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nr. 40 okt / nov 2011 chf  6,00  (schweiz) eur 4,00 (deutschland) eur 4,50  (österreich) eur 8,00  (nederland)

auftakt Deus Ex Machina: eine Ausgabe über den Reiz der Maschinen

Lieber Leser. Wohl noch nie in der Historie unserer wunderbar weit entwickelten Gesellschaft durften wir auf die alltägliche Mithilfe derart vieler technischer Gegenstände zurückgreifen wie heute. Die Maschine ist unter uns – mehr noch: sie ist ein Teil von uns geworden. Ohne jetzt auf eine langatmige Definition des maschinenbaulichen Gegenstandes an sich einzusteigen, müssen wir uns eingestehen, dass wir ohne Luftschiffe, Eisenbahnen, Tablet PCs und iKram gar nicht mehr leben möchten. Auffallend ist aber auch die Ambivalenz bei der Vergabe unserer Liebesschwüre auf die Technik. Das Smartphone hat es in den Olymp der Maschinen geschafft, ebenso die AK-47 und die Standseilbahn zum Gurten. Das Automobil und die Drohne verfallen berechtigterweise langsam, aber sicher in Ungnade. Stattdessen werden uralte Menschmaschinen wie das Rennvelo aus den 80ern oder die mechanische Espressomaschine gefeiert. Welcher Apparatur also unsere Liebe gebührt, entscheidet der technisch versierte Mob. Die maschinelle Revolution frisst ihre Kinder. Aus diesem Grund haben wir die vorliegende Ausgabe komplett ohne Hilfe von Fotoapparaten, Computern, Papierwalzen und Druckmaschinen gemacht. Grosses Roboter-Ehrenwort! Deine herzbetriebene kinki Redaktion

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THE SUPERLATIVE UNION

2011

T H ESUPERLATIVE S U P E R L AT I V EUNION UNION THE S H O TBYB Y SHOT C H E RY LDUNN DUNN CHERYL w w w. w e s c . c o m www.wesc.com

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inhalt

standard

Auftakt 03 Inhalt 10 Neuzeit 12 kinkimag.ch 18 Klagemauer 20 Maske 80 Blattmacher 86 Kopfkino 88 Int. Beziehungen 110 Abo / Impressum 112 Ghettofaust 114

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report

Leben und leben lassen 30 Wortlaut: Michelle Moog 32 Die Kavallerie des ... 34 Der Geist und die ... 44 Querschläger: Ronaldus Suykerbuyk 48 Susi und ich 50 Die Kralle 98

musik

Vorspiel: Black Box Revelation 60 Arm aber sexy 62 Verhör 66 Interview: k-x-p 68

mode

‹Color, Colored, Colorado› von Rachel de Joode 38 ‹Zeitgeist› von Christoph Köstlin 52 ‹A time to shine› von Sarah Maurer 70 Kleine Helfer 76 Interview: Ada Zandition 78

Hide and seek

52

Interview: Ada Zandition

82

78 Tobias Faisst

kunst

‹Hide and seek› von Tobias Faisst 22 Interview: Julia Steiner 82 ‹Androids land on postcards› von Franco Brambilla 90 Schauplatz: Crane Kalman Brighton 96 Potpourri: Maschine 100 kooabaisiert [ Ergänzungsmaterial auf kooaba.com ]

kinki inhalt

Die britische Designerin Ada Zanditon beweist mit ihren Kollektionen, dass Umweltbewusstsein und Couture sich keinesfalls im Wege stehen. Viviane Lichtenberger sprach mit ihr über die ‹grüne› Zukunft des Modedesigns. 10

Zeitgeist

Christoph Köstlin

Interview: Julia Steiner

Die Künstlerin lud uns in ihr Berner Atelier ein und gewährte uns einen Blick auf ihre grossformatigen Zeichnungen, Skulpturen und Installationen.

34 Die Kavallerie des kleinen Mannes

Kriege werden mit der Hilfe von Drohnen, Kampfjets und jeder Menge anderer High-Tech ausgetragen. Und mit dem Toyota-Pritschenwagen. Dieser hat sich in den letzten Jahren nämlich zur unverwüstlichen Waffe des kleinen Mannes gemausert. Drei Autoren der FAZ erklären uns, wie dieser Wagen zum festen Kriegsinventar wurde.

68 Interview: k-x-p

Bei der finnischen Band K-X-P geraten regelmässig die Maschinen ausser Kontrolle! Dann ufern ihre elektronischen Soundgebilde in regelrechte Trancezustände aus.

zugabe

Lionel Williams

Franco Brambilla

Der 21-jährige Lionel Williams studiert Fine Arts am California Institute of the Arts. Sein Leben ‹balanciert› er zwischen Musik, Kunst und Übernatürlichem: Lionel schreibt für diverse Zeitschriften, performt mit seiner Spacerock-Band Vinyl Williams und fertigt wunderschöne Collagen. Für diese Ausgabe liess uns Williams denn auch gleich an zwei seiner vielen Talente teilhaben: Er lässt uns in seinem Artikel ‹Der Geist und die Maschine› in die Welt der Biogeometrie eintauchen und liefert uns gleich auch die Illustrationen zu seinem Artikel. – S. 44

Seit über 10 Jahren ist Franco Brambilla einer der Hauptillustratoren der italienischen ScienceFiction Bücherreihe ‹Urania›. Und auch bei seinen anderen Arbeiten hat der in Mailand lebende Künstler sich ganz diesem Thema verschrieben. ‹Wenn das nicht der perfekte Mann für unsere Maschinen-Ausgabe ist!›, dachte sich das kinki Team deshalb. Wir zeigen euch in dieser Ausgabe einen Teil von Franco Brambillas Serie ‹Invading The Vintage›, bei der kitschige Retropostkarten mit Aliens, Ufos und kuriosen Apparaturen ergänzt wurden. Die Serie bezeichnet Brambilla selbst als ‹ein Nerdtraum für alle, die wie ich in den 70er-Jahren aufgewachsen sind und sich oft Science-Fiction Filme und Comics angeschaut haben.› Die Serie wurde übrigens 2007 gestartet und wird laufend mit neuen Postkarten ergänzt, die jeweils auf der Flickr-Page des Künstlers bewundert werden können  – S. 90

Sarah Maurer und Nicola Fischer

Für diese Ausgabe setzten die Fotografin Sarah Maurer und die Make-up Artistin Nicola Fischer die Uhren der ‹Kidrobot for Swatch›-Kollektion in Szene. Mit der Hilfe von Stylistin Michèle Muhl und Hair Stylistin Rachel Bredy wurden die bunten Characters der Uhrenkollektion zum Leben erweckt. Herausgekommen ist eine wunderschöne Modestrecke, die nicht nur innerhalb der Heftseiten, sondern auch auf unserem Cover zu sehen ist. Sarah Maurer und Nicola Fischer arbeiten regelmässig zusammen, beide waren bereits für diverse Kunden und Magazine im In- und Ausland tätig. – S. 70

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Adrian Witschi

Der Zürcher Autor und Journalist Adrian Witschi mag Maschinen nicht sonderlich. Die meisten, so hat er uns mitgeteilt, hält er für eigenwillige Zicken. Doch da gibt es diese eine Maschine, die ihn bereits sein ganzes Leben lang begleitet. Für die vorliegende Ausgabe hat er einen Bericht über die Höhen und Tiefen dieser intensiven Beziehung zur ‹Greifarmmaschine› verfasst. Entstanden ist eine Geschichte über Enttäuschung, Kampf und ganz viel Liebe. – S. 98

neuzeit

a cap for life Das passende Cap zu finden, ist wirklich keine leichte Aufgabe. Und eines ist klar: Massenware kommt uns nicht aufs hübsche Köpfchen. Darum ist es immer gut, wenn junge Designer selbstständig werden und ihre Kollektionen in ausgesuchten Shops verkaufen – wie zum Beispiel Andy Mueller und Jennifer Pitt aus LA. 1997 als Kunst- und T-ShirtProjekt in der Skateboardszene gestartet, gibt ‹The Quiet Life› heute zwei Kollektionen pro Jahr heraus. Mit dabei sind auch wunderschöne Caps in verschieden-

farbigen Karo- und Streifenmustern, die auf fast jedem Kopf gut aussehen. Übrigens: In Zürich haben wir die schicken Teile im Street-Files Shop an der Badenerstrasse 129 gesichtet ... (ah) thequietlife.com

10 19.10. – 06.11. tanz in bern festival Dampfzentrale, Bern 27.10. tv buddhas La Catrina, Zürich 29.10. much love from feat. rex the dog, discod uvm. Blok Club, Zürich 29.10. washed out La Laiterie, Strasbourg

treibstoff Guter Wodka kommt aus Russland? Weit gefehlt! Sehr weit sogar: Der Neuseeländer Geoff Ross, Erfinder von 42Below, hat nämlich bewiesen, dass das Eiland auf der Südhalbkugel beste Voraussetzungen zur Herstellung von erstklassigem Wodka bietet. Das passende Wasser für seinen 40-Prozentigen fand Geoff in 305 Metern Tiefe unter einem erloschenen Vulkan. Diese Quelle weist den höchstmöglichen Reinheitsgrad auf und ist somit die perfekte Basis für leckeren Wodka. Nach einem einzigartigen Destillierungsprozess wird das Feuerwässerchen schliesslich mit Kohle versetzt und durchläuft danach sage und schreibe 35 verschiedene Filter, bevor das fertige Produkt in der Flasche landet. Doch nicht nur der Inhalt von 42Below überzeugt, sondern auch die äusseren Werte: Das minimalistische Design der Flasche und der künstlerische Auftritt des Brands bringt definitiv frischen Wind in die verstaubte Wodka-Welt und dürfte selbst die Konkurrenten im kalten Russland gehörig ins Schwitzen bringen! Nastarovje? Nein, eher ‹Cheers!› Denn wie die Maori sich zuprosten, wissen wir leider nicht.

Hochprozentiges aus Neuseeland: 42Below bringt frischen Wind in die Wodka-Welt.

(rb) 42below.com

kinki neuzeit

agenda

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11 04.11. modeselektor L’usine, Genf

04.11. der zoo und die clubs feat. mondkopf, george fitzgerald, riton uvm. Pfingstweide Club / Blok Club, Zürich 07.11. wilco Kaserne, Basel 09.11. master-messe 2011 Messehallen WTC, Zürich-Oerlikon 09.11. — 12.11. charles vögele fashion days Puls 5, Zürich 10.11. — 12.11. metropop festival feat. archive, kaiser chiefs, cults Place Bel-Air 1, Lausanne 12.11. kostume no. 4 Zürich 14. — 16.11. art international Kongresshaus Zürich 18.11. indie.ch-nachtschicht feat. team me, john caroline u.a. Exil, Zürich 21.11. the kills X-Tra, Zürich 22.11. — Feb.2012 matthew day jackson Kunstmuseum, Luzern 27.11. regionale Haus der elektronischen Künste, Basel

schön und gut

mode zum vierten

Auch der Schweizer Jungdesigner Julian Zigerli zeigt an der Kostume seine Kollektion.

Wer den September und die Fashion Weeks überstanden hat, legt – zurück im beschaulichen Zürich – erstmal die geschundenen Füsse hoch und wirft die High Heels und Kilo schweren September-Issues vorübergehend ins Eck. Zeit zum Regenerieren bleibt bis in den November, dann nimmt der Versuch, Modetage in der Schweiz zu etablieren, wieder seinen Lauf. Zur krönenden Erlösung findet am Samstag den 12. November die unabhängige und beliebte

Kostume Modeschau statt. Zum vierten Mal präsentieren Jungdesigner und -labels an der Kostume N°4 ihre Kollektionen. Von Jahr zu Jahr wächst nicht nur die Zahl der Zuschauer, auch der geografische Radius der teilnehmenden Designer weitet sich aus: Neben Julian Zigerli und Julia Föry aus der Schweiz und Miriam Schwarz aus Berlin zeigt beispielsweise auch das Duo ‹Kielo› aus Tokio seine Kollektion. Über den Laufsteg geht die Modeschau übrigens an

einer neuen Location. Nachdem kürzlich die Abrissparty der Freitag Produktionshalle gefeiert wurde, findet sich die Kostume ein paar hundert Meter weiter in der Yonex Badminton Halle an der Geroldstrasse 5 ein. Mit etwas Glück seid auch ihr mit dabei, schreibt einfach eine Mail mit Betreff ‹Kostume N°4› an wettbewerb@kinkimag.ch. Los geht es um 22 Uhr, bis dahin muss das Outfit sitzen. (fr) kostume.ch

click, click, hurra! Seit geraumer Zeit lassen euch in unserer Rubrik Fotobuch auf kinkimag.ch diverse Fotografen an ihren Reiseerfahrungen und ihrem Alltag teilhaben. Doch natürlich interessiert kinki sich nicht nur für gestandene Fotografen, sondern ist stets auch auf der Suche nach neuen kreativen Talenten! Deshalb seid diesen Monat ihr gefragt: Schnappt euch eure Kamera und führt für uns eine Woche lang Tagebuch! Die vier spannendsten Einsendungen werden mit je einem FotobuchFeature belohnt. Und wer von diesen vier Auserwählten auf unserem Blog am meisten Applaus für seine fotografischen Ergüsse erhält, wird zusätzlich mit einer Nikon ‹S9100›-Digitalkamera aus der COOLPIX-Serie belohnt! Mitmachen lohnt sich also auf jeden Fall! Schickt einfach eure fotografischen Tagebuchbeiträge an

wettbewerb@kinkimag.ch, weitere Info zum Wettbewerb findet ihr auf unserem Blog unter kinkimag.ch/blog!

Die meistbeklatschte Einsendung gewinnt eine COOLPIX ‹S9100› von Nikon!

(rb) nikon.ch

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Dass Models im Verlauf ihrer Karriere auf dem Laufsteg selber zur Nähmaschine greifen und eigene Modelinien herausbringen, ist nichts Neues. Dass aber auch Schweizer Models zwischen Jetten, Fototerminen, High Heels und Catwalks selber Hand anlegen, geschieht nicht so oft. Das Schweizer Model Blanda Eggenschwiler hat es versucht und neben ihrer Modelkarriere bewiesen, dass sie auch abseits des Laufstegs mehr als genug Talent hat. Sie lebt seit vier Jahren in New York, hat dort Grafikdesign studiert und arbeitet unter anderem als Art Director bei der ‹New York Times›. Doch damit nicht genug: Durch die Hilfe eines Freundes lancierte die 26-jährige Schweizerin in Zusammenarbeit mit Obey Clothing eine eigene Shirt-Kollektion sowie Fingerringe und Halsketten. Die Designs entwarf die hübsche Grafikerin komplett eigenständig. Vor ein paar Wochen fand im Rahmen der New York Fashion Week die grosse Launch-Party im Bowery Hotel in New York City mit rund 800 Gästen statt – die Resonanz auf ihre allererste Modelinie war durchaus positiv. Und das war erst der Anfang: Blanda will nämlich bald ihr eigenes Unternehmen gründen und als Karrierefrau im Designbereich Fuss fassen. Die Limited Shirts kann man sich seit dem 30. September auf urbanpeople.com bestellen, die gesamte Kollektion ist auch bei obeyclothing.com erhätlich. (vl)

radioaktivität auf der leinwand Die ungeheure Kraft und tödliche Wirkung der Atomenergie ist unsichtbar und lässt sich somit nicht direkt visualisieren. Trotzdem verwenden Befürworter und Gegner seit den Anfängen ihrer militärischen und zivilen Nutzung das Medium Film zu deren Erklärung. Die diesjährigen Kurzfilmtage in Winterthur widmen sich mit einem Spezialprogramm genau dieser Thematik: Von Propagandafilmen der US-Army aus den 50er Jahren und Dokus des Schweizer Fernsehens bis hin zu einem japanischen Aufklärungscomic für Kinder. Dabei reicht das Meinungsspektrum von Heilsversprechen bis hin zu paranoider Verteufelung. Natürlich gibt es an den Kurzfilmtagen auch noch anderes zu sehen und um euch die Auswahl selbst zu überlassen, verlosen wir 2 x 2 Multipässe, die euch je vier Eintritte, sowohl für das Spezialprogramm als auch für all die anderen Filme ermöglichen. Schreibt dafür einfach eine Mail mit dem Betreff ‹Kurzfilmtage› und eurer Adresse an wettbewerb@kinkimag.ch. Mehr Infos und das vollständige Programm der Kurzfilmtage gibt es auf kurzfilmtage.ch. (ah)

shift festival – stimmen unter strom ‹Of Birds and Wires. Stimmen unter Strom.› Unter diesem Thema steht das diesjährige Festival für elektronische Künste und Kultur ‹Shift›, welches vom 27. bis 30. Oktober auf dem Dreispitzareal in Basel seinen Platz hat. ‹Stimmen unter Strom› bezieht sich auf die Veränderung der menschlichen Stimmen, wenn diese mit technischen Mitteln verstärkt, über Radio verbreitet, aufgezeichnet, manipuliert oder simuliert werden. Dieses Phänomen ist vor allem in der elektronischen Musik, aber auch in der Medienkunst, im Performancebereich und in Film und Video sehr präsent und passt daher perfekt zum Shift Festival. Wie jedes Jahr am letzten Oktoberwochenende locken während vier Tagen Konzerte, Vortragsreihen, Workshops, Film- und Videoprogramme, Partys und natürlich Ausstellungen Besucher auf das Dreispitzareal. 2011 ist in zweierlei Hinsicht ein besonderes Jahr für das Festival: Zum ersten Mal präsentiert sich Shift im ‹Haus der elektronischen Künste› (HeK) und zelebriert daneben gleichzeitig sein fünfjähriges Bestehen. Neben den Ausstellungen und dem

Begleitprogramm in den Räumen des ‹Hauses der elektronischen Künste›, der Dreispitzhalle und dem Schaulager kommen auch wieder junge Studierende von Kunsthochschulen zum Zug: Unter dem Titel ‹Shift in Progress› stellen die Studenten selber Arbeiten aus. Neu mit von der Partie im musikalischen Bereich sind das Netzwerk ‹Swiss Electronic Music› und das Genfer Partnerfestival ‹Electron›, die beide ein ergänzendes Kon-

zertprogramm zum Festivalthema präsentieren. Für Fans der elektronischen Künste lautet das Motto also: Nichts wie hin aufs Dreispitzareal! Aber auch für Besucher, denen diese interessante Kunstsparte noch nicht bekannt ist, lohnt sich eine Entdeckungstour im ‹HeK› vom 27.10 – 30.10 auf jeden Fall. Weitere Infos und das gesamte Programm gibt es auf shift-festival.ch. (vl)

Am Shift Festival zu sehen: Die Arbeit ‹Squeeeeece› von Alexis O'Hara. Ein Iglu aus 100 Lautsprechern, in welchem der Besucher mit seiner eigenen Stimme experimentieren kann.

maaaami, chaaalt!!! Wir alle wissen aus eigener Erfahrung, wie schwierig es ist, eine Winterjacke zu finden, die warm hält und trotzdem gut aussieht. Noch schwieriger gestaltet sich die Suche allerdings für Eltern, die ihre Kinder nicht unbedingt in Hello Kitty-Nylonanzüge oder Kunstdaunengilets stecken möchten. Der Gründer des Schweizer Outerwear Brands Eleven, Franz Bittmann, ist selbst stolzer Vater zweier Jungs und hat es sich deshalb zur Aufgabe gemacht, qualitativ hochstehende, modische und fair produzierte Outerwear für die lieben Kleinen zu entwerfen. Das Label Namuk geht mit funktionaler Winterbekleidung wie Overalls, Jacken, Hosen und Thermounterwäsche, sowie einer umfangreichen Streetwear- und Accessoire-Kollektion in seine zweite Saison und sorgt damit sowohl im

Kleine Kleider ganz gross: Namuk Outerwear.

kinki neuzeit

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Sandkasten als auch in den Skiferien für die richtige Temperierung. Ausserdem punkten die Teile der Namuk-Kollektion durch zahlreiche kindgerechte Extrafeatures: Nuggihalter, Abfalltäschli, Namensbeschriftungslabels und Co. machen nicht nur den Dreikäsehochs, sondern auch ihren Eltern das Leben einfacher. Und wer selbst noch nicht über Nachwuchs verfügt, der sollte sich trotzdem mal auf der Website von Namuk umsehen: das erste Göttikind kommt oft schneller als gedacht! Deshalb zeigt sich Namuk auch gleich grosszügig und verlost ein Primaloft-Jacket! Schickt uns einfach eine Mail mit eurer Adresse und der Grösse des beschenkten ‹Göflis› und mit etwas Glück ist das erste Weihnachtsgeschenk schon abgehakt. (rb) namuk.ch

mensch und maschine

königliche krempen Wer im Sommer keinen Sonnenhut mit kleinem bis übertrieben grossem Hutrand getragen hat, hat sich diese Saison aus modischer Sicht ins Aus manövriert. Auch ein Blick auf die Herbst- / Winterkollektionen lässt nichts anderes erwarten – Krempen, wohin das Auge reicht. Glücklicherweise greifen wir in der kalten Jahreszeit gewöhnlich alle zu Kopfbedeckungen, um den Erhalt unserer feinhäutigen Öhrchen zu gewährleisten. Da bietet sich auch die Gelegenheit, sich mal an ein neues Modell mit ungewohnter Form zu wagen. Das deutsche Label König Walter führt einen tollen, klassischen Filzhut, der sich bei Herbstwind und Regen fantastisch macht und für viele den ersten Schritt zum Hut-Tragen darstellen könnte. Doch auch Mützenträger kommen beim Label König Walter und dessen Premiunlinie Kol, das von den Schwestern Anja und Mila Köninger betrieben und nach ihrem Grossvater benannt wurde, auf ihre Kosten. Mützen und Stirnbänder gibt es mit schönem Grob- oder Zickzackstrick oder auch als feine Mützen, die sich im hanseatischen Stil hochrollen lassen. Es gibt weite Schlumpfmützen für die lässigen Langhaar-

Träger und russische Pelzhüte für die modische Babuschka. Erst schwierig wird die Auswahl, wenn man sich zur Kopfbedeckung auch noch den passenden Schal aussuchen möchte: Strick, Zopfoder Norwegermuster stechen sich gegenseitig aus. Eines ist garantiert: mit Hut, Mütze und Schal von König Walter ist es modisch und warm bestens um uns bestellt. (fr) koenigwalter.de

Auch für Bürgerliche erschwinglich: die Accessoires aus dem Hause König Walter.

