbaren, aber notwendigen Tat entschlossen. Sie töteten sich selbst.“ Die schwerbewaffneten aber unbeweglichen Legionäre hatten keine Chance in dem engen Gewirr aus Bäumen und Wurzeln. Ohne ihre gewohnte Kampfformation kämpften sie vergebens. Am Ende starben zahllose Soldaten. Varus stürzte sich in sein Schwert und die Germanen erbeuteten obendrein noch die prestigeträchtigen Legionsadler. Darauf soll Kaiser Augustus in Rom in Zorn und Trauer geschrienen haben: „Quintili Vare, legiones redde!“ - „Quinctilius Varus, Auf dem Weg in die Katastrophe gib die Legionen zurück!“ So weit, so gut, werden sich die Römer gedacht Ein paar Jahre nach der Varusschlacht starb haben, schließlich schienen die gängigen Mecha- Kaiser Augustus. Doch kamen damit auch die nismen der Expansion bisher gegriffen zu haben. römischen Bemühungen in Germanien zum ErDoch ahnten sie nicht, dass sich unter den Ger- liegen? „Zunächst sieht man eigentlich gar nicht manen Widerstand organisierte. Varus Legionen so viele Veränderungen“, sagt Alt-Historiker Somwaren im Herbst 9 n. Chr. unterwegs in ihr Winter- mer. Ganz im Gegenteil. Er verweist auf die Gerlager, als um sie herum nach Tagen des kräftezeh- manienfeldzüge des Germanicus (14 n. Chr.) und renden Marsches das Chaos ausbrach. Plötzlich mit welcher Massivität diese Feldzüge geführt


wurden. Seiner Ansicht nach handele es sich dabei um den Versuch, die Eroberungspolitik wieder aufzunehmen, denn so schnell würden sich die Römer nicht unterkriegen lassen, fügt er noch hinzu. Doch auch die Bemühungen des Germanicus hatten bald ihr Ende. Letztlich ist es der neue Kaiser Tiberius, der irgendwann die Notbremse zieht. Experte Sommer bewertet diesen Schritt folgendermaßen: „Ich würde sagen, das ist der Wendepunkt, nicht eigentlich die Varusschlacht selbst. Sondern Tiberius sieht, dass diese Expansionsbemühungen der römischen Legionen unter Germanicus, bei allen Siegen und allen Erfolgen, sich tot laufen. Da stehen Ertrag und Investition in keinem vernünftigen Verhältnis zueinander.“ Doch zum kompletten Erliegen kamen die militärischen Auseinandersetzungen zwischen

Römern und Germanen nie. Man bemühte sich auf Seiten der Römer fortan um eine diplomatischere und indirekte Kontrolle der linksrheinischen Gebiete. Doch Fundplätze wie das Schlachtfeld am Harzhorn im niedersächsischen Landkreis Northeim belegen, dass es immer wieder größere Konflikte gab. Bleibt nun nur noch zu klären, wie die anfangs erwähnten Funde aus Wilkenburg bei Hannover in den Kontext der römischen Expansion in Germanien einzuordnen sind. Dazu formulierte Professor Sommer im Interview ein klares Fazit: Demnach beweise der Fund von Wilkenburg, dass die Römer weit im Nordosten Germaniens aktiv waren und dass die Römer Germanien zum Zeitpunkt der Varusschlacht 9 n. Chr. tiefer durchdrungen hatten, als man das bis heute vermuten hat.

Im Detail: Prof. Michael Sommer über die römische Expansion

Jetzt ist ja vor einer Weile in Wilkenburg bei Hannover ein neuer Fund gemacht worden, ein Römerlager von dem man ausgeht, dass es eventuell sogar zu den Legionen des Varus gehören könnte aber, auch zu denen des Germanicus. Was würde das denn für die aktuelle Forschung bedeuten, wenn es sich dabei wirklich um ein Lager des Varus handeln würde? Das würde, denke ich, die eigentlich schon als communis opinio geltende Fast-Gewissheit weiter untermauern, dass zur Zeit des Varus eben die römische Infrastruktur noch viel weiter östlich Fuß gefasst hatte, als wir das bis vor kurzem eigentlich glaubten. Ich meine Waldgirmes, das ist schon der Aufsehen erregendste Fund gewesen. Aber das bestätigt es eigentlich, denn wo man mit zivilen Siedlungen präsent ist, da ist man auch militärisch präsent und man will da dauernd präsent sein. Diese saisonale Beherrschung, aus oszillierender Herrschaftsintensität zwischen Winter und Sommer ist für die Römer natürlich nur ein vorübergehend akzeptabler Zustand. Man möchte


eine über das Jahr verteilt gleichmäßige Herrschaftsintensität herstellen und dazu braucht man eine Infrastruktur. Und so ein Lager, das passt in diesen Kontext bestens hinein. Fast noch spannender wäre es, wenn das Lager Germanicus zugehörig wäre, das würde nämlich bedeuten, dass in der Zeit des Germanicus immer noch die römische Doktrin war, Strukturen aufzubauen, Infrastruktur zu schaffen, die Herrschaftsintensität über das Jahr auf einem gleichen Level zu halten. Aber alles in allem kann man schon sagen, dass das bisherige „Ger manienbild“ in der Forschung sich durch den Fund verändert? Ich würde sagen, dass ist eine Bestätigung dessen, was Cassuis Dio formuliert hat. Dass Germanien eben zum Zeitpunkt, als Varus geschlagen wurde, schon fast eine römische Provinz war. Ich glaube präziser und besser, als Cassius Dio das getan hat, kann man das eigentlich gar nicht formulieren.


Foto oben: Tucherschloss Quelle: Wikimedia Commons, Technokrat at the German language Wikipedia Lizenz: ttps://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/ deed.en Rechts: Elsbeth Tucher, Gemälde von Albrecht Dßrer, 1499


1309 Die Tucher – mehr als nur die Frau auf

von beiden festentschlossen. „Tucher? Muss man das kennen? Wofür steht das?“ entgegnete der andere. Mit dieser Frage ist er nicht alleine: Was oder wer steckt hinter dem Namen Tucher? Und wer waren die Tucher? Die Familie der Tucher blickt auf eine über 700 Jahre alte Familiengeschichte zurück. Doch denkt man an Patrizierfamilien, so kommen einem sofort Namen wie die Fugger oder die Medici in den Kopf. Der Name Tucher fällt hier selten. „Die Älteren von Ihnen können sich bestimmt noch an die Dame auf den grünen 20 Markschein erinnern“, ertönt es im Rahmen eines Radiointerviews mit Bernhard von Tucher im BR1, einem Nachfahren der Tucher-Dynastie. Als Vorlage für den Geldschein diente ein Porträt von 1499 von Albrecht Dürer. Vielen Menschen die noch die D-Mark kennen, erinnern sich an das Gesicht der Frau. Jedoch kaum jemand weiß ihren Namen. Die Frau auf dem Bild zeigt Elsbeth Tucher. Eine Frau einer reichen nürnbergischen Kaufmanns- und Patrizierfamilie, über deren genauer Herkunft und Werdegang jedoch kaum etwas bekannt ist. Auch wenn Elsbeth Tucher nur die Dame auf dem 20 Markschein ist, ist sie nichts desto trotz auch Bestandteil eines großen Puzzles, welches sich um die Familiengeschichte jener bedeutenden Patrizierfamilie ragt.

dem 20-Mark-Schein

Ein Text von Vanessa Schwope Die Tucher von Simmelsdorf gehörten im ausgehenden Mittelalter und in der Frühen Neuzeit zu den bedeutendsten Patrizierfamilien Nürnbergs. Sie waren fest im Inneren Rat der Stadt vertreten. Ihre weitreichenden Handelsbeziehungen in Europa machten die Tucher zu einer der reichsten Familien der Stadt. Es ist ein lauwarmer Nachmittag im Spätsommer in einem Biergarten in Nürnberg. Zwei junge Männer mit sächsischem Akzent sitzen an einem der Randtische und überfliegen die Bierkarte. „Lass uns dieses Tucherbräu probieren“, sagte einer

Kopf oder Zahl? Die Tucher wurden erstmalig im Jahre 1309 urkundlich erwähnt und zählen damit nicht zu den „alten“ Geschlechtern der Stadt Nürnberg. Der genaue Ursprung der Tucher ist nicht eindeutig zu


klären. Beim Namen vermutet man eine Verbindung mit dem Tuchhandwerk, jedoch hatten die Tucher mit diesem Gewerbe nichts zu tun. Geschichtsforscher nehmen an, dass es sich bei dem Geschlecht der Tucher um Ministeriale, unfreie Beamte, gehandelt habe. Sie standen vermutlich im Dienst der Grafen von Castell und Hohenlohe. Als Begründer der Tucherdynastie gilt der im Jahre 1326 verstorbene Konrad Tucher. Doch es ist wohl einem Zufall zu verdanken, dass sich die Linie der Tucher fortführte. Denn Berthold I. Tucher, der Sohn Konrads, ließ eine Münze darüber entscheiden, ob er den Bund der Ehe eingehen oder ein Geistlicher werden sollte. „Der Heller sprach sich für einen beweibten Lebensabend“ aus, heißt es in dem Buch Gelehrtentum und Patrizierstand von Antonia Landois. Und so entschied das Losglück, Kopf oder Zahl, dass Berthold Tucher Anna Pfinzing zur Frau nahm. Anna Pfinzing schenkte ihrem Mann vier Töchter und vier Söhne, und beide führten somit die Linie fort. Im Jahre 1340 war erstmalig ein Mitglied der Familie im Inneren Rat der Stadt Nürnberg vertreten. Der innere Rat bestand aus 12 Mitgliedern der ansässigen Patrizier und bildete das Machtzentrum Nürnbergs.

familien wurden die Tucher erst spät aktiv, konnten jedoch rasant ihr Handelsnetz ausbauen. Ihr Netzwerk erstrecke sich über ganz Europa und so machten die Tucher die Stadt Nürnberg zu einem Umschlagsplatz für den Handel mit dem Orient. Im Jahre 1598 kam das Schloss in Simmelsdorf in den Besitz der Familie. Die Tucher führten fortan den Namen Tucher von Simmelsdorf. Rund 100 Jahre später erkannte Kaiser Leopold den Namenszusatz an und legitimierte ihn als Adelstitel. Im Jahre 1815 wurde der Familienclan dann in die Freiherrenklasse von Bayern eingeschrieben. Bis 1806 war mit kleineren Unterbrechungen immer ein Mitglied der Familie im Inneren Rat der Stadt Nürnberg vertreten.

Händler, Baumeister, Brauer – Die Tuchersche´ Vielfalt

Die Tucher bestanden keineswegs nur aus Kaufleuten, welche als Repräsentanten des Tucherschen Handelshauses fungierten. Endres Tucher beispielsweise verfasste in der Mitte des 15. Jahrhunderts ein Baumeisterbuch in dem nicht nur der Beruf des Baumeisters beschrieben wurde. Das Buch gibt heute zudem einen bedeutenden Einblick über die Architektur des Spätmittelalters in Nürnberg. Ein ganz anderer Repräsentant der Familie war Hans Tucher. Dieser war im ausgehenden 15. Vom Spätzünder zum Adel Jahrhundert nicht nur Bürgermeister der Stadt Nürnberg, sondern auch Reiseberichterstatter. Die Tucher waren bestrebt Handelsbeziehungen Sein besonderes Interesse galt dem Orient. Auf zu reichen Kaufmannsfamilien aufzubauen und einer Pilgerreise ins Heilige Land, zum Berg Sinai ihre Handelsgeschicke auszuweiten. Erst im 15. und Ägypten verfasste er Berichte, welche keinesJahrhundert entstand die Tuchersche Handels- wegs bloße Reiseberichte darstellten, sondern mit gesellschaft. Im Vergleich zu anderen Patrizier- einem Reiseführer der heutigen Zeit vergleichbar


Foto: Hans Tuchers Reisebuch von 1482


sind. Zusammengefasst in dem Buch „Reyß ins Heylig Land“ ging Hans Tucher auf Kulisse, Kultur aber auch auf die Sprache und hiesige Gepflogenheiten ein. Seinem Interesse an Büchern ist es zu verdanken, dass die Bibliothek zu damaliger Zeit stetig erweitert und modernisiert wurde.

nicht im Besitz der Familie, sondern gehört seit 2004 zum Konzern der Oetker-Gruppe. Die Geschichte der Familie Tucher war jedoch nicht damit beendet. Noch heute betreut die Tucher Kulturstiftung das Vermächtnis und die Geschichte der Familie. Allen voran um die Geschichte der Stadt Nürnberg am Leben zu erhalten. In dem Radiointerview verriet Bernhard von Tucher, Mitglied der Stiftung: „Eine Großzahl der Tucherschen Sammlung wird im Stadtarchiv Nürnberg aufbewahrt. Würden wir alle Kunstwerke aus dem Archiv herausnehmen, würde der Stadt Nürnberg nicht nur die Geschichte der Tucher verloren gehen, sondern auch ein Stück Stadtgeschichte.“ Das Archiv bietet zudem die optimalen Bedingungen das Tuchersche Erbe aufzubewahren und zu konservieren. Ein ganz besonderes Relikt ist das Große Tucherbuch, welches vor rund 400 Jahren entstanden ist. Als ein Geschlechterbuch dient es dazu die Verwandtschaftsverhältnisse zu dokumentieren und die Zusammengehörigkeit in der Familie zu stärken. Den Nachkommen sollen zudem angemessene Verhaltensweisen vermittelt werden. Das Erbe der Tucher

Auch heute lassen sich die Zeugnisse der Tucher aus vergangen Tagen noch in Nürnberg finden, wie zum Beispiel In der St. Lorenzkirche im Zentrum der Stadt. Hier prangt ein Meisterwerk der Kunst von Veit Stoß. Der sogenannte Englische Gruß oder auch Engels Gruß genannt. Der Englische Gruß ist ein aus Lindenholz gefertigtes Bildnis und wurde im 16. Jahrhundert von Anton Tucher in Auftrag gegeben. Für Bernhard Tucher ist diese Kunst etwas ganz Besonderes. Im Rahmen von Reinigungsarbeiten war er dabei, als das Bildnis abgenommen wurde. Den Englischen Gruß hautnah zu erleben war für ihn ein überwältigender Moment. „Ich bin morgens zur Lorenzkirche geradelt in dem Glauben, naja, dann siehst du dir gleicht halt mal Kunst an. Aber dann kommen Sie dort an und es läuft im Kopf ab wie in einem Film. Und Wie zu Beginn des Textes schon angedeutet, plötzlich wird Geschichte lebendig“, beschrieb er machten die Tucher auch vor dem in Bayern all- das Erlebnis im Radio-Interview. seits beliebten Gerstensaft keinen Halt. 1855 Nicht nur in der St. Lorenzkirche kann man sich kaufte Siegmund Tucher das Königliche Brauhaus auf die Spurensuche nach den Tuchern begeben. und nannte es in Freiherrlich von Tucher’sche Wer durch die Altstadt von Nürnberg schlendert, Brauerei um. Heute ist die Brauerei allerdings kommt an den Tuchern nicht vorbei. Am Ende der


Foto oben: Hans Tucher (1428–1491), Grafik aus dem Klebeband Nr. 3 der Fßrstlich Waldeckschen Hofbibliothek Arolsen Linke Seite: Tucher Helles Quelle: Wikimedia Commons, Autor: Usien, Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.en


Gassen stehen Spurensucher plötzlich vor einem Schloss: dem Tucherschloss. Im Zweiten Weltkrieg großenteils zerstört, dient es heute als Museum und zeigt neben den Porträts der Familienmitglieder auch Fundstücke alter Tage. Die Geschichte der Tucher zeigt deutlich, dass diese Patrizierfamilie den Großen wie den Fuggern und den Medici in nichts nachsteht. Das Puzzle fügt sich nach und nach zusammen und es sind bestimmt noch so einige Schätze in den Weiten

des Nürnberger Stadtarchivs verborgen. Den jungen Männern im Biergarten aber bleibt die rätselhafte Geschichte, die hinter dem Namen Tucher und der Frau auf dem 20-Mark-Schein steckt, jedoch wahrscheinlich auch weiterhin verborgen.

