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Preis Deutschland 3,60 €

DIE

ZEIT

WOCHENZEITUNG FÜR POLITIK WIRTSCHAFT WISSEN UND KULTUR

Nr. 42

8. Oktober 2009

An die Arbeit!

DAS ZEIT-LITERATURMAGAZIN

Zur Buchmesse: Die wichtigsten Autoren des heiklen Gastlandes und wie sie zu verstehen sind. Dazu die Großereignisse dieses Bücherherbstes

China ganz neu lesen

96 SEITEN PORTRÄTS, INTERVIEWS, REZENSIONEN

Was Schwarz-Gelb als Erstes anpacken muss – und was die SPD jetzt beherzigen sollte POLITIK SEITE 2–7

Savianos Zorn

Italiens Freiheit ist in Gefahr: Der Schriftsteller attackiert Berlusconis Medienpolitik POLITIK SEITE 13

Wenn sie ihn abhängt

Composing: Smetek für DIE ZEIT (Vorlage: »männlicher Pagode«, um 1740, 21 cm hoch; Künstler: Johann Friedrich Eberlein (1695 1749); Manufaktur MEISSEN

Krieg der Werte

Unter Deutschen

In Gaza wie in Georgien: Das erste Opfer militärischer Einsätze ist meist die Wahrheit. Wer bringt sie ans Licht? VON ANDREA BÖHM

Die Integration der Ausländer ist viel weiter, als Thilo Sarrazins törichte Worte vermuten lassen VON JÖRG LAU

G

rst hat er gepoltert, dann hat er sich entschuldigt: Thilo Sarrazin, der Haifisch im Karpfenteich der Berliner Politik, hat wieder eines seiner berüchtigten KrawallInterviews gegeben. In schnoddrigem Ton dozierte er über die Missstände des Einwanderungslandes Deutschland, wie sie sich in Neukölln und Berlin-Mitte verdichten: Schulversagen, Importbräute, aggressiver Machismo und das Versacken auch der dritten Generation – vor allem von Migranten türkischer und arabischer Herkunft – in staatlich alimentierten Parallelgesellschaften. Es ist eine Errungenschaft, über diese Dinge unverklemmt und ohne Hass debattieren zu können. Deutschland übt erst seit ein paar Jahren den freieren, konfliktfreudigen Blick auf die selbst verschuldeten Folgen fehlgesteuerter Einwanderung und verweigerter Integration: Ja, es muss möglich sein, über die unterschiedlichen Integrationserfolge verschiedener Gruppen zu reden, über Geschlechterrollen, Familienstrukturen und religiöse Prägungen, die dabei den Ausschlag geben. Falls Thilo Sarrazin, in den Vorstand der Bundesbank gewechselter ehemaliger Berliner Finanzsenator, dazu einen Beitrag leisten wollte, ist er allerdings spektakulär gescheitert. Mit maßlosen Zuspitzungen hat er der Integrationsdebatte – und sich selbst – einen Tort angetan. Eine »große Zahl von Arabern und Türken in dieser Stadt« habe, meint Sarrazin, »keine produktive Funktion außer für den Obst- und Gemüsehandel«. Was soll dieser Hohn über kleine Selbstständige, die schuften, damit die Kinder es einmal besser haben? Wir sollten feiern – wie man es im Einwanderungsland USA tut –, dass diese Menschen lieber arbeiten, als von Transferleistungen zu leben. Sarrazin räumt ein, dass »nicht jede Formulierung in diesem Interview gelungen war«. Mehr als das: Er kokettiert auch mit rechtsradikalen Denkfiguren: »Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate.« Nun wird sein Rücktritt aus dem Bundesbank-Vorstand gefordert. Zurücktreten muss er nicht. Aber es sollte ihm zu denken geben, dass die NPD in Sachsen ihm höhnisch das Amt des Ausländerbeauftragten anträgt. Sarrazin hat mit seinem Interview das Dokument einer gesellschaftspolitischen Wasserscheide vorgelegt. Wer die fünf eng bedruckten Seiten in Lettre International liest und zugleich die Regierungsbildung verfolgt, steht verblüfft vor der Tatsache, dass ein prominenter SPD-Mann am rechten Rand entlanggrantelt, während die konservativ-liberalen Koalitionäre über einer modernen Integrationspolitik brüten. Das ist die eigentliche Bedeutung des Sarrazin-Interviews: Die Sozialdemokratie hat das Zukunftsthema Integration an die ideologisch flexiblere andere Seite abgegeben. Sarrazin war sieben Jahre lang in einer Regierung, die beinahe nichts gegen die weitere Verwahrlosung und ethnische Segrega-

Israel und Hamas werden in dem Bericht aufgefordert, umgehend selbst diese Verbrechen zu untersuchen und zu ahnden. Auf beiden Seiten dürfte dieser Appell leider ein frommer Wunsch bleiben, weshalb Goldstone empfohlen hat, den Bericht an den UN-Sicherheitsrat und von dort notfalls weiter an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zu verweisen. Das war dann doch zu viel der Wahrheitsfindung. Man könnte die Causa Goldstone als weiteres Kapitel im elenden politischen Drama des Nahostkonflikts abhaken – wäre da nicht Barack Obama. Unter seiner Regierung, so hatte Obama versprochen, werde es in Sachen Nahost kein business as usual geben. Sollte heißen: unverbrüchliche Solidarität mit dem israelischen Staat, aber keine reflexhafte Abwehr mehr von internationaler Kritik an Israel. In seiner Kairoer Rede im Juni verurteilte Obama ausdrücklich die »alltäglichen Erniedri-

a www.zeit.de/audio

E

tion in der Hauptstadt getan hat. Und nun bramarbasiert er apokalyptisch über »Unterschichtgeburten« und die »kleinen Kopftuchmädchen«, wie es früher die Rechte getan hat. Währenddessen haben die Konservativen ihren Frieden mit dem Einwanderungsland gemacht, ohne die Augen vor den Problemen zu verschließen – und denken schon ganz pragmatisch über ein Integrationsministerium auf Bundesebene nach. Sie wollen Deutschland nicht mehr abschotten, sondern zu einer »Aufsteigerrepublik« umbauen – so der CDU-Politiker Armin Laschet –, in der Chancengerechtigkeit und Leistungswille vor Herkunft gehen.

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PROMINENT IGNORIERT

Warum ist es so verteufelt schwer, hierzulande dazuzugehören? Das ist das integrationspolitische Motto der Mitte-rechts-Koalition für das Einwanderungsland Deutschland. Die CDU kann dabei glaubwürdig führen, gerade weil sie früher die Partei des Leugnens und Verdrängens war. Sie kann all jene mitnehmen, denen der Wandel zu schnell geht. Die wirtschaftsnahe FDP kann, getrieben vom wachsenden Fachkräftemangel, den Bewusstseinswandel befördern: Wir brauchen eine gestaltende Einwanderungspolitik. Die Konsequenzen der verfehlten Gastarbeiterpolitik früherer Jahrzehnte gilt es jetzt anzupacken. Und dazu wird es eines veritablen New Deal mit den Migranten bedürfen. Man könnte es auf diese Formel bringen: größere Aufnahmewilligkeit gegen mehr Engagement und Eigenverantwortung. Also: Wir werden euch schneller als Teil dieses Landes akzeptieren, wenn ihr euch mehr reinhängt. Was die türkische Gemeinschaft angeht, läuft es auf Fragen dieser Art hinaus: Statt es zur Ehrensache zu machen, gegen Sprachnachweise beim Ehegattennachzug zu streiten – wie wäre es mit einem Kampf für besseren Deutschunterricht? Wann fangt ihr an, nicht vor allem durch Moscheeneubauten und den Kampf für Gebetsräume in Schulen, sondern durch Leistung auf euch aufmerksam zu machen? Wir müssen Einwanderer künftig aussuchen: Ein Punktesystem muss her, das formuliert, wen wir brauchen. Die Einbürgerung aber muss erleichtert werden, und zwar abhängig von Fortschritten bei der Integration: Warum sollen erfolgreiche Migranten acht Jahre lang auf ihren Pass warten? Die sogenannte Mehrheitsgesellschaft muss sich fragen lassen, warum es so verteufelt schwer ist, hierzulande dazuzugehören – selbst wenn man erfolgreich ist. Wie hieß es doch im Wahlkampf: Leistung muss sich lohnen. Schwarz-Gelb sucht ein Projekt. Unbescheidener Vorschlag: nach Eingliederung der Vertriebenen und Wiedervereinigung nun die Integration der Neudeutschen – eine »dritte deutsche Einheit« (Laschet), das wäre doch was. a www.zeit.de/audio

Fußballheld Sascha Burchert, Torwart von Hertha BSC, lief im Spiel gegen den HSV aus dem Tor, verlor den Ball an die Füße des Gegners, der ihn ins leere Tor schoss. Wie das gebrannte Kind, das die Hand erneut auf die Herdplatte legt, machte Burchert, der seinem Pech nicht traute, Sekunden später das Ganze noch einmal. Das Spiel ging verloren, aber er hatte bewiesen, was zu beweisen war, ein wahrer Held wissenschaftlicher Methodik. GRN. Abb. klein: Markus Schreiber/AP; Antonio Scattolon/ Contrasto/laif; Alexandra Compain-Tissier; Ronny Hartmann/ddp (v.o.n.u.)

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NR.

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Bei Kriegsverbrechen misst der Westen mit zweierlei Maß

gungen« der Palästinenser unter der Okkupation. Bei seinem Auftritt vor der UN-Generalversammlung las er jüngst nicht nur antisemitischen Scharfmachern von Mahmud Ahmadineschad bis Muammar al-Gadhafi die Leviten, sondern auch Israel und dem eigenen Land: Es gebe keine echte Sicherheit ohne Respekt für die Menschenrechte und die legitimen Ansprüche der Palästinenser. Genau das steht auch im Goldstone-Report. Indem die US-Regierung diesen nun in den Giftschrank packt, verspielt sie jenes politische Kapital im Nahen Osten, das Obama mit seinen Reden geschaffen hat. Das ist nicht nur ein strategisches, sondern ein fundamentales Problem. Zum ersten Mal seit dem 11. September 2001 hat eine UN-Untersuchungskommission am Beispiel eines konkreten Konflikts unmissverständlich gefordert, dass sich Staaten auch in asymmetrischen Kriegen gefälligst an das Völkerrecht zu halten haben. Also vor allem an das Prinzip des größtmöglichen Schutzes der Zivilbevölkerung – auch wenn so das Risiko für die eigenen Soldaten wächst. In Afghanistan haben die USA sich diese Maxime jetzt zu eigen gemacht. Für Israel soll sie nicht gelten? Solche strategisch motivierte Heuchelei Amerikas und der EU kommt den Ahmadineschads, al-Gadhafis, al-Baschirs, Mugabes und Mubaraks höchst gelegen. Die denunzieren immer lauter die Idee internationaler Ermittlungen und Strafgerichte als »neokoloniales Instrument« des Westens, als »Zwei-Klassen-Justiz«, die sich nur gegen afrikanische Kriegsherren und arabische Staatschefs wende, nicht aber gegen israelische Militärs, die Krankenhäuser beschössen, oder amerikanische Verteidigungsminister, in deren Papierkorb die Antifolterkonvention liege. Natürlich ist solche Propaganda widerwärtig. Aber es geht auch gar nicht darum, die Diktatoren und Autokraten dieser Welt zu überzeugen. Es geht um die Bürgerrechtler, Anwältinnen, Journalisten, Ärztinnen und Gewerkschafter in ebenjenen Ländern, die für eine Idee von universellen Menschenrechten Kopf und Kragen riskieren und dabei auf den Westen setzen. Und die dabei immer wieder feststellen, dass dieser Westen mit zweierlei Maß misst, dass ein amerikanisches Leben mehr wert ist als ein afghanisches, ein israelisches mehr als ein palästinensisches. Der Goldstone-Bericht bezeugt an mehreren Stellen Respekt für Mitglieder der israelischen und palästinensischen Zivilgesellschaft. Für Menschenrechtler in Tel Aviv, die Ermittlungen gegen die eigene Armee fordern, oder Lehrer im Gaza-Streifen, die sich trotz israelischer Blockade der Hasspropaganda von Hamas verweigern. Sie haben Goldstone eine Hoffnung in den Notizblock diktiert: dass dies der letzte Untersuchungsbericht dieser Art sein wird – und der erste, der endlich politische und juristische Konsequenzen hat.

MAGAZIN SEITE 10–15

4 1 9 07 45 1 03 60 2

ibt es eine Wahrheit nach dem Krieg? Und wenn ja, wie viele? Und wer darf sie verkünden? Zwei Kriege, zwei Untersuchungskommissionen, zwei Berichte. Im Auftrag der EU haben internationale Experten den Georgienkrieg untersucht und festgestellt, was längst unumstritten war: dass Georgien diesen Krieg begonnen hat, Russland mit völlig unverhältnismäßiger Gewalt reagierte und dass gegen Völkerrecht verstoßen wurde. Politische oder juristische Folgen wird dieser Report nicht haben. Ganz anders der Bericht einer UN-Kommission unter Leitung des südafrikanischen Völkerrechtlers Richard Goldstone über den GazaKrieg. Er hat einen politischen Sturm der Empörung ausgelöst, weil er tatsächlich etwas bewirken könnte. »Einseitig« und »mit schweren Fehlern behaftet« – so kommentierte die amerikanische Regierung Goldstones Abschlussreport und verhinderte nun mit Rückendeckung der EU bis auf Weiteres, dass der Bericht im Rahmen der UN irgendwelche Folgen hat. Nach der Lektüre fragt man sich, warum. Auf 575 Seiten schildern Goldstone und seine Ermittler detailliert israelische Militärschläge im Gaza-Streifen ebenso wie Raketenangriffe von Hamas auf israelische Städte und Siedlungen. Beide Kampfparteien werden dabei der Kriegsverbrechen beschuldigt. Goldstone wirft Hamas vor, sie habe mit ihrem Raketenbeschuss Terror auf die israelische Zivilbevölkerung ausgeübt. Israel beschuldigt er, mit seinen Attacken auf palästinensische Krankenhäuser, Moscheen und Fabriken während der Operation »Gegossenes Blei« sich nicht nur gegen terroristische Angriffe gewehrt, sondern eine ganze Bevölkerung »kollektiv bestraft« zu haben.

»Schatz, es wird später heute!« Verdient die Frau mehr als er, leidet oft die Beziehung

POLITIK

WORTE DER WOCHE

»Unser Auftrag lautet, ein neues Kapitel in der Geschichte aufzuschlagen.« Guido Westerwelle, FDP-Vorsitzender, über den Regierungsauftrag seiner Partei

»Die Verteilungskämpfe drohen sich zuzuspitzen. Es ist Zeit aufzustehen.« Frank Bsirske, ver.di-Gewerkschaftsführer, über die neue schwarz-gelbe Regierung

»Hätten wir uns für dieses Bündnis entschieden, wären fünf Jahre Selbsthilfegruppe Bodo Ramelow herausgekommen.«

8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

Fotos: Hans-Christian Plambeck/laif; Cyrus Saedi für DIE ZEIT (u.)

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Christoph Matschie, Thüringens SPD-Chef, zu seiner Entscheidung gegen Rot-Rot-Grün

»Eine große Zahl an Arabern und Türken in dieser Stadt hat keine produktive Funktion außer für den Obst-und Gemüsehandel.« Thilo Sarrazin, Bundesbank-Vorstandsmitglied, in einem Interview mit »Lettre International«

Andrea Nahles

»Er offenbart sich nicht nur als bornierter Ignorant, sondern vor allem als unmenschlicher Verurteiler.«

Geboren am 20. Juni 1970 als Tochter eines Maurermeisters und einer Finanzangestellten in Mendig (Rheinland-Pfalz) 1988 Mit 18 Jahren tritt Nahles in die SPD ein. Ein Jahr später gründet sie einen Ortsverein und übernimmt den Vorsitz 1990 Nach dem Abitur studiert sie Germanistik und Politik in Bonn. Zeitgleich startet sie ihre Karriere bei den Jusos 1993 wird sie Juso-Vorsitzende in Rheinland-Pfalz 1995 wählen die Jusos Andrea Nahles zu ihrer Bundesvorsitzenden 1998 Bei der Bundestagswahl schafft sie erstmals den Sprung ins Parlament 2005 kandidiert Nahles für das Amt der SPD-Generalsekretärin und löst damit den Rückzug von Franz Müntefering als Parteichef aus; Nahles zieht daraufhin ihre Kandidatur zurück 2007 Die einstige Juso-Vorsitzende wird stellvertretende SPD-Vorsitzende Nach der Wahlschlappe der SPD am 27. September 2009 soll die Parteilinke nun Generalsekretärin werden

Barbara John, ehemalige Ausländerbeauftragte von Berlin, über Sarrazins Kommentare

»Mit Stolz übernehmen wir die Verantwortung für den Selbstmordanschlag am UN-Büro.« Azam Tariq, Taliban-Sprecher, zu den Anschlägen in Islamabad

»Nach 2016 werden wir den Kampf um die Winterspiele beginnen.« Lula da Silva, brasilianischer Präsident, nach dem Zuschlag für Rio de Janeiro als Austragungsort für die olympischen Sommerspiele

»Es hat nicht geklappt, aber es war den Versuch wert.« David Axelrod, Berater des amerikanischen Präsidenten Obama, über die vergebliche Kandidatur Chicagos für die Olympischen Spiele 2016

Wie viel Hoffnung kann sie tragen? Die HOFFNUNGSTRÄGERIN Andrea Nahles beim Wahlkampf in einer Stofffabrik

»Wir machen ein Blatt für Frauen, wie sie sind, und nicht, wie andere sie gerne hätten.« Andreas Lebert, Brigitte-Chefredakteur, will zukünftig keine »Mager-Models« mehr einsetzen

ZEITSPIEGEL

Ein großes Herz Manche konnten sich gar nicht mehr richtig an die 86-jährige Französin erinnern. Dennoch hörten sie nach dem Tod von Jeannine V. – durch ihren Anwalt. Die großzügige Dame hat etwa 200 Menschen Geld hinterlassen. Der Grund: Sie waren irgendwann einmal nett zu ihr gewesen. Und so erhielten Supermarkt-Verkäuferinnen, Busfahrer, Metzger und Krankenpfleger jeweils um die 1200 Euro. »Sie wollte so vielen Menschen wie möglich eine Freude machen«, sagt ihr Anwalt Francis Bécu. Deshalb hatte die Französin seit Jahren Buch darüber geführt, wer sie im Alltag besonders zuvorkommend behandelt hat. »Sie hatte ein großes Herz. Sie hat mir immer gesagt, eines Tages werde ich von ihr hören«, erzählt Busfahrer Denis Lecomte. Auch Metzgerei-Verkäuferin Anita ist überwältigt, zumal sie Jeannine V. vor 24 Jahren zum letzten Mal gesehen hatte: »Damit hätte ich nie gerechnet.« Um den möglicherweise lückenhaften Erinnerungen ihrer auserwählten Erben auf die Sprünge zu helfen, hinterließ Madame V. in ihrem Testament eine Selbstbeschreibung: Der Geldsegen komme von der alten Dame mit dem weißen Regenmantel und den zwei weißen Gehstöcken. MOG

NÄCHSTE WOCHE IN DER ZEIT

Wild und romantisch: Wo Betten, in denen man die Liebe erlernen kann, zum Service gehören. Wo der Stierkämpfer Luis Miguel Dominguín die Schauspielerin Ava Gardner verführte. Wo Queen Victoria mit ihrem Diener verweilte. Und wo die Argentinier heiße Stunden verbringen. In einem 60-seitigen Reisen-Sonderheft stellen wir die wildesten und romantischsten Hotels der Welt vor.

Die Nahles Jetzt ist sie die neue Mitte: In der SPD geht nichts mehr ohne Andrea Nahles, die einstige Linke. Aus gutem Grund

S

ie ist die ungemein Lebendige in einer müden Partei. Und als eines der größten Talente der SPD hatte die junge Frau aus der Eifel lange Zeit immer etwas mehr Macht, als ihr guttat. Doch langsam finden die Frau und die Macht zusammen, soweit man von Macht in der SPD noch sprechen kann. In den vergangenen Jahren spielten nur Andrea Nahles und Franz Müntefering in allen Schlüsselszenen ihrer Partei eine zentrale Rolle. Der geht nun. Sie bleibt. Natürlich hat sie weit links angefangen, sich als Sozialistin bezeichnet und die Agenda 2010 bekämpft. Das ist normal. Doch zuletzt war sie es, die Parteilinke, die versuchte, Frank-Walter Steinmeier zu retten. Andrea Nahles, 39 Jahre alt, Tochter eines Maurers, Germanistin, Generalsekretärin in spe, ist jetzt die Hoffnungsträgerin der SPD. Kann sie so viel Hoffnung tragen? Am 1. November 2005 sitzen wir in ihrem winzigen, vollgemöbelten Abgeordnetenbüro und würgen billige Croissants herunter. Andrea Nahles würgt auch an ihren Tränen. Sie hat kein Auge zugemacht. Denn am Tag zuvor ist Franz Müntefering zurückgetreten, ihretwegen. Sie hatte seinen Wunschkandidaten für das Amt des Generalsekretärs aus dem Rennen geworfen. Dass der große, alte Münte deswegen abtreten würde, das hätte sie niemals für möglich gehalten. Sie hat es bewirkt, aber nicht beabsichtigt. Sie erlebt die Geschichte von einer, die auszog, das Fürchten zu lernen. Und es lernte. Am 14. Mai 2008 passiert ihr etwas Ähnliches. Die SPD-Spitze diskutiert schon seit Wochen intern, ob sie Bundespräsident Horst Köhler das Plazet für eine zweite Amtszeit geben oder einen eigenen Kandidaten aufstellen soll. Unterwegs im Auto kaut Andrea Nahles an der Frage herum. Was soll die Unentschlossenheit der SPD-Führung? Nahles testet die Grenzen ihrer Möglichkeiten aus – und gibt einer Nachrichtenagentur ein Interview, in dem sie Gesine Schwan ins Spiel bringt. Die damals großen Männer der Sozialdemokratie, Kurt Beck, Peer Steinbrück, Frank-Walter Steinmeier, beraten sich, Gesine Schwan ist auch dabei. Doch trotz großer Bedenken, weil die eigene Kandidatin nur mit den Stimmen der Linkspartei wählbar wäre, bringen sie es nicht über sich, Nein zu sagen. Also sagen sie Ja. Und Nahles merkt langsam, wie wackelig die Macht der anderen sein kann, wenn man ihr mit Entschlossenheit begegnet: Ich muss jederzeit damit rechnen, dass ich mich durchsetze. In dieser Phase hört die ewige Juso-Frau auf, eine Flügelpolitikerin sein. Nicht unbedingt in ihren politischen Positionen, aber in Sachen Verantwortung. Sie denkt immer mehr von der Mitte her.

Einmal noch spielt sie die eigene Stärke aus, ohne dabei ein ernstes Ziel zu verfolgen, eher aus sportlich-sadistischen Motiven. Am 7. September 2008 tagt Andrea Nahles mit anderen aus der SPD-Führung in der Nähe des Schwielowsees. Der Putsch gegen Kurt Beck ist im Gange, aber Frank-Walter Steinmeier will nicht so recht raus mit der Sprache, er will, so erinnert sie sich, nicht sagen: Ich mache nur den Kanzlerkandidaten, wenn Münte wieder Parteichef wird. Nahles ahnt es und dringt in ihn, quält ihn zur Klarheit. Am Ende kommt es so: Steinmeier wird Kandidat, Müntefering Vorsitzender, Nahles bleibt Stellvertreterin. Einmal noch hat sie nur gespielt. Am 31. August 2009 begeht die SPD in Hannover ihren Wahlkampfauftakt. Steinmeier redet gut und lange. Seine Wahlkampfmannschaft steht mit auf der Bühne, darunter Sigmar Gabriel, zumeist mit feinem, ironischem Lächeln. Und eben Andrea Nahles, im knallroten Kleid. Die Farbe, das spürt man am selben Abend beim Gespräch am Maschsee, signalisiert Wut. Da geht es schon um den Tag nach der Wahl. Eine Frage genügt: Müssen nicht Steinmeier und Müntefering nach einer Niederlage die Macht in der SPD behalten, weil nur sie ein rot-rotes Bündnis schließen können, ohne den Kontakt zur Mitte zu verlieren?

Und nun, ruft sie über den See hinaus, sollen die anderen die Partei führen? Sie hasst diese Logik. Schon seit 1998, als Oskar Lafontaine ihr erklärt hat, dass Schröder Kanzlerkandidat werden muss, weil er als Rechter mehr Stimmen holt. Und nun, ruft sie auf den erkaltenden See hinaus, und nun sollen die, die uns so weit runtergebracht, die »gröbste Fehler« begangen haben, zur Belohnung wieder die Partei führen dürfen? Erst in den Abgrund und dann wieder raus? Die Antwort gibt sie sich selbst, zähneknirschend: Ja. Andrea Nahles hat endgültig das Fürchten gelernt, sie weiß, dass die Krise ihrer Partei existenziell ist. Genau einen Monat später, fünf Tage vor der Wahl, hat Andrea Nahles sich Klarheit verschafft. Wir treffen uns in einem Café in Andernach, einem kleinen Städtchen am Rhein, nah ihrer Heimat. Hier kennt sie Hinz und Kunz und natürlich auch die Kellnerin. Nahles trägt ein blaues Jackett, dasselbe, das auch draußen auf ihren Plakaten zu sehen ist. Wahlkämpferinnenuniform. Doch der Kampf, um den es hier geht, ist nicht der gegen die Union, sondern der um die SPD. Nahles hat einen Plan. Sie will mit Steinmeier reden, unter vier Augen. Und mit Müntefering, allein. Den einen will sie dabei unterstützen, nach der Wahl

VON BERND ULRICH

Partei- und Fraktionsvorsitzender zu werden. Dem anderen sagen, dass seine Zeit vorbei ist. Von Wut keine Spur mehr, sie ist jetzt ganz nüchtern. Sie weiß, dass es ohne »die Rechten« nicht geht, sie weiß, dass das unvermeidliche Zusammengehen mit der Linkspartei der SPD-Linken eher schadet, aber das ist ihre Sorge nicht mehr. Sie weiß auch, dass sie künftig große Teile der Agenda wird verteidigen müssen, damit die SPD ihre Selbstachtung nicht verliert. »Ich will mit anderen zusammen ein neues Zentrum bilden«, sagt sie. Für sich selbst hat sie zwei Vize-Posten vorgesehen, einen in der Partei, einen in der Fraktion. Zwei Tage vor der Wahl sitzt sie mit Steinmeier im Auswärtigen Amt und unterbreitet ihm ihr Angebot. Eine Dreiviertelstunde dauert das Gespräch, doch der Mann, an dem so vieles hängt in diesen Tagen, gibt keine klare Antwort. Zumindest hört sie keine heraus. Am Wahlsonntag versucht sie es noch einmal. Um zwei Uhr mittags, die ganz niederschmetternden Prognosen sind noch nicht angekommen, redet sie in der Parteizentrale mit dem Mann, den sie zum Parteivorsitzenden machen will. Wieder ohne Ergebnis. Von da an geht alles ganz schnell. Abwärts. Die SPD sinkt auf 23 Prozent, die Macht von Müntefering und Steinmeier verfällt im Stundentakt. Der Kanzlerkandidat erhebt Anspruch auf den Fraktionsvorsitz, nicht aber auf das höchste Parteiamt. Sie denkt, weil er es nicht wagt, Müntefering an die Seite zu schieben. Und weil er ihr nicht vertraut. Fast rechtzeitig also ist sie in die Mitte gerückt, fast ganz ist er zum echten Machtpolitiker gereift. Jedoch, die logische Sekunde, da ein Bündnis Steinmeier/Nahles möglich scheint, verstreicht. Ab Montagmittag gilt eine neue Logik. Doch auch in dieser neuen Logik spielt Andrea Nahles eine zentrale Rolle. Sie soll, so nennen es die Medien, zur Aufpasserin des designierten SPD-Vorsitzenden werden. Nun würde niemand, nicht mal Sigmar Gabriel, bestreiten, dass Sigmar Gabriel ab und an einen Aufpasser braucht. Ihr jedoch würde das nicht reichen. Andrea Nahles ist keine Linke mehr, schon weil sie, anders als früher, nicht mehr die Parteilinke meint, wenn sie »wir« sagt, sondern die SPD. Sie ist aber auch keine Rechte, weil sie die Partei »wirklich gernhat«, anders wohl als Schröder oder auch als Gabriel, Männer, die der SPD zwar dankbar sind, aber sie nicht so mögen, wie sie geht und steht. Gerade eben hat Gabriel wieder gesagt, er sei vor 30 Jahren in die SPD eingetreten. Damals sei sie eine Partei der Lehrer gewesen. Heute sei sie eine Partei der alten Lehrer. Das, meint Andrea Nahles, stimme zwar, aber was soll es bringen,

jetzt die alten Lehrer alt zu nennen? »Dann sagen die doch nur, dann machen wir eben auch nichts mehr. Und wir haben schließlich keine zweite Partei im Koffer.« Sie behauptet von sich, die Hälfte der Parteitagsdelegierten beim Vornamen zu kennen. Das klingt ein bisschen angeberisch, stimmt aber vermutlich. Fragt sich nur: warum? Was bringt eine junge, fröhliche, wortgewaltige, talentierte Frau dazu, sich so intim mit einer alten, etwas traurigen und oft resignierten Partei zu beschäftigen?

Vielleicht muss man an der SPD erkranken, um sie zu heilen Das »sozialökologische Konzept«, schießt es aus ihr heraus. Das bedeutet: Die Grünen kümmern sich um die Ökologie, sind aber eine bürgerliche Partei, die das Soziale nicht so ernst nimmt, und darum bin ich als Arbeiterkind der SPD beigetreten. Wir sind jetzt wieder an ebender Stelle im Gespräch, da sich die Frau, die im Leben steht, in eine Funktionärin verwandelt. Schon schnurren die Vokabeln, »inhaltliche Querschnittsgruppe«, »Koordinierungsebene«, »Struktur«, sodann prasseln die Vornamen, der Björn und der Frank und der Olaf, auch der Münte, der Lars und der Sigmar. Eine eigene Welt. Vielleicht ist das so, vielleicht muss man an der SPD erkranken, um sie heilen zu können. Bei Andrea Nahles scheint beides möglich. Welchen Erfolg aber hat sie im Land? Noch einmal zurück in ihr Land, nach Andernach. An jenem Tag war auch Klaus Wowereit zu Besuch. Die beiden gingen durch die Einkaufszone. Er übernahm gleich die Führung beim Ansprechen vereinzelt auftretenden Volkes. Die Leute waren begeistert, Frauen mittleren Alters sind seine Spezialität. Eine ließ sich von ihm bereitwillig etwas von ihrem Softeis wegschlecken. Nahles hingegen lief nebenher, kam nicht richtig ran ans Volk. Wowereit verteilte Autogrammkarten en masse, Nahles ein paar rote Kugelschreiber. Auf denen stand »Die Nahles«. Die Nahles ist das Klischee, das die Leute von ihr haben. Die Linke, die mit der Partei kann, die in eine andere Richtung zu sprechen scheint, die nicht uns meint. Das ist ihre Begrenzung, bisher. In ihrem Wahlkreis holte sie nur 24,4 Prozent. Aber was bedeutet das schon? Vor 20 Jahren hatte eine andere junge Frau große Anfangsschwierigkeiten mit dem Volk, weil sie aus dem Sozialismus kam. Etwas später musste auch diese Frau ihre Partei retten. Heute ist sie Kanzlerin. a www.zeit.de/audio

POLITIK

8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

Ein Jahrzehnt. Oder zwei Die SPD hat jetzt viel Zeit, um sich zu erneuern. Nach links kann ihr Weg dabei aber nicht führen

Wähler 1998

20,2 Mio 2005

16,2 Mio 2009

9,9 Mio VON MICHAEL NAUMANN

D

er typische Sozialdemokrat – das transfers erhöht, die Kurzarbeitsfristen gegen den ist der ältere Herr am Infostand Unionswiderstand verlängert, das Konjunkturprozur Wahlkampfzeit, mit dem in den gramm inmitten der Finanzkrise durchgesetzt vergangenen Wochen kein Passant hätten. Die Wähler fanden Angela Merkel – nun mehr sprechen mochte; das ist der ja, einfach netter. Und von der Wirtschaft vernamenlose Juso und Asta-Vorsitzende, der von stünde sie, die noch nie auf dem freien Markt tätig fünf Prozent der Studenten gewählt worden ist war, einfach mehr als die Sozialdemokraten. und immer noch kein Berufsziel hat (außer »PoDie 23-Prozent-Wahl des Jahres 2009 wird litiker«); das ist der sympathische, wenn auch wie keine andere in die ehrwürdige Geschichte allzu zurückhaltende Bundestagsabgeordnete, dem der SPD eingehen können als heilsamer Moderes nach vierjähriger Wühlerei im Verkehrsminis- nisierungsschock – oder als Katastrophe, an terium gelungen ist, eine Lärmschutzmauer neben deren Ende die inzwischen höchst zerbrechliche dem Bahngleis in seinem Bezirk durchzusetzen Partei in alle Winde zerstiebt, finanziell ge– und der dennoch nicht wiedergewählt wurde. schwächt und ideologisch fragmentiert, auf der Der typische Sozialdemokrat ist womöglich gar vergeblichen Suche nach der »linken Mitte«. Die keiner mehr, sondern gehört zu der halben Milli- letzten Parteigranden der SPD-Linken, die die on Parteimitgliedern, die der SPD seit 1976 ab- Gefahr noch nicht bemerkt haben, wären gut beraten, ihre eigenen Wahlergebnisse zu studiehanden kam. Und typisch ist ganz gewiss auch der Partei- ren: Sie sind ausnahmslos krachende Verlierer vorsitzende auf Abruf, Franz Müntefering, der ohne Direktmandat, vor dem politischen Unteram Dienstag nach der vernichtenden Wahlnie- gang gerettet durch die sogenannte »Liste«, diese derlage in seinem Berliner Büro im Willy-Brandt- Camera obscura des deutschen Wahlrechts. Ihre Standardausrede, Opfer des AgendaHaus sitzt, das Telefon bleibt stumm, der Tee ist lauwarm. Er hadert mit der Welt und den Ge- Schröderismus zu sein, der die SPD ihrer Wähnossen, die ihm offen oder verdeckt alle Schuld lerschaft entfremdet hätte, entstammt in Wirkfür den radikalen Niedergang der SPD zuschie- lichkeit der Weltsicht jener zweiten Funktionärsebene der Gewerkschaften, ben – »dabei war doch die sich im Widerstand ge›Rente mit 67‹ demogragen die rot-grüne Reformfisch und finanziell un1 Mio. politik eine neue Ohnabdingbar«. Und im Übri943 machtspartei gönnten, die gen sei es auch Angela 779 775 736 WASG. Als westdeutscher Merkels Projekt gewesen. 650 Teil der Partei »Die Linke« Der Mann, der vor zwei 512 zog sie zusammen mit der Jahren auf dem Hamburger SED-Nachfolgepartei PDS Parteitag mit einer herz0 über eine Million ehemalierwärmenden Rede den 1949 60 69 76 80 89 98 2009 ger SPD-Stimmen auf ihre Kern sozialdemokratischer Seite. Eine gewisse niederIdentität bloßgelegt hatte, Parteimitglieder in Tausend trächtige Verachtung ihrer nämlich sein individuelles eigenen Wähler war und ist soziales Aufstiegserlebnis der »Linken« dabei nicht im Namen der Gerechtigabzusprechen: Wer mit dem keit zum allgemeinen zu zynischen Slogan »Reichmachen, dieser Mann sitzt tum für alle« wirbt und zunun einsamkeitsüberglänzt und ratlos die wenigen Tage ab, die ihm bis zur gleich »die Reichen« zur Millionärssteuerkasse absehbaren Parteitagswahl des designierten neu- bitten will, setzt auf einen niedrigen Intelligenzen Vorsitzenden Sigmar Gabriel im November quotienten der paradox umworbenen Bürger. bleiben. Statt sich seiner Erfahrung, seiner par- Das Podium des Gysi-Populismus sind die Talkteiinternen Menschenkenntnis, seiner taktischen shows, und kein Generalsekretär der Union hätte Gewitztheit zu versichern, haben die Vorstands- Gregor Gysis Dauerpräsenz auf den Bildschirmitglieder mit einer Mischung aus Panik, ent- men besser einfädeln können als die Redaktionen täuschter Liebe (zum Volk, versteht sich) und in Berlin, Mainz oder Hamburg. Dass seinerzeit mit der Agenda 2010 zwei schlecht verhüllter Karriereplanung eine Stellvertreter-Quadriga mit Klaus Wowereit, Olaf Millionen neue Arbeitsplätze geschaffen wurden, Scholz, Hannelore Kraft und der allzu jugend- dass höheres Wohngeld, höhere Bafög-Zahlunlichen Manuela Schwesig gebildet. Sie soll die gen und mehr Ganztagsschulen möglich wurden, Generalsekretärin Andrea Nahles und ihrer aller dass hunderttausende Deutsche aus dem BarmVorsitzenden Gabriel durch die politische Sahel- herzigkeits-Ghetto der »Stütze« befreit und das zone des nächsten Jahrzehnts geleiten. Vielleicht völlig marode deutsche Sozialsystem vor dem Kollaps bewahrt wurde: Bis zum Überdruss werden es auch zwei Jahrzehnte. Entledigt hat sich diese ideologisch höchst asym- musste der eigentliche Autor jener Gesetzgebung, metrische Runde des besten deutschen Finanz- Frank-Walter Steinmeier, derlei Tatsachen wieministers nach und neben Helmut Schmidt, Peer derholen – die der Wähler nicht hören wollte. Steinbrück. Zu den unerklärten parteipolitischen Warum nicht? Dies zu ergründen wird die AufNaturwundern zählt der sichere Instinkt aller in- gabe der SPD in den nächsten Monaten sein. tellektuell und fachlich Mittelmäßigen, jene Ge- Dabei dürfte es, wie üblich unter den Sozialdestalten auszusondern oder vom Parteistamm zu mokraten, zwei verschiedene Analysen geben, kupieren, deren kenntnisreiche Diktion und sach- mit unterschiedlichen Empfehlungen. Die erste Analyse richtet sich leicht verliche Übersicht persönliche Unabhängigkeit vom kartellierten Wohlwollen der Genossen und ande- schwommen gegen die Agenda-Politik, genauer rer Hintersassen signalisieren. Da ist es Peer Stein- gegen ihre angebliche soziale Unempfindlichkeit. brück bei aller Unterschiedlichkeit genauso ge- In Sigmar Gabriels Worten: »Viele unserer traditionellen Wähler haben uns nicht mehr abgegangen wie Friedrich Merz. Und der neue SPD-Fraktionsvorsitzende im nommen, dass wir ihre Alltagsrealität noch kenBundestag, Frank-Walter Steinmeier? Seine ge- nen.« Das ist die hochdeutsche Variante von ringste Sorge wird es sein, alle Abgeordneten unter Kurt Becks Einwand gegen Schröders Reformeinen Hut zu bringen – die Fraktion hat 76 Sitze politik – »Immer langsam midde Leut«. Dass weniger als vor der Wahl. Mehr als sechs Millionen aber »de Leut« deshalb in Armee-Stärke zur UniWähler haben sich seit 2005 von der SPD abge- on und zu den Grünen überliefen und dass wandt, als wären es nicht die Sozialdemokraten 520 000 ehemalige SPD-Wähler gar die FDP gewesen, die in der Großen Koalition die Sozial- wegen derlei Agenda-Hartherzigkeit wählten, Illustration: Anne Gerdes;

Bundestagswahlen

Quelle: SPD, Bundeswahlleiter, bpb

SPD regiert Angaben in Prozent

schr kleine Über

ift

19xx 2009

wird der Vorsitzende in spe selbst nicht glauben: Verloren gegangen ist vielmehr die ehemals »neue Mitte«, die dem charismatischen Modernisierer Schröder gefolgt war – aber auch der Aussicht auf eine sozialdemokratische Koalition mit den bürgerlich gewordenen Grünen und ihrem attraktiven Spitzenkandidaten Joschka Fischer. Verloren gegangen ist außerdem das Wählervertrauen in eine Parteielite, die sich von einer tüchtigen Wahlkämpferin in Hessen an der Nase herumführen ließ. Die zweite Analyse wird der tiefer schürfenden Frage gehorchen müssen, die der neue Fraktionschef Steinmeier in seinem Buch Mein Deutschland auf indirekte Weise stellt. Er hofft, mit seiner Partei »den Zerfall von Gesellschaft in egoistische Einzelgruppen aufzuhalten«. Dass dieser Zerfall sich allerdings getreulich widerspiegelt in den personellen und programmatischen Zwistigkeiten der SPD selbst, hat sie zum beliebten Objekt der sogenannten Parteienforschung gemacht. Warum das so ist und ob das so bleiben muss, wird der designierte Parteivorsitzende mithilfe seiner Vor- und Nachdenker erkunden müssen: Viel schwerer als die Leitung einer ganzen Nation dürfte das Unterfangen nicht sein. Vielleicht teilt die Sozialdemokratie die gleichen Gebrechen, die das unaufhaltsam älter werdende Deutschland befallen? Altersbedingte Vergesslichkeit? Eine gewisse Unbeweglichkeit? Auffällig ist, dass fast die Hälfte der SPD-Mitglieder älter als 60 Jahre ist. Nur zehn Prozent sind jünger als 36 Jahre. Da tröstet es nicht, dass ein beträchtlicher Teil der »Linken« bereits im achten Lebensjahrzehnt steht – offenkundig handelt es sich hier um ehemalige SED- und Stasi-Kader, die sich eine Partei als seelische Wärmestube halten. Den kompakten, disziplinierten Auftritt in der Tradition ihrer eigenen Herkunft hat die SPD seit Herbert Wehners Abtritt aufgegeben. Nur die Lieder sind die alten. Und eine reine Arbeiterpartei ist die SPD ganz gewiss nicht mehr. Zwei Drittel aller Parteimitglieder gehören keiner Gewerkschaft an. Diese beiden ursprünglichen Arbeiterbewegungen haben sich zum gegenseitigen Schaden auseinandergelebt – im gleichen Maße, in dem ihren Großorganisationen die Mitglieder wegliefen. SPD und DGB wurden

einander fremd – bis hin zur persönlichen Abneigung zwischen Gerhard Schröder und Michael Sommer. Den ehemaligen IG-Metall-Chef Jürgen Peters hielt sein Parteigenosse im Bundeskanzleramt gar für einen »heimlichen Kommunisten«. In der Gewerkschaftsschule in Sprockhövel am Rand des Ruhrgebiets geben inzwischen Dozenten der »Linken« den Ton an – klagt ein führendes SPD-Mitglied. Und im verbliebenen proletarischen Milieu der Großstädte kann es schon einmal vorkommen, dass ein rechtsradikaler kommunalpolitischer Kandidat die Zustimmung erfährt, die der SPD abhandengekommen ist. Der Hamburger Populist Ronald Schill reüssierte vor allem mit fremdenfeindlichen Parolen in alten Arbeitervierteln, ehe er sich nach Brasilien absetzte, wo Kokain billiger ist.

Die mediale Idiotisierung kann kein Parteiprogramm stoppen Der Göttinger Parteienforscher Franz Walter, der – für einen spottverliebten Politologen etwas ungewöhnlich – ein romantisches Bild der Sozialdemokratie verinnerlicht hat, schreibt: »Aus der Partei des Proletariats ist im Zuge selbst auferlegter Sozialstaats- und Bildungsreformen vorwiegend eine Interessenvertretung emporgekommener ExFacharbeiterkinder geworden.« Ein merkwürdiges Ressentiment, das die kolossale Wahlniederlage ganz gewiss nicht erklären kann. Dass die SPD ihren moralischen Anspruch aufgegeben hätte, die Armen der Gesellschaft aus ihren vermaledeiten Lebenslagen herauszuholen, wird allenfalls ein Lafontaine behaupten. Dass sich die SPD gar, wie Franz Walter meint, »von den ärmeren, sozial benachteiligten Schichten entkoppelt« hätte, ist allenfalls die halbe Wahrheit. Tatsache ist vielmehr, dass die Entpolitisierung dieser Schichten längst vollendet ist. Die Außenwelt begegnet ihr leider allzu oft im Besuch von Sozialarbeitern, vor allem aber als Realitätsschimäre im Nachmittagsfernsehen. Der medialen Idiotisierung von Millionen kann keine Partei ein wohlmeinendes Programm entgegensetzen. Die gepflegten, ein wenig glatten Abgeordneten der Unionsparteien und der FDP hingegen, die in den Talkshows eine höhere Leis-

23 %

Oh weh, SPD! Seit Langem leidet die Partei unter Aderlass: Die Mitglieder schwinden, die Wähler auch. Blutet die Sozialdemokratie aus? VON KHUÊ PHAM Die SPD siecht dahin wie ein Patient auf der Intensivstation. Die Symptome: Wahlergebnisse im 20-Prozent-Bereich, finanzielle Einbußen und erstmals weniger Mitglieder als die Union. Von der Partei, die bei ihrem Höchststand 1976 eine Million Mitglieder zählte und bis vergangenes Jahr die größte im Land war, ist nur noch die Hälfte übrig. Wie viel politisches Gewicht die SPD verloren hat, zeigen die Zahlen: In den Landeskabinetten besetzen Sozialdemokraten nur jeden vierten Posten, von den Ministerpräsidenten stellt die Partei nur ein Drittel. Im neuen Bundestag ist die SPDFraktion auf 146 Abgeordnete geschrumpft. In die Ausschüsse wird sie damit deutlich weniger Vertreter entsen-

tungsbereitschaft zumal der arbeitslosen oder unterbezahlten Arbeitnehmer einfordern, wissen wahrscheinlich nicht, dass, in Steinmeiers Worten, »fast ein Viertel der Arbeitnehmer vom Selbstverdienten nicht mehr leben kann und in der einen oder anderen Form auf staatliche Zuschüsse angewiesen ist«. Es dürfte auch das gedemütigte Viertel sein, das ungern, wenn überhaupt zur Wahl geht. Seine Lebenserfahrung heißt »Hoffnungslosigkeit«, und sie droht massenhaft zu werden. Die politische Verwaltung dieses Viertels – und des Heers der Arbeitslosen – durch erhöhte Sozialleistungen ist das simple Programm der wohlfahrtsstaatlichen »Linken«. Es ist kurzfristig attraktiv (wie die Wahlerfolge zeigen), doch bereits jetzt nicht finanzierbar. Mehr noch – »Die Linke« muss überhaupt nichts finanzieren, außer ihre eigenen Wahlplakate. Fantasiebegabte Sozialdemokraten, die mit einer Rot-Rot-Grün-Koalition liebäugeln, werden feststellen, dass die Grünen bessere, also realistischere Haushälter in ihren Reihen haben als die SPD ohne Steinbrück. Sie werden auf diese Reise nicht mitkommen. Das hohle Wort »Machtperspektive«, mit dem sich die WillyBrandt-Häusler am Wahltag in eine rot-rot gefärbte Zukunft träumten, sollten die SPD-Strategen auf Wiedervorlage legen – am besten bis 2019, falls es die »Linken« dann noch gibt. Steinmeier empfiehlt: »Statt sich in Grabenkämpfen mit ressentimentgeladenen Linksaußen-Funktionären aufzureiben, muss sich die SPD auf ihre wichtigste Aufgabe besinnen: Jene Gruppen der Gesellschaft zu erreichen, die das Land prägen, ökonomisch, sozial und kulturell.« Das sind jene Leistungsträger, die 1998 noch einmal, vielleicht ein letztes Mal, zur SPD gefunden hatten. Schröders »neue Mitte«. Sie ist nicht verschwunden, sie ist nur woanders. Als der Kanzlerkandidat der SPD eine Stunde nach der ersten und fatalen Hochrechnung am Wahlsonntag in die Runde der verzagten Knappen im Willy-Brandt-Haus trat, nein, schritt, applaudierten sich die Genossinnen und Genossen über ihr erhabenes Unglück hinweg. Ein paar Tränen flossen. Nur Steinmeier lächelte sein stoisches Lächeln. Wer länger hinsah, hatte den Eindruck, es sei eingemeißelt in sein Gesicht. Peer Steinbrück hatte es jede offene Gemütsregung verschlagen. Während Steinmeier ein paar tröstliche Worte sprach, machte sich der Finanzminister Notizen. Für eine Rede, die er gewiss nicht mehr halten wird. In dieser Regierung war er der Beste. Sollen sie sehen, wie sie ohne ihn weiterkommen? Es dürfte keine Bundestagswahl in Deutschlands Geschichte gegeben haben, vor der ein Kanzlerkandidat ein derart ausgefeiltes Programm unter dem Arbeitstitel »Deutschland-Plan« vorgelegt hat wie Frank-Walter Steinmeier – und nach der eine Gewinnerin derart programmfrei wieder ins Kanzleramt einziehen durfte, wie es Angela Merkel vergönnt ist. Mögen sich verblüffte Marketing-Strategen für Orangensaft und Dörrobst über diesen magischen Sieg des Diffusen über das Konkrete beugen. Schon einmal hatte die SPD ein Wahlergebnis von 23 Prozent – unter Kaiser Wilhelm II. Aus dieser misslichen Lage hat sich die SPD seinerzeit selbst befreit – und alle utopischen Abspaltungen überlebt. Darum sollte sich die SPD im Umgang mit den Gysis und Lafontaines in jener Geduld üben, die sie in der Vergangenheit auch mit sich selbst bewiesen hat. In der Wählermitte der Republik ist immer noch Platz für eine parlamentarische Mehrheit. Mit der »Linken« im Gespann ist sie nicht zu holen. In zehn Jahren wird sie es wahrscheinlich nicht mehr geben. Die Regierung Merkel allerdings auch nicht. i Wohin steuert Sigmar Gabriel die SPD? Ein Schwerpunkt: www.zeit.de/spd

den können, denn die bemessen sich an der Fraktionsstärke. Dazu kommt, dass die Stimmenverluste der Bundestagswahl die Partei zum Sparen zwingen. Die staatlichen Zuschüsse, die auf Wahlergebnissen, Mitgliedsbeiträgen und Spenden basieren, werden am Jahresende 2009 wohl um 3,8 Millionen Euro niedriger liegen als 2005. Damals waren überdies die Ausgaben der Partei für den Wahlkampf niedriger. Die SPD teilt mit, dass sie keinen ihrer 1000 Mitarbeiter entlassen wolle, wohl aber bei den Sachausgaben kürzen werde. Die Zuschüsse machen zwar nur ein Viertel des SPD-Etats aus, gelten aber als Indikator für die Verwurzelung einer Partei in der Gesellschaft.

49,5 Mio. € 43,8 Mio. €

40 Mio. €

1998 1998 2005 2005

Staatliche Zuschüsse* Zuschüsse Staatliche

45,8 39,3

42,7

42,6

42,9

29,2

*Berechnet anhand von Wahlergebnissen, Mitgliedsbeiträgen und Spenden

40,9 38,2

36,2

37,0

31,8

33,5

38,5

36,4

34,2

28,8 23,0

1949

1953

1957

1961

1965

1969

1972

1976

1980

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1998

2009 2009

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POLITIK

8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

Foto [M]: LS-PRESS/ullstein

Links und frei Nach den schweren Wahlniederlagen suchen Europas Sozialdemokraten Rat und Trost bei Obamas Helfern VON WERNER A. PERGER

Madrid enn es ernst wird, singen die Fans von St. Pauli, Liverpool oder Rapid Wien ein Lied, das im Zweiten Weltkrieg entstanden war, in den sechziger Jahren zu einem Pophit wurde und vom Zusammenstehen in schwerer Zeit handelt: You’ll never walk alone. Niemals allein auf dem Weg: ein Lied auch für Europas Sozialdemokraten? Madrid, Anfang Oktober: Europäische und amerikanische Politiker und Intellektuelle aus dem Mitte-links-Milieu treffen sich, um zu beraten, wie die Sozialdemokraten nach den desaströsen Niederlagen in den meisten europäischen Ländern wieder zu Kraft finden. Was nun, nach dem Sieg in Amerika und den Debakeln in Europa?, könnte man diesen eintägigen Kriegsrat auch nennen. »Ihr müsst den Weg nicht allein gehen«, sagt einer der Redner. Das klingt noch irgendwie mitfühlend. Und dann, drohender: »Ihr seid nicht allein auf der Linken« – daran sollten die Sozialdemokraten sich gewöhnen. Der Redner ist Ralf Fücks, ein Grüner, heute Chef der Heinrich-Böll-Stiftung. Dass gerade die grüne Böll-Stiftung gemeinsam mit dem ObamaThinktank Center for American Progress (CAP) und der von Spaniens Ministerpräsident José Zapatero geschaffenen Stiftung Ideas zum Nachdenken über die Zukunft der demokratischen Linken einlud, war ungewöhnlich – als wäre Obama plötzlich den Grünen näher als den Sozialdemokraten. Es ist das zweite von drei Treffen dieser Art. Absicht oder Zufall, der transatlantische Wandel führt fürs Erste an der deutschen Sozialdemokratie vorbei. Ein Konkurrenzkampf mithilfe amerikanischer Freunde solle daraus aber nicht werden, versichert zumindest Fücks. »Nicht allein«, das sei keine Drohung, sondern ein Angebot. Rot-grün, auf anderer Ebene, ernster, langfristig und europäisch: ein Projekt, das auch die Grundlage für eine politische Zusammenarbeit mit der ominösen dritten Partei auf der Linken sein könnte, deren populistischer Versuch zu definieren, was links ist, vorerst wenig einladend wirkt. Das ist auch der Rat der angereisten Freunde aus Amerika an die Europäer. Die Botschaft der Umfrageexperten, Kommunikationsstrategen, Wahlkampfberater, Sozialwissenschaftler lautet: Öffnet euch! Einer ihrer wichtigsten Prediger: John Podesta, der einst Kabinettschef bei Bill Clinton war, 2008 Obamas Wahlkampf mitorganisierte und nun Präsident von CAP ist. Die Chance der Linken liege in linken Koalitionen. Da die Zeit der einsamen Stärke vorbei sei, müsse die europäische Linke sich umstellen. Inhaltlich, organisatorisch, strategisch. Ein Papier aus Podestas Thinktank liefert dazu detaillierte Anmerkungen und Tipps. Einer der Autoren, der Sozialwissenschaftler Ruy Teixeira, macht das hierarchische Denken der sozialdemokratischen Reformpolitiker für den Stillstand in den Parteien verantwortlich. Der dritte Weg Tony Blairs und der Schröder-SPD mögen als Antwort auf die Ideologen rechts und links der sozialliberalen Mitte vor zehn Jahren noch gepasst haben und gegen ermüdete konservative Regierungen noch erfolgreich gewesen sein. »Aber seither haben sich die Kommunikationsstrukturen und damit der Demokratiebedarf der Parteien radikal geändert.« Die Kontrollfreaks in den alten Parteihierarchien, die vor nichts mehr Angst hätten als vor spontanen Meinungsäußerungen und unerwartetem Widerspruch, seien Teil des Problems und unfähig, zu dessen Lösung beizutragen. Teixeiras Studie liest sich wie eine Beschreibung der klaustrophobischen Zustände im Willy-Brandt-Haus und der Wahlkampfzentrale. »Was jetzt gebraucht wird, ist eine neue Beziehung zwischen dem Zentrum – Wahlkampfleitung und Parteizentrale – und den lokalen Parteimitgliedern und Freiwilligen draußen im Feld.« Eine Italienerin, leidgeprüft, spricht von der Notwendigkeit neuer Personen an der Spitze der Linken, die auch die Gefühle der Menschen erreichen. Gute Politik sei mehr als Effizienz und Rechthaben: Vernunft und Leidenschaft gehörten zusammen. Dieses Dilemma ist bekannt, weshalb die Debatten immer bei der gleichen Frage landen: Wie kann man die Auswahl des Führungspersonals modernisieren? Europas Mitte-links-Parteien gehen vorerst verschiedene Wege. Die Franzosen setzen auf Vorwahlen. Die Deutschen bleiben im Hinterzimmer. Ganz ohne Überbau kann es aber nicht gehen. »Wir hungern nach Ideologie«, meint Stan Greenberg, einer der globalen Gurus der Kommunikationsund Wahlkampfstrategie. Der Pragmatismus der Reformer sei ja ganz schön gewesen. Aber wer darüber die Werte vergesse, der sehe sich plötzlich bedrängt von kämpferischen Werteexperten, rechts und links und populistisch. Was das bedeutet, zeigen die Analysen der Wahlergebnisse: Abwanderungen in alle Richtungen. »Wir sind in der Mitte einer globalen Krise, und die Menschen haben sich nicht den Progressiven zugewandt.« Greenbergs Verdacht: Die Progressiven sind selbst schuld. Die Konservativen, auch die von links außen, präsentieren sich als Wertebewahrer. Sie verheißen Sicherheit im Sturm. Und die Linke? Am Ende des Sturms, heißt es in der Hymne der Anfield Road und des Millerntors, warten ein »goldener Himmel und das süße, silberne Lied der Lerche«. Man muss nur weiter gehen. Vorwärts! Immerhin, die Sozialdemokratie ist auf dem Weg nie mehr allein.

W

HERRSCHER ALTER TAGE: Die Sozialdemokraten Tony Blair, Lionel Jospin und Gerhard Schröder im europäischen Wahlkampf 1999

Der Kampf geht weiter Italien, Frankreich, Deutschland: Die Linke hat sich längst noch nicht überlebt, sie muss nur ihre Sprengkraft wiederentdecken. Die Wirklichkeit hält dafür mehr als genug Widersprüche bereit VON GERO VON RANDOW

G

ruß aus Italien, dem Land der untergegangenen Linken: »Ist die Welt naturgegeben rechts?«, fragt Raffaele Simone, Kulturphilosoph in Rom. Fast überall in Europa sei die Linke »spektakulär gescheitert«. Sie müsse sich nunmehr darauf besinnen, warum sie überhaupt noch links sei. Simones Verzweiflungsschrei erschien als Hauptaufsatz in der Pariser Zweimonatsschrift le débat. In Frankreich existiert zwar, anders als in Italien, eine sozialistische Partei, aber vorwiegend als kaputte Wahlmaschine und Bühne lächerlicher Intrigen. Dächte man sich die Parti Socialiste (PS) weg, änderte sich das Bild des Landes nur unwesentlich. Auf der anderen Seite des Kanals regieren die Sozialdemokraten immerhin noch, doch Labour dürfte im Mai kommenden Jahres abgewählt und in die sozialistische Hölle verbannt werden, wo die Sprache zu Asche wird, weil sie nur dem Zank unter Verlierern dient. Die deutschen Genossen warten dort schon. Und um gleich dem Einwand zu begegnen, in Deutschland sei die Linke doch auch DIE LINKE und die wenigstens pumperlgsund: nitschewo. Als Partei der Abwehrparolen kann sie sich in der Protestwählerschaft festkrallen, gleichwohl bleibt ihr ohne eine regierungsfähige SPD nur vergönnt, Reden zu schwingen. Nein, wo »links« draufsteht, ist nichts mehr drin. Dafür gibt es mindestens zwei Erklärungen. Die erste beruht auf Simones Idee einer »intrinsisch rechten« westlichen Welt: Der moderne, individualisierende Kapitalismus habe alle handlungsfähigen Kollektive zerstört. Der zweiten Erklärung zufolge hat die Linke die westliche Welt dermaßen mitgestaltet, dass ihre »historische Mission« erfüllt sei: »Die sozialdemokratischen Rezepte sind Teil der Sitten geworden, Teil der europäischen Identität«, weshalb sich alles »spezifisch Sozialdemokratische vollständig aufgelöst« habe – so sieht es Marcel Gauchet, der Herausgeber von le débat.

Die Welt ist schön, das Leben aber für die meisten hässlich Die Erklärungen widersprechen einander. Und doch treffen sie beide zu, denn die Wirklichkeit selbst ist paradox. Seinen reinsten Ausdruck fand der Widerspruch im »Dritten Weg« Londoner Provenienz, dessen Ziel es war, die sozialdemokratische Verteilung der Chancen mit dem bürgerlichen Individualismus zu verschränken. Politik und Programmatik der europäischen Bruderparteien verloren sich ebenfalls in der Unschärfe, und was als Existenzberechtigung blieb, war die Erwartung der übrig gebliebenen Wähler, dass die fälligen Systemanpassungen mit den Linken nicht ganz so hart ausfallen würden wie mit den Rechten.

Ausgerechnet mit der Weltwirtschaftskrise brach dann die Linksfunktion zusammen. Die Krise warf nicht etwa die Frage nach einer Welt jenseits des Kapitalismus auf, sondern lediglich die, wie er zu stabilisieren sei. Der französische Präsident Nicolas Sarkozy demonstriert, dass niemand mehr links sein muss, um Staatseigentum, Kapitalverkehrssteuern, Risikobegrenzung oder Regeln für die Bezüge von Bankern zu fordern und auf »die Konservativen« zu schimpfen. Da ist etwas zu Ende gegangen. Revolutionäre Umtriebe vor anderthalb Jahrhunderten waren der Anfang, es folgten Strategien eines reformerischen Weges aus dem Kapitalismus, anschließend Sozialreformen à la Godesberg, schließlich Rückzugsgefechte und Ausweichmanöver. Und nun das Aus. Damit aber endet wieder nur ein Zyklus. Denn es existiert ja eine Wahrheit fort: Die Welt ist schön, das Leben für die meisten hässlich. Und dieser Widerspruch erzeugt unausgesetzt neue Linke. »Es genügt nicht, dass der Gedanke zur Verwirklichung drängt, die Wirklichkeit muss sich

Ist die Linke zu retten? Warum haben sich in den meisten Ländern Europas die bürgerlichen Parteien durchgesetzt? Die ZEIT startet, in loser Folge, eine Debatte über die Zukunft der Linken

selbst zum Gedanken drängen«, schrieb einst ein 25-jähriger Junglinker namens Karl Marx. Linke hatten stets dann Konjunktur, wenn sie aufstrebenden Gruppen – Klassen, Generationen – Hoffnung gaben. Und wenn sie ihnen die Vorstellung vermittelten, nicht nur im eigenen, sondern im allgemeinen Interesse zu handeln. Darin lag immer auch eine Machtperspektive. Solche aufstrebenden Gruppen existieren nicht mehr. »Ein Nichts zu sein, tragt es nicht länger / Alles zu werden, strömt zuhauf«, diese Zeile der Internationale passt nicht auf die Lohnabhängigen von heute; wer für das Kapital schuftet, ist kein Nichts, auch dank der Sozialdemokratie. Ebenso wenig sind Alterskohorten in Sicht, die ihren Platz gegen das Establishment erkämpfen müssten, vielleicht deswegen, weil sich der Weltenlauf dermaßen beschleunigt hat, dass es keine generationenstiftenden Zeitabschnitte mehr gibt. Die Generation Globalisierung sind wir alle. Klassenlagen existieren gleichwohl: soziale Gehäuse, dauerhaft zugewiesen, die jemanden dazu zwingen, unter seinen Möglichkeiten zu

bleiben. Der illegal eingereiste Flüchtling zum Beispiel, der tagsüber auf dem Bau arbeitet und nachts als Türsteher vor der Nobeldisco. Die Familie aus der Pariser Vorstadt, die sich nicht aus ihrer Hochhauswohnung wagt, wenn wieder einmal der Aufzug defekt ist, denn im Treppenhaus regieren Kriminelle. Der Bewerber um einen Ausbildungsplatz, der leider Kamel heißt und eine schlechte Adresse hat. Der glückliche Empfänger eines Promotionsstipendiums von 800 Euro, drei Jahre Dauer, dessen Promotion aber viereinhalb Jahre währt und der nach Auslaufen des Stipendiums unmittelbar auf Hartz IV rutscht. Die junge Wissenschaftlerin, die sich über Drittmittel finanzieren muss, die jeweils nur für sechs Monate garantiert sind – sie hätte gern ein Kind, aber ihr Mann arbeitet ebenfalls prekär, unterbezahlt und 60 Stunden pro Woche; er ist Onlinejournalist. Manche können das Gehäuse verlassen, aber nur, um ein anderes zu beziehen. Wie zum Beispiel die junge Anwältin, die sich in ihrer Kanzlei wie in einem Kampfverband anstatt unter Kollegen vorkommt. Beinahe jede Nacht schläft sie in einem anderen Hotel, ihre Arbeit verlangt es so. Das ist eben die Globalisierung, sie fordert die Menschen und setzt Energie frei, ließe sich einwenden; völlig richtig, aber die herrschende Gestalt dieses Vorgangs heißt Erpressung. Nicht nur die Schwachen halten das nicht aus; es sind durchaus kerngesunde junge Leute, die der Sozialstress zermürbt – oh ja, das gibt es sehr wohl, man höre sich nur um und lasse sich beispielsweise von den 20 kürzlich in Berlin ausgeschriebenen Hebammenplätzen berichten (harte körperliche Arbeit, Schichtdienst, Ausbildungsgehalt 500 Euro), für die sich 5000 Jugendliche bewarben; die aussichtsreicheren unter ihnen durften im Assessment-Center vortreten. Unbestritten, dass die Lebenserwartung steigt, die arbeitsfreie Lebenszeit sich ausdehnt, die Medizin humaner wird und die Bildung allgemeiner, aber die Wahrheit ist immer konkret und das Individuum erst recht. An die Stelle einer Proletarierklasse, deren Lage sich als Negation der bürgerlichen Gesellschaft beschreiben ließ, sind viele konkrete Menschen getreten. Sie dürfen in dieser oder jener Form nicht so leben, wie es doch eigentlich möglich wäre. Der Widerspruch von Möglichkeit und Wirklichkeit hat sich wie alles andere individualisiert. Zugleich aber hat er sich verallgemeinert – er kann das Individuum in jeder Schicht und Klasse treffen. Welche Konsequenzen kann die Linke daraus ziehen? Ein Dutzend Jahre ist es her, dass der italienische Politikphilosoph Paolo Flores d’Arcais von der Linken eine »permanente liberale Revolution« forderte, »denn das Individuum in seinem Eigensinn bleibt die am wenigsten verhandlungsfähige Kritik an der Gesellschaft«. Eine individualistische Linke ist mit-

nichten ein Widerspruch in sich. Geistiger Ausgangspunkt der Linken war die Idee des freien Individuums, kollektivistisch wurde sie durch die historischen Träger ihrer Ideen, namentlich die Arbeiterbewegung. Fragt sich nur, wie aus dem Individuellen wieder das Allgemeine wird. Die Kunst beherrscht diese Transformation seit je, und die Linke darf deren Sprengkraft nicht unterschätzen. Doch auch politisch gesehen sollte die Linke gewissermaßen existenzialistisch werden. Also sich in der Aktion neu entdecken anstatt in der Antragskommission. Insofern, ja, wieder von vorne beginnen. Die Widersprüche dort zum Eklat bringen, wo sie auftreten. Das wäre dann eine Linke inmitten der Gesellschaft; eine Vorstellung des marxistischen Philosophen Antonio Gramsci, die derzeit wieder unter jungen französischen Sozialisten diskutiert wird.

Die Zukunft der Linken liegt in der Aktion, nicht in der Antragskommission Was soll darüber aus der klassischen Politik werden, den Abgeordneten zum Beispiel, und was aus den Wahlen, die man doch nicht aus kindischem Trotz ignorieren darf? Es wäre ja schon mal nicht schlecht, wenn solche Fragen überhaupt aufgeworfen würden, die Fragen nach dem Sinn des Ganzen. Die Debatte müsste den Parlamentarismus keineswegs relativieren, sie könnte stattdessen seine Zwecke erweitern. Wahlkämpfe, Parlamentsarbeit und Regieren, nicht als Ganzes, sondern als Teil einer Strategie gesehen, würden eher an Gewicht gewinnen. Aus einer solchen Neubestimmung des Politischen ergeben sich möglicherweise neue Wahlkampfthemen und Kandidatenlisten. Eine wachsende Tendenz unter den französischen Sozialisten will über ihre Strategie auch nicht mehr die Partei allein entscheiden lassen. Sie strebt sehr offene Primärwahlen an, aus denen ein Präsidentschaftskandidat der Linken hervorgeht, ebenso ein Programm. Das ist, in Ermangelung eines historischen Projekts, immerhin ein Gedanke. Er ließe sich fortführen. In der Geschichte gesehen, sind es stets die Kämpfe um konkrete Emanzipation gewesen, aus denen die Ziele, die Strategien und das Führungspersonal der Linken entstanden. Also Wühlarbeit. Sie setzt kein Programm voraus. Der Widerspruch zwischen der Selbstbeschreibung unserer westlichen Gesellschaften und ihrer Wirklichkeit allein reicht schon aus, Bewegung zu erzeugen. »Nichts ist menschlicher, als zu überschreiten, was ist«, sagte Ernst Bloch in seiner Tübinger Antrittsvorlesung von 1961. Das Prinzip Hoffnung jedenfalls kann niemand der Linken nehmen. Und wer glaubt, Hoffnung sei nicht viel, der hat noch nie hoffen müssen.

POLITIK

8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

Politik war bisher, SPD-geprägte Regierungspolitik moralisch zu diskreditieren. Das ist vorbei. An einer nach links durchrutschenden Sozialdemokratie ist die Linke gar nicht interessiert. Wenn die Wähler wieder zur SPD zurückwandern, würde sich das Lager nur selbst kannibalisieren. Gegen Schwarz-Gelb wäre nichts hinzugewonnen. Die SPD muss schön in der Mitte bleiben, damit der Aufbauprozess der gesamtdeutschen Linkspartei nicht beeinträchtigt wird. Deren Triumphe bei Landtagswahlen sind Legende, andererseits: In den Parlamenten der bedeutenden westdeutschen Flächenländer ist die Linke, außer in Hessen, keineswegs vertreten. Aus diesen Komplikationen können sich die Oppositionsparteien nur durch den nächsten Wahlerfolg befreien, sodass die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen im Mai kommenden Jahres aus Sicht sämtlicher linker Strategen die Bedeutung einer kleinen Bundestagswahl erhält. Sie wird als Plebiszit gegen die soziale Kälte von Schwarz-Gelb vorbereitet. Die SPD kann dann zeigen, dass doch noch Kraft in ihr ist, die Linke könnte endlich in einen wirklich wichtigen Landtag einziehen, die Grünen ein ähnlich gutes Resultat erzielen wie bei der Bundestagswahl – das könnte reichen. Die Ersten sprechen schon von einem Sieg gegen den selbst ernannten Arbeiterführer Jürgen Rüttgers, und ein solcher Sieg wäre nicht nur ein symbolischer Erfolg des Linksprojektes. Es wäre ein Menetekel für Merkel.

Die Linke muss Akzeptanz schaffen – mit neuen rot-roten Bündnissen Im Karl-Liebknecht-Haus wird man diese Wahl mit dem gleichen materiellen und strategischen Aufwand vorbereiten wie die Bundestagswahl vom September. Und dass der nordrhein-westfälische Landesverband der Grünen traditionell eher links ist, könnte zumindest in diesem Land helfen, die wechselseitigen Vorbehalte zu mindern, die zwischen Linkspartei und Grünen bestehen. So die Theorie. All das setzt voraus, dass die neue Bundesregierung tatsächlich neoliberale Akzente setzt. Ein Lagerwahlkampf wird es in jedem Fall. Aus der Sicht der Linkspartei wäre allerdings auch Rot-Rot-Grün in Nordrhein-Westfalen nur Zwischenstopp in einer langfristigen Strategie, die auf ein Mitte-links-Bündnis im Bund hinausläuft. Anders als die SPD muss sich die Linke 2013 nicht wie der Phönix aus der Asche erheben. Sie ist bereits im langsamen Steigflug begriffen und hat Zeit. Für sie kommt es darauf an, in der deutschen Gesellschaft für ein Mitte-links-Bündnis Akzeptanz zu schaffen, behutsam, Schritt für Schritt. Das geht nur durch Beispiele, in denen sich eine rot-rote Zusammenarbeit bewährt. Deswegen ist die Linkspartei im Bund auch

viel zurückhaltender mit Kooperationssignalen als auf Landesebene. Dort sind die Erfolgsaussichten größer, Gewöhnungseffekte sicherer zu kalkulieren. Viel wichtiger als ein Linkskurs der Bundes-SPD sind also für sie in Zukunft Koalitionen in den Ländern. Die müssen, auch um die PDS-Kernwählerschaft bei Laune zu halten, in Ostdeutschland funktionieren, bald in Sachsen-Anhalt und in Mecklenburg-Vorpommern. Für die Signalwirkung ist aber auch eine Regierungsbeteiligung im Westen dringend nötig. Dass es in Thüringen anders ausging, hat die Linke der SPD sehr übel genommen. Für sie war es ein herber Rückschlag. Umso höher sind nun die Erwartungen, dass im Saarland das rot-rot-grüne Bündnis zustande kommt. Dort sind die Grünen das Zünglein an der Waage – und spielen mit dieser Rolle. Sie bestätigen das linke Vorurteil, die Grünen seien in einer Gesamtstrategie die unsicheren Kantonisten, weil ohnehin dauernd auf dem Absprung zur CDU. Dem gelernten leninistischen Kader verursacht es graue Haare (falls er nicht schon welche hat), wenn Landesverbände Koalitionsentscheidungen autonom treffen. Mit ihrer dezentralen Struktur, ihrer geringen Steuerbarkeit disqualifiziert sich die grüne Partei in den Augen des Linksstrategen im Grunde für das Mitte-links-Bündnis. Wenn es nicht sein muss, soll es langfristig ohne Grüne gehen. Zumindest den grünen Realos muss eine allzu enge Kooperation der Oppositionsparteien unbehaglich vorkommen. Und auch westlich sozialisierte Altlinke werden beim Gedanken an eine zentralistische Lagerhaft rebellieren, genauso wie viele Sozialdemokraten. Tiefe Unterschiede in den Parteikulturen werden sichtbar. Die Grünen widersetzen sich im Augenblick durch eine Doppeltaktik: Opposition gegen Schwarz-Gelb ja, aber nicht um den Preis eines Verlustes eigener Inhalte aus Gründen einer Zuspitzung, die am Ende nur den anderen Oppositionsparteien nutzt. Eine Strategie, die nur auf soziale Gerechtigkeit setzt und Themen wie Ökologie, Verbraucherschutz, regenerative Energien oder Bürgerrechte auf die Plätze verweist, würde die Partei im Kern aushöhlen. Möglichst lange werden die Grünen also offenhalten, wohin sie gehen. Das kann Glaubwürdigkeit kosten. Und Stimmen, wenn die Partei 2013 wieder ohne Machtperspektive erhobenen Hauptes in die Opposition schreitet. Eröffnet sich zu diesem Zeitpunkt die Aussicht, mit einem vereinigten linken Lager die Regierung abzulösen, werden die Zentripetalkräfte gewaltig sein. Dann wird es sehr schwierig sein zu erklären, wieso man Koalitionen so konsequent an die Durchsetzung eigener Themen knüpft wie in dieser Bundestagswahl – und im Zweifel auch ein zum Greifen nahes Linksbündnis im Bund fahren lassen will.

Kannibalen unter sich Grüne und Linke streiten um dieselben Wähler. Darum fällt es ihnen schwer, Bündnisse zu schließen VON THOMAS E. SCHMIDT Fotos (Ausschnitte): picture-alliance/dpa (o.); Hannibal Hanschke/picture-alliance/dpa (u.)

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inke aller Art hatten in diesem Land bereits eine ganze Weile von der großen politischen Alternative links von der Mitte geträumt, von der Ideal- oder Gesamtlinken, von der wahren sozialen Mehrheit. Nun ist diese politische Gesamtlinke greifbar nahe, das klar konturierte Projekt aus SPD, Grünen und Linkspartei, das eines Tages mit Geduld und Spucke sogar im Bundestag die Majorität bilden könnte. Aber wie so oft, fühlt es sich nach all der Vorfreude ein bisschen flau an, wenn das Ereignis eingetreten ist. Und dieser Kater liegt nicht nur an dem Vorsprung von Merkel und Westerwelle. Zumindest für Linke und Grüne ist Opposition keineswegs Mist, sondern Identitätsbildung. Das lernt jetzt auch die SPD. Erwartungsgemäß räumt sie die Hindernisse ab, die einer Kooperation mit der Linkspartei auf Bundesebene im Wege stehen. In Sachen Afghanistaneinsatz ging Lafontaine wiederum auf die Sozialdemokraten zu. Doch nun, da die Zusammenarbeit unter den als links sich verstehenden Oppositionsparteien Praxis zu werden droht, spüren insbesondere Grüne und Linke, dass die Gravitation Strategie und Selbstverständnis ihrer Parteien kräftig verbiegen könnte. Folglich üben sich die Akteure in Entschleunigung. In der Opposition gibt es keine Koalitionen, und der Gedanke einer »Fusion« von Linkspartei und SPD spielt derzeit in der Debatte keine Rolle mehr. Wichtiger ist für alle drei Oppositionelle nun, das eigene Profil zu sichern. Es liegt beispielsweise nicht im Interesse der Grünen, ganz in einem unter der Überschrift »Soziale Gerechtigkeit« stehenden Linksprojekt aufzugehen. Sie müssten ihre Themen relativieren und würden bürgerliche Wähler verlieren. Gegen diese Gefahr können sie sich nur wappnen, wenn sie sich als »Scharnierpartei« vorstellen, als politische Kraft, die eine Regierung auch mit der Union bilden könnte, wenn denn die grüne Programmatik dergleichen – ein entsprechender Ausgang der nächsten Bundestagswahl vorausgesetzt – nahelegte. Dagegen wiederum steht ein großer Teil der grünen Basis, die sich durchaus als links definiert. Auch das Scharnier kann Wähler vergraulen. Überraschenderweise liegt der Fall bei der Linkspartei ähnlich kompliziert. Nicht aufgrund ihrer Stimmenzahl, aber mit ihrem Erfolgsmomentum im Rücken könnte sie den Konstitutionsprozess einer Gesamtlinken in ihre Hände nehmen und vorantreiben. Sie wird sich aber hüten, das offensiv zu tun. Mit dem Untergang der SchröderSPD ist ihr Feindbild verloren gegangen, für den Westteil der Partei sogar der Existenzgrund. Es macht keinen Spaß mehr, die SPD zur Übernahme linker Positionen zu zwingen, etwa die Rente mit 67 zurückzunehmen. Das Erfolgskriterium linker

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Noch einmal im BLITZLICHT stehen: Grüne und linke Spitzenpolitiker am Wahlabend

Was will Schwarz-Gelb? Was kann Schwarz-Gelb? Seit vergangenem Montag verhandeln Union und FDP über Programm und Profil der neuen Regierung. Weil das Geld knapp ist, sind mehr denn je gute Ideen gefragt – in der Bildungs- oder Rechtspolitik genauso wie beim Zu-

schnitt des Kabinetts. Was notwendig wäre, um Deutschland zu erneuern – und was möglich ist, zeigen unsere Autoren auf diesen Seiten. Außerdem ein Blick in die internationale Presse, die von Angela Merkel nun vor allem eines erwartet: Radikale Reformen

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POLITIK

8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

Brauchen wir einen Energieminister? Wer kümmert sich um die Globalisierung? Eine kluge Regierung müsste die Zuständigkeiten am Kabinettstisch neu verteilen VON PETRA PINZLER

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er Staatssekretär lächelt milde. So naiv denke doch in Berlin niemand, antwortet er nachsichtig, wiegt den Kopf und wiederholt dann sinnierend die Frage: Wie sähe die ideale Regierung 2009 aus? Der Mann hat schon einige Kanzler kommen und gehen sehen, und er weiß: In den Koalitionsverhandlungen geht es erst um Sachfragen. Dann um Personen. Und dann noch einmal um Personen: »Schon jetzt laufen die Wetten, dass Guttenberg und nicht Solms, Koch oder Schäuble das Finanzministerium bekommt.« Erst wenn die Wette entschieden sei, ergebe sich auch der Ressortzuschnitt – frei nach der Regel: Je mächtiger der Chef, desto größer sein Ministerium. »Aber es wäre wahrscheinlich ganz gut, zum Beginn der Legislaturperiode mal andersherum zu beginnen; erst über die Probleme des Landes nachzudenken und darüber, wie man die Ministerien idealerweise organisiert, um die Probleme zu lösen.« Eine solche Chance, sagt der Mann, gebe es schließlich nur alle vier Jahre. »Die ideale Regierung? Die gibt es nicht«, lacht Edda Müller laut auf. Die Professorin hat einst selbst im Kanzleramt gearbeitet, in verschiedenen Ministerien, und sie hat in wissenschaftlichen Instituten nach Rezepten für gute Regierungsführung geforscht. Sie weiß, wie viel Kompromisse am Anfang jeder Legislaturperiode stehen. Dennoch glaubt sie an die Möglichkeit des Neubeginns. »Die Kanzlerin sollte den Start nutzen, um die Struktur ihrer Regierung zu verändern«, fordert Müller. Schließlich setze kaum ein Gesetz ihrer Fantasie Grenzen, sie könne die Organisation völlig umbauen – vorausgesetzt, ihr Koalitionspartner spiele mit. Das sei die einmalige Chance, neue Themen zu setzen. »Themen spielen in der Politik nur dann eine dauerhafte Rolle, wenn sie organisatorisch abgebildet sind.« Nur ein neues Ministerium, ein Be-

auftragter oder eine Kommission sicherten also, dass das entsprechende Thema regelmäßig auf die Tagesordnung komme, sagt Müller. Man muss nicht lange nach den Problemfeldern suchen, die in der Regierung besser »abgebildet« werden müssten. Deutschland wird seinen Wohlstand nur mit gut ausgebildeten Bürgern (zu denen auch die Einwanderer gehören müssen), einer umweltfreundlichen Wirtschaft und einer gestaltungsfreudigen, international ausgerichteten Politik wahren. Gebetsmühlenartig buchstabieren Leitartikler, Politiker und Forscher dieselben Wörter: Bildung, Forschung, Ökologie, Globalisierung und Integration. Sollten Angela Merkel und Guido Westerwelle also für all diese Zukunftsthemen größere oder neue Ministerien gründen?

Aus dem Kanzleramt müsste eine echte Planungszentrale werden Immer wieder haben Regierungen genauso reagiert, durchaus erfolgreich. So entstand vor Jahrzehnten das Ministerium für Familien, Mitte der achtziger Jahre wurde das Umweltministerium gegründet und später das Landwirtschafts- zum Verbraucherministerium aufgewertet. In den neunziger Jahren wurden darüber hinaus die »Superministerien« erfunden. Oskar Lafontaine träumte von einem Superfinanzministerium, Edmund Stoiber von einem Superwirtschaftsministerium: Das Ende beider Geschichten ist bekannt. Der eine floh flugs, der andere trat gar nicht erst an. Drohte einem Superminister für die Zukunftsthemen Bildung und Forschung zwangsläufig ein ähnliches Schicksal? Die Wissenschaftsgemeinde verneint das vehement und bittet stattdessen inständig um die Aufwertung des Hauses – schließlich ließe sich das organisatorisch sogar relativ leicht bewerkstelligen (siehe Artikel unten). Auch ein neues Integrationsministerium könnte Zeichen setzen. »Am besten geführt von einem Politiker mit Migrationshintergrund«, sagt Armin Laschet. Der Mann hat in Nordrhein-Westfalen bereits bewiesen, für wie viel Aufbruch man mit einem solchen Haus sorgen kann. Immerhin wird er dafür selbst von dem Grünen Daniel CohnBendit laut und überschwänglich gelobt: »Laschet sollte Integrationsminister in Berlin werden!« Und wer wird Energieminister? Auch das ist ein Thema, das bislang altmodisch auf ein Dutzend Ministerien verteilt wurde, oft Streit zwischen Umwelt- und Wirtschaftsminister produziert hat und bei dem es bis heute an einer durchdachten Strategie fehlt. Viel Spielraum böte sich da für ein neues Haus. Nur, wie viel Ministerien verträgt ein Land? Brauchte die ideale Regierung auch noch ein Ressort für Globalisierung oder eines für Nachhaltigkeit? Fritz Scharpf, Nestor der deutschen Politikwissenschaft, warnt vor zu viel Aktionismus. »Eine Regierung kann höchsten zwei oder drei neue Kampagnenthemen leisten«, sagt er. Doch Scharpf hat noch einen grundsätzlicheren Zweifel: Viele neue Themen könne man gar nicht mehr wie früher nur in einem Ministerium

verorten. Globalisierung oder auch die Europapolitik seien längst Querschnittsaufgaben, die in jedem Politikfeld eine Rolle spielten. Die sollte eine kluge Regierung besser durch eine »leistungsfähige Politikplanungsgruppe«, die im Kanzleramt angesiedelt sein müsste, bewältigen. Politikplanung: Das ist das Lieblingswort vieler Wissenschaftler, die sich mit dem modernen Regieren beschäftigen. Nur neue Ministerien zu gründen – das reiche nicht mehr. Die Wissenschaftler raten eher zur »Vernetzung« der Ministerien schon auf unteren Ebenen, zum anderen Umgang mit »Querschnittsaufgaben«, zum Ausbau des Kanzleramtes oder des Finanzministeriums zur Planungszentrale. »Dänemark studieren,« empfiehlt Kai Wegrich von der Hertie School of Governance. Dort überprüfe das Finanzministerium heute schon alle anderen Ressorts. »Finanzielle Nachhaltigkeit« sei das Leitmotiv, und dabei gehe es längst nicht nur um Sparsamkeit. Das Ministerium prüfe beispielsweise den Erfolg von Programmen und Gesetzen – und zeige so, wie auch mit weniger Geld kluge Politik gemacht werden könne. Tatsächlich müssten die Berliner Ministerien nicht einmal stark umgebaut werden, um dem dänischen Beispiel zu folgen: Das Ministerium für Finanzen müsste nur die Grundsatzabteilung aus dem Wirtschaftsressort zurückbekommen, schon hätte es Spiegelreferate für jedes Politikfeld. Wollte es die dann auch nutzen, brauchte es allerdings die starke politische Unterstützung des Kanzleramtes – damit die anderen Häuser nicht blockieren. Denn bislang scheiterte die Vernetzung in Deutschland immer wieder am Ressortprinzip. Anders als bei den Nachbarn planen und entscheiden hierzulande die Fachminister weitgehend autonom. Horst Ehmke, Chef des Kanzleramtes unter Willy Brandt, war der Letzte, der das radikal verändern wollte. Er sei gescheitert, sagt er heute, weil er das Problem »zu technisch« angegangen sei. Das habe die »Vetomächte« in den Ministerien mobilisiert. Seine Nachfolger haben ihre Lehren daraus gezogen. »Wir können nur bei einzelnen Streitfällen durchgreifen«, heißt es eher resignativ im Kanzleramt. Michael Zürn vom Wissenschaftszentrum Berlin kennt diese Antwort. Er dreht den Spieß daher um: »Wenn man nicht zentralisieren kann, warum dezentralisieren wir dann nicht?« Der Mann denkt gern mal radikal, und so schlägt er lächelnd vor, in einer modernen Regierung das Außenministerium nicht aufzublähen, sondern zu schrumpfen und die Zuständigkeiten zu verteilen: »Wenn sich alle Themen globalisieren, dann sollten das auch die Ministerien tun: Die Forschungspolitik sollte also ihre Wirkung auf die Welt genauso mitberücksichtigen wie die Wirtschafts- oder die Agrarpolitik.« Der Forscher weiß wohl, dass solch eine Reorganisation viel Energie kosten würde. Energie, die eine ideale Regierung natürlich hätte. Denn die würde Politik machen wollen – global, nachhaltig und modern. i Wer nimmt Platz am Kabinettstisch? Namen, Posten, Spekulationen: www.zeit.de/kabinett

Bündnis für Bildung

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as Wort hat keinen modernen Klang: bildungsbürgerlich. Elitär hört es sich an und irgendwie rückwärtsgewandt. Nun könnte ausgerechnet die neue schwarz-gelbe Regierung dem Begriff frischen Glanz verleihen. Liberale und Christdemokraten müssten sich nur als erstes bürgerliches Bündnis der Bildung profilieren, als bildungsbürgerliche Koalition. Dafür sollte die neue Regierung das wichtigste Zukunftsthema des Landes dorthin bringen, wo es hingehört: ins Zentrum der Politik, auf die große Berliner Bühne. Die Gelegenheit dafür ist durchaus günstig. FDP wie CDU haben sich vor der Wahl zu höheren Investitionen in Bildung und Forschung bekannt. Gleich nach der Wahl machten Angela Merkel wie Guido Westerwelle deutlich, dass sie trotz aller Sparanstrengungen zu ihren Versprechungen stehen. An pädagogischen Brennpunkten mangelt es bekanntlich auch nicht. In wenigen anderen Industrieländern sind die Bildungschancen so ungerecht verteilt wie in Deutschland. Jeder fünfte Schulabgänger gilt auf dem Arbeitsmarkt als schwer vermittelbar. Die Universitäten müssen sich auf nie da gewesene Studentenzahlen einstellen – und ganz Deutschland auf einen Mangel von Fachkräften. Ob Integrationskrise, demografischer Absturz oder Innovationsschwäche

der Industrie: Eine bessere Bildung ist Passepartout zur Lösung großer Probleme. Gerade angesichts der Zukunftsangst vieler Menschen in der Finanzkrise kann das Bildungsversprechen – wohl die letzte verbliebene Utopie – so etwas sein wie die überwölbende Botschaft des Koalitionsvertrages an die Bürger: Ihr müsst euer Schicksal selbst in die Hand nehmen – aber der Staat hilft euch, wo immer er kann. Will die neue Regierung diesen Anspruch einlösen, muss sie Geld investieren und konkrete Visionen entwickeln. Ein starkes Ministerium sollte den neuen Gestaltungswillen machtpolitisch untermauern. Es sollte die Zuständigkeiten des Bundes vom Kindergarten über die berufliche Integration lernschwacher Migranten bis zur Spitzenforschung in sich vereinen und obendrein von einem politischen Schwergewicht geführt werden. Andere Ressorts – Familie, Arbeit und Wirtschaft – müssten dafür Kompetenzen abtreten. Neue Verheißungen braucht die Regierung sich erst einmal nicht ausdenken. Es würde reichen, die alten umzusetzen. So sind Extragelder für neue Studienplätze oder eine weitere Runde des Exzellenzwettbewerbes der Universitäten zwar zugesagt, aber bislang nicht gesichert. Dasselbe gilt für das Ziel, die Ausgaben für Bildung und Forschung von heute 8,5 Prozent bis 2015 auf 10 Prozent des Bruttoinlandsproduktes zu erhöhen.

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Die befreite Kanzlerin

Kapert die Piraten!

Deutschland rätselt noch. Dafür weiß die Welt schon sehr genau, was sie von der neuen Regierung halten soll VON JÖRG LAU

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a, bei Klima, Bildung, Integration, da trauen sogar manche Skeptiker Schwarz-Gelb eine behutsame Modernisierung zu, die Durchsetzung der doppelten Staatsbürgerschaft zum Beispiel. Aber in der Innen- und Rechtspolitik? Bei der Überprüfung der Sicherheitsgesetze? Da ist das Urteil schon gefallen, ehe die Koalitionäre sich überhaupt an den Verhandlungstisch gesetzt haben. Nirgends scheinen die Zeichen deutlicher auf Retro zu stehen, sogar die handelnden Personen erinnern an die Ära Kohl. Umso mehr lohnt die Frage: Muss das so sein? Zugegeben: Wenn es schlecht läuft, dann bleibt in der Innen- und Rechtspolitik einfach alles beim Alten. Nennen wir es die »Zombie«Variante. Dann erheben sich die untoten Debatten der vergangenen Jahrzehnte klappernd aus ihren Gräbern und spuken eine weitere Legislaturperiode lang durch Berlin. Ein neuerlich berufener CDU-Innenminister Wolfgang Schäuble würde zäh die Antiterrorgesetze verteidigen und darauf beharren, dass die Sicherheit der Bürger nur durch immer neue Kompetenzen der Polizei und der Geheimdienste zu garantieren sei. Und die mutmaßliche neue Justizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger, schon einmal im bitteren Streit mit der CDU vom selben Posten zurückgetreten, müsste auf einem radikalen Bruch mit dem Bisherigen bestehen, die Einschränkung der Onlinedurchsuchung fordern, die Wiederherstellung des Bankgeheimnisses, die Reform der Sicherungsverwahrung. Alles richtig, aber eben im Streit gegen die Union kaum durchzusetzen.

Niemand hat bislang eine Strategie gegen die Macht von Google Am Ende würde der Kulturkampf, der da angelegt ist, nur eines produzieren: Stillstand und wechselseitige Blockade. Bewegung käme in die Debatte, wie gewohnt, allein durch das Bundesverfassungsgericht, das im nächsten Jahr über die Vorratsdatenspeicherung und das BKA-Gesetz zu entscheiden hat und beide Gesetze wohl kaum unverändert durchwinken wird. Die Blockade ist möglich. Aber zwingend ist sie nicht. Wenn man für einen Moment aus den ideologischen Gräben herausklettert, die beide Parteien ausgehoben haben, dann eröffnen sich Perspektiven, die in eine ganz andere Richtung weisen: nach vorn. Und zwar ausgerechnet auf einem ganz unwahrscheinlichen Feld, das zuletzt besonders heiß umkämpft war – dem Internet. Ja, tatsächlich, Schwarz und Gelb könnten nachholen, nein: Sie müssen nachholen, was alle Parteien in den vergangenen Jahren kollektiv versäumt haben. Es gibt ohne Zweifel ein massives juristisches und technisches Modernisierungsdefizit des demokratischen Rechtsstaats im Netz. Das klassische Urheberrecht beispielsweise, das kreative geistige Arbeit ökonomisch überhaupt erst möglich macht, steht im Netz vor dem Kollaps – wenn es nicht schon kollabiert ist. Niemand hat bislang eine Strategie gegen die beispiellose Machtzusammenballung von Firmen wie Google. Überhaupt weiß

keine Regierung weltweit mit der Dominanz privater Unternehmen im öffentlichen digitalen Raum umzugehen, die Leitungsnetz, Betriebssysteme und soziale Netzwerke beherrschen. Niemand weiß auch, wie dem massenhaften Missbrauch von Daten – durch Behörden, durch Unternehmen, durch Einzelne – begegnet werden soll. Und wie hilflos der Staat ist, seine Regeln ebenso wie im analogen auch im virtuellen Leben durchzusetzen, mindestens das hat der wüste Streit um KinderpornoSperren im Netz gezeigt. Tatsächlich sind all dies Fragen, die über den schlichten Gegensatz von Freiheit versus Sicherheit hinausweisen. Sie brauchen mindestens europäische, eigentlich globale Antworten. Aber es braucht auch nationale Akteure, die die notwendige Debatte über die Adaption des Rechts an die technologische Revolution beginnen. Und das sollen ausgerechnet Union und FDP sein? Durchaus möglich. Immerhin hat Angela Merkel die Piratenpartei, die bei der Bundestagswahl zwei Prozent erzielt hat, anschließend gleich zweimal erwähnt und damit ihre Strategie bestätigt, jede neue gesellschaftliche Bewegung möglichst umstandslos an die Union anzubinden. Wenn die Piratenpartei tatsächlich irgendetwas gemein hat mit den Grünen in deren Anfangszeiten, dann liegt es ja auch nahe, ihnen mit einer ähnlichen Haltung zu begegnen, wie sie die großen Volksparteien den Grünen gegenüber mühsam erlernt haben: nicht Abgrenzung, sondern Rückeroberung der Themen. Auch den ersten Bundesumweltminister hat ja die CDU installiert. Aber mehr noch als solche taktischen Erwägungen sind es inhaltliche Überlegungen, die das Projekt einer schwarz-gelben Netz-Politik interessant, womöglich sogar aussichtsreich machen. CDU/ CSU wie FDP können als Wächter und Verfechter des Rechtsstaats schwerlich zusehen, wie das geltende Recht im Netz zusehends erodiert. So kann die FDP, die bei der Verteidigung der digitalen Bürgerrechte noch einigermaßen oppositionsradikalisiert, also Piraten-nah, auftritt, als wirtschaftsfreundliche Partei nicht achselzuckend die faktische Enteignung zahlloser Kreativer durch illegale Tauschbörsen hinnehmen, wie das die Piraten tun. Eine Modernisierung des Urheberrechts wäre deshalb ein lohnendes Vorhaben für Union und FDP, zudem müsste die Koalition eine Politik gegenüber Google entwickeln. Denn gerade die Union, die einerseits die Rechte des Staates bei der Überwachung stärken will, wird auf Dauer nicht tatenlos zusehen können, wie sich Privatunternehmen das Netz unterwerfen. Ein grundlegend reformiertes Datenschutzrecht wäre also das Mindeste, was Schwarz-Gelb erreichen müsste. Zu heftige christdemokratische Wünsche nach staatlicher Intervention wiederum könnten die Liberalen kontern, indem sie daneben auch auf technologische Innovation und selbst regulierende Modelle beharren. Nur alle Elemente zusammen nämlich haben Aussicht auf Erfolg bei der Modernisierung des Rechtsstaats im Netz. Wenn Union und FDP also etwas Zukunftsträchtiges in Gang setzen wollten: Hier wäre ein Thema.

Ob in Kindergärten oder an Universitäten: Union und FDP könnten viel bewegen – auch mit privaten Investoren VON MARTIN SPIEWAK Der Staat allein vermag die zusätzlichen zwanzig bis dreißig Milliarden Euro im Jahr niemals aufzubringen. Er kann jedoch intelligente Anreize bieten für private Initiativen. Denkbar wäre ein sogenannter Matchingfonds für Stipendien, wie ihn die FDP vorschlägt. Für jeden Euro, den Universitäten von Sponsoren einwerben, legt Berlin einen Euro oben drauf. Die Innovationskraft wiederum ließe sich mit Steueranreizen fördern. Viele Industrieländer nutzen das Instrument, indem Unternehmen ihre Forschungsausgaben beim Fiskus geltend machen können. Ansonsten sollte sich die neue Regierung auf zwei Felder konzentrieren: die frühe Kindheit sowie die hohe Zahl an Bildungsverlierern, unter ihnen viele Einwanderer. Der beschlossene Ausbau des Betreuungsangebots für die unter Dreijährigen kann erst der Anfang sein. Gleichzeitig muss man die Qualität der Bildung vor der Schule erhöhen. Aus Kindergärten mit hohem Migrantenanteil können Familienzentren werden, in denen Väter und Mütter Sprachunterricht erhalten sowie Hilfe bei Fragen zu Erziehung, Ernährung oder Gesundheit. Modellprojekte existieren bereits in Berlin oder NordrheinWestfalen. Manchmal reicht es auch, Geld nur intelligenter zu verteilen. Drei Milliarden Euro gibt die Bundesagentur für Arbeit für Kurse aus, in denen Schulabgänger nachholen, was sie im Unterricht

verpasst haben. 500 000 Jugendliche befinden sich in diesem Übergangssystem. Wie wäre es, die Summe in der Schule einzusetzen – für bessere Berufsberatung, zusätzlichen Sprachunterricht, Sozialarbeiter – und dem Ausbildungsversagen vorzubeugen? Unmöglich! Verboten! Verfassungsbruch!, ruft der Chor der Kleinmütigen. Es stimmt ja: Seit der Föderalismusreform ist es dem Bundesbildungsministerium offiziell untersagt, Geld und Ideen in die Schulen zu tragen – und jede Berliner Initiative für die Universitäten fällt schwer. Die neue Regierung wird das Grundgesetz nicht schon wieder umschreiben. Sie könnte das Kooperationsverbot bei der Bildung – im Einverständnis mit den Ländern – jedoch geschickt umgehen. Die vergangenen drei Jahre zeigen, was möglich ist. Gerade war die Tinte unter der Föderalismusreform trocken, da flossen die ersten Gelder für den Krippenausbau. Kurze Zeit später beschlossen Bund und Länder ein Programm für mehr Studienplätze. Und selbst Schulmensen oder Uni-Labore lassen sich jetzt aus dem laufenden Konjunkturpaket finanzieren. Courage ist also notwendig und – warum nicht? – etwas Pathos. Dann könnten die Koalitionsverhandlungen so etwas werden wie der inoffizielle Gründungskonvent zur Bildungsrepublik Deutschland.

Illustration: Smetek für DIE ZEIT/www.smetek.de (frei nach einer Idee von M.C. Escher)

Vom Urheberrecht bis zum Datenschutz: Schwarz-Gelb hat die Chance, Politik für das Internet zu erfinden VON HEINRICH WEFING

er liest, was die internationale Presse zum hiesigen Wahlergebnis schreibt, wird Zeuge der Entstehung eines politischen Mythos: der Befreiung von Angela Merkel. Während die Koalitionäre in Berlin gerade erst begonnen haben, eine Formel für das schwarz-gelbe Bündnis zu suchen, projiziert die Welt schon munter Wünsche, Hoffnungen und Ängste auf die neue Regierung. Das einflussreiche britische Magazin Economist hat den Ton vorgegeben: »Angela Merkel ist befreit worden, um auf Veränderung zu drängen.« Schon vor der Wahl behauptete das ehrwürdige Kampfblatt des Wirtschaftsliberalismus, nicht Merkels »eigene Natur« habe sie gehindert, schärfere Reformen durchzupeitschen, sondern »die Gefangenschaft bei ihren Partnern von der SPD: Es ist Zeit, Angela zu befreien, damit wir sehen, was sie vermag.« Die Titelseite zeigte Merkel denn auch als Prinzessin im goldenen Käfig, bekleidet mit ihrer bekannten großkoalitionären Häftlingstracht – roter Blazer, schwarze Hose. Als Befreier Angela Merkels feiert man nun den international weitgehend unbekannten »Mr. Westerwelle«. Durch ihn, so die Lesart, könne Merkel nun endlich wieder ihr altes Leipziger Reform-Selbst sein: »Und die neue schwarz-gelbe Regierung könnte genau das sein, was Deutschland braucht.« Fragt sich bloß, warum die aus der babylonischen Gefangenschaft unter Frank Nebukadnezar Steinmeier Befreite die ganze Woche nach der Wahl damit verbringt, ihren vermeintlichen Retter zu entzaubern. Angela Merkel hatte nichts Dringenderes zu tun, als die Liberalen in die Schranken zu weisen und Westerwelle klarzumachen, dass es in den Koalitionsverhandlungen eigentlich nichts zu verhandeln gebe. Eine komische Befreiung. Nach dem ersten Treffen der Delegationen haben beide Seiten immerhin Freude darüber bekundet, künftig miteinander regieren zu dürfen. Auch über Westerwelles Außenpolitik weiß der Economist schon Genaueres als der wahrscheinliche Minister: Er sei viel »proamerikanischer« als sein Vorgänger und werde darum die deutschen Truppen länger in Afghanistan lassen. Und: »Weil er härter zu den Russen ist, wird er in einem Streich die deutschen Beziehungen zu Mittel- und Osteuropa verbessern.« Dass die Russen sich schon fürchten, ist aber unwahrscheinlich. Denn Westerwelle hat Scheel und Genscher – die personifizierte Entspannungspolitik –

als Maskottchen der bundesrepublikanischen Kontinuität erkoren. Niemand würde sich wundern, wenn er im gelben Pullunder in sein neues Amt einzöge. Während die einen Westerwelle als Putins neuen Zuchtmeister begrüßen, ergehen sich andere in traditionelleren britischen Fantasien über die deutsche Rolle in Europa. Beim Londoner Independent löste Westerwelles Weigerung, die Frage eines BBC-Reporters bei seiner ersten Pressekonferenz auf Englisch zu beantworten, altbewährte antideutsche Reflexe aus: »Wenn so etwas von dem Mann kommt, der wahrscheinlich deutscher Außenminister wird, dann ist das ein erhellender Vorgeschmack auf neuen teutonischen Geltungsdrang in internationalen Angelegenheiten.« Die Zeitung schrieb aber auch, Westerwelle sei »dauergebräunt« – was eigentlich wieder ziemlich unteutonisch ist. Seit dem Wahlabend hat Angela Merkel immer wieder ihre Entschlossenheit zu Kontinuität demonstriert. Die Londoner Times hingegen hat hocherfreut einen »klaren Rechtsruck« in der deutschen Politik erkannt: Jetzt könne Merkel – »von der Leine gelassen« – endlich beweisen, dass sie keine »verkleidete Sozialdemokratin« sei. Auch die New York Times glaubt, Merkel werde jetzt »endlich die Chance haben, die Pläne für Liberalisierung durchzusetzen, die sie schon vorgeschlagen hatte, als sie zum ersten Mal kandidierte«. Und selbst der eher linksliberale Guardian hängt der Theorie von der »entfesselten Kanzlerin« an und sieht kommen – halb bangend, halb hoffend –, dass »Angela Merkel sich noch als Deutschlands Maggie Thatcher entpuppen« könnte. Ob man Le Monde (»Deutschland rückt nach rechts«), den Figaro (»Die konservative Revolution geht ihren Weg«) oder das Wall Street Journal (»klares Mandat für eine ideologische Lagerpolitik«) liest – überall wird das deutsche Wahlergebnis befreiungstheologisch gedeutet: Angie – free at last! Wie mag das alles wohl die Kanzlerin erleben, von der es heißt, sie lese sehr viel Zeitung in diesen Tagen des Übergangs? Kaum vorstellbar, dass Merkels nahezu britisch stark ausgeprägtes Ironie-Gen nicht anspringt auf die Suggestion, dass sie sich nun befreit fühlen soll – während sie doch schon voll und ganz mit der Zähmung ihres selbstbewussten neuen Partners beschäftigt ist. Aber etwas Schmeichelhaftes hat der Mythos der befreiten Kanzlerin natürlich auch: Solange über die neue Regierung wenigstens im Ausland noch lebhaft getagträumt wird, kann es so schlecht um Deutschlands Platz in der Welt nicht stehen.

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Fotos (Ausschnitte): Jörg Gläscher für DIE ZEIT/www.glaescher.de; Peter Hirth/transit, Leipzig am 30.10.1989 (li.o.); privat (li.u.)

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CHRISTOPH WONNEBERGER (rechts)

berät 1977, als Pfarrer junge Männer, die den Dienst an der Waffe verweigern wollten. Sein Aufruf zu einem »DDR-Zivildienst« war Anfangsidee für die Leipziger Montagsdemonstrationen (oben), die Demokratie, Menschenrechte und, wie Wonneberger auf Postkarten (unten), Abrüstung forderten

Der verstummte Revolutionär Der Pfarrer Christoph Wonneberger war die Hauptfigur der Leipziger Montagsdemonstrationen und Friedensgebete. Angegriffen wurde er dafür nicht nur vom SED-Staat, sondern auch von seiner Kirche VON RALF GEISSLER

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er Tag, an dem Christoph Wonneberger aus der Geschichte verschwand, war ein Montag. In Leipzig zogen rund 300 000 Menschen friedlich um den Innenstadtring und protestierten gegen den bereits wankenden SED-Staat. Erich Honecker war schon zurückgetreten. Es gab keinen Grund mehr, übermäßig ängstlich oder angespannt zu sein. An jenem 30. Oktober erlitt Christoph Wonneberger einen schweren Schlaganfall. Die Erkrankung katapultierte den Pfarrer aus dem Zentrum der friedlichen Revolution ins Koma. Als wenige Tage später die Mauer fiel und westliche Journalisten nach Leipzig strömten und den wortgewaltigen Pfarrer treffen wollten, lag Wonneberger im Krankenhaus. Jener Mann, den sie während der vergangenen Wochen so oft am Telefon hatten, ihre wichtigste Verbindung zu den mutigsten Leipziger Oppositionsgruppen, sollte für Jahre verstummen.

Nicht die Kirche als ganze, sondern nur wenige Pfarrer wehrten sich Die Journalisten suchten sich andere Helden, Wonneberger geriet in Vergessenheit. Dabei hätte es ohne ihn vermutlich weder die Friedensgebete noch die Montagsdemonstrationen gegeben. Er war kühner als die meisten anderen Pfarrer. Leipzig, zwanzig Jahre nach der friedlichen Revolution. Christoph Wonneberger sitzt in einem großen Sessel in seinem Wohnzimmer. Sanierter Altbau. Helles Parkett. Die Türen aus abgeschliffenem Holz. »Ich musste früher oft zum Bischof«, sagt er. »Weil ich mal wieder zu weit gegangen war. Aber die Kirche ging einfach nicht weit genug. Und da habe ich manchmal gesagt: ›Ich muss Sie ein Stück nötigen. Sie wagen zu wenige Schritte.‹« Wonneberger steht auf und läuft zum Wohnzimmerschrank. Irgendwo da drin muss er noch liegen – sein Text, der Geschichte machte. Er fischt einen roten Ordner aus einem Stapel voller Akten. Alte Fotos purzeln auf den Boden. Und dann findet er ihn. Den Aufruf zu einem Sozialen Friedensdienst. Ein dünnes Blatt Papier. Eng mit Schreibmaschine beschrieben: »Die Volkskammer der DDR möge beschließen: Als gleichberechtigte Alternative zu Wehrdienst und Wehrersatzdienst wird ein Sozialer Friedensdienst eingerichtet.«

Der Unbeugsame

Foto: picture-alliance/dpa

Marek Edelman, der letzte Anführer des Warschauer Ghetto-Aufstandes, ist tot. Erinnerung an eine letzte Begegnung

MAREK EDELMAN, 1919 bis 2009

Anfang 1981 formuliert Wonneberger die Forderung mit einigen jungen Leuten in Dresden und legt sie den Kirchenfunktionären vor. Doch der Aufruf zu einem echten Wehrersatzdienst war den meisten zu gewagt. Und so tippt Wonneberger auf seiner Schreibmaschine einen Kettenbrief. Jeder in der DDR, der die Idee des Sozialen Friedensdienstes unterstützt, soll zehn Durchschläge machen und weiterverschicken. Nicht nur der Bischof, auch die sonst bestens informierte Stasi wird völlig überrumpelt. »Bis die das gemerkt haben, flatterten schon Tausende Exemplare im ganzen Land«, erzählt Wonneberger. Die SED sieht sich im Parteiorgan Neues Deutschland zu einer Klarstellung genötigt: »Die ganze DDR ist schon ein sozialer Friedensdienst«. Wonneberger lächelt noch heute über die Reaktion. Er setzt sich wieder auf seinen Sessel, in dem er fast zu verschwinden scheint. Ein kleiner, zierlicher Mann mit blauen Augen hinter einer schmalen Brille. Wonneberger wirkt weiß Gott nicht wie ein Revolutionär. Sie haben ihn alle unterschätzt. Es gehört zu den Legenden von 1989, dass die Institution Kirche der friedlichen Revolution den Weg geebnet habe. Doch in Wirklichkeit waren es einige wenige Pfarrer, die für die Bürgerrechtler Freiräume erkämpften. So mancher Kirchenfunktionär hatte sich dagegen mit der SED eingerichtet und wollte die Mächtigen nicht reizen. Aus Wonnebergers Initiative Sozialer Friedensdienst entstehen Anfang der achtziger Jahre in fast allen Bezirksstädten der DDR die wöchentlichen Friedensgebete. Er selbst organisiert diese Gebete zuerst als Pfarrer in Dresden. 1985 zieht er nach Leipzig und übernimmt die Gebete an der dortigen Nikolaikirche. »Die Gestaltung lag bei verschiedenen Gruppen. Ich war nicht der Chef«, wehrt Wonneberger jeden Versuch ab, ihn zu einem Revolutionshelden zu stilisieren. »Ich habe das nur koordiniert.« Montag für Montag geht es in Leipzig immer weniger um Gott und immer stärker um Umweltschutz, Menschenrechte und Demokratie. Die Kirchenleitung unter Superintendent Friedrich Magirius fühlt sich unter Druck gesetzt. Im August 1988 entzieht sie Wonneberger die Verantwortung. »Das fand ich unglaublich«, sagt er heute. »Dass das mal passieren konnte, habe ich geahnt. Aber dass man dann über Nacht mit einem Schreiben im Brief-

kasten von dieser Aufgabe enthoben wird, das habe ich nicht verstanden. Natürlich hat es Druck gegeben von der SED. Das ist doch logisch. Aber die Frage ist doch, wie gibt man diesen Druck weiter.« Wonneberger schüttelt den Kopf und schweigt lange. Seine Degradierung durch die Kirchenoberen hat auch dramatische Folgen für mehrere Basisgruppen: Sie dürfen die Friedensgebete nicht länger gestalten. »Wir haben uns von der Kirchenleitung verraten und ausgegrenzt gefühlt«, erinnert sich Uwe Schwabe, damals Mitglied der Initiativgruppe Leben. »Es gab ganz böse Auseinandersetzungen«, bestätigt Rainer Müller, damals Arbeitsgruppe Menschenrechte. Wonneberger ist zu der Zeit einer der wenigen, die weiter engen Kontakt zur Opposition halten. Er stellt einer Menschenrechtsinitiative sogar ein Zimmer in seiner Wohnung zur Verfügung.

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riskierte er wieder sein Leben, als sich Polen gegen den Terror der Deutschen erhob. Dann, seit Anfang der siebziger Jahre, kämpfte er gegen das sozialistische Regime; als es unterging, wurde er Abgeordneter. Warschau blieb immer seine Heimat. Warum er dann so viele Jahrzehnte in Łódź lebte? »Weil ich dort ein bequemes Sofa fand!«, rief Edelman damals belustigt. Ihm blieb nicht mehr viel Zeit, man sah es ihm an. An jenem Vormittag im August war Marek Edelman ungeduldig, hitzig, um keinen Spruch verlegen. Er war erschöpft, aber er wollte sprechen. Es war seine Aufgabe gewesen, sein Leben lang: an den Holocaust und die Toten aus dem Warschauer Ghetto zu erinnern. Immer noch arbeitete er, ein Film über das Ghetto sollte gedreht werden, ein Buch über ihn

»Ich war nicht ängstlich. Dann hätte ich ja vieles gar nicht machen können« Im Juli 1989 organisiert die Sächsische Landeskirche einen Kirchentag in Leipzig. Die oppositionellen Gruppen werden auf Druck der SED nicht eingeladen. Wonneberger plant nun eine Alternativveranstaltung. Er öffnet seine Lukaskirche in Leipzig-Volkmarsdorf für einen Statt-Kirchentag. Mehr als 2000 Bürgerrechtler aus der gesamten DDR kommen. »Wir haben zwei Gottesdienste gefeiert«, erinnert sich der Pfarrer. »Es gab spontane Fürbitten, Wortmeldungen, Gesang. Es wurden Texte verteilt – vieles, was verboten war.« Die SED nimmt es hin, wohl auch, weil westdeutsche Prominente wie der SPD-Politiker Erhard Eppler einen Abstecher zu Wonneberger machen. Zudem achtet der Geistliche penibel darauf, dass der Staat keinen Vorwand erhält, um die Aktionen zu zerschlagen. Es gibt offene Gespräche, aber niemand ruft zum Umsturz oder gar zu Gewalt auf. »Nein, ich war nicht ängstlich«, sagt Wonneberger. »Nee. Dann hätte ich ja vieles gar nicht machen können. Mir war schon klar, dass die Stasi mich ständig beobachtet. Aber die haben eben ihr Ding gemacht. Und ich meins.« Er klingt, als sei diese Haltung kein Problem gewesen. Wonneberger zuckt mit den Schultern. »Ich hatte als Pfarrer große Freiheiten. Und die habe ich auch ausgereizt.« Einige Wochen später versammeln sich einige Bürgerrecht-

ler vor der Nikolaikirche zur ersten Montagsdemonstration – innerhalb der Kirche dürfen sich die Regimekritiker nur noch verhalten äußern. Es sei denn, ihr Mentor Christoph Wonneberger predigt. Am 25. September darf er noch ein Friedensgebet gestalten. »Wer das Schwert nimmt, wird durchs Schwert umkommen«, ruft er von der Kanzel. Und: »Staatliche Gewalt muss effektiv kontrolliert werden – gerichtlich, parlamentarisch und durch uneingeschränkte Mittel der öffentlichen Meinungsbildung.« So deutlich hat das hier noch kein Pfarrer gesagt. Als die SED am 9. Oktober damit droht, die stetig wachsende Leipziger Montagsdemonstration mit Gewalt zu zerschlagen, wirft Wonneberger die kirchliche Druckmaschine an. Entgegen allen Vorschriften verbraucht er mit einer Bürgerrechtsgruppe sämtliche Papiervorräte und vervielfältigt einen Aufruf zur Gewaltfreiheit. Fast 30 000 Exemplare verteilen sie in der gesamten Stadt. Zusammen mit dem berühmten Aufruf der Leipziger Sechs, eines Zusammenschlusses von Künstlern, Theologen und SED-Vertretern, der über Stadtfunk verbreitet wird, trägt das Flugblatt dazu bei, dass die Kundgebung der 70 000 Menschen friedlich bleibt. Honeckers Rücktritt wenige Tage später ist Wonnebergers Triumph. »Es war eigentlich für mich schon eine Phase der Entspannung, bevor das gekommen ist«, sagt er heute über den Schlaganfall, der dann so plötzlich sein Engagement beendete. »Ich habe schon zwei Wochen vorher einem Freund von mir gesagt: Ich muss mir jetzt irgendeine andere Arbeit suchen. Ich bin nicht mehr nötig. Inzwischen haben die Leute sich selber in die Hand genommen. Ihr Leben. Also, ich bin jetzt nicht mehr so wichtig.« Fast zwanzig Jahre gibt der mutige sächsische Pfarrer so gut wie keine Interviews. Noch immer bereitet ihm das Sprechen Mühe. Den Wunsch nach einer Rückkehr in den Pfarrdienst hat ihm die Kirchenleitung verwehrt. »Sie haben ihn abgeschoben«, schimpft Bürgerrechtler Rainer Müller. Wonneberger selbst sieht es mit weniger Groll. »Wenn ich mir den Pfarrdienst heute ansehe. Kein Geld. So viel Pflicht, so wenig Kür. Ich weiß nicht, ob ich das überhaupt ausgehalten hätte. Es war vielleicht auch ein gnädiges Schicksal.« Siehe auch Feuilleton, Seite 52, 53

NACHRUF

echs Wochen vor seinem Tod saß Marek Edelman auf seinem Sofa in einem Warschauer Altbau, schwach, krank, wach. Seine Vertraute Paula Sawicka sagte, er müsse noch am selben Tag zu Untersuchungen nach Łódź – dort hatte Edelman sein Leben lang als Kardiologe gearbeitet. In den siebziger Jahren nahmen Oppositionelle aus Warschau den Weg von über 100 Kilometern auf sich, um von Edelman behandelt zu werden. Von ihm wusste jeder, dass er gegen das Regime war. Mehrmals riet man ihm, der Partei beizutreten oder auszuwandern. Er blieb. Und trat nicht bei. Marek Edelman kämpfte unbeugsam. Er überlebte als einziger Kommandant den Aufstand im Warschauer Ghetto; im Warschauer Aufstand 1944

von den Autoren Witold Bereś und Krzysztof Burnetko wurde gerade veröffentlicht. »Ihr habt gar nicht so schlimm genervt«, sagte er zum Abschied und grinste. Wochen später ein Nachtrag: Er geißelte die horrenden Preise, die deutsche Filmarchive für die Freigabe von Material aus dem Warschauer Ghetto verlangten. »Unmoralisch!« Den Menschen hielt er für schlecht, aber sein letztes Buch widmete er der Liebe im Ghetto. »Ich habe die Pflicht, über die Erinnerung an die Toten zu wachen«, schrieb er. »Ich weiß, dass wir die Erinnerung an diese Frauen, an die Kinder, die Alten und die Jungen, die ins Nichts gegangen sind, die ohne Sinn und Grund ermordet wurden, brauchen.« ALICE BOTA

BÜCHER MACHEN POLITIK

Märtyrer Jörg Haiders Tod wird Gegenstand einer bizarren Fantasyparabel VON JOACHIM RIEDL

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or dem frisch herausgeputzten Haus in der Bundesstraße 4 in dem kleinen Kärntner Ort Lambichl türmen sich seit einem Jahr die Devotionalien. Keramikengel, Kränze und Blumengebinde schmücken den Ort, an dem im Oktober 2008 der Kärntner Landeshauptmann Jörg Haider tödlich verunglückt ist. Weit nach Mitternacht war er nach dem Besuch einer Schwulendisco betrunken in den Straßengraben gerast. Heute liegen dort Zettel mit wehmütigen Gedichten seiner Bewunderer. Auf einer Votivtafel aus Gips ist die Aufforderung zu lesen: »Wenn ihr mich sucht, sucht mich in eurem Herzen«. 20 Jahre lang hatte der Rechtspopulist Haider die Debatten in Österreich beherrscht, seine Beteiligung an einem Regierungsbündnis in Wien entfachte einen europäischen Skandal. Schließlich zog er sich auf sein Stammland Kärnten zurück, genoss die Verehrung der Bevölkerung, stilisierte sich zum fürsorglichen Landespatron und kultivierte seine messianische Aura. Seine reaktionären Reflexe, vor allem in der Ausländer- und Minderheitenpolitik, sorgten immer wieder für Empörung. Kärnten wurde belächelt, fühlte sich missverstanden und vertraute seinem Landesvater. Sein Tod löste eine ungeheure Gefühlsaufwallung aus. »Die Sonne ist vom Himmel gefallen«, stammelte sein späterer Nachfolger. Viele Tränen flossen in Fernsehinterviews, besonders sein junger, schlaksiger Gefährte schluchzte unkontrolliert, wenn er nach den letzten Stunden des Mannes gefragt wurde, den er seinen »Lebensmenschen« nannte. Das ist der Hintergrund, vor dem der Wiener Schriftsteller und Fernsehunterhalter David Schalko eine aberwitzige Fantasyparabel spielen lässt, die kurz vor den Gedenkveranstaltungen erschienen ist. Weiße Nacht erzählt von einem jungen Kerl aus der Provinz, der eines Abends in den Bannkreis eines abgöttisch verehrten Landesvaters gerät. Der lädt ihn in seine Limousine ein, die beiden rauschen durch die Nacht und halten an einem Seeufer. »Thomas, du wirst sehen«, gelobt der Menschenfänger, »in diesem See werden einmal Delfine schwimmen.« Das Versprechen schweißt das ungleiche Paar zusammen. Der Adept wird in den inneren Kreis der Gefolgschaft eingeführt, die in einer geheimnisumwitterten Akademie residiert. Dort erhält der Novize alle Weihen, die Riten läutern ihn zum Nachfolger des Idols, das an Entkräftung stirbt, nachdem er zum Wohl der Menschen alle negativen Energien des Landes David Schalko: Weiße Nacht in sich gebündelt hatCzernin Verlag, te. In einer überWien 2009; schwänglichen Apo134 S., 16,90 € theose, eben der weißen Nacht des Titels, wird ein Märtyrer bestattet und geht in die immerwährende Verehrung der Menschen ein. Es ist eine hanebüchene Story, die zwischen esoterischem Kitsch und schwüler Erotik changiert. Dennoch ist die Erzählung zugleich ein Schlüsselroman, in den Zerrbildern sind die realen Figuren aus der österreichischen Zeitgeschichte deutlich zu erkennen. Schalko schildert Haider und seine Vasallen als eine geheimbündlerische Sekte, die mit ihrem mystischen Humbug der Auserwähltheit einem ganzen Land den Verstand raubt. Zeit seines Lebens hatte sich Jörg Haider in der Rolle eines Rächers der Entrechteten gefallen, Schalko porträtiert ihn als moderne Erlösergestalt, die verspricht, die Welt von allen Übeln zu befreien. Das kommt dem populistischen Trick, der Haider groß gemacht hatte, verdächtig nahe. Die Idee zu dem abenteuerlichen Stoff war dem Autor nach der Ausstrahlung einer Late-Night-Show gekommen, während der zwei Kabarettisten mit der Persiflage der tränenreichen Auftritte nach dem Unfalltod ganz Kärnten in Aufregung versetzten. Der neue Landeshauptmann sprach ein Einreiseverbot aus, alle Beteiligten wurden mit Schmäh- und Drohbotschaften überhäuft. Die Revanche für die Anfeindungen, eine entlarvende Travestie der Massenhysterie, wird in Kärnten gewiss neuerlich heftige Reaktionen auslösen. Das vermeintliche Mysterium der Todesfahrt enthüllt aber auch Schalko nicht. »Offiziell war es ein Unfall gewesen«, heißt es lapidar in dem Roman. Das lässt viel Raum für Geheimdienste und politische Verschwörer, welche weiterhin die Fantasien vieler Kärntner beflügeln und aktuelle Bestseller bevölkern, die sich gegenwärtig in den Buchhandlungen von Klagenfurt stapeln.

