Page 1

GUTES BAUEN LERNEN Neue Wege im Bauingenieurstudium Dipl.-Ing. Lena Langeheinecke Prof. Dr.-Ing. Claus König

Unter dem Motto GUTES BAUEN LERNEN gründeten die Brandenburgische Technische Universität Cottbus (BTU) und die Hochschule LausitzFH (HL) am 16. Juni 2011 das David-Gilly-Institut für Lehre, Forschung und Kommunikation im Bauwesen (DGI). Noch vor der offiziellen Gründung fand es bereits bundesweite Anerkennung. Im Rahmen des von der Stiftung Mercator und der VolkswagenStiftung ausgelobten Wettbewerbs „Bologna – Zukunft der Lehre“ wurde das Konzept im Jahr 2010 ausgezeichnet; es wird nun über einen Zeitraum von fünf Jahren mit einer halben Million Euro gefördert. Im Kontext der breiten Diskussion um die künftige Aufgabenverteilung von Universitäten und Fachhochschulen in den Ingenieurwissenschaften sowie um die Bedeutung der Bachelor- und Mastergrade „Science“ und „Engineering“ eröffnet diese von beiden Hochschulen getragene, gemeinsame wissenschaftliche Einrichtung einen bisher bundesweit noch einmaligen Weg der akademischen Ausbildung im Bauingenieurwesen.

Vorgeschichte Angesichts der in den vergangenen Jahren bundesweit, auch in Cottbus, sehr niedrigen Zugangszahlen zum Bauingenieurstudium sowie immer knapper werdender Mittel zur Hochschulfinanzierung forderte das Land Brandenburg von seinen Hochschulen innovative Kooperationsmodelle. Es galt, die jeweiligen Profile auszudifferenzieren, Überschneidungen zu minimieren und hochschulübergreifende Synergieeffekte zu nutzen. In außerordentlich kollegialer Zusammenarbeit der Lehrenden im Bauingenieurwesen sowie der Gebäude- und Energietechnik in gemeinsamen Arbeitsgruppen beider Hochschulen wurden die jeweiligen Profile diskutiert, vernetzte Module und schließlich abgestimmte Lehrpläne entwickelt. Im April des Jahres 2011 fanden die Bemühungen in der Verabschiedung zweier kohärenter Studien- und Prüfungsordnungen ihren sichtbaren Ausdruck. Der erste Studierendenjahrgang nahm zum Wintersemester 2011/12 sein Studium auf. Eine zweite Zäsur und wichtiges Forum für die zugrundeliegende Diskussion um Qualität und Ziele einer zeitgemäßen Ingenieurausbildung bildete das Symposium „BILDUNG ODER AUSBILDUNG – Neue Wege in den Ingenieurswissenschaften“, am 2. Februar 2012 in den Räumen der BTU Cottbus.


2

LANGEHEINECKE, KÖNIG

Das Cottbuser X-Modell Das Studienangebot unter dem Dach des DGI umfasst die eng aufeinander abgestimmten Studiengänge Bachelor of Science Bauingenieurwesen der BTU Cottbus (BI) und Bachelor of Engineering Civil and Facility Engineering der HS Lausitz (CFE). Diese sind akzentuiert als eher grundlagen- oder eher anwendungsorientiert – in Inhalten wie Methoden auf die Anforderungen des heutigen Berufsfeldes ausgerichtet. Ihr Profil zeichnet sich einerseits durch ein konsequentes Projektstudium aus, welches das Verhältnis zwischen unverzichtbarer Grundlagenvermittlung, Kompetenzförderung und nötigem Praxisbezug neu definiert; andererseits durch die abgestimmte Vernetzung der beiden Arten des Bachelorstudiums im Ingenieurbereich – forschungsorientierter Bachelor of Science (BTU Cottbus) und praxisorientierterer Bachelor of Engineering (HS Lausitz).