Foto rechts: Das Wappen der Scheurl und Tucher, Albrecht Dürer, ca. 1512

Die Tucher Namenhafte Familienmitglieder • • • • • • • • • •

Endres Tucher (1423–1507), Nürnberger Baumeister Hans Tucher (1428–1491), Verfasser eines im Mittelalter weit ver- breiteten Pilgerreiseberichts Anton Tucher (1457–1524), Rats- und Handelsherr, Kunstmäzen, Vorderster Nürnberger Losunger Sixtus Tucher (1459–1507), Propst bei St. Lorenz, Kirchenrechtsprofessor Elsbeth Tucher, geb. Pusch, (um 1517), 1499 auf einem Gemälde Dürers abgebildet, Vorlage für 20 D-Mark-Schein Lazarus Tucher (1491–1563), kaiserlicher Rat und Handelsherr in Antwerpen Hieronymus Tucher (1504–1540), Kaufherr Paulus XII. T. (1656–1709), Generalfeldmarschall Siegmund von Tucher (1794–1871), Unternehmer, Gründer der Tucher-Brauerei Christoph Carl Gottlieb Sigmund Freiherr von Tucher (1798–1877), Jurist, Bruder von Marie von Tucher, Vormund Kaspar Hausers, Sammler alter Kirchenmusik

Literatur zum Thema: Martin Schieber: Geschichte Nürnbergs; C.H. Beck Verlag 2007. Michael Diefenbacher: Kleine Nürnberger Stadtgeschichte; Pustet Verlag 2012.



Katharina die GroĂ&#x;e

Katharina II. im Ornat der regierenden Zarin, gemalt von V. Eriksen (1778)


1729 - 1796 „Die Seele von Brutus im Körper der Kleopatra“

(Denis Diderot)

Vater, Christian Augst von Anhalt-Zerbst, war Gouverneur in Stettin und Fürst des kleinen FürstenEin Text von Josephine von Sothen tums Anhalt-Zerbst. Ihre Mutter, Johanna Elisabeth von Holstein-Gottorf, war die jüngere Schwester Adolf Friedrichs, der 1791 Schwedens neuer König wurde. Während ihr Vater sie Männermörderin, Nymphomanin, machtfür einen Engel hielt und seine besessene Herrscherin oder BeschütTochter vergötterte, war ihre zerin des Volkes? Katharina die Große Mutter sehr ehrgeizig und hatte einen viel gescholtenen Ruf. wollte Sophie in ein viel Ihren Beinamen „die Große“ ergrößeres Königshaus hielt sie von Voltaire, mit dem verheiraten, am liebsie in engem Briefkontakt sten ins russische stand. Groß war vieles, was Zarenhaus. Russdie deutsche Prinzessin auf land selbst war bedem Zarenthron vollbrachte. reits damals eines Ihr Hunger nach Macht und der angesehenFortschritt aber zeichnete sten Königshäusich vor allem in ihrer Eiser und gegendarstellung und Selbsthörte mit zu den inszenierung ab. Doch wer Großreichen. war sie? Und wer wollte sie Um dieses enge sein? Bündnis einzufädeln, stand JoKühne Anfänge hanna in engem Kontakt mit der Zarin „In der That entwarf ich ein Bild Elisabeth Petrowna, von mir in einem Aufsatz, mit die auf Brautsuche für dem Titel: ‚Portrait der funfzehnjähden Thronfolger war – rigen Philosophin‘ – und händigte ihren Neffen den ebenfalls ihm [Graf Gyllenburg] den selbigen ein. deutschen Großfürsten Peter III. Viele Jahre später, nämlich 1758, habe ich Mit einem Porträt Sophies erregte die dieses Portrait wiedergefunden und war erstaunt über die tiefe Selbstkenntnis welche es enthielt“, Familie Anhalt-Zerbst die Aufmerksamkeit der Zaberichtete Katharina II. in ihren Memoiren rück- rin, die solche mit Leidenschaft sammelte. Sophie blickend auf ihre Zeit in Hamburg, wo sie den wurde von ihrer Mutter als vornehme und tugendhafte junge Dame inszeniert, so dass eine Einlaschwedischen Grafen getroffen hatte. Als Prinzessin von Anhalt-Zerbst wurde Sophie dung an den russischen Hof folgte. Auguste Frederike am 2. Mai 1729 geboren. Ihr Kurz darauf – im Januar 1744 – brachen Mutter


und Tochter nach Russland auf. Katharina selbst beschrieb sich nie als große Schönheit, eher als ausgesprochen hässlich, denn sie entsprach wohl kaum dem fülligen und sinnlichen Schönheitsideal der Zeit, welches Weiblichkeit und Verführung verkörpern sollte. Doch wurde sie zunehmend ehrgeiziger. Sie lernte reiten und bildete sich in dem Bereich der Philosophie weiter, um ihre Ziele zu erreichen. Für die damals fünfzehnjährige Sophie wird die Reise nach Russland zu einer Reise ohne Rückkehr werden.

Eine russische Großfürstin Am 12. Februar 1744 trafen die Reisenden in Moskau ein und wurden am Zarenhof freundlich empfangen. Die Zarin, so berichtet Sophie, sei begeistert und schwärme von ihr als vorbildliche, freundliche und höfliche junge Frau. Und auch Peter, der nur ein Jahr älter als Sophie war, schien von seiner Braut angetan. Peter III. wurde im Laufe der Zeit zu einem Sprungbrett, welches ihr zur Macht und zur russischen Zarenkrone verhelfen sollte – Liebe entstand zwischen beiden nicht. Um ihr Ziel zu erreichen, lernte sie nächtelang die russische Sprache. Am 9. Juli 1744 trat sie dem russisch-orthodoxen Glauben bei und wurde auf den Namen Jekatarina II. Aleksejewna getauft. Während der Zeremonie beeindruckt sie alle Versammelten damit, dass sie das Glaubensbekenntnis in perfektem Russisch vortrug. Einen Tag später wurde dann die Verlobung mit Peter III. bekannt gegeben und gefeiert. Doch erkrankte der Thronfolger kurz darauf an Pocken. Die Krankheit zeichnete hässliche Narben in das Gesicht des Großfürsten und entstellten ihn nachhaltig. Als Katharina bald darauf nach dem Befinden Peters fragte, empfing er sie schließlich. Doch empfand sie bei seinem Anblick solch unverhohlene Abscheu, dass sie diese nicht verbergen konnte. Sie tat dennoch ihre Pflicht und heiratete am 21. August 1745 den Großfürsten und kam damit dem Zarenthron einen Schritt näher. Sie war nun nicht mehr die deutsche Prinzessin aus Anhalt-Zerbst, sondern eine russische Großfürstin an der Seite des russischen Thronfolgers. Die Ehe wurde zu einer Katastrophe: 9 Jahre lang blieb die Ehe kinderlos und Peter III. ging zunehmend seinen Leidenschaften, dem Nachspielen deutscher Kriegsszenarien mit Zinnsoldaten,


und seiner jahrelangenTrunksucht nach. Katharina beschrieb ihn in ihren Memoiren als kindisch, schwächlich, kränklich und wehleidig. Sie selbst empfand die höfische Gesellschaft als langweilig und sinnlos und entdeckte statt dessen die Welt der Bücher für sich. Zarin Elisabeth überwachte in diesen Jahren das junge Paar und wies die zahlreichen Verehrer Katharinas ab. Nach 7 Jahren ohne Zuneigungsbekundung Peters und zunehmenden Unverständnisses Katherinas für seine Eigenarten – beispielsweise ließ er, wie Katharina es beschrieb, sie oft mit Gewehr in seinen Gemächern salutieren – lockerte die Zarin die Überwachung. Im Sommer 1752 verfiel Katharina dem Schürzenjäger Sergej Saltikow und gebar am 20. September 1754 ihren Sohn Pawel Petrowitsch, der ihr kurz nach der Geburt entrissen wurde und fortan bei der Zarin Elisabeth aufwuchs, ebenso wie ihre Tochter Anna. Die Zarin demonstrierte so ihre Rolle als Mutter Russlands und zeigte zeitgleich Katharina ihre höfische Stellung auf. Damit war Katharinas Kampf mit der Zarin eröffnet. Peter erkannte das Kind an, obwohl er wusste dass es nicht seines sein konnte.

Das Streben nach Macht – Internationale Bündnisse zur glanzvollen Selbstinszenierung Nach der Trennung von Saltikow, der Katharina mit seiner prahlerischen Art nervte, strebte sie nach mehr Macht. Katharina war eine sehr belesene und intelligente Frau. Ihre Leidenschaft galt der Musik, sowie historischen und politiktheorethischen Werken, zum Beispiel Montesquieu oder Diderot. Sie führte eine rege Korrespondenz mit Voltaire, der sie für die große Philosophin des Nordens hielt. Aber auch Fragen des Glaubens und der Religion sah sie als Herausforderung an. Sie besuchte jeden Gottesdienst und nahm ambitioniert am religiösen Leben teil. Um allerdings die Vorgänge am Hof besser nachvollziehen zu können, interessierte sich Katharina zunehmend

Katharina die Große bei der Armee in St. Petersburg, ca. 1890, Maler unbekannt


für Politik und politische Machenschaften. Die Gunst am Zarenhof konnte allerdings nur durch Bestechungsgelder erworben werden. So knüpfte Katharina, nach einigen Verhandlungen, engen Kontakt zum britischen Botschafter, der die Gunst der russischen Großfürstin mit den von Katharina geforderten Beträgen erwarb. Damit konnte sie ihre politische Position am Hof ausbauen und sich selbst zunehmend in das internationale Geschehen einmischen. Durch die Verbindung zur britischen Botschaft lernte sie Stanislaus II. August Poniatowski kennen und machte ihn zu ihrem Geliebten. Doch durch den intensiven Kontakt der beiden und seine zahlreichen Auslandsaufträge in ihrem Namen wurde die Affäre mit Poniatowski, der 1757 die gemein-

same Tochter Anna entsprang, zu einem Skandal. Das russische Volk warf Katharina Landesverrat vor. Dennoch entschied sich Zarin Elisabeth kurz vor ihrem Tod (1761) Katharina freizusprechen, verbannte sie aber ins Schloss Oranienbaum (Lomonossow). Nach dem Tod Elisabeths wurde Großfürst Peter der neue Zar, allerdings wählte er weder Katharina, noch ihren Sohn Pawel als Nachfolger. Trotz dieses Schlags gegen Katharina hielt sie weiter an ihrem Ziel fest, eines Tages Zarin zu werden. Peter III. ließ nun in seiner neuen Position als Zar vollends seinen Launen freien Lauf und verhielt sich unangemessen, wie Katharina schrieb, beispielsweise durch Trunkenheit oder Albernheiten bei öffentlichen Auftritten und während der

Katharina II., die Große ,Öl auf Leinwand, ca.1780


Trauerzeit um Zarin Elisabeth. Empörung im Volk und den Reihen des russischen Heeres regte sich vollends nach seiner ersten offiziellen Amtshandlung als Zar: Peter schloss einen Sonderfrieden mit Preußen und beendete den Siebenjährigen Krieg. Allerdings brachte dieses Bündnis eine neue, umfangreiche Reform der Aufklärung und die Feindschaft der konservativen Kräfte im russischen Reich mit sich. Kurz darauf verlieh Peter zudem seiner Geliebten den Katharinenorden, den nur Mitglieder der kaiserlichen Familie tragen durften, und zeigte damit Katharina und dem Hof, dass er sich inoffiziell verlobt hatte. Die Verbannung Katharinas allerdings diente ihren Plänen die Zarenkrone zu erlangen sehr: So hatte sie Zeit den Putsch gegen Peter III. zu planen. Ihr zur Seite standen ihr neuer Geliebter, Grigori Orlow, und der Adel des Hofes. Kurz vor ihrem Staatsstreich gegen Peter III. schrieb Katharina in ihren Memoiren: „Es gibt keine mutigere Frau als mich. Ich besitze schrankenlose Kühnheit.“ Ihr Vorhaben Zarin zu werden in die Tat umzusetzen brauchte Zeit und exakte Planung. Katharina brauchte die Unterstützung des Hofes, des Heeres und der Kirche. Der Hof war durch das kindische Verhalten Peters von seiner Fähigkeit das Reich zu regieren nicht überzeugt und stand daher hinter ihr. Durch ihren neuen Liebhaber Grigori und seine Brüder, die allesamt Offiziere des russischen Heeres waren, gewann sie zunehmend Einfluss in deren Reihen; und die Kirche leistete dank ihrer vielen und großzügigen Spenden und ihrer religiösen Lebensweise ebenfalls den Eid.

Sie hatte damit Peters Fehler ausgenutzt und ihre deutsche Vergangenheit in eine russische Zukunft verwandelt. Peter III. hatte seine Frau unterschätzt und wurde kurz nach der Machtübernahme Katharinas verhaftet und ermordet. Am 3. Oktober 1762 erreichte Katharina ihr Ziel: Sie wurde endlich zur Zarin und Herrscherin über das russische Reich gekrönt. Das Volk sah sie als Beschützerin, wahre Herrscherin Russlands und Vertreterin der russischen Mentalität. In ihren Memoiren schrieb Fürstin Daschkoff über zwei Werke, die Katharinas die Große verfasst hatte, aber auch über die Mentalität der Zarin: „ Sie [die Werke] sind geschrieben, mit Gefühlen, welche wahre Russen hegen und pflegen müßen, für eine Herrscherin, die man in Wahrheit die Mutter ihrer Untertanen nennen konnte.“

Eine skrupellose Herrscherin oder femme fatal?