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POLITIK

8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

Foto: © Lalo de Almeida/The New York Times/laif; Thierry Charlier/AP (u.)

MAIL AUS

Paris VON: gero.von.randow@zeit.de BETREFF: »Bin glücklich«

Die besten Stände auf unserem Markt erkennen wir an den langen Warteschlangen davor. Dort geht es recht langsam voran, denn Kunden und Verkäufer fachsimpeln miteinander und geben Rezepte preis. Niemand beschwert sich, denn hier geht es nicht bloß um den Austausch von Ware gegen Geld. Der Pariser vergewissert sich seiner Verbundenheit mit der Natur, der Landwirtschaft, der Nation. Außerdem dauert es, bis die Poularde ausgenommen oder der Kalbsbraten dressiert, die Côte de Boeuf korrekt geschnitten oder »die Feige aus meinem eigenen Garten« probiert, begutachtet und gewürdigt ist. Besonders viel Zeit verstreicht am Stand des Pilze-, Zwiebel- und Knoblauchmännchens. Dieser Verkäufer spricht nicht nur besonders gern mit den Marktbesuchern, er stottert auch. Und kämpft mit sich, immer engagiert, immer höflich, begeistert für seine Sachen und für die Wörter. Aber was ist geschehen? Heute sprudeln die Sätze nur so heraus aus dem rothaarigen Mann, da hakt nichts mehr, und er plappert dermaßen fröhlich drauflos wie sonst nur die Frau mit den Ölsardinen ein paar Stände weiter. Sprachlos sind da eher wir. Und der Blick fällt auf eines der Schiefertäfelchen, auf denen normalerweise die Preise stehen. »Hab gerade meine Frau verlassen. Bin glücklich«, steht da in bedenklicher Orthografie. Ein anständiger Journalist hätte jetzt natürlich gefragt, ob das nur ein Scherz ist.

Rom VON: birgit.schoenau@zeit.de BETREFF: Wieder keine Plastiktüte?

In meinem römischen Stadtviertel bin ich bekannt wie ein bunter Hund. Dafür musste ich nicht mehr tun, als konsequent mit einer Stofftasche einkaufen zu gehen. Der Esquilin, immerhin einer der sieben Hügel Roms, kennt mich jetzt als Signora ohne Plastiktüte. »Wieder keine Plastiktüte?«, fragt mich die Bäckerin und fügt hinzu: »Alla francese?« Dann schlägt sie mir das Brot in Papier ein – »wie die Franzosen. Die haben’s ja nicht so mit der Hygiene.« – »Wirklich keine Plastiktüte?«, insistiert der Zeitungshändler. »Ist Ihre Tasche nicht zu klein?«, sorgt sich die Lebensmittelfrau. Manchmal protestiert sie auch: »Heute geht es aber wirklich nicht ohne!« Dabei müsste es bald für alle ohne gehen. Am 1. Januar nächsten Jahres tritt die EU-Richtlinie zum Verbot nicht kompostierbarer Plastiktüten in Kraft. Überall, außer in Italien. Unser Land hat noch ein Jahr Aufschub, weil es so weh tut, sich von der Plastiktüte zu trennen. Italiener konsumieren ein Viertel aller Plastiktüten in der EU. Jedes Jahr produziert Italien 300 Millionen Tonnen Plastiktüten. Damit kann man nicht so einfach aufhören. Aus ökonomischen aber auch aus psychologischen Gründen. Ohne Plastiktüte ist ein Einkauf kein Einkauf und eine Signora irgendwie keine richtige Signora. Wenn ich es recht überlege, ist meine Popularität doch ein bisschen beunruhigend. Die Leute in meinem Viertel halten mich schlicht für verrückt.

Freudentränen eines Tintenfisches Jetzt auch noch Olympia in Rio: Brasiliens Präsident Lula da Silva verkörpert den Aufstieg seines Landes

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etzt ist er da, der Moment, auf den sie so lange gewartet haben. Wie oft wurde er ihnen schon versprochen? Kaum ein Aufsatz und kein Reiseführer, in denen Stefan Zweig nicht bemüht worden wäre. »Brasilien ist das Land der Zukunft.« Jahrzehntelang war der Satz zu hören – ohne dass sich die goldene Zukunft wirklich einstellen wollte. »Brasilien ist ein unseriöses Land«, urteilte einst der französische Präsident Charles de Gaulle. Gefangen im kolonialen Erbe, verstrickt in Schuldenkrisen – ein scheinbar ewiges Schwellenland. Und dann ist die Zukunft plötzlich da, und der brasilianische Präsident weint. Tief drückt er das Gesicht ins Taschentuch, als das Internationale Olympische Komitee am vergangenen Freitag entschied, die Olympischen Spiele 2016 an Rio de Janeiro zu vergeben. Brasilien wird damit als erstes lateinamerikanisches Land überhaupt die Spiele ausrichten, die es, so sieht das zumindest der Präsident, »von einem zweit- zum erstklassigen Land aufwerten«. Die Präsidententränen haben daheim niemanden überrascht. Luiz Inácio »Lula« da Silva, den das Volk nach seinem Spitznamen Lula (»Tintenfisch«), einer Koseform von Luiz, ruft, gilt als emotionaler Mann. Er weint des Öfteren, etwa wenn er von seiner Mutter spricht, die seinen sagenhaften Aufstieg nicht mehr erleben durfte. Die wenigsten Brasilianer nehmen ihm das übel. Außerdem war an jenem Tag alles egal und alles drin, Ausnahmezustand, denn es waren ja nicht nur die Spiele, die bejubelt werden wollten. Der Aufstieg hatte sich angekündigt, bereits zu Anfang dieses Jahrzehnts. Wann hatte es begonnen? 2001, als die Analysten von Goldman Sachs weissagten, dass Brasilien, Russland, Indien und China (die sogenannte Bric-Gruppe) 2050 die Weltwirtschaft bestimmen würden? Oder im Herbst vor zwei Jahren, als die Mächtigen der Welt entschieden, dass die G 8 durch die G 20, der auch Brasilien angehört, ersetzt werden sollten? Oder vor Kurzem, als Brasilien riesige Öl- und Gasvorkommen vor seiner Küste entdeckte?

Jubel an der COPACABANA nach der IOC-Entscheidung

VON ANGELA KÖCKRITZ

Niemand aber verkörpert den behutsamen AufMarxistische Intellektuelle schlossen sich damals stieg des Landes besser als sein Präsident. Hätte man den Arbeitern an, Lula waren Ideologien ziemlich egal. der Bäuerin Eurícide Ferreira de Mello bei der Geburt Auf die Frage, ob er Marxist, Sozialist oder Sozialdeihres siebten Kindes vor knapp 64 Jahren gesagt, dass mokrat sei, antwortete er stets: »Ich bin Dreher.« In ihr Sohn einmal Präsident werden würde, hätte sie es den achtziger Jahren, einer Zeit wirtschaftlicher Spanwohl für einen schlechten Scherz gehalten. Das Prä- nungen und politischer Liberalisierung, gründeten sidentenamt war etwas für die Zöglinge der mächti- Lula und seine Mitstreiter die Arbeiterpartei Partido gen Elite, die zehn Prozent der Brasilianer, die 50 dos Trabalhadores (PT). 1982 brachte die SchuldenProzent des Reichtums unter sich aufteilen, und nicht krise das Land an den Abgrund, die Inflationsrate stieg für Habenichtse wie sie. Einen Monat vor Lulas Ge- auf mehr als 1000 Prozent. Drei Jahre später kehrte burt hatte sich der Vater in den Süden aufgemacht, Brasilien zur Demokratie zurück, doch sollte das Land um Arbeit zu suchen, ihr Flecken noch lange unter hohen InflationsErde im Sertão, im trockenen Hinraten leiden, bis es dem späteren Präterland Pernambucos im Nordosten sidenten Fernando Henrique Cardodes Landes, gab schon lange nicht so 1994 mit seinem Plano Real gemehr genug für alle her. Eurícide lang, die Wirtschaft zu stabilisieren. Ferreira wusste, dass sie dadurch zu Dreimal kandidierte Lula erfolgeiner »Witwe der Trockenheit« wurlos für das Präsidentenamt, bis er de. Was sie nicht wusste, war, dass 2002 mit 61,3 Prozent der Stimmen sich ihr Mann mit ihrer jüngeren gewann. Zum ersten Mal saß in eiCousine auf den Weg gemacht hatte, Sozialdemokrat, nem Land, in dem der Reichtum so um eine zweite Familie zu gründen. Marxist oder SOZIALIST? ungleich verteilt ist wie in wenig Jahre nachdem er gegangen war, Alle lieben Lula anderen Ländern der Welt, ein Arbeiter auf dem Präsidentensessel. verkaufte Lulas Mutter Uhr, Esel und Heiligenbilder für einen Platz auf einem der Lkw, die Das Volk jubelte, die Investoren brachen in Panik in Richtung Süden fuhren. Eurícide ließ sich mit aus. Ein Linker als Präsident, noch dazu einer, der ihren Kinder in São Paulo nieder, alle mussten mit über wenig Schulbildung und noch weniger politische für den Lebensunterhalt sorgen. Lula putzte Schuhe Erfahrung verfügte! Nur eine Amtszeit lang hatte er und verkaufte Früchte, eine Aufgabe, für die er auf- im Landtag gesessen, eine Zeit, die er selbst als langgrund seiner Schüchternheit denkbar ungeeignet war. weilig bezeichnete. Lula überraschte die Finanzwelt, indem er die Sein älterer Bruder schlug ihn, damit er seine Ware lauter anpries. Erst im Alter von zehn Jahren lernte stabilitätsorientierte Wirtschaftspolitik seines VorLula lesen, mit 15 Jahren heuerte er in einer Schrau- gängers Cardoso fortführte und gleichzeitig umfasbenfabrik an und wurde bald Maschinenschlosser. sende Sozialprogramme auflegte. »Konservativ in der Es waren die Jahre der Militärdiktatur, als sich Wirtschaftspolitik, mutig in der Sozialpolitik«, lautet Lula zum Gewerkschaftsführer wandelte. Seine sein Motto. Im Grunde ist Lulas Sozialplan ein konSchüchternheit legte er nur langsam ab, er war kein servativer Klassiker: Wirtschaftswachstum und mehr geborener Redner, kein großer Verführer, sondern Jobs. Damit hat er einige vergrätzt, die schneller mehr einer, der durch Üben lernte. Inzwischen spricht er Wandel wollten, immerhin aber gelang es ihm, eigern zum Volk, mit Bassstimme und leisem Lispeln, nige Millionen Menschen aus der Armut zu holen. und es gibt wohl kaum einen Sachverhalt, zu dem Lebten 1990 noch 48 Prozent der 195 Millionen ihm keine Fußballmetapher einfallen würde. Brasilianer von weniger als zwei Dollar am Tag, waren

es 2006 33 Prozent. »Das Neue ist, dass wir keinen Lula-Plan auflegen werden«, sagt der Präsident. »Brasilien braucht nicht schon wieder einen Präsidenten, der einen neuen Plan entwirft, ein wenig Erfolg damit hat und uns dann zehn Jahre später mit der Rechnung zurücklässt. Wir wollen es nachhaltig machen. Jeden Tag kommen wir ein paar Zentimeter voran, ganz ohne Wunder.« Sein Pragmatismus beschert dem Präsidenten im siebten und letzten Jahr seiner Amtszeit (die Verfassung verbietet es ihm, zum dritten Mal in Folge wiedergewählt zu werden) nicht nur Zustimmungsraten von 77 Prozent, er prägt auch seine globalen Ambitionen. Lula kann mit George W. Bush genauso wie mit Hugo Chávez, selbst Barack Obama bekennt: »Ich liebe diesen Kerl.« Brasilien streckt überallhin seine Fühler aus. Entwickelt Satelliten mit China, baut Fabriken für Aids-Generika in Afrika, verhandelt mit Iran und streitet gemeinsam mit Deutschland, Japan und Indien für eine Reform der Vereinten Nationen. Es leitet die Friedensmission in Haiti, kämpft mit Südafrika und Indien für ein gerechteres Welthandelssystem und hat sich angeboten, im Nahostkonflikt zu schlichten. Vor allem aber hat Brasilien, traditionell eher den USA und Europa verbunden, die Vermittlerund Führungsrolle in Südamerika übernommen. Das Eigenartigste ist, dass sich niemand daran zu stören scheint. Für gewöhnlich wird der Aufstieg eines Landes von anderen mit Argwohn betrachtet. Auch China hat die Olympiade bekommen, doch was gab das für eine Aufregung! China ist vielen zu groß und zu schnell, Venezuela zu laut, Iran zu furchteinflößend. Brasilien fehlt all das: Es bewegt sich langsam, behutsam, gleichsam auf Samtschuhen. Jetzt muss es Brasilien nur noch schaffen, friedliche Spiele auszurichten. Einfach wird das nicht, im Schnitt wird in Rio alle dreieinhalb Stunden ein Mensch ermordet. 2016 könnte Lula übrigens noch Präsident sein. Er möchte bei den Wahlen 2014 wieder antreten. a www.zeit.de/audio

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8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

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»Wir hörten, dass die Deutschen helfen, und schöpften Hoffnung« Als Rawda Saed endlich eintrifft, wird sie fast erdrückt, die lokale Presse bedrängt die blasse, erschöpfte Frau. Nach wenigen Sätzen über ihre Gefangenschaft bricht sie zusammen und wird von den anderen Frauen ins Schlafzimmer gebracht. 28 Monate hat Rawda Saed in einem israelischen Gefängnis verbracht. Im Mai 2007 war sie am Grenzübergang von Eretz gemeinsam mit ihrer Tante verhaftet worden. Die israelische Staatsanwaltschaft warf ihr vor, einen Selbstmordanschlag geplant zu haben. Sie habe nur zu einer medizinischen Untersuchung nach Israel gewollt, erklärt Rawda, sie habe eine ärztliche Überweisung gehabt, und ihre Tante habe sie nur begleiten wollen. »Ich kann nicht beschreiben, was Gefängnis bedeutet«, sagt sie, als sie, frisch geduscht und genauso blass wie vorher, zurückkommt. Es ist heiß und stickig in dem Zimmer, aber sie reibt ihre Hände gegeneinander, als wäre ihr kalt. »Als wir hörten, dass die Deutschen helfen würden, schöpften wir Hoffnung«, erzählt Rawda, rückt ihr Kopftuch zurecht und dankt Hamas.

Für Hamas ist die Freilassung von Rawda Saed und den anderen Frauen ein Triumph. Sie kann sich nicht nur Israel und der internationalen Öffentlichkeit als verlässlicher Verhandlungspartner präsentieren, sondern auch den internen Gegner, Fatah, brüskieren. Taktisch geschickt, hatte es Hamas gar nicht darauf angelegt, nur Frauen aus dem eigenen politischen Umfeld freizupressen. 18 der entlassenen Gefangenen kehrten ins Westjordanland, in die Hochburg von Fatah, zurück. Nur Rawda und ihre Tante stammen aus Gaza, aber sie stehen nicht Hamas, sondern dem Islamischen Dschihad nah. So musste Fatah im Westjordanland zwar die Rückkehr der Häftlinge bejubeln, aber jedes Bild der glücklichen Heimkehrerinnen, jeder Autokorso mit erleichterten Angehörigen war eigentlich eine Niederlage für die Palästinenserführung im Westjordanland. Während der erfolgreiche Austausch nun die Hoffnung auf eine weitere erfolgreiche Verhandlung zwischen Hamas und der israelischen Regierung nährt, während die palästinensischen Mütter auf der einen Seite und die Eltern von Gilat Shalit auf der anderen Seite hoffen, dass sich die Gegner einigen, weitet sich gleichzeitig der Riss zwischen Hamas und der Autonomiebehörde von Präsident Abbas. Diesen Graben hat Abbas selbst vertieft, als er vergangene Woche auf massiven amerikanischen Druck hin zustimmte, die Abstimmung im UN-Menschenrechtsrat in Genf über den Goldstone-Bericht zu verschieben – unter Leitung des südafrikanischen Völkerrechtlers Richard Goldstone hatte eine UNKommission den Gazakrieg vom vergangenen Winter untersucht und sowohl Hamas als auch Israel Kriegsverbrechen zur Last gelegt. Noch während Familien ihre heimgekehrten Gefangenen feiern, fordern wütende Demonstranten mitten in Ramallah den Rücktritt des Palästinenserpräsidenten. Eine Allianz von 14 Menschenrechtsgruppen in beiden Teilen der Palästinensergebiete verurteilt die plötzliche Kehrtwende vor dem Menschenrechtsrat. »Selbst der normale Mann auf der Straße, denkt Abbas, hat die Rechte der Opfer aufgegeben«, erklärt Shawan Jabarin von der AlHaq-Menschenrechtsorganisation in Ramallah.

Risse in der Abwehrmauer Israel wehrt sich gegen internationale Kritik an seiner Kriegführung im Gaza-Streifen. Aber die Selbstzweifel wachsen VON GISELA DACHS Tel Aviv wenn der Bericht ziemlich unfair ist, wirft er enjamin Netanjahu hat gewonnen. Vor- dennoch Fragen zu unseren Aktionen in Gaza erst macht sich die Staatengemeinschaft auf«, meint Uriel Reichman, Jurist und Präsident den Untersuchungsbericht des UN- des Interdisciplinary Center in Herzliya. Er rief Ermittlers Richard Goldstone über den zur Einrichtung einer unabhängigen UnterGaza-Krieg nicht zu eigen – der israelische Mi- suchungskommission auf, der ein ehemaliger nisterpräsident hatte vor schlimmen Folgen für oder amtierender Richter des Obersten Gerichtsden Friedensprozess gewarnt. Trotzdem wird über hofs vorstehen sollte. Die Situation verlange eine die Goldstone-Kritik an der israelischen Krieg- »Balance zwischen der Selbstverteidigung und führung im Land intensiv debattiert. Reicht es, dem Schutz unseres humanistischen Erbes«. Sogar der stellvertretende Außenminister den Bericht pauschal als einseitig zurückzuweisen – oder muss man sich mit den Vorwürfen aus- Dany Ayalon schloss eine unabhängige Untersuchung auf einmal nicht mehr aus. Biseinandersetzen? Für die Israelis geht es um her war dagegen argumentiert wordas Image ihres kleinen Landes, um LIBANON den, so werde die Glaubwürdigdie eigenen Söhne und um Normen keit der Armee untergraben, für die Zukunft. Mittelmeer die ja bereits mit einer eigeMan hatte aufmerksam nen Untersuchung von zwei zugehört, als Soldaten in den WestTel Aviv Dutzend Fällen beschäftigt Medien von der permissijordanGaza-Streifen land sei. Aber auch der Grad der ven Atmosphäre in Gaza JORDAMitverantwortung der iserzählten; dass man ihnen NIEN raelischen Armee an den vermittelt habe, zum Selbst1982 verübten Massakern in schutz sei »alles erlaubt«. ISRAEL den palästinensischen FlüchtDen Israelis war auch die ÄGYPTEN lingslagern von Sabra und Strategie der Abschreckung Schatila ist seinerzeit von einer klar gewesen: Die Wucht des An40 km unabhängigen Kommission untergriffs sollte dazu führen, dass es Hasucht worden. mas nicht so schnell wieder wagen würde, Bei einer solchen Klärung könnten auch jene israelische Familien mit Raketen zu terrorisieren. Jeder wusste: Der Krieg gegen Hamas war fundamentalen Fragen gestellt werden, die etwa mit härteren Bandagen als bisher geführt wor- der ehemalige Chefredakteur der Zeitung den. Aber Kriegsverbrechen? Vor allem der Vor- Ha’aretz im Goldstone-Bericht vermisst. »Was wurf, die Armee habe die palästinensische Zivil- darf eine zivilisierte Gesellschaft im Krieg gegen bevölkerung gezielt treffen und bestrafen wol- bewaffnete Milizen? Und verändert die Tatsache, dass der Feind aus dicht besiedelten Wohnlen, hat die Israelis verunsichert. Jetzt fragt man sich, ob es nicht doch ein gebieten agiert, die Trennlinie zwischen Recht Fehler war, der Goldstone-Kommission die Ko- und Unrecht?«, fragt David Landau. Das seien operation zu verweigern – sodass vor allem die genau die Fragen, die sich die verantwortlichen andere Seite mit ihren Zeugen zum Zug kam. Politiker und Generäle während des GazaDer Boykott hatte mit der Skepsis gegen den Kriegs gestellt hätten, so wie es heute andere in Auftraggeber zu tun. Der UN-Menschenrechts- Afghanistan täten. Dass man neue Regeln brauche, ist freilich rat, in dem Länder wie Saudi-Arabien, Libyen, Bangladesch, Pakistan und Kuba eine führende ein zweischneidiges Argument. Denn »einerseits Rolle spielen, ist für seine Israel-Feindlichkeit behauptet Israel, dass es das Völkerrecht nicht bekannt. Von den 25 Resolutionen, die in den verletzt habe, und andererseits, dass das Völkervergangenen drei Jahren verabschiedet wurden, recht im Krieg gegen Terroristen nicht ausreicht«, hatten allein zwanzig Israel im Visier. Der Be- sagt Donatella Rovera, die bei amnesty internaricht über den Gazakrieg sei politisch motiviert, tional für Israel und die palästinensischen Gebiete zuständig ist. Richard Goldstone wiederum kontert deshalb die israelische Diplomatie. Damit aber lässt sich der Vorwurf von Kriegs- kritisiert das israelische Konzept einer »terroristiverbrechen nicht aus der Welt schaffen. Und der schen Hamas-Infrastruktur« als legitimes Kriegserreichte immerhin schon, dass propalästinensische ziel, weil dieses Konstrukt das ganze Gebäude Organisationen vorige Woche in Großbritannien des humanitären Völkerrechts untergrabe. Israel ein Gericht anrufen konnten, um die Verhaftung kontert, Goldstone ignoriere den konkreten von Verteidigungsminister Ehud Barak zu fordern, Kontext des Kriegs und Israels Recht auf Selbstder sich gerade in London aufhielt. Es war klar, verteidigung – ebenso die illegalen Taktiken von dass es nicht wirklich so weit kommen würde, aber Hamas, von der im Übrigen niemand erwarte, das Thema beherrschte die Medien. Der Weg von dass sie eine Untersuchung einleitet. Im israelischen Außenministerium hat man hier zum Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag ist noch weit. Aber der Gedanke an einen sich inzwischen für eine neue Politik der ZuHaftbefehl auf Reisen und eine zunehmende rückhaltung entschieden. Die Sprecher sagen Delegitimierung ihres Staates in den Augen der jetzt gar nichts mehr zum Goldstone-Bericht. Weltöffentlichkeit beunruhigt die Israelis. Nun ist man sich nicht mehr so sicher, ob Ani Der ewige Konflikt – ein Themenschwerpunkt zum griff tatsächlich die beste Verteidigung ist. »Auch Nahen Osten: www.zeit.de/nahost

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Die Musik der Militanten

Die Demonstranten fürchten auch, dass Abbas’ »Einknicken« Hamas noch weiter stärkt. »Wenn heute Wahlen wären«, flüstert eine Teilnehmerin der Protestkundgebung, »dann wäre ja wohl klar, wer gewänne.« Zu den Opfern, die auf Gerechtigkeit hoffen, gehört Mohammed Shurab, der während des Gazakrieges seine beiden Söhne (ZEIT Nr. 8/09) verloren hat. Neun Monate sind seither vergangen. Neun Monate, in denen Mohammed Shurab hoffte, dass sich jemand der Geschichten der Toten des Gazakrieges annimmt. Er sitzt auf seinem Land in al-Foukhary zwischen Feigen- und Mandelbäumen und schüttelt resigniert den Kopf. Für ihn haben Richard Goldstone und seine Kommission ordentlich ermittelt. Dass die israelische Regierung die Vorwürfe, die in dem Bericht formuliert sind, empört zurückweisen würde, überrascht ihn nicht. Aber »dass unsere eigene Regierung den Bericht nicht unterstützt«, sagt Shurab, »das ist schockierend.«

Siegesfeiern und Protestmärsche: In den Palästinensergebieten demonstriert Hamas ihre Stärke VON CAROLIN EMCKE

»Ich weiß, wie die Mutter von Gilat Shalit sich fühlt«

Foto (Ausschnitt): Sebastian Bolesch für DIE ZEIT

Gaza/Ramallah lle sind gekommen, um sie zu begrüßen: die Schwestern und Cousinen, Tanten und Schwägerinnen in ihren langen schwarzen Gewändern, die das Haus mit rosa Luftballons und Willkommenspostern dekoriert haben. Die Männer der Familie, die Reihen weißer Plastikstühle auf der Straße für die Feier aufgestellt haben. Und die Anhänger des Islamischen Dschihad, die mit Musik aus riesigen schwarzen Boxen das ganze Viertel Montar, ihre Hochburg in Gaza, beschallen. Musik ist eigentlich verpönt im Gazastreifen, außer zu Hochzeiten, Beerdigungen oder Demonstrationen, aber heute soll gefeiert werden: Israel lässt 20 weibliche Gefangene aus dem Westjordanland und Gaza frei – im Tausch für ein zwei Minuten langes Video von Gilat Shalit, dem israelischen Soldaten, den Hamas seit über drei Jahren gefangen hält. Die Abmachung wurde mithilfe des Bundesnachrichtendienstes vermittelt.

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Angehörige warten auf die ENTLASSUNG von Rawda Saed (auf dem Plakat)

Die Begeisterung über die freigelassenen Gefangenen und die Enttäuschung der Opfer des Gazakrieges bilden eine gefährliche Mischung für Palästinenserpräsident Abbas. Er muss hoffen, dass sein Rückzieher beim UN-Menschenrechtsrat von den USA und Israel mit irgendetwas belohnt wird, dass er seinen Anhängern irgendeine Gegenleistung vorzeigen kann. Wenn nicht, droht ihm eine weitere Schwächung gegenüber Hamas. Die arbeitet unterdessen schon an einem noch größeren Etappensieg: dem Austausch von Gilat Shalit gegen eine weitaus größere Zahl palästinensischer Häftlinge aus israelischen Gefängnissen. »Ich hoffe, dass Gilat Shalit gegen die anderen Gefangenen ausgetauscht wird«, sagt Rawda Saed in ihrem Haus in Gaza, und dann fügt die Mutter von vier Kindern hinzu, »ich weiß, wie die Mutter von Gilat Shalit sich fühlt. Ich habe meine Kinder so vermisst wie sie ihren Sohn.« MITARBEIT: SALWA DUAIBIS

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POLITIK

8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

In der Zange

Pech gehabt, gewonnen!

Pakistan leidet unter den Taliban – und unter der Kriegsführung eines Verbündeten: Den USA VON ULRICH LADURNER

Warum man den neuen griechischen Premierminister Papandreou bemitleiden muss VON MICHAEL THUMANN

sind, das auf die Grenzregionen zu Afghanistan beschränkt bleibt, sondern eine reale Bedrohung für das Land. Die Regierung, die Armee und die große Mehrheit des Landes schlossen sich zu einer informellen, wirksamen Koalition zusammen. Der Krieg der pakistanischen Armee genießt seither eine breite Legitimation. Dieser Krieg ist aber auch der Krieg der USA, besonders, seit Barack Obama zum Präsidenten gewählt worden ist. Im März, fast zeitgleich mit dem »Vormarsch« der Taliban, stellte er seine sogenannte Afpak-Strategie vor. Sie gründet auf dem Gedanken, dass Afghanistan nur gewonnen werden kann, wenn die Taliban in Pakistan geschlagen werden. Mit anderen Worten: Obama weitete den Krieg auf Pakistan aus. Zuerst geschah das durch den verstärkten Einsatz von unbemannten Drohnen. Die Drohnen sind inzwischen für das Pentagon zur Lieblingswaffe im Kampf gegen den Terror geworden. Fast täglich feuern sie Raketen auf Ziele in den Grenzgebieten ab. Mindestens 600 Menschen sind nach Schätzungen der amerikanischen Brookings Institution bisher dadurch ums Leben gekommen. »Diese Zahl legt nahe, dass für jeden getöteten Kämpfer zehn Zivilisten sterben«, heißt es in einem Bericht. Zu den prominenten getöteten Kämpfern gehört auch Baitullah Mehsud, der Führer der pakistanischen Taliban. Die Drohnen sind aber nur die Speerspitze einer umfassenden, neuen Pakistanpolitik der USA. Der Kongress verabschiedete in diesen Tagen ein Gesetz, das das Verhältnis zwischen USA und Pakistan detailgenau regelt. Im Kern bieten die USA dem Land eine über fünf Jahre gestaffelte Hilfe von 1,5 Milliarden Dollar an und stellen dafür Bedingungen. Ob das Geld ausgezahlt wird, soll jedes Jahr neu entschieden werden, und zwar auf der Grundlage einer Lagebeurteilung des State Department. Präsident Asif Zardari hat diesen Pakt mit den USA bereits gutgeheißen, aber in Pakistan regt sich beträchtlicher Widerstand. Viele fühlen

sich an ein Gesetz des britischen Empires aus dem Jahr 1859 erinnert. Nach diesem Gesetz mussten die britischen Behörden in Indien der Regierung in London jährlich einen Bericht über den »moralischen und materiellen Fortschritt Indiens« vorlegen. Mit anderen Worten: Die Pakistaner fühlen sich in Zeiten des Kolonialismus zurückversetzt. Tatsächlich hat Pakistan große Teile seiner Souveränität eingebüßt. Fast täglich steht es unter Beschuss durch amerikanische Raketen. Als ruchbar wurde, dass die USA eine Ausweitung des Raketeneinsatzes planen und auch die Regionalhauptstadt Beluchistan beschießen wollen, sagte Zardari: »Ich werde keine Erlaubnis geben, dass sie Quetta beschießen.« Das löste in Islamabad Belustigung aus, denn es klang so, als hätte Zardari je die Erlaubnis gegeben, die Stammesgebiete an der Grenze zu Afghanistan unter Feuer zu nehmen. Den Verlust der Souveränität können die Bewohner Islamabads täglich am eigenen Leib erleben. Die USA haben ihre Botschaft ausgebaut, um – wie es offiziell heißt – die »humanitäre Hilfe für Pakistan besser zu koordinieren«. Außerdem haben sie in Islamabad 250 Häuser angemietet. Alle diese Häuser verwandelten sich sofort in Hochsicherheitszonen. Hohe Mauern, Stacheldraht, Eisengitter, Betonsperren, Antennen – das ist die »Standardbehandlung«. Die Pakistaner können sich aussuchen, woran sie diese Festungen erinnern, an die »Green Zone« in Bagdad, das Viertel, in dem sich die irakische Regierung und die Amerikaner verschanzt haben, oder an Guantánamo, wo Häftlinge seit Jahren ohne Verfahren dahindarben und jahrelang misshandelt wurden. Beide Vorstellungen – Bagdad und Guantánamo – sind für die Pakistaner beängstigend. Ihnen droht ohnehin ein seltsames Schicksal: Während sie um die Existenz ihres Landes gegen die Taliban kämpfen und dafür Opfer bringen, verlieren sie ihr Land an eine Supermacht, die auch einen Krieg gegen die Taliban führt.

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s ist eine Wahl, nach der man dem Wahlsieger Papandreou Beistand. Sie fuhren gemeinsam nach aus vollem Herzen kondolieren muss. Der Chios, auf die Hausinsel der Familie Papandreou Sozialist Georgios Papandreou übernimmt die unweit der türkischen Küste. Dort joggten sie zuletzten Überreste eines funktionierenden Staats, einen nächst mal am Strand entlang, wohl abgeschirmt übergewichtigen bürokratischen Koloss, eine ge- von der griechischen Sicherheit. Nach der Dusche plünderte Staatskasse. Das EU-Land hat mehr Schul- fuhren sie zum Hafen und gingen auf einen türkiden, als es in einem Jahr zu erwirtschaften imstande schen Fährmann zu, der mit seinem Boot zwischen ist. Griechenland reißt längst alle Kriterien, die es Chios und der Türkei pendelte. Papandreou und einst erfüllen sollte, um Euro-Land zu werden. In Fischer gratulierten dem Mann und rühmten ihn Brüssel und Frankfurt rollen die Finanzwächter mit für sein tägliches Werk des Ausgleichs, der Völkerden Augen, wenn sie an hellenische Bilanzen nur begegnung und des Friedens. Der Fährmann (»Ich denken. In Athen macht sich nun der neue Minister- mach hier nur meine Arbeit ...«) wusste nicht recht, wie ihm geschah. Aber den Papandreou hielt präsident ans Werk. Georgios Papandreou und seine Partei Pasok ver- der Türke für den nettesten Griechen, den er je getroffen hatte. sprechen, dass alles neu wird. BürgerEr hatte recht. Georgios Papannäher. Ökologisch verträglicher. Soziadreou ist ein sympathischer, umgängler. Das ist sicher gut. Beim Versprelicher Mann. Mit seinem perfekten chen des Neuen reibt man sich alleramerikanischen Akzent, den er in der dings doch kurz die Augen. PapanKindheit in Kalifornien erworben dreou? Den Namen hat man schon hatte, war er ein nahezu perfekter öfter gehört. Außenminister. Er und der damalige Richtig: Schon sein Großvater türkische Chefdiplomat Ismail Cem war Premierminister in den sechziger waren die Galionsfiguren der türJahren. Am besten kann sich Europa kisch-griechischen Annäherung von an den Vater erinnern, Andreas Pa1999. Auf europäischer Ebene erpandreou, jenen Mann, der erst gewarb sich Papandreou einen so guten gen den griechischen EG-Beitritt GEORGIOS PAPANDREOU, der dritte Premierminister Ruf, dass ihn niemand als Kollegen 1981 wetterte und dann mit Brüsseverlieren wollte. ler Geld bequem seinen populisti- seiner Familie Nun kommt Georgios, der Netschen Wohlfahrtskurs finanzierte. Die Papandreous haben ganze Generationen in te, als Premier zurück und hat ein Problem: Seine Griechenland geprägt. So wie ihre Konkurrenten, Aufgabe ist furchtbar hässlich. Griechenland hat die Familie Karamanlis, deren jüngster Sprössling sich heillos verstrickt. Es macht Schulden und hat und Ministerpräsident Kostas nun die Macht an doch immer neue Ansprüche, seine Beamten sind Georgios Papandreou abtreten muss. Nie war mehr so unterbezahlt wie korrupt, das Land schlingert Kontinuität in Griechenland. Das ist die Last des zwischen Klientelwirtschaft und Subventionsabhängigkeit. Um daraus auszubrechen, bedürfte es eines Landes. In Person und Charakter allerdings ist der neue gelegentlich garstigen Premiers. Fast jeder Minister, Ministerpräsident so ziemlich das Gegenteil von der antritt, müsste in seinem Ressort alles neu maseinem schillernden, charismatischen Vater. Er ist chen. Doch sind viele von ihnen altbekannte Politein Mann der leisen Töne, des weichen Hände- profis. Sie sind die noch unter dem alten Papandrucks, er gilt als integer, berechenbar und ver- dreou gewachsenen Pasok-Kader aus den neunziger trauenswürdig. Joschka Fischer mochte ihn sehr, Jahren, die wissen, wie sie den netten Georgios auszumal in den neunziger Jahren, als sie beide Au- zumanövrieren haben. Wer in diesem Griechenland Wahlen gewinnt, hat ßenminister waren. Im griechischen Wahlkampf 2000 leistete Fischer, der Grüne, dem Sozialisten eigentlich schon verloren. Foto [M]: Louisa Gouliamaki/AFP

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akistan meint es ernst mit seinem Krieg gegen die Taliban und al-Qaida. Daran erinnert die Bombe, die diese Woche in Islamabad in einem Büro des World Food Program explodierte. Sie tötete fünf Menschen und brachte Ban Ki Moon, den Generalsekretär der Vereinten Nationen (UN), dazu, alle Büros der UN in Pakistan vorübergehend zu schließen. Das ist ein harter Schlag für Millionen Menschen, die vor Kämpfen zwischen den Taliban und der pakistanischen Armee geflohen sind und auf humanitäre Hilfe vor allem der UN angewiesen sind. Die pakistanische Regierung ließ sich von dem Anschlag jedoch nicht beeindrucken. Sie versprach, weiter hart gegen die Taliban vorzugehen. In wenigen Tagen soll eine große Militäroperation in Waziristan beginnen, dem Herzland der Taliban oder, wie es die Armee nennt: dem »Bauch des Biestes«. Die Entschlossenheit Pakistans ist erstaunlich. Jahrelang galt das Land als unsicherer Kantonist, der bei Tag den Freund der USA gab, bei Nacht aber die Taliban unterstützte. Dieses Doppelspiel hatte der General Pervez Musharraf, Präsident und Generalstabschef in Personalunion, gut beherrscht. Eine Folge davon war, dass die Taliban sich immer weiter ausbreiteten. Doch dann kam die Wende, und sie kam aufgrund eines Fehlers der Taliban. Im März hatten die Taliban das Swati-Tal praktisch unter ihre Kontrolle gebracht. Als sie dort ihre krude Form der Scharia umsetzten und Bilder von öffentlichen Auspeitschungen gezeigt wurden, jagte ein erster Schauer der Angst durch Pakistan. Wenig später rückten einige Dutzend Taliban bis auf sechzig Kilometer an Pakistans Hauptstadt heran. Das löste weltweit Alarm aus, denn man fürchtete, dass das nuklear bewaffnete Land in die Hände der Taliban fallen würde. So übertrieben diese Furcht war, so wirksam aber war sie nach innen. Aus der Angst der Pakistaner wurde die Entschlossenheit, sich zu wehren. Die Pakistaner begriffen, dass die Taliban nicht ein Problem

POLITIK

13 Foto (Ausschnitt): Gregorio Borgia/AP; Andreas Solaro/AFP (u.)

8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

Wollt ihr das? In Silvio Berlusconis Italien ist es riskant geworden, die Macht öffentlich herauszufordern. Politische Auseinandersetzung verkommt zur privaten Schlammschlacht VON ROBERTO SAVIANO

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Die Verantwortung der Institutionen lässt sich ch bin es nicht mehr gewohnt, so viele Gesichter auf einmal zu sehen. Umso groß- mit der Verantwortung desjenigen, der von Berufs artiger war es, den Blick über die Hundert- wegen schreibt und Fragen stellt, nicht gleichsetzen. tausende von Menschen wandern zu lassen, Nicht die moralische Überlegenheit berechtigt ihn, die am 3. Oktober in Rom auf der Piazza del Po- Fragen zu stellen, sondern seine Tätigkeit und die polo für die Informationsfreiheit demonstriert und damit verbundene Möglichkeit, der Demokratie gezeigt haben, dass Italien Wert auf seine – um auf den Zahn zu fühlen. Ein Journalist steht für sich ein von der Mafia allzu oft missbrauchtes Wort zu selbst, ein Minister für seinen Staat. Demokratie bemühen – »Ehre« legt: auf die eigene und auf bedeutet, beiden ihre Rollen zuzugestehen. Fragen die derjenigen, die sich für die Pressefreiheit ge- zu stellen und Meinungen zu äußern ist die Aufgabe opfert haben. und das Recht eines jeden Journalisten. Es muss Und da sich die Zahl der Menschen, die an ihm auch weiterhin möglich sein, unbehelligt im diesem Tag auf die Straße gegangen sind, nicht Rahmen einer Kräftebalance zu arbeiten, in der die ohne Weiteres übergehen ließ, fühlte sich der Gegenseite auf ebenso rechtmäßige Weise reagieren Chef des ersten öffentlich-rechtlichen Fernseh- kann. Ein Bürger, der seiner Arbeit nachgeht, darf programms Rai Uno bemüßigt, seine Meinung nicht Gefahr laufen, dass sein Privatleben in den zur besten Sendezeit in einem Kommentar kund- Dreck gezogen wird. Und eine Person, die keinem zutun. Er wolle ja nicht polemisieren, doch der Privatmann, sondern dem Regierungschef ein paar Sinn dieser Demonstration sei ihm schleierhaft: einfache, legitime Fragen stellt, darf dafür nicht Italien ein geknebeltes Land? Das gehe ihm ein- attackiert und mundtot gemacht werden. fach nicht in den Kopf. Dabei täte einem Teil Heute fragt man sich: Ist es wirklich das, was die des Landes die unumschränkte Meinungsfreiheit Mitte-rechts-Wähler wollten? Finden sie es in Orddringend not. Dürfte sich ein Journalist einzig nung, dass Fragen nicht nur unbeantwortet bleiben, seinem Gewissen und der Qualität seiner Worte sondern als unzulässig dargestellt werden? Können verpflichtet fühlen, hätten Katastrophen wie sie damit leben, dass die täglichen Angriffe der jüngst eine tödliche Schlammpolitischen Gegner immer mehr lawine in Messina, die ganz ofdem Wühlen in schmutziger Wäfensichtlich nicht der Natur, sche gleichen? Sehen sie nicht, dass sondern Bausünden geschuldet das Gegeneinander zwischen einer war, sehr wahrscheinlich verhinhäufig nur entfernt kritischen Äudert werden können. Sämtliche ßerung und einem, der sie zu erstiEreignisse der jüngsten Zeit becken sucht, schon rein formal geselegen die uralte Wahrheit, dass hen unfair und unangemessen ist? sich Wahrheit und Macht nicht Ist den Mitte-rechts-Wählern vertragen. nicht unwohl angesichts der TatWer heute in Italien seine Berühmt wurde er durch sache, dass ein von zahllosen Proseine Abrechnung mit Meinung zur Regierung und blemen geschütteltes und von der zum Premierminister kundtut, der Mafia in dem Buch Wirtschaftskrise aufs Trockene muss mit einer regelrechten Ruf- »Gomorra«. Am gesetztes Land, in dem niemand mordkampagne rechnen. Er vorigen Sonnabend vor Delegitimierung und Diffaweiß, dass ihn seine Berufung, sprach ROBERTO mierung gefeit ist, sich selbst imSAVIANO, der wegen weiterhin Fragen zu stellen und mer tiefer in den Dreck reitet? Bis Meinungen zu äußern, teuer zu Attentatsdrohungen zu endgültigem Stillstand und stehen kommt. Selbst diejeni- öffentliche Auftritte sonst Verfall? Können die Wähler, die meiden muss, auf einer gen, die nur einen Appell für die mit gutem Recht geglaubt haben, freie Berichterstattung unter- Demonstration in Rom eine Mitte-rechts-Regierung würschrieben haben, müssen sich über die bedrohte de ihre Interessen und Überzeudarüber im Klaren sein, dass ihre Medienfreiheit in Italien gungen am ehesten vertreten, Handlung auf unverhältnismäßigleichgültig oder gar beifällig zuge Reaktionen stößt. Jeder, der eine kritische sehen, wie diese Lawine ebenjene für eine DemoHaltung einnimmt, weiß, dass er sich auf einen kratie unerlässlichen Mechanismen unter sich Gegenschlag gefasst machen muss. Im heutigen begräbt? Spüren sie nicht, dass wir dabei sind, Italien bedeutet Pressefreiheit deshalb im We- etwas zu verlieren? sentlichen die Freiheit, sich das Leben nicht zerDas Land wird schlecht. Ich weiß, dass es stören zu lassen, nicht argwöhnisch beobachtet durchaus auch Konservative gibt, die einen derzu werden oder die berufliche Karriere wegen artigen Regelverstoß niemals gebilligt hätten. In einer Äußerung von einem Tag auf den anderen den vergangenen, für mich sehr schwierigen Jahbeendet zu sehen. ren haben viele konservative Mitte-rechts-Wähler In den Augen der internationalen Presse und mir geschrieben und ihre Solidarität bekundet. ihrer Leser erscheint Italien immer mehr als ein Ich habe erlebt, wie sich in meiner Heimat poliLand, in dem die politische Auseinandersetzung tische Aktivisten des rechten und linken Lagers zur privaten Schlammschlacht verkommen ist. zusammengetan haben, um den alles beherrSelbst die höchsten Würdenträger der katho- schenden Mafia-Clans gemeinsam die Stirn zu lischen Kirche, den Papst eingeschlossen, sahen bieten. Unter dem Banner von Recht und Gesetz, sich jüngst gezwungen, sich vor den Chefredak- das beide gleichermaßen als unabdingbar empteur der vatikan-nahen Zeitung Avvenire zu stel- finden. Die Wähler der Mitte-rechts-Regierung len, der wegen seiner kritischen Äußerungen als aufzufordern, ihre politische Orientierung zu angeblich homosexuell verunglimpft wurde. Ita- ändern, wäre verfehlt. Vielmehr geht es darum, lien erscheint als ein Land, in dem weder ein dass sie sich zum Treiben ihrer Repräsentanten Wort über die verheerende Wirtschaftskrise noch anders positionieren. über die kriminellen Vereinigungen verloren Es geht nicht um Moral. Kein Politiker muss wird, die das Doppelte des Bruttoinlandspro- seinem Land gegenüber Rechenschaft über seine duktes des Staates erwirtschaften. Lebensgewohnheiten ablegen. Doch ein öffentliches Im heutigen Italien gibt es Zeitungen, die dafür Amt macht erpressbar, und insofern garantiert sein verklagt werden, Fragen gestellt zu haben, und muss, dass man seine Amtspflichten allein im InteMenschen, die auf die Straße gehen, um die Infor- resse des Staates erfüllt, hat man sich in der Tat für mationsfreiheit zu verteidigen. Ein seltsamer Protest sein Leben zu verantworten. Die Erpressbarkeit der Politiker ist deshalb so für ein demokratisches Land. Niemals hat die Presse im modernen Europa je für ihre Freiheit demons- heikel, weil das Land ganz andere Dinge nötig trieren müssen. Eine anormale Republik im Herzen hätte, weil es wichtigere Herausforderungen gibt. Westeuropas: Das ist der Eindruck, der sich Außen- Italien ist ein labiler Sonderfall unter den westlichen Demokratien. 2003 stellte der ehemalige stehenden immer stärker aufdrängt. Natürlich lässt sich die Situation in Italien amerikanische Präsidentschaftskandidat John nicht mit den zahlreichen Ländern vergleichen, Kerry vor dem Kongress ein Dokument mit dem in denen freie Berichterstattung nicht existiert. Titel The New War vor. Darin wies er die drei itaBei uns ist die Pressefreiheit nicht bedroht wie lienischen Mafiaorganisationen als drei der fünf in China, Kuba, Birma oder Iran. Macht man Faktoren aus, die den freien Weltmarkt manipusich hierzulande für die freie Meinungsäuße- lieren, und bezifferte die durch die Mafia jährlich rung stark, kommt das der Forderung gleich, in Europa gewaschene Geldmenge auf 110 Milliseine Arbeit tun zu können, ohne persönlich arden Dollar. Nach Kolumbien stehen in keinem angegriffen zu werden. Es ist das Anprangern Land der Welt so viele Menschen unter Polizeieines allseits herrschenden Klimas der Ein- schutz wie in Italien. In Europa ist es einsame schüchterung. Spitze: In den letzten drei Jahren wurden rund

GEGEN DIE EINSCHÜCHTERUNG kritischer Journalisten: Hunderttausende demonstrierten am vergangenen Samstag in Rom

zweihundert Journalisten wegen ihrer Berichterstattung eingeschüchtert und bedroht. Viele von ihnen wurden unter Polizeischutz gestellt. Ausgerechnet, um das Prinzip der freien Meinungsäußerung und der Pressefreiheit zu wahren, bekommen Menschen, die für die Medien arbeiten, Geleitschutz zur Verfügung gestellt. Ich teile das Schicksal dieser meist Unbekannten oder von der öffentlichen Meinung Übergangenen, die für das, was sie geschrieben haben, unter ständiger physischer Bedrohung leben. Auch ich habe erfahren, wie gefährlich die Mechanismen der Diffamierung und Erpressung sind. Der Drogenboss Rodriguez Orejuela pflegte zu sagen: »Willst du einen Verbündeten, musst du ihn erpressen.« Eine erpressbare und erpresserische Macht, die sich der Einschüchterung bedient, kann unmöglich für eine rechtsstaatliche Demokratie stehen. Noch einmal: Dies ist kein moralisches oder moralistisches,

sondern ein rein funktionales Fazit. Gewisse Mechanismen können einfach nicht in Kraft sein, ohne dass das ganze Land Schaden nimmt. Die Demonstration für die Pressefreiheit in Rom betraf nicht nur Italien. Sie war eine Chance, die öffentliche Meinung für die Gefahr zu sensibilisieren, dass man auch anderswo für das geschriebene Wort mit seinem Ruf und seinem Frieden bezahlen muss. Wir sollten uns noch einmal von Grund auf klarmachen, wie wichtig Pressefreiheit ist. Und diese Freiheit, uneingeschränkt berichten zu können, gehört verteidigt, nicht zuletzt im Namen derer, die in Italien und in der Welt für ihre Bemühungen, objektive Informationen zu liefern, mit dem Leben bezahlt haben. Im Namen von Christian Poveda, der vor Kurzem in Salvador ermordet wurde, weil er an einer Dokumentation über die Maras arbeitete, die berüchtigten mittelamerikanischen Banden, die den Drogen-

handel zwischen Nord- und Südamerika am Laufen halten. Im Namen von Anna Politkowskaja und Natalia Estemirowa, die wegen ihres Kampfes gegen Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien umgebracht wurden. Im Namen von Peppino Impastato, Giuseppe Fava und Giancarlo Siani, die von der Mafia und der Camorra zum Schweigen gebracht und selbst nach ihrem Tod noch durch den Schmutz gezogen wurden. Damit in einem demokratischen Land zukünftig niemand mehr seine Meinung zu den herrschenden Verhältnissen mit der Seele, dem Körper, dem eigenen Blut bezahlt. Das ist Pressefreiheit. AUS DEM ITALIENISCHEN VON VERENA VON KOSKULL

© 2009 by Roberto Saviano – Agentur R. Santachiara

MEINUNG

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8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

Traum vom Tauwetter Iran ist der Härtetest der »Diplobamamatie«, meint JOSEF JOFFE Stanford, Kalifornien Ist es besser, geliebt oder gefürchtet zu werden? Diese Frage des Macht-Technikers Machiavelli steht über der gesamten Außenpolitik von Barack Obama, des Anti-Bush, der mit freundlicher Miene und sanfter Rede auf den »Neustart«-Knopf gedrückt hat – von Moskau bis Teheran, von Kuba bis zur UN. Der erste große Härtetest ist Iran, wo letzte Woche in Genf die »Sechs plus Eins«-Gespräche über das iranische Atomprogramm begannen, das wir getrost als »Atomrüstung« bezeichnen dürfen. Zum ersten Mal ist auch Washington mit dabei, ganz offiziell, zusammen mit Berlin, London, Paris, Moskau und Peking. Nennen wir es »Wandel durch Annäherung« auf Amerikanisch. Bloß ist das nicht der erste Versuch. Zitieren wir Verteidigungsminister Gates: »Noch jede Administration hat seit 1979 (dem Jahr des Schah-Sturzes) die Annäherung geprobt, und alle sind gescheitert.« Jimmy Carter hat es versucht, und dann kam die Botschaftsbesetzung. Bis sich Reagan im achtjährigen Krieg zwischen Irak und Iran auf die Seite Saddams schlug, versuchte er die Revolutionäre mit militärischen Ersatzteilen und Informationen über die irakische Schlachtordnung zu ködern. Vergebens. Clinton lockerte die Sanktionen und schenkte Symbolisches von hohem Wert: eine Entschuldigung für frühere Missetaten wie den Sturz des damaligen iranischen Premierministers Mohammed Mossadegh durch die CIA 1953. Doch Amerika blieb der »Große Satan«. Die Bushisten? Sie haben es immer wieder versucht – mal halb offen, mal geheim. Das Angebot von 2006: Schluss mit den Sanktionen, dafür Schluss mit der Urananreicherung in Natanz. Heute wissen wir, dass schon ein Jahr zuvor mit dem Bau einer zweiten, geheimen Anlage bei Ghom begonnen wurde. Wo es eine gibt, werde es mehr geben, vermutet der Nichtverbreitungs-Experte Gary Milhollin, gar »einen geheimen atomaren Archipel, der sich über das ganze Land erstreckt«. Das Fazit: je mehr Zentrifugen, desto kürzer der Weg zur Bombe. Es geht also nicht mehr um Natanz (das der Wiener Kontrollbehörde IAEA untersteht), sondern um ein landesweites Netzwerk, das von der Anreicherung bis zur (komplizierten) Waffenentwicklung reicht. Selbst ein massiver Angriff, wie ihn allein die USA aufziehen könnten (aber nicht Israel), würde nur Löcher in das Netz reißen. Das weiß Teheran. Und der Rest der Welt ahnt es seit Ghom auch. Welchen Deal können also die sechs Iran anbieten, zumal Russland und China immer wieder

Foto: Mathias Bothor/photoselection

HEUTE: 2.10.2009

Foto: Oliver Mark/www.oliver-mark.com (aus »BERLIN NOW« edited by Dagmar v. Taube, erschienen bei teNeues, € 79,90,-/www.teneues.com)

ZEITGEIST

Obenauf Mit großen Tieren hat der deutsche Adel immer schon gern gespielt, und manches Lebewesen musste dabei sein Leben lassen. Aber einen derart kapitalen Fang wie KarlTheodor zu Guttenberg hat lange kein Ritter mehr gemacht. Das Bild, das wir dem eben erschienenen Band »Berlin Now« entnehmen, zeigt ihn mit seiner bezaubernden Gattin am Ende einer sagenhaft erfolgreichen Safari durch BerlinTreptow, entspannt zuoberst einer Bestie, die er offenbar mit bloßen Händen oder mittels einer großkalibrigen Rede, jedenfalls ganz unblutig zur Strecke gebracht hat. Zuversichtlich schweift des Ministers Blick in die Ferne, immer auf der Suche nach neuen Herausforderungen. Das Signal kommt zur rechten Zeit. Mag auch Horst Seehofer selbst nach bajuwarischen Maßstäben noch kein Dino sein, er wird fortan auf der Hut sein. Ganz so wie alle anderen Zwölfender und Dickhäuter der Hauptstadt. WFG

BERLINER BÜHNE

Die Zukunft ist bunt In den Ländern stehen für die SPD längst nicht alle Zeichen auf Links. Gut so VON PETER DAUSEND Sich die SPD als bunte Partei vorzustellen – dazu gehört in diesen Tagen gar nicht so viel Fantasie, wie man zunächst glauben könnte. Auf den ersten Blick durchdringt die älteste und stolzeste deutsche Partei ein tiefes Schwermutsgrau, das sich mit der historischen Niederlage bei der Bundestagswahl auf ihre Seele gelegt hat und auch von den Gesichtern ihrer Mitglieder nicht weichen will. Selbst die rot-roten und rot-rotgrünen Lichter, die in der Ferne blinken, werden von diesem Grau verschluckt. Die SPD will und muss jetzt erst mal leiden. Die SPD im Bund – in den Ländern hingegen sieht es deutlich farbenfroher und vielfältiger aus. In vier Bundesländern stehen Koalitionsentscheidungen an. Nur in Schleswig-Holstein ist klar, dass die SPD der künftigen Regierung nicht angehören wird. In den drei anderen Ländern haben die Sozialdemokraten beste Chancen, bei der Verteilung von Macht und Posten dabei zu sein. In Bündnissen, deren Farbkombination hier und da überraschen könnte. Im Saarland hatte die SPD von vornherein ein rot-rotes oder rot-rot-grünes Bündnis im Blick. In keinem anderen Bundesland ist die Linkspartei so sehr Fleisch vom Fleische der SPD wie dort. Nun hängt alles an den Grünen. An diesem Wochenende wollen sie entscheiden, in welcher Sparte das Saarland Geschichte schreibt: als westdeutsches Pilotprojekt für Rot-Rot-Grün – oder als erstes Bundesland, in dem Jamaika regiert. In Thüringen hat SPD-Landeschef Christoph Matschie seine Partei vier Wochen lang auf politisches Neuland geführt. Er strebte ein rot-rot-

JOSEF JOFFE ist Herausgeber der ZEIT

Sanktionen verwässert haben? Was müssten die sechs einem Land anbieten, das so zielstrebig auf die Bombe hingearbeitet hat? Ein Neustart verändert bekanntlich nicht das Betriebssystem, und deshalb reden die alten Reagan- und Bush-Kämpen wieder von regime change. Sie vergessen, dass nicht der Religionsführer Chamenei das Atomprogramm gestartet hat, sondern der gute Freund des Westens, der Schah, und zwar mit Reaktoren made in Germany. Amerika will keinen Krieg, China und Russland wollen keine harten Sanktionen, das Regime kann nur das Volk stürzen. Und deshalb spielen die Iraner mit kleinen Konzessionen auf Zeit.

grünes Bündnis unter Führung eines SPD-Ministerpräsidenten an, obwohl die Linkspartei bei der Wahl deutlich besser abgeschnitten hatte und die Grünen machtarithmetisch gar nicht gebraucht wurden. Über Nacht schwenkte Matschie dann um und entschied sich für die Juniorpartnerschaft in einer Großen Koalition. Teile der Funktionärsklasse und der Basis rebellieren dagegen, gegen Matschie, gegen den Rechtsschwenk oder gegen beides. Die deutlich komfortabelste Position von allen betroffenen SPD-Landeschefs nimmt Matthias Platzeck ein. Brandenburgs Ministerpräsident kann sich aussuchen, mit wem er regieren will. Weiterhin mit der CDU oder doch lieber mit der Linkspartei. Er sondiert mit beiden - und wird sich, tiefenentspannt ob all der Offerten, voraussichtlich am kommenden Montag entscheiden. Jamaika oder Rot-Rot-Grün im Saarland, Schwarz-Rot in Thüringen, Rot-Schwarz oder Rot-Rot in Brandenburg. Die Politik wird nach der Bundestagswahl deutlich bunter als zuvor prognostiziert. Es hieß, der 27. September 2009 werde, sollten am Ende Union und FDP regieren, die Farben sortieren, sie wieder dort einordnen, wo sie hingehörten. Fortan, so die Vorhersage, würde man rechts im Farbkästchen wieder Schwarz neben Gelb finden und links Grün neben zwei unterschiedlichen Rottönen. So wie es sich halt gehört. Die These, Schwarz-Gelb im Bund führe automatisch zur Lagerbildung, könnte sich als voreilig erweisen. Die SPD reagiert in den Ländern längst nicht so reflexartig wie vorhergesagt. Ob Heiko Maas im Saarland, Matschie in Thü-

ringen oder Platzeck in Brandenburg – keiner der drei bezieht mit Begeisterung ein linkes Lager, nur weil Schwarz-Gelb in Berlin Wirklichkeit wird. Alle stellen nicht eine übergeordnete Strategie in den Mittelpunkt ihrer Überlegungen, sondern die spezifischen Interessen ihres jeweiliges Bundeslandes – und ein wenig sich selbst natürlich auch. Dass sie dabei zu unterschiedlichen Einschätzungen und Entscheidungen kommen, liegt in der Natur der Sache. Die saarländische Linkspartei ist anders als die thüringische, Erfurt ist nicht Potsdam, Maas nicht Matschie. In den Ländern stehen für die SPD längst nicht alle Zeichen auf Links. Gut so. Das Tabu, keine Koalition im Bund unter Einschluss der Linkspartei zu schließen, ist de facto gefallen. Will die SPD die Tür zu einem Linksbündnis erfolgreich aufstoßen, muss sie das Tor zur Mitte sperrangelweit offenhalten. An der Stelle des gefallenen Tabus dürfen die zahlreichen Linksseligen in der Partei nun kein neues errichten. Bündnisse mit Union oder FDP in den Ländern müssen ebenso selbstverständlich bleiben, wie es Linksbündnisse im Westen vielleicht bald werden. Ihre allumfassende Ohnmachtsperspektive nach dem historischen Debakel kann die SPD im Bund mittelfristig nur dadurch überwinden, dass sie sich nicht in Distanz oder Nähe zu anderen definiert. Sie muss sich selbst ins Zentrum rücken. Ins Zentrum ihrer Analyse und ins Zentrum ihrer Strategie. Das Erste bedeutet, elf Jahre Regierungsbeteiligung aufzuarbeiten. Und das Zweite, bündnisfähig zu sein nach allen Seiten. Nach links – und ins schwarz-gelbe Lager hinein.

In der Oase Oh, wie deutsch ist Panama: Wonach riechen die Koalitionsverhandlungen? Mit der Namensgebung ist das so eine Sache. In Neuseeland zum Beispiel ist Eltern erlaubt worden, ihre Kinder »Benson and Hedges« zu nennen, die Namenskombination »Fish and Chips« hingegen wurde verboten. Nun sind wir hier in Deutschland, und in Deutschland wird deutsch gesprochen, so eine der ersten Nachwahlbotschaften Guido Westerwelles, des So-gut-wie-Außenministers. Westerwelle in der Bild am Sonntag: »Die deutsche Sprache ist wunderschön.« Wie prima wir ohne den englischen Schnickschnack auskommen, und wie wunderschön deutsche Wörter sein können, zeigt sich bei der Namensgebung für die schwarz-gelbe Koalition: Tigerente – das ist lautmalerisch schwungvoll und literarisch angehaucht. Die Tigerente ist einer der Protagonisten in Janoschs Werk Oh, wie schön ist Panama. Sie ist mit von der Partie, als sich der kleine Bär und der kleine Tiger nach Panama aufmachen, ihr Traumland, weil es dort nach Bananen riecht. Im Foyer der Landesvertretung NRW, in der Union und FDP ihre Koalitionsgespräche führen, riecht es zwar eher nach ver.di-Kantine als nach Banane, aber ein wenig Panamafeeling, Entschuldigung: Panamagefühl, ist trotzdem dabei. Schließlich ist Panama eine Steueroase, und ein bisschen Steueroase soll Deutschland ja auch werden, zumindest für die mit niedrigem und mittlerem Einkommen, für Unternehmen und für Familien. Schade nur, dass die Tigerente, der Bär und der Tiger nie in Panama ankommen, sondern am Ende wieder dort landen, von wo sie aufgebrochen waren. DAGMAR ROSENFELD

So funktioniert Kapitalismus Wer in Krisenzeiten mit dem geistigen Rüstzeug der Tauschwirtschaft die Geldwirtschaft analysiert, kommt zu den falschen Schlüssen. www.zeit.de/herdentrieb

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Nachgesalzen Die Meisterköche Vincent Klink, Karl-Josef Fuchs und Holger Stromberg verraten im Kochblog Tipps und Tricks. www.zeit.de/nachgesalzen

Medaillen für die beste Forschung

Angst vor dem »Ansturm des Islam«

Was man gegen Mobbing tun kann

Wie im Sport Geld verschwendet wird

Es ist wieder so weit: Innerhalb einer Woche werden sechs Nobelpreise vergeben, für Medizin, Physik, Chemie, Literatur, Wirtschaft und Frieden. Erfahren Sie alles über die Geehrten und ihre wissenschaftlichen, künstlerischen und politischen Werke.

Kommen Verbalangriffe auf Muslime in gehobenen Kreisen in Mode? Muslime sind antidemokratisch und antifeministisch, sagt ein hoher Richter aus Nordrhein-Westfalen. Und stört so das Vertrauen Integrationswilliger in das deutsche Recht.

Wenn Demütigung zum Alltag wird, muss der Chef eingreifen. Wie Mobbingopfer der täglichen Schikane-Spirale entkommen können, erklärt der Arbeitsrechtler Ulf Weigelt in seiner Kolumne zum Arbeitsrecht.

www.zeit.de/nobelpreis

www.zeit.de/gesellschaft

www.zeit.de/arbeitsrecht

Fast drei Millionen Euro verteilt das Bundesinstitut für Sportwissenschaft jedes Jahr an Forschungsprojekte. Wegen Steuerverschwendung und veralteten Strukturen wird es kritisiert. Nun klagt die Sporthochschule Köln gegen Vergabeverfahren, und der Bundesrechnungshof schaltet sich ein. www.zeit.de/sport

ZEIT ONLINE auf Facebook Als »Fan« von ZEIT ONLINE lesen Sie auf Facebook täglich aktuelle Nachrichten auf Ihrer Startseite und können mit anderen Nutzern diskutieren. www.facebook.com/zeitonline ZEIT ONLINE twittert Auf twitter.com empfehlen Ihnen Redakteure von ZEIT ONLINE mehrmals täglich besonders interessante Texte, Fotostrecken und Videos. Sie beantworten Fragen und nehmen Ihre Kritik entgegen. www.twitter.com/zeitonline

MEINUNG

8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

Fotos: Cinetext Bildarchiv (Sequenz mit Sam Neill aus »Jurassic Park III«, USA 2001, Regie: Joe Johnston); privat (u.)

DAMALS: 22.6.2001

Mittenmang Mit solch zarten Menschlein hätten die Monster wohl gern schon früher gespielt, und manches Männchen dabei auch gleich verspeist. Aber auf ein derart prächtiges Exemplar wie Sam Neill mussten die bissigen Velociraptoren reichlich achtzig Millionen Jahre lang warten, bis ihnen Hollywood endlich den Paläontologen Dr. Alan Grant vor die Zahnleiste schob. Das Bild, das wir dem Epos Jurassic Park III entnehmen, zeigt den momentan leicht verunsicherten Forscher in Gesellschaft dreier Fleischfresser, die auf Herkunft und Verdienste des Wissenschaftlers offenbar wenig Rücksicht zu nehmen bereit sind. So ist das im Dschungel, wäre der Betrachter geneigt zu sagen, fressen oder gefressen werden, wüsste der Zuschauer nicht zuverlässig, dass demnächst hinter dem nächsten Busch ein Held hervortreten wird, im Arm eine sehr blonde Frau, und den Bedrängten heraushauen wird. Wohl der Welt, die noch solche Retter kennt. WFG

Was sucht Hamlet am Hindukusch? Thea Dorns Polemik wider die Kritiker des deutschen Afghanistaneinsatzes ist töricht und falsch

Wenn Intellektuelle sich moralisch aufblasen und der, die »ein bisschen Frieden, ein bisschen ihre Mitmenschen belehren, bekommt man leicht Sonne, ein bisschen Liebe« wollten, sind töLust, den geistigen Heißluftballon mit der Nadel richt und stumpf. Sie ergänzen die Imponierzu pieksen. Die Autorin Thea Dorn hat sich in beschwörung von Hamlet, Sokrates und Jesus ihrem am 17. September 2009 in der ZEIT er- um den unfairen Tritt ans Schienbein. schienenen Artikel Vulgärpazifismus dieser Übung Thea Dorn scheint sich nicht vorstellen zu unterziehen wollen. Ihr Aufsatz geißelt Kultur- können, dass unter denen, die sie »Vulgärpazischaffende, die von der Bundesregierung den ra- fisten« nennt, genügend Erwachsene sind, deschestmöglichen Abzug aller in Afghanistan statio- nen es nie einfallen würde, sich mit dem Heilinierten deutschen Truppen fordern. Frau Dorn genschein des Gewaltverzichts zu schmücken. hält diesem Personenkreis, zu dem auch ich zähle, Die Gründe, die zumindest mich, vermutlich grimmig vor, es fehle da an Bereitschaft, für die auch einige andere unter denen, die sie anbetreffenden Ansichten Konsequenzen in Kauf zu greift, zu der Stellungnahme bewogen haben, nehmen. die sie uns verübelt, sind eben nicht moralisch, Als leuchtende Vorbilder empfiehlt sie uns Leute, sondern politisch, historisch, faktisch. Ich zahle die sie »Galionsfiguren« des »ernst gemeinten Pazi- in Deutschland Steuern und darf hier wählen fismus« nennt. Shakespeares Prinz Hamlet beispiels- gehen. Das ermächtigt mich dazu, mich für die weise, so erklärt sie, habe sich vor lauter Gewissens- Taten und Unterlassungen der Regierung diequal zwischen Sein oder Nichtsein nur schwer ent- ses Staates nicht nur unter biblischen, sokratischeiden können, anders als wir leichtfertigen Un- schen oder shakespeareschen Gesichtspunkten terzeichner des Abzugsaufrufs. Sokrates habe den zu interessieren. Giftbecher ausgetrunken; Jesus sei gemäß seinem Frau Dorn schreibt von zweifelsohne bewunGrundsatz gestorben, beim Geschlagenwerden die derungswürdigen Menschen, die in Afghanistan andere Wange hinzuhalten. Wir dagegen seien Figu- »für Bildung und Zivilgesellschaft kämpfen«, und ren, die »in Berlin, Köln oder am Bodensee« ihren davon, dass diese Leute ohne militärischen Schutz »Rotwein auch weiterhin in Ruhe genießen« möch- den Taliban ausgeliefert wären. Hat das Weltbild ten, wir hielten die Freiheit für »kostenlos«, es sei aber dieser Autorin Platz für Antiquitäten wie Völkeran der Zeit, »die Kinderdisco zu verlassen«. recht und souveräne Staaten? Ob irgendwo eine Die kleine Bußpredigt stellt sich bei nüchterner Armee einmarschiert, entscheiden nicht Hilfsorganisationen, sondern RegieBetrachtung als Musterbeispiel rungen. Der Sowjetunion hat ebenjenes hochtrabenden und kenntnisarmen Geredes heraus, das man ihr aggressives militärisches die Verfasserin aufs Korn nehmen Vorgehen in Afghanistan von wollte. Schon die Bildungsbrocken 1979 an empört vorgehalten. Die in ihrem Text verfehlen allesamt prosowjetische afghanische Redas Thema. Dass die Theatergestalt gierung, die gegen diesen EinHamlet sich erst spät dazu durchmarsch nicht laut wurde, war aber ringen kann, den ermordeten Vater wenigstens schon installiert, als zu rächen, hat mit Fragen der DIETMAR DATH lebt als die Rote Armee loszog. Der WesRechtmäßigkeit von Kampfeinsät- Schriftsteller in Freiburg ten dagegen hat seine (nicht überzen der Armee einer Demokratie und Frankfurt. Zuletzt trieben zuverlässigen) afghanichts tun – genauso wenig wie die erschien sein Roman nischen Freunde erst an die Hinrichtung des Sokrates, der »Sämmtliche Gedichte« Macht bringen müssen und hält nicht wegen Pazifismus, sondern sie jetzt mit Mühe dort. wegen Verführung der Jugend verWarum muss die Bundesurteilt wurde (und dessen Mut zum Tode statt von wehr Bildung und Zivilgesellschaft austiefer Friedfertigkeit eher von einem Ehrbegriff gerechnet in Afghanistan verteidigen und zehrte, den er mit jedem Krieger teilt, der nach nicht in Nordkorea? Wenn die Taliban eine verlorener Schlacht den Selbstmord wählt). Wenn bewaffnete Reise wert sind, warum geht man Frau Dorn die Ernsthaftigkeit politischen Den- dann gegen mörderische Schwulenhasser, kens überdies ernstlich daran messen will, inwie- Frauenschinder und Handabhacker nicht weit jenes den Vergleich mit Lehre und Lebensweg auch in Iran, Indonesien oder im Sudan vor? von Jesus Christus aushält, dann ist der Begriff Die vernünftige Antwort auf diese rhetori»Gesinnungsethik« für ihre Messlatte eine schwere schen Fragen, von denen der Himmel verUntertreibung. hüten möge, dass sie je mit »ja warum eiDenkt man diesen salbungsvollen Unfug gentlich nicht?« beantwortet werden, ist simweiter, so dürfen nur noch Vegetarier Tierquä- pel: Dass westliche Soldaten in Afghanistan lern in den Arm fallen, und wer von der Polizei herumlaufen, verdankt sich keineswegs der verlangt, sie solle Neonazis am Begehen von glühenden Liebe des Westens zu den MenStraftaten hindern, muss die Seriosität des An- schenrechten, sondern dem sogenannten liegens wohl damit beweisen, dass er sich vor die »Krieg gegen den Terror«. Wer das ausblenSpringerstiefel der Burschen wirft. Die Vorstel- det, redet unhistorisch und pflegt eine unlung, Kritik müsse durch physische Opferbereit- geschickte Opportunitätslogik: »Jetzt sind schaft beglaubigt werden, gehört in eine lange wir schon dort, da können wir auch einen und üble romantische deutsche Tradition von hübscheren Grund dafür suchen als die ProGewaltmystik, der die brachiale Tat grundsätz- paganda des peinlichen George W. Bush, den lich mehr gilt als das überlegte Wort. Das Miss- wir schnell vergessen wollen.« trauen gegen Kopfmenschen, die nicht gedient Nicht für hohe Ideale, sondern für statthaben und immer nur gescheit daherreden, die gehabte Entscheidungen globaler Machtpolitik Sozialneidphrase, die sich gegen ein sachliches hält heute jeder westliche Soldat, der in AfghaArgument darauf beruft, dessen Urheber trinke nistan stationiert ist, den Kopf hin. Die Entgern Rotwein, und schließlich die Burschikosi- scheidungselite der »Berliner Republik« will bei tät, die Pazifisten anfährt, sie seien kleine Kin- derlei nicht außen vor bleiben, aus strategi-

schen, prestigegebundenen, ökonomischen und sonstigen Erwägungen. Diese werden von einer angemaßten deutschen Verantwortung für das blutige Chaos, das der Weltkonflikt zwischen der Sowjetunion und dem Westen in Afghanistan hinterlassen hat, mehr verschleiert als erhellt. In Frankreich oder Großbritannien weiß jede Provinzredaktion, dass es nicht die Aufgabe politischer Publizistik ist, sich den Kopf der Kommandierenden zu zerbrechen. Die moderne Gesellschaft ist arbeitsteilig: Soldaten kämpfen; Intellektuelle kritisieren. Die Köpfe, die Frau Dorn attackiert, tun, was ihr Recht ist: Sie bestehen darauf, dass es für die Bundeswehr kein anderes Mandat geben soll als das der Landesverteidigung. Öffentliche Forderungen müssen nicht so for-

VON DIETMAR DATH

muliert sein, dass die Nöte der Machthaber mit einberechnet sind. Ich muss keine Eier legen können, um zu riechen, ob eins faul ist. Hat Frau Dorn wenigstens den Hamlet gelesen, aus dem sie zitiert? Am Ende stirbt der Held, nachdem zuvor seine Liebste, sein Vater, seine Mutter und sein Stiefvater das Zeitliche segnen mussten. Zum Schluss sind alle tot: Wenn Thea Dorn ausgerechnet dieses Drama als Gleichnis für die möglichen Resultate bundesdeutscher Auslandseinsätze wählt und dabei empfiehlt, sich wie der Dänenprinz zu verhalten, der mit seiner Grübelei ein Massensterben verursacht, weil er es sich schwerer macht als wir infantilen Neinsager, dann hat sie damit das ärgste Eigentor geschossen, das ihr als Polemikerin passieren konnte.

15

WIDERSPRUCH

Kein Rot, nix Grün CDU und FDP wissen zu wenig von Solidarität VON WERNER BOHN »In Schwarz-Gelb steckt viel Rot-Grün,« meint Bernd Ulrich in seinem Artikel Ein komisches Gefühl (ZEIT Nr. 41/09). Und »die gesamte rot-grüne Modernisierung« sei »unumkehrbar geworden«. Das hoffen vielleicht jetzt viele, die über das Wahlergebnis vom 27. September erschrocken sind. Alles gar nicht so schlimm mit Merkel und Westerwelle? Denkste! Grün sind natürlich inzwischen alle, von ganz links bis rechts außen. Umweltschützer. Erdenretter. Klimaschoner. Theoretisch. Doch selbst die eingetragenen Grünen leben schon lange nicht mehr das, was sie predigen. Sie genießen den Wohlstand mit Waren aus aller Welt, gut geheizten Spieleparadiesen für ihre Kinder und Flugreisen auf die Kanaren – anders als ihre Gründungsmütter und -väter, die noch hutzelige Kartoffeln zogen und bei Parteitagen Socken strickten. Sie verteidigen ihre Steuerprivilegien für Windkraft und Solarzellen, obwohl dies die Arbeitslosen über die Stromrechnung finanzieren müssen. Rot sind inzwischen auch alle. Für Gerechtigkeit. Für die armen Leute in aller Welt und auch bei uns. Theoretisch. Doch als lange Zeit aktiver Genosse erlebe ich die Entfremdung der Funktionäre von der Basis in den Ortsvereinen, das argwöhnische Verteidigen von Privilegien, die Zigarren und die dicken Autos. Solches Grün und solches Rot sind tatsächlich Allgemeingut. Doch der tiefere Inhalt der sozialdemokratischen Idee, soziale Gerechtigkeit, und der ursprüngliche Beweggrund der grünen Abspalter von der SPD, die Erhaltung der Schöpfung, sehe ich nicht bei Schwarz-Gelb. Da liest man vielmehr von Wirtschaftswachstum – solches ist nur mit Ausbeutung der Erde und der Menschen möglich. Da hört man viel von der Freiheit des Einzelnen und der Arbeit, die sich wieder lohnen soll – solches geht immer auf Kosten der Schwachen. Wenn das Individuum wichtiger wird als die Gesellschaft, wenn die Spaltung der Gesellschaft immer weiter fortschreitet, dann habe ich nicht nur ein »komisches Gefühl«, sondern ziemlich übles Bauchweh. Werner Bohn ist Sozialdemokrat in Bad Sobernheim Jede Woche erscheint an dieser Stelle ein »Widerspruch« gegen einen Artikel aus dem politischen Ressort der ZEIT, verfasst von einem Redakteur, einem Politiker – oder einem ZEIT-Leser. Wer widersprechen will, schickt seine Replik (maximal 2000 Zeichen) an widerspruch@zeit.de Die Redaktion behält sich Auswahl und Kürzungen vor

16

IN DER ZEIT

NR.

2

POLITIK

25 Solingen Die Metallstadt leidet

50 Nachruf Zum Tod von

Andrea Nahles – die Frau, die die SPD retten soll

26 Gaspreis Warum die deutschen

51

SPD Was wird aus der Partei der Agenda 2010? VON MICHAEL NAUMANN

28 Flüchtlinge Wegen des Klima-

a

Porträt

unter der Krise

4

Europas Linke Warum die Sozialdemokraten fast überall verlieren VON GERO VON RANDOW

Kriegsrat der »Progressiven« 5

wandels drohen neue Völkerwanderungen VON C. TENBROCK

31

Grüne und Linkspartei

Zwei Parteien, ein Problem

6

ELISABETH NIEJAHR, 44 JAHRE,

studierte Volkswirtschaft und absolvierte die Kölner Journalistenschule. Für den »Spiegel« war sie acht Jahre lang Korrespondentin in Bonn, 1999 wechselte sie in das Berliner Hauptstadtbüro der ZEIT. Ihr besonderes Interesse gilt der Sozialpolitik und dem Sozialstaat. Auch als Autorin des Buches »Alt sind nur die anderen« hat sie sich mit den drängenden Fragen unserer Zeit beschäftigt. Was nicht zur Karriere gehört: Vor wenigen Wochen verunglückte unsere Kollegin mit ihrem Auto schwer. Wir freuen uns, dass sie, vollständig genesen, wieder zurück ist. Diese Woche schreibt sie über die FDP und die möglichen Pläne zum Sozialabbau. Seite 21

7

Was der Bund für die Bildung tun sollte VON MARTIN SPIEWAK

32 Neue Ordnung

Politik für das Internet – eine Aufgabe für Union und FDP

34 Zucker Die Deutsche Bank geht

Christoph Wonneberger, der vergessene Anführer des Umsturzes in der DDR

unter die Rohstoffhändler

35 Großbritannien Die Tories haben

keine wirklich neuen Ideen VON JOHN F. JUNGCLAUSSEN

Sparkassen und Genossenschaftsbanken sollten enger zusammenarbeiten Kreditklemme

Kärnten nach Haider – im Roman

a Brasilien Lula, der Präsident des unauffälligen Aufstiegs

WISSEN 37

und der Goldstone-Bericht zum Gaza-Krieg VON CAROLIN EMCKE

Neuer Premier, alte

VON ROBERTO SAVIANO

Kontinente dem Erdboden gleichmachen VON AXEL BOJANOWSKI

39 Nobelpreise Physik: Die Väter des

Glasfaserkabels und der Chips für Digitalkameras

14 Meinung

Die Amerikaner haben über ihre Verhältnisse gelebt und müssen jetzt mehr sparen. Die Weltwirtschaft braucht deshalb ein neues Wachstumsmodell. Ein Gespräch mit US-Finanzminister Timothy Geithner WIRTSCHAFT SEITE 32

VON PETER DAUSEND

Sebastian Horsley

VON OLIVER FUCHS

59 MUSIK-SPEZIAL auf sechs Seiten

REISEN 73

a

Italien

Kunst

Neapels Hunger nach

VON BIRGIT SCHÖNAU

74 Balaton Wo sich Ost und West

richtig gernhatten

VON S. FLAMM

Hocken, schauen, nippen: Im mitteldeutschen Anbaugebiet Saale-Unstrut VON CLAUS SPAHN

Bibliothek in einem Dorfgasthof

CHANCEN 79 Bundeswehr Seit zehn Jahren

können Frauen Dienst an der Waffe tun VON KATHRIN HALFWASSEN

80 Modellprojekt Erste Bilanz des

NRW-Versuchs »Selbstständige Schule« VON KLAUS KLEMM UND HANS-GÜNTER ROLFF

82 SPEZIAL MBA & WEITERBILDUNG

DOSSIER

43

17 Bücher Wie ein Titel entsteht,

der es auf die Bestsellerliste schaffen soll VON WOLFGANG UCHATIUS

22 Wochenschau Milliardär

gegen Arbeiter: Der Golfkrieg von Aberdeen VON REINER LUYKEN

WIRTSCHAFT 23 Koalition Wie viel Sozialabbau

will die FDP?

VON ELISABETH NIEJAHR

Energiepolitik

Ein Vorschlag zur

Güte

VON UWE JEAN HEUSER

Meiler länger laufen lassen – als wenn das so einfach wäre! VON FRITZ VORHOLZ

a

Atomkraft

81

ZEITLÄUFTE der Partei. Vor 60 Jahren erlaubte Stalin den ostdeutschen Kommunisten die Gründung der DDR VON WOLFGANG ZANK

RUBRIKEN

FEUILLETON

David Lettermans weibliche Angestellten

Sitten

50 Kino »Das weiße Band«

DAS PHÄNOMEN DAN BROWN

Der neue Thriller des amerikanischen Autors erscheint erst nächste Woche in Deutschland. Trotzdem ist er hierzulande schon ein Bestseller. Ein Erklärungsversuch www.zeit.de/dan-brown

96 Zeitgeschichte Die Republik

deutsche Meisterschaft im Wellenreiten nach Sylt VON KATRIN HÖRNLEIN

Nation: Ein Interview mit Heinz Bude VON IJOMA MANGOLD

USA

auf drei Seiten

47 KinderZEIT Zum Training für die

49 Nach der Wahl Zur Lage der

a

VON HEIKE WIPPERFÜRTH

jugendliche Straftäter zu resozialisieren VON IRENE BERRES

a Bildung Berliner Grundschule wirbt um Schüler ohne Migrationshintergrund VON MARTIN SPIEWAK

Wer war Dash Snow? Der Künstler schockierte mit seiner Radikalität. In diesem Sommer starb er an einer Überdosis

VON SUSANNE KIPPENBERGER

– mehr Freiheit für Raucher

42 Psychologie Tiere helfen dabei,

»Mir ist das alles entglitten«: Die Schauspielerin Veronica Ferres über ihre Wirkung in der Öffentlichkeit

zur Frankfurter Buchmesse

41 Grafik Energie für Deutschland

40 Technik im Trend Offene Kabinen

Unterwegs mit Juergen Teller: Unser neuer Fotokolumnist erzählt, wie sein erstes Bild von Charlotte Rampling entstand

77 Brandenburg Die erste öffentliche

Schwarz-Gelb hat keine Ähnlichkeit mit Rot-Grün

VON DIETMAR DATH

VON WERNER BOHN

24

58 Mitarbeiter der Woche Der Dandy

Schlechte Aussichten für Nachwuchswissenschaftler

Widerspruch

Im Zweiten Weltkrieg wurde es zerstört, zu DDR-Zeiten tat niemand etwas gegen seinen weiteren Verfall, dann war es elf Jahre lang Baustelle: Nun endlich wird das Neue Museum auf der Berliner Museumsinsel wiedereröffnet FEUILLETON S. 51

Medizin: Zwei Frauen und ein Mann haben die Grundlage des Alterns erforscht VON H. ALBRECHT

In den Ländern gibt es viele Bündnispartner für die SPD

Koalitionen

Thea Dorn

VON HANNO RAUTERBERG

VON MAX RAUNER UND ULRICH SCHNABEL

Zeitgeist VON JOSEF JOFFE

15 Pazifismus Eine Entgegnung auf

Geschunden schön

Versteigerung eines Autografs von Konrad Adenauer in Berlin VON STEFAN KOLDEHOFF

Kunstmarkt

38 Geologie Erdbebenstürme können

VON MICHAEL THUMANN

Ein Hilferuf

Sammlung Alter Meister in Kassel

76 China Neuerscheinungen

Wie soll das neue Hominoiden-Weibchen heißen? VON MAGDALENA HAMM

Paläoanthropologie

VON ULRICH LADURNER

Griechenland

55 ZEIT-Museumsführer (23) Die

Gesundheitspolitik

Die neue WHO-Direktorin

12 Pakistan Ausweitung der

Probleme

Lian Hearn »Die Weite des Himmels« VON SIGGI SEUSS

VON JÜRGEN BRÖKER UND URS WILLMANN

Wie Israel dem Vorwurf begegnet, es habe Kriegsverbrechen begangen VON GISELA DACHS

13 Italien Rettet die Pressefreiheit!

VON HANS TEN DOORNKAAT

75 Serie Weinnebenstraßen (I)

Fußball

8. Oktober 2009

David Benedictus »Pu der Bär«

Die deutsche Nationalmannschaft spielt erstmals auf Kunstrasen a

42

Shaun Tan »Die Fundsache«

VON SIEGFRIED JASCHINSKI

36 Reinhard Mohn Ein Nachruf

11 Palästinenser Befreite Heldinnen

Kampfzone

54 Kinder- und Jugendbuch LUCHS

Das erschütterte Vertrauen in die Angebote von Banken VON STEFAN MAUER

Nachruf

VON ANGELA KÖCKRITZ

ZEIT-Korrespondenten im Strudel geschichtlicher Ereignisse

Altersvorsorge

Bücher machen Politik

Zum Tode Marek Edelmans, der den Aufstand im Warschauer Ghetto anführte

Revolution fand am 9. Oktober statt VON INGO SCHULZE

53 Zeitzeugen

»So kommen wir aus der Krise«

VON RALF GEISSLER

10

»So kommen wir aus der Krise«

Schwarz-Gelb Welche Ministerien braucht Deutschland? VON P. PINZLER

1989

Nofretete kehrt zurück an die Spree VON SVEN BEHRISCH

Frankreich

Kommunen in Geldnot geben mehr Aufgaben an Unternehmen ab VON GÖTZ HAMANN

Nur das Ausland weiß schon, wie Merkel regieren wird VON JÖRG LAU

ELISABETH NIEJAHRS LESEEMPFEHLUNG: Wolfgang Uchatius über den Versuch eines jungen Soziologen, einen Bestseller zu lancieren DOSSIER SEITE 17

Was hinter den Selbstmorden bei France Télécom steckt VON GERO VON RANDOW a

Privatisierung

VON HEINRICH WEFING

8

VON ALEXANDRA ENDRES

VON DANIEL BAX

Museumsinsel

52 Das Ende der DDR Die wahre

29 Guatemala Hungersnot in einem

reichen Land

a

Geschunden schön

VON CLAAS TATJE

VON THOMAS E. SCHMIDT

Köpfe der ZEIT:

Mercedes Sosa

Verbraucher zu viel zahlen

VON BERND ULRICH

3

VON JUTTA HOFFRITZ

2

Worte der Woche

35 Macher und Märkte 40

a Stimmt’s?/Ausprobiert Erforscht und erfunden

48 LESERBRIEFE

VON PETER KÜMMEL

52 Impressum

SUSANNE LOTHAR über den Regisseur Michael Haneke

58

a Wörterbericht/Tatort Das Letzte

ANZEIGEN IN DIESER AUSGABE Link-Tipps (Seite 20), Spielpläne (Seite 44) Museen und Galerien (Seite 45), Bildungsangebote und Stellenmarkt (Seite 81)

FRÜHER INFORMIERT! Die aktuellen Themen der ZEIT schon am Mittwoch im ZEIT-Brief, dem kostenlosen Newsletter www.zeit.de/brief

»EINE STUNDE ZEIT« Das Wochenmagazin der ZEIT in Kooperation mit radioeins und Nordwestradio. Jeden Freitag 18–19 Uhr auf radioeins (in Berlin auf FM 95,8 MHz) und 19–20 Uhr auf Nordwestradio (im Nordwesten auf 88,3/95,4)

DOSSIER

8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

Fotos: Gerhard Westrich für DIE ZEIT

17

Der 32-jährige Friedrich Schorb arbeitet in seinem Zimmer in Berlin an seinem Manuskript. Rechts die Küche seiner Wohngemeinschaft

Dick, doof und arm Wie macht man einen Bestseller? Der junge Soziologe Friedrich Schorb versucht es mit einem Buch über Fettleibige. Er feilscht mit Verlagen um Honorare, verbringt Monate am Schreibtisch, beugt sich den Gesetzen der Buchindustrie – und lernt, dass nichts wichtiger ist als ein provokanter Titel VON WOLFGANG UCHATIUS

G

anz am Ende dieser Geschichte, als der Autor das Buch geschrieben, die Lektorin es gelesen und der Verlag es beworben hat, als manche Buchhändler es bestellt, andere es abgelehnt haben und die Entscheidung, ob es ein Bestseller wird, kurz bevorsteht, ganz am Ende also, da wird das Buch gedruckt. Eine Maschine springt an, Papier rast vorbei, in langer Bahn, weiß zuerst, dann übersät mit schwarzen Flecken. Mit Buchstaben, Sätzen, Gedanken. Das gedruckte Papier wird geschnitten, gefalzt, geklebt, und wenn es stapelweise am Ende der Fabrikhalle liegt, dann hat es sich verwandelt, dann kann man das Buch in die Hand nehmen. Weiß ist es, mit rotem Aufdruck, 20,5 Zentimeter lang, 12,5 Zentimeter breit, 240 Seiten dick. Monatelang existierte es als Word-Dokument, als E-Mail-Anhang, als Foto in der Verlagsvorschau. Jetzt aber kann man mit den Fingern über den Titel streichen, das Foto des Autors betrachten. Man kann das Buch aufschlagen und lesen. Es ist ein kluges, ein kämpferisches Buch. Wie jedes Buch erzählt es eine Geschichte. Wie jedes Buch hat es selbst eine.

1. Kapitel: Der Autor Am 31. Januar 2008 ist die Wirtschaftskrise noch Zukunft. Deutschland hat Platz für andere Themen. Friedrich Schorb sitzt im Wohnzimmer seiner WG und schlägt die Süddeutsche Zeitung auf. Damals ist er 30 Jahre alt, er hat sein Soziologie-Studium abgeschlossen und eine Weile an der Universität Bremen in einem Forschungsprojekt gearbeitet. Jetzt ist er arbeitslos. Er hat ein paar Ideen im Kopf für eine

Doktorarbeit, aber davon kann man nicht leben. Wenn er nicht bald wieder einen Job an der Uni findet, muss er Hartz IV beantragen. Es geht ihm nicht sehr gut im Moment. Auf ihrer ersten Seite berichtet die Zeitung an diesem Tag über eine wissenschaftliche Studie. Darin steht, die Deutschen seien zu dick. Allerdings nicht alle Deutschen. Sondern vor allem jene, die keinen richtigen Schulabschluss hätten. Man kann die Studie so lesen: Je blöder der Mensch, desto fetter der Bauch. Der Artikel heißt: Bildung macht schlank. Schorb ist nicht dick. Eher klein und schmal. Trotzdem interessiert er sich für Untersuchungen über schwere Menschen. Er glaubt zu wissen, dass diese Studien nicht wegen des zunehmenden Verzehrs von Big Macs und Fertigpizza geschrieben werden, sondern weil manche Menschen sich gerne für etwas Besseres halten. Schorb hat sich alte Zahlen angesehen und festgestellt, dass die Deutschen vor ein paar Jahrzehnten fast genauso dick waren wie heute. Damals störte sich niemand daran. Die Bundesregierung kam nicht auf die Idee, eine Kampagne mit dem Titel »Fit statt fett« auszurufen, die Weltgesundheitsorganisation behauptete nicht, Übergewicht verringere die Lebenserwartung, die Zeitungen schrieben nicht, die Dicken ruinierten das Gesundheitssystem. Denn damals gab es auch dicke Politiker, dicke Wissenschaftler, dicke Journalisten, sogar viele. Erst seitdem die Mittel- und Oberschicht beschlossen hat, schlank zu bleiben, erst seit Politiker Marathon laufen und sich Manager die Muskeln von Triathleten antrainieren, stehen die Dicken als die Dummen da. Bildschirme und Zeitungsseiten rufen ihnen entgegen: Es ist nicht in Ordnung, wie ihr seid.

In Wahrheit verursachten Übergewichtige keine höheren Kosten als andere Menschen. Die schlanke Figur sei kein Schutz gegen Krankheit, sondern ein Symbol des sozialen Status, wie früher das gepflegte Gebiss. So sieht Friedrich Schorb die Lage. Er hat diese Gedanken in seiner Magisterarbeit aufgeschrieben, Titel: Gesellschaftliche Wahrnehmung und Behandlung von abweichendem Verhalten am Beispiel von Übergewicht. Er hat mit einem Professor in Bremen eine Aufsatzsammlung herausgegeben. Aber wer liest so was? Schorb fasst sich ein Herz. Er ruft bei der Süddeutschen Zeitung an und verwickelt den zuständigen Redakteur in ein Gespräch. Der lädt ihn ein, sich an einem Gastbeitrag zu versuchen. Der Artikel erscheint am 9. Februar 2008 auf der zweiten Seite der SZ: Wer hat Angst vor den Dicken? Zwei Tage später erhält Schorb eine E-Mail, deren Absender er nicht kennt. Irgendeine Belanglosigkeit, denkt er. Er öffnet die Mail, den Finger auf der Löschtaste, und spürt sein Herz schlagen. Der Absender ist Lektor beim Herder Verlag. Er hat Schorbs Artikel gelesen. Der Lektor fragt: Wollen Sie nicht ein Buch schreiben? Friedrich Schorb hat das Gefühl, dass sich gerade sein Leben ändert. Er ruft den Lektor an und sagt: Ein Buch? Interessante Idee. Er versucht, abgeklärt zu klingen. Ein paar Wochen später, Friedrich Schorb hat ein Exposé an Herder geschickt und wartet auf Antwort, da meldet sich ein zweiter Verlag bei ihm. Droemer Knaur aus München. Dann ein dritter, DuMont aus Köln. Sie wollen, dass er ein Buch für sie schreibt. Man muss an dieser Stelle den Fortgang der Geschichte kurz unterbrechen und eine Frage stel-

len: Ein junger Mann hat einen Artikel in einer Tageszeitung veröffentlicht. Das ist alles. Niemand weiß, ob er mehr als zwei oder drei lesbare Seiten zustande brächte, niemand weiß, ob er genug Ideen hat, niemand kennt seinen Namen. Wieso bekommt er von drei angesehenen deutschen Verlagen das Angebot, ein Buch zu schreiben?

2. Kapitel: Der Verlag Hans-Peter Übleis ist ein kleiner, rundlicher Mann mit österreichischem Akzent. Er ist Geschäftsführer eines mittelständischen Unternehmens mit 155 Angestellten, er hat ein geräumiges Büro mit großem Schreibtisch und kleiner Sitzgruppe. An der Wand steht ein Bücherregal. Man findet das häufig bei Firmenchefs. Sie stellen sich Bildbände oder Kulturführer ins Büro. Sie zeigen damit, dass sie nicht nur Waschmaschinen oder Zündkerzen im Kopf haben oder was auch immer ihre Firma produziert. Für Übleis haben Bücher eine andere Bedeutung. Sie sind die Waschmaschinen. Sie sind nicht das Accessoire, das seine Bildung beweist, sondern das Produkt, das seinem Unternehmen Rendite bringt. Hans-Peter Übleis, 58 Jahre alt, von seinen Leuten auch »HaPeÜh« genannt, ist verlegerischer Geschäftsführer von Droemer Knaur. Sein Unternehmen bringt im Jahr 600 Bücher auf den Markt. Vor neun Jahren erregte Übleis Aufsehen, als er Helmut Kohl dazu brachte, Mein Tagebuch bei Droemer zu veröffentlichen. Später verdiente der Verlag viel Geld mit Dschungelkind, dem am zweitmeisten verkauften Sachbuch des Jahres 2005, in dem eine Frau namens Sabine Kuegler ihre Kindheit

bei einem Eingeborenenstamm in Westpapua beschrieb. Jetzt liegt auf Übleis’ Tisch das Gesicht von Christoph Schlingensief. Es nimmt den gesamten Umschlag ein. So schön wie hier kann es im Himmel gar nicht sein heißt das Buch, in dem der Regisseur seinen Kampf gegen den Krebs beschreibt. Ein Bestseller, erschienen bei Kiepenheuer & Witsch. Der Verlag versteigert gerade das Recht, den Text als Taschenbuch herauszubringen. Übleis sagt, das Gebot liege bei 40 000 Euro. Er überlegt, höherzugehen. Christoph Schlingensief ist in Deutschland ein bekannter Name. Das Problem der Verlage ist: Es gibt nicht genug bekannte Autoren, die spannende Geschichten erzählen, egal, ob es Romane oder Sachbücher sind. Also bleibt den Verlagen nur eines: Sie müssen unbekannte Leute bekannt machen. Hans-Peter Übleis sagt: »Wir müssen immer wieder in neue Leute investieren.« In Leute, deren Bücher fast niemand lesen wird. Oder fast jeder. Die Verlage wissen das vorher nicht. Sie versuchen es einfach. Zum Beispiel mit Friedrich Schorb. Das ist der Unterschied zu den Waschmaschinen. Kein Unternehmen baut so ein Gerät in der Vermutung, es könnte sich unter bestimmten Umständen, mit etwas Glück, gut verkaufen. Es ist zu teuer, eine Waschmaschine zu entwickeln und zu produzieren. Ein Buch zu machen ist billiger. Die 240 Seiten von Friedrich Schorb zu drucken und zu binden kostet nicht mehr als zwei Euro pro Exemplar. Und das Manuskript? Etablierte Bestsellerautoren erhalten für jedes verkaufte Buch Fortsetzung auf Seite 18

18

DOSSIER

8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

Nach einem Zeitungsartikel über Dicke wurden Buchverlage auf den Autor Schorb aufmerksam. Foto Mitte: Hans-Peter Übleis, Geschäftsführer von Droemer Knaur

Dick, doof und arm Fortsetzung von Seite 17 zehn bis fünfzehn Prozent des Ladenpreises sowie ein Garantiehonorar von mehreren Zehntausend, manchmal mehreren Hunderttausend Euro. Friedrich Schorb ist nicht etabliert. »Wie viel zahlen Sie mir?«, fragt er die Verlage. Fünf Prozent des Ladenpreises, mindestens aber 2500 Euro. Antwortet der Herder Verlag. Sieben Prozent, Garantiehonorar: 8000 Euro. Sagt Droemer Knaur. Zehn Prozent. Und 10 000 Euro. Sagt DuMont. Schorb wohnt in einer WG in einem Hinterhof in Berlin-Friedrichshain. An der Tür hängt ein Schild: »Bitte klopfen, Klingel kaputt!« In seinem Zimmer stehen ein Schreibtisch, ein Stuhl, ein Sofa und zwei Yucca-Palmen. Damit ist das Zimmer voll. Nur oben ist noch Platz. Schorb schläft in einem Hochbett. Er zahlt 190 Euro Miete im Monat. In den zwölf Monaten als wissenschaftlicher Mitarbeiter der Uni hatte er eine halbe Stelle, er kam auf knapp tausend Euro im Monat. 10 000 Euro sind viel für ihn.

Aber DuMont will, dass Friedrich Schorb das Manuskript in vier Monaten fertig hat. Das Buch soll schon Anfang 2009 herauskommen. Nach dem Winter. Wenn die Leute anfangen, gegen ihr Fett zu kämpfen. Wenn sie Diät machen. Schorb will das nicht. Vier Monate kommen ihm kurz vor. Er will Qualität liefern. Er will auch die Doktorarbeit nicht aus dem Auge verlieren. Er spricht noch einmal mit Droemer Knaur. Er versucht, den Preis nach oben zu treiben. Die Antwort: 8000 Euro, nicht mehr, aber neun Prozent von jedem verkauften Buch. Letztes Angebot. Friedrich Schorb ist einverstanden.

3. Kapitel: Die Bestsellerliste Während Schorb mit den Lektoren verhandelt, kommt ein Buch auf den Markt mit dem Titel Warum unsere Kinder Tyrannen werden. Der Autor, Michael Winterhoff, ist Kinderpsychologe und genauso unbekannt wie Friedrich Schorb. In ungelenker Sprache schimpft er auf die verwöhnten Kinder moderner Eltern. Nach einer Woche steht das Buch auf Platz 49 der Sachbuch-Bestsellerliste. Nach zwei Wochen

auf Platz 30, dann auf 19, auf 12. Winterhoff gibt Interviews, er wird in Talkshows eingeladen. Das Buch steigt auf Platz 2. Es wird sich mehr als 400 000-mal verkaufen. Die Bestsellerliste ist ein simpler Maßstab des ökonomischen Erfolgs eines Buches, ähnlich wie eine Gewinn-und-Verlust-Rechnung. Aber sie ist auch ein Spiegel der deutschen Gemütslage, ein Psychogramm des Landes. Ende der Neunziger zum Beispiel, als die halbe Republik an der Börse spekuliert, zählt Der Weg zur finanziellen Freiheit zu den erfolgreichsten Sachbüchern. Nach dem Crash am Neuen Markt steht auf einmal Der große Börsenschwindel oben. Zu Zeiten von Rekordarbeitslosigkeit und Hartz IV heißen die Bestseller Schluss mit lustig und Abstieg eines Superstars. Die Nation kauft, was ihre Stimmung trifft. Der Kinderpsychologe Winterhoff sagt später in einem Interview, sein Manuskript habe lange in der Schublade gelegen. Erst als Zeitungen und Fernsehen anfingen, Kritik an der 68er-Generation zu üben, erst als sich unter jungen Leuten ein Zurück zur Tradition abzeichnete, hatte er das Gefühl, die Zeit sei reif für seine Argumente. Haben die Leute nicht auch langsam genug vom

Schlankheitswahn? Haben nicht all die Diätbücher und Fitnesspläne, die Cholesterinkiller und Fetthasser in vielen Menschen das Gefühl erzeugt, für dumm verkauft zu werden? Könnte es sein, dass Friedrich Schorbs Buch ein Bestseller wird?

4. Kapitel: Das Manuskript Im Oktober 2008, wenige Wochen nach der Pleite der Investmentbank Lehman Brothers, fängt Schorb mit dem Schreiben an. In den Nachrichten ist von bankrotten Unternehmen die Rede. Friedrich Schorb liest Studien über dicke Menschen. Er prüft Statistiken, liest Zeitungsartikel. Er will nichts behaupten, was er nicht belegen kann. Durch sein Fenster in Berlin-Friedrichshain sieht er Mülltonnen, ein paar kahle Bäume und die Löcher im Pflaster des Hinterhofs. Über seinen Schreibtisch hat er eine Postkarte gehängt. Darauf steht: »Dicke Kinder sind schwerer zu kidnappen«. Wenn ihm keine vernünftigen Sätze einfallen, steht er auf und spricht seine Gedanken vor sich hin. Das hilft.

Friedrich Schorb schreibt, in Neuseeland werde Übergewichtigen inzwischen die Einreise verweigert. In Japan müssten Unternehmen, die viele füllige Mitarbeiter beschäftigen, mit Geldstrafen rechnen. In England habe der Gesundheitsminister den Kampf gegen das Fett mit dem Kampf gegen den Klimawandel verglichen. Als ob ein dicker Bauch eine ansteckende Krankheit sei. Er schreibt, auf Betreiben der Pharmaindustrie seien die Grenzwerte für Fettleibigkeit mehrfach nach unten korrigiert worden. Auf einmal tauchten Millionen neuer Übergewichtiger in der Statistik auf. Er schreibt, nach allen seriösen Studien habe moderates Übergewicht keine gesundheitsschädigende Wirkung. Im Gegenteil, von einem gewissen Alter an erhöhe es sogar die Lebenserwartung. Ganz ans Ende stellt er den Satz: »Nicht an den gesundheitlich unbedenklichen Pfunden und dem Hirngespinst der Fehlernährung, sondern an der ganz konkreten Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper und dem gestörten Verhältnis zum Essen sollte sich etwas ändern.«

Die meistverkauften Bücher (vom 1. 1. 2002 bis 27. 9. 2009)

Titelrausch

Belletristik

Autor

Verlag

Ersch.Jahr

1 2 3

Harry Potter und der Halbblutprinz Harry Potter und der Orden des Phönix Harry Potter und die Heiligtümer des Todes

Joanne K. Rowling Joanne K. Rowling Joanne K. Rowling

Carlsen Carlsen Carlsen

2005 2003 2007

4 5

Feuchtgebiete Sakrileg

Charlotte Roche Dan Brown

DuMont Lübbe

2008 2004

6 7

Verlag

Ersch.jahr

Sachbuch

Autor

1

Ich bin dann mal weg

Hape Kerkeling

Malik

2006

2 3 4

Stupid White Men Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? Glück kommt selten allein ...

Michael Moore Richard D. Precht Eckart von Hirschhausen

Piper Goldmann Rowohlt

2002 2007 2009

5 6

Außer Dienst The Secret – Das Geheimnis

Helmut Schmidt Rhonda Byrne

Siedler Arkana

2008 2007

7 8

Schluss mit lustig Moppel-Ich

Peter Hahne Susanne Fröhlich

Johannis Krüger

2004 2004

9

Liebe dich selbst

Eva-Maria Zurhorst

Arkana

2004

10 11

Das Methusalem-Komplott Warum unsere Kinder Tyrannen werden

Frank Schirrmacher Michael Winterhoff

Blessing 2004 Gütersloher Verlagsh. 2008

Tintenherz Die Vermessung der Welt

Cornelia Funke Daniel Kehlmann

Dressler Rowohlt

2003 2005

8 9 10

Bis(s) zum Abendrot Bis(s) zum Ende der Nacht Die Tore der Welt

Stephenie Meyer Stephenie Meyer Ken Follett

Carlsen Carlsen Lübbe

2008 2009 2008

11 12

Tintenblut Der Alchimist

Cornelia Funke Paulo Coelho

Dressler Diogenes

2005 1996

13

Hectors Reise

François Lelord

Piper

2004

12 13

Schotts Sammelsurium Ein Mann – Ein Buch

Ben Schott Augustin/v. Keisenberg/Zaschke

Bloomsbury Berlin 2004 Süddeutsche Zeitung 2007

14

Harry Potter und der Feuerkelch

Joanne K. Rowling

Carlsen

2000

14

Volle Deckung, Mr. Bush

Michael Moore

Piper

2003

15

Diabolus

Dan Brown

Lübbe

2005

15

Jesus von Nazareth

Benedikt XVI.

Herder

2007

16 17 18

Harry Potter und der Gefangene von Askaban Der Schwarm Tintentod

Joanne K. Rowling Frank Schätzing Cornelia Funke

Carlsen KiWi Dressler

1999 2004 2007

16 17 18

Simplify your life. Einfacher u. glücklicher leben Seiwert/Küstenmacher Die Mäuse-Strategie für Manager Spencer Johnson Wiedersehen in Barsaloi Corinne Hofmann

Campus Ariston A1

2004 2000 2005

19 20

Bis(s) zur Mittagsstunde Tannöd

Stephenie Meyer Andrea M. Schenkel

Carlsen Ed. Nautilus

2007 2006

19

Der kleine Medicus

Dietrich Grönemeyer

Rowohlt

2005

20

Gomorrha

Roberto Saviano

Hanser

2007

ZEIT- Grafik/Quelle: Börsenverein des Deutschen Buchhandels e. V., »buchreport«

Fortsetzung auf Seite 19

Neuerscheinungen pro Jahr

2008

94 276

90 000

80 000

70 000

1990

61 015

1990

1995

2000

2005

DOSSIER

19

alle Fotos S. 18+19: Michael Herdlein für DIE ZEIT

8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

Die Mitarbeiter der Druckerei Ebner & Spiegel in Ulm stellen das Buch her, stapelweise läuft es vom Band in der Fabrik

Fortsetzung von Seite 18 Nach einer durchgearbeiteten Nacht drückt Schorb am 5. Februar 2009 um 12.05 Uhr die Returntaste seines Computers und schickt das Manuskript an den Droemer-Verlag. Dann stärkt er sich mit Butterbrezeln und nepalesischem Tee. Er hat jetzt einen neuen Blick auf seine Zukunft. Mit Anfang dreißig und gerade erst begonnener Doktorarbeit ist er für eine Uni-Karriere fast zu alt. Auch die Unternehmen suchen keine Soziologen. Warum nicht als Autor leben? Schon als Grundschüler hatte sich Schorb an kleinen Geschichten versucht, jahrelang träumte er davon, Schriftsteller zu werden. Vielleicht wird das Buch ein Erfolg, vielleicht schreibt er bald das nächste. Monatelang hat Schorb kaum das Haus verlassen. Jetzt verabredet er sich wieder zu Kneipenbesuchen und Partys. Er hat das Gefühl, schönen Zeiten entgegenzugehen.

5. Kapitel: Die Verpackung Auf dem Schreibtisch liegt ein halbes Dutzend Papierstapel, auf einem davon eine Liste mit den Autoren für den Herbst. »Andre Agassi: Autobiografie« steht darauf, »Sabine Kuegler: Dschungelkind III«, und Friedrich Schorb. Es ist der 20. Februar 2009, die Verlagsleiterin Sachbuch von Droemer Knaur sitzt in ihrem Büro, die Lektorin, die Schorbs Buch betreut, kommt herein. Das Manuskript ist seit zwei Wochen im Verlag. Die Lektorin kennt es noch nicht. Wie fast alle Lektoren kommt sie nur abends, nach Tagen voller Konferenzen, dazu, Manuskripte zu lesen. Jetzt aber geht es nicht darum, das Buch zu beurteilen, sondern darum, es zu verpacken. Das ist vielleicht noch wichtiger. Es gibt Untersuchungen, denen zufolge sieben von zehn Büchern spontan gekauft werden. Die Leute stehen vor dem Bücherregal wie sonst vor der Joghurttheke, und wenn sie keine Vorliebe für eine bestimmte Marke, einen bestimmten Autor, haben, nehmen sie das, was ihnen am meisten Appetit macht. Der Appetitmacher ist die Verpackung. Bei Büchern ist das der Umschlag. Gerade hat Droemer ein ziemlich gut verpacktes Buch herausgebracht. Zu sehen ist das sorgenvolle Gesicht eines Mannes mit grau melierten Haaren. Es ist der Börsenhändler Dirk Müller, der den Deutschen im Fernsehen regelmäßig die Wirtschaft erklärt. Crashkurs heißt das Buch. Es ist eines der ersten Bücher zur Finanzkrise. Monatelang wird es zu den erfolgreichsten Sachbüchern zählen. Schorbs Gesicht war noch nie im Fernsehen. Der Verlag setzt auf einen Umschlag ohne Bild. Nur Schrift. Der Titel allein muss Interesse wecken. Viele Bestseller wären ohne ihren Titel keine geworden. Wer hätte die Bücher Witzige Sprüchesammlung, Eine Einführung in die Philosophie und Irrtümer der deutschen Sprache lesen wollen? Weil sie in Wahrheit Niveau ist keine Hautcreme, Wer bin ich – und wenn ja, wie viele? und Der Dativ ist dem Genitiv sein Tod hießen, blieben die Leute in den Buchhandlungen stehen. Sie fingen an zu blättern – und kauften diese Bücher, die zu den erfolgreichsten der vergangenen Jahre gehören. Schorb hatte als Titel »Schlanke Bürger im schlanken Staat« vorgeschlagen. Er hatte sich das genau überlegt. Er wollte darauf anspielen, dass das Körperfett neuerdings ähnlich ideologisch verurteilt werde wie ein ausufernder Staatssektor. Zu kompliziert, sagte die Lektorin. Versteht keiner. Sie und die Sachbuchleiterin sitzen jetzt zusammen, um einen besseren Titel zu finden. Sachbuchleiterin: »Schorb argumentiert doch, die ganzen Schlankheitskampagnen seien übertrieben. Oder?« Lektorin: »Genau. Er benennt, wer uns alles glauben machen will, Übergewicht sei gefährlich: die Pharmaindustrie, die Politik, Teile der Wissenschaft. Er plädiert für mehr Gelassenheit.« Sachbuchleiterin: »Wer kauft so ein Buch?« Lektorin: »Na ja, die Dicken selbst … Sachbuchleiterin: »… eher nicht. Oder jedenfalls nicht die Dicken, die man bei McDonald’s und in

der Unterschicht findet. Sondern intelligente Menschen, die sich für die Gesellschaft interessieren.« Lektorin: »Diese Leute müssen wir abholen.« Sachbuchleiterin: »Deshalb fände ich eine Provokation gut. So wie in dem Titel, den Sie vorgeschlagen haben.« Der Lektorin war in der Gliederung des Buches, die Schorb ihr geschickt hatte, eine Zwischenüberschrift aufgefallen: »Dick, doof und arm«. Das wäre ein guter Titel, dachte sie. Lektorin: »Allerdings deckt das nur einen Teilaspekt ab, nur den Punkt, dass das Dicksein mit Blödheit und Armut gleichgesetzt wird.« Sachbuchleiterin: »Man kann nie das ganze Buch einfangen. Wir müssen auf den Erregungseffekt abzielen. ›Dick, doof und arm‹ ist der stärkste Titel.« Dick, doof und arm. Friedrich Schorb sträubt sich. Mit einem Fragezeichen am Ende könnte er sich diesen Titel vorstellen, aber ist er dann nicht immer noch zu reißerisch? Er ruft die Gründerin der Gesellschaft gegen Gewichtsdiskriminierung an, eine hübsche übergewichtige Frau, mit der er während des Schreibens Kontakt hatte. Ihr gefällt die Formulierung. Sie sagt, ein Titel müsse neugierig machen. Der Verlag hat keinen Einwand gegen das Fragezeichen. Friedrich Schorbs Buch hat jetzt einen Namen.

6. Kapitel: Die Vorschau Am Konferenztisch sitzen zwanzig Leute, jeder hat die Entwürfe der Herbst-Vorschauen von Droemer Knaur vor sich liegen. Die Vorschauen sind die Kataloge, in denen das Unternehmen seine neuen Bücher präsentiert. Es ist der 5. März 2009, bald wird der Verlag die Vorschauen an mehrere Tausend Buchhandlungen schicken. Er will ihnen seine Bücher verkaufen. Man sollte meinen, das könne nicht schwer sein. Ein Buchhändler lebt davon, viele Bücher im Laden zu haben. Das Problem ist erstens, dass jeder Buchhändler kistenweise Verlagsvorschauen zugeschickt bekommt. In Deutschland erscheinen jedes Jahr 100 000 Bücher. Niemand bekommt die alle ins Regal. Und zweitens gibt es nichts, was Buchhändler so hassen wie Bücher, die ihnen niemand abkauft. Also überlegt sich jeder Händler genau, welche Bücher er bestellt und wie viele davon. In den Vorschauen von Droemer Knaur ist jedes Buch abgebildet, das der Verlag im Herbst herausbringt. Es sind 320. Krimis sind dabei, Ratgeber, Lebensgeschichten, politische Sachbücher. Neben jedem Buch: ein paar Zeilen zum Inhalt und zum Autor, ein Foto, je nachdem, wie viel Platz ist. Andre Agassi ist dabei, mit Open. »Das sensationelle Selbstporträt, unerwartet offen und umwerfend gut geschrieben«, steht daneben. Agassi hat vier Seiten in der Vorschau. Sabine Kuegler ist dabei, mit Jägerin und Gejagte. Es ist ihr drittes Buch, nach Dschungelkind und Ruf des Dschungels. »Die Fortsetzung des Weltbestsellers – Kinofilm bereits in Produktion«, heißt es. Kuegler hat zwei Seiten. Die Konferenz dauert zwei Tage. Am Vormittag des zweiten Tages sagt die Marketingleiterin: »Wir machen weiter mit Dick, doof und arm?.« Friedrich Schorb hat eine Seite. Der Umschlag seines Buches ist abgebildet, so wie er geplant ist. Er ist rot, eine beliebte Farbe für politische Sachbücher. Grün steht eher für Umweltthemen, gelb für seriöse Wissenschaft. Die Schrift ist weiß. Der Untertitel soll lauten: Die große Lüge vom Übergewicht und wer von ihr profitiert. Daneben steht etwas von der Pharmaindustrie und der Politik. Ein paar biografische Zeilen erklären, wer Friedrich Schorb ist. Eine Frau aus dem Vertrieb meldet sich. »Ganz ehrlich: Wenn ich das lese, stellen sich bei mir sämtliche Haare auf. Dick. Doof. Arm. Drei negative Wörter, das geht gar nicht.« Es ist einen Moment still, dann entspinnt sich eine Diskussion, es geht hin und her, bis Verlagschef Übleis das Wort ergreift. »Ich finde den Titel absolut richtig.« Er habe das Manuskript gelesen, hochinteressant. Übleis zeigt auf seinen Bauch, er sagt: »Zum Beispiel habe ich gelernt, dass Fettleibig-

keit je nach Land unterschiedlich definiert wird. In Amerika wäre ich gar nicht dick.« Lautes Lachen, es widerspricht niemand mehr. Die Runde beschließt, die Umschlagfarben auszutauschen, die Schrift soll rot werden, der Hintergrund weiß, das wirke seriöser. Die Sachbuchleiterin sagt, sie sei überzeugt von dem Buch, »ein Klassethema zur rechten Zeit«, jemand erwidert, das müsse man in die Vorschau schreiben. »Es muss rein, dass das Thema aktuell ist, dass es ein Medienthema ist.« Später wird in der Vorschau neben Friedrich Schorbs Buch stehen: »Das Buch zur aktuellen Übergewichts-Debatte.«

im Gesicht, versucht Schorb, nicht an das Buch zu denken. Er hat noch keine Antwort von der Lektorin. Er weiß nicht, ob ihr das Manuskript gefällt. Ob er es umschreiben muss. Ob es dann noch sein Buch wäre, obwohl sein Name daraufsteht. Seine Freunde fanden den Text klasse. Wird schon klappen, denkt Schorb. Am 1. April, zurück in Berlin, findet er eine E-Mail in seinem Postfach. Die Lektorin. Sie schreibt: »Ich bin sehr begeistert von Ihrem Text, er hat meine ohnehin schon hohen Erwartungen noch übertroffen!« Friedrich Schorb hängt ein grün-orange gemustertes Tuch in seinem Zimmer auf, ein Mitbringsel aus Kenia. Es läuft alles so, wie er es erhofft hat.