Man nehme einen chirurgischen Eingriff vor und pflanze sich ein drittes Ohr an den Unterarm. Diese gespenstisch-verrückte Idee hatte der Performancekünstler Stelarc vor ein paar Jahren und überzeugte damit ein Team von Chirurgen. Klingt eklig, sieht auch so aus. Stelarc läutet damit aber nicht ein neues Zeitalter des Körperschmucks ein und möchte auch nicht an ein Horrorfilm-Szenario erinnern. Nein, seit nunmehr 30 Jahren experimentiert der australische Künstler viel eher mit dem eigenen menschlichen Körper und dem Verhältnis von Mensch zu Maschine. Dazu erweitert er seinen eigenen Körper mittels Technologie. Bei seinen Aufführungen arbeitet er mit Wissenschaftlern, Technikern und Medizinern zusammen. Mal wird sein Arm durch einen Dritten erweitert, mal bewegt er sich auf einer sechsbeinigen Maschine fort und wirkt dabei wie ein überlebensgrosser

Roboter. Oder er rammt sich Haken ins Fleisch und lässt sich an Seilen hochziehen. Stelarc stellt mit seinen Künsten dar, was mittels Technologie und Robotern mit dem menschlichen Körper alles möglich ist. Dabei wird er nicht nur selbst zur Attraktion sondern auch zur Maschine. Wer sich darunter nicht viel vorstellen kann, sucht ihn am Besten auf youtube oder kommt am 7. November direkt nach Basel zu seiner Show und erkundet live, wo die körperlichen Grenzen eines Menschen liegen. Dort tritt Stelarc um 20 Uhr im ‹Haus für elektronische Künste› an der Oslostrasse 10 in Basel auf. Übrigens: Sein Ohr kann sowohl hören als auch Töne senden. (vl)

übrigens auch eine Kollektion an Accessoires, die – wie das Auto auch – aus der Feder der Gucci Creative Direktorin Frida Giannini stammt. Freunde des Dolce Vitas

brauchen sich also nicht länger zwischen Kleinwagen und Guccitasche zu entscheiden. Und alle, denen das ganze Labeling nichts bedeutet, dürften sich am zurückhaltenden Design des 500 erfreuen. (rb)

haus-ek.org stelarc.org

taschenauto Italien? Das ist dort, wo man immer lecker isst! Und dort, wo komische alte Männer ‹Bungabunga!› in die Kameras rufen und Müll auf der Strasse liegt. Aber auch dort, wo die glamouröseste Mode und die schönsten Autos Europas herkommen! Zum Beispiel aus den geschichtsträchtigen Häusern Fiat und Gucci, welche dieses Jahr gemeinsame Sache machten und so endlich wieder einmal die positiven Seiten ihres Vaterlandes ins Scheinwerferlicht rückten. Pünktlich zum hundertfünfzigsten Jahrestag der Italienischen Einigung präsentieren Gucci und Fiat den ‹500 by Gucci›, einen Kleinwagen, der die wohl besten Attribute italienischer Automobil- und Designkunst vereint. Das schnieke Wägelchen kommt wahlweise in kinki neuzeit

elegantem Schwarz oder edlem Perllack daher, trägt die Insignien des Modehauses (den grünrot-grünen Streifen) an diversen Stellen und hält auch sonst einige stilsichere Extras bereit. Passend zum Auto gibt’s

gucci.it, fiat.com

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kinkimag.ch

no sleep till belfast Jeder, der die isländische Elektroband FM Belfast schon mal live erleben durfte, weiss, dass diese Damen und Herren das Feiern lieben. Passenderweise eignet sich auch der Sound der Isländer perfekt für schlaflose Nächte, wie spätestens ihr zweites Album ‹Don’t want to sleep›, das diesen Sommer erschien, bewies. Viviane Lichtenberger unterhielt sich mit Lóa, dem einzigen Mädchen der Band, über Partyexzesse, isländische Politik und Arielle, die Meerjungfrau.

sex, drugs und verstärker Es war im Oktober 1975, als Karl Kuenning im zarten Alter von 19 Jahren das erste Mal Verstärker rumschleppen, Trucks beladen und Lichtanlagen auf der Bühne montieren durfte. Von da an hat den Technik-Junkie das Leben auf Tour gepackt, von dem er vier Jahre lang nicht mehr loskam: Er arbeitete als Roadie und tourte

durch 45 Staaten, 17 Länder –  mit mehr als 200 Bands. Dolly Parton, Patti Smith, Supertramp, BB King: all diese Grössen der Musikgeschichte durfte er bedienen. Das Tourleben begleitete ihn in jeglicher Hinsicht. Karl hievte nicht nur schwere Geräte herum, er konsumierte auch Drogen und Alkohol und hat bis heute

Rückenprobleme – so wie man es sich eigentlich von einem Roadie in den wilden Siebzigern vorstellt. Geschichten von Schlafmangel, wie das Leben auf Tour ohne Handys und Computer ist, und ob er es bereut hat, dem Leben on the Road für immer den Rücken gekehrt zu haben, erfahrt ihr auf kinkimag.ch/magazines.

changing hair Seine Sporen verdiente sich der deutsche Fotograf Florian Renner in der Skate- und Urban-Szene. Mit einer Dokumentation der Skateboardszene Shanghais erschien er einst auch im kinki magazin Nummer 9, seither hat sich auf beiden Seiten viel getan. Heute sieht man Renner sein Debut im Dunstkreis des Rollbrettsports kaum mehr an, viel mehr zeichnet sich sein Umzug in die Modemet-

ropole London verstärkt in seinen Arbeiten ab. Weg von der Streetwear, hin zu Fashion-Editorials mit Ecken, Kanten und viel Stil. Auf unserer Website zeigt das Männermodel Andy Martin in Renners Strecke, wie Mann im Herbst nicht nur Anzüge, sondern auch Frisuren lässig und modisch vielfältig trägt.

unterhaltung am fliessband nern und Tipps für Kunstausstellungen auf dem kinki Blog nicht wirklich vom Fliessband, schliesslich fertigen wir jeden Beitrag nach Mass und mit viel Liebe. Unter kinkimag.ch/magazines findet ihr zudem Modestrecken und Artikel, die unser Heftthema auch online weitertragen, so zum Bei-

Natürlich arbeitet, schreibt und krampft die kinki Redaktion nicht nur für unsere Printausgabe, sondern liefert auch auf unserer Website während des ganzen Monats konstant neuen Content. Nichtsdestotrotz kommt die regelmässige Zufuhr an musikalischen Neuheiten, Lookbooks von Jungdesigkinki kinkimag.ch

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spiel ein Interview mit den Betreibern von ‹Mathery›, die auf ihrem Blog täglich inspirierende, witzige und alltägliche Erfindungen vorstellen.

nixonnow.com

klagemauer Ist dein neuer Kashmir-Pulli eingegangen? Der Joghurt im Kühlschrank zu neuem Leben erwacht? Setzen sich die Psychopathen im Bus immer neben dich? Egal was dich gerade stresst oder nervt: Auf kinkimag.ch unter ‹Klagemauer› kannst du Dampf ablassen. Die besten Einträge werden hier veröffentlicht.

andere Frauen haben auch nette Männer  ... lomo | Mondjunge ist genervt, er sah gerade eine mit einer kinki-Tasche, die hatte den kinki-Schriftzug in türkis! Will er auch haben! Er hat genug von hellblau und rosa! Gibt es die noch? Kam die erst neulich raus? mondjunge | periode und ununterbrochen essen und papierkram unerledigt und die arbeit, die mich erledigt und der freund, der nicht da ist und das unvermögen, die tatsachen zu ändern küssen kann man nicht alleine | dito aussi Anonymous | @Vonwegenanders: Dito! Tagedieb | Leute, die auf Facebook bei ihren eigenen Posts, Bildern oder Videos "like" drücken müssen. Gefällt mir nicht | ich mag ihn. doch wieso muss er gleich so viel älter sein? immer die falschen | Ich hab mein kinki abo geschenk nich erhalten ... schade | Es nicht anzeigen zu lassen um die bestätigung zu kriegen? Hat das damit zu tun, dass beinahe niemand mehr sein kleines, mit kätzchen bedrucktes büchlein hervorkramt, sich erinnert ... in was auch immer wir eintauchen. Manchmal fühlt er sich komisch an, der Alltag halt schmuseperla | ... dass man heutzutage den geburtstag von freunden "vergisst" weil dieser nicht auf facebook angezeigt wird. Joana | die mathematik die meiner haut stress beschert, mein frustessen fördert, und mich daran hindert mich auf die suche nach meinem inexistenten freund zu machen. undichhassejoggeeeen | NEON-Userin Libby findet: "Niemals Augenkontakt herstellen während du eine Banane isst!" – Libby erzählt wohl auch allen Männern dass Romantischsein (ich red von der Säuselkacke) total toll sei. Giulia wars | mir is gad als egal. und ich weiss es wird sich rächen | dass herz und gehirn nie einer meinung sind!! rasterpunkt | immer nur mit dem einem ins bett zu wollen. jedoch ist dieser besetzt. sahnetorte besetzt | ständig diese kopfschmerzen find ich total bescheuert. die mit dem kopf | ALLES! alles | oh, wird wohl nix mit a. epunkt | angetrunken und zu hause. shit. sonntagabends | werde von meiner arbeit vergewaltigt noch 3 monate | ... and I feel like running ... – möglichst weit weg federschuh | getrennt / geschieden, alleinerziehend, 1 kind. ist das jetzt der neue 0815-spruch im ausgang!? oder sieht so die realität aus!? ich checks echt nicht. die sind doch alle noch so jung. kann das sein | Ich seh heut zur Abwechslung ma`scharf aus ... und wo ist der Mann meiner Wahl – wo anders! Na toll. lomo | ich wäääre ja heut der gutgelaunteste mensch der erde wenn das Wörtchen wenn nich wääääär ich HASSE DIE MATHEMATIK die sonne lässt grüssen | sich aufregen, dass ich mich überhaupt noch aufrege! zennnnnnnnnnnnn | kinki klagemauer

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bex.fm

e i d n a a l e r a V s o l r a C n a m Soll ? n e d a l n i e y t WG-Par Ă–LF lesen W Z t s r e r Besse

kinki kunst

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behance.net/tobiasfaisst/frame

hide and seek

kinki kunst

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Tobias Faisst

‹Das menschliche Auge liebt die Symmetrie und selbst scheinbar Unschönes entwickelt eine besondere Ästhetik.›

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‹Es ist offensichtlich welche Monster unser täglicher Konsum erschafft. ›

kinki kunst

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‹Schade, dass in manchen Städten die interessantesten Orte die toten sind.›

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Leben und leben lassen Nicht erst die Technik hat den Roboter erfunden. Alchemie, Fäulung des menschlichen Samens oder das Zusammensetzen von Leichenteilen: Seit Jahrhunderten versucht der Mensch künstliches Leben zu erzeugen. Und genauso lange beschäftigt sich die Literatur mit den möglichen Resultaten. Text: Paula Kohlmann, Illustration: Matt Furie

Maschinen erleichtern unser Leben. Aber wehe, sie werden uns zu ähnlich!

kinki report

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U

nd Gott der Herr machte den Menschen aus einem Erdenkloss, und blies ihm ein den lebendigen Odem in seine Nase. Und also ward der Mensch eine lebendige Seele. So einfach funktioniert es im ersten Buch Moses. Dabei steckt in diesem ‹Erdenkloss› und dem ‹Odem› das grösste Geheimnis überhaupt: Die Entstehung des menschlichen Lebens. Seit Jahrtausenden versucht der Mensch dieses Mysterium zu entschlüsseln, mit dem einen grossen Ziel, es Gott gleichzutun. Wir haben die DNA des Lebens entschlüsselt, haben ein Schaf geklont, sind dabei, das Meer zu erforschen und haben unsere Fahne auf dem Mond platziert. Wieso dann nicht auch den Menschen reproduzieren? Das Begehren nach Beleben des Unbelebten ist uralt. Aber was passiert, wenn wir Gott spielen? In der Literatur findet man viele Geschichten über mögliche Ausgänge, zu Beginn sind es Figuren aus Lehm oder Holz, später werden es technische Automaten, deren Ähnlichkeit mit uns selbst uns doch oft unheimlich wird. Deshalb enden die meisten dieser Geschichten alles andere als glücklich.

Schon bei Homer tauchen Roboter auf

Die Idee eines Roboters als arbeitende Menschennachahmung liegt weit zurück: Bereits Jahrhundert vor Christus beschreibt Homer in seiner Ilias die Geschichte eines griechischen Gottes, der mit Hilfe des Feuers Goldstatuen erschafft, sie belebt und als Dienerinnen einsetzt. Auch die Legende des Prager Golems, eines aus Lehm geformten Menschen, der nicht sprechen, aber Befehle ausführen kann, liegt weit zurück. Aus der Kindheit kennt jeder die Geschichten

Wieso nicht auch den Menschen reproduzieren? Das Begehren nach Beleben des Unbelebten ist uralt. von Pinocchio, das Märchen vom Nussknacker und dem Zauberer von Oz. Die Erzählungen werden oft nicht als Schöpfungsgeschichten wahrgenommen, doch stets geht es um die Erschaffung eines menschenähnlichen Wesens und um die Suche nach der Menschlichkeit. Die Geschichten handeln stets von Abenteuern, auf denen die Puppen Eigenschaften und Tugenden erlernen, die sie zu einem ‹echten Menschen› machen sollen. Aber erst im 20. Jahrhundert wird es technisch: Die Brüder Josef und Karel Capek prägen den Begriff des Roboters im Theaterstück R.U.R., seitdem sind ‹Automat› und ‹Roboter› – tschechisch für ‹Arbeiter› – ein Hauptthema der Science-Fiction-Literatur. Die Beziehung zwischen Mensch und dem künstlich gezüchteten Wesen wird in der Literatur unter den unterschiedlichsten Gesichtspunkten betrachtet und schwankt häufig zwischen Faszination und Abscheu, Freundschaft und feindlicher

Bedrohung. Das Verhältnis Mensch und Maschine ist wohl ein zwiespältiges. Deshalb lohnt es sich, genauer zu betrachten, wie die grossen Dichter und Denker mit dem Thema umgehen.

Es wird ein Mensch gemacht. Den Grundstein findet man bereits im 16. Jahrhundert in den Schriften des Wissenschaftlers Theophrastus Paracelsus: Er beschreibt die Theorie, dass durch 40-tägige Fäulung des menschlichen Samens die Erzeugung eines künstlichen Wesens möglich sei. Goethe knüpft an diese naturwissenschaftliche Forschung in ‹Faust II› an und lässt den Lehrling Wagner aus anorganischen, ‹vielhundert Stoffen› den Menschenstoff komponieren. Homunculus besitzt eine menschenähnliche Gestalt, Geist und Herz, jedoch nichts Organisches. Er begleitet Faust zur Walpurgisnacht, auf der er an einem Felsen zerspringt. Somit beendet er sein Dasein zumindest ohne Schaden zu hinterlassen, und die Kritik an künstlich erschaffenem Leben hält sich somit in Grenzen.

Tote Materie und elektrische Ladung

Anders in dem literarischen Höhepunkt romantischer Gruselgeschichten über den Mensch als Schöpfer künstlichen Lebens: Mary Shelleys 1818 entstandener Roman ‹Frankenstein› ist die Geschichte eines von Menschenhand erschaffenes Wesen. Frankenstein hat die Vision, tote Materie durch elektrische Ladung zum Leben zu erwecken. Aus verschiedenen Leichenteilen bastelt er sich ein Wesen und belebt es durch einen physikalischen Impuls. Doch er begeht den grossen Fehler, keine Verantwortung für sein Monster zu übernehmen. Die Abwendung von seinem Geschöpf hat verhängnisvolle Auswirkungen: Das erschaffene Wesen fühlt sich alleine gelassen. Durch seine Missgestalt trifft es immer wieder auf Abstossung. Der Zwischenzustand seiner Existenz – weder Roboter noch Mensch noch Tier – ist das Tragische der Geschichte. Aus Einsamkeit bringt das anfangs liebe Monster (welches übrigens über ein sehr zur romantischen Strömung passendes Gemüt verfügt) Frankensteins Familie um. Mary Shelley thematisiert hier die Verantwortung, die der Mensch über sein erzeugtes Wesen hat. Eine deutliche Antwort auf die Frage, was passiert, wenn wir uns anmassen, zum Schöpfer zu werden.

Die Automatenpuppe

Romantisch-gruselig geht es auch in E.T.A. Hoffmanns Schauermärchen ‹Der Sandmann› zu. Die Idee von Automaten oder Maschinenmenschen ohne inneres Leben sind in der Zeit um 1816 hoch aktuell, hier geht es um die künstliche Frau Olimpia. Ein zentrales Motiv stellen die Augen dar, durch die der Alchemist ‹Sandmann› meint, die menschliche Seele greifen zu können. Zwanzig Jahre baut er an Olimpia, einer Puppe, die Klavier spielen, tanzen und auf Menschen regieren kann. Und dazu auch noch unglaublich gut aussieht. Der Protagonist Nathanael verliebt sich in den Automat, der über keinerlei Gefühle 31

oder eigene Intelligenz verfügt, allein seine Gestalt ist human. Das seltsame Wechselspiel zwischen Traum und Wirklichkeit und die verwirrenden Wahrnehmungsstörungen Nathanaels erzeugen eine unheimliche Stimmung in der romantischen Erzählung. Das Verhältnis zwischen Mensch und Automat wird als unnatürlich und schrecklich beschrieben und findet kein gutes Ende: Nathanael weiss selbst nicht mehr, was wahr und was erdacht ist und stürzt sich schliesslich in den Tod.