„Während überall in Europa die Throne zu versinken drohten, erhob sich hoch im Norden Russland zu ungeahnter Größe und wurde von einer deutschen Frau geschickt am Staatszügel zum mächtigsten Zarenreich der Geschichte geführt. Stolz legte sie sich den Purpur um ihre Schultern, der seit Generationen durch Ströme von Blut gefärbt zu sein schien.“ So wurden die Anfänge der Regentschaft Katharinas der Großen in dem Buch Erinnerungen der Kaiserin Katharina II. (Hrsg. G. Kuntze) beschrieben. Sie selbst stellt sich in ihren Memoiren oft als Mutter und Beschützerin Russlands dar und löste das russische Volk kurz nach ihrem Herrschaftsantritt aus den Zwängen des „Lang lebe die Zarin, Beschützerin Bündnisses mit Preußen. Damit stoppte sie die des russischen Volkes!“ von Peter eingeführte Reform und sicherte sich nicht nur die Regentschaft, sondern auch weiterUm auch das Volk überzeugen zu können, brach hin die Leibeigenschaft der Bauern und treue Katharina nach St. Petersburg auf. Gekleidet wie Ergebenheit des Volkes. ein Offizier ritt sie auf einem Pferd wie ein Mann von Sie regierte alleine und stellte sich selbst in ihrer Oranienbaum nach St. Petersburg – damit wollte Macht als halbgottartig und unanfechtbar dar. sie Heer und Volk zeigen, dass sie die wahre rus- Jeder, der ihre Entscheidungen kritisierte und sische Kaiserin war. Ihr Ziel war es das Heer um damit ihre Position und Entscheidungsfähigkeit Schutz zu bitten und sie und ihren Sohn vor dem in Frage stellte, wurde von ihr versetzt. Sie bepsychisch labilen Zaren zu retten, da Peter sie nutzte die Männer als Marionetten für ihre Pläne angeblich ermorden lassen wollte. Damit erlangte und schien den Fortschritt in der russischen Polisie vollends die Unterstützung, die sie benötigte tik mit „Sieben-Meilen-Stiefeln“ zu fördern. In den und zog als russische Zarin in St. Petersburg ein. ersten Jahren ihrer Regentschaft vollzog sie eine


Im Überblick: Katharinas Lebensdaten Name: Jekatarina II. Aleksejewna (Beiname: die Große) Geborene Sophie Auguste Friederike von Anhalt–Zerbst 1729: Geboren und Aufgewachsen in Stettin 1744: Reise nach Russland, 1745: Hochzeit mit Großfürst Peter III. und Beitritt zum russisch-othodoxen Glauben, sowie Ernennung zur Großfürstin 1754: Geburt ihres Sohnes Pawel Petrowitschs 1756: Entstehung der Verbindung zur britischen Botschaft 1757: Geburt ihrer Tochter Anna 1761: Tod der Zarin Elisabeth Petrowna und Amtsantritt Peters III. als neuer Zar 1762: Staatsstreich gegen den amtierenden Zar Peter III. und Aufstieg zur selbsternannten Herrscherin über Russland 1763: Stanislaus Poniatowski, Katharinas ehemaliger Geliebter, wird von ihr zum König von Polen ernannt 1765: Einführung einer neuen Rechtsreform, Katharina selbst verfasste viele Dokumente und gab Wörterbücher, Opernlibretti, Märchen und Gedichte heraus 1768–1774: Russisch–türkischer Krieg 1773: Bauern- und Kosakenaufstände, welche von russischen Heer sofort niedergeschlagen wurden 1774: Grigori Potjomkin wird Katharinas neuer Geliebter 1787: Reise Katharinas an die Krim 1791: Tod Potjomkins erschüttert Katharina tief 1796: Tod Katharinas im Alter von 67 Jahren Darstellung als Herrscherin: Ehrgeizige belesene Gattin, leidenschaftliche Frau und Vertreterin des Absolutismus, der Philosophie und Aufklärung


Bildungsreform, kümmerte sich um ein stärkeres Einwanderungssystem, plante eine Ausdehnung des russischen Reiches im Süden und setzte den britischen Poniatowski, ihren ehemaligen Liebhaber, als König von Polen ein, um ihre Machtposition auf internationaler Ebene durch Bündnisse zwischen Polen, Russland und Großbritannien zu sichern. Durch diese kulturellen und politischen Fortschritte wurde Russland zu einem ernstzunehmenden Gegner und begehrtem Verbündeten der europäischen Staaten. Dennoch verschlechterte sich die Stellung der leibeigenen Bauern während ihrer Herrschaft stetig und erreichte 1774 seinen Höhepunkt in diversen Kosakenaufständen, die Katharina alle blutig niederschlagen ließ.

folgte zielstrebig ihre Pläne. Die anfangs so glorreiche und vielversprechende neue Herrscherin verlor mit der Zeit ihren Glanz, insbesondere durch politische Alleingänge und ihre skrupellose Vorgehensweise gegenüber dem eigenen Volk. Joseph II. von Österreich soll verachtend gesagt haben, dass sie sich selbst zum Götzenbild gemacht habe. Und dennoch war sie als Herrscherin und Frau mit Macht ein Sexsymbol der damaligen Zeit.

Eine tragische Liebesgeschichte

Potjomkins Tod 1791 erschütterte Katharina sehr und ließ sie an Lebenskraft verlieren. Sie wurde zunehmend müde, brach Ratssitzungen ab und empfing kaum noch Bittsteller, so schrieb Fürstin Ein Sexsymbol ihrer Zeit Daschkoff in ihrem Brief an Voltaire kurz vor ihrem Abschied vom Hof. Kurz vor ihrem Tod widmete Sie selbst bildete sich stetig weiter, stand in regem sie sich der Musik und der Philosophie und gab geistigem Austausch mit diversen Philosophen die Entscheidungen an ihre Berater ab. Von Alter und wechselte öfters ihre Liebhaber: Nach 12 Jah- und Krankheit gezeichnet schwemmte die bisher ren endete die Beziehung zu Orlow, der sie am zierliche und schlanke Kaiserin körperlich auf und Ende regelmäßig betrog, und sie wurde auf Fürst wirkte zunehmend schwerfällig. Sie wurde unPotjomkin aufmerksam, der sich besonders in den konzentriert, wehleidig, launenhaft und wankelTürkenkriegen seit 1773 hervortat. Nach einem mütig. Katharina begann sich aus dem politischen siegreichen Ausgang für das russische Reich und öffentlichen Geschehen zurück zu ziehen und erhob Katharina Potjomkin zum Kriegsminister konzentrierte sich auf ihre früheren Erfolge. So und machte ihn zu ihrem langjährigen Geliebten. stellte sie sich in ihren Memoiren selbst als wahre Es wird ihr nachgesagt, dass sie ihn mehr liebte Patriotin und Kämpferin dar, die als stolze Alleinals sich selbst und er die erste richtige Beziehung herrscherin für jede Position zur rechten Zeit den ihres Lebens war. Potjomkin war aber auch ein rechten Mann gefunden hatte. bedeutender und ernstzunehmender Berater, der Im November 1796 starb Katharina die Große im es verstand, sich ihre Vorlieben zunutze zu ma- Alter von 67 Jahren an einem Schlaganfall. chen, um sein Ansehen bei ihr zu erhalten und das gemeinsame Ziel, Russland zur Weltmacht zu erheben, voranzutreiben. Katharina hingegen sah Weiterführende Infos: keine bedeutungslose Affäre in ihm, sondern einen kompetenten Verbündeten und Geliebten. Über MDR Reportage: Geschichte Mitteldeutschlands eine heimliche Hochzeit der beiden wird bis heute „Katharina die Große“ vom 29.10.2006. spekuliert. Die Verbindung hielt aber nur zwei Jahre, dann suchte er ihr zunehmend jüngere Lieb- ZDF: Katharina die Große. Der Weg zum Zaren. hron, http://www.zdf.de/frauen-die-geschichtehaber, um seine Stellung am Hof zu behalten. machten/katharina-die-grosse-der-weg-auf-denUnter der Herrschaft Potjomkins und Katharinas zarenthron-30169276.html, Zugriff: 08.01.2016 wurde Russland zu einer Weltmacht und doch sagte Katharina immer wieder, dass sie nur als Memoiren der Kaiserin Katharina II. – Von ihr sel unabhängige Alleinherrscherin erfolgreich sei. Je- bst geschrieben, nebst einer Vorrede von U. Herzen, Hannover 1859. doch wurde Katharina – durch ihre selbstverherrlichende und arrogante Art – international zuneh- Memoiren der Fürstin Daschkoff. Zur Geschichte mend negativer wahrgenommen. Sie gab von der Kaiserin Katharina II., nebst Einleitung von AlAnfang an wenig auf das Gerede anderer und ver- exander Herzen, Teil I und II Hamburg 1857.



1944 Zwischen

Ungefähr so soll der Alltag eines Häftlings im KZs Engerhafe ausgesehen haben. Das Konzentrationslager in dem kleinen norddeutschen Dorf Engerhafe bestand nur für eine kurze Zeit - vom 21. Oktober bis zum 22. Dezember 1944. Westlich von Aurich gelegen, war das KZ Engerhafe eine Außenstelle des KZ Neuengamme bei Hamburg und diente zum Bau einer Wehranlage an der deutschen Nordseeküste, des sogenannten Friesenwalls. Die Insassen von Engerhafe mussten Panzergräben um die Stadt Aurich ausheben und befestigen. Das KZ Engerhafe war das einzige Konzentrationslager in Ostfriesland zur Zeit des Nationalsozialismus. Die Insassen des KZs waren hauptsächlich sogenannte „politische Gefangene“ verschiedener Nationalitäten. Die Todesrate in Engerhafe war aufgrund der katastrophalen Lebensumstände der Gefangenen ungewöhnlich hoch, in nur zwei Monaten starben 188 Menschen. Zu den Toten gehörten 68 Polen, 47 Niederländer, 21 Letten, 17 Franzosen, neun Russen, acht Litauer, fünf Deutsche, vier Esten, drei Belgier, drei Italiener, ein Spanier, ein Tscheche und ein Däne. Man hielt in den Kirchenunterlagen blutige Diarrhoe als Todesursache der Insassen fest.

ländlicher Idylle und Kriegsverbrechen: Das KZ Engerhafe

Ein Text von André Eden

Der Tag beginnt um 04:00 Uhr. Das Frühstück besteht aus einem alten Stück Brot, 20 Gramm Margarine und etwas Marmelade und Wurst. Bis zu einer wässrigen Suppe am Abend wird es keine weitere Mahlzeit geben. Nach dem Zählappell folgt ein zwei Kilometer langer Fußmarsch zum nächsten Bahnhof, von dem aus die Häftlinge mit dem Zug nach Aurich transportiert werden. Dort geht der Fußmarsch weiter, mitten durch die Stadt, vor den Augen der Bewohner. Bei strömendem Regen arbeiten die Häftlinge nun stundenlang, graben mit ihren Schaufeln bis es dunkel wird. Diejenigen, die bei der Arbeit in Aurich gestorben sind, müssen abends mit zurück ins Lager getragen werden. Auch die Leichen müssen beim abendlichen Zählappell dabei sein. Titelfoto links: Herbert Müller “Engerhafe und Totenzettel”, Aquarell und Collage, 34 x 41cm, 2002

Auflösung des Lagers im Dezember 1944 Zwischen Oktober und Dezember 1944 waren in Engerhafe zwischen 2000 und 2200 Menschen inhaftiert, von denen 500 Schwerstkranke am 15. Dezember zurück nach Neuengamme transportiert wurden. Mit der Überstellung der restlichen Häftlinge am 22. Dezember lösten die Nationalsozialisten das Lager auf. Die SS ließ 188 Leichen auf dem Engerhafener Friedhof zurück, von denen sie nur die ersten fünf Toten in Holzkisten begruben, danach wickelten sie die Leichen in Dachpappe und Draht, zum Schluss warfen sie die Toten völlig nackt in die flachen Erdgruben. Der


französische Suchdienst exhumierte und identifizierte die Leichen 1952 mit Hilfe der Kirchenunterlagen. Einige Leichen transportierte man in ihre Heimatländer zurück, den Rest begrub man auf dem Friedhof Engerhafe.

Menschen über die Geschehnisse in Engerhafe aufklären. Der am 29. Oktober 2009 gegründete Verein erarbeitete ein Konzept für die Gedenkstätte vor Ort. Im Vordergrund der Gedenkstättenarbeit in Engerhafe steht die Erinnerung an die Geschehnisse von 1944, sowie die damit verbundene Mahnung an Regionale Erinnerung: zukünftige Generationen: Systematische EntwürEhrenamtliche errichten digung der Insassen war Teil des nationalsozialisGedenkstätte tischen Systems. Die Gedenkstätte Engerhafe ist den dort getöteten Insassen gewidmet, um diesen Trotzdem ist den meisten Menschen, auch in Endwürdigungsversuchen entgegenzuwirken. Die der Region, heute nicht bewusst, dass es die- Gedenkstättenarbeit sowie die Ausstellung befasses Konzentrationslager gab, und dass dort in sen sich außerdem mit der direkten Täterschaft kürzester Zeit 188 Menschen ums Leben kamen. und gewollten und ungewollten Mittäterschaft Inzwischen aber gibt es den Verein Gedenkstätte der Kirche, der Behörden und des Militärs. NeKZ Engerhafe e.V., der vor Ort eine Gedenkstätte ben diesen Aufgaben soll Angehörigen der Opfer mit integrierter Ausstellung ins Leben gerufen vor Ort die Möglichkeit gegeben werden, sich mit hat. Der Verein will diese in Zusammenarbeit mit den Geschehnissen auseinanderzusetzen und der Universität Oldenburg neu konzipieren, feste der Opfer zu gedenken. Der Verein hat verschieÖffnungszeiten festlegen und so möglichst viele dene Arbeitsgruppen gebildet, die zum Beispiel

Foto links: Denkmal zur Erinnerung an den Panzergrabenbau durch Insassen des Außenlager Engerhafe in Aurich. Im Vordergrund ist ein erhaltenes Teilstück des Grabens zu sehen. Foto: Matthias Süßen, Wikipedia


Foto rechts: Bettkonstruktionen aus Holz im KZ Wöbbelin. Die Betten in Engerhafe müssen ähnlich ausgesehen haben, wobei sich in der Regel mehrere Insassen ein Bett teilen mussten. Zeitzeugen befragen oder Kontakt aufnehmen zu den Familien der Opfer. Ein weiterer zentraler Bestandteil der Gedenkstätte sind die Kunstwerke Herbert Müllers, die auf der Grundlage von Zeitzeugenberichten unter anderem Szenen aus dem Alltag des Lagers in Engerhafe zeigen. „Nachdem ich Mitte der 80er Jahre zum ersten Mal von der Existenz des Lagers in Engerhafe gehört habe, hat mich die Vorstellung eines KZ in unmittelbarer Nähe meines Wohnortes nicht mehr losgelassen“, sagt Müller. Herbert Müller wohnt in der Region, ist Künstler und Lehrer und außerdem Mitglied im Verein KZ Gedenkstätte Engerhafe. Er präsentierte seine Bilder schon auf den verschiedensten Kunstausstellungen im In- und Ausland und gewann damit mehrere Preise. Gerade weil es von dem Lager keine Fotos oder Ähnliches gibt, können Müllers Bilder vielen Menschen dabei helfen, die damalige Situation in Engerhafe gedanklich besser zu erfassen. Einige der Bilder sind sehr düster und verdeutlichen den Kontrast, der bei einem ersten Besuch der Gedenkstätte in diesem kleinen ostfriesischen Dorf unweigerlich entsteht: Der Kontrast zwischen friedlicher, ländlicher Idylle, und den grauenhaften Verbrechen der Nationalsozialisten, die genau in

dieser Idylle stattgefunden haben. Verbrechen, die bis heute viele nicht wahrhaben wollen. „1988 hatte ich mit Jugendlichen ein Modell für ein Mahnmal mit den Namen der 188 Opfer angefertigt. Als wir dieses Projekt in dem zuständigen Ausschuss der politischen Gemeinde vorstellten, weil wir hofften, dass es umgesetzt werden könnte, sind wir auf eisige Ablehnung gestoßen“, erzählt Müller, „ich war über diese Ablehnung – besonders den Jugendlichen gegenüber – so hilflos, entsetzt und verzweifelt, dass ich dachte: ‘Jetzt male ich Euch, was Ihr nicht wahrhaben wollt’.“

Die Vergangenheit scheint unsichtbar Es ist ein grauer, verregneter Frühlingstag, als elf Studenten und Studentinnen der ungefähr einer Autostunde entfernten Universität Oldenburg in Engerhafe eintreffen. Die Atmosphäre ist zunächst unruhig und bedrückend. Niemand weiß was ihn oder sie erwartet, aber alle wissen, dass in diesem Dorf, das nur aus ein paar Häusern besteht, Menschen auf brutale Weise zu Tode gequält wurden.