7. Kapitel: Kenia

8. Kapitel: Linke. Und Rechte

Die erste Rate des Honorars hat der Verlag vor Monaten überwiesen, jetzt trifft die zweite ein. Noch mal 4000 Euro. Friedrich Schorb hatte nie so viel Geld auf dem Konto. Zeit hat er auch wieder. Er könnte sich an seine Doktorarbeit setzen, aber er will sich belohnen für das Buch. Mit einer Fernreise. Schorb fliegt für drei Wochen nach Kenia. Kostet nur 500 Euro im Moment. Seine frühere Freundin, eine Psychologin, mit der er sich noch immer gut versteht, kommt mit. Gemeinsam gehen sie auf Safari. Mit dem Fahrrad, das ist billiger als mit dem Jeep. Sie sehen Warzenschweine, Giraffen und Flusspferde. Am Schluss liegen sie ein paar Tage am Strand. Die Sonne

Es gibt viele Gründe, sich über Deutschland aufzuregen. Zum Beispiel, dass die Reichen so wenig Steuern zahlen. Dass die Reichen so viel Steuern zahlen. Dass die Kinder so unverschämt zu ihren Eltern sind. Dass die Eltern so unverschämt zu ihren Kindern sind. Oder dass alle auf den Dicken herumhacken. Aufregung ist eine Ware. Man kann Geld mit ihr verdienen. Indem man den Leuten, die sich aufregen wollen, Argumente liefert, Fakten, Formulierungen, die ihnen das Gefühl geben, nicht allein zu sein. Indem man ihnen Bücher verkauft. Schorb ist Wissenschaftler. Er sieht sich nicht als jemand, der Aufregung verbreitet, sondern als jemand, der

eine Ungerechtigkeit entdeckt hat und nun helfen will, sie zu beseitigen. Er hofft, dass er auch diejenigen überzeugen kann, die gerne an den Dicken herummäkeln. Aber wollen die das lesen? Vor fünfzig Jahren wertete der amerikanische Kommunikationsforscher Joseph Klapper mehrere Hundert Untersuchungen zur Wirkung politischer Texte aus. Er stellte fest: Menschen lesen am liebsten, was sie in ihrer Meinung bestärkt. Die Linken lesen Linkes. Die Rechten lesen Rechtes. Sie können gar nicht genug davon kriegen. Im Spätsommer 2009 bringt Droemer die Bücher Meinungsmache von Albrecht Müller und Das Maß der Gerechtigkeit von Paul Kirchhof heraus. Müller betreibt das linke Weblog NachDenkSeiten und ist heftiger Kritiker von Hartz IV. Kirchhof ist ehemaliger Verfassungsrichter und Befürworter einer wirtschaftsliberalen Steuerpolitik. Hätte Schwarz-Gelb schon 2005 die Wahl gewonnen, wäre er Minister geworden. Beide Bücher verkaufen sich ziemlich gut. Bei ziemlich unterschiedlichen Leuten. Bücher funktionieren ähnlich wie politische Parteien. Es geht weniger darum, die Gegenseite zu überzeugen, das ist schwer, die Zahl der Wechselleser ist gering. Erfolgreich sind die Titel, die im Alltag so gegenwärtig sind wie die Plakate vor dem Wahltag. Damit Schorb Erfolg hat, muss sein Buch in den BuchFortsetzung auf Seite 21

DOSSIER

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Fotos: Michael Herdlein für DIE ZEIT

8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

Sandra Zimmer, Vertreterin von Droemer Knaur, unterwegs zu Buchhändlern. Der Laptop zeigt ihr die neuesten Titel

Fortsetzung von Seite 19 handlungen auf den Stapeln liegen. Es muss in Zeitungen, im Fernsehen diskutiert werden. Das Buch muss seine Zielgruppe erreichen.

9. Kapitel: Der Buchladen Sie sitzt fast jeden Tag im Auto. 40 000 Kilometer fährt sie im Jahr, kreuz und quer durch das südliche Nordrhein-Westfalen. Wenn sie nicht fährt, redet sie. Sie versucht, möglichst viele Bücher von Droemer Knaur zu verkaufen. An diesem Morgen ist die Verlagsvertreterin ins Bergische Land gefahren. Das Dorf heißt Much. Nicht weit von der Kirche steht ein Fachwerkhaus mit weißem Schild an schmiedeeiserner Stange. Eine Buchhandlung, eine von 4000 in Deutschland, eine der kleinsten. Die Verlagsvertreterin betritt den Laden. Zwischen Krimis und Kochbüchern steht die Buchhändlerin. Eine fröhliche Frau mit blauen Jeans und einer Brille mit blauem Gestell. Sie erzählt der Vertreterin, sie sei kürzlich an der Hüfte operiert worden. Die Kunden hätten ihr Genesungswünsche ins Krankenhaus geschickt, eine habe sie sogar zum Eisessen eingeladen. »Das ist das Schöne hier auf dem Land«, sagt die Verlagsvertreterin. Sie schlägt die Vorschau auf und zeigt auf ein schwarzes Buch mit rot-gelber Aufschrift: »Als Erstes möchte ich mit Ihnen über Alterra reden.« Das ist ein Buch, in dem Blitze zucken und Schlangen züngeln. Fantasy. Zurzeit wollen das viele Leute lesen. Weil es zurzeit viele Leute gibt, die womöglich links sind oder rechts, aber lieber ein paar Stunden von Drachen träumen, als sich über etwas aufzuregen. Dank dieser Leute haben amerikanische Vampir-Romane die ersten Plätze der Bestsellerliste erreicht. Als Reaktion hat Droemer Knaur eine Fantasy-Reihe aufgelegt. »Das nehme ich«, sagt die Buchhändlerin. Sie nimmt auch Kuegler, die Dschungelfrau. Sie nimmt Agassi, dreimal, »ist ja ein hübscher Kerl«, dann kommt die Vertreterin zu Seite 26 der Vorschau. Dick, doof und arm?. Sie sagt: »Das ist ein sehr provokanter Titel, da steckt aber viel dahinter. Der Autor räumt mit den ganzen Vorurteilen übers Übergewicht auf, heute gibt’s ja in jeder Apotheke Kapseln zum Abnehmen, und alle wollen uns einreden, wir seien zu dick. Der Autor beweist, dass das Unsinn ist.« Die Buchhändlerin überlegt. Dann sagt sie: »Das nehme ich auch.« Später wird die Verlagsvertreterin sagen, dass sich das Buch sehr ordentlich verkaufe, gerade auf dem Land. Es sieht gut aus für Friedrich Schorb.

10. Kapitel: Das Kaufhaus Früher war das in Deutschland so: In jedem Dorf, in jeder Stadt gab es kleine Lebensmittelläden, dort bekamen die Leute, was sie brauchten. Dann kamen die Supermarktketten, und die Läden verschwanden. Später kamen die Buchkaufhäuser. An der einen Seite des Tisches sitzen sieben Frauen im Kostüm und zwei Männer im Anzug. Sie arbeiten für die Buchhandlung Hugendubel in München, aber sie beraten keine Leser. Sie analysieren Umsatzzahlen, sie beobachten den Markt. Der eine ist Experte für Sach- und Fachbücher, die andere für Kinderbücher oder Ratgeber. Sie kennen den Buchmarkt wie Aktienhändler die Börse. Es sind die Mitarbeiter der Einkaufsabteilung. Sie entscheiden, welche Bücher die Firma Hugendubel mit ihren 37 Filialen in ganz Deutschland in großer Zahl in die Läden stellt. Auf der anderen Seite des Tisches sitzt eine junge Frau von Droemer Knaur. Sie ist eine KeyAccount-Managerin. Sie verkauft Bücher, so wie die Verlagsvertreterin. Aber sie betreut nicht ein paar Hundert kleine Kunden, sondern zwei große. Einer ist Hugendubel. Weil Hugendubel für Droemer Knaur so wichtig ist. Heute läuft fast jedes zweite Buch, das Droemer Knaur verkauft, über eine der großen Buchhandelsketten. Wenn Dick, doof und arm? auf dem Land Gefallen findet, ist das ein erster Schritt.

Ein echter Erfolg wird das Buch aber nur, wenn Hugendubel oder Thalia es bestellen. Wenn die Key-Account-Managerin Bücher verkauft, redet niemand von Hüftoperationen. Es geht ums Geschäft. Sie stellt Kuegler vor, dann Agassi, dann kommt sie zu Schorb. Sie sagt »provokanter Titel«, »spannende Thesen«, »ungewöhnliche Argumente«. Sie hat eine halbe Minute Zeit. Dann ist das nächste Buch dran. Die Einkäufer hören sich das an. Als sie wieder allein sind, besprechen sie, welche Bücher sie kaufen. Von Kueglers Jägerin und Gejagte bestellen sie mehrere Tausend, von Agassis Open etwas weniger. Nachbestellen kann man immer. Und von Dick, doof und arm? »Negativ klingender Titel«, sagen sie. »Unbekannter Autor, unklare Zielgruppe.« Das Buch zur aktuellen Übergewichtsdebatte? »Welche Debatte? Es gibt keinen aktuellen Anlass.« Sie bestellen es gar nicht. In jeder Hugendubel-Filiale stehen lange Regale mit Büchern, deren Umschlag man nicht sieht. Man sieht nur den Rücken. Natürlich kann man die Bücher herausnehmen und anschauen, aber das macht kaum jemand. In den Filialen der Buchhandelsketten haben die Regale die Funktion einer Tapete. Sie sind der Hintergrund für die Tische. Jägerin und Gejagte wird bei Hugendubel stapelweise auf den Tischen liegen. Open ebenfalls. Womöglich wird es eigene Kuegler-Tische geben oder Agassi-Tische. Die Leute werden zu Tausenden daran vorbeigehen. Sie werden in den Büchern blättern. Sie werden sie kaufen. Von Friedrich Schorbs Buch werden sie nicht einmal wissen, dass es existiert.

11. Kapitel: Das Buch des Monats Am 19. Juni sitzt Friedrich Schorb im ICE nach Bremen. Er hat einen kleinen Lehrauftrag an der Universität, er wird ein Seminar halten. Er hat Fachbücher dabei. Als es nichts mehr vorzubereiten gibt, greift er zu diesem Heft. Es liegt im Zug herum, an jedem Platz. Es heißt DB mobil. Schorb blättert ein wenig darin herum. Er stößt auf den Vorabdruck eines Thrillers. Splitter von Sebastian Fitzek, erschienen bei Droemer. Sechs ganze Seiten, nur dieses Buch. Ein solcher Vorabdruck findet sich in jeder Ausgabe von DB mobil. Es sind mal witzige, mal spannende, mal romantische Bücher. Mal vom Rowohlt Verlag, mal von Kiepenheuer & Witsch, mal von S. Fischer. Sie haben nur eines gemein: Alle Bücher aus DB mobil kommen von Verlagen, die (wie auch die ZEIT) dem Holtzbrinck-Konzern gehören. Bei der Bahn heißt es: »Wir haben da eine Kooperation geschlossen.« Anders formuliert: Holtzbrinck zahlt, DB mobil druckt, und Thalia und Hugendubel legen das Buch stapelweise auf die Tische. Weil sie wissen, dass die Leute sich jetzt für dieses Buch interessieren. Damit ein Buch ein Erfolg wird, benötigt es Aufmerksamkeit. Die lässt sich kaufen. Durch bezahlte Vorabdrucke, durch Werbekampagnen. Oder direkt vom Buchkaufhaus. In allen 240 Filialen von Thalia stehen große Tafeln, auf denen ein bestimmtes Buch abgebildet ist. Das »Thalia-Buch des Monats«. Die Tafeln stehen gleich am Eingang oder an den Kassen, man sieht sie sofort. Man denkt sich, da hat der Verlag aber Glück gehabt, dass den Buchhändlern dieses Buch so gut gefallen hat. Irrtum. 50 000 Euro koste es, Buch des Monats zu werden, zahlbar an Thalia – sagt der Vertriebsleiter eines lediglich mittelgroßen Verlages und fügt hinzu: »Für uns ist das unbezahlbar.« Eine ThaliaSprecherin sagt, die 50 000 Euro seien aus dem Zusammenhang gerissen. Billiger sind kurze Buchpräsentationen in den Prospekten von Thalia oder Hugendubel. Die liegen zum Beispiel großen Tageszeitungen bei. Für jedes abgebildete Buch zahlt der Verlag mehrere Tausend Euro. Dafür stapeln sich diese Bücher dann ebenfalls auf den Tischen. Jeder Kunde bekommt sie zu sehen. Auch der Verlag Droemer-Knaur hat einigen Buchtiteln auf diese Weise Aufmerksamkeit verschafft. Dick, doof und arm? ist nicht dabei. Friedrich Schorb ahnt nichts von diesen Geschäften. Er kennt die Gesetze der Branche nicht. Der Verlag hat ihm einen kleinen Termin auf der

Frankfurter Buchmesse reserviert. Gleich am ersten Tag um 16 Uhr wird er am Stand von Droemer Knaur über sein Buch reden. Ein Moderator wird ihm Fragen stellen. Schorb hofft, er werde dann den Blick der Öffentlichkeit auf sein Buch lenken können. Er war noch nie auf der Messe. Er ist ein wenig aufgeregt.

12. Kapitel: Dicke Lügen Ende Juni, der Buchhandel hat bisher nicht einmal tausend Exemplare von Dick, doof und arm? bestellt. Auch Thalia hat abgelehnt. Es ist schon vorgekommen, dass geschriebene Bücher nicht gedruckt wurden, weil zu wenige Buchhändler sie haben wollten. Bei Droemer Knaur in München setzen sich die Vertriebsleiter und die Key-Account-Manager zusammen. Telefonisch zugeschaltet sind die Verlagsvertreter aus allen Ecken der Republik. Sie sprechen über den bisherigen Verkauf der Herbstbücher. Es geht darum, was man besser machen kann. Als Dick, doof und arm? an der Reihe ist, meldet sich ein Vertreter zu Wort. Er glaubt, der schwache Verkauf liege am Titel. Er fragt, ob man das Buch nicht doch Dicke Lügen nennen sollte, das klinge weniger negativ. Der Vorschlag war ganz am Anfang in einer Besprechung aufgetaucht. Schon öfter wurden Buchtitel kurz vor Druck geändert. Aber es kostet Geld, es ist ein Risiko, soll man das eingehen? Der Verlag entscheidet sich dagegen. Andere Bücher verkaufen sich gut. Kuegler, Agassi. Es läuft schlecht für Friedrich Schorb, nicht für Droemer Knaur. Der Verlag hat es durchgerechnet: Weil Schorbs Honorar vergleichsweise niedrig ist, muss sich das Buch nur 5000-mal verkaufen. Das könnte zu schaffen sein, dann würde sich für den Verlag das Geschäft lohnen.

13. Kapitel: Die letzte Hoffnung 5. Oktober, Dick, doof und arm? erscheint, und alles kommt anders als erwartet. Die Redaktion der Talkshow Beckmann wird auf Schorb aufmerksam. Sie braucht ein Thema, die Bundestagswahl ist vorbei, die Wirtschaftskrise weniger schlimm als befürchtet, warum nicht über die Lüge vom Übergewicht diskutieren? Reinhold Beckmann holt Schorb in die Sendung. Er stellt Fragen, er erwähnt sein Buch. Schorb wirkt sympathisch. Nicht so trainiert wie die üblichen Talkshowgäste. Ein neues, ein nettes Gesicht. Am nächsten Tag gehen die Leute in die Läden und fragen nach Dick, doof und arm?. Etwas in der Art müsste passieren. Dann könnte Schorb noch zum Bestsellerautor werden. Die Presseabteilung des Verlages Droemer Knaur hat 1500 Journalisten von Fernsehen, Radio, Zeitungen und Magazinen angeschrieben, angemailt, angerufen. Sie hat für Schorbs Buch geworben. Ein paar Interviews sind schon vereinbart, die wichtigsten Tageszeitungen und Wochenblätter haben Dick, doof und arm? bestellt, 169 Journalisten insgesamt. Aber das heißt nicht, dass sie das Buch lesen. Wenn doch, bedeutet es nicht, dass sie darüber schreiben. Wenn doch, macht eine Buchbesprechung in drei, vier Zeitungen keinen Bestseller. Das sehen zu wenige Leute. Es müssten reihenweise Artikel erscheinen, das Fernsehen müsste einsteigen, die Talkshows. Das ist die letzte Hoffnung.

14. Kapitel: Der braune Umschlag Als Friedrich Schorb am Nachmittag des 16. September nach Hause kommt, ist er guter Dinge. Er hat wieder eine Stelle an der Uni als wissenschaftlicher Mitarbeiter. Er wird ein Seminar zur Einführung in die Soziologie halten, an seiner Doktorarbeit weiterschreiben, ein Büro haben. Er wird nicht in Hartz IV rutschen. Auf dem Tisch liegt ein brauner Umschlag, die Post. Unten rechts steht sein Name, oben links Droemer Knaur. Er ahnt, was drin ist. Friedrich Schorb hält sein Buch in der Hand. Er sieht seinen Namen auf dem Titel, sein Foto neben dem Klappentext. Er ist stolz. Er fährt mit dem Finger über den Umschlag, blättert ein wenig, liest seine eigenen Sätze. Es fühlt sich an, als sei dies der Anfang.

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WOCHENSCHAU

Die Verwandlung der Woche

Fotos [M]: imago; Suzy Allman/The NewYorkTimes/Redux/laif; Ed Jones/AFP/Getty Images; imago (v.li.o.n.re.u.)

Vor der Wahl verblüffte das einstige »Sturmgeschütz der Demokratie« seine Leser mit einem Wackelbild. Schwenkte man das Titelblatt, saß mal Angela, mal Frank-Walter auf dem Thron in einer Flusslandschaft ohne Bürger, Autos und Fabriken. Darüber die Prophezeiung: »Es kommt so oder so«. Wie geheimnisvoll war das!

8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

Wird Deutschland zum Feuchtgebiet für Fee und Troll? Aber diese Woche setzt das Magazin noch einen Frosch drauf. Wenn man den küsst, wer wird da seinen Mann stehen, der Erzenkel Gabriel, Prinz Wowi gar? Was für eine Verwandlung ... Spieglein, Spieglein an der Wand, ziehst du Märchen jetzt an Land!

Die Körbe hängen hoch Deutscher Meister im Basketball ist Oldenburg, aber wer weiß das schon? – Zum Saisonstart hat dieser Sport noch mehr Probleme VON JAN KÜHNEMUND

D Donald Trump will RICHTIG GROSS bauen

Ein GOLF-RESORT mit 950 Ferienhäusern

Aber der Nachbar Michael Forbes sagt NO!

Trump gegen Forbes Ein amerikanischer Milliardär will einen schottischen Arbeiter zwingen, ihm Land zu verkaufen. Nun tobt der Golfkrieg von Aberdeen, ein Lehrstück über Macht und Eigensinn VON REINER LUYKEN

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s fängt an wie im Film. Ein schottisches Dorf, ein amerikanischer Magnat, ein großer Plan. Im Film will ein von Burt Lancaster gespielter Texaner anstelle des Dorfes eine Raffinerie bauen. Es ist 1984, Schottland ist im Ölrausch, die Dörfler sind begeistert. Sie wollen nur den besten Preis für ihre Häuser herausschlagen. Ein exzentrischer Einsiedler, dem ein Streifen Strand gehört, legt sich quer. Der ebenso exzentrische Ölboss erkennt in ihm einen Seelengefährten und bläst sein Vorhaben ab. Happy End. Local Hero wurde ein Kultfilm aller Schottlandfans. Ein Vierteljahrhundert später taucht erneut ein amerikanischer Magnat in einem Dorf auf. Er hat ebenfalls exzentrische Züge, eine honigblonde Zuckerwattefrisur krönt sein Haupt, die Washington Post berichtet, in seiner Welt sei alles »fabelhaft, aufsehenerregend und hat die größten Titten«. Seiner Pressesprecherin zufolge geht seine Leidenschaft für Schottland auf seine Mutter zurück, eine einfache, mit Gälisch aufgewachsene Frau von den Äußeren Hebriden. Donald Trump landet in seiner Boeing 727 in Aberdeen. Aberdeen ist Schottlands Ölhauptstadt, doch der Nordseeboom geht seinem Ende entgegen. Das Land setzt seine Hoffnung auf den Tourismus. In der Heimat des Golfs gibt es, gemessen an der Bevölkerung, zwar jetzt schon mehr Golfplätze als irgendwo sonst auf der Welt, jeder amerikanische Golfer, der auf sich hält, reist einmal im Leben nach Schottland, zieht sich kurios karierte Hosen an und stapft im Nieselregen hinter den weißen Bällchen her. Trump besitzt neben dem Trump Tower und dem Trump World Tower – zwei der höchsten Wolkenkratzer New Yorks – bereits neun nach ihm benannte Golfklubs in den USA und in karibischen Ferienparadiesen. Nun will er nördlich von Aberdeen das »großartigste Golfresort der Welt« bauen. Zwei Plätze, ein neugotisches 450-Betten-Hotel, 950 Ferienhäuser. Er träumt von den Open Championships und vom Ryder Cup. Er protzt mit einer

Milliarde Pfund, die er lockermachen will, und verspricht 1400 Arbeitsplätze. Das Dorf heißt Balmedie. Die Bauern verkaufen glückstrahlend ihr Land. Die Dörfler hoffen, dass ihre grau verputzten Einfamilienhäuser durch die exklusive Nachbarschaft an Wert gewinnen. Sie hoffen, den Golfplatz und das geplante Wellnesszentrum zum Vorzugspreis nutzen zu dürfen. Nur einer legt sich quer, ein bärbeißiger Kauz namens Michael Forbes. Forbes, 56 Jahre alt, ist Vorarbeiter in einem nahe gelegenen Steinbruch. In seiner Freizeit fischt er Lachse. Er besitzt neun Hektar Land, die direkt an den geplanten Golfplatz grenzen. Ein holpriger Weg führt zu dem schäbigen Bungalow, in dem er mit seiner Frau haust. Seine 85-jährige Mutter Molly wohnt in einem Caravan. Auf den sauren Wiesen liegen Ölfässer herum, neben dem Haus steht ein rostiger Traktor. Auf einer mit ausrangierten Farmmaschinen vollgestopften Scheune steht in großen roten Lettern: HIER KEIN GOLF. Trump bietet Forbes 350 000 Pfund für seine Klitsche. Der sagt Nein. Trump bietet ihm 375 000 Pfund. Er winkt ab. Trump trägt ihm eine Leibrente von 50 000 Pfund im Jahr an. Der Kleinhäusler erklärt, wenn er ihm 1,5 Millionen Pfund böte, würde er vielleicht zwei Minuten zögern, aber auch diese Offerte ablehnen. Zuerst macht Trump auf cool. Okay, dann eben nicht. Aber kann er einem Tiger Woods oder einem Bernhard Langer zumuten, sich auf seinen Abschlag zu konzentrieren, wenn in nächster Nähe Gänse schnattern, Hühner gackern und eine Katze über den Fairway läuft? Wie würde sich der Anti-Golf-Slogan auf Fernsehbildern ausnehmen? Die Wirklichkeit entfernt sich von der Welt des Kinos. Trumps Handlanger verwehren Forbes den Zugang zum Strand, wo er seine Netze auslegt. Forbes bekommt überraschenden Besuch vom Tierschutzverein und von der Hygieneaufsicht. Beide finden nichts zu beanstanden. Forbes erklärt grimmig, je mehr Trump ihn

herumzuschubsen versuche, umso erbitterter werde er sich widersetzen. Dann machen das Planungsamt und die Umweltbehörde Trump einen Strich durch die Rechnung. Sein Vorhaben, stellen sie fest, gefährde ein Landschaftsschutzgebiet und entspreche nicht dem Bebauungsplan. Doch der Magnat hat vorgesorgt. Schottlands Ministerpräsident Alex Salmond will sein Land in die Unabhängigkeit führen. Er reist zum Dinner nach New York. Ausländische Investoren sind wichtig. Die Regierung segnet Trumps Pläne ab. Ein Trump begnügt sich nicht mit halben Siegen. Er besorgt sich vom eingeschüchterten Planungsamt eine erweiterte Baugenehmigung, die Land einschließt, das ihm gar nicht gehört. Forbes’ Hof, die Häuser vier weiterer Familien und zwei unbebaute Grundstücke. Das ist in Schottland möglich. Nach einer weiteren, nicht sehr bekannten Bestimmung können die Eigner dieses Landes zum Verkauf gezwungen werden, wenn das dem Interesse der Allgemeinheit dient. Das Regionalparlament entscheidet darüber. Trumps Rechtsanwälte stellen den Antrag auf Enteignung. Die Geschichte wird vielen Schotten unheimlich. 15 000 Bürger unterzeichnen eine Petition »Stoppt Trump«. Eine »Befreiungsfront« schmückt heroische Standbilder in Aberdeen, Edinburgh und Glasgow mit Donald-TrumpMasken und Plastikgolfschlägern. Die Polizei schaltet sich ein und fahndet nach den Tätern. Der Milliardär beschwert sich, die Aktion habe seinen Ruf geschädigt, und droht, sein Geld anderswo zu investieren. Letzten Donnerstag debattiert der Bezirkstag die Zwangsenteignungen des Local Hero von Balmedie und der vier Familien. Die Mehrheit der Abgeordneten stimmt so ab, wie Trump es wünscht. Demonstranten schreien ins Plenum, »Jammerlappen!« und »Schlappschwänze!«, jemand löst den Feuermelder aus. Das Gebäude wird evakuiert. Die Polizei schreitet ein. Das wirkliche Leben löst sich vollends vom Filmskript.

ramatischer kann eine Entscheidung nicht fallen: Im Finale der Deutschen Meisterschaft standen sich im Juni die Basketballer von Oldenburg und Bonn gegenüber. Erst zwölf Sekunden vor Schluss drehte sich das Spiel – und Oldenburg errang zum ersten Mal die so begehrte wie unansehnliche Acryltafel des Meisters. Der Erfolg der EWE Baskets überraschte vor allem die Oldenburger selbst. Denn die sportliche Situation in der höchsten Spielklasse ähnelt der in der Fußball-Bundesliga: Ein Verein, Alba Berlin, dominiert seit Langem das Geschehen. Wenige andere – Bamberg, Bonn und Frankfurt – kämpfen um Anschluss und überflügeln Berlin ab und an. Achtmal hieß der Meister in den letzten fünfzehn Jahren Alba. Nun also Oldenburg, war das eine Euphorie! Kaum ein Ladenbesitzer, der nicht ein Trikot der siegreichen Mannschaft ins Schaufenster hängte, kein Tag ohne neue Details in der Lokalzeitung, keine Schule, in der sich nicht eine neu gegründete Basketball-AG um Netze bemühte. Wer interessierte sich noch für den Fünftligafußball des VfB? Oder für die BundesligaHandballerinnen des VfL? Oldenburg war plötzlich Basketballstadt. Und nun? In dieser Woche startet die Bundesliga in eine neue Saison, die Begeisterung ruht. Die Einzelhändler haben ihre Auslagen auf Herbst getrimmt, die Schulhöfe sind von Laub bedeckt, und die Netze setzen Moos an. Derzeit wird wieder mehr über Werder diskutiert als über die Baskets. Sogar der Verein dämpft die Erwartungen. Titelverteidigung? Die Rede ist von »zunehmender Leistungsdichte«, davon, dass Erfolg »nicht planbar« sei. Die Ziele der Konkurrenz klingen kaum anders: »den Abstieg verhindern«, »ein bisschen besser werden«, »gerne unter die ersten acht kommen«. Allein Alba Berlin gibt sein Ziel ohne Umschweife aus: Meisterschaft! Was für ein Sport ist das, der vor dem Saisonstart so wenig Ehrgeiz zeigt? Größer als die finanziellen Erfolge der Vereine in letzter Zeit scheinen die strukturellen Probleme zu sein. Niemand weiß genau, wie es um den deutschen Basketball steht. Einerseits ist das Interesse groß. Durchschnittlich vier von fünf Sitzplätzen waren in der vergangenen Saison belegt, mehr als eine Million Eintrittskarten wurden verkauft. Die Nachfrage steigt, auch wenn Handball, Eishockey und natürlich Fußball deutlich mehr Zuschauer anziehen. Andererseits war deutscher Basketball jahrelang kaum im Fernsehen zu sehen. In der letzten Saison zeigte der Sender Eurosport nur die Endrunde – die Übertragung des entscheidenden Spiels scheiterte an den ForEin AMERIKANER siegt mit Oldenburg: Rickey Paulding

derungen der Liga. Das soll nun anders werden, der Sender DSF wird einige Spiele übertragen. Was aber, wenn die Quote die hohen Kosten nicht rechtfertigt? Die Manager der Vereine messen den Erfolg an ihren Einnahmen. Für Geld tun sie viel. Seit ein paar Tagen heißt die Bundesliga nach der Firma Beko, einem türkischen Haushaltsgerätehersteller. Eine Million Euro bringt die Allgegenwart seines Signets in den Arenen. Auch viele Mannschaften nennen sich nach ihren Geldgebern, nach einem Energieerzeuger wie die EWE Baskets oder nach Müllentsorgern, Autoteilelieferanten, Werkzeugherstellern, Bekleidungshäusern. Die Identifikation erschwert das ungemein. Ratiopharm Ulm, LTi Gießen 46ers, da ist schlecht Anfeuern. Und wie viel Leidenschaft entfacht ein Verein, der mit dem Geldgeber den Namen wechselt? Die Deutsche Bank Skyliners aus Frankfurt traten kürzlich noch als Opel Skyliners an. Das Bamberger Team benannte sich in den letzten zwanzig Jahren gleich fünf Mal um – gegen Tapeten-TeppichbodenLand uniVersa Basketball Bamberg klingt der heutige Name Brose Baskets fast schnittig. Viele Namen sind nicht sehr deutsch, und das gilt auch für die Zusammensetzung der Mannschaften. Nur vier der zwölf Spieler eines Teams müssen einen deutschen Pass haben. Dem Bundestrainer Dirk Bauermann ist das zu wenig. Er wünscht sich zusätzliche Einsatzzeiten seiner international recht erfolglosen Schützlinge, mindestens ein deutscher Spieler solle immer auf einem Bundesligafeld stehen. Die Klubs lehnen diesen Vorschlag ab: Eine Pyramide baue man nicht von oben, sagen sie, und verweisen auf ihre Nachwuchsförderung. Die ist allerdings ganz neu, bislang haben sie lieber günstige Spieler aus den Vereinigten Staaten eingekauft. Von nun an will man mit Grundschulen zusammenarbeiten, um schon die Jüngsten für Basketball zu begeistern. Kein Talent soll mehr unerkannt bleiben. Künftig wollen alle Bundesligaklubs dasselbe Ziel verfolgen: Jährlich ein deutscher Nachwuchsspieler soll in die erste Mannschaft integriert werden. Nebenbei könnte dies die Identifikation mit der heimischen Basketballmannschaft auf einfache Weise stärken. Freitag ist Saisonstart in der HaushaltsgeräteBundesliga. Aber so richtige Spannung wird erst bei der Meisterschaftsrunde im Mai aufkommen: Selbst der Achte in der Tabelle kann dann noch Deutscher Meister werden. Diese eigenartige Dramaturgie verhindert wohl auch ein größeres Basketballfieber im Lande.

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Kohlefrei Ein Vorschlag zur Klimapolitik

Wer wird geschützt? Der Pauschalverdacht: Die FDP hat mit dem Sozialstaat nichts im Sinn. Die Realität sieht etwas anders aus VON ELISABETH NIEJAHR

Fotos: ddp; Mauritius (6); Plainpicture (2); Montage: DZ

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er erste junge FDP-Politiker wünscht sich mehr Teilzeitbeschäftigte in seinem Ministerium. »Am liebsten wäre mir ein Staatssekretär oder Abteilungsleiter, der wegen seiner Kinder eine Drei- oder Viertagewoche macht«, sagt Philipp Rösler, der Superminister für Wirtschaft und Arbeit in der Landesregierung von Niedersachsen. Der zweite schreibt Essays über »gefühlte Gerechtigkeit« und einen »neuen sozialen Konsens«. Er zitiert dabei gern den britischen Soziologen Anthony Giddens, ausgerechnet. Den hatte einst schon die Schröder-SPD wegen seiner Ideen für einen »Dritten Weg« zwischen Markt und Staat verehrt. »Es ist ein Alarmzeichen, dass immer mehr Menschen in Deutschland meinen, es gehe nicht gerecht zu«, sagt Christian Lindner, der Generalsekretär der nordrhein-westfälischen FDP und jetzt auch neuer Abgeordneter im Bundestag. Der dritte jungen Liberale hat sich das Motto »Leistung statt Herkunft« als heimliche Überschrift für die schwarz-gelben Koalitionsverhandlungen zurechtgelegt. »Chancengleichheit und Bildung sind die wichtigsten Reformthemen für die FDP«, sagt Daniel Bahr, Gesundheitsexperte der Liberalen und ebenfalls ein Mitglied des Bundestages. Rösler, Lindner und Bahr verkörpern die Zukunft der FDP – auch wenn sie manchmal fast reden wie Sozialdemokraten. Elf Jahre Opposition und viele Debatten über die Spaltung zwischen Arm und Reich haben die Partei verändert, und am deutlichsten merkt man das den Jungen an. Sie wollen nicht weniger Reformen als die Alten, aber sie reden anders darüber. Inhaltlich, aber vor allem rhetorisch hat die FDP in den vergangenen Jahren aufgerüstet. Rösler, Lindner und Bahr sind erst Anfang oder Mitte dreißig – aber sie sind schon lange im Ge-

schäft. Sie sind noch nicht mächtig genug für einen sicheren Posten in Angela Merkels neuem Kabinett – aber bedeutend genug, um jetzt bei den Koalitionsverhandlungen in Berlin mitzureden. Auf die Posten in der neuen Regierung mögen jetzt andere warten, die Älteren: der Finanzexperte Hermann Otto Solms, die frühere Justizministerin Sabine LeutheusserSchnarrenberger und natürlich Parteichef Guido Westerwelle. Aber Rösler, Lindner und Bahr können etwas sagen zur Zukunft des Sozialen in einem schwarz-gelb regierten Land. Welchen Sozialstaat will die FDP? In ihren Programmen erscheint die Antwort klar, da fordern die Liberalen weniger Staat, weniger Kündigungsschutz, weniger Umverteilung. Doch wie wichtig ist es ihnen, solche Vorstellungen zum Sozialstaat nach dem Wahlerfolg auch durchzusetzen? Noch nie haben diese Fragen einen Wahlkampf so geprägt wie in diesem Jahr, was allerdings nicht an den Liberalen selbst lag. SPD, Linkspartei und Grüne machten die Warnung vor dem Sozialabbau durch eine schwarzgelbe Koalition zu ihrem wichtigsten Thema; mancher Sozialdemokrat sprach darüber mehr als über das eigene Programm. Selbst wichtige Unionspolitiker wie der CSU-Chef Horst Seehofer taten so, als müsse man den Bürger vor dem angeblichen »Wunschpartner« FDP und seinen Deregulierungsplänen schützen. Der nordrhein-westfälische Ministerpräsident Jürgen Rüttgers und sein Arbeitsminister Josef Laumann kündigten sich für die Koalitionsverhandlungen in Berlin an, um

»Zumutungen« und »Grausamkeiten« zu verhindern. »Wir sind die Unsensiblen, die Eiskalten, die Leute aus der Champagneretage – immer noch und immer wieder«, sagt Christian Lindner. Er hat schon einige Wahlkämpfe mitgemacht – aber noch nie einen, in dem ihm selbst und seiner Partei nicht soziale Kälte vorgeworfen wurde. Das ist wohl der Grund, weshalb Lindner die Erfolge der Arbeiterwohlfahrt bei der Kinderbetreuung preist und Rösler in Interviews oft über Begriffe wie Heimat oder Familie spricht. Lindner war drei, als zuletzt eine schwarzgelbe Koalition eine Mehrheit im Bundestag errang. Bahr war sechs, Rösler neun Jahre alt, als Helmut Kohl 1982 Kanzler wurde. An die Jahre gleich danach hat keiner von ihnen viele Erinnerungen. Ihre prägende Zeit waren die Neunziger mit ihren Standort-, Globalisierungs- und Reformdebatten. In diesen späten Jahren der Ära Kohl trug der damals gerade ernannte FDP-Generalsekretär Guido Westerwelle einige Kernsätze vor, die heute die liberalen Sozialstaatsdebatten prägen. Man müsse »die Schwachen vor den Faulen und den Cleveren schützen«, lautete einer davon. Dass der Sozialstaat für seine Leistungen etwas von den Empfängern erwarten solle – dieser Gedanke war für viele Sozialpolitiker von CDU und SPD damals noch eine harte Provokation. Dass ein schwer durchschaubares Steuer-, Abgaben- und Subventionsgeflecht Menschen ohne Bildung womöglich schlechter dient als ein leicht verständliches System – auch diese eigentlich banale Einsicht haben seither viele übernommen. Aus jener Zeit stammt auch das liberale Konzept für das sogenannte Bürgergeld, das diverse Sozialtransfers zusammenfassen und ersetzen soll (siehe Kasten).

Vor allem aber wetterte Westerwelle damals gegen die »Gefälligkeitspolitik« der anderen Parteien und die »Vollkaskomentalität« im Land. Beide Begriffe stehen immer noch im seit 1997 geltenden Parteiprogramm. Damals passte allerdings die ordnungspolitische Strenge aus Westerwelles Reden nicht recht zur Neigung der FDP, wichtigen Wählergruppen wie Ärzten oder Anwälten manchen Gefallen zu tun. Das Steuersystem musste einfacher werden – die Eigenheimzulage sollte bleiben. Man forderte Subventionsabbau – aber bitte nicht für die Landwirte, eine treue liberale Wählergruppe. Sparen ja – aber nicht bei der eigenen Klientel. Martin Lindner, FDP-Chef in Berlin, hat die Anfälligkeit für Lobbygruppen später in einem Beitrag für die ZEIT besonders schonungslos beschrieben. »Statt klare Positionen einzunehmen, bringen wir uns in den Geruch des Klientelismus«, schrieb er 2003 und nannte Beispiele: »Aus Rücksicht auf Apothekerkammern und -verbände spricht sich die Partei der Marktwirtschaft gegen den Versandhandel mit Arzneimitteln aus. Um sich nicht mit der Lobby der Handwerkerverbände anzulegen, hält die FDP am Meisterbrief fest, eine eher mittelalterliche Position.« Heute, sechs Jahre später, scheinen zumindest viele Ärzte zu hoffen, dass der alte Politikstil wiederkehrt. 56 Prozent der niedergelassenen Mediziner würden die FDP wählen, ergab kurz vor der Wahl eine Umfrage der Ärzte-Zeitung. Die SPD hätte nur 4,8 Prozent der Stimmen, die Union 23 Prozent erhalten. Und tatsächlich ist das Gesundheitswesen aus Sicht der FDP das heikelste und zugleich vielversprechendste Feld für künftige Reformen. Bei den potenziellen FDP-Wählern haben sich die Union und die SPD mit der Gesundheitspolitik besonders unbeliebt gemacht. Bei jeder PoleFortsetzung auf Seite 24

Wie ernst meint es die Bundeskanzlerin mit ihrem einstigen Lieblingsthema, dem Klimaschutz? Sie könnte ein Signal setzen. Derzeit werden in Deutschland 29 neue Kohlekraftwerke geplant oder bereits gebaut. Das lässt Klimaforscher verzweifeln, weil die neuen Meiler ein halbes Jahrhundert laufen. Will Deutschland der weithin akzeptierten Einsicht nachkommen, dass Industrieländer ihren CO₂-Ausstoß bis 2050 um 80 oder 90 Prozent mindern müssen, dann stünden die Werke bedenklich im Weg. Trotz aller Effizienzfortschritte würden gut 20 moderne Kohlekraftwerke reichen, um zur Mitte des Jahrhunderts die CO₂-Latte für das gesamte Land zu reißen. Mag ja sein, dass bis dahin längst das CO₂ von der Kohle mittels neuer Technik abgeschieden und in der Erde gebunkert werden kann – aber schwören mag darauf niemand. Also dürfte der Staat neue Kohlemeiler eigentlich nur noch erlauben, wenn sie in einigen Jahren ohne den Ausstoß von Klimagas arbeiten. De facto wäre das zunächst ein Kohle-Moratorium, weil wohl kein Versorger das technische Risiko einginge. Erst sauber werden, dann bauen, hieße das, und nicht: erst bauen und dann eventuell sauber werden. »Versorgungslücke!«, droht an der Stelle die Energiewirtschaft. Doch gerade jetzt ergibt sich eine Gelegenheit. Schwarz-Gelb will Atomkraftwerke länger laufen lassen als geplant – auch aus ökologischen Gründen. Egal, wie man dazu steht, wäre das der Moment, im Gegenzug neue Kohlekraftwerke nur noch unter der Bedingung der Sauberkeit zuzulassen. Die Energiewirtschaft hätte einen neuen Anreiz, in die Technik zur CO₂-Abscheidung zu investieren – und die Regierung könnte zeigen, dass sie in der Klimapolitik nicht einem Lager folgt, sondern einem Ziel. UWE JEAN HEUSER

30 SEKUNDEN FÜR

Monster Wenn Politiker über Abstraktes reden, greifen sie gern zu Motiven aus der Tierwelt. Da halten dann Haie als Metaphern für gefräßige Investoren und Heuschrecken für leichtfüßige Spekulanten her. Besonders beliebt sind neuerdings Monster. Erst Anfang der Woche erklärte Horst Köhler, dass er »das Monster noch nicht auf dem Weg der Zähmung« sähe – und meinte damit die Profitgier an den Finanzmärkten. Im Grunde müsste ein bürgernaher Präsident aber wissen, dass man nicht zähmen muss, was längst domestiziert ist. In deutschen Kinderzimmern winkt das Krümelmonster aus der Sesamstraße von der Mattscheibe, und Monstertrucks fahren Furchen in den Teppich. Konsolenspiele versprechen »Monsterspaß«, und was man traditionell einmal »cool« genannt hätte, finden Heranwachsende heute »monstergöttlich«. Dem Bundespräsidenten muss also gesagt werden: Diese Verniedlichung haben die Finanzmärkte nicht verdient! KERSTIN BUND

Tim Geithners Antwort Der US-Finanzminister weist die Kritik der Banken zurück. Ein Interview SEITE 32

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Das Mäuschen schweigt Schwarz-Gelb hat den Energiekonzernen eine Laufzeitverlängerung ihrer Atommeiler versprochen. Das Vorhaben ist schwieriger als gedacht

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alter Hohlefelder, der Präsident des Deutschen Atomforums, ist dieser Tage so wortkarg wie selten zuvor. Journalisten lässt der pensionierte E.on-Manager nur wissen, dass sie ihm in Sachen Ausstieg aus dem Atomausstieg nichts werden entlocken können, nicht einmal einen winzigen Informationsschnipsel. Hohlefelder sagt das, noch bevor überhaupt eine Frage an ihn gerichtet werden kann. Er sagt, er sei still wie ein »Mäuschen«. Mucksmäuschenstill. Vor fünf Monaten war der oberste deutsche Atomlobbyist noch sehr viel offener. Damals erklärte Hohlefelder, sofort nach Schließung der Wahllokale sei er bereit, Vorschläge zur Verlängerung der Meiler-Laufzeiten auf den Tisch zu legen: »Ab dem 27. September, 18 Uhr.« Nun aber schweigt er. Auch die Betreiber der deutschen Kernkraftwerke sagen kaum etwas. Seit der Bekanntgabe des von ihnen ersehnten Bundestagswahlergebnisses haben sie jede weiterführende Kommunikation mit der Öffentlichkeit praktisch eingestellt. Zugleich bereiten sie sich auf die für sie wichtigste Schlacht seit Jahren vor. In den gerade gestarteten Koalitionsverhandlungen zwischen Union und FDP geht es für E.on & Co um viel Geld, womöglich sogar um mehr als für jede andere Gruppe der Gesellschaft, die Steuerzahler inklusive. Darüber lässt sich nach Einschätzung der Atomlobby besser im kleinen Kreis von Spitzenmanagern und -politikern reden – statt unter Beobachtung der für Neiddebatten stets empfänglichen Öffentlichkeit. Tatsächlich erweist sich das Versprechen von Angela Merkel und Guido Westerwelle, den rotgrünen Atomausstieg in Teilen über Bord zu werfen, als ziemlich sperriges Vorhaben und als Plan, der noch für viel Schacher sorgen wird. Welchen Nuklearanlagen die zukünftige Regierung die Lizenz zum Weiterbetrieb erteilt, entscheidet zum Beispiel nicht nur über die Wettbewerbskraft neuer Energieanbieter. Es bestimmt auch über die Konkurrenzfähigkeit von jedem Einzelnen der vier Atomkonzerne mit – und birgt deshalb reichlich Zündstoff. Unklar ist auch, wie die Regierung als Gegenleistung für längere Laufzeiten an die Zusatzgewinne der AKW-Betreiber kommen will. Um in der Öffentlichkeit für die Operation Laufzeitverlängerung Akzeptanz zu gewinnen, ist dafür ein klarer Fahrplan aber unverzichtbar. Selbst die Verwendung des den Konzernen abgerungenen Geldes könnte sich für die Koalition als ungeahntes Problem erweisen: Sollte sie damit die Industriestrompreise senken wollen, droht Ärger mit der EU-Kommission.

Foto: Papsch/imago

Würden alle Meiler länger laufen, gäbe es 38 Milliarden Euro Extraprofite Eindeutig ist bisher nur, dass der Start in die schwarzgelbe Ära mit unappetitlichem Gezerre beginnt. Denn Union und FDP haben in ihren Wahlprogrammen nur allgemein versprochen, die Laufzeiten »sicherer« Kernkraftwerke zu verlängern. Sämtliche Bedingungen, an die sie den Ausstieg aus dem Atomausstieg zu knüpfen gedenken, ließen die künftigen Regierungsparteien dagegen offen – bis auf die Ankündigung, den Konzernen »einen Teil« der durch die Laufzeitverlängerung entstehenden Zusatzgewinne abknöpfen zu wollen, so die FDP. Die Union beansprucht sogar den »größten Teil« der Extraprofite. Der Geldsegen kommt zustande, weil die Stromerzeugung in abgeschriebenen Kernkraftwerken kaum mehr als zwei Cent pro Kilowattstunde kostet, während der Erlös aus dem Stromverkauf an der Leipziger

Wer wird geschützt? Fortsetzung von Seite 23 mik gegen Angela Merkels Gesundheitsfonds ist den Liberalen viel Beifall sicher. Konkret wird es wohl dazu kommen, dass CSU und Liberale gemeinsam die Honorare für die Ärzte im Süden zulasten ihrer Kollegen im NorANZEIGE

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den wieder steigen lassen. Die alte Regierung hatte mehr Einheitlichkeit beschlossen – um etwas gegen den Mangel an Hausärzten auf dem Land im strukturschwachen Norden zu tun. Auch die private Krankenversicherung wird wohl dank der neuen Koalition leichter neue Mitglieder gewinnen können als bisher; SPD-Ministerin Ulla Schmidt hatte die Einkommensgrenzen und Wartezeiten für Wechsler verschärft. Die Ärzte würde das freuen, privat Versicherte bringen mehr Geld.

Börse derzeit rund fünf Cent beträgt. Nach einer schon vor der Bundestagswahl angefertigten Analyse der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW) wird aus der kleinen Differenz bei einer pauschalen zehnjährigen Laufzeitverlängerung für sämtliche Meiler die stattliche Summe von mindestens 38 Milliarden Euro. Wird im Laufe der Jahre Strom an der Börse teurer, kann der Betrag sich sogar verdoppeln – allerdings erst über den gesamten Zeitraum der Laufzeitverlängerung, also ungefähr bis zum Jahr 2032. Dann müsste, selbst bei einer zusätzlichen Gnadenfrist von zehn Jahren, das jüngste deutsche Kernkraftwerk, Neckarwestheim 2, als letztes vom Netz gehen. Vorerst, 2010 und 2011, sind nach noch geltendem Recht allerdings lediglich zwei, allenfalls drei Meiler für die Zwangsstilllegung fällig: Biblis A (RWE), Neckarwestheim 1 (EnBW) und Isar 1 (E.on). Ermöglicht die schwarz-gelbe Regierung den Weiterbetrieb dieser Anlagen, könnte sie vielleicht von 2011 an einen Teil der durch den Weiterbetrieb erwirtschafteten Zusatzgewinne abschöpfen. Nach Berechnungen der Westdeutschen Landesbank (WestLB) ließen sich auf diese Weise indes bestenfalls einige wenige hundert Millionen Euro organisieren – mehr als nichts, aber keine Summe, mit der sich die wieder erstarkende AntiAKW-Bewegung besänftigen lässt. Überdies könnte der Versuch, den Atomkonzernen in die Kasse zu greifen, sogar vollkommen scheitern. Als sicher gilt nämlich, dass die zukünftige Regierung den Weiterbetrieb gerade der ältesten deutschen Kernkraftwerke, wenn überhaupt, dann nur unter strengen Sicherheitsauflagen erlauben wird. Die Konzerne müssten also erst einmal investieren. Gewinne aus der Laufzeitverlängerung unterlägen anschließend der normalen Körperschaft- und Gewerbesteuer. Beanspruchte der Fiskus obendrein einen erklecklichen Anteil des freien Cashflows, könnte manchem AKW-Betreiber die Lust am Weiterbetrieb seiner Altanlagen vergehen – ein Szenario, das nicht einmal unwahrscheinlich ist. Bis hinauf ins RWE-Management heißt es beispielsweise, man rechne kaum damit, dass Biblis A die Legislaturperiode »überlebt«. Doch unabhängig davon, auf welche Summe die Politik zugreifen könnte, stellt sich die Frage, auf welcher Rechtsgrundlage der Zugriff erfolgen könnte. Eine Abgabe auf politisch ermöglichte Zusatzgewinne gibt es in Deutschland nicht. Entweder müssten die AKW-Betreiber deshalb freiwillig zahlen, oder die schwarz-gelbe Regierung müsste sie mit einer neuen Zwangsabgabe behelligen, zum Beispiel mit einer Steuer auf Kernbrennstoff. Laut Analyse der WestLB ließen sich auf diese Weise in den kommenden Jahren öffentliche Einnahmen von jährlich rund 1,4 Milliarden Euro erzielen – genug, um ein energiepolitisches Wohlfühlprogramm zu finanzieren. Allerdings hat die Sache einen Haken: Die Brennstoffsteuer ist eine Idee von Sigmar Gabriel, dem noch amtierenden Umweltminister und designierten SPDVorsitzenden. Das Instrument dürfte deshalb für Schwarz-Gelb tabu sein. Die von Union und FDP zur Bedingung für längere Meilerlaufzeiten erhobene Forderung nach finanzieller Kompensation läuft deshalb auf einen »freiwilligen« Obolus der AKW-Betreiber hinaus, zu zahlen beispielsweise an eine neue EnergieStiftung. Damit die Summe zum Klotzen reicht, müssten die Konzerne allerdings einen nennenswerten Anteil der über die Frist der gesamten Laufzeitverlängerung zu erwartenden Zusatzgewinne vorab überweisen. Das Risiko für die Unternehmen: Sollten sich die Deutschen bei der nächsten

Wie wichtig das Thema der FDP ist, das merkte man schon bei der ersten Runde der Koalitionsverhandlungen am Montag. Da hakte es gleich beim Gesundheitsthema zwischen Union und FDP. Philipp Rösler forderte die Abschaffung des Gesundheitsfonds, obwohl die Kanzlerin verkündet hatte, man wolle dabei bleiben. Alle drei Jahre eine Jahrhundertreform im Gesundheitswesen – so könne das nicht weitergehen, argumentierte Rösler, ein ehemaliger Augenarzt. Am Ende bat die Kanzlerin den jungen Mann zum Vieraugengespräch ins Kanzleramt. Die FDP hat den Mediziner Rösler eigens zum zweiten Unterhändler in Sachen Gesundheit neben Daniel Bahr gemacht, weil sie hier mit besonders harten Debatten rechnet. Für die Union führt Merkels Kabinettsstar Ursula von der Leyen die Verhandlungen, sie gilt auch als Favoritin für das Ministeramt. Als Ressortchefin könnte sie gemeinsam mit der Kanzlerin ein altes Lieblingsprojekt durchsetzen – die Gesundheitsprämie, die jeder Versicherte als Beitrag zur Krankenversicherung zahlen soll und die nicht vom Einkommen abhängt. Ein zweiter wesentlicher Reformbereich für die Liberalen wird wohl die Familienpolitik. Da die FDP am 27. September besser als erwartet abgeschnitten hat, wird in Berlin darüber spekuliert, ob sie ein Ressort mehr als geplant ergattern und mit einem Vertreter der jüngeren Generation besetzen könnte. Der oder die Neue würde dann im Zweifelsfall jene liberale Familienpolitik weiterführen, die von der Leyen begonnen hat: Reform des Ehegattensplittings, bessere Absetzbarkeit von Kinderbetreuung bei der Steuer – das wäre nicht nur in der deutlich verjüngten FDPFraktion sehr populär, sondern auch bei der jungen Wählerschaft. »Die Familien haben sich stärker verändert als die Familienpolitik«, sagt Rösler, der selbst Vater von

VON FRITZ VORHOLZ

Bundestagswahl wieder für ein nuklearkritisches Parlament entscheiden, könnte die Einmalzahlung perdu sein – es sei denn, die Transaktion würde rückgängig gemacht, was allerdings dem Image der AKW-Betreiber abträglich wäre. Dennoch hält auch der Bonner Steuerrechtler Rainer Hüttemann das Modell einer »freiwilligen« Vorab-Dotation für den einfachsten Weg, um an einen Teil der Atom-Milliarden zu kommen. Peinlich wäre ein solcher Deal trotzdem, besonders für die CDU/CSU. Tatsächlich hatte ein ähnlicher Umgang des früheren Bundeskanzlers Gerhard Schröder mit einer anderen Lobby einst heftige Kritik vieler Unionisten hervorgerufen. Schröder hatte Ende 2001 im Rahmen der Beratungen des Arzneimittelausgaben-Begrenzungsgesetzes mit dem Verband Forschender Arzneimittelhersteller vereinbart, bestimmte Salben und Pillen von einer Kostensenkung auszunehmen, wenn die Pharmaunternehmen 400 Millionen Mark an die gesetzliche Krankenversicherung zahlen würden. »Zusage durch Handschlag« hieß es damals aus den Reihen der Union. Und: Gesetzesinhalte würden »von Zahlungen der Gesetzesbetroffenen abhängig gemacht«. Der gleiche Vorwurf droht der Union nun selbst.

Das Geld von den Konzernen weckt bereits Begehrlichkeiten Sollte es Angela Merkel freilich gelingen, von E.on, RWE, Vattenfall und EnBW genügend Mittel zu beschaffen, um die Erforschung und Markteinführung erneuerbarer Energien zu beschleunigen, könnte zumindest die Unionsfloskel von der Kernenergie als »Brückentechnologie« glaubwürdiger werden. Jürgen Schmid, Mitglied im Wissenschaftlichen Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen (WBGU), hält zwar von längeren Meilerlaufzeiten nichts, begrüßt aber die Aussicht auf mehr Forschungsmittel. Nötig sei deren schrittweise Aufstockung bis zu einer Höhe von einer Milliarde Euro pro Jahr, etwa zur Erforschung intelligenter Stromnetze, größerer Windräder und effizienterer Verfahren der Biomassenutzung. Derzeit hat die Politik für die Zukunftsenergien nicht einmal ein Drittel des nötigen Betrages übrig. Allerdings hat die Aussicht auf das Geld der AKW-Betreiber längst auch andere Begehrlichkeiten geweckt. So macht sich Hans Heinrich Driftmann, Präsident des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHK) und persönlich haftender Gesellschafter des Haferflockenunternehmens Peter Kölln, dafür stark, die Mehreinnahmen für Strompreissenkungen zu verwenden. Private Verbraucher und Unternehmen würden dann »zugleich entlastet«, behauptet er. Auch die Union hat in ihrem Wahlprogramm die Absicht geäußert, Strompreise zu senken. Das Vorhaben geriete allerdings in Konflikt mit dem europäischen Beihilferecht – und mit dem schwarz-gelben Bekenntnis zur Marktwirtschaft. Zu dem passen staatliche Eingriffe in die Preisbildung eigentlich überhaupt nicht. Auch deshalb ist es nicht ausgeschlossen, dass Merkel und Westerwelle den Spaß an ihrem Projekt, das Ruder in der Atompolitik umzudrehen, wieder verlieren. Womöglich schneller, als sie heute noch denken . Weitere Informationen auf ZEIT ONLINE: www.zeit.de/energie

Mitarbeiter im Atomkraftwerk BIBLIS A, dem die Schließung droht

a www.zeit.de/audio

Das Programm Arbeit muss sich wieder lohnen, lautete eine der Botschaften im Wahlkampf der Liberalen. Dieses Ziel wollen sie mit einer umfassenden Steuerreform erreichen. Danach soll jedem Bürger, ob Kind oder erwachsen, ein Grundfreibetrag von 8004 Euro zustehen. Auf Einkommen über dieser Grenze würden Steuersätze in drei Stufen fällig: von 10 auf 25 bis maximal 35 Prozent (heutiger Spitzensatz: 45 Prozent). Außerdem wären Gewinne aus Aktienverkäufen nach Ablauf einer Spekulationsfrist künftig wieder steuerfrei. Familien verspricht die FDP ein höheres Kindergeld. Es soll von heute 164 Euro im Monat auf 200 Euro steigen. Das käme denen zugute, die den Steuergrundfreibetrag nicht voll ausschöpfen können. Zudem ließen sich Kosten für die Kinderbetreuung in Höhe von bis zu 12 000 Euro im Jahr (bisher: 4000 Euro) steuermindernd geltend machen. Alle steuerfinanzierten Sozialleistungen will die FDP in einem Bürgergeld zusammenfassen. Es ist nicht mit einem bedingungslosen Grundeinkommen zu verwechseln. Das Bürgergeld wird nur an Bedürftige ausgezahlt, die bereit sind, eine zumutbare Arbeit anzunehmen. Mit dieser Leistung sollen unter anderem das Arbeitslosengeld II, das Wohngeld, das Sozialgeld, der Kinderzuschlag und die Grundsicherung im Alter ersetzt werden. Einem Single stünden (mit regionalen Abweichungen) 662 Euro im Monat zu. Das entspricht etwa den heutigen Hartz-IV-Leistungen.

Am Arbeitsmarkt wenden sich die Liberalen gegen jegliche Mindestlöhne. Stattdessen soll das Bürgergeld dort, wo der Lohn nicht zum Leben reicht, ein Mindesteinkommen sichern. Die Bundesagentur für Arbeit möchte die FDP auflösen. Eine Versicherungsagentur würde an ihrer Stelle das Arbeitslosengeld I auszahlen, um Langzeitarbeitslose sollen sich kommunale Jobcenter kümmern. Zu gelber Gesundheitspolitik gehört vor allem »eine starke private Krankenversicherung«. Daneben will die FDP auch den Wettbewerb der gesetzlichen Kassen untereinander verschärfen. Sie sollen wieder mit unterschiedlichen Beitragssätzen um Kunden werben, der Gesundheitsfonds würde abgeschafft. RUD

Ärzte wählen FDP Ergebnis einer Umfrage unter Medizinern vor der Bundestagswahl

23 CDU/ CSU 56 FDP

6,3 Grüne 4,8 SPD 9,9 Sonstige/ keine Angaben

ZEIT-Grafik/Quelle: Ärzte-Zeitung

Zwillingen ist. Auch der Beifall der Wirtschaft wäre der FDP für diese Politik wohl sicher. Die Arbeitgeberverbände wollen nämlich angesichts des absehbaren Fachkräftemangels »alles auf den Prüfstand stellen, womit der Staat die Alleinverdienerehe fördert und die Erwerbstätigkeit der Frauen bremst«, so Alexander Gunkel, Hauptgeschäftsführer bei der Bundesvereinigung der Arbeitgeberverbände. Politik machen, die gleichzeitig wirtschaftsfreundlich und attraktiv für junge Frauen ist – das wäre für die FDP eine völlig neue Erfahrung. Doch als der ganz große Preis würde all das wohl noch nicht empfunden. Richtig attraktiv wäre es für FDP-Politiker der alten wie der neuen Garde erst, wenn man auch Vorstellungen zur Arbeitsmarktpolitik durchsetzen könnte. Bloß: Das erscheint aussichtslos. Wie sollte man mitten in der Krise Lockerungen beim Kündigungsschutz bewirken – ausgerechnet in einer Zeit, in der die Regierung Milliarden ausgibt, um Kurzarbeiter in ihren Unternehmen zu halten? Die Forderung, Mindestlöhne abzuschaffen, ist ebenfalls nicht populär. So sieht man es auch bei der FDP selbst. Außerdem, das sagen gerade die jüngeren FDPPolitiker, habe die Regierung Schröder bei Arbeitsmarkt und Rente schon viel von dem erledigt, was man sich bei den Liberalen einmal vorgenommen hatte. »Die Agenda-Politik war liberale Reformpolitik«, sagt Christian Lindner. Und für Daniel Bahr ist die Einführung der Riester-Rente sogar das Vorbild für schwarz-gelbe Reformprojekte der nächsten Jahre. Da bleibt unterm Strich also ein liberales Arbeitsprogramm übrig, das gar nicht allzu ambitioniert klingt. Reformen bei den Themenfeldern Familie und Gesundheit, mehr Geld für Bildung und kein Rückfall in die Klientelpolitik alter Tage. Man könnte wieder meinen, Gerhard Schröders Enkel säßen ausgerechnet in der FDP.

WIRTSCHAFT

8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

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Sie machen nachts die Straßenlichter aus Wie die Krise die deutschen Kommunen trifft: Die Metallstadt Solingen muss sparen, kürzen und schließen, um eine Pleite zu vermeiden

VON JUTTA HOFFRITZ

Fotos: Zwilling J.A. Henckels AG; Stadt Solingen; Joerg Lange/IHK (v.o.n.u.); ZEIT-Grafik

D

ie Messerfabrik Zwilling hat seit ihrer Grün- in Solingen. Der frisch gewählte Oberbürgermeister – Nordung 1731 alle Kriege und Krisen über- bert Veith von der CDU – hat die Amtsgeschäfte noch standen. Die lange rote Backsteinfront in der nicht übernommen. Vorsorglich hat Weeke schon vor Innenstadt von Solingen wirkt wie eine Burg Monaten ein paar Sparmaßnahmen durchgepaukt: Das – eine Festung, der kein Sturm etwas anhaben kann. Hallenbad kostet inzwischen 3,80 statt 3 Euro, das KlinDoch der Eindruck täuscht. Hinter der Fassade herrscht genmuseum 4,50 statt 3,50 Euro. Und die Hundesteuer derzeit alles andere als Normalität: Der Traditionsbetrieb ist auch gestiegen. Jeder weiß, dass es dabei nicht bleiben leidet unter Absatzmangel. Jeder dritte der knapp 700 wird. Die Stimmung in Solingen ist gespannt. Als die Lokalzeitung neulich schrieb, dass im FinanzBeschäftigen in Solingen arbeitet kurz. Angekündigt war das zunächst bis Juli, dann wurde die Kurzarbeit bis zum ausschuss über den Verkauf öffentlicher Grünanlagen Jahresende verlängert. Und danach? Dazu will sich bei diskutiert werden solle, dauerte es keine Woche bis an den Zwilling keiner äußern, schon gar nicht öffentlich. »Sie Bäumen des ehemaligen Botanischen Gartens erste Promüssen Verständnis haben«, heißt es, »die Mitarbeiter testnoten hingen. »Park-Rettung: Wer macht mit?«. Versind unruhig genug.« fasser ist Manfred Busch, 46 Jahre. Er wohnt in einem Zwilling ist kein Einzelfall. Theoretisch können Chefs Schieferhäuschen in unmittelbarer Nähe des Parks. Seine ihre Leute zwar bis zu 24 Monate lang nach Hause schi- Söhne sollten so unbekümmert zwischen den uralten cken, ohne kündigen zu müssen. In der Praxis mussten Buchen und Ahornbäumen spielen können wie er früher, viele aber schon handeln, und noch weit mehr denken sagt er. Wenn Teile privatisiert würden wie geplant, sei es über Stellenstreichungen nach. nur eine Frage der Zeit, bis gebaut werde. Für die betroffenen Städte und GeBusch ist Vertriebsmann, er verkauft meinden hat das dramatische Folgen, Scheren aus Solingen, bundesweit. Er auch wenn die Konjunkturpakete weiß, wie man Leute auf seine Seite A46 es bisher verdeckt haben. Sinkenzieht. 15 Unterstützer hat er schon. Wuppertal de Gewerbesteuern, gepaart mit Er sagt, er werde eine BürgerDüsseldorf steigenden Sozialkosten, sind initiative gründen. Er will proA1 eine böse Mischung. Bürgerminente Solinger um Hilfe bitA46 A3 meister gehen inzwischen daten: Ex-Bundespräsident Walter ran, kommunale Leistungen zu Scheel vielleicht, die SchauSolingen spielerin Veronika Ferres oder streichen, Zuschüsse zu kürzen, Nordrheinund mancherorts müssen sie den Bestsellerautor Richard DaWestfalen Rhein Bergisch ernsthaft überlegen, wie lange vid Precht. Auf jeden Fall will Gladbach sie noch eine Grundversorgung Busch jetzt richtige Plakate druA1 aufrechterhalten können. Besoncken lassen. ders gefährdet sind Regionen, die Kämmerer Weeke hat VerständKöln sich auf hochwertige Konsum- und nis für den Unmut. In Solingen wird ja 10 km Investitionsgüter spezialisiert haben, Menicht erst seit gestern gespart. Dort türmt tall-Regionen, typisch deutsche Regionen – wie sich die aktuelle Krise auf die strukturellen Prodas Bergische Land. bleme. Die Stadt und ihre Verwaltung haben mit dem Alles worauf die Wirtschaftsförderer hier bisher be- Wandel in der Region nicht Schritt gehalten. In den versonders stolz waren, scheint sich nun in der Krise gegen gangenen zwei Jahrzehnten hat Solingen rund 9000 Arsie zu wenden: Das Dreieck zwischen Solingen, Remscheid beitsplätze verloren – fast ein Fünftel der jetzt insgesamt und Wuppertal ist nicht nur der älteste Industriestandort knapp 50 000 Jobs. Früh verlegte etwa der Klappschirmdes Industrielandes Nordrhein-Westfalen. Es ist auch der hersteller Knirps seine Produktion nach Fernost, worunter am stärksten spezialisierte Metall-Cluster der gesamten die Qualität jedoch so litt, dass das Unternehmen seine Republik. Nirgendwo in Deutschland stellen die Inge- Unabhängigkeit verlor – und nach Österreich verkauft nieure, Schmiede, Schleifer und Dreher einen höheren wurde. Auch Krups gibt es hier nicht mehr. Die Mixer Anteil der Beschäftigen als in dieser Region. kommen aus aller Welt, und die Marke gehört zum franWeil die waldigen Hügel landwirtschaftlich wenig zösischen Moulinex-Konzern. Der Traditionsbetrieb hergaben, dafür aber reich an Erzen waren, begannen die Zwilling ist Solingen zwar treu geblieben, die Mehrzahl Bewohner schon im Mittelalter ihren Lebensunterhalt mit der Messer produziert aber das Zweigwerk in Shanghai. der Herstellung von Schwertern zu verdienen. Und als die Um den schwindenden Einnahmen zu begegnen, ohne Feuerwaffen aufkamen, verlegten sie sich auf Messer und die kommunalen Leistungen in erheblichem Maße einScheren. Später schenkten sie der Hausfrau die Krups- zuschränken, hat die Stadt vor zehn Jahren als eine der Küchenmaschine. Und der Knirps-Klappschirm ist eben- ersten mit der kaufmännischen Buchführung experimenfalls ein Kind der bis heute innovativen Region. tiert. Es ging um Kostenbewusstsein und den Versuch, das »Wir haben die höchste Patentdichte bundesweit«, sagt gleiche Ergebnis mit weniger Geld zu erreichen. Doch das Friedhelm Sträter über einen Erfindergeist, den man sonst brachte nicht genug. Und so sank die Zahl der Bürgerin Deutschland eher bei den Schwaben vermutet. Sträter büros, die Stadtteilbibliotheken wurden allesamt geschlosist Präsident der Industrie- und Handelskammer und ver- sen, und der Bücherbus ist auch weg, ohne dass die Stadttritt insofern die Betriebe aus Wuppertal, Solingen und finanzen dadurch grundlegend saniert worden wären. »Wir Remscheid. Gleichzeitig ist seine Firma auch ein Beispiel hatten gehofft, das reicht«, sagt der Kämmerer. In der Krise nun droht die Kommune ihre Handdafür, woran die Wirtschaft hier – bei aller Wendigkeit – krankt: Dienstleister gibt es wenige. Die meisten Innova- lungsfähigkeit zu verlieren. Das Problem ist: Selbst zum Sparen braucht man Geld. Mit 7000 Energiesparleuchtionen fanden in der zyklischen Metallbranche statt. Auch Sträter selbst, der als Zulieferer von Firmen wie ten, so hat der Kämmerer ausgerechnet, könnte man Zwilling und Dreizack begann, hat sich mehrfach neu die Kosten der Straßenbeleuchtung jährlich um mehreerfunden. Zum Beispiel in der Krise Anfang der neunziger re Hunderttausend Euro senken. Aber diese AnschafJahre. Damals, als die Weltkonjunktur ebenfalls schwä- fung kann sich Solingen aktuell nicht leisten. Bleibt chelte und das frisch vereinigte Deutschland seinen Bedarf nur die Verdunklung, und so wird – etwa an den Ausan Messern made in Solingen gedeckt zu haben schien, fallstraßen nach Wuppertal und Remscheid – nachts hatten Sträters Maschinen Leerlauf. Er überlegte, dass sie einfach das Licht ausgedreht. neben Klingen-Rohlingen genauso gut andere Werkstücke Friedhelm Sträter macht so etwas wütend. »In Solingen pressen könnten, und zog den ersten Auftrag aus der Auto- geht das Licht aus«, schnaubt der IHK-Präsident. »Wo industrie an Land. Wenig später machte er als Kfz-Zu- gibt’s denn so was?« Er weiß, dass die Nachbargemeinden lieferer mehr Umsatz denn als Messer-Vorfabrikant. unter ganz ähnlichen Problemen leiden. Statt bei der BeDas Ganze ging gut bis zum Jahr 2008. Im Frühjahr leuchtung solle man an der Verwaltung sparen, meint er. schon begann die Nachfrage nach Messern Wenn es nach ihm ginge, würden die inszu bröckeln, vor allem in den USA. Im gesamt 600 000 Einwohner der Region August – zwei Wochen vor der Lehmanlängst aus einem einzigen Rathaus regiert. Pleite – musste Sträter für seine Sträter Jahrelang versuchte er, Unterstützung für Solingen Cutlery Insolvenz anmelden. seine Idee zu gewinnen. Die IHK Wuppertal-Solingen-Remscheid hat die VerKurz darauf kam die Krise auch in seiner einigung schließlich längst vollzogen. Autozulieferfirma ESU an. Ab Oktober bekam er statt Aufträgen nur noch Storni. In der Politik hatte er es schwerer. Zwar Im Februar dieses Jahres schickte er die bekam Sträter für sein Engagement beim ersten Leute in Kurzarbeit. »Zusammenwachsen im bergischen StädInzwischen prüft Sträter täglich seine tedreieck« 2006 das Bundesverdienstkreuz Liquidität – selbst wenn er Arbeit hat. Das von Ministerpräsident Jürgen Rüttgers Problem sind die Lieferanten und ihre angeheftet. Bei den Oberbürgermeistern Kreditversicherer. Früher musste er nur und Räten kam die Sache weniger gut an. beim Stahlhändler anrufen und bekam Auch die Lokalpresse ist nicht begeistert: Material. Heute muss er für jede Rolle »Weg mit der Vision ›Wuppremlingen‹!«, Blech seine Zahlungsfähigkeit unter Beforderte das Solinger Tageblatt. Inzwischen lassen sich erste Schritte weis stellen – gerade als Autozulieferer. Im STADTKÄMMERER Ralf Februar ist drüben in Remscheid Edscha, der Annäherung ausmachen. Wenn man Weeke (oben), Untereiner der größten deutschen Betriebe der bei den Stadtverwaltungen von Wuppernehmer Friedhelm Sträter Branche, in die Insolvenz gegangen. »Das tal oder Remscheid anruft, landet man in Vertrauen ist weg« sagt Sträter düster. einer gemeinsamen Telefonzentrale. In der Er blickt auf die Wand gegenüber, wo jemand in einem Not will sich Solingen ebenfalls anschließen. Auch die Bilderrahmen verschiedenste Guss- und Stanzteile zu ei- Feuerwehren und Fleischbeschauer der Region wollen nem zwei Quadratmeter großen Gesamtkunstwerk arran- enger zusammenarbeiten. Dem Mann der Wirtschaft geht das viel zu langsam. giert hat: Die unendlichen Möglichkeiten des Metalls. Sträters hohe Stirn liegt in Falten. Im Gehirn dahinter »Wenn hier Feuerwehrleitstellen zusammengelegt werden, arbeitet es: Man sieht, er sinnt darüber nach, wie er dem ist das Anlass, einen Minister einzuladen«, spottet Sträter. Schicksal diesmal ein Schnippchen schlagen kann. »Im Unternehmen muss man jeden Tag solche EntscheiDie Krise von Sträter und anderen macht Ralf Weeke dungen treffen, sonst überlebt man nicht.« Er selbst hat sich gerade mit einer anderen Solinger das Leben schwerer. Weeke ist der Stadtkämmerer von Solingen. Der schlanke Mann sitzt in seinem Büro vor Messerfabrikantin zusammengetan. Gemeinsam haben einer Tafel mit bunten Linien und roten Vierecken. Die sie dem Insolvenzverwalter Sträters brachliegende Fabrik roten Vierecke sind die Löcher in der Stadtkasse. Das Vier- abgekauft, 20 der ursprünglich 65 Messermonteure wieder eck für 2009 wird er noch vergrößern müssen: Nach eingestellt und auch schon den ersten großen Auftrag an neuester Schätzung werden 73 Millionen Euro fehlen, im Land gezogen. Als Nächstes sucht Sträter einen Partner nächsten Jahr dann 76 Millionen Euro. »Wenn wir nicht für seinen Autozulieferbetrieb. heftig gegensteuern, sind wir 2012 pleite«, sagt Weeke. Fürs Gegensteuern ist die Zeit zuletzt denkbar ungüns- i Weitere Informationen auf ZEIT ONLINE: www.zeit.de/finanzkrise tig gewesen: Den ganzen Sommer herrschte Wahlkampf

IN DER MESSERFABRIK ZWILLING in Solingen ist jeder Dritte von Kurzarbeit betroffen

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Durch tausende Kilometer lange PIPELINES kommt Gas …

… nach Deutschland. Im Bild ein KONTROLLZENTRUM von E.on in Hamburg

Wir zahlen zu viel Für Gas geben die Deutschen mehr Geld aus als fast alle Nachbarn. Schuld daran sind große Energieversorger und kleine Stadtwerke VON CLAAS TATJE

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iese Frau will die Energiemonopole knacken, für Wettbewerb auf Deutschlands Gasmärkten sorgen. Angriffslustig wirkt sie mit ihrem grauen Kurzhaarschnitt, ihre Sprache ist knapp und klar. »Die Preiserhöhungen waren völlig willkürlich«, schimpft Irmgard Czarnecki über ihren Gegner, den lokalen Gasversorger in Bremen. Und sie nahm nicht hin, was Millionen deutsche Haushalte seit Jahren umtreibt. Schon 2004 ermunterte die Geschäftsführerin der Verbraucherzentrale Bremen Gaskunden dazu, Preiserhöhungen des Versorgers swb zu widersprechen. Am 28. Oktober entscheidet nun der Bundesgerichtshof, ob die Verbraucher Recht bekommen und ob swb einkassierte Beträge in Millionenhöhe zurückzahlen muss. Tausende Haushalte in Bremen und Bremerhaven hoffen auf Geld, andere Verbraucher in Deutschland auf die Signalwirkung des Urteils.

Die Erfolgschancen sind groß. Dennoch wirkt Czarnecki wenig überschwänglich. Ihr geht es um viel mehr als ein paar Hundert Euro pro Kunde. Sie will wissen, wie der Bremer Gaspreis entsteht und wie die swb den Preis gestaltet. Die Verbraucherschützerin will Transparenz in einem der undurchsichtigsten Märkte, die es in Deutschland gibt. Transparenz – dieses Wort treibt den swb-Finanzvorstand genauso um wie die Chefs der überregionalen Gaslieferanten. Nichts fürchten die Manager mehr, als ihre Kalkulation offenzulegen. »Wochenlang haben wir überlegt, wie wir reagieren, wenn das Gericht sagt: Zeigt eure Kalkulation«, gesteht Torsten Köhne, der bei swb die Finanzen verantwortet. Der Grund liegt auf der Hand. Solange nur einige Fachleute entlang der Lieferkette wissen, nach welchen Regeln und mit welchen Verträgen etwa Gas von Gasprom aus Sibirien in das deutsche Netz von E.on Ruhrgas gepumpt und

von dort in Richtung Norden weiter verteilt wird, profitieren alle – nur nicht der Endkunde. Obwohl schon vor zehn Jahren die Liberalisierung des deutschen Gasmarkts begann, ist das Ziel eines freien Markts – Gas zu einem möglichst niedrigen Preis anzubieten – längst nicht erreicht. Einer Studie im Auftrag der Grünen-Bundestagsfraktion zufolge hätten die Preise zum 1. Oktober 27 Prozent niedriger sein müssen als im Vorjahr. Tatsächlich sind sie aber nur um durchschnittlich 20 Prozent gesunken. Jeder Haushalt zahlt danach im Schnitt 90 Euro im Jahr zu viel. Auch das Ausland beweist, dass Gas für Deutsche teuer ist. Im ersten Halbjahr 2009 war das Gas nur in Portugal und Schweden teurer als in Deutschland. In Frankreich, Italien, den Niederlanden, Großbritannien wie auch EU-weit zahlten die Verbraucher mit 4,8 Cent je Kilowattstunde Gas rund einen Cent weniger als die Deutschen.

Gewinner sind die Unternehmen und Aktionäre. 39 Millionen Euro Gewinn machte 2008 schon die vergleichsweise kleine swb, 45 Millionen Euro wurden an ihre Anteilseigner ausgeschüttet. Das Gas der Bremer liefert vor allem E.on Ruhrgas. Der Konzern verbuchte einen Gewinn vor Zinsen und Steuern von 2,6 Milliarden Euro, die Konzernmutter E.on schüttete 2008 Dividenden von über 2,8 Milliarden Euro aus. Lieferanten aus Norwegen, Russland, den Niederlanden und Großbritannien verdienen am deutschen Markt ebenfalls prächtig. Zu den Gewinnern zählen aber auch Kommunen, die mit den Profiten ihrer Stadtwerke den öffentlichen Nahverkehr, Krippenplätze oder den Lokalsport subventionieren. Ein kurzer Blick in die Vergangenheit hilft, das deutsche Gasgeschäft zu verstehen. Schon 1997 konnte Irmgard Czarnecki im Bremer Weser-Kurier lesen, wie die EU Wettbewerb auf dem Gasmarkt erzwingen wollte. Den Brüssler Beamten schwebte – ähnlich wie in der Telekommunikation – ein europäischer Binnenmarkt mit mehreren »nationalen Champions« vor, die untereinander in einem scharfen Wettbewerb stehen; damit verbunden seien dann sinkende Preise. Freilich haben Bundeskartellamt und Gerichte bislang mehr oder minder tatenlos zugesehen, wie der Wettbewerb in Deutschland verhindert wurde. Richter fühlten sich nicht zuständig, Beamte suchten den Vergleich. Bis heute wird der deutsche Markt laut EUKommission von einem Oligopol beherrscht, angeführt von E.on Ruhrgas (Marktanteil 40 Prozent). Diese Unternehmen müssten eigentlich ihre Gasrohre auch für Wettbewerber öffnen, halten Konkurrenten aber oft erfolgreich fern. »Um Wettbewerb zu verhindern, buchen einige Unternehmen Kapazitäten im Gasnetz, ohne sie zu nutzen«, oder sie würden vorhandene Kapazitäten einfach nicht für die Konkurrenz freigeben, kritisiert die Kommission.

Trotz der Privatisierung halten sich die regionalen Monopole Der mangelnde Wettbewerb ist auch dem Lobbyerfolg der Konzerne in Berlin zuzuschreiben. Gerade das Wirtschaftsministerium unterstützte ihre Anliegen, wie ein Ex-Staatssekretär zugibt: »Eine Schwächung der deutschen Konzerne im europäischen Wettbewerb, zum Beispiel durch eine von Brüssel betriebene Zerschlagung, wollte das Ministerium nicht hinnehmen.« Bundesregierung und Energiekonzerne einigten sich daher auf eine freiwillige Selbstverpflichtung. »Das ist gründlich danebengegangen«, sagt Bernhard Heitzer, der Chef des Bundeskartellamts, »die Unternehmen haben die Liberalisierung torpediert und sie erfolgreich um Jahre verzögert.« Nicht nur die Preise sind dafür ein guter Indikator. In Großbritannien etwa sind auch die Wechselraten von Kunden deutlich höher als in Deutschland. Nur ein Prozent der Haushalte haben hierzulande vergangenes Jahr ihren Lieferanten gewechselt. Der britische Markt ist zudem offener für Unternehmenskäufe ausländischer Konzerne. Auch in den Niederlanden ist laut EU-Kommission der Kampf um die Kunden deutlich ausgeprägter. In Bremen dagegen hält die aus den lokalen Stadtwerken hervorgegangene swb auch zehn Jahre nach ihrer Privatisierung einen Marktanteil von 97 Prozent – obwohl ihre Gaspreise auch aus Sicht des Bundeskartellamts zu hoch waren. Im Herbst 2008 leitete die Behörde gegen das Bremer Unternehmen ein Verfahren ein, weil sich bei ihm wie bei 32 weiteren Betrieben in Deutschland der Verdacht überhöhter Gaspreise erhärtet hatte. Das Kartellamt stützte sich dabei unter anderem auf die seit Dezember 2007 geltende Vorschrift, wonach Gasversorger eine marktbeherrschende Stellung nicht durch überhöhte Preise zulasten der Kunden missbrauchen dürfen. Allerdings stellten die Kartellwächter das Verfahren ein, nachdem die swb eine Rückzahlung an die Kunden in Höhe von acht Millionen Euro bekannt gegeben hatte. »Wir wollten treuen Kunden, die nicht geklagt hatten, ohnehin 65 Euro überweisen«, sagt Finanzvorstand Köhne heute zu dem Vorgang. Insgesamt kamen in den Verfahren laut Kartellamt bundesweit rund 130 Millionen Euro zusammen. Zudem haben die betroffenen Gasversorger auf die Weitergabe gestiegener Bezugskosten in Höhe von 230 Millionen Euro verzich-

tet. Damit hat sich das Amt bei vielen Kunden beliebt gemacht – nicht aber bei der Monopolkommission. Das Beratungsgremium der Bundesregierung kritisiert die Zusagen der betroffenen Unternehmen. Sie wirkten wie ein »Kundenbindungsprogramm«, da sie insbesondere aus »Rückerstattungen, Bonuszahlungen und dem Verzicht auf Preiserhöhungen bestehen«. Letztlich mag die finanzielle Kompensation der Endkunden zwar eine gute Außenwirkung haben, dem Wettbewerb aber nutzt sie wenig. Irmgard Czarnecki spricht von einem »faulen Kompromiss«, weil auch das Kartellamt von der swb nicht die Offenlegung der Kalkulation gefordert habe. Natürlich gibt es Personen, die ganz genau wissen, wie die Verträge auf den Gasmärkten gestrickt sind. Einer ist ein früherer Arbeitskollege von Torsten Köhne. Bei der swb baute Ralf Burgdorf das Risiko- und Portfoliomanagement auf, jetzt handelt er für Gasprom Germania Verträge aus. Über das Unternehmen wie über seine Mutter Gasprom weiß man wenig, eines aber scheint sicher: Seine Verhandlungsspielräume schöpft es aus. »Die Österreicher zahlten lange deutlich weniger als die deutschen Kunden. Innerhalb der EU variieren die Preise, die Gasprom von seinen Vertragspartnern verlangt, um bis zu 30 Prozent«, sagt ein Kenner des Themas bei der EU in Brüssel. E.on Ruhrgas, das an Gasprom beteiligt ist und bei der Erschließung von Gasfeldern kooperiere, zahle eher am oberen Ende. Stimmt das? Zu erklären, wie die Preiskalkulation zustande komme, sei »kein Hexenwerk«, sagt Ralf Burgdorf in seinem mit einem Trikot von Werbepartner Schalke 04 geschmückten Berliner Gasprom-Büro. Dann schreibt er eine Preisformel auf ein kariertes Blatt, wie sie so oder ganz ähnlich in fast allen langfristigen Verträgen der Branche zu finden sei. Alles hänge vom Ölpreis habt, dies überrascht wenig, denn daran ist die Gasrechnung seit den sechziger Jahren gekoppelt. Schießt der Ölpreis nach oben, dann folgt der Gaspreis meist mit einigen Monaten Verzögerung, obwohl die Förderung heute vollkommen unabhängig ist und die Gasreserven deutlich größer als die Ölmengen sind. Deshalb ist diese Koppelung längst in der Kritik. Noch aber steht die Abhängigkeit auch in Burgdorfs Beispielformel. Was er dann erklärt, ist anfangs nur schwer verständlich. Die Gasindustrie arbeite mit indizierten Preisen nach dem Motto 6-1-3: Ein Stadtwerk ziehe danach für die Preiskalkulation die Ölpreisentwicklung der vergangenen 6 Monate heran, zum Beispiel April bis September und dieser Preis gelte vom 1. November (1 Monat später) an für 3 Monate. Mit anderen Worten spüren die Gaskunden die Preisveränderungen beim Öl mit einer Verzögerung von einem Monat. Genauso gut könnten aber auch andere Zeiträume ausgehandelt werden. Es gebe also auch 9-0-2- oder 6-3-3-Formeln. Sind diese Notierungen das große Geheimnis der Verträge? »Ja«, sagt Burgdorf. Und sein früherer Kollege Köhne ergänzt: »Wie soll man so etwas Komplexes einfach zeigen?« Wer zum 1. November bei www.verifox.de nach dem günstigsten Anbieter sucht, der kann ihn also kaum finden. Weil der Kunde die Formeln und damit die Bedingungen nicht kennt, nach denen von den Versorgern kalkuliert und die Preise der Zu-

Der Gaspreis an der Grenze So viel zahlen deutsche Gasimporteure bei der Einfuhr aus dem Ausland

3,5 3,0 2,5 2,0 1,5 1,0

in Cent pro Kilowattstunde, Durchschnitt ohne Steuern

0,5 0

Januar 2008

Juli

ZEIT-Grafik/Quelle: Bafa

Oktober

Januar 2009

April

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KRAFTWERKE wie das von swb in Hastedt verbrennen das Gas …

kunft festgelegt werden. Es ist diese Intransparenz, auf die Irmgard Czarnecki so gern eine Antwort hätte. Aber diese ist nicht der einzige Grund für die hohen Preise. Sonst würde es längst Wettbewerber geben, die zum Beispiel der swb Monat für Monat Kunden abjagten. Also hilft vielleicht ein Anruf bei einem der wenigen Unternehmen, die heute deutschlandweit Gas anbieten – bei LichtBlick in Hamburg etwa. »Den Preiswettbewerb gegen die Konkurrenz von E.on Ruhrgas können wir nur bestehen, weil wir als junges Unternehmen schlank aufgestellt sind und dem Gas einen fünfprozentigen Bioanteil beimischen«, sagt dort der Vorstand Energiewirtschaft, Gero Lücking. Klimabewusste Kunden bewegt LichtBlick so zum Wechsel, der Preis allein genügt nicht. Aber warum kann E.on Ruhrgas Gas günstiger anbieten? »Die Tochter E.on Hanse hat in Schleswig-Holstein immer noch faktisch ein Monopol«, sagt Lücking. Und seinem Unternehmen gehört kein einziger Meter des fast 400 000 Kilometer langen Gasnetzes in Deutschland. Es muss sich also zum Beispiel von E.on Ruhrgas Kapazitäten mieten.

Die Durchleitungsgebühren sollen um ein Viertel sinken »Meistens heißt es«, erzählt Lücking aus der täglichen Praxis, »dass die Kapazitäten ausgebucht seien. Dann müssen wir fixe Mengen abnehmen, können also nicht je nach Witterung Kapazitäten buchen.« Für Markteinsteiger ohne riesige Gasspeicher ist das ein Problem. Und wer doch Kapazitäten bekomme und Gas durch Deutschland transportiere, zahle dafür einen zu hohen Preis, sagt Lücking. »Die Fernleitungsentgelte sind noch immer nicht reguliert. Die Preise sind doppelt so hoch, wie sie im Wettbewerb sein dürften.« Die Bundesnetzagentur hat jetzt gehandelt. Anfang der Woche verfügte sie, dass die großen Gasgesellschaften die Gebühren für die Nutzung ihrer überregionalen Pipelines um rund 25 Prozent senken müssen. Zuletzt sei allein E.on auf rund 500 Millionen Euro Zusatzerlöse im Jahr gekommen, davon »subventioniert der Konzern dann ›e wie einfach‹ quer«, sagt Lücking. E wie einfach ist eine bundesweite Gastochter von E.on, die mit niedrigen Preisen Einsteiger wie LichtBlick verdrängen soll. Also ist vor allem E.on Ruhrgas schuld an den hohen Preisen? Ginge es nach Kartellamts-Chef Bernhard Heitzer, dürfte es das Unternehmen gar nicht geben. Marktführer E.on Ruhrgas setzte vergangenes Jahr 27 Milliarden Euro um. Schon Heitzers Vorgänger hatte sich massiv gegen den Zusammenschluss von E.on und Ruhrgas ausgesprochen – aus Sorge um die Marktmacht des neuen Riesen. Die Ministererlaubnis für die Fusion sei 2002 »industriepolitisch motiviert und auch im Rückblick ein Fehler« gewesen, sagt Heitzer. Nun aber wehen die roten E.on-Flaggen an der Essener Huttropstraße. Hier sitzt Henning Deters, E.on-Ruhrgas-Vorstand und Chef des Bereichs Infrastruktur. Er verantwortet ein Leitungsnetz von mehr als 11 600 Kilometern, europaweit kann das Unternehmen neun Milliarden Kubikmeter Gas unter Tage speichern, 2008 hat es 1,2 Milliarden

Der Gaspreis beim Verbraucher So viel zahlt ein deutscher Haushalt E.on Hanse

swb Vertrieb Bremen

9

Verivox*

*Durchschnittspreis aller Versorger

8 7 6

in Cent pro Kilowattstunde

5 Jan. Apr. 2008

Juli Okt.

ZEIT-Grafik/Quelle: www.verivox.de

Jan. Apr. Juli 2009

Okt.

Euro in Netze, Speicher und Erdgasbohrungen investiert. E.ons europäisches Netz wird bald noch dichter werden. Der Konzern beteiligt sich an Nord Stream, das Gasprom-Gas in einer Pipeline durch die Ostsee aus Russland nach Deutschland bringen soll. 7,5 Milliarden Euro Kosten sind veranschlagt. Schon jetzt haben sich die geschätzten Kosten fast verdoppelt. Zahlen die Verbraucher am Ende mit überhöhten Rechnungen für ein Prestigeprojekt, während gleichzeitig die Dividenden jährlich steigen? Henning Deters betet seine Zahlen herunter. Sie sollen beweisen, dass Gasprom und der Staat kräftig zulangten, bevor E.on Ruhrgas an der Reihe ist. Bis zu 3 Cent zahlten Gasversorger an der Grenze für den Gasimport (siehe Grafik), 1,3 Cent je Kilowattstunde seien Netzentgelt und 1,5 Cent Steuern. Bei E.on Ruhrgas bleibe nicht viel hängen, möchte man nach Deters’ Monolog meinen. Doch bei über 20 000 Kilowattstunden, die der deutsche Durchschnittshaushalt verbraucht, summieren sich auch Peanuts, und bei 687 Milliarden Kilowattstunden, die E.on Ruhrgas pro Jahr insgesamt an seine Industrie- und Haushaltskunden absetzt, bringt jeder zehntel Cent zusätzlich 687 Millionen Euro Umsatz. »Wir können Erdgas« heißt es in E.on-Anzeigen, und Deters schwärmt davon, wie schnell »unsere Mitarbeiter am 7. Januar am Arbeitsplatz waren, als wir merkten: Mit den Gasströmen aus Osteuropa stimmt was nicht.« Am 7. Januar drehte Gasprom der Ukraine den Hahn zu, weil Rechnungen nicht bezahlt waren. E.ons Manager wussten nach fünf Stunden, wie sie reagieren konnten. Über die Ukraine fließen 80 Prozent der russischen Gasexporte nach Europa. Vier von zehn Kubikmetern, die Deutschland wärmen, stammen aus dem Osten. Gas hat einen Anteil von 23 Prozent am Primärenergieverbrauch in Deutschland. 85 Prozent des Inlandsbedarfs decken Importe. »Sie können nicht erwarten, dass 753 Stadtwerke in Moskau anrufen und die Lieferkrise in der Ukraine beenden«, sagt Deters. E.on Ruhrgas dagegen »hat die Power dazu«. Dem Bundesgerichtshof wurde E.on zuletzt allerdings zu mächtig. Er verbot der Ruhrgas-Mutter, weitere Stadtwerke zu erwerben. Daraufhin kündigte der Konzern den Verkauf von gut 100 Beteiligungen im Wert von fast drei Milliarden Euro an. Damit wird E.on zum Teil eines Trends. Der heißt »Rekommunalisierung«, das heißt, die Kommunen nehmen die einst privatisierten Stadtwerke zurück. Bekommt der Kunde jetzt billigeres Gas? Ein Blick nach Ahrensburg lässt daran zweifeln. In der Kleinstadt am Rande Hamburgs erzählt Bürgermeisterin Ursula Pepper zunächst, wie die Kommune den Riesen E.on in die Knie zwang. Der Hebel dafür war das Ende eines Konzessionsvertrags. Solche Verträge schließt jede Kommune mit dem örtlichen Gasversorger meist für 20 Jahre, mit ihnen wird sie für die Nutzung des öffentlichen Straßen- und Wegenetzes entschädigt. E.on Hanse zahlte aufgrund der Vertragsgestaltung meist 3 Cent pro Gaskunde und überwies an Ahrensburg zuletzt rund 70 000 Euro. »Das war uns zu wenig«, sagt die Bürgermeisterin. Als die Verhandlungen über eine höhere Abgabe scheiterten, zahlte die Stadt E.on Hanse 11,5 Millionen Euro für die Übernahme des Gasnetzes. Wenig später folgte ein böses Erwachen. »Wir hatten die Katze im Sack gekauft«, gibt die Bürgermeisterin heute zu. Die Stadt musste bereits mehr als zwei Millionen Euro in die Modernisierung alter Rohre stecken. Dennoch steht Pepper zu dem Kauf. »Hätten wir uns mit E.on Hanse nicht schnell auf einen Kaufpreis geeinigt, hätten sich die Gerichtsverfahren möglicherweise noch Jahre hingezogen.« Und trotz des hohen Investitionsbedarfs seien die Stadtwerke kein Verlustgeschäft für die Kommune, betont Kämmerer Horst Kienel. Zum einen gibt es Mehreinnahmen bei der Gewerbesteuer. Außerdem hat die Stadt die Konzessionsabgabe, die die Stadtwerke an sie zahlen muss, versechsfacht. Die rasante Erhöhung der Abgabe hält Bürgermeisterin

Pepper für legitim: »Der Kunde guckt ohnehin nur auf den Endpreis.« Und da sind ihre Stadtwerke günstiger als E.on Hanse. Mit all dem begreifen die Politiker in Ahrensburg die Gasversorgung als Daseinsvorsorge, die zugleich das soziale Leben subventioniert. Stolz erzählt Pepper davon, dass die 30 000-Einwohner-Stadt Sportvereinen keine Gebühren für die Hallennutzung abverlange, es vier Kunstrasenplätze für die Fußballer gebe und fünf kommunale Jugendzentren, die Zahl der Krippenplätze liege deutlich über Bundesschnitt. Die Botschaft ist klar: Ohne die Stadtwerke wären all diese Wohltätigkeiten längst gefährdet. So denken offenbar auch die kommunalen Spitzenverbände. Weit über 2000 Konzessionsverträge laufen in den nächsten zwei Jahren aus. Mit der Rekommunalisierung könnten die Gewinne aus dem Netzbetrieb bald »nicht mehr an Dritte, sondern an die Eigentümerkommunen (fließen). In Verbindung mit den Gewerbesteuereinnahmen kön-

… und VERBRAUCHER heizen damit Wohnungen und Büros

nen so andere Aufgaben der Daseinsvorsorge finanziert werden«, raten die Spitzenverbände in ihrer Publikation Konzessionsverträge: Handlungsoptionen für Kommunen und Stadtwerke. In Ahrensburg hat die Verwaltung ihren Handlungsspielraum aber möglicherweise überzogen. Vor knapp drei Wochen erhielt Bürgermeisterin Ursula Pepper Post vom Kartellamt. Die Behörde untersagte den Stadtwerken die Erhebung missbräuchlich überhöhter Abgaben, weil sie den Wettbewerb ausschalten würden. Behördenchef Heitzer beobachtet bei der Rekommunalisierung bereits »eine schlimme Verflechtung von Kommunalinteressen und der Preisgestaltung, die bei hoher

Verschuldung noch ausgeprägter wird. Wenn Kommunen durch überhöhte Konzessionsabgaben den Wettbewerb behindern, zahlt das am Ende jeder einzelne Gaskunde.« Bürgermeisterin Pepper fühlt sich dennoch im Recht: »Wir halten keine Kunden fest und wehren uns gegen die Vorwürfe, den Wettbewerb auszuschalten.« So argumentieren auch swb, E.on und Gasprom.

Fotos [M]: a1pix; Roland Magunia/ddp; Gerit Borth/ddp; Joerg Sarbach; Ulrich-Zillmann (v.li.n.re.)

GASPROM schickt die Rechnung

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WIRTSCHAFT WIR W IRTS RTSCHA RT HAFT FT

8. Oktober ktober ktob ber 2009 9 D DIE E ZEIT ZE T N Nr. 42

250 Millionen Flüchtlinge im Jahr 2050?

Der große Treck Treibt der Klimawandel ganze Völker des Südens zur Flucht nach Norden? VON CHRISTIAN TENBROCK kr

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2009

AFRIKA

Klimajahr Die möglichen Folgen des Klimawandels: Überschwemmungen in den großen Deltas

Wirbelstürme und Überflutungen

Wüstenbildung und Dürren

Schmelzen der arktischen Pol und des Permafrostbodens

Läuft die Erde heiß? Oder bleiben die Temperaturen erträglich? In zwei Monaten fällt die Entscheidung. Die ZEIT begleitet die Wochen bis zur Weltklimakonferenz in Kopenhagen mit Beiträgen zum Klimawandel – und darüber, wie er sich verhindern lässt

ZEIT-GRAFIK: Wolfgang Sischke, Sina Giesecke

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rem Kontinentalboden gekauft werden soll, 400 000 Menschen werden möglicherweise umsiedeln müssen. Aber der Auszug aus den pazifischen Paradiesen wäre nur ein winziger Teil der vielleicht kommenden Völkerwanderung: Zehn Prozent der Weltbevölkerung wohnen nahe den Küsten und könnten betroffen sein, wenn der Meerespegel um einen Meter ansteigt. 30 Prozent leben schon heute in Regionen, in denen das Wasser knapp ist. Bis zu 250 Millionen Menschen, so die Voraussage der Vereinten Nationen und anderer Organisationen, könnten schon bis Mitte des Jahrhunderts ihre Heimat verloren haben. Zehnmal mehr Erdenbürger als heute wären auf der Flucht. Mindestens. Betroffen von den Folgen des Klimawandels, das zeigt der Blick auf die große Karte oben, sind überwiegend die Bewohner der Entwicklungs- und Schwellenländer. In Afrika, Südamerika und Südasien drohen dramatische Dürren; Wassermangel könnte die Agrarproduktion mancherorts um bis zu 40 Prozent senken. Wirbelstürme und andere wetterbedingte Katastrophen, die jetzt vor allem die ärmeren Nationen treffen (Grafik unten), werden aber neben den Küsten Asiens auch Nordamerika heimsuchen. Das Abschmelzen der Polkappe und des Permafrostbodens gefährdet die Heimat der arktischen Völker. In den Deltas von Jangtse, Ganges, Mekong, Niger und Nil dürfte es große Überschwemmungen geben. Allein im Mündungsgebiet des Nils – der Kornkammer ganz Nordafrikas – werden nach einer Prognose der

Die Armen leiden am meisten

Land unter am Nil

Die Reichen sind verantwortlich

So viele Menschen werden von Wetterkatastrophen betroffen (Millionen pro Jahr)

Mögliche Überflutungen, wenn der Meeresspiegel des Mittelmeers um einen Meter ansteigt (in Blau)

Aggregierte Anteile wichtiger Volkswirtschaften am weltweiten Treibhausgas-Ausstoß (2006, in Prozent)

in den Entwicklungsländern

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ÄGYPTEN

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90–94 85–89

El Mahalla El Kubra Zifta

mawandels reichen und gut organisierten Industrienationen leichterfallen wird als armen und teilweise schlecht regierten Ländern. Denn dabei helfen Geld und Experten, und von beidem hat der Norden weit mehr als der Süden der Erde. Spätestens an dieser Stelle aber werde der Umgang mit dem Klimawandel zu einer Frage der weltweiten Gerechtigkeit, urteilt Dirk Messner, Chef des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik in Bonn. Als Hauptverursacher des Klimawandels (siehe Grafik unten) werden die Industriestaaten deshalb nicht nur bei seiner Bekämpfung vorangehen, sie werden nach Meinung Messners auch einen guten Teil seiner Kosten übernehmen müssen – und zwar auch jener Kosten, die entstehen, wenn sich Millionen Menschen als Folge von Dürren oder Überschwemmungen auf die Wanderschaft machen. Dazu muss es nicht kommen. Noch sind radikale Maßnahmen gegen den Klimawandel möglich. Bleiben sie allerdings aus, kommt es irgendwann tatsächlich zu Flüchtlingsströmen neuen Ausmaßes. »Je länger man das Notwendige unterlässt, desto teurer wird es später, das Unvermeidliche zu tun«, meinte schon 2007 die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel. Den Unterhändlern in Kopenhagen sollte Merkels apodiktischer Satz in den Ohren klingen – und ihr selbst auch. i Weitere Informationen auf ZEIT ONLINE: www.zeit.de/klima

Quellen: Vereinte Nationen (l.); CARE (m.) World Resources Institute

+ Rest der Welt (über 170 Länder)

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+ China + EU-25

40

El Qantara

+ Ukraine + Iran + Südafrika + Mexiko + Indonesien + Australien

+ Russland + Brasilien + Indien + Kanada + Japan + Südkorea

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Manzala

Port Said Port Said Sueskanal

Abu Hummus

150

MIT TELMEER Damietta

Rashîd

250

Heute: Fast 25 Millionen Flüchtlinge

Weltbank bis zu sieben Millionen Menschen betroffen sein, wenn der Meeresspiegel um 50 bis 70 Zentimeter ansteigt und gleichzeitig die Wüste weiter vordringt (Karte unten). Völlig offen ist allerdings die Frage, ob diese Millionen ihre Heimat wirklich verlassen werden. Veränderte Umweltbedingungen sind seit je ein Grund für menschliche Wanderung, aber sie waren kaum einmal die einzige Ursache. Auch Kriege oder ethnische Konflikte, Armut oder politische Unterdrückung schlagen Menschen in die Flucht. Den simplen Zusammenhang zwischen dem Treibhauseffekt auf der einen und einer stärkeren Migration auf der anderen Seite werde es deshalb auch in Zukunft nicht geben, meint der Bielefelder Migrationsforscher Thomas Faist. Insofern ist schon das Wort »Klimaflüchtling« eine Vereinfachung. Allerdings, so Faist, könne der Klimawandel als Katalysator wirken – also ohnehin existierende wirtschaftliche, soziale oder politische Probleme und damit auch den Migrationsdruck in vielen Ländern entscheidend verschärfen. Ob dieser Druck zu grenzüberschreitenden Völkerwanderungen führt, hängt dann davon ab, ob sich Menschen und Staaten an die in einer heißeren Welt veränderten Lebensverhältnisse anpassen können. Die Niederländer bauen seit Jahrhunderten Deiche. Bangladesch reagierte mit der Einrichtung »schwimmender Gärten« auf die wiederkehrenden Überschwemmungen. Klar ist jedoch, dass eine Anpassung an mögliche Folgen des Kli-

laubt man den kursierenden Zahlen, steht die Welt vor einem Jahrhundert der Flüchtlinge, vor einer Völkerwanderung biblischen Ausmaßes. Weil die Polkappen schmelzen, die Wüsten größer werden, Ackerland versteppt und sintflutartige Überschwemmungen Küstenregionen und Flussdeltas heimsuchen, werden sich – beginnend in zwei bis drei Jahrzehnten – Dutzende Millionen Menschen auf den Weg machen, auf der Flucht vor den Folgen des Klimawandels. Sagt Greenpeace. Prognostizieren die Vereinten Nationen. Warnt der Report des ehemaligen Weltbank-Chefökonomen Nicholas Stern. Schon 1990 befanden Fachleute des Weltklimarats IPCC, dass neue Völkerwanderungen die womöglich wichtigste Auswirkung des Klimawandels sein werden. Knapp 20 Jahre später wird das Thema auch auf der Tagesordnung der Weltklimakonferenz in Kopenhagen stehen. Dort sollen im Dezember Lösungen gefunden werden, wie die Erde ihrer drohenden Aufheizung noch entrinnen kann. »Klimaflüchtlinge« sind längst zur Realität geworden. Die Regierungen der pazifischen Inselstaaten Kiribati und Tuvalu haben für ihre 125 000 Bürger Asyl in Australien und Neuseeland beantragt; irgendwann zwischen den Jahren 2050 und 2100 wird deren Heimat nach Expertenmeinung wegen des ansteigenden Meeresspiegels unbewohnbar sein. Auf den Malediven wurde ein Fonds aufgelegt, mit dessen Hilfe Land auf siche-

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WIRTSCHAFT

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»Die Kinder haben keine Zeit zu warten« In Guatemala hungern Zehntausende von Menschen. Die Großgrundbesitzer verhindern Reformen, die helfen könnten

Foto (Ausschnitt): Adam Hinton/Panos/Visum

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und 250 000 Menschen, die nicht ausreichend zu essen haben, fast 500, die bereits verhungert sind, unter ihnen viele Kinder: In Guatemala herrscht der Notstand. »Wir begegnen Mädchen und Jungen mit aufgeblähtem Bauch und ausgebleichtem Haar. Anderen klebt die Haut an den Knochen«, berichtet Lida Escobar, die im Auftrag des World Food Programme der Vereinten Nationen (WFP) im Osten des südamerikanischen Staats Nahrungmittel verteilt. Corredor seco heißt die Gegend wegen der dort herrschenden Trockenheit und der unfruchtbaren Böden – der »trockene Korridor«. Auch in anderen Teilen des Landes hat eine Dürre die Ernten vernichtet. Dennoch müsste es in Guatemala eigentlich ausreichend Nahrung geben. »Dies ist ein sehr reiches Land«, sagt der UN-Berichterstatter für Nahrungsmittelsicherheit, Olivier de Schutter. Aber er weiß auch, warum die Menschen hungern: weil die guatemaltekische Gesellschaft ungleich ist – und der Staat zu schwach, um die Armen zu unterstützen. »Es gibt Nahrung, aber es fehlen die finanziellen Mittel, damit die Hungernden sie kaufen können«, klagt der guatemaltekische Staatspräsident Álvaro Colom. Colom hat ein Notstandsdekret eingebracht, das das Parlament allerdings nicht passieren lässt. Die Folge: Die Regierung empfängt Geldspenden, um den Hunger zu bekämpfen – doch sie darf die Mittel nicht ausgeben. Dabei ist die Lage in Guatemala schon seit Langem prekär. Die Hälfte der Kinder unter fünf Jahren gilt als chronisch unterernährt, das ist eine der höchsten Raten weltweit und die höchste in Lateinamerika. Die akute Hungersnot verschlimmert die Lage noch. »Die Nahrungsmittelreserven gehen zur Neige«, sagt Rubí López, Sprecherin der Food and Agriculture Organization der Vereinten Nationen in GuatemalaStadt. »Selbst wer Land hat, kann nicht mehr säen.« Grund der akuten Misere ist nicht nur das Klima. Auch Guatemala leidet unter der globalen Wirtschaftskrise: Die Arbeitslosigkeit ist gestiegen, zugleich gingen die Dollar-Überweisungen von Verwandten, die in den USA arbeiten, stark zurück. In diesem Jahr kam fast zehn Prozent weniger Geld an als im Jahr zuvor. »Die Dürre, die ausgerechnet in den ärmsten Regionen herrscht, die hohen Preise, die sinkenden Überweisungen – zusammen ergibt das eine Katastrophe«, so WFP-Sprecher Alejandro Chicheri. Vielen Menschen fehlt jetzt das Geld, um Grund-

Vielen FAMILIEN in Guatemala fehlt das Geld für Grundnahrungsmittel

VON ALEXANDRA ENDRES

nahrungsmittel wie Bohnen oder Tortillas zu kaufen – zumal die Preise immer noch hoch sind. Das hat schlimme Folgen, vor allem für die Kinder. Unterernährten Kindern fehlen in der wichtigsten Wachstumsphase die notwendigen Nährstoffe, die daraus resultierenden geistigen und körperlichen Schäden sind irreversibel. Die Kinder sind kleiner und leichter als ihre normal ernährten Altersgenossen. Weil ihre Gehirne unterentwickelt bleiben, können sie sich nur schwer konzentrieren. Entsprechend schlecht sind ihre Bildungschancen. Falls sie überleben, bleiben sie in der Regel arm, und auch ihre Kinder wachsen im Mangel auf – die Armut überträgt sich so von einer Generation auf die nächste. Akute Hungerkrisen gab es in Guatemala immer wieder. Doch dem Staat gelingt es bislang nicht, eine angemessene Vorsorge zu treffen. »Die tiefer liegenden Ursachen werden nicht bekämpft«, sagt der Armutsforscher Marcel Arévalo. »Das ist auch ein Demokratiedefizit: Die hungernden Bevölkerungsgruppen sind nicht wichtig«, sagt Frank Garbers, LateinamerikaReferent der Hilfsorganisation Terre des Hommes. Der Landbesitz in Guatemala konzentriert sich in den Händen weniger Reicher. Arme Subsistenzbauern dagegen haben keinen Zugang zu guten Böden, sie kämpfen auf kleinen, unproduktiven Fincas mit unfruchtbarer Erde um ihr Überleben. Kommt es zu Missernten, leiden sie am meisten. Die großen Güter hingegen, die vor allem Kaffee oder Zucker für den Export anbauen, bewirtschaften die fruchtbarsten Landstriche. Rund 37 Prozent der ländlichen Bevölkerung aber haben überhaupt kein Land. Angehörige dieser Gruppe arbeiten als Tagelöhner für die Großgrundbesitzer – und werden von diesen häufig noch um ihren kargen Lohn geprellt. Die Regierung ist zu schwach, um die Verhältnisse tief greifend zu ändern. Präsident Colom hat zwar einige Hilfsprogramme auf den Weg gebracht, um die größte Not unter der ländlichen Bevölkerung zu lindern. Doch viel Geld steht ihm dafür nicht zur Verfügung: Der guatemaltekische Staat nimmt bloß 9,9 Prozent des Bruttoinlandsprodukts an Steuern ein, zu wenig, um den Hunger wirksam zu bekämpfen, kritisiert UN-Beobachter de Schutter. Um den Hunger in Guatemala wirklich zu besiegen, wäre eine Agrarreform nötig. »Man muss den Landbesitz umverteilen«, sagt Terre-des-Hommes-

Experte Garbers. »Die Kleinbauern brauchen einen Zugang zum Markt, ein besseres Wissen über Anbautechniken und Vermarktung, Forschungsinstitute, die besseres Saatgut entwickeln.« Doch diese Reform wird es kaum geben. Zu stark sind die Beharrungskräfte der Eliten. »Die Regierung traut sich nicht, gegen sie vorzugehen«, sagt Martin WolpoldBosien, Mittelamerika-Experte der Menschenrechtsorganisation FIAN, die sich für das Recht auf Nahrung einsetzt. »Die Kinder haben keine Zeit zu warten«, mahnt derweil WFP-Sprecher Chicheri. Seiner Organisation gehen bald die Mittel für die Nothilfe aus. Sie versorgt in Guatemala derzeit 350 000 Personen mit Nahrung. 1. El Quiché MEXIKO 2. Baja Verapaz 3. El Progreso 4. Zacapa GUATEMALA 5. Jalapa 6. Chiquimula 7. Santa Rosa 8. Jutiapa

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HONDURAS 8

EL SALVADOR 100 km

NOTSTANDSGEBIETE: In den Provinzen im Osten Guatemalas herrschen Dürre und Hunger

»Um unser Programm bis in den kommenden Herbst hinein fortzusetzen, fehlen sieben Millionen Dollar«, sagt Chicheri. »Wenn wir das Geld nicht bald auftreiben, müssen wir die Hilfe einschränken.« Unterdessen fürchtet die Regierung, dass auch die zweite Ernte des Jahres durch Wetterkapriolen vernichtet wird. Das kommende Jahr könnte deshalb noch schlimmer werden.

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BAUEN & WOHNEN

Schwerpunktthema Hamburg

Zu neuen Ufern: Die HausbootCity Hamburg kommt in Fahrt

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Fleete, FlĂźsse und Kanäle – Hamburg hat davon reichlich. Ideen, wie sie fĂźr modernes Wohnen auf dem Wasser genutzt werden kĂśnnten, gibt es seit vielen Jahren. Jetzt wurde ein erstes Projekt realisiert. Ein weiteres ist in den StartlĂśchern. $ 5 $) 5  ,' )& .. 5 '$ " )5 -$ 5 - $.5 $)5 +,5*). )5/!" , $#.5(5! ,5 -5$3' '$-# )5 (/," ,5 $' &&)'-5!D)!5$)$ 0$/ ''5 " -.'. . 5 /-**. 5  $) 5 /( " /. )5 -.&A#) 5 * ,5 $)) )-#$!! 5 -*) ,)50*)5,#$. &. )5 ).1*,! ) 5)$ &. 5 /-" -... .5 ($.5 (* ,)-. ,5 /( 1 '.!, /)'$# ,5  #)$&5 $ 5 , $- 5 !D,5 $ 5-#1$(( ) )5 A/- ,5 1 " )5-$#5  ))5 /#5 $(5  , $#5 /,#-#)$..'$# ,5 $)!($'$ )#A/- ,5 >5 2&'/-$0 5 ,/) -.D&5 0 ,-. #.5 -$#5  ))5 $ 5 -- ,!'A # )5&C)) )5)/,5" +#. .51 , )5!D,5 0 ,-+,$#.5-5*#) )5/). ,5 $ )5/!5  (5 )'5 )# 5  ,5 /@ )'-. ,5 $)5 / @ ," 1C#)'$# -5  )-" !D#' $ 5) / )5 /-**. 5-$)5!D,5 (/,"5 )$#.5 )/,5 ,#$. &.*)$-#5 $) 5 /-)# ( ,-# $)/)"5 A#, )5 -#1$(( ) 5 $" )# $( 5$)5(-. ,(5* ,5,$-5- $.5

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WIRTSCHAFT

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POST AUS PALO ALTO II.

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Krisengewinner

Bitte abschalten! Warum einige Computer ihre Benutzer bitten, ans Stromsparen zu denken

Die absehbare Folge leerer Kassen in Ländern und Kommunen: Öffentliche Aufgaben gehen vermehrt an Private

Als der Autor vor genau zehn Jahren zum ersten Mal nach Stanford kam, hörte er einen merkwürdigen Namen: Google. Und: Vergiss all die anderen Suchmaschinen wie Hotbot, Alta Vista, Chameleon … Wir wissen, wie diese Geschichte ausgegangen ist. Das winzige Start-up – von zwei Stanford-Studenten gegründet – ist nach zehn Jahren eine Weltmacht geworden, die schneller expandiert, als Rom, Habsburg und Nachfolger es je konnten. Ein Jahrzehnt in Silicon Valley ist also wie eine Ewigkeit in der Weltgeschichte. Der Mythos entstand hier in Palo Alto – im Zusammenspiel von StanfordProfessoren und modernen Condottieri, die weltumspannende Imperien wie Google, Apple, Cisco, Hewlett-Packard (HP) oder Oracle aufzogen. »The Next Big Thing« war ihr Schlachtruf auf dem Höhepunkt der Dotcom-Blase, circa 1999. Neuerdings aber kommt es in der Paarung mit dem Zauberwort »grün«, wie schon die Schilder am Ortseingang von Palo Alto verkünden: »Green Energy Community«. Grün ist cool, und deshalb produzieren die Giganten inzwischen auch »The Next Small Thing«. Hewlett-Packard, das 1938 in der legendären »Garage« in der Addison Avenue entstand, verschenkt seit dem Sommer ein digitales Gadget namens Power to Change, das den Stromverbrauch von Computern senken soll. Wer’s anklickt (https://h30470.www3.hp.com), sieht einen sattgrünen Baum mit anheimelnden Accessoires: mit Schaukel und Baumhaus. Die Idee? »Wenn nur 100 000 Nutzer ihren PC am Abend abschalten, können wir 2680 Kilowattstunden pro Tag einsparen«, verspricht HP. »Das ist, als würden 2140 Autos pro Monat von der Straße verschwinden.« Das Widget, wie die kleinen Dinger heißen, ist simpel: Ein Pop-up ermun-

Noch redet kaum jemand öffentlich davon, aber es naht eine zweite große Privatisierungswelle in Ländern und Gemeinden. Der Grund sind die rasend schnell wachsenden Defizite: Allein im ersten Halbjahr fehlten in den Kassen der Bundesländer 15,4 Milliarden Euro. Das Minus der Kommunen betrug 4,2 Milliarden Euro. Städte wie Osnabrück, Hannover und Offenbach erwarten Minusrekorde, und der Deutsche Städtetag schätzt, dass die Defizite aller Kommunen im kommenden Jahr weiter zunehmen und auf zehn Milliarden Euro steigen werden. Baukonzerne wie Hochtief und Bilfinger erhoffen sich dadurch neuen Schub für ihr PPP-Geschäft. PPP steht für »Public Private Partnership«, zu Deutsch für eine Projektgesellschaft, die öffentliche Hand und private Unternehmen gemeinsam gründen, um etwa Straßen und Gebäude zu bauen und zu betreiben. »Wir haben inzwischen so gute Erfahrungen gemacht, damit könnten Staat und Wirtschaft ein richtiges Aufbruchssignal setzen«, wirbt Herbert Lütkestratkötter, Vorstandschef von Hochtief. Eines der PPP-Projekte von Hochtief hat der hessische Landesrechnungshof genauer untersucht und für gut befunden. Das Unternehmen betreibt mit dem Landkreis Offenbach 50 Schulen. Wir können »um 10 bis 20 Prozent effizienter bauen und betreiben«, sagt Lütkestratkötter dazu. Doch von den derzeit rund 130 PPP-Projekten, die es in Deutschland gibt, laufen längst nicht alle so gut wie das im Kreis Offenbach. Prominentestes Beispiel war der Aufbau eines Mautsystems für deutsche Autobahnen namens Toll Collect. Es wurde rund ein Jahr zu spät fertig, hohe Einnahmeausfälle waren die Folge. Aber auch der Rechnungshof aus Baden-Württemberg äußert sich nach der Bewertung mehrerer PPP-Pro-

ABSCHIED von einem France-Télécom-Mitarbeiter, der sich das Leben nahm

Flucht in den Tod Beim Umbau von France Télécom haben die Manager die Menschen vergessen

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WIDGETS

tert den Nutzer, seinen PC abzuschalten, wenn er ihn eine gewisse Zeitlang nicht benutzt hat. Google nennt sein kleines Ding ganz banal Energy Saver (www.google.com/corporate/green/ tools-for-users.html), und es ist einfacher zu installieren (kein endloses Verhör bei der Registrierung). Der Energy Saver erzählt dem einzelnen Nutzer, wie viel er eingespart hat und auf wie viele Kilowattstunden alle zusammen bis jetzt verzichtet haben. »Small is beautiful«, lautet die Devise. Aber die Energie-Einsparung ist inzwischen zur Großindustrie geworden: Vom kleinen Startup-Unternehmen Verdiem bis zu den Branchengrößen Microsoft und Apple – alle machen mit. Das Ziel: bis zu 60 Prozent des Verbrauchs von PCs einsparen. Würden eine Milliarde PCs (geschätzte Gesamtmenge) auf der Welt »einschlafen«, wenn sie nicht benutzt werden, könnten dabei 200 Milliarden Kilowattstunden frei werden – genug, um 17 Millionen Einfamilienhäuser zu versorgen, wie es bei Verdiem heißt. Natürlich hat längst jeder Computer ein »Energie-Management« in der Systemsteuerung, da liegt es gut versteckt – und wird selten angeklickt. Im Auslieferungszustand steht der Energie-Manager bei Windows XP auf »Aus«. Der psychologische Trick der Widgets ist, dass sie einen den ganzen Tag lang dezent ermahnen: Soundsoviele Tankfüllungen sind bis jetzt eingespart worden, erzählt mir Google gerade, grün unterlegt. Kein »Big Thing«, aber eine große Ermunterung. Ökologische Tugend zum Nulltarif. JOSEF JOFFE

Fotos: Jean-Pierre Clatot/AFP/Getty Images; Mauritius (l.); ullstein (u.); Kohl & Fromme Architekten (r.)