Literatur gegen Maschine

Auch heute noch erzeugen zu menschlich wirkende Maschinen oft unangenehme Gefühle in uns. Die grösste Angst ist es wohl, die Kontrolle über unsere ‹Arbeiter› zu verlieren, wenn diese eine eigenständige Intelligenz entwickeln. In der Technik strebt man jedoch danach, Maschinen mit möglichst viel künstlicher Intelligenz zu versorgen. Diese Entwicklung ist mittlerweile so weit fortgeschritten, dass es durchaus hoch entwickelte Maschinen in Form von Robotern gibt, die uns im Alltag Arbeit abnehmen könnten. Und jeder technische Fortschritt wurde stets von der Literatur aufgesogen und oftmals zu ähnlichen Horrorvisionen verarbeitet: War es zu Frankensteins Zeiten noch der Strom, welcher künstliches Leben erschaffen sollte, so wird heutzutage das menschliche Gehirn in Science-Fiction-Dramen mit Festplatten und der Organismus mit einem grossen Computer verglichen. Die Wahrheit liegt wohl in keiner der jeweiligen Theorien verborgen, denn auch heute noch scheint die Wissenschaft trotz riesiger Fortschritte meilenweit vom Geheimnis des ‹Odems› entfernt. Doch die Literatur wird auch in Zukunft mit erhobenem Zeigefinger all jene Versuche, welche in Richtung ‹Gott spielen› gehen, kritisch unter die Lupe nehmen. Nicht nur aus Angst vor einer allfälligen Menschmaschine. Sondern vor allem aus Angst vor uns selbst.

wortlaut das 10 minuten interview

Michelle Moog-Koussa: ‹Ich nehme jetzt Pianounterricht.› Interview kinki magazin: Michelle, was ist die Bob Moog Foundation genau und welche Mission steckt dahinter? Michelle Moog: Die Bob Moog Foundation ehrt das Vermächtnis des Synthesizer Pioniers Bob Moog und hat die Mission, den innovativen und kreativen Geist von Bob Moog durch Musik, Wissenschaft und Geschichte aufrecht zu erhalten. Unsere Projekte beinhalten die ‹Bob’s SoundSchool›, welche elektronische Musikinstrumente in die Schule bringt, um Kindern Wissenschaft durch Musik beizubringen, die ‹Archive Preservation› Initiative, die das historische Archiv von Bob schützt und bewahrt − und das kommende Moog-Museum. Wie gross war dein Bezug zur Musik während deiner Kindheit und Jugend? Ich liebte Musik schon als Kind. Meine ältere Schwester Laura hat mir mal eine Geschichte erzählt: Als ich ein Kleinkind war, stand ich in meiner Krippe und sang zum Lied ‹Bye, Bye Miss American Pie›. Bis heute einer meiner Lieblingssongs.

M

ichelles Vater schrieb Musikgeschichte: Bob Moog gilt als Pionier der elektronischen Musik, denn er erfand einst den ersten Moog-Synthesizer. Mit seinen innovativen Instrumenten hat er unterschiedlichste Musikstile von Hip-Hop bis Techno beeinflusst und das Komponieren von Hits revolutioniert. Besonders prägend und beliebt war der ‹MiniMoog›, der erste Kompakt-Synthesizer. 2005 verstarb Bob im Alter von 71 Jahren an einem Hirntumor. Sein Tod veranlasste seine Tochter Michelle Moog-Koussa, die ‹Bob Moog Foundation› zu gründen, die das Vermächtnis ihres Vaters ehkinki wortlaut

Mit welcher Musik bist du aufgewachsen? Mit elektronischer Musik, Pop und klassischer Musik. ren und weitertragen soll. Die Bob Moog Foundation verbindet die Schnittstellen Musik, Wissenschaft und Geschichte mit unterschiedlichen Projekten. Letztes Jahr feierte sie ihr fünfjähriges Bestehen, nächstes Jahr soll das Moog-Museum eröffnet werden. Für ihre Arbeit als Präsidentin der Foundation opfert Michelle mit grösster Hingabe alle Zeit die sie hat, und setzt sich tatkräftig dafür ein, dass die kleine Non-Profit-Organisation überlebt. Genauso ehrgeizig wie ihr Vater damals, der mit Leib und Seele an seinen Instrumenten tüftelte. Wir sprachen mit Michelle über ihre Foundation, ihren Vater und ihre musikalischen Künste.

Dein Vater hat mit seinen Instrumenten die Musikgeschichte verändert: Wie fühlt es sich an, so eine grosse erfinderische und kreative ‹Last› auf deinen Schultern zu tragen? Wenn ich es zulassen würde, würde das enorme Vermächtnis meines Vaters meine Bemühungen ersticken. Ich bin keine Musikerin, Ingenieurin oder brillante Designerin. Trotzdem habe ich ein tiefes Verständnis für den unauslöschlichen Einfluss, den Bob Moog auf das Leben der Leute hat. Da die Foundation darauf abzielt, dieses Vermächtnis fortzusetzen, bin ich dankbar und bewundere, dass Bobs 32

kreativer und erfinderischer Einfluss so weit verbreitet ist. Er inspiriert mich jeden Tag. Also anstatt ihn als eine ‹Last› zu empfinden, wie du ihn beschreibst, nutze ich ihn als eine Quelle der Inspiration. Eine, die mich jeden Tag weiterbringt. Wie kann man sich das Leben mit Bob Moog als Vater vorstellen? Mein Vater war sehr bescheiden in Bezug auf seine Karriere und hat Zuhause nicht viel darüber geredet. Ich glaube, er wollte einfach einen Platz haben, wo er nur ‹Dad› sein konnte, ohne durch den ‹Bob Moog›-Filter angesehen zu werden. Er hat uns nichts über Synths beigebracht und wir haben ihn auch nicht viel über seine Arbeit ausgefragt. Ich befinde mich jetzt in einer Phase, in der ich mich mit der Technologie auseinandersetze, der mein Vater sein Leben gewidmet hat. Verstehst du selber die Technik hinter diesen ganzen Maschinen? Nicht alles, aber ich verstehe mit Sicherheit die Basics. Ich umgebe mich mit Leuten, die es verstehen und ich habe eine Menge grossartiger Lehrer. Ich freue mich auf den Moment, wenn mein Wissen tiefer wird, leider fehlt mir aktuell die Zeit dazu, da die Arbeit meine ganze Zeit auffrisst, aber eines Tages wird es soweit sein. Gibt es irgendwelche Pläne für neue Moog-Produkte? Moog Music Inc., die Fabrik, die Moog Instrumente herstellt, bringt ständig neue Instrumente raus. Ihr Ingenieur-Team macht einen fantastischen Job, indem sie Bobs technisches Vermächtnis in zeitgenössische Musik umsetzen. Spielst du selber ein Instrument? Ich habe als Teenager sechs Jahre lang Violine gespielt und nehme jetzt Pianounterricht. Text und Interview: Viviane Lichtenberger Foto: Promo

SONNTAGS um 19:00

E D I U G AL V I V R . SU N R R U A O E Y L D N A H WATC

MTV.CH/AWKWARD

Die Kavallerie des kleinen Mannes

Kriege werden mit Hochtechnologie gewonnen – und mit dem Toyota-Pritschenwagen. Ob im Tschad, in Afghanistan, im Irak und nun auch in Libyen, der ‹Pick-up› verwandelt die Schlachtfelder asymmetrischer Kriegsführung in ‹Toyota-Kriege›.

Text: Thomas Gutschker, Boris Schmidt und Thomas Scheen, Illustration: Patric Sandri

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in seinem Hauptquartier in Doha Bilder einer Aufklärungsdrohne. Nirgendwo sind Panzer oder Stellungen Saddam Husseins zu sehen. Doch dann fällt dem General etwas ins Auge: Auf seinem Bildschirm erscheinen ‹fünf staubige weisse Toyota Pick-up Trucks, jeder mit einem schweren Maschinengewehr bewaffnet und vollgestopft mit Männern in zivilen Kleidern, die mit Kalaschnikows und Panzerfäusten bewaffnet sind›.

Der ‹Toyota-Krieg› Ein Pick-up, Waffen und jede Menge Leute auf der Ladefläche: fertig ist die Armee des kleinen Mannes.

E

r taucht in keiner Rüstungsbilanz und in keinem Verteidigungshaushalt auf, dafür auf beinahe jedem Schlachtfeld. Er verfügt weder über eine Panzerung noch Ketten und gilt doch als unverwüstlich. Er hat Panzer besiegt, die ein Vielfaches kosten, und Kriege entschieden. Als die Kämpfer des international anerkannten ivorischen Präsidenten Ouattara Abidjan eroberten, fuhren sie: Toyota Pritschenwagen. Wenn die libyschen Rebellen aus ihren Stalinorgeln auf Gaddafis Truppen feuern, stehen die Geschütze auf: Toyota Pritschenwagen. Toyota könnte die tollsten Werbesprüche drechseln über seinen ‹Pick-up›. Doch das japanische Unternehmen schweigt und lässt lieber die Wirklichkeit sprechen. Der Geländewagen mit offener Ladefläche mag wirken wie ein Relikt aus dem vorigen Jahrhundert. Doch zu den bewaffneten Konflikten der Gegenwart gehört er wie das sowjetischrussische Sturmgewehr, die Kalaschnikow, die noch ein wenig älter ist. Der Toyota Pritschenwagen ist die Kavallerie des kleinen Mannes. Und er ist ein Symbol für den asymmetrischen Krieg, in dem Rebellen mit einfachsten Mitteln westliche Hochtechnologie herausfordern. Denkwürdig ist die Szene, die Tommy Franks, 2003 Kommandeur der amerikanischen Intervention im Irak, in seiner Autobiographie schildert. Am dritten Tag stösst eine lange Kolonne aus Abrams-Kampfpanzern und BradleySchützenpanzern durch den schiitisch geprägten Süden Richtung Bagdad. Franks verfolgt

Die Pritschenwagen rasen über eine Staubpiste auf den Konvoi zu und eröffnen das Feuer – der erste irakische Überraschungsangriff des Krieges. Nach Franks’ Schilderung haben die angreifenden Milizen Saddams keine Chance, nach zehn Minuten Gefecht sind sie geschlagen. Doch anderen Fedaijin-Kämpfern gelingt es mit ihren Pritschenwagen in den folgenden Tagen, den Nachschub der schnell vorrückenden Einheiten zu unterbrechen. Mindestens vier Abrams-Panzer schalten sie mit Panzerfäusten aus. Im Irak kamen die Amerikaner mit dem Schrecken und einigen Verlusten davon. Ganz anders war es der libyschen Armee 1987 im Krieg mit dem Tschad ergangen. Sie war militärisch klar überlegen, bis Frankreich seinem Verbündeten Tschad 400 Toyota Pritschenwagen lieferte. Besondere Zusatzausstattung: Panzerabwehrraketen des Typs Milan, eine hocheffiziente deutsch-französische Entwicklung. Binnen weniger Wochen wendete sich das Blatt. Libyen verlor 800 Kampf- und Schützenpanzer und fügte sich notgedrungen einem Waffenstillstand. Der Konflikt ging als ‹Toyota-Krieg› in die Geschichte ein und begründete den sagenhaften Ruf des japanischen Pritschenwagens in Afrika und darüber hinaus. Unter Militärs heisst der Toyota Pick-up schlicht ‹Technical›. Dieser Name geht zurück auf den somalischen Bürgerkrieg. Als Helfer der Vereinten Nationen und von Nichtregierungsorganisationen Anfang der neunziger Jahre in das Land strömten, durften sie kein Wachpersonal mitbringen. Stattdessen gaben die Organisationen ihren Mitarbeitern ‹technical assistance grants›, zu Deutsch: Geld, um einen Wagen samt Fahrer lokal anzumieten. Am Anfang waren die Wagen noch unbewaffnet, doch als die Kämpfe eskalierten, tauchten schnell die ersten Maschinengewehre auf der Ladefläche der ‹Technicals› auf.

Der erfolgreichste Geländewagen der Welt

Den Toyota Pick-up gibt es in zwei Modellen, die wiederum in den unterschiedlichsten Konfigurationen gebaut wurden und werden. Der Land Cruiser wird in diesem Jahr 60 Jahre alt, den Hi-Lux gibt es seit 1968. Toyota brachte seinen ersten Geländewagen 1951 heraus. Wegen eines Namensstreits entschied sich der damalige Geschäftsführer des Unternehmens, Hanji Umehara, für den Namen Land Cruiser – in Anlehnung an den so erfolgreichen Land Rover. Es dauerte jedoch noch Jahrzehnte, bis 35

sich der Land Cruiser die Stellung erarbeitete, die er heute hat. Mit mehr als 6,1 Millionen gebauten Einheiten gilt er als der erfolgreichste Geländewagen der Welt. Vom Hi-Lux wurden 12 Millionen Stück verkauft. Ihn gibt es ausschliesslich als Pick-up, nur im Nebenberuf ist er Geländewagen - Allradantrieb ist erst seit 1979 erhältlich, bis heute gibt es Versionen mit Zweiradantrieb. Die wichtigsten Märkte für Toyota sind China, Europa und der Mittlere Osten, aber auch Afrika. Der von 1960 bis 1984 gebaute Land Cruiser 40 begründete Toyotas guten Ruf als Produzent unverwüstlicher Arbeitsfahrzeuge für alle Herausforderungen. In Afrika sieht man noch viele BJ 40, die liebevoll ‹Buschtaxi› genannt werden. Für dieses Baureihe des Land Cruiser gab es erstmals auch eine Pickup-Variante.

Unter Militärs heisst der Toyota Pick-up schlicht ‹Technical›. Bürgerkrieger fahren heute, wenn sie nicht im moderneren Hi-Lux unterwegs sind, meistens den Land Cruiser 70, der seit 1984 gebaut wird. Er ist besonders auf den harten Einsatz zugeschnitten. Damals hatte Toyota entschieden, die Land-Cruiser-Baureihe zu teilen. Während die eine den üblichen Weg zu immer mehr Komfort, Elektronik und Leistung ging und mittlerweile mehrfach modernisiert wurde, blieb der Land Cruiser 70 ‹Heavy Duty› weitgehend unangetastet. Fünf verschiedene Radstände bilden die Basis für diverse Aufbauten, seit 1990 gibt es auch einen Viertürer mit geschlossener Karosserie.

In Europa unbekannt

Zieht man Radstand, Aufbau, Fahrwerk und Motorisierung als die wesentlichen Unterscheidungsmerkmale heran, gibt es mehr als hundert verschiedene Versionen des 70ers. Wie im Modell von 1951 wird auf einen Leiterrahmen die Karosserie geschraubt, Starrachsen und Blattfedern übernehmen die Radführung, Trommelbremsen rundum waren zunächst Standard. Seit 1999 sind zumindest die Vorderräder einzeln aufgehängt und werden mit Scheiben gebremst. Der Frontantrieb ist zuschaltbar. Diese Bauweise gilt im Prinzip auch für den Hi-Lux, der aber nicht ganz so robust ist wie der Land Cruiser, was sich auch in einem niedrigeren Preis ausdrückt. Der Hi-Lux mit Einzelkabine und langer Ladefläche kostet in Deutschland mit einem 2,5-LiterTurbodieselmotor (171 PS) rund 23 000 Euro. In Afrika kommt meist ein einfacher 3,0-LiterDiesel (vier Zylinder) mit 94 PS zum Einsatz. Der Preis: rund 15 500 Euro. Im Land Cruiser 70 Pick-up dagegen ist zumeist ein 4,2-LiterSechszylindermotor (Diesel) unter der Haube, der 130 PS leistet. Er kostet zirka 21 500 Euro. Die Preise differieren aber stark, je nach Ausrüstung und Aufbau. In Europa ist der Land Cruiser 70, ob als Pritschenwagen oder

Wer im Toyota-Pritschenwagen mal nasse Füsse kriegt, zieht einfach den Stöpsel. Und weiter geht die Fahrt über unwegsames Gelände.

mit geschlossener Karosserie, weitgehend unbekannt. Er wäre ohnehin nicht zulassungsfähig, schon wegen der strengen Emissionsvorschriften. Ein Toyota-Händler in Gibraltar verkauft beide Pick-ups in verschiedenen Versionen, gern auch ‹wüstentauglich›. Die Motoren sind für den harten Einsatz vorbereitet, sie kommen zum Beispiel mit schlechterer Kraftstoffqualität zu recht. Der Ottomotor braucht verbleites Benzin. Den Fahrer eines solchen Gefährts einen Autofahrer zu nennen ist eigentlich eine Untertreibung. Selbst Zivilisten werden am Steuer zu Kriegern. Was sie mit dem Auto anstellen, zeigt ein Ausflug in Kongo, in Kasaï – dort, wo es nicht einmal Pisten, geschweige denn Strassen gibt. Zehn Passagiere bringt ein ramponierter Land Cruiser Station Wagon mit seinen längsseits montierten Rücksitzen über glitschige Pfade von Lodja nach Bena-Dibele. Das ist eine Strecke von 70 Kilometern durch tropischen Regenwald, für die zwei Tage angesetzt sind. Am Ende des ersten Tages steht die er-

Ein Toyota-Händler in Gibraltar verkauft beide Pick-ups in verschiedenen Versionen, gern auch ‹wüstentauglich›. barmungslos durchgerüttelte Reisegruppe vor einem grossen Schlammloch, in dem gerade ein russischer Militärlastwagen zu versinken droht. Etienne, der Krieger am Steuer, nimmt zuerst das Loch in Augenschein, dann den hilflos wühlenden Lastwagen, schliesslich seinen Cruiser - und äussert kategorisch: ‹pas de problème›. kinki report

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Extrem hart im Nehmen

Dann geht es in die Schlacht. Der Cruiser taucht die Schnauze in den Dreck, und der bullige Dieselmotor brüllt, als gehe es um sein Leben, bis der Wagen zur Seite kippt und nur von einer Lehmwand am Rand des Schlammlochs daran gehindert wird, vollends umzufallen. Etienne beeindruckt das nicht im Geringsten. Vielmehr schrammt er unter ohrenbetäubendem Gequietsche weiter an der Wand entlang, der Cruiser stabilisiert sich und Minuten später steht der Wagen auf der anderen Seite des Lochs - über und über mit Schlamm bedeckt, um ein paar Beulen seiner ohnehin stattlichen Sammlung von Schrammen und Dellen reicher, aber ansonsten kerngesund. Auf die Frage, ob er solche haarsträubenden Manöver häufiger fahre, antwortet Etienne mit einem Achselzucken: ‹eigentlich jeden Tag›. Sein 15 Jahre alter Cruiser hat 320 000 Kilometer auf dem Tacho. Noch ein Erlebnis, etwas später im westafrikanischen Niger. Dieses Mal ist es ein Land Cruiser Pick-up, das bei südafrikanischen Farmern wie somalischen Kriegsherren gleichermassen beliebte Modell mit der offenen Ladefläche und den extra starken Blattfedern auf der Hinterachse. Die Reise geht zu den Weidegründen der Peul-Nomaden im hintersten Winkel des Landes, wo man ohne Geländewagen erst gar nicht hinfahren sollte. Doch zunächst sind da etliche hundert Kilometer Asphaltstrecke von Niamey nach Zinder zu bewältigen, und die sind eine Tortur. Der Pritschenwagen fährt nicht schneller als 100 Kilometer in der Stunde, die groben Geländereifen lassen ihn auf dem glatten Untergrund gefährlich schlingern, und die brettharte Federung sorgt dafür, dass den beiden Insassen Tiefe und Breite jedes Schlaglochs ‹en détail› mitgeteilt wird.