Direkt neben der Kirche lag einst das Lager, das wissen die Studenten aus der Vorbesprechung und während sie aus dem Auto aussteigen wird vielen bewusst, dass sie sich bereits an genau an dieser Stelle befinden. Doch in Engerhafe lässt wirklich nichts darauf schließen, dass es hier einst ein Konzentrationslager gab. Keine Gebäudereste, keine Zäune, nur eine Wiese und einige kleine Häuser. Doch genau diese zwei Aspekte sind das „Besondere“ an der Situation in Engerhafe: 1942 beschlagnahmten die Nazis das Pfarrhaus und den Pfarrgarten in Engerhafe und errichteten ein Lager. Hierbei handelte es sich jedoch um ein unbewachtes Arbeitslager, mit niederländischen Arbeitsdienstlern. Erst nach dem Befehl Hitlers zur Errichtung des Friesenwalls 1944 richtete das KZ Neuengamme sieben verschiedene Außenlager ein, von denen eins in Engerhafe entstehen sollte. Hierzu beschlagnahmten die Nationalsozialisten in Engerhafe zunächst weiteres Land, unter anderem den Spielplatz der Volksschule. Außerdem baute man vier Wachtürme, sowie einen mit Stacheldraht versehenen Maschendrahtzaun. Mitte Ok-

tober trafen dann die ersten 400 bis 500 Insassen in Engerhafe ein. Neben der Tatsache, dass sich das KZ also mitten im Dorf, zwischen Schule und Kirche, befand, ist eben auch außergewöhnlich, dass von der Lagerbefestigung absolut keine Überreste mehr vorhanden sind. Das Lager selbst wurde direkt nach Kriegsende geplündert, wann die Gebäude abgetragen wurden ist nicht bekannt. Auch ein Großteil der Auricher Panzergräben wurde nach dem Krieg zugeschüttet. Das einzige, was in Engerhafe noch von dem Konzentrationslager zeugt, sind die Leichen unter der Erde und die Erinnerungen einiger Zeitzeugen. Doch für den Besucher der Gedenkstätte scheint die Vergangenheit hier auf den ersten Blick unsichtbar zu sein. Für die Gedenkstättenarbeit ist das natürlich eine enorme Herausforderung.

Die Vergangenheit sichtbar machen „Now you are in a civilized country!“ Mit diesem Satz beginnt Carl Osterwald, Vorsitzender des

Was gibt es in Engerhafe heute zu sehen? Neben dem historischen Pfarrhaus und dem Denk- und Mahnmal auf dem Friedhof werden in der Ausstellung verschiedene Themen dargestellt und Objekte präsentiert. Die Ausstellung beinhaltet zur Zeit: • Das Grabungsbuch aus den 50er Jahren, sowie die 188 originalen Totenzettel der verstorbenen Insassen • Die das Lager und den Alltag der Insassen betreffende Kunst Herbert Müllers • Ein Modell des Lagers auf Grundlage von Zeitzeugenberichten • Verschiedene Infodarstellungen mit Fotos und Abbildungen zu spezifischen Themen • Rekonstruierte Lebensläufe einzelner Häftlinge


Vereins und gleichzeitig Zeitzeuge, seine Begrüßungsrede beim ersten Treffen des Vereins mit der Seminargruppe aus Oldenburg. Der Satz stammt aus seiner Zeit bei der Bundeswehr. So habe ein deutscher Offizier einen ausländischen Soldaten begrüßt, der aus einem Flugzeug stieg, das gerade aus einem ausländischen Krisengebiet gekommen war. Carl Osterwald hat den Krieg, sowie die Geschehnisse in Engerhafe selber miterlebt. Direkt am Anfang des Treffens will er die Studenten und Studentinnen mit diesem Satz daran erinnern, dass Deutschland eben nicht immer ein „zivilisiertes Land“ war, sondern dass die Rechte und Freiheiten, die wir heute genießen, hart erkämpft wurden. Genau diese Erinnerung und Mahnung ist für ihn ein zentraler Aspekt der Gedenkstätte und der Ausstellung. Das Treffen findet im Gulfhof statt, einer großen Gaststätte direkt neben dem ehemaligen KZ Gelände. Auch die anderen Vereinsmitglieder erzählen immer wieder kleine Geschichten und geben Hintergrundinformationen, auch während sie die Studenten und Studentinnen durch die Ausstellung und über den Friedhof führen. Nachdem der Verein die Seminarteilnehmer mit dem Gelände und den Räumlichkeiten vertraut gemacht hat, werden den einzelnen Arbeitsgruppen des Vereins jeweils zwei bis drei Seminarteilnehmer zugeteilt. In intensiven Einzelgesprächen wollen sie klären wie genau im folgenden Semester an der Neukonzipierung der Gedenkstätte gearbeitet werden soll.

eine Anregung für ein Ausstellungskonzept zu erarbeiten. Es ist nicht immer unproblematisch, wenn Menschen verschiedener Generationen, mit einem völlig unterschiedlichen Alltag zusammenarbeiten. Die Vereinsmitglieder arbeiten alle ehrenamtlich und sind teilweise berufstätig. Die Studierenden müssen neben dem genannten Seminar noch viele weitere Veranstaltungen besuchen und andere Arbeiten verfassen. Trotzdem wird schnell das persönliche Interesse deutlich, welches hier auf beiden Seiten an der Zusammenarbeit besteht, und im Laufe des Semesters nimmt die Arbeit an der Neukonzipierung und der Daten- und Ideensammlung immer mehr an Form an. „Insgesamt habe ich die Zusammenarbeit als positiv und sehr konstruktiv wahrgenommen“, sagt Dr. Britta Weichers, Leiterin des Seminars zur Neukonzipierung der Gedenkstätte. „Durch die Zusammenarbeit mit dem Seminar kann gewährleistet werden, dass die geplante Ausstellung wissenschaftlichen Qualitätsstandards entspricht.“

Zusammenarbeit der Generationen

Die Zusammenarbeit war sicherlich für den Verein, wie auch für die Studierenden ein Entwicklungsschritt, bei dem beide Seiten wichtige Erfahrungen sammeln konnten. Wenn man diese Zusammenarbeit im Kontext der diversen Bemühungen sieht, die Bürger und der Verein in der Nachkriegszeit unternommen haben, um über die Geschehnisse in Engerhafe aufzuklären, und sieht wie extrem Mahnen, Erinnern, Aufarbeiten diese teilweise abgewiesen wurden, erscheint Die Neukonzipierung ist aufgrund verschiede- diese Kooperation ein wichtiger Fortschritt in der ner Aspekte eine schwierige Angelegenheit. Zum Geschichte der Gedenkstättenarbeit. einen steht zum Zeitpunkt des Zusammentreffens Wann die beschriebene Neukonzipierung nun in nicht fest, ob und wie viele Gelder für den Um- vollem Umfang umgesetzt werden kann, steht bau der Ausstellungsräume überhaupt bewilligt noch nicht fest. Viele verschiedene Faktoren sind werden. Auch die genaue Raumaufteilung steht hierfür entscheidend, vor allem aber die Bewillinoch nicht fest. Außerdem ist die Beschaffung gung der entsprechenden finanziellen Mittel. Fest historischer Informationen, Zeitzeugenberichte, steht jedoch, dass sich ein Besuch der Ausstellung sowie Fotos und Dokumente sehr schwierig, da auch jetzt schon lohnt. Vielleicht ist es besonders ehemalige Insassen und Angehörige der Opfer interessant, eine Gedenkstätte zu besuchen, die meist im Ausland leben. Trotzdem gibt es schon noch keine umfangreiche finanzielle Unterstützung während dieses ersten Treffens viele Ideen und erfahren hat. Vor allem das Herzblut und EngageVorschläge. In den nächsten Monaten erarbe- ment des Vereins und dessen Umgang mit seinen iten die Seminarteilnehmer themenspezifische bescheidenen Mitteln, machen die Ausstellung in Thesenpapiere und Literaturlisten, um am Ende Engerhafe zurzeit zu etwas Besonderem.


FlĂźchtlinge aus OstpreuĂ&#x;en auf einem Pferdewagen, 1945 Quelle: Wikimedia Commons, Bundesarchiv, B 285 Bild-S00-00326 / Unknown / CC-BY-SA 3.0


Januar 1945


Gertrud S.: Meine Flucht aus Ostpreußen

Aufgezeichnet von Benjamin Samorski

Im Januar 1945, noch vor dem Ende des 2. Weltkrieges flohen fast 12 Millionen Deutsche aus den Reichsgebieten östlich der Oder und Neiße, auch aus Ostpreußen. Die Flucht ging für die einen gut, für die anderen weniger gut aus. Fest steht, dass die Erlebnisse der Flucht die Überlebenden, ein Leben lang prägten. Die damals elfjährige Getrud S. schildert ihre Flucht:

Der Aufbruch Klein Eppingen, Ostpreußen im Januar 1945: Schon seit Tagen rollen die Trecks durch ihr kleines Dorf, sie kommen aus den weiter östlich gelegenen Gebieten Ostpreußens. Aber in ihrem Dorf geht das Leben auch am Morgen des 19. Januar 1945 noch seinen gewohnten Gang. Gertrud S. befindet sich an diesem Morgen auf dem Rückweg von einem Zahnarztbesuch aus der 12 Kilometer entfernten Kreisstadt Neidenburg. Doch als sie abends ihr Heimatdorf erreicht, muss es plötzlich ganz schnell gehen.


Foto oben: Ilyushin Il-2 Sturmovik, Flugzeug für Bodenangriffe

Sie erinnert sich: „Es war gerade dunkel geworden da kam der Befehl, um 0 Uhr sei das Dorf zu räumen und die Heimat zu verlassen, die Russen waren auf dem Vormarsch.“ Der Treck wurde vorbereitet, die Leiterwagen beladen, „es wurde versucht mitzunehmen, was möglich war, meine Mutter hatte schon so eine Vorahnung, sie hatte schon vorgeteigt und backte bis kurz vor Abreise noch Brote. Die wurden dann noch heiß auf unserem Wagen verstaut“, sagt sie, „damit wir wenigstens was zu essen haben.“ Dann ging es los, „mitten in der Nacht und es war kalt wie die Pest!“ erinnert sie sich. Sie floh zusammen mit ihrer Mutter, ihrer Großmutter, ihrer Schwester und ihrem kleinen Bruder. Der Vater war bereits während des Krieges an einer Krankheit gestorben. Das ganze Dorf brach auf, „ein Wagen am anderen, die Straßen waren voll“. Die ganze Nacht brauchten sie um die Kreisstadt Neidenburg zu erreichen. Von dort aus führte der Bürgermeister, als Treckführer die Gruppe weiter Richtung Norden nach Allenstein.

Unter Beschuss

Foto links: Flüchtlinge bei ihrer Ankunft in Berlin, Februar 1945 Quelle: Wikimedia Commons, Bundesarchiv, Bild 183-R77448 / CC-BY-SA 3.0

Auf dem Weg nach Allenstein griffen erstmals russische Tiefflieger ihren Treck an. Der Beschuss hielt mehrere Tage an. Sie kamen zweimal täglich. Sobald die Flüchtenden die Tiefflieger erblickten, gab es ein großes Geschrei und alle „rannten wie sie nur konnten unter die Dachrinnen der Häuser, die am Wegesrand standen“. Obwohl die Russen häufig schossen, trafen sie nur einige Tiere. Tote Menschen, sagt Getrud, habe sie nach den Angriffen nie gesehen. Irgendwann habe der Treckführer ihre geplante Route geändert. Ursprünglich sollte ihr Weg durch Allenstein führen, nun wichen sie aber in südlicher Richtung aus, weil sie davon gehört hatten, dass Allenstein bereits „lichterloh brannte“, sie fuhren Tag und Nacht weiter.


Verlust und Familienzuwachs Bei Manchengut machte der Treck eine Pause, hier verlor Gertrud S. ihre Großmutter. Die Familie wollte in einem etwa 50100 Meter entfernten Haus Unterschlupf suchen. Die Kinder liefen vor, aber ihre Großmutter kam nie in dem Haus an. Zwar verlor Getrud ihre Großmutter, gewann aber auf der Flucht eine Stiefschwester: Eine ehemalige Nachbarin hatte all ihre ihre Familienangehörigen verloren, konnte aber einige Tage bei verschiedenen Leuten mitfahren. Doch ab Manchengut wollte sie keiner mehr mitnehmen und sie wurde obdachlos. Gertrud erinnert sich „meine Mutter brachte es nicht übers Herz sie hier alleine stehen zu lassen und nahm sie bei uns auf“.