Das sind Computerprogramme, die nur ein oder zwei Funktionen haben. Wenn sie gerade nicht gebraucht werden, schlummern sie häufig am Bildschirmrand

ie Tage Didier Lombards als Chef von France Télécom sind offenbar gezählt. Der französische Staat, der eine Aktienmehrheit von 26,7 Prozent an der Telekommunikationsfirma hält, lässt den 67-jährigen Manager nur noch deswegen weiterarbeiten, weil »man nicht den Feuerwehrhauptmann absetzt, wenn es brennt« – so zitiert die Tageszeitung Le Monde einen Berater Nicolas Sarkozys. Die Nummer zwei im Unternehmen, Louis-Pierre Wenès, musste am Montag bereits den Platz für Stéphane Richard räumen, den Leiter der internationalen Operationen; Richard ist der designierte Nachfolger des Unternehmenschefs, der 2011 in Pension geht. Die Krise der France Télécom (Umsatz 2008: 53,5 Milliarden Euro) ist mittlerweile zur Angelegenheit des Staatspräsidenten geworden. Denn das ganze Land spricht von einer »Selbstmordwelle« im Unternehmen, deren Ursache »Terrormanagement« sei. In den vergangenen 18 Monaten haben sich nach Angaben der Gewerkschaften 24 Beschäftigte des Konzerns selbst getötet. Damit allerdings läge die auf 100 000 Beschäftigte bezogene Selbstmordrate unter 16 pro Jahr, mithin noch niedriger als der französische Durchschnitt von etwa 17. Überdies sind knapp zwei Drittel der Télécom-Beschäftigten männlich, und es bringen sich dreimal so viele Männer um wie Frauen. Selbst wenn man berücksichtigt, dass bestimmte Risikogruppen in der Belegschaft nicht vertreten sind, sieht es so aus, als liege die Selbstmordrate bei France Télécom am unteren Rande des zu Erwartenden. Letztlich aber lässt die Datenlage weder Alarm noch Entwarnung zu. Obgleich 24 Selbstmorde unendliches Leid bedeuten, bleiben sie eine zu kleine Fallzahl, als dass sie belastbare Schlüsse erlaubten. Aber sprechen die Abschiedsbriefe, die Zeugnisse der Kollegen und Angehörigen, nicht eine klare Sprache? Sie prangern die Arbeitsbedingungen bei France Télécom an. Suizid ist oft jedoch ein verschleiertes Phänomen; das erklärte Motiv ist nicht notwendigerweise die Ursache. Von einer Selbstmordwelle zu sprechen bleibt deshalb leichtfertig. Dennoch lässt sich sagen, dass das Management von France Télécom versagt hat:

Didier Lombard, der gemütlich wirkende Manager, in Wahrheit ein knallharter Reorganisator, wollte aus seinem Beamtenbetrieb einen wendigen Global Player machen und hatte offenbar geglaubt, man könne ein Unternehmen so umprogrammieren wie eine Kabelbox. Begonnen hatte alles schon Ende 1997, da leitete Lombard noch das Videounternehmen Thomson. France Télécom ging an die Börse, versprach aber, niemanden zu entlassen. Die Beschäftigten, zu zwei Dritteln Beamte, müssen sich seither um ihren Arbeitsplatz also nicht sorgen. Dafür drückt sich der Zwang zur Beweglichkeit in einer permanenten Umorganisation des Unternehmens aus. Jeder dritte Beschäftigte ist schon mindestens einmal versetzt worden. Was allein noch kein Grund zur Sorge wäre, wenn das nicht Statusverluste mit sich brächte. »Wie der Messias«, erinnert sich das Tageblatt Le Figaro, sei früher der Telefontechniker in den Haushalten empfangen worden. Doch das war vor dem

LOUIS PIERRE WENÈS, Vizechef von France Télécom, musste seinen Platz bereits räumen

Siegeszug der Handys und des Internets. Der typische Beschäftigte ist kein Fernmelder mehr, sondern Verkäufer und schließt Verträge für die Hauptmarke namens Orange ab: im Laden, beim Kunden und vor allem am Telefon. Wer einen Vertrag mit Orange unterzeichnet, wird allenthalben mit SMS und Anrufen aus dem Unternehmen genervt, die dieses oder jenes neue Produkt anpreisen. Die Menschen, die zu dieser Belästigung verpflichtet sind, stehen nicht selten schon seit Jahrzehnten im Dienst der Firma, hatten früher Besseres zu tun und sind oft genug eine Fehlbesetzung. Was ihnen vom Management dann auch bescheinigt wird. Es kommen jene Praktiken hinzu, die in Callcentern den

VON GERO VON RANDOW

Menschen die Freude an der Arbeit vergällen: Verbot privater Dekoration am Arbeitsplatz, Aufzeichnung aller Kundengespräche, öffentliche Listen der individuellen Leistungswerte, minutengenaue Festlegung der Pinkelpausen. Und das alles ohne jegliche »Pädagogik«, wie es in Frankreich heißt, also ohne Überzeugungsarbeit. Das Management kommt den Beschäftigen wie eine feindliche Macht vor. Schon veröffentlicht die kommunistische L’Humanité Selbstmordzahlen aus dem Umweltministerium, die zwar nicht belastbarer sind als diejenigen für die Télécom, der Debatte aber weitere Nahrung geben. Zwingt nicht die SarkozyRegierung fast den kompletten Staatsapparat, sich in einen Dienstleistungsbetrieb mit Zielvereinbarungen, Jahresgesprächen und Kundenfeedback zu verwandeln? Wird nicht demnächst auch die Post in eine Aktiengesellschaft umgewandelt? Da hört für viele Franzosen die Gemütlichkeit auf. So erklärt sich der präsidentiale Zorn auf Didier Lombard: Seine Equipe modernisiert das Unternehmen mit einer Brutalität, die ausgerechnet jenen recht gibt, die in Staat und Wirtschaft den alten Trott beibehalten wollen. Die Krise wird damit politisch. Bis zum 31. Oktober sind nun sämtliche Versetzungen im Unternehmen gestoppt, es werden zusätzlich Personalberater eingestellt. Und man will alles überdenken. Womöglich war der Frankreich-Chef Wenès nicht das letzte Bauernopfer. Unterdessen geht die Öffentlichkeitsarbeit des Konzerns weiter wie bisher. Etwa mit dem Orange-Fußballwettbewerb. Als der Pariser Verein PSG am Samstag zum Heimspiel gegen AS Nancy antrat, durften per Los ausgesuchte Fans in der Halbzeit versuchen, aus Elfmeterentfernung die Torlatte zu treffen; wem es gelänge, dem war ein Auto versprochen. Wider Erwarten trafen gleich zwei mit ihrem ersten Schuss. Daraufhin der Moderator: »Pech, wir haben nur ein einziges Auto, na ja, das bekommt jetzt der, der als Erster geschossen hat.« Pfiffe und Gebrüll im Stadion. France Télécom macht im Moment nichts, aber auch gar nichts richtig. a www.zeit.de/audio

IN MOERS baut die Stadt gemeinsam mit Hochtief das neue Rathaus

jekte zurückhaltend. Die Kostenvorteile lagen dort allenfalls im einstelligen Prozentbereich. Zudem waren sie mehr eine Folge größerer Cleverness denn besseren Managements. Mal brachte der private Investor auf einem Grundstück gewinnbringend mehr Bürofläche unter als gedacht, dann wieder fand er eine günstige Finanzierungsform. Das größte Risiko sind die Verträge, die eine Kommune oder ein Land mit einem Investor schließen. Wie umfangreich die Vereinbarungen sind, zeigt Offenbach. Für die 50 Schulen wurden mehr als 80 Grundverträge mit Anlagen ausgearbeitet, um die Sanierung, den Betrieb über 15 Jahre, Personalfragen und Arbeiten während der Laufzeit zu regeln. Hochtief ist hierzulande an zehn Projekten beteiligt, doch deren Umfang ist vergleichsweise gering. Um zu belegen, welches Potenzial in PPP steckt, verweist Hochtief-Chef Lütkestratkötter auf Australien. Dort hat eine Tochtergesellschaft des Baukonzerns mit Partnern den Auftrag bekommen, in der Nähe von Melbourne eine riesige Meerwasser-Entsalzungsanlage zu bauen, die das Unternehmen dann 30 Jahre lang betreiben soll. Die Kosten liegen über die gesamte Zeitspanne bei 2,1 Milliarden Euro. Die Regierung in Canberra hat noch größere Projekte in Aussicht gestellt. 2010 soll ein weiteres Konjunkturprogramm anlaufen. »Dann soll der Bau von Straßen im Volumen von je bis zu zehn Milliarden australischer Dollar an öffentlich-private-Investoren vergeben werden«, sagt Lütkestratkötter. GÖTZ HAMANN

Foto: Zhang Yan/XinHua/Xinhua Press/Corbis

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WIRTSCHAFT

8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

Der Weltbürger

»Amerika wird sparen«

Der neue US-Finanzminister unterscheidet sich schon rein äußerlich von seinen Vorgängern, dem bulligen ehemaligen Investmentbanker Hank Paulson und dem jovialen ExBahnmanager John Snow. Tim Geithners Auftreten gleicht eher dem eines Diplomaten. Er ist 47 Jahre alt und hat sich etwas Jungenhaftes bewahrt. Er wirkt offen, scherzt gerne. Anders als viele amerikanische Politiker hat Geithner die Welt gesehen. Seine Jugend verbrachte er in Simbabwe, Indien und Thailand. Später lernte er in Peking Chinesisch und arbeitete an der amerikanischen Botschaft in Tokyo, bevor er in das Finanzministerium wechselte und 2003 zum Präsidenten der Notenbank von New York berufen wurde. Von dort holte ihn Barack Obama im Januar zurück ins Finanzministerium. Geithners Familie hat deutsche Wurzeln, sein Großvater stammt aus Zeulenroda im Vogtland. Geithner kennt sich gut aus in der internationalen Finanzszene. In den neunziger Jahren kämpfte er im Finanzministerium gegen die Asienkrise, als Notenbankpräsident in New York wirkte er an allen großen Bankenrettungsprogrammen mit. In der ObamaRegierung treibt er nun die Regulierung der Finanzmärkte voran. In vielen Fragen ist er auf einer Linie mit den Europäern, die ihn als Verhandlungspartner schätzen. Zum Interview empfängt Geithner am Wochenende in einem Bürocontainer im Kongresszentrum von Istanbul. Der Internationale Währungsfonds (IWF) hält dort seine Jahrestagung ab, und die Amerikaner müssen sich den Raum mit 185 anderen Mitgliedsstaaten teilen. Geithner ist gut gelaunt. Tags zuvor musste er an keinem der vielen offiziellen Abendessen teilnehmen. Er konnte die türkische Metropole erkunden. MAS

Der amerikanische Finanzminister Timothy Geithner will, dass die Weltwirtschaft radikal neu geordnet wird – und wehrt sich gegen Kritik aus den Banken

OBAMAS MANN für die Finanzen

Zusammenarbeit zwischen Internationalem Wäh- GEITHNER: Es geht hier nicht darum, Lasten zu rungsfonds (IWF) und dem obersten globalen Auf- verteilen, sondern um den Umgang mit einer sichtsgremium, dem Rat für Finanzstabilität. neuen ökonomischen Realität. Wenn die USA mehr sparen, verändert das die Gegebenheiten GEITHNER: Ich glaube, wir haben eine gute Arbeitsteilung. Es gibt immer Wettbewerb und Kompetenz- für die ganze Welt. Wir können keinen Zwang streitigkeiten, wenn man Institutionen reformiert. ausüben. Wir können den Europäern die EntGeben Sie darauf nicht so viel! Es ist sicher wichtig, scheidung nicht abnehmen. Sie müssen sich die richtigen Institutionen zu haben. Es kommt aber selbst überlegen, wie sie sich anpassen. Mir ist vor allem darauf an, ob wir echte Fortschritte bei aber keine andere Strategie bekannt, die Erfolg den Reformen erzielen. verspricht. Und: Natürlich tragen die USA eine wesentliche Verantwortung für diese Krise. Das ZEIT: Eine der wichtigsten Ursachen der Krise waren die globalen Ungleichgewichte. Die Amerikaner haben wir anerkannt. Wir arbeiten hart, um zu haben über ihre Verhältnisse gelebt – in China, reparieren, was kaputtgegangen ist. Aber wir haDeutschland oder Japan hingegen wurde nur wenig ben es mit einer globalen Krise zu tun. konsumiert und viel gespart. ZEIT: Wo gab es denn sonst Wie kommt die Welt wieder noch Exzesse? ins Gleichgewicht? GEITHNER: Wenn Sie sich »Viele Leute haben die Höhe der Verschuldung GEITHNER: Es gibt eine Sache, im Finanzsektor oder das mit der wir uns alle abfinden uns geraten, zu Kreditwachstum ansehen, müssen: Wir werden in den warten, das Tempo dann waren die Probleme USA mehr sparen! Wir haben in vielen anderen Ländern damit schon angefangen. zu drosseln – aber – relativ zur Größe ihrer ZEIT: Das bedeutet, dass Ihr Volkswirtschaft – sogar Land künftig weniger Waren wir haben uns für noch gravierender als in und Dienstleistungen aus dem das Gegenteil den Vereinigten Staaten. Ausland einführen wird. Das sollte man nicht aus GEITHNER: Wir müssen anders entschieden. Wir den Augen verlieren. Wir wirtschaften – wenn wir nicht müssen den Druck kommen nur gemeinsam wollen, dass die Welt insgesamt aus der Krise. langsamer wächst. Ich glaube, aufrechterhalten« dass das alle anerkennen. In ZEIT: Die Welt hat sich China ist die Regierung an vorschon seit Jahren immer derster Front, wenn es darum wieder den Abbau der Ungeht, über Wege nachzudenken, wie man die Ab- gleichgewichte vorgenommen. Passiert ist kaum hängigkeit der Wirtschaft vom Export und von den etwas, warum sollte es diesmal anders sein? Investitionen verringern kann. So ist ein nachhalti- GEITHNER: Wir können Länder nicht dazu zwingeres Wachstum möglich. Aber es geht nicht nur um gen, Dinge zu tun, die nicht in ihrem Interesse die USA und China. Europa und Japan machen sind. Wir können aber versuchen, sie dazu zu 40 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung aus. bringen, sich rechtzeitig mit den Folgen auseinanderzusetzen, die ihre jeweilige individuelle ZEIT: Deutschland war nach allem, was man hört, nicht begeistert, als Sie das Thema der Ungleichge- Politik für die Welt insgesamt hat. Das führt wichte auf die Tagesordnung von Pittsburgh setzten. vielleicht dazu, dass sie früher die richtigen EntIn Europa sagen viele, dass die Amerikaner nur die scheidungen treffen. Denn diese Krise hat geKosten der Krise auf andere abwälzen wollten – ei- zeigt, dass sich kein Land vor den Auswirkungen ner Krise, die sie verursacht hätten. Wenn andere kollektiver Fehlentwicklungen schützen kann. Länder Ihrer Empfehlung folgen, die Binnennach- ZEIT: Sie spielen auf eine Vereinbarung von Pittsfrage zu stärken, profitiert davon auch die Export- burgh an. Dort haben sich die G-20-Staaten verwirtschaft in den USA. pflichtet, ihre Wirtschaftspolitik besser abzustimmen. Auch das wurde schon einmal ausprobiert, damals unter der Leitung des IWF. GEITHNER: Es ist richtig, dass das nicht der erste Versuch ist. Aber einiges ist doch anders als früher. Wir agieren jetzt im Rahmen der G 20. Diese Gruppe hat bereits einige bemerkenswerte Dinge geschafft. Und weil diese Krise so schwer Die Universität Witten/Herdecke trauert um ist, ist allen daran gelegen, dass jetzt nicht die Saat für die nächste gelegt wird. ZEIT: Eine Folge der Krise ist, dass derzeit viel über die zukünftige Rolle des Dollar und die Reform des globalen Währungssystems diskutiert 1921 – 2009 wird – zum Beispiel über den verstärkten Einsatz der sogenannten Sonderziehungsrechte, einer vom Internationalen Währungsfonds ausgegebeReinhard Mohn stand von 1987 bis 1995 dem Direktorium und Aufsichtsrat nen künstlichen Weltwährung. Was halten Sie der Universität vor. von solchen Vorschlägen? Mit seinem sehr persönlichen Einsatz hat Reinhard Mohn der ersten privaten GEITHNER: Die beste Garantie für Stabilität ist, Universität Deutschlands den Weg geebnet und diesen Weg bis in die Gegenwart dass die Regierungen tun, was nötig ist, um Verkritisch, konstruktiv und großzügig begleitet. trauen zu schaffen. Für die USA bedeutet das: Sein Verständnis von unternehmerischer Führung in Verbindung mit gesellschaftlicher Die Stellung des Dollar in der Welt geht mit eiVerantwortung wird unsere Universität auch in Zukunft prägen. ner besonderen Verantwortung einher. Zu dieser Verantwortung gehört, sehr sorgfältig darauf zu Wir sind zutiefst dankbar. achten, dass das Vertrauen in amerikanische Finanzanlagen erhalten bleibt. Wir können uns Gesellschafter, Präsidium und Mitarbeiter lange über eine Reform des Weltfinanzsystems der Privaten Universität Witten/Herdecke und die Zukunft des IWF unterhalten, aber wenn wir die falsche Politik machen, ist es egal, wie diese Diskussion ausgeht.

DIE ZEIT: Herr Minister Geithner, die Staaten wollen mehr Finanzmarktregeln, aber die Banken warnen davor. Allzu strenge Vorschriften bremsten das Wirtschaftswachstum. Ist die Kritik berechtigt? TIMOTHY GEITHNER: Ich glaube, das ist schlicht Lobbying. Es gibt immer gewisse Risiken. Wenn Sie bei der Regulierung zu schnell vorgehen oder Fehler machen, drohen unerwünschte Nebenwirkungen. Aber das ist derzeit nicht das größte Risiko. Dieses besteht darin, dass wir nicht den politischen Willen aufrechterhalten können, um Reformen umzusetzen, die das System stabiler machen. ZEIT: Warum warnen die Banker dann? GEITHNER: Die neuen Vorschriften werden das Bankgeschäft verändern. Deshalb versuchen die Banken, so viel Einfluss wie möglich auf den Reformprozess zu erlangen. Sie packen ihr Anliegen in ein schlagkräftiges Argument – sie behaupten, dass es hier um Wirtschaftswachstum und Effizienz geht. ZEIT: Doch darum geht es gar nicht? GEITHNER: Das Finanzsystem kann nur funktionieren, wenn es stabiler wird. Das passiert aber nicht von selbst. Wir können das nicht den Märkten überlassen, wir brauchen Regeln, und das ist eine Aufgabe der Regierungen. Es ist nicht so, dass sich die Banken die Bedingungen aussuchen können, mit denen sie leben müssen. ZEIT: Die Menschen fürchten, dass der Staat am Ende doch zu schwach ist und der Finanzsektor weitermacht, als wäre nichts geschehen. GEITHNER: Natürlich mache ich mir darüber Sorgen. Deshalb arbeiten wir hart. Wir erlassen neue Gesetze, wir versuchen, andere dazu zu bringen, die vereinbarten Regeln umzusetzen. Präsident Barack Obama hat entschieden, die Reformen einzuleiten, solange die Welt noch unter dem Eindruck des Dramas steht. Viele Leute haben uns geraten, zu warten, das Tempo zu drosseln – aber wir haben uns für das Gegenteil entschieden. Wir müssen jetzt den Druck aufrechterhalten. ZEIT: Und das gelingt? GEITHNER: Ich bin zuversichtlich. Ich mache diese Sache schon eine ganze Weile. Ich habe viele gescheiterte Kooperationsbemühungen gesehen. Aber das hier fühlt sich vielversprechender an. ZEIT: Aber noch steht doch nicht einmal der institutionelle Rahmen. Die Zuständigkeiten auf internationaler Ebene sind ungeklärt – zum Beispiel die

Reinhard Mohn

ZEIT: Das bedeutet konkret? GEITHNER: Die Menschen müssen sich voll und ganz darauf verlassen können, dass die unabhängige Federal Reserve Bank in den USA die Preise niedrig und stabil hält, dass wir unseren Staatshaushalt in Ordnung bringen – und dass wir für Wachstum sorgen. ZEIT: China macht sich Sorgen, dass seine enormen Devisenreserven an Wert verlieren. Sie sind zu einem Großteil in Dollar angelegt. GEITHNER: Ich glaube, dass die Interessen Chinas und der USA hier übereinstimmen. Es ist in unserem Interesse, dass unsere Märkte bei den Investoren als liquide und stabil gelten. Wenn Sie sich ansehen, wie sich diese Krise entwickelt hat, dann stellen Sie fest: Viele Anleger sind zuversichtlich, dass es uns gelingt, dieses Vertrauen zu bewahren. ZEIT: Aber was tun Sie denn, um diese Zuversicht zu stärken? GEITHNER: Nehmen Sie unser Leistungsbilanzdefizit … ZEIT: … also das Maß dafür, wie viel Kapital aus dem Ausland in die USA strömt … GEITHNER: … es belief sich früher auf fast sieben Prozent unseres Bruttoinlandsprodukts und ist inzwischen auf unter drei Prozent gesunken. Obwohl wir zu außergewöhnlichen Maßnahmen gegriffen haben, um das Wachstum anzukurbeln, leihen wir uns unter dem Strich weniger Geld vom Rest der Welt. Sie sollten das als Beweis dafür sehen, dass in den USA wichtige Anpassungen geschehen! ZEIT: Beim Wachstum sieht die Sache nicht so gut aus. Sie pumpen Milliarden in die Wirtschaft, der Schuldenberg wächst – und trotzdem steigt die Arbeitslosigkeit. GEITHNER: Sie beschreiben die zentrale wirtschaftspolitische Herausforderung unserer Zeit. Mit diesem Problem hat die ganze Welt zu kämpfen, nicht nur Amerika. Es gibt einen Konsens innerhalb der G 20, der auch die Basis unserer Strategie ist: Für eine begrenzte Zeit sind außergewöhnliche Stützungsmaßnahmen nötig, um aus der Krise zu kommen und das Finanzsystem zu reparieren. Wenn wir ein solches Programm nicht aufgelegt hätten, wäre das Wachstum noch stärker eingebrochen, dann wäre ein noch größerer Schaden in unserem Staatshaushalt angerichtet worden. ZEIT: Irgendwann werden Sie die Konjunkturprogramme beenden müssen. Dann droht doch ein erneuter Einbruch. GEITHNER: Nicht unbedingt. Die Erholung ist noch in einer sehr frühen Phase. Vor uns liegen eine Reihe von Risiken. Wenn man sich vergangene Krisen ansieht, dann wurde zumeist der Fehler begangen, dass die Politik zu früh die Zügel angezogen hat. Voraussetzung für einen nachhaltigen Aufschwung ist, dass der private Sektor wieder von selbst wächst. ZEIT: Wie geht es also weiter mit der Konjunktur? GEITHNER: Das hängt davon ab, wie gut wir sind. Erinnern Sie sich: Im vergangenen Jahr befand sich die Welt im freien Fall. Es ist doch bemerkenswert, dass es jetzt wieder Anzeichen für Wachstum auf breiter Basis gibt. Wir müssen dafür sorgen, dass die Erholung weitergeht. Das dürfen wir nicht vergessen, wenn wir jetzt über Reformen sprechen. ZEIT: Sie sprachen über die Notwendigkeit der globalen Kooperation. Kann die Welt darauf vertrauen, dass den USA an einer Zusammenarbeit in internationalen Organisationen wirklich gelegen ist? Einige Ihrer Vorgänger haben hier ein gewisses Desinteresse offenbart.

(lacht) Nehmen Sie das auch bei mir wahr? Im Ernst, das ist eine sehr wichtige Frage. Im Bereich der internationalen Finanzbeziehungen gibt es drei Prinzipien, die das Verhältnis der USA zum Rest der Welt definieren sollten. Erstens: Es ist unsere Aufgabe, mit hausgemachten Problemen selber fertig zu werden. Hier müssen wir uns noch viel mehr anstrengen. Zweitens: Die Vereinigten Staaten haben vor 60 Jahren eine grundlegende strategische Entscheidung getroffen, nach der unseren Interessen am besten gedient ist, wenn wir starke multilaterale Institutionen und Regeln haben, die von allen als fair wahrgenommen werden. ZEIT: Bei vielen Beteiligten ist in den vergangenen Jahren ein ganz anderer Eindruck entstanden: dass diese Institutionen wie die Weltbank oder der IWF in erster Linie Instrumente seien, mit denen die USA Interessen durchsetzen. GEITHNER: Ich glaube – und das ist mein dritter Punkt – fest daran, dass ein Land dann international Einfluss hat, wenn es Ideen vorlegt, die Unterstützung finden. Einfluss hat vor allem etwas mit der Qualität der Vorschläge zu tun, die man macht. Wir sind nicht perfekt. Wir machen Fehler. Dennoch ist das die Grundlage unserer Politik. Der Präsident hat – obwohl wir mit enormen Herausforderungen im eigenen Land konfrontiert sind – zu einem sehr frühen Zeitpunkt deutlich gemacht, dass die Krise ohne eine enge Abstimmung mit dem Rest der Welt nicht überwunden werden kann. Wir haben uns dafür eingesetzt, dass die Länder, die in den internationalen Institutionen bisher nicht ausreichend repräsentiert sind, dort mehr Einfluss bekommen. ZEIT: Die G-20-Staaten haben dann ja auch beschlossen, das Gewicht der Schwellenländer im Internationalen Währungsfonds und in anderen globalen Organisationen zu stärken. Brauchen wir dann die G 7 überhaupt noch, die am vergangenen Wochenende in Istanbul getagt hat? Dort sind ja nur die Industrieländer vertreten. GEITHNER: Wir sind da pragmatisch. Es war klar, dass wir die Probleme der Welt nur mit mehr Kooperation lösen konnten, deshalb mussten wir neue Wege beschreiten. Wir wollen jetzt die G 20 in Gang bekommen und die Reform des IWF GEITHNER:

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umsetzen. Jenseits davon gibt es aber noch keine Beschlüsse über die Architektur der internationalen Gremien. Wir sollten uns im Übrigen nicht zu sehr auf die Form konzentrieren, zum Beispiel auf die Frage, ob es eine gemeinsame Abschlusserklärung gibt. Wichtig ist der Inhalt. DAS GESPRÄCH FÜHRTE MARK SCHIERITZ

i Weitere Informationen auf ZEIT ONLINE: www.zeit.de/finanzkrise

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FINANZEN

8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

DAX

DOW JONES

JAPAN-AKTIEN

5600 +16,4 %

9600 +10,8 %

Nikkei: 9692 +9,4 %

CHINA-AKTIEN Shanghai Composite: 2779 +52,6 %

EURO

ROHÖL

PLATIN

ORANGENSAFT

KUPFER

1,47 US$ +6,0 %

71 US$/Barrel +59,2 %

1308 US$/Feinunze +45,7 %

0,95 US$/Pound +38,0 %

6100 US$/Tonne +110,2 %

Veränderungen seit Jahresbeginn

Illustration: Paula Troxler für DIE ZEIT/www.paulatroxler.com

Zuckerzocker Die Deutsche Bank geht unter die Rohstoffhändler Oft heißt es dieser Tage über Banker: »Sie zocken wieder, häufig in Verbindung mit dem »wieder eröffneten Casino«. Wobei meist offen gelassen wird, womit da eigentlich wieder gespielt wird. Nun hat immerhin die Deutsche Bank einen Anhaltspunkt und, wenn man so will, ein anschauliches Beispiel geliefert: Das Frankfurter Geldhaus hat eine Allianz mit einer Zuckerhändlerfirma geschlossen, einer mit Tradition. Seit Anfang der Woche ist die Deutsche Bank mit dem Londoner Broker Czarnikow verbandelt. Das eröffnet ihr die Möglichkeit, Zucker und auch Kraftstoffe wie das zuckerbasierte Ethanol direkt zu handeln. Damit wird die Bank zum Zuckerzocker. Auch andere große Geldhäuser haben ihr Rohstoffengagement hin zum direkten Handel ausgebaut. Einer der Gründe: Sie bekommen dadurch mehr Informationen über den Markt. Und: Sie können selbst Rohstoffe zurückhalten und so über den physischen Handel die Preise mitbestimmen. Die sogenannten Soft Commodities – das sind weiche Rohstoffe wie Mais, Schweinebäuche, Kakao oder eben Zucker – gelten manchen Anlageprofis seit einigen Jahren als The Next Big Thing an den Börsen. Die Nahrungsmittelkrise vor knapp zwei Jahren hat das noch befördert. Die Menschen in den Entwicklungsländern ernähren sich mit steigendem Einkommen vermehrt wie die Menschen im reichen Westen. Die Nachfrage nach den entsprechenden Lebensmitteln steigt, und damit ziehen auch die Preise für die betreffenden Rohstoffe an. Eine sichere Anlage, könnte man meinen – die Abhängigkeit vom Wetter und von den politischen Verhältnissen im Anbauland führen aber dazu, dass es sich um sehr schwankungsanfällige Märkte handelt. Besonders beim Zucker. Die weiße, also raffinierte Sorte kostet derzeit 24,5 US-Cent je Pound (453 Gramm) und ist damit so teuer wie seit 28 Jahren nicht. Den Preis in die Höhe getrieben haben aktuell vor allem dürftige Ernteaussichten in Indien. Nach einem schwachen Monsunregen spekulierten Marktkenner, dass das Land – neben Brasilien und China der größte Zuckerrohranbauer der Welt – wie schon im vergangenen Jahr wieder größere Mengen des Süßstoffs importieren muss. Auch eine EU-Reform, die dem subventionierten Rübenanbau langsam ein Ende bereitet, verringert das Angebot. Gute Zeiten für süße Zocker. ANNA MAROHN

Zurück zum Sparstrumpf Die Deutschen vertrauen komplizierten Angeboten für die private Altersvorsorge nicht mehr. Sie fühlen sich schlecht beraten

A

ls Klaus Linden Ende 2008 den Auszug für sein Altersvorsorge-Konto in den Händen hielt, glaubte er zunächst an einen Fehler. Der hohe fünfstellige Betrag, den er erst ein knappes Jahr zuvor dort eingezahlt hatte, hatte sich fast halbiert. »Die Auszahlungsphase meiner Rente rückt näher, und ich hatte nach einer möglichst sicheren Anlage gesucht«, sagt der 60-Jährige. »Stattdessen hat die Commerzbank mir eine Hybridanleihe verkauft, die in der Krise massiv an Wert verloren hat – ohne mich vorher über dieses Risiko aufzuklären.«

Zwischenzeitlich war sein Vermögen auf noch nicht einmal ein Drittel des eingezahlten Geldes zusammengeschmolzen, bevor der Kurs sich wieder erholte. Vom ursprünglichen Wert ist Linden aber noch weit entfernt. Gerettet wurden er und die übrigen Käufer solcher Anleihen auch durch den Staat: Hätte die Regierung nicht entschieden, bei der angeschlagenen Commerzbank einzusteigen, hätte die Bank wahrscheinlich alle Zinszahlungen auf die sogenannten Hybridanleihen ausgesetzt. Während bei normalen Anleihen das Unternehmen

so lange Zinsen zahlen muss, wie die Anleihe läuft und es noch nicht insolvent ist, können die Zahlungen bei diesen ungleich riskanteren Produkten schon ausgesetzt werden, wenn das Unternehmen keinen Gewinn mehr ausweist. Zusätzlich kann die Rückzahlung der Anleihe beliebig hinausgezögert werden. Diese für den Anleger nachteiligen Konditionen und Sorgen um das Überleben der Commerzbank trugen zum Kursverfall der Papiere bei. Ihr Kurs stürzte innerhalb eines halben Jahres von rund 90 auf gut 20 Prozent ihres Nominalwertes ab. Linden hat das Erlebnis zu einem ängstlichen Anleger gemacht. »Mir hatte keiner gesagt, dass ein solches Szenario auch nur im Entferntesten möglich wäre. Im Moment traue ich mich in Sachen Altersvorsorge so gut wie gar nichts mehr, um nicht noch einmal einen solchen Fehler zu machen.« Mit dieser Reaktion ist Klaus Linden nicht allein, wie eine Studie des Allensbach-Instituts im Auftrag der Postbank belegt. Die Meinungsforscher befragten 1800 Deutsche und stellten fest: Seit 2003 war die Bereitschaft, sich um seine Altersvorsorge zu kümmern, nie so gering wie heute. Entsprechend besorgt gab sich Michael Meyer, Vorstandsmitglied der Postbank, als er die Studie der Öffentlichkeit präsentierte: »Es besteht die Gefahr, dass die Finanz- und Wirtschaftskrise zu einer langfristigen Krise der Altersvorsorge in Deutschland wird. Wenn so viele Menschen am Sinn privater Vorsorge zweifeln, müssen die Alarmglocken läuten.« Die Situation ist paradox: Zwar geht fast die Hälfte aller Berufstätigen davon aus, dass die Finanzkrise auch die gesetzliche Rente mindert, trotzdem geben immerhin 17 Prozent von ihnen an, ihre private Altersvorsorge bereits abgebaut oder reduziert zu haben. Jeder dritte Berufstätige in Deutschland rechnet sogar fest damit, dass er bei Renteneintritt über keinerlei private Altersvorsorge verfügt.

Das eigene Häuschen gilt vielen als die ideale Form der Alterssicherung Unabhängige Finanzberater bestätigen diese Einschätzungen. »Die Verbraucher sind zurückhaltender geworden und erwägen auch Kündigungen von bestehenden Verträgen«, sagt Andrea Heyer, Referatsleiterin Finanzdienstleistungen bei der Verbraucherzentrale Sachsen. Allerdings sieht sie die Gründe für die zurückgehende Investitionslust nicht nur bei den Verbrauchern, sondern auch bei den Banken, die ihre Kunden nach der Finanzkrise nicht immer so ernst nehmen, wie sie sollten. »Die Verbraucher wünschen sich momentan vor allem einfache und verständliche Produkte und legen Wert auf einen kurzen Anlagehorizont. Verkauft werden ihnen aber besonders gerne die eher unflexiblen Rentenversicherungen in ihren verschiedenen Ausgestaltungen.« Kein Wunder, dass die Skepsis der Anleger stärker denn je ist. Durch alle Altersgruppen hindurch ging die Bereitschaft, sich einem Finanzberater anzuvertrauen, im Vergleich zum Jahr 2008 zurück. Selbst von den jungen Berufstätigen bis 29 Jahre gaben gerade einmal 23 Prozent an, dass sie in den vergangenen zwölf Monaten ein Beratungsgespräch zum Thema Altersvorsorge hatten.

VON STEFAN MAUER

Die einzige Vorsorgeform, die laut Studie in der Gunst der Anleger zugelegt hat, ist die eigene Immobilie. Fast zwei Drittel der Befragten bezeichneten das eigene Haus oder die eigene Wohnung als »ideale Form der Alterssicherung«. Gleichzeitig kannte fast die Hälfte der Befragten die staatliche Immobilienförderung Wohn-Riester nicht. Postbank-Vorstand Meyer fordert daher eine einfachere Förderung für den Kauf von Wohnraum. »Die Regierung könnte zum Beispiel eine ähnliche Förderung wie die Umweltprämie beim Autokauf für jeden energiesparenden Neubau gewähren.«

»Konzentration statt Risikostreuung, das ist das Problem« Kritiker warnen allerdings, dass durch weitere staatliche Förderungen und eventuell sogar eine verpflichtende private Vorsorge nicht das Problem gelöst wird, das die Altersvorsorge von Anlegern wie Klaus Linden erst in Gefahr gebracht hat: Schlechte Anlageberatung und schwindendes Vertrauen. »Die Krise ist nicht das eigentliche Problem«, sagt Thomas Teske, unabhängiger Finanzberater aus Düsseldorf. »Das Problem ist, dass die meisten Anleger von ihrem Produktanbieter keine ehrliche Analyse der angebotenen Produkte erwarten können.« Speziell der Hauskauf wird vor diesem Hintergrund oft verklärt. Zwar fühlen sich Sparer mit einem real existierenden Objekt sicher. Dabei wird aber oft vergessen, dass sie einen Großteil ihres Vermögens – wenn nicht sogar das gesamte – in einem einzigen Objekt binden und von dessen Wertentwicklung oder Vermietbarkeit abhängig sind. »Die Konzentration der Altersvorsorge statt einer Risikostreuung ist bei vielen Deutschen sicherlich problematisch«, sagt Stefan Albers, Präsident des Bundesverbands der Versicherungsberater. »Das gilt auch für die Versicherungen. Die meisten Kunden haben einen, höchstens zwei Anbieter und zudem noch Produkte, die sehr unflexibel sind.« Das steigende Interesse am Hausbau zusammen mit der nachlassenden Nachfrage nach Beratung zeigt die Unsicherheit der Verbraucher – eine grundsätzliche Ablehnung der Altersvorsorge ist es kaum. Dorothea Mohn, Referentin für Altersvorsorge beim Bundesverband der Verbraucherzentralen, sieht das ähnlich: »Es ist nicht so, dass die Deutschen nicht fürs Alter vorsorgen wollen, aber sie wissen nicht, auf wen sie sich verlassen können.« Sie rät Verbrauchern, auf die Vermittlungshonorare ihrer Berater zu achten. »Inzwischen sind sie dazu verpflichtet, alle Provisionen offenzulegen.« Interessenkonflikte ließen sich so schneller erkennen. Für Klaus Linden ist es dafür zu spät. Er hat weder die Provisionen seines Beraters unter die Lupe genommen noch sein relativ großes Investment auf verschiedene Produkte aufgeteilt. Nun muss er regelmäßig mit seinem Anwalt telefonieren, der ihm für eine Klage gegen die Commerzbank ordentliche Chancen ausgerechnet hat – immerhin seit vielen Jahrzehnten Lindens Hausbank. »Egal, wie das Ganze ausgeht«, sagt er, »das war der letzte Berater, dem ich blind vertraut habe. Um meine weitere Altersvorsorge kümmere ich mich erst wieder, wenn dieser Kraftakt überstanden ist.«

WIRTSCHAFT

8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

ARGUMENT

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MACHER MÄRKTE

Neue Macht Bundesbank

Fast wie bei uns

Bundesbankpräsident Axel Weber (Foto) könnte schon bald der Chefkontrolleur für das gesamte deutsche Finanzgewerbe werden. Union und FDP wollen die Finanzaufsicht bei der Bundesbank bündeln. Bisher teilen sich die Notenbanker und die Bundesanstalt für Finanzdienstleistungsaufsicht (BaFin) die Zuständigkeit. Die neuen Regierungsparteien argumentieren, dass diese Zweiteilung die Aufsicht schwäche. Die Bundesbank will die Zusammenlegung aber nur akzeptieren, wenn sie zu ihren Bedingungen erfolgt. Auf diese hat sie sich nun intern per Vorstandsbeschluss geeinigt. Demnach soll die Überwachung von Banken und Versicherungen voll in die Notenbank integriert werden.

an kann sich über den Beginn der für einen Moment so, als werfe ihn die wirtschaftpolitischen Saison in Großbritannien liche Not auf das überalterte konservative Modell genüsslich langweilen: Die Parteien von niedrigen Steuern und einem kleinen Staat kommen zu ihren jährlichen Tagungen zusam- zurück. men, beschwören den inneren Zusammenhalt Das passte nun auch gut zu den Erwartungen, und lästern über den politischen Gegner. Man die viele Briten an ihre Konservativen hatten. Man kann aber auch viel Größeres dahinter sehen, war immer davon ausgegangen, dass die Konserund einige Kommentatoren versuchen das in vativen die Labour-Politik um 180 Grad drehen diesen Tagen nach Kräften. Großbritannien, so würden. Tony Blair und Gordon Brown waren argumentieren sie, war immer wieder das sozial- bei aller Neuerungswut in einigen Punkten altmound wirtschaftspolitische Labor für den ganzen disch links geblieben: Die beiden hatten sich Kontinent. Von britischen Parteikonventen schließlich den Glauben an den streng zentraliswurden politische Paradigmenwechsel verkündet, tischen Staat erhalten. Bei den Investitionen in das Gesundheitsdie später halb Europa und auch die deutsche Politik mitrissen. In diesem Jahr könnte es wie- system, in Schulen und Kindergärten wurde dadurch ein großer Teil des Geldes vom Apparat der so sein. Historisch gesehen, stimmt das Argument. verschluckt, bevor es den Menschen nutzte. ZeitMargaret Thatcher hatte 1977 die Konservativen weise schwoll die Zahl der Angestellten im öffentin ihrer Parteitagsrede auf den Privatisierungs- und lichen Dienst um eine Million an. Heute beschäfNiedrigsteuerkurs eingeschworen. Tony Blairs tigt der Staat immer noch 800 000 Beamte mehr Dritter Weg, der zehn Jahre lang die Sozial- als 1997. Die meisten von ihnen sind Bürohengste, demokratie in der ganzen die Liegezeiten in Krankenwestlichen Welt dominierhäusern überwachen oder das Versprechen zur strikt te, wurde auf dem Parteitag 1994 geboren. 2009 multiethnische Einstellungsnun schaut die Welt wieder politik der Kommunen im wollen nicht alles auf die britischen KonserVisier haben. In Manchester zeigte vativen, denn Labour ist abschafffen, was Labour nach zwölf Jahren an der sich diese Woche allerdings, gemacht hat. Sie wollen Macht ausgelaugt. Der dass auch die Konservativen den Staat zwar verkleinern, Blick geht nach Manchesdas gar nicht alles anders ter, wo die Tories den wollen. Cameron will einen aber die staatlichen letzten Parteitag vor den kleineren Staat, aber statt Ausgaben nicht einfach Wahlen im nächsten Mai die Ausgaben einfach überstreichen. Karitative abhielten. Gibt es eine neuall zu kürzen und sich aus artige, radikale Marschrichder Verantwortung zu zieVereinigungen sollen mit tung der Konservativen in hen, will er dezentralisieren. staatlichem Geld dieselbe der Wirtschafts- und SoAnstatt die Sozialdienste Arbeit machen. Sparen zialpolitik? in den Kommunen aussteht erst an zweiter Stelle Wirklich abschließend schließlich in den Händen hat Parteichef David Cavon Beamten zu lassen, meron diese Fragen in wollen die Konservativen Manchester nicht beantwortet. Doch sein künf- einen Teil dieses Budgets an karitative Vereiniguntiger Kurs ist längst erkennbar, und von Radikalem gen umleiten, die dieselbe Arbeit machen und in ist da keine Spur. der Gemeinde direkt verwurzelt sind. »Mehr soCameron rückt seine Partei deutlich in die ziale Verantwortung in der Gesellschaft, weniger Mitte der Gesellschaft, genau wie Merkel es mit staatliche Kontrolle« – das ist der neue konserder CDU in Deutschland getan hat. Die Konser- vative Leitfaden. Damit soll die britische Gesellvativen planen die Übernahme der Mitte von schaft, in der soziale Ungleichheit und antisoziales rechts. Rechts mit sozialer Wärme, das kennt man Verhalten besonders schlimm sind, gestärkt weraber schon, aus den USA zum Beispiel, aus der den. Erst in zweiter Linie soll der Haushalt entRhetorik von George W. Bush. lastet werden. Warum so gemächlich? Als Cameron vor Den Sozialhaushalt wollen die Konservativen drei Jahren die Parteiführung übernahm, setzte dadurch verringern, dass einem Drittel der 2,6 er zunächst alles daran, den Tories ein neues Millionen Briten, die derzeit Unterstützung wegen Image zu verpassen. Lockerer sollten sie sein. Arbeitsunfähigkeit beziehen, der Weg zurück zum Eine Partei der offenen Hemdkragen, die sich Job erleichtert wird. Den Arbeitgebern versprach um die Belange aller Menschen kümmert, statt der Schatzkanzler in spe, George Osborne, zudem allein die Interessen der besser verdienenden Steuererleichterungen für die ersten zehn neuen Mittelklasse zu vertreten. Cameron lehnte das Jobs und Lehrstellen, die sie schaffen. Freilich Erbe von Margaret Thatcher ab, in deren Welt- würde es nicht zu der von Labour angekündigten bild es »so etwas wie Gesellschaft« nicht gab. Anhebung des Spitzensteuersatzes auf 50 Prozent Stattdessen sprach er von der Verantwortung kommen. Darüber hinaus aber war in Manchesfür die Benachteiligten, ließ sich mit Jugend- ter von plakativen Steuersenkungen nach alter lichen in Problembezirken beim Tischtennis Tory-Manier nicht die Rede. Auch die geplante fotografieren und reiste zum Polarkreis, um Beschneidung der Boni für Banker würden die sich selbst ein Bild von den Folgen des Klima- Konservativen nicht rückgängig machen. Die wandels zu machen. In dieser Form gefiel die Finanzwelt müsse sich »ein soziales Gewissen Partei den Wählern besser. angewöhnen«, sagt Cameron. Die Mitte wird also konservativ-progressiv, Dann kamen die Finanzkrise und die Rezession, und Cameron war der Erste, der Ausgabenkür- und ansonsten hat sich leider ein altes Vorurteil zungen forderte. Monatelang attackierte er Gor- bewahrheitet: dass die meisten britischen Parteidon Brown, drängte ihn, einzugestehen, dass die konvente leider doch langweilig sind. Ein ParaRegierung bei einem Haushaltsloch von rund 110 digmawechsel ist auf der Insel frühestens von Milliarden Euro und einer Gesamtverschuldung Labour zu erwarten, wenn die Partei nach einer von über 870 Milliarden Euro ihre großen In- Niederlage den Linksruck vollziehen muss, um vestitionsvorhaben aufgeben müsse. Da schien es sich neu zu erfinden.

Die Tories

Piloten fordern kürzere Arbeitszeiten vor den Gefahren, die zu lange Arbeitszeiten hinter Steuerhorn und Sidestick bergen (Foto). Bisher arbeiten Flugbegleiter und Piloten bis zu 15 Stunden am Stück, oft erschwert durch Nachtflüge, Zeitzonenwechsel und Schichtdienst. Viele Unfälle der vergangenen Jahre seien auf Übermüdung zurückzuführen, sagt Cockpit-Sprecher Jörg Handwerg: »Brauchen wir wirklich noch Flugunfälle vor unserer Haustür, bevor die EU endlich aufwacht?« Der Verband der europäischen Fluggesellschaften AEA hält das für Panikmache. »Den Gewerkschaften geht es schlicht um mehr Arbeitsplätze und weniger Arbeitszeit«, so ein Sprecher. Die heutigen Regelungen böten bereits genug Schutz für Piloten und Fluggäste. TAT

Trotz heftiger Proteste von Piloten dauert es noch mindestens zwei Jahre, bis die Europäische Union neue Arbeitszeitregeln für Besatzungsmitglieder in Cockpit und Kabine verabschiedet. Die Mitgliedsstaaten konnten sich schon vor Jahren nicht auf klare Regeln einigen und delegierten die Verantwortung an die Europäische Agentur für Flugsicherheit in Köln. Dort beraten Experten nach Rücksprache mit Fluggesellschaften und Arbeitnehmern bis Mitte 2011 einen neuen Gesetzentwurf. Entsprechend wird Brüssel wohl erst 2012 aktiv. Der Vereinigung Cockpit ist das zu spät: Anfang der Woche warnte die Pilotengewerkschaft bei einer Demonstration am Frankfurter Flughafen

Foto: Marius Becker/picture-alliance/dpa

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Foto: Franka Bruns/AP

In Großbritannien haben Machtwechsel häufig radikale wirtschafts- und sozialpolitische Neuerungen gebracht. Diesmal nicht VON JOHN F. JUNGCLAUSSEN

Ein solcher Umbau ist umstritten. Anders als die BaFin ist die Bundesbank unabhängig, bei einem sehr eng gefassten Mandat. In der Finanzaufsicht jedoch sind hochpolitische Entscheidungen zu treffen – zum Beispiel über die Schließung einer Bank oder ihre Rettung mit Steuergeldern. Solche Entscheidungen, so die einhellige Meinung von Experten, müssten der politischen Kontrolle unterliegen. Die Bundesbanker wollen dieses Problem lösen, indem sie bei schwerwiegenden Entscheidungen dem Bundesfinanzministerium ein Widerspruchsrecht einräumen. Auf diese Weise lasse sich die Unabhängigkeit erhalten. MAS

Arcandor verliert Manager und Thomas Cook

Staatslast HRE

Seitdem Insolvenzverwalter Klaus Hubert Görg am 1. September die Alleinherrschaft bei Arcandor übernommen hat, lichten sich in den Chefetagen des Handelskonzerns die Reihen. Vom ehemaligen Topmanagement ist nur noch der Vorstandsvorsitzende von Primondo, Marc Sommer, geduldet. Unter dem Dach von Primondo arbeiten das Versandhaus Quelle und etliche Spezialversender. Vergangene Woche begann auch der Aufsichtsrat zu zerbröseln. Zusammen mit einigen weiteren Herren legte Friedrich Carl Janssen, persönlich haftender Gesellschafter des Bankhauses Sal. Oppenheim, sein Aufsichtsratsmandat nieder. Er war der Chef des Gremiums, das – ebenso wie der Vorstand – nichts mehr zu sagen hat, seitdem sich Arcandor in der Insolvenz befindet. Neben den Führungsgremien von Arcandor schrumpft auch der Konzern selbst. So wurde die Reisetochter Thomas Cook inzwischen von jenen Gläubigern verkauft, die sich für ihre Kredite das Recht gesichert hatten, die Aktien des Reisekonzerns zu pfänden. Zu diesen Gläubigern zählen die Commerzbank und die Royal Bank of Scotland. Federführend agiert in dem Konsortium die BayernLB, die Mitte September Vollzug melden konnte. Etwas mehr als eine

Kurz vor 23 Uhr am Montagabend stand es fest, einige Minuten später meldete die Hypo Real Estate (HRE) Vollzug: Mit der Mehrheit des Bankenstabilisierungsfonds Soffin hat die Hauptversammlung der Bank beschlossen, die noch verbliebenen Minderheitsaktionäre aus dem Unternehmen zu drängen. Damit ist der Weg zur Verstaatlichung des im Herbst 2008 vom Bund geretteten Instituts endgültig frei – ein in der Geschichte der Bundesrepublik bisher einmaliger Vorgang. Der Staat hält ihn für nötig, um eine reibungslose Sanierung der HRE und damit den hohen finanziellen Einsatz abzusichern. So finanziert das Institut derzeit sein laufendes Geschäft mit Krediten und Garantien von insgesamt 76 Milliarden Euro, die ein Konsortium aus Staat und Finanzwirtschaft bereitstellt und auf die das Bankhaus nach Aussage seines Vorstandschefs Axel Wieandt »nicht vor dem Jahr 2015« vollständig verzichten kann. Zusätzlich stützt der Bund die Bank derzeit mit drei Milliarden Euro Eigenkapital, weitere sieben Milliarden müssen laut Wieandt nach der Verstaatlichung folgen. Geld, das nach Einschätzung Wieandts wohl »nicht vollständig zurückgeführt werden wird«. Bis einschließlich 2011 dürften Verluste das Kapital des Konzerns weiter aufzehren, dessen Hauptgesellschaft künftig unter der Marke pbb Deutsche Pfandbriefbank firmiert. STO

Milliarde Euro soll der Verkauf der Aktien eingebracht haben. Wie viel davon nach Abzug der Restschuld in die Insolvenzmasse von Arcandor fließen wird, ist noch unklar. »Die Endabrechnung steht noch aus«, sagt ein Sprecher des Insolvenzverwalters. Weil der Reisekonzern an der Londoner Börse notiert ist, geht es in den Verhandlungen zwischen Insolvenzverwalter und Banken unter anderem darum, welcher Wechselkurs angesetzt wird. Außerdem streitet man angeblich noch um die Höhe jener Gebühren, welche die Geldinstitute für die Verwertung kassieren dürfen, nachdem sie sich für ihre Kredite schadlos gehalten haben. Auch eine andere Frage ist noch offen: Vergangene Woche meldete die Bochumer Staatsanwaltschaft ihren Wunsch an, massenhaft Daten zu sichern. Die Ermittler müssen klären, welche Rolle der ehemalige Vorstandsvorsitzende Thomas Middelhoff im Zusammenhang mit undurchsichtigen Immobiliengeschäften gespielt hat. »Es geht darum, ob abgeschlossene Verträge wirtschaftlich vertretbar waren«, sagt Staatsanwalt Gerrit Gabriel. Die Bochumer haben die Ermittlungen von ihren Kollegen in Essen übernommen, weil sie auf Wirtschaftskriminalität spezialisiert sind. LÜT

Recht lukrativ Umsatz der zehn größten Wirtschaftskanzleien in Deutschland Freshfields Bruckhaus Deringer

393 226

Hengeler Mueller Clifford Chance

196

CMS Hasche Sigle

195

Linklaters

176 137

Lovells Gleiss Lutz

130

White & Case

123

Taylor Wessing

121

Nörr Stiefenhöfer Lutz

106

Angaben in Millionen Euro; Geschäftsjahr 2008/09

ZEIT-Grafik/Quelle: Juve

Wirtschaftskanzleien sind fast immer dabei, wenn Unternehmen bei Übernahmen, Restrukturierungen oder Finanzierungsfragen Rat suchen. Selbst der Staat greift häufig auf ihre Expertise zurück. Die Bundesregierung ließ sich zum Beispiel bei der Bankenrettung und der Verstaatlichung der Hypo Real Estate von Freshfields Bruckhaus Deringer juristisch helfen. Auch durch diesen Kunden kam Freshfields im Geschäftsjahr 2008/09 in Deutschland auf einen Umsatz von 393 Millionen Euro. Damit rangiert die Kanzlei – deutlich vor Hengeler Mueller – auf Platz eins. STO

FORUM

Ein Bauplan für die Finanzindustrie Die Kreditklemme hat auch strukturelle Ursachen. Sparkassen und Genossenschaftsbanken sollten ihre Mittel besser bündeln VON SIEGFRIED JASCHINSKI Deutschland. Dieser Anteil ist nun deutlich gesunken. Dies ist das erste strukturelle Problem. Das zweite, viel größere: Die im Vergleich zu anderen europäischen Ländern niedrigeren Erträge im Geschäft mit deutschen Kunden werden sich wegen der heute faktisch, morgen regulatorisch höheren Eigenkapitalanforderungen an die Banken direkt auf das Kreditgeschäft auswirken. Um diese höheren Anforderungen zu erfüllen, werden private deutsche Großbanken neue Aktien ausgeben wollen – doch die potenziellen Käufer werden ihr Eigenkapital wegen der strukturell niedrigeren Verzinsbarkeit in Deutschland eher Banken außerhalb Deutschlands zur Verfügung stellen. Für die privaten deutschen Großbanken dürfte das bedeuten, dass sie sich im weniger auskömmlichen Geschäft mit deutschen Kunden eher zurückhalten. Dann sind da, drittens, die Landesbanken. Auch sie werden künftig weniger Kredite vergeben können. Die Restrukturierungsauflagen der Europäischen Union beinhalten massive Rückführungen der Bilanzsummen, die auch den Umfang des Firmenkreditgeschäftes nachteilig beeinflussen werden. Weitere Zusammenschlüsse unter den Landesbanken werden, sofern sie zustande kommen, ebenfalls zu einer Reduktion des deutschen

Banken möglichen Firmenkreditgeschäftes führen – auch wenn die Konsolidierung zu stärkeren Instituten mittelfristig notwendig ist. Betroffen von den strukturellen Problemen in Deutschland sind vor allem mittelständische und Foto: Erwin Elsner/picture-alliance/dpa

Immer wieder wird derzeit die Befürchtung geäußert, die Finanzkrise führe zu einem Engpass in der Unternehmensfinanzierung – zu einer Kreditklemme. Völlig ausgeklammert wird, dass es auch strukturelle Probleme im deutschen Bankenmarkt gibt, die eine schlechte Kreditversorgung des heimischen Mittelstands zur Folge haben. Wer eine Kreditklemme verhindern will, sollte diese strukturellen Probleme kennen. Deutsche Hauptfinanzierer der mittelständischen und größeren Unternehmen sind die privaten Großbanken, die Landesbanken und die genossenschaftlichen Spitzeninstitute. Hinzu kommen als wichtiger Langfristfinanzierer die IKB sowie die HypoVereinsbank (HVB) – heute eine Tochter der italienischen Unicredit Group – und HSBC Trinkaus als deutsche Institute im mehrheitlichen Auslandsbesitz. Ausländische Banken haben sich seit Ausbruch der Krise mehr und mehr aus Deutschland zurückgezogen. Für die Kreditversorgung in Deutschland ist das problematisch: Noch 2007 waren etwa 75 Prozent des aufgenommenen syndizierten Kreditvolumens von 220 Milliarden Euro von Auslandsbanken finanziert worden. In keinem Industrieland war der Anteil der Kreditvergabe durch ausländische Banken so hoch wie in

SIEGFRIED JASCHINSKI führte bis Mai 2009 als Vorstandschef die Landesbank BadenWürttemberg (LBBW)

größere Unternehmen. Die Finanzmarktkrise hat gezeigt, dass der Kapitalmarkt auch einmal nicht funktionieren und die Finanzierung über Anleihen und Schuldscheine ausfallen kann. Selbst die kurzfristige Geldmarktfinanzierung durch Commercial Papers war für deutsche Großunternehmen in den Krisentagen nicht verfügbar. Als nach dem Zu-

sammenbruch von Lehman Brothers in den USA die Bundeskanzlerin Garantien für deutsche Spareinlagen ausgesprochen hatte, kam es zu starken Umschichtungen: Geldmarktfondsanteile wurden zurückgegeben und das Geld auf »staatsgarantierten« Sparkonten angelegt. Geldmarktfonds aber sind traditionell große Käufer von Commercial Papers deutscher Unternehmen. Für die Finanzierung der mittelständischen und größeren Unternehmen braucht man starke deutsche Banken. Davon kann derzeit aber nicht die Rede sein. Bei den privaten Banken sind mit dem Einstieg der Commerzbank bei der Dresdner Bank und der Deutschen Bank bei der Postbank strukturelle Veränderungen eingeleitet, aber noch nicht beendet. Ohnehin sind die größten Aufgaben im öffentlichen Bankensektor, bei den Landesbanken und den Spitzeninstituten des genossenschaftlichen Sektors, zu bewältigen. Dort bedarf es nicht nur der Zusammenschlüsse bestehender Häuser, sondern auch einer deutlich stärkeren Verzahnung mit dem Einlagengeschäft an der Basis. Warum? Die deutsche Sparquote ist im internationalen Vergleich gut. Der Teil, der den Banken

zufließt, kommt zu etwa 60 bis 70 Prozent den Genossenschaftsbanken und Sparkassen zugute. Diese brauchen für ihr regionales Kreditgeschäft mit dem kleinen Mittelstand aber nur etwa zwei Drittel dieser Einlagen. Das restliche Drittel wird in Wertpapieren angelegt, über deren Kauf die einzelnen Institute unabhängig voneinander entscheiden, das sind mehr als 400 Sparkassen und mehr als 1000 Genossenschaftsbanken. In der Finanzmarktkrise hat die Umschichtung von Geldmarktfonds in Spareinlagen zur Verknappung der kurzfristigen Finanzierung von Unternehmen geführt – eben wegen der Vielzahl von Sparkassen und Genossenschaftsbanken. Es wird daher wichtig werden, die Wertpapieranlagen der Sparkassen und Genossenschaftsbanken verlässlich und nachhaltig in die Finanzierung von mittelständischen und größeren Unternehmen zu kanalisieren. Das spricht für eine stärkere Integration innerhalb dieser beiden Verbünde. Auf diesem Wege können den deutschen Unternehmen weitere Finanzierungsmittel zur Verfügung gestellt werden. Auch ihre Abhängigkeit von ausländischen Banken ließe sich so reduzieren.

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WIRTSCHAFT

8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

Foto (Ausschnitt): Daniel Biskup/laif; kl. Fotos: ullstein; Juergen Blume/Caro Fotoagentur; James Coldrey/People Picture (v.li.n.re.)

EIN NACHRUF

Der Tycoon aus der Provinz Reinhard Mohn ist tot. An Religion mochte der Patriarch von Bertelsmann nicht glauben – wohl aber an die Anständigkeit des Unternehmers VON UWE JEAN HEUSER

G

ütersloh, 1951: Reinhard Mohn, dem 30-jährigen Mann an der Spitze von Bertelsmann, droht die Pleite. Jahrelang hat er gegen Behörden und Konkurrenten gekämpft. Der Buchmarkt wird neu aufgeteilt im aufstrebenden Westdeutschland, und Mohn will einen möglichst großen Teil. Deshalb hat seine Firma den Lesering entwickelt, der einmal Buchclub heißen wird. Überall im Land werben die Vertreter um Mitglieder, sie sind aggressiv und trickreich. Dass die etablierten Buchverleger ihn verachten, kann Mohn verkraften, dass aber die Banken ihm kein Geld mehr geben, ist ein Drama. Reinhard Mohn glaubt wie viele, die im Krieg gewesen sind, dass man die Menschen erst in existenziellen Situationen kennenlerne. Das hier ist Mohns Härtetest als Unternehmer, und er besteht, indem er die Firmengewinne an die Mitarbeiter verschenkt. Wie er nur könne, empören sich die anderen Wirtschaftsführer im Land. Sie nennen den Provinzler verächtlich den »roten Mohn«. Das ist falsch, denn Mohn ist eher schwarz als rot, und es ist dumm, weil Mohn das bessere Geschäft macht. Tatsächlich hat Mohn in der Not das getan, was er auf einsamen Spaziergängen zeitlebens so gern unternahm: eine »langfristig gewinnträchtige Maßnahme« ausbaldowern. Seine Firma muss damals immense Gewinnsteuern bezahlen, der einzelne Mitarbeiter aber nicht. Die Angestellten erhalten also den Profit und geben ihn als Darlehen für läppische zwei Prozent Zinsen im Jahr zurück. Erst als Rentner dürfen sie ihr Kapital abziehen. 1955 hat jeder Mitarbeiter im Schnitt 12 000 Mark angesammelt, und Bertelsmann ist nicht mehr zu stoppen. »Wenn ich sehe, dass etwas der Aufgabe dient, dann mache ich es«, wird Reinhard Mohn fünfzig Jahre später mit seiner hohen, leicht näselnden Stimme sagen. »Die Aufgabe« – das war für ihn nicht der Gewinn im nächsten Jahr, das Unternehmen sollte auf lange Sicht Erfolg haben und auf diese Weise der Gesellschaft von Nutzen sein. Ein großes Wort, doch

was immer man gegen Mohn sonst vorbringen mochte, er meinte es auch. Der unternehmerische Erfolg war gewaltig und sollte jedem Anhänger von Quartalsgewinnen zu denken geben. Aus ein paar Hundert Leuten wurden rund 100 000 Mitarbeiter. In den achtziger Jahren galt Bertelsmann als der größte Medienkonzern der Welt, und auch später noch hätte Mohn durch einen Verkauf oder eine Fusion mit dem Online-Riesen AOL zum reichsten Mann der Welt werden können. »Das bedeutet mir nichts«, sagte er. Für Bill Gates hatte er ja noch Respekt, für die ganzen Affen, die ihren Reichtum zur Schau trugen, aber nicht. Kapital war für ihn ein Werkzeug. Und Bertelsmann an der Börse? »Dann hätte ich hier aber kaum diese besondere Unternehmenskultur aufbauen können.« Er war selbstbewusst, er neigte auch mal zur geschönten Selbstdarstellung, doch unrecht hatte er auch hier nicht.

Er belohnte Mitarbeiter und Manager mit Geld und mit Freiheit Als junger Mann war Mohn Offizier in Rommels Afrikakorps gewesen, dann Kriegsgefangener in den USA. Vielleicht hat der Krieg ihn schon zum Anhänger liberaler Führungsmethoden gemacht – einer seiner Soldaten brachte sich um, weil Mohn ihn für ein Vergehen melden würde –, vielleicht auch erst der Eindruck aus Amerika. Jedenfalls übernahm er 1947 die Familienfirma, die im »Dritten Reich« eine zwiespältige Rolle gespielt hatte und nun daniederlag. Nach den ersten harten Jahren baute er eine zukunftsweisende Organisation auf. Die Zentrale verzichtete auf genaue Vorgaben. Jeder Geschäftsbereich wurde zum Profitcenter, geführt von einer der unternehmerischen Führungspersonen, die Mohn zeitlebens in anderen suchte. Was immer die Aufgabe verlangte: Um die Talente aus den Metropolen überhaupt nach Gütersloh zu bekommen, versprach er ihnen neben unternehmerischem Freiraum auch viel Geld. Und es funktio-

nierte. Der Verlockung folgte eine Generation intelligenter Jungmanager, die zwar zunächst wenig von Medien verstanden, aber viel von geschäftlichem Erfolg. Und Bertelsmann belohnte sie reichlich. Menschlichkeit gewinnt hieß ein Buch von Mohn. Er hätte auch schreiben können: Menschlichkeit schafft Gewinn. Die Mitarbeiter ließ er systematisch befragen, wie zufrieden sie seien – und gab ihnen mehr Mitspracherechte, als das Gesetz es verlangte. Er wollte Leute, die sich im Unternehmen wohlfühlten und dessen Ziele zu den ihren machten. Und die künftigen Chefs sollten aus demselben Grund bei Bertelsmann groß werden. Also sollten die Manager ihre Mitarbeiter fördern, gewähren und sich bewähren lassen – und als Vorbild dienen. Mit 60 Jahren sollten sie den Jüngeren Platz machen. 1980 verabschiedeten Gesellschafter, Vorstand und Betriebsrat gemeinsam eine neue Unternehmensverfassung, in der alle Regeln festgehalten wurden. »Mitarbeiterorientierung« heißt das heute. Sie hatte Tradition im Hause Bertelsmann, und Mohn ist natürlich auch ein Produkt der Familie. Schon 1887 hatte das Unternehmen eine Invaliden- und Altersvorsorgekasse gegründet, in die Firma und Angestellte zu gleichen Teilen einzahlten. Die Familie half auch sonst in Not geratenen Mitarbeitern und band sie mit Treueprämien ans Haus. Eigentlich wollte Reinhard Mohn Ingenieur werden, aber dann konnte er gar nicht studieren. Ein Homo Faber war er gleichwohl. Ein Firmen- und Sozialingenieur, der meinte, alles müsse man messen, alles objektivieren, alles beweisen können, obwohl er es doch mit Menschen zu tun hatte. »Es gibt nur eine Legitimation zu führen«, sagte er später, »die bewiesene Fähigkeit zu führen.« Als könne man das exakt beweisen. Doch Mohn war schon als Junge so. So teilte er den Pietismus der Eltern nicht, wie er 2001 einmal erzählte. Die Religion werde ihm helfen, versprach die Mutter. Also probierte Klein-Reinhard es aus und betete vor der Lateinarbeit. Die Note wurde nicht besser, und der Glaube war durchgefallen. Von Kindesbeinen an hatte der drahtige Reinhard Mohn

mit der hohen Stimme etwas Kauziges im Wesen. So mussten neue Mitarbeiter der Bertelsmann-Stiftung fürchten, dass Mohn sie mit einem seiner Lieblingsprojekte betrauen würde: Objektive Kriterien für die Partnerwahl. Auf diese Marotte angesprochen, antwortete Mohn später: »Es gibt Grenzen und Ermessensspielräume, klar. Aber die andere Seite ist doch die: Die Scheidungsrate ist hoch. Durch private Fehlbündnisse kommt unnötiges Elend in unserer Gesellschaft zustande.« Ob er auch die eigene erste Ehe meinte oder das langjährige Versteckspiel um das Verhältnis mit seiner späteren, zweiten Ehefrau Liz, es war ihm nicht anzusehen.

Mit 60 Jahren gab Mohn den Chefposten im Unternehmen auf, wie es sich gehörte, und wechselte an die Spitze der kurz zuvor gegründeten Stiftung gleich neben der Konzernzentrale. Die erhielt auch den großen Teil der Bertelsmann-Anteile. Mohns Unternehmenskultur funktionierte weiter. Und die Stiftung zog viele begeisterte junge Leute an, die tatsächlich die Gesellschaft verbessern wollten. Kritikern war Mohns gemeinnützige Organisation bald zu mächtig, doch sie versuchte mit Erfolg, die Bürgergesellschaft im Land zu stärken. Mit ihrer Hilfe wurden auch Schulen effektiver und Kommunen leistungsfähiger. Es lief gut mit dem Mohn-Projekt im ausgehenden 20. Jahrhundert. Manchmal war er eigensinnig, manchmal ein Berserker, aber die Mitarbeiter hüben und drüben des kleinen, künstlichen BertelsmannSees folgten ihm. Dann begannen die Dinge schiefzulaufen. Genauer: Der Patriarch verlor das Vertrauen in die eigenen Leute. Der langjährige Vorstandschef Mark Wössner wechselte Ende der neunziger Jahr an die Spitze der Stiftung – und schon bald fand Mohn, er handle zu eigenmächtig. Der Nachfolger an der Unternehmensspitze war »Mr. New Economy« Tho-

mas Middelhoff. Der drillte Bertelsmann auf Internet und auf Börse. Offiziell hielt Mohn fünf Jahre lang zu ihm, tatsächlich aber wuchs sein Gram. Er wollte bald nicht mehr, dass die kurzlebige Börse in Gütersloh hineinregierte – und zog schließlich zusammen mit seiner Frau die Notbremse. Erst hatte Wössner gehen müssen. Dann schied Middelhoff in Schimpf und Schande, und der neue Stiftungschef Gunter Thielen, ein Vertrauter der Mohns, wechselte zurück an die Firmenspitze. Enttäuscht veröffentlichte Mohn eine Philippika gegen die »Eitelkeit der Manager«, die der Gemeinschaft des Unternehmens schade. Er wollte es nicht, aber der Glaube der Mitarbeiter beiderseits des Sees in das Gütersloher Modell litt erheblich. Seither ringt der Konzern ebenso um seine Mission wie die Stiftung. Später wetterte Mohn gegen die »vielen Leute, die denken, wenn sie Ellenbogen und antiquierte hierarchische Methoden einsetzen, kommt der Erfolg«. Aus der Enttäuschung wurde ein Prinzip. Mohn hatte seine Prinzipien mehrfach geändert, hatte mal der Familie und mal angestellten Managern die Macht zugedacht. Doch diesmal war es endgültig. Gegen seine Frau und die Familie geht seither nichts mehr im Westfälischen, sie sollen die menschliche Haltung im Unternehmen wahren. Den Glauben hatte Reinhard Mohn nicht geerbt, den Hang zum Prinzipiellen und Pflichtbewussten schon. Er rang mit nicht weniger als den Grundwidersprüchen des Kapitalismus. Seine Manager sollten das Kunststück fertigbringen, starke Führungspersonen und gleichzeitig Vorbilder an Bescheidenheit und Gemeinschaftsgeist zu sein. Auflösen lässt sich diese Spannung aber nie. Mohn wollte den Menschen mehr Freiraum schaffen und sie zum Engagement veranlassen – und gleichzeitig alle Ergebnisse messen und kontrollieren. Auch diese Ambivalenz bleibt bestehen. Reinhard Mohn, der erfolgreichste deutsche Unternehmer der Nachkriegszeit, ist am Wochenende im Alter von 88 Jahren gestorben.

Vertreter mit Hand- und Pferdekarren, später mit Bussen durch die westdeutsche Republik und warben Abonnenten. Deren Zahl ging bald in die Millionen, und so wurde der Club zum Zentrum des Unternehmens. Kritik an seinem kulturindustriellen Vertrieb populär bis seichter und nur gelegentlich anspruchsvoller Bücher von Autoren wie Henry Kissinger, Robert Jungk, Wolfgang Leonhard focht ihn nicht an. Pragmatisch nach Einnahmequellen suchend, dachte er längst weiter und wagte sich Ende der fünfziger Jahre ins Schallplattengeschäft. In den sechziger Jahren kamen erste Projekte im Film- und Fernsehgeschäft hinzu. Insofern legte Mohn schon vor vierzig Jahren den Grundstein für die heutige Struk-

tur von Bertelsmann. Und er veränderte seine Strategie: Statt nur organisch zu wachsen, dominierten seither die Zukäufe im In- und Ausland. Mohn investierte in den Zeitschriftenverlag Gruner + Jahr. In drei Schritten erwarb er dort eine Dreiviertelmehrheit, während er zeitgleich das Buchgeschäft ausbaute und Verlage wie Goldmann, Blanvalet und Bantam übernahm. 1981 zog Mohn sich dann in den Aufsichtsrat zurück. In Mark Wössner hatte er einen Nachfolger gefunden, der ihm in seinem Antrieb kaum nachstand. Dieser machte aus Bertelsmann ein wahrhaft internationales Unternehmen und zeitweilig den größten Medienkonzern der Welt. In diesem Jahr wird er etwa 16 Milliarden Euro umsetzen. Wie er das Unternehmen über seinen Tod hinaus bewahren könnte, darüber dachte Mohn schon früh nach. 1977 gründete er die Bertelsmann-Stiftung.

Sie wird zur Plattform für sein gesellschaftspolitisches Engagement, aber in vielen, nicht immer logischen Schritten wächst auch die Rolle der Stiftung für das Unternehmen. Sie hält heute 76,9 Prozent der Anteile an der Bertelsmann AG. Die Stimmrechte liegen in einer zwischengeschalteten Bertelsmann Verwaltungsgesellschaft, in der die Familie Mohn die entscheidende Rolle spielt. Ihre Sprecherin ist Mohns zweite Frau. Liz Mohn (Foto) sitzt in den wichtigen Gremien, also auch im Aufsichtsrat, im Vorstand und Kuratorium der Stiftung. Dass Reinhard Mohn sich gewünscht hat, seine Tochter Brigitte Mohn möge einige dieser Funktionen irgendwann übernehmen, ist in seinem letzten Buch deutlich geworden. Sie soll das Erbe in ferner Zukunft erhalten. GOH

Er war ein Pionier und Vordenker, ein kantiger und kauziger Typ

Vom Kleinverlag zum Weltkonzern Wie schlecht es um den C. Bertelsmann Verlag direkt nach dem Weltkrieg stand, lässt sich aus Reinhard Mohns erster Neujahrsansprache 1947 an seine wenigen Mitarbeiter ablesen. Er war erst wenige Monate zuvor aus dem Krieg zurückgekehrt und hatte den kleinen Buchverlag inklusive Druckerei von seinem Vater übernommen. Mohn bezieht sich in seiner Rede auf ein Fotoalbum, das er von seinen Mitarbeitern zu Weihnachten geschenkt bekommen hatte, und er erinnert an die Bilder von 1945, »Mauerreste und Trümmer, Schutt und Rauch«, um dann die gemeinsame Aufbauarbeit zu beschreiben, die ebenfalls in Bildern festgehalten wurde. »Man spürt deutlich ein Gefühl der Erleichterung, und es ist wie ein Aufatmen zu sehen, wie die Gebäude wieder emporwachsen, wie hier gebaut und Ordnung

geschaffen wird.« Es sind bescheidene Anfänge.Seine unternehmerische Leistung in den darauf folgenden drei Jahrzehnten lässt sich mit der von Robert Bosch und Werner von Siemens vergleichen, die rund hundert Jahre früher wirkten. Während diese Ikonen der Industrialisierung wurden, ist der Aufstieg Mohns eng mit dem Beginn des massenmedialen Zeitalters verbunden; Bertelsmann ist geradezu ein Sinnbild für die wachsende Bedeutung von Unterhaltung, Information und Bildung in unserem Alltag, und Mohn wusste diese Entwicklung für sich zu nutzen wie kein Zweiter in Deutschland. In seiner Zeit als Personenunternehmer und später als Vorstandschef stieg der Umsatz von einer Million Mark im Jahr 1948 auf mehr als sechs Milliarden Mark 1981. Mohns erste große Leistung war der Wiederaufbau, die zweite war die Entwicklung eines Leserings, aus dem sich der bis heute bekannte Bertelsmann Buchclub entwickelte. Zunächst zogen die

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WISSEN

8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

Heilsame Wahl Eine Ungarin wacht für die WHO bald über die Gesundheit in Europa

Fußballkunst auf Plastikgrün Am Samstag tritt die Nationalmannschaft erstmals auf künstlichem Rasen an. Die Naturwiese gerät in die Defensive

W

enn am Samstag die deutsche Fußballnationalmannschaft im Moskauer Luschniki-Stadion aufläuft, wird ein Hauch von Abschied zu spüren sein. Die Natur verschwindet aus den Fußballstadien. Es wird offiziell das erste Mal sein, dass unsere Auswahl den beliebtesten Rasensport der Welt auf Polyethylen und Gummigranulat betreibt. Das WM-Qualifikationsspiel auf Rasen (gegen Russland) ist kein singuläres Ereignis. In vielen Stadien werden keine Rasenteppiche mehr ausgerollt, sondern Kunststoffmatten verlegt. In Deutschland vorerst vor allem auf Trainingsplätzen und für die Junioren, bei den Nachbarn längst auch in der Ersten Liga: Der FC Red Bull Salzburg kickt in seiner Arena auf Kunststoff, ebenso die Berner Young Boys im Stade de Suisse. In diesen Stadien mussten die Platzwarte für die EM 2008 zwar einen Natur- über den Kunstrasen legen, und auch Südafrikas Gärtner lassen für ihre WM im kommenden Sommer noch echtes Gras wachsen. Aber der Abschied von den Naturhalmen naht. Synthetikprodukte aus einem halben Dutzend Komponenten machen sich auf den Plätzen breit. Längst haben Uefa und Fifa die Hightech-Unterlagen akzeptiert und das Ende der natürlichen Spielwiese eingeläutet. In der Champions League wird heute schon auf Plastik gespielt. Geht es nach Fifa-Generalsekretär Josef Blatter, werden in Südafrika letztmals WM-Spiele auf der Wiese angepfiffen. Anfänglich befürchtete Bundestrainer Joachim Löw, seine Spieler müssten gegen die Russen ein »komplett anderes Spiel« spielen. Zur Vorbereitung trainierte das Team in Mainz auf einem Fabrikat, das dem Moskauer Untergrund ähnelt und vom selben (französischen) Hersteller stammt. Inzwischen sieht Löw der Partie gelassen entgegen: »Die Plätze der neuesten Generation sind denen mit Naturrasen schon sehr ähnlich.« In einer aktuellen Studie kommt die Deutsche Sporthochschule Köln zum selben Schluss: »Gute und gut gepflegte Kunstrasenplätze beeinflussen das Spiel nicht messbar.« Einer, der den Moskauer Boden zu spüren bekommen wird, ist der 27-jährige Mittelfeldspieler

Simon Rolfes. »Heute sind die Plätze weicher. Man läuft wie auf einem Teppich«, sagt der Leverkusener Profi. Vor zehn Jahren sah das noch anders aus. Die ersten Begegnungen mit Kunstrasen waren »einschneidend«. Dem damaligen Juniorenspieler tat jede Grätsche weh. Wie Schmirgelpapier arbeiteten sich die Halme in seine Haut, hinterließen schmerzhafte Spuren. »Schürfwunden gehörten auf Kunstrasen einfach dazu«, erzählt Rolfes. Die Plätze hatten kurze, harte Stängel (oft aus Nylon), die wie Bartstoppeln aus dem Boden herausstanden. Heute sind die Filamente lang und biegsam. Zwischen den Halmen liegt weiches Füllmaterial, darunter eine dämpfende Schicht. Die kuscheligeren Modelle schonen nicht nur Gestürzte und Gefoulte, die Werkstofftechnik verändert auch das Spiel. »Der Ball ist schneller«, sagt Rolfes, »es kommt extrem auf die Passgenauigkeit an.« Das gilt vor allem bei Regen. Techniker haben Vorteile gegenüber Rumpelfußballern. Diese »Unterschiede in der Ballbehandlung und der Koordination« müsse man beachten, begründet Löw die Nachhilfestunden in Mainz. Auch »im Laufverhalten sowie beim Aufspringen und im Beschleunigungsverhalten des Balles« hat er Unterschiede ausgemacht.

POLYETHYLEN-HALME eines Kunstrasens sind vier bis sechs Zentimeter lang und in ein Gewebe eingenäht. Zwischen den Halmen dämpft Granulat aus Gummi den Tritt, darunter eine elastische Matte

Damit sich Kunst und Natur nahe kommen, haben Fifa und Uefa Kriterien erstellt. Fällt der Ball aus zwei Meter Höhe auf den – natürlichen oder künstlichen – Boden, muss er 60, darf aber höchstens 85 Zentimeter hoch springen. Auch das Rollverhalten auf der schiefen Ebene ist exakt geregelt. Der Nationalspieler Rolfes erinnert sich an ein Auswärtsspiel mit Leverkusen, 2007 bei Spartak Moskau, mitten im russischen Winter. Damals freute er sich, auf Kunstrasen anzutreten: »Es herrschten wahnsinnige Minusgrade. Auf Naturrasen, selbst mit Rasenheizung, hätte man gar nicht spielen können.« Auf Kunstrasen konnte man. Profiteure des Trends sind Betriebe wie die Firma Polytan. Von ihr stammen die Beläge in Salzburg und Bern, aber auch in Töftir auf den Färöer-Inseln. 3,5 Millionen Quadratmeter Kunstrasen entstehen jedes Jahr im nordrhein-westfälischen Grefrath. Überdimensionale Nähmaschinen knüpfen dort Rasenfilamente aus Polyethylen zu riesigen Teppichen zusammen. »Tuften« nennen die Ingenieure das. Und der Produktmanager der Firma, Friedemann Söll, nennt das Resultat auch lieber nicht »Kunstrasen«. Ihm behagt die Vokabel »Fußballrasen« mehr – weil er die Vorurteile gegen das künstliche Grün nur zu gut kennt. Ihn ärgert, dass Kritiker von erhöhtem Verletzungsrisiko sprechen. In einer Umfrage lehnten neun von zehn deutschen Profis Kunstrasen ab und nannten als Hauptgrund die Angst vor Verletzungen. Doch Belege dafür, dass die reale Gefahr – immer noch – so hoch ist wie die gefühlte, gibt es nicht. Ärzte warnen hingegen vor Überlastungsschäden und dem ständigen Wechsel zwischen beiden Belägen. Aber auch dazu fehlen Langzeitstudien. Bewiesen sind dagegen die praktischen Vorteile. Kunstplätze halten fast jede Witterung aus. Während der Naturrasen 800 Trainingsstunden im Jahr übersteht, sind auf ihnen 2000 möglich. Auch danach muss der Belag nicht ausgetauscht, sondern nur gebürstet und gereinigt werden. Deshalb hat der FSV Mainz zu Trainingszwecken ebenso einen gekauft wie der FC Bayern und Herta BSC. Früher oder später werden auch Bundesligaspiele auf Kunstrasen stattfinden. Eine logische

Entwicklung: Moderne Stadien bestehen aus steilen, hohen Tribünen direkt am Spielfeldrand, die zudem noch überdacht sind. Da gelangt kaum noch Sonnenlicht, die Urkraft für die Photosynthese, ins Innere, und es weht kein Wind. Dem Rasen fehlt es an Frischluft und Photonen. Klubs wie der Hamburger SV lösen das Problem, indem sie jährlich mindestens zweimal neuen Naturrasen verlegen. Schalke 04 verschafft seinem Grünzeug die nötigen Luft- und Lichtdosen, indem das Feld nach jedem Spiel auf Rollen unter der Tribüne hindurch ins Freie geschoben wird. 200 000 Euro kostet ein Satz natürliches Grün, das nahezu unverwüstliche Imitat bloß das Doppelte. Klubs, DFB und Spieler zögern dennoch, den Betrieb umzustellen. Dabei wäre es nicht der erste Vorstoß moderner Materialien: Früher schossen Spieler in Baumwollhemden das Leder an die hölzerne Latte, heute schießen sie in Polyestertrikots eine mit Polyurethan beschichtete Kunststoffkugel ans Aluminium. Der Rasen ist nur die letzte Bastion der Traditionalisten. Trikots müssen schmutzig werden können. Und zu einer Grätsche gehört, dass ein grasbewachsener Klumpen Dreck durch die Luft fliegt – nicht nur ein paar Körner Granulat. Kein Wunder, dass Englands Kicker strikt gegen Kunstrasen sind. 80 bis 90 Prozent der natürlichen Eigenschaften habe man erreicht, sagt Söll. Sogar die Noppen sinken dezent ein, wie in von Würmern durchlüfteter Erde. Simon Rolfes ist trotzdem nicht überzeugt. Er lobt »den Reiz der Unberechenbarkeit«. Nichts freue ihn mehr, als im Sommer zu merken, »dass der Rasen besser ist als im Winter«. Der Vollprofi, so scheint’s, ist im Innern ein Naturbursche geblieben, der den Geruch frischen Grüns braucht. Technisch gesehen, ist auch das kein Alleinstellungsmerkmal der Natur mehr. Wenn die Spieler an seinem Kunstboden nur der fehlende Duft stört, will Friedemann Söll schnell Abhilfe schaffen: »Wir können unseren Fußballrasen auch nach Rasen riechen lassen. Nichts leichter als das.« a www.zeit.de/audio

Foto: Westend61/F1online

VON JÜRGEN BRÖKER UND URS WILLMANN

Während die Bewohner in den alten Mitgliedsstaaten vergleichsweise gesund sind, leiden Europas Neubürger im Osten. Dort ist die Kindersterblichkeit hoch, die Tuberkulose verbreitet und die medizinische Versorgung schlecht. So sterben zum Beispiel in Island weniger als 2 von 1000 Neugeborenen im ersten Lebensjahr, in Rumänien sind es 14. Gleichzeitig wandern viele Ärzte – zum Beispiel aus Polen – in den goldenen EU-Westen ab. In dieser bedrückend ungleichen Situation trifft es sich gut, dass gerade die Ungarin Zsuzsanna Jakab für den Direktorenposten der europäischen Sektion der Weltgesundheitsorganisation (WHO) nominiert wurde. Bestätigt der Verwaltungsrat der WHO die Wahl, dann säße der größten Unterabteilung der WHO mit insgesamt 53 Mitgliedsstaaten zum ersten Mal jemand aus einem ehemaligen Ostblockland vor. Bisher leitete Jakab als Direktorin das neue Europäische Zentrum für die Prävention und Kontrolle von Krankheiten (ECDC). Das ECDC koordiniert die aktuelle Abwehr der Schweinegrippe. Nicht nur die Pandemie zeigt, dass Europa einem neuen, transnationalen Medizinansatz braucht. Wie vergangene Woche beim European Health Forum im österreichischen Bad Hofgastein festgestellt wurde, hapert es an vielen Stellen. So ist Krebs mit 3,2 Millionen diagnostizierten Fällen pro Jahr die am weitesten verbreitete Krankheit in der Europäischen Union, dennoch gibt es keine institutionalisierte Zusammenarbeit zwischen den europäischen Staaten. Jakab will die europäischen Gesundheitsinstitutionen einander näherbringen und sich für mehr Gerechtigkeit einsetzen. Als Ungarin ist sie eine glaubwürdige Fürsprecherin der Neuen. Man sagt ihr nach, dass sie eine geschickte Unterhändlerin sei. Diese Eigenschaft wird sie dringend brauchen, unterliegt Gesundheit im politischen Europa meistens noch der Staatsräson. Und auch hierzulande reicht in Gesundheitsfragen der Horizont oft nur bis zur nächsten Grenze. Nicht Deutschlands – sondern nur an die eines Bundeslandes. HARRO ALBRECHT

Ardi, ist das alles? Eine neue Verwandte ohne Namen Was für ein Willkommen! Eine Sonderausgabe des Wissenschaftsjournals Science, simultane Pressekonferenzen in Washington und Addis Abeba, in den Zeitungen und im Netz überall diese Schwarz-Weiß-Zeichnung: ein Weibchen jener Hominiden-Art, deren Knochen Forscher 1992 in Äthiopien fanden, Ardipithecus ramidus, kurz Ardi. Aufrecht steht unsere (mögliche) Vorfahrin da, stark behaart, mit sanftem Blick. Die schmalen Lippen aber, die nach vorn gekehrte Handfläche wirken fragend. Warum nur eine läppische Abkürzung? Warum kein echter Name – Lucy, Ida – wie für andere fossile VIPs? So behandelt man doch keine 4,4 Millionen Jahre alte Dame. STEFAN SCHMITT i Weitere Informationen auf ZEIT ONLINE: www.zeit.de/ardi

WISSEN

8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

Eurasische Platte

Kurilen Japan

Ostaleuten 1946

Eine Kaskade von Beben Die Erdkruste in Südostasien steht unter Spannung, die Häufung von Katastrophen ist kein Zufall. Experten warnen vor einem Erdbebensturm – ein aus der Geschichte bekanntes Phänomen VON AXEL BOJANOWSKI

E

in Erdbeben verheert Sumatra; tags zuvor ein Seebeben mit Tsunami vor Samoa. Kommen, wie in der vergangenen Woche, zwei Katastrophen zeitlich so nah zusammen, schauen die Geologen noch genauer als sonst auf ihre Messgeräte und fragen sich: Haben die Ereignisse miteinander zu tun? Gegen einen Zusammenhang spricht die Distanz. Über Tausende Kilometer hätten sich die Spannungen in der Erdkruste von Samoa bis Indonesien fortpflanzen müssen. Allerdings kamen die

Schläge auch nicht überraschend; sie ereigneten sich an der gefährlichsten Nahtzone der Erde – dem sogenannten Feuerring. Am Rand des Pazifischen und des Indischen Ozeans ruckeln mächtige Erdplatten ins Erdinnere, was den Boden häufiger als anderswo erzittern lässt. Und das Schlimmste, darauf deuten die aufwendigen Messkampagnen an den neuralgischen Punkten der Erdkruste hin, könnte noch bevorstehen. Im Maschinenraum der Erde herrscht der-

zeit besonders große Unruhe – und auf Indonesien könnten weitere Starkbeben zukommen. Keine fünf Jahre ist es her, dass ein gewaltiges Beben jenen Tsunami auslöste, der an den Küsten rund um den Indischen Ozean über 230 000 Tote forderte. Betrachtet man die Abfolge der Erschütterungen über einen längeren Zeitraum, offenbart sich: Das Land befindet sich vermutlich in einem sogenannten Erdbebensturm, einer Folge schwerer Beben binnen weniger Jahre. »Es drohen weitere Tsunamikatastrophen«, sagt John McCloskey von der University of Ulster in Nordirland. Erdbebenstürme sind von unerbittlicher Gewalt, sie können ganze Kontinente dem Erdboden gleichmachen. Zweimal haben solche Beben-Kaskaden die Küsten des Mittelmeers verwüstet: Von 1225 bis 1175 vor Christus gingen 47 bronzezeitliche Städte im Nahen Osten und am östlichen Mittelmeer zugrunde. Auch im 4. nachchristlichen Jahrhundert fielen Metropolen reihenweise, von Palästina bis Sizilien. In zwölf Jahren hatte es elf vernichtende Starkbeben gegeben. Vielerorts finden sich Spuren, die zeigen, dass sich der Boden um das Jahr 365 herum mehrfach schlagartig um bis zu zehn Meter gehoben hat. Die Häufung von Starkbeben damals kann kein Zufall gewesen sein. Ein systematischer Umbau in der Erdkruste müsse stattgefunden haben, meinte vor ein paar Jahren der amerikanische Seismologe Amos Nur – und prägte für das neu entdeckte Phänomen den Begriff Erdbebensturm. Das Ka-

Alaska 1964

Stärke (Magnituden)

Sumatra 2009

Neu-Guinea Java Timor

jüngste Beben

8,0 – 8,4 Mw

Philippinische Platte

Andamanen 2004

7,5 – 7,9 Mw

Kaskadien 1700

Iranische Platte ArabischePlatte

Die gewaltigsten Beben am FeuerringEurasi Plat

Nordamerikanische Platte

Kamtschatka 1952

Karibische Platte

Mexiko

Tonga

Pazifische Platte

rikanische Platte 9,0 – 9,5 Mw

1868 Peru NazcaPlatte

Chile 1960

IndoAustralische Platte

Iranische Arabische

8,5 – 8,9 Mw

Cocos-Platte

Samoa 2009

Kollidierende Platten

Südamerikanische Platte

Hikurangi

Auseinanderstrebende Platten 50 mm pro Jahr (Geschwindigkeit der Platten)

Antarktische Platte

Antarktis Platte

ZEIT-Grafik/Quelle: afp, Geological Society of America

tastrophenstakkato ist glücklicherweise selten. Es trete lediglich an Erdplattengrenzen auf, an denen die Bruchzonen so gut miteinander verbunden seien, dass ein Beben das nächste auslösen könne, erläutert Ross Stein vom Geologischen Dienst der USA. Solche Plattengrenzen verhalten sich wie die Knopfleiste des Hemdes über einem Bierbauch: Reißt ein Knopf ab, geraten die anderen unter größere Spannung. Kracht es in der Erde entlang solch einer Bruchzone, dann hört das Beben erst auf, wenn sich die Gesteinsspannung entlang der gesamten Plattengrenze gelöst hat. Südlich von Indonesien liegt ein besonderer Unruheherd. Der Meeresboden ist dort in ein Mosaik aus Millionen Tonnen schweren Paketen zersprungen. Die Felsschollen sind kilometerdick, manche umfassen die Fläche mehrerer deutscher Bundesländer. Sie geraten von Süden her unter Druck, weil sich die Indische Erdplatte mit einer Geschwindigkeit von fünf Zentimetern pro Jahr gegen Indonesien schiebt. Wird die Spannung zwischen den Reibungsflächen zu groß, bricht das Gestein – es bebt. Seit der Tsunamikatastrophe am 26. Dezember 2004 ist der Meeresboden vor Indonesien nicht zur Ruhe gekommen. Alle paar Wochen bricht das Gestein mit ungewöhnlicher Wucht. Die Bebengefahr vor Sumatra sei größer denn je, berichtet John McCloskey. Denn bei Erdbeben verschiebt sich dort die Spannung ans Ende des Bruchs – wie bei einer Reihe umfallender Dominosteine. Nach den Beben der vergangenen Jahre stehe nun das

bislang verschonte Gestein unter erhöhtem Druck. In manchen Regionen vor der Küste Sumatras staue sich die Spannung seit mehr als 200 Jahren, sagt McCloskey. Daher sei es unwahrscheinlich, dass Indonesien eine Bebenpause bekomme, glaubt Kerry Sieh, Geologe am California Institute of Technology (Caltech). Seine Untersuchungen an Korallen und Gesteinen haben gezeigt, dass sich die Spannung vor Sumatra in 700 Jahren dreimal in Schüben abgebaut hat. Im 14., im 16. und im 17. Jahrhundert brach im Meeresboden ein regelrechtes Trommelfeuer los, das jahrelang anhielt. Mit dem Tsunamibeben von 2004 ist solch ein Katastrophenstakkato offenbar in Gang gekommen. 33 schwere Beben mit einer Stärke von mehr als 6 haben das Land seither erschüttert – eine äußerst ungewöhnliche Häufung von Erdbeben. 14 der Schläge hatten eine Stärke von mehr als 7. Selbst in Regionen, die bereits erschüttert worden sind, ist der Druck in der Erdkruste noch immer riesig, berichten Geoforscher um Ozgun Konca vom Caltech. Sie haben mithilfe von GPS- und Radarsatelliten die Deformationen des Erdbodens ermittelt und die Messungen mit den Daten über die früheren Starkbeben verglichen. Korallen und Gesteine auf den Inseln um Sumatra zeigen, dass sich der Boden bei zwei Beben 1797 und 1833 großflächig um mehrere Meter gehoben hatte. Die Situation heute, sagt Konca, gleiche derjenigen im Anfangsstadium dieser historischen Ereignisse.

Um die Gefahr einzuschätzen, vermessen Wissenschaftler von Schiffen aus den Meeresboden bis in eine Tiefe von 30 Kilometern. Bereiche an der Grenze zweier Erdschollen, die lange nicht gebrochen sind, gelten als Gefahrenherd. »Je größer diese Zonen,

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desto stärker die Beben«, sagt Kerry Sieh. Vor Java haben die Forscher eine lange Bruchzone ausgemacht, die seit dem 19. Jahrhundert ihre Spannung nicht abgebaut hat. Risse sie auf ganzer Länge, gäbe es – wie im Jahr 2004 – einen Schlag der Stärke 9. Ozeanweite Tsunamis könnten auch dann die Folge sein.

WISSEN

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Licht rein, Licht raus Der Physiknobelpreis würdigt diesmal technische Raffinesse, die zur Grundlage des Informationszeitalters wurde

VON MAX RAUNER UND ULRICH SCHNABEL

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Die Bell Labs selbst haben allerdings seither ihren einstigen Ruf als Mekka der Physik eingebüßt. Noch Mitte der achtziger Jahre arbeiteten dort 20 000 Physiker, Ingenieure, Techniker und Materialwissenschaftler – 1000 von ihnen machten Grundlagenexperimente. Auf den Gängen begegnete man Autoritäten, beim Nachmittagstee diskutierten Nobelpreisträger über Halbleiter und Kristalldefekte. »Das war ein tolles Rezept: Die besten Forscher holen, die man finden kann, und ihnen nicht vorschreiben, was sie tun müssen«, erinnert sich der deutsche Nobelpreisträger Theodor Hänsch an seine Besuche in Murray Hill. Doch Ende der achtziger Jahre ging es bergab. Bell wurde aufgespalten, die Forschungslabors wurden einer neuen Firma namens Lucent Technologies zugeschlagen. Analysten beklagten die zögerliche Umsetzung von Laborergebnissen, Lucent begann zu sparen. Die besten Forscher verließen die Labors. Nur noch einmal machten die Bell Labs Schlagzeilen in der Wissenschaft: als ihr Mitarbeiter Jan Hendrik Schön, ein Physiker aus Deutschland, einen der größten Fälschungsskandale der Physik auslöste. Anschließend zog sich Lucent endgültig aus der Grundlagenforschung zurück. 2006 fusionierte die Firma mit Alcatel, im Juli 2008 arbeiteten noch vier Wissenschaftler an grundlegenden physikalischen Fragen, einen Monat später machte Alcatel-Lucent die Abteilung dicht. Der Nobelpreis für Boyle und Smith werde damit der letzte für die Bell Labs sein, prophezeit der dänische Wissenschaftshistoriker Helge Kragh. Kragh war überrascht, als er am Dienstag von der Wahl des Nobelpreiskomitees erfuhr. Damit würden eher Erfindungen als Entdeckungen ausgezeichnet, sagt der Historiker, und das sei in der Tradition des Nobelpreises ungewöhnlich. Bis auf wenige Ausnahmen wurde der Physikpreis stets für Grundlagenforschung vergeben. »Die Würdigung von Glasfaser und CCD spiegelt die Tatsache wider, dass es in der grundlegenden Physik seit zwei Jahrzehnten kaum Fortschritte gibt«, analysiert Kragh. Da ist etwas dran: Schließlich sind die meisten Elementarteilchen entdeckt, die Quantentheorie ist bis ins letzte Detail ausformuliert, und die lang ersehnte Theorie für alles – die Vereinigung von Quanten- und Relativitätstheorie – liegt in weiter Ferne. Nun warten die Physiker der Welt auf Daten des Genfer Teilchenbeschleunigers LHC. Doch der steht seit einer Panne kurz nach dem Start still und soll erst im November wieder angefahren werden. Der Nobelpreis für CCDs und Glasfaser ist, so gesehen, der ideale Stoff für eine Werbepause.

unnar Öquist mag innerlich aufgeatmet Mitte mit Erfindungen wie Schießpulver und rapide ab. Glas schien völlig ungeeignet zur Komhaben, als die Entscheidung über den Kompass Technologieführer war. In diesem Klima munikation über größere Distanzen – bis Kao Physiknobelpreis gefallen war. Oft genug der nationalen Anstrengung wird jeder auch nur 1966 nachwies, dass der Intensitätsabfall vorwiemuss der Generalsekretär der Schwe- entfernt chinesisch angehauchte Nobelpreisträger gend auf die im Glas enthaltenen Unreinheiten zurückzuführen war. Wenige Jahre später, 1970, dischen Akademie der Wissenschaften bei der Ver- sofort vereinnahmt. Und Kao ist im Fernen Osten längst ein Star. kamen die ersten kommerziellen Lichtleiter aus kündung abstrakte Teilchenphysik oder bizarre Quantenphänomene umschreiben, deren Namen Als etwa die Zeitschrift Asiaweek 1999 die fünf hochreinem Quarzglas auf den Markt; die elektrodie meisten nicht einmal aussprechen können. Die- wichtigsten Asiaten des 20. Jahrhunderts kürte, nische Revolution konnte beginnen. Fast zur selben Zeit gelang auch Willard Boyle ses Jahr hatte er es leichter. Öquist und seine Adju- fiel die Wahl auf Chinas ehemaligen Staatschef tanten brachten zur Pressekonferenz einen Laser- Deng Xiaoping, Sony-Chef Akio Morita, den Fil- und George Smith der Durchbruch. Im Oktober pointer und eine Glasfaser mit, die sie quer über den memacher Akira Kurosawa, Mahatma Gandhi – 1969 standen sie vor einer Tafel in Boyles Büro und Tisch legten. Licht vorne rein, Licht hinten raus, so und den Physiker Kao, den »Vater der Glasfaser- diskutierten über das Grundprinzip der CCD-Techeinfach geht das, Charles Kao sei Dank. Und als Kommunikation«. Mit den Nobel-Ehren, die ihm nik. Ursprünglich wollten sie einen Datenspeicher Willard Boyle und George Smith für die Erfindung die Hälfte des Preisgelds von knapp einer Million bauen, das war jedenfalls der Auftrag ihres Chefs. des CCD-Chips gewürdigt wurden, holte der Kol- Euro einbringen, dürfte er endgültig in den chine- Dann jedoch zeigte sich, dass sie gerade die Idee für lege rechts auf dem Podium kurz seine Digitalka- sischen Götterhimmel erhoben werden. Dass aus- einen Bildsensor ausgebrütet hatten. »Das Treffen mera hervor, schraubte das Objektiv ab, und klick gerechnet seine Erfindung die Entwicklung des dauerte nicht länger als eine Stunde«, erinnerte sich Internets und der modernen Kommunikations- Smith später, »danach hatten wir die Grundstruktur – »da hinten befindet sich ein CCD-Chip«. Tatsächlich werden mit dem diesjährigen Phy- mittel ermöglichte, die China nun durch raffinier- des CCD-Chips skizziert und auch schon ein paar siknobelpreis zwei Grundlagen des modernen In- te Zensurmethoden zu kontrollieren sucht, ist eine Ideen für Anwendungen entwickelt.« formationszeitalters gewürdigt. Der gebürtige zusätzliche Pointe dieses Nobelpreises. Das Prinzip ist einfach: Um die Welt zu digitaChinese Charles Kao entwarf mit der lisieren, muss man Licht in elektrische Entwicklung optischer Glasfasern Ladungen umwandeln. Das funktioNobelpreis für Physik 2009 gleichsam die Kanäle des Informaniert mit dem photoelektrischen Eftionsflusses; Boyle und Smith verdanfekt, den Albert Einstein 1905 erklärt ken wir, dass diese Kanäle heute überhatte. Wenn ein Lichtteilchen auf ein laufen. Kein Medium braucht so viel leitendes Material trifft, kann es aus Kapazität wie die digitalen Filme und diesem geladene Teilchen – ElektroFotos, die dank CCD-Chips heute nen – herauslösen. Boyle und Smith jeder Urlauber aufnehmen kann. Die machten sich diesen Effekt zunutze Preise für Kao, Boyle und Smith verund entwarfen einen Mikrochip, der raten allerdings nicht nur etwas über aus winzigen metallischen Inseln beunseren Umgang mit Information, sie CHARLES K. KAO, GEORGE E. SMITH UND WILLARD S. BOYLE steht, den Pixeln, schachbrettförmig stehen für mehr: für die aufgehende schufen die Grundlagen für Lichtleiter und Digitalkameras angeordnet auf einem SiliziumplättSonne der chinesischen Wissenschaft chen. – und für den sinkenden Stern der Je mehr Licht auf ein Pixel fällt, Denn erst mit den Lichtleitern, die Kao in den desto mehr elektrische Ladung wird in diesem Pieinst legendären Bell Labs. Der Nobelpreis für Smith und Boyle ist nun- sechziger Jahren im Labor des britischen Telekom- xel erzeugt und – mit ein paar Tricks aus der Halbmehr der siebte für Arbeiten aus den Laboratorien Unternehmens STC entwickelte, wurde die mas- leiterphysik – gespeichert. So wird aus dem zweidiin Murray Hill bei New York. Und mit Kao wird senhafte elektronische Kommunikation möglich. mensionalen gerasterten Bild ein digitales Signal, – nach der offiziellen Zählung des Nobelkomitees Ohne Kaos Erfindung würden wir uns vermutlich das sich am Computer verarbeiten lässt. Für Farb– zum sechsten Mal ein gebürtiger Chinese aus- noch immer Disketten mit Daten zusenden, statt bilder muss man die Pixel nur noch mit untergezeichnet. Es spricht einiges dafür, dass man von sie einfach per E-Mail zu verschicken. Über das schiedlichen Filtern ausstatten, fertig ist die DigiChina in Zukunft mehr und von den Bell Labs erste transpazifische Telefonkabel beispielsweise talfotografie. Kein Film, kein Entwickler, keine konnten gerade einmal 91 simultane Telefon- Chemie – nur noch geruchlose Elektronik. immer weniger hören wird. Zwar hat auch Charles Kuen Kao – wie schon gespräche übertragen werden; über ein modernes Schon ein Jahr nach ihrem Treffen hatten die vor ihm die chinesischstämmigen Physiker Daniel Glasfaserkabel, dessen Stränge dünner als ein beiden Physiker eine erste Videokamera mit eiC. Tsui (Preisträger 1998), Chen Ning Yang und menschliches Haar sind, können dagegen 1,6 Mil- nem CCD-Chip entwickelt, fünf Jahre später Tsung-Dao Lee (ausgezeichnet 1957) – seine Kar- liarden Gespräche gleichzeitig laufen. wurden die ersten Digitalbilder überhaupt mit Kao selbst steht der digitalen Revolution skep- einer Kamera auf dem Mond aufgenommen. Die riere hauptsächlich im Ausland gemacht. Aber der in Shanghai geborene Forscher hat immer seine tisch gegenüber. Zwar könne man mit Computer schöneren Fotos vom Mond stammten zwar von Verbindungen zur Heimat gepflegt, von 1987 bis und Internet »viele verrückte und wundervolle Neil Armstrongs Hasselblad, aber die musste man 1996 war er sogar Vizekanzler der Chinesischen Dinge« tun, sagte er in einem Interview. »Aber in- eben erst wieder zur Erde bringen, um die Filme Universität in Hongkong. Das werden Chinas Par- wieweit wir sie wirklich brauchen, ist noch immer zu entwickeln. Analog war schön, digital war teiführer vermutlich groß herausstellen. Schließ- nicht klar.« Ihm ging es Anfang der sechziger Jahre, praktisch. Mitte der neunziger Jahre kamen die lich will man künftig nicht nur wirtschaftlich ernst um eine technische Herausforderung. In den da- ersten kommerziellen Digitalkameras auf den genommen werden, sondern auch wissenschaftlich mals bekannten Glasleitern fiel die Intensität des Markt, der Rest ist Geschichte, siehe Flickr, Faceanknüpfen an die glorreiche Zeit, als das Reich der übertragenen Lichts schon nach wenigen Metern book und YouTube.

GLASFASERN sind die Nervenbahnen

der digitalen Welt. Die Daten reisen darin in Form von Lichtpulsen

i Informationen zum Nobelpreis für Chemie (der erst nach Redaktionsschluss bekannt gegeben wurde) und auch zu den Preisen für Medizin und Physik auf ZEIT ONLINE: www.zeit.de/nobelpreise

Fotos: Corbis/F1online (o.); © Richard Robinson/Public Library of Science (u.); AP; AFP/Getty Images (2); dpa; Reuters (2)

An allen Enden jung Der Medizinnobelpreis würdigt Leistungen in der Alterns- und der Krebsforschung – einem Feld in Frauenhand

VON HARRO ALBRECHT

A

Frau war. Daraufhin reagierte die freundliche Blackburn mit nur einem Wort. »Ich war so aufgebracht und erschüttert«, wird sie in ihrer Biografie zitiert, »dass ich das F-Wort benutzt habe – eine Seltenheit für mich.« Nach dieser Erfahrung habe sie sich bemüht, wie ein Mann aufzutreten, »mich zu tarnen«, wie sie sagt. Heute bezeichnet das Fachblatt Nature Medicine die Forscherin von der University of California als »Großmutter der Telomerase«. Die 60-Jährige gilt unter Kollegen als freundlicher, offener Mensch, allerdings als einer, der in der Sache scharf argumentiert und auch die Konfrontation nicht scheut. 2004 protestierte sie als Mitglied des Bioethikrats des US-Präsidenten gegen ein Moratorium in der Stammzellforschung. Dass im Abschlussbericht wichtige wissenschaftliche Fakten unterdrückt worden seien, beklagte sie so lauthals, dass George W. Bush sie kurzerhand aus dem Gremium warf. Bis heute gilt sie als einflussreiche Akteurin im Forschungsbetrieb. Inzwischen haben sich die Frauen in der Telomerforschung durchgesetzt. Schon 1938 hatte eine Frau, Barbara McClintock, bemerkt, dass die Endkappen die Integrität der Chromosomen sicherten. Sie erhielt 1983 den Nobelpreis für Physiologie und Medizin. In diesem Jahr geht die Auszeichnung zum ersten Mal gleich an zwei Frauen. Jack Szostak, der mit seiner Forschung an Hefezellen die Grundlagen für den Erfolg legte, bleibt in diesem Trio der blasse Außenseiter – auf der Webseite des Nobelpreiskomitees fehlt sogar sein Foto. Während die ruhige Elizabeth Blackburn die Grand Dame der Szene ist, gilt die 48-jährige Greider als Wirbelwind. Sie versorgt unter anderem das Zentrum für molekulare Medizin und die Max-Planck-Arbeitsgruppe für Stammzellalterung in Ulm mit Mäusen für die Telomeraseforschung. Ihr Ulmer Kollege Cagatay Günes kann sich an den letzten Auftritt Greiders bei einem Kongress in Cold Spring Harbor im US-Staat New York im April gut erinnern. »Abends war eine Liveband auf der Bühne«, erzählt Günes, »und auch dort war sie die Aktivste.« Schließlich hält die Telomerase jung.

ls Elizabeth Blackburn an der Universität Körper nur die Urzellen der Organe, die Stamm- passive Kappen auf den Chromosomenenden. In Yale zum ersten Mal durch das Okular zellen, und die Geschlechtszellen das Enzym her. den dichten Knäueln der Kappen verbergen sich eines Mikroskops auf ihr Forschungs- Ist die Telomerase hingegen in einer normalen anscheinend ganze Werkstätten. Ihr Zweck: die Inobjekt blickte, war es um sie geschehen: Körperzelle aktiv, bedeutet das Krebs. Denn Tu- standhaltung der Chromosomen. Wenn Strahlung »Es war Liebe auf den ersten Blick.« Dort, auf dem morzellen können den Verjüngungsmechanismus das Erbgut schädigt oder aggressive Moleküle Objektträger, kreiselten kugelige Wimpertierchen. zweckentfremden, sie schöpfen aus dieser Quelle (»Radikale«) den Erbsträngen zusetzen, rücken Später, in Kalifornien, teilten ihre Kollegen die Zu- Kraft zum Wachstum und für ihre zerstörerische Enzyme aus und beheben das Problem. Paradoxerneigung. »Es kam vor, dass in meinem Labor in Unsterblichkeit. Wer die Telomerase kontrolliert, weise sind die Werkstätten aber kaum in der Lage, Berkeley Ravels Bolero gespielt wurde, um die Tier- hofften die Wissenschaftler in den neunziger Jah- sich selbst zu reparieren. Mit diesen Prozessen beschäftigt sich auch Thoren, kann sowohl den Krebs besiegen als auch das chen zur Paarung zu animieren.« Diese innige Begegnung führte schließlich zu Altern verlangsamen. Die Szene der Molekular- mas von Zglinicki, einer der wenigen deutschen Teeiner epochalen Entdeckung, die das ungebremste biologen war elektrisiert. Doch wie sich heraus- lomerforscher. Mittlerweile arbeitet er in England – Grundlagenforschung über Alterungsprozesse sei Wachstum von Krebs und den Vorgang des Alterns stellen sollte, war es eine Hybris. Die Hoffnung, man könnte die Telomerase für hierzulande nicht erwünscht, sagt er. »Ich musste das verständlicher machte. Eine Entdeckung, die Elizabeth Blackburn von der University of California Kuren gegen das Altern oder als Krebstherapie ein- halb legal machen.« Jetzt wertet der Nobelpreis sein in San Francisco am Montag den NoGebiet auf. »Ich finde das ganz toll«, belpreis für Physiologie und Medizin Nobelpreis für Medizin 2009 sagt Zglinicki, »das ist auch das Trio, das bescherte. Blackburn teilt sich den es verdient hat.« Preis mit Carol Greider, Direktorin Der Professor für zelluläre Geronder Abteilung für Molekularbiologie tologie entdeckte, dass die Telomere und Genetik an der Johns-Hopkinsaufgrund ihrer Feinfühligkeit als ReUniversität in Baltimore, und Jack paraturtrupp geeignet sind – weil sie Szostak von der Harvard Medical besonders früh zellulären Stress regisSchool in Boston. trieren können, als Fühler in der Zel1985 hatten Blackburn und ihre lumwelt. Auch der Preisträgerin damalige Doktorandin Carol Greider Blackburn geht es mittlerweile nicht im Zellkern der Wimpertierchen das ELIZABETH H. BLACKBURN, CAROL W. GREIDER UND JACK W. SZOSTAK mehr nur um einzelne Zellen, sonEnzym Telomerase gefunden. Dessen entdeckten einen Mechanismus für Langlebigkeit und Krebs (v.l.) dern um die Frage, auf welche Weise Bedeutung wird bei einer BetrachUmwelteinflüsse und psychosozialer tung der Chromosomen, der beim Stress sich auf den Körper auswirken. Menschen x-förmigen Erbgutstränge klar. An de- spannen, erfüllte sich nicht. Zwar zeigt die Telo- So ist zum Beispiel bekannt, dass mit zunehmenren vier Enden sitzen wie Kappen die Telomere. merase-Aktivität in Krebszellen an, wie aggressiv dem Stress mehr aggressive Moleküle im Körper Sie stabilisieren die Chromosomen und schützen ein Tumor wuchert. Aber bisher gibt es nur wenige entstehen. Auch Übergewicht oder überbordende sie davor, mit den Enden anderer Chromosomen Versuche, das Enzym bei Krebserkrankungen zu Blutfette wirken sich negativ auf die Reparaturim Zellkern zu verschmelzen. Am Anfang sind die bremsen. Der Pharmahersteller Böhringer Ingel- fähigkeit der Telomere aus – die Makroperspektive Telomere in menschlichen Körperzellen noch lang. heim war mit einer solchen Substanz gescheitert, auf einen mikrobiologischen Mechanismus. Im Laufe ihres Lebens aber büßen die Endstücke jetzt versucht es die amerikanische Biotech-Firma Elizabeth Blackburn ist erfolgreich und genießt bei jeder Zellteilung mehr als die Hälfte ihrer Län- Geron – mit Unterstützung vieler ehemaliger Mit- die damit verbundene Freiheit, ungehemmt eigege ein. Nach 50 bis 100 Teilungen reicht die Län- arbeiter von Elizabeth Blackburn. Außerdem taugt nen Ideen nachgehen zu können. Aber der Weg ge nicht mehr für weitere Kopiervorgänge aus – die Bestimmung der individuellen Telomerlänge dorthin war für die gebürtige Australierin hart. Am die Zelle stirbt. Die Folge: Im Alter heilen Wun- nicht als Orakel, das man zur eigenen Restlebens- Anfang ihrer Karriere, im kalifornischen Berkeley, den langsamer, und Organe arbeiten nur noch mit zeit befragen könnte. Nach wie vor ist dieser Wis- strebte sie allein durch unermüdliche, gute Arbeit senschaftszweig vor allem: Grundlagenforschung. halber Kraft. auf eine der begehrten Professorenstellen. Das änElizabeth Blackburn scheint darüber nicht un- derte sich jäh, als ihrer Mentorin Danielle Ellen Hier kommt die Telomerase ins Spiel. Sie kann die Endkappen wie ein natürlicher Jungbrunnen glücklich zu sein. Seit einigen Jahren verfolgt sie von einer rein männlichen Professorenriege eine regenerieren. Allerdings stellen im menschlichen Hinweise, wonach die Telomere mehr sind als nur eigene Professur verweigert wurde, weil sie eine

250 Chromosomen und reichlich Telomere haben WIMPERTIERCHEN. Forscher finden sie »einfach süß«

WISSEN KOMPAKT

8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

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TECHNIK IM TREND

STIMMT’S

Auch Raucher sind Menschen

Stimmt es, dass das Magnetfeld der Erde sich ab und zu umpolt?

Sie müssen nicht in geschlossene Kabinen verbannt werden, offene Modelle erobern den Markt VON JOSEPHINA MAIER

… FRAGT MADHU HABECK AUS BERGHAUSEN

Raucher hassen Raucherhäuschen. Vor allem auf Flughäfen und Bahnhöfen werden sie in gläserne Kabinen verbannt, deren Insassen man von außen nur schemenhaft erkennen kann. Dort hinein kann wirklich nur die Sucht einen Menschen treiben – wer drin steht, kann die Fassade vom Genussraucher beim besten Willen nicht mehr aufrecht erhalten. Und wenigstens von außen sieht es auch so aus, als müssten die Raucher jede Minute mit dem Erstickungstod rechnen. Den mögen ihnen nicht einmal die bösesten aller Nichtraucher wünschen. In einer liberalen Gesellschaft müssen sich Tabakverächter ebenso mit den Rauchern abfinden – wie die Raucher damit, dass sie aus Gesundheitsgründen ins Separee verbannt werden. Wenn sie nicht gleich ganz vor die Tür gehen wollen, unabhängig von Wind und Wetter. Die Frage stellt sich: Kann man Raucher in geschlossenen Räumen und an öffentlichen Orten unter menschenwürdigen Bedingungen und ästhetisch annehmbar rauchen lassen, ohne gegen das Gesetz zum Nichtraucherschutz zu verstoßen? Die Antwort ist: Man kann. Bald jedenfalls, denn die geschlossenen Häuschen könnten von offenen Systemen abgelöst werden. Bereits jetzt haben viele Hersteller Rauch schluckende und türlose Kabinen, Schirme und Unterstände im Angebot. Aber nicht alle davon schützen die Nichtraucher wirklich zuverlässig. Dabei könnten dunstige Kabinen durchaus bald zu Relikten aus der NichtraucherschutzFrühzeit werden. Denn es gibt Technik, die weit genug fortgeschritten ist, um eine Koexistenz von Rauchern und Nichtrauchern zu ermöglichen. Die Hersteller können sich dies am Institut für Arbeitsschutz (BGIA) in Sankt Augustin zertifizieren lassen. Dort testet der Ingenieur Thomas Hinze – seit einigen Jahren Nichtraucher – die offenen Raucherkabinen, Schirme und Unterstände. Er selbst betritt seine Prüfkammer nur noch mit Atemschutz. »Ich hatte jedes Mal Lust auf eine Zigarette, sobald ich in der Kabine war.« Seinen Normqualm erzeugt Hinze mithilfe einer eigens entwickelten Vorrichtung. Auf Bodenplatten befestigte senkrechte Stäbe simulieren den Raucher. An jedem Träger ist ein Zigarettenhalter waagerecht in Mundhöhe (165 Zentimeter) und ein weiterer in Ellenbogenhöhe (118 Zentimeter) angebracht. Sicherheitshalber werden immer doppelt so viele Zigaretten angezündet, wie maximal Raucher in die Kabine passen würden. Damit ein offenes Raucherhäuschen das BGIA-Zertifikat erhält, muss es vor allem die

verpestete Luft absaugen, die Hinzes akkurate Abbrennvorrichtung produziert. Abluftsysteme leiten deren Dunst ins Freie, Umluftsysteme müssen den Qualm zusätzlich noch filtern und sämtliche gefährlichen Partikel und Gase daraus entfernen, bevor die Luft wieder in den Raum geleitet wird. Heißer Rauch steigt naturgemäß nach oben. Trotzdem genügt es nicht, wenn in einer offenen Kabine nur an der Decke Luft eingesaugt wird: Sobald jemand den Unterstand betritt oder ihn verlässt, entstehen Luftverwirbelungen, die den Qualm nach außen tragen können. Manche Hersteller lösen dieses Problem mit Vorhängen aus Luftströmungen, die in der kritischen Zone einen

Raus mit dem Rauch Das Nichtraucherschutzgesetz findet in Meinungsumfragen immer wieder die Zustimmung der Mehrheit. Viele Raucher aber sehen das spätestens dann anders, wenn sie im Winter vor die Tür müssen. Neue Abluftsysteme verheißen jetzt friedliche Koexistenz.