Mit Vollgas durchs Land

Einmal abseits der Strassen, reduziert Jacques, der aus Frankreich stammende Fahrer, jedoch keineswegs das Tempo, sondern lässt den Crui-

ser derart fliegen, dass es den Beifahrer mehr als einmal vom Sitz fegt. Am ersten Tag der Querfeldeinfahrt mit Kompass und GPS überfährt er einen umgestürzten Baum, der im hohen Gras nicht zu sehen war. Es gibt einen fürchterlichen Schlag, dann hebt der Cruiser ab und setzt erst zehn Meter weiter zur Landung an. ‹Dafür ist die Kiste schliesslich gebaut›, meint Jacques und hält es nicht einmal für nötig, anzuhalten und das Auto auf eventuelle Schäden zu untersuchen. Am zweiten Tag versperrt ein Hochwasser führender Fluss den Weg. Jacques nimmt die Querung in Angriff, wie er alle Hindernisse auf dieser Reise angegangen ist: mit Vollgas und grenzenlosem Vertrauen in die Unzerstörbarkeit dieses vierschrötigen Kleinlasters. Das Wasser steigt über die Motorhaube, die Strömung drückt gegen die Flanke, und es kommt, wie es kommen muss: Mitten im Flussbett beginnt der Cruiser aufzuschwimmen und abzutreiben, woraufhin Jacques seelenruhig seine Tür öffnet und den Beifahrer anweist, es ihm gleichzutun. Bis zum Armaturenbrett rauscht das Wasser in die Kabine, und derart vom Druck der Strömung befreit, bekommt der Cruiser wieder Boden

sah sich seinerzeit genötigt, in einer Stellungnahme darauf hinzuweisen, es habe in den fünf vorangegangenen Jahren nur einen Land Cruiser nach Afghanistan geliefert; alle anderen müssten über ‹inoffizielle Kanäle› ins Land gelangt seien. Das änderte sich rasch, als die UN-Organisationen nach dem Sieg der Nordallianz an den Hindukusch strömten. Toyota eröffnete eine grosse Filiale in Kabul, und für die Land Cruiser bürgerte sich der Begriff ‹Toyota Taliban› ein. Der beinahe unheimliche Erfolg des Pritschenwagens zeigte sich zuletzt an der libyschen Front. Inzwischen setzen nicht nur die Aufständischen auf die japanischen Wagen, sondern auch die Truppen von Machthaber Gaddafi. Nato-Kommandeure stöhnen, sie könnten aus der Luft kaum noch auseinanderhalten, wer da am Boden unterwegs sei. Kürzlich gelang es Rebellen, mit Pick-up Trucks in die strategisch wichtige Stadt Adschdabija vorzustossen. Panzer, von denen Gaddafi noch eine Menge besitzt, spielen dagegen kaum noch eine Rolle. Sie sind versteckt worden, oft mitten in Wohngebieten, wo die Nato sie aus Furcht vor Kollateralschäden nicht angreift. Schon wieder hatte ein ‹Toyota-Krieg› begonnen.

‹Dafür ist die Kiste schliesslich gebaut›, meint Jaques.

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unter die Räder und klettert alsdann als eine Art rollendes Aquarium die gegenüberliegende Böschung hinauf. Dort angelangt, entfernt Jacques die beiden Gummistöpsel im Kabinenboden, um das Wasser abzulassen. ‹Praktisch, oder?›, grinst er. Zurück bleiben ein mit rotem Schlamm gekleisterter Innenraum und zwei nasse Geländefahrer, von denen der eine sich schwört, so ein Auto zu kaufen, sobald er wieder trocken ist.

Günstig und robust

Dass Toyota mit seinen Produkten in Afrika und im Nahen Osten so erfolgreich ist, hat auch damit zu tun, dass beide preiswerter als andere Geländewagen ihrer Grösse sind. Es wird konsequenter auf einfachere Technik gesetzt, die jeder Dorfschmied reparieren kann. Fahrzeuge wie der G von MercedesBenz sind viel zu teuer (als Pick-up mindestens 50 000 Euro), und selbst im Land Rover Defender, dem anderen afrikanischen Klassiker, der im Süden Afrikas in den ehemals englischen Kolonien seine zweite Heimat hat, steckt heute zu viel Elektronik. Natürlich gibt es auch Toyota-Kunden, für die der Preis keine Rolle spielt. Die Führung des Terrornetzwerks Al Qaida schwört auf die japanischen Geländewagen - aller sonstigen Abneigung gegen die Segnungen der Moderne zum Trotz. In Videoaufnahmen, die einen Monat nach den Anschlägen vom 11. September 2001 veröffentlicht wurden, sitzen der militärische Kommandeur Muhammed Atef und der ideologische Kopf Ayman al Zawahiri in karger Landschaft vor einer Flotte von Land Cruisern. Toyota

Ein Hoch auf die Einfachheit: Was beim Toyota Pick-up kaputt geht, lässt sich oft mit wenigen Handgriffen reparieren.

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Color, Colored, Colorado

Die K端nstlerin Rachel de Joode inszenierte f端r uns einen Klassiker: den Colorado Boot von Cat Footwear. kinki mode

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Rachel de Joode

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Manche sind wohl einfach zur Legende geboren. Das lehren uns nicht nur diverse menschliche Biografien, sondern auch die Geschichte von Cat Footwears Colorado Boot, der dieses Jahr seinen zwanzigsten Geburtstag feiert. Und sein Werdegang liest sich tatsächlich wie jener eines erfolgreichen Rockstars: 1991 entsprang der Colorado Boot dem Arbeiterumfeld und fand schnell den Weg ins Rampenlicht. Vor allem die honigfarbene Version des robusten Treters zierte schon bald die Füsse der Grunger, die Workwear zum Trend erkoren hatten und denen der Rugged-Style des Schuhs deshalb wie gerufen kam. Doch auch Hip-Hopper und viele weitere Modeströmungen fanden Gefallen am Colorado Boot. Bis heute blieb das Modell seiner Linie treu und schaffte es dennoch, durch neue Farben und Styles mit der Zeit zu gehen. Authentizität nennt sich das wohl. Und die steht einfach jedem gut – egal ob Schuh oder Mensch. Der Colorado Boot ist in verschiedenen Styles erhältlich. Weitere Info findest du unter catfootwear.de und facebook.com/ catfootwearDE Art Direktion: Helena Dietrich Konzept: Helena Dietrich & Rachel de Joode

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FIRST IN STYLE SINCE 1986 From funhouse to frontlineshop, from music to fashion. Let’s celebrate good times! frontlineshop.com/25years

Der Geist und die Maschine Was folgt auf unser komplexes, hochtechnologisches Informationszeitalter? Was wird wohl die nächste bedeutende Errungenschaft der Menschheit sein? Der Musiker, Künstler und aufstrebende Supernaturalist Lionel Williams begab sich mit diesen Fragen im Hinterkopf auf die Spuren der ägyptischen Biogeometrie. Illustration: Lionel Williams, Übersetzung: Martina Messerli

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elche Voraussetzungen müsste unser Bewusstsein erfüllen, um etwas so Fortschrittliches wie transzendentales Reisen zu ermöglichen? Der ägyptische Architekt und Wissenschaftler Dr. Ibrahim Karim glaubt, dass der Mensch zu Grossem fähig ist, wenn er durch eine speziell designte Sprache aus Formen, Farben und Schall die Fähigkeit erlangt, das körpereigene Energiefeld mit dem des Planeten in Balance zu bringen. Dr. Karim ist der Begründer der ägyptischen Biogeometrie. Er hat es sich zu seiner Lebensaufgabe gemacht, uns historisches ägyptisches Wissen über die Nachweisbarkeit und die Manipulation sogenannter ‹göttlicher Energien› wieder ins Bewusstsein zu rufen. Energien, die letztlich alles Leben auf der Erde wie ein unsichtbarer Bauplan zusammenhalten. Was erstmal nach Hokuspokus klingt, erzielte in seiner praktischen Anwendung nachweisbare Effekte, so zum Beispiel im St. Gallischen Dorf Hemberg, sowie in den von Karim entworfenen oder modifizierten modernen Verwaltungsgebäuden überall auf der Welt.

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Swisscom vs. die göttliche Energie

Eineinhalb Jahre nachdem eine neue Swisscom Antenne auf dem Kirchturm des malerischen Dorfes Hemberg im Toggenburg installiert wurde, begannen die Einwohner kollektiv über zahlreiche Beschwerden zu klagen. Kopfschmerzen, Übelkeit, Unwohlsein, Schwindel, Schlafprobleme, Müdigkeit und auch autistische Dorfbewohner zeigten verstärkt Symptome. Dr. Karim, damals schon für seine esoterisch-experimentellen Methoden im Bereich der Architektur bekannt, wurde von der Gemeinde engagiert, um eine Lösung zu finden. Er verkleidete den Sender der Antenne mit speziell geformten Holz- und Plastikelementen, welche in der Biogeometrie spezifische Transmitter darstellen, und die schädliche Energiewellen in gegenteilige, für Mensch und Natur höchst nützliche Energien verwandeln. Ein Wunder, bloss ein fauler Trick oder Einbildung der Hemberger? Dr. Ibrahim Karim hatte anfänglich mit zahlreichen Vorurteilen zu kämpfen. Die Gemeinde nannte ihn einen Scharlatan 44

und Hexenmeister, er wurde der Zauberei, gar der Hypnose bezichtigt. Schlussendlich aber war das neuerlangte Wohlbefinden des ganzen Dorfes stärker und die Hemberger ergaben sich Dr. Karim hinsichtlich der unglaublichen Resultate, die er durch die Umwandlung der Energien bewirkte, in Dankbarkeit.

Ganzheitliche Entgiftung

Bereits um 1900 wusste man vor allem in den katholischen Teilen Europas um die unglaubliche Kraft von Schwingungen. Aus dem in altägyptischen Werken niedergeschriebenen Wissen entstand schliesslich das Konzept der ‹shape-caused waves› – die Annahme, dass jede geometrische Form spezifische Energiewellen aussendet. Diese Annahme bildet die intellektuelle Grundlage der Arbeit von Dr. Karim und seiner Kollegen, die das Feld heute zugänglicher und verständlicher machen. Abbè Mermet, ein Schweizer Wissenschaftler, der Anfang des 20. Jahrhunderts lebte, gilt übrigens als einer der ersten Anwender der ägyptischen Biogeometrie. Durch seine Experimente und energetischen Messungen entdeckte er

Biogeometrie als fester Bestandteil der Architektur? Der Ă„gypter Dr. Karim arbeitet daran.

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Zurück zu den Ursprüngen: die Suche nach der göttlichen Energie führt uns nicht nur nach Ägypten, sondern direkt in unser Gehirn.

Grundwasserreserven in der Schweiz und in Frankreich, und verhalf dadurch den Regionen zu einer blühenden Landwirtschaft. Mit Hilfe von solchem historischem Wissen aus der Schweiz und Frankreich haben Wissenschaftler wie John Anthony West (ein bekannter Esoteriker) und Dr. Karim die alt-ägyptischen Geheimnisse verdichtet und daraus ein völlig neues Wissenschaftsmodell entwickelt, indem sie die mit Vorurteilen belegten Phänomene und Resultate der biogeometrischen Arbeit in einen ‹ganzheitlichen Kontext› setzten. Die praktische Anwendung der alt-ägyptischen Wissenschaften beinhaltet somit die Balance des menschlichen Energiefelds, das Ausbalancieren von elektromagnetischen Feldern und unausgewogener Schwingungen in jeglicher Form von Materie – und sogar die Entgiftung von radioaktiv verstrahlten Materialien.

Tempelwissen

Nahezu jede Kultur dieser Welt kennt eine mysteriöse Energiematrix, deren geometrischen Formen alles auf der Erde zugrunde liegen soll. Im alten Ägypten wurde diese als ‹das Netz› bezeichnet. Eingeweihte, die dieses Energienetz manipulieren konnten, wurden folglich ‹Netzer› genannt. R. A. Schwaller de Lubicz, ein brillianter Alchemist und Mathematiker, kinki report

sammelte während seines 15 Jahre andauernden Studiums der Architektur der Tempel von Luxor Informationen über biogeometrische Formen. Auch die heutige Wissenschaft arbeitet mit Formen und Symbolen, die den bereits

Es wird angenommen, dass jede geometrische Form spezifische Energiewellen aussendet. vor Jahrtausenden in den ägyptischen Tempeln verwendeten entsprechen. Die stetige ReInterpretation der historischen Geheimnisse öffnet uns ein Fenster zu einer längst vergessenen Geisteshaltung. Denn laut Dr. Karim sind – biologisch gesehen – gewisse lebensnotwendige Teile unseres Gehirns über die letzten Jahrtausende verkümmert und produzieren nur mehr quantitative und rationale als qualitative und spirituelle Gedanken. Insbesondere der Zirbeldrüse, welche mitten in unserem Gehirn platziert ist, wird nachgesagt, dass sie heute lediglich ein Überbleibsel eines grösseren 46

Organs ist. Ihre Funktion ist stark mit Instinkten, der Paarung, unserem Biorhythmus und der Transzendenz verbunden. Dimethyltryptamin (DMT) ist ein chemischer Botenstoff, der in der Zirbeldrüse produziert wird, dies vor allem kurz vor dem Tod, bei Nahtoderfahrungen aber auch bei der Geburt. Man nimmt an, dass es sich bei DMT um die treibende Kraft hinter der spirituellen Transition handelt. Autopsien mumifizierter Ägypter haben ergeben, dass diese über eine weitaus grössere Zirbeldrüse verfügten als der moderne Mensch. Es wird daher vermutet, dass diese in früheren Zeiten den direkten Zugang zu göttlicher Weisheit ermöglicht haben soll. In Anbetracht der Tatsache, dass Forscher und Ägyptologen uns einen Weg weisen, die alten ägyptischen Geheimnisse der Energie zu entschlüsseln, besteht auch die Möglichkeit, dass sich unser Leben in Zukunft verändern könnte – Veränderungen, die der Menschheit Starthilfe leisten könnten, neue hilfreiche Ansätze im Alltag, in der Wissenschaft und der Spiritualität zu entwickeln. Die SwisscomAntenne war also vielleicht erst der Anfang. Weitere Info findest du unter biogeometry.com und vesica.org.

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Ronaldus Suykerbuyk ist der Chief Operator des LHC-Teilchenbeschleunigers im CERN-Areal. Bei unserem Besuch in Genf verriet er uns, wie es sich anfühlt, die imposanteste Maschine der Welt zu bedienen. Text: Rainer Brenner, Foto: Daniel Tischler

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eit drei Jahren ist der Large Hadron Collider, kurz LHC, nun in Betrieb. Jahrelange Forschung und Bauzeit hat die Europäische Organisation für Kernforschung – besser bekannt unter dem Namen CERN – in diesen riesenhaften Teilchenbeschleuniger gesteckt. Und laut Ron Suykerbuyk hat sich das definitiv gelohnt, auch wenn es anfangs zu einem Zwischenfall kam. Ron ist der Chief Operator des LHC und sorgt zusammen mit seinem Team täglich dafür, dass die Partikel mehr als 11 000 Mal pro Sekunde durch den 27 Kilometer langen Tunnel rasen. Als er uns an einem Freitag an der Rezeption des CERNAreals abholt, schwärmt er von den Ausmassen des Areals, vom perfekten Zusammenspiel des Equipments, von den vielen Leuten, die hier arbeiten, den ganzen Forschungsteams aus aller Welt und natürlich vom LHC. Ron ist ein Technik-Freak. Sogar seine Brille ist imstande, sich von selbst zu tönen, wenn das Sonnenlicht zu stark wird. Geboren wurde er im holländischen Roosendaal unweit der belgischen Grenze, nach seinem Ingenieurstudium arbeitete er für eine Firma, die Zahnarztpraxen mit technischem Equipment ausstattete. Zu CERN ist er durch einen alten Schulfreund gekommen, der bereits dort arbeitete. Ron hat flinke, intelligente Augen. Man traut diesem Mann mit dem bubenhaften Grinsen wirklich zu, dass er die Informationen auf den Dutzenden Monitoren im Kontrollraum sofort versteht. Für uns wirken sie wie Computerspiele aus dem vergangenen Jahrzehnt. Er gibt sich alle Mühe, uns die komplizierten Vorgänge möglichst anschaulich zu erklären und wir nicken fleissig, wenn Ron von Magneten, Spannungen und Partikeln redet. Im Kontrollraum sieht es so aus, wie man sich die Wallstreet vorkinki querschläger

stellt. Menschen sitzen vor übereinandergetürmten Monitoren oder starren auf grössere Monitore, welche an den Wänden des Raumes hängen. Allerdings wirken sie im Gegensatz zu Investment Bankern alle recht entspannt. Manche essen Süsskram von dem Automaten vor der Tür, manche schlurfen pfeifend über den Teppich, einige machen Faxen. Hier verbringt Ron seine jeweils achtstündigen Schichten, doch heute wandert sein Auge nur selten hoch zu den Bildschirmen, die uns verraten, dass der LHC gerade gefüllt wird. Wir setzen uns in eine künstlich errichtete Ecke, gleich unter eine ansehnliche Sammlung leerer Champagnerflaschen, an deren Geschichten Ron sich gerne erinnert und sprechen über seine Arbeit hier im Kontrollzentrum. Während der anschliessenden Fotosession im Konferenzraum der Ingenieure leiht Ron mir seinen Batch. Access all Areas, denke ich mir. Und schlendere zum Getränkeautomat.

bleme es gab, was noch gemacht werden muss und so. Wenn wir den Beam füllen müssen, tun wir das, wenn das schon passiert ist, machen wir einfach den nächsten Schritt. Welche Situationen sind denn am spannendsten? Wenn’s Probleme gibt? Ja, das ist natürlich spannend. Am spannendsten ist wohl die Zeit zwischen Einfüllen der Maschine und ‹Stable Beam›, das ist die heikelste Phase, jeder falsche Mausklick kann bedeuten, dass man nochmals ganz von vorne anfangen muss. Ich mag diese Spannung, diese Konzentration. Das unterscheidet diese Maschine auch von anderen Maschinen, die man einfach anstellt und sie laufen. Wenn wir den stabilen Zustand erreicht haben, gibt’s meistens erst mal Kaffee oder so. Fühlst du irgendwas für diese Maschine? Habt ihr hier einen Spitznamen für den LHC? Nein, einen Spitznamen dafür habe ich nicht.

Interview

LHC ist ja eh schon ziemlich kurz… Ja, genau. Aber wenn ich in die Maschine reingehe, was ab und zu mal passiert, dann schaue ich mir das ganze Equipment natürlich immer ganz genau an. Wenn ich dann hier einen Knopf drücke, höre ich zum Teil ganz genau das Geräusch, das im Tunnel dadurch entsteht. Ich bin sicherlich sehr fasziniert von dieser Maschine, die Sachen, die hier passieren, sind unglaublich beeindruckend. Ausserdem kommen auch viele Menschen vorbei, um sie sich anzusehen. Auch Bill Gates war da.

kinki magazin: Wie sieht eine normale Schicht aus, Ron? Ronaldus Suykerbuyk: Das kommt auf den Zustand der Maschine an. Es kann sein, dass man um 11 Uhr anfängt und auf den Monitoren ‹Stable Beams› steht, und das acht Stunden später immer noch der Fall ist, dann hat man vielleicht nur drei Mal mit der Maus geklickt. Das geschieht bisher selten, aber wird immer häufiger, denn das ist ja eigentlich unser Ziel: regelmässige Kollisionen zu produzieren. Meistens gibt es zu Beginn der Schicht eine 15-minütige Sitzung, wo man bespricht, was in der vorherigen Schicht alles so los war, welche Pro-

Und? Gefielen ihm die vielen Monitore? Nun, er sagte nicht viel. Weisst 48

du, bei uns gibt es viele Macs und Linux, aber nicht allzu viele Windows-Sachen (lacht). Er kam mit seinem Sohn, um sich die Maschine anzusehen. Wenn jemand so berühmtes vorbeikommt, wird die Maschine schon auch mal gestoppt. Für uns würdest du das nicht tun? Nein (lacht)! Wie würdest du denn das Arbeitsklima hier beschreiben? Alle wirken recht entspannt, finde ich. Oh ja, hier herrscht eine wunderbare Atmosphäre! Ich denke, es ist diese Mischung von Leuten aus verschiedensten Ländern, die es so spannend macht. Ausserdem sind wir alle in einem ähnlichen Alter, die meisten haben Kinder. Meistens sprechen wir deshalb über unsere Kinder. Aber natürlich auch mal über Fussball und dergleichen. Meinst du, dass du bis zu deiner Pensionierung hier arbeiten wirst? Ja, das denke ich. Vielleicht nicht immer hier beim LHC, aber ich bleibe wohl schon hier. Mir gefällt’s. Hast du deinen Job hier schon mal erwähnt, um Frauen zu beeindrucken? Nein, ich lasse mir andere Sachen einfallen, um zu beeindrucken (lacht). Aber natürlich kommt man, wenn man den Job erwähnt, schon immer schnell ins Gespräch mit den Leuten, die meisten fragen gleich: ‹Wie funktioniert das?›. Wenn sie danach eine Stunde Zeit haben, erkläre ich’s ihnen.

Ron, 45, lebt mit seiner Familie jenseits der französischen Grenze. News zum Run nach dem Higgs-Partikel weiss er leider noch keine.