Das Ende der Flucht Mit dem Familienzuwachs ging es weiter in Richtung Langgut. Dort nahm ihre Flucht ein tragisches Ende. Getruds Mutter entschied plötzlich zusammen mit einer weiteren Familie, dass sie auf einem verlassenen Gut bleiben wollte, währende der restliche Treck weiterzog gen Westen. Doch die russische Front war ihnen so schnell auf den Fersen, dass sie rasch eingeholt wurden. Schon am nächsten Morgen wurden Gertrud und die andere Familie im Schlaf überrascht und überfallen. Die Russen nahmen ihnen ihre Pferde und beraubten sie ihrer kompletten Habseligkeiten. So endete ihre Flucht nach nicht einmal zwei Wochen am 2. Februar 1945 im verschneiten Langgut und sie mussten mittellos, nur mit dem was sie am Leib trugen, die müh-

Foto rechte Seite: Kinder aus Polen nach ihrer Ankunft in Westdeutschland Quelle: Wikimedia Commons, Bundesarchiv, Bild 183-20030703-500 / CC-BY-SA 3.0 Foto unten: Flüchtlinge im Frühling 1945 Quelle: Wikimedia Commons, Bundesarchiv, Bild 146-1985021-09 / CC-BY-SA 3.0



same und ungewisse Reise zurück in Richtung Klein Eppingen antreten. Und das zu Fuß. Gertud S. und ihre Familie machten sich also wieder auf den Weg zurück. Sie lebten in verlassenen Häusern und ernährten sich von dem, was sie vor Ort fanden. Sie vagabundierten ein paar Monate entlang der Straße, bis sie in Windau bei der Schwester ihrer Mutter unterkamen und dort wieder sesshaft wurden. Nach Klein Eppingen kehrten sie nie zurück.

“Wir waren wie Freiwild” Gertrud erinnert sich: „Die erste Zeit war die schlimmste, die russischen Nachzügler der Front kamen nach und nach in die Gebiete in denen wir lebten, alle hatten Angst vor ihnen, wir waren nicht geschützt durch Gesetze, sie konnten machen was sie wollten und sie haben gemacht was sie wollten, wir haben uns gefühlt wie Freiwild.“ Nach einer kurzen Pause fährt sie mit ihrer Erzählung fort: „Wir haben uns versucht zu schützen, indem wir uns als Polen ausgaben, dann hatten wir nichts zu befürchten, denn die Polen waren ja russische Freunde, aber meistens be-

merkten sie, dass wir Deutsche waren.“ Als Angehörige der vertriebenen deutschen Bevölkerung hatte es viele Menschen nicht einfach. Es entstand eine Atmosphäre der Angst. Zu den Kindern waren sie nett, aber zu den jungen Frauen waren sie grausam.“ Viele Frauen wurden geschlagen und vergewaltigt, sagt sie, auch ihre Mutter hätten sie versucht zu vergewaltigen, „aber sie hat sich gewehrt, da bekam sie so einen Hieb mit dem Gewehrkolben, dass ich vor Schreck laut aufschrie und weinte“. Man merkt ihr bei diesen Worte an, wie sehr das Geschehene, auch nach über siebzig Jahren noch nahe geht. Gertrud hat Tränen in den Augen. Sie braucht einen Moment um sich zu sammeln. Dann fährt sie fort: „Außerdem klauten sie, wie sie nur konnten. Alles was wir an wertvollen Gegenständen vorfanden, haben sie uns genommen. Meistens kamen sie nachts, haben die Türen aufgeschlagen und uns alle geweckt, manchmal haben sie ihre verlauste Kleidung auf unsere geschmissen und sich mit besseren Kleidungsstücken aus dem Haus eingedeckt. Und sobald sie weg waren beeilten wir uns unsere Kleidung von derjenigen der Russen zu trennen. Aber es half nicht, ihre Krankheiten und Läuse bekamen wir trotzdem“.

Gertrud S. - Eine kurze Biografie Gertrud S. wurde am 20. Februar 1933 in Klein Eppingen, im Landkreis Neidenburg geboren. Als der Krieg 1939 beginnt ist sie gerade mal 6 Jahre alt. Mit 11 Jahren macht sie sich mit ihrer Familie in der Nacht vom 19. auf den 20. Januar auf die Flucht. Sie fliehen auf dem Landweg mit Trecks, ihre Flucht endet am 2. Februar in Langgut, im Landkreis Osterode in Ostpreußen, sie werden zurückgeschickt. Erst 1957 kann sie durch die Familienzusammenführung nach Deutschland kommen. Vom Aufnahmelager Friedland wird sie nach Münster geschickt, dort arbeitet sie in einer Krankenhausküche. Ihre Mutter holt sie kurze Zeit später nach Hagen, dort muss sie für wenig Geld in einer großen Fabrik arbeiten. Auf einem „Ostpreußentreffen“ lernt sie schließlich ihren späteren Ehemann kennen, sie heiraten und ziehen nach Hamburg-Langenhorn. 1963 bekommen sie gemeinsam einen Sohn. Sie fing bei der Post an zu arbeiten, 1973 ziehen sie in ein Dorf bei Bremen, in dem sie bis heute lebt.


Flüchtlingtreck im Raum Braunsberg (Ostpreußen), 1945 Quelle: Wikimedia Commons, Bundesarchiv, Bild 146-1976-072-09 / CC-BY-SA 3.0 Gertrud ist wütend, wenn sie darüber spricht, braucht einen Moment sich wieder zu beruhigen. Ab Sommer 1945 wurde es „etwas besser“. Die Russen zogen sich zurück, übergaben das Gebiet den Polen. „Die Polen haben uns auch schikaniert und beklaut, aber sie haben die Frauen in Ruhe gelassen, wahrscheinlich weil sie katholisch waren, sie hatten doch ein Herz für uns im Gegensatz zu den meisten Russen“.

Die Ausreise in den Westen

gelassen wurden.“ Sie lacht kurz, dann ergänzt sie: „Aber wir hatten nichts, wir mussten ausharren, sparen und warten. Wir konnten erst 1957 im Zuge der Familienzusammenführung endlich ausreisen und kamen nach Norddeutschland ins Lager Friedland“. In Norddeutschland lebt sie noch heute. Mit ihrer Ankunft in Norddeutschland soll diese Geschichte enden.

Anmerkung der Redaktion:

Wie alle Zeitzeigenberichte ist auch dieser von persönlichen Erfahrungen geprägt. Dazu gehören Ihre Flucht missglückte damals, aber nach auch Verallgemeinerungen (von den Russen Deutschland hat sie es, wenn auch Jahre später, bekam man Läuse) oder historische Fehleinschätund auf „geordnetem Wege“ doch geschafft. „Aber zungen geboren aus dem eigenen Erleben. Auf das hat lange gedauert, am Anfang kam man nicht eine tiefergehende Analyse der hier geschilderten raus, außer man hatte genug Geld um ein paar Erlebnisse wurde verzichtet und statt dessen die polnische Beamte zu bestechen. So bekam man ganz subjektive Erfahrung in den Vordergrund passende Papiere, aber auch das half nicht immer. gestellt. Ohne Wertung. Und ohne Kommentar. Manche haben Geld bezahlt und landeten doch wieder hier, weil sie an der Grenze nicht durch- Die Fotos zeigen nicht die Flucht von Gertrude S.


„Die Heimat bleibt doch Schlesien“ – Kriegsflüchtlinge im Oldenburger Land Ein Text von Janna Liebenow-Taubert



1945 Zum siebzigsten Mal jährt sich in diesem Jahr die Vertreibung und Flucht von Millionen von Menschen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs mussten sie ihre Heimat in den ehemaligen deutschen Ostgebieten verlassen. Viele von ihnen fanden in Norddeutschland ein neues Zuhause. Mit einem leichten Rechtsknick schlängelt sich die Biele durch das dicht bewaldete Tal. Am Flussufer steht eine alte Kurklinik, die ein wenig den Anschein herrschaftlicher Sommerfrischen erweckt. Im Hintergrund erhebt sich die kahle Bischofkoppe über die Landschaft. Der Berg bietet mit seiner Kargheit einen Kontrast zur sonst so fruchtbar anmutenden Umgebung. Obwohl die alte Ansichtskarte des oberschlesischen Bad Ziegenhals aus den 1930er Jahren farblos in schwarz-weiß gehalten ist, erweckt sie den Eindruck von sattgrünen Wiesen. Man meint, das Wasser sanft plätschern zu hören und sieht das Sonnenlicht förmlich auf den kleinen Wellen reflektieren. Inmitten dieser Idylle hat Eva-Maria Milke, geborene Krause, ihre Kindheit verbracht, bis sie und ihre Familie die Heimatstadt im Jahr 1946 verlassen mussten und ins Oldenburger Land umgesiedelt wurden. „Manchmal habe ich noch Heimweh nach Zuhause“, sagt die heute 83-Jährige. „Das ist ja eine ganz andere Gegend, wo wir herkommen. Natürlich bin ich jetzt hier zuhause, aber ich würde auch wieder zurückgehen.“ Ziegenhals liegt etwa 100 Kilometer südlich von Breslau, nah an der tschechischen Grenze. Erst kamen die Russen in die kleine Stadt, ein paar Monate später folgten dann die polnischen Soldaten. Da der Vater der Familie in der örtlichen Papierfabrik arbeitete, durfte die Familie zunächst in ihrer Wohnung verbleiben. Einfach war das Leben unter sowjetischer Besatzung aber keinesfalls. Es war unter Strafe verboten, in der Öffentlichkeit

Deutsch zu reden. Nicht selten kam es vor, dass Bürger der Stadt für dieses „Vergehen“ verprügelt wurden. „Das war kein schönes Leben mehr. Dieses Jahr nach Kriegsende war schrecklich“, konstatiert Eva-Maria Milke. Im Juni 1946 musste schließlich auch die Familie Krause Schlesien in Richtung Norddeutschland verlassen. Mitnehmen durften die Geschwister und ihre Eltern nur, was sie tragen konnten. Den Haustürschlüssel mussten sie von außen ins Schloss stecken. Damit war klar, dass es kein Zurück geben würde. Zu Fuß, auf Lastwagen und im Zug ging es gen Westen, bis die beschwerliche Reise schließlich im Oldenburger Land bei Wildeshausen endete.

Ankommen im neuen Zuhause fern der Heimat Auf ähnlichen Wegen wie die Familie Krause kamen ab dem Jahr 1945 Millionen von Menschen in die heutige Bundesrepublik Deutschland. Bei der Volkszählung im Jahr 1950 betrug der Anteil von Flüchtlingen an der Gesamtbevölkerung 16,5 Prozent. Das waren beinahe acht Millionen Flüchtlinge beziehungsweise Vertriebene, die zu einem Großteil aus den deutschen Ostgebieten Preußen, Pommern oder Schlesien stammten. Unter anderem aufgrund des stark ansteigenden Flüchtlingsstroms aus der DDR stieg der prozentuale Anteil bis zum Beginn der 1960er Jahre sogar noch einmal deutlich an. Extremer als in der gesamten, „großen“ Bundesrepublik verhielt es sich im „kleinen“ Oldenburg und dem zugehörigen Landkreis. Die Stadt war im Zweiten Weltkrieg verhältnismäßig glimpflich davon gekommen und nur von wenigen Bomben getroffen worden. Daher strömten nun unaufhaltsam Flüchtlinge aus Ost- und Mitteldeutschland in die Region. Allein die Stadt Oldenburg nahm etwa 40.000 Vertriebene auf. Die Einwohnerzahl

Titelfoto: Geschwister Krause und Postkarten aus Ziegenhals Quelle: Nachlass Margarete Hebestreit


Ankunft von Flüchtlingen am Bahnhof in Hude, 1946 Quelle: Stadtmuseum Oldenburg stieg daraufhin innerhalb kürzester Zeit von knapp 94.000 auf 120.000 an. Quasi über Nacht war Oldenburg zur Großstadt angewachsen. Dem Landkreis Oldenburg wurden ebenfalls viele Flüchtlinge zugeteilt. Und das obwohl gerade dieser, im Gegensatz zur Stadt Oldenburg, durch erbitterte Kämpfe zwischen den vorrückenden alliierten Truppen und der Wehrmacht im Jahr 1945 erheblich zerstört worden war. Bevölkerung und Verwaltung standen hier großen Problemen gegenüber. Die Einwohnerzahl im Landkreis stieg durch die Aufnahme von Vertriebenen um etwa 65 Prozent. Lebten im Jahr 1939 noch 44.873 Menschen im Oldenburger Land, so waren es 1950 74.149.

Vergleichbare Situationen? Heutzutage über den immensen Kraftakt der Aufnahme und Integration der Heimatvertriebenen zu sprechen, ist unter Umständen zu spät. Zum einen sind viel zu viele der einst Vertriebenen be-

reits verstorben. Zum anderen sind die Überlebenden perfekt integriert und in der Gesellschaft mit „bloßem Auge“ kaum mehr auszumachen. Dennoch ist das Thema „Flucht und Vertreibung“ wieder aktuell wie nie. Jedoch hat man in der gegenwärtigen Flüchtlingsdebatte ein Bild von dunkelhäutigen Menschen vor Augen. Die aktuellen Flüchtlinge entstammen einem anderen Kulturkreis und Ländern mit einem völlig anders gearteten Klima. Schwierig werde die Integration dieser Menschen, mutmaßen Kritiker. Denn sie sprächen unsere Sprache nicht und hätten kein Verständnis für unsere westliche Lebensweise. Dass vor siebzig Jahren bereits einmal eine völkerwanderungsartige Welle an Menschen in die Bundesrepublik schwappte, scheinen viele vergessen zu haben. Vielleicht erscheint deren Handhabung in der Rückschau auch als einfach. Wir kennen die Geschichte und ihre Folgen ja bereits. Vergleichbar sei die heutige Situation mit der Nachkriegszeit sicherlich nicht, so der Historiker Prof. Dr. Hans Henning Hahn von der Carl von Ossietzky Universität Oldenburg. „Damals war



Deutschland in beiden Teilen ein moralisch und materiell devastiertes Land nach einem Krieg, für dessen Ausbruch es selbst uneingeschränkt die Verantwortung trug. Heute ist es eines der wohlhabendsten und bestgeordneten Länder der Welt.“ Dennoch neigt man zum Vergleich beider Situationen – heute und damals –, vor allem bezogen auf die Integration der Flüchtlinge. Einigen Menschen ist der Kraftakt der noch jungen Bundesrepublik in den 1940er und 1950er Jahren sicherlich bewusst, dennoch erkennt die meisten keine Sprachbarriere zwischen Einheimischen und Zugezogenen und nur wenige kulturelle Unterschiede. Direkt nach Kriegsende sah das allerdings ganz anders aus. Die Heimatvertriebenen wurden weder mit offenen Armen empfangen noch waren die Einheimischen bereit, Solidarität zu zeigen. Als „Polacken“ oder „dahergelaufenes Gesindel“ wurden die Menschen aus den ehemaligen Ostgebieten bezeichnet und genauso behandelt. Kulturell empfand man die Neuankömmlinge als andersartig, erklärt Hahn: „Damals waren in Norddeutschland Katholiken genauso fremd wie heute Moslems.“ Zudem waren Lebensmittel streng rationiert und Wohnraum verwüstet und daher rar. Diese wertvollen Güter mit der „Landplage“ der Vertriebenen auch noch teilen zu müssen, war vielen Menschen zuwider. So gelangten die Flüchtlinge oftmals nur durch amtliche Beschlagnahme an eine Unterkunft. Nahrungsmittel wurden ihnen oft nur gegen die letzten Wertsachen überlassen. Dass die Geflüchteten einen langen, qualvollen Weg auf der Suche nach Hilfe und Schutz hinter sich hatten, wollten die wenigsten hören. Der eigene Kummer war groß genug. So verhielt man sich gleichgültig gegenüber dem Schicksal der Vertriebenen. Klagen von Heimatverlust, Erfrierungstod und grausamen Fluchtgeschichten waren unerwünscht, denn diese, so schien es, schmälerten das eigene, erfahrene Leid.