Sog ins Innere schaffen – wo der Qualm dann wieder eingesaugt werden kann. Gelangt der Qualm erst einmal ins Umluftsystem, muss er eine Reihe von Filtern passieren. Ein einfacher Partikelfilter entfernt zunächst grobe Verunreinigungen wie Haare, Pollen oder große Rußteilchen. Ein nachfolgender Hochleistungsschwebstofffilter scheidet Feinstaub aus der Luft. Die dritte Stufe ist meist ein Aktivkohlefil-

ter, der die Gasmoleküle des Qualms chemisch bindet – nicht zuletzt deshalb der entscheidende Schritt, weil solche Substanzen Träger des typischen Rauchermiefs sind. In dieser Reinigungsphase verschwinden auch Kohlendioxid und Kohlenmonoxid aus der Luft. Manche Unternehmen setzen statt Aktivkohle auch elektrostatische Filter ein, die nach Hinzes Erfahrung aber zu weniger guten Ergebnissen führen. Als Viertes und Letztes folgt ein Spezialfilter, der krebserregende Aldehyde entfernt. Damit keine der unerwünschten Substanzen ihren Weg zurück in den Raum findet, herrscht im ganzen System Unterdruck. »Am Ende haben Sie saubere Luft«, sagt Wolfgang Josuweit von der hessischen Firma Asecos, die mehrere von der BGIA geprüfte Modelle vertreibt. Ob das wirklich stimmt, testet Thomas Hinze natürlich auch: Mit einem Partikelzähler überprüft er die Anzahl der Staubteilchen im Prüfraum und in der gefilterten Luft. Außerdem analysiert er die Konzentration der sogenannten »Leitkomponenten«. Das sind Stoffe, die das Filtersystem auf jeden Fall entfernt haben sollte: Kohlenmonoxid, flüchtige organische Kohlenwasserstoffe und Aldehyde. Liegt die Menge dieser Substanzen unter den Grenzwerten des BGIA, erteilt Hinze das begehrte Zertifikat. »Manche Systeme funktionieren, andere nicht so richtig«, lautet sein lakonisches Urteil. Für alle, die es genauer wissen wollen, sind auf einer im Internet einsehbaren Positivliste alle Hersteller und Modelle aufgeführt, die Hinzes Testlauf bestanden haben. Sie tragen modisch-englische Namen wie Smoke ’n’ Go oder Smoke & Talk und sehen alle ungefähr gleich aus: viel Glas, viel Stahl, helles Furnier und viele Aschenbecher. Die Firma Asecos etwa hat eine Rauch schluckende Kaffeebar entwickelt, an der Josuweit zufolge »Raucher und Nichtraucher gemeinsam Kaffee trinken können«. Was aber auch das raffinierteste offene Rauchabteil nicht verhindern kann: Wie alle Menschen, lassen sich auch die Raucher nicht gerne Vorschriften machen. Stehen sie unter einem offenen Absaugschirm, tendieren sie daher dazu, aus dessen Saugzone abzuwandern. Deshalb hätte ein Kneipenwirt, der eine offene Raucherkabine zum abgetrennten Raucherraum deklarieren wollte, wohl beim Ordnungsamt keine Chance. Und am Flughafen Hamburg gab es so oft Beschwerden von Nichtrauchern über die offenen Qualmstationen, dass diese schließlich durch geschlossene Boxen ersetzt werden mussten.

Die komplexe Dynamik des Erdmagnetfelds haben die Wissenschaftler längst nicht vollständig verstanden. Nicht nur, dass die magnetischen Pole nicht mit den geografischen zusammenfallen, sie wandern auch herum. Gegenwärtig liegt zwar der geografische Nordpol in der kanadischen Arktis, doch in ein paar Jahrzehnten wird er in Sibirien angekommen sein. Alle paar hunderttausend Jahre kippt das Magnetfeld tatsächlich um, Nord- und Südpol werden dabei vertauscht. Zuletzt passierte das vor etwa 780 000 Jahren, und eigentlich ist die nächste Umpolung längst überfällig. Man darf sich das allerdings nicht als ein plötzliches Ereignis vorstellen, sondern als einen Prozess, der mehrere Jahrtausende dauert und sich durch eine Abschwächung des Feldes ankündigt. Weil dessen Stärke im Moment tatsächlich um etwa fünf Prozent pro Jahrhundert abnimmt, könnte es um das Jahr 3000 oder 4000 wieder so weit sein. Niemand muss aber befürchten, die Erde werde dann schutzlos der kosmischen Strahlung ausgesetzt: Der Sonnenwind aus geladenen Teilchen bildet eine Art »ErCHRISTOPH DRÖSSER satz-Magnetfeld«, das uns immer noch schützt. Die Adressen für »Stimmt’s«-Fragen: DIE ZEIT, Stimmt’s?, 20079 Hamburg, oder stimmts@zeit.de. Das »Stimmt’s?«-Archiv: www.zeit.de/stimmts a www.zeit.de/audio

AUSPROBIERT

Sprung ins kalte Wasser Als ich diese Woche den neuen Palm Pre in die Hände bekam, fiel mir ein, was man sich über Pinguine erzählt: Sie sollen beim Fischefangen extrem vorsichtig sein, angeblich hüpft keiner freiwillig als Erster ins Wasser. Lieber drängeln sie so lange auf einer Eisscholle herum, bis ein anderer springt. Erst wenn der wieder auftaucht, ist klar, dass in der Tiefe nichts Böses lauert. Was das mit einem Smartphone zu tun hat? Auf den ersten Blick ist der Pre ein fetter Fisch: Er ist das erste Handy mit dem Betriebssystem webOS, das Onlinedienste vorbildlich integriert, vom Exchange-Postfach über Twitter bis hin zu Terminkalendern im Internet. Zudem bietet es Vielschreibern eine ausziehbare Tastatur. Und auch der optional erhältliche »Touchstone«, der den Akku drahtlos per Induktion auflädt, ist wirklich praktisch.

ERFORSCHT

&

Trotzdem wäre es klug, sich diesen Fisch nicht sofort zu angeln. Nicht umsonst warnen Ökonomen die ersten Käufer neuer Produkte vor dem »Pinguin-Effekt« – den Nachteilen, die entstehen, solange es nicht viele andere Nutzer gibt. Beim Pre ist das Problem, dass der Katalog, aus dem man Zusatzprogramme (Apps) laden kann, bisher nur rund 80 Einträge enthält. Gerade in der Extrasoftware besteht jedoch für viele der Reiz moderner Smartphones. Ob es für den Pre jemals eine ähnlich große Auswahl geben wird wie für iPhones (85 000) oder AndroidHandys (10 000), hängt davon ab, ob sich webOS rasch verbreitet. Denn nur dann lohnt es sich für Programmierer, mehr Software zu schreiben. Wer nicht ins kalte Wasser springen will, sollte also lieber abwarten. Oder woanders fischen. JENS UEHLECKE

Palm Pre, vom 13. Oktober an nur bei O2, 481 Euro ohne Vertrag

ERFUNDEN

Zirkusreife Fische Erklingt ein Ton mit der Frequenz von 280 Hertz, ist die Freude unter den Schwarzen Sägebarschen in Woods Hole groß. Denn das Signal bedeutet: Essenszeit! Forscher des meeresbiologischen Labors im US-Bundesstaat Massachusetts haben ihren Tieren erfolgreich beigebracht, sich in einem abgesteckten Teil des Beckens zu versammeln, sobald der Ton über Lautsprecher erklingt. Drei bis vier Wochen brauchten sie, um den Fischen den Dressurakt beizubringen. Nun hoffen sie, damit die Fischzucht effizienter zu gestalten: Auf Kommando findet sich der Zuchtbestand zum Füttern ein.

Tödliches Licht Bakterien, die Krankheiten übertragen, werden zunehmend resistent gegen Antibiotika. Chemiker der Universität Münster haben ein Verfahren entwickelt, sie mit Licht abzutöten (Angewandte Chemie 42/2009, S. 8070). Dazu docken poröse Nanopartikel gezielt an der Zelloberfläche der Bösewichte an. In ihren Poren tragen die winzigen Minerale spezielle Moleküle, die man mit Licht bestrahlen kann. Eine bestimmte Wellenlänge regt sie zur Attacke auf Biomoleküle an – was den Bakterien den Garaus macht. Die Forscher testeten dieses Verfahren bereits an resistenten E. coliBakterien und Gonokokken, nach zwei Stunden waren sie vollständig abgetötet. In Zukunft könnte die Methode auch gegen Hautkrebszellen eingesetzt werden.

Fußball hält Frauen fit Dänische Forscher vereinbarten mit 100 untrainierten Frauen, dass sie zwei Jahre lang zwei Stunden pro Woche joggen oder Fußball spielen sollten. Anschließend zeigten physiologische Tests, dass die Fußballspielerinnen besser in Form waren als die Läuferinnen (Scandinavian Journal of Medicine and Science in Sports, online). Den Grund sehen die Sportwissenschaftler in der größeren Vielfalt der Bewegungen: Fußball kombiniere die Vorteile von Ausdauer- und Kraftsport. Außerdem ergaben Befragungen, dass die Fußballerinnen den Sport besser in ihren Alltag

integrieren konnten. Es sei für berufstätige Frauen mit Kindern leichter, sich an einen festen Ort und Termin des Trainings zu halten, als flexibel zwei Stunden in der Woche fürs Joggen zu finden, schreiben die Wissenschaftler.

Zu viel Wind um die Ohren Cabriofahrer riskieren ihr Gehör, warnen amerikanische Hals-Nasen-Ohren-Ärzte. Bei Geschwindigkeiten zwischen 80 und 120 Stundenkilometern setzten sich die Oben-ohne-Fahrer Geräuschpegeln von bis zu 99 Dezibel aus. Schon längere Fahrten bei 85 Dezibel reichten aber aus, um das Gehör dauerhaft zu schädigen. Zwar herrschten auch auf dem Motorrad ähnliche Lärmbelastungen, so die Ärzte beim jährlichen Treffen ihrer Zunft in San Diego, aber Zweiradfahrer schütze ja ein Helm. Und im Cabrio sinke der Lärm schon erheblich, wenn wenigstens die Seitenfenster oben blieben.

Saturns Riesenring US-amerikanische Astronomen haben den bisher größten Planetenring im Sonnensystem entdeckt. Er gehört zum zweitgrößten Planeten, Saturn. Könnte man ihn von der Erde aus sehen, erschiene er zweimal so groß wie der Vollmond. Der Ring hat einen Radius von 13 Millionen Kilometern, damit ist er 200-mal so groß wie der Saturnradius. Gespeist wird er vom feinen Staub des Saturnmonds Phoebe, der durch regelmäßige Einschläge auf dessen Oberfläche freigesetzt wird. Bisher galt der E-Ring des Saturns mit einem Radius von 480 000 Kilometern als größter Ring (Nature, online).

Schwabbel auf dem Löffel Giftig grün leuchtet der Wackelpudding und schmeckt so eigenwillig schön. Was macht die Götterspeise zum Erlebnis? Das neue ZEIT Wissen: am Kiosk oder unter www.zeitabo.de

Fotos: dpa (u.), Getty Images (m.) ; www.palm.com; ZEIT-Grafik

40

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GRAFIK

8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42 NR.

17

Energie für Deutschland Der Großteil unserer Energie wird noch klimaschädlich erzeugt und wir sind von Importen abhängig. Dabei gibt es längst Pläne, wie wir zum Sparmeister werden könnten

Konventionelle Energie        4868

Der Gipfel der Ölförderung in Deutschland ist längst überschritten, seit 40 Jahren sinkt die Ausbeute der letzten Quellen in Norddeutschland und deckt heute nur noch 3 Prozent unseres Jahresbedarfs von 109 Millionen Tonnen. 61 Prozent davon verbrauchen Autos und Lkw, 22 Prozent Ölheizungen und 8 Prozent Flugzeuge.

%

Die dunklere Farbe zeigt den Importanteil der einzelnen Energieträger in Prozent

WINDKRAFT

1623

STEINKOHLE

1832

100,0

67,2 %

1832

Steinkohle erzeugt auf dem Weg von der Mine bis zum Schornstein knapp 20 Prozent weniger CO 2 als Braunkohle. In Deutschland endet die Kohleförderung 2018, statt zwei Dritteln werden dann 100 Prozent des Bedarfs (derzeit gut 70 Millionen Tonnen im Jahr) durch Importe gedeckt.

%

3091

1554

BIOMASSE

in Petajoule*

SONSTIGE

57

ERDÖL

NA

43,9 32,7 15,6

25,6**

Importanteile in Prozent

GROSSBRITANNIEN

4,0

19,1

12,9 14,6

NIEDERLANDE

NORWEGEN

N

USA

D

LA

3,9

6,1

KA

31,7 1,9

19,2

SS

46,9

Die Restwärme aus der Entstehungszeit der Erde anzuzapfen – das funktioniert in Deutschland jedoch noch nicht so gut. Drei kleine GeothermieKraftwerke in Süddeutschland erzeugen 0,003 Prozent unseres Stroms, 200 000 Wärmepumpen in Gebäuden liefern 0,2 Prozent unserer Heizenergie.

DA

Energielieferanten

CHINA

18,1

13,4 POLEN

KOLUMBIEN

8,2** FRANKREICH

2,1

1,3

TSCHECHIEN

1,6

SPANIEN

VENEZUELA

SYRIEN (2,9)

ALGERIEN (2,3)

IRAN (0,4)

5,5

O R A H EARABIEN N SAUDI

LIBYEN (10,2)

S

NIGERIA (1,9)

4,3

(2,2)

STEINKOHLE

ÜBERSEE

ERDGAS

PIPELINE

54 %

SEEHÄFEN in BELGIEN, NIEDERLANDE

%

13,7

REDUZIERUNG DES ENERGIEVERBRAUCHS UM 42 PROZENT

35 %

DEUTSCHE SEEHÄFEN

100 %

Uran für deutsche Kernkraftwerke kommt auf dem Seeweg, per Zug und Lkw ins Land. Jeder Transport muss vom Bundesamt für Strahlenschutz genehmigt werden.

11%

ZUG, BINNENSCHIFF

LNG

Ein Tanker-Terminal für Flüssigerdgas (LNG) in Wilhelmshaven ist geplant.

19,7 2,5 CO2EMISSION

KOHLE 24,3

im Jahr 2008 (linke Hälfte) und für 2050 (rechte Hälfte) gemäß dem Leit szenario des Bundesumweltministers

28,3

25,4 % 801 203

Energiemix

POLEN, TSCHECHIEN, FRANKREICH

11,6

100 %

SÜDAFRIKA

SCHIFF 25 % ÜBERSEE

QUELLEN: Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie, Bundesministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit, Öko-Institut Freiburg

N

KERNENERGIE

Transportwege 75 %

A

LIE

KA

ERDGAS 22,2

PIPELINE

RECHERCHE: Dirk Asendorpf

14,2 A U ST R

AFRI

17,8

ILLUSTRATION: Nicole Krohn

T

14,4

SONSTIGE LÄNDER

2,5

INDONESIEN

4,7

ERDÖL

9

GEOTHERMIE

1554

Braunkohle ist in Deutschland die wichtigste Quelle heimischer fossiler Energie. Leider ist sie auch die dreckigste. Für jede Kilowattstunde Strom emittieren selbst die modernsten Kraftwerke noch rund ein Kilo Treibhausgas – mehr als doppelt so viel wie ein vergleichbares Gaskraftwerk.

* * Bei den Uranimporten aus Großbritannien und Frankreich handelt es sich um Brennelemente aus Anlagen zur Wiederaufbereitung, nicht um frisch abgebautes Erz.

29

53 Quadratkilometer deutscher Dächer und Äcker sind mit Solarzellen bestückt. Mit rund 10 Milliarden Euro wurden sie bezuschusst, decken aber nur 0,7 Prozent unseres Strombedarfs. Bes ser steht es um Sonnenkollektoren, die mit geringen Zuschüssen 1,7 Prozent der Wärme erzeugen.

%

RU

BRAUNKOHLE

SOLARENERGIE

4868

97,0

Kernkraft verursacht außer Atommüll auch Treibhausgas – vor allem durch den Einsatz fossiler Energie in Uranbergbau und -aufbereitung. Berechnungen schwanken zwischen 25 und 120 Gramm pro Kilowattstunde Atomstrom. Neue, schwer erreichbare Lagerstätten könnten diesen Wert verdoppeln.

77

Seit über 100 Jahren liefern Wasserkraftwerke Elektrizität. Anders als träge Kernoder Kohlekraftwerke können die Generatoren hinter einem Staudamm sekundengenau auf den schwankenden Bedarf im Stromnetz reagieren. Geeignete Standorte für neue Kraftwerke gibt es in Deutschland aber kaum noch.

718

1623

URAN

145

WASSERKRAFT

Primärenergieverbrauch in Deutschland 2008

83,1

ERDGAS

BRAUNKOHLE

%

Thema: Energie

20 000 Windräder decken zwar schon über 7 Prozent unseres Stromverbrauchs. 2002 war das Boomjahr, seitdem schwächelt jedoch der Zuwachs. Die attraktivsten Standorte an Land sind vergeben, deshalb will die Regierung, dass 2030 ein Sechstel unseres Stroms in Offshore-Windparks auf offener See erzeugt wird.

N

STEINKOHLE

Biomasse zu verbrennen ist klimaneutral – es kann nicht mehr Kohlenstoff freigesetzt werden, als die Pflanze während des Wachstums aus der Luft aufgenommen hat. Wurde das Holz zuvor über längere Zeit als Baustoff oder in Möbeln genutzt, senkt das sogar die Treibhausgasmenge in der Atmosphäre.

KERNENERGIE (URAN)

Unter den fossilen Energieträgern ist Erdgas noch mit Abstand der sauberste. Für eine Kilowattstunde Strom entstehen im Gaskraftwerk weniger als 450 Gramm CO2. In einem gasbefeuerten Blockheizkraftwerk, das neben Strom auch Heizwärme erzeugt, kann der Ausstoß auf unter 100 Gramm sinken.

718

BIOMASSE

* Joule ist die Einheit für Energie. Ein Petajoule (1015 Joule) entspricht rund 300 Millionen Kilowattstunden

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ERDGAS

Erneuerbare Energie

verbrauch um 42 Prozent senken und gleichzeitig den regenerativen Anteil auf 49 Prozent steigern, heißt es im jüngsten Leitszenario des Bundesumweltministeriums. Deutschlands CO₂-Emissionen sänken auf 20 Prozent des Niveaus von 1990. Unser Beitrag dazu, die globale Erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, wäre geleistet.

E

 ERDÖL

in Atommüll verwandelt. Und über 70 Prozent davon importieren wir, vor allem aus Russland und Norwegen. Besonders klimaschädlich ist jener Anteil, den wir aus eigener Quelle stillen, vor allem aus Braunkohle. Doch es ginge auch anders: Bis 2050 könnten wir mit Sparsamkeit und neuer Technik unseren Energie-

Ginge es nur um die gute Absicht, dann würden wir uns bereits heute großteils mit erneuerbarer Energie versorgen. Doch Sonne, Wind und Co. decken tatsächlich erst sieben Prozent unseres Energiebedarfs für Heizung, Strom, Verkehr und Industrie. Für den Rest werden Bodenschätze klimaschädlich verbrannt – oder

15 49,5

7,0

2008

16

Nobelpreise

MIO. T / JAHR

MINERALÖL 34,9

Die Themen der letzten Grafiken:

ERNEUERBARE ENERGIEN

2050

Bundestagswahlen

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Marathonlauf Alle Grafiken im Internet: www.zeit.de/grafik

WISSEN

E

Katz und Hund

An jedem Hasenkäfig hängt eine Stallkarte in kleines Schwein scheuert genüsslich sein Hinterteil am Gatter. Ein anderes mit Angaben über Geschlecht, Geburtsdatum durchpflügt mit dem Rüssel einen und Gewicht des Bewohners. Namen stehen Futtertrog auf der Suche nach Lecke- keine da – ein Versuch, den Jugendlichen den reien. Nebenan streiten sich zwölf Abschied von den Tieren möglichst leicht zu Ferkel um die Milch ihrer Mutter, braun-rosa ge- machen. Denn am Ende des Jahres leeren sich scheckte Ringelschwänze wackeln hin und her, viele der Käfige: Damit die Zucht der »Hellen Großsilber« – so heißt die Rasse, die in Neustremitten im Gewühl der kleinen Körper. Als Lukas mit der Mistgabel einen Batzen litz gezüchtet wird – nicht zu groß wird, landen Gras über das Gatter wirft, lassen die Ferkel kurz die Hasen an Weihnachten als saftige Delikatesse von der Muttersau ab, stupsen neugierig ihre auf den Tellern der Insassen und Beamten. Aber Rüssel ins Grün. Bauernhofidylle wie aus dem das schmeckt nicht jedem. Was für KaninchenBilderbuch – mit nur einem Unterschied. Hinter züchter ein selbstverständlicher Teil ihres Hobbys dem Gehege ragen weiße, kahle Mauern fünf sei, erzählt Bischof, das sei für manchen JugendMeter in die Höhe. Darüber der Stacheldraht; er lichen zu viel. Da sage schon einmal der eine oder erinnert Lukas bei jedem Blick zum Horizont andere: »Die Tiere habe ich das ganze Jahr über daran, wo er sich tatsächlich befindet: im Knast. gestreichelt, die esse ich nicht.« In der Pflegeabteilung für Haustiere landen Die Jugendstrafanstalt Neustrelitz ist eines der modernsten Gefängnisse in Mecklenburg-Vor- viele, die sonst für keine Ausbildung geeignet pommern. Neben 300 Jugendlichen sind auf dem sind. Beim Füttern der Schweine und beim Aus15 Hektar großen Gelände der Anstalt mehr als misten der Ställe müssen sie ein Jahr lang bewei40 Hausschweine eingesperrt, 60 Kaninchen, sen, dass sie es schaffen, regelmäßig zur Arbeit zu fünf Hunde, ein paar Ziegen und die beiden Pfer- kommen, anzupacken und durchzuhalten. Bede Max und Moritz. Die Idee: Die Arbeit mit rufsvorbereitung. »Wir können die Jugendlichen Tieren soll den Jugendlichen eine Perspektive er- nicht zwingen, zur Arbeit zu gehen«, sagt Bischof, öffnen. Sie können sich zum Landwirtschafts- »wenn sie aber nicht kommen, gibt es auch kein gehilfen, Tierpfleger oder Hundetrainer ausbilden Geld. Und das bedeutet: keine Zigaretten, keinen lassen. Gleichzeitig sollen die Tiere den Insassen Kaffee.« Rund zehn Euro erhalten die Gefangeaber auch helfen, eine Beziehung aufzubauen und nen am Tag, etwas weniger als die Hälfte davon steht ihnen frei zur Verfügung. Den Rest legt die den Weg zurück in die Gesellschaft zu finden. »Den Tieren können die Jugendlichen oft mehr Anstalt für die Zeit nach der Entlassung zurück. Als Lukas ins Gefängnis kam, hatte er bereits Empathie entgegenbringen als ihren Mitmenschen«, sagt Steffen Bischof, Sozialarbeiter in der eine Ausbildung zum Landwirtschaftsgehilfen JA Neustrelitz. Die meisten jungen Straftäter begonnen. Hier kann er seine Lehre fortsetzen. hätten in ihren Familien nie erfahren, was Liebe »Als Lehrling hier muss man auch ein bisschen und Zuneigung bedeuten – Mitgefühl ist vielen ein Vorbild für die anderen sein, die noch keine Ausbildung machen«, erfremd. Erst im Gefängnis zählt er. Ihm mache die lernen sie, sich in andere Arbeit Spaß – weil man hineinzuversetzen und so oft Erfolge sehe: »Wenn vielleicht den Schmerz nachSchweine geboren werden zuempfinden, den sie ihren und immer weiterwachsen.« Opfern bereitet haben. Über unterstützen seit Langem Irgendwann aber, führt er den Umgang mit Tieren Therapeuten in Kliniken, seinen Gedanken fort, »kom»erleben sie auf einmal, wie Altersheimen, aber auch men sie halt als Schnitzel es wehtut«, sagt Bischof. Erst auf den Teller.« dann wird ihnen klar, was es im Strafvollzug. Sie helfen Vor seiner Gefangenfür ihre Opfer bedeutet hadabei, psychische Leiden schaft arbeitete Lukas hauptben mag, geschlagen und zu lindern, Menschen sächlich mit Kühen. Heute getreten zu werden. »Ist eigehören auch die beiden nes der Tiere krank, machen zu beruhigen oder ihre Pferde Max und Moritz zu sich die Häftlinge auf einMotivation zu fördern. seinen Schützlingen. »Pfermal Sorgen«, sagt Bischof, Auch Pferde, Lamas und de brauchen viel Pflege und »sie gehen zu ihm hin und Ruhe«, erzählt er. Die beistreicheln es.« Dabei gäben Delfine sind als Hilfsden Norweger wurden erst sie den Tieren oft mehr, als therapeuten im Einsatz vor Kurzem zugeritten, auch sie jemals selbst erfahren Lukas saß schon auf ihren hätten. wackeligen Rücken. »Da hat Die Tierhaltung in Neustrelitz begann 2001 mit zwei Kaninchen. Ein man aber schon ein bisschen Angst«, sagt der Wärter hatte sie aus seiner eigenen Zucht mit- 19-Jährige. Es klingt paradox für einen Jugendgebracht. Das Gefängnis war gerade aus einem lichen, der wegen Körperverletzung für 20 Mokleinen, alten Haus auf das große Grundstück nate im Gefängnis sitzt. Acht Monate ist es her, umgezogen, Teile der Fläche waren noch ungenutzt. dass Lukas bei einem Discobesuch das Gefühl So war Platz für eine Karnickelzucht, aus dem einen hatte, ein anderer baggere seine Freundin an. Er Paar wurde schnell eine Familie mit über 50 Tieren. wurde aggressiv, schlug zu. In der Anstalt hat er Was sonst als Rentnerhobby gilt, begeisterte die Selbstkontrolle gelernt. Viel länger schon als Lukas sitzt Alex. »Töjugendlichen Straftäter. Die Nachwuchszüchter tungsdelikt«, sagt er knapp. Er ist seit acht Jahren besuchten Ausstellungen und Wettbewerbe. Die Preise, die sie dort gewannen, spornten in Neustrelitz, mehr als ein Drittel seines Lebens sie an. Im Besucherraum des Gefängnisses reihen hat der 22-Jährige im Gefängnis verbracht. Bei sich in einer Vitrine die Trophäen dicht an- ihm war es das Geld, das ihn zum Hundetrainer einander, Pokale und Goldmedaillen aus acht machte. Nach drei Jahren Schreinerausbildung Jahren. Seit 2006 wurden die Sträflinge jedes wusste der Häftling Alex nichts mehr mit seiner Jahr Norddeutscher Jugendjungtiermeister, auch Zeit anzufangen, arbeitete eine Weile auf den Europameister waren sie schon. Um die Jurys Sportplatz, wo die Bezahlung schlecht war. Dann bei den Shows zu überzeugen, müssen die Hasen hörte er, dass eine Ausbildungsstelle zum Hundetrainiert sein und Manieren zeigen. Nur wenn trainer frei wurde. Seither ist Alex verantwortlich für die Hunder Rammler still sitzt und die Ohren aufstellt, hat er eine Chance – das Ergebnis strengen Trai- de. Denn die Jugendstrafanstalt Neustrelitz ist nings. Auch die Insassen müssen lernen, sich zu nicht nur für menschliche Gefangene ein vobenehmen. »Aber unsere Jungs haben Zeit, die rübergehendes Zuhause. Sie ist auch Zwischenstation für Hunde aus dem ortsansässigen TierHasen haben Zeit, das passt«, sagt Bischof.

heim. »Wir bekommen Problemhunde von außen, um sie wieder gerade zu bügeln«, beschreibt Alex seine pädagogische Arbeit. »Danach können sie wieder in Familien leben.« Gemeinsam mit drei anderen Insassen kümmert er sich um die Ausbildung der Tiere, bringt ihnen bei, was »Sitz«, »Platz«, »Steh« und »Bleib« bedeuten. Zeigt ihnen,

VON IRENE BERRES

dass er der Chef ist und sie nach einem Befehl liegen bleiben müssen – selbst wenn die Leine auf den Boden fällt. »Für die Jugendlichen ist es am Anfang oft schwer, das Kommando zu übernehmen«, sagt Bischof. »Die sind gar nicht so autoritär, wie viele denken. Die Stärke kommt erst mit dem Alkohol.«

Die Arbeit mit Tieren lehrt jugendliche Straftäter, was sie aus ihrem bisherigen Leben kaum kennen: Mitgefühl und Zuneigung

Bauernhof hinter Mauern

Jugendgefängnis Neustrelitz: Verurteilte Gewalttäter tragen VERANTWORTUNG FÜR TIERE. Zu ihnen knüpfen sie leichter Beziehungen als zu Menschen

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Alex hat so bereits fünf Hunde ausgebildet, sein momentaner Schützling ist ein Colliemischling, Sid. Er wird Alex in fünf Monaten auf seinem Weg in die Freiheit begleiten. Denn von Sid wollte sich der junge Erwachsene nicht mehr trennen. Für einen kleinen Obolus hat er dem Tierheim den Hund abgekauft.

8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

S ie sind mit ihrer besten Besetzung angetreten. Frau Müller ist da, die Schulleiterin, ebenso wie ihre Stellvertreterin. Gleich drei Erzieher sind gekommen und natürlich die Klassenlehrerinnen für die nächsten Jahre. Viele Monate haben sie auf dieses Treffen hingearbeitet. Jetzt dürfen sie nichts falsch machen. Sie haben die Tische in

der Mensa umgestellt. Wo sonst 300 Kinder essen, stehen nun Fruchtsäfte und Salzstangen. Die Eltern sollen sich wohlfühlen an diesem Abend. Denn ein zweites Mal – das wissen die Lehrer – werden die Mütter und Väter kaum kommen und überlegen, ob sie ihren Nachwuchs ausgerechnet hier anmelden. Genau die Kinder der mit Saft und Knabbereien

NEUNZIG PROZENT der Schüler an der Gustav-Falke-Schule stammen aus Einwandererfamilien

8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

Umworbenen braucht die Gustav-Falke-Schule in Berlin. Weil sie anders sind als die jetzigen Schüler. Weil sie Charlotte, Simon oder Paul heißen und nicht Emre, Cem oder Hülya. Weil sie am ersten Schultag Deutsch sprechen und nicht Arabisch oder Türkisch. Weil sie von der anderen Seite der Grenzlinie kommen. Weil sie die Gustav-Falke-Schule retten sollen.

Eine Berliner Brennpunktschule wirbt mit Lernprivilegien um Erstklässler aus der akademischen Mittelschicht. Diskriminiert das die Migrantenkinder? VON MARTIN SPIEWAK

Lockruf über die Grenze

Bisher sind sich die beiden Universen kaum begegnet, besonders nicht in der Schule. 90 Prozent der Kinder an der Gustav-Falke-Schule stammen aus einer Einwandererfamilie, Tendenz weiter steigend. Würden die Lehrer nicht ab und zu einen Ausflug in die Bibliothek oder in eines der berühmten Museen in Mitte machen – ihre Schüler würden den sozialen Äquator, der nur 100 Meter vom Klassenraum entfernt verläuft, nicht überschreiten. Auch viele bildungsbewusste Migranten meiden die Schulen im Wedding seit Jahren. Mithilfe von Tricks lassen sie ihre Kinder in Mitte einschulen – und verschrecken dadurch wiederum deutsche Eltern, die zunehmend auf die neuen Privatschulen ausweichen. Und doch sitzen sie heute hier, auf der schlechten Seite der Bernauer Straße, in der Mensa: Knapp 20 Mütter und Väter, Wissenschaftler, Journalisten, Künstler und andere Freiberufler, deren Kinder im nächsten Jahr in die erste Klasse kommen. Aufmerksam hören sie zu, wie ihnen Schulleiterin Karin Müller einen Deal vorschlägt: Sie geben uns Ihre Kinder, wir schaffen Lernbedingungen, die die Schüler an keiner anderen staatlichen Schule finden werden. »Und das garantieren wir Ihnen konkret«, sagt Müller und wirft den Beamer an. Vor ein paar Monaten hatten sich die Lehrer mit einer Elterninitiative von drüben getroffen. Diese Mütter und Väter hatten sich eigentlich zusammengeschlossen, um die Sozialgrenze zu zementieren. Um zu verhindern, dass die Bildungsbehörde das Einzugsgebiet der Schule über den ehemaligen Mauerstreifen hinweg nach Südosten ausweitet und ihre Kinder zwingt, auf die GustavFalke-Schule zu gehen. Bloß nicht! Doch die Lehrer fragten die Eltern plötzlich, was sie denn tun müssten, damit diese ihren Nachwuchs sogar freiwillig über den Äquator schicken würden. Schnell wurde klar, dass die Schule mit ihren herkömmlichen Stärken nicht punkten konnte. Vorlesepaten, eine gut bestückte Bibliothek? Brauchen wir nicht, signalisierten die Eltern. Sie lesen selbst jeden Abend vor, und viele wissen kaum noch, wohin mit den Kinderbüchern. Aber wie wäre es mit Englisch, nicht erst ab der dritten Jahrgangsstufe wie sonst in Berlin, sondern gleich vom ersten Tag an? Zudem sollte die Klasse einen naturwissenschaftlichen Schwerpunkt haben. Und natürlich möglichst klein sein. Vor allem aber, so lautete damals die wichtigste Botschaft: Alle Klassenkameraden ihrer Kinder müssen perfekt Deutsch sprechen. So wird es sein, sagt jetzt Frau Müller. Und sie verspricht: Vom kommenden Schuljahr an wird die

In der Gustav-Falke-Schule treffen zwei Universen aufeinander

Fast 20 Jahre ist es her, dass die Berliner Mauer fiel. Doch die Grenze spaltet die Hauptstadt noch immer. Und nirgendwo sind das Hüben und das Drüben so unterschiedlich wie nördlich und südlich der Bernauer Straße. Deutschlands wohl krasseste Sozialgrenze teilt den Schulbezirk: in Wedding und Altmitte, in Arm und Reich, in Prekariat und Arrivierte, in Migranten und BioDeutsche, wie man die Einwohner ohne Zuwanderungsgeschichte in Berlin nennt. Die Sozialstatistik weist für das Quartier nordwestlich der Gustav-Falke-Schule über fünfzig Prozent HartzIV-Empfänger aus. Auf der anderen Seite, im heute hippen ehemaligen Ost-Berlin, ist es gerade einmal ein Viertel davon. Hier stehen die Menschen in der Armenküche nach Suppe und Brot an, dort in den Cafés nach Latte Macchiato und belegter Ciabatta. Diesseits der ehemaligen Zonengrenze hocken Männer mitten am Tag in Teestuben und Kneipen, jenseits sitzen sie auf Spielplätzen in der Herbstsonne, das eine Auge auf den Nachwuchs gerichtet, das andere auf den blinkenden Blackberry.

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a www.zeit.de/audio

Denn natürlich ist der Versuch heikel. Von »Rassismus« war die Rede, als die Gustav-Falke-Lehrer in den Mitte-Kitas für ihre Sonderklasse warben. Und wird die Eliteklasse den Parallelklassen nicht noch die letzten deutschsprachigen Schüler stehlen? »Der Vorwurf ist falsch«, sagt Heußen. Auch die Migrantenkinder werden profitieren, vom Englisch ab Klasse eins zum Beispiel und dem Zusammensein mit den Muttersprachlern in Projekten und auf dem Pausenhof. Doch gerade einem allzu engen Kontakt sehen die deutschen Eltern mit gemischten Gefühlen entgegen. Nach der abendlichen Werbeveranstaltung stehen einige von ihnen noch zusammen. »Fast rührend« fanden sie den Auftritt der Lehrer. Nun spüren sie eine gewisse moralische Verpflichtung, die Offerte auch anzunehmen. Wenn nur die Unsicherheit nicht wäre, wie die Weddinger Kinder auf neue Schulkameraden reagieren würden. »Am meisten Angst habe ich vor Mobbing durch die Älteren«, gesteht ein Vater. Zwar sind die Erst- und Zweitklässler in einem eigenen Gebäude untergebracht. Ein bisschen Trennung heute, um die große Segregation morgen zu überwinden – das wird also in Kauf genommen. Aber ganz abschirmen will und kann man die kleinen Grenzgänger natürlich nicht. Nach zwei Stunden kehren die Eltern heim auf ihre Seite der Grenze. Für die endgültige Anmeldung haben sie noch bis zum November Zeit. Aber wenigstens ihre E-Mail-Adresse haben schon einmal alle dagelassen.

Die Mitte-Eltern sind gerührt und spüren eine moralische Verpflichtung

Gustav-Falke-Schule eine Modellklasse einrichten. Jeder ihrer Schüler muss einen Sprachtest bestehen, mindestens die Hälfte von ihnen deutsche Eltern haben. Höchstens 24 Köpfe wird diese Lerngruppe zählen. Regelmäßige Versuche (»Solaranlagen bauen«) werden den Unterricht bereichern, das Mensaessen wird auf Bio umgestellt. »Binnendifferenzierung«, »Individualisierter Unterricht«, »der Einsatz von Smartboards und Computern«: Kein Zauberwort moderner Pädagogik fehlt in den Vorträgen. Selbst die Hirnforschung und die Globalisierung werden bemüht, um die Eltern zu locken. Tatsächlich geben sich die Umworbenen beeindruckt. Viele machen sich Notizen. Drüben, wo sie wohnen, sind sie nichts Besonderes. An den überlaufenen Schulen im Bezirk Mitte bekomme man die Schulleitung noch nicht einmal für zehn Minuten zu Gesicht, klagt ein Vater, und die Klassen seien bis zu 32 Schüler groß. Doch gleichzeitig nagt der Zweifel in den Köpfen der Eltern. Das Ganze ist ein soziales Experiment, in dem ihre Töchter und Söhne sozusagen die Versuchskaninchen spielen. »Kann ich mein Kind nach ein paar Monaten auch wieder abmelden?«, fragt einer. Jetzt meldet sich jener Mann zu Wort, der als Einziger im Raum einen Anzug trägt und eine Krawatte. »Nein«, sagt er, man lege Wert auf Stabilität. »Ein bisschen verlobt geht nicht.« Eduard Heußen heißt er und war einmal Sprecher des Regierenden Bürgermeisters. Heute vertritt er das größte Wohnungsunternehmen in Berlin. Seine Firma sorgt sich über den Niedergang vieler Viertel – und die damit einhergehende Entwertung der eigenen Häuser. Heußen hat in einer Umfrage herausgefunden: Wenn Familien wegziehen, dann vor allem wegen der Schulen. Deshalb hat er die politische Rückendeckung für den Schulversuch in der Bernauer Straße organisiert und auch einen Brief von Klaus Wowereit persönlich, der auf einem der Tische ausliegt. Eine »mutige Initiative« sei die Idee der Gustav-Falke-Schule, lobt Wowereit darin, und der Anfang eines möglichen »Trendwechsels« im Wedding.

IN DEN PAUSEN werden die Kinder der Modellklasse auch mit anderen Kindern spielen

WISSEN

Fotos: Goetz Schleser für DIE ZEIT/www.goetz-schleser.de

Foto [M]: Irene Berres

8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

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ZEIT 47

P O L I T I K , W I S S E N , KU LT U R U N D A N D E R E R Ä T S E L F Ü R J U N G E L E S E R I N N E N U N D L E S E R

Akrobatik auf dem Brett

AHA DER WOCHE:

Die deutsche Meisterschaft im Wellenreiten beginnt an diesem Wochenende vor der französischen Atlantikküste. Die KinderZEIT hat zwei junge Teilnehmer beim Training vor Sylt begleitet VON KATRIN HÖRNLEIN

Bunte Blätter Warum wehen uns in diesen Tagen bunte Blätter um die Ohren? In jedem Blatt gibt es verschiedene Farbstoffe, das orangefarbene, rote oder gelbe Karotin und das grüne Chlorophyll, das eine wichtige Rolle für die Ernährung des ganzen Baumes spielt. Wenn die Tage im Herbst kürzer werden und die Luft sich abkühlt, zieht der Baum die wertvollen Bestandteile des Chlorophylls in seine Äste und den Stamm zurück. Übrig bleiben die rötlich-gelben Farbstoffe, die nun gut zu sehen sind und das Blatt bunt leuchten lassen (außerdem schützen sie es, wie eine Sonnenbrille, vor den letzten herbstlichen Sonnenstrahlen). Ist das Chlorophyll aus dem Blatt verschwunden, bildet sich zwischen Ast und Blatt eine Schicht aus sogenannten Schwellzellen. Das Blatt wird nicht länger mit Nährstoffen versorgt und fällt ab. Für den Baum ist das gut, weil über die Blätter sehr viel Wasser verdunstet. Im Winter würde er bei Schnee oder gefrorenem Boden mit voller Blätterkrone leicht vertrocknen.

Fragebogen Dein Vorname:

Wie alt bist Du?

Wo wohnst Du?

Was ist besonders schön dort?

Und was gefällt Dir dort nicht?

Was macht Dich traurig?

Was möchtest Du einmal werden?

Was ist typisch für Erwachsene?

Wie heißt Dein Lieblingsbuch? WAS SOLL ICH LESEN?

Bei welchem Wort verschreibst Du Dich immer?

Krokodilferien Marco ist alles andere als begeistert über den Campingurlaub mit seiner Mutter: Weil sie Journalistin ist und dringend mit einem Reisebuch Geld verdienen muss, wird sie sicher die ganze Zeit nur arbeiten. Doch Marcos Laune bessert sich, als er am Silbersee Anne und den Dorfpunk kennenlernt – und dessen zahmes Krokodil! Als das Tier ausreißt, beginnen die spannendsten Sommerferien aller Zeiten, und Marcos Mutter be- Werner Färber: Das Krokodil im kommt noch mehr zu tun. Silbersee Mit Marcos leckeren Ferien- Jacoby & Stuart Rezepten zum Nachkochen. 2009 Ab 9 Jahren 12,95 Euro

Willst Du auch diesen Fragebogen ausfüllen? Dann guck mal unter www.zeit.de/fragebogen

Für Rachel heißt es: Jede KLEINSTE WELLE nutzen!

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DER ELEKTRONISCHE HUND

Fotos: Jörg Brüggemann für DIE ZEIT/www.joergbrueggemann.com; Illustrationen: Apfel Zet für DIE ZEIT/www.apfelzet.de (Piktogramme); Niels Schröder für DIE ZEIT/www.niels-schroeder.de (Wappen)

Bleeker

ucas erinnert sich gut an die Tage im März, als er sich wie ein Außerirdischer fühlte: ein Außerirdischer in Ecuador. Aus 28 Ländern waren junge Sportler dorthin gereist, um sich mit ihren Surfbrettern in den Pazifik vor der südamerikanischen Küste zu stürzen – bei der Weltmeisterschaft der Junioren im Wellenreiten. Aus Hawaii, Australien, Neuseeland, Frankreich oder Südafrika kamen die Surfer. Und aus Deutschland. »Wo könnt ihr denn surfen?«, schienen viele Blicke den Außerirdischen zu fragen – zu Recht. Denn Deutschland hat nur wenige Orte, wo man ordentliche Wellen findet. Trotzdem gibt es eine deutsche Mannschaft junger Wellenreiter, die zu Europa- und Weltmeisterschaften reist. Viele Jugendliche aus dem Team leben mit ihren Familien im Ausland, zum Beispiel in Spanien oder Portugal. Dort kann man gut surfen. Lucas ist einer der wenigen in der Mannschaft, die in Deutschland wohnen – auf der Insel Sylt. Der 15-Jährige kann nur trainieren, wenn der Wind richtig steht. Auch an dem warmen Vormittag im August, an dem ich Lucas besuche, schwappt die Nordsee behäbig auf den Strand. Ein paar Kinder hüpfen quiekend über die weiße Gischt. Lucas kann darüber nur müde lächeln. Keine Spur von hohen Wellen, über die er gleiten könnte. Mit sieben Jahren stand Lucas zum ersten Mal auf einem Surfbrett, seit etwa drei Jahren trainiert er intensiv. Neben ihm im Sand sitzt die 14-jährige Rachel. Vor zwei Jahren ist sie durch einen Wochenendkurs aufs Brett gekommen, im Frühjahr fuhr sie in Holland ihren ersten Wettkampf. Was Lucas schon erreicht hat, will Rachel in diesem Herbst schaffen: ins Juniorenteam des Deutschen Wellenreitverbands aufgenommen zu werden. »Jeder will in den Kader«, sagt sie. »Es ist toll, in andere Länder zu reisen und neue Strände zu sehen!« Das wird sie am kommenden Wochenende. Ab Samstag finden die deutschen Meisterschaften an der französischen Atlantikküste statt. Wer hier gut fährt, hat alle Chancen, ins Team zu kommen. Zwölf junge Wellenreiter wer-

den gesucht, die im nächsten Jahr bei den internationalen Wettkämpfen für Deutschland surfen. Dafür müssen sie nicht nur gut mit dem Brett zurechtkommen, sondern auch gut in der Schule sein. Denn für die Wettkämpfe bekommen die Teammitglieder schulfrei. Als Lucas im März zur Weltmeisterschaft reiste, musste er vorlernen. »Zwei Wochen durfte ich jeden Nachmittag länger in der Schule bleiben«, sagt er: »Das war ganz schön blöd!« Dabei ist schon das Trainieren eine komplizierte Sache. Das Meer bestimmt, wann Lucas und Rachel üben können. »Es ist nicht, wie auf den Tennisplatz zu gehen, der immer da ist«, sagt Rachel.

LUCAS trainiert, sooft es geht

»Wir müssen auf Wellen warten.« Und die Surfsaison auf Sylt ist kurz. Das Wasser wird zwischen Oktober und März so kalt, dass man extrawarme Schutzkleidung braucht.

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unge Wellenreiter trainieren eigenständig. Regelmäßig schreiben Rachel und Lucas dem Trainer der Juniorenmannschaft, Arnd Wiener, wie viel sie surfen, auf welchen Brettern und was sie sonst für Sport treiben. Wiener wohnt in Berlin und hält über E-Mails Kontakt zum Kader. »Arnd möchte, dass wir fit sind«, sagt Rachel. »Wer ins Team will, soll nicht faul vorm Computer hängen.« »Wellenreiten ist wahnsinnig anstrengend und schwierig«, sagt Gabi Twelkemeier, die das deutsche Juniorenteam zusammen mit Arnd Wiener betreut. Auf seinem Brett liegend, muss man erst gegen die Wellen anpaddeln. Dann gilt es, das Wasser genau zu beobachten. Baut sich eine Welle auf, muss man wieder paddeln (dieses Mal mit der Welle)

und genau im richtigen Moment aufspringen, um dann, auf dem Brett stehend, auf der Welle zu surfen. »Man braucht viel Balance und das richtige Timing«, sagt Twelkemeier. Und es kann auch gefährlich sein. Es gibt Strömungen, die einen weit aufs Meer ziehen, außerdem Steine und Felsen im Wasser. Und wer ohne Erfahrung mit einem Brett gegen die Wellen anpaddelt, dem klatscht das Wasser schnell schmerzhaft ins Gesicht. Anfänger sollten deshalb niemals allein surfen gehen.

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uch Lucas und Rachel haben Respekt vor dem Meer, obwohl sie zu den guten Surfern zählen. »In Ecuador gab es Wellen, die waren dreieinhalb Meter hoch«, sagt Lucas. »Wenn es einen da falsch erwischt, hat man plötzlich das Brett überm Kopf und ist selbst unter Wasser.« – »Wenn dunkle Wolken am Himmel hängen und man sitzt auf dem Meer auf seinem Brett, da sind auch kleine Wellen bedrohlich«, sagt Rachel. Richtig Angst hat oft ihre Mutter, wenn sie vom Strand aus zuschaut. Anstrengend, bedrohlich, gefährlich – was zieht Lucas und Rachel immer wieder auf die Bretter? Lucas sagt: »Es ist ein Kribbeln im Bauch: Wie schnell werde ich? Wie steil wird die Welle? Erwische ich sie richtig?« Für beide ist der Spaß das Wichtigste. Sie wollen keine Profis werden, auch wenn sie an Wettkämpfen teilnehmen. »Mit Surfern aus Hawaii oder Australien können wir uns nicht messen«, sagt Lucas. »Die surfen da jeden Tag und sind unfassbar gut!« Deshalb denken Rachel und Lucas nicht so sehr an Titel, sondern an Orte, an denen sie gern ins Wasser wollen. Lucas möchte einmal in Mundaka in Spanien surfen. Die Wellen dort gehören zu den größten und längsten in Europa. »Wie Autobahnfahren mit Surfbrett«, sagt er. Rachel träumt von Kalifornien: »Da, wo so viele verschiedene Leute ins Wasser gehen und Hunderte auf einer Welle reiten.« Dann schaut sie auf das Meer vor dem Sylter Strand, grinst und sagt: »Aber im Vergleich zu unseren Wellen hier find ich auch Holland super!« www.zeit.de/kinderzeit

UMS ECKCHEN GEDACHT

Ein kniffliges Rätsel: Findest Du die Antworten und – in den getönten Feldern – das Lösungswort der Woche?

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Sind die härtesten Steine – und die teuersten!

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Manchmal am Strand gefunden, gern auf Ketten gefädelt

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Die schwingen keinen großen Hammer, machen Feines aus Edelmetall

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LUST und LACHEN durcheinander: Viele Leute füllen die gern mit Schmuck

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Zier fürs Läppchen

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Wird sich jemand ein KIESELBRETT um den Hals legen? Ein richtig gedrehtes sicher gern!

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Ist ja selbst meist Zierde, hält oft eine Uhr fest

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In seinem Laden gilt: Kostbares kost’ Bares!

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An manch eine Bluse genadelt, weil sie schmückt

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Wachsen in Meerestiefen, zieren Ketten und Ringe

Schicke es bis Dienstag, den 20. Oktober, auf einer Postkarte an die

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ZEIT, KinderZEIT, 20079 Hamburg,

und mit etwas Losglück kannst Du mit der richtigen Lösung einen Preis gewinnen, ein kuscheliges ZEIT-Badetuch. Lösung aus der Nr. 39: 1. Schultuete, 2. Elternabend, 3. f/Feste, 4. Stundenplan, 5. Anstreichen, 6. Kreide, 7. Schreibhefte, 8. Spicker, 9. Loeschblatt, 10. Noten. – UNTERRICHT

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LESERBRIEFE

MURSCHETZ

8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

Der andere Ton Giovanni di Lorenzo: »Kein Wort zum Sonntag« und Susanne Gaschke: »Das Volk sind wir« ZEIT NR. 40

Wenn mein Sohn mich im Jahre 2030 fragen wird, was meine Generation »damals« gegen die Klimakatastrophe getan hat, muss ich ihm wohl antworten: zu wenig! Weil wir nicht ganz bei Trost waren. Insofern hat Giovanni di Lorenzo recht. Aber er liegt falsch, wenn er uns vorwirft, wir regten uns über Kleinigkeiten wie Dienstwagenaffären auf. Das sind keine Kleinigkeiten. Denn geht das: Mangelndes Fingerspitzengefühl im Kleinen, aber Urteilsfähigkeit und Unbestechlichkeit im Großen? Ja, die Große Koalition hat in der Krise im Wesentlichen richtig gehandelt. War dafür Mut nötig? Nein. Mut ist nötig, um Widerstände zu überwinden. Mut ist nötig bei der Bekämpfung der globalen Erwärmung, Mut ist nötig, um Lobbyisten zu widerstehen. Ich vermisse den leidenschaftlichen Einsatz für eine Sache, die als richtig empfunden wird, die »ernst« ist. Christian Finck, per E-Mail

Lange habe ich mich schon gefragt, was mit dem Journalismus los ist in unserem Land, wo gerade noch das Machogehabe eines Herrn Schröder im Wahlkampf angeprangert und im nächsten Moment – alles eben Gesagte vergessen! – die Langeweile zweier Spitzenkandidaten im Fernsehduell beklagt wird. Schön, dass es doch einige wenige gibt, die unter die Oberfläche schauen und sagen, was wirklich zählt. Schön, dass diese bei Ihnen arbeiten. Kollegen, nehmt euch ein Beispiel!

Signal aus Dublin

Ralph Thielbeer, Loitsche

Wieder einmal habe ich freudig aufgeatmet, als ich die ZEIT gelesen habe. Giovanni di Lorenzo und Su-

Tief berührt Sabine Rückert: »Todfreunde« ZEIT NR. 40

Selten habe ich einen Artikel gelesen, der mich so berührt hat. Schon die Geschichte ist außergewöhnlich, mehr jedoch beeindruckt mich die enorme Einfühlsamkeit, mit der Sie die beiden Personen – den Kommissar und den Täter – beschreiben. Da fällt nie ein wertendes oder abschätziges Wort, bleibt in keinem Augenblick sensationsgeschwängerte Fas-

Daniela Flemming, Göttingen

Tobias Romberg: »Womöglich arbeitsunfähig« ZEIT NR. 40

ring geschätzten Arbeitsleistung werden häufig als Kränkung und damit als krankmachend empfunden. Jeder Arzt weiß, dass seine Atteste und Bescheinigungen besonderen Anforderungen, quasi notariell, unterworfen sind. Er wird sich genau überlegen und erfragen, wen er in welcher Situation krankschreibt. Er muss sich fragen, ob das dem Patienten auch wirklich hilft. Dr. C. J. Carstensen, Betriebsarzt, Hamburg

Freiheit meint nicht nur wirtschaftliche Freiheit Streitgespräch zwischen Friedhelm Hengsbach und Karl Homann: »Moralappelle sind ein Alibi« ZEIT NR. 40

Wirtschaftliches Handeln fußt zweifellos auf den Prinzipien der Freiheit, insbesondere der Handlungs- und Vertragsfreiheit. In einem Punkt lassen wir uns jedoch verlässlich täuschen: Der Wettbewerbskapitalismus sorgt nur für ökonomische, nicht aber für politische Freiheit. Durch die Gleichset-zung von Freiheit mit wirtschaftlicher Freiheit hat sich der Neoliberalismus von den emanzipatorischen Wurzeln des bürgerlichen Liberalismus entfernt. Wenn drei von vier Menschen den Eindruck haben, dass es in unserem Land nicht mehr gerecht zugeht (wie unter anderem die ZEIT in einer im letzten Jahr veröffentlichten Umfrage dargestellt hat), kann Freiheit nicht das einzige Leitmotiv einer Gesellschaft sein. So klingen

die mahnenden Worte des französischen Philosophen Jean-Jacques Rousseau bis heute nach: »Zwischen dem Schwachen und dem Starken ist es die Freiheit, die unterdrückt, und das Gesetz, das befreit.« Für den von Friedhelm Hengsbach geforderten »Neustart des Kapitalismus« reichen Moralappelle in der Tat nicht aus. Für ein sittliches Fundament braucht auch der Kapitalismus Gesetze – in Form eines flächendeckenden Mindestlohns, eines Beschäftigungsschutzes für Mini-, Midi- und Ein-EuroJobber sowie einer Regulierung des internationalen Kapitalverkehrs. Dr. Tim Engartner, Universität zu Köln Wirtschaftswissenschaft, Bildungsökonomie und ökonomische Bildung

Wir haben die Mauer durchbrochen Christian Staas: »Die Vorhut« ZEIT NR. 40

Die 89er-Flüchtlinge sind nicht die Verlierer der Geschichte, sondern die Macher der Geschichte. Als wir Anfang Oktober mit dem Trabi und unseren zwei Kindern durch Heidelberg fuhren, haben wir den Atem der Geschichte gespürt. Wir und mit uns Tausende anderer Flüchtlinge haben die Mauer durchbrochen und damit das Ende der DDR beschleunigt. Sicher war der Neuanfang nicht leicht; aber der Artikel vermittelt zu sehr das Bild vom

Dr. h. c. Siegfried Schiele Stuttgart

Giovanni di Lorenzo irrt. Die Hartz-Gesetze waren nicht nur unpopulär, sie waren auch falsch. Sie sollten durch Druck auf die Arbeitslosen die Arbeitslosigkeit bekämpfen. Das setzte voraus, dass diese auf Arbeitsunwilligkeit beruht, was Unsinn ist, und dass genügend freie Arbeitsplätze vorhanden sind, was nicht der Fall ist. Auch die Absenkung des Lohnniveaus konnten keinen wesentlichen Beitrag zum Abbau der Arbeitslosigkeit leisten. Denn es gibt keinen stringenten Zusammenhang zwischen Lohnhöhe und Beschäftigung: Die Wirklichkeit ist viel komplizierter als das Modell. Schließlich haben die Kürzungen des Arbeitslosengeldes und die Streichung der Arbeitslosenhilfe, die bei schwacher Wirtschaftsentwicklung als sogenannte automatische Stabilisatoren wirken, diese Stabilisatoren beschädigt. Wie sich später zeigte, hat die weltwirtschaftliche Nachfrage-Dynamik die Arbeitslosigkeit

deutlich abgesenkt – obwohl neoliberale Ökonomen und Politiker diesen Erfolg fälschlicherweise den Arbeitsmarktreformen Schröders zuschreiben. Dr. Ernst Niemeier Wentorf bei Hamburg

Ich möchte noch einen Gedanken hinzufügen. Bei den Europawahlen in diesem Jahr wurde die erstaunlich geringe Teilnahme beklagt. Mir ist damals bewusst geworden, dass das Bild, welches der größte Teil von uns Bürgerinnen und Bürgern von den europäischen Institutionen hat, mangels persönlicher Erfahrungen nur aus den Medien stammen kann. Dort jedoch lesen oder hören wir seit Jahr und Tag fast nichts anderes als mehr oder weniger süffisante Meldungen darüber, was nicht funktioniert. Und es wird der Eindruck erweckt, als ob Europaabgeordnete – gleich, welcher Partei – faul sind, korrupt und mit kaum etwas anderem beschäftigt als mit dem Krümmungsgrad von Gurken. Wie sollen wir mit einem solchen Bild im Kopf Interesse für die Europawahl aufbringen und sinnvoll wählen können? Ich wünschte, wir bekämen ein differenzierteres und lebendigeres Bild von der Arbeit der politischen Gremien sowohl in Deutschland als auch in Europa. Dorée Hullmann, Kelkheim

Mein Vorschlag: Sollte man nicht die Überfülle unserer Polittalks infrage stellen, die inzwischen zu reinen Unterhaltungssendungen verkommen sind – nach dem Motto: »Der/die hat’s ihm/ihr wieder gegeben!« Gerhard Thiel, per E-Mail

Mein Lebenslauf: Zu gewöhnlich sungslosigkeit, Ekel oder Entsetzen angesichts der grausamen Taten, nicht einmal ein Kopfschütteln zurück. Man versteht. Und bewundert und dankt insgeheim der Schreiberin dieser Geschichte für ihre sensible Sicht auf diese beiden Menschen. Ich jedenfalls tue das. Meine ehrliche Hochachtung.

Was hilft dem Patienten? Der Krankenstand ist seit Jahren kontinuierlich gefallen. 2006 stieg er wieder, ein Effekt, der schon vorher befürchtet wurde, da viele Menschen trotz Beschwerden aus Angst nicht rechtzeitig zum Arzt gingen. Ein großer Teil der arbeitenden Bevölkerung geht krank zur Arbeit – was der Artikel auch übergeht. Der Arbeitsprozess wird immer dichter, der Druck, etwas falsch zu machen, die Angst vor einer Kündigung und die Konkurrenz um den Arbeitsplatz neben der ge-

sanne Gaschke machen darauf aufmerksam, dass wir in Deutschland Gefahr laufen, jedes Maß bei der Betrachtung und Beurteilung der Politik zu verlieren. Kleine Affären werden zu Staatskrisen aufgeblasen, und es wird beinahe alles unterschlagen, was in unserer Demokratie und unserem politischen Alltag ganz gut funktioniert. Wird weiterhin von vielen Seiten nur auf die Politik eingeschlagen, dann muss man sich Sorgen um die Entwicklung der Demokratie in Deutschland machen. Darum bin ich so froh, dass die ZEIT einen andern Ton anschlägt.

»Verlierer-Ossi«. Der 9. November 1989 war für die Mehrheit der Deutschen ein großer Tag. Und die Welt sah: Annäherung, ja Wiedervereinigung unter einstigen ideologischen Feinden ist möglich! Bei allen bestehenden Unterschieden in den deutsch-deutschen Biografien: Wir sollten das Verbindende suchen. Denn wir sind ein Volk – und das seit Jahrhunderten. Holger und Christine Friedrich, Sinsheim

Simon Kerbusk: »Aus gutem Hause« ZEIT NR. 40

Dass bei der angesehensten, »weltanschaulich unabhängigen«, der Parteipolitik enthobenen Studienstiftung des Deutschen Volkes zwei Drittel (!) der Geförderten den höchsten Sozialstatus genießen, ist, nun ja, ein Skandal. Dass ihr Präsident auf diese Verhältnisse keinen Einfluss nehmen »kann und will«, ist blanker Hohn. Selbst in Frankreich scheint man da inzwischen weiter zu sein: An der Eliteschule Sciences Po, einer berüchtigten Netzwerkgrube der Macht, gibt es inzwischen ein gesondertes Aufnahmeverfahren nur für Schüler aus Problemvierteln – man scheint damit gute Erfahrungen zu machen. Frank Stadelmaier (Doktorand Ecole doctorale de Sciences Po Paris)

Mich wühlt dieses Thema besonders auf, da ich selbst aus einer Arbeiterfamilie – auch noch mit Migrationshintergrund – stamme (»Gastarbeiterkind«). Ich hatte immer zu kämpfen. Das fing schon mit der Realschulempfehlung trotz superguter Noten an und endete mit dem Kampf um ein Stipendium für mein Prüfungsjahr. Obwohl ich mein Abitur mit 1,3 abschloss und im Studium nie eine schlechtere Note als 1,5 erreichte, verhalf mir

kein Lehrer und kein Professor zu einem Stipendium. Dass es die Studienstiftung des deutschen Volkes gibt, erfuhr ich erst, als es zu spät war. Mit Ach und Krach errang ich im letzten Jahr meiner Studien ein bescheidenes Stipendium der Stiftungsverwaltung Freiburg – Fördergelder, die hauptsächlich an ausländische Studierende vergeben werden … Anna Sacco, M. A. (Philosophie, Alte Geschichte, Wirtschaftspolitik) Freiburg

Ich bin Medizinstudentin im klinischen Studienabschnitt. Als ich mich im Herbst 2006 um ein Stipendium bewarb, hatte ich gerade das Physikum mit der Gesamtnote 1,0 absolviert. Dieses Ergebnis erzielt nur ein Prozent aller Medizinstudenten in Deutschland, daher rechnete ich mir gute Chancen aus, ebenso die beiden Göttinger Professoren der Anatomie und der Physiologie, die mich der Studienstiftung des deutschen Volkes vorgeschlagen hatten. Schließlich wurde ich zum Auswahlgespräch nach Frankfurt am Main eingeladen. Das erste Gespräch, mit einem Professor der Philosophie, verlief sehr angenehm, und er meinte, dass ich unbesorgt sein könne. Das zweite

AUS NR.

Gespräche mit dem Altkanzler, 24. September 2009

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Schöne Wiese Hanno Rauterberg: »Alles teurer, alles später« ZEIT NR. 40

Warum sehen wir in der aktuellen Verzögerung des Humboldt-Forums nicht einen Gewinn? Ich saß diesen Sommer oft und gerne auf der »HumboldtSchloss-Wiese« und ihrer Freitreppe. Ein fantastisches Gefühl: der freie Blick auf die Musikhochschule im Neuen Marstall auf der einen Seite über den Lustgarten zum Alten Museum auf der anderen, im Rücken die Schinkelkirche und nach vorne die Spree. Erstmals lassen sich diese wunderschönen Gebäude als Ensemble wahrnehmen. Die Wiese hier ist ein unglaublicher Luxus. Offensichtlich genießen das auch viele andere. Warum das überstürzt zubauen? Berlin ist übersät mit Bauprojekten, die das weltgrößte, -schönste und so weiter werden sollten und durchgepeitscht wurden – am Ende stehen viele da als mittelmäßige Kisten. Mut zur Wahrheit, wie Sie es einfordern, hieße doch zu sagen: So wie aktuell geplant, wird der Bau für das Humboldt-Forum halb dies, halb das. Es täte meines Erachtens nur gut, wenn wir uns mehr Zeit nähmen, zu diskutieren, was wir wollen; inklusive, was es uns kosten soll (nur als kleiner Vergleich: Der Neubau der BND-Zentrale in Berlin soll insgesamt 1,5 Milliarden Euro kosten). Im Alten Museum zeigen derzeit die drei künftigen Nutzer des Humboldt-Forums, wie sie sich die inhaltliche Gestaltung vorstellen. Das sollte doch am Anfang stehen. Also, warum nicht ein neuer Wettbewerb – und bis auf Weiteres Wiese. Thomas Möbius, Berlin

führte ein Professor der Medizin mit mir. Er war noch sehr jung und kritisierte, dass ich direkt nach dem Abitur mit dem Medizinstudium begonnen hatte, da »ein junger Mensch doch zunächst die Welt bereisen müsse«, um genug »geistige Größe« für ein Studium zu erlangen (er hatte nach dem Abitur ein Jahr in Asien verbracht). Ich erwiderte dann, dass ich aus einer Arbeiterfamilie stamme und kein Geld für solche Unternehmen zur Verfügung stand – an seiner harschen Kritik änderte das nichts: Mein Lebenslauf sei einfach zu »gewöhnlich«. Einige Wochen später kam der Ablehnungsbescheid. Enttäuscht schrieb ich einen Brief an die Studienstiftung. Ich habe bis heute keine Antwort erhalten. Juliane Dalfuß (24), Göttingen

Da lob ich mir doch das Stipendiatenprogramm der Roland Berger Stiftung. Sie fördert bereits im frühen Alter Kinder und Jugendliche aus pointiert sozial schwachen Elternhäusern. Dieser frühe Beginn ermöglicht es, dass die Kinder bis zur Studierfähigkeit kommen, die sie ohne Unterstützung vielleicht nur schwer oder gar nicht erreicht hätten. Rosa Strobl-Zinner, Rektorin Berlin-Kreuzberg

Unrühmlich Felix Rohrbeck: »Kapitän im Kuhdorf« ZEIT NR. 40

»Drastische steuerliche Folgen« hätte ein Wohnsitz in Deutschland für den Unternehmer Klaus-Michael Kühne (Kühne & Nagel). Aha. Gleichzeitig fordert die Hamburger Reederei HapagLloyd, an der dieser Herr maßgeblich beteiligt ist, eine Bürgschaft von 1,2 Milliarden Euro vom Staat. Vom deutschen Staat, dem Land also, für das Kühne keine Steuern entrichten will. In dem er nicht bereit ist, seinen Beitrag für die Allgemeinheit zu leisten, obwohl er hier aufgewachsen ist. Obwohl, angeblich, sein Herz für eine Stadt in diesem Land, Hamburg, schlägt. Er reiht sich damit ein in die unrühmliche Gesellschaft der Schumacher, Beckenbauer, Becker, Ullrich, Netzer und vieler anderer, die sich in Deutschland zwar gerne »aufhalten«, hier arbeiten und kassieren, aber für ihr Land nicht finanziell einstehen wollen. Wir Steuerzahler leiden derweil mit Herrn Kühne und wünschen ihm, er möge sich an das Kuhgebimmel im schweizerischen Schindellegi gewöhnen. Werner Stieber, Dettenhausen

Von der Demokratie direkt in den Neofeudalismus Axel Honneth: »Fataler Tiefsinn aus Karlsruhe« ZEIT NR. 40

Axel Honneths Artikel über das neueste Schrifttum des Peter Sloterdijk ist hochinteressant und wichtig. Will Sloterdijk uns mal wieder zum Besten halten? Oder glaubt er, was er denkt? Gerade werden neue Regeln für einen zukünftigen Finanzmarkt definiert. Die Marschrichtung ist vorgegeben: mehr Kontrolle, mehr Transparenz, weniger Risiko, weniger Profit und Boni. Also weniger Markt. Und Sloterdijk? Er denkt an die Reichen und Begüterten und versetzt sich voller Emphathie in die ihnen von der Kultur aufgezwungene »Selbstverachtung«. Die Befreiung dieser von ihrem Vermögen Gebrandmarkten könne nur dadurch erfolgen, dass jede staatliche Steuerabgabe unterbleibe, da diese eine Gefühlskränkung des wohlverdient

Erfolgreichen provoziere. Eine freiwillige Selbstverpflichtung zur Beschenkung der wenig Vermögenden und Begüterten soll aus dem ungeliebten Obolus eine »schöne Handlung« machen. Von der Demokratie ohne Zwischenschritte in den Neofeudalismus? Da sei Honneth vor! Dr. Ernst Göldner, Riedlingen

Sloterdijks Denken hat wieder einmal eine Kapriole geschlagen. Nietzsche hätte begeistert applaudiert, aber der Zuchtmeister Axel Honneth fühlt sich seines Atems beraubt angesichts des »methodologischen Leichtsinns«, mit welchem der Kollege seine denkerische Fährte auslegt: von der Landbesitznahme durch Umzäunen bis zur Steuer-»Kleptokratie« des modernen Staates.

Über das erfrischend Provokative einer Idee des freiwilligen Gebens als Gegenmodell zur Zwangssteuer könnten sich Menschen aller Couleur und Besitzklassen stundenlang streiten, ohne sich dabei die Köpfe einzuschlagen. Wahrscheinlich würde dabei herauskommen, dass solche »Denk-Angebote« (leider?) nicht zu realisieren seien. Dem Autor hätte auffallen können, dass die Idee des freiwilligen Gebens nahezu überall in Sloterdijks Werk auftaucht. Nicht im Kontext eines Steuerstreiks, sondern als Geste des Mäzenatentums – also aus materiellem und geistigem Reichtum kommend. Marcel Proust hat das in die wunderbare Metapher »das weiche Geld, das lächeln kann« gefasst. Die Fähigkeit zu diesem Reichtum, der zur Bereicherung der Welt führt,

spricht Sloterdijk allen Menschen zu. Mit seiner Virtuosität, Ideen durch Sprache zum Glänzen zu bringen, verweist er auf die »konstitutionelle Unmöglichkeit des Homo sapiens, arm zu sein, und zwar aufgrund seines Zugs zur Weltoffenheit«. Den Menschen als armes Tier zu deuten sei ein »Trick, den sich die Faulheit ausgedacht« habe. Franz Bergmann, Köln

BEILAGENHINWEIS Unsere heutige Ausgabe enthält in Teilauflagen Prospekte folgender Unternehmen: Lumas, 10629 Berlin; medpex Versandapotheke, 67059 Ludwigshafen; Walbusch Walter Busch GmbH & Co. KG, 42646 Solingen

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FEUILLETON

Herr Bude, schon am Wahlabend nahm das Nachdenken über die Niederlage der SPD einen viel größeren Raum ein als der Sieg für Schwarz-Gelb. Warum haben wir noch gar keinen Begriff für das Neue, das da beginnt? HEINZ BUDE: Wir haben es wirklich mit einer neuen Entwicklung in der Bundesrepublik zu tun. Bisher lag die kulturelle Hegemonie immer bei SPD und Grünen, die ökonomische bei CDU und FDP. Nun ist unter der Hand etwas passiert, was vielen im linken Lager noch nicht ganz klar ist: Ihnen ist die kulturelle Hegemonie verloren gegangen, also die Deutungshoheit der Lage. Heute ist für viele der Bürgerbegriff ein positiver Bezugspunkt fürs Selbstverständnis. Der Bürgerbegriff aber ist kein linker Begriff. ZEIT: Die Linken hatten dafür das Wort von der Zivilgesellschaft, was doch fast dasselbe meint. BUDE: Das war Gerhard Schröders Versuch, an die Mitte ranzukommen. Er musste den Kampf um den Bürgerbegriff aufnehmen. Das war richtig gedacht. Er hat aber den Fehler gemacht, dass das mit der Zivilgesellschaft zu anglizistisch daherkam. Angela Merkel, und das ist ihre große Chance, hat jetzt diesen neuen impliziten kulturellen Konsens auf ihrer Seite. ZEIT: An welchen Symptomen machen Sie diese Hinwendung zum Bürgerlichen fest? BUDE: Die Leute akzeptieren die Wahrheitszumutung der Krise. Sie wissen, dass wir keine rettende Kollektivinstanz mehr haben, die uns vor den Problemen schützt, sondern dass die Dinge ohne Eigenaktivität nicht zu richten sind. Das bedeutet nicht den Rückzug auf die Eigentümergesellschaft, sondern bringt die Einsicht zum Ausdruck, dass es eine Verbindung zwischen der Eigenverantwortung und der Lösung der Gesamtheitsprobleme gibt. ZEIT: Also ist der Ausdruck vom bürgerlichen Lager gar kein Anachronismus? BUDE: Es gibt eine fast schon evolutionäre Entwicklung, die wir seit den achtziger Jahren beobachten können: eine zunehmende Stabilisierung von bürgerlichen Selbstinterpretationen – im Sinne von Lebensführungsidealen, die Selbstverantwortung, Selbstbestimmtheit und Selbstsorge prämieren. ZEIT: Jetzt ist aber doch das Profil der, platt gesagt, Steuersenkungspartei FDP alles andere als ein Synonym für Bürgerlichkeit! BUDE: Das ist das Problem, in dem die Koalition steckt. Alle wissen, dass die euphorische Interpretation der Marktgesellschaft Schiffbruch erlitten hat. Dass es also nicht mehr passt, wenn man »bürgerlich« mit einem Regime der entfesselten Gier oder des reinen Egoismus in Verbindung bringt. Die Menschen wollen keine aggressive Besetzung des Bürgerlichkeitsbegriffs – nach dem Motto: »Die anderen gucken nur nach dem Staat, wir gucken nach uns selbst.« ZEIT: Dann würden Sie der FDP einen Wandel ihres Selbstbildes zusprechen? BUDE: Sie muss, wenn sie im Takt bleiben will. ZEIT: Ist dieser Wandel bereits erfolgt? BUDE: Nein, aber Westerwelle ist dabei zurückzurudern. Er weiß, dass er auf die aggressive Version der Eigentümergesellschaft, deren Vertreter es natürlich immer noch gibt, die berühmten modernen Leistungsindividualisten, dass er auf die allein nicht setzen kann. Ich würde nur der Hälfte der FDP-Wähler unterstellen, dass sie nach dem Motto LEKTÜRE denken: »Ich habe nur meiZUR LAGE nen Vorteil im Blick, alles andere ist mir egal.« Horst Köhler hat beklagt, Ich kann bei der Fradass das böse InternationaleFinanzmarkt-Monster noch ge des sozialen Ausimmer ungezähmt sei. Schon schlusses in unAlfred Brehm wusste in seinem serer Gesellschaft Thierleben, woran das liegt: »Die immer wieder berichtige Hand hat sich nicht geobachten, dass nügend mit den herrlichen Thieren es da eine mobeschäftigt, der rechte Ernst, Erfolge zu erzielen, bislang noch gefehlt.« ralische Sensibilität bis weit DIE ZEIT:

in dieses Lager hinein gibt. Die Leute wissen, dass sie am Ende doch damit zu tun haben, wenn der soziale Zusammenhang bröckelt. Siehe zuletzt München-Solln! ZEIT: Das heißt aber, dass die FDP trotz Finanzkrise nicht für ihre Deregulierungsrhetorik abgestraft wurde, sondern für ihren Bürgerlichkeitskern belohnt wurde. BUDE: Ja, weil diese Orientierung hin zu bürgerlichen Tugenden und zu einem liberalen Geist bis in die Alltagsmoral vorgedrungen ist. ZEIT: Woran sehen Sie das? BUDE: Die allgemeine Überzeugung lautet: Es ist gut und richtig, wenn man versucht, auf sich selber zu achten. Wir haben zum Beispiel eine Phase der Umwandlung von sozialem Wohneigentum in individuelles Eigentum. Denken Sie an diese ganzen Baugemeinschaften in Berlin. Die Leute, die zusammen ein neues Haus bauen, sind keine egoistischen FDP-Wähler im Sinne des neoliberalen Klischees. Aber sie sind bürgerlich im Sinne von Eigenregie und Selbstverantwortung. Jetzt gibt es aber ein Problem: Wenn ich das Gefühl

demokratie: Tony Blair, Bill Clinton und Schröder gehören zusammen. Das hat nie richtig Akzeptanz gefunden in der SPD. Und weil sie das nicht für sich interpretieren können, haben sie eine große Chance verpasst. Es ist das, was man in den USA mit der Idee eines liberalen Paternalismus verbindet. Dass man nämlich die Idee der Selbsttätigkeit kombiniert mit einem offenen Sorgemotiv für das Allgemeine. Daraus könnte die SPD eine starke Botschaft machen. Dann wäre sie ein Angebot für die sozialmoralisch verunsicherten bürgerlichen Schichten unseres Landes, die nicht als zähnefletschende Alltagsdarwinisten dastehen wollen, aber eine Vorstellung von Selbstverantwortung haben. ZEIT: Das heißt, die Leute haben die FDP nicht für ihre Marktradikalität gewählt? BUDE: Die FDP hat 14 Prozent erreicht, weil die Leute nicht in einer reinen Rentenempfängergesellschaft leben wollen. In Berlin sind 54 Prozent der Leute Rentenempfänger. 46 Prozent führen ein Leben aus eigenem Erwerbseinkommen. Das kann jeden einigermaßen denkenden

Wie klug ist die FDP? Wieso fällt es so schwer, ein Gefühl für Schwarz-Gelb zu entwickeln? Warum reden wir nur über Hartz IV? Ein Gespräch mit Heinz Bude

Foto (Ausschnitt): Andreas Pein/Bilderberg

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habe, dass eine Krankenversicherung das meiste Geld für Leute ausgibt, die nicht auf sich selbst achten, die nicht joggen gehen, die sich nicht gesund ernähren, die sehenden Auges in die neuen Volkskrankheiten reinlaufen, dann frage ich mich, warum soll ich für Leute aufkommen, die für sich selbst nicht aufkommen wollen. Man will damit nicht sagen: »Seht, wo ihr bleibt.« Das wäre, was man mit neoliberal meint. Das ist nicht die herrschende Meinung in Deutschland. Man will nur, dass alle sich so weit selbst bemühen, wie sie können. Deshalb steht die Mehrheit in der Mitte deutungsbedürftig vor der politischen Klasse und sagt: Gebt uns ein paar Ideen dafür, wie dieses bürgerliche Grundmotiv in alltagsmoralischen Unterschieden zum Ausdruck kommt, die man auch politisch zurechnen kann. ZEIT: Ein solches Politikangebot kann doch genauso gut von den Sozialdemokraten kommen, die sind ja schon länger keine staatsinterventionistische Bevormundungspartei mehr. BUDE: Die SPD hat leider nicht versucht, sich ihren eigenen Erfolg verständlich zu machen. Schröder war ein riesiger Erfolg, und er war Bestandteil der Veränderung der globalen Sozial-

Bürger verrückt machen. Da ruft man dann nach einer Partei, die sagt, dass das Geld auch irgendwo erwirtschaftet werden muss. ZEIT: Haben wir zu viel geredet über Hartz-IVEmpfänger und zu wenig über die Mitte? BUDE: Absolut. Um es pathetisch zu sagen: Die Mehrheit der Deutschen arbeitet hart und hält sich an die Regeln. Es ist nicht wahr, dass die Mehrheit sagt: »Der Ehrliche ist der Dumme.« Dabei sind wir immer noch eine Gesellschaft, in der der Takt von den moralisch sensiblen Schichten vorgegeben wird. Was ich interessant finde, ist, wie sich die IG Metall gerade positioniert. Die will auf keinen Fall in Verbindung mit der Vorstellung von sozialen Unruhen gebracht werden. Weil der klassische Metaller sagt: »Das ist Lumpenproletariat. Wir sind die Kerngruppe des Modells Deutschland, die facharbeiterliche Mitte der Gesellschaft, und wir machen nicht auf soziale Unruhen, wir stellen nicht das Ganze zur Disposition. Wir wollen aber eine mächtige Organisation haben, die auch Ja und Nein sagt.« Das hat die IG Metall unter Berthold Huber in letzter Zeit ziemlich geschickt gemacht. Geduldiges Kapital in Arbeitnehmer-

hand, das ist doch eine Forderung zur Stabilisierung des Kapitalismus. ZEIT: Gibt es noch einen Zusammenhang zwischen Milieus und ideologischen Inhalten? BUDE: Natürlich. Die überzogen verstandene Individualisierungstheorie ist falsch. Sie sehen es bei allen Wahlen. Niemand wählt nur nach Interessen, es ist immer eine Korrespondenzentscheidung von alltagsmoralischen Entwürfen und politischer Repräsentation. Das heißt: Ich wähle eine Weltsicht, nicht einen Vorteil. In diesem Sinne gibt es nach wie vor sozialmoralische Milieus, die auf der Suche nach ihrem politischen Ausdruck sind. ZEIT: Wenn man von den Milieus her denkt, würde man die Wähler der FDP und die der Grünen nahe beieinander sehen, sie ziehen aber doch sehr unterschiedliche ideologische Schlüsse aus ihrer Lebensweise. BUDE: Das ist wahr. Da greift immer noch ein harter Ressentiment-Reflex. Der richtige Grüne hasst das FDP-Klientel, und das FDP-Klientel mit dem 340-PS-Audi hasst den grünen Rechtsanwalt, obwohl sie eigentlich viel mehr miteinander gemein hätten. Ab und an trifft sich der grüne Rechtsanwalt in irgendwelchen Fragen des internationalen Seerechts mit dem AudiFahrer. Da kommen die auch gut miteinander aus, finden sich gar sympathisch, aber sowie sie sich wechselweise sagen, »Du bist grün« und »Du bist FDP«, ist Schluss. ZEIT: Wie kommt es zu dieser Animosität? BUDE: Es gibt so eine Art Selbstmissverständnis des grünen Milieus. Die Grünen sind die Partei der Besserverdienenden und Höhergebildeten, aber ihre Wähler wollen auf keinen Fall als Vorteilssucher und Privilegienträger angesprochen werden. Und anders herum: Der klassische FDPWähler findet, dass die Grünen letztendlich hoch gebildete Sozialschmarotzer sind, weil sie vom Wohlfahrtsstaat bezahlt werden als Therapeuten, als Lehrer und als Professoren. Da ist keine Brücke zwischen den beiden. Das ist eine Kampfsituation in der politischen Alltagsästhetik. ZEIT: Das linksliberale Milieu sah sich ja zumindest ästhetisch immer als überlegen an, während rechts von der Mitte die Stiernackigkeit, gröbere Gesichtszüge und eine gewisse Redeungewandtheit zunahmen. Unter Merkel ist die Union nun urbaner geworden. Wird sich das fortsetzen? BUDE: Ich glaube schon. Die CDU muss sich aber ein paar neue Wege ausdenken. Sie hat zum Beispiel das Problem, sich gerade dort zu modernisieren, wo die modernisierten Fraktionen sich schon in eine andere Richtung bewegen. Wenn junge Frauen heute aus der Falle raus wollen, sich zwischen Familie und Beruf entscheiden zu müssen, dann heißt das noch lange nicht, dass sie ihre Kinder dem Staat überlassen wollen. ZEIT: Ist die Gesellschaft der Mitte familienbewusster als das CDU-Parteiprogramm? BUDE: So ist es. Die mittlere Generation hat pflegebedürftige Eltern und erziehungsbedürftige Kinder, und man weiß, dass am Ende nur die Familie hilft – bei aller Unterstützung durch institutionelle Angebote, die natürlich wichtig sind. Aber es herrscht die Überzeugung, dass die Familie das eigentliche Kraftwerk der Gesellschaft darstellt. Nur hat sich das Aussehen von Familien sehr gewandelt. Viele nichteheliche Lebensgemeinschaften sind stabiler und belastbarer als manche Familie mit Brief und Siegel. ZEIT: Wer könnten denn die intellektuellen Stichwortgeber für eine solche Konzeption der Bürgergesellschaft sein? BUDE: Die Frage ist, ob die Parteien überhaupt einen Sinn für den Geist haben, der ihnen die Lage der Zeit vor Augen führt. Die FDP jedenfalls steht nach dem Tode von Ralf Dahrendorf intellektuell völlig blank da. DAS GESPRÄCH FÜHRTE IJOMA MANGOLD

Heinz Bude, geboren 1954, ist Soziologe und Leiter des Arbeitsbereichs »Politik und Gesellschaft der alten und neuen Bundesrepublik« am Hamburger Institut für Sozialforschung

8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

MUSEUMSINSEL: Das Neue Museum ist wieder offen, und Nofretete kehrt an die Spree zurück

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MONTAGSDEMOS: Das wahre Datum der friedlichen Revolution war der 9. Oktober 1989

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Fremdscham-Stars Peinlichkeitstheater mit Guido Westerwelle und David Letterman Der Durchschnittsmensch, der herausfinden will, was die Welt von ihm weiß, setzt sich hin und »googelt« sich: Er gibt den eigenen Namen im Computer ein. Dann sieht er, wie oft er erwähnt wird im Netz. Die Suchmaschine spricht, und der kleine Mann schämt sich: So lange bin ich schon auf der Welt, und so wenige Spuren habe ich hinterlassen. Nichts als Fußnoten! Wer dagegen berühmt ist, der setzt sich an seinen Computer und, nun ja, youtubet sich: Er schaut sich das reichhaltige Filmmaterial an, welches das Videoportal YouTube von ihm gesammelt hat. Guido Westerwelle etwa wird feststellen, dass ein Auftritt ihn berühmter gemacht hat als sein ganzes politisches Schaffen. Seit er einem BBC-Journalisten die englische Antwort verweigerte (»Es ist Deutschland hier«), ruht das Auge der Welt auf ihm. Beim Versuch, eine kleine Peinlichkeit, die Offenbarung seines schwachen Englischs, zu vermeiden, schuf er eine große: die Offenbarung seiner Ausdrucksnot auf internationaler Bühne. Westerwelle ist nun ein Star bei YouTube. Das Internetportal ist längst zur Weltgedächtnishalle der schamvollen Momente geworden, und kaum hatte Westerwelle geliefert, da traf ein neues, deutlich souveräneres Stück Schamtheater aus den USA ein. Der Talkmaster David Letterman gab in seiner Sendung bekannt, dass er Sex mit abhängigen, in seiner Firma angestellten Frauen gehabt habe und deshalb erpresst werde. Letterman hatte seine größte Zeit in den neunziger Jahren, als er die Bill-Clinton-Monica-LewinskyAffäre mit gefühlten zehntausend Sex-imBüro-Witzen begleitete. Er weiß also, wovon er spricht. Jedoch, seine aktuelle GeständnisNummer gelang ihm glänzend: Er erschien eher als Opfer denn als Täter. David Letterman hatte den heikelsten Auftritt seines Lebens offenbar so lange geprobt, bis er völlig authentisch wirkte; er setzte die Scham ein wie ein wirksames Bühnenmittel. Guido Westerwelle dagegen stolperte ohne Generalprobe auf die Weltbühne; ihm war die Scham im Weg wie ein Lebensproblem. Beide Auftritte sind nun für immer aufgehoben bei YouTube, in der Vorhölle der Scham und der Peinlichkeit. Wer dort nicht zu finden ist, der hat noch nichts erreicht. PETER KÜMMEL

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Von diesen Kindern stammen wir ab?

»Er lässt uns Zeit«

Michael Hanekes Film »Das weiße Band« erforscht das Schweigen der Deutschen vor dem Ersten Weltkrieg VON PETER KÜMMEL

Am Set mit dem Regisseur Michael Haneke VON SUSANNE LOTHAR

»verzwickten« Gesichtern stets dabei waren, vieles wissen und das meiste durchschauen. Auf unausgesprochene Weise bewähren sie sich als Handlanger der Erwachsenen. Sie sind abgerichtet auf das, was kommen wird. Sie finden Erfüllung in der Gewalt. Dies ist Hanekes Verfahren: Er zelebriert die Stille vor dem Schuss. Er erzählt von einer gezügelten und erfrorenen Vorkriegsgesellschaft, und wir vollenden

in Gedanken, was er uns zeigt. Einer solchen Gesellschaft bleibt nur die Explosion, der Krieg, um sich endlich entfesseln und erhitzen zu können. Aus den Klängen und Geräuschen des Films erschließt sich der Geist des Dorfes. Das Schweigen, das hier herrscht, ist körnig und tief; man könnte hineingreifen wie in Sand. Jedes Dielenknarren wird vom Tonmeister gierig eingefangen, präpariert, entfaltet. Das ausgetriebene Leben der Menschen, es ist in die Dinge gefahren, es rumort im Holz der Stühle und im raschelnden Leinen der Kleider. In diesem Film gibt es keine Unschuld. Ein einziges Mal lässt Michael Haneke herzhaftes Kinderlachen ertönen. Es erklingt, als der Zuschauer erfährt, dass ein Bauer sich erhängt hat. Man sieht den Mann noch am Seil baumeln, und man hört das Lachen der Kinder; Haneke braucht es, um den Abgrund besser auszuleuchten. Es sind vor allem Theaterschauspieler, die Michael Haneke engagiert hat, und sie sind in diesem mit der Goldenen Palme von Cannes ausgezeichneten Film, auf bühnenhaft knarrenden Dielen, ausnahmslos großartig: Ulrich Tukur, Josef Bierbichler, Branko Samarovski, Ursina Lardi – und Susanne Lothar (Hebamme) und Rainer Bock (Arzt) als ein von angewiderter Liebe erfülltes Paar. Der Beste von allen ist Burghart Klaußner, der den Pfarrer spielt. In diesem Film sind Namen nicht wichtig, die Menschen entschlüsseln sich über die Berufe, die sie haben. Klaußner spielt also den Pfarrer, und der Pfarrer ist so etwas wie die zentrale Vereisungsgestalt im Dorf. Von ihm geht unfassbare Kälte, Lebensverweigerung, Unerlöstheit aus. Der Pfarrer hat einen wie zugenähten Mund, seine Lippen sind so schmal, dass eine Hostie gerade noch durchpasst. Das Pfarrersgesicht kann sich gleich einem Schott verschließen, es ist eine Maske, die nur einen letzten Drang noch verrät: Luft zu bekommen. Und sein Sohn, das zeigt Haneke, ist dabei, genauso ein Gesicht zu bekommen: Den norddeutsch zugenähten

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ch kenne Michael Haneke seit sehr vielen tration und solchem Respekt, die uns SchauJahren und hatte das große Glück, als spielern erst ermöglicht hat, die Situation zu Schauspielerin seine Aufmerksamkeit zu empfinden, ohne sie schauspielerisch zu kommentieren. erregen. Wie ist die Arbeit mit Michael Haneke? Seine Filme sind so, wie ich mir KatastroWenn man als Schauspieler sozusagen auf phen immer vorgestellt habe: zufällig, erbareiner Wellenlänge mit dem Regisseur ist, mungslos, unerklärlich. Diese Filme sind so berührend, weil sie im muss man als Frau erst einmal jede Eitelkeit Kopf des Zuschauers stattfinden und keine vergessen. Das fängt an beim Kostüm und Fremdvorführung sind, sie packen jeden, der endet in der Maske. Er schaut sich wirklich sie anschaut, und das absolut persönlich, weil jedes Detail an, und sei es nur ein durchsichsie sich mit existenziellen Ängsten beschäfti- tiger Lippenstift, unmerklich. Aber er sieht gen, ohne die ganze Problematik des »Wie ihn und wischt ihn herunter, weil so etwas für konnte es dazu kommen« zu verzuckern. ihn eine nicht gewünschte Dekoration ist. Ich hasste das, ich liebte das, denn es ging Etwa in Funny Games, einem Film über sinnlose Gewalt, die jeden treffen kann, der ah- um die entscheidende Frage: Kino oder Reanungslos die Haustür aufmacht. Etwa ein lität? Wir haben über die demütigenden SzeDrittel meiner Freunde und Kollegen hat, sich entschuldigend, den Film gar nicht ange- nen, die ich in Das weiße Band gespielt habe, nicht vorbereitend gesprochen. Ich wusste, sehen, aus Angst. Aber wer Funny Games gesehen hat, vergisst was er erzählen möchte, und habe mich diesem Regisseur einfach ausihn nie. So wie ich zum Beigeliefert. spiel Caché von Michael Überhaupt ist das Spiel Haneke nie vergessen werde. seiner Darsteller gegenUnd ich wage zu behaupten, wärtig und unschauspiedass auch Das weiße Band lerisch. In vielen Momeneinen unauslöschlichen Einten sind sie nur von hinten druck im Gedächtnis des Zuzu sehen. Dadurch steigert schauers hinterlässt. sich die Neugier des ZuIch wurde oft gefragt, schauers, der sich fragt, was ob Michael Haneke so hart für ein Gesicht wohl zu sei wie seine Filme. Das dem meist ungeheuerlichen wäre ja eine Erklärung: ein Text passt. Das hat mich, Regisseur, der eine gewisse die ich ja oft in seinen FilLust hat, gerade solche ermen Schauspielerin bin, barmungslosen Situationen tief beeindruckt. abzufilmen. Das Gegenteil Das weiße Band ist meiist der Fall. Er ist ein Rener Meinung die Antwort gisseur, der sich mit Demut, auf die Frage: »Wie kann Menschlichkeit und Konsequenz den wirklich eleFaschismus in dieser Dimenmentaren Fragen des Lesion entstehen?« Es ist die bens nähert. Er hat den Frage, die sich meine Genegrößten Respekt vor den ration (Jahrgang 1960) imGefühlen des Zuschauers mer gestellt hat und die filund Respekt vor den Gemisch nur von Eberhard MICHAEL HANEKE fühlen, die seine FilmfiguFechner in seiner Dokumenren erleben. tation Der Prozeß beantEin Beispiel: Die lange Szene in Funny wortet wurde. Wie konnte es dazu kommen, Games, in der die Eltern ihr Kind verlieren, dass Menschen so handeln? wollte er nicht inszenieren, er sagte: »Es gibt Das weiße Band ist kein historischer Film, keine Großaufnahmen, das ist geschmacklos, Machtmissbrauch zwischen Menschen in jewas sollt ihr in dieser Situation für ein Gesicht der Ausformung gibt es bis heute. Michael machen, das will ich als Zuschauer nicht se- Haneke stellt diese Frage und ist so klug, die hen. Es gibt eine Totale und keinen Schnitt. Antwort darauf dem Zuschauer letztlich Nehmt euch Zeit, spielt es.« selbst zu überlassen. Und er ließ uns unendlich viel Zeit, zu beSchauspielerin Susanne Lothar hat in vier Filmen ginnen. Keiner bewegte sich, das ganze Team Die Michael Hanekes mitgewirkt – in »Das Schloß«, saß still auf den Stühlen, und blickte auf den »Funny Games«, »Die Klavierspielerin« und in seinem Boden. Es war eine Zeit von solcher Konzen- jüngsten Werk »Das weiße Band« Foto (Ausschnitt): Nicolas Guerin/Corbis

DAS WEISSE BAND: Ein Kind und sein Schützling

Pietistenmund hat er schon. In einer Schlüsselszene sieht man, wie der Pfarrer den Sohn züchtigt, vielmehr, man sieht es nicht. Man sieht, wie der Sohn die Rute holen muss. Dann geht er ins Zimmer zum Vater zurück und schließt die Tür. Fast eine Minute lang sieht man nur diese Tür, hinter der das Gesetz vollstreckt werden wird. Dann hört man peitschende Schläge und das Keuchen eines Kindes, das seine ganze Kraft aufwendet, um nicht zu weinen. Haneke bleibt mit der Kamera vor der Tür (und mit seinem ganzen Film in der Vorkriegszeit), denn so wird die Aussage umso stärker: Wer aus diesem verschlossenen Zimmer wieder herauskommt, wird zu Ungeheuerlichem in der Lage sein. Vorkriegsgeschichten werden gern so erzählt, als sei der Krieg eine Art Bestrafung für das zügellose, unverantwortliche, ausschweifende Leben, das die Hauptfiguren im Frieden führten. Das weiße Band tut das Gegenteil: Der Krieg ist hier die Bestrafung für ungelebtes und versäumtes Leben. Oder vielleicht ist er, von Hanekes Standpunkt her, auch die perfide Belohnung dafür. Der Pfarrer fesselt seinem Sohn die Hände, wenn er ihn schlafen legt, damit der Kleine nicht masturbiert. Als es in der Nachbarschaft brennt, bindet der Vater den alarmierten Sohn nicht los. Der Krieg muss vor dem Hintergrund einer solchen Existenz eine Verheißung sein. Das Dorf, in dem Das weiße Band spielt, heißt Eichwald, ein Name, aus dem »Eichmann« und »Buchenwald« herausklingen. Es ist, als wollte Haneke sagen, dass die Geschehnisse in zehntausend Eichwalds den kommenden Krieg erst ermöglichten. Als sei Krieg die Folge eines kollektiven Versagens und Entgleisens, ein Prozess, in dem dann die Kinder vollenden, was die Alten angelegt haben. In Richard Yates’ Roman Zeiten des Aufruhrs gibt es eine grauenhafte Szene des Streits, in deren Verlauf ein verhaltensgestörter junger Mann auf den Bauch der schwangeren Frau deutet, mit der er streitet, und ihr sagt: »Ich bin froh, dass ich nicht das Kind da« – er deutet auf den Bauch der Schwangeren – »bin!« Es ist genau die Empfindung, die man beim Betrachten von Das weiße Band hat: Man möchte auf keinen Fall so sein wie diese da – die Kinder aus Hanekes Film. Und zugleich weiß man, dass man von eben diesen Kindern abstammt. Haneke lässt seinen Film enden, noch ehe der Krieg ausbricht, und doch führt er ihn weit über das Ende des Krieges hinaus. Als Schlussbild sieht man die Kirche beim sonntäglichen Gottesdienst, alle Dorfbewohner sind da, und der Erzähler (Ernst Jacobi) sagt aus dem Off, dass er später zum Kriegsdienst eingezogen worden und nie mehr in seine Heimat zurückgekehrt sei: »Ich habe niemand aus dem Dorf wiedergesehen.« Das könnte bedeuten: Die Leute aus dem Dorf sind alle noch da. Oder: Sie sind alle untergegangen. Oder: Sie sind in uns aufgegangen. Keine Frage, welcher von den drei Schlüssen der schlimmstmögliche, der Haneke-Schluss, ist.

NACHRUF

Traurig und trotzig Mercedes Sosa, Lateinamerikas stolze Stimme, ist tot VON DANIEL BAX Aufgebahrt im Parlamentsgebäude von Buenos Aires, lag sie wie in einem Heiligenschrein, bevor ihre Asche am Montag in alle Winde zerstreut wurde. Alle Fußballspiele begannen mit einer Gedenkminute, Argentiniens Präsidentin Christina Kirchner ordnete gar eine dreitägige Staatstrauer an. So wird gewöhnlich ein Staatskünstler verabschiedet. Dabei war Mercedes Sosa die meiste Zeit ihres Lebens das genaue Gegenteil davon. Diese Umarmung der verstorbenen Sängerin durch das offizielle Argentinien symbolisiert den Wandel in Lateinamerika. »Todo Cambia« – alles ändert sich eben, wie es in einer ihrer bekanntesten Hymnen heißt. In den siebziger Jahren, als sich die Militärs an die Macht putschten, wuchs Mercedes Sosa zu einer Symbolfigur der südamerikanischen Linken heran. Ihre Platten wur»LA NEGRA«: den von der Junta verboten, sie selbst ging ins Exil, nachdem sie und ein großer Teil ihres Publikums 1978 bei einem Konzert verhaftet worden waren. Doch statt sich mundtot machen zu lassen, verschaffte sich Mercedes Sosa von Madrid aus Gehör. Bald stieg sie – neben Miriam Makeba, Victor Jara und Bob Marley – zu einer Ikone der DrittweltSolidarität und der lateinamerikabewegten Linken auf. Ihre Platten gehörten zum Inventar vieler WGs wie das Che-Poster an der Wand oder später der Nicaragua-Kaffee. Meist in einen Poncho gehüllt, mit ausladenden Bewegungen und sparsamer Mimik, umgab Mercedes Sosa stets eine Aura von Stolz und Unbeugsamkeit. Ihre Stimme, die das Leid eines ganzen Kontinents zu enthalten schien, konnte Konzertsäle zu Tränen rühren. Mal dunkel und traurig, mal scharf und trotzig, machte sie sich die Lieder großer lateinamerikanischer Poeten und Songwriter wie Silvio Rodriguez aus Kuba oder Milton

Nascimento aus Brasilien zu eigen. Schlüsselsongs wie Gracias a la Vida (»Dank an das Leben«) oder Solo le Pido a Dios (»Nur das eine erbitte ich von Gott«), eine Anklage gegen Krieg und Ungerechtigkeit, die ursprünglich vom argentinischen Rockmusiker Léon Gieco stammt, sind vor allem durch ihre Interpretation im Gedächtnis geblieben. La Negra, wie sie wegen ihres pechschwarzen Haars und ihres dunklen Teints von ihren Anhängern gerufen wurde, erinnerte mit ihrer Musik daran, dass Argentinien nicht nur das Land der Nachkommen südeuropäischer Einwanderer ist, sondern auch der Inkas und anderer indigener Völker. Sie interpretierte Lieder der chilenischen Musikerin Violeta Parra (1917 bis 1967) und ihres argentinischen Kollegen Atahualpa Yupanqui (1908 bis 1992), Mercedes Sosa die schon in den vierziger und fünfziger Jahren die Volkslieder aus den ländlichen Regionen der Anden gesammelt und gesungen hatten. Nach dem Ende der Diktatur kehrte Mercedes Sosa 1982 triumphal nach Argentinien zurück. Der aufkommende »Weltmusik«-Hype, der Musik aus fernen Ländern nur um des exotischen Klangs willen feierte, ging an Mercedes Sosa vorbei. Nach einer langen Pause überraschte sie Ende der neunziger Jahre mit ihrer Version der legendären Misa Criolla des Komponisten Ariel Ramirez, der die spanische Messliturgie einst mit diversen argentinischen Rhythmen kombiniert hatte. Anfang des Jahres erschien ein Album, auf dem sie mit LatinoStars wie Shakira, Caetano Veloso und Lila Downs duettierte: eine gediegene Produktion rund um ihre noch immer eindrucksvolle Stimme. In Deutschland kommt Cantora Ende des Monats auf den Markt – als erstes Zeugnis aus dem Nachlass einer Ikone zu Lebzeiten. Foto: Bernhard Kuehmstedt/Vanit

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Foto (Ausschnitt): Szene aus dem Film »Das weiße Band«/X Verleih

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n Franz Kafkas Proceß gibt es eine Szene, in der K., die Hauptfigur, eine unangenehme Begegnung mit einer Horde von Kindern hat. K. muss sich zu einem Verhör in der Vorstadt einfinden. Auf den Stiegen des angegebenen Hauses begegnet er Kindern, die ihn böse ansehen, und K. überlegt sich, dass er beim nächsten Mal Zuckerwerk mitbringen wird (um die Kinder zu bestechen) oder einen Stock (um sie zu prügeln). Weiter oben auf der Treppe trifft K. zwei kleine Jungen »mit den verzwickten Gesichtern erwachsener Strolche«, die sich an seinen Beinkleidern festklammern. In diesen paar Sätzen hat man schon die Grundstimmung von Michael Hanekes neuem Film Das weiße Band. Kindergesichter beherrschen ihn, allerdings sind es nicht die »verzwickten Gesichter« erwachsener Strolche, sondern es sind die versiegelten Gesichter erwachsener Mitläufer. Es sind Kinder, denen der Stock vertrauter ist als das Zuckerwerk. Und wenn man sich fragt, was das Erwachsene und Unrettbare an ihnen ist, so muss man sagen: Es ist die Art, wie sie für immer verstummt sind. Haneke erzählt von den Verbrechen und rätselhaften Unfällen in einem norddeutschen Dorf vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs. Aber schauerlicher als alles Unglück und Verbrechen ist die dörfliche Bereitschaft, das Schweigen über dem Grauen auszubreiten. Dem Arzt des Dorfes wird eine tödliche Falle gestellt; der Sohn des Gutsherrn wird misshandelt; das neugeborene Kind des Verwalters wird beinahe umgebracht; die Frau des Bauern stürzt zu Tode; der behinderte Sohn der Hebamme wird gefoltert. Wer diese Taten beging, wird nie ermittelt. Aber es drängt sich der Verdacht auf, dass die Kinder mit ihren

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8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

Geschunden schön Es ist das kulturelle Großereignis des Jahres – sieben Jahrzehnte nach der letzten Schließung wird in Berlin das grandiose Neue Museum wiedereröffnet. Das wichtigste Exponat: Unser aktuelles Geschichtsbild VON HANNO RAUTERBERG

Fotos (Ausschnitte): Thomas Meyer für DIE ZEIT [Römische Statue eines jungen Mannes (o.), Torso der Panzerstatue eines römischen Kaisers, Faustina-Thermen von Milet, 2. Jh. n. Chr. (u. l.); Treppenhalle (u. M.), Kolossalstatue des Sonnengottes Helios, 3. Jh. n. Chr. (u.r.)/Neues Museum Berlin]; Jürgen Liepe/© Staatliche Museen zu Berlin, Ägyptisches Museum und Papyrussammlung (Büste der Königin Nofretete, Neues Reich, 18. Dynastie, Amarna, Ägypten, 1351–1334 v. Chr.)

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lf Jahre lang Baustelle, und was ist draus geworden: Das Neue Museum zu Berlin sieht älter aus als je zuvor. Die Fassaden versehrt, verwittert, die Säulen angegraut, geborsten und rissig, man könnte meinen, dieses Haus stamme aus dem 19. Jahrhundert – vor Christus. Das Neue Museum hat sich archäologisiert, es ist zu einer Art Grabungsstätte geworden, zu einem Kunst- und Kulturhaus, das wundersamer nicht sein kann. Am 17. Oktober wird es fürs Publikum geöffnet, ein Museum, das 70 Jahre lang geschlossen war, das Fliegerbomben zertrümmerten, das zu DDR-Zeiten weiter verfiel und das nun endlich seine Schätze wieder ausbreiten kann: Faustkeile und Schädel aus der Höhlenzeit, Grabkammern und Königsköpfe aus Ägypten, Schliemanns Silberfunde aus Troja, dazu keltische Schwerter, römische Götter, mittelalterliche Götzen, jede Menge Renaissanceschönheiten und sogar ein Stück Stacheldraht von der Berliner Mauer, jüngst ergraben. Ob Kult, Kunst oder Alltag, ob Ur- oder Neuzeit – dieses Museum wagt wie kaum ein anderes den weiten Überblick. Selbst jenes Bild ist hier zu besichtigen, das sich die Deutschen von sich selbst und ihrer Geschichte machen. Einst kündete dieses Geschichtsbild vom ewigen Fortschritt, er durchzog das gesamte Haus, und jeder, der es betrat, sollte mitgezogen werden, aus der Steinzeit immer weiter hinauf, durch Antike und Renaissance bis hinein in die glorreiche Gegenwart. Angeregt von Hegels Philosophie, erschien hier die Menschheitsgeschichte als geradlinige Entwicklung, als unaufhaltsamer Aufstieg – und selbstverständlich war Preußen die Krönung allen Strebens. Das Museum, ein Ort staatlicher Selbstinszenierung. Davon erzählten vor allem die zahllosen Wandbilder, über die damals viele Zeitgenossen mehr staunten als über die ausgestellten Urnen, Ketten oder Jadebeile. So mussten die Exponate auch nicht unbedingt echt sein, man fand nichts dabei, Repliken unter die Originale zu mischen. Denn worauf es ankam, war Narration: Der experimentierfreudige Friedrich August Stüler hatte Mitte des 19. Jahrhunderts das Museum als Bühne gestaltet, auf der in wechselnden Szenen mal das Pharao-Ägypten, mal das antike Rom gegeben wurde, stets in lukullisch ausgemalten Kulissen mit Säulen im passenden Dekor. Und heute? Heute stellt sich das Museum in den Dienst der Wahrhaftigkeit. Es will keinen Bühnenzauber, es will die wahre Geschichte, nichts soll verschwiegen werden. So hat der englische Architekt David Chipperfield mit seinem Team fast alles erhalten, was noch da war, jeden smaragdgrünen Putzrest, jeden Haarriss in den Säulen, und so kann nun selbst der ungläubige Thomas schon an der Außenfassade die Einschusswunden betasten, der Krieg wird gegenwärtig. Sehr zum Ärger mancher Berliner wollte Chipperfield das wahre Alte nicht mit einer Schicht von neuem Alten zudecken. Stets bleibt bei ihm das Original kenntlich, allenfalls vorsichtig wird es ergänzt. Einzig dort, wo ganze Wände, ganze Trakte fehlten, fährt Chipperfield harte Kontraste auf und baut moderne Räume aus mächtigen Betonplatten.

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m Museum ist es dadurch noch bunter, noch abwechslungsreicher geworden als ehedem. Mal ist die Stimmung dramatisch, dann wieder lieblich verspielt, mal staunt man über die raffinierten Konstruktionen der alten, mal über die Wucht der neuen Architektur. Und fast könnte man meinen, die Ausstellungsstücke wären nur störendes Beiwerk. Doch anders als von vielen befürchtet, können sich die meisten Exponate gut behaupten. Klug gestaltete Vitrinen binden die Aufmerksamkeit, eindrücklich gruppierte Skulpturen ziehen alle Blicke auf sich. Oft lassen sich die Kuratoren von den alten Leitthemen des Stüler-Baus inspirieren, etwa im Griechischen Saal, wo ein Wandfries die Flucht der Pompeji-Bewohner schildert und zeigt, wie sie am Ende ein neues Zuhause, eine neue Ordnung finden, gütig aufgenommen vom Museumsdirektor und dem Architekten. Dazu passend stehen heute Reliefs und Skulpturen im Saal, die davon erzählen, wie die Menschen unterschiedlichster Epochen versuchten, sich die Welt ordnend zu erklären. So gibt es im neuen Neuen Museum viel Zusammenspiel, viele rasante Blickschneisen, etwa von der Nofretete quer durch die Jahrhunderte hinüber zu Helios, von einer Sonnenherrschaft zur nächsten. Und nur manchmal, bei den delikaten Kalksteinreliefs aus dem alten Ägypten mit ihren Fischen und Ziegen, den Jägern und Bierbrauern, fühlt sich das Auge abgelenkt, weil gleich dahinter eine zappelige Backsteinwand gen Himmel steigt. Oft ist es umgekehrt: Der gut gepanzerte Torso eines römischen Kaisers verschmilzt fast mit der scheckigen Rückwand, so fein sind beide farblich

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m Nikolaustag des Jahres 1912 zur Mittagsstunde fand ein deutsches Grabungsteam einen, so das Protokoll, »fleischfarbenen Nacken mit aufgemalten Bändern«. Der feingliedrige Nacken, der ein königliches Haupt trägt, ein Haupt mit einem Auge, zwei Grübchen am Mundwinkel und einem ungeheuerlichen Helm, gehört heute zu den meistbewunderten Schönheiten der Kunstgeschichte und ist das meistbewunderte Werk im Neuen Museum in Berlin. Doch gehört es auch dorthin und nicht nach Kairo? Dieses Jahr ist ein Dokument aufgetaucht, das die Skeptiker bestärkt. Der Ägyptologe Ludwig Borchardt, so berichtet es ein Zeitzeuge, habe die Nofretete-Figur aus dem 14. Jahrhundert vor Christus nur mitnehmen können, weil er dem ägyptischen Inspektor, der die Ausfuhr genehmigen musste, vorab eine besonders unvorteilhafte Fotografie der Büste vorgelegt hatte. Auch sei sie bei der Prüfung bereits in einer Holzkiste verpackt gewesen, nur der Deckel stand offen. Der Inspektor hätte sie freilich heraus-

Als das Museum noch nicht zerstört war, stand in der grünen Nische eine Gipskopie. Heute ist’s ein römischer JÜNGLING, echt antik

EIN KAISERTORSO vor scheckiger Wand, der Gott Helios unter neuer Kuppel – und mittendrin ein Treppenhaus, das an den Krieg gemahnt

nehmen können. Er tat es aber nicht, denn Borchardt hatte angegeben, es handle sich nur um eine Büste aus Gips – wohl wissend, dass sie einen steinernen Kern besaß. Freimütig spricht der Zeitzeuge von einer »Vermogelung des Materials«. Das Schriftstück war eine gute Vorlage für Zahi Hawass, den Generalsekretär der ägyptischen Altertümerverwaltung, die Büste nach Ägypten zurückzufordern. Nofretete heißt übersetzt »Die Schöne ist gekommen«. Wohin, das scheint für Hawass nicht geklärt. Neben denen, die sagen, die wertvolle Nofretete sei illegal außer Landes geschmuggelt worden, gibt es andere, die behaupten, sie sei zwar nicht geschmuggelt, aber auch nicht wertvoll, weil ein Machwerk des 20. Jahrhunderts. Es könne nicht sein, dass eine Schöpfung, die so vollkommen dem Schönheitsideal des Jugendstils entspreche, aus dem alten Ägypten stamme. Manche behaupten sogar, die Frau des Grabungsleiters Borchardt habe Modell gestanden. Doch stehen die Kritiker recht einsam da. Vor drei Jahren ist ein Team der Berliner Charité mithilfe

Königin mit einem Auge Sie ist der Star des Hauses. Doch wer war Nofretete? Und gehört sie tatsächlich Berlin? VON SVEN BEHRISCH

DIE NOFRETETE

einer Computertomografie in die Büste eingedrungen und hat das Porträt einer reifen Frau mit Falten und schlaffen Lidern entdeckt. Der Bildhauer schuf es wohl vom lebendigen Abbild, um es dann mit Gips zu retuschieren. Die Fältchen verschwanden bis auf ein paar Ausnahmen, die Nase wurde begradigt, das Kinn korrigiert. Die Büste hat übrigens das Atelier nie verlassen und ist ein reines Modell des Kopfes, den der Künstler hundertfach kopierte. Immer wieder ließ sich Nofretete abbilden: als bescheidene Frau hinter Pharao Echnaton, als Mitregentin, sorgende Mutter oder weise Grande Dame. Auf einem Relief sieht man sie gar, wie sie einen Feind Ägyptens mit einem Knüppel vermöbelt. Historiker vermuten, dass sie im Verhältnis zu dem jüngeren Pharao ohnehin die Hosen anhatte. Sie habe dem Regenten nicht nur sechs Töchter, sondern vor allem eine Idee ins Nest gelegt, die ihren Nachruhm sowohl zerstörte als auch bewahrte. Echnaton und Nofretete huldigten dem Gott Aton und einzig ihm. Damit schufen sie die früheste

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aufeinander abgestimmt. Und ähnlich sehen viele Objekte aus, als wären sie just für diesen Ort gemacht. Oft tragen sie die Schrammen der Geschichte, sind nicht perfekt, nicht heil, so wenig wie das Museum selbst. Die »grösstmögliche Harmonie mit den aufzustellenden Gegenständen«, von der Stüler träumte – es gibt sie noch immer. Nur waren es damals begehbare Geschichtspanoramen, in die sich Sarkophage oder Vasen nahtlos einfügten. Jetzt sind alle Kulissen, alle Geschichtsillusionen durchlöchert, und die Reste dieser Illusionen werden wie kostbare Antikenrelikte erhalten. Es sind Fragmente einer Täuschung, präpariert als höchst authentische Geschichtsdokumente. Gerade aber dank dieser paradoxen, unecht-echten Darbietung erzählt auch das Neue Museum des Jahres 2009 eine Geschichte: über das stets unzulängliche Bemühen der Forscher, aus tausend Bruchstücken eine historische Wahrheit zusammenzupuzzeln. Die große, alles überspannende Erzählung ist zerborsten, davon zeugen die Museumswände. Geblieben aber ist die Faszination, der Vergangenheit nachzuspüren, auch wenn hinter den vermeintlichen Originalquellen – den Stüler-Überbleibseln – kaum je eine abschließende Erkenntnis wartet. Während das 19. Jahrhundert über die Zeit herrschte, derart selbstgewiss, dass es meinte, selbst die höchsten Kunstwerke nachschöpfen zu können, besser als das Original, steht das Neue Museum der Gegenwart im Zeichen der Demut. Es zeigt offen sichtbar die Grenzen, die Vorläufigkeit unseres Wissens. So gesehen ist Chipperfields Bestandsaufnahme akribisch-wissenschaftlich und gibt sich doch als eine Form von Interpretation zu erkennen. Es ist eine sehr verlockende Form, in der sich nicht nur die Hermeneutik von Archäologen und Historikern reflektiert, sondern interessanterweise auch etwas vom Wesen der ausgestellten Kunstwerke. Viele verdanken sich ja dem Wunsch, das Ende, den Tod zu überwinden. Gerade die überbordende Kunst der Ägypter wäre ohne das Streben nach ewigem Diesseits nicht entstanden. Im Museum, einer modernen Form der Grabkammer, scheint sich dieser Traum zu erfüllen, wenn auch abermals in einem paradoxen Sinne. Die Ruinenhaftigkeit des Bauwerks zeugt einerseits von der Vergänglichkeit alles Irdischen; anderseits wird hier alles Vergängliche unvergänglich. So tröstet das Museum über die Endlichkeit hinweg – gerade indem es seine Wunden herzeigt, verheißt es das Überzeitliche.

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aran kann man sich durchaus stören, war es doch der Zweite Weltkrieg und nicht irgendein böses Schicksal, der hier seine Spuren hinterließ. Das Begütigende, das aus Chipperfields Gestaltung spricht, die hingebungsvolle Sorge um jeden Rußfleck, scheinen den Schrecken ins Universale zu wenden. Man kann hier diesen Schrecken bestaunen, sich an seiner buntscheckigen Schönheit erbauen, kann sich wohlig gruseln an der vermeintlichen Tragik. Aus Kriegswunden wird eine Einladung zum ästhetischen Genuss. Doch wie sollte es anders gehen? Wer die Wunden zeigen will, muss sie darbieten, muss ästhetisieren, egal, ob er die Ruine dramatisiert oder in ihr weiterbaut. Auch ist das Museum kein Mahnmal, und wer in ihm nur ein Kriegszeugnis sieht, beraubt die großartigen Sammlungsstücke ihrer eigenmächtigen Wirkung. Nein, am Ende haben Chipperfield und seine Bauherren dieser schier unlösbaren Aufgabe das einzig Richtige abgetrotzt. Das Museum nimmt sich nicht wichtiger als die wunderbar dargebotenen Objekte, die es ausstellt; doch setzt es jeden, der sehen will, auf die Spur, auch nach der Geschichte des Museums selbst und damit nach der jüngeren Vergangenheit zu fragen. In den meisten Sälen geschieht das nur en passant, dort wirkt die Geschundenheit oft wie Dekorum. Doch im Mittelpunkt des Museums, im kolossalen Treppenhaus, wo einst Fresken das heroische Werden des Menschengeschlechts demonstrierten, dort rückt auch Chipperfield seine historische Botschaft in den Vordergrund. So gut wie nichts ist geblieben von der Kunst, die hier einst zu sehen war. Dafür durchmessen gewaltige Betonplatten den Raum, eine archaische, in kaltes Licht getauchte, überaus zeichenhafte Inszenierung. Hier manifestiert sich in aller Deutlichkeit der selbst verschuldete Verlust, den das Gebäude erlitten hat. Ein unverrückbarer Verlust, von ägyptisierender Ewigkeit. Nur wer die Augen zusammenkneift, wer im warmen Tageslicht diese monumental-minimalistische Treppenskulptur in den Blick nimmt, dem kann das Bleibende mit einem Mal sehr vorläufig vorkommen. Was eben noch Beton war, sieht aus wie Pressspanplatten. Und so zeigt sich selbst hier die Ambivalenz als die eigentliche Stärke dieses Baus: Noch in seiner Beschwörung des Ewigen verliert er nie das Bewusstsein fürs Vergängliche. a www.zeit.de/audio

bekannte Form des Monotheismus, also eine Religion, die nur einen Gott kennt. Diesem bauten sie eine gigantische Kultstätte. Nebenbei stilisierten sich der Pharao und seine Frau zu den einzig berufenen Mittlerwesen zwischen Gott und den Menschen, was das gläubige Volk nicht nur seiner Götzen beraubte, sondern die professionelle Religionsführerschaft faktisch in die Arbeitslosigkeit schickte. Die rächte sich nach dem Ableben des exzentrischen Paars und verbot, dass ihm gehuldigt wurde. Als der Bildhauer der Nofretete-Büste, Tuthmosis, die Stadt verließ, um mit Tutenchamun, dem Nachfolger Echnatons, nach Memphis zu ziehen, ließ er das Modell der Nofretete zurück, da er es nicht mehr brauchte. Hätte er es mitgenommen, es wäre mit Sicherheit verloren. Doch so stopfte er den Kopf der Geschmähten zusammen mit mehr als 50 weiteren Statuen in einen kleinen Küchenraum. Niemand dachte mehr an Nofretete. Bis 3300 Jahre später unter dem Schutt eines Künstlerateliers ein fleischfarbener Nacken zum Vorschein kam.