Bild: Das Cottbuser X-Modell In sogenannten Basismodulen werden zu Beginn des Studiums grundlegende Inhalte gemeinsam gelehrt; spezifische Inhalte differenzieren im fortschreitenden Studium die beiden Profile aus. Gerade vor dem Hintergrund der oft noch unkonkreten Vorstellungen, die zahlreiche Studienanfänger von dem gewählten Studium haben, soll die enge Verschränkung der Studiengänge unter dem Arbeitstitel „Cottbuser X-Modell“ eine frühzeitige Wechselmöglichkeit (gemäß Studien- und Prüfungsordnungen / BbgHG) zwischen den Studiengängen ermöglichen, nicht zuletzt um einem Studienabbruch entgegenzuwirken (Bild). Mentoring-Angebote und die intensive Arbeit in kleinen Projektgruppen bieten den Studierenden während des Studieneinstiegs weiterhin eine persönliche Ansprache und Betreuung, die ihnen eine optimale Vorbereitung auf das spätere Berufsleben sowie eine konstruktive Auseinandersetzung mit den eigenen Fähigkeiten und Interessen ermöglichen.

Beobachtungen Seit der Einschreibung der ersten Studierenden im Oktober 2011 befindet sich das Studienkonzept nun in der Erprobungsphase. Die neu konzipierten Curricula sowie die vernetzten Stundenpläne müssen sich in der Praxis bewähren, zahlreiche Verwaltungsabläufe neu organisiert und Schnittstellen geschaffen werden. Insbesondere


GUTES BAUEN LERNEN

3

auch von den beteiligten Lehrenden wird weiterhin ein hohes Maß an Engagement und Bereitschaft zur Selbstreflexion verlangt; die kollegiale Auseinandersetzung über Lehrinhalte, Lehrbelastung sowie die optimale Balance zwischen Grundlagenvermittlung und integrierender Projektarbeit muss weiter geführt werden. Zu diesem Zweck wurden regelmäßige DGI-Mitglieder- und Lehrendenversammlungen eingeführt. Informelle Treffen der Lehrenden, Studierenden und Fachschaftsvertretern wie auch die studienbegleitende Evaluation der Studieneingangsphase, der Aufruf an die Studierenden zum Führen von Stundenzetteln und die intensive Zusammenarbeit mit den Studierendensekretariaten verfolgen das Ziel, die fortlaufende Weiterentwicklung des Studienangebots zu befördern. Auf Grundlage der ergriffenen Maßnahmen lassen sich nach einem Jahr erste Beobachtungen zusammenfassen: • Die Studierenden lassen sich grundsätzlich auf das Studienmodell ein und beteiligen sich durch das Benennen kritischer Aspekte an dessen Weiterentwicklung.

Die Notwendigkeit des tageweisen Pendelns zwischen BTU Cottbus und der HS Lausitz wie auch die gemeinsame Lehre in den Basismodulen werden akzeptiert, die unterschiedliche Vorbildung der beiden Studierendengruppen als Bereicherung wahrgenommen. Kritisch gesehen werden speziell die Anforderungen aus den Modulen Höhere Mathematik I und II, die für beide Studierendengruppen gleichermaßen eine Hürde darstellen, von den Studierenden der HS Lausitz jedoch als unverhältnismäßig kritisch beurteilt werden. Darüber hinaus spielt auch der Wunsch nach einer Vereinheitlichung der bislang auf beide Hochschulen verteilten Information – und Verwaltungsstruktur eine wichtige Rolle, sowie die Kritik einer nicht ausreichenden Abstimmung der Lehrenden untereinander in Bezug auf Lehrpensum und Terminplanung. • Die Studierendengruppen BI und CFE entwickeln sich sehr unterschiedlich.

Die Studierenden des BI kommen meist von Schule, Bundeswehr oder aus einem Sozialen Jahr zum Studium, wohingegen die Studierenden des CFE oft bereits erste berufliche Erfahrungen gesammelt haben und sich vor dem Hintergrund eines angestrebten Berufsziels für das Studium entscheiden. Bei vergleichbaren Anforderungen und einer vergleichbaren Erfolgsquote in den Prüfungen entwickelten sich die beiden Studierendengruppen sehr verschieden: Die Studienanfänger im BI bezogen Schwierigkeiten im Studium vielfach auf ihr eigenes Unvermögen. Sie verabredeten sich zwar meist zu kleinen Lerngruppen und „benannten“ eine Jahrgangssprecherin, entwickelten aber keinen wahrnehmbaren Zusammenhalt innerhalb des Jahrgangs. Zwischen den Studienanfängern im CFE bildete sich über die Lerngruppen hinaus ein starker Zusammenhalt, der in dem selbstbewussten Auftreten der Sprecher seinen Ausdruck findet. Der Eindruck einer unterschiedlich starken Bindung an die und innerhalb der Studiengänge bildet sich in der Beobachtung ab, dass sich die Studierenden im CFE fast vollständig für das Wintersemester 2012/13 zurückmeldeten, von den Studierenden im BI zahlreiche Studienanfänger Ihr Studium im gewählten Studiengang an der BTU Cottbus im kommenden Wintersemester nicht weiter fortsetzen. • Nur wenige Studierende machen Gebrauch von dem Mentoring-Angebot.