„Heimatlose sind Fremdlinge auf dieser Erde“ Offensichtlich ist die Integration der Heimatvertriebenen in der gesamten Bundesrepublik dennoch wunderbar gelungen. Wie bereits angedeutet sind die Schlesier, Pommern und Preußen


heute unsere Großeltern und Urgroßeltern. Sie haben sich schnell in das soziale Netz an ihrem Wohnort eingebunden und den Wiederaufbau Nachkriegsdeutschlands aktiv mitgestaltet. Dennoch litten die meisten sehr unter dem Gefühl, entwurzelt zu sein. Dies schlug sich nicht zuletzt in der Gründung des Bundes der Vertrieben (BdV) nieder. Dieser wurde im Oktober 1957 durch den Zusammenschluss des bereits länger existierenden Bundes der vertriebenen Deutschen und des Verbands der Landsmannschaften gegründet. Die Arbeit des BdV bestand (und besteht noch immer) darin, die Interessen der Geflüchteten zu vertreten und die Kultur der alten Heimat zu wahren. In der bereits 1950 verfassten Charta des Vereins heißt es: „Wir haben unsere Heimat verloren. Heimatlose sind Fremdlinge auf dieser Erde.“ Bedeutet dies, dass sich die Heimatvertriebenen ihr Leben lang als Fremde in der neuen Umgebung fühlen mussten bezeihungsweise müssen? Dr. Gisela Borchers ist die Vorsitzende des Kreisverbandes Oldenburg Stadt des BdV. Sie wurde im Jahr 1942 geboren und war somit zum Ende des Zweiten Weltkriegs noch im Kleinkindalter. Aber auch ohne eigene Erinnerungen an die Ereignisse bezeichnet sie sich als Vertriebene. Größtes Problem der Vertreibung sei für die meisten Men-

schen die „Zerschlagung und Zerstreuung sozialer Kontakt-gruppen“. Von Außenstehenden als Vertriebene gesehen zu werden sei nicht von großer Bedeutung, jedoch trage dieser Sachverhalt eben zum Heimatverständnis bei. „Natürlich haben wir alle hier Fuß gefasst, uns ein Fortkommen erarbeitet, Vermögen und Besitz erworben. Aber die Heimat ist und bleibt für mich Westpreußen. Hier in Oldenburg bin ich heute zu Hause“, so Borchers. Ähnlich erklärt es Eva-Maria Milke. Siebzig Jahre ist es dieses Jahr her, dass sie im Oldenburger Land angekommen ist. Hier hat sich der Großteil ihres Lebens abgespielt. Hier sind ihre Kinder und Enkelkinder geboren. Hier hat sie Freunde, Bekannte, Nachbarn. In Ziegenhals hat sie lediglich ihre Kindheit verbracht. Heute heißt Ziegenhals Glucholazy, gelegen im Südwesten Polens. 1996 war Milke das letzte Mal dort. Doch die Stadt habe sich sehr verändert und sei schon lange nicht mehr das, was es einmal war. „Diese Heimat, die ich meine, die gibt es nicht mehr. Es sind vor allem schöne Erinnerungen.“ Und dennoch verhält es sich ähnlich wie bei Gisela Borchers, denn Heimat ist eben doch vor allem eins – ein Gefühl. Wildes-hausen, das ist das Zuhause. Aber Bad Ziegenhals – das ist die Heimat.

Bund der Vertriebenen Vereinigte Landsmannschaften und Landesverbände e.V. (BdV) !

• Der BdV ist der Dachverband der deutschen Vertriebenenverbände. Vereinszweck ist es, die Interessen der von Flucht, Vertreibung und Aussiedlung betroffenen Deutschen (Heimatvertriebene) wahrzunehmen. • Der Bund der Vertriebenen wird aus Bundesmitteln gefördert. Unter anderem gehören die Integration von Aussiedlern und Spätaussiedlern sowie die Wahrung des Kulturguts der Flüchtlinge und Vertriebenen zu den Aufgaben des BdV. • In der Charta von 1950 erklärt der BdV, durch „harte, unermüdliche Arbeit am Wiederaufbau Deutschlands und Europas“ teilzunehmen und „jedes Beginnen mit allen Kräften zu unterstützen, das auf die Schaffung eines geeinten Europas gerichtet ist, in dem die Völker ohne Furcht und Zwang leben können“. • Präsident des BdV ist seit November 2014 Bernd Fabritius (CSU).


Quellen: Heinken, Peter: In der Fremde heimisch werden. Flüchtlinge und Vertriebene im Landkreis Oldenburg vom Kriegsende bis zum Anfang der 50er Jahre, in: Minke, Hans-Ulrich / Kuropka, Joachim / Milde, Horst (Hrsg.): Fern vom Paradies – aber voller Hoffnung. Vertriebene werden neue Bürger im Oldenburger Land, Oldenburg 2009. https://de.wikipedia.org/wiki/Oldenburg_(Oldenburg)#Einwohnerentwi cklung

Literaturempfehlungen Aust, Stefan/Burgdorff, Stephan (Hrsg.): Die Flucht. Über die Vertreibung der Deutschen aus dem Osten, Bonn 2003. Dromowicz, Christa: Keiner wird mich weinen sehen! Die Nachkriegsgeschichte einer aus Schlesien geflohenen Familie, Vechta 2009. Minke, Hans-Ulrich / Kuropka, Joachim / Milde, Horst (Hrsg.): Fern vom Paradies – aber voller Hoffnung. Vertriebene werden neue Bürger im Oldenburger Land, Oldenburg 2009.


Palmyra – Angriff auf die Identität Ein Text von Stefan Zackariat



2015 Sand und Sonne. Mehr bekommen die Händler nicht zu sehen. 250 Kilometer schleppen sie sich in Karawanen durch die erbarmungslose Wüste. Wochenlang haben sie sich zuvor schon von Oase zu Oase gehangelt. Vier bis sieben Tage müssen sie nun aber ohne frisches Wasser auskommen. Aus dem Osten kommen sie, China, Indien, der Mongolei. Sie bringen Seide, Jade und Gewürze in ein Europa, das so sehnlich auf die exotischen Güter wartet. Die wertvollste Ressource für die Händler ist auf dieser Passage der Seidenstraße allerdings das Wasser. Den lebenspendenden Euphrat-Fluss haben sie schweren Herzens verlassen müssen, kämpfen sich jetzt mit ihren Kamelen durch die Hitze, bis sie in der Ferne endlich eine Stadt sehen können: Palmyra.

Die Straße zum Reichtum Südwestlich von ihr erstreckt sich eine Oase, die die Stadt zu einer der wichtigsten Stationen der Seidenstraße werden ließ – und somit zu viel Reichtum führte. Jahrhundertelang tummelten sich Händler auf den Straßen, tauschten, kauften und verkauften ihre Güter. Tranken nach Tagen in der Wüste wieder frisches Wasser, lauwarm meist, bevor sie wieder aufbrachen in Richtung Westen. Titelfoto (Doppelseite):Baalschamin-Tempel, Quelle: Wikimedia Commons, Autor: Bernard Gagnon Foto oben: Hadrianstor mit Kolonnade (2004)

Sie trafen andere Händler aus Europa. Römer, Griechen, Briten, wer auch immer Interesse an den wertvollen Gütern hatte, mitten in Arabien, im heutigen Syrien. Nur vier Klicks entfernt ist die Oasenstadt heute. Google – Palmyra – Maps – Satellit. Da sieht man die sieben weißen Lettern, die eine Stadt mitten in der Wüste markieren. Man scrollt heraus, findet Städte wie Arak, Al Quaryatayn und As Sukhnah, deren Namen in Deutschland meist unbekannt sind. Man scrollt weiter, findet endlich wieder Flüsse, Gebirge und eine Stadt, dessen Name mittlerweile häufig Erwähnung in den deutschen Nachrichten findet: Homs. Gut zwei Autostunden liegt die drittgrößte Stadt Syriens westlich von Palmyra, wurde erst Ende 2015 wieder Opfer von Terroranschlägen des sogenannten „Islamischen Staats“ (IS).

Angriff auf Historie und Identität Beim Thema IS kommen die Erinnerungen hoch: Auch Palmyra wurde von der Terrororganisation angegriffen, die Stadt wurde belagert und schließlich eingenommen. Am 20. Mai zogen sich die syrischen Regierungstruppen zurück und gaben die Stadt auf. Der IS hat im Jahr 2015 etwa 14 Prozent seiner vormals eroberten Fläche einbüßen müssen, aber Palmyra war einer dieser medienwirksamen Ausnahmen. In seinen zahlreichen Vorstößen war sie einer der Städte, die auf der anderen Seite wieder eingenommen werden konnte. Doch was macht Palmyra heute, abgesehen vom


offensichtlichen Landgewinn, überhaupt interessant? Die Seidenstraße wird seit langer Zeit nicht mehr genutzt, das Umland ist karg, die Oase liefert zwar noch immer Wasser, aber auch das ist nicht das Hauptziel des IS. Im Jahr 2015 ist es nicht mehr der strategische Knotenpunkt, der Palmyra wertvoll macht. Im Jahr 2015 sind es ihre Historie, ihre Werte und die Identität. Was bedeutet die Identität für eine Stadt? Was bedeutet sie für ein Land? Das kulturelle Gedächtnis vereint ein Land in seiner Geschichte. Man sieht Überlieferungen in alten Relikten, in Texten, Inschriften und in Ruinen. An ihnen orientiert sich das Land, fördert Traditionen und Riten. Es findet sich wieder in der Sprache, im Baustil, im alltäglichen Leben und bildet so eine Identität. Nicht für den Einzelnen, sondern für viele, für eine Stadt oder eben ein ganzes Land. Die antike Stadt Palmyra hat eine Identität gestiftet, an der sich die Syrer auch heute noch orientieren können.

Zerstörungen durch den Islamischen Staat Palmyra wurde im Jahr 2015 nicht das erste Mal erobert. Aufgrund seiner, früher sehr wichtigen, Lage wurde die Stadt unter vielen Reichen hin- und hergeschoben. Bereits etwa 2000 v. Chr. fand sie in den sogenannten Texten von Kültepe erste Erwähnung, damals noch unter dem Namen Tadmor. 41 v. Chr. eroberten die Römer unter der Führung von Marcus Antonius Palmyra und machte sie zu einer tributpflichtigen Stadt. Von diesem Zeitpunkt an wurden die wichtigsten antiken Bauwerke Palmyras gebaut, die etwa 2000 Jahre stehen sollten. Im Jahre 1980 wurden sie von der UNESCO zum Weltkulturerbe ernannt und ab August 2015 durch den IS systematisch zerstört. Drei Monate nachdem der IS mit seinen Truppen einmarschiert war, drangen die ersten Meldungen von der Zerstörung des Baal-Schamin-Tempels

Eckdaten Ca. 2000 v. Chr.

Erste Erwähnung Palmyras in den Texten von Kültepe

41 v. Chr. 32 v. Chr. 106 n. Chr. 129 n. Chr. 130 n. Chr. Ca. 131/2 n. Chr. Bis ca. 212 n. Chr. 212 n. Chr.

Marcus Antonius und die Römer fallen in Palmyra ein Einweihung des Baal-Tempels Palmyra erlangt den Vasallenstatus Kaiser Hadrian erklärt Palmyra zur freien Stadt Einweihung des Baal-Schamin-Tempels Ausbau des Baal-Tempels zur Zitadelle Bau der Prachtstraße, inklusive des Triumphbogens Kaiser Caracalla verleiht Palmyra das Ius Italicum

253-273 n. Chr. 267 n. Chr.

Zeit der „Prinzen aus Palmyra“ – Palmyra nimmt den Charakter eines arabischen Fürstentums an, erobert Ägypten und Kleinasien Zenobia wird Herrscherin, erhebt kaiserlichen An- spruch auf den oströmischen Teil des Imperiums Kaiser Aurelian erobert erneut Palmyra Plünderung und weitgehende Verbrennung der Stadt

272 n. Chr. 273 n. Chr.


Foto: Palmyra Gesamtansicht aus dem Jahr 2008 Quelle: Wikimedia Commons, Autor: James Gordon nach außen. Die Satelliten, die tagtäglich Bilder für die Regierungen weltweit liefern, zeigten Trümmer, da, wo zuvor das Heiligtum stand. Gebaut worden war es im ersten Jahrhundert n. Chr. und wurde später durch den römischen Kaiser Hadrian erweitert. Dessen Affinität für die griechische Kultur sollte auch das Äußere des Tempels prägen, weshalb der Eingang von den typisch griechischen Säulen getragen wurde. Die europäische Architektur hielt offensichtlich Einzug in die Stadt, in ein Heiligtum, das einer phönizischen Gottheit gewidmet war. Die Veränderungen wurden den Einwohnern allerdings nicht gegen deren Willen vorgesetzt, stattdessen tolerierten und akzeptierten sie die zahlreichen neuen Einflüsse.