FEUILLETON

8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

Es waren die glücklichsten Wochen, die Deutschland je erlebt hat: Die Revolution von 1989 verwandelte die Welt. Zwanzig Jahre später konkurrieren die Erinnerungen. Der Schriftsteller Ingo Schulze erzählt von der Leipziger Montagsdemonstration; sieben Zeitzeugen schildern ihre Erlebnisse in jenem Herbst

BILDER MACHEN GESCHICHTE: Bei

Leipzigs großer Demonstration mit 70 000 Teilnehmern am Abend des 9. Oktober gab es wie durch ein Wunder keine Gewalt (Foto links). In Berlin demonstrierten am 12. Dezember etwa 3000 Menschen für die Einheit (Foto rechts)

Als wir aus dem Schatten traten Der 9. Oktober 1989 war der Tag, der alles veränderte

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ft werde ich nachsichtig verbessert: »Sie meinten den 9. November.« – »Nein, der entscheidende Tag war der 9. Oktober.« – »Wieso? Die Mauer ist doch am 9. November gefallen!« – »Ja, weil es den 9. Oktober gab.« Am Morgen des 9. November gab es wohl kaum jemanden, der an diesem Tag mit dem Mauerfall rechnete. Am 9. Oktober jedoch wusste man nicht nur in Leipzig, dass der Abend eine Entscheidung bringen würde, nach der – so oder so – alles anders sein würde. Der 9. Oktober war ein Montag, der erste Montag nach dem 7. Oktober, dem 40. Jahrestag der DDR. Von Woche zu Woche war die Montagsdemonstration, die sich an das Friedensgebet in der Leipziger Nikolaikirche anschloss, größer geworden. Eine Woche zuvor waren es bereits dreißigtausend Demonstranten gewesen. Ich hatte Angst – und zugleich war ich euphorisch. Gründe, um Angst zu haben, gab es genug. In der vorangegangenen Woche hatte es in Dresden eine regelrechte Schlacht zwischen Uniformierten und Demonstranten um den Hauptbahnhof gegeben, durch den die Züge mit den Prager Botschaftsflüchtlingen kommen sollten. Am zurückliegenden Wochenende waren auch in Berlin, Leipzig und anderen Städten prügelnde Uniformierte über Demonstranten und Unbeteiligte hergefallen. Wie brutal, ja regelrecht sadistisch die sogenannten Ordnungskräfte in vielen Fällen vorgegangen waren, wussten wir zu dieser Stunde noch nicht. Bisher, so glaubte ich, hatte uns der bevorstehende 40. Jahrestag vor dem Schlimmsten bewahrt. Das Schlimmste war die »chinesische Lösung«, wie sie vier Monate zuvor in Peking praktiziert worden war. Die DDR-Regierung hatte Beifall geklatscht. Es gab Gerüchte über Turnhallen, die zu Notlazaretten umgerüstet würden, über das Aufstocken von Blutkonserven in Krankenhäusern und Ähnliches mehr. In der Leipziger Volkszeitung war der unmissverständlichste Droh-/Leserbrief der Kampfgruppenhundertschaft Hans Geiffert erschienen, in dem deren Kommandeur ankündigte, »diese konterrevolutionären Aktionen endgültig und wirksam« zu unterbinden – »wenn es sein muss, mit der Waffe in der Hand«.

In der Nikolaikirche herrschte schon vor Beginn des Friedensgebetes Gedränge Trotzdem blieb einem keine Wahl. Denn wann, wenn nicht jetzt, sollte man auf die Straße gehen? Ich wäre vor mir selbst wie vor meinen Freunden unglaubwürdig geworden, hätte ich gekniffen. Auch deshalb waren wir ja geblieben – um etwas zu ändern. Bevor meine Freundin und ich, wir arbeiteten beide am Theater in Altenburg, am frühen Nachmittag ins Auto stiegen, um nach Leipzig zu fahren, füllten wir für ihre dreizehnjährige Tochter den Kühlschrank. In der Kaufhalle war das Angebot an diesem Tag wundersamerweise so üppig wie

Gründungsverleger 1946–1995: Gerd Bucerius † Herausgeber: Dr. Marion Gräfin Dönhoff (1909–2002) Helmut Schmidt Dr. Josef Joffe Dr. Michael Naumann

Chefredakteur: Giovanni di Lorenzo Stellvertretende Chefredakteure: Matthias Naß Bernd Ulrich Geschäftsführender Redakteur: Moritz Müller-Wirth Chef vom Dienst: Iris Mainka (verantwortlich), Mark Spörrle Politik: Bernd Ulrich (verantwortlich), Andrea Böhm, Alice Bota, Christian Denso, Frank Drieschner, Angela Köckritz, Matthias Krupa, Ulrich Ladurner, Jan Roß (Koordination Außenpolitik), Patrik Schwarz, Dr. Heinrich Wefing Dossier: Dr. Stefan Willeke (verantwortlich), Anita Blasberg, Roland Kirbach, Kerstin Kohlenberg, Henning Sußebach Wirtschaft: Dr. Uwe J. Heuser (verantwortlich), Thomas Fischermann (Koordination: Weltwirtschaft), Götz Hamann (Koordination: Unternehmen), Marie-Luise Hauch-Fleck, Rüdiger Jungbluth, Dietmar H. Lamparter, Gunhild Lütge, Anna Marohn, Marcus Rohwetter, Dr. Kolja Rudzio, Arne Storn, Christian Tenbrock Wissen: Andreas Sentker (verantwortlich), Dr. Harro Albrecht, Dr. Ulrich Bahnsen, Christoph Drösser (Computer), Dr. Sabine Etzold, Ulrich Schnabel, Dr. Hans Schuh-Tschan (Wissenschaft), Martin Spiewak, Urs Willmann

VON INGO SCHULZE

selten. Was für ein Missverständnis! Als ginge es tionäre unterschrieben – fast wie eine Legalisierung der Montagsdemonstration. uns darum! Von der Reformierten Kirche liefen wir zurück Wir gaben der Tochter ein Kuvert mit Geld, dazu einen Vorrat an Telefon-Münzen und schrie- zum Karl-Marx-Platz. Die Gassen und schmalen ben ihr die Nummer einer Freundin auf, falls wir Straßen der Innenstadt waren voller Leute. Vom am nächsten Morgen noch nicht zurück sein soll- Platz vor der Nikolaikirche her hörten wir die ten. Doch größer als die Angst war die Hoffnung, Sprechchöre. Am Montag zuvor war ich noch wie vom Donner gerührt gewesen, als ich zum ersten ja die Euphorie. In Polen bestimmte eine Solidarność-Regierung Mal die »Stasi raus!«-Rufe gehört hatte. Dass so schon weitestgehend die Geschicke des Landes, die etwas möglich war, ohne dass sofort Horden von Ungarn hatten am 10. September die Grenze zu Staatssicherheitsleuten über die Rufer herfielen, Österreich geöffnet, in der DDR war einen Tag erschien mir wie ein Wunder. Eine Woche später später das Neue Forum – die erste Oppositions- klangen die Sprechchöre bereits vertraut. Wenn die Aufzeichnungen der beiden Kameras, gruppe – gegründet worden. Aus dem Ruf »Wir wollen raus!« war seit Ende September ein »Wir die auf dem Postgebäude am Karl-Marx-Platz stanbleiben hier!« geworden. Seit dem letzten Montag den, nicht gelöscht worden sind, sollte man genau hieß es: »Wir sind das Volk!« sehen können, wie die Demonstration entstand. Für Wir brachen früh nach Leipzig auf, weil wir mich war sie von einem Augenblick auf den anderen fürchteten, die Stadt könnte abgeriegelt werden. da. Es war nicht nur ein Demonstrationszug, der sich Zwischen Borna und Espenhain stoppte uns von der Nikolaikirche aus (»Loslaufen! Loslaufen!«) die Polizei. Ich musste Licht und in Bewegung setzte und auf den Blinker vorführen, dann durften Opernplatz zog. Denn plötzlich wir weiter. strömten von überall her die Leute In Leipzig parkten wir vor dem zusammen. Jeder, der zuvor wie zuGeorgi-Dimitroff-Museum, dem heufällig auf dem Platz gewesen war, von tigen Bundesverwaltungsgericht. Gedem man geglaubt hatte, er gehe eingenüber, in einer Seitenstraße, sahen kaufen oder kehre einfach nur von wir Mannschaftswagen und Männer der Arbeit zurück, offenbarte sich als in den Uniformen der BetriebsDemonstrant. INGO SCHULZE, 1962 kampfgruppen. Aus einem großen Bei welchem Schritt man noch in Dresden geboren, Kübel wurde Tee ausgeschenkt. Die Passant war, bei welchem bereits Delebt heute in Berlin Uniformierten waren nicht mehr monstrant, ließ sich nicht sagen. Wir die Jüngsten, vielen hing der Bauch schlenderten unter den Augen der übers Koppel. Wir gingen dicht an beiden Kameras in Richtung Georgiihnen vorbei, sahen sie an – sie wandten den Blick ring, der breiten Straße vor dem Postgebäude, und ab. In der Innenstadt schien auf den ersten Blick staunten, dass nichts geschah. nichts anders als sonst zu sein – doch plötzlich Kurz bevor wir die Straße erreichten, traf ich eine standen wir vor einer langen Reihe von Mann- Kommilitonin wieder – »Du hier!?« Während wir schaftswagen. Hundegebell war zu hören. Offizie- über gemeinsame Bekannte sprachen, erreichten wir re eilten von Wagen zu Wagen. Von dem Platz den Georgiring und blieben an der roten Fußgängerzwischen der Oper und dem Gewandhaus, dem ampel stehen. Autos fuhren vorbei. Als die FußgänKarl-Marx-Platz, aus beobachteten wir, wie aus gerampel auf Grün schaltete, betraten wir die Straße Richtung Grassi-Museum immer wieder Mann- und wandten uns nach links zum Hauptbahnhof. schaftswagen kamen und auf den Leipziger Ring Sooft ich diese Situation im Gespräch erwähne, bogen. Autofahrer hupten gegen sie an, vom Stra- werde ich belächelt, mitunter sogar beschimpft. ßenrand gellten Pfiffe. Als würde ich durch solche Details die DemonsVor der Nikolaikirche war schon gegen 16 Uhr, tration kleinreden, ja denunzieren. Aber warum also eine Stunde vor Beginn des Friedensgebetes, soll man vor ein fahrendes Auto rennen? Warum dichtes Gedränge. Wir wussten nicht, dass Hun- sich nicht die Angst mit Tratsch von der Seele derte SED-Genossen in die Kirche beordert wor- plappern? Das Alltägliche und das Außergewöhnden waren, um die Plätze zu besetzen. liche existieren nicht in getrennten Welten. Wir gingen in die Reformierte Kirche, die direkt Nach wenigen Augenblicken steckten die Wagen, am Ring liegt und ebenfalls bis auf den letzten Platz die an der Ampel hielten, in dem Demonstrationszug gefüllt war. Dort wurde über die Verhaftungen der fest. An ein Weiterfahren war nicht zu denken. Die letzten Tage informiert. Wir hörten auch (oder ge- wenigen Autos, die uns entgegenkamen, legten den schah das erst später über die Lautsprecher des Rückwärtsgang ein. Die Straße gehörte uns. Stadtfunks?) den Aufruf zur Gewaltlosigkeit, der Die Anspannung half mir, selbst in die Sprechvon den Sekretären der SED-Bezirksleitung Kurt chöre einzustimmen. Noch immer fiel es mir schwer, Meyer, Jochen Pommert, Roland Wötzel, von dem mit anderen laut »herumzuschreien«. Denn diese damaligen Gewandhauskapellmeister Kurt Masur, »kollektive Schreierei« gehörte der anderen Welt zu, dem Kabarettisten Bernd-Lutz Lange und dem jener, die man verachtete. Doch jetzt mitzumachen Theologen Peter Zimmermann unterzeichnet wor- vertrieb die Angst und verband uns miteinander: den war. Realistischerweise gingen die sechs davon »Neues Forum zulassen«, »Freie Wahlen«, »Wir bleiaus, dass es eine Demonstration geben würde. Dies ben hier«, »Keine Gewalt!« und immer wieder »Wir war – schließlich hatten drei hohe Leipziger Funk- sind das Volk!«. Wo waren die Uniformierten?

Feuilleton: Florian Illies/Jens Jessen (verantwortlich), Thomas Assheuer, Evelyn Finger, Peter Kümmel, Ijoma Mangold (Koordination), Dr. Susanne Mayer (Kinder- und Jugendbuch/Sachbuch), Katja Nicodemus, Iris Radisch (Literatur), Dr. Hanno Rauterberg, Claus Spahn, Dr. Adam Soboczynski (Sachbuch), Dr. Elisabeth von Thadden (Politisches Buch) Kulturreporter: Ulrich Greiner, Dr. Christof Siemes Leserbriefe: Margrit Gerste (verantwortlich) Reisen: Dorothée Stöbener (verantwortlich), Michael Allmaier, Stefanie Flamm, Dr. Monika Putschögl, Cosima Schmitt, Christiane Schott Chancen: Thomas Kerstan (verantwortlich), Jeannette Otto, Arnfrid Schenk, Judith Scholter, Jan-Martin Wiarda Zeitläufte: Benedikt Erenz (verantwortlich) Wochenschau: Ulrich Stock (verantwortlich) ZEITmagazin: Christoph Amend (Redaktionsleiter), Tanja Stelzer (Textchef), Jörg Burger, Wolfgang Büscher, Heike Faller, Dr. Wolfgang Lechner (besondere Aufgaben), Christine Meffert, Ilka Piepgras, Tillmann Prüfer (Stil), Jürgen von Rutenberg, Matthias Stolz, Carolin Ströbele (Online) Art-Direktorin: Katja Kollmann Gestaltung: Nina Bengtson, Jasmin Müller-Stoy Fotoredaktion: Michael Biedowicz (verantwortlich) Redaktion ZEITmagazin: Dorotheenstraße 33, 10117 Berlin, Tel.: 030/59 00 48-7, Fax: 030/59 00 00 39; E-Mail: zeitmagazin@zeit.de Verantwortliche Redakteure Reportage: Hanns-Bruno Kammertöns (Titelgeschichten), Stephan Lebert (Koordination) Reporter: Dr. Susanne Gaschke (KinderZEIT), Dr. Wolfgang Gehrmann, Christiane Grefe, Sabine Rückert, Wolfgang Uchatius Politischer Korrespondent: Prof. Dr. h. c. Robert Leicht Wirtschaftspolitischer Korrespondent: Marc Brost (Berlin)

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Mir war, als hätten sich die »Sicherheitskräfte« in Luft aufgelöst. Ich erinnere mich nur an einen einzigen Polizisten, der breitbeinig, die Hände in die Hüften gestützt, links am Straßenrand stand und ins Nirgendwo starrte. An den Fenstern der umliegenden Wohnhäuser und Restaurants zeigten sich immer mehr Leute. »Schließt euch an!« »Stasi raus!«, »Stasi in die Volkswirtschaft!« (dort war sie ja längst), »Gorbi, Gorbi!« Nur in den Gorbi-Sprechchor stimmte ich nicht mit ein. Ohne Gorbatschow, das wusste jeder, wäre nie so viel in Bewegung gekommen. Doch sein Verhalten gegenüber den baltischen Staaten irritierte mich. Im Baltikum schien Waffengewalt keineswegs ausgeschlossen zu sein. Als wir uns umdrehten, war der gesamte Georgiring schwarz von Menschen. Wir jubelten. Wer sollte diese Menge aufhalten? Dass wir so viele waren – siebzigtausend – und dass es keinen einzigen nützlichen Idioten gab, der einen Stein warf, war unser Triumph. Gegen diese Menge würde nur noch Waffengewalt helfen. Doch dass hier wirklich Schüsse fallen sollten, konnte ich mir nicht vorstellen. Wie man heute weiß, war es länger ungewiss, ob nicht doch noch der Befehl zur »Niederschlagung der Konterrevolution« gegeben werden würde, was nicht einen Schießbefehl bedeutet hätte. Doch die Leipziger Einsatzzentrale hielt ein Eingreifen für aussichtslos. Sie erwartete die Billigung dieser Entscheidung aus Ost-Berlin – aber von Egon Krenz kam keine Antwort. Kurz nach 18.30 Uhr gab der Erste Sekretär der SED-Bezirksleitung, Helmut Hackenberg, den Befehl: »die Demonstranten laufen lassen und in den Schatten treten«, falls keine »Angriffe auf Sicherheitskräfte, Objekte und Einrichtungen erfolgen«. Die einen traten in den Schatten, die anderen traten aus dem Schatten heraus. Die Demonstration war nicht nur friedlich, sie wurde mit jeder Minute fröhlicher. Wir machten uns über uns selbst lustig: Wir demonstrieren am Feierabend und gehen anderntags pünktlich zur Arbeit. Doch am nächsten Montag kommen wir wieder.

Niemand marschierte in Reih und Glied, es gab nur wenige Transparente Uns war wirklich danach zu singen: »Völker hört die Signale, auf zum letzten Gefecht! Die Internationale erkämpft das Menschenrecht.« Der Refrain der Internationale – kaum jemand war in der Lage, mehr als erste Strophe und Refrain zu singen – schien mir überraschenderweise passend. Wir waren die Internationale, wir fühlten uns einig mit den Polen, Tschechoslowaken, Ungarn, Rumänen, Russen, Chinesen, Chilenen, Südafrikanern … Wer Fotos dieser frühen Leipziger Demonstrationen betrachtet, bemerkt den Platz zwischen den Leuten. Hier marschierte niemand in Reih und Glied. Weder hakte man sich unter, noch hielt man Kerzen in der Hand. Die wenigen Transparente waren schmal und wurden an kurzen Stangen über den Köpfen weitergereicht, sodass Tausende Fingerabdrücke darauf hätten sichergestellt werden können – »Visafrei bis Shanghai!« Man ging mit ein paar vertrauten Freunden an einem noch warmen Herbstabend durch die Stadt und

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war froh, dass andere auch da waren, ohne die man sich – im wortwörtlichen Sinne – nicht auf die Straße gewagt hätte. Zum ersten Mal dämmerte mir, was man zweihundert Jahre zuvor mit Fraternité, mit Brüderlichkeit gemeint hatte. Da es eher die Jüngeren waren, die demonstrieren gingen, wurden die Älteren wie Ikonen behandelt. Zwei Frauen Mitte siebzig, die mitliefen, wurden immer wieder angesprochen, man klatschte ihnen Beifall. An ihnen musste selbst dem letzten Uniformierten klar werden, dass es sich hier nicht um eine »Zusammenrottung von Rowdys« handelte.

Vor dem Stasi-Gebäude hatten sich Uniformierte mit Helmen postiert Wir zogen am Hauptbahnhof vorbei, die Türen waren geschlossen. Wer mit dem Zug ankam, wurde nicht in die Stadt gelassen. Die Straßenbahnen, die an der Haltestelle standen, öffneten die Türen – »Schließt euch an!« Wir gingen unter den Fußgängerbrücken hindurch über den Friedrich-Engels-Platz, der wie ausgestorben dalag. Kurz dahinter blieben wir stehen. Vor der sogenannten Runden Ecke, dem Gebäude der Staatssicherheit, sahen wir die Uniformierten mit Schilden und Helmen. Das war ja die Überraschung der letzten zwei Wochen gewesen, dass »unsere« auch so aussahen wie die Polizisten im Westen. Etwa fünfzig Schildträger hatten sich in einer Phalanx vor dem Eingang postiert. Wie ging es diesen jungen, vor die Tür befohlenen Kerlen, nachdem Wir-sind-das-Volk an ihnen vorüber gezogen war? Hatten sie selbst die Angst verloren, nachdem sich eine Reihe von Demonstranten mit den Rücken zu ihnen vor sie gestellt hatte? Kerzen wurden auf den Stufen des Eingangs entzündet. Die Runde Ecke war zum Teil auch Gefängnis, in dem noch einige hinter Gittern saßen, die in den letzten Tagen und Wochen verhaftet worden waren. Nicht weit vom Neuen Rathaus war ein Mannschaftswagen am Straßenrand stehen geblieben. Die Demonstranten diskutierten mit den Uniformierten, die da oben saßen, man reichte ein paar Zigaretten hinauf. »Ihr seid keene Raudies!«, sagten die da oben. Die Stadt selbst gab durch die Ringstraße die Route vor. Also immer weiter, bis zum Gewandhaus. Wir umrundeten den Ring, der Kreis schloss sich. Wir standen wieder auf dem Karl-Marx-Platz. Diese eine Stunde hatte uns verändert. Wir waren freier und fröhlicher geworden und entschlossener denn je. Doch nicht nur wir hatten uns verändert. Die Stadt, das ganze Land war in der letzten Stunde ein anderes gewesen. Unsere Freude, die Erleichterung, unser Jubel waren wohl lauter als die Trompeten von Jericho. Alles würde anders werden, alle Mauern würden fallen – Visafrei bis Shanghai! –, und der Traum vom Prager Frühling 1968 würde wahr werden: ein Sozialismus mit menschlichem Antlitz. Der Schriftsteller Ingo Schulze hat die Ereignisse von 1989 auch in seinen Romanen »Neue Leben« und »Adam und Evelyn« (beide Berlin Verlag) geschildert. Zuletzt erschien von ihm bei dtv »Eine Nacht bei Boris«

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Fotos (Ausschnitte): AP (li.o.); Erwin Elsner/action press (li.u.); Süddeutsche Zeitung/AP (re.o.)

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Foto (Ausschnitt): Süddeutsche Zeitung/AP

8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

Die Demo ist das wahre Leben D

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ür den regulären Zutritt zur friedlichen Revolution mussten Bürger Westdeutschlands an der Friedrichstraße Schlange stehen, um ein Entréebillett zu lösen. Auch am 4. November 1989. Das tägliche Eintrittsgeld lag wie immer bei 25 D-Mark, auf allen Plätzen. Die Studentin aus dem Westen, die ich war, kam sich angesichts der peinlichen Teilnahmebedingungen wie eine Zugereiste mit günstiger Reiserücktrittsversicherung vor, im Unterschied zu den ostdeutschen Freunden, bei denen man nicht wusste, wie verprügelt man sie wiedersehen würde und wann. Ich war seit den späten siebziger Jahren oft in den Osten des Landes gereist – Klassenfahrt, Studentengemeinde, GoetheForschung, Kirchentage, die Grenze war ja von Westen aus ziemlich offen –, aber wie eine Touristin habe ich mich nur einmal gefühlt, als ich nämlich an jenem 4. November in Berlin den Eintritt für die Demonstration auf dem Alex bezahlte. Die Demonstration war offiziell angemeldet und genehmigt, sodass man auch inmitten Hunderttausender nicht auf die Idee gekommen wäre, diese Versammlung einem Leipziger als echte Demonstration verkaufen zu wollen, und Kreuzberg

hätte bei dieser Art Protest aus anderen Gründen nur müde abgewinkt. Aber was war schon Kreuzberg. Hier standen Leute mit dem Plakat »Wir sind das Volk«, und außerdem trug einer ein Schild, auf dem stand: »Ich bin Volker«. Das war nicht der verordnete Weg »vom Ich zum Wir«, um den die alte DDR so mühsam, so verbissen, so vergeblich gekämpft hatte, das war auch nicht die Umkehrung des Wegs vom pflichtgemäßen Wir zum maßlosen Ich. Das waren, mal einen historischen Augenblick lang, zahllose Volkers, aus denen das Volk bestand, das sich als Souverän stark machte, nicht einfach ein Volk. Es lag an jenem Herbsttag bei aller Anspannung eine Gelöstheit in der Luft, die man nie wieder vergisst, auch weil sie für eine deutsche Biografie bis zu diesem Herbst nicht vorgesehen schien. Es gab plötzlich in dieser ganzen deutschen Geschichte den Zwischenraum hindurchzuschauen. Spätabends, am Kreuzberger Küchentisch, hatte ich in jenen Wochen oft Heimweh nach drüben. Es hat dann nicht mehr lang gedauert, bis keiner je wieder Eintritt bezahlt hat. Und Schlange gestanden, gen Osten, schon gar nicht. ELISABETH VON THADDEN

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ungs, lasst euch nicht provozieren.« Der mahnende Bass des Gemeindekirchenrats dröhnte auf der Stargarder Straße. Mein Schulfreund und ich hatten uns nach dem Friedensgebet aus der Gethsemanekirche geschoben. Es wurde allmählich dunkel; Kerzen brannten, vor der Kirche, in vielen Fenstern der umliegenden Häuser und in unseren Händen. Von der Schönhauser Allee her grüßten U-BahnFahrer solidarisch per Signalton. Drinnen in der rappelvollen Kirche hatten wir beiden Sechzehnjährigen die Berichte über Verhaftungen gehört. Beifall brandete auf, wenn die neuen politischen Gruppierungen ihre Forderungen vorstellten. Ernste Gesichter, empörte Stimmen – und alles von einer bis dahin unbekannten Kraft, besonnen und wütend zugleich. Und cool war es auch: Das Mädchen neben mir in der Kirchbank kaute Kaugummi, was ich lässig fand. Jedes Mal am Ende erklang das Dona nobis pacem aus mehreren Tausend Kehlen; stehend reichte man einander die Hände: unbeschreibliche Augenblicke. Wer sie miterlebt hat, wird ein Leben lang von ihnen zehren. Für mich war es das Ende einer Ohnmacht. Zwei Tage zuvor, am 7. und 8. Oktober, hatte ich die Fernsehbilder von den zusammengeschlagenen Demons-

tranten vor dem Palast der Republik und in Prenzlauer Berg gesehen – hingetraut hatte ich mich jedoch nicht. Zwei schlimme Tage in Selbstverachtung folgten. Der 9. Oktober, ein Montag, begann also depressiv – um euphorisch zu enden: 70 000 Demonstranten waren in Leipzig von der Staatsmacht unbehelligt geblieben! Sofort spürte man, dass dies der entscheidende historische Moment war: Alles war von nun an anders. Am Dienstag brauchte ich keinen Mut mehr für die Gethsemanekirche, zu der ich dann täglich pilgerte, wie auch zu den zahllosen Versammlungen und Demonstrationen der nächsten Wochen. Eine Selbstbefreiung war es dennoch, eine ursprüngliche Freiheitserfahrung. Auf dem Heimweg gingen auf der Prenzlauer Allee unsere Kerzen aus. Eine dauergewellte Passantin half mit ihrem Feuerzeug. Sie sah nicht bürgerbewegt aus, sondern ziemlich »stino«, stinknormal; sicher hatte sie noch nie eine Kirche von innen gesehen. Aber demonstrativ trotzte sie dem Wind: »Ich will aber, dass die jetzt brennen!« So war auch sie mit dabei. Dann brannten sie wieder, und wir liefen durch den dunklen Prenzlauer Berg, vorbei am Ernst-Thälmann-Monument, dem erstarrten Überbleibsel einer untergegangenen Epoche. ALEXANDER CAMMANN

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sind das Volk« imponiert hatten. Auf der anderen Seite stand nun das, was gemeinhin als »Volk« bezeichnet wird: »Es sind Menschen quer durch alle Altersgruppen«, so stand es dann in der Zeitung, »ihrem Äußeren und ihrer Sprache nach eher einfachen Verhältnissen entstammend. Einige Jugendliche tragen gestreifte Schals und Pudelmützen und grölen wie im Fußballstadion. Ein paar angetrunkene ältere Männer in abgewetzten Parkas ereifern sich im Licht von Fernsehscheinwerfern über die ›roten Schweine‹, von denen sie 40 Jahre lang beschissen worden seien.« Und das Volk rief: »Wir sind ein Volk.« Hinterher würden einige verstörte Bürgerrechtler vom Demokratischen Aufbruch und dem Neuen Forum in der großen Altbauwohnung des Pastors Friedrich Magirius das böse Wort vom Pöbel in den Mund nehmen. Volk und Bürgerkomitee, das in seinem Namen die Demos organisierte, hatten sich nichts mehr zu sagen. An das Gesicht der älteren Frau, die mit einem Anhänger des Demokratischen Aufbruchs immerhin noch in Streit geraten war, erinnere ich mich nicht mehr, sehr genau aber an ihre Worte, als sie die Wiedervereinigung forderte, jetzt oder nie: »Ich geh’ bald in Rente, ich will doch auch noch was vom Leben haben.« Dieser Frau war es ernst mit der Revolution. Aber das habe ich erst später richtig verstanden. GIOVANNI DI LORENZO

ir hatten sie so geliebt, die Revolution, und ausgerechnet jetzt, da wir endlich selbst dabei waren, schien sie schon wieder vorbei zu sein. Es war in der zweiten Dezemberwoche, während der elften Montagsdemonstration in Leipzig, als sich plötzlich ein Drama abspielte, das etwas Unfassbares hatte. Ich versuchte damals, es in einer Reportage für die Süddeutsche Zeitung festzuhalten. Vor dem neuen Marktplatz am Martin-Luther-Ring stand eine Gruppe von Studenten der Karl-Marx-Universität, deren Plakate, vor allem aber die trotzig geschwenkte DDR-Fahne, anzeigten, dass sich hier ein paar Linke wünschten, die DDR möge erhalten bleiben, wenn auch gründlich verändert. »Lasst euch nicht BRDigen«, war da zu lesen. Damals schrieb ich: »Hundertfach, tausendfach schlägt den jungen Leuten die Aggression der Demonstranten entgegen: ›Wir sind Deutsche, was seid ihr?‹, ›Faules, faules Pack!‹, ertönen die Sprechchöre. Ein Mann in den Vierzigern ruft: ›Geht doch nach Russland!‹ Eine Frau schreit: ›Schaut euch doch an, wie die schon aussehen!‹« An diesem Tag, an dem der Stimmungsumschwung in der DDR physisch greifbar war, entsprach noch die Hälfte der 70 000 Demonstranten jenem Heldenbild eines friedlichen Aufstands der Bürger, die der ganzen Welt mit ihrem Ruf »Wir

Sieben ZEIT-Autoren erinnern sich an ihren Herbst 1989

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m Rückblick hatte ich eigentlich auch eine Art Hauptrolle in diesen Revolutionstagen, nur hatte ich keine Ahnung davon, gar keine. Ich wusste überhaupt nicht besonders viel, als ich im November nach Leipzig geschickt wurde, für die Süddeutsche Zeitung, als Reporter. Es war für mich das erste Mal DDR, und ich hatte nur wenige Tage Zeit. Ich redete mit einem Pfarrer, mit einem Musiker, mit Politikern, Arbeitern, und alle hatten eines gemeinsam: Ihr Leben war aus der Spur gelaufen. Ich protokollierte Stolz, Angst, Mut und auch Wut. Ich schrieb Sätze über düstere Straßen, über verschmutzte Luft und über geschlossene Läden, deren Besitzer sich in den Westen aufgemacht hatten. Ich stand an einem Montag zwischen 250 000 tobenden Leipzigern auf dem damaligen Karl-Marx-Platz und begriff schon, wie sollte es auch anders sein, dass dies alles sehr bedeutsam war. Also protokollierte ich weiter und weiter, eine Geschichte nach der anderen, nüchtern, ruhig, meinungslos. Ich zog mich auf meine Rolle als Beobachter zurück, nicht ahnend, dass ich genau mit dieser Haltung den späteren Mainstream der Westdeutschen verkörperte. Das Zuschauen als Prinzip. Ich hatte nicht begriffen, dass für diese Geschichte erheblich mehr nötig gewesen wäre. Heute schäme ich mich dafür. STEPHAN LEBERT

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er 8. Oktober 1989 war ein Sonntag. In der Frühdämmerung lief ich durch den morgenstillen Prenzlauer Berg. Auf den Stufen der Gethsemanekirche saß, zwischen den Wachslachen niedergebrannter Kerzen, die deprimierte Mahnwächterin Marianne Birthler. »Du hier?«, sagte sie. »Ich freu mich über jeden, der noch frei rumläuft.« Dann erzählte sie von der Prügelorgie der Volkspolizei. Mir hatte ja gar nichts passieren können. Ich kam von Thomas Brussig, aus einer Gegenwelt. Ausgerechnet in dieser Nacht hatten wir den Woodstock-Film gesehen. Und waren per Traumschiff auf die Rückseite des Planeten gereist, in den sicheren Hafen der wahrhaftigen Musik. Dies ist mir bis heute ein Symbol für die Doppelwelt DDR. Es gab das wahre Leben – privat. Inwendig war ich völlig frei und als Werktätiger der Evangelischen Kirche auch äußerlich geschützt vor vielen Übeln des SED-Regimes. Umso größeren Respekt empfinde ich für jene, die kein Schutzdach hatten, ihre Angst überwanden und ins Freie traten. Freiheit vollzieht sich; sie ist öffentliche Tat, oder sie bleibt privat. Die Demonstranten des

Herbstes 1989 eroberten den öffentlichen Raum, die Sprache, die Bilder, die Medien und somit den Staat, dessen diktatorisches Mantra lautete: Die Machtfrage ist geklärt. Friedliche Revolution – das sagt sich so schnell. Damals geschah ein Wunder. Im ganzen Lande fiel kein Schuss. Das rettete auch die Leben derer, die nicht schossen. Die Macht der gewaltlosen Vernunft ist eine der glücklichsten Erfahrungen meines Lebens: eine Gnade, da es ja ganz anders hätte kommen können – wie in Rumänien oder vor ein paar Tagen in Guinea. Für unser Happy End ertrage ich klaglos Ostalgie, hanebüchene DDR-Legenden und weitere 33 Stasimauerfilme mit Veronica Ferres. Wir alle waren im Herbst 1989 Sieger und Davongekommene zugleich. Die Wende, dieser radikale Umbruch in Beton gegossener Verhältnisse, ist eine Prägung fürs Leben. Wer einmal seinen Staat verschwinden sah, betrachtet aktuelle Mächte ohne letzten Ernst. Die Freiheit freilich wurde wieder vielfach privatisiert. Mit Wolfgang Staudte: »Feigheit macht jede Staatsform zur Diktatur.« CHRISTOPH DIECKMANN

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eute hat das Wort revolutionär wieder einen verheißungsvollen Klang, aber damals in Halle an meiner Schule war Revolutionär kein Traumberuf. Denn Revolution hieß Gewalt, hieß gnadenlos sich von Herrschaft befreien und den entfremdeten Staat vernichten. – So stand es jedenfalls bei Lenin, in einem dieser gelben Büchlein, die wir als Abiturienten lesen mussten, es trug den pathetischen Titel Staat und Revolution. Vielleicht hatte ich deshalb ein lakonisches Verhältnis zum Umsturz. Meine besten Freunde waren im Herbst 1989 als Pazifisten aus dem Wehrlager zurückgekehrt, wo sie während der Sommerferien paramilitärisches Frühaufstehen, preußischen Gehorsam und Schießen mit scharfer Munition hatten lernen sollen. Der Eklat am ersten Schultag der 12. Klasse: Unser oberster FDJFunktionär hielt eine markige Standpauke, weil einige Jungen sich geweigert hatten zu schießen. Ich erinnere mich an die Floskel vom bewaffneten Frieden, aber auch an das Gefühl, solche Freunde zu haben. September 1989, tiefste DDR. Mehr als die Demos im eigenen Land bewegte uns Tiananmen – das war der Gegenbeweis zu allem, was die sozialistische Schule predigte, und auch wenn wir nicht mehr daran glaubten, Peking warfen wir den Lehrern persönlich vor.

Wir hielten uns für Idealisten und die Demonstranten für Ausreiser, Flüchtlinge, Kapitulanten. Ich war im September auf keiner Demo, obwohl ich nur 30 Kilometer von Leipzig entfernt wohnte. Vielleicht war ich bloß feige. Außerdem wirkte die Opposition so langhaarig und fromm. Wir aber als Kinder des Achtziger-Jahre-Pop liebten The Cure. Zum Demonstrieren angestachelt hat uns erst jener wehrtüchtige FDJ-Funktionär, der vor dem 7. Oktober drohte, wir sollten den Republikgeburtstag nicht zu stören wagen. Daraufhin gingen wir am 9. Oktober in Halle endlich zur Demo. Dass die Polizei an diesem Tag Demonstranten verprügelte, erfuhren wir hinterher. Nein, ich sah das Ausmaß der Gefahr und die Bedeutung der Demos damals nicht. Zumal Ende Oktober schon die Stunde der Wendehälse schlug. Unser Wehrbeauftragter fragte mich in der Hofpause: »Na, warst du auch schon auf der Demo?« – Danach gingen wir nie wieder hin. Am Abend, als die Mauer fiel, traten wir als Statisten im Theater auf, gespielt wurde Tschingis Aitmatows Perestrojka-Roman Die Richtstatt. Wir standen in grauen Mänteln auf der Bühne und erlebten, wie der gute Mensch an der linken Diktatur zugrunde geht. Währenddessen wurde sie draußen auf der Straße abgeschafft. EVELYN FINGER

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Weniger unschuldig war die Rednerliste. Neben Schauspielern des Deutschen Theaters und ein paar Bürgerrechtlern sprachen auch Günter Schabowski und Lothar Bisky. Gregor Gysi setzte sich für den Sozialismus und Egon Krenz ein. Der größte Skandal aber war, dass Markus Wolf sich als Reformer inszenieren durfte. Wolf, ein Stellvertreter Mielkes, sprach nach Marianne Birthler und vor Jens Reich, er forderte einen klaren Kurs für »ehrliche Kommunisten« in der DDR. In jenem Herbst 1989 war ja viel von Dialog die Rede, damit meinte man den Dialog zwischen den Mächtigen und dem Volk. Aber dies hier war kein Dialog, sondern der Versuch, sich reinzuwaschen und im neuen Machtgefüge zu positionieren. Warum hat dem Stasimann keiner den Ton abgedreht? Zwar wurde Wolf ausgepfiffen, aber meine Euphorie war dahin. Sicher war ich mir nur, dass nach diesem Tag die DDR eine andere sein würde. Eine Woche später fiel tatsächlich die Mauer. Ich weiß noch, wie ich tagelang durch Berlins Straßen lief, immer zu Fuß, um die Atmosphäre aufsaugen zu können. Meine erste Station war Kreuzberg. Dass die Straßen dort voll waren mit Plakaten der in der DDR offiziell verehrten Arbeiterführer Marx, Engels und Lenin, verblüffte mich. Hinzu kam noch der gestrenge Mao, der ausgerechnet im bunten Kreuzberg viele Anhänger hatte. Auf dem Alexanderplatz waren die Plakate origineller gewesen. MICHAEL BIEDOWICZ

er 4. November war ein trüber Tag, ich trat mit meiner Frau und unseren beiden Kindern aus unserer Wohnung am Prenzlauer Berg auf die Straße. Es war unsere erste große Demonstration, wir waren aufgeregt. Am Kollwitzplatz hatte ein Anwohner einen Plattenspieler aufgedreht, ein Lied von Wolf Biermann schallte laut über den ganzen Platz. An der Prenzlauer Allee, Ecke WilhelmPieck-Straße setzte sich der Demonstrationszug in Gang, zog vorbei an Bauten, die das DDR-System repräsentierten: Volkskammer, Staatsratsgebäude, Berliner Verlag. Auf der Balustrade des Palasts der Republik standen Demonstranten und parodierten die alte Politbüro-Garde, indem sie uns mit zittrigen Händen zuwinkten. Überall selbst gebastelte Schilder. Mein Favorit war eine Karikatur frei nach den Märchen der Gebrüder Grimm, sie zeigte Egon Krenz als Großmutter im Bett, darunter die Frage: »Großmutter, warum hast du so große Zähne?« Kein einziges Plakat bezog sich auf eine Wiedervereinigung. Auch der Streckenverlauf des Demonstrationszuges war so gewählt, dass wir nicht in die Nähe der Mauer gerieten. Am Alexanderplatz hörten wir die ersten Reden. Der Bühnenbildner Henning Schaller, den ich aus meiner Zeit als Fotograf am Maxim-Gorki-Theater kannte, hatte die Tribüne gebaut. Es war ein einfacher LKW-Anhänger, das hatte was vom Agitprop der frühen Sowjetzeit, als der Kommunismus noch unschuldig war.

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FEUILLETON

Kinder- & Jugendbuch

8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

Die Poesie des Fremden Der australische Buchkünstler Shaun Tan begeistert auch mit seinem dritten Kinderbuch. »Die Fundsache« führt in eine surreale Bilderwelt, in der sich inmitten des Unfassbaren eine sonderliche Geschichte von Freundschaft ereignet VON HANS TEN DOORNKAAT

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neues Land. Diese Bücher, wie auch die neue Fundsache, sind grundverschiedene Werke, aber sie haben doch gemeinsam, dass sie vom Unfassbaren erzählen, vom Fremden. Die ersten beiden Bücher erregten sofort internationales Aufsehen, Geschichten aus der Vorstadt des Universums gewann im letzten Oktober den Luchs Nr. 260, beide Bände sind nominiert für den Deutschen Jugendliteraturpreis 2009, der in der kommenden Woche auf der Frankfurter Buchmesse vergeben wird. Allen drei Werken gemein ist die Eigenständigkeit. Die herkömmlichen Gattungsgrenzen erweisen sich als unangemessen. Wer in Bilderbüchern nur das Eindeutige zulässt, mag weiter auf seine Scheuklappen starren. Wer aber Lust hat an einer Vielfalt der Lesarten, am nachdenklichen Bild-Text-Lesen, der wird Die Fundsache lieben. Shaun Tans Stadtkulissen sind mit Röhren durchzogene Katakomben, rostreiche Gebilde mit dem surrealen Charme der Plastiken von Tinguely oder Bernhard Luginbühl, die ja auch »Fundsachen« verwendeten. In diesen krassen Szenerien erlebt man, was die Geschichte so faszinierend macht: Mitten im Unvertrauten stößt man auf Zeichen, die weiterhelfen. Die Kanne steht auf, und sechs Beine werden sichtbar, wie Tentakel räkeln sich Rüssel aus Luken. Der neue Spielkamerad überrascht nach außen, innen aber liegt Seelentiefe. Der Junge spürt das. Ein Freund von ihm bringt es auf den Punkt: »Manche Sachen sind … halt einfach allein.« Es geht nicht um Fremdsein, sondern um Einsamkeit und eine Trauer, die unfassbar ist. Da ist auf allen Ebenen eine Melancholie. Und doch greift keine existenzialistische Verlorenheit um sich, denn Shaun Tan ist ein Meister poetischer Wärme. Als der Junge seinen neuen Freund nach Hause bringt, nehmen die Eltern ihn erst nicht zur Kenntnis, dann warnen sie vor Schmutz und möglichen Krankheiten. Eine Szene aus dem Kinderalltag, obschon Tan den Jungen auch wie einen Erwachsenen agieren lässt. Überlegt und behutsam geht er mit seiner Fundsache aufs Fundbüro. Dort steckt man dem Jungen eine Visitenkarte in der Hand.

in Schnipsel gibt das Motto vor. »Eine Geschichte für alle, die Wichtigeres zu tun haben« steht auf dem winzigen Stück Papier, das in die Collage auf dem Buchcover eingeklebt ist. Der Satz steht da, einfach so, ein Widerspruch in sich, eine wundersame Irritation wie dieses ganze Bilderbuch des australischen Buchkünstlers Shaun Tan. Der Erzähler outet sich als Teenager. »Ich war wie immer mit meiner Kronkorkensammlung beschäftigt und blieb ohne besonderen Grund stehen. Da sah ich das Ding zum ersten Mal«, heißt es – alle umblättern –, und dann gerät der schmale Typ mit dem langgezogenen Kopf ins Stocken, starrt auf einen Strand hinunter, starrt eine ganze Weile, und wir staunen mit ihm: Da ist ein Ding, und zwar kein winziger Gegenstand, den man zufällig entdeckt, sondern eine riesengroße, bauchige Kanne sitzt im Sand dieses Strandes, rot und unübersehbar, wurde ausgewählt von Julia Franck, Marion und wir schauen mit Gerhard, Franz Lettner, dem Typ von der ProHilde Elisabeth Menzel menade hinunter zu dieund Susanne Mayer. sem Strand, wo jedem Am 8. Oktober, 16.40 Uhr, stellt Radio Bremendas Ding auffallen müssFunkhaus Europa das te. Aber keiner schaut Buch vor (Redaktion: hin. Außer eben dem, Libuse Cerna). Das Gespräch zum Buch ist der Wichtigeres zu tun abrufbar im Internet unter hat, zum Beispiel Kronwww.radiobremen.de korkensammeln. oder /podcast/luchs Das Außergewöhnliche hat System im Werk von Shaun Tan. Der Künstler, 1974 im australischen Perth geboren, ist dort aufgewachsen als Vorortkind, wie er augenzwinkernd auf seiner Webside anmerkt. Von Tan, der Kunst sowie Literatur studiert hat und auch als Bühnendesigner, Konzeptkünstler und Filmregisseur arbeitet, von ihm sind im letzten Jahr erstmals zwei seiner Bücher auf Deutsch erschienen: eben das Kinderbuch Geschichten aus der Vorstadt des Universums und die textfreie Graphic Novel Ein

Luchs Nr. 273

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elbst wer die Details seiner langen Lesereise durch die 2000 Seiten der Otori-Sage vergessen hat, wähnt sich in Lian Hearns neuem Roman nicht in einer unbekannten Welt. Sobald man den Fuß in die Landschaft gesetzt hat, die Lian Hearn im fünften Band ihrer Saga wortmalt, ist man Teil der Geschichte, hier: der Vorgeschichte. Die Weite des Himmels ist ein Prequel zu den Romanen über das Leben in einem mythologischen japanischen Inselreich, welche die australische Autorin weltweit berühmt machten. Wer mit den Hauptpersonen Takeo und Kaede alle Schrecken von Gewalt und Terror, alle Freuden der kurzen Phasen des Friedens erlebt hat, schaut nun auf die Zeit zurück, in der alles begann. Lian Hearn erzählt – wiederum von Irmela Brender hervorragend übersetzt – episch langsam und bild-

historischen Hintergrund des Romans, der im 15. Jahrhundert spielt, präzise studiert hat, alles wirkt stimmig – das Wunderschöne neben dem Schrecklichen, das Erhabene neben dem Vulgären, die Episch und bildreich: Lian Hearns neuer Jahreszeiten, der Gesang der Vögel, die Gerüche, die Band der Otori-Saga Ruhe, die Stimmungen und Motive der Menschen inmitten dieser Landschaft. Alles ist so nah, dass niemand das Buch vor der letzten Seite aus der Hand reich von den Jugendjahren des jungen Clanlords legen wird. Lian Hearn erweist sich einmal wieder Otorilord Shigeru, der schon im Mittelpunkt des als Verführerin zu dieser besonderen Spielart des ersten Bandes, Das Schwert in der Stille, stand. Auf- Lesens, in der man nicht Zeit gewinnen, sondern gewachsen im Korsett seines Standes, getrieben von verlieren möchte. SIGGI SEUSS einer liberalen Gesinnung, wollte er ausbrechen aus Verhältnissen, die ihm die Luft zum Atmen raubten. Lian Hearn: Die Weite des Himmels Es entfaltet sich hier ein eigenartig reales Universum, Der Clan der Otori. Wie alles begann; aus dem das nichts mit den üblichen Szenarien der Fantasy- Englischen von Irmela Brender; Carlsen Verlag, literatur gemein hat. Man ahnt, dass Lian Hearn den Hamburg 2009; 750 S., 22,– € (ab 13 Jahren)

»Sie sah nach nicht viel aus, aber irgendwie zeigte sie wohin.« Ein gewellter Pfeil? Durchschlängeln als Weg? Kein Bild von Tan, das nicht Signale enthält, die über das Bild hinausweisen; Kenner werden Anspielungen auf Edward Hopper und L. S. Lowry entdecken. Auch wenn auf den ersten Blick technische Elemente und unlesbare Objekte dominieren, bekommt alles in diesem Buch seinen Sinn, sobald wir das Sinnlose zulassen. Und sei es nur, dass wir das Buch erkennen als ein geniales Plädoyer für die Poesie des Unbekannten und für die Wärme, die zurückstrahlt, wenn wir uns auf Fundsachen einlassen. Nur wer Verlorenheit benennt, kann auch glaubwürdig von Verbundenheit erzählen. Shaun Tan: Die Fundsache Aus dem Englischen von Eike Schönfeld; Carlsen Verlag 2009; 32 S., € 16,90 (ab 6 Jahren)

Die LUCHS-Jury empfiehlt außerdem Bibi Dumont Tak/Fleur van der Weel: Kuckuck, Krake, Kakerlake Bloomsbury Verlag, Berlin 2009; 88 S., 12,90 € (ab 4 Jahren bis 44 Jahre) Ein Tierbuch macht süchtig. Poetische Porträts aus der wundersamen Natur, voller Witz (Rezension siehe ZEIT-Literatur Magazin S. 86) Karlijn Stoffels: 1 : 0 für die Idioten Roman; Beltz & Gelberg Verlag, Weinheim 2009; 165 S., 12,90 € (ab 14 Jahren) Seelenkranke Kinder. Eine zarte Innenansicht von jungen Menschen, die als Verlierer gelten Sherman Alexie: Das absolut wahre Tagebuch eines Teilzeit-Indianers Roman; aus dem Englischen von Katharina Orgaß und Gerald Jung; dtv, München 2009; 272 S., 12,90 € (ab 12 Jahren) Lustig, herzerwärmend. Ein lispelnder, Brille tragender Indianerboy entkommt seinem Reservat

Es rumpeldipumpelt

Wie alles begann

Eine der schönsten Kindergeschichten erzählt von Pu, dem Bären und ist immer zu kurz. Deshalb hat ein Engländer sie verlängert VON SUSANNE MAYER

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anz schön verstiegen. Größenwahnsinnig. Da ist jemand sauer, dass die herrliche Geschichte von Pu, dem Bären, und Ferkel, von I-Ah, Oile, den Wuschels und Heffalumps immer zu schnell endet, und hat sie einfach weitergeschrieben. Zusätzliche 208 Seiten hat ein David Benedictus jetzt abgeliefert, Motto: Rückkehr in den Hundertsechzig-Morgen-Wald. Weltpremiere diese Woche! Ja, warum eigentlich nicht? Es gibt ziemlich viele Geschichten in der Welt der Literatur, denen man eine glückliche Fortsetzung wünscht. Insbesondere in der englischen Literatur. Bei John Webster schwimmt die Bühne regelmäßig in Blut. Oscar Wildes Märchen von der Nachtigall, die sich einen Dorn durchs Herz treibt, um die Liebe eines dummen Studenten zu gewinnen, bringt einen unausweichlich zum Weinen. Man denke an Hamlet, wie würde man sich wünschen, er könnte wieder erwachen, in langen, erstaunten Monologen feststellen, dass Ophelias Tod nur ein schlechter Traum war, und weiter im Text! Das Ende von Pu, der Bär war auch eine Tragödie. Kindheit ist ja schnell vorbei. Pus Freund Christopher Robin verschwand irgendwann aus dem Zauberwald, weil die Geschichte in England spielt, vermutlich in Richtung Internat. Weshalb David Benedictus seine Fortsetzung in die Schulferien verlegt: Eines schönen Sommertages ist Christopher wieder da, wenn auch mit verlängerten Beinen. David Benedictus hat viele Referenzen, Eton und Oxford natürlich. Er spielt auf Augenhöhe mit Pus Erfinder Alan Alexander Milne, selbstverständlich Westminster School und Cambridge. Milne war beim Satiremagazin Punch, Benedictus ist bei der Royal Shakespeare Company. Der Illustrator Mark Burgess ist derjenige, der die ursprünglich schwarzen Zeichnungen von E. H. Shepard für frühere Ausgaben koloriert hat. Da müsste also alles stimmen, Strich und Sound, Honigtopf und Gesumm. Und es finden sich tatsächlich viele Sätze, die holpern so vertraut dahin, dass es eine Freude ist: »Oile sagte, sie hätte es von Kaninchen gehört, und Kaninchen sagte, es hätte es von Ferkel gehört, und Ferkel sagte, so richtig hätte es gar nichts gehört …« und so weiter und so fort, rumpeldipumpel. Pu auf Deutsch klingt natürlich immer wie Harry Rowohlt für Fans. In Pu-Büchern, die Harry Rowohlt übersetzt hat, finden sich zuver-

lässig Lieblingswörter, die man sammeln möchte, so auch in diesem Buch, Wörter wie pfosteln oder kabolzen. Und doch. In den Sätzen des UrsprungsPu war typischerweise alles Überflüssige bis auf die Knochen runtergeschabt, was den Lauten, die aus einem Harry-Rowohlt-Bart genuschelt, gezischt und gegrummelt kamen, einen großen Hallraum gab. Benedictus war das wohl zu kahl, weshalb er auf diese Bühne liebliche Landschaften zauberte, rieselnde Bächlein etwa, rankendes Efeu, wallende Nebel hinzufügte. Das mag Mark Burgess ermutigt haben, sehr vieles dazuzukritzeln. Er hat aus Kaninchen eine Hasensippe gezüchtet sowie ein Wiesel, das mit Perlenkette und Diamantendiadem dahergetanzt kommt. Während Milne kleine absurde Episoden aus kleinen absurden Dialogen gezaubert hatte, bedient sich Benedictus aus der großen Klamottenkiste der zeitgenössischen Konflikte, da wird über gesunde Ernährung gezankt, und die Klimakatastrophe schwappt in die Handlung rein und wieder raus. Burgess hat Pu ein warnendes Bäuchlein verpasst, vielleicht auf Rat der Kinderärzte Großbritanniens, die stets vergeblich vor zu viel Süßigkeiten warnen. Christopher Robin hat den Friseur gewechselt, aus dem eleganten Bob der dreißiger Jahre ist ein geföhnter Wuschelkopf geworden. Alles nicht so schlimm. Man streift durch diese Seiten auf der Suche nach was, ja, Erinnerungen verANZEIGE

mutlich und fühlt sich fremd, bis dann ein paar vertraute Töne kommen, »Guten Morgen«, sagt Ferkel etwa, und I-Ah sagt: »Ein frommer Wunsch, aber er wird nicht in Erfüllung gehen«, und das tröstet dann ein wenig und erinnert einen daran, wo der echte Pu im Regal steht und dass man den mal wieder hervorholen sollte, ja, das sollte man. Unbedingt. David Benedictus: Pu der Bär Rückkehr in den Hundertsechzig-Morgen-Wald Illustrationen von Mark Burgess; aus dem Englischen von Harry Rowohlt; Cecilie Dressler Verlag, Hamburg 2009; 208 S., 14,90 € (ab 4 Jahren)

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8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

KUNSTMARKT

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Abb.: Frans Hals »Der Mann mit dem Schlapphut«, um 1660/Gemäldegalerie Alte Meister, Kassel

Bilder, die uns packen

Störmanöver im Kanzleramt In Berlin wird ein Autograf von Konrad Adenauer versteigert VON STEFAN KOLDEHOFF

Abb.: Konrad Adenauer »Bitte nicht zu stören. Adenauer 23/6«, Bonn, eigenhändige Anweisung mit Unterschrift »Adenauer«/Galerie Bassenge 2009

s ist das Schicksal der Stadt Kassel und also Bild selbst. Die lässige, herausfordernde Malweileider auch ihrer Sammlung Alter Meister, se, wie mit dem Pinsel gezeichnet, lässt es so dass man häufiger an ihnen vorüberfährt, frisch, beinahe heutig wirken. Eine malerische als sie zu besuchen. Nicht der geografischen Lage Kühnheit um 1660, die durch die Zeit dringt, ist das geschuldet, eher schon einer Reihe his- unsere Sehgewohnheit schüttelt. torischer Ereignisse, die nichts weiter gemeinsam Zu verdanken ist die Sammlung Alter Meister haben, als dass sie außerordentlich kasselfeindlich zuallererst einem einzelnen Mann und seinem Sinn gewirkt haben – napoleonischer Kunstraub, Preu- für Kunst, einem Fürsten des 18. Jahrhunderts. ßens Eroberungen im 19. Jahrhundert, Bomben- Landgraf Wilhelms VIII. Geschmack und seine krieg, Zonengrenze, um nur einige zu nennen. Sie Kontakte zu Kunsthändlern in ganz Europa, aber tragen bis heute dazu bei, dass die Stadt, obwohl auch zu Malern waren ausgezeichnet. Und wo er in der Mitte Deutschlands gelegen, wie es mittiger sich nicht sicher war, war er uneitel genug, sich von kaum geht, dennoch als irgendwie randständig Experten beraten zu lassen. Sein Sohn Friedrich empfunden wird. setzte das Sammelwerk fort, was dem Vater wohlAuch der ICE-Bahnhof Kassel-Wilhelmshö- gefiel, bis herauskam, dass der Erbprinz katholisch he hat das nicht grundlegend ändern können. geworden war. Das Zerwürfnis folgte, und der Dabei ist es von dort ein Spaziergang hinauf künftige Landgraf wandte sich – paradoxerweise als zum Schloss WilhelmshöKatholik – von der Bilderhe und damit zu einer erle- TÄ G L I C H G E Ö F F N E T, A U S S E R M O N TA G S lust des Alten ab und warf senen Sammlung flämisich auf Antiken. Wilhelm scher, holländischer, italiestarb, fern von seinen genischer und deutscher Maliebten Bildern, 1760 in lerei.VonderAntikensammRinteln an der Weser auf lung und den grafischen der Flucht vor französiSchätzen gar nicht zu reschen Truppen. den. Muss mit Namen geKeine 50 Jahre später klingelt werden? Ja, es muss. standen diese wieder im Der ZEIT-Museumsführer (23): Kein Lärm ist zu schade, Land, nun unter NapoleDas Schloss Wilhelmshöhe um die Stille um Kassel ein on, und diesmal räumten wenig zu stören. Jacob Jorsie Kassels Gemäldegalein Kassel VON WOLFGANG BÜSCHER daens! Jan Steen! Anton van rie leer. Erst 48 HauptDyck! Tischbein! Tizian! stücke für die Kaiserin Cranach! Rubens! RemJoséphine, dann weitere brandt! Frans Hals! 299 Gemälde für den Bilder, wenn sie uns Louvre. Und als Jérôme, wirklich packen, sind Napoleons Statthalter in Fenster. Durch sie schauKassel, schließlich floh, en wir in fremde Zeiten, nahm er noch einmal 165 Welten, Träume. Manche Bilder mit. Zwar konnte fordern den Vergleich geJakob Grimm nach dem radezu heraus. Den biblieuropäischen Sieg über schen Dulder Hiob, von Napoleon einen großen seinem Weibe verspottet, Teil der geraubten Bilder gibt es in Kassel zweimal. aus Paris wieder nach Einmal venezianisch: Eine Kassel holen, aber manwarzige Matrone attackiert den nackten, mit Pla- ches blieb verloren. Nur das Schicksal eines minder gen geschlagenen, dabei aber hell, ja erleuchtet wichtigen Fürstenhauses in einer Zeit neuer Großwirkenden Gottesknecht. Und dann Antonio mächte? Ja, und doch Vorspiel zu den VerheerunZanoni zugeschrieben: Jetzt ist Hiobs Frau jung gen und Untergängen des 20. Jahrhunderts, die und schön und er selbst voll blutiger Schwären, auch Kassel, seine Galerien, Schlösser, die ganze dunkel und verloren ist er, überhaupt nicht hell Stadt ereilten. – das begreifen wir Heutigen besser. Wer wollte Heute wird die immer wieder ergänzte Sammfür seine Idee, seinen Glauben gar, vor dem Ge- lung – in schöner Distanz zur Stadt und ihren richt von Jugend und Schönheit stehen? Wunden – im Schloss Wilhelmshöhe auf drei EtaUnd dann ist da dieses Porträt von Frans Hals. gen gezeigt. Das Schloss liegt auf halber Höhe im Gewöhnlich schauen wir die Bilder an, nicht sie Bergpark, und an manchen Sommerabenden zieuns. Beim Mann mit dem Schlapphut ist es anders. hen die Kasseler in Scharen hinauf zu ihren BilEr dreht sich auf seinem Stuhl herum, schaut uns dern. Wenn sie dann zwischen zweien ein Fenster an, lässig, herausfordernd, als wollte er sagen: finden und hinunter auf ihre Stadt im Mondlicht »Mich hättet ihr jetzt nicht erwartet, wie?« Und schauen, dann ist es, als sei auch sie nur ein Bild es ist nicht nur die Figur und ihr Blick, es ist das und alles gar nicht so schlimm.

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Natürlich könne sie sich an diese Art Zettel noch erinnern, sagt Anneliese Poppinga und lacht: »Die habe ich ihm immer dann hereingereicht, wenn es eng wurde. Ich kannte ja seine Termine.« Und wenn Bundeskanzler Konrad Adenauer dann doch wieder einmal Gefahr lief, die Zeit zu vergessen, half nichts als einer jener kleinen Zettel, von denen das Berliner Auktionshaus Bassenge nun am 16. Oktober ein besonders schönes Exemplar bereithält. Es erzählt, wie an höchster deutscher Stelle die Bürokommunikation funktionieren konnte, ohne dass an Mobiltelefone, SMS oder Nachrichten per Computerbildschirm auch nur zu denken war. Sparsam, nur auf einen Teil eines Briefbogens des Bundeskanzlers, hatte Anneliese Poppinga damals mit der Schreibmaschine geschrieben: »Herr Bundeskanzler, dies ist ein Störmanöver, falls Sie arbeiten möchten. Die Herren sind jetzt 1 Stunde bei Ihnen.« Adenauer nahm den Zettel offenbar entgegen, notierte darunter mit Kugelschreiber: »Bitte nicht zu stören«, signierte, datierte mit dem 23.6. und reichte den halbierten Bogen zurück. Nicht immer, erinnert sich Anneliese Poppinga, habe der schon betagte Staatsmann die Zeit im Auge gehabt. Besonders die in der Regel komplizierten Gespräche mit dem britischen Premierminister Harold Macmillan hätten oft länger gedauert, als vereinbart war: »Und wenn der erste und auch ein zweiter Zettel nichts nützten, dann bin ich direkt in sein Büro gegangen und energischer geworden.« Einmal zum Beispiel habe Adenauer zu einem Staatsbankett einen ausländischen Gast an den Stufen des Bonner Palais Schaumburg empfangen sollen: »Eine halbe Stunde vorher hatte er immer noch nicht seinen Frack und die Schärpe mit den Orden angezogen, weil eine Besprechung noch andauerte. Als der Bundeskanzler sie endlich beendete, stellte er fest, dass er seine Frackweste in Rhöndorf ver-

ADENAUERS SEKRETÄRIN versuchte den Kanzler mit dieser Notiz vor redseligen Besuchern zu schützen

gessen hatte. Sein Protokollchef Sigismund von Braun murrte, als ich ihn aufforderte, Adenauer seine eigene Weste zur Verfügung zu stellen. Ich habe ihm dann erklärt, dass der Bundeskanzler wichtiger sei.« Und die Weste anschließend mit Sicherheitsnadeln aus der Ordensschatulle abgesteckt, weil von Braun deutlich beleibter als Adenauer war. Anneliese Poppinga, die Adenauer von 1958 bis zu dessen Tod im April 1967 als Sekretärin und Assistentin diente und anschließend die Stiftung Bundeskanzler-AdenauerHaus in Rhöndorf als Geschäftsführerin leitete, lebt heute noch in der Nähe von Rhöndorf. Aus welchem Jahr der Zettel stammt, der nun bei Bassenge für 120 Euro angeboten wird, weiß die promovierte Politikwissenschaftlerin nicht mehr. Antje Winter, heute in der Adenauer-Stiftung für das Archiv zuständig, gelang es aber, den Anlass mithilfe von Adenauers archivierten Besucherlisten zu rekonstruieren. Demnach deutet die kleine handschriftliche Zahl in der rechten unteren Ecke auf das Jahr 1958 hin. Am 23. Juni 1958 hatte Adenauer um 11.05 Uhr ein Gespräch mit dem Vorsitzenden der Deutschen AngestelltenGewerkschaft (DAG), Rolf Spaethen, und dessen Mitarbeiter Walter Schenk. Der nächste Termin fand an jenem Tag erst um 12.30 Uhr statt. Für alle anderen Amtsjahre lässt sich kein ähnlicher passender Anlass finden, zu dem an einem 23. Juni mehr als ein auswärtiger Gast in Adenauers Amtszimmer vorgelassen wurde. Und auch für die Begründung, der Kanzler wolle vielleicht arbeiten, kann Antje Winter eine plausible Begründung liefern: Der damals schon 82 Jahre alte Konrad Adenauer hatte zu jenem Zeitpunkt längst damit begonnen, seine Lebenserinnerungen niederzuschreiben – assistiert und abgeschirmt von Anneliese Poppinga.

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8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

M I TA R B E I T E R D E R W O C H E

Sebastian Horsley

Tatort

Das Letzte

Er ist ein Dandy wie aus dem Bilderbuch. Gehrock, Weste und Zylinder gehören dazu, gelegentliche Abstürze aber auch. Er will vielleicht keine Literatur schreiben, aber in jedem Fall Literatur sein VON OLIVER FUCHS

Feridun Zaimoglu über: VERMISST

Foto: Norbert Enker/laif (o.); Logo: WDR

An ihrem Geburtstag ist die Frau Kommissarin sehr betrübt – statt der schwarzen Schlägerjoppe trägt sie im reifen Alter eine weiße Damenbluse. Die Jahre, da sie doch nur Meuchler haschte, sind schnell vergangen. Nun muss sie auch noch einen alten Fall aufrollen: Im Ludwigsgarten sitzt, wie nach großer Jubelfeier hocken geblieben, eine Frau reglos auf der Holzbank. Kopfschuss frontal, sagt Lena O. lustlos. Verdrossener ist nur Kollege Mario, der lasche Schmuseluscher; er will nicht Akten lesen, viel lieber rührt er in pikanten Pastasoßen. Die Kommissare stehen am Drehort herum wie frisch erwachte Narkosepatienten; lebendiger wirkt die Tote, eine falsche Blondine namens Michaela Bäuerle. Sie rief die Kommissarin herbei, um im Mordfall Ritterling eine Aussage zu machen. Bäuerle, Ritterling – da muss es doch eine Verbindung geben. Guten Morgen, rufen wir laut, bewegt euch endlich! Mario und Lena rennen denn auch tatsächlich los, wir werden gar irre von den Ermittlungsergebnissen. Michaela wohnte in Nizza in einer Luxusvilla, dort kannte man sie unter dem Namen Michelle Boyer. Die Villa wird betreut von dem Ludwigshafener Immobilienmakler Seegmeister. Die Welt ist klein, denken wir, die Kommissare denken es auch und sind ob dieser Erkenntnis regelrecht betäubt. Wir sind vom Sofa aufgesprungen und wollen schon den Bildschirm eintreten, da erscheint die Ehefrau des Maklers. Es ist die herrliche Corinna Harfouch, sie spielt alle anderen Darsteller an die Wand. Die nächsten zweieinhalb Minuten beschäftigen wir uns mit der Frage, weshalb man ihr bislang nicht die Rolle einer Tatort-Kommissarin angetragen hat. In dieser Folge leitet sie ihren Mann an, obwohl er sie zwölf Jahre lang mit der bösen Michelle betrogen hat. Michi war süß, sagt Michaelas Exfreund DJ Sunny, wir haben uns mal in der Selbstbefriedigungskabine eingeschlossen und haben gekichert. Passt das zusammen? Ja. Lena weiß: In der Liebe gibt es Regeln, und wer sie bricht, kommt zuschanden. Vielleicht deshalb sitzt sie bei Nick Ritterling; der Mann hat seine Frau im Streit erschlagen und büßte zehn Jahre für diesen Mord. Er schabt Streifen von der weißen Trüffelknolle, sie fallen auf die dampfenden Nudeln in Lenas Schüssel. Sie schaut ihn an, als könnte sie sich in ihn verlieben. Eine einsame Kommissarin und ein Frauenmörder – daraus hätte man eine große Geschichte spinnen können. Das tat man nicht. Stattdessen zeigte man uns kochende Männer vor, uns vergeht der Appetit. Mario ist angelegt als der nichtmännliche Mann und Lena als die nichtweibliche Frau – diese schöne Skriptidee von vor zwanzig Jahren hat sich überlebt. Nicht länger dürfen die Kommissare Odenthal und Kopper schlapp und spröde durch die Szenen schlurfen! Wenn sie so weitermachen wie gehabt, tauchen ihre Namen bald auf der Statistenliste auf.

Foto (Ausschnitt): Gabriella Meros

ARD, Sonntag, 20.15 Uhr

D DIE LETZTE GESTE wäre der Selbstmord. Das hat aber bisher noch nicht geklappt

er Dandy schwitzt. Dicke Tropfen perlen von seiner vampirweiß geschminkten Stirn, wie Regen, der an Kalksteinfelsen herabrinnt. Er bestellt ein Bier an der Bar, in einer anderen Bar noch eins, weiter in die nächste Bar zum nächsten Bier, und dann, als wirklich alle Lokale in London-Soho geschlossen haben, sitzen wir in seinem Wohnzimmer, er hat Gehrock, Zylinder und Weste abgelegt und das Hemd aufgeknöpft, büschelweise ist Brusthaar zu sehen. Ein blasser Mond scheint zum Fenster herein, dem Dandy ist immer noch heiß. Gute Güte. Bier! Brusthaar! Schweißbach! Wie kann sich ein stilversessener Mann derart gehen lassen? So ein Verhalten ist inakzeptabel, ja, absolut unangemessen, das müsste Sebastian Horsley selbst am besten wissen. Wenn wir Horsleys Ausführungen in seinem gerade auf Deutsch erschienenen Buch Dandy in der Unterwelt (Blumenbar Verlag, München; 430 S., 19,90 €) richtig verstanden haben, dann ist es sein oberstes Ziel, in allen Lebenswirren die Contenance zu wahren und dabei formvollendet auszusehen: taillierter schwarzer Anzug, enge blutrote Weste, dazu ein weißes Hemd mit 13 Zentimeter Manschettenumschlag und: Handschuhe! Aus »weichstem Ziegenleder mit Pelzbesatz und Seidennähten«. »Ein Mann, der kein Talent hat, muss einen Schneider haben«, lebensmaximiert Horsley, und das ist nur einer von unzähligen funkelnden Aphorismen, die er auf 425 Seiten abfeuert. Man kann sein Buch, das eine Theorie und Praxis des Dandyismus im frühen 21. Jahrhundert liefern will, auch einfach als lehrreiche Zitatsammlung nutzen, von D wie Drogen (»Weiche Drogen machen deinen Schwanz hart, harte Drogen machen ihn weich«) über L wie Liebe (»Wenn sich zwei Menschen lieben, kann es kein Happy End geben«) und M wie Masturbation (»Das Schöne ist: Man muss sich dafür nicht extra hübsch machen«) bis zu S wie Sex (»Auch nicht mehr das, was er einmal war, seit die Frauen angefangen haben, Spaß daran zu haben«). Sebastian Horsley ist in England ein talkshowbekannter Wüstling. Meist wird der bekennende Bordellgänger eingeladen, wenn es um das Thema Prostitution geht und noch jemand gebraucht wird, der zur Langeweileprävention ein paar aufrührerische Thesen in die Runde schießt. Daneben ist Horsley Maler, Kolumnist, Performance-Künstler und was nicht noch alles. Einen Beruf im engeren Sinne hat er nicht. Vor ein paar Jahren kam Horsley auf die Idee, ein DandyManifest zu schreiben. Niemand wollte es drucken. Schreib lieber deine Autobiografie, riet ein Verleger, ist doch viel interessanter. Tatsächlich ist Horsleys Lebensgeschichte derart dauerdesaströs, dass es auf keine Kuhhaut geht. Seine Existenz verdankt er wohl einem missglückten Abtreibungsversuch: »Als Mutter herausfand, dass sie schwanger war, nahm sie eine Überdosis. Vater gab ihr die Pillen«, so beginnt Dandy in der Unterwelt, das – Horsley ist ja nicht dumm – nun beides zugleich ist: Autobiografie und Manifest. Erhobenen Hauptes stolziert der

Dandy von einem Schlamassel in den nächsten; Karrieren als Callboy, Börsenspekulant und Haijäger scheitern mit ebenso viel Karacho wie zahlreiche Selbstmordversuche. Kurze Zwischenfrage: Wie viel von dem, was im Buch steht, ist wirklich passiert? »95 Prozent«, sagt Horsely. »Erinnern Sie sich an die Stelle, an der ich mir Kokain in den Penis spritze?« Pause. »Nun, es war Heroin.« Horsley redet genauso, wie er schreibt. Geschliffen, pointiert. Nur ist er in echt viel netter, als man bei der Lektüre vermutet hatte. Die Erzählerstimme im Buch schlägt bisweilen einen kokett unterkühlten, forciert kaltschnäuzigen Ton an, doch der Horsley, der jetzt hier am Tresen lehnt, ist die Liebenswürdigkeit in Person. Macht taktvoll Konversation. Sorgt sich, fragt nach, hört zu. Bestellt noch eine Runde für alle. Alle, das heißt seine Freunde, darunter auch die beiden Mitglieder der Band The Rubbishmen – Die Müllmänner (machen übrigens sehr guten »viktorianischen Speedpunk«). Faszinierend auch, wie Horsley dann im Dandy-Gewand durch die Straßen von Soho schreitet, als wäre es das Selbstverständlichste auf der Welt, als hätten alle anderen nur zufällig Gehrock, Weste und Zylinder zu Hause vergessen – worüber er großzügig hinwegsieht. Es beginnt zu regnen, die Hitze bleibt. Es ist noch ein brütend heißer Spätsommertag. Horsley stapft durch Pfützen, lacht, reißt Witze. Sein Dandyismus, so viel haben wir nach acht Bier gelernt, ist eine fröhliche Wissenschaft. Schönheit und Scharfsinn als Schutzpanzer gegen die Zumutungen einer granatenlangweiligen Welt. Horsley will vielleicht nicht unbedingt Literatur schreiben, aber ganz sicher Literatur sein. In seinem Wohnzimmer hängt ein Totenkopf-Kabinett über dem Kamin, neben dem Bett liegt ein Revolver, geladen. Horsley wiegt die Waffe in seiner Hand. »Verzeihen Sie bitte, dass ich mit 47 noch am Leben bin.« Wie verträgt sich eigentlich solche Todessucht mit Horsleys Lehrsätzen vom Dandytum als »Abwehr des Leids und Feier des Lebens«? Er lächelt. »Selbstmörder sind die Aristokraten des Todes. Sie sind Repräsentanten des Stils, der über das Leben triumphiert.« Ist dieser Mann, wie von schlecht gelaunten Kritikern insinuiert wurde, eine Kleiderpuppe aus dem 19. Jahrhundert, ein Anachronismus? Aber nein! An Horsley kann man sich halten in diesen Tagen der Not und Zerrüttung. Finanzkrise? Er kennt gar nichts anderes. Sein stinkreicher Vater hinterließ ihm eine Million Pfund; das Geld ist längst verprasst. Horsley ist pleite – und glücklich. Trotzdem will er sich beinahe täglich umbringen. »Meine Existenz ist ein Kunstwerk, es verlangt nach einem Rahmen. Ein Selbstmord würde sich gut machen. Er würde zum Mobiliar passen.« Seltsam: Je länger Horsley vom Tod spricht, desto besser fühlt es sich an, am Leben zu sein. Entzückender Abend. Die Welt ist schön. Der Morgen dämmert schon, als sich der Dandy lächelnd herüberlehnt und fragt: »Dürfen es nun vielleicht harte Drogen für Sie sein, mein Lieber?«

Thilo Sarrazin, der frühere Berliner Finanzsenator, hat in dem berühmten Interview, über das sich alle Welt empört, einen verzweifelten Blick zurück auf die Hauptstadt geworfen, in der »vierzig Prozent aller Geburten in der Unterschicht stattfinden«. Das ist natürlich nicht nett gesagt und erinnert darüber hinaus unglücklich an die seit Jahrhunderten notorische Klage über die hysterischen Geburtenraten unter den Armen und Naturvölkern dieser Erde. Vor allem unterschlägt Sarrazin aber, dass geschätzte sechzig Prozent unserer Politiker ebenfalls in der Unterschicht geboren wurden, was nur deswegen nicht mit dieser Krassheit benannt wird, weil geschätzte achtzig Prozent der Journalisten auch eher von dort als von anderswo stammen – beziehungsweise lässt ihr Schreibstil keine präzisen Rückschlüsse auf von Geburt an genossene Privilegien zu. (Der Sarrazin, der die Medien einmal herkunftstechnisch unter die Lupe nimmt, ist noch nicht geboren, und zwar wahrscheinlich aus den oben angeführten Gründen.) Alle mutmaßlichen Prozentanteile zusammengenommen, lässt sich jedenfalls vermuten, dass Deutschland insgesamt als eine Art Unterschichtenphänomen betrachtet werden muss. Das kann natürlich nicht ohne Rückwirkung auf die Einwanderer bleiben, die Sarrazin in besagtem Interview ungerechterweise für die ganze Misere verantwortlich macht. Die Ausländer produzieren nämlich in ihrer Heimat keineswegs mit dieser Besessenheit Unterschichtenkinder, sondern auch noch ganz andere, und zwar ziemlich hochmütige Schnösel! Das mit der Unterschicht, das haben die Einwanderer in dieser Perfektion erst bei uns gelernt, »ständig werden Bräute nachgeliefert« (Sarrazin), es handelt sich also um eine echte Just-in-time-Produktion, auf die man in der deutschen Automobilindustrie sonst so stolz ist. Indes kann es natürlich sein, dass inzwischen vierzig Prozent der Autoteile von fahrlässig unterfinanzierten Firmen hergestellt werden, in denen der »Schlamp-Faktor« (Sarrazin) überwiegt, was nur deswegen nicht auffällt, weil sechzig Prozent der Autos ohnehin Schrott sind, die aber von achtzig Prozent der Autofahrer als solcher nicht erkannt werden, weil »das Niveau an den Schulen kontinuierlich sinkt, anstatt zu steigen« (Sarrazin). Insofern sollte man vielleicht den Mann, der an der Hauptstadt verzweifelt, nicht leichtfertig kritisieren. FINIS

WÖRTERBERICHT

Parallelität Metaphern sind gefährlich. Passt man nicht auf, gefährden sie die Aussage, anstatt sie zu verdeutlichen. So erging es Peter Ramsauer in der Elefantenrunde, so ergeht es allen schwarz-gelben Koalitionären, wenn sie die »Parallelitäten« zwischen ihren Wahlprogrammen beschwören. Aus linguistischer Sicht ist es zunächst völlig ausreichend, von Parallelen zu sprechen. Das Anhängsel ändert an der Wortbedeutung gar nichts, ist also überflüssig. Nun zur Geometrie. Stellen wir uns mit Euklid einmal vor, die Wahlprogramme von Schwarz und Gelb wären zwei Geraden in einer Ebene. Um als Parallelen durchzugehen, müssen sie in jedem einzelnen Punkt immer den gleichen Abstand zueinander wahren. Annäherung darf es nicht geben, auch nicht in Steuerfragen. Ganz übel sieht es für den angepeilten Koalitionsvertrag aus: Er darf nicht sein. Denn Parallelen schneiden sich nie, es sei denn in der Unendlichkeit. CHRISTINA RIETZ a www.zeit.de/audio

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MUSIK

8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

Bella Napoli

AUS DEM INHALT CD-Neuerscheinungen aus Klassik, Jazz und Pop: Die ungewöhnlichen Töne der Jazz-Gitarristin Mary Halvorson. Die Goldenen Zitronen feiern 25 Jahre linken Punk. Die Blechmusik der Münchner Kapelle La Brass Banda. Thomas Zehetmair spielt SEITE 57–62 grandios Paganini

Wer kennt schon die Komponisten Caldara, Vinci, Araia und Porpora? Cecilia Bartoli entreißt sie fulminant dem Vergessen – auf ihrer neuen CD mit Barockarien aus Neapel VON JENS JESSEN

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ecilia Bartoli ist eine kühne Frau. Keine Sängerin ihres Ruhms mutet der Musikindustrie ein dermaßen exzentrisch selbstbestimmtes Repertoire zu. Schon ihre Versuche, Salieri zu rehabilitieren oder Maria Malibran, die berühmteste Primadonna des Belcanto, wieder ins Gedächtnis zu rufen, waren ein, wenngleich von Erfolg gekröntes, Risiko. Indes war Salieri aus der Mozart-Legende gut bekannt, und im Falle der Malibran konnte sie auf die populären Werke Bellinis, Donizettis zurückgreifen. Was aber soll man von ihrem jüngsten Unterfangen halten? Eine CD mit nahezu unbekannten Arien nahezu unbekannter Barockkomponisten, die meisten davon zum ersten Mal für Tonträger aufgenommen, einige nach Jahrhunderten zum ersten Mal überhaupt aus dem Notenschlaf gerissen. Wer kennt Antonio Caldara oder Leonardo Vinci? Gerade noch Nicola Porpora dürfte als Konkurrent Händels in London manchen ein Name sein oder Carl Heinrich Graun als Hofkomponist Friedrichs des Großen. Aber wer verbindet eine Musik mit ihnen, die den Mund wässert? Wer erwartet gierig eine Leckerei von Francesco Araia oder Leonardo Leo und dankt es der Bartoli, dass sie ihnen noch einmal die Chance gibt? Indes waren das einstmals große Stars des internationalen Opernbetriebs, sie haben in Neapel und Wien, Dresden und London neben Scarlatti, Hasse, Händel brilliert. Vor allem aber wurden sie von den größten Sängern des 18. Jahrhunderts gesungen, den gefeierten Kastraten Farinelli, Salimbeni, Porporino, Caffarelli.

untersagte. Wo aber sollten nun die Soprane und Mezzosoprane herkommen? Das Barock, das für die Melodiestimme auch in der Instrumentalmusik die hohe Lage bevorzugte, hätte erst recht in der Oper für Heldenrollen niemals Tenöre oder Bässe geduldet. So füllten sich sogar die vatikanischen Ensembles nach und nach mit Kastraten. Indes hat Sacrificium auch einen Doppelsinn: Noch heute sind wir Nutznießer des Opfers, insofern wir niemals zu den Werken gelangt wären, die heute wieder Publikumsmagnete sind, wenn die Komponisten nicht von den Möglichkeiten der Kastraten angeregt worden wären. Sie kamen Frauenstimmen in der Virtuosität gleich, übertrafen sie aber in Kraft und Volumen und wurden so zum Opernstandard auch außerhalb der vatikanischen Frauenverbotszone. Wenn aber den Opernhäusern keine Kastraten zu Verfügung standen, ersetzte man sie nicht, wie es heute gerne geschieht, durch männliche Countertenöre, »die hat es damals auch gegeben«, wie Bartoli sagt, sondern durch Frauenstimmen. Insofern hat Bartoli die historische Praxis auf ihrer Seite, wenn sie die Rollen übernimmt – und auch, wenn sie dabei nicht eigens ein »männliches Timbre« erzeugt. Die barocke Opernästhetik, die sie bestens kennt und gerne referiert, war nicht auf Mimesis aus; es ging nicht darum, einen Feldherrn oder Herrscher auf der Bühne darzustellen, sondern im Gesang das Gefühlsleben der Helden zu spiegeln.

Bei der Bartoli ist die Koloratur das eigentliche Medium des Ausdrucks

Ihnen hat Cecilia Bartoli die Platte gewidmet und vielleicht darum vermieden, dass berühmte Komponistennamen ihren Glanz verdunkeln. Porpora ist mit doppeltem Recht vertreten: Er war nicht nur der Komponist, sondern der größte Gesangslehrer der Kastraten und nicht zufällig ein Neapolitaner. In Neapel stand, man muss es wohl so sagen, die größte Fertigungsstätte dieser im Kindesalter verstümmelten Sänger, ein paar Tausend im Jahr waren es Anfang des 18. Jahrhunderts, die von den Ärmsten der Armen unter das Messer geliefert wurden, in der sich nur selten erfüllenden Hoffnung auf Reichtum und Ruhm. Sacrificium hat Cecilia Bartoli pathetisch ihre CD genannt, und gemeint ist das ungeheuerliche Opfer, das hier der Kunst gebracht wurde. Mit der brennenden Liebe, die sie für die Sänger der Vergangenheit empfindet, kann sie sich noch heute über die »päpstliche Heuchelei« ereifern, die dahinter stand. Der Vatikan hatte die Kastration einerseits verboten, andererseits gefördert, recht eigentlich provoziert: indem er den öffentlichen Auftritt von Sängerinnen i Weitere Informationen im Internet: Plattentipps, Genreübersichten, Bildergalerien und Stücke zum Anhören finden Sie, täglich ergänzt, bei ZEIT online unter www.zeit.de/musik

CECILIA BARTOLI gehört zu den klügsten und erfolgreichsten Sängerinnen unserer Zeit

Foto [M]: Decca/Uli Weber/Universal Music

In Neapel wurden Kastratensänger für ganz Europa ausgebildet

Und das kann sie. Wenn es etwas gibt, was die Bartoli vor allen Dingen beherrscht, dann der barocken Musizierweise auch die barocke Spannweite der Gefühle zu geben, das Rasen, das Schmachten, die maßlose Verzweiflung. Trotzdem glaubt man ihr sofort, und nach Lektüre der Noten erst recht, wenn sie zugibt, hier an die Grenze ihrer Möglichkeiten gegangen zu sein. Cecilia Bartolis Stimme ist weder besonders laut noch von staunenswertem Umfang; auf keinen Fall ist sie eine der singenden Kampfmaschinen, die in der Vergangenheit oft die großen männlichen Sopranoder Mezzopartien der Opere serie gestaltet haben, Marilyn Horne den Tancredi Rossinis mit brachialer Energie oder Joan Sutherland die Helden Händels in den Opernaufnahmen der sechziger Jahre. Damals wurde, wie Bartoli gerne süffisant sagt, Barock noch im Geiste Puccinis interpretiert. Man staunt, dass sie sich an Arien wagt, in denen sie es mit Bläsersatz, gar Hörnern aufnehmen muss. Es sind ja dies die Stücke, an denen regelmäßig auch die allzu leisen Stimmen der Countertenöre scheitern. Indes darf man die Wucht der schieren Persönlichkeit nicht unterschätzen. Cecilia Bartoli macht mit Temperament, mit Beweglichkeit, Expression, vor allem ihrer sensationellen Koloraturengeläufigkeit mühelos wett, was ihr an Volumen fehlt. Wer sich jemals gefragt hat, was der Exzess an Verzierungen, in dem sich die Barockoper gefiel, über die Sensation hinaus zur Kunstwirkung beigetragen hat, kann es bei ihr lernen.

Bei der Bartoli ist die Koloratur das eigentliche Medium des Ausdrucks. Bei ihr und fast nur bei ihr kann man hören, was die großen Stars der Barockzeit aus den Arien herausgeholt haben, nämlich nicht nur leere Brillanz und bloß dekoratives Trillern, sondern ein Maximum an Emotion. Die Bartoli kann füllen, was die überlieferten Partituren offenlassen, und zwar nicht nur durch Einfühlung und Kunstgeschmack. Mit diesen natürlich auch. Man könnte eine Eloge auf ihren schwindelsicheren Geschmack dichten, der sich im Rahmen des historisch Plausiblen mit äußerster Freiheit bewegt. Vor allem jedoch weiß sie genau, was sie zu singen hat. Cecilia Bartoli ist unter den Sängern, was Harnoncourt unter den Dirigenten ist, eine Expertin des Originalklangs und der historischen Aufführungspraxis. Sie hat studiert, was immer die Quellen über den Gesang des achtzehnten Jahrhunderts preisgeben. Sie weiß, was man damals konnte, was man wollte, worauf die Komponisten zielten und woran sich das Publikum delektierte. Auf ihrer CD findet man die legendären Wutausbrüche (Porporas In braccio a mille furie, Araias Cadrò, ma qual si mira), das in sich versunkene Gebet (Caldaras Profezie, die mi diceste), die abgründige Abschiedstrauer (Porporas Parto, ti lascio, o cara), das Imitationsstück, das die Stimme nachtigallengleich neben einer Flöte trillern lässt (Porporas Usignolo sventurato). Neben allem anderen ist die CD auch eine Verbeugung vor der neapolitanischen Musik, nicht nur vor den neapolitanischen Kastraten. In Neapel entwickelte sich jene neue Einfachheit und volkstümliche Melodik, die mitten im Hochbarock schon die Empfindsamkeit der Vorklassik vorbereitete. Wer die venezianische Oper (von der die Bartoli schon eindrucksvolle Stücke Vivaldis gegeben hat) mit der neapolitanischen vergleicht, erkennt sofort, wie viel gelehrte Verzwicktheit hier abgeworfen wurde und warum es Neapel war, das den Opernstil des 18. Jahrhunderts definierte, der auch der Händels war und der Stil Paisiellos ebenso wie Mozarts wurde. Das alles demonstriert diese Aufnahme. Cecilia Bartoli ist nicht nur eine Virtuosin, sie ist eine der intelligentesten Sängerinnen unserer Zeit und bietet vielleicht darum erst höchsten Genuss. Ihr Selbstvertrauen, das kann man jetzt schon sagen, ist an dem Wagnis der barocken Kraftarien noch einmal gewachsen. Schon traut sie sich Neues zu, vor dem sie noch kürzlich zurückschreckte: den emanzipierten Männerschreck der Isabella aus Rossinis Italiana in Algeri zu singen. Sagt sie jedenfalls und lacht: Denn das ist es natürlich, was ihr vorschwebt, mit dieser einzigartigen Explosion von Frechheit und männlicher Überlegenheit aufzutreten – aber nun als Frau in einer Frauenrolle. Sacrificium – La Scuola dei Castrati Cecilia Bartoli, Il Giardino Armonico, Ltg: Giovanni Antonini (Decca/Universal 4781521) a www.zeit.de/audio

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FEUILLETON

Musik

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Die Anti-Gitarren-Gitarristin Reinheitsgebote mag sie so wenig wie Saitenschmeicheleien – Mary Halvorson ist der neue Star der turbulenten Jazzszene Brooklyns Wenn du die Musik magst, dann bitte, weil sie so klingt, wie sie klingt.« Längst ist Mary Halvorson ein Knotenpunkt in dem Netzwerk von jungen Musikern, die derzeit am Rand der Jazzszene mit neuen Ideen und Energien den Geist der Avantgarde wieder zum Vorschein bringen. Jazz, freie Improvisation, Punkrock, Noise, Neue und Alte Musik, Einflüsterungen aus allen Weltregionen und den verschiedenen Künsten – anything goes in dieser turbulenten Musikszene. Vor sieben Jahren, nach ihrem Studium, war sie als examinierte Jazzgitarristin nach Brooklyn gezogen, und seitdem gehört sie dazu. Am einen Abend spielt sie einen seltsam zerrütteten Progrock mit dem Trio People, am nächsten freie Hardcore-Improvisatio-

Foto [M]: Peter Gannushkin/Downtownmusic.net

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ie Worte »toll für eine Frau« hat Mary Halvorson oft gehört, seit sie anfing, Gitarre zu spielen. Sie war zwölf damals, sie fand Jimi Hendrix gut und wollte auch so spielen können. Die Violine legte sie zur Seite, fand einen guten Lehrer, besuchte die Sommerkurse an den Jazzhochschulen in Boston. Immer war sie die einzige Frau, die Gitarre spielte, und immer musste sie sich anhören, wie toll und außergewöhnlich das sei. Man gewöhnt sich nicht daran. Es nervt. Auf ihrer MySpace-Seite reagiert Mary Halvorson auf ein solches Lob deutlich. »Ich bin Gitarristin. Ich arbeite hart daran, eine Musik zu schaffen, die originell ist und zum Nachdenken anregt. Das hat nichts damit zu tun, dass ich eine Frau bin.

nen mit dem furiosen Trompeter Peter Evans. Sie lässt im Zusammenspiel mit Marc Ribot die Gitarren krachen oder stellt im Kontakt mit Jazzheroen wie Tim Berne oder Anthony Braxton, der ihr an der Wesleyan University den entscheidenden Anstoß für ihren Weg in die experimentelle Szene gab, oder dem Saxofonisten Tim Berne ihre Musik in den Kontext abgehangenerer Spielformen des Avantgardistischen. Bei allem Erfolg gibt Mary Halvorson ein merkwürdig aus der Proportion gerücktes Bild ab: die zierliche Gitarristin mit ihrer Gitarre, einem bauchigen Vollresonanzmodell, Guild Artist Award, Herstellungsjahr 1970, die größte und lauteste Gitarre, die sie finden konnte. Ein Bild, das Rückschlüsse auf die Klangästhetik gestattet: Die elektrische Gitarre ist hier alles andere als ein handliches Instrument, das in der Rückkopplungsschleife mit mächtigen Verstärkerboxen schon von allein seinen Gesang anstimmt, den man leichter Hand auf extradünnen Saiten nur noch steuern müsste. Aber diese Art zu spielen interessierte Mary Halvorson ohnehin nicht, die Hendrix-Phase war irgendwann vorüber, und mit der Funktion der Gitarre im Jazz im Allgemeinen hatte sie immer ihre Schwierigkeiten, sie mochte den amtlichen Ton nicht, diesen murmeligen Unterwassersound, aus dem die Höhen herausgefiltert sind, und mit dem leichtfertigen Virtuosengeplinker, streng eingezäunten Harmonievorgaben und dem Reinheitsgebot der Swingbrauer konnte sie auch nicht viel anfangen. »Viele meiner Ideen und Konzepte«, erklärt sie, »stammten aus einer Art ›Anti-Gitarren-Haltung‹«. Auf stramm gespannten, dicken Saiten erzeugt Mary Halvorson einen fast schon akustischen Klang, der sich gegen das Getöse des Schlagzeugs und der Bläser durchzusetzen vermag und im Bedarfsfall ohne Druckverlust auch in die Rolle eines Kontrabasses schlüpfen kann. Kraft erfordert dieser Klang, sowohl was die komplexe Kleinarbeit der Greifhand angeht, als auch beim Anschlag. Und wo so viel Kraft im Spiel ist, zwingt man sich, Lösungen jenseits geölter Geläufigkeit zu finden. Der Erfolg dieser Methode ist mittlerweile belegt, er spiegelt sich in zahlreichen Anfragen. Auch in der einschlägigen Presse wird Halvorson wahlweise als »eindrucksvollste Gitarristin ihrer Generation« oder »originellste Jazzgitarristin dieses Jahrzehnts« gepriesen. Auch im Zentrum ihrer musikalischen Welt sind die widerstrebenden Kräfte zu spüren. Da ist einmal das Mary Halvorson Trio mit dem Jazz-

VIRTUOS UNVIRTUOS: Mary Halvorson

Bassisten John Hebert und dem Schlagzeuger Ches Smith, der die Musik auch gern einmal in Richtung Lärm wuchern lässt: ein klassisches Trioformat mit drei starken Polen, zwischen denen sich bisweilen die Realitätsschichten aufzusplitten scheinen. Während die Klangarchitektin Halvorson sorgfältig Bauteile arrangiert, stapelt, schichtet, versieht Mary, die Pointillistin, sie mit zarten, filigranen Tonbildungen, mit Nuancierungen des Anschlags. Die Rebellin dagegen greift zu rüden Dissonanzen, die auf einer weiteren Ebene auch noch Restaromen von Großzügigkeit mit sich führen: Ich bin alles zugleich. Im letzten Jahr erweiterte Mary Halvorson ihr Trio durch den Saxofonisten Jon Irabagon und den Trompeter Jonathan Finlayson zum Quintett, was die Balanceübung einerseits noch deutlicher im Jazz verwurzelt, aber andererseits die Herausforderung der Balanceübung steigert. Ganz besonders genießt Mary Halvorson das Zusammenspiel mit der Bratschistin Jessica Pa-

VON STEFAN HENTZ

vone. »Es ist gut, in dieser ausgesprochen männlich dominierten Szene eine Freundin zu haben«, sagt sie. Als sie nach Brooklyn kam, wohnte Pavone in der Nachbarschaft, und zufällig hatte sie die gleichen Freunde. Seitdem spielen die beiden zusammen, zunächst auf der Basis von unverbindlichen Experimentiersessions, dann erschien Prairies, die erste Duo-CD, und auf Thin Air, der mittlerweile dritten, haben sich die beiden ein sehr eigenes Songformat erarbeitet. Da treffen einfache Akkorde, die nach der alten Greenwich-VillageSzene duften, auf verhuschte Selbststrick-Rhythmen im Skeleton-Crew-Format, winken hinter der nächsten Taktbiegung in Richtung GypsyGroove, bevor Jessica Pavone sie mit ihrer Bratsche aus dem Rahmen springen lässt. Da sind aber auch düstere Cluster, schwere Rückkopplungen, der reibungsreiche Sirenengesang der beiden Musikerinnen und eine Sicherheit im Umgang mit musikalischen Formen, die auf das Korsett eines regulären Songs verzichten kann. Tagebuchmusik, erläutert Mary Halvorson, die »widerspiegelt, was zu verschiedenen Zeiten in unserem Leben passierte«. Doch die Freundschaft zieht weitere Kreise. Wieder näher am Jazz bewegen sich die beiden in diversen Formationen um den Kornettisten Taylor Ho Bynum, den Mary Halvorson an der Seite von Anthony Braxton kennenlernte. Ho Bynum ist einer der herausragenden Jazzmusiker der jungen Generation, strukturell mit allen Wässerchen gewaschen, instrumentaltechnisch voll auf der Höhe und mit seinen asiatischen Wurzeln ein weiterer Protagonist der Öffnung des aktuellen Jazz für unerschlossenes Musikterrain. Außerdem: Mit einem Musiker, der es gewohnt ist, mit dem Zusatz »für einen Asiaten« gelobt zu werden, teilt Mary Halvorson noch eine zusätzliche Ebene von Verständnis. Mary Halvorson & Jessica Pavone: Thin Air Thirsty Ear Records Mary Halvorson Trio: Dragon’s Head The Middle Picture (beide Firehouse 12 Records) Taylor Ho Bynum Sextet: Asphalt Flowers Forking Paths (HatHut) Tour: 30. 10. Jazz Festival Frankfurt, 8. 12. Stadtgarten/Köln, 9. 12. Alter Schloßhof/Wels/Österreich, 12./13. 12. Überlingen, 16. 12. Rote Fabrik/Zürich/Schweiz

Juchzer vom Olymp herab Wie Joseph Haydn das Streichquartett erfand und in Hochform brachte. Ein Streifzug durch die Neuaufnahmen des Jubiläumsjahrs VON VOLKER HAGEDORN

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nerhört, dieser Anfang, leere E-Saite einer einsamen Geige, eine Frechheit, ein falscher Ton. Wirklich? Wen juckt es heute schon noch, dass ein D-DurStück mit einem E beginnt, eleganterweise so, dass man erst drei Takte später die Dreistigkeit kapiert? Jedenfalls war es in den 1780ern dreist. Das muss man aber nicht wissen, um Haydns Witz zu bemerken. Seine musikalische Logik ist so klar, dass wir 200 Jahre nach dem Tod des Komponisten Spannung auch zwischen solchen Regeln und Regelbrüchen wahrnehmen, die wir gar nicht kennen. Vielleicht ist dieses Selbsterklärende der Kunst, was man »klassisch« nennt. Doch nicht mal Mozart ging damals so gewagt wie Haydn vor, der in der Abgeschiedenheit zuerst »original« und dann in Europa berühmt geworden war. Besonders als Erfinder jener Instrumentalkunst, die er Werk für Werk neu austestete, des Streichquartetts. Was für ein frischer Wind mit dem E zu Beginn von opus 50 Nr. 6 ins Genre weht, das hört man am besten, wenn neugierige Musiker das spielen, solche, die das Stück noch mal aus seiner Zeit heraus durchdenken. Die Geiger Anton Steck und Franc Polman, Bratscher Christian Goosses und Cellistin Antje Geusen vom Schuppanzigh Quartett lassen es prickeln und funkeln, folgen unverhofften Modulationen genüsslich mit Klangfarbenwechseln, haben aber auch den Durchblick, den das Labor Haydn erfordert. Denn dieser spielerischste aller Komponisten ist zugleich einer der penibelsten – jedes Wagnis ist eingebunden in die Logik eines Stückes. Das beginnt schon, als er mit 25 Jahren seine ersten Streichquartette schreibt, die erste Quartettsammlung überhaupt, weil ein österreichischer Baron gern »kleine Musiken« hätte für die Besetzung, die auf seinem Schloss zur Verfügung steht: der Verwalter und der Pfarrer, Geige und Bratsche, ein Cellist – und Haydn als Geiger. Wie witzig, griffig, perfekt die Divertimenti gearbeitet sind, ist nachzuhören beim Auryn Quartett, das sämtliche 65 Quartette aufnimmt und davon bislang elf CDs vorlegte. Die Geiger Matthias Lingenfelder und Jens Oppermann, Bratscher Stewart Eaton und Andreas Arndt spielen seit 1981 zusammen und bieten die Unterhaltungsmusik des opus 1 mit einem Ausdrucksdrang, als wollten sie Haydns früheste Kritiker Lügen strafen: Besonders in Norddeutschland rügte man die »komischen Tändeleyen«. Dafür mussten die aber überhaupt aus dem engsten Kreis hinausdringen – die handschriftliche

Verbreitung dieses opus 1 reichte erstaunlicherweise bis nach Nordamerika. Zum Vorbild für andere Komponisten wurde aber erst Haydns opus 9 von 1770, die ersten Stücke, die er selbst als Streichquartette gezählt haben wollte. Es weitet sich der Horizont, Kontraste werden vertieft, die Musik wird persönlich, und der Kopfsatz aus dem sechsten der opus 9-Quartette endet, als fürchte Haydn, schon zu viel von sich gezeigt zu haben: Er beendet das Presto ohne Bremsweg, ohne Schlussgeste, mitten im Schwung, und da das Schuppanzigh Quartett tatsächlich kein Ritardando macht, fliegt man als Hörer wie nach einer Vollbremsung durchs offene Fenster – und muss lachen. Zehn Jahre später macht er’s umgekehrt. Da gibt es einen Schluss, wo keiner einen erwartet, nämlich am Anfang. Wer das G-Dur-Quartett aus opus 33 erstmals auf CD hört, könnte an einen kapitalen Schnittfehler glauben: Zwei Schlusstakte gehen pianissino dem Thema voraus! Gerade darin, findet Musikwissenschaftler Charles Rosen, zeigt sich der »klassische Stil« als »Stil der Umdeutung«, in dem jede Phrase in neuer Umgebung eine neue Bedeutung bekommen kann. Haydn ist sich seiner Kunst so sicher, dass er mit der Dekonstruktion Scherze treibt. Und mit den Spielern. Er nötigt sie zum Dialog. Wer seine verdeckten und offenen Pointen nicht so fein versteht und verwandelt, wie sie kommen, steht auch bei bester Technik schnell etwas tapsig da. Gleich zwei Ensembles haben sich dem kompletten Sechserpack von 1781 gestellt. Die Auryns machen es klug, schön, gediegen, das spanische Quarteto Casals aber ist kongenial. Im Finale des C-Dur-Quartetts, einem rasant ironischen Spiel mit der Alla-turca-Mode, kann selbst eine ganz unverdächtige Schlussfloskel um genau die Nuance zu harmlos klingen, hingeworfen wie ein Taschentuch, die einen aufmerken lässt. Im ersten Satz spielen sie mit subtilen Temposchwankungen, bringen hier und da mit fast barocker Artikulation kleinste Motive zum Sprechen, sie haben aber auch Sinn für Haydns kleine Fenster zur Sehnsucht. Die »gantz neu Besondere Art«, die der Komponist selbst an seinem opus 33 lobte, ist eine Herausforderung an alle Kollegen, von denen einer auf höchstem Niveau antwortet: Mozart widmet dem »caro Amico« sechs Quartette, die Haydn nachhaltig verwirren. Sechs Jahre dauert es, bis er mit seinem opus 50 wieder die Führung der Avantgarde an sich reißt. Im opus 55 (komponiert wohl kurz vor der Französischen Revolution) wird er fokussierter,

herber, seine Experimente gewinnen Dramatik, und diesen Ton trifft das junge finnische Ensemble Meta4 mit erfrischend rauem Timbre. Vom entsetzlichen »Schmunzeln«, auf das man Haydn oft verkleinert, sind die Finnen klanglich besonders weit entfernt. Inzwischen war die Kunst des Streichquartetts derartig etabliert, dass junge Komponisten mit Werken für ebendiese Besetzung debütierten; Haydn selbst konnte seine Stücke in vollen Sälen erleben wie in London. Dort war es üblich, mit markanten Anfängen das Publikum aus dem Geplauder zu reißen. Es ist also auch Taktik, dass das C-Dur-Quartett von 1793 (opus 74/1) mit zwei Akkorden beginnt. Erst dann folgt ein Thema als Reverenz an einen verstorbenen Freund – nämlich modelliert nach dem Finalthema aus Mozarts Jupitersinfonie. Wie es in Haydns Experimentalstudio entlegensten Modulationen unterzogen wird, das hört man beim Schuppanzigh Quartett eingehender und farbenreicher als bei den Auryns, deren Ausdruckswucht hier an der Struktur vorbeigeht. Wer wie das Auryn Quartett eine Gesamtaufnahme stemmt, muss eben damit rechnen, gelegentlich von Leuten überholt zu werden, die weniger vertraut mit Haydn, aber noch neugieriger sind. So erlebt man das auch beim 2003 gegründeten Minetti Quartett, blutjungen Typen, denen zum D-Dur Quartett (76/5) des 65-Jährigen mehr einfällt als den Auryns. Das geht im ersten Satz von kleinen Zäsuren und frech klirrender E-Saite bis zu bildhafter Dynamik, wenn turbulente Zweiunddreißigstel im Bass mit Decrescendo und Crescendo dezent, aber deutlich zum Sturm im Wasserglas dramatisiert werden. Im Finale zeigt Haydn, wie man billige Schlussakkorde, bäurische Quinten und eine banale Tanzweise so durcheinanderwürfelt, dass die Götter kichern. Bei den Minettis hört man sie, diese feinen Juchzer vom Olymp. Aufnahmen von Haydns Streichquartetten: Auryn Quartett: opus 1, 33, 74, 76 (alle bei Tacet) Schuppanzigh Quartett: opus 9 Nr. 6; opus 74 Nr. 1; opus 50 Nr. 6 Accent ACC 24197/Note 1 Quarteto Casals : opus 33 Harmonia Mundi HMX 2962022.23 Meta4: opus 55 Hänssler Classic 98.587/Naxos Minetti Quartett: opus 64 Nr. 4, opus 74 Nr. 3, opus 76 Nr. 5 Hänssler Classic 98.589/Naxos

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Daheim bei den Leuten Folkjazz mit dem norwegischen Geiger Ola Kvernberg VON KARSTEN MÜTZELFELDT

W Foto (Ausschnitt): Stephan Abry

Die Goldenen Zitronen beim Erproben eines V-Effekts

Eigentlich ist immer Krise 25 Jahre Gegenöffentlichkeit im Geiste des Punk: Die Goldenen Zitronen schenken sich und uns zum Jubiläum eine neue CD

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b man es mit Frank-Walter Steinmeiers »Deutschland-Plan« vergleicht oder der Agenda von Schwarz-Gelb: Das aktuelle »Krisenpapier« der Goldenen Zitronen ist ein Produkt von bestrickendem Charme. Von »tütender Elektronik« und einem »Kunstvorfall« kann man dort lesen, von einem »furios scheppernden Durch- und Miteinander demokratischer Leidenschaften«. So hört sich das im Duktus der Zitronen an, wenn die Fanfaren für ein neues Album von Deutschlands dienstältester dezidiert linker Band erklingen. Ein neues Album ist bei den Goldenen Zitronen immer auch ein neues Statement zur Lage der Nation. Die Entstehung der Nacht heißt das beim Hamburger Buback-Label veröffentlichte Opus, es enthält Beiträge über zusammenbrechende Börsen, die rätselhafte Betroffenheit zum Tod des Landeshauptmanns Haider und jugendliche Rückzugsspiele im Pop. All das konnte man auf einem Zitronen-Album erwarten, es gibt aber einen Refrain, der 25 Jahre Rock- und Popsozialisation mit den Golden Zitronen infrage stellt: »Wir verlassen die Erde als enttäuschte Herde … wir verlassen die Kugel als ein trauriges Rudel«. Ist aus dem Kampfschiff der Poplinken ein lahmer Rettungsdampfer geworden?

Ihr Werk versteht sich als ständige Erneuerung linker Positionen »Ein Stück weit sind wir in den Texten so ratlos wie alle anderen auch«, räumt Gitarrist Ted Gaier ein. Als Gedankenspiel habe die Band das kollektive Aus-dem-Staub-Machen schon gereizt, sagt Sänger Schorsch Kamerun. »Vielleicht wäre es manchmal ja auch ganz gut, in eine Arche Noah zu steigen und gemeinsam irgendwie abzulegen. Mit Sun Ra gesprochen: Space is the place.« Von einem »Sinnbild für die Möglichkeit« spricht Kamerun weiter: »Wenn’s gar nicht mehr geht, verschwinden wir gemeinsam. Was aber wiederum nicht wirklich unserer Praxis entspricht.« So sind sie, die Zitronen: Sie jonglieren mit Theorie und Praxis, mit Politik und Kunst – ihr Werk versteht sich als ein ständiges Update linker

Standpunkte und ästhetischer Haltungen. Ein Langzeitprojekt, das vor allem dem Grübeln über den Umgang mit einer sich entsolidarisierenden Gesellschaft geschuldet ist, darüber hinaus aber einem beachtlichen Gestrüpp an Themen. Und auch wenn das nicht gerade lustig klingt: Die Weltflucht gerät den Goldenen Zitronen alles andere als bekümmert. Die Band klingt im Song Wir verlassen die Erde wie ein heiteres Grundschulorchester, das noch Defizite bei den Flöten hat. Wollte man die Geschichte der Goldenen Zitronen im Zeitraffer erzählen, reichten wahrscheinlich drei Songs dafür aus: Alles was ich will (Nur die Regierung stürzen) 1990, die Von den Schwierigkeiten, die Regierung stürzen zu wollen betitelte Aktualisierung 2001 und das Stück Positionen vom neuen Album, das vom Moment des Absprungs kündet. 1984 operierte die Band noch auf dem festen Boden des Hamburger Punk-Universums, die Goldenen Zitronen spielten die beste Hafenstraßenbambule der Welt. Im Gründungsmythos ist aber bereits der erste Bruch festgeschrieben. Man verweigerte sich dem »Schneller, lauter, härter« der amerikanischen Guinness Buch-Gitarrenpunks ebenso wie den politisch korrekten Parolen der einheimischen Autonomenpunks. Das Album Porsche, Genscher, Hallo HSV führte jene spezifischen Hardcore-Schlager im Programm, die demonstrierten, was die Band unter »Punk im Punk« (Ted Gaier) verstand: die Fähigkeit zu permanenter Selbstreflexion. Die Ironie in diesem Spiel hat das Konzertpublikum leider weggegrölt, Fun-Punk wurde mit den Toten Hosen groß und telegen. Die »Goldies« indessen, wie sie sich bis heute ganz uncool nennen, lernten, ihre Form von Nichteinverstandensein mit den Verhältnissen zu differenzieren – und im Dialog mit verbündeten Kräften in die Öffentlichkeit zu tragen. Das war der Keim für den Diskurspop, der unter dem Logo »Hamburger Schule« einen republikweiten Twist entwickelte und spätere Marktführer wie Blumfeld und Die Sterne an Land spülte. Die Goldenen Zitronen seien in ihren kleinen Idealen bis heute erkennbar geblieben, behauptet Schorsch Kamerun. Damit verteidigt er den An-

spruch, im Kollektiv Standpunkte zu entwickeln, statt der Verlockung zu erliegen, reich, berühmt und ein Star nach den Gesetzen der CelebrityKultur zu sein. Was links ist, wie und wo links gespielt wird, entscheiden nicht nur die Gründerväter Schorsch Kamerun und Ted Gaier, zwei Mittvierziger mit vorzeigbaren Postpunkbiografien, die längst vom deutschen Subventionstheater mitfinanziert werden. Die aktuelle Band mit Julius Block, Mense Reents, Enno Palucca und Stephan Rath improvisiert von Album zu Album eine Standortbestimmung im Spektrum der dissidenten Möglichkeiten.

Lösungen gibt es keine, bloß ein paar Handlungsanreize Dieses Linkssein ist durch den Kugelhagel der Style Wars getragen worden, durch die Diskursschleifen fälliger Standortbestimmungen in den Neunzigern – und steht heute noch als Nachweis popfähiger Renitenz da. Sicher, die Goldenen Zitronen befinden sich im Fahrtwind der Krise, die Aktualität spielt ihnen die Themen nur so zu. »Aber eigentlich ist ja immer Krise auf Goldiesplatten«, sagt Ted Gaier. Für Schorsch Kamerun gibt es den Moment, »wenn ›das Blut bricht‹, wie Oskar Maria Graf schreibt. Wenn man es nicht mehr aushält. Ich glaube, dass das als letzte Option vorhanden sein muss. Es ist jetzt nicht so, dass ich zum Steinewerfen aufrufe. Da sagt dann jeder: Ey, Schorsch, das kennen wir aber auch. Trotzdem, wir müssen die Option behalten, uns von etwas zu verabschieden, etwas ins Stürzen zu bringen, wenn nötig.« Mit welchen Mitteln positioniert sich eine politische Band in der Unverständlichkeit unserer Zeit? Im Zweifelsfall über die Musik. »Sich ständig zu den neuesten Trends durchzufiltern verklebt aber einfach alle kleinen Härchen in den Ohren«, so Schorsch Kamerun. Also kollidieren Fragmente aus elektronischer Musik, No Wave und Folk mit perkussiven Mustern aus der Krautrock-Ära, enden in einer Art Fusion-Sound, der bewusst im Disparaten verharrt. Im Rückgriff auf die erste eigenständige deutsche Popkultur sind keine Lösungen, wohl aber Handlungsanreize zu entdecken: Reflektiere deine

VON FRANK SAWATZKI

Geschichte! Setz dich über die restriktiven Strukturen hinweg! Wage was! Mit der Coverversion eines Hippieliedchens von Melanie (Beautiful People), das Gastsängerin Michaela Mélian wie eine Wiedergängerin Nicos raunt, gelingt der Band ein Schritt aus dem Spektrum der üblichen Zuschreibungen. Noch seltsamer ist die nach einem berühmten Pink-FloydAlbum benannte Instrumental-Improvisation Der Flötist an den Toren der Dämmerung: Die Zitronen haben mal eben schnell die Grammatik Afro-Jazz untersucht. Dieser »Piper« verrät mehr über die Goldenen Zitronen 2009, als das die vielen semantischen Feinheiten leisten können. Auf der Suche nach einer gemeinsamen Sprache landet die Band immer häufiger bei einer Musik, die sie in Welten trägt, in denen man die sperrigen Textcollagen Schorsch Kameruns gar nicht mehr entziffern kann. Das neoliberal geschundene Subjekt darf aber dann doch noch aufbegehren bei den Goldenen Zitronen. Es meldet sich, von Wünschen und Zweifeln autorisiert, es scheint aus einem Hörspiel ins Hier und Jetzt zu treten: »Ich halte brennende Autos für ein starkes Ausdrucksmittel, getraue mich aber nicht, eines anzuzünden, da ich viele Freunde habe, die eine Beschädigung ihres Autos für einen Angriff auf ihre Persönlichkeit halten würden«, heißt es in Bloß weil ich friere – wenn er seine längeren Texte rhythmisiert, dann sei er fast schon im Theater, sagt Schorsch Kamerun dazu. Der Versuch, solch einen Monolog mit Musik zusammenzubringen, findet seine Grenzen in den Launen der Maschinen. Die singen sowieso, was sie wollen. Mit so viel Sound hinterfragen die Zitronen heute sogar ihren Status als Punk-Gegenöffentlichkeit. Man kann dieser Band beim Altern zuhören, weil sie einfach nicht irrelevant werden will. Was auch daran festzumachen ist, dass die Goldenen Zitronen im Strudel der Aufnahmen und Arbeiten ihr 25-jähriges Bandjubiläum fast vergessen hätten. Herzlichen Glückwunsch dazu. Die Goldenen Zitronen: Die Entstehung der Nacht Buback/Indigo

Foto (Ausschnitt): G.T. Nergaard

WECHSELNDE STANDPUNKTE:

er an Jazz aus Norwegen denkt, mag an elegische Saxofone, ätherische Trompeten oder lautmalende Stimmen denken. Kaum an Geigen. Dabei kann das Land auf eine reiche Fiedel-Tradition verweisen. Vor allem im Südwesten hat die Hardangerfiedel eine lange Geschichte. Ola Kvernberg kennt sie bestens, er stammt aus einer wahren ViolinenDynastie: Olas Mutter und seine Schwester Jorun Marie Kvernberg pflegen die Familientradition, und der Großvater, Peter L. Rypdal, ist berühmt als Komponist unzähliger Volkstänze. Olas aktuelle CD ist eine Hommage an ihm Nahestehende, an seine folks. Doppelsinniger Titel des Albums: Folk. Kvernberg ist ein Vertreter des »weniger ist mehr« – subtil verschmilzt sein Trio Folktraditionen mit zeitgenössischem Jazz. Lyrische Linien steigern sich über einem ruhig dahinfließenden Puls zu expressiven Soli – Ausbrüche ins Freie bleiben jedoch die Ausnahme. Als der damals 18-Jährige vor neun Jahren das Ola Kvernberg Trio gründete, befasste er sich intensiv mit der Jazztradition, doch später entschloss er sich, ganz auf ein Harmonieinstrument zu verzichten. Die Folge: Die Räume wurden größer, der Klang gewann an Bedeutung. Und mit ihm eine speziell angefertigte Geige, die Kvernbergs Soundvorstellungen entgegenkommt: Dickere Saiten legen das Tonspektrum um eine Oktave tiefer und machen es zu ei-

MEISTER DER HARDANGERFIEDEL: Ola Kvernberg

nem Zwitter aus Viola und Cello. Während die Musik des Trios eine sanfte, nicht selten mysteriöse Melancholie ausstrahlt, ist dem Violinisten auch das andere Ende des emotionalen Spektrums vertraut, und bisweilen finden beide Pole in einer bizarren Mischung zueinander. Etwa im Soundtrack für North, einen 2009 bei der Berlinale vorgestellten Film: Eine düstere Story, garniert mit aufgekratztem Bluegrass. Doch auch wenn Volksmusiken, Klassik und Neue Musik für Kvernberg mehr als nur die zweite Geige spielen, Jazz in dem multistilistischen Profil, das für viele Improvisatoren Norwegens typisch ist, bleibt seine Liebe. Noch vor Kurzem kündeten Umfragen von der Möglichkeit, Norwegens rotgrüne Regierung könne vom Zulauf zu einer populistischen, rechtsgerichteten Partei gestürzt werden – einer, der die Offenheit des heimischen Jazz ein Dorn im Auge (und Ohr) ist. Und das in einer Zeit, in der sie längst zum Exportschlager geworden ist. Mitte September wurde gewählt, und die Musiker atmen auf: Die Mitte-links-Koalition hat die Wahlen knapp gewonnen. Ola Kvernberg Trio: Folk (Jazzland Records) Ola Kvernberg Trio live: Am 19. Oktober beim Enjoy Jazz Festival in Mannheim

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Das Auge des Jazz Ein Bildband zum 70. Geburtstag des Labels »Blue Note« Musiker und ihre Arbeit entwickelt Wolff eine Fotografie der Nähe, in der er selbst so weit hinter seiner Kamera verschwindet, dass die Musiker sich in ihrer Konzentration und Intimität nicht gestört fühlen. Nachdenklichkeit und Freude, Einfühlungsvermögen und Zwiesprache: Wolff wird zum Sensor für die Gemütslagen des neuen Jazz, dessen Sound und Emotionalität er direkt in seine Bilderwelt übersetzt. In diesem Jahr feiert Blue Note das 70. Labeljubiläum und der Bad Oeynhausener Kleinverlag Jazzprezzo legt einen opulenten Bildband auf den Geburtstagstisch. Blue Note – Photography rekapituliert mit circa 130 Fotografien von Francis Wolff das Goldene Zeitalter des Jazz zwischen 1952 und 1967 und beschwört in weiteren 60 Arbeiten von Jimmy Katz, Wolffs Erben als wichtigster Fotograf des Labels, die anhaltende Vitalität der Musik. STEFAN HENTZ

Fotos (Ausschnitte): Francis Wolff/Mosaic Records (li.); Jimmy Katz (re.), beide www.jazzprezzo.de (re.)