Nur eine geringe Zahl Studierender nimmt die regelmäßigen Gesprächs-angebote Ihres Mentors wahr. Leichter kommen Gespräche am Rande von Lehrveranstaltungen oder bei persönlichen Begegnungen zustande. Für organisatorische Fragen wenden sich die Studierenden meist an die inoffiziellen Sprecher Ihres Studiengangs, die dann die Kommunikation übernehmen. • Die im X-Modell angelegte Wechselmöglichkeit wird nicht in Anspruch genommen.

Vielmehr betonten mehrere Studierende des CFE, dass sie sich bewusst für ein Fachhochschulstudium entschieden haben und dass die gemeinsam gelehrten Fächer, namentlich die gemeinsam gelehrte Mathematik, für sie keinen Mehrwert darstelle. Sie formulierten vielmehr die Sorge, dass ihr Studienerfolg direkt von dem Bestehen der Module Höhere Mathematik I und II abhänge. Äußerungen hierzu von Studierenden im BI liegen nicht vor.


4

LANGEHEINECKE, KÖNIG

Daraus ergeben sich folgende Fragen: • Woran liegt es, dass sich die Studierendengruppen so unterschiedlich entwickeln? • Welche Faktoren führen zu der unterschiedlich starken Studiengangsbindung? Wie weit reichen unsere Einflussmöglichkeiten? • Warum werden Hilfsangebote wie Mentoring oder X-Modell so wenig angenommen? Welche Angebote wären für die Studierenden wirklich attraktiv? • Wo bleiben die Studenten, die sich nicht zum Wintersemester zurückmelden und welche von uns beeinflussbaren Gründe spielen bei der Entscheidung eine Rolle?

Ausblick Um Antworten auf die gestellten Fragen zu finden werden innerhalb des DGI bereits zahlreiche Maßnahmen diskutiert. Von einer Befragung der Studienabbrecher erhoffen wir Aufschluss für strukturelle wie auch inhaltliche Unstimmigkeiten unseres Studienangebotes; die Schaffung aussagekräftiger Online-Angebote soll die Passung zwischen Studienprofilen und Studieninteressierten verbessern und die verstärkte Bewerbung mathematisch-naturwissenschaftlicher Vorkurse zu einer verstärkten Annahme und zur Entzerrung der Studieneingangsphase beitragen. Eine wichtige Rolle in dem avisierten Entwicklungsprozess nehmen weiterhin die fortlaufende Überprüfung der Lehrinhalte und –belastung durch die Modulverantwortlichen und die Intensivierung der Abstimmung untereinander auf Ebene der Lehrenden wie auch auf Ebene der Verwaltungen beider Hochschulen ein. Rechtzeitig zum Übergang der ersten Bachelorabsolventen in das Masterstudium werden auch die MasterStudiengänge einer grundlegenden Überarbeitung und Abstimmung unterzogen. Darüber hinaus obliegen dem DGI die Koordination gemeinsamer Forschungsinitiativen sowie der zunehmend wichtige Bereich der fachlichen Weiterbildung im Süden Brandenburgs, die es ebenfalls mit Leben zu füllen gilt.

Dieser Beitrag wurde eingereicht zur Veröffentlichung in „Exzellenz – Pakt – Lehre“, herausgegeben vom Arbeitskreis Evaluation und Qualitätssicherung Berliner und Brandenburger Hochschulen, Bielefeld: Universitätsverlag Webler, 2012

Exzellenz-Pakt Lehre  

Das ist ein Test.

Read more
Read more
Similar to
Popular now
Just for you