Der IS dagegen konnte in seiner Ideologie diese Toleranz nicht zulassen, auch wenn sie nur noch sinnbildlich existierte. Die Sprengung des Tempels sorgte weltweit für Empörung. Die Generaldirektorin der UNESCO Irina Bokova erklärte, das Hauptziel des IS sei „das syrische Volk seines Wissens, seiner Identität und seiner Historie“ zu berauben. Nur kurz zuvor hatte der IS den ehemaligen Antikendirektor von Palmyra, Dr. Khaled al Assad, öffentlich hinrichten lassen. Der Deutsche Verband für Archäologie (DVA) gedachte ihm in einer Stellungnahme als herausragenden „Kenner der palmyrenischen Kunst und Kultur [...], der die internationale Zusammenarbeit geschätzt und nach Kräften gefördert hat.“ Über 40 Jahre lang


hatte der Archäologe vor allem um den Erhalt der syrischen Kulturgüter gekämpft und auch nach der Eroberung durch den IS weiter in Palmyra gelebt und gearbeitet.

kamen erneut Meldungen, nach denen der IS den Triumphbogen, der zu Ehren Kaiser Hadrians gebaut worden war, zerstört hätte. Der Triumphbogen war ebenfalls ein besonderes Symbol für Vielfalt, Toleranz und Multikultur. An dem griechisch-römisch gebauten sogenannten Hadrianstor, befanden sich Inschriften in bis zu drei Sprachen, die Geldgeber und ausgezeichnete Palmyrenern geDer Tempel des Baal dachten. Es war auch ein sinnbildliches Tor, das Es verging nur eine Woche bis sich für Toleranz und Vielfalt öffnete. der IS den nächsten antiken Der Triumphbogen wölbte sich über die sogenannte Tempel in Palmyra zerstörte: Prachtstraße Palmyras. Es war der Sammelpunkt Den Baal-Tempel. Die Beson- aller Händler, die oft von der Seidenstraße kaderheit dieses Tempels beginnt men und hier ihre Güter weitergeben konnten. schon mit der angebeteten Gott- Die Straße war bis zu elf Meter breit, hatte einen heit selbst. Baal wird in Über- festgetretenen, lehmigen Boden, untypisch für die lieferungen vielen religiösen römische Städte, deren Hauptstraßen meist einen Strömungen zugeschrieben, steinernen Untergrund hatten. Man kann es sich kann aber nur schwerlich fest vorstellen, wie laut gerufen wurde in einem Gewirr definiert werden, da viele Gott- aus Stimmen. Händler aus aller Welt, die in verheiten unter dem Namen Baal schiedensten Sprachen aufeinander einredeten. auftauchten. Er stand zum Sie sahen Inschriften in Sprachen, die sie nicht Beispiel für Fruchtbarkeit und verstanden, an Säulen, die die Straße einrahmwurde vom jeweiligen Herrscher ten. Sie liefen an Tempeln vorbei, dessen Götter über die Stadt dementsprechend sich von denen unterschieden, die im Tempel nur stilisiert. Auch der Baal-Tempel wenige Schritte weiter verehrt wurden. Es waren vereinte wiederum verschieden- palmyrenische, altarabische und später auch die ste kulturelle Einflüsse aus dem griechischen und römischen Götter. Während griechisch-römischen und dem sie damals friedlich nebeneinander koexistieren orientalischen Stil. So wurden konnten, ist heute nicht mehr viel davon übrig gebeispielsweise auch hier die blieben. typisch griechischen Säulen verwendet. Wie weit die Zerstörung tatsächlich reicht ist bis Eine Chance für Palmyra? heute unklar. Aktivisten des IS erklärten, dass der Grundbau komplett zerstört sei. Der oberste Trotz der schwerwiegenden Zerstörungen wird Archäologe Palmyras, Mamun Abdullkarim, ließ weiterhin die Zukunft der Stadt geplant. Dedagegen verkünden, dass der zentrale Bau noch mentsprechend meldete sich die Präsidentin des stehe – das hätten Augenzeugen berichtet. Die Deuschen Archäologischen Instituts (DAI), FrieUNESCO erklärte die Taten an den Weltkulturer- derike Fless, in einem Interview mit n-tv.de zu ben unterdessen zu Kriegsverbrechen. Bokova Wort. Es habe schon Fälle gegeben, in denen Resprach von „Verbrechen gegen die Zivilisation“, konstruktionen gelungen seien, die man nicht für aber wies auch darauf hin, dass 4500 Jahre Ge- möglich gehalten habe. So nannte sie explizit die schichte niemals ausgelöscht sein würden und die Basaltskulpturen aus Tell Halaf in Syrien, die nach Angriffe nur dazu aufrufen würden „das Erbe der „jahrelanger Puzzlearbeit“ wieder gezeigt werden Menschheit weiter zu teilen“. konnten. Auch Palmyra bestand schon vor den Angriffen aus „Teilrekonstruktionen“, die zu Beginn der 60er Jahre wieder aufgebaut wurden. Das Tor zur offenen Welt Neben den symbolischen Zerstörungen der antiEs verging rund ein Monat ohne weitere Schreck- ken Gebäude hat Palmyra, sowie weitere Städte, ensnachrichten dieser Art aus Palmyra. Dann aber die vom IS erobert wurden, ein weiteres Problem:


Foto: Baaltempel von Palmyra mit Eingangstor (2007) Quelle: Wikimedia Commons, Autor: Jerzy Strzelecki Der Islamische Staat verkauft illegal Kulturgüter. Sie tun dies, um sich selbst zu finanzieren, ansonsten würde die Terrororganisation wohl auch diese zerstören. Mittlerweile gehe man vehement dagegen vor, indem der Inhalt von Museen evakuiert werde, bevor der IS die jeweilige Stadt einnehmen könne, so Fless. Auch die UNESCO hat nach den Angriffen in Palmyra eine Kampagne namens „Unite4Heritage“ ins Leben gerufen, mit deren Hilfe unter anderem gefährdete transportierbare Kulturgüter ausgelagert werden könnten. Außerdem steht ihm Vordergrund den illegalen Handel dieser Güter durch den IS oder andere Organisationen zu unterbinden. Diese Maßnahmen zeigen, dass die Zerstörung

und der Kunstraub in Syrien und im Rest der Welt eine Reaktion hervorgerufen hat. Vermehrt werden Initiativen gegründet, mit deren Hilfe die Identität der Stadt weiter geschützt werden kann. In Palmyra wurden drei der wichtigsten Bauwerke bereits zerstört, aber es wird weiter dafür gekämpft, die Erinnerung an die vermittelten Werte aufrecht zu erhalten. Bokova fasste das nach der Zerstörung des Triumphbogens zusammen: „Palmyra symbolisiert alles, was Extremisten verabscheuen: Kulturelle Vielfalt, interkulturellen Dialog, die Begegnung der verschiedenen Völker zwischen Europa und Asien.“ Durch die Zerstörung bringt der Islamische Staat zunächst aber die Erinnerung an diese Werte wieder ans Licht.


Das kulturelle Gedächtnis Das kulturelle Gedächtnis ist identitätsstiftend für Gruppen von verschiedensten Größen, von Religionen über Nationen bis hin zu tief greifenden Familienstammbäumen. Darin werden (mythische) Ereignisse, Riten oder Texte genutzt, um ein gemeinsames Gedächtnis oder auch Weltbild zu erlangen. In Traditionen leben diese weiter, beispielsweise für das Christentum im Weihnachtsfest, als Symbol der Nächstenliebe. Das kulturelle Gedächtnis ist von dem kommunikativen Gedächtnis zu unterscheiden. Dieses bezieht sich auf Ereignisse, die noch von Augenzeugen bestätigt werden können (80-100 Jahre). Zusammen bilden beide das kollektive Gedächtnis, welches als Gedächtnis einer ganzen Gruppe (Volk, Staat, etc.) verstanden wird.


Foto: Armin Linnartz


2015

Zeit für einen Wechsel, Frau Merkel? Ein Text von Gerrit Alexander Edelmann

In den Umfragewerten liegt Angela Merkel seit Jahren vorne. Trotz Euro- und Flüchtlingskrise war ihre Beliebtheit bisher groß. Nach einer ForsaErhebung für den STERN Ende 2015 wünschten sich 81% der CDU-Mitglieder bei der Bundestagswahl 2017 eine vierte Amtszeit von Merkel. Ihre Wiederwahl 2013 gilt vielen als Beweis für ihren politischen und persönlichen Erfolg. „Wir schaffen das!“ proklamiert Merkel nun in der Flüchtlingskrise. Doch will Deutschland überhaupt noch eine weitere Legislaturperiode mit Merkel als Bundeskanzlerin schaffen oder schwindet ihre Beliebtheit? Ist die Ära Merkel womöglich vorbei?

des Europäischen Rates könne man die Kanzlerin, die Autorität ausstrahle und auf Konsens geeicht sei, gut gebrauchen. Die Politikjournalistin Margaret Heckel schätzte Merkels Ambitionen im RTLInterview 2014 allerdings anders ein: „Sie ist im Moment noch nicht amtsmüde.“ Heckel ging noch 2014 davon aus, dass die Bundeskanzlerin so lange weitermache, bis sie die Eurokrise gelöst hat und die Energiewende, sowie die Haushaltskonsolidierung vollendet hat. Aktuell scheint vor allem die Flüchtlingskrise zur Bewährungsprobe für Angela Merkel zu werden. Laut Deutschlandtrend des ARDMorgenmagazins vom 15. Januar 2016 sind 51% der Befragten, der Meinung „Wir schaffen das nicht“. Angenommen Merkel kandidiert 2017 erneut als deutsche Bundeskanzlerin, dann stellt sich die Frage, ob sie auch erneut vom Volk gewählt wird.

Kann Merkel 2017 erneut die Wahlen dominieren?

Angela Merkel ist seit dem 22. November 2005 Bundeskanzlerin der Bundesrepublik Deutschland. Im Laufe der Zeit hat Merkel an Unterstützung dazugewonnen. So gewann die CDU 2005 mit rund 35% nur so eben die Bundestagswahlen gegen die SPD, während sie 2013 mit 41,5% zu knapp 26% als klare Gewinnerin aus den Wahlen hervorging. In ihren drei Regierungszeiten bildete Angela Merkel zunächst eine Koalition mit der SPD und dann mit der FDP. Aktuell gibt es wieder eine große Koalition. Die Verlierer der letzten beiden Bleibt Merkel Bundeskanzlerin? Wahlen waren vor allem die SPD und 2013 auch die FDP, die fast zehn Prozentpunkte einbüßte. Der deutsche Schriftsteller und SPIEGEL-Jour- Angela Merkel und die CDU dominierten die letznalist Dirk Kurbjuweit sagt, es sei Zeit für einen ten drei Legislaturperioden. Wechsel im Bundeskanzleramt: „Merkel sollte Kein gutes Signal für sämtliche Parteien ist die nach zehn Jahren im Kanzleramt aufhören und geringe Wahlbeteiligung bei allen drei letzten nach Brüssel gehen!“ Als nächste Präsidentin Bundestagswahlen. 2009 lag die Beteiligung laut


Statista auf ihrem Tiefpunkt, und auch 2013 ist sie nur minimal wieder auf 71,5% angestiegen. Unter Merkel befindet sich die Wahlbeteiligung auf ihrem historischen Tiefststand. Bietet Merkel den Deutschen keinen politischen Diskurs?

Die politische Agenda In Merkels Regierungszeit fallen einige größere Konflikte. Die Themen mit besonderer Präsenz sind wohl der Atomausstieg bzw. die Energiewende, die Finanz- und Eurokrise, der UkraineKonflikt und nun die Flüchtlingskrise. Der Atomausstieg war von Angela Merkel zunächst nicht so schnell vorgesehen, wie er nun von statten geht. Hatte die rot-grüne Regierung bereits im Jahr 2000 den Weg für den Atomausstieg geebnet, so machte die Koalition von Union und FDP die-

sen 2010 zunächst wieder rückgängig und verlängerte die Laufzeit im Durchschnitt um zwölf Jahre. Angesichts der Entwicklung des KohlendioxidAusstoßes „werden wir möglicherweise schneller wieder bei der Kernenergie sein, als manche denken“, hatte Merkel schon 2002 angekündigt. Als Kanzlerin bestätigte sie die Offenheit der CDU für die Atomenergie. „Wenn ich sehe, wie viele Kernkraftwerke weltweit gebaut werden, wäre es jammerschade, wenn Deutschland aussteigen würde“, äußerte sich Merkel 2009 bei ihrer Rede des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). Nach der Natur- und Atomkatastrophe von 2011 in Fukushima sah das plötzlich aber ganz anders aus: Es wuchs die Erkenntnis, dass es doch besser sei, früher auszusteigen. Ob der Atomausstieg positiv oder negativ auf Merkel zurückfällt ist derzeit noch schwer zu beurteilen. Direkte Umfragen dazu findet man nicht, wohl aber zum Thema Atomausstieg allgemein. Laut aktuellen Um-

Bundeskanzleramt in Berlin-Mitte Quelle: Wikimedia Commons, Fotograf: Martin Künzel, Berlin, Lizenz: https://creativecommons


fragen von Statista sind 13% der Bürgerinnen und Bürger für einen Atomausstieg bis 2035, 35% sind für den Ausstieg bis 2021 und 50% sind für einen möglichst schnellen Ausstieg. Die große Mehrheit ist also auf jeden Fall für eine schnelle Lösung. Wenn Merkels Ziel in Erfüllung gehen sollte, so steigt Deutschland bis 2020 komplett aus der Atomenergie aus. Die rot-grüne Regierung wollte dies in einem ähnlichen Zeitrahmen – bis etwa 2021 – schaffen. Geht der Plan auf, so hat Merkel am Ende also nur dazu beigetragen, etwas schneller aus der Atomenergie auszusteigen. Jürgen Trittin von den Grünen kritisierte Merkel deshalb im Bundestag. Der Ausstieg sei nicht der Ergebnis Merkels, sondern der Anti-AKW-Bewegung und der Umweltverbände. „Es ist ein Erfolg der Hunderttausende von Menschen, die auf Mahnwachen, bei Demonstrationen und Sitzblockaden für einen Ausstieg gestritten haben“, sagte Trittin 2011 in der Bundestagdebatte.