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chwarz und weiß, ein Spiel mit Licht und Schatten, mit Kontrast und Entspannung – seit der Jazz die Totalen der rauschenden Ballnächte hinter sich gelassen hat, ist die Fotografie zu seiner bevorzugten Übersetzerin geworden. Einen großen Anteil an dieser Verbindung hatte ein jüdischer Emigrant aus Deutschland, der vor 70 Jahren, am 13. Oktober 1939, mit einem der letzten Dampfer von Nazideutschland aus nach New York gekommen war und mit Alfred Lion, einem Freund aus Berliner Jugendtagen, in New York das Label Blue Note zu einem der wichtigsten Labels der Jazzgeschichte machte. Francis Wolff war nicht nur Labelchef, A&RAgent, Buchhalter in Personalunion – als das Auge des Labels prägte der gelernte Fotograf mit seiner Rolleiflex das Bild des modernen Jazz. Sachlich und zurückhaltend, voller Empathie für die

Francis Wolff/Jimmy Katz: Blue Note – Photography Hrsg. von Rainer Placke und Ingo Wulff, mit Textbeiträgen von (u.a.) Michael Cuscuna, Ashley Kahn, Jimmy Katz und zwei Audio-CDs. Jazzpresso Verlag 205 S., 70,– €

THAD »THE MAGNIFICENT« JONES , 1956 fotografiert von Francis Wolff

DIANNE REEVES (L.) UND CASSANDRA WILSON , 1996 fotografiert von Jimmy Katz

Dicke Backen machen Brachial muss es scheppern: La Brass Banda aus Bayern blasen alle Genregrenzen über den Haufen

Das erklärte Ziel ist Tanzmusik mit Dreck unter den Fingernägeln Nur kurze Zeit später finden sich sonnenbebrillte Klubgänger wie auch Nerds mit umgehängter Plattentasche wippend und stampfend auf dem Asphalt wieder. Selbst Skeptiker wiegen rhythmisch die Köpfe. Und können irgendwann nicht anders als: zur Blosmusi tanzen. Das ist der Zeitpunkt, zu dem La Brass Banda es wieder mal geschafft haben: Die

VON JONATHAN FISCHER

amorphe Menge ist auf gut Bayerisch Lalo-Schifrin-Stil und Tanzflächeneuphorisiert. Dass bei diesem handfüllern«, schwärmte etwa das Londogemachten Kirchweih-Techno zuner Magazin Songlines. Und empfahl, gleich sämtliche Genregrenzen über all die »epigonalen Gypsy-Orchester den Haufen geblasen werden, nehzu vergessen, um sich den puren men die Beteiligten billigend in Kauf. Treibstoff dieses süddeutschen Funk »Unsere Musik«, sagt Trompeter und zu gönnen«. Die Mundpropaganda besorgte Bandchef Stefan Dettl, »zielt in erster den Rest und katapultierte die Linie auf die Bühnenwirkung. Wir Truppe aus dem Stand heraus in entwickeln unsere Stücke ausschließdie Indie-Charts. Dabei sehen sich lich live.« Brachial muss es scheppern. die fünf Oberbayern als »VoixUnd dennoch so zuverlässig ineinanmusiker«. Als solche sammeln und dergreifen wie das Uhrwerk am heiverbinden sie Bruchstücke verschiemischen Kirchturm. denster Provenienz – Polka, TechTatsächlich haben Stefan Dettl no, Mariachi-Klänge, Ska, Gypsy, wie Posaunist Manuel Winbeck Landler – zu einer Tanzmischung, jahrelang mit der Blasmusik ihres die nach demselben Prinzip funkHeimatdorfes Übersee am Chiemtioniert wie der frühe Hip-Hop. see auf Feuerwehrfesten und in Nur dass die Samples eben live aus Bierzelten gespielt, während Schlagden Schalltrichtern dröhnen. Und zeuger Manuel Da Coll und Bassist der Rap in breitestem ChiemgauOliver Wrage eher der Clubszene Bayerisch daherkommt, irgendwo entstammen. Fünfter im Bunde ist zwischen Bierzelt-Animation und Andreas Hofmeir, der seine Tuba hinterfotzigem Gstanzl. Textprobe? zum Rhythmusinstrument umwid»Natalie, i scheiß auf di und die met, technoide Stakkati aus dem Partnertherapie …« La Brass Banda Schalltrichter stößt. Die notwendiwollen keine Botschaft verbreiten. ge Technik haben sie alle. Schließ»VOIXMUSIK« STATT VOLKSMUSIK: La Brass Banda in ihrem Element Deswegen kommt auch erst die lich kennen sich die Bandmitglieder Musik, die Texte entstehen »eher vom Musikstudium am Konservanebenher«. torium – und lassen ihre Virtuosität Angefangen hatte alles 2007. Stefan Dettl und bestenfalls bewusst schleifen. La Brass Banda, er- mus zu erzeugen. Möglicherweise liegt hier die Erklärt Dettl, wollten »das kalkulierte Chaos» pfle- klärung für das Phänomen Brass Banda: Es ist der Manuel Winbeck wurden von einem befreundeten gen. Und der rein elektronischen Musik eine hand- derbe Charme der fünf Chiemgauer, der für ausver- DJ aus Traunstein eingeladen, seine Balkan Beats gemachte Alternative entgegensetzen: Tanzmusik kaufte Tourneen gesorgt hat, vom serbischen Go- live zu unterstützen. Dann sah Dettl die Youngmit Dreck unter den Fingernägeln. ražde bis in Londoner Klubs, vom Rock-Zirkus in blood Brass Band in New York auftreten und »Wir haben absichtlich alle Harmonieinstru- Roskilde über Avantgarde-Festivals und Heimat- wusste: Blasmusik kann auch ohne DJ funky klinmente draußen gelassen«, sagt Dettl. Wenn es um wochen bis zum Reggae-Open-Air am Chiemsee. gen. Flugs waren die fünf Studienfreunde versamden Tanzboden geht, bleibe kein Platz für Verzie- Ihr Debütalbum Habediehre jedenfalls sammelte melt – mit dem Ziel, »eine Mordsgaudi« zu haben. rungen und Kleinkunst-Gift. Stattdessen müssten weit über Bayern hinaus Lorbeeren. »Eine tödliche Letztere bescheren sich die Musiker auch drum alle dicke Backen machen, um einen fetten Rhyth- Kombination von großen Riffs, Arrangements im herum: Indem sie letztes Jahr etwa mit vier alten Foto: Gerald von Foris

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igentlich hat das Optimal, der wohl größte Musikfachhändler Münchens, mit Blasmusik nichts am Hut – zumal wenn sie sich bayerisch »Blosmusi« nennt. Welcher trendbewusste Zeitgenosse würde so etwas Gestriges schon kaufen wollen? Stattdessen werden Münchner Clubgeher hier mit Techno, Hip-Hop, Reggae und Indie-Rock versorgt, Hipsterklängen aus aller Welt eben, und das gleich regalweise. Als der Szenetreffpunkt diesen Sommer Jubiläum feierte, heizten trotzdem weder TechnoDJs noch Hip-Hop-Bands dem Fußvolk ein, sondern ausgerechnet: eine Blaskapelle. La Brass Banda heißt die Ausnahme von der Regel, fünf junge Burschen, die ausgezogen sind, um die »brutale Wucht des Blechs« zu erforschen. Immer wenn sie, barfuß und in Lederhosen, auf einer Münchner Innenstadtstraße ihre Instrumente auspacken, glauben die Passanten zunächst an einen Witz. »Wisst ihr, was der Unterschied zwischen Techno und bayerischem Techno ist?«, ruft der Frontmann daraufhin in die Menge. »Die Tuba!« Dann schmettert ein obertongesättigtes Umpf-Umpf-Umpf um den Block. Ein E-Bass setzt ein. Posaune und Schlagzeug legen einen schweren Disco-Wumms vor. Die Trompete spielt Feuerwehr. Und was zuerst wie die Liveversion eines Daft-Punk-Hits wirkt, entpuppt sich als beschleunigtes und bassverstärktes bayerisches Gstanzl.

Mopeds und einem Feuerwehrwagen auf Österreich-Tournee gingen, um in Gasthöfen, auf Parkplätzen und schließlich vor Tausenden Fußballfans auf der WM-Fanmeile in Wien zu spielen. Oder als sie winters auf Holzski, ihre Instrumente geschultert, von Skihütte zu Skihütte durch die Alpen zogen.

New Orleans, Mexiko, Neuseeland – alles trifft sich im Chiemgau Übersee, ihr neues Album, versucht nun, die Livewucht ins Studio zu bannen – was am besten bei den langsameren Stücken gelingt. Der Titel Übersee verweist dabei nicht nur auf die heimatliche Basis, er zeigt auch in die Ferne. Stellen doch die Lederhosen keine Panzerung dar: Anders als vielen Vertretern der »neuen Volksmusik« geht es La Brass Banda kaum darum, Traditionen mit exotischen Zitaten und kritischen Texten aufzupeppen, sondern um die Gleichzeitigkeit der Popkultur, weltweit: Da schwingt im Roten Hoserl ein fast karibischer Rhythmus, kommt Ringlbleame als Mithüpfnummer im zackigen NDW-Kleid daher, feiert Bauersbua bayerischen HochgeschwindigkeitsRap, während die verträumt-mehrstimmigen Gesänge auf VW-Jetta sich in zurückgelehnte Dubbeats schmiegen, die auch den Neuseeländern von Fat Freddys Drop zur Ehre gereichen würden. New-Orleans-Brassband-Klänge, Philadelphia Disco, Mariachi-Gebläse: Alles wird unbekümmert in Chiemgauer Zungenschlag verpackt. Nur den Gypsy-Sound lassen die fünf Jungs diesmal ruhen, zu viele hängen sich bereits an den von Shantel und Konsorten angeschobenen Balkan-Express. Ein Reinheitsgebot? Kommt La Brass Banda nicht in die Trichter. »Einfach machen«, erklärt Stefan Dettl das eigene Organisationsprinzip. »Sich nix scheißn, dann passt des scho.« La Brass Banda: Übersee (Trikont)

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Verzweiflungsknirschen Mit seiner grandiosen Aufnahme der 24 Capricen von Niccolò Paganini porträtiert der Geiger Thomas Zehetmair den Virtuosen als Freak VON CLAUS SPAHN

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BEGEGNUNG IM SPIEGEL DER LIEDER: Charlie Poole zu Zeiten der großen Depression …

Geister der Landstraße Mit seinem »Charlie Poole Project« erinnert Loudon Wainwright III an einen fahrenden Sänger und Pionier des amerikanischen Liedguts VON THOMAS GROSS

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emeinsam haben sie vieles: den Frei- sein kurzes Leben 1931 mit einem siebentägiheitsdrang, den Schlag bei Frauen, gen Rausch endete. Seine hauptsächliche Hindas gute Aussehen, mit dem sie zu- terlassenschaft besteht in den Liedern selbst. Selbst die Lieder allerdings – wie sie geklunmindest in jungen Jahren gesegnet waren. Vergessen wollen wir auch nicht die gen haben, ist auf einer parallel erscheinenden Schwäche für den Alkohol und den immer 4-CD-Box mit den Originalaufnahmen zu höwieder vorgetragenen Wunsch, von ihm los- ren – waren nicht wirklich Charlies Eigentum, zukommen. Vor allem aber war es der Humor, er hatte sie bloß von anderen geliehen und ein der Loudon Wainwright III sofort für Charlie wenig seinen eigenen Zwecken angepasst. So Poole einnahm: Wer Zeilen wie »The beefsteak machte man das damals, als Sänger noch dazu it was rare and the butter had red hair« singt, kann da waren, auf unterhaltsame Weise Neuigkeiten ins dünn besiedelte Hinterland zu bringen. kein ganz schlechter Mensch gewesen sein. Anfang der Siebziger war’s, als die beiden Und weil diese Lieder im Grunde aus einem sich zum ersten Mal begegneten – in Form ei- kollektiven Gedächtnis schöpfen, dem Ursud nes Songs, den ein Freund Wainwrights ihm gewissermaßen, dem die Popkultur entstammt, daheim im Wohnzimmer auf Rhode Island ist Wainwrights Finde- und Bergeprojekt dann vorspielte. Zu der Zeit konnte der junge Lou- doch mehr als eine persönliche Angelegenheit. don, damals ein schmales Handtuch von Man muss sie als Reise zurück zu den Wurzeln Songwriter, nicht wissen, dass er einmal als des amerikanischen Songs selbst verstehen: singender Satiriker und Kopf des inzwischen zum Blues, zum Folk, zum Gospel, das mit dem anrührenden A-capnotorischen Wainwrightpella-Titel The Great ReapClans zur Institution wering Day vertreten ist. Mit den sollte. Woran er sich viel Einfühlungsvermögen allerdings ganz genau erund Sinn fürs Detail variinnern will, ist seine Reiert hier ein Zeitgenosse, aktion. Es war nämlich so, was schon bei seinem Vordass er a) lauthals loslabild Variation war. Die chen musste und sich b) Moral von der Geschicht: fragte: Wer zum Teufel Das amerikanische Lied schreibt bloß so was? Keiist eine demokratische Anne 40 Jahre später halten gelegenheit, es liegt zur wir High Wide & HandNutzung für jedermann some in Händen, Unterherum, man muss es nur titel: The Charlie Poole aufzulesen wissen. Project. Was Bob Dylan also Das Ding wiegt schwer Woody Guthrie war, ist wie ein kleiner Backstein, Wainwright Charlie Poole: wenn man es öffnet, meint ein Medium, über das er man, in einem vergilbten auf seine alten Tage noch Tagebuch zu blättern. Und tatsächlich ist das Charlie- … und LOUDON WAINWRIGHT III., der einmal Kontakt aufnimmt mit den Geistern der LandPoole-Projekt nicht einihn soeben wiederentdeckt hat straße. High Wide & Handfach eine Doppel-CD mit some wäre aber nicht die beiliegendem Booklet, es handelt sich vielmehr um das Dokument der gelungene Hommage an einen vergessenen Begegnung zweier verwandter Seelen. Über die Pionier des Folksongs, ließe die Botschaft sich Grenzen von Raum und Zeit hinweg treten sie nicht zugleich in umgekehrter Richtung lesen. miteinander in Verbindung: auf der einen Seite Es sind ja – neben verdienten Mitstreitern wie Wainwright, der Patriarch, der als mittlerweile Produzent Dick Connette oder Chaim Tangereifter Herr der Lieder seinen eigenen Inspi- nenbaum – die eigenen Kinder und Kindesrationsquellen hinterherhorcht. Auf der an- kinder, die dem kargen historischen Material deren Poole, ein Herumtreiber aus den Zeiten Kolorit und Würze geben: Tochter Martha, der Großen Depression, der von seinem eige- Nichte Lucy, diverse Schwippschwager und nen Nachruhm nichts wusste und nichts wissen Angeheiratete mit dem ein oder anderen Inwollte – und sich ebendeshalb vorzüglich zum strumental- oder Vokalbeitrag, nicht zu verVorbild für alle Arten fahrender Sängersleut gessen Rufus, der verlorene Sohn und heutige Konkurrent um die Gunst des Publikums, der eignet. Es ist eine Begegnung im Spiegel der Lieder, auf Old And Only In The Way eine kongeniale die Wainwright mit ein wenig Hilfe von Freun- Zweitstimme beisteuert … So gesehen ist das Charlie-Poole-Projekt den und Familie heraufklingen lässt. Den Ramblin’ Blues interpretiert er, als wär’s sein eigenes auch eine Art erweitertes Familientreffen: Der Stück. Er schmettert die Ode auf das lose Le- Wainwright-Clan versammelt sich um den ben der Ragtime Annie und gibt mit viel schwar- Grabstein eines amerikanischen Gossen-Orzem Humor Awful Hungry Hash House, die pheus, um sein Lob zu singen und sich im Ballade von der Butter, die im Fass ranzig wird, selben Atemzug in seinen Songs weiterzuzeuweil morgen auch noch etwas Essbares im Haus gen. Ein Ende des Liedes ist, zum Glück für sein soll. Manchmal greift Wainwright das Alte Loudon und zum Trost des armen Charlie, einfach neu auf, manchmal spinnt er den Faden nicht abzusehen. The family that plays together dort weiter, wo Poole ihn fallen gelassen hat, stays together. indem er einen eigenen Song in dessen Geiste beisteuert – notgedrungen, denn viel ist nicht Loudon Wainwright III: bekannt über die Vita dieses Urvaters der High Wide & Handsome. Tramps. Man weiß, dass er in North Carolina The Charlie Poole Project, 2 CDs wirkte, mit Mühe ein Stoppschild lesen konn- Charlie Poole: The Essential Charlie Poole, 4 CDs te, man weiß, dass er das Banjospiel auf einem Instrument für 1,50 Dollar erlernte und dass Beide Proper Records/Rough Trade

iccolò Paganini ist ein Zugabenkönig. Einen Violinabend mit seiner berühmten Caprice Nr. 24 als Rausschmeißer zu beenden, ist immer ein sicherer Erfolg. Die staunenden Ahs und Ohs des Publikums sind dem Stück gleichsam einkomponiert – wenn der Geigenbogen schaukelnd wie ein Schiff auf hoher See souverän durch die Akkordzerlegungen pflügt, wenn die Pizzikati prasseln und die Flageoletts zur Saaldecke schweben. Der Virtuose meistert das scheinbar Unmögliche. Und der Zuhörer verlässt das Konzert in der Zuversicht, dass es um die Welt nicht ganz schlecht bestellt sein kann, so lange der Mensch solches zu vollbringen vermag. Paganini hat 24 Capricen geschrieben, es sind minutenkurze, musikalisch eher simpel gebaute Stücke, die jeweils einer technischen Höchstschwierigkeit gewidmet sind. Nur wenige von ihnen hört man im Konzertsaal, die meisten fristen ein Dasein als Etüden- und Prüfungsmaterial für Studenten. Sie klingen dann nach Übeschweiß und zähem Sichabmühen, es haftet ihnen etwas Streberhaftes an. Der österreichische Geiger Thomas Zehetmair aber führt die 24 Paganini-Capricen komplett als Werkzyklus im Konzert auf und hat sie nun (bereits zum zweiten Mal) auf CD eingespielt. Schon wenn er den Bogen zur Caprice Nr.1 ansetzt, mischt sich ein irritierendes Schmirgeln und Knirschen in seinen Ton, das sich durch die gesamte Aufnahme zieht. Wäre Zehetmair noch ein Student, würde der Geigenprofessor sofort mit dem Ölkännchen herbeieilen, um das Quietschen in den Scharnieren zu beseitigen. Denn das gängige PaganiniIdeal verlangt bis heute nach Makellosigkeit, nach einem ungefährdeten, triumphalen Ton, wie ihn Jascha Heifetz am brillantesten beherrschte. Davon aber will Zehetmair nichts wissen. Er profiliert sich nicht als Schöntuer. Er meidet konsequent alles jubilierend Glatte und lässt keine Honigsüße aus den Terz- und Sextparallelen tropfen. Ihn interessiert vielmehr das Gefährdete, das Waghalsige und Krankhafte, das in den Stücken rumort. Zehetmair entdeckt den Verzweiflungston in den Capricen: Hier improvisiert ein Getriebener berserkerhaft gegen eine große Leere an. Man kann es in den zeitgenössischen Berichten überall nachlesen: Paganini war keine gloriose Lichtgestalt des Virtuosentums, sondern ein Schmerzensmann, eine gequälte Kreatur, ein Freak. Als spindelig dürr, »hoch wie ein Galgen« wird seine Silhouette beschrieben, von Qecksilberkuren gegen die Syphilis war sein Körper gespenstisch ausgemergelt. Totenbleich, mit zahnlos eingefallenem Mund und schlurfendem Gang betrat er die Bühne. Der Kritiker Ludwig Rellstab vernahm nach

PAGANINI – eine Karikatur von 1831

»und im Augenblick, wo man sich unwillig abwenden möchte, hat er deine Seele schon wieder mit einem goldenen Faden umschlungen und droht sie dir aus dem Leib zu ziehen.« Ähnliches lässt sich von Zehetmairs Interpretation sagen. Er setzt dem Virtuosentum die gezackte Wahnsinnskrone auf. Er überdreht die Tempi, die Springbogenexzesse rückt er in die Nähe des surrealen Gefuchtels, die hohen Töne pfeifen wie vom Jenseits her. Was nicht bedeutet, dass Zehetmair die Stücke nicht bewältigt, im Gegenteil: Vielleicht hat er zu lange in sie hinein- und durch ihren oberflächlichen Glanz hindurchgehört. Beim Lob des Virtuosen wird gerne das Bild vom Artisten unter der Zirkuskuppel bemüht. Der Blick auf den Solisten ist dann ein bewundernder, von unten nach oben, vom dicht besetzten Rund hinauf in die atemberaubende Höhe des Könnertums. Zehetmair aber dreht mit seinem Paganini-Spiel die Perspektive um: Er zeigt, wie der Solist mit weit aufgerissenen Augen von oben hinabschaut – in den gähnenden Abgrund. Seine Interpretation stellt die Gefährung und die Einsamkeit unter der Kuppel heraus. Die Flageolettpassagen lassen die dünne Luft erahnen, die dort herrscht, die Doppelgriffkaskaden haben etwas Taumelndes, der fadenfeine, expressive Ton lässt deutlich werden, wie nahe Gelingen und Katastrophe beieinanderliegen. Den Capricen kommt in Zehetmairs Interpretation das Hoffnungsfrohe abhanden, das doch eigentlich an die Vorführung instrumentaler Trapeznummern geknüpft ist: Das Versprechen, dass der Virtuose die Gesetze des Irdischen außer Kraft setzen und alle Grenzen überschreiten kann. Niccolò Paganini war zu Lebzeiten eine Figur, wie geschaffen für die Fantasien der schwarzen Romantik: Man lauschte ihm in dem festen Glauben, er stehe mit dem Satan im Bunde, er hinke, weil er einen Bocksfuß habe. Hartnäckig hielt sich das Gerücht, seine Geigensaiten seien aus den Gedärmen einer ermordeten Geliebten gesponnen. Im 20. Jahrhundert wurde der Virtuosenkult nicht mehr mit übernatürlichen Fähigkeiten in Verbindung gebracht, sondern vom Fortschrittsoptimismus der Moderne gespeist im Sinne des sportiven Schneller-Höher-Weiter oder des ToyotaWerbeslogans: »Nichts ist unmöglich«. Thomas Zehetmair, der vielleicht eigenwilligste Geigenheld unserer Tage, durchstreift die Welt des Virtuosentums wie ein ödes Niemandsland, in dem aller Übermut und alle Utopien verdorrt sind. Warm ums Herz wird einem beim Hören dieser Paganini-Capricen nicht. Niccolò Paganini: 24 Capricen Thomas Zehetmair (Violine), ECM 2124

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Im legendären Berliner Konzert des 82-jährigen WLADIMIR HOROWITZ wird Virtuosität endgültig Nebensache

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BAD LIEUTENANT sind verdiente britische Pop-Veteranen, die unter neuer Flagge noch einmal in See stechen

Am Ende der Suche

Nase im Wind

Gewisses Knistern

bhängigkeitserklärung, Declaration Of Dependence, ist ein so pathetischer wie paradoxer Plattentitel, einerseits auf eine historische Befreiung verweisend, andererseits sie einem Wortwitz opfernd, denn Unselbstständigkeit verlangt nach keiner Deklaration, muss nicht erkämpft werden, kommt ohne große Worte aus. Damit wäre das Feld abgesteckt, auf das die Kings Of Convenience, die Könige der Bequemlichkeit, auch mit ihrem dritten Album zielen: die urbane Melancholie zwischen der Sehnsucht des Individuums nach mehr Freiheit und der Erkenntnis, dass das erreichte Maß schon kaum noch zu beherrschen ist. Da wird Mrs Cold besungen, die so hart sein kann, aber nun hat sie Pech gehabt, »you waited too long / you should have hooked me / before I put my raincoat on«. Über eine andere Amazone heißt es, »sie wird bald weg sein, dann kannst du mich für dich haben, aber lass mich heute noch, sonst verschreckst du mich«. Manches Lied singt der beste Freund oder der Paartherapeut – Declaration of Beziehungskiste. Aber gut gemacht, sehr, sehr gut gemacht. Diese zwei Norweger können ja nichts für das moderne Leben, das sie ihrem europäischen Publikum ablauschen. »Wir alle möchten bedingungslos verstanden werden«, wird da eben noch gesungen; Sekunden später »betonen wir unsere Unterschiede«, und »wir kämpfen unsere Kämpfe allein«. 13 Balladen in 45 Minuten, zweistimmig-einstimmig zur akustischen Gitarre vorgetragen, Melodien zwischen dunklem Folk und frohem Bossa, und immer geht es um die Welt, das Gefühl, das Gegenüber, das so schwer zu erobern, zu fassen, zu halten ist. Mit dem ebenso paradox-pathetischen Quiet Is The New Loud betraten Erlend Øye und Eirik Glambek Bøe vor acht Jahren die Bühne. Ihre subtile Kunst knüpft an Simon and Garfunkel an, lässt sie aber weit, weit hinter sich. Norwegen ist das neue Amerika, wenn Zweisamkeit die neue Einsamkeit ist. Pop kann Europa inzwischen selber, aber es nützt einem nichts, man bleibt gefangen in der eigenen Unzulänglichkeit. Zum Glück kann man immer noch Platten hören und, ja, Schach spielen. An einem warmen Strand sieht man die beiden skandinavischen Antihelden auf dem Coverfoto sitzen, unter einer Palme klampfend, in die Ferne schauend, Brett und Figuren griffbereit, bis eben haben sie noch kombiniert, sich gelegentlich matt zu fühlen, das gehört dazu. ULRICH STOCK

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as ist Wladimir Horowitz nicht alles gewesen? Für die amerikanische Kritik war der 25-Jährige 1928 »ein Tornado der Steppe«, später mutierte er zum »Hypervirtuosen« oder »Zauberkünstler«, zum »Überpianisten« und zur »Legende zu Lebzeiten«, wahlweise auch zum »Rattenfänger«. Und »der letzte Romantiker« am Klavier war Horowitz ohnehin. In die grenzenlose Bewunderung mischte sich immer wieder auch Skepsis über das Exzentrische, Manieristische und Zirzensische seiner Kunst, der – leicht akademische – Verdacht des nicht ganz Seriösen. War man nicht fast erleichtert, wenn sein Beethoven, mehr noch sein Mozart anfechtbar gerieten? War der Manegenstar nicht allzu leichtfertig bereit, musikalischen Tiefsinn an die donnernde Opulenz technizistischer Bravour-Piècen zu verraten? Doch die wahre Kunst des Wladimir Horowitz lag in anderen Bereichen, weit jenseits der mit bestürzender Sicherheit hingefegten Arpeggien und Skalen. »Man geht nicht durchs Leben, um Oktaven zu spielen«, meinte er, bevor er sich 1953 für zwölf lange Jahre (und nicht zum letzten Mal) vom Konzertpodium zurückzog. Bei aller Lust an Virtuosität und Brillanz war Horowitz doch auch ein Zweifler und neugieriger Tüftler, ein Leben lang auf der Suche nach Farben, Nuancen, Schattierungen – und ja, nach der Seele der Musik. Es mag nostalgisch klingen, doch vielleicht ist diese Suche beim alten Horowitz auf berührende Weise an ihr Ziel gelangt. Die jetzt mit allen Moderationen auf CD veröffentlichte Rundfunk-Liveübertragung des Berliner Konzertes vom 18. Mai 1986 jedenfalls legt diesen Schluss nahe. Die manuellen Fähigkeiten des 82-Jährigen sind, ungeachtet einiger Fehlgriffe, vor allem in Schumanns Kreisleriana immer noch verblüffend. Wesentlicher aber ist der Gestus von Verinnerlichung und Reduktion, Nachdenklichkeit und Poesie, der dieses Konzert hörbar bestimmte. Der geliebte Scarlatti wird zum barocken Melancholiker, Chopin singt bei aller stolzen Eleganz insbesondere von Nachtschwärze und Tragik. Kongenial legt Horowitz die Spiritualität des wesensverwandten Skrjabin offen, versenkt sich in die verhaltene Trauer Rachmaninows, verliert sich in Schumanns poetischer Fantasie. Virtuosität ist endgültig Nebensache, unwichtig. Was nicht heißt, Horowitz habe 1986 nicht mehr mit ihr kokettiert. OSWALD BEAUJEAN

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Kings Of Convenience: Declaration Of Dependence (Virgin/Source)

Horowitz. Das legendäre Berliner Konzert. 18. Mai 1986 (Sony Classical 88697573532)

Bad Lieutenant: Never Cry Another Tear Triple Echo/Cooperative Music/Universal

Beethoven/Britten: Violinkonzerte Janine Jansen (Violine), London Symphony Orchestra, Deutsche Kammerphilharmonie Bremen, Ltg.: Paavo Järvi Decca 478 1530

ls Musiker erinnert Bernard Sumner an den Fliegenden Holländer: Auf ewig ist er dazu verdammt, die endlosen Wellengebirge der Popmusik zu befahren. Nach Joy Division, deren Steuermann Ian Curtis abrupt von Bord ging, und New Order, die sich vor zwei Jahren auflösten, sticht er mit seiner neuen Band Bad Lieutenant in See. Während der Kapitän des verfluchten Geisterschiffs allerdings nach der wahren Liebe sucht, forscht Sumner ähnlich verzweifelt nach dem perfekten Popsong. Mit Never Cry Another Tear geht das Projekt, für das neben Stephen Morris und Phil Cunningham (Ex-New-Order) Blur-Bassist Alex James angeheuert hat, dort an Land, wo dereinst der Gitarren-Pop erfunden wurde: an der Westküste der USA Ende der sechziger Jahre. Im ansonsten eher schlichten Videoclip zur Single Sink Or Swim, durch den unbeholfen wie ein Betrunkener ein sichtlich ergrauter Sumner torkelt, kommen genau jene halb akustischen Rickenbacker-Gitarren zum Einsatz, mit denen die Byrds damals den kalifornischen Sommer in Songs gossen. Der flirrende West-Coast-Sound wird mit dem parallelen Einsatz von bisweilen gleich drei dieser Instrumente heraufbeschworen – und zieht sich wie ein kleinster gemeinsamer Nenner durch das ganze Album, unterstützt von vielstimmigem Harmoniegesang. Abgeschafft sind dagegen jegliche modernen Hilfsmittel wie die elektronischen Rhythmen, mit denen New Order ihren Brit-Pop so lange auf der Höhe der Zeit zu halten verstanden, ganz zu schweigen von der suizidalen Grundstimmung von Joy Division. Stattdessen setzen Sumner und seine neue Mannschaft die Segel, lassen sich den heißen Wind aus Süden um die Nase wehen und suchen in jedem Hafen nach den melancholischen Spuren verflossener Liebschaften. Während die Gitarren wimmern und klagen, fleht Sumner gleich im Eröffnungssong ein Alter Ego an, besser die Finger zu lassen von der Liebe, weil doch bloß ein gebrochenes Herz auf den Seefahrer wartet: »Doesn’t know where he’s coming from / Reaching perfection takes too long«. Zeilen, die sich natürlich auch als Eintrag ins Logbuch von Bad Lieutenant lesen lassen: Der verfluchte Holländer geht mit 53 Jahren noch einmal auf große Fahrt. Wohin sie ihn führen wird, weiß niemand. Der perfekte Popsong allerdings, das hat er gelernt, ist eine Suche ohne Wiederkehr. THOMAS WINKLER

erkannt worden sind sie beide, da ging es Beethovens Violinkonzert nicht besser als Benjamin Brittens einzigem Versuch in diesem Genre. Höflich und nicht gänzlich unbeteiligt immerhin nahm das New Yorker Publikum bei der Britten-Uraufführung durch den Dirigenten John Barbirolli und den Geiger Antonio Brosa 1940 zur Kenntnis, was in der Seele des jungen Engländers alles vor sich ging (es waren, unter anderem, die Kämpfe des Spanischen Bürgerkriegs). Der Geiger Franz Clement entschied bei der Wiener Beethoven-Uraufführung, dass es dem Bonner Komponisten deutlich an Showtalent mangele, und schmuggelte eine eigene Revuenummer zwischen die Sätze: Er hielt das Instrument einfach verkehrt herum, während er zur Gaudi aufspielte. Beethovens Violinkonzert ist rehabilitiert, Brittens Werk weniger: Kaum zu erklären, dass jede der raren Aufführungen vom Seufzer »Schade, dass wir es nicht öfter hören« begleitet wird, das Stück dann aber wieder jahrelang auf eine Chance warten muss. Der Niederländerin Janine Jansen und dem London Symphony Orchestra unter Paavo Järvi ist Brittens Violinkonzert ein Herzensanliegen. In der langen Kadenz des zweiten Satzes, die hin zur finalen und ziemlich finsteren Passacaglia führt, erfühlt Jansen über die technische Makellosigkeit hinaus das vielleicht wichtigste Wesensmerkmal von Brittens Musik: Bei aller Passion ist sie an einer Überwältigung des Hörers nicht interessiert. Selbst in größter Verzweiflung bleibt der Duktus des Erzählens ein wenig distanziert. Britten behandelt den Krieg, aber es ist keine Agitation spürbar, sondern zuerst einmal große Nachdenklichkeit. Anders als Lisa Batiashvili, die zuletzt als Dirigentin und Solistin gewissermaßen aus der Mitte der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen heraus Beethoven verstanden hatte, setzt Janine Jansen bei der Interpretation des D-Dur-Konzerts auf Abstand zwischen dem fast vibratolosen Spiel der Bremer und ihrer eigenen, leicht romantisierenden Auffassung. Aber da beißt sich nichts, es knistert nur angenehm, zumal Jansen nach einigem Überlegen auch noch die Kadenz von Fritz Kreisler gewählt hat. Gleichwohl: Benjamin Britten ist auf dieser CD das eigentliche Ereignis. MIRKO WEBER

Foto (Ausschnitt): Luciana Val & Franco Musso/EMI France

Foto (Ausschnitt): Joel Chester Fildes/Cooperative Music

Foto (Ausschnitt): Klemens Beitlich/Sony Music

Foto (Ausschnitt): EMI

THE KINGS OF CONVENIENCE aus Norwegen sind die Troubadoure der modernen Melancholie

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JANINE JANSEN hat das viel zu selten gespielte Violinkonzert von Benjamin Britten für sich entdeckt

Foto (Ausschnitt): Felix Broede

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AIR holen die Leichtigkeit in den French House zurück, die ihm tanzwütige Epigonen ausgetrieben haben

Tai Chi der Seele

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aum zu glauben, dass es erst elf Jahre alt ist: Moon Safari, das Schlüsselalbum des gut gelaunten Synthie-Pops. Eine gefühlte Ewigkeit hält seine Wirkung auf die elektronische Gegenwart bereits an. Ebenso lang rackert sich das französische Duo Air an einem Nachfolger ab. Mit wem haben JeanBenoît Dunckel und Nicolas Godin nicht alles gearbeitet auf den sechs Folgealben: Françoise Hardy, Thomas Mars von Phoenix, selbst Beck. Doch nie kam er zurück, dieser traumwandlerische Ursound, das unbeschwert Mäandernde scheinbar zielloser Raumklänge. Bis jetzt. Love 2 holt jene vertrackte Leichtigkeit zurück in den French House, die ihm tanzwütige Epigonen von Justice bis Mylo ausgetrieben hatten. Vor ihnen bildeten Air eine Art Ruhepol des technoiden Mainstreams auf dem Weg ins neue Millennium. Nun tragen sie ein bisschen davon in dessen zweites Jahrzehnt. Zwölf Stücke voller Atari-Samples, Streicherteppiche und Rockelemente, jedes für sich eine kompositorische Wundertüte, die eigentlich zu kompliziert wäre zum flüchtigen Hören – und die uns zum flüchtigen Hören Verdammte doch sanft in den Sessel zieht, so gefällig klingen all die Pianokaskaden, Gesangsrinnsale, Blockflötentropfen zu Moog und Vocoder … Wie zu den Glanzzeiten von Air enthebt Love 2 den Text von jeder Verpflichtung zum Sinn und den Sound von aller Schwere. You Can Tell It To Everybody heißt das vorletzte Stück, und Dunckel singt davon, was da alles jedem erzählt werden soll, ohne je konkret zu werden: »There is something going on between us«. Tatsächlich, es geht was vor zwischen Air und ihrem Publikum, doch was da so fesselt, bleibt seltsam unerklärlich. Man spürt nur, dass die Knoten sanft genug geknüpft sind, um ein Gefühl von Zwang gar nicht erst aufkommen zu lassen. Air wirken wie eine Physiotherapie, die den Körper Wirbel für Wirbel lockert, oder aber wie ein Kampfsport, bei dem die Kämpfenden den Kampf vergessen haben – insgesamt mehr schwingendes TaiChi als das hektische Jiu-Jitsu elektronisch Artverwandter. Weil der Planet bald untergeht, »sollten wir uns möglichst viel amüsieren«, erklärt Nicolas Godin das Stück Do The Joy und nennt die anregende Mixtur aus Hardrock, House und Captain Future-Sounds »unseren Öko-Song«. Nein, von Tiefgang kann man wirklich nicht sprechen. So angenehm aber war heiße Luft selten. JAN FREITAG Air: Love 2 (EMI)

Fotos: Angelo Antolino für DIE ZEIT/www.angeloantolino.com; Eric Vandeville/Gamma/laif (u. l.)

REISEN

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LIEDERMACHER Canio Loguercio singt über Essen und Sex. Mosaik von Luigi Ontani in der U-Bahn Station Materdei. Die Via dei Mille, Neapels elegante Einkaufsstraße

Hunger nach Kunst Lichtinstallationen in der U-Bahn, ein Museum für Plastik und geflüsterte Lieder: Das neue Neapel lacht über seinen schlechten Ruf VON BIRGIT SCHÖNAU

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Neapel Anreise: Airberlin fliegt von allen großen Städten nach Neapel. Alitalia über Paris und Mailand. Von Rom aus fährt ein Schnellzug (www.ferroviedellostato.it) mehrmals am Tag nach Neapel, er braucht circa 90 Minuten Unterkunft: Ein neapolitanischer Palazzo mitten in der Altstadt – ganz modern: Palazzo Decumani, Piazzetta Giustino Fortunato 8, Tel. 0039-081/420 13 79, www.palazzodecumani.com. DZ ab 130 Euro Essen: Neapels Traditionscafé im Künstlerviertel an der Piazza dei Martiri: La Caffettiera, Tel. 0039-081/764 42 43 Metro Neapel: Die Linien 1 und 6 sind Kunst-Linien. www.metro.na.it Museen: Madre. Neapels großes Museum für moderne Kunst, 2005 eröffnet, befindet sich unweit der Metrostation Cavour und hat revolutionäre Öffnungszeiten. Via Settembrini 79, Tel. 0039-081/19 31 30 16, www. museomadre.it. Geöffnet täglich außer Di 10–24 Uhr Plart. Das Plastikmuseum liegt an der Via Martucci 48, Metrostation Piazza Amedeo, Tel. 0039-081/19 56 57 03, www.plart.it. Geöffnet Di–Fr 10.30–13 und 15–18 Uhr Museo Archeologico Nazionale. Wandmalereien aus Pompeji, Alexanderschlacht-Mosaik und Herkules der Sammlung Farnese, eines der schönsten archäologischen Museen der Welt an der Haltestelle Museo der Metrolinie 1 mit Werken des Fotografen Mimmo Jodice. Piazza Museo 19, Tel. 0039-081/44 01 66. Geöffnet täglich außer Di 9–20 Uhr Auskunft: Italienische Zentrale für Tourismus, Tel. 069/23 74 34, www.enit-italia.de

er Bauch von Neapel ist hell, bunt, sauber und sogar ruhig. Eine konzentrierte Stille umhüllt seine Bilder, Installationen, Objekte. Dazwischen fährt pünktlich und beinahe lautlos die U-Bahn, Passagiere bewegen sich hektisch, aber ohne zu drängeln, durch all die Kunst, mit der Neapels Bauch fast so verschwenderisch ausgestattet ist wie die Stadt oben. Nur dass oben das alte Neapel steht. Und unten, quasi im Verborgenen, wächst das neue. Im alten Neapel gibt es mittelalterliche Kirchen und Burgen, großzügige Plätze und enge Gassen mit Palazzi in den Farben der Sonne: Korallenrot und orangegelb. Es gibt den weltberühmten Blick auf das Meer und den Vesuv und Königsschlösser mit den Schätzen, die Eroberer in 2700 Jahren Stadtgeschichte geschaffen und gesammelt haben – angefangen von den alten Griechen über die Staufer, die Franzosen, die Spanier. Berüchtigt ist die Stadt jedoch als von der Camorra beherrschter Moloch. Wer an Neapel denkt, hat stinkende Müllberge vor Augen, die eine jahrtausendealte Kultur unter sich begraben. Der letzte große Abfallnotstand war vor anderthalb Jahren. Für die meisten Touristen ist Neapel bis heute nur eine Gruseletappe auf dem Weg nach Ischia, Capri und Amalfi. Doch wer für diesen quicklebendigen ImageKadaver ein bisschen mehr übrig hat als die übliche Schrecksekunde, fährt am besten erst einmal eine Runde U-Bahn. Vielleicht sogar den ganzen Tag, von einer Haltestelle, von einer Kunststation zur anderen, um irgendwann die bedrohliche Stadt im eigenen Kopf zu vergessen. Die einzigartige Galerie gibt es seit 2002, die Arbeiten von 90 Künstlern, teilweise ITALIEN weltberühmt, werden hier ausgestellt, und sie soll noch größer werden. Rom Auch die Bahnhöfe in der Peripherie bekommen Bilder. Neapel Neapel Die neue Station Monte Sant’Angelo am westlichen Stadtrand wird der angloindische Bildhauer Anish Kapoor gestalten. Den Eingang plant Kapoor als roten Schlund, der die Fahrgäste aufnehmen soll wie der Krater eines Vulkans. Heute ist davon noch nichts zu sehen. Es gibt genug andere Werke in der großen Kunstausstellung Metropolitana, für die man immer wieder retour fahren möchte: Für das Foto Duemilauno von Donatella di Cicco an der Haltestelle Rione Alto zum Beispiel, ein Mann schließt seinen roten Fiat vor einem Berg von Schrottautos ab. Oder für Joseph Kosuths neonhelle Licht-

installation Die unsichtbaren Dinge in der Station Dante, die die bekannte Architektin Gae Aulenti entworfen hat. Oder für Sol LeWitts bunte Farbraster in den Wall Drawings in Materdei. Über den Rolltreppen verwirrt dann ein wandfüllendes Mosaik von Luigi Ontani die Sinne: Schwimmer und Sirenen im türkisfarbenen Meer. Ist das der Ausgang aus dem Bauch einer Stadt, oder wollen einen die Nixen gleich wieder runterziehen in die Wasser des Golfes? Oben geht es dann erst einmal noch ein bisschen weiter mit der Kunst. Den Platz über der Station Materdei umrahmen große Keramikbilder, eine Mosaikpyramide und Kunststoffreliefs voller Fabelwesen. Die Neapolitaner haben darauf ihre eigenen Graffiti hinterlassen, große Herzen mit »Ciro und Titty«. Sofort stellt man sich die beiden vor, Ciro und seine Concetta oder Giuseppina, wie sie sich auf einem Keramikbild mit einer großen Sonne verewigen und dann die Via Leone Marsicano weiterflanieren, an deren Ende ein bronzener Richter in blauer Toga steht. Aus seinem Kopf wächst ein großer, rotbunter Karpfen. Carpe Diem heißt diese Skulptur von Luigi Serafini, ein Wortspiel aus carpe, Karpfen, und dem lateinischen »Ergreife den Tag«. Der Richter steht zwischen Gründerzeithäusern unter Palmen mit Blick auf Gärten mit Rosen, Magnolien. Am Horizont liegt das glitzernde Meer. Man ist auf einem bürgerlichen Hügel über der Altstadt gelandet, zwei Haltestellen von der zentralen Piazza Dante entfernt, wo Neapel wieder wie Neapel aussieht: hektisch, chaotisch und bunt. »Gott, wie das stinkt!«, ruft eine Frau mit süddeutschem Akzent. Sie kann sich gar nicht wieder beruhigen, so erregt ist sie, so angeekelt: »Diese Stadt stinkt entsetzlich!« Ja, Neapel hat Eigengeruch. Diese Stadt ist nicht aseptisch. Wenn ihr Bauch einen wieder ausgespien hat, riecht sie nach Katzenkot und Urin, nach feuchtem Pflaster aus Lavasteinen des Vesuvs, nach salziger Meeresbrise, nach Abgasen, Sugo mit viel Knoblauch, starkem Kaffee. Und nach dem eigenen Angstschweiß. Früher verlieh die Stadtverwaltung Rolex-Uhren aus Plastik, wenn man die echten im Hotelsafe ließ. Heute kann man Haftentlassene als Stadtführer mieten. Es ist ein Geschäft mit der Gruselfolklore, auf Gegenseitigkeit sozusagen. Ein bisschen absurd, ziemlich grotesk, auch so ist Neapel. Das Treiben auf der Via Toledo, die von der Piazza Dante in Richtung Hafen führt, wirkt wie eine große, grelle Installation mit dem Titel »Napoli, Hauptstadt der Übertreibungen«. Vor den Geschäften entlang der breiten Straße ist eine zweite Ladenzeile entstanden, mit fliegenden Händlern, die auf ihren Klapptischen CDRaubkopien und bunte Nippesfiguren, gefakte

Handtaschen, Kleider und knallige Sonnenbrillen feilbieten. Die von den Spaniern erbaute Flaniermeile verläuft zwischen legal und illegal, Mode und Kitsch, Luxus und Trash. Mitten auf dem Bürgersteig kniet ein junger Mann mit dramatisch erhobenen muskulösen Armen, drei wollige Hunde effektvoll um sich drapiert. Als wäre es ein Frühwerk von Caravaggio. Oder nehmen wir ein Zeug wie Plastik, das in Form von leeren Flaschen und alten Tüten die Meerespromenade überzieht. In der Via Martucci hoch über der Hafenstation Mergellina ist Plastik Kunst und hat sogar ein eigenes Museum, das

Liebesnester Wo Queen Victoria mit ihrem Diener verweilte, wo Liebeslernbetten zum Alltag gehören und wo die Argentinier heiße Stunden verbringen – in einem 60-seitigen Sonderheft stellen wir in der kommenden Woche wildromantische Hotels vor

Plart. Es liegt nicht weit von der Via Toledo versteckt in einer Straße mit hohen Wohnpalazzi, schicken Bars und Handwerksbetrieben. Man muss klingeln, um hereingelassen zu werden, überquert einen Innenhof mit exotischen Grünpflanzen. Und wundert sich dann schon nicht mehr, dass sich auch dieses Museum im Keller befindet. »Wir haben im Frühjahr 2008 eröffnet und sahen bald nichts mehr außer Müll«, sagt Pina di Pasqua, eine junge Kunsthistorikerin, die durch die Plart-Sammlung führt. Müll vor den Fenstern, bis in den ersten Stock des Hauses. »In diesem Herbst atmen wir zum ersten Mal nach langer Zeit auf.« Das Museum zeigt Alltagsgegenstände und Designmöbel, außerdem Mode, demnächst kommt eine Kammsammlung aus Mailand. »2000 Stücke«, sagt Pina di Pasqua stolz. Alle aus Kunststoff. Di Pasqua kann richtig schwärmen vom Plastik. Wie vielseitig es sei, wie sensibel. »Dabei steckt die Restauration noch in den Anfängen.« Im Plart liegt das einzige Forschungszentrum in Italien. Wo auch sonst? Plastik ist allgegenwärtig in dieser gigantischen Stadtlandschaft mit ihren mehr als vier Millionen Einwohnern, als Müll, als Kunst, als Trash auf den Tischen der Straßenhändler aus Nigeria. Auf der Via dei Mille, Neapels edler Einkaufsstraße, zeigen Neapolitanerinnen stolz ihre runderneuerten Plastikbrüste. Von einem Jungen, der ein Geschäft mit feiner Wäsche betritt, sieht man nur den Rücken. Auf dem steht: »Mafia made

in Belgium«. Das ist schick in Neapel: selbstironisches Spiel mit den Klischees. Auch Canio Loguercio beherrscht dieses Spiel. Der Poet und Liedermacher hockt an der Piazza dei Martiri in dem Keller einer Buchhandlung, jawohl, und stellt seine neuen Songs vor. Er trägt heute total black und Sonnenbrille, von seinem hageren Gesicht sieht man nur den breiten, dünnlippigen Mund. »Geflüsterte Lieder« heißt die Veranstaltung, aber es wird dann doch ziemlich laut. Loguercio hat kleine Rasseln im Publikum verteilt. Das Publikum, Graue und Junge, Kinder und Hunde, stapelt sich die Treppe hoch. Alle rasseln, die Hunde kläffen, und Loguercio scheppert dazu mit seiner Metallstimme auf Neapolitanisch. Er übersetzt: Es geht um Essen und Sex, die großen Menschheitsthemen. Sex und Essen, vielleicht kennt keine andere Sprache so viele Wörter dafür. Er singt sie daher, dunkel und sinnlich. »Neapolitanisch ist die Sprache der Leidenschaft«, ruft der Sänger. Das wird schon stimmen. Nach der Vorstellung geben seine Zuhörer die Rasseln ab und ziehen zum Aperitif auf die Piazza. Aperitif! So etwas gab es früher nur in Turin oder Mailand, jetzt ist der aperitivo auch in Neapel angekommen, die Reise nach Süden hat ihn üppiger gemacht. In der Traditionsbar La Caffettiera werden zum Greco di Tufo, einem Wein aus alter Griechentraube, frittierte Curry-Teigbällchen serviert. Es ist eine Mischung aus Napoli und Indien, neu und sehr gut. Elegante Damen in engen Kostümen und mit frischen Langhaarfrisuren stürzen sich darauf, Anzugmänner in braunen Nachmittagsschuhen gestikulierten mit den Bällchen in ihre Handys. Ja, Neapel kann trendy sein und urban sowieso, Provinz war hier nie. Doch wenn der Aperitif langsam ins Abendessen übergeht und wenig später die Nacht heraufzieht, wird Neapel düster und leer. Wie ausgestorben wirkt die eben noch so lebendige Innenstadt. Die U-Bahn steht still. 59 CamorraMorde gab es im vergangenen Jahr. Man hat schlimmere Zeiten erlebt, aber nachts bleiben auch Neapolitaner lieber zu Hause. Der Morgen kommt dann wieder strahlend und lärmend. In Forcella, dem alten Herzen Neapels, werden Wäscheleinen gezogen. Eigentlich waren die längst eingemottet. Wer will schon den Nachbarn seine Unterwäsche zeigen? Das ist auch in Neapel nicht mehr so richtig modern. Aber die Schauspielerin Julia Roberts brauchte die Kitschkulisse für ihren neuen Film Eat, Pray, Love. Essen, beten, lieben. Roberts’ Regisseur Ryan Murphy hat die Hausfrauen von Forcella gebeten: »Spannt Wäscheleinen. Tut’s für Hollywood.« Forcella zierte sich nicht lange. Ein bisschen Klischee tut doch nicht weh, und außerdem hat man hier Sinn für Fortsetzung auf Seite 74

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Wo Ost und West sich gern hatten

Hunger nach Kunst Fortsetzung von Seite 73

a www.zeit.de/audio

Das Collegium Hungaricum in Berlin erinnert an die deutsch-deutschen Sommerferien am Balaton VON STEFANIE FLAMM

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Fotos: Collegium Hungaricum Berlin

Theatralik. Mittendrin in Forcella ruhen die Reste des Stadtheiligen San Gennaro in einer Tonvase unter dem Hauptaltar des Doms. Ein Silberreliquiar mit seinem eingetrockneten Blut steht in einer barock überladenen Seitenkapelle. Dreimal im Jahr verflüssigen sich Gennaros Blutstropfen – das ist sein Blutwunder, sein Geschenk an die Stadt. Beim letzten Mal, im September, gab es eine heiße Debatte um die Frage, ob die Gläubigen in diesen Schweinegrippe-Zeiten das kostbare Ampullen-Reliquiar küssen dürften. Nun, Gennaro blutete wie immer, und es wurde geküsst. Neapel ist auch Inbrunst. In Neapel heißt das 2005 eröffnete Museum für moderne Kunst tatsächlich Madre, Mutter. Es liegt direkt hinter dem Dom. Der Weg dorthin führt durch die engen Gassen von Forcella. Auf knatternden Vespas fahren Mütter ihre Kinder zur Schule. Die Kleinen tragen blaue Kittel, aber keinen Helm. An einem Madonnenaltar längs der Straße ist die Neonröhre defekt und blinkt hektisch, auf einem Gullyrost liegen faulende Tomaten, matschige Weintrauben und eine tote Taube wie zu einem Stillleben vereint. Unübersehbar die Armut in den heruntergekommenen Häusern mit ihren bassi, den typischen Einraumwohnungen im Erdgeschoss. Das Viertel war lange gefürchtet als Herrschaftsgebiet der Camorra, Clans wie die Giuliano und die Mazzarella bestimmten über Wohl und Wehe, Leben und Tod. Heute zeigen sich im Museum das neue Forcella und das neue Neapel. Zum Komplex gehört die mittelalterliche Kirche Donnaregina Vecchia. Neu heißt in Neapel nie geschichtslos. Während im Madre abstrakte Bilder die Argonautensage interpretieren, reichen ein paar Schritte ins nahe gelegene Archäologische Nationalmuseum, und schon hat man den direkten Vergleich: den Argonautenführer Jason und seine Frau, die Kinder verschlingende Monstermutter Medea, auf 200 Jahre alten Fresken aus Pompeji. Im Madre kann man Rebecca Horns Totenkopf-Installation anschauen – Bronzeschädel, die sich in Kosmetikspiegeln zu betrachten scheinen – oder aus dem Fenster in einen Innenhof blicken. Die abblätternde Fassade, die zugemauerten Fenster und verdorrten Blumen sind ebenfalls ein perfektes Memento mori. Drinnen und draußen, gestern und heute sind Kategorien, die im Gesamtkunstwerk Neapel aufgehoben sind. »Neapel ist ein Wesen an der Grenze«, sagt Eugenio Tibaldi, der mit seinem Motorrad vom Atelier am Stadtrand ins Madre gekommen ist, um über seine Projekte zu reden. »Die Grenze verläuft zwischen Legalität und Verbrechen, Stadt und Moloch, Ordnung und Chaos. Die ständige Gratwanderung macht Neapel zu einem der besten Orte für Kunst.« Tibaldi, 32, schwarze Locken, wilder Bart, zog vor zehn Jahren aus seiner Heimat Piemont nach Neapel, »weil ich in Italien keine Stadt kenne, die mich mehr inspiriert«. Berge von Autoreifen, die Reklametafeln in der Peripherie oder die Außentreppe, die sein Nachbar illegal ans Haus baute – all das findet sich wieder in seinen Installationen. Sein neuestes Projekt heißt Public Line. Auf einem 32 Meter langen Leporello hat Tibaldi die »Public Line« seiner Nachbarschaft gezeichnet: Bauzäune und Supermärkte, Gedenksteine für Camorra-Opfer, schwarze Mülldeponien und Häuser ohne Baugenehmigung, ein neapolitanisches Panorama, in Auftrag gegeben von einem neapolitanischen Mäzen. »Er wollte Miniaturen meines Leporellos anstatt der üblichen Zuckermandeln als Geschenk für seine Hochzeitsgäste«, sagt Eugenio Tibaldi. »So ist diese Stadt. Sie feiert sich selbst mit großen Gelagen.« Eat, pray, love? »Nein, eigentlich hungert sie nach Kunst.

Bilder aus dem deutsch-deutschen FAMILIENALBUM: Zwei Cousins, die sich erst im nächsten Sommer am Balaton wiedersehen werden (oberstes Foto), die Familien Szirmai und Heuser vor ihren Autos (zweites Foto), der alte Herr Liman und seine Schwiegertochter im Sporthotel von Tihany (unterstes Foto)

m Nachhinein ist das alles schon ziemlich irre. Da ist zum Beispiel Catrin-Sabine Lori, die Tochter eines hochrangigen Stasioffiziers, die im Sommerurlaub die abgelegten Klamotten der westdeutschen Ehefrau ihres westdeutschen Geliebten trug und sich freute, für eine Wessibraut gehalten zu werden. Oder die Fotografin Brigitte Szirmai, die am Strand die Familie ihrer vor vielen Jahren in den Westen ausgewanderten Freundin ablichtete und das Bild hinterher einem DDR-Schulbuchverlag als Musterbeispiel für die sozialistische Idealfamilie verkaufte. Auch der alte Herr Liman wirkt auf dem Erinnerungsfoto vom Treffen mit seiner westdeutschen Schwiegertochter eher wie ein generöser Gastgeber als wie der arme Ostopa, dem man an Weihnachten ein Päckchen Bohnenkaffee schickte. Am Balaton, dem riesigen See in der ungarischen Steppe, stand die Welt bis zur Wende auf dem Kopf. Hier verbrachten Ost- und Westdeutsche schon seit den sechziger Jahren gemeinsam ihren Sommerurlaub. Familien fanden für ein paar schöne Wochen wieder zusammen, deutsch-deutsche Freundschaften wurden geschlossen, Ehen gestiftet und, sicher, wurde hier auch Geschichte geschrieben. Nur handelt diese Geschichte nicht von großen Männern und ihren großen Fragen. Sie handelt von Urlaub, von der kleinen Freiheit, die sich die Menschen irgendwann auch im richtigen Leben nicht mehr nehmen lassen wollten. Als im Sommer 1989 mehr als 20 000 DDRBürger sich weigerten zurückzufahren und die ungarische Regierung sie gen Westen ziehen ließ, waren die Tage der deutschen Teilung gezählt. Es passt also, dass das Berliner Collegium Hungaricum den deutsch-deutschen Sommerferien im deutsch-deutschen Jubiläumsherbst eine große Ausstellung widmet. Die Idee dazu war dem Direktor János Can Togay gekommen, kurz nachdem er vor zwei Jahren die Leitung des neuen, direkt hinter der Humboldt-Universität gelegenen Kulturinstituts übernahm. Da hatten sich Ostler und Westler längst damit abgefunden, nicht besonders gut miteinander zu können. Es fehle die gemeinsame Erinnerung, hieß es. Doch was war mit dem Balaton? Hatten die Leute das alles vergessen? Togay suchte über Anzeigen in mehreren überregionalen Tageszeitungen nach Menschen, die vor der Wende dort gewesen waren und etwas zu erzählen hatten – und bekam auch ein paar Einsendungen. Dann berichtete die Berliner Zeitung über das Projekt, und plötzlich konnte der Direktor sich vor Zuschriften nicht mehr retten. Mehr als 30 ehemalige Balatonurlauber haben die Mitarbeiter des Collegium Hungaricum im Laufe des vergangenen Jahres dann zu »Zeitzeugeninterviews« geladen. Ihre Erzählungen, Fotos, Tagebücher und Videofilme hat der ungarische Medienkünstler Péter Forgács mit zeitgenössischen Kino- und Werbefilmen zu multimedialen Collagen zusammengeschnitten, deren kühle Ästhetik einen vergessen lassen soll, dass da auch aufseiten der Veranstalter eine ganze Menge Nostalgie mitschwingt. Schließlich erzählt die Ausstellung Deutsche Einheit am Balaton von der größten Zeit, die das Reiseland Ungarn je erlebt hat. Der Balaton war damals noch kein Billigziel für Menschen, die sich Mallorca nicht mehr leisten können. Ungarn war etwas ganz Besonderes: ein bisschen Süden, ein bisschen Westen und nur ganz wenig Osten. Schon in den sechziger Jahren, als die Kádár-Regierung aus Angst vor einem neuen Aufstand die eigene Bevölkerung durch eine recht lockere Kultur- und Konsumpolitik bei Laune zu halten

versuchte, fühlten sich auch Westdeutsche nicht mehr fremd. Mit den Jahren wurde Ungarn in ihren Augen zum legitimen Nachfolger des seit den zwanziger Jahren mit viel Piroschka- und Paprika-Romantik beladenen ehemals österreichischen Kronlandes. Für Ostdeutsche begann in Ungarn die große Welt. Hier wurden Filme gezeigt, die die heimischen Tugendwächter hätten erröten lassen. Es gab westliche Rockmusik, Sonne und Südfrüchte. Auf vielen der Bilder, die nun im Collegium Hungaricum über die Bildschirme flattern, sieht man Berge von Melonen, riesige reife Tomaten, scharfe Wurst, hin und wieder auch mal eine Banane. Am Balaton gab es keinen Mangel, das betonen alle Urlauber. Der Service war immer freundlich, das betonen vor allem die Westler. Und wenn man genau hinhört, bemerkt man die feinen Unterschiede, die es natürlich doch gab. Viele DDR-Bürger berichten, wie schockiert sie waren, als sie feststellten, dass der Überfluss für Leute aus dem Westen ganz alltäglich war. So blieb einer Dresdnerin fast das Herz stehen, als sie im Campingkühlschrank ihrer westdeutschen Balaton-Nachbarin zehn verschiedene Sorten Fruchtjoghurt sah. Umgekehrt ist es einem Westberliner noch immer peinlich, dass er in den sechziger Jahren einmal zum Seegespräch wurde, weil er ein Taxi mit Westmark bezahlt hatte. Die Westdeutschen brachten Devisen und wurden entsprechend hofiert, doch für sie war der Urlaub am Balaton nur einer von vielen. Für Ostdeutsche war er fast schon so etwas wie eine kleine Flucht. Vielen kommen noch heute die Tränen, wenn sie vom weiten ungarischen Himmel schwärmen, von der Ungezwungenheit der Menschen, der Farbenpracht der Landschaft und der Hitze. Fast alle erzählen sie von den aus ihrer Sicht unfassbar gut sortierten Pullovermärkten am See, auf denen sie sich fürs ganze Jahr eindeckten. Den Westdeutschen scheinen die überhaupt nicht aufgefallen zu sein. Sie erinnern sich bloß ganz allgemein an die günstigen Preise. In Ungarn fiel es ihnen leicht, großzügig zu sein. Hier konnte eine alleinerziehende Mutter, ohne mit der Wimper zu zucken, jeden Abend das Restaurantessen für ihre neuen Ostberliner Bekannten bezahlen. Hier mietete die westdeutsche Familie Heuser ganz selbstverständlich den Bungalow, in dem auch ihre Freunde aus Leipzig unterkamen. Zum Abschied fotografierten die Familien sich jedes Jahr vor ihren senffarbenen Autos, einem Trabant und einem Mercedes. Ob sie merkten, was für ein Spiel mit den Klischees sie trieben? Oder waren die noch gar nicht so wichtig, weil man vor der Wende noch nicht auf die Idee kam, sich mit den anderen zu messen? Jeder hatte sich in seiner Welt irgendwie eingerichtet. Was war schon dabei, wenn die Ostdeutschen nach den Ferien westdeutsche Schlauchboote, Badesandalen und Nivea-Bälle mit nach Hause nahmen, weil es die da nun einmal nicht gab? Erst als die Luft dort immer dünner wurde und irgendwann nicht mehr nur die Schlauchboote in den DDR-Regalen fehlten, wurde aus der kleinen Flucht die große. Die Menschen, die sich am Balaton Sommer für Sommer in den Armen gelegen hatten, lebten bald im selben Land. Viele hatten einander plötzlich nichts mehr zu sagen. Andere treffen sich bis heute. Die Heusers und ihre Leipziger Freunde verbringen noch immer den Urlaub zusammen – und sind froh, dass nun jeder seine Rechnung selbst bezahlen kann. »Deutsche Einheit am Balaton. Die private Geschichte der deutsch-deutschen Einheit«. 17. Oktober bis 15. Januar. Collegium Hungaricum Berlin. Dorotheenstraße 12, 10117 Berlin, täglich 10 bis 19 Uhr, der Eintritt ist frei

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75 Foto: DWI/www.deutscheweine.de

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Der junge Schlifterweinberg in FREYBURG an der Unstrut

Südfrüchte aus Nordlage Hier kann man wunderbar hocken, nippen, schauen, nippen: Im mitteldeutschen Anbaugebiet Saale-Unstrut wachsen zwischen Burgen und Klöstern frische, knackige Weine VON CLAUS SPAHN

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Klingers Blütengrund. Frisch und rund schmeckt er, wenn er auch nicht die symbolistische Rätseltiefe besitzt, die Klinger in seinen Kunstwerken suchte. Man muss an Saale und Unstrut nicht viele Weine probieren, um festzustellen, wie falsch all die Vorurteile sind, die bisweilen immer noch über das Weingebiet kursieren. Dass sich den Rebstöcken nur Rhabarberwasser abpressen ließe, weil die Region zu weit im Norden liege. Dass die DDR, wie zu vielem, auch zur Weinproduktion unfähig gewesen sei und dass sich daran bis heute nicht viel geändert habe. Wer sich an die Qualitätsbetriebe hält und nicht zu sehr aufs Geld schaut, kann in Mitteldeutschland gute Weine trinken, vor allem die weißen. Vom Kloster Memleben im Nordwesten bis zum Kloster Pforta bei Bad Kösen im Südwesten erstreckt sich die Region. Die Zisterziensermönche haben hier den Weinbau begründet, erste urkundliche Erwähnung durch Kaiser Otto III. im Jahr 998. Für Massenerträge und den großen Reibach taugten die Hänge allerdings nie. Die Kleinwinzer und ihr Idealismus prägen den Weinanbau bis heute. Zu DDR-Zeiten gab es nur zwei staatliche Weingüter, das Landesweingut Kloster Pforta und die Winzergenossenschaft Freyburg, die den Nebenerwerbsbauern ihre Ernte abkaufte. Christian Kloss, der Geschäftsführer des Landesweinguts Kloster Pforta (»Wir sind das Kloster Eberbach des Ostens!«), kennt die Geschichte des Betriebs nur vom Hörensagen, er ist Pfälzer. Aber er spricht mit großem Respekt über die Improvisationskünste seiner Vorgänger: Meilenweit waren die Produktionsbedingungen von den Verhältnissen im Westen entfernt. Man setzte auf die unberechenbare Spontanvergärung, weil an die anderswo selbstverständlichen Reinzuchthefen kaum heranzukommen war. Junge Rebstöcke mussten über Ostblockländer aufwendig »organisiert« werden. Ein Gutteil der Ernte sei sowieso in den Glasballonen der Kleinstbauern für den Hausgebrauch vergoren oder als »Südfrüchte« direkt über die Straße verkauft worden. Die Flaschen, die Christian Kloss unter seiner Verkostungspergola auf den Tisch stellt, haben mit dem liebenswerten DDR-Amateurismus nichts mehr zu tun. Blitzsauber und charakterfest werden MüllerThurgau, Weißburgunder, Traminer oder Bacchus mittlerweile hier ausgebaut. Der große Winzerehrgeiz ist an Saale und Unstrut nach der Wiedervereinigung ausgebrochen, als die Familien, die Rebhänge besaßen, sich selbstständig machten. Bernard Pawis etwa erzählt, wie sein Vater damals angefangen hat, im Kartoffelkeller eine Probierstube einzurichten, mit Fettbemmen zum Wein; wie der Geschäftserfolg der Straußwirtschaft in den Neunzigern den Weinkeller zu klein werden ließ; wie er selbst vor zehn Jahren seinen Beruf als Außendienstmitarbeiter eines Weinversandhauses aufgab und das

prosperierende väterliche Gut übernahm. Heute sitzt er, umgeben von dicken historischen Natursteinmauern und edlem Holzmobiliar, in einem Verkostungsraum in Restaurantgröße und verweist auf die raffinierten Geschmackstöne von Zitrus, Aprikose und Mango in seinen Weinen. Bernard Pawis hat es geschafft, er gehört zu den Spitzenwinzern an der Unstrut. Das Familienanwesen war ihm bald zu klein geworden. Oben in Zscheiplitz, einem Vorort von Freyburg, hat er vor fünf Jahren ein verfallenes Klostergut gekauft, aufwendig restauriert und zum Weingut

Weinnebenstraßen (I) Wo Trauben wachsen, ist es schön in Deutschland – und nicht unbedingt überlaufen. Unsere fünfteilige SERIE führt zu den unterschätzten Weinbaugebieten des Landes

umgebaut. Unter dem Dach gibt es einen Galerieraum für Kunstausstellungen. In seine Edelschankstube lädt er von Zeit zu Zeit Sterneköche ein, die um seine Weine herum für geladene Gäste kochen. Man kann einen schönen Müller-Thurgau von Pawis auch auf der Terrasse des Hotels Rebschule bei Naumburg trinken, mit herrlichem Blick über die Weinberge. Aber da serviert man ihn auf einer blassgelben Häkeldecke aus wetterfestem Weichgummi, wie sie einst in den Schrebergärten beliebt war. Auch das gehört zum Charme der Weinregion Saale-Unstrut – eine gewisse Zeitgeistresistenz. Während in den Großstädten italienischer Oleander und japanischer Bambus die Balkone zieren, harken hier kittelbeschürzte Frauen mit fleischigen Oberarmen ihre Bauerngärten, die überquellen von Dahlien und Phlox, Stangenbohnen, Erbsensträuchern und Kohlbeeten. Der Landstrich ist ein Traumrevier für die Fans von Oldtimer-Traktoren. Die Gastronomie will nicht davon lassen, Rotkohl mit Dosenananas zu verfeinern oder die Käseplatte zum Wein mit frisch aus der Folie gepelltem Schmelzkäse zu bestücken. Außerdem scheint hier jeder die Abendromantik bunter Glühbirnenketten zu lieben. Überall hängen sie in den Straußwirtschaften und Kastaniengärten. Auf dem Holzmarkt in Naumburg findet das Weinfest in diesem Lichterschein statt, aber die Stimmung bleibt trübe. Am Sonntagabend sind die Bierbänke nur schütter besetzt. Ein verliebtes Paar teilt sich einen Rotkäppchen-Piccolo. Die Rentnerpaare sitzen sich nicht gegenüber, sondern nebeneinander und starren schweigend in die Probiergläser. Ein Alleinunterhalter singt Operettenmelodien von Emmerich Kálmán und

das Lied von Mackie Messer. Der Weinfest-Blues wird in der Tonart Ost-Moll gespielt. »Fahren Sie doch einmal unsere Kulturschätze ab«, hatte uns Christian Kloss in Kloster Pforta auf dem Weg zum Parkplatz nachgerufen, »Sie werden sich wundern.« Er hat recht: Saale-Unstrut ist keine dieser Weinregionen, in denen noch das langweiligste moosige Restburggemäuer zur Sehenswürdigkeit hochgejubelt wird. Hier sind die kulturhistorischen Schätze so dicht an dicht gereiht, dass Naumburg sich eine Aufnahme in die Welterbeliste erhofft. Rudelsburg, Schloss Neuenburg, die Klosterschule Pforta, das Steinzeit-Sonnenobservatorium Goseck, die Klosterkirche Memleben, der Naumburger Dom – alles höchst sehenswert. Und es kommt immer Neues hinzu. Ganz im Norden des Weingebiets, hinter dem Ortsausgang von Nebra, endet ein Feldweg auf einem gebührenpflichtigen Parkplatz samt vollautomatischer Pollersperre. Hier haben vor zehn Jahren zwei abenteuerlustige Sachsen, wahrscheinlich weil sonst nichts los war, die Stoppelfelder und das Unterholz des Waldes mit einem Metalldetektor abgesucht und die berühmte Himmelsscheibe von Nebra ausgebuddelt – 3600 Jahre alt. Ein futuristisches Museum in Form der auf die Scheibe gedengelten Himmelsbarke thront nun goldschimmernd in der Nähe der Fundstelle. In einem Planetarium werden die Geheiminformationen der Scheibe entschlüsselt, nur das Wunderding selbst liegt in einer Vitrine im Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle. Noch sensationsfrischer sind die neuen Kirchenfenster in der Elisabeth-Kapelle des Naumburger Doms. Der Leipziger Malerstar Neo Rauch hat sie gestaltet, Einweihung war im Dezember 2007. Eigentlich gebührt ja den Stifterfiguren des Doms alle Ehre, dem Markgrafen Ekkehard und seiner Uta. Aber jetzt kommt jeder zum Neo-Rauch-FensterGucken: wie die heilige Elisabeth als deutsches Kraftweib durchs Bild schreitet und bei ihren guten Taten schicksalsergeben das Haupt senkt – alles sehr dramatisch, auf mundgeblasenem Echt-antik-Glas, bleigerahmt und in schrillem Rot. So viel Pathos spült man am besten mit einem extra säurebetonten Riesling herunter. Oder man fährt noch einmal auf einen der Unstruthänge hinaus – zum Landschaftgucken. Schön liegt sie da. Ein Deutschland-Idyll. Die Hügel in der Ferne bilden eine sanfte Horizontlinie. Die Landsträßchen sind von Obstbäumen gesäumt, und immer schiebt sich irgendwo eine Kirchturmspitze oder Burg ins Bild. Die kleine Stadt Freyburg duckt sich in die Flusskerbe der Unstrut, als habe sie etwas Wertvolles zu verbergen – zum Beispiel einen dieser sagenhaft guten Pawis-Weine: Weißburgunder Freyburger Edelacker, Großes Gewächs. Ist aber schnell ausverkauft.

Nebra

Weinanbaugebiet Saale-Unstrut Kirchscheidungen

Kloster Memleben Unstrut

ale Sa

ie lange sitzen wir eigentlich schon hier unten im Blütengrund? Sind es zwei Viertel Wein oder drei oder noch mehr? Das ist schließlich das Beste, wenn man in einem Weingebiet unterwegs ist: das Hocken, Nippen, Schauen, Nippen. Der Weißburgunder hat längst ein sirupartiges Daseinsgefühl in Kopf und Glieder gesenkt, und das Sonnenlicht schimmert in den Goldtönen, die nur der Trinker kennt, der sich am hellen Tag Zeit für ein Gläschen mehr nimmt. Ursprünglich wollten wir nur schnell die Stelle besichtigen, an der die Unstrut in die Saale fließt, aber dann stand direkt am Ufer dieses lauschige Gartenlokal: Eine altersschwache Holzhütte, die als Ausschank dient, Trauerweide und Pergola spenden Schatten, Sonnenblumen strecken neugierig ihre Köpfe über den Jägerzaun. Am hauseigenen Bootssteg hat das Passagierschiffchen Reblaus festgemacht. Man kann vom Gartentisch aus beobachten, wie die beiden Flüsse sich vereinen. Die Saale nimmt in einer Stromschnelle Schwung auf, macht sich breit und wirft wichtigtuerische Luftblasen auf, um der trägen, schmaleren Unstrut zu demonstrieren, wer stärker ist. Die Unstrut drückt sich in der ersten gemeinsamen Kurvenbiegung verschämt am Ufer entlang, gemächlich strudeln die Gewässer ineinander, die letzten Blasen zerplatzen. Mehr passiert hier nicht. Der Ort ist von einer sensationellen Beschaulichkeit. Im Verlaufe eines langen Nachmittags stürzt hier allenfalls eine Wespe ins Glas, oder eine Libelle nimmt vorübergehend am Tischrand Platz, oder nebenan auf der Streuobstwiese fällt ein wurmstichiger Apfel vom Baum. Aus der Ferne, von Kleinjena her, hört man das Bimmeln der Bahnschranken, wenn die regionale Burgenlandbahn vorüberzuckelt. Auf der anderen Seite der Saale schlagen von Zeit zu Zeit Radwanderer mit einem rostigen Eisenstück auf ein rostiges Rohr. Dann hangelt sich der Fährmann mit seinem Holzkahn über das Wasser und setzt die Kundschaft über: Pro Fahrgast nimmt er einen Euro, für Tiere fünfzig Cent. Hinter dem Gartenlokal ragen die steilen Muschelkalk- und Buntsandsteinhänge auf, die die Unstrut in die Landschaft geschnitten hat. Fast küchengartenhaft klein sind die Weinterrassen parzelliert, obwohl der Blütengrund zu den größeren Lagen im Weingebiet Saale-Unstrut gehört. Ein Stück flussaufwärts hat sich vor hundert Jahren der Maler und Bildhauer Max Klinger eine Villa am Berg erbaut, die als Museum erhalten ist. Er fühlte sich in Mitteldeutschland wie in der Toskana. In einem Pavillon, seinem Radierhäuschen, das mitten in den Rebzeilen steht, zeichnete er. Der Hang wird heute vom Weingut Herzer aus Roßbach bestellt, das zu den Qualitätsbetrieben der Region gehört. Ausschließlich Riesling wächst in

DEUTSCHLAND München

Leipzig

Dresden

U ns

Zscheiplitz Freyburg Goseck

trut

Kleinjena Roßbach Kloster Pforta

Naumburg Saale

Bad Kösen 3 km

Saale-Unstrut Anreise: Mit dem Zug etwa nach Naumburg, innerhalb der Region mit der Burgenlandbahn (www.burgenlandbahn.de). Mit dem Auto beispielsweise auf der A 9 von Berlin in Richtung Nürnberg, Abfahrt Naumburg. Die nächsten Flughäfen sind Leipzig/Halle und Erfurt Weingüter: Weingut Herzer, Am Leihdenberg 7, 06618 Roßbach, Tel. 03445/20 21 98, www.weingut-herzer.de Landesweingut Kloster Pforta, Saalhäuser, 06628 Bad Kösen, Tel. 034463/30 00, www.kloster-pforta.de Weingut Bernard Pawis, Auf dem Gut 2, 06632 Zscheiplitz, Tel. 034464/283 15, www.weingut-pawis.de

Außerdem empfehlenswert: Weingut Lützkendorf, Saalberge 31, 06628 Bad Kösen, Tel. 034463/610 00, www.weingut-luetzkendorf.de Winzerhof Gussek, Bad Kösener Straße 66, 06618 Naumburg, Tel. 03445/78 10-366, www.winzerhof-gussek.de Weingut Klaus Böhme, Lindenstraße 42, 06636 Kirchscheidungen, Tel. 034462/ 203 95, www.weingut-klaus-boehme.de Saale-Wein-Wanderweg: Von Naumburg bis Bad Kösen führt der 25 Kilometer lange Weg an Weingütern und Straußwirtschaften entlang Auskunft: Weinbauverband, Tel. 034464/ 261 10, www.natuerlich-saale-unstrut.de Saale-Unstrut-Tourismus, Tel. 03445/ 23 37 90, www.saale-unstrut-tourismus.de

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REISEN

8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

China-Lektionen Unterhaltsam und kenntnisreich – die Neuerscheinungen zur Frankfurter Buchmesse VON STEFAN SCHOMANN

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ie wollte in den Kongo gehen, »um zu vergessen, dass man mir das Herz gebrochen hatte«. Stattdessen geriet Emily Hahn in eine ferne Stadt, die ihre große Liebe werden sollte, weil sie so fatal und so barmherzig war, so grausam und so unschuldig, so eitel und so frei wie sie selbst: Shanghai. Die deutschstämmige Amerikanerin war in den dreißiger Jahren einer der Stars des New Yorker. Für die Zeitschrift schrieb sie aus Shanghai, China und Hongkong, so unvoreingenommen und voll Esprit wie kein anderer ihrer Kollegen. Als sie 1935 ankam, war Shanghai die kosmopolitischste Stadt der Welt. Hahn verliebte sich in den Literaten Shao Xunmei. Der war glücklich verheiratet, doch in seinen Gefühlen geschmeidig, war weltgewandt und dabei durch und durch Chinese. An seiner Seite tauchte sie in den fremden Kosmos ein – und ging zwischenzeitlich darin unter. Sehenden Auges verfiel sie dem Opium, kam aber wieder davon los. Und schrieb auch darüber mit der ihr eigenen, so schweren leichten Hand. Zwei Jahre später überzog Japan China mit Krieg. Anfangs hielten die Ausländer sich noch für unbelangbar: »Wir verfolgten die Ereignisse, als handle es

sich um einen Roman.« Doch dann wurden sie mehr und mehr in den Krieg hineingezogen, und Emily Hahn wurde zur Chronistin des Niedergangs. Als sie China 1943 verließ, war die Ostküste von den Japanern besetzt, die großen Städte lagen in Trümmern. Und doch beschwört sie bis zum Schluss den Zauber ihrer großen Liebe. Eine Auswahl ihrer Reportagen ist nun auf Deutsch erschienen: Shanghai Magie. Wirft man im Vorfeld der Buchmesse einen Blick auf all die Hand- und Hilfsbüchlein, mit denen uns China heute erklärt werden soll, so fällt im Vergleich mit Emily Hahn eines auf: Der Humor ist abhanden gekommen. Alles Mögliche wird uns aufgetischt. Geistloser BWL-Jargon, staatsmännische Attitüde, manische Zitatensammlungen, inbrünstige Völkerverständigung. Doch kaum je gibt’s was zu lachen. Außer bei Christian Y. Schmidt. Aufbauend auf seiner Titanic-Kolumne, berichtet er in Bliefe von dlüben vom Abenteuer Alltag. Auf eine so unterhaltsame Weise, dass man die Leser dieses Breviers daran erkennen wird, dass sie stoßweise krähen, glucksen und feixen, dabei aber in der Lektüre fortfahren, weil es gar zu interessant ist, was Schmidt aus seiner Wahlheimat zu berichten weiß. Mit sympathisierendem Sarkasmus schreibt er über die ge-

spenstische Genügsamkeit der Fahrstuhlführerinnen, das befremdliche Fehlen jeglichen Orientierungssinns bei den Chinesen oder das Dämmerreich der Internethöhlen. Vor allem aber nimmt er die nicht totzukriegenden Stereotypen der westlichen Journalisten aufs Korn, auf dass sie sich an die eigene lange Nase fassen. »China ist der Name für ein Universum.« Kai Strittmatters Gebrauchsanweisung für China gilt bereits als Klassiker des Genres; kürzlich hat der langjährige Korrespondent der Süddeutschen Zeitung seine Betrachtungen über »das Volk der Gruppenegoisten« noch einmal erweitert. Sie reichen von der Visitenkarte bis zur Kleiderordnung und vom Pandabären bis zur Propaganda. In der gleichen Reihe legt Adrian Geiges nun mit einer Gebrauchsanweisung für Peking und Shanghai nach. Während Strittmatter sein Buch essayistischer anlegt, nimmt Geiges, bis vor Kurzem Büroleiter des sterns in Peking, die Leser fast fürsorglich bei der Hand. Sie begleiten ihn zu gewaltigen Schlemmerorgien, erhalten Einblick in die Mysterien einer Fahrschule oder werden mit der Sitte der »lärmenden Brautkammer« vertraut, neckischen Spiel-

chen des Brautpaars »im intimen Kreis von dreißig Personen«. China zum Kennenlernen. In zwei aufregenden Neuerscheinungen erzählt China sich selbst. Die frühere Radioreporterin Xue Xinran, der mit Verborgene Stimmen ein Welterfolg gelang, hat diese Chronik mündlicher Überlieferung nun mit Gerettete Worte fortgesetzt. Auf Reisen quer durchs Land befragt die mittlerweile in London lebende Schriftstellerin die »verlorene Generation« der heute über Siebzigjährigen. Ziel ist nichts Geringeres als eine Bilanz des 20. Jahrhunderts – wahrhaftiger, menschlicher und überraschender, als die offizielle Geschichtsschreibung dies erlaubt. Xinran spricht mit dem Straßenräuber ebenso wie mit der Ölprospektorin, mit dem Laternenmacher und der Akrobatin. Einen ähnlichen Ansatz hat Susanne Messmer gewählt: Für ihre Chinageschichten standen zwölf ältere Pekinger, die Krieg und Kulturrevolution zu durchleiden hatten, Rede und Antwort. Kleine Leute zumeist, Zeitzeugen im Verborgenen. »Ich wollte wissen, warum sie so lebendig wirkten« – nach all dem, was hinter

ihnen liegt. Sie geht zurückhaltender auf ihre Protagonisten zu, sie kommt von außen. Doch auch ihre Gesprächsprotokolle fügen sich zu einer bewegenden Dokumentation aneinander. Ganz nebenbei erzählen beide Bücher viel über die so unterschiedliche Kultur des Erinnerns und Verdrängens in West und Ost. Man möchte sie der Volksrepublik zum Geburtstag schenken: Denn wenn es etwas zu feiern gibt, dann ist es die Engelsgeduld, die Überlebensfähigkeit und die stille Zuversicht dieses Volkes. Emily Hahn: »Shanghai Magie«. Herausgegeben und übersetzt von Dagmar Yü-Dembski. Edition Ebersbach, Berlin 2009; 168 S., 19,80 € Adrian Geiges: »Gebrauchsanweisung für Peking und Shanghai«. Piper Verlag, München 2009; 224 S., 14,95 € Kai Strittmatter: »Gebrauchsanweisung für China«, Piper Verlag, München 2008; 272 S., 14,95 € Christian Y. Schmidt: »Bliefe von dlüben«. Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2009; 224 S., 14,90 € Xinran: »Gerettete Worte«. Droemer Verlag, München 2009; 624 S., 19,95 € Susanne Messmer: »Chinageschichten«. Verbrecher Verlag, Berlin 2009; 320 S., 14 €

REISEN

8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

Foto (Ausschnitt): Steffen Roth für DIE ZEIT

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Jutta Köthe ist die Bibliothekarin, Bernd Moritz der Wirt der FLÄMING BIBLIOTHEK

Ein Fest für die Bücher Eine öffentliche Bibliothek im Wirtshaus? Das brandenburgische Dorf Rädigke hat 170 Einwohner, sein Gasthof 640 eingetragene Leser VON SUSANNE KIPPENBERGER

in Kronleuchter! Was soll ein Kronleuchter in einem Dorf, das zwischen Feldern und Wäldern und Wiesen liegt, in einer Gegend, die schon immer eher arm gewesen ist, weshalb sie zwar ein paar Burgen und Gasthäuser, aber kaum Schlösser und Herrenhäuser vorzuweisen hat? Und nun: Wenn er aufleuchtet, geht noch immer ein »Aah!« durch den Raum. Dabei hängt der Kronleuchter schon seit drei Jahren in der Bibliothek von Rädigke und strahlt. So wie die Einwohner, wenn sie von der Bücherei erzählen, der sie anfangs eher mit Skepsis begegnet sind. Hotels, die für ihre Gäste eine Bibliothek einrichten, so was gibt es häufiger. Aber eine Bibliothek für alle im Dorfgasthof, das ist was Besonderes. Und das im tiefsten Brandenburg, 100 Kilometer südwestlich von Berlin. Rädigke ist ein Dorf, in dem die Welt noch ziemlich in Ordnung scheint. Man hört die Hühner gackern und die Gänse schnattern, es gibt einen Bach und einen Anger und eine aktive freiwillige Feuerwehr – die oft zur nahe gelegenen Autobahn ausrücken muss –, zwei Pfarrer und zehn Kinder. Fast alle, die hier leben, haben Arbeit, im Herbst wird großes Erntefest gefeiert, da kommen 3000 Leute, und wenn einer stirbt, heben die anderen das Grab aus. Im Herzen des Straßendorfs steht das alte Gasthaus, das in der elften Generation von derselben Familie betrieben wird, daran hat auch die DDR nichts geändert, nur taten es die Moritz damals in Kommission für den Konsum. Am Freitagabend trifft man sich hier zum Stammtisch, und wer an einem sonnigen Sonntagnachmittag in den großen, kopfsteingepflasterten Vierseithof kommt, klopft zur Begrüßung auf den Tisch. Doris Moritz kann man hören, noch bevor man sie gesehen hat, sie hat die eindrucksvollste Lache weit und breit. Bernd Moritz sieht man, bevor man ihn hören kann: ein Baum von einem bedächtigen Mann. Seine Frau hätte auch Bibliothekarin werden können, sagt der 50-Jährige, so gern, wie sie liest, selbst wenn sie erst um eins oder zwei nach einer Feier ins Bett gekommen sind, noch ein paar Seiten. Darüber kann Doris Moritz nur laut lachen: »Ick hätte vieles werden können, Krankenschwester, Seelsorgerin …« Ist sie als Wirtin ja alles auch. Bernd Moritz hätte Historiker werden können, er hat die Dorfchronik recherchiert, fuhr nach der Wende bis nach Dresden ins Archiv – bis 1815 gehörte Rädigke zu Sachsen, und die Sachsen sind ihm durchaus nahe und lieb. Er hat auch alte Landmaschinen gesammelt, Strohschneider, Kartoffelhäufelpflug und vieles andere mehr, ein richtiges kleines Museum ist da zusammengekommen. Die Bibliothek im Gasthof war nicht ihre Idee, aber sie waren schnell zu überzeugen. Es war eine Weinidee, geboren bei einem gemeinsamen Essen der

Köthes und der Gommels. Zwei Paare, die vor der Wende die DDR verlassen hatten, die einen wohnten in Heidelberg, die anderen in West-Berlin – und sich vor einigen Jahren ein zweites Zuhause in Rädigke geschaffen haben. Die Köthes, beide Chemiker, um sich hier zur Ruhe zu setzen, die Gommels, um am Wochenende die Stille und den Garten zu genießen. Auch an jenem Abend erklärte Steffen Gommel, was er schon oft und immer wieder gern gesagt hat: Wenn er erst mal Rentner sei, würde er sich seine Bücher schnappen und damit in die Kirche oder die Kneipe setzen, dorthin, wo alle mal vorbeikommen. Und der Vertriebschef des S. Fischer Verlags hat viele Bücher. Aber bis zur Pension sind noch 20 Jahre Zeit. Also wann, wenn nicht jetzt?, beschlossen die Köthes, die so energisch wie lesefreudig sind. Ein halbes Jahr nachdem die Idee geboren war, wurde im Wirtshaus Eröffnung gefeiert: im Oktober 2006.

Gartenbücher gehen nicht, was darin steht, wissen die Leute im Dorf schon Im Festsaal wurde die Bibliothek eingerichtet, die mit ziemlicher Sicherheit Deutschlands wohnlichste ist, alle packten mit an, entworfen wurde sie von Beatrix Köthe, die Designerin ist in Berlin. Der Kronleuchter, den ihre Eltern in Thüringen besorgten, die rote Farbe an den Wänden, die den Rädigkern anfangs einen solchen Schrecken einjagte, die grauen Regale, die der Tischler gespendet hat, die Tischdecken, die Blümchen auf den Tischen, die Vorhänge, die vielen kleinen Leuchten, der große alte Kachelofen und auf der Bühne die Kinderecke mit Teppichboden – all das machte aus dem eher nackten, klammen Saal, der gleich hinter dem Schankraum liegt, eine moderne, warme Stube. Als wäre man bei jemandem zu Gast. Am Wochenende setzen sich die Leute zum Kaffeetrinken und Blättern an die Tische und nehmen was zum Lesen nach Hause mit. Es ist, das vergisst keiner mit Stolz zu erwähnen, Deutschlands Bibliothek mit den längsten Öffnungszeiten. Solange die Kneipe geöffnet ist – und das ist sie jeden Tag außer donnerstags von morgens früh bis abends spät –, kann man sich was ausleihen, und zwar umsonst; die Wirtin berät gerne, sie kennt die Leute im Dorf, weiß, was zu wem passt. Zu den offiziellen Öffnungszeiten, dienstags und freitags nachmittags, sitzt die ehrenamtliche Bibliothekarin und ThomasMann-Kennerin Jutta Köthe am Computer, empfiehlt, trägt alles ein und achtet darauf, dass das ästhetische Konzept ihrer Tochter nicht verwässert wird. Das Dorf hat 170 Einwohner, die Bibliothek 640 eingetragene Leser, auch aus der Umgebung kommen die Leute hierher. Der Service ist so persönlich, wie es zur Atmosphäre der Bücherei passt.

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Wenn ein Pensionsgast oder ein Campingplatzbesucher einen Krimi nicht ausgelesen hat, nimmt er ihn eben mit nach Hause und schickt ihn per Post zurück. Wenn jemand einen neuen Bestseller, auf den viele warten, zu lange behält, wird er angerufen. Die Bücherei ist mit einem Bestand von 4500 Titeln zwar klein, dabei aber eine der aktuellsten im Land. Steffen Gommel ist bekannt und beliebt in seiner Branche, ihm geben viele, nicht nur aus dem eigenen Verlag, gerne Bücherspenden; auch jetzt auf der Messe in Frankfurt wird er wieder mit der Wunschliste der Rädigker herumziehen. Die Bestseller und die großen literarischen Titel der Saison kann man in den Regalen finden, gefragt ist, was überall gut geht, Krimis, historische Romane, Frauenschmöker, der neue Lenz, bei den Kindern vor allem die Wissensbücher. Nur die Gartenbücher gingen nicht, was darin steht, wissen die Leute im Dorf schon oder erzählen es sich. Wenn ein neues Buch reinkommt, muss ein altes raus, die aussortierten Titel werden umliegenden Büchereien geschenkt. Denn es soll ja noch Platz bleiben zum Feiern. Das war die große Sorge im Dorf: dass ihnen die Städter den Festsaal wegnehmen. Aber es wird weiter gefeiert, mehr denn je – Silberhochzeit und Taufe und runde Geburtstage, Silvester kommt das ganze Dorf, gewählt wird in dem Saal auch, vorzugsweise SPD. Und, erzählt Bernd Moritz, »es ist noch kein einziges Bierglas umgekippt«. Wenn’s doch passiere, sei es auch nicht schlimm, haben sie schon vorher beschlossen. »Das passiert zu Hause ja auch«, so Steffen Gommel. Sechs-, siebenmal im Jahr finden im Festsaal Lesungen statt, bei Kaffee und Kuchen, Bockwurst und Bier und ganz gemischtem Publikum, die Mutter der Wirtin und ihre Freundinnen kommen dann, Leute aus dem Dorf und der Umgebung, der Pfarrer, die Pensionsgäste, ein paar Berliner. Und Detlef Gotthardt ist immer treu dabei. Der Fernfahrer gesteht, dass er nicht viel liest, aber er hört gerne zu. Das Buch muss er dann schon mal nicht lesen. Gotthardt ist DJ, Stimmungs- und Meinungsmacher von Rädigke. Der Nachbar der Gommels hat viel dazu beigetragen, Sympathien für die Bibliothek zu gewinnen, die von einem Verein getragen wird. Der 54-Jährige ist höchst zufrieden: »Dat ging nach vorne los, dat Ding.« Fläming Bibliothek: Im Gasthof Moritz, Hauptstraße 40, 14823 Rädigke, Tel. 033848/602 92, www.flaemingbibliothek.de; Rädigke liegt im Naturpark Hoher Fläming auf halber Strecke zwischen Berlin und Leipzig. Die Gegend ist bekannt für ihre Burgen (Rabenstein, Eisenhardt) und die historischen Städtchen Belzig, Jüterbog und Treuenbrietzen. Mehr zu Rädigke und zum Gasthof, zu dem fünf Pensionszimmer bzw. Apartments gehören (EZ 33 Euro, DZ 26 Euro pro Person, mit Frühstück), unter: www.raedigke.de

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CHANCEN

Schule, Hochschule, Beruf

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SEITENHIEB

Unsinnsregel Der Bachelor einer Berufsakademie führt zum Master, das Diplom aber nicht

Sprint in Dreikilostiefeln Seit zehn Jahren können Frauen in der Bundeswehr auch an der Waffe dienen. Ein Besuch bei jungen Offiziersanwärterinnen

Fotos: Hannah Schuh für DIE ZEIT/www.hannahschuh.de

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cheiße!« Für eine gewählte Ausdrucksweise hat Anna Streitbürger weder Zeit noch Kraft. Sie ruckelt ihren Helm gerade und rennt auf eine gut zwei Meter hohe Wand aus Holzplanken zu, so schnell, wie es die drei Kilo schweren Stiefel an ihren Füßen und das nasse Gras darunter zulassen. Sie springt ab, stemmt das linke Bein ins Holz, greift mit beiden Händen über die Wand – und rutscht ab. Einmal, zweimal, auch der dritte Versuch scheitert, zur Strafe muss sie das Hindernis dreimal umrunden. Anschließend balanciert die 25-Jährige über regennasse Balken, robbt unter tief gespannten Netzen hindurch und springt in einen ausgehobenen Schützengraben und wieder heraus. Dann hat Streitbürger den Parcours geschafft – und kommentiert ihre Zeit mit dem neunten Schimpfwort in wenigen Minuten. Was für Laien aussieht wie willkürlicher Drill, ergibt für die Obergefreite Anna Streitbürger einen Sinn: »Ich finde die Hindernisbahn ätzend. Aber die Ausbilder müssen uns an die Grenzen bringen – in Kundus können wir auch nicht abhauen, wenn’s anstrengend wird.« Waffe, Truppendienst, Auslandseinsatz: All das gehört für Anna Streitbürger als Offiziersanwärterin zum Beruf – und wurde doch erst vor zehn Jahren überhaupt möglich: Im Januar 2000 entschied der Europäische Gerichtshof, dass der Dienst an der Waffe in Deutschland Frauen zugänglich sein muss, 2001 öffnete die Bundeswehr alle Laufbahnen für Soldatinnen. Inzwischen gehört Streitbürger zu den 3400 weiblichen Offizieren und Offiziersanwärtern. Sie hat sich für 13 Jahre bei der Luftwaffe verpflichtet, die ersten elf Monate der dreijährigen Ausbildung verbringt sie beim Grundlehrgang an der Offiziersschule, im Nirgendwo von Fürstenfeldbruck bei München. »Hier sollen wir lernen, was es heißt, Soldat zu sein«, sagt Streitbürger. Das meiste weiß sie mittlerweile, schließlich ist sie bereits vor zehn Monaten ins »blaue Palais« eingezogen, wie die Offiziersschule wegen ihrer blauen Stahlträger genannt wird. Die Anlage erinnert an einen normalen Campus, nur dass auf der Wiese vor dem Wohnheim eine der letzten Pershing-Raketen Deutschlands steht und sich auf dem Stundenplan Fächer wie Waffenkunde und Innere Führung finden – und zwischen den Zeilen das Hauptfach, Disziplin. »Am Anfang sind wir um fünf Uhr aufgestanden, ein paar Kilometer gelaufen, haben in der Truppenküche gefrühstückt – und dann hat der Tag eigentlich erst angefangen«, erinnert sich Streitbürger. Sie musste lernen, wie sie ein Bettlaken in 30 Sekunden faltenfrei bekommt und wie sie die Hand im richtigen Winkel an den Kopf hält, um jeden zu grüßen, der im Rang über ihr steht. Sie hat gelernt, ein Gewehr zu zerlegen und zusammenzusetzen und welche Alltagspflichten die Soldatin Streitbürger zu erfüllen hat: sich im Wohnort en-

gagieren; wählen gehen; sich auf dem Laufenden halten – und natürlich anderen Respekt zeigen. Als Obergefreite hat sie nun mehr Freiheiten: darf etwas länger schlafen, selbst entscheiden, wann sie was frühstückt, und nach Dienstschluss mit ihrer Zimmergenossin Marie ins Eiscafé gehen. Beide teilen sich eine 20 Quadratmeter große Stube – und die Vorliebe für rosafarbene Deko. »Wir verstehen uns super, zum Glück. Man kommt sich hier ja sehr nahe.« Und zwar nicht nur unter den Frauen: Anna und Maries »Hörsaal«, wie die kleinste Einheit der Offiziersschule heißt, besteht aus 17 Männern, 7 Frauen – und 6 Pärchen. Als bislang Letzte hat Marie ihr Herz verloren. Beinahe eine statistische Notwendigkeit, findet sie: »Wir sind hier so wenige Frauen auf so viele Männer, die auch noch das Gleiche machen wie man selber. Wie wahrscheinlich ist es denn da, nicht den Richtigen zu finden?« Anna Streitbürger aber will sich nicht verlieben. »Die Bundeswehr ist mein Beruf. Ich möchte mir noch Interessen daneben erhalten, nach links und rechts gucken.« Außerdem sei der Alltag auch ohne Freund anstrengend genug: »Am Anfang haben die Männer einen unterschätzt. Aber das ändert sich, wenn sie merken, dass du dich genauso reinhängst wie sie.«

»Das Studium war ein Grund, mich zu bewerben« Die Männer: Das sind nicht nur Streitbürgers Kameraden, sondern auch ihre Vorgesetzten. Zwar steigt die Zahl der Zeit- und Berufssoldatinnen stetig auf aktuell 16 700 und damit rund neun Prozent. 7000 von ihnen arbeiten allerdings im Sanitätsdienst – damit liegt die Frauenquote in allen anderen Bereichen weit unter den 15 Prozent, die das Soldatinnen- und Soldatengleichstellungsgesetz aus dem Jahr 2005 langfristig veranschlagt hat. »Bei den jahrgangsweisen Neueinstellungen erreichen wir die Quote – aber bis sich das auf die Gesamtzahl ausgewirkt hat, dauert es natürlich noch einige Jahre«, sagt ein Sprecher des Verteidigungsministeriums. Obwohl sie also immer noch auffallen, sieht Brigadegeneral Habersetzer, der die Offiziersschule führt, in den Soldatinnen nichts Besonderes: »Bei uns wird nicht nach Mann und Frau getrennt. Jeder ist Soldat, da gibt es für niemanden ein Schonprogramm.« Ob Frauen in die Bundeswehr gehören, diese Frage habe sich ihm nie gestellt. »Ich war häufig in den USA, da gehören Frauen längst dazu. Und die Atmosphäre ist besser, wenn eine Frau in der Mannschaft ist, das Verhalten wird automatisch moderater.« So positiv spricht der Brigadegeneral, so positiv spricht Oberst Uwe Klein, der dem Offizierslehrgang vorsteht, so positiv spricht Streitbürgers Hörsaalleiter. Und auch ihren Kameraden geht kaum ein kritisches Wort über die Lippen; zwar

nerve es, sagen einige, dass Frauen beim Sport weniger Leistung für die gleiche Note bringen müssten – andererseits sei dies natürlich verständlich, schließlich hätten Frauen andere körperliche Voraussetzungen. Kein Problem also, nirgends? Die Sprache der Zahlen ist nicht ganz so eindeutig: Nach der aktuellsten Studie von 2005, die das Sozialwissenschaftliche Institut der Bundeswehr im vergangenen Jahr veröffentlichte, hat sich das Klima zwischen den Geschlechtern zwar verbessert; allerdings gab etwa ein Viertel der befragten Männer an, nicht jenes Vertrauen in Soldatinnen zu haben, das für einen militärischen Einsatz nötig sei. Zudem beurteilten knapp drei von zehn Soldaten die Leistungen von Frauen als generell schlechter – eine Haltung, zu der Soldatinnen mitunter selbst beitragen. »Ich habe die Beobachtung gemacht, dass einige dazu neigen, öfter mal krank zu werden, um nicht zum Sport zu kommen«, sagt Hauptmann Michael Lenhard, der in Fürstenfeldbruck einen Hörsaal führt. »Sind sie dann noch zickig, müssen sie sich bissige Kommentare anhören.« Anna Streitbürger hört eher Anfeuerungsrufe. Zum Beispiel beim »Überlebenstraining Land«: Der psychische und physische Grenzgang gehört für angehende Luftwaffenoffiziere zum Grundlehrgang und bedeutet, fünf Tage lang kaum zu schlafen und nichts zu essen außer selbst gefangenen Forellen. Zwischen Hunger und Schlafmangel liegen Märsche durch Wälder, Wiesen und Schlammlöcher und Ausbilder, die kaum erfüllbare Zeiten ansagen. Um dann alle, die scheitern, auf jene Hindernisbahn zu schicken, die Streitbürger heute Morgen gemeistert hat. »Das ist ein heftiges Gefühl, wenn du so fertig bist, dass du denkst, deine Lunge ätzt es weg. Aber wenn es geschafft ist – unfassbar. Dann könntest du noch eine Woche weitermachen.« Solche Geschichten erinnern an jene, die sonst Großväter erzählen; die man gern hört, selbst aber nicht erleben möchte. Und die eine Frage provozieren: Warum wird man als Frau Soldat? »Das Studium war sicher ein Grund, mich zu bewerben«, sagt Streitbürger. Kein Wunder: Die Bundeswehr wirbt mit ihrer Hochschulausbildung offensiv um potenzielle Offiziersanwärter. Auf einen Professor kommen im Durchschnitt 20 Studenten, durch die Organisation in Trimestern gibt es den Master bereits nach vier Jahren, 1500 Euro netto versüßen den Lernaufwand. »Wer aber nur wegen des Studiums hierherkommt, packt das nicht«, so Streitbürger. Sie als ausgebildete Krankenschwester hat sich für die Bundeswehr entschieden, um nicht mehr nur Anweisungen zu befolgen, sondern später selbst welche zu geben: »Ich führe gern. Außerdem war die Armee in der Geschichte immer wichtig, jetzt bin ich ein Teil davon – das macht mich stolz.« Und was ist mit Somalia, Kosovo, Afghanistan, den Einsätzen der Bundeswehr, die Friedensmission heißen und Krieg bedeuten können? Von den knapp 8000 Soldaten im Auslandseinsatz sind etwa

VON KATHRIN HALFWASSEN

450 weiblich, gerade hat eine der ersten Frauen die Leitung einer Kompanie übernommen, die sie im nächsten Jahr nach Afghanistan führen wird. »Jeder hier weiß, dass er irgendwann ins Ausland geht«, sagt Streitbürger. Entsprechende Pflichten wie etwa, vor dem Aufbruch ins Ausland ein Testament zu schreiben, schrecken sie nicht: »Ich habe eigentlich keine Angst vorm Tod, ich merke davon ja nichts mehr. Aber natürlich hoffe ich, dass mir nichts passiert – wir werden schließlich gut vorbereitet.« Zum Beispiel mit Schießübungen. An diesem Tag am »AGSHP«, dem »Ausbildungsgerät Schießsimulator Handwaffen/Panzerabwehrhandwaffen«: Anna Streitbürger legt sich auf eine Matte, stützt ihre Arme auf zwei Sandsäcke, winkelt das linke Bein an und dreht den Fuß platt auf die Matte. »Klick« – das Gewehr ist entsichert.

Das Schießen sei so abstrakt wie am PC spielen, sagt die junge Soldatin Jetzt projizieren Beamer jene Szenerie auf eine Spiegelwand, die aus Fürstenfeldbruck Feindesland macht: Der Gegner versteckt sich hinter sanften Hügeln, er ist braun und entmenschlicht durch die simulierte Entfernung von 200 Metern. Streitbürger presst das Gewehr in die Schulter, um blaue Flecken durch den Rückstoß zu vermeiden, zielt – und drückt ab. Das Männlein fällt ins Gras, ein zweites erscheint als Oval ohne Gesicht, Sekunden später fällt auch dieser Gegner. »Das ist abstrakt wie am PC spielen«, sagt Streitbürger. »Aber es kann passieren, dass ich einmal mein Leben oder das von Kameraden schützen muss. Da sollte ich grob erlebt haben, wie es ist, auf Menschen zu schießen.« Jeder Treffer trainiert Ängste weg, verbessert die Abschlussnote – und verwischt die Grenze zwischen dem Leben »im Dienst« und »in Zivil«: »Da stehe ich dann in Rock und Flipflops vorm Klamottenladen, die Arme hinterm Rücken verschränkt, als müsste ich antreten – verrückt.« Und in die Alltagssprache schleicht sich Militärjargon. »Ich habe schon Freunde mit Nachnamen angeredet.« In wenigen Wochen, wenn sie zum Pädagogikstudium nach Hamburg zieht, wird sich der Alltag in Richtung »zivil« verschieben. »Am meisten freue ich mich auf mein eigenes Zimmer.« In einer Wohngemeinschaft, die sie mit einer befreundeten Offiziersanwärterin gründen will. »Aber die Nachbarn«, sagt sie und lacht, »die sind zivil.« 2013 wird Streitbürger in die Truppe zurückkehren: Dann haben die ersten Frauen, die 2001 in die Bundeswehr eingetreten sind, Führungspositionen im Truppendienst übernommen – und die Offizierin Streitbürger wird Wehrdienstleistende ausbilden. »Die Wand auf der Hindernisbahn muss ich dann schaffen – sonst kann ich die anderen ja kaum drüberjagen.« i Weitere Informationen auf ZEIT ONLINE: www.zeit.de/offizierinnen

PLAN B

KARL LAUTERBACH, Gesundheitsexperte

Mathematiker Wenn ich mich nach dem Abitur nicht noch kurzfristig anders entschieden hätte, wäre ich Mathematiker geworden. Mich begeistert an der Mathematik der philosophische Aspekt: Was bestimmt eigentlich unsere Realität? Sind die Gesetze der Natur wahrer als die Gesetze der Moral? Ich hatte schon einen Studienplatz, war sogar eingeschrieben für Mathematik und Volkswirtschaft an der Uni Köln, als ich mir überlegte, dass ich anderen Menschen als Mediziner wohl besser helfen könnte. Vielleicht wäre mir aber auch als Mathematiker das Schicksal des Hochschulprofessors nicht erspart geblieben. Schon in der Schule stand zu befürchten, dass ich wissenschaftlich arbeiten würde. Mein Mathelehrer wollte mich daher als Nachwuchs gewinnen, er schenkte mir vor dem Studium sogar seine eigenen Bücher. Ich habe sie dann in einem symbolischen Akt mit dem Moped wieder zurückgebracht. Da war die Entscheidung für Medizin gefallen.

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Foto: imago

FÜNF VON 3400 weiblichen Offizieren: Isabelle Schmiedel, Anna Streitbürger, Janka Deunert, Lynn Manthey, Marie Schubert (von l.)

Es gibt Themen, über die mag man sich eigentlich keine Gedanken machen. Die hochschul- und berufsrechtliche Stellung der Berufsakademien ist so eines. Höchstens was für ein paar Bildungsbürokraten mit Ärmelschonern, möchte man denken. Bis man von all den jungen, engagierten und ehrgeizigen Menschen hört, die eine hinter technokratischen Winkelzügen versteckte Regelung die Karrierechancen kosten könnte. Ein Versuch der Erklärung: Berufsakademien, gegründet in den siebziger Jahren, sollen ein Studium mit einer Ausbildung kombinieren. Die Studenten werden normalerweise von Unternehmen ausgesucht, bezahlt und zum Studieren geschickt. Diese baden-württembergische Idee hat in ganz Deutschland Nachahmer gefunden. Und natürlich haben die Platzhirsche eifersüchtig ihr Territorium bewacht. Sprich: Universitäten und auch Fachhochschulen legten viele Jahre lang großen Wert auf die Feststellung, dass Berufsakademien keine Hochschulen und ihre Absolventen den FH-Absolventen nur berufsrechtlich gleichgestellt seien. Das blieb so, bis die Bologna-Reform über die Hochschulen kam. Die Kultusminister beschlossen, den Bachelor der Berufsakademien auch hochschulrechtlich mit den FH-Abschlüssen gleichzustellen. Für die Betroffenen hat das enorme Bedeutung: Absolventen mit Berufsakademie-Bachelor dürfen seitdem auch an Fachhochschulen und Unis wechseln, um einen Master zu machen. Hier könnte die Geschichte vorbei sein, inklusive eines Happy Ends für die Studenten und die Berufsakademien, die seit diesem Jahr zumindest in Baden-Württemberg offiziell »Duale Hochschule« heißen. Aber nein, da ist ja noch die Engstirnigkeit einiger Technokraten: Nur der Bachelor sei gleichgestellt, beharren sie jetzt, nicht aber das zuvor an den Berufsakademien verliehene Diplom. Ergo: Alle, die bis 2004 an einer Berufsakademie studiert haben, können jede Weiterbildung an Fachhochschulen und Universitäten vergessen, zumindest wenn sie sich in den falschen Bundesländern bewerben. Das ist bitter für die Absolventen, denen vielversprechende Karrierewege verstellt werden. Und eine unsinnige Verschwendung menschlicher Talente in einer Zeit, in der Bildungspolitiker Weiterbildung und lebenslanges Lernen zu den Zukunftsthemen erheben. Wie gesagt: Diese Form von Hochschulbürokratie muss außer den Betroffenen keinen interessieren. Sollte sie aber. Denn sie zeigt, wie erstarrt unser Bildungssystem immer noch ist – und mit ihm das Denken jener, die nur die Pfründe ihrer Institutionen schützen wollen. Entscheiden über ein Masterstudium sollte die Qualität der Bewerber, nicht irgendein Paragraf einer Kultusministervereinbarung. Viele Länder, sogar das konservative Bayern, haben das schon begriffen und lassen Absolventen der Berufsakademien zum Master zu. Für andere wie Nordrhein-Westfalen oder sogar das SPD-geführte Rheinland-Pfalz wird es höchste Zeit, das auch zu tun, wenn sie ihr Versprechen eines breiten Masterzugangs wirklich ernst meinen. JAN-MARTIN WIARDA

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Schule

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Tipps und Termine »Cross-Media«-Stipendien

Foto (Ausschnitt): Heinz Klein/MLK Hauptschule

Die Donau-Universität Krems schreibt zwei Halbstipendien (Wert: je 5000 Euro) für das im November startende berufsbegleitende Masterprogramm »Crossmedia Design & Development« aus. Bewerbungsschluss ist am 19. Oktober. Zielgruppe des viersemestrigen Studiums sind Personen aus dem Kultur- und Medienbereich. Die Präsenzzeit in Krems beträgt 30 Tage, verteilt über einen Zeitraum von zwei Jahren. Der Lehrgang wird auch in zwei kürzeren Varianten (zwei oder drei Semester) angeboten. www.donauuni.ac.at/crossmedia Teilzeitstudiengang Informatik

Der Studiengang Informatik an der Uni Paderborn kann vom Wintersemester an auch nach zwölf anstelle von sechs Semestern Regelstudienzeit absolviert werden, um ein berufsbegleitendes Studium zu ermöglichen. Der Masterstudiengang führt nach acht Semestern zum Abschluss. Mit elektronischem Lehrmaterial soll unabhängig von Zeit und Ort gelernt werden können. www.cs.upb.de/studium Leistungssport studieren

Den Masterstudiengang »Leistungssport« bietet die Berliner Hochschule für Gesundheit und Sport zusätzlich zum gleichnamigen Bachelor dieses WinterDER BESONDERE TIPP

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semester erstmals an. Nebenberuflich in drei Semestern kommen die Studierenden ihrem Berufsziel als Trainer, Leistungsdiagnostiker oder Koordinator im Sportverband näher. www.my-campus-berlin.com Weiterbildungsseminare in Marketing

Im Wintersemester bietet die Uni Koblenz-Landau zweitägige Seminare zu verschiedenen Themenbereichen des Marketings an. Das Angebot umfasst »Instrumente und Beeinflussungstechniken im OnlineMarketing«, »Stadtmarketing – Ziele, Maßnahmen und Erfolgskontrolle« und »SPSS in der Marktforschung«. Die drei Seminare werden übers Wintersemester verteilt angeboten, »Online-Marketing« startet am 3. Dezember. www.zfuw.uni-koblenz.de

Förderunterricht an einer Hauptschule in KÖLN

Das Gute kostet Geld

Der NRW-Versuch »Selbstständige Schule« zeigt, dass auch kluge Konzepte nur bei ausreichender Finanzierung Ertrag bringen VON KLAUS KLEMM UND HANS-GÜNTER ROLFF

I

m Jahr 1954 schrieb Hellmut Becker, der Gründungsdirektor des Max-Planck-Instituts für Bildungsforschung: »Unsere Schule ist eine verwaltete Schule; … sie steht heute auf einer ähnlichen Stufe des Verwaltungsaufbaus wie das Finanzamt, das Arbeitsamt, die Ortspolizei.« Es hat in Deutschland viele Jahre gedauert, bis ein Wechsel von der verwalteten Schule hin zu einer selbstständigeren Schule eingeleitet wurde. Nordrhein-Westfalen hat auf diesem Weg mit seinem Modellvorhaben »Selbstständige Schule« eine Vorreiterrolle eingenommen. Im Rahmen dieses von 2002 bis 2008 durchgeführten Experiments, an dem 278 Schulen aller Schulformen teilnahmen, wurden den Schulen in wesentlichen Handlungsbereichen – von der Unterrichtsentwicklung bis zum Schulmanagement – Spielräume eingeräumt, die Schulen in Deutschland in der Regel nicht haben. Leider wurde das Modellvorhaben nach Ablauf der Versuchsphase nicht konsequent fortgeführt. Jetzt liegen erstmals Studienergebnisse zu seinem Erfolg vor*. Die wissenschaftliche Begleitung bestätigte dabei den eingeschlagenen Weg, legt zugleich aber auch nahe, neue Akzente zu setzen. Bedeutsam für die weitere Entwicklung ist, dass die beteiligten Schulen im Rahmen der

ihnen gewährten Selbstständigkeit ihre Fähigkeit zum Organisationslernen entwickeln konnten. Zum einen erwies sich dies in der beachtlichen Qualität des Leitungs- und Steuerungshandelns seitens der Schulleitungen wie auch der schulischen Steuergruppen, die an allen Schulen installiert waren. In Zusammenhangsanalysen konnte gezeigt werden, dass beiden für schulische Entwicklungsprozesse und nicht zuletzt für die Unterrichtsentwicklung eine große Wirksamkeit zukommt. Zum anderen fand das Organisationslernen in den Schulen des Modellvorhabens seinen Ausdruck besonders in der gewachsenen Kooperation der Lehrer und Lehrerinnen und in der neu entstandenen Feedback- und Evaluationskultur. Beides erwies sich für die Unterrichtsentwicklung als bedeutsam: Kooperation, weil in den Schulen, die durch feste Teambildungen mit professioneller Kooperation hervorstachen, eine Steigerung der Unterrichtsqualität beobachtet werden konnte; Feedback- und Evaluationskultur, weil sie sich als günstige Voraussetzung für Leistungssteigerungen erwies. Insgesamt hat sich in der Begleitung des Modellvorhabens deutlich gezeigt, dass der Ansatz der selbstständigen Schule geeignet ist, die

Schulen bei ihrer Entwicklung zu lernenden Organisationen zu fördern und damit ihre Kapazität zum Wandel zu steigern. Es wurde aber auch offenbar, dass diese Kapazität – zumindest in den Jahren des Versuchs – nicht oder nicht hinreichend für die Unterrichtsentwicklung genutzt wurde. Die Unterrichtsqualität befand sich in den beteiligten Schulen von Anfang an auf einem beachtlichen Niveau; eine weitere Steigerung konnte jedoch nicht nachgewiesen werden. Auch blieben bei den Fachleistungen Verbesserungen aus – bis auf geringe Leistungssteigerungen, die allerdings auch zufällig eingetreten sein könnten. Daraus folgt nicht, dass die Gewährung von mehr Selbstständigkeit – wenn es um besseren Unterricht mit besseren Ergebnissen geht – nicht zielführend sei. Daraus folgt vielmehr, dass Vorhaben wie das in Nordrhein-Westfalen nicht auf halbem Weg stehen bleiben dürfen. Die Weiterarbeit muss sich vielmehr darauf konzentrieren, dass die durch die gewonnene Selbstständigkeit entstandenen Vorteile auch für besseren Unterricht genutzt werden. Dazu bedarf es eines Musterwechsels bei der Unterrichtsentwicklung. Unterrichtsentwicklung darf sich nicht erschöpfen in der Etablierung vermeintlich neuer

Methoden, die allzu leicht zu schmückenden Accessoires eines ansonsten unveränderten Unterrichts verkommen. Sie muss sich an einer Idee von Unterricht orientieren, in der Unterricht als ein Lehr- und Lernprozess begriffen wird, der sich auf einer von Lehrenden und Lernenden geteilten Wertbasis vollzieht, bei dem weniger Techniken und mehr die Beziehungen zwischen Lehrern und Schülern im Mittelpunkt stehen. Wenn Engagement und Haltung von Lehrpersonen wirklich den Einfluss auf die Unterrichtsergebnisse haben, von dem Unterrichtsforscher berichten, dann müssen Engagement und förderliche Haltungen unterstützt und im Zweifel auch trainiert werden. Das bedeutet vielfach Coaching von Lehrern, damit sie sich selbst zu Lerncoachs weiterentwickeln. Dies ist allerdings aufwendiger als Methodentraining und erfordert erhebliche Ressourcen für die Lehrerfortbildung. Wir müssen endlich einsehen: Umsonst ist der Wandel von der verwalteten zur lernenden Schule nicht zu haben. * Holtappels, H. G./ Klemm, K./Rolff, H.-G. (Hrsg.): Schulentwicklung durch Gestaltungsautonomie. Waxmann Verlag; Münster 2009

Hochschule

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CHANCEN

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Die Überall-Professoren Hochschuldozenten in den USA haben in der Wirtschaftskrise schlechte Chancen auf eine Festanstellung. Ein Prekariat von hoch spezialisierten Wissenschaftlern entwickelt sich, das von Uni zu Uni zieht VON HEIKE WIPPERFÜRTH

D

er Camel-Mann ging meilenweit für eine Zigarette, aber auch Blaine Pope ist weite Strecken gewohnt: Zwei Jahre lang fuhr der frischgebackene Doktorand jeden Donnerstag mehr als 140 Kilometer von Los Angeles nach Santa Barbara und wieder zurück, um als Teilzeitprofessor einen Kurs zu unterrichten, bis er trotz Wirtschaftskrise und Einstellungsstopp im November etwas Besseres fand: eine Halbtagsstelle als Forschungsprofessor an der University of Southern California. Nicht weit von seiner Haustür entfernt. »Mir wurde als Teilzeitprofessor noch nicht einmal die Krankenversicherung bezahlt«, sagt Pope und schwärmt von seiner neuen Position: »Jetzt stehe ich auf der Gehaltsliste der Universität und bekomme Sozialleistungen.« Eine feste Professur ist das nicht, doch das ist ihm recht. Man müsse eben unternehmerisches Denken zeigen: »Ich kann mehr verdienen, wenn ich es schaffe, Drittmittel einzubringen.«

Foto (Ausschnitt): DIAGENTUR/MCS

Die ersehnte Vertragsverlängerung kommt erst kurz vor dem Semester Gerade erst unterrichtete der Ökologe einen Sommerkurs über die Auswirkungen des Ölpreises auf die Schulden der Dritten Welt – das Thema seiner Doktorarbeit – und wartet derweil mal wieder auf die frohe Botschaft in seinem Briefkasten: die Verlängerung seines Vertrages für das nächste Semester. Tausenden von Dozenten und Uni-Professoren geht es jedes Jahr so wie ihm: Der Anteil der Vollzeitprofessoren mit Daueranstellung oder Option auf Daueranstellung, also der full, assistant und associate professors, macht nur noch 27 Prozent des Lehrkörpers der Unis aus, vor 30 Jahren stellten sie noch 57 Prozent. Und die gegenwärtige Finanzierungskrise vieler US-Unis macht alles noch viel schlimmer. Die Quote der Teilzeitprofessoren ist mittlerweile auf 37 Prozent gestiegen. 40 Prozent der Professoren am Boston College und der Tufts University sind Teilzeitarbeiter, bei der New York University sind es 62 Prozent. Doch mit den etwa 3000 Dollar (2040 Euro), die sie im Schnitt pro Kurs verdienen – im Vergleich zu den 73 000 Dollar (49 600 Euro), die ein fest angestellter Professor im Jahr erhält – kommen Teilprofessoren nicht über

Vorlesung am Western State College im US-Bundesstaat COLORADO

die Runden – und eilen von einer Uni zur nächsten, um zu unterrichten. Rein rechnerisch ergebe es Sinn, immer mehr billige und flexible Lehrbeauftragte einzustellen, meint Ronald Ehrenberg, ein Professor an der Cornell University. Bereits vor vier Jahren machte er auf das Thema aufmerksam. Damals kritisierte er öffentlich, dass die Unis sparen müssten, weil die staatliche Unterstützung nach unten sacke, Forschungskosten aber kletterten. »Der Drahtseilakt im Geschäft mit der Hochschulausbildung« hieß die Konferenz des Thinktanks eines Pensionsfonds, auf der er seine Studie vorstellte. Auch ein 1994 in Kraft getretenes Gesetz, das die Pensionierung der Vollprofessoren mit 65 verbiete, treibe die Kosten nach oben, weil die Gesundheitskosten wüchsen und höhere Gehälter länger bezahlt werden müssten. Außerdem, so Ehrenberg, sei es sehr teuer geworden, kluge Köpfe anzulocken: Die Anlaufkosten, die beim Anheuern forschungsstarker Wissenschaftler entstehen können, lägen bei 500 000 Dollar; um ranghohe Forscher zu holen, müsse gar eine Million Dollar ausgegeben werden. Entsprechend wenig bleibe für die Lehre übrig. Die Folgen dieser Logik: Immer mehr freie Mitarbeiter werden eingestellt. Sie können jederzeit entlassen werden, ihre Verträge brauchen nicht erneuert zu werden, wenn sie auslaufen. Sie haben keine Büros und kein Mitspracherecht in der akademischen Verwaltung. »Hörsaalgespenster« oder »Autobahnflitzer« nennt man sie. Oder road scholars, also Straßengelehrte, ein Wortspiel auf Rhodes Scholars, die Stipendiaten, die an der University of Oxford studieren. Das Abrackern für Billiglohn wirkt sich nicht nur auf ihre Bankkonten und Gemüter, sondern auch auf die Studenten aus: Wenn der Anteil der Teilzeitprofessoren am Lehrkörper um 10 Prozent nach oben geht, erhöht sich laut einer Studie, in der Ehrenberg die Daten des College Board, der Vereinigung der meisten Universitäten und Colleges, analysiert hat, die Zahl der UniAbbrecher um drei Prozent. Ein Anzeichen also, dass weniger Studenten von Hochschulen mit vielen Teilzeitprofessoren den Abschluss schaffen? Das ist durchaus mög-

lich, sagt Ehrenberg. Und Kevin Dougherty, Professor für Hochschulwesen an der Columbia University, glaubt, dass Teilzeitprofessoren Studenten besser benoten, damit die, so zumindest die Hoffnung, umgekehrt ihre Professoren wohlwollender bewerten. Selbst die größten Knauser in Universitäten und Regierung merken langsam, welche Nachteile ihre Methode für die Zukunft der amerikanischen Forschung mit sich bringt. Denn seit immer mehr Hilfsprofessoren eingestellt werden, leidet die Eigenproduktion: Der Anteil der Amerikaner unter den Doktoranden in den USA ist rückläufig, der der Ausländer dagegen klettert weiter nach oben. Die USA sollen in der Forschung wieder ganz vorn sein, sagt US-Präsident Barack Obama. Aber kann Amerika das schaffen?