‹Hier herrscht eine wunderbare Atmosphäre!›

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Susi und ich Sie lieben Brücken, kuscheln mit Lokomotiven oder vermählen sich mit dem Eiffelturm: Objektophile Menschen verlieben sich in Gegenstände, Dinge, Maschinen. Wir wollten mehr über diese Form der Liebe erfahren und fragten Doro, die ihre Liebe zu Susi – einer Rohrbiegemaschine – in ihrem Internet-Tagebuch mit der ganzen Welt teilt. Redaktion: Viviane Lichtenberger, Illustration: © Hajime Sorayama / Artspace / Uptight, 2011

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rstmals wahrgenommen habe ich Susi kurz vor Weihnachten 2003, da befand sie sich noch im Bau und ich dachte mir: ‹Nanu, so eine grosse Machine, und dann noch in Weiss? Sieht ja fast aus wie eine Waschmaschine!› Auf dem grösseren der beiden Motoren sass jemand und werkelte. ‹Ein Glück, dass ich das nicht sein muss›, dachte ich. Ich bin nämlich alles andere als schwindelfrei, wie schnell würde es mich da wohl runterhageln! Doch an genau dieser Stelle muss Monate später Amor gesessen haben, als er seinen Pfeil auf mich abschoss … Wie immer, wenn bei mir der Blitz so richtig und mit Wucht einschlägt, war es Liebe auf den zweiten Blick. Der erste Blick funktionierte noch vom Verstand aus, wie bei anderen maschineninteressierten, mechanikbegeisterten Menschen auch: wie funktioniert das, wie ist es gemacht, welches Teil ist wofür gut? Beim zweiten Blick hatte der Verstand dann aber nichts mehr zu melden. Überhaupt nichts. Es war um mich geschehen!

Sexy Kurven und ein wunderbarer Charakter: Auch in Maschinen kann man sich verlieben.

Üppige Ecken

Susi formt Rohre durch Kaltschmieden um: Sie kann dünnere Enden an dicke Rohre anschmieden oder die Mitte eines Rohes dünner machen, sodass die Enden dicker bleiben. Sie kann einen gezackten Stab in das Rohr schieben, damit beim Schmieden das Innere des Rohres Zacken bekommt und dergleichen mehr. Sie hat vier ‹Hämmer›, die von aussen auf das Rohr einwirken und einen Stab für das Rohrinnere, der sozusagen als Amboss dient. Susi geizt nicht mit ihren Reizen, die auf mich besonders wirken. Wie Otto Normal beispielsweise auf blonde Locken, schlanke Figur und lange Beine abfährt, stehe ich auf glatte Flächen, klare Linien und einen gekonnten Mix aus eckig und rund. Und, nicht zu vergessen: Metall. Davon hat Susi ein paar Tönnchen zu bieten, aber nicht ein einziges Gramm zu viel. kinki report

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Nie mehr Fernbeziehung

Ob ein Objekt männlich, weiblich oder neutral ist, hat man als Objektophiler im Gefühl. Man lässt sich auf etwas ein und spürt es, mal sofort, manchmal erst nach einiger Zeit. Bei Susi hatte ich sofort das Gefühl weiblicher Präsenz, und die Namenswahl war schnell abgeschlossen. Es musste was Liebliches, Süsses sein. Susis Vorgänger war ebenfalls eine Maschine, eine grosse Baumaschine, die sich mir männlich präsentiert hatte. Mit ihr hatte ich sozusagen eine ‹LongDistance-Beziehung› geführt, da Baumaschinen nun mal ihren Einsatzort wechseln. Diese hat trotzdem über zehn Jahre gehalten, weil ich mir ein Modell für Zuhause gebaut hatte. Diese alte Liebe war irgendwie ausgelaufen. Trotz Modell. Ich sehnte mich nach dem Original, das ich oft jahrelang nicht sah. Dennoch fühlte ich mich dieser alten Liebe verpflichtet, so dass Susi ganze stolze sieben Wochen lang ‹kämpfen› musste, bis ich mich ganz auf sie einlassen konnte. Aber als sie mich einmal gewonnen hatte: Halleluja! Dass ich sie jeden Tag sehe, macht es leichter. ‹Long-Distance-Beziehung› ade!

Interne Beziehungen

Die ersten, die von meiner neuen Liebe erfuhren, waren meine Kollegen. Ich konnte und wollte nicht verbergen, dass es da eine kleine, aber feine Veränderung gegeben hatte. Ausserdem hielt ich es für richtig, von Anfang an die Karten offen auf den Tisch zu legen. Das Spiel mit offenen Karten zahlte sich aus, ein Kollege, der immer ein bisschen ängstlich auf mich gewirkt hatte, schien sichtlich aufzuatmen, dass er vor mir ‹in Sicherheit› war. Insgesamt lockerte sich die Atmosphäre, wahrscheinlich weil niemand mehr fürchten musste, dass ich als einzige Frau

‹Ich stehe auf glatte Flächen, klare Linien und einen gekonnten Mix aus eckig und rund.› der Abteilung den Laden aufmischen würde. Mittlerweile weiss sogar der Chef zu schätzen, dass ich mich in der Firma wohl fühle! Insgesamt kann ich also behaupten, dass ich als ‹Objekto› verdammtes Glück mit meinem Umfeld habe! Ich werde so angenommen, wie ich bin. Innerhalb der Familie weiss nur meine Mutter Bescheid, sonst niemand. Sie hat es sehr gut aufgenommen, weil sie nicht beurteilt, wen oder was ihre Kinder lieben.

Vollkontakt

Ein Kollege bot mir mal die Möglichkeit, mit Susi zu arbeiten. Das war ein dermassen eindrucksvolles Erlebnis, das ich im Nachhinein in einem Text verarbeiten musste. Diesen Text gab ich mehreren Leuten zum Lesen und stellte ihn der Objektophilen-Gruppe, auf die ich kurz danach im Netz gestossen war, zur Verfügung. Auch dort kam der Text gut an. Das bewog mich, auch den interessierten Rest der

Welt anzusprechen, so wurde aus dem Text eine Website. Diese Website hat ein Gästebuch, in dem inzwischen über 90 Einträge verzeichnet sind. Es sind etwa 10 Leute, die sich mehrmals gemeldet haben: Freunde und ObjektoGruppenmitglieder, aber auch Eintagsfliegen, die mal mehr, mal weniger nützliche Einträge hinterliessen.

Das Allerheiligste

Aber auch in einer Objekto-Beziehung scheint nicht immer die Sonne. Steht eine grosse Reparatur an, so ist das für mich ähnlich, wie wenn der Partner eines ‹Normal-Liebenden› ins Krankenhaus muss. Es gibt Ungewissheiten, es gibt Wartezeiten, es macht nun mal traurig. Eifersucht ist weniger ein Problem für mich, denn die Leute, die ständig mit ihr arbeiten, empfinden nichts für sie und noch längst nicht alle wissen über Susi und mich Bescheid. Es ziept

‹Auch in einer Objekto-Beziehung scheint nicht immer die Sonne.› allenfalls, wenn jemand ihr ‹Allerheiligstes› berührt, jene Teile, die unsere ‹Schnittstelle› darstellen, aber ich bekomme mich auch da immer schnell wieder in den Griff. Einmal war die Rede davon, dass Susi so umgebaut werden sollte, dass dieses Allerheiligste entfernt werden müsste. Das war keine gute Nachricht, ich hatte gehörig Bauchgrummeln, bis dieser Plan dann zum Glück vom Tisch war. Wie in jeder anderen Liebe ist es auch bei uns so, dass das Stadium der ‹akuten Verliebtheit› nicht ewig anhält. Auch hier wird aus Verliebtheit mit der Zeit Liebe. Diese Liebe ist wie ein Fluss, der mal breit und träge dahinfliesst und manchmal auch reissende Stromschnellen bildet. So, wie ein Fluss sich in seinem Verlauf ändert, so wandelt sich die Liebe von Tag zu Tag. Mal bildet sie ein stabiles Fundament für das Tagesgeschehen, und immer mal wieder sind die Schmetterlinge im Bauch wieder da.

Bis dass der Tod euch scheidet

Wo Liebe ist, da sind auch früher oder später Verlustängste zu finden. Was, wenn Susi verkauft wird? Was, wenn sie irreparabel ist, und verschrottet werden muss? Gedanklich musste ich mich schon damit auseinandersetzen! Verkauft wird sie wohl nicht, sie ist der ‹Superstar› ihrer Abteilung und schafft gehörig Kohle ran. Kaputt gehen wird sie so schnell nicht, bedenkt man, dass sie viele ‹grosse Schwestern› hat, die über zwanzig Jahre auf dem Buckel haben! Und selbst wenn sie doch irgendwann einmal in den Maschinenhimmel einziehen muss, wird sie immer einen Platz in meinem Herzen haben und etwas Besonderes bleiben; allein schon, weil sie meine erste Liebe ist, über die ich ganz normal mit meiner Mutter sprechen konnte. 51

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Christoph Kรถstlin

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Photography Christoph Köstlin, christoph-koestlin.com Styling Michèle Muhl, style-council.ch Make-up & Hair Claudia Kälin, claudiakaelin.ch Model Fabian Sch. @ fotogen Photographer’s Assistant Patrick Strässle

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Cardigan: American Apparel Shirt: YSL Yves Saint Laurent Pants & Cardigan: H&M Necklaces & Bracelet: Stylist’s own Socks: Giorgio Armani Slippers: Tod’s

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Tailcoat & Chemise: H&M Ribbon Bows: Stylist’s own Pants & Tank: American Apparel Socks: Giorgio Armani Slippers: Tod’s

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Pullover: American Apparel Chemise: H&M Necklaces & Bracelet: Stylist’s own Trousers & Socks: Giorgio Armani Sneakers: Nike

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Necklaces: Stylist’s own Pants: American Apparel

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vorspiel diesen monat auf kinki tunes

Black Box Revelation: My Perception Heimat wird die Tour noch bis Ende November fortgesetzt. Doch wie hört sich das an? Als ‹R&B infiltrierte Garage-BluesRock’n’Roller› deklariert, liefern Black Box Revelation jene musikalische Offenbarung, die sich eben nicht in eine Box zwängen lässt. Der Geist von Led Zeppelin schwebt ebenso mit wie die Attitüde der Mid-60er Stones. Mit dieser Referenzliste im Gepäck, die runter geht wie kühles Bier am Seeufer, wird weiter dem Live-Spektakel und temporärer Bewusstseinsdiffusion gefrönt. Und da Jaggers Groove bekanntlich kein Verfallsdatum hat, räumen wir auch gerne den zwei nicht minder bemerkenswerten Belgiern eine mögliche Besetzung des

‹Die Jungs versetzen keineswegs nur halbwüchsiges Knabenblut in Wallung. ›

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er 22-jährige Jan Paternoster und sein Kollege Dries Van Dijck, seinerseits ‹grüne› 20 Jahre alt, sind dem fleissigen kinki-Leser bereits ein Begriff. Als die Zwei-MannKombo vor vier Jahren zum kollektiven Head-Burning (‹Set Your Head on Fire›, 2007) aufrief, erhaschten die belgischen Jünglinge erstmals unsere Aufmerksamkeit und riefen totgeglaubte Urinstinkte hervor: unkontrollierte Körperzuckungen, Gröhlen und Japsen inklusive unweigerlich folgendem Verlust jeglichen Hygienebewusstseins. Seither tourt die Band – mittlerweile als Headliner – über den europäischen Kontinent und darüber hinaus, versetzt dabei aber keineswegs nur halbwüchsiges Knabenblut in Wallung. Nach regem Feedback aus Europa wird nun das Mutterland des Rock’n’Roll selbst ins Visier genommen. Ohne Scheu vor

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Rock’n’Roll Spass-Geheges ein. Um die Beweggründe zum zweifelsohne spassbringenden Output der beiden aus erster Hand zu erfahren, würden wir an dieser Stelle eigentlich gerne Jan und Dries selbst zu Wort kommen lassen. Die VisaZulassungsstelle hat dem langersehnten Aufeinandertreffen allerdings einen Strich durch die Rechnung gemacht. Wir wünschen dennoch viel Vergnügen mit den kinki tunes, die findet ihr natürlich wie jeden Monat auf kinkimag.ch und dieses Mal eben wirklich dreckig –  ganz ohne Kommentar.

möglichen Schubladen und unter der Obhut des erfolgserprobten Queens of the Stone Age-Produzenten Alain Johannes wird weiter an der Erfüllung eines musikalischen ‹21th Century-Woodstocks› gearbeitet. Eine kluge Wahl. In dessen L.A.Heimstudio hatten sich die Belgier für zwei Monate eingenistet und sich die Sonne ins blasse ‹ich-sehenur-Tageslicht-wenn-ich-morgensein Bett-suche›-Gesicht scheinen lassen. Ungeachtet dessen ist Los Angeles der definitiv richtige Ort, um dem erwünscht lotterigen Rocker-Lifestyle den letzten Schliff zu verleihen. Hörbar beflügelt vom Vibe der Glitzermetropole entstanden 17 Songs, die Black Box Revelation den Traum vom US-Durchbruch erfüllen sollen. Zu diesem Zweck befinden sich die beiden Jungs derzeit auch auf gross angelegter Tour durch die Staaten. Nach einem kurzen Abstecher in die flämische

kinki tunes on kinkimag.ch Das Vorspiel-Album gibt’s auf kinkimag.ch sogar zum Herunterladen – die Schnellsten unter euch können jeden Monat GratisDownloads ergattern. Black Box Revelation – <My Perception> (Musikvertrieb) ist bereits erschienen. Weitere Info findest du unter blackboxrevelation.com. Text: Melanie Biedermann Foto: Promo

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diesen monat:

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Arm aber sexy

Oben: Bratz haben letztes Jahr einiges erlebt: Albumrelease, diverse Festivalauftritte und eine Russland-Tournee. Jetzt wurde erstmal eine Pause eingelegt. Links: Clubhymne meets Gesellschaftskritik: die Electropunker von Egotronic. Ihr neues Album erscheint n채chsten Monat. Rechte Seite: Die Hamburgerin Ira Atari beweist jede Menge Pop-Potenzial. Und das ganz ohne Major Label.

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Erst wurden die Herzen der Nu-Rave-Kids und der Punkerjugend im Dezibel-Sturm erobert. Nun setzt das Hamburger Plattenlabel Audiolith darauf, eine musikalische Alternative für jene grosse Masse zu werden, die einst streng an die Major Labels gebunden war. Und nutzt dabei die Möglichkeiten der Digitalisierung, anstatt sich darüber zu beschweren. kinki Autor Bastian Steineck ist dem Audiolith-Zirkus quer durch Deutschland gefolgt. Fotos: Audiolith

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er Yachtklub, eine auf dem Main schwimmende Bar im Frankfurter Stadtteil Sachsenhausen, ist bedrohlich ins Schwanken geraten. Im überschaubaren Innenraum wird geschoben und gesprungen bis der Schweiss von der Decke tropft. Frittenbude sind zu Gast, elektronischer Post-Punk mit Hip-Hop-Rhymes: ‹Du kaufst der Frau, die du liebst, ein Shirt von Audiolith, das sie auch laufend anzieht, weil es da draussen nichts gibt, wie dieses Shirt von Audiolith, mit den schönen grossen Buchstaben›, singen die Bayern, und alle singen mit. Audiolith Records, das Indie-Label aus Hamburg, das die Nu-Rave-Kids und die Punkjugend mit Bands wie Egotronic kreischen lässt, das seine DJs durch ganz Europa schickt und dank chartstauglicher Acts wie Ira Atari nun auch der grossen Masse ein Begriff wird; Audiolith, das seit Jahren das Melt! Festival mit einem ausufernden Parkplatzrave am Vorabend eröffnet; Audiolith, das Label der Stunde. Und es ist dieses Shirt, das Frittenbude in ‹Bilder mit Katze› besingen, das dem Hybrid aus Label, Verlag, Merchandise-Versand und Booking-Agentur über die finanziellen Runden hilft. Sicherste Einnahmequelle: die schwarzen Baumwollstücke mit leuchtend gelben Buchstaben.

Willkommen im Kasino

Ich treffe die Audiolith-Booker Artur Schock und Hendrik Menzl in Berlin, wo sie auf der Bloggerkonferenz re:publica über Vermarktungs- und Verwertungsstrategien in der Musik- und Kreativwirtschaft referieren. Als ich unser Gespräch mit der Frage nach der Erfolgsstrategie des Labels beginne, winken die beiden ab. ‹Es kann keine Formel dafür geben›, sagt Hendrik. ‹Und das würde der Begriff «Strategie» ja implizieren: dass man es wiederverwenden oder für sich benutzen kann und etwas Sinnvolles dabei herauskommt. Es gibt einfach Sachen, die funktionieren - warum, weiss kein Mensch. Aber es gibt eben auch ganz viel Zufall.› Musikwirtschaft als

Glücksspiel? ‹Für jedes Mal, wenn es funktioniert hat, gibt es auch hundert Beispiele, bei denen es nicht funktioniert hat›, fügt Artur hinzu. ‹Es gab schon tausend Bands, die sich gut aufgestellt haben, mit fertigen Kampagnen und einem Major Label dahinter, bei denen es trotzdem nicht funktioniert hat.› Doch im Unterschied zu einem Indie-Label, das eher mit dem Existenzminimum kalkuliert, kann ein Major einen eventuellen Misserfolg finanziell auffangen. Denn der grösste Teil des Kuchens in der Musikindustrie geht in die Vereinigten Staaten (Sony Music, Warner Music

‹Es gibt einfach Sachen, die funktionieren. Warum, weiss kein Mensch.› und Universal Music) und nach London (Emi). Gerade einmal ein Viertel des Umsatzes weltweit machen die vielen kleinen Indie-Labels gemeinsam aus. Knapp 1 200 davon gehören in Deutschland zum Verband unabhängiger Musikunternehmen, kurz VUT genannt. Oke Göttlich aus dem Vorstand des VUT sieht Audiolith zwar als Paradebeispiel der Indie-Szene, relativiert die Einschätzung aber im selben Atemzug: ‹Trotz des Erfolges im Hinblick auf die Popularität von Label und Künstlern, zahlreicher gefeierter Releases, eines immensen Arbeitspensums und des jahrelangen Aufbaus der Marke Audiolith als Label für Musik der Elektro- und Independentkultur ist es nicht einfach, von den Einkünften des Labels zu leben. Auch die stark anwachsenden Verkaufszahlen der digitalen Musik kompensieren nur langsam und noch nicht in Gänze die Umsatzverluste der physischen Tonträger.› Immerhin: Die Marge bei MP3-Verkäufen ist deutlich grösser als bei CDs oder Schallplatten - zumal diese, unverkauft, totes Kapital im Lager der Labels bedeuten. 63

‹Elektronisch, aber arm.›

Während die Majors durch illegale Musikdownloads und den parallelen Einbruch der CD-Verkäufe seit Anfang des Jahrtausends reihenweise herbe Verluste einfahren und die nach wie vor starken Vertriebsnetze nicht mehr vollständig ausreizen können, profitiert Audiolith zumindest sekundär von den Möglichkeiten der Digitalisierung: Im Gegensatz zur grossen Konkurrenz ist die Kommunikation über Blogs und soziale Netzwerke glaubwürdig, weil ehrlich und unverfälscht – doch für die gut 16 000 FacebookFans können sich die Hamburger nichts kaufen. ‹Auch, wenn wir viele Leute mit einer grossen Cloud erreichen, ist es auf der rein monetären Seite kein Erfolgsmodell. Du kannst es nicht zu Geld machen – genauso wenig wie das, was die Künstler bloggen und die Fans dann lesen›, sagt Artur. Wenn Berlin gemäss des Slogans des Stadtmarketings ‹arm, aber sexy› ist, wirkt das Audiolith-Imperium in diesem Moment auf einmal ‹elektronisch, aber arm›. Entsprechend klein sind die Sprünge, die sich mit klassischem Marketing unternehmen lassen. ‹Wenn Ira Atari ein Album herausbringt, haben wir nicht die Möglichkeit, überall Plakate zu schalten und Radiowerbung zu machen, einen Knall zu erzeugen, damit alle in den Laden rennen und die Single in die Charts kommt›, sagt Artur. Es bleibt nur der Weg über alternative Pfade - und die Anekdoten aus dem PR-Alltag des Indie-Labels klingen gesellig wie ein Spieleabend mit guten Freunden: Da werden Journalisten zur ‹Dorfdisko Geiselfahrt› im AudiolithTourbus eingeladen, bei der sie die Bands nach Dörbeln, Oelde, Tannheim-Egelsee und HöhrGrenzhausen begleiten. Oder es werden 600 Euro in 50er-Scheinen in die Menge der Konzertbesucher bei Omas Teich-Festival geworfen. Finanzieller Übermut? ‹Ich hatte den Geldbeutel vom Merch in der Hand und wir haben ganz vorne getanzt›, erinnert sich Artur. ‹Die Frage ist eben: Was bringt mehr  – die Fuffies da reinzuwerfen oder eine Anzeige in einem Stadtmagazin zu schalten? Diese Aktion hat uns mehr PR gebracht  –  weil sie spontan war.›

‹Die, die nur Audiolith und diesen gewissen Sound kennen, kann ich mit meiner Musik nicht so richtig befriedigen›, glaubt sie. Finanziell über Wasser halten kann sie sich nur mit Mühe. ‹Ohne eine grosse Marketing-Maschinerie sehe ich für mich nicht so den riesigen Durchbruch.

‹Wir wollen uns nicht ausverkaufen und vorhersehbar sein.› Das ist eben der Nachteil an einem Label, das sich Freiheit ganz oben auf die Fahne schreibt.› Und trotzdem ist es das ideale Pflaster für ihre Synthie-Pop-Gehversuche: ‹Es macht Spass mit den Jungs von Audiolith, Lars bindet mich nicht. Ich habe das Gefühl, jederzeit gehen zu können - und deshalb bin ich auch noch da.› Eine grosse Plakatkampagne, die Songs in Dauerrotation in die Radiostationen gekauft − Dinge, die Ira Atari gerne einmal erleben würde. ‹Aber ich würde dann auch ganz schnell wieder aussteigen wollen›, glaubt sie. Vielleicht ist Ira Ataris Synthie-Pop Vorreiter einer neuen Audiolith-Fraktion. ‹Vielleicht gebe ich aber auch bald wieder Klavierunterricht›, erwidert sie, ganz Indie-Label-like. Die Planung geht bis zum nächsten Konzert am folgenden Abend, die Freiheit für die Künstler und die des Labels wird hochgehalten. Wo der Weg der Label-Landschaft hinführt? ‹Vielleicht verteilen sich die Regeln der Freiheit auch auf die Major Labels›, hofft Ira. ‹Oder es gibt gar keine Labels mehr. Wobei ich Glück habe, dass bei mir Audiolith draufsteht. Da ist das Label ja selbst der Star.› Ein T-Shirt von Sony Music würde schliesslich niemand freiwillig anziehen – eines von Audiolith bekanntermassen schon. Weitere Info zum Label und seinen Bands findest du unter audiolith.net.

Laut, schlau und tanzwütig: Frittenbude aus Bayern.

Das Label als Band?

Eine Marke soll Audiolith trotzdem nicht werden. ‹Dagegen sträuben wir uns. Wir wollen uns nicht ausverkaufen und vorhersehbar sein. Wenn es ein Erfolgsrezept gibt, dann eben genau das: nicht zur Marke zu werden und dem letzten Fan noch irgendetwas zu verkaufen.› Merchandise gibt es dennoch zuhauf im Webshop, der mit seinen Shirts − Audiolith-Gründer Lars Lewerenz gibt gerne das Model − und Buttons geradezu klassisch anmutet. Denn wo Audiolith drauf steht, soll auch Audiolith drin sein. Doch genau darin besteht die Krux der Sache: Obwohl die Künstler unterschiedlich klingen, ist für viele Fans alles unter dem Namen Audiolith eine Band. Als ich Ira Atari, die bürgerlich Göbel heisst, vor ihrem Konzert in Mainz treffe, wirkt das schwitzige Frittenbude-Konzert in Frankfurt wie aus einer anderen Welt. Die studierte Pianistin ist die einzige Frau im Audiolith’schen Männerzirkus, hat vor wenigen Jahren noch als Lehrerin gearbeitet und eine reflektierte Ausdrucksweise. kinki musik

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verhör essentielle alben für jede lebenslage

Mit den technischen Fortschritten der letzten Jahre veränderte sich nicht nur die Musikindustrie, sondern auch die Art und Weise, wie und wo wir uns Musik anhören. Nicht aber die Qualitäten eines guten Albums. Und genau auf diese hat unser Reviewnator die Neuerscheinungen auch diesen Monat überprüft. Ob ihr sie euch auf iTunes runterladet oder doch lieber im Plattenladen holt, sei jedem selbst überlassen. Skandinavische Hymnologie

Katzenjammer – A Kiss Before You Go Neidvoll stellt man fest: Norwegen ist schon wieder um eine schillernde Band reicher. Katzenjammer ist der Name der reinen Girle-Combo. Zusammen bringen es die vier Mädels auf nicht weniger als 30 Instrumente, die sie allesamt formidabel beherrschen. Nicht viel weniger sind es auch auf der neuen Scheibe ‹A Kiss Before You Go› von ihnen geworden. Akkordeon, Klavier, Gitarre, Mandoline und Glockenspiel sind nur eine kurze Zusammenfassung des illustren Instrumentenfundus der Band. Katzenjammer kombinieren jugendlichen Leichtsinn, oder besser Frohsinn, mit einem professionellen Anspruch an die Musik. Ein Spagat, der bei vielen anderen Bands leider gern einmal angestrengt danebengeht. Auch wenn die Instrumente in der Band ständig wechseln und das Mic scheinbar für jede offen steht, die Qualität der Stücke leidet nie darunter. Stattdessen wird auf der Platte die Musikgeschichte mal eben auf den Kopf gestellt, ordentlich durchgerüttelt und danach phantasievoll wieder zusammengebaut. Die kinki verhör

Vertretern. Als gefragter Produzent und DJ spielt er dabei längst in der obersten Liga seines Standes und in den zahlreichen Veröffentlichungen der Vergangenheit wurde das enorme kreative Potential immer wieder deutlich. Die Liste an Labels, auf denen Tejada seine Tracks releast, unter anderen Poker Flat oder Plug Research, ist nicht weniger klangvoll als seine deepen Housetracks. Gleich mit den ersten Takten des neuen Albums ‹Parabolas› taucht man mit Haut und Haaren in die reduzierte Klangwelt des in Wien geborenen und in den USA aufgewachsenen Musikers ein. Verträumt und dann wieder akzentuiert klar, schleicht sich der Beat des Openers ‹Farther and Fainter› in die Ohren. Sofort stellt sich das wohlige Gefühl des Loslassens ein. Die Beats sind so fesselnd, dass man nicht anders kann, als sich dem Fluss aus Harmonie und Melodie willenlos anzuschliessen. Man merkt einfach, hier ist ein Musiker am Werk, der immer wieder aus seiner langen Erfahrung schöpft. Dies ist der Grund, warum die Stücke trotz aller spürbarer Detailverliebtheit regelmässig die Kurve kriegen und als Ganzes funktionieren. Überambitionierte Anfänger können sich deshalb die Platte durchaus als Blaupause einfach mal in den Plattenkoffer heften. Alles in Allem ist Tejada eine wunderbar entrückte Platte geglückt, die in weiten Teilen aber nicht nur den Dancefloor im Auge hat. Vielmehr eignet sie sich ebenso perfekt für lächelndes Kopfnicken an einem entspannten Afterhourmorgen.

Stile sind dabei fast bis zur Unkenntlichkeit miteinander vermischt. So wechseln sich unter anderen Rock und Folk mit Anleihen aus dem Bluegrass und Pop munter ab. Doch kaum hat man ein bestimmtes Genre erkannt, ist es auch schon wieder verschwunden. Schelmisch lachend von den Musikerinnen eingefangen, die sich und den Zuhörern auf der energetischen Scheibe keine Pausen gönnen. Beispielsweise im grandiosen Folk-Pop-Stück ‹Rock, Paper, Scissors› in dem sie von einem echten Strassenmusiker namens Mr. Orchestra unterstützt werden und das mit einer eingängigen Melodie in schönster skandinavischer Tradition mitreisst. Ebenso nicht in dem punkigen ‹Loathsome M› oder dem schwer an die Beach Boys erinnernden ‹Cocktails and Rubyslippers›. Höhepunkt der Platte ist aber ohne Frage die cool verschleppte Version des GenesisHits ‹Land of Confusion› aus den 80er Jahren. Schon jetzt heissester Anwärter auf den Titel bestes Cover des Jahres!

Sparkling the Night

John Tejada – Parabolas In der elektronischen Szene gehört John Tejada seit zwei Jahrzehnten zu den besonders umtriebigen 66

Made in California

Ralph Myerz – Outrun Ralph Myerz erreichte den Höhepunkt seiner Bekanntheit im Jahr 2003 als Mastermind des Electronica-Trios Ralph Myerz and the Jack Herren Band. Kaum eine Indie-Disco damals, die nicht den schwer groovenden Hit der Band ‹Think twice› rauf und runter spielte. Danach wurde es leider ziemlich ruhig um den Musiker, der mit bürgerlichem Namen Erlend Sellevold heisst und im beschaulichen Bergen wohnt. Klar, bei so einer exklusiven Wohnadresse muss zu den musikalischen Qualitäten eigentlich nicht mehr viel gesagt werden. Immerhin kommen aus dem kleinen norwegischen Städtchen am Meer auch Bands wie die Kings of Convenience oder die wunderbaren Soundtüftler Röyksopp. Mittlerweile ist der Norweger nur noch solo unterwegs und erbringt mit der Scheibe ‹Outrun› den Beweis, dass dies den kreativen Ausstoss nicht schmälert. Inspiriert für seine zweite Soloplatte wurde er auf einem wochenlangen Roadtrip durch Kalifornien. Auf diesem hörte er anscheinend jede Menge West Coast Hip-Hop Instrumentals neben ein paar Dub-

Disco-Stücken, denn zwischen diesen beiden Fixpunkten bewegt sich die Scheibe. Der mitreissende Rhythmus ist durchgehend spürbar und wird nie zu direkt eingesetzt. Stattdessen entwickeln sich die 17 Stücke in einer unaufgeregten Art und lassen am Ende doch keinen Zweifel an ihrer extremen Tanzbarkeit. Sphärische Tracks wie ‹Keep on› oder ‹Itz me› sind zudem für eigene Late-Night-Rides optimales Material für das Autoradio. Für den hoffentlich noch etwas sonnigen Herbst ist ‹Outrun› der perfekte Soundtrack!

Auf die Zwölf!

eigenen Stück ‹That’s What I Told Sanchez› auch einen coolen Remix des Stücks ‹Every Minute Alone› umfassen. Einen länderübergreifenden Clubhit der vergangenen Monate liefert die isländischen Band GusGus. Musikalisch besonders wertvoll ist aber vor allem der Track ‹Frieden› von Wolfgang Voigt, der in dem Stück seine Soundexperimente mit menschlichen Stimmen weiterentwickelt und eine Opernstimme mit einem unterlegten Ambientbeat mixt. Im Ergebnis ein Avantgarde-Dance-Track, der trotzdem nicht verkopft sondern angenehm leicht rüberkommt. Mit der aktuellen Total Ausgabe wird das ohnehin anerkannte Brandmark ‹Sound of Cologne› routiniert weiter veredelt. Freunde des Minimal Technos mit Pop-Attitüde sind mit der Scheibe auf jeden Fall bestens versorgt!

Platten mitunter der Fall war. Spezielle Highlights der Scheibe sind die beiden Tracks ‹Shipwreck› und ‹This›, an denen niemand Geringeres als Radiohead-Sänger Thom Yorke mitwirkt. Sein eindringlicher Falsett-Gesang transportiert gerade im erstgenannten Stück perfekt die düstere und gespannte Stimmung des Tracks. Weitere gelungene Gastbeiträge stammen von Miss Platnum in ‹Berlin› oder von Anti Pop Consortium in ‹Humanized›. Monkeytown ist als Platte ein nie endender Ohrwurm geworden, der immer neugierig und keine Sekunde ruhig bleibt!

einer Pariser Hardcore-Band spielte. Ansonsten bestimmen den Aufbau der Platte bodenlose Bässe und verschleppte Beats, die häufig an einer maximal verzerrten Soundwall enden. Der Ansatz das tiefe und starke Gefühl der Angst musikalisch als Thema umzusetzen ist gelungen und langweilt trotz des durchgehenden Konzeptes zu keinem Moment der Platte. Wer also einfach mal die Geisterbahn mit dem Clubbesuch verbinden will, findet in der tiefschwarzen Scheibe des Franzosen den passenden Begleiter!

Artist to watch!

Wer umschwimmt Gitarrenriffs? Wer trinkt Bier aus Gitarrenbäuchen? Klar, der Cassius Clay der Genreerfindungen - unser ‹Reviewnator› Mathias Bartsch. Mit flauschigen Q-Tips für den Notfall gewappnet werden einmal mehr die aktuellen Neuerscheinungen unter die Lupe genommen. Ein Brennglas, das es in sich hat und schon so manche CD pulverisierte. Wer diesen Monat um die Karriere bangen muss oder mit höchsten Weihen bedacht wird, lest Ihr in unserem hochgeschätzten ‹Verhör›.

ADS-Alarm im Club V.A. – Kompakt Total 12 Der Klassiker unter den Compilations kehrt zurück! Mit der bereits zwölften Ausgabe beschert uns das elektronische Label Kompakt einmal mehr eine Zusammenstellung von wirklich relevanten Elektro-Tracks. Wie ja schon gewohnt, wurde erneut eine aktuelle Inventur bei der Plattenfirma durchgeführt, mit dem Resultat einer überzeugenden Mischung. Was aber angenehm auffällt, ist dass die nun erscheinende Audiobotschaft wesentlich fokussierter um die Ecke rollt. Statt Doppel-CD oder nerdigen 3-LP-Ausführungen, wie bei den letzten Veröffentlichungen, gibt es diesmal eine knackige Scheibe mit - Surprise - 12 Tracks. Eine Reduzierung, die der Vielfalt auf der Platte aber nicht entgegensteht. Eröffnet wird der Reigen mit ‹Waiting for›, einer relaxten Zeitlupen-Nummer mit balearischem Flair und hypnotischem Refrain des Belgiers Kolombo. Danach folgt ein gelungener Rundumschlag, der sich vor allem auf die älteren Familienmitglieder des Labels konzentriert. So sind beispielsweise die verdienten Veteranen Superpitcher, Gui Borato oder auch Reinhard Voigt mit exzellenten Produktionen zu entdecken. Nicht weniger zum Inventar bei Kompakt gehört natürlich auch Michael Mayer. Dessen Beiträge zur Scheibe neben dem

The Toxic Avenger - Angst Hinter dem Namen The Toxic Avenger verbirgt sich der Franzose Simon Delacroix. Dieser ist bisher durch fulminante Remixe für Peaches oder Ladytron und gemeinsame Auftritte mit Bands wie Public Enemy aufgefallen. Mit seiner Debütscheibe ‹Angst› wagt der DJ und Produzent nun den Schritt zum Solokünstler. Die Platte bringt dabei einen hoch nervösen Mix aus Elektropunk und Dark Folk in die Ohrmuscheln. Benannt hat er sich nach dem Helden aus einem Klassiker der B-Movie-Szene von Lloyd Kaufman und Michael Herz aus dem Jahr 1985. In diesem Film mutiert besagter Toxic Avenger kurz zusammengefasst vom Nerd zum Monster-Superhelden. Eine Story, die man mit diesem Album auch dem Franzosen zubilligen kann. Der LP-Titel ‹Angst› ist schlichtweg Programm und wird als thematisches Leitmotiv in allen Stücken durchexerziert. Aufgenommen wurde die Platte in Marokko und eine Reihe interessanter Musiker sind als Gast-Vocals vertreten. Beispielsweise Annie aus Norwegen, die mit dem Stück ‹Alien Summer› zumindest etwas Licht auf die dunkle Bühne der Scheibe zaubert. Die zahlreichen HardcoreEinflüsse auf der Elektro-Scheibe verdanken sich sicherlich der kindlichen Sozialisation von Delacroix, der bereits mit zarten 12 Jahren in

Modeselektor – Monkeytown Mit dem dritten Album ‹Monkeytown› meldet sich lautstark das famose Produzenten/DJ Duo Modeselektor zurück. Gernot Bronsert und Sebastian Szary beweisen hierauf einmal mehr, dass energetische Clubsongs mit hohem Intelligenz-Quotienten kein Hexenwerk sind. Vielmehr zeigen sie auf der Scheibe, dass bei einem anspruchsvollen Musikverständnis jede Menge Platz für unterschiedliche Stile ist. So kommen auf der Scheibe unter anderen R&B, Rap und Punk fröhlich zusammen. Das Ganze wird bei Modeselektor natürlich ordentlich elektrifiziert und mit weiteren Genre-Spielereien verziert. Die neue Platte zeichnet sich dabei durch eine besonders homogene Gestaltung aus. Wahrscheinlich liegt es an der Produktion, die diesmal komplett am Stück, genauer in einem respektablen 10-Wochen-Marathon, erfolgte. Diese absolute Fokussierung auf den Moment zahlt sich aus. Die Stücke der beiden Musiker wirken einfach noch besser aufeinander eingestellt, als dies bei den vorherigen 67

Out of control

K-X-P aus Finnland spielen eine nie endende Jam Session. Auf der Bühne verlieren sie sich komplett und verschmelzen mit ihren Maschinen zu einem hypnotischen Soundgebilde. Da kann es auch passieren, dass ein Song länger als zwanzig Minuten dauert. Text und Interview: Antonio Haefeli, Foto: Promo

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unkle, paranoide Disco-Rhythmen durchfluten den Raum. Hypnotisch pulsiert die Bassdrum und ein nordisch aussehender Hüne mit wilder Frisur beugt sich wie ein Schamane über seinen Synthesizer. Wenn Timo Kaukolampi zusammen mit den beiden Drummern Anssi Nykänen und Tomi Leppanen als K-X-P auf der Bühne steht, ist Ekstase vorprogrammiert. Der vom ‹Krautrock› der 70er-Jahre inspirierte Sound von K-X-P vermengt tanzbare Schlagzeug-Beats mit hypnotisierender Improvisation aus verschiedenen elektronischen Klangmaschinen. Kopf der Band ist das musikalische Multitalent Timo Kaukolampi, der sich schon als Mitglied der Band OP:L Bastards und als Produzent und Co-Songwriter der norwegischen Pop-Prinzessin Annie einen Namen gemacht hat. Nachdem er 2006 zusammen mit Anssi Nykänen und Tomi Leppanen im Studio zu experimentieren begannen, verschickten sie ein Demo an einige Freunde, unter anderen auch an das DJ Duo Optimo aus Glasgow. Auf Einladung des Duos standen K-X-P 2011 dann im Rahmen der legendären sonntäglichen Clubnächte im Glasgower Sub Club auf der Bühne. Und das tanzwütige Publikum flippte aus. Diesen Sommer veröffentlichten die drei Finnen nun ihr Debüt-Album ‹K-X-P› auf dem norwegischen Label Smalltown Supersound. Die acht Songs klingen nach zahlreichen nächtlichen Jam-Sessions im Studio. Keiner der Songs – ausser das letzte Stück ‹Epilogue› – dauert weniger als vier Minuten: Hypnotisierende, mechanische Clubmusik, in der man sich komplett verlieren kann. Wir haben Timo Kaukolampi im fernen Finnland angerufen und mit ihm über Improvisation, sein Bühnen-Alter Ego und die Macht der Maschinen gesprochen.

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Interview kinki magazin: Wo bist du im Moment? Du meintest, dass du wohl am Autofahren seist, wenn ich anrufe. Timo: Nein, ich mache gerade Pause vom Fahren und sitze in einem Café irgendwo mitten in Finnland. Ich bin auf dem Weg nach Navala. Na dann lass uns ein bisschen über K-X-P sprechen. Seht ihr euch eher als eine Rockband oder als Elektronic-Live-Act? Nun, ich habe, seit ich ungefähr 15 bin, in vielen Bands gespielt und wollte mit K-X-P eigentlich etwas Neues machen. Ich hatte die Schnauze voll von diesem Band-Ding und allem was damit zu tun hat. K-X-P war zu Beginn sozusagen eine Art Studioexperiment. Ich wollte nur ein paar Loops aufnehmen, die man auf der Bühne performen kann. Dann wurde aus dem Projekt doch plötzlich wieder so etwas wie eine Band. Wieviel ist eigentlich Improvisation, wenn ihr auf der Bühne spielt? Auf jeden Fall ziemlich viel. Ich würde sagen, mehr als die Hälfte eines Konzerts basiert auf Improvisation. Darum passiert es oft, dass unsere Stücke auf der Bühne extrem viel länger werden. Den Track ‹18 Hours (Of Love)› spielten wir bei einem Gig in Berlin während mehr als zwanzig Minuten. Das ist ganz schön lange! Verlierst du dabei auch manchmal die Kontrolle über deine Maschinen? Absolut! Das passiert mir immer wieder. Vor allem seit wir diese super lauten Lautsprecher haben, die fast so etwas wie ein Eigenleben

dazu, für uns Realitäten zu erschaffen. Wer weiss, wo das noch hinführt.

Schamanen und Maschinen: Der Finne Timo Kaukolampi (Mitte) und seine Band K-X-P.

Zurück zu K-X-P: Auch wenn eure Musik sehr geprägt ist von Verzerrung und mechanischen Rhythmen, klingt sie irgendwie warm. Wie schafft ihr das? Hm, ich weiss was du meinst, aber der Grund dafür… Vielleicht weil wir alle wirklich sehr viel Liebe in den Sound stecken. Es kann aber auch sein, dass die Wärme vom analogen

‹Wir bringen Maschinen schon heute dazu, Realitäten für uns zu erschaffen. Wer weiss, wo das noch hinführt.› Equipment ausgeht, das wir verwenden. Wir nehmen alle Instrumente immer erst auf Tape auf und leiten sie erst dann in den Computer oder den Synthesizer. Das klingt dann einfach sofort wärmer und verzerrt zusätzlich den Sound. Da sind auch sehr viele Reverenzen zum ‹Krautrock›, oder? Ja, das stimmt. Auf jeden Fall war ich schon von Beginn an sehr verliebt in diese Musik. Der Grund dafür war vor allem, dass sie so frei und irgendwie verloren klang. Der Begriff ‹Krautrock› stammt eigentlich ja nur von britischen Journalisten, die deutsche Bands damals nicht ganz so toll fanden. Die Musik dieser Bands war jedoch wahnsinnig spannend und gleichzeitig total unschuldig, verspielt. Ich mag vor allem auch die Einstellung, mit der die Musiker ans Spielen und Komponieren herangingen. Klangtechnisch versuchen wir aber schon etwas anderes zu machen und sozusagen unsere Version von ‹Krautrock› zu produzieren.

entwickeln, wenn man sie entsprechend füttert. Auf der Bühne verfallen wir fast immer in eine Art ‹schamanische Trance›. Also verlierst du auch die Kontrolle über dich selbst? Ja, vollkommen. Ich werde zu einer Art Monster. Auf der Bühne überkommt mich diese andere Person, die in mir schlummert und sich mit den Maschinen verbündet. Ich habe sozusagen einen Heavy Metal Freddie Mercury in mir (lacht)! Es ist wirklich lustig, wenn mich Freunde oder Bekannte in diesem Zustand antreffen. Jonathan Galkin von DFA Records zum Beispiel sagte mir nach einem Gig in Dänemark ‹Ganz ehrlich Timo, du machst mir echt Angst!›

Die Angst der Menschen davor, die Kontrolle über die Maschinen zu verlieren, wurde schon in vielen Filmen und Bücher thematisiert. Denkst du, dass sich der Mensch eines Tages tatsächlich den Maschinen beugen muss? Ich weiss nicht so recht. Das wäre durchaus möglich, dauert aber meiner Meinung nach noch sehr lange. Aber wenn man darüber nachdenkt, dann haben Maschinen eigentlich schon lange die Kontrolle über uns erlangt. Man denke dabei nur einmal an das Internet oder an die Beeinflussung durch Massenmedien. Wenn sich auf Facebook zum Beispiel 1000 Leute für eine Demonstration anmelden und dann aber tatsächlich nur 20 Nasen auftauchen. Wir bringen Maschinen schon heute 69

Ihr habt ja eigentlich erst so richtig angefangen. Geht es denn so hypnotisch weiter wie bisher? Nein, ich glaube der Sound wird sich verändern. Wie genau, kann ich eigentlich noch nicht so recht sagen, aber ich weiss, dass wir sehr viel unterschiedliches Material aufgenommen haben, das wir nun verwerten können. Seien es Live-Aufnahmen oder Studio-Experimente. Auf jeden Fall wird es spannend bleiben und das ist das einzige, was zählt. Weitere Info zur Band findest du unter myspace.com/ kxpofficial.

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Watch: Swatch-Love Song Shirt: MSGM

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Watch: Swatch-Ski Instructor Blouse: American Apparel Leggings: Fogal Tux pant: Alexander Wang

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Watch: Swatch-Bengali Blazer: Alexander Wang Bustier: Antonio Berardi Leggings: MSGM

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Watch: Swatch-Midnight Magi Tank: American Apparel

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Watch: Swatch-The eyes are watching Dress: Hèrve Legèr

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Watch: Swatch-Shout out Blazer: D&G Pants: Barbara Bui Realisation: Nicola Fischer und Sarah Maurer Photography Sarah Maurer Make-up Nicola Fischer, style council Styling Michèle Muhl, style council Hair: Rachel Bredy, style council Models Viktor @ fotogen, Kelsang @ visage, Ilona S. @ time

Kidrobot for Swatch

Immer wieder überrascht Swatch mit interessanten Kollaborationen mit Künstlern aus den verschiedensten Sparten. Jüngst wurde auf der Urban Art Messe Art You in Basel Swatchs neuster Streich vorgestellt: die Zusammenarbeit mit der New Yorker Designer-Toy-Bude Kidrobot. Seit 9 Jahren arbeiten Kidrobot mit verschiedenen Künstlern zusammen und machen sich ausserdem in Japan, China und Europa auf die Suche nach besonders interessanten Stücken, die danach importiert und verkauft werden. Für die ‹Kidrobot for Swatch›-Kollaboration wurden acht verschiedene Künstler ausgewählt, deren Toy-Character jeweils eine eigene Uhr kinki mode

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gewidmet wurde. Und das Beste daran: Als stolzer Besitzer kriegt man das zur Uhr passende Toy gleich mitgeliefert. Die Modefotografin Sarah Maurer und ihr Team haben für diese Strecke nun sechs der acht Characters der ‹Kidrobot for Swatch›Kollektion in ihren Bildern zum Leben erweckt. Und wer sich einfach nicht entscheiden kann, welches der acht Modelle ihm am besten gefällt, der sollte sich auf die Suche nach dem SammlerKöfferchen mit allen Uhren und Toys machen. Aber schnell: die Köfferchen sind nämlich auf 300 Stück weltweit limitiert. swatch.com

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Kleine Helfer

Was wäre unser Alltag ohne all die kleinen Maschinen, Apparate, Gadgets und Spielereien, die uns das Leben erleichtern? Die kinki Redaktion suchte für euch nach den n��tzlichsten, schönsten und spassigsten kleinen Helferchen. 1 Auf jeden Fall Bei Reisen auf der schönsten aller Maschinen schützen wir unser Köpfchen mit den lederbezogenen Helmen von Andrea Cadrone. Erhältich ab CHF 300.andreacardone.com 4

2 Scharfes Design Schweizer Präzision trifft auf japanisches Design: Das Modell ‹Tomo› von Victorinox wurde von der japanischen Design-Legende Kazuma Yamaguchi entworfen. Erhältlich in sieben Farben. victorinox.com 1

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Eine weitere aparte Variante unterwegs Musik zu hören bietet der ‹Portable Turntable› des Traditionshaus Crosley, welcher Retro Design mit neuesten Technologien verbindet. Ca. CHF 150.– crosleyradio.com

4 Kluges Köpfchen Elektronische Geräte brauchen weder einfarbig noch seriös auszusehen. Das beweist der ‹Mimobot USB-Stick›. Erhältlich bei Street-Files für CHF 39.– street-files.com

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5 Chronologisch Um die schicke Männeruhr ‹ck city› von Calvin Klein hätten sich sogar James Bond und Mac Gyver gestritten! CHF 245.calvinkleininc.com

6 Boot Call Der Scout Boot von Sebago eignet sich ebenso für herbstliche Wanderungen wie für Stadtausflüge. Designt wurde das Modell aus der ‹Sebago Artisan Collection› vom New Yorker Label Vane. CHF 230.sebago.com

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7 Velocity Mobilität ist das A und O unserer rastlosen Gesellschaft. Wenn schon ständig auf Achse, dann mithilfe der ansehnlichen Bikes von Creme Cycles ab ca. CHF 730.– cremecycles.com

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Seinen hundertsten Geburtstag feiert der Uhrenhersteller Ebel passenderweise mit einer zeitlos schönen Uhr: der Ebel Classic 100. Diese ist auf 1911 Stück limitiert und in verschiedensten Geschäften in der Schweiz erhältlich. CHF 2 490.ebel.com

9 Haut fürs Gehäuse Um unser grösstes Helferchen, den Laptop, zu schützen, greifen wir einmal mehr zu den Lederetuis von Wood Wood in der Trendfarbe Weinrot. Ca. CHF 141.– woodwood.dk

10 Feuerwerfer Raucher sind Hobby-Kleptomanen. Das ‹Imco Triplex Super 6700› wird aber niemand so schnell aus den Augen lassen. Erhältlich bei Townhouse für CHF 13.– fromzurichwithlove.com

11 Blitzblank Wer keine Lust hat, sich von den lästigen Viren auch dieses Jahr wieder aufs Kreuz legen zu lassen, der besorgt sich am besten den neuen Dettol ‹No-Touch› Seifenspender. Dieser funktioniert ganz ohne Berühren, entfernt bis zu 99,9 Prozent der Bakterien und pflegt gleichzeitig die Hände mit feuchtigkeitspendenden Inhaltstoffen. Starterset ca. CHF 14,90. dettol.ch

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12 Ohrensausen Ob im urbanen Dschungel oder am Strand: Musik darf nicht fehlen. Für ein qualitatives Sounderlebnis hat das Surferlabel O’Neill zusammen mit Philips den ‹The Stretch Scratch›Kopfhörer entwickelt. Ca. CHF 76.oneill.com

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13 Aus den Federn Setzt man sein iPhone mit entsprechendem App auf den ‹Alarm Dock› von Jonas Damon ergibt sich ein stilvoller Wecker in holzigem Retro Design. Erhätlich bei IC Design für CHF 49.icdesign.ch

14 Hüfthelfer Tief sitzenden Baggies haben wir schon in den 90ern abgeschworen, heute muss die Hose richtig sitzen. Die Hosenträger ‹Koen› von WESC demonstrieren, wie das stilvoll und effektiv gelingt. Ca. CHF 43.shop.wesc.com

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15 Grossartiger Winzling Klein aber oho: Die Lumix GF3 von Panasonic ist mit ihren 222 Gramm die kleinste und leichteste Kompakt-Systemkamera mit integriertem Blitz. Full HD Aufnahmen schafft die Kleine mit links und ist je nach Objektiv ab CHF 749.– erhältlich. panasonic.ch

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Alles Ă&#x2013;ko?

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Öko-Labels sind auf dem Vormarsch. Nein, damit meinen wir nicht selbstgestrickte Pullover und Wollsocken, sondern modische, tragbare und hochwertige Mode. Zum Beispiel jene von Ada Zanditon. Text und Interview: Viviane Lichtenberger, Fotos: Promo

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ie Britin Ada Zanditon produziert ihre Modelinie komplett umweltfreundlich und hält trotzdem problemlos in der Liga aufstrebender Jungdesigner mit. Bevor die Londonerin ihr eigenes Label gründete, arbeitete sie für Jonathan Saunders, Alexander McQueen und Gareth Pugh. Von überallher hagelt es positive Kritik für ihre Designs, sie ist stolze Gewinnerin zweier Fashion Awards, war schon in zahlreichen Fashionmagazinen rund um den ganzen Globus vertreten und nahm an der London Fashion Week teil. Mittlerweile ist die Marke in fünf verschiedenen Ländern (darunter auch die Schweiz) vertreten. Wir hatten die Gelegenheit, uns mit Ada Zanditon über Ihre Kollektionen und den Umweltaspekt in der Mode zu unterhalten.

Interview kinki magazin: Warum hast du dich dazu entschlossen, umweltfreundliche Kleidung herzustellen? Ada Zanditon: Ich habe mich entschieden, mir der Art, wie ich designe, bewusster zu werden, weil ich mich für die Zukunft interessiere: Die Zukunft des Designs und die Zukunft der Welt um uns herum. Für mich ist es offensichtlich, dass ich für die Zukunft des Designs meinen Part beitrage. Darum scheint es mir essentiell, darüber nachzudenken, wie ich auf den Planeten einwirke, indem ich ihn nutze. Interessant für die Zukunft ist nicht unbedingt nur der Gedanke ‹die Erde zu retten› sondern auch die Frage ‹wie passen wir uns an?›. Also eher der Gedanke , wie wir für die Zukunft designen können und nicht nur für die Gegenwart. Darüber denke ich viel nach. Woher hast du dir die Inspiration für deine neueste Kollektion geholt? Die Sommerkollektion 2012 wurde von verschiedenen Dingen inspiriert: Von Seepferdchen und ihrem Lebensraum, griechischer Mythologie und der surrealen Energie des Haiti-Karnevals. Welches sind denn die grössten Herausforderungen beim Designen umweltfreundlicher Mode? 79

Da gibt es verschiedene Herausforderungen, die einen beziehen sich auf das Design, andere auf die Produktion der Kleidung. Technologie spielt eine wichtige Rolle, um die Effizienz der Modeproduktion zu verbessern und ich denke, es ist auch sehr anspruchsvoll, sich der ‹Zero Waste Production› anzunähern. Für mich ist das etwas, worauf wir hinarbeiten sollten. Die globale Modeindustrie denkt heutzutage anders über umweltfreundliche Mode als noch vor ein paar Jahren: Heute gibt es viele Modedesigner, die umweltfreundliche Kleider herstellen. Wie sieht dein Wunsch für die zukünftige Entwicklung der Modeindustrie aus? Ich hoffe, dass diese Art der Veränderung in der Auffassung in Zukunft so weiter geht, damit Begriffe wie ‹umweltfreundlich› und ‹nachhaltig› gar nicht mehr betont werden müssen. Es ist für alle wichtig, verantwortungsbewusst über die Art, wie Dinge hergestellt werden, nachzudenken und dass hoffentlich diese wachsende Aufmerksamkeit ganzheitlich in den Mainstream integriert wird. Und zwar so sehr, dass es nicht mehr nötig ist, aktiv ‹umweltbewusst› zu sein, da dies einfach selbstverständlich wird. Mit welchen Designern würdest du gerne mal zusammenarbeiten? Ich würde gerne die Möglichkeit haben, einen Tag mit Anish Kapoor zusammenzuarbeiten, nicht unbedingt im Bereich Mode. Aber die Chance, mit ihm in irgendeiner Form des Designs zu kooperieren wäre spannend. Ich finde seine Arbeit unglaublich schön und sehr beeindruckend. Ada Zanditons Mode ist in der Schweiz bei Le Boutiques Dona in Zürich erhältlich. Weitere Info findest du unter adazanditon.com.

maske art must be beautiful

â&#x20AC;šDistorted Hair Iâ&#x20AC;ş, 2011, Mixed Media (Schwarzkopf Color Gloss & Blonde Toning)

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Jeden Monat setzen an dieser Stelle Schweizer Künstler Beauty-Produkte in Szene. Der Zürcher Andy Denzler verwandelte die Haarprodukte aus der Schwarzkopf Professional Linie in zwei unglaubliche ‹Distorted Hair›-Gemälde! Schwarzkopf Professional: ‹BLONDME› Die BLONDME-Serie bietet erstklassige Farb-, Styling- und Pflegeprodukte für stolze Blondinen und solche, die’s noch werden wollen. Denn wir alle wissen ja: Blond ist nicht nur eine Haarfarbe, sondern eine Philosophie!

Schwarzkopf Professional: ‹Igora Senea› Igora Senea ist dank hochverträglicher Farbpigmente und hautberuhigender Pflanzenextrakte besonders mild zur Kopfhaut. Das Farbergebnis überzeugt mit strahlendem Glanz.

Schwarzkopf Professional: ‹Essensity› Prächtige Farbe – und das ganz ohne Ammoniak! Und deshalb auch ohne beissenden Geruch. Die Haarstruktur wird während dem Färbeprozess stabilisiert und das Haar vor Umwelteinflüssen geschützt.

Die Haarprodukte der Schwarzkopf Professional Linie sind nicht im Handel erhältlich, sondern werden in ausgewählten Coiffeursalons verwendet. Eine Übersicht über diese Salons findet ihr unter schwarzkopf-professional.ch/salonfinder. Weitere Infos unter: 061 / 825 7525

Andy Denzler Andy Denzler zeigte in den vergangengen zehn Jahren seine Werke in diversen Ausstellungen in New York, München, London und Los Angeles. Kürzlich wurde seine Monographie mit Titel ‹Paintings/The Human Nature Project› veröffentlicht. Die teils meterhohen Werke Denzlers ziehen in ihren Bann, weil der Künstler gleich einem Zauberer fragile Momente einfriert und die Bilder so fragmentartig in Bewegung setzt. Mit Farben geht der Zürcher dementsprechend wenig sparsam um. Im Gegenteil: Seine einzigartige und charakteristische Verwischtechnik setzt die Verwendung und Verschwendung dicker Ölfarbschichten voraus. Für die ‹Maske› wurde die sichtbar dick aufgetragene Farbschicht mit Haarpflegeprodukten angereichert und innerhalb von Sekunden durch entscheidende Handgriffe verwischt und bewegt. Inspirieren liess Andy sich bei den Sujets von den typischen Schaufensterbildern in Friseursalons. Herausgekommen sind zwei Porträts, die wie die meisten seiner Werke an flimmernde Filmstills zwischen Stop und Motion erinnern.

‹Distorted Hair II›, 2011, Mixed Media (Schwarzkopf Color Gloss & Blonde Toning)

Realisation: Nicola Fischer

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Zeichnen im Grossformat Julia Steiners schwarz-weisse Bilder sprechen eine ganz eigene Sprache und ziehen den Betrachter auf magische Art in ihren Bann. Rosita Holenstein besuchte die Künstlerin in ihrem Berner Atelier und sprach mit ihr über regelmässige Tagesabläufe, Kunst am Bau und die guten und schlechten Seiten des Künstlerlebens. kinki kunst

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erner Güterbahnhof an einem schönen Sommertag Ende August: Kurz nach Mittag ist hier nicht viel los, und auch die Häuser wirken alle ein bisschen öde, bis auf eines: Im ehemaligen Fabrikgebäude mit der Hausnummer acht ist nämlich eine exotische Mischung beherbergt − ein hinduistischer Tempel, eine Sammelstelle für alte Elektronikgeräte und mehrere Künstler haben hier ihre Räumlichkeiten. Julia Steiner ist eine davon. Nachdem sie mich durch einen labyrinthartigen Weg durchs halbe Haus geführt hat, öffnet sie die Tür zu ihrer Werkstätte. An den Wänden ihres Ateliers hängen zwei angefangene Arbeiten, beide messen mindestens zwei auf drei Meter. In einer Ecke des Raums stehen Gestelle voller Materialien und Objekte, auf dem Boden liegt eine bronzene Skulptur, die zwei Hundehälften zeigt. Ein kleines Tischchen steht mitten im Raum. Es ist gemütlich hier, und aufgeräumt, fast wie einem grossen Wohnzimmer. Julia Steiners Bilder sind eine Mischung aus abstrakter und figurativer Malerei und schaffen es, den Betrachter unvermeidlich in ihren Bann zu ziehen. Die fragmentartigen Strukturen, die sie mit schwarzer Farbe auf weisses Papier malt, erinnern mal an schneebehangene Felsen, mal an tosende Windböen, dann wieder an wild wuchernde Pflanzen. Im Gegensatz zu ihren früheren, weniger abstakten Bildern, geht es Julia Steiner in ihren neueren Arbeiten um Spannung und Dynamik. Und Julias Kunst kommt an, das zeigt sich an ihrer beeindruckenden Biografie: Die 29-Jährige machte ihren Abschluss an der Berner Hochschule der Künste, hat bereits mehrere Förder stipendien erhalten, vor zwei Jahren den Swiss Art Award und dieses Jahr den Manor Kunstpreis gewonnen. Doch trotz so viel Talent und Erfolg wirkt Julia bescheiden, bodenständig und unglaublich sympathisch. Sie versuche, sich aus dem Erfolg nicht allzu viel zu machen, erklärt sie mir während unseres Gesprächs. Die Hauptsache sei es, dass sie an ihren Arbeiten dranbleiben könne. Denn das sei für sie ‹wie ein Drang›.

Interview

Im Berner Atelier der Künstlerin.

Julia, dein Stil ist sehr speziell. Wie bist du dazu gekommen? Ich hab schon immer viel gezeichnet, meistens mit Bleistift in Notizhefte. Irgendwann hatte ich Lust, mit grösseren Formaten zu arbeiten. Da mich das akribische Ausfüllen von einer grossen Fläche mit Bleistift oder Farbstift nicht interessiert, musste ich ein anderes Zeichnungsmittel finden (lacht). So bin ich irgendwann darauf gekommen, mit Gouache und Pinsel zu malen. Ganz trocken, ohne Wasser. Ich sage auch heute noch, dass ich zeichne, obwohl es auch sehr malerisch ist. Überlegst du dir im Voraus, was du malen möchtest, oder legst du einfach mal drauf los? Ich habe nur eine vage Ahnung davon, was entstehen wird. Das kann eine Stimmung, Spannung oder Dynamik sein, oder ob es eher hell oder dunkel wird. Ich mach auch keine Skizzen oder Vorstudien, bevor ich anfange. Ich notiere mir jedoch Wörter in ein Notizbuch. Aus diesen entwickelt sich dann meist auch der Bildtitel.

Die Ausstellung ‹Shifted Spaces› letztes Jahr an der Fumetto in Luzern.

Linke Seite: Die Ausstellung ‹Julia Steiner – Kaleidoskop› im Centre PasquArt in Biel fand im Rahmen des Manor Kunstpreises2011 statt. Unten: ‹Split› (Gouache auf Papier), 2010

Was geht dir denn während des Malens so durch den Kopf? Ich versuche eigentlich, mich auf die Arbeit zu konzentrieren. Wenn’s gut läuft, vergesse ich alles um mich herum, dann bin ich ganz im ‹Flow›. Wenn ich zu viel überlege und versuche, die Arbeit ständig zu kontrollieren, stimmt das Ergebnis nicht richtig und wirkt steif. Du malst ausschliesslich in Schwarz-Weiss. Wieso benutzt du keine Farben? Ehrlich gesagt, weiss ich das auch nicht so genau. Ich habe es immer mal wieder mit Farbe versucht - für mich ist es aber einfach nicht eindeutig, welche Farbe die Bilder jeweils haben sollen. Deshalb nehme ich einfach Schwarz. Ausserdem würde man ein Bild viel eher einorden, wenn es farbig wäre. Bei Blau würde man gleich an Wasser denken, bei Grün an eine Landschaft. Schwarz-Weiss lässt da viel mehr offen. Wie merkst du eigentlich, wenn ein Bild fertig ist? Ich male meistens an drei bis vier Bildern parallel. An einem arbeite ich meistens intensiv, die anderen können Wochen oder sogar Monate einfach hängen. Meistens merke ich, wenn an einem Bild etwas noch nicht stimmt. Herauszufinden, was genau das ist, kann manchmal schwierig sein. Die Zeit, die ich direkt mit dem Pinsel auf Papier arbeite, ist eigentlich relativ kurz. Der grösste Teil der Arbeit besteht wohl darin, das Bild einfach immer wieder anzuschauen. Wo findest du die Inspiration für deine Bilder? Häufig sind es alltägliche Beobachtungen aus der Natur oder aus der Umgebung. Das

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Oben: ‹Kraton› (Gouache auf Papier), 2009. Mitte: ‹Agglomeration› (Gouache auf Papier), 2010. Unten: ‹Frühstück auf dem Rock› (Gouache auf Papier), 2006.

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können ‹Lichtsituationen› sein, oder der Wind, der etwas bewegt. Auch Geräusche finde ich sehr inspirierend. Für mich haben meine Bilder auch alle ein Geräusch – sie knirschen, knacken oder schwirren beispielsweise. Hat man als freie Künstlerin eigentlich so was wie einen festen Tagesablauf, oder ändert sich das ständig? Ich komme am Morgen um etwa neun Uhr ins Atelier. Über Mittag gehe ich kurz nach Hause und komme am Nachmittag wieder. Ich versuche, sehr kontinuierlich zu arbeiten. Vergleichbar mit einem Sportler, der regelmässig trainieren muss. Ich brauche diese Regelmässigkeit, bei langen Pausen müsste ich immer wieder in die Arbeit reinkommen. Wenn ich dann im Atelier bin, entscheide ich, was ich heute mache. Ich überlege mir nicht im Voraus, an welchem Bild ich weitermalen oder ob ich an einer Skulptur arbeiten werde. Das passiert spontan. Ist es nicht einsam, den ganzen Tag allein im Atelier zu sein? Im Gegenteil, ich brauche diese Ruhe. An vielen Tagen bin ich auch auswärts, wenn ich zum Beispiel eine Besprechung habe oder für ein ‹Kunst am Bau›-Projekt auf einer Baustelle arbeite. Gerade gestalte ich eine Glasfassade für eine Bank.

‹Der grösste Teil der Arbeit besteht wohl darin, das Bild einfach immer wieder anzuschauen.›

ich nie werden. Ich bin nicht in einen Künstlerumfeld aufgewachsen, ich hab nicht mal gewusst, dass man das überhaupt ‹werden› kann. Es hat sich dann einfach so ergeben. Ich habe aber auch heute noch etwas Mühe, mich Künstlerin zu nennen. Welche Seiten deines Künstlerlebens gefallen dir denn besonders gut und welche weniger? Die Arbeit an sich ist eigentlich das Beste. Ich kann meinen eigenen Themen nachgehen und sehr selbstständig arbeiten. Nicht so gerne mag ich öffentliche Auftritte, das ‹Hinstehen› vor Publikum. Wenn du drei Momente nennen müsstest, die dich beruflich am meisten geprägt haben – welche wären das? Eigentlich waren das weniger Momente, sondern eher Phasen. Zum einem hat mir sicher mein Mentor an der Hochschule der Künste in Bern sehr viel gebracht, mit dem ich meine Arbeiten jeweils super besprechen konnte. Ausserdem habe ich ein Austauschsemester in Berlin gemacht. Das Wegziehen von Zuhause und das neue Umfeld haben mir gut getan. Sehr prägend war auch mein halbjähriger China-Aufenthalt vor einem Jahr. Die nächste Ausstellung von Julia Steiner startet am 18. November 2011 in der Galerie Urs Meile in Luzern. Mehr Infos zur Künstlerin sowie weitere Werke findet man zudem online unter juliasteiner.ch

Bleiben wir doch gleich beim Projekt ‹Kunst am Bau›: Beim soeben erwähnten Projekt gestaltest du die Aussenfassade sowie einen Teil der Innenwände einer neuen RaiffeisenBank. Wie ist das für dich, empfindest du die Arbeit an einem Bauwerk überhaupt noch als Kunst? Es ist sicher eine Gratwanderung. Einerseits möchte der Auftraggeber etwas Schönes, das nicht im Weg steht, böse gesagt Dekoration. Ich persönlich finde Kunst und Bau aber auch extrem spannend, weil ich auf die Architektur und Nutzung der Gebäude eingehen muss. Man geht von den Begebenheiten aus und so entsteht oft etwas anderes im Vergleich zu dem, was ich normalerweise mache. Auf einmal muss ich mich beispielsweise mit Techniken auseinandersetzen, die ich bisher nicht kannte, und das finde ich spannend. Kunst am Bau ist einfach eine ganz andere künstlerische Arbeit, als wenn ich frei im Atelier arbeite und machen kann, was ich will. Du bist mittlerweile eine erfolgreiche Künstlerin. Was wolltest du denn als Kind werden? Das weiss ich gar nicht mehr so genau. Einmal war, wenn ich mich richtig erinnere, Bäckerin mein Traumberuf, einmal Lehrerin. Das hat immer wieder geändert. Künstlerin wollte 85

Ausstellungsansicht aus dem Centre PasquArt, 2010.

Oben: ‹Konstellationen› nennt Steiner ihre Objekt-Installationen. Unten: ‹The man and the other› (Bronze), 2010.

blattmacher die weite welt des prints

Printliebhaber sind auch Printmacher. Deshalb kreieren sie manchmal auch mehrere Magazine. Das neue Format aus Stuttgart nennt sich ‹Lotto Magazin und das Spiel ums Ganze›. Interview

Name: Lotto Magazin und das Spiel ums Ganze Herausgeber / Ort: Matthias Straub, Jakob Wessinger, Yuan Peng, David Spaeth / Stuttgart Auflage: 2 500 Erscheinen: zweimal jährlich Gründungsjahr: 2011 Thema: Die Erkundung der menschlichen Identität Vertrieb: Motto Distribution (international)

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m Anfang war die Idee. Daraus erwuchs das ‹Lotto Magazin und das Spiel ums Ganze›, welches die ‹Idee› gleich zum Thema der ersten Ausgabe erhob. Als Vorlage für das theoretische Gesamtkonzept des neuen Magazinformats diente die sozialwissenschaftliche Theorie von Dr. Roswita Königswieser von der Universität Wien, nach der sechs Persönlichkeitsbereiche die Identität definieren. Gelingt es einem Individuum, diese sechs Zonen in möglichst stabilem und ausgeglichenen Zustand zu halten, wirkt das auf seine Persönlichkeit wie ein Sechser im Lotto, erklären die Macher. Jede Ausgabe von insgesamt sechs widmet sich deshalb einem der Persönlichkeitsbereiche ‹Ideen, Plätze, Menschen, Organisationen, Dinge, Macht› und erforscht anhand von anspruchsvollen textlichen und visuellen Beiträgen die menschliche Identität. Optik und Haptik des Lotto Magazins erinnern an ein Kunstmagazin mit abwechslungsreicher, zeitgeistiger Gestaltung aus dem Hause Wessinger und Peng. Wir haben den Chefredaktor Matthias Straub, der bekanntlich auch beim kinki magazin seine Finger im Spiel hat, befragt.

kinki blattmacher

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kinki magazin: Als erstes sieht und liest man auf dem Cover des Lotto Magazins das theoretische Konzept. Was hat der Leser inhaltlich zu erwarten? Matthias Straub: Die erste Ausgabe handelt von der Identitätszone der ‹Ideen› im Sinne von humanistischen Werten. Dazu gehören Aspekte wie Moral, Ethik, Religion, Politik, Wissenschaft, Philosophie und Ästhetik. Uns war es wichtig, möglichst viele verschiedene Kunstformen zu integrieren. Wir haben beispielsweise mit Nick Cave, Bret Easton Ellis, Blixa Bargeld und Mark Reeder gesprochen. Es gibt Fotoarbeiten von Olaf Breuning, Valérie Belin, Joscha Kirchknopf, Mathieu Lavanchy und Kim Keever zu sehen und Installationen von Julien Berthier, Tatzu Nishi und Lisa Jung – um nur einige zu nennen. Das Lotto Magazin beansprucht Zeit und Aufmerksamkeit, ebenso kann man sich darin verlieren. Ein Aufruf zum Innehalten und Sinnieren? Unser Ziel war es, eine Zeitschrift mit Buchcharakter zu schaffen, die auch noch nach mehreren Jahren Gültigkeit hat. Wir hoffen, dass sich der Leser immer wieder mit den Inhalten auseinandersetzen und neue Aspekte entdecken kann. Als schnelle Ablenkung zum Durchblättern taugt das Lotto Magazin tatsächlich nur bedingt. Wird man bei einem Magazin mit beschränkter Lebensdauer nicht schon im Vorhinein wehmütig? Im Gegenteil! Es ist ein total beruhigendes Gefühl in einem überschaubaren Zeitraum mit frühzeitig festgelegtem Themenplan zu arbeiten. Woher kommt die Ernsthaftigkeit? Zum einen ist das Thema ‹Identitätssuche im 21. Jahrhundert› eine echte Herzensangelegenheit von uns, da wir – wie viele andere unserer Generation – von den scheinbar endlosen Möglichkeiten der Lebensgestaltung und Entscheidungsoptionen überfordert sind. Auf der anderen Seite steckt in allem Ernsten auch immer etwas Humorvolles. Es kommt immer auf den Blickwinkel an, mit dem man seriöse Themen betrachtet: Ohne Spass und Humor lassen sich diese Themen gar nicht bearbeiten. Text und Interview: Florence Ritter

POPnOtPOP CLUB FESTIVAL STUTTGART 12—nOv LIVE Hundreds \ dAs POP (BE) \ retrO stefsOn (IS) Life in fiLm (UK) \ intergALActic LOvers (BE) OH, nAPOLeOn \ LAing \ sPAce rAnger mAtteO cAPreOLi \ tOucHy mOb \ deAr PAris mOnsieur mO riO \ i HeArt sHArks stuLLenHeimer \ rtr \ HAnnAH curwOOd (NZ) DJs

sHit rObOt (DFA Rec.)\ mArten Hørger (Smash HiFi, Stamina)\ mAsAje (Stamina) grecO-rOmAn sOundsystem (London/Berlin) \ mAtHiAs weck (FluxFM Clubsandwich, Berlin) \ mOnty (Dubno, Berlin) \ drOP Out bOOgie nigHt (FfM) sPAce rAnger (Lovemonk Rec) \ rObin «t» treier (OH HI!) \ skuLLy & web fOLLOw tHe wHite rAbbit pres. E-PUNk & Friends \ frAnk gAsOLine reverend reicHsstAdt (Trash-A-Go-Go!) \ Petersen \ wALrus (The Stud) ZbikbeAt \ tHe tigHts \ dennis «kumfi» kumfert (Gute Gesellschaft) sAd sir \ eLmAr meLLert (15minutesmotelboys) \ tOP OLd bOy (Yeah!Club) einLAss: 20:00 uHr FESTIVALTICKET: VVK 16 EUR (ZZGL. GEBüHREN) — AK 19 EUR — CLUBTICKET: AK 8 EUR (AB 24:00 UHR) TICKETS ERHäLTLICH BEI: POPNOTPOP.DE \\ TICKETMASTER.DE \\ EASYTICKET.DE \\ Là POUR Là \\ WESC STORE SECOND HAND RECORDS \\ RATZER RECORDS \\ FLAMING STAR \\ SCHOCKEN UND ALLEN BEKANNTEN VVK-STELLEN

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kopfkino vom umschlag bis zum abspann

Wenn man das iPhone in der Autotür zermalmt, im TV Ameisenrennen läuft und der Laptop streikt, dann ist es an der Zeit, der Technik die kalte Schulter zu zeigen, den Kamin einzuheizen und sich unserer Buchauswahl zu widmen. Und wer weiss, vielleicht springt auch der DVD-Player bei unseren Filmtipps wieder an.

Buch

lens meister

Wolfgang Tillmans – 3 Vol. Box Im September erschien die Sammelbox des aus Remscheid stammenden Fotografen Wolfgang Tillmans. Glücklicherweise zog es den deutschen Fotografen schon früh in die Welt hinaus, er studierte am Bournemouth & Poole College of Art and Design und pendelt heute zwischen London und Berlin. Der Schuber umfasst die drei Bücher ‹Tillmans›, ‹Tillmans Burg› und ‹Truth Study Centre›. Am treffendsten beschreibt Tillmans Arbeitsstil (und auch die Box) die Bezeichnung ‹dirty realist heaven›. Wer die stimmungsvollen Bilder des deutschen Fotografen und Künstlers, der auch als ‹Lens-Meister of the Zeitgeist› betitelt wird, nicht zu kennen glaubt, wird zumindest seinen Einfluss und Stil in der gegenwärtigen Fotografie wiedererkennen. Seine Dokumentationen gesellschaftlicher Strömungen, besonders der Rave- und Schwulen-Szene Londons und Berlins, seine trashigen Stillleben und Porträts der Generation X haben einer ganzen Foto- und Kunstbewegung den Boden bereitet. Tillmans porträtierte über die Jahre viele Persönlichkeiten vom Model bis zum Politiker und gab durch seine Arbeikinki kopfkino

erst recht gelungen, die Zerbrechlichkeit der Jugend, den Zustand zwischen Selbstsuche und Draufgängertum und die körperliche und geistige Metamorphose poetisch einzufangen.

ten auch häufig kritische politische Kommentare ab. Zu seinem künstlerischen Repertoire gehören auch Landschaftsbilder sowie poetisch eingefangene chemische Prozesse, grossformatige Analog-Fotokopien oder Tischinstallationen, in denen unterschiedliche Bildformate und –inhalte kombiniert werden. Jedem, der selbst Snapshot-Fotografie seines Umfeldes betreibt, seine nächtlichen Ausflüge mit erblindend starkem Blitz aufhellt, das Analog-Revival zelebriert und sich auch für die Weiterführung der Fotografie als Kunstform interessiert, sei diese Box ans Herz gelegt.

Erschienen bei TeNeues, ca. CHF 75.–

handi craft

und einem unerschöpflichen Einfallsreichtum geprägt. Sie beleben Geschichten oder stellen Informationen mit einer unschlagbaren Einfachheit dar, auf die man selber niemals kommen würde. Ob sie Tiersilhouetten aus ‹Cold Cuts› (Wurstaufschnitt) macht, einen Smart ‹verpixelt›, indem sie ihn mit Kartonschachteln beklebt oder chirurgische Korrekturen an klassischen Kunstwerken vornimmt, Illenbergers Illustrationen stehlen manchem Text die Show. Erschienen bei Gestalten, ca. CHF 25.–

death machine

Erschienen bei Gestalten, ca. CHF 25.–

young boys

Sarah Illenberger Artikel brauchen Bilder oder Illustrationen zur Veranschaulichung und Unterstützung von Geschriebenem. Sie visualisieren und erklären Texte und sorgen im Idealfall dafür, dass ein gelesener Inhalt durch ein Bild in Erinnerung bleibt. So ergeht es einem zumindest bei den 3DIllustrationen von Sarah Illenberger. Die Münchnerin, die am renommierten Central Saint Martins College in London Grafikdesign studiert hat, wandte nach ihrem Studium dem Computer den Rücken zu und besann sich auf die gute alte Handarbeit. Aus Papier, Karton, allen möglichen Bastelutensilien, Alltagsgegenständen, Pflanzen und Lebensmitteln bastelt und inszeniert Illenberger Illustrationen für Magazine wie Neon, die Süddeutsche Zeitung oder die New York Times oder sie gestaltet Kampagnen für Werbekunden. Ihre 3D-Arbeiten sind von Witz, überraschenden sowie trefflichen Assoziationen

Toyin Ibidapo – Cult of Boys Die Modefotografin Toyin Ibidapo, die schon für Dazed & Confused und Alexander McQueen arbeitete, widmet sich in ‹Cult of Boys› den schönen Jünglingen – mit androgynen Zügen, langen Haaren und hohen Wangenknochen. Über zehn Jahre fotografierte sie Freunde, Bekannte und Models bei sich zu Hause. Die Flüchtigkeit der Jugend und die körperliche Verwandlung der ‹Boys› faszinierten sie. Im echten Leben sind viele ihrer Models heute keine träumenden Jungs mehr, sondern Männer. Deshalb ist es Ibidapo 88

Franz Kafka – In der Strafkolonie Ähnlich absurd und tragisch-amüsant wie meine Annäherungsversuche an die holden Jungfrauen zu Schulzeiten waren die Geschichten von Kafka, die ich etwa zur gleichen Zeit zu lesen begann. Am eindrücklichsten in meine Erinnerung eingebrannt hat sich seine Erzählung ‹In der Strafkolonie›. Die Handlung ist schnell erklärt. Ein Reisender besucht eine Strafkolonie auf einer Insel. Dort wird ihm vom örtlichen Offizier und Richter ausführlich und voller Stolz eine Maschine erklärt und vorgeführt, die zur brutalen Folterung und Exekution von Verurteilten dient. Die Apparatur wurde vom inzwischen

verstorbenen alten