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Wie jeder einzelne persönlich den Atomausstieg bewertet, bleibt ihm selbst überlassen. Fest steht, dass der wiederholte Kurswechsel den Steuerzahler aufgrund von Klagen der Energiekonzerne Milliarden kosten wird. Die Weitsichtigkeit der merkelschen Atompolitik kann man an dieser Stelle folglich gut begründet in Frage stellen. Nichts desto trotz wurde die Energiewende unter Angela Merkel aber vorangetrieben. Bereits als Bundesumweltministerin war Merkel auf der UN-Klimakonferenz 1995 in Berlin an dem Anstoß zur Reduktion des internationalen CO2Ausstoßes beteiligt. Bei den großen Wirtschaftsnationen hat Deutschland beim Ausbau der erneuerbaren Energie die Vorreiterrolle eingenommen. Die anderen Länder holen jedoch massiv auf oder haben uns bereits überholt. Das belegt ein Statusreport des weltweiten Netzwerks REN21, das aus Regierungen, internationalen Organisationen und Branchenverbänden besteht. Deutschland


verfügt über die zweitgrößte Erzeugungskapazität pro Einwohner weltweit, nur Dänemark steht noch besser da. Dort werden bereits 50% des Stroms aus erneuerbaren Energien erzeugt. Auch in der Finanzkrise hat sich Deutschland ganz gut geschlagen. Blickt man auf das Bruttoinlandsprodukt (BIP) Deutschlands im Vergleich der Jahre, so stellt man fest, dass es lediglich 2009 einen kleinen Rückgang gab. Ansonsten steigerte sich das BIP unter Merkel seit 2005 von knapp 2.301 Milliarden Euro auf fast 2.916 Milliarden Euro 2014. Demnach ist Deutschland ökonomisch recht gut aus der Finanzkrise gekommen. Aber auch dazu gehen die Meinungen auseinander, so behaupten Berechnungen der DZ Bank und der Berenberg Bank, dass Deutschland einer der größten Verlierer der Krise sei. Deutschland habe aufgrund der Wohlstandseinbußen und der weiteren Staatsverschuldung fast 500 Milliarden Euro eingebüßt. Wie man die Bewältigung der Finanzkrise durch die Regierung Merkel einschätzt, hängt vermutlich stark von der eigenen Betroffenheit ab. Ein offenes Problem ist jedenfalls noch die EuroKrise. Sie belastet nicht nur den Bundeshaushalt, sondern auch viele Bürgerinnen und Bürger sowie Banken. Die Meinung darüber, wie man mit den eigenen Schulden und den Schulden der anderen europäischen Staaten umgehen soll, ist nach wie vor nicht endgültig vom Tisch. „Die schwarze Null“ ist das erklärte Ziel von Bundesfinanzminister Schäuble. Es sollen europaweit keine neuen Schulden mehr aufgenommen werden. Ob es bei einer Nicht-Einhaltung Konsequenzen gibt, wird man sehen. Größtes Problem ist nach wie vor Griechenland. Die Arbeitslosigkeit liegt dort immer noch bei über 25% und die Wirtschaft schrumpft weiter. Mit rund 207 Milliarden US-Dollar hat das Land das geringste BIP seit 10 Jahren. Doch der Fokus liegt aktuell gar nicht mehr auf der Eurokrise, auch wenn sie noch da ist. Überschattet wurde sie vom UkraineKonflikt vor allem im Frühjahr 2014 und wird sie besonders aktuell noch von der Flüchtlingskrise. Nach den Terrorangriffen in Paris und der akuten Terrorgefahr, die laut Innenministerium auch für deutsche Städte zutrifft, sind Deutsche zunehmend skeptisch gegenüber Flüchtlingen. Laut aktuellem Politbarometer des ZDF ist erstmals eine knappe Mehrheit der Befragten der Meinung, dass Merkel eine schlechte Asylpolitik betreibe. Auch


zwischen der CDU und CSU gibt es Meinungsverschiedenheiten. Seehofer betonte am 15. Dezember 2015 auf dem CDU-Parteitag: „Es ist meine feste Überzeugung, dass es ohne Rückführung, Begrenzung oder Kontingentierung der Flüchtlinge nicht gelingen wird, das Problem zu lösen.“ Merkel hält allerdings am bisherigen Kurs fest. PegidaDemonstrationen sind fast zum Alltag geworden und rechts-konservative Parteien wie die AfD oder deren Abspaltung ALFA bekommen mehr Zustimmung. Die AfD liegt laut Umfragen inzwischen bei über 10 Prozent. Besonders die Flüchtlingskrise macht es derzeit schwierig, Angela Merkel und ihren Erfolg langfristig zu bewerten. Daher lohnt sich auch ein Blick in ihren Lebenslauf.

Der Werdegang der Kanzlerin Geboren wurde die heute mächtigste Frau Deutschlands als Angela Dorothea Kasner am 17. Juli 1954 in Hamburg. Die Familie zog bereits einige Wochen nach der Geburt ins brandenburgische Quitzow und drei Jahre später in das rund 80 km von Berlin entfernte Templin, das noch heute als ihr Rückzugsort dient. Ihre Mutter stammt aus Hamburg und ist Lehrerin für Latein und Englisch. Der 2011 verstorbene Vater aus Berlin war evangelischer Pfarrer. Mit 13 Jahren wurde das Mädchen konfirmiert. Besonders gut war sie in Mathematik und Russisch. 1973 absolvierte sie an der Erweiterten Oberschule in Templin ihr Abitur mit Einserschnitt. Bereits in der Schulzeit entschied sich die junge Frau Physik zu studieren und zog deshalb nach dem Abitur nach Leipzig. Dort lernte sie ihren zukünftigen ersten Ehemann Ulrich Merkel kennen. 1977 haben sie geheiratet und nach dem Studium zogen sie zusammen nach Ostberlin, wo Angela Merkel am Zentralinstitut für Physikalische Chemie forschte. Die Ehe ging allerdings schon vier Jahre später zu Bruch, 1982 ließen sich die Eheleute scheiden. 1986 wurde Merkel promoviert. Nach der friedlichen Revolution im Herbst 1989 engagierte Merkel sich beim „Demokratischen Aufbruch“ (DA). „Was ich Foto: Armin Kübelbeck, Quelle: https://commons.wikimedia.org/ wiki/File:Schneebergerhof_01.jpg Lizenz: CC-BY-SA, http://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/


damals gefühlt habe, dafür kann ich keine Worte finden. Es war schier unfassbar!“ schreibt Merkel auf ihrer Webseite über den Mauerfall. Angela Merkel wurde 1990 Pressesprecherin des DA, der im selben Jahr in der CDU aufging, womit sie die Mitgliedschaft erwarb. Im März 1990 wurde sie stellvertretende Regierungssprecherin der DDR-Regierung von Lothar de Maizière und bewarb sich parallel um einen Sitz im Deutschen Bundestag. Diesen gewann sie im Dezember 1990 bei den ersten gesamtdeutschen Bundestagswahlen. Merkel erhielt ein Mandat für den Wahlkreis Stralsund-Rügen-Grimmen, wo sich bis heute ihre politische Heimat befindet. Im Januar 1991 wurde die Bundestagsabgeordnete dann erstmals Ministerin im Kabinett von Helmut Kohl und zwar im Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Am Ende des Jahres schaffte sie den Sprung zur stellvertretenden Vorsitzenden ihrer Partei. 1994 wechselte Merkel dann in das Bundesumweltministerium und 1998 übernahm sie mit 44 Jahren das Amt des CDU-Generalsekretärs. Die Frau hatte Lust auf Karriere, das musste man spätestens jetzt erkennen. Merkels Kanzlerpotenzial stieg von Tag zu Tag.

Merkel klar für sich. Im Dezember 2013 erhielt sie 462 von 621 Stimmen im Bundestag. Eine richtig konkurrenzfähige Alternative gab es nicht, aber vielleicht gibt es sie ja 2017. Man sollte annehmen, dass es in der BRD neben Frau Merkel auf jeden Fall auch noch andere erfolgreiche Menschen bzw. Politiker gibt, die vielleicht auch Kanzlerpotenzial haben. So könnte z.B. der parteiexterne Konkurrent, Vizekanzler und SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel als Kanzler kandidieren. Ebenso ließen sich vielleicht auch alternative Kandidaten und Kandidatinnen zu Merkel in den Reihen der Unionspartei finden. Da fragt man sich, welche Punkte denn noch für eine erneute Kandidatur Angela Merkels sprechen könnten.

Die Lieblingskanzlerin?

„Angela Merkel ist beliebt, weil sie einen Frauenbonus hat.“ Das sah zumindest Peer Steinbrück vor den Wahlen 2013 so. Gegenüber der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sagte er, dass besonders Wählerinnen Merkels Durchsetzungskraft in hohem Maße anerkennen würden. Merkel habe sich „in einer Männerwelt durchgesetzt, wirkt sehr unprätentiös und tritt bescheiden auf.“ Ganz Unrecht hat er damit offenbar nicht. Angela Merkel Auf dem Weg zur ist die erste Frau, die das deutsche BundeskanzKanzlerkandidatin leramt innehat und es bisher gut verteidigte. Sie setzte sich 2005 sowohl gegen Gerhard Schröder, Nun heiratete Angela Merkel erneut, und zwar den als auch 2009 gegen Frank Walter Steinmeier und Chemie-Professor Joachim Sauer, mit dem sie bis 2013 eben gegen Peer Steinbrück durch. Dirk heute verheiratet ist und in Berlin-Mitte lebt. Der Kubjuweit, der von 2008 bis 2012 das SPIEGELKarriere von Angela Merkel war aber noch kein Büro in Berlin leitete, merkt allerdings an, dass Ende gesetzt. Ihr Potenzial manifestierte sich im Merkel „als Impulsgeberin bisher ausgefallen“ sei, Jahr 2000. Sie übernahm den Parteivorsitz und und genau das wolle sie auch. Er tituliert Merkel konnte nach der Bundestagswahl 2002 als Vor- als „Schonungskanzlerin“. Mit der „Merkelrasitzende der CDU/CSU-Fraktion agieren. ute“ strahle sie Gelassenheit aus. Angela Merkel Als Gerhard Schröder im September 2005 die mache sich als Regierungschefin die Medien zu vorgezogenen Bundestagswahlen nicht zu seinen Nutze und agiere bei öffentlichen Auftritten meist Gunsten nutzen konnte, war die Stunde Merkels ruhig und besonnen. Inszenierte Authentizität und endgültig gekommen. Nach sechswöchigen Ver- die Abwesenheit von autoritärem Machtgehabe sei handlungen einigten sich die CDU, CSU und SPD Merkels Paradigma. Er beurteilt das alles kritisch auf eine große Koalition unter der ersten Bundes- und sagt, dass das deutsche Volk wieder personkanzlerin Deutschlands. Mit 397 Stimmen wurde elle und thematische Auswahlmöglichkeiten haben Angela Merkel im Deutschen Bundestag zur ers- sollte. Vielleicht sind die angeführten Punkte von ten Frau an der deutschen Staatsspitze gewählt. Kurbjuweit aber ja auch genau das Erfolgsrezept Auch die Folgewahlen 2009 und 2013 entschied Merkels und werden es bleiben. Dafür sprechen


Foto oben: DDR-Ministerpräsident Lothar de Maiziere (CDU/links) und Angela Merkel Quelle: Bundesarchiv, Bild 183-1990-0803-017 / Settnik, Bernd / CC-BY-SA 3.0 Unten links: Angela Merkel und Vladimir Putin im März 2008; Quelle: Kremlin.ru Unten rechts: Angela Merkel und der damalige amerikanische Präsident George W. Bush, Januar 2004; Quelle: Weißes Haus


z.B. die regelmäßigen Sonntagsumfragen: Die CDU liegt fast konstant bei rund 38 bis 40% und würde damit im Vergleich zu 2013 vielleicht nur einen Prozentpunkt einbüßen. Außerdem versucht die Kanzlerin die Reihen in der Union zu schließen und hat dazu beigetragen, dass sich CDU und CSU zumindest auf einen Minimalkonsens geeinigt haben. Angela Merkel bemüht sich die Mehrheiten zu sichern, ob nun bei der Flüchtlingsfrage oder 2013 bei der Regierungsbildung. Dass sie ein großes Land führen und repräsentieren kann, habe Merkel bewiesen, so Kurbjuweit. Ansonsten wäre sie in der Tat wohl auch nicht drei Mal Bundeskanzlerin geworden. Während es bezüglich der Eurokrise fast nur Kritik aus Griechenland gab, so kommt inzwischen sogar ein Lob aus dem Krisenland. So sagte der griechische Migrationsminister: „Deutschland hat in dieser Krise Europa zusammengehalten und dazu beigetragen, dass dieses Europa der Aufklärung nicht ins Mittelalter zurückgefallen ist.“

Zeit für einen Wechsel? Auch wenn Angela Merkel bei der Flüchtlingsdebatte versucht für Einigkeit zu sorgen, so ist sie mit ihren Äußerungen etwas von ihrem Kurs abgekommen. Trotz Minimalkonsens gibt es nun massive Kritik aus der eigenen Partei. In einem aktuellen Schreiben von CDU- und CSU-Abgeordneten heißt es: „Angesichts der Entwicklung der letzten Monate können wir nicht länger nur von einer großen Herausforderung sprechen“. Von einer Überforderung des Landes wird gesprochen, diesen Vorwurf musste sich Merkel aus den eigenen Reihen bisher wohl selten anhören. „In den nächsten 14 Tagen werden wir die Bundesregierung schriftlich auffordern, an den Grenzen wieder rechtlich geordnete Verhältnisse herzustellen“, sagte der bayerische Ministerpräsident Seehofer gegenüber dem SPIEGEL am 16. Januar 2016. Die Union steht nicht so geschlossen hinter ihr, wie Merkel sich das wünscht. Schon im September 2015 sagte sie: „Ich muss ganz ehrlich sagen, wenn wir jetzt anfangen, uns noch entschuldigen zu müssen dafür, dass wir in Notsituationen ein freundliches Gesicht zeigen, dann ist das nicht mein Land.“ Mit dieser Aussage und mit „Wir schaffen das!“ hat Angela Merkel zwar Kante

beziehungsweise Emotionen gezeigt, sich aber viele Zweifler geschaffen. Laut einer Insa-Umfrage für den FOCUS von Oktober 2015, wollte bereits zu diesem Zeitpunkt jeder dritte Deutsche den Rücktritt Merkels. Nach dem Deutschlandtrend des ARD-Morgenmagazins von Mitte Januar stehen nur noch 44% der Deutschen hinter der Kanzlerin. Die Kanzlerin, die sich bisher selten zu polarisierenden Aussagen hinreißen lassen hat, hat in der aktuellen Flüchtlingskrise eine klare Position bezogen. Das ist ein Novum, auch wenn ihre Bekun-


dungen alles im Griff zu haben und ihre Willkommenskultur beruhigend auf das Volk wirken sollen. Ihre Kanzlerschaft wird dadurch ernsthaft angezweifelt. Ob Merkel nun 2017 kandidiert, wird sich zeigen. Ein offenes Großprojekt ist und bleibt allenfalls die EU, das demonstrieren die Finanz-, Euro- und Flüchtlingskrise verstärkt. „Merkel nach Europa“, sagt Dirk Kurbjuweit. Gerade eine besonnene Politikerin, die sich nicht so leicht zu etwas hinreißen lässt, könne in Brüssel gefragt sein. Die Ära Merkel als Kanzlerin wird früher oder später

jedenfalls ihr Ende nehmen. Es bleibt die Frage wie. Wenn Merkel diese Legislaturperiode durchhält, regiert sie zwölf Jahre. Sie ist 61 Jahre alt, eine vierte Amtszeit ist möglich.

Foto unten: Bundeskanzleramt Quelle: Wikimedia Commons Fotograf: Tischbeinahe Lizenz: https://creativecommons.org/licenses/by/3.0/deed.en


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Zeitpunkt Heft 1/2016 ist als Projekt im Seminar “Journalismus für Historiker” (WS2015/16) an der Universität Oldenburg entstanden Seminarleitung (V.i.S.d.P): Jessica Holzhausen Kontaktdetails: www.jessicaholzhausen.com Carl von Ossietzky-Universität Oldenburg Fakultät IV - Institut für Geschichte Ammerländer Heerstr. 114-118, Gebäude A11 D - 26129 Oldenburg Urheberrecht Die veröffentlichten Inhalte unterliegen dem deutschen Urheber- und Leistungsschutzrecht. Jede vom deutschen Urheber- und Leistungsschutzrecht nicht zugelassene Verwertung bedarf der vorherigen schriftlichen Zustimmung des namentlich gekennzeichneten Autors oder des jeweiligen Rechteinhabers. Inhalte und Rechte Dritter sind dabei als solche gekennzeichnet. Die entsprechenden Bildnachweise finden sich im Heft. Die unerlaubte Vervielfältigung oder Weitergabe einzelner Inhalte oder kompletter Seiten ist nicht gestattet. Lediglich die Herstellung von Kopien und Downloads für den persönlichen, privaten und nicht kommerziellen Gebrauch ist erlaubt.