Selbst im günstigsten Fall vergehen bis zur Dauerstelle viele Jahre Früher, als noch weit mehr als die Hälfte der Forscher eine Vollprofessur mit Dauerstelle hatte, wurden vor allem Fachleute als Teilzeit-Hochschullehrer eingestellt, die sich auf ihrem Gebiet einen Namen gemacht hatten und nun den Studenten wertvolle Praxiserfahrung vermitteln sollten. Eine schöne heile Welt. Wäre am besten nicht wieder alles so wie früher? Keineswegs. Heute ist die Hälfte der Doktoranden weiblich, viele Studenten sind älter, weil sie erst nach ein paar Jahren Berufserfahrung mit der Doktorarbeit angefangen haben. Wer full professor werden will, braucht aber im Schnitt sechs Jahre – ein langer Weg, der zurückgelegt werden muss. Denn nach einer Erstanstellung als assistant professor geht es nach positiver Beurteilung über die Stufe des associate professor zur vollen Professur mit Lebensdauer. Das ist der sogenannte tenure track. Ist so eine lange Probezeit heute überhaupt noch praktikabel? »Der tenure track ist die Hölle, und ich weiß nicht, ob ich meiner Freundin und mir so etwas zumuten kann«, sagt Pope. Er ist bereits 49 und war lange Entwicklungshelfer in Afrika. Wer dennoch Lust verspürt, weiter Professor mit Dauerstelle zu werden, sollte medizinische Fächer, Computerwissenschaften oder Volkswirt-

schaft studieren, denn da sei die Nachfrage weiterhin groß, sagt Julie Miller Vick, Karriereberaterin von rund 4000 Doktoranden und Postdocs an der University of Pennsylvania. Einer, der es geschafft hat, ist Jake Gramlich. 150 Bewerbungen schickte der Ökonomiedoktorand an der Yale University an Universitäten und Wirtschaftsinstitute, zu über 20 Einstellungsgesprächen wurde er eingeladen, dann endlich war es so weit: Er bekam eine Erstanstellung als assistant professor an der Georgetown University mit der Option, zum full professor mit Daueranstellung aufzusteigen – und das in einer Zeit, die wenig Hoffnung weckte. »Etwa ein Viertel der Institute, bei denen ich mich beworben habe, haben E-Mails geschickt und gesagt, dass sie die Suche abgeblasen haben«, berichtet der 32-Jährige. Ein neues Personalmodell, professor of practice, soll stattdessen zunehmend Lehrkräfte mit Berufserfahrung anlocken, die unterrichten wollen, aber kein großes Interesse an einer Dauerstelle haben. Das Gehalt entspricht in etwa dem jährlichen Grundgehalt eines Vollprofessoren, aber die Kosten, die anfallen, sind geringer, da die Anstellung auf ein paar Jahre begrenzt ist. Samantha Power, die Publizistin und ehemalige Beraterin Barack Obamas, ist professor of practice an der Harvard University. Viel grundlegender aber werden sich wohl die 21 Milliarden Dollar aus dem Konjunkturpaket zur Ankurbelung der US-Wirtschaft, die Forschern von der Obama-Regierung zur Verfügung gestellt werden, auswirken. Sie sind zur Förderung von Projekten gedacht und sollen Arbeitsplätze schaffen. Wissenschaftler überall in Amerika bewerben sich derzeit um die Gelder, die ersten Projekte laufen bereits. Auch in Los Angeles stellt Blaine Pope ein Team zusammen. Sollte seine Bewerbung angenommen werden, wäre er in den nächsten zwei Jahren sicher gut beschäftigt. Auch wenn die Gelder nur für eine kurze Zeit fließen und dann wieder verebben: Er kann sie gut gebrauchen. Und könnte sich einen Namen machen. a www.zeit.de/audio

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Spezial MBA & Weiterbildung

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Abschied vom Labor Wer aus der Forschung in die Wirtschaft möchte, kann einen MBA machen. Lohnt sich das?

Ein Spezial zum Master of Business Administration, zu Management und Weiterbildung. Tipps, Trends, interessante Studiengänge und das Wichtigste zum MBA als Fernstudium (S. 84)

Der Master of Business Administration (MBA) ist ein Abschluss für allgemeine Unternehmensführung, das Studium vermittelt dazu Kenntnisse in verschiedenen Fächern wie Finanz- und Rechnungswesen, Marketing und Personalführung. Es richtet sich an Akademiker ohne betriebswirtschaftlichen Abschluss und bereitet zum Beispiel Geisteswissenschaftler, Naturwissenschaftler und Mediziner auf Aufgaben im Management vor. Die Ausbildung setzt einige Jahre Berufserfahrung voraus, sie findet meist auf Englisch statt und lässt sich als Vollzeitprogramm oder berufsbegleitend absolvieren. In den meisten Fällen fallen für das Studium Gebühren an – oft mehrere Tausend Euro. Wer Betriebswirtschaft studiert hat und bereits über Berufs- und Führungserfahrung verfügt, ist in einem Executive MBA besser aufgehoben. Hier müssen die Teilnehmer meist Aufgaben oder Projekte aus ihren eigenen Unternehmen bearbeiten, und das Lernen voneinander spielt eine größere Rolle. In allen Programmen werden die Inhalte über Fallstudien und Projektarbeiten vermittelt. Vor allem in den USA und in Großbritannien ist es üblich, im Laufe seines Berufslebens noch einen MBA zu machen. Über die Qualität der verschiedenen Studiengänge geben verschiedene Zertifikate Auskunft: Besonders angesehen sind das amerikanische AACSB- und das EQUIS-Siegel, das von einem europäischen Netzwerk von Hochschulen, Business Schools und Unternehmen verliehen wird.

Fotos (Ausschnitte): Frank Schinski für DIE ZEIT (gr. Foto); MPI

Was ist ein MBA?

RALF CORDES, 41, promovierter Molekularbiologe

RAQUEL MARTIN, 36, promovierte Biophysikerin

Für mich war das MBA-Studium eine Chance, aus der Wissenschaft in die Wirtschaft zu wechseln. Fünf Jahre habe ich an der medizinischen Hochschule in Hannover als wissenschaftlicher Mitarbeiter in der Grundlagenforschung gearbeitet, mein Fachbereich war Molekularbiologie, Genetik und molekulare Signalwege. Dann hatte ich genug von der unsicheren Perspektive und den befristeten Verträgen. Mir war klar, dass ich ohne Erfahrung in der Industrie für einen Wechsel, wie ich ihn mir vorstellte, eine anerkannte wirtschaftswissenschaftliche Zusatzausbildung brauchte. Darum habe ich mich schließlich für ein einjähriges MBA-Vollzeitstudium an der GISMA Business School in Hannover entschieden. Die Studiengebühren lagen damals bei 25 000 Euro. Die habe ich von meinen finanziellen Rücklagen bezahlt. Da meine Kinder zu dem Zeitpunkt drei und vier Jahre alt waren und ich in Sachen Kinderbetreuung komplett ausfiel, hat meine Frau ihre Anstellung für ein Jahr ausgesetzt. Das bedurfte dann schon einer sehr genauen Finanzplanung. Unter den 50 MBA-Studenten aus aller Welt fühlte ich mich als Exot. Die meisten hatten bereits in einem Unternehmen gearbeitet und waren zudem noch deutlich jünger als ich. Denn ich war damals schon 38 Jahre alt. Zwar hatte ich mit dem völlig neuen Lehrstoff, der noch dazu auf Englisch vermittelt wurde, keine Probleme – dafür aber mit dem Lernpensum. Nach dem Unterricht gab es immer noch Projektgruppen, und danach musste ich noch jede Menge Lektüre durcharbeiten. Oft habe ich bis Mitternacht gelesen, denn den Samstag zumindest wollte ich mir unbedingt für meine Familie und meine Kinder frei halten. So ein Vollzeitstudium ist eben wie ein Vollzeitjob mit sieben Tagen in der Woche. Was mir das Ganze gebracht hat? Nach dem MBA-Abschluss kam zunächst die Enttäuschung. Ich war davon überzeugt, dass die Pharmakonzerne sich um einen promovierten Molekularbiologen mit MBA reißen würden. Doch stattdessen wurde ich nicht einmal zu Vorstellungsgesprächen eingeladen. Es hat eine ganze Weile gedauert, bis ich begriffen habe, dass die großen Firmen oft gar keine Kandidaten mit einer doppelten Ausbildung suchen. Da sind die Bereiche Forschung & Entwicklung und Management einfach getrennt, und man braucht in der Regel gar keine fundierte wissenschaftliche Ausbildung, um dort im Management einzusteigen. Dazu kommt, dass gerade im Management eher jüngere Leute gesucht werden, die flexibel und mobil sind und noch keine Familie haben. Es war also nicht einfach, überhaupt das richtige Jobprofil zu finden. Aber nach ein paar Monaten hat es dann doch geklappt. Seit drei Jahren bin ich mittlerweile Technologiemanager bei der Ascenion GmbH in Hannover. Die Firma bewertet Erfindungen von wissenschaftlichen Instituten im Bereich Life Science: Sind die Erfindungen wirklich so neu und erfolgversprechend, dass sich eine Patentierung lohnt? Welche Chancen haben sie auf dem Markt? Zum Patent angemeldete Technologien lizenzieren wir an die Industrie, beraten bei Ausgründungen und beteiligen uns an Unternehmen. Für diese Stelle muss ich die Erfindungen und den Markt genau verstehen. Denn ich arbeite an der Schnittstelle von Wissenschaft und Management. Ohne den MBA wäre ich heute nicht hier, und in unserer Firma gibt es inzwischen etliche Biologen mit einem MBA-Abschluss. Aber ich rate jedem Wissenschaftler, sich vorher genau zu überlegen, was er nach dem MBA-Studium machen will, und nicht zu glauben, dass die Firmen dann automatisch Schlange stehen.

Fast zwei Jahre lang bin ich jedes zweite Wochenende in eine andere Welt eingetaucht. In meinem eigentlichen Beruf habe ich als Biophysikerin am Max-Planck-Institut für Metallforschung in Stuttgart an einem nanobiotechnologischen Ansatz zur Beeinflussung lebender Zellen gearbeitet. Am Freitag und Samstag beschäftigte ich mich in der MBA-Klasse mit Bilanzen, Controlling und Marketingmodellen. Diese Themen waren für mich völlig neu. Schließlich hatte ich mein Berufsleben bisher in der akademischen Welt verbracht: Nach der Promotion in molekularer Biophysik in Paris hatte ich sechs Jahre lang als Forschungsassistentin in den USA gearbeitet. Weil ich meine Fühler in Richtung Wirtschaft ausstrecken und ein eigenes Biotech-Unternehmen gründen wollte, habe ich mich dann für einen MBA entschieden. Unterstützung dafür hatte ich schon: Beim Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF) war ich Preisträgerin der ersten Förderrunde des Wettbewerbs GO-Bio für gründungsbereite Forscherteams aus der Biotechnologie. Mein Ziel ist die Entwicklung eines Tests für Kinder vor ihrer Geburt ohne größere medizinische Eingriffe. Das soll mithilfe der Nanotechnologie stattfinden. Drei Jahre lang habe ich dafür eine fünfköpfige Forschergruppe geleitet und mit den Kollegen eine Strategie für die Gründung eines Start-ups entwickelt. Dabei standen mir ein Business Coach und ein Berater zur Seite, und ich konnte mich in Betriebswirtschaft weiterbilden. Entschieden habe ich mich schließlich für den berufsbegleitenden Executive MBA, den die Mannheim Business School zusammen mit der französischen Essec Business School anbietet. Wenn ich schon ein eigenes Unternehmen starten will, dann wollte ich auch eine umfassende und anerkannte Ausbildung – zumal das Ministerium die Studiengebühren in Höhe von 35 000 Euro übernahm. Unter den 27 Teilnehmern in meiner Klasse waren Naturwissenschaftler ebenso vertreten wie Ingenieure, Juristen, Mathematiker und Diplom-Kaufleute. Gut ein Fünftel hatte bereits promoviert, die durchschnittliche Berufserfahrung lag bei zehn Jahren. Von meinen Kommilitonen habe ich enorm viel gelernt. Oft haben Teilnehmer den vortragenden Professor unterbrochen und von den Erfahrungen aus ihren Unternehmen zu dem Thema erzählt. Das ist eine ungewohnte Art zu lernen, mit Beispielen aus dem richtigen Leben. Die merkt man sich dann auch. Der Großteil des Unterrichts fand in gemischten Teams statt. Fünf bis sechs Studenten, alle mit unterschiedlichem fachlichen Hintergrund und mit Berufserfahrung aus verschiedenen Branchen, müssen gemeinsam Aufgaben lösen und Projekte bearbeiten. In meinem Team war zum Beispiel eine Anwältin, die bei Wettbewerbs- oder Finanzanalysen penibel auf jedes Detail geachtet hat. Die hatte einfach einen ganz anderen Zugang zu den Themen. Am deutlichsten habe ich den Lerneffekt aber an dem Businessplan für mein Start-up gemerkt, den wir erarbeiten mussten. Ich hatte schon vor dem Studium einen verfasst, der bestand zu 60 Prozent aus der Beschreibung des wissenschaftlichen Ansatzes. Der neue Plan befasst sich vor allem mit dem Markt und dem Wettbewerb. Der Wissenschaftsteil ist dagegen ziemlich klein geworden. Heute weiß ich einfach besser, wie die Leute aus der Industrie und die Investoren denken. Im Oktober erfahre ich, ob das Ministerium auch mein Start-up für drei Jahre unterstützt. Wenn ich Glück habe, übernehmen sie für drei Jahre 60 Prozent der Kosten der neuen Firma.

»Die Unternehmen stehen NICHT AUTOMATISCH Schlange«, sagt Ralf Cordes

Der Business-Plan von Raquel Martin ist nach dem MBA viel PROFESSIONELLER

PROTOKOLLE: BÄRBEL SCHWERTFEGER

Kreative Wirtschaft

Foto: F1 Online

Die Entwürfe müssen gut sein, die ZAHLEN auch

meist ausgespart«, sagt Dieter Herbst, Professor an der Universität der Künste in Berlin und Studiengangsleiter im berufsbegleitenden Master »Leadership in Digitaler Kommunikation«. An Kunsthochschulen begegne man BWL-Kursen sehr skeptisch. »Wir wollen doch keine Manager ausbilden!«, heißt es dann. Dabei stellten Kreative im Berufsleben häufig fest, dass sie »eine ganz andere Sprache als etwa IT-Experten oder BWLer sprechen« und daher »ihre Ideen nicht übersetzen« können, sagt Herbst. Mit einer Zusatzausbildung im Management hätten Kreative heute deutlich bessere Berufsaussichten: »Wenn Designer in Unternehmen arbeiten, dient ihre Kreativität ja nicht mehr der Selbstverwirklichung, sondern den Unternehmenszielen. Mit der Weiterbildung zeigen sie, dass sie das verstanden haben.« Sebastian Turner, Partner der Werbeagentur Scholz & Friends, hat ähnliche Erfahrungen gemacht. »Man gelangt im Laufe der Karriere an einen Punkt, an dem man ohne Businesskenntnisse nicht mehr auskommt«, sagt Turner, einer der Initiatoren und Direktoren der Berlin School. Kreativunternehmen würden meist von Buch-

haltern geleitet – woran die Kreativen selbst nicht ganz unschuldig seien: Eine »Mischung aus Arroganz und Schüchternheit« halte sie davon ab, sich das nötige Wirtschaftswissen anzueignen. Oft gelte die Devise: »Dafür bin ich zu sehr Genie!« Dabei fühle man sich ohne BWL-Kenntnisse in den Kundengesprächen mitunter »wie ein Clown«, berichtet Turner. Wer in einen Streit um Umsetzungsstrategien gerate, habe als Vertreter der kreativen Seite häufig die schlechtere Position. Nach dem MBA, den Turner selbst absolviert hat, begegne man den Klienten dagegen eher auf Augenhöhe – und könne die eigenen Ideen besser durchsetzen, weil man »die Denke der Unternehmensmanager versteht«. Doch immer zu Beginn eines Kurses glaubten viele dieser Masterstudenten, sich in Ablaufplänen, Organigrammen und Statistiken zu verlieren, sagt Douglas Guthrie, Managementprofessor an der New York University und Dozent an der Berlin School. Viele Praxisbeispiele sollten aber verhindern, dass der Lehrstoff zu trocken wird. Die Masterstudenten arbeiten – wie auch an anderen Business Schools – vor allem an sogenannten Case Studies, die allerdings nicht nur

MBA »General Management«

aus der Mode- oder Werbeindustrie stammen. Es geht ebenso um die Neuausrichtung einer Fluglinie oder den Führungswechsel eines Konsumgüter-Produzenten. »Nach den Kursen wird man sicher kein Bankdirektor«, sagt Sebastian Turner. Aber das Basiswissen helfe, die Klienten und ihre Situation zu verstehen. Dass die BWL-Schulungen sein kreatives Denken einschränken, hat Absolvent Gideon Amichay bisher nicht bemerkt. Zwar denke er jetzt in seinen Konzepten stärker an die Umsetzbarkeit, doch das sei besser, als hinterher alle hochfliegenden Ideen aufgeben zu müssen. Die Masterarbeit, die die Studenten am Ende des Programmes vorlegen müssen, sei bei ihm sogar in konkrete Agenturprojekte eingeflossen. Amichay hatte sich mit dem Phänomen der creative consumers beschäftigt: Kunden, die mit den Produkten eines Unternehmens selbst Filme oder Fotos erstellen. Die Auseinandersetzung mit der Forschungsliteratur habe ihm geholfen, solche Aktionen nicht als Gefahr, sondern als Chance für die Kreativbranche zu sehen, sagt Amichay. Inzwischen bietet er seinen Klienten an, Kampagnen und Portale zu entwerfen, die die Kreativität der Konsumenten und damit die individuelle Produktion von Werbebotschaften ankurbeln sollen. Als Agenturchef stieß Amichay dafür auf ein ganz anderes Problem, als er nach Jahren im Beruf plötzlich noch einmal ein Studium anfing. Erstens habe der Chef auf Weiterbildung Skepsis unter seinen Angestellten ausgelöst, die fragten: »Warum lernt er noch einmal? Hat er etwa Unsicherheiten oder Lücken?« Zweitens sah er, dass das Unternehmen während der Seminarphasen auch ohne ihn lief: »Das war beängstigend – schließlich denkt man immer, man sei unersetzbar.« Was der Chef verändern kann, erlebten seine Mitarbeiter jedoch, als Amichay von einem Seminar über Unternehmensführung zurückkam: Er riss alle Entwürfe, Plakate und Auszeichnungen von den Bürowänden. »Es geht nicht um die Vergangenheit. Wir müssen uns neu erfinden!«, erklärte er seinen Mitarbeitern, die zunächst schockiert waren. »Dann empfanden sie die weißen Wände als erfrischend und motivierend«, sagt Amichay. Nach einer Woche hingen die ersten neuen Entwürfe in der Agentur.

Am 1. November ist Bewerbungsschluss für das im Januar 2010 startende berufsbegleitende MBA-Programm an der Handelshochschule Leipzig. Das zweijährige Studium mit dem Schwerpunkt »General Management« richtet sich an Interessenten, die bereits im mittleren Management arbeiten. Voraussetzung sind ein abgeschlossenes Studium und mindestens drei Jahre Berufserfahrung. Die Gebühr für den Teilzeit-MBA ist durch den Europäischen Sozialfonds förderfähig. www.hhl.de/part-time-mba Offene Tür in Frankfurt

Am 24. Oktober informiert die Frankfurt School of Finance über Studien- und Weiterbildungsmöglichkeiten. www.frankfurt-school.de/infotag ANZEIGE

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Tipps und Termine

Wo die Chefs von Werbeagenturen lernen, wie man eine Bilanz liest VON TINA ROHOWSKI

ber eine Prüfungsaufgabe hat Gideon Amichay nach dem Uni-Seminar noch lange nachgedacht. Nicht, weil sie zu abstrakt und theoretisch gewesen wäre, sondern weil die Szene genau so stattgefunden haben könnte: Amichay sollte sich einen Kreativdirektor einer großen Agentur vorstellen, der morgens zur Arbeit kommt und das komplette Inventar des Büros zerstört. Die Prüfungsfrage lautete: Wie sollte man als Agenturchef mit diesem Mitarbeiter umgehen? »So ein Ausbruch ist typisch für Kreative«, sagt Amichay, der selbst eine Werbeagentur in Israel leitet und mit ihr etliche Preise gewonnen hat. »Sie lieben es, Regeln zu brechen. Es gehört zu ihrem Job.« Und in jedem Team gebe es – wie auch in seinem Unternehmen – Stars und stille Helfer. Da sei die Agentur wie ein Fußballklub. Amichay kam am Ende des Seminars zu dem Ergebnis, dass der Ausbruch ein Zeichen dafür ist, wie sehr auch die größten Diven in ihrem Innern Angst vor dem Versagen haben. Der Chef sollte die Atmosphäre im Unternehmen ändern und den Mitarbeitern ermöglichen, über ihre Befürchtungen zu sprechen, war Amichays Empfehlung. Gleichzeitig müsse aber klar sein: »Wie viele Preise du letztes Jahr gewonnen hast, interessiert keinen mehr. Jetzt zählt diese Saison.« Dass Chefs in der Kreativbranche nicht erst nach ein paar Jahrzehnten zu solchen Einsichten gelangen, ist das Ziel eines MBA-Programms, zu dessen Absolventen der Werbemanager Gideon Amichay gehört. Seit 2006 bieten der Art Directors Club Deutschland und die Steinbeis-Hochschule den ersten »MBA in Creative Leadership« an einer eigens gegründeten »Berlin School« an. Grafikdesigner, Werbetexter, Architekten, Journalisten, Marketingexperten sowie Film- und Fernsehproduzenten sollen in dem einjährigen Teilzeitstudiengang lernen, wie man Führungsaufgaben übernimmt. In fünf Modulen, die jeweils zwei Wochen dauern, lernen sie, wie sie sich selbst organisieren, Mitarbeiter motivieren oder mit Kunden verhandeln. Sogar Buchhaltung und Finanzierungsstrategien gehören zum Pensum. Warum das nötig ist? »Der ganze Managementbereich wird in kreativen Studiengängen

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www.zeit.de/campus-shop

»Mannheim MBA« mit Variationen

In mehreren Varianten bietet die Mannheim Business School den »Mannheim MBA« an: erstens komplett in Mannheim (»German Track«), zweitens mit einem längeren Aufenthalt an einer nordamerikanischen oder asiatischen Partnerinstitution (»Transatlantic/Eurasian Track«) oder drittens mit zwei Quartalen an europäischen Business Schools (»European Track«). Neben diesen Programmen für Vollzeitstudenten gibt es schließlich noch den berufsbegleitenden Teilzeitstudiengang »Essec & Mannheim Executive MBA«. Weitere Informationen im Internet unter www.mannheim-business-school.com

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8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

Von wegen stilles Kämmerlein Ein MBA-Fernstudium funktioniert anders, als viele denken. Die wichtigsten Fragen und Antworten VON KERSTIN SCHNEIDER Für wen eignet sich der MBA im Fernstudium?

Vor allem für Berufstätige, die viel reisen oder weit weg von der nächsten Hochschule leben, und für Menschen, die Beruf, Familie und Weiterbildung miteinander vereinbaren wollen. Etwa 40 MBA-Programme werden nach der Studie MBA Trends des auf Karrierethemen spezialisierten Staufenbiel-Verlags in Deutschland als Fernstudiengang angeboten – viele von speziellen Fernhochschulen. Dazu kommen Anbieter wie die britische Open University Business School. Ausdauer und Selbstdisziplin sind Voraussetzungen für ein Fernstudium. Wie funktioniert das Fernstudium?

»Selbststudium, virtuelle Lernkomponenten und Präsenzphasen werden im Blended Learning gemischt«, sagt Rebekka Baus von Staufenbiel. Die Teilnehmer erhalten die Studienunterlagen per Post oder

aus dem Netz. »Mithilfe von Selbsttests und Einsendeaufgaben überprüfen die Studenten ihr Wissen – das wird am Ende eines Moduls in einer Prüfung abgefragt«, sagt Jens Heickmann von der Euro-FH. Welche Rolle spielt der Fernstudien-MBA in der Manager-Weiterbildung?

Viele internationale Business Schools bieten ihren Executive-MBA, also das Programm für Führungskräfte, auch als Fernstudium an. Oft kann man bei internationalen Vollzeit- oder Teilzeitprogrammen ins Fernstudium wechseln, wenn der Beruf es fordert. Wichtig ist bei einem internationalen Fern-MBA: Die Teilnehmer müssen sich genau überlegen, wie sie die Präsenzphasen und Auslandsaufenthalte organisieren. Interessenten sollten außerdem auf die Zusammensetzung des Kurses – also auf Alter, Berufs- und Führungserfahrung der Teilnehmer – achten.

Was zeichnet ein gutes Fernprogramm aus?

Was ist bei der Bewerbung wichtig?

Präsenz- und virtuelle Lernphasen sollten in einem guten Verhältnis stehen. Bewährt hat sich ein ständiger Ansprechpartner, der für organisatorische und inhaltliche Fragen da ist. Klären muss man auch, wie die Tutoren qualifiziert sind. Und vor allen Dingen: Ein Tutor sollte nur eine begrenzte Anzahl Studenten betreuen (1 : 15 ist ideal). Einmal pro Woche sollte es ein Feedback zu den Hausaufgaben geben.

Bewerber müssen wie bei den Vollzeitprogrammen meist mehrere Jahre Berufserfahrung und einen Hochschulabschluss nachweisen; außerdem passable Testergebnisse beim GMAT (Graduate Management Admission Test) und gute Englischkenntnisse. Oft werden noch Empfehlungsschreiben von Vorgesetzten oder Professoren verlangt. Wie viel Zeit muss in der Woche einplant werden?

Wie kommt die Berufspraxis ins Fernstudium?

Wie lange dauert das Studium?

Mindestens 15 Stunden. Wie gut der Stoff verstanden wird, hängt vom persönlichen Lerntempo ab. »Die Zeiteinteilung ist zwar recht flexibel, aber es gibt Fristen, an die man sich halten muss«, sagt die MBA-Expertin Rebekka Baus. »Viele Programme haben Vorgaben, wie oft die Studenten sich einloggen oder wann sie welche Aufgabe bewältigen müssen.«

Da die meisten MBA-Studenten mitten im Beruf stehen, sollten konkrete Fragen aus ihren Unternehmen im Studium besprochen werden. Viele MBA-Programme kooperieren mit Firmen vor Ort und bieten in den Präsenzphasen gemeinsame Praxisprojekte an. Dazu kommen Computersimulationen, in denen die Studenten als virtuelle Manager agieren.

Etwa 36 Monate, je nach Anbieter und der eigenen Lerngeschwindigkeit. Der Vorteil ist: Man kann jederzeit starten. Die Inhalte gleichen den Vollzeitprogrammen mit Modulen zu Finanzwissen, Management, Statistik und Marketing. Der MBA-Titel eines anerkannten Fernstudienanbieters kann die Karriere genauso voranbringen wie der einer Präsenz-Uni.

Der MBA lebt vom Austausch mit den Mitstudenten. Wie kommt der beim Fernstudium zustande?

In vielen Programmen studieren die Teilnehmer auf dem Onlinecampus. Dieser Campus ist eine Lernplattform, aber auch ein virtueller Pausenhof. Je nach Schule gibt es Foren, Expertendiskussionen oder Chats. Bei den Präsenzphasen lernen sich die Teilnehmer dann richtig kennen.

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ZEITLÄUFTE

8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

Vor 60 Jahren erlaubte Stalin den ostdeutschen Kommunisten die Gründung der DDR

Fotos: bpk; ullstein (u.)

Die Republik der Partei VON WOLFGANG ZANK

DANK AN DEN GROSSEN BRUDER: Ostberliner Volkspolizei huldigt im Dezember 1949 dem sowjetischen Diktator

A

m 16. September 1949 flogen die drei höchsten Funktionäre der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED), Otto Grotewohl, Wilhelm Pieck und Walter Ulbricht, nach Moskau. Vornehmlich als Dolmetscher war auch Fred Oelßner, Mitglied des Kleinen Sekretariats des Politbüros, mit von der Partie. Am Tag zuvor hatte der Bundestag in Bonn Konrad Adenauer zum ersten Kanzler der Bundesrepublik gewählt, die westdeutsche Staatsgründung war damit nahezu abgeschlossen. Schon seit Längerem hatte die SED-Führung in Moskau darauf gedrängt, in der Sowjetischen Besatzungszone ebenfalls einen Staat zu gründen. Aber Diktator Josef Stalin zögerte sein Plazet hinaus. Stalins Deutschland-Politik war mehrdeutig. Zum einen sorgte er dafür, dass seine Gefolgsleute von der KPD beziehungsweise SED in Ostdeutschland de facto eine Diktatur aufbauten. Gleichzeitig torpedierte er alliierte gesamtdeutsche Lösungen, da diese die sowjetische Machtposition in der Ostzone schwächen oder gar eliminieren würden. Zum anderen behielt er ganz Deutschland im Blick und hatte gehofft, die geplante Staatsgründung West als »Spaltung Deutschlands« massenwirksam denunzieren und durch das Anfachen einer »nationalen« Volksbewegung vereiteln zu können. Als dies alles nicht funktionierte, ordnete er im Sommer 1948 die Blockade West-Berlins an, um die USA, Frankreich und England zur Aufgabe des Weststaat-Projektes zu zwingen. Die Erpressung scheiterte, die Bundesrepublik wurde Realität. Am Nachmittag des 17. September 1949 konferierten die vier SED-Funktionäre mit Lawrentij Berija, Georgij Malenkow, Wjatscheslaw Molotow und anderen sowjetischen Spitzenpolitikern. Stalin nahm an der Sitzung nicht teil. Abends wurden die deutschen Gäste, wie Pieck notierte, mit »Kino im Speisesaal« unterhalten. Am nächsten Tag erkrankte er schwer: »Rheumatische Rückenschmerzen durch Zugluft im Auto […]. Kreml-Klinik: Untersuchung – 190 Blutdruck […], zurück ins Quartier, dort Blutabnahme durch Blutegel […]. Gürtelrose – linke Seite.« Bis zum 26. September musste er in Moskau das Bett hüten. Wilhelm Pieck verkörperte den Typus des Veteranen der Arbeiterbewegung. 1895 war der Tischler der SPD, 1918 dann der KPD beigetreten und rasch aufgestiegen. Er profilierte sich als Parteibeamter, immer fleißig, immer loyal der gerade verordneten Linie. Im Moskauer Exil wurde er 1935 Vorsitzender der KPD und 1946, nach der Zwangsvereinigung der SPD in der Sowjetischen Besatzungszone mit der KPD, einer der beiden Vorsitzenden der SED.

Grotewohl und Pieck stehen vorn – die Fäden hat Ulbricht in der Hand Als formal gleichberechtigter zweiter Vorsitzender stand ihm Otto Grotewohl zur Seite. Zu sagen hatte der wenig. Der ehemalige Buchdrucker, der vor 1933 für die SPD im Reichstag gesessen hatte, im Freistaat Braunschweig Minister gewesen war und sich während der Nazi-Zeit als Kaufmann durchgeschlagen hatte, diente vor allem als Galionsfigur. Er sollte den Anschein erwecken, dass es sich bei der SED um eine echte Vereinigungspartei handelte. Grotewohl spielte diese Rolle gut und akzeptierte die Umwandlung der SED in eine stalinistische »Partei neuen Typus«. Im September 1949 war Pieck 73 Jahre alt. Längst hielt der 56-jährige Walter Ulbricht alle Fäden in der Hand. Wie Pieck war er Tischler von Beruf gewesen. Er genoss das Vertrauen Moskaus und galt als effektiver Organisator. Als Vorsitzender des Kleinen Sekretariats des Politbüros sortierte er alle wichtigen Entscheidungen vor und steuerte den Parteiapparat. Die SED-Politiker hatten zur Vorbereitung der Treffen einen Brief an den »lieben Genossen Stalin« sowie eine längere Vorlage verfasst. Danach sah es in

den westlichen Besatzungszonen gar nicht gut aus. Handschriftlich hatte Pieck darauf vermerkt: »Von Die Westmächte hätten dort Maßnahmen »zur Zer- M.« Also vermutlich Molotow oder Malenkow. reißung Deutschlands und zur Kolonisierung des Es war durchaus realistisch, den neuen Staat in nur ihnen unterstehenden Teiles Deutschlands ergriffen«. sechs Tagen zu gründen. In der Sowjetischen Zone In betrügerischer Weise erweckten sie den Anschein, existierte nämlich bereits eine zentrale Verwaltung, bei der westdeutschen Regierung handele es sich um vor allem in Gestalt der Deutschen Wirtschaftskomeine demokratische deutsche Einrichtung. »Die am mission (DWK). Diese Behörde mit ihren 24 Haupt14. August durchgeführten Wahlen für den sogenann- verwaltungen konnte die weitgehend verstaatlichte ten Bundestag zeigen, daß ihnen dieser Massenbetrug Wirtschaft und viele andere Lebensbereiche auf dem gelungen ist.« In der Tat, die den Westmächten »hö- Verordnungswege steuern. Daneben gab es die Zenrigen« Parteien erhielten 92 Prozent. Die KPD konn- tralverwaltungen für Justiz, Volksbildung und Inneres, te gerade eben noch die Fünfprozenthürde nehmen. auch diese mit diktatorischen Kompetenzen ausgestatWas tun? Um den Kampf gegen die Westmächte tet. Organisatorisch bestand daher die Gründung der »zu verbreitern und zu vertiefen, ist der Vorschlag auf DDR vor allem im Anschrauben neuer Schilder an Schaffung der Nationalen Front entstanden, für den den Zentraladministrationen: Aus ihnen wurden Miwir die Anregung vom Genossen St.[alin] erhielten«. nisterien der Deutschen Demokratischen Republik. Darüber hinaus ergebe »sich jetzt die Notwendigkeit, Die Sowjetische Militäradministration in Deutschin der Sowjetischen Besatzungszone mit der Bildung land (SMAD) gab die Richtung vor, seit März 1949 einer deutschen Regierung vorzugehen«. Diese sollte stand sie unter dem Kommando des Stalingrad-Vete»möglichst kurzfristig« herbeigeführt werden, »damit ranen General Wassilij Tschuikow. Nach der Grünnicht vom Westen her oder auch aus dem reaktionären dung der DDR wurde aus der SMAD eine Sowjetische Flügel der bürgerlichen Parteien Störungsmanöver Kontrollkommission. An der Art und Weise des Umunternommen werden«. Innerhalb von sechs Tagen gangs mit deutschen Behörden änderte sich wenig. hoffte man die notwendigen Beschlüsse durchzuzieDemokratische Legitimation musste dem neuen hen. Wahlen waren vorerst nicht vorgesehen, denn Staat der Deutsche Volksrat liefern. Dabei handelte es »die gegenwärtige Lage ist nicht günstig für die Durch- sich um ein 330 Personen umfassendes Gremium, welches der Dritte Deutführung von Wahlen«. sche Volkskongress im Sie könnten »zu gegebener Mai 1949 gewählt hatte. Zeit« nachgeholt werden. Derartige Volkskongresse »Verbesserte Lebensmittelzuteilung und Versorgung – der erste trat im Novemmit Textilien und andeber 1947 zusammen – rem« würden sich bis dasollten den Protest gegen hin günstig auswirken. die »Spaltungs- und VerAuf jeden Fall müssten sklavungspolitik der Westaber die bürgerlichen Parmächte« bündeln. teien »für die Aufstellung Der Dritte Volkskongress von Einheitslisten« gewonwar am 15. und 16. Mai nen werden. 1949 von der Bevölkerung Die SED-Funktionäre der Ostzone »gewählt« hatten allerdings auch eiworden. Jeder Stimmzettel OTTO GROTEWOHL (L.) UND WILHELM PIECK nige Wünsche an Moskau enthielt die Kandidatenim Oktober 1949 in Ost-Berlin liste sowie den folgenden aufgeschrieben, vor allem hofften sie auf wirtschaftText: »Ich bin für die Einliche Erleichterungen. Allzu deutlich hinkte der Le- heit Deutschlands und einen gerechten Friedensverbensstandard im Osten hinterher. Ein anderer wich- trag. Ich stimme darum für die nachstehende Kantiger Punkt waren die »Straflager«. 1949 gab es noch didatenliste zum Dritten Deutschen Volkskongress.« zehn sowjetische »Speziallager«, darunter die ehema- Im Gegensatz zu späteren DDR-Wahlen, bei denen ligen NS-KZs Buchenwald und Sachsenhausen. In ausweislich des amtlichen Endergebnisses derartige den Lagern saßen schätzungsweise noch rund hun- Einheitslisten immer um die 99 Prozent bekamen, derttausend Menschen ein, ehemalige Nazis, aber waren es im Mai 1949 nur 66 Prozent. Im Volkskongress und im daraus hervorgegangeauch viele sozialdemokratische SED-Gegner, Großbauern oder junge Leute, die bei Kundgebungen nen Volksrat hatte sich die SED scheinbar mit einer »gestört«, das heißt protestiert hatten. Etwa ein Drit- Minderheitsposition zufriedengegeben. Allerdings tel der Lagerinsassen starb aufgrund der oft barbari- waren auch die Massenorganisationen wie die Freie schen Haftbedingungen. Die Menschen waren im Deutsche Jugend (FDJ) oder der Freie Deutsche GeÜbrigen ohne Gerichtsurteil eingesperrt, verurteilte werkschaftsbund (FDGB) dabei: Für die FDJ saß Personen saßen in anderen Lagern oder Gefängnissen; unter anderem deren Vorsitzender Erich Honecker im Volksrat, wie FDGB-Chef Herbert Warnke ein die Speziallager waren also keineswegs »Straflager«. Das alles wirkte natürlich verheerend auf den Ruf verlässlicher Mann der Partei. Außerdem sorgte die der SED. Ihre Chefs schlugen daher in Moskau die SED schon 1948 für die Bildung von zwei neuen Auflösung der Lager vor. Auch baten sie darum, bis Parteien, die ebenfalls im Volksrat vertreten waren. Ende 1949 alle Kriegsgefangenen zu entlassen – eben- Eine National-Demokratische Partei Deutschlands falls ein Thema, das viele Familien schwer belastete. sollte als Auffangbecken für ehemalige WehrmachtAm 27. September, nach Piecks Genesung, gaben angehörige und nominelle Nazis dienen, während die die Sowjetführer auf einer zweiten Sitzung grünes Demokratische Bauernpartei Deutschlands auf dem Licht. Die Wünsche der Deutschen wurden erfüllt, Lande zu wirken hatte. Die Vorsitzenden Lothar Bolz die Straflager aufgelöst und die Kriegsgefangenen und Ernst Goldenbaum waren alte KPD-Kämpen freigelassen – »mit Ausnahme der von Militärge- und führten ihre Vereine treu im Schlepptau der SED. richten Verurteilten«. Derartige »Verurteilungen« Mithilfe dieser Parteien und der Massenorganisatiowaren zu Tausenden erfolgt, in Prozessen von zwan- nen verfügte die SED über eine solide Mehrheit. zigminütiger Dauer ohne Verteidiger. Die SowjetJetzt musste die SED nur noch mit der CDU und union konnte so die Arbeitskraft der Männer noch der Liberal-Demokratischen Partei Deutschlands bis 1955 für den Wiederaufbau des im Krieg von den (LDPD) verhandeln, die ebenfalls im Volksrat vertreten waren. Doch das ging flott. Man murrte zwar, Deutschen verwüsteten Landes ausbeuten. Am folgenden Tag flogen die Berliner zurück. In weil die Landtags- und Kommunalwahlen verschoben Piecks Gepäck lag eine lange Liste, welche die Staats- worden waren und es vorerst auch keine Wahlen zu gründung und Regierungsbildung detailliert regelte. einem DDR-Parlament geben sollte. Aber man zeigte

sich fügsam. Erneut galt das Argument, durch Mitmachen lasse sich Schlimmeres verhüten. Auch wirkte die Aussicht auf Ministersessel verführerisch. CDU-Vorsitzender war Otto Nuschke, vor 1933 Journalist, Mitglied des Preußischen Landtages und Hauptgeschäftsführer der Deutschen Staatspartei, des letzten Versuches einer bürgerlich-demokratischen Sammlung. Während des »Dritten Reiches« hatte man ihn mehrmals verhaftet. Doch 1949 war seine Widerstandskraft verbraucht. In den parteiinternen Auseinandersetzungen beruhigte Nuschke seine Freunde, die Verschiebung der Wahlen sei »nur von temporärer Bedeutung«. Auch hoffte er, durch die Gründung der DDR könne man der »DWK-Diktatur« entrinnen.

Erich Honecker verliest ein »Gelöbnis der deutschen Jugend« Immerhin legte die SED-Führung einen Termin für die Landtags-, Kommunal- und Volkskammerwahlen fest: 15. Oktober 1950. Sie fanden dann in der Tat ein Jahr nach der Republikgründung statt. Mit einer Einheitsliste. Wie der ehemalige Komintern-Inspekteur Gerhart Eisler schon am 4. Oktober 1949 auf einer Tagung des Parteivorstandes bemerkt hatte: »Als Marxisten müssen wir wissen: Wenn wir eine Regierung gründen, geben wir sie niemals wieder auf, weder durch Wahlen noch andere Methoden.« Ulbricht fügte hinzu: »Das haben einige noch nicht verstanden!« Der 7. Oktober 1949 wird schließlich zum offiziellen Gründungstag der Deutschen Demokratischen Republik. Um 12.44 Uhr eröffnet Pieck die 9. Tagung des Deutschen Volksrates im Festsaal des DWK-Gebäudes (vormals NS-Luftfahrtministerium und heute Sitz des Finanzministers). Punkt 1 der Tagesordnung: »Manifest der Nationalen Front des demokratischen Deutschlands«. Stalins Idee, alle Parteien in einer »Nationalen Front« zusammenzufassen, wird damit Genüge getan. Das Manifest fordert unter anderem: »Wiederherstellung der politischen und wirtschaftlichen Einheit Deutschlands durch: Beseitigung der Konstruktion des westdeutschen Staates […], Errichtung einer gesamtdeutschen Regierung der Deutschen Demokratischen Republik.« So versucht man zu suggerieren, die DDR sei kein Separatstaat, sondern der Kern eines neuen Deutschlands. Gleich anschließend konstituiert sich der Volksrat als Provisorische Volkskammer. Pieck eröffnet auch diese Sitzung, lässt aber Johannes Dieckmann von der LDPD zum Vorsitzenden wählen. Die Volkskammer absolviert ein beachtliches Pensum: Gesetz über die Provisorische Regierung der Deutschen Demokratischen Republik, Gesetz über die Bildung einer Provisorischen Länderkammer – in formaler Analogie zum westdeutschen Bundesrat –, Gesetz über die Verfassung. Der Verfassungsentwurf ist den Abgeordneten seit Längerem bekannt, der Dritte Volkskongress hat ihn am 30. Mai bestätigt. Nun tritt er in Kraft. Teilweise geht es allerdings zu schnell. Als Dieckmann das Gesetz zur Länderkammer aufruft, kommentiert er: »Auch dieses Gesetz ist als Drucksache Nr. 3 zum Teil in den Händen der Mitglieder des Hauses.« Daraufhin ertönen »Lebhafte Zurufe: Nein, überhaupt nicht!«. Dieckmann erläutert, es handele sich um einen gemeinsamen Antrag aller Fraktionen, und verliest dessen fünf Artikel. Dann lässt er abstimmen und erklärt: »Auch dieses Gesetz hat einstimmige Annahme gefunden. (Beifall.)« Am 11. Oktober wird Pieck in einer gemeinsamen Sitzung von Volkskammer und Länderkammer zum ersten Präsidenten der DDR gewählt, einstimmig, versteht sich. Für den Abend haben Partei und FDJ zu großen Demonstrationen aufgerufen. Die Tägliche Rundschau, das deutschsprachige Organ der sowjetischen Besatzungsmacht, berichtet am nächsten Tag: »Bald vor Beginn der Kundgebung auf dem AugustBebel-Platz waren alle Straßen von unübersehbaren Menschenmassen überfüllt […]. Stürmischer Jubel

brauste auf, als der neue Staatspräsident, der alte, verdiente Arbeiterführer, an dem mit Feldblumen geschmücktem Rednerpult erschien und den hunderttausendstimmigen Chor ›Es lebe der Präsident unserer demokratischen Republik!‹ mit einem glücklichen Schwenken der Hand beantwortete.« Zuletzt dann der große Auftritt des FDJ-Vorsitzenden Erich Honecker: Zu einem Fackelzug hat er Zehntausende Jugendliche aus der ganzen DDR heranfahren lassen. Der immerhin schon 37-jährige Honecker verliest ein »Gelöbnis der deutschen Jugend« und verspricht der DDR die Treue. Otto Grotewohl wird Ministerpräsident und darf am 12. Oktober seine Regierung vorstellen. Ulbricht, Nuschke und der LDPD-Vorsitzende Hermann Kastner werden »gleichberechtigte Stellvertreter«. Allerdings ist Ulbricht gleichberechtigter: Sein Kleines Sekretariat des Politbüros erlässt am 17. Oktober die entscheidenden Richtlinien. Ihnen zufolge müssen »Gesetze und Verordnungen von Bedeutung« sowie Regierungsbeschlüsse vor ihrer Verabschiedung dem Politbüro beziehungsweise Ulbrichts Kleinem Sekretariat »zur Beschlußfassung« vorgelegt werden. Ein Ministerium für Staatssicherheit existiert noch nicht. Allerdings besteht in der Deutschen Verwaltung des Inneren eine entsprechende Hauptverwaltung zum Schutze des Volkseigentums unter Erich Mielke, dem späteren langjährigen Stasi-Chef. Für die geheime Aufrüstung ist Wilhelm Zaisser (1950 erster Stasi-Minister) zuständig. In der Gründungsstunde der DDR gibt es bereits paramilitärische »Bereitschaften der Volkspolizei«, Lehrgänge für kommende Offiziere und Unteroffiziere laufen an. Noch zögert die sowjetische Führung jedoch, Deutschen erneut schwere Waffen an die Hand zu geben.

So schnell die DDR entstanden ist, so schnell kollabiert sie Vier Jahrzehnte später, im Oktober 1989, ordnete Honecker, 1971 zum SED-Chef aufgestiegen, pompöse Feierlichkeiten zum vierzigjährigen Jubiläum der DDR an. Doch ausgerechnet sie wurden der Katalysator des Protestes, verschafften der Opposition den Durchbruch zur Massenbewegung – und läuteten den Untergang des SED-Regimes ein. Es war das Ende einer Diktatur auf tönernen Füßen. Nur durch massive Repression konnte die DDR aufgebaut werden. Nur sowjetische Panzer vermochten im Juni 1953 das SED-Regime an der Macht zu halten, und nur durch die Mauer in Berlin und einen Todesstreifen quer durch Deutschland ließ sich später die »Republikflucht« eindämmen. Die Hoffnung der SED, sich über ökonomische Erfolge Loyalität erkaufen zu können, erwies sich als illusorisch. Das starre Wirtschaftssystem produzierte bürokratischen Leerlauf, Lethargie und Materialverschwendung und blieb in veralteten Produktionsmethoden stecken. Ulbricht versuchte sich in den sechziger Jahren mit ökonomischen Reformen. Aber wie in den anderen Ländern des sowjetischen Blocks zeigte sich, dass dieses System nur konserviert oder abgeschafft werden konnte. Als dann im Herbst 1989 die Moskauer Führung unter Michail Gorbatschow es ablehnt, den »Arbeiter-und-Bauern-Staat« weiterhin militärisch zu stabilisieren, ist es mit der DDR vorbei. Sie fällt genauso schnell in sich zusammen, wie sie genau vierzig Jahre zuvor gegründet worden war.

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DIE

ZEIT

WOCHENZEITUNG FÜR POLITIK WIRTSCHAFT WISSEN UND KULTUR

8. Oktober 2009

IN DIESER AUSGABE:

Der heilige Haider

96 Seiten Literatur

Wozu verführt uns China? Herausforderndes und Bewundernswertes über das Gastland der Frankfurter Buchmesse. Und ein Besuch bei Toni Morrison

Vor einem Jahr raste der Landesvater von Kärnten in den Tod. Jetzt huldigen ihm die Hinterbliebenen wie einem Messias

TEXTE U. A. VON BRIGITTE KRONAUER, IRIS RADISCH, TILMAN SPENGLER, PAUL NOLTE, HARALD MARTENSTEIN UND ULRICH GREINER

POLITIK SEITE 14–16

Wenn sie ihn abhängt

Krieg der Werte

Unter Deutschen

In Gaza wie in Georgien: Das erste Opfer militärischer Einsätze ist meist die Wahrheit. Wer bringt sie ans Licht? VON ANDREA BÖHM

Die Integration der Ausländer ist viel weiter, als Thilo Sarrazins törichte Worte vermuten lassen VON JÖRG LAU

G

rst hat er gepoltert, dann hat er sich entschuldigt: Thilo Sarrazin, der Haifisch im Karpfenteich der Berliner Politik, hat wieder eines seiner berüchtigten KrawallInterviews gegeben. In schnoddrigem Ton dozierte er über die Missstände des Einwanderungslandes Deutschland, wie sie sich in Neukölln und Berlin-Mitte verdichten: Schulversagen, Importbräute, aggressiver Machismo und das Versacken auch der dritten Generation – vor allem von Migranten türkischer und arabischer Herkunft – in staatlich alimentierten Parallelgesellschaften. Es ist eine Errungenschaft, über diese Dinge unverklemmt und ohne Hass debattieren zu können. Deutschland übt erst seit ein paar Jahren den freieren, konfliktfreudigen Blick auf die selbst verschuldeten Folgen fehlgesteuerter Einwanderung und verweigerter Integration: Ja, es muss möglich sein, über die unterschiedlichen Integrationserfolge verschiedener Gruppen zu reden, über Geschlechterrollen, Familienstrukturen und religiöse Prägungen, die dabei den Ausschlag geben. Falls Thilo Sarrazin, in den Vorstand der Bundesbank gewechselter ehemaliger Berliner Finanzsenator, dazu einen Beitrag leisten wollte, ist er allerdings spektakulär gescheitert. Mit maßlosen Zuspitzungen hat er der Integrationsdebatte – und sich selbst – einen Tort angetan. Eine »große Zahl von Arabern und Türken in dieser Stadt« habe, meint Sarrazin, »keine produktive Funktion außer für den Obst- und Gemüsehandel«. Was soll dieser Hohn über kleine Selbstständige, die schuften, damit die Kinder es einmal besser haben? Wir sollten feiern – wie man es im Einwanderungsland USA tut –, dass diese Menschen lieber arbeiten, als von Transferleistungen zu leben. Sarrazin räumt ein, dass »nicht jede Formulierung in diesem Interview gelungen war«. Mehr als das: Er kokettiert auch mit rechtsradikalen Denkfiguren: »Die Türken erobern Deutschland genauso, wie die Kosovaren das Kosovo erobert haben: durch eine höhere Geburtenrate.« Nun wird sein Rücktritt aus dem Bundesbank-Vorstand gefordert. Zurücktreten muss er nicht. Aber es sollte ihm zu denken geben, dass die NPD in Sachsen ihm höhnisch das Amt des Ausländerbeauftragten anträgt. Sarrazin hat mit seinem Interview das Dokument einer gesellschaftspolitischen Wasserscheide vorgelegt. Wer die fünf eng bedruckten Seiten in Lettre International liest und zugleich die Regierungsbildung verfolgt, steht verblüfft vor der Tatsache, dass ein prominenter SPD-Mann am rechten Rand entlanggrantelt, während die konservativ-liberalen Koalitionäre über einer modernen Integrationspolitik brüten. Das ist die eigentliche Bedeutung des Sarrazin-Interviews: Die Sozialdemokratie hat das Zukunftsthema Integration an die ideologisch flexiblere andere Seite abgegeben. Sarrazin war sieben Jahre lang in einer Regierung, die beinahe nichts gegen die weitere Verwahrlosung und ethnische Segrega-

Bei Kriegsverbrechen misst der Westen mit zweierlei Maß Israel und Hamas werden in dem Bericht aufgefordert, umgehend selbst diese Verbrechen zu untersuchen und zu ahnden. Auf beiden Seiten dürfte dieser Appell leider ein frommer Wunsch bleiben, weshalb Goldstone empfohlen hat, den Bericht an den UN-Sicherheitsrat und von dort notfalls weiter an den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag zu verweisen. Das war dann doch zu viel der Wahrheitsfindung. Man könnte die Causa Goldstone als weiteres Kapitel im elenden politischen Drama des Nahostkonflikts abhaken – wäre da nicht Barack Obama. Unter seiner Regierung, so hatte Obama versprochen, werde es in Sachen Nahost kein business as usual geben. Sollte heißen: unverbrüchliche Solidarität mit dem israelischen Staat, aber keine reflexhafte Abwehr mehr von internationaler Kritik an Israel. In seiner Kairoer Rede im Juni verurteilte Obama ausdrücklich die »alltäglichen Erniedri-

gungen« der Palästinenser unter der Okkupation. Bei seinem Auftritt vor der UN-Generalversammlung las er jüngst nicht nur antisemitischen Scharfmachern von Mahmud Ahmadineschad bis Muammar al-Gadhafi die Leviten, sondern auch Israel und dem eigenen Land: Es gebe keine echte Sicherheit ohne Respekt für die Menschenrechte und die legitimen Ansprüche der Palästinenser. Genau das steht auch im Goldstone-Report. Indem die US-Regierung diesen nun in den Giftschrank packt, verspielt sie jenes politische Kapital im Nahen Osten, das Obama mit seinen Reden geschaffen hat. Das ist nicht nur ein strategisches, sondern ein fundamentales Problem. Zum ersten Mal seit dem 11. September 2001 hat eine UN-Untersuchungskommission am Beispiel eines konkreten Konflikts unmissverständlich gefordert, dass sich Staaten auch in asymmetrischen Kriegen gefälligst an das Völkerrecht zu halten haben. Also vor allem an das Prinzip des größtmöglichen Schutzes der Zivilbevölkerung – auch wenn so das Risiko für die eigenen Soldaten wächst. In Afghanistan haben die USA sich diese Maxime jetzt zu eigen gemacht. Für Israel soll sie nicht gelten? Solche strategisch motivierte Heuchelei Amerikas und der EU kommt den Ahmadineschads, al-Gadhafis, al-Baschirs, Mugabes und Mubaraks höchst gelegen. Die denunzieren immer lauter die Idee internationaler Ermittlungen und Strafgerichte als »neokoloniales Instrument« des Westens, als »Zwei-Klassen-Justiz«, die sich nur gegen afrikanische Kriegsherren und arabische Staatschefs wende, nicht aber gegen israelische Militärs, die Krankenhäuser beschössen, oder amerikanische Verteidigungsminister, in deren Papierkorb die Antifolterkonvention liege. Natürlich ist solche Propaganda widerwärtig. Aber es geht auch gar nicht darum, die Diktatoren und Autokraten dieser Welt zu überzeugen. Es geht um die Bürgerrechtler, Anwältinnen, Journalisten, Ärztinnen und Gewerkschafter in ebenjenen Ländern, die für eine Idee von universellen Menschenrechten Kopf und Kragen riskieren und dabei auf den Westen setzen. Und die dabei immer wieder feststellen, dass dieser Westen mit zweierlei Maß misst, dass ein amerikanisches Leben mehr wert ist als ein afghanisches, ein israelisches mehr als ein palästinensisches. Der Goldstone-Bericht bezeugt an mehreren Stellen Respekt für Mitglieder der israelischen und palästinensischen Zivilgesellschaft. Für Menschenrechtler in Tel Aviv, die Ermittlungen gegen die eigene Armee fordern, oder Lehrer im Gaza-Streifen, die sich trotz israelischer Blockade der Hasspropaganda von Hamas verweigern. Sie haben Goldstone eine Hoffnung in den Notizblock diktiert: dass dies der letzte Untersuchungsbericht dieser Art sein wird – und der erste, der endlich politische und juristische Konsequenzen hat. a www.zeit.de/audio

E

tion in der Hauptstadt getan hat. Und nun bramarbasiert er apokalyptisch über »Unterschichtgeburten« und die »kleinen Kopftuchmädchen«, wie es früher die Rechte getan hat. Währenddessen haben die Konservativen ihren Frieden mit dem Einwanderungsland gemacht, ohne die Augen vor den Problemen zu verschließen – und denken schon ganz pragmatisch über ein Integrationsministerium auf Bundesebene nach. Sie wollen Deutschland nicht mehr abschotten, sondern zu einer »Aufsteigerrepublik« umbauen – so der CDU-Politiker Armin Laschet –, in der Chancengerechtigkeit und Leistungswille vor Herkunft gehen.

MAGAZIN SEITE 10–15

ONLINE Ramschgeschäft Strom: Die Zahl der Billiganbieter boomt. Die meisten machen Verluste a www.zeit.de/ramsch-strom

PROMINENT IGNORIERT

Warum ist es so verteufelt schwer, hierzulande dazuzugehören? Das ist das integrationspolitische Motto der Mitte-rechts-Koalition für das Einwanderungsland Deutschland. Die CDU kann dabei glaubwürdig führen, gerade weil sie früher die Partei des Leugnens und Verdrängens war. Sie kann all jene mitnehmen, denen der Wandel zu schnell geht. Die wirtschaftsnahe FDP kann, getrieben vom wachsenden Fachkräftemangel, den Bewusstseinswandel befördern: Wir brauchen eine gestaltende Einwanderungspolitik. Die Konsequenzen der verfehlten Gastarbeiterpolitik früherer Jahrzehnte gilt es jetzt anzupacken. Und dazu wird es eines veritablen New Deal mit den Migranten bedürfen. Man könnte es auf diese Formel bringen: größere Aufnahmewilligkeit gegen mehr Engagement und Eigenverantwortung. Also: Wir werden euch schneller als Teil dieses Landes akzeptieren, wenn ihr euch mehr reinhängt. Was die türkische Gemeinschaft angeht, läuft es auf Fragen dieser Art hinaus: Statt es zur Ehrensache zu machen, gegen Sprachnachweise beim Ehegattennachzug zu streiten – wie wäre es mit einem Kampf für besseren Deutschunterricht? Wann fangt ihr an, nicht vor allem durch Moscheeneubauten und den Kampf für Gebetsräume in Schulen, sondern durch Leistung auf euch aufmerksam zu machen? Wir müssen Einwanderer künftig aussuchen: Ein Punktesystem muss her, das formuliert, wen wir brauchen. Die Einbürgerung aber muss erleichtert werden, und zwar abhängig von Fortschritten bei der Integration: Warum sollen erfolgreiche Migranten acht Jahre lang auf ihren Pass warten? Die sogenannte Mehrheitsgesellschaft muss sich fragen lassen, warum es so verteufelt schwer ist, hierzulande dazuzugehören – selbst wenn man erfolgreich ist. Wie hieß es doch im Wahlkampf: Leistung muss sich lohnen. Schwarz-Gelb sucht ein Projekt. Unbescheidener Vorschlag: nach Eingliederung der Vertriebenen und Wiedervereinigung nun die Integration der Neudeutschen – eine »dritte deutsche Einheit« (Laschet), das wäre doch was. a www.zeit.de/audio

Fußballheld Sascha Burchert, Torwart von Hertha BSC, lief im Spiel gegen den HSV aus dem Tor, verlor den Ball an die Füße des Gegners, der ihn ins leere Tor schoss. Wie das gebrannte Kind, das die Hand erneut auf die Herdplatte legt, machte Burchert, der seinem Pech nicht traute, Sekunden später das Ganze noch einmal. Das Spiel ging verloren, aber er hatte bewiesen, was zu beweisen war, ein wahrer Held wissenschaftlicher Methodik. GRN. Abb. klein: Alexandra Compain-Tissier; Ronny Hartmann/ddp (v.o.n.u.)

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A 64. Jahrgang C 7451 C

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ibt es eine Wahrheit nach dem Krieg? Und wenn ja, wie viele? Und wer darf sie verkünden? Zwei Kriege, zwei Untersuchungskommissionen, zwei Berichte. Im Auftrag der EU haben internationale Experten den Georgienkrieg untersucht und festgestellt, was längst unumstritten war: dass Georgien diesen Krieg begonnen hat, Russland mit völlig unverhältnismäßiger Gewalt reagierte und dass gegen Völkerrecht verstoßen wurde. Politische oder juristische Folgen wird dieser Report nicht haben. Ganz anders der Bericht einer UN-Kommission unter Leitung des südafrikanischen Völkerrechtlers Richard Goldstone über den GazaKrieg. Er hat einen politischen Sturm der Empörung ausgelöst, weil er tatsächlich etwas bewirken könnte. »Einseitig« und »mit schweren Fehlern behaftet« – so kommentierte die amerikanische Regierung Goldstones Abschlussreport und verhinderte nun mit Rückendeckung der EU bis auf Weiteres, dass der Bericht im Rahmen der UN irgendwelche Folgen hat. Nach der Lektüre fragt man sich, warum. Auf 575 Seiten schildern Goldstone und seine Ermittler detailliert israelische Militärschläge im Gaza-Streifen ebenso wie Raketenangriffe von Hamas auf israelische Städte und Siedlungen. Beide Kampfparteien werden dabei der Kriegsverbrechen beschuldigt. Goldstone wirft Hamas vor, sie habe mit ihrem Raketenbeschuss Terror auf die israelische Zivilbevölkerung ausgeübt. Israel beschuldigt er, mit seinen Attacken auf palästinensische Krankenhäuser, Moscheen und Fabriken während der Operation »Gegossenes Blei« sich nicht nur gegen terroristische Angriffe gewehrt, sondern eine ganze Bevölkerung »kollektiv bestraft« zu haben.

»Schatz, es wird später heute!« Verdient die Frau mehr als er, leidet oft die Beziehung

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Illustration: Smetek für DIE ZEIT/www.smetek.de

Nr. 42

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ÖSTERREICH

8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

Stern des Südens Vor einem Jahr raste Jörg Haider in den Tod. Nun bereitet sich Kärnten darauf vor, einem weltlichen Heiligen zu huldigen VON JOACHIM RIEDL

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ein schönster Ferientag war, wie mein Vater es über seinen Freund Lobnik geschafft hat, dass die ganze Familie die Jörg Haider-Ausstellung besuchen darf, die in echt noch gar nicht geöffnet ist. Wir verließen Völkermarkt um acht Uhr und kamen wenig später in Kla Haiderabad an, wo wir den Weg zur Ausstellung gleich fanden. An der Tür stand ein Mann, der aussah wie der verstorbene Herr Landeshauptmann, und meine Mama wurde fast ohnmächtig, weil sie glaubte, er ist es wirklich, aber es war nur der Oberaufseher, der ihm sehr ähnlichschaute. Als mein Vater ihn fragte, warum er dem verstorbenen Herrn Landeshauptmann so ähnlichschaut, sagte er, das gehört zum Konsepp der Ausstellung, dass alle Aufseher ausschauen wie der verstorbene Herr Landeshauptmann, so wie man in Disneyland auch der Micky Maus oder dem Donald Duck die Hand geben kann. Es ist im Frühjahr ein Jörg Haider-Lukileik-Wettbewerb veranstaltet worden, den hat er gewonnen und darum ist er der Oberaufseher und die anderen bis hinunter zum Siebenten sind die anderen Aufseher. Der Oberaufseher heißt übrigens Sommeregger und ist ein Bekannter vom Lobnik, dem Freund von meinem Vater. Sommeregger führte uns nun hinein in den Stollen, wo eigentlich ein Bergbaumuseum ist, aber jetzt die Jörg Haider-Ausstellung. Zu Be-

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Mein schönster Ferientag Ein Elfjähriger aus Völkermarkt erzählt in einem Aufsatz von seinem Ausstellungsbesuch VON ANTONIO FIAN

Composing: Smetek für DIE ZEIT; Fotos: Joachim Riedl für DIE ZEIT

einahe hätte Gerhard Finding an diesem Sams- die seine politischen Erben angeworfen haben. Tatsächlich tag im Oktober seinen Frühstückskaffee ver- ist es ein Familienbetrieb. Finding hat alles mit seiner Frau, schüttet, als er aus dem Radio die Neuigkeit einer Lehrerin, ausgetüftelt, an seinem Computer in einem erfuhr. »Das kann nicht wahr sein«, dachte er. unscheinbaren Bürogebäude am Stadtrand Grafik, Fotos »Der Haider lebt doch ewig.« Er war fassungs- und Schrifttafeln für die Präsentation erstellt; bei den Vilos. Weil Finding ein pflichtbewusster Mann ist, begab er deoclips stand sein Sohn hinter der Kamera. Eine Woche sich unverzüglich an seinen Arbeitsplatz, das Bergbaumu- vor der Eröffnung wird in dem improvisierten Aufnahmeseum, das in einem ehemaligen Luftschutzbunker im studio noch einmal Claudia Haider erwartet. Sie soll vor Botanischen Garten von Klagenfurt untergebracht ist. Er einem schwarzen Ausstellungsplakat Platz nehmen und zum wollte dem Anruf zuvorkommen, der ihm auftragen wür- ersten Mal darüber reden, was sich in der Todesnacht zude, über dem Eingang eine schwarze Fahne zu hissen. trug, als um 3.30 Uhr ein Kriseninterventionsteam des In den Straßen waren nur wenige Autos unterwegs. An Roten Kreuzes im Bärental auftauchte. einer Ecke erspähte er ein merkwürdiges Bild. Vor einem Einer, der sich einem Besuch in der ErinnerungskataDreieckständer, der noch vom Nationalratswahlkampf kombe verweigern möchte, sitzt in einem Café unweit der übrig geblieben war, kniete eine Frau, hielt eine brennen- Universität Klagenfurt und dröselt fein säuberlich den Myde Kerze vor ihrer Brust und betete ein Plakat des gerade thenstrang, der in Kärnten gesponnen wird, wieder auf. Sein tödlich verunglückten Landeshauptmanns an. Da keimte Institut beschäftigt sich auch mit Ethnopsychoanalyse, ist in dem 53-jährigen Museumspädagogen die Idee: Eine also darauf spezialisiert, die Bedeutung rätselhafter StamAusstellung über Leben und Sterben des abgöttisch ver- mesriten zu ergründen. Seit 26 Jahren lebt der Frankfurter ehrten Idols würde ein Publikumsmagnet sein. Klaus Ottomeyer bereits in Kärnten, und das Gefühl, sich In den drei Jahrzehnten, in denen Finding das einzige in einer fremden, unnahbaren Umgebung zu befinden, ist städtische Museum von Klagenfurt leitet, hat er bereits 31 nicht gewichen. Kurz nach Haiders Tod hat ihm dessen Sonderausstellungen gestaltet, über Minerale ebenso wie über Nachfolger in einer Landtagsdebatte nahegelegt, das Weite Kelten, die Schlachten am Isonzo oder die Bombennächte zu suchen: »Dann kann ich sagen, Herr Professor Ottomeydes Zweiten Weltkrieges. Keine einzige davon hat über die er, ich weiß nicht, wo er herkommt, bitte wieder zurück!« Stadtgrenzen hinaus sonderliches Aufsehen erregt. Ottomeyer ist geblieben und schrieb ein Buch über Mythenbildung und Erbschaft, also den Diesmal fiebert scheinbar die halbe Welt der Eröffnung entgegen. Der Klagenfurter Nachhall, den Haider hinterließ. Darin ist Stadtrat Alfred Gunzer, für Kultur und Fivon »halluzinatorischen Trauerneurosen« die Rede, von der »multiplen Persönlichnanzen zuständig, finanziert das Projekt mit 80 000 Euro und erwartet sich nun keit« des Toten, von den »Komplementär100 000 Besucher. Vor allem aber hat der narzissten«, die ihn umgeben hätten, und BZÖ-Politiker dem amtierenden Landesdavon, dass der angehimmelte Patron in vater und Haider-Nachfolger Gerhard den Augen vieler Landsleute eine ErlöserTitelgeschichte Dörfler die Show bei den landesweiten Angestalt gewesen sei, welche die gequälte dachten gestohlen, mit denen das verwaiste Kärnten in den Kärntner Seele von ihren Verlustängsten, der Vaterlosigkeit nächsten Tagen seinem vermeintlichen Messias huldigt. und dem Gefühl der Kleinheit befreit habe. »Plötzlich war Was ist schon ein läppischer Bildstock, den Dörfler am Kärnten wieder was: Haider-Country«, sagt der Psychologe. Unfallort in Lambichl am 10. Oktober enthüllen will, ver- »Manchmal bin ich stolz darauf, dass ich Dinge richtig glichen mit einem begehbaren Reliquienschrein für Jörg voraussage.« Ottomeyer hatte prophezeit, Haider werde, Haider? Auf 800 Quadratmetern ist dort ausgebreitet, was wie einst der Leichnam des kastilischen Ritters El Cid, die an ihm unsterblich war: das weiße Schaukelpferd aus zwei- Seinen auch über seinen Tod hinaus anführen. Indem sie ter Hand, das der kleine Jörg Cäsar taufte, das Brautkleid, sein Angedenken beschworen, gelang es den Erben bei den das einst seine Witwe Claudia an ihrem schönsten Tag ge- Landtagswahlen im März sogar, ihr Idol zu übertrumpfen. tragen hatte (den Anzug des Bräutigams haben die Motten zerfressen), eines der Mobiltelefone des Tausendsassas, die Der »Partei der Lebensmenschen« stehen schicken Klamotten von den Disco-Touren, die A5-Zettel, turbulente Zeiten bevor von denen der Bierzeltagitator seine berüchtigten Aschermittwochsepisteln las, der Landeshauptmannschreibtisch, »Da ist eine Saat aufgegangen, die der Haider gesät hat«, zu dem die kleinen Leute vorgelassen wurden, wenn sie meint Uwe Sommersguter. »In Kärnten herrschte die EmpSorgen plagten, der Montblanc-Füller, mit dem er Verord- findung, man müsse ihm noch einmal Dank abstatten.« nungen zu unterfertigen pflegte, vermutlich auch jene, mit Der Chefredakteur der Kärntner Woche hat soeben mit denen er Asylwerber des Landes verwies oder auf die ent- seinem Kollegen Georg Lux ein Buch fertiggestellt, in dem legene Saualm verbannte. die beiden Journalisten die Zukunftsperspektive der poliAuf ein Objekt, das den tragischen Höhepunkt bilden tischen Verlassenschaft des Karawankenheros unter die sollte, musste der Ausstellungsgestalter allerdings verzichten, Lupe nehmen (Das Jörg-Haider-Experiment, Carinthia-Verwas ihn noch immer schmerzt: zwei Tonnen zerknautsch- lag). Sie kommen zu dem Schluss, der »Partei der Lebenstes Stahlblech. Erbe Dörfler, der das Wrack des Unfall- menschen«, die Haider zurückließ, stünden ohne das inwagens für 39 000 Euro aus der Parteikasse erwarb, hat die tegrative Potenzial ihres Initiators nun, nachdem die fetten Trümmer an einem Ort versteckt, der »geheimer als geheim Jahre der Verschwendung vorbei seien und das Land bankist«, wie Finding verrät. rott sei (siehe Gönner und Pleitier auf Seite 15), bewegte Zeiten bevor. Zu unterschiedlich seien die Strömungen, die der Parteigründer um sich scharte. In einem abgedunkelten Raum wird die Tonangebend im Stammland des BZÖ sind die Brüder Erinnerung an Haider wachgehalten Scheuch, Gutsherren und Kiesgrubenbesitzer, die aus eiEr weiß sich zu behelfen. Im letzten Raum, der von der nem knorrigen, nationalfreiheitlichen Elternhaus stamTodesfahrt erzählt, will er alle Register seiner Inszenierungs- men, auf ihrem Sternhof in Mühldorf den freien Bauernkunst ziehen. »Das wird gewaltig«, sagt er. Eine rabenschwar- stand beschwören und ideologisch den traditionellen ze Katakombe, in der ein wandgroßes Foto den Blechsalat Freiheitlichen nahestehen, denen Haider den Rücken geder Karosse zeigt und Schrifttafeln von allen gängigen Zwei- kehrt hatte. Da sich außerhalb von Kärnten ihre Partei feln berichten, die das Unglück begleiten. Denn dass dieser nur geringe Überlebenschancen ausrechnen kann, schwebt weltliche Heilige nach einem homosexuellen Quickie voll- ihnen mittelfristig wohl ein Zusammenschluss der beiden trunken mit Höllentempo in den Straßengraben gerast sein Fraktionen des Dritten Lagers vor, bei dem das BZÖ als soll, das wollen viele seiner Hinterbliebenen weiterhin nicht eigenständige Landespartei nach dem CDU/CSU-Modell wahrhaben. Nicht die Mutter, nicht die Witwe, nicht die erhalten bliebe. »Ausgeschlossen ist das nicht«, gestand Kärntner, die behaupten, dass sie ihn im Herzen trügen. Auf Uwe Scheuch unlängst der Kärntner Woche. Dem gegenüber steht der gegenwärtige LandeshauptPlakaten und im Internet fordern sie immer lauter Gerechmann Dörfler, der es als »den politisch schönsten Tag in tigkeit für Jörg: »Kärnten will die Wahrheit!« Er habe alles penibel recherchiert, versichert Kurator meinem Leben« bezeichnete, als sich sein Mentor Haider Finding. Leider könne auch er in seiner Schau keine Mög- von der alten FPÖ abspaltete. Der ehemalige Filialleiter der lichkeit ausschließen. Ausgenommen die etwas verwegene Volksbank in Ossiach war ein loyaler Gefolgsmann ohne eigene Weltsicht und seinem Vorgänger bedingungslos erTheorie von der Mikrowellenkanonade vermutlich. Ein wenig mulmig ist dem Museumsdirektor mittlerwei- geben. Seine Ideologie heißt Haider. Er stammt aus einle allerdings schon in dem Minenfeld, in das er sich mit fachen Verhältnissen im sozialdemokratischen Milieu seiner Königsidee begeben hat. Deswegen haben sich alle Kärntner Prägung, ist leutselig, populär und in seiner schlichBeteiligten bis zur ersten Präsentation am 9. Oktober ein ten Art hauptsächlich für die vergangenen Wahlerfolge verSchweigegelübde auferlegt. Die Geheimniskrämerei soll ver- antwortlich. In diesem Spannungsfeld kommt dem derhindern, dass der Chor der Kritiker zu laut anschwillt, bevor zeitigen BZÖ-Obmann Josef Bucher, einem Hotelier, der überhaupt etwas zu sehen ist. Bei Haider-Huldigungen, da am ehesten in der ÖVP beheimatet ist, kaum Gewicht zu. Sollte der Haider-Mythos in absehbarer Zeit verblasmerken sogar Leute empört auf, die weit entfernt leben und über Österreich wenig mehr wissen, als dass dort hohe Ber- sen, meint BZÖ-Experte Sommersguter, würden die inge herumstehen. Haider, der Dämon, Haider, die Lichtgestalt nerparteilichen Widersprüche schnell aufbrechen. Das – ein Jahr nach seinem Tod hat der janusköpfige Mythos Haider-Experiment wäre auch in seiner Wahlheimat schärfere Konturen bekommen. Für die ersten zehn Aus- Kärnten gescheitert. Der ganze Rummel, mutmaßt der stellungstage wurde vorsorglich ein Wachdienst engagiert. Buchautor, sei vor allem eine geschickte Inszenierung der »Ich bin wahrscheinlich der einzige Kärntner, der ihn Erben zu deren eigenem politischem Nutzen. Derlei Überlegungen hält der Klagenfurter Schriftnicht gekannt hat«, behauptet Finding. Kein Händedruck, kein Schulterklopfen ist ihm erinnerlich, in seinem Bunker- steller Josef Winkler, der mit einer Trilogie über das Wilde museum war der umtriebige Landesvater nie erschienen. Kärnten berühmt wurde, für Haarspalterei. Die HaiderFinding wurde Haider-Forscher, führte ausgiebige Gespräche Verehrung ist ihm schlicht zuwider. Da besucht er lieber mit Mutter Dorothea, mit der Witwe und den Töchtern. Sie das Grab von Julien Green in der Stadtpfarrkirche und wird haben ihm ihre Erinnerungen ebenso wie die Türen zum wütend, als er einen Kranz des BZÖ-Bürgermeisters auf privaten Allerheiligsten geöffnet, in dem die vielen Erinne- der Marmorplatte entdeckt. Nur mühsam kann ihn der rungsstücke unberührt herumliegen, als habe er soeben den herbeigeeilte Monsignore besänftigen. Im Sommer rechnete Raum verlassen. Leider wurde auch aus dem Plan nichts, das Winkler in seiner Eröffnungsrede zum Bachmann-WettKinderzimmer aus dem Elternhaus in Bad Goisern, in dem bewerb mit seiner Heimat schnörkellos ab, geißelte die noch heute die Burschenschafter-Kappen und die gekreuzten Verschwendungssucht, Raffgier und SelbstbedienermenSchläger, mit denen er seine Mensuren focht, an der Wand talität der Provinzpolitiker, die er »Räuber« und »unverhängen, in die Unterwelt von Klagenfurt zu verfrachten. Der schämtes Pack« nennt. Ihr Ahnherr: ein gewisser Haider Kleiderschrank passte nicht durch die Stubentür, er war einst Jörg, der gekommen war, um Kärnten zu erlösen, und es nur ausgenommen hat. »Einbalsamieren hätten sie ihn durch das Fenster in den Raum gehoben worden. Hinter einer Gedenkausstellung über den Kärntner Ab- müssen«, sagt Winkler, »und ihn im Landhaus ausstellen gott vermuten viele eine gewaltige Propagandamaschine, in einem gläsernen Schneewittchensarg.«

BUNDESSTRASSE 4, LAMBICHL – hier verunglückte Jörg Haider in seinem Auto. Fahnen erinnern an die Todesfahrt. Noch immer zweifeln nicht nur Freunde des Politikers an der offiziellen Todesursache

ginn sah man viele Dinge aus dem Leben des verstorbenen Herrn Landeshauptmann, sein Schaukelpferd, seinen Schreibtisch oder seine Sportschuhe zum Beispiel, die er bei der Schlacht bei Marathon angehabt hat, wie der Sommeregger sagte, und alle mussten lachen bis auf die Mama, die leider schon fast das ganze Jahr immer traurig war und am Anfang eigentlich gar nicht mitfahren wollte, weil sie gesagt hat, in so einer Ausstellung muss sie immer an die Traködie des verstorbenen Herrn Landeshauptmann denken, der soviel für Kärnten getan hat und ihr sogar einmal persönlich hundert Euro gegeben hat, wie wir kein Geld hatten. Viele Fotos waren dann zu sehen mit ihm und seinen Freunden, von denen ich aber keinen kannte, und die Bildunterschriften waren noch nicht fertig. Einmal sitzt er mit einem Freund in einem Superporsche, und mein Vater sagte, das ist der Bundeskanzler Schüsel, mit dem der verstorbene Herr Landeshauptmann oft Schlitten gefahren ist, was immer eine Mordshetz war, und diesmal musste auch meine Mama ein bisschen lachen, die immer besser aufgelegt wurde und in dem Raum mit der Saundinstallazion sogar mitsang, was mich sehr froh machte, obwohl mir die Lieder nicht gefielen, weil nirgends ein Schlagzeug dabei ist. Dann war die Ausstellung aus und wir gingen noch in den Shop, wo schon alles fertig eingerichtet war, und da gab es echt coole Andenken. Ich kaufte eine Haiderlarve für den 10. Oktober-Umzug und ein Robin Hood-Video und einen Jörg Haider-Gedächtnis-Radierer für die Schule. Den nahm mir der Sommeregger aber gleich wieder weg, weil er sagte, der gehört nicht hierher, den haben linke Studenten eingeschmuggelt. Dafür erhielt ich umsonst einen Bausatz von dem hinigen Phaeton, mit dem der verstorbene Herr Landeshauptmann leider verunglückt ist, aber der war unheimlich schwer zum Zusammenbauen, der Papa hat sich auch nicht ausgekannt und so haben wir ihn vorige Woche weggehaut. Die Mama hat für sich eine LiederCD vom verstorbenen Herrn Landeshauptmann gekauft und für meinen kleinen Bruder, der noch zu klein war um mitzufahren und bei der Oma geblieben ist, ein ursüßes Petzner-Bärli, mit dem er jetzt immer schlafen geht. Dann haben die Erwachsenen noch ein paar Schnaps getrunken, und wir haben uns beim Sommeregger bedankt und der Papa hat auch den Lobnik angerufen und sich bedankt, dann fuhren wir heim. Der Papa ließ diesmal die Mama fahren, weil er doch zuviel Schnaps getrunken hatte und einen ziemlichen Radierer hatte, und die Mama summte immer noch die Lieder und war gut aufgelegt, aber dann wurde sie leider wieder ein bisschen traurig, weil im Verkehrsfunk durchgesagt wurde, »der Geisterfahrer hat die Autobahn verlassen«, und sie hat gesagt, da muss sie immer an die Traködie des verstorbenen Herrn Landeshauptmann denken. Trotzdem war das mein schönster Ferientag, weil meine Mama schon lange nicht mehr so gut aufgelegt gewesen ist und obwohl der nächste Tag auch nicht schlecht war. Da waren wir im Wald Schwammerl suchen und fanden einen ganzen Korb Eierschw Haiderlinge, aber auch sieben oder acht Haiderpilze, die wir abends paniert und mit Soß tata aßen, was ein Lieblingsessen von mir ist.

ÖSTERREICH Foto: Gert Eggenberger/APA/picturedesk.com

8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

Gönner und Pleitier AUF ZUR GELDAUSGABE! Der Landesfürst spendiert Bedürftigen einen »Teuerungshunderter«

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Kärnten in Zahlen DEUTSCHLAND

Kärnten

Wien

ÖSTERREICH

200 km *(im Bundesländervergleich)

Wirtschaftsleistung pro Kopf 2006:

26 500 Euro (Rang 7)* Österreich: 31 000 Euro

Wirtschaftswachstum 1,4 Prozent (Rang 9) 2008: Österreich: 2,0 Prozent Haushaltseinkommen 17 800 Euro (Rang 9) pro Kopf 2006: Österreich: 18 800 Euro Arbeitslosenquote 2008: Akademikerquote unter den 25- bis 64-Jährigen 2007:

7,2 Prozent (Rang 7) Österreich: 5,5 Prozent

11,6 Prozent (Rang 5) Österreich: 13,3 Prozent

ZEIT-Grafik/Quelle: eigene Recherche

Geringstes Haushaltseinkommen, schwächstes Wachstum – im Bundesländer-Vergleich dümpelt das Land auf den letzten Plätzen (siehe Grafik). Dass Kärnten kein einfaches Land ist, muss Haider schon geahnt haben, als er 1989 zum ersten Mal Landeshauptmann wurde. Damals trat er an, um der Geldverschwendung ein Ende zu bereiten, und machte Jagd auf »Privilegienritter«. Den viel zu teuren Bau der Tauernautobahn Mitte der achtziger Jahre konnte Haider, damals Landesverkehrsreferent, dennoch nicht verhindern. Lange Zeit blieben dem Landesfürsten keine Mittel übrig, um Akzente zu setzen. Zwei Jahre nach seiner Krönung lobte er »die ordentliche Beschäftigungspolitik im ›Dritten Reich‹«. Haider musste gehen. Doch im April 1999 ist er wieder erster Mann in Kärnten – und wird mit einer enormen Schuldenlast konfrontiert. Auf knapp unter eine Milliarde Euro ist das Defizit gewuchert. Doch statt Strukturprobleme anzugehen, setzt er auf Ankündigungspolitik und hievt in den Landesbetrieben Parteigenossen und Freunde auf Führungsposten. Dann macht sich der Landesvater daran, sein Kärnten in eine Oase der fürsorglichen Staatshilfen zu verwandeln. Das benötigte Geld holt

DONNERSTALK

Mutterwitz Es ist nun bald 60 Jahre her, da die Slawen frech geworden und gen Norden zogen, um sich des blühenden Landstrichs jenseits der Karawanken zu bemächtigen. Der habgierige Slowene, dessen eigenes Land unter dem Warlord Tito verödet war, griff gierig in die bis oben hin mit Kasnudeln gefüllten Töpfe. Daheim darbte er nämlich, das Fleisch für seine Kraftnahrung Rasnici fehlte. Celovec, ein Dörfchen, in dessen Mitte einst ein Lindwurm hauste, wurde Hauptstadt des Protektorats Nordslowenien. Doch unter den Tarnbezeichnungen KAC und VSV formierte sich der Widerstand der autochthonen Deit-

sich der Gönner auf dem denkbar einfachsten Weg: Er verscherbelt die Landesbeteiligungen. Schon in den ersten Jahren drückt Haider mit dem Verkauf des Kärntner Tafelsilbers die Schulden um die Hälfte. Er stößt Wohnbaudarlehen des Landes an Banken und den Stromversorger Kärntner Elektrizitäts AG (Kelag) an die deutsche Rheinisch-Westfälische Elektrizitäts AG (RWE) ab. Dann säubert er das Landesbudget mit einem Trick von einem der größten Defizitposten: den Landeskrankenhäusern. Die werden in der neu gegründeten Krankenanstaltenbetriebsgesellschaft (Kabeg) geparkt und damit aus dem ordentlichen Budget ausgegliedert. Gleichzeitig wird die Gesellschaft mit dem Auftrag ausgestattet, alle Kärntner Spitäler aufzukaufen. Der Vorteil: Das Land kann die Verkäufe im Budget als Gewinne verbuchen. Die Kabeg jedoch muss für die Immobilien Kredite in Millionenhöhe aufnehmen. Zinsen und Tilgung werden am Ende vom Land bezahlt. Heute sitzt die Kabeg auf einem Schuldenberg von knapp einer Milliarde Euro. Der spektakulärste Coup des Landesvaters folgt 2007: der Verkauf der Landesbank Hypo AlpeAdria. Doch glatt läuft hier vorerst gar nichts. Während der Vorbereitung des Börsengangs werden erhebliche Altlasten in den Büchern bekannt. Drei Jahre zuvor hatte das Institut bei Währungsspekulationen 288 Millionen Euro verloren. Den horrenden Verlust verbuchte der später wegen Bilanzfälschung verurteilte Vorstandsvorsitzende Wolfgang Kulterer nicht sofort, sondern in verdaubaren Häppchen à 30 Millionen Euro, aufgeteilt auf zehn Jahre. Eilig wird der Börsengang abgeblasen, hinter verschlossenen Türen erhält die Bayerische Landesbank (BayernLB) den Zuschlag. Alte Haider-Weggefährten verdienen beim Verkauf ihrer Anteile oder bei Beraterhonoraren mit. In Summe lukriert das Land zwei Milliarden Euro aus den Verkäufen. Geld, das Haider zwar nicht sofort einsetzen kann, es bleibt aber ausreichend Spielgeld für eine ausgiebige Zockertour. Er forciert den Bau der Koralmbahn, die Klagenfurt über Graz mit Wien verbinden soll. 5,7 Milliarden Euro kostet das Megaprojekt, 140 Millionen Euro kommen aus dem Kärntner Budget. Der Bau ist bis heute umstritten. Zum einen, weil Italien, Slowenien und Ungarn an einer günstigeren Nord-Süd-Verbindung abseits des österreichischen Staatsgebiets arbeiten. Zum anderen, weil die Trasse ohne den vom niederösterreichischen Landeshauptmann Erwin Pröll bislang verhinderten Semmering-Tunnel nur Stückwerk bleibt. Unverdrossen investiert Haider in seinen Traum vom Eldorado an der Drau: Drei Millionen steckt das Land 2005 in die steirische Regionalfluglinie Styrian Spirit, die im gleichen Jahr in den Konkurs schlittert. Bereits kurz nach seinem Amtsantritt kauft er dem Bund den Flughafen Klagenfurt ab und lässt den verträumten Airport für rund 40 Millionen ausbauen. Kurz darauf steuern die Diskontflieger Ryanair und Hapag-Lloyd Express Klagenfurt an – und kassieren Subventionen in einstelliger Millionenhöhe. Das Geld kommt von der landeseigenen Kärnten Werbung, die sich allerlei medienwirksame Marketingaktionen leistet: Für eine Skihalle in Bottrop, Nordrhein-Westfalen, lässt sie 900 000 Euro springen. Im Vorfeld der Fußball-EM 2008 gehen 800 000 Euro an eine Reiseagentur aus Italien, um die Squadra Azzurra in eine Kärntner Unterkunft zu lotsen. Der italienische Kader zieht jedoch Baden bei Wien vor. Eingefädelt wird der misslungene Deal von Haiders Protokollchef Franz Koloini, der sogar in Indonesien Kärntner Steuergeld versenkt. In der 2004 von der Tsunami-Katastrophe schwer getroffenen Region Banda Aceh organisiert der junge Adlatus den Aufbau des Kärnten-Dorfs, in dem Waisen betreut werden sollen. 1,3 Millionen Euro Steuergeld nimmt Koloini auf seinen vom Land bezahlten Businessclass-Reisen nach Indonesien mit. Doch die Betreuung vor Ort wird zum Desaster, nur wenige Kinder kommen in dem Kärnten-Dorf unter. Der Rechnungshof fällt ein vernichtendes Urteil: um 250 000 Euro zu teuer

gebaut, 180 000 Euro an Verwaltungskosten verschleudert. Auch andere Prestigeprojekte sind vor allem eines: teuer. Da ist die Seebühne am Wörthersee, deren Betreiber Tickets verschenken müssen, um die Ränge zu füllen. Oder das für die Fußball-EM geplante und nach einer Posse um das Ausschreibeverfahren doch noch gebaute Stadion in Klagenfurt. Das Land blättert rund 22 Millionen Euro für die überdimensionierte Arena hin. Seit dem Ende der EM bestreitet dort der von Haider mit Steuergeldern aufgepäppelte Bundesligaklub SK Austria Kärnten seine Heimspiele. Kennzeichen des Vereins: notorische Erfolglosigkeit. Von den finanziellen Bruchlandungen lenkt Haider mit populistischen Sozialprogrammen ab. »Teuerungshunderter«, Pendler-, Mütter-, Babyund Schulstartgeld – das Volk wird mit Zuwendungen überhäuft. Wie viel das alles kostet, erfahren die Kärntner bestenfalls, wenn Haider sich vor der Kamera in der Rolle des big spender gefällt. Haiders Angaben zufolge hat das Land bis Juni 2008 31,4 Millionen für Förderungen ausgegeben – darunter drei Millionen Tankgeld, drei Millionen für Häusersanierung, sechs Millionen für Gratiskindergärten. Die Mindestsicherung kostet 22 Millionen jährlich. Woher genau das Geld kommt, darüber schweigt sich der spendable Landesfürst aus.

Offensiver wird Haider, wenn es darum geht, die Gesetze des Marktes auszuhebeln. Als 2004 die Spritpreise anziehen, öffnet der Schutzpatron des kleinen Autofahrers die Landestankstellen und versorgt seine Kärntner mit billigem Treibstoff. Ein Taschenspielertrick, da die Landesversorger keine Gewinnspanne einkalkulieren. Dass die zusätzlichen Kosten für Lieferung, Lagerung und Personal der Steuerzahler berappen muss, geht im Jubel unter. Ein Jahr nach dem Unfalltod des großen Gönners ist der Jubel blankem Entsetzen gewichen. In den Landeskassen herrscht gähnende Leere. Haiders Nachfolger sind gezwungen, drastische Maßnahmen zu ergreifen. Um Geld zu sparen, wird nun sogar überlegt, die Landesbeamten in Kurzarbeit zu schicken. Eine Nullrunde für den öffentlichen Dienst gilt als fix. Jedes Landesressort – von Landwirtschaft bis Soziales – muss im nächsten Jahr mit fünf bis zehn Prozent weniger auskommen. Rund 100 Millionen Euro könnte das alles bringen. Migranten, die Deutschkurse oder Jobs ablehnen, werden mit maximal 280 Euro im Monat abgespeist. Aber auch heilige Kühe kommen auf die Schlachtbank: Das Kärntner BZÖ will die Mindestsicherung für kinderreiche Familien auf 1300 Euro beschränken. Sogar der Heizkostenzuschuss wird gekürzt. Wenn das der Jörgl wüsste.

Foto: Ingo Pertramer

ALFRED DORFER fand in der Kärntner Reimchronik von 2009 eine moderne Legende, die Hoffnung macht

Einst leerte Jörg Haider über Kärnten das Füllhorn aus. Heute ist das Land so gut wie bankrott. Eine Bilanz VON CHRISTOPH ZOTTER

m 10. Oktober 2007 ruft Jörg Haider ein Wirtschaftswunder aus. »Kärnten ist reich«, verkündet der Landeshauptmann. Soeben hat er die Hypo AlpeAdria-Bank an die Bayerische Landesbank verkauft. 809 Millionen Euro spült der Deal in die leeren Kassen. Geld, das der umtriebige Landesvater nun unters Volk bringen will. Millionen für die Wirtschaft, die Bedürftigen, die Kultur, den Sport. Und Haider hält sein Versprechen. Zwei Jahre danach steht Kärnten vor der Pleite. Mehr als zwei Milliarden Euro Schulden hat das Land bis heute angesammelt. Mit 4000 Euro steht jeder Kärntner in der Kreide, in keinem Bundesland liegt die Pro-Kopf-Verschuldung höher. 300 Millionen Euro Verlust werden im nächsten Jahr zusätzlich anfallen, nachdem aufgrund der Wirtschaftskrise die Einnahmen des Bundes sinken. Seit Jahren bekommt das Land seine Haushaltsprobleme nicht in den Griff. Der Arbeitsmarkt ist vor allem vom Tourismus abhängig. Doch der bietet nur Saisonjobs. Stärker noch leidet das Land an der Randlage: Nach Norden hin fehlen schnelle Pendelwege in die österreichischen Wirtschaftsmetropolen, nach Wien oder Graz. In Richtung Süden endet die Welt für viele Kärntner an der Karawankengrenze zu Slowenien. Die Öffnung der Märkte ging an der Region nahezu spurlos vorüber.

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schen, die zwei untereinander verfeindete Partisanengruppen bildeten. Raue Burschen, immer für einen Raufhandel gut, bei dem sie jedes Mal die Besatzungsmacht, die sie fast schon liebevoll Tschuschen nannten, windelweich droschen. In den neunziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erschien dann eine Lichtgestalt am Horizont, eine Art neuer Robin Hood, Rächer aller Entrechteten. Seine Waffen waren Tafeln. Einsprachige, wenn er Missstände aufzeigen wollte, und zweisprachige, wenn er sie verrückte, um die Unterdrücker zu verwirren. Er entkam allen Fallen. Mal war er da und dann gleich wieder weg. Der endgültige Durchbruch aber gelang erst nach seinem tragischen Tod. Mit der Waffe des Humors konnte sein Nachfolger die Invasoren zum freiwilligen Abzug überreden: Er erzählte ihnen Negerwitze. Allen Unterdrückten dieser Erde sei dieses Fanal ein Symbol der Hoffnung. Es war ausgegangen von einem kleinen Städtchen, das jetzt Klagenfurt heißt. AUS DER REDAKTION

Erich Haider, der Spitzenkandidat der oberösterreichischen SPÖ, suchte nach der Wahlniederlage seiner Partei am 27. September vergeblich nach einer Erklärung für das Debakel (minus 13,4 Prozent). Er werde dennoch wieder für das Amt des Parteiobmannes kandidieren, versicherte er bei Redaktionsschluss der vergangenen Ausgabe der ZEIT. So stand es in unserem Bericht. Allerdings überschlief der Vollblutpolitiker seine Entscheidung und nahm tags darauf von seinem Plan Abstand. Wir bitten unsere Leser um Verständnis dafür, dass wir die letzte Volte des Dramas aufgrund unserer Produktionstermine nicht mehr korrekt berichten konnten. A

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ÖSTERREICH

8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

DRINNEN

Foto: Karlheinz Fessl

Ich war 14 Jahre lang Professor an der Akademie für bildende Künste in Sarajevo. Im Krieg wurde mein Atelier durch Granatenbeschuss zerstört. Ich wurde verletzt. Unsere Lage war schlimm. Irgendwann konnten meine Frau und unsere beiden Söhne in einem Konvoi die Stadt verlassen. Ich blieb und organisierte eine Anti-Kriegs-Ausstellung, die in aller Welt gezeigt wurde, auch bei den UN in New York. In Klagenfurt kannte ich einen Galeristen aus der Zeit vor dem Krieg. Er lud mich in das Stadtatelier, damit ich dort arbeiten konnte. Obwohl Klagenfurt nie unser Ziel war, sind aus diesen Monaten fünfzehn Jahre geworden. So ist das Leben, es geht einfach weiter. Neben meiner Arbeit als Maler und Grafiker unterrichte ich Bildnerische Erziehung am Gymnasium in Viktring. Die Wärme, die Kunst auszustrahlen vermag, hat mich in schweren Jahren die Kälte des Krieges überleben lassen. Diese Energie möchte ich an meine Schüler weitergeben. Wir haben in der Schule eine alte lithografische Presse in Betrieb genommen, ein französisches Modell mit wunderschönen Steinplatten. Das gute Stück ist 150 Jahre alt und stammt ursprünglich aus einer Gefängnisdruckerei. Schon in Sarajevo hatte ich so eine Presse, im Grafikunterricht war das ein wichtiges Werkzeug. Doch gerade heute, in einer digitalisierten Welt, scheint es mir geboten, Schülern eine so edle Technik wie die Lithografie zu ver-

PETAR WALDEGG ist Grafiker und Maler. Österreich liegt dem Bosnier im Blut

mitteln. Das Experiment ist gelungen: Die ersten Ergebnisse sind sehr ermutigend, ich bin geradezu beeindruckt von den Arbeiten. Österreich liegt mir im Blut, weil mein Vater ursprünglich aus Graz stammt. Er war 1945 Kriegsgefangener in Bosnien, hat meine Mutter dort kennen gelernt und sein weiteres Leben in der zentralbosnischen Stadt Travnik verbracht. Ich spreche zwar Deutsch, bin aber sehr froh, dass es in Kärnten die slowenische Minderheit gibt, weil ich deren Sprache besser beherrsche und mich dort auch kulturell aufgehoben fühle. Im Laufe der Jahre habe ich viele Freunde hier gefunden. In Rosental, einem kleinen Dorf in der Nähe, habe ich vor einem Jahr ein altes Bauernhaus gekauft, das ich nach und nach zum Atelier umbaue und später auch bewohnen möchte. Wenn ich mit dem Auto hinausfahre, komme ich an der berühmtesten Unfallstelle Kärntens vorbei, wo seit Jörg Haiders Tod vor einem Jahr ein dichter Wald aus Kerzen, Bildern und Fahnen wächst. Die Ikonografie dieser Gedenkstätte erinnert mich an einen Kult, den ich in Jugoslawien erlebt, aber beinahe schon vergessen hatte. Ich hoffe dann immer, dass die Zeit ihre Arbeit hier genauso gründlich verrichtet wie überall sonst im Leben. AUFGEZEICHNET VON ERNST SCHMIEDERER

Leiden an Kärnten Wenn Kärtner in der Ferne an ihre Heimat denken, dann sind sie hin- und hergerissen zwischen närrischer Liebe und ohnmächtiger Wut VON STEFAN SCHLÖGL

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isa Huber kehrte heim. Zurück nach Kärnten. Vor bald 30 Jahren war die Malerin von Aflitz bei Villach aus aufgebrochen, zuerst nach Wien, später nach Berlin. Wenn dort die Rede auf ihre Herkunft kam, hörte sie meist schnell die spitze Frage: »Ah, aus Haider-Land?« Eine Punze, mit der Huber so gar nichts anzufangen wusste. »Aufs Politisieren habe ich mich nie eingelassen«, erzählt die 50-Jährige. Seit Juni arbeitet sie nun in Villach, im Atelier des Malers und Bildhauers Cornelius Kolig, den Jörg Haider einst »Fäkalkünstler« nannte und der vor zwei Jahren trotzdem mit dem Kärntner Kulturpreis geehrt wurde. Wie ist sie, die Rückkehr in so ein Land? »Am meisten hat mich diese Abneigung gegenüber dem Fremden überrascht. Das zeigt sich bei kleinen Dingen«, sagt Lisa Huber. An ihrem Auto mit Berliner Kennzeichen etwa. »Andauernd wurde ich angehupt und sogar beschimpft. Das ist mir vorher nie passiert«, wundert sie sich. Es müssen offenbar seltsame Menschen sein, die sich da im Süden der Republik ein merkwürdiges Biotop eingerichtet haben. Glaubt man den Auguren, die auf dieses Land blicken, leben die Bewohner in einem Bollwerk von Heimattümelei und Fremdenhass, dem selbst die Analysewut, die von außen anstürmt, nichts anhaben kann. Unter schreienden Überschriften wie Kärnten – ein Ausnahmezustand oder Kärnten ist wirklich anders mühen sich die Kommentatoren ab. Makel finden sie sonder Zahl: einen Alkolenker-Gedächtniskreis, der über 45 Prozent der Stimmen erringt, den Ortstafelkonflikt, die rechten Recken am Ulrichsberg, die »Sonderanstalt« für Asylanten auf der Saualm und immer wieder die unvergesslichen Hasard-Stücke des Gottseibeiuns Jörg Haider. Allesamt Steilvorlagen für jene Bedenkenträger, die sich mit Aplomb erregen. Doch wie steht es um die, die in Kärnten geboren wurden und – gleich warum – ihre Heimat verlassen haben? Wie sieht es aus, das Kärnten-Bild, das sie in der Fremde bewahren? Gewiss ist nur: Das Land lässt niemanden kalt. »Man ist angesichts der Mentalität vieler Kärntner regelrecht sprach- und hilflos«, sagt sogar einer, der von Berufs wegen ein Mann des Ausgleichs ist: Wolfgang Petritsch. Der Leiter der österreichischen OECD-Vertretung in Paris und ehemalige Hohe Repräsentant der UN in Bosnien ließ wegen des Studiums in Graz und Wien seine Heimat hinter sich. »Damals war für

mich klar, dass ich wiederkomme. Aber ich habe mich immer weiter entfernt.« Schuld daran sei vor allem die »reaktionäre Haltung« vieler Landsleute gewesen. »Ein Fluch der Rückständigkeit der Region.« Auf Haider sei er im Ausland »natürlich« angesprochen worden, »aber ich konnte mit den Menschen nur meine Betroffenheit teilen. Wobei ich nie toleriert habe, dass Nichtkärntner über dem Land ihre Vorurteile ausschütten.« Heimat, das ist für den 62-jährigen Kärntner Slowenen vor allem sein Elternhaus in Glainach bei Ferlach, wobei er »schon verstehen kann, warum die Kärntner angesichts der Schönheit des Landes eine provinzielle Arroganz gegenüber anderen haben«. Tiefe Verwurzelung ist es auch, die Valentin Inzko »so oft wie möglich« an den Ort seiner Kindheit, nach Suetschach bei Feistritz im Rosental, zurückführt. Petritschs Nachfolger in Bosnien spricht von zwei Kärnten: dem einen, offiziellen, in dem »wiederholt Konflikte vom BZÖ geschürt werden«, und dem anderen, in dem die Deutschsprachigen und die slowenische Minderheit »wunderbar miteinander auskommen«. Der Kärntner Slowene kennt das Gefühl des Leidens an der Heimat, das vor allem die Zeit der HaiderRegentschaft ausgelöst hat. »Man muss auch hier unterscheiden: Es hat Phasen gegeben, in denen er viel für die Minderheiten gemacht hat. Doch dann propagierte er wieder Sachen wie Kärnten wird einsprachig.« Nach diesem Eklat verweigerte Inzko dem Landespatron das Du-Wort. Aufgrund der politischen Kapriolen habe sich bei »vielen Bekannten eine tiefe Resignation breitgemacht. Es gibt wunderbare Leute in diesem Land, die ihr Potenzial nicht nutzen können.« Von der Heimat abfallen will der 60-Jährige dennoch nicht. »Ich fühle mich als tausendprozentiger Kärntner, der aus diesem herrlichen Land seine ganze Identität zieht.« Siemens-Vorstandschef Peter Löscher empfindet wohl ähnlich, wenn er beschreibt, dass ihm »jedes Mal das Herz aufgeht«, wenn er die Heimat besucht. Als Herr über einen Industriemulti mit 430 000 Mitarbeitern fühlt sich der gebürtige Villacher noch immer als »stolzer Kärntner«. Offene Kritik versagt sich der 52-Jährige, »einen stärkeren Austausch mit anderen Regionen und Kulturen« würde er sich dennoch wünschen. Vor allem mit Blick auf die osteuropäischen Märkte erkennt Löscher für seine Landsleute Bedarf, »ihre Chancen intensiver zu nutzen«. Kärnten, Land der vergebenen Chancen – nahezu alle, die hier zu Wort kommen,

VALENTIN INZKO

»Die Menschen in diesem Land können ihr enormes Potenzial nicht nutzen«

LISA HUBER

»Am meisten hat mich die Abneigung gegenüber dem Fremden überrascht«

KONRAD PAUL LIESSMANN

»Es gibt zwei Dinge, die man an Kärnten vermissen kann: Berge und Seen«

PETER LÖSCHER

»Ich würde mir einen stärkeren Austausch mit anderen Kulturen wünschen«

wurmt, dass das Potenzial der Vielfalt, der Mehrsprachigkeit verschleudert werde, dass Slowenisch- und Italienischsprachige nie als Bereicherung, immer als etwas Fremdes angesehen worden seien. So denkt auch Michael Maier. Der ehemalige Chefredakteur der Presse, der vor rund 15 Jahren zur Berliner Zeitung, dann zum stern wechselte und 2000 die Netzeitung gründete, beklagt die Kärntner »Rückwärtsgewandtheit«. Man sei »im Folklorismus versunken«. Sein Verhältnis zur Heimat? Maier atmet durch. »Fragen Sie mich etwas Leichteres.« Leicht hatte es das Land dem 51-jährigen Radentheiner, der einst die Kärntner Kirchenzeitung Der Sonntag in ein weltoffenes Kulturforum verwandelte, nicht gemacht. Er erinnert sich an eine von dem jungen Martin Kusej inszenierte Aufführung im Villacher Kongresshaus, die Maier organisiert hatte. Provokant war der Inhalt, ein Skandal jedoch die Verballhornung der Volksweise Mei Heimat is mei Schatzale. »Es gab einen regelrechten Aufruhr.« In Deutschland sei er oft auf Kärnten angesprochen worden. »Die Fragen haben meist Haider gegolten. Man darf aber nicht übersehen, dass die Heimattümelei eine wahre Opposition an wunderbaren Künstlern hervorgebracht hat.« Verzweifelt und anklagend erhoben vor allem Schriftsteller ihre Stimme. Von Peter Handke über Ingeborg Bachmann bis hin zu Peter Turrini haben sich viele in ihrem Werk an dem Land gerieben. Den Publizisten Egyd Gstättner packt gar die Wut, wenn Kärnten zur Sprache kommt. »In dem Land zu leben ist eine Demütigung«, bricht es aus ihm heraus. Gerade hat er mit dem Erzählband Der Untergang des Morgenlandes eine bissige Abrechnung geliefert. Dass er noch immer in seinem Geburtsort Klagenfurt lebt, das sei ein »unglücklicher Zufall«, seine geistige Heimat habe er längst in Wien gefunden. Es ist nicht Leiden, das sich da in Gstättners puterrotem Gesicht abzeichnet: Das Land ist ihm eine Qual. Warum? »Es ist diese Dumpfheit, die von dem geringen Selbstvertrauen herrührt. Das ist vor allem historisch bedingt, diese eingeredete Bedrohung von außen.« Jörg Haider sei es gelungen, dem Land ein »trügerisches Selbstvertrauen« zu vermitteln. Vor allem der Ortstafelkonflikt sei als Akt des Widerstands instrumentalisiert worden. Für Uwe Kohl ist der Zwist nicht zuletzt etwas, »wofür man sich im Ausland eigentlich schämen muss«. Der Besitzer des Wiener Nobelrestaurants Drei Husaren ist Mitglied des Club Carinthia, in dem sich die Diaspora aus dem Süden trifft. Sogar ein Gesangs-

verein wurde im Exil gegründet. Mittlerweile sind 80 000 Kärntner in die Hauptstadt gezogen, jährlich kommen bis zu 1500 Neuankömmlinge hinzu. Bald werden mehr seiner Landsleute in Wien als in Klagenfurt leben. Kohl, der in Sachsenburg bei Spittal/ Drau aufgewachsen ist, wundert der Exodus nicht: »Die Leute sind begabt, irrsinnig kreativ, die konnten nur weggehen. Was hätten sie daheim machen sollen?« Kaum einer kennt die Kärntner Prominenz so gut wie der 69jährige Gastronom. Als es um die Minderheitenpolitik »besonders schlimm« stand, zitierte er kurzerhand die Lokalpolitiker aus Klagenfurt zu einer Veranstaltung in den Club Carinthia. Und ließ mit einer unmissverständlichen Frage seinem Ärger freien Lauf: »Was treibt ihr da eigentlich?« Das größte Problem in seiner Heimat sei es, dass FPÖ und BZÖ permanent Wahlkämpfe austragen würden. »Kein Wunder, dass nie etwas Positives rausgekommen ist.« Seiner Heimatliebe konnte der Hautgout, der aus dem Landhaus dringt, allerdings nichts anhaben. »Ich kenne kein Land, in dem es solch starke Verbundenheit zur Heimat gibt. Es menschelt dort.« Zu stark hat es wohl Christian Kircher »gemenschelt«. Für den Geschäftsführer des Wien Museums war Kärnten am Beginn seiner Wiener Zeit noch etwas, »das nicht infrage gestellt wurde«. Mittlerweile bezeichnet der 45-jährige Kulturmanager aus Spittal/Drau sein Verhältnis als »sehr ambivalent«. Vor allem seine Vorbehalte gegenüber »Rechthaberei und Intoleranz« seien gestiegen. Zu verändern gebe es viel: »Ein Jahr Auslandsaufenthalt für alle Schüler. Eine Buchhandlung pro neu eröffnete Disco.« Regelmäßig muss er seine Heimat gegenüber Vorurteilen verteidigen, »negativen Kommentaren zur politischen Situation kann ich aber nicht widersprechen«. Der Ortstafelstreit, die ungenutzten Chancen und immer wieder Haider – an diesen Pfeilern orientiert sich die Schau auf das Land. Der teils närrischen Heimatliebe konnte das dennoch nichts anhaben. Der Philosoph Konrad Paul Liessmann gönnt sich indes die Freiheit, ihr zu entsagen. Zu Kärnten hat der Villacher nur ein »privates Verhältnis«, allein schon, »weil ich mit dem Gefühl einer Verpflichtung gegenüber dem Geburtsort nichts anfange«. Leiden an Kärnten ist dem Professor an der Uni Wien fremd: »Ich versage mir jede Form des Fremdschämens und dieses gespielte Entsetzen, das viele ergriffen hat.« Seine Heimatliebe äußert sich prosaisch: »Es gibt nur zwei Dinge, die man an Kärnten vermissen kann: die Berge und die Seen.« A

Fotos: Hidajet Delic/AP; Bernd Borchardt; Peter Peitsch/peitschphoto.com; Andreas Gebert/dpa (v.o.n.u.)

Ein Bosnier in Klagenfurt: Petar Waldegg, 59, hat in Kärnten eine neue Heimat gefunden

Illustration: Anna Hazod für DIE ZEIT/www.annahazod.com

Die Kunst zu überleben

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WOCHENSCHAU

Die Verwandlung der Woche

8. Oktober 2009 DIE ZEIT Nr. 42

Fotos [M]: imago; Suzy Allman/The NewYorkTimes/Redux/laif; Ed Jones/AFP/Getty Images; imago (v.li.o.n.re.u.)

Vor der Wahl verblüffte das einstige »Sturmgeschütz der Demokratie« seine Leser mit einem Wackelbild. Schwenkte man das Titelblatt, saß mal Angela, mal Frank-Walter auf dem Thron in einer Flusslandschaft ohne Bürger, Autos und Fabriken. Darüber die Prophezeiung: »Es kommt so oder so«. Wie geheimnisvoll war das!

Wird Deutschland zum Feuchtgebiet für Fee und Troll? Aber diese Woche setzt das Magazin noch einen Frosch drauf. Wenn man den küsst, wer wird da seinen Mann stehen, der Erzenkel Gabriel, Prinz Wowi gar? Was für eine Verwandlung ... Spieglein, Spieglein an der Wand, ziehst du Märchen jetzt an Land!

Die Körbe hängen hoch Deutscher Meister im Basketball ist Oldenburg, aber wer weiß das schon? – Zum Saisonstart hat dieser Sport noch mehr Probleme VON JAN KÜHNEMUND

D Donald Trump will RICHTIG GROSS bauen

Ein GOLF-RESORT mit 950 Ferienhäusern

Aber der Nachbar Michael Forbes sagt NO!

Trump gegen Forbes Ein amerikanischer Milliardär will einen schottischen Arbeiter zwingen, ihm Land zu verkaufen. Nun tobt der Golfkrieg von Aberdeen, ein Lehrstück über Macht und Eigensinn VON REINER LUYKEN

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s fängt an wie im Film. Ein schottisches Dorf, ein amerikanischer Magnat, ein großer Plan. Im Film will ein von Burt Lancaster gespielter Texaner anstelle des Dorfes eine Raffinerie bauen. Es ist 1984, Schottland ist im Ölrausch, die Dörfler sind begeistert. Sie wollen nur den besten Preis für ihre Häuser herausschlagen. Ein exzentrischer Einsiedler, dem ein Streifen Strand gehört, legt sich quer. Der ebenso exzentrische Ölboss erkennt in ihm einen Seelengefährten und bläst sein Vorhaben ab. Happy End. Local Hero wurde ein Kultfilm aller Schottlandfans. Ein Vierteljahrhundert später taucht erneut ein amerikanischer Magnat in einem Dorf auf. Er hat ebenfalls exzentrische Züge, eine honigblonde Zuckerwattefrisur krönt sein Haupt, die Washington Post berichtet, in seiner Welt sei alles »fabelhaft, aufsehenerregend und hat die größten Titten«. Seiner Pressesprecherin zufolge geht seine Leidenschaft für Schottland auf seine Mutter zurück, eine einfache, mit Gälisch aufgewachsene Frau von den Äußeren Hebriden. Donald Trump landet in seiner Boeing 727 in Aberdeen. Aberdeen ist Schottlands Ölhauptstadt, doch der Nordseeboom geht seinem Ende entgegen. Das Land setzt seine Hoffnung auf den Tourismus. In der Heimat des Golfs gibt es, gemessen an der Bevölkerung, zwar jetzt schon mehr Golfplätze als irgendwo sonst auf der Welt, jeder amerikanische Golfer, der auf sich hält, reist einmal im Leben nach Schottland, zieht sich kurios karierte Hosen an und stapft im Nieselregen hinter den weißen Bällchen her. Trump besitzt neben dem Trump Tower und dem Trump World Tower – zwei der höchsten Wolkenkratzer New Yorks – bereits neun nach ihm benannte Golfklubs in den USA und in karibischen Ferienparadiesen. Nun will er nördlich von Aberdeen das »großartigste Golfresort der Welt« bauen. Zwei Plätze, ein neugotisches 450-Betten-Hotel, 950 Ferienhäuser. Er träumt von den Open Championships und vom Ryder Cup. Er protzt mit einer

Milliarde Pfund, die er lockermachen will, und verspricht 1400 Arbeitsplätze. Das Dorf heißt Balmedie. Die Bauern verkaufen glückstrahlend ihr Land. Die Dörfler hoffen, dass ihre grau verputzten Einfamilienhäuser durch die exklusive Nachbarschaft an Wert gewinnen. Sie hoffen, den Golfplatz und das geplante Wellnesszentrum zum Vorzugspreis nutzen zu dürfen. Nur einer legt sich quer, ein bärbeißiger Kauz namens Michael Forbes. Forbes, 56 Jahre alt, ist Vorarbeiter in einem nahe gelegenen Steinbruch. In seiner Freizeit fischt er Lachse. Er besitzt neun Hektar Land, die direkt an den geplanten Golfplatz grenzen. Ein holpriger Weg führt zu dem schäbigen Bungalow, in dem er mit seiner Frau haust. Seine 85-jährige Mutter Molly wohnt in einem Caravan. Auf den sauren Wiesen liegen Ölfässer herum, neben dem Haus steht ein rostiger Traktor. Auf einer mit ausrangierten Farmmaschinen vollgestopften Scheune steht in großen roten Lettern: HIER KEIN GOLF. Trump bietet Forbes 350 000 Pfund für seine Klitsche. Der sagt Nein. Trump bietet ihm 375 000 Pfund. Er winkt ab. Trump trägt ihm eine Leibrente von 50 000 Pfund im Jahr an. Der Kleinhäusler erklärt, wenn er ihm 1,5 Millionen Pfund böte, würde er vielleicht zwei Minuten zögern, aber auch diese Offerte ablehnen. Zuerst macht Trump auf cool. Okay, dann eben nicht. Aber kann er einem Tiger Woods oder einem Bernhard Langer zumuten, sich auf seinen Abschlag zu konzentrieren, wenn in nächster Nähe Gänse schnattern, Hühner gackern und eine Katze über den Fairway läuft? Wie würde sich der Anti-Golf-Slogan auf Fernsehbildern ausnehmen? Die Wirklichkeit entfernt sich von der Welt des Kinos. Trumps Handlanger verwehren Forbes den Zugang zum Strand, wo er seine Netze auslegt. Forbes bekommt überraschenden Besuch vom Tierschutzverein und von der Hygieneaufsicht. Beide finden nichts zu beanstanden. Forbes erklärt grimmig, je mehr Trump ihn

herumzuschubsen versuche, umso erbitterter werde er sich widersetzen. Dann machen das Planungsamt und die Umweltbehörde Trump einen Strich durch die Rechnung. Sein Vorhaben, stellen sie fest, gefährde ein Landschaftsschutzgebiet und entspreche nicht dem Bebauungsplan. Doch der Magnat hat vorgesorgt. Schottlands Ministerpräsident Alex Salmond will sein Land in die Unabhängigkeit führen. Er reist zum Dinner nach New York. Ausländische Investoren sind wichtig. Die Regierung segnet Trumps Pläne ab. Ein Trump begnügt sich nicht mit halben Siegen. Er besorgt sich vom eingeschüchterten Planungsamt eine erweiterte Baugenehmigung, die Land einschließt, das ihm gar nicht gehört. Forbes’ Hof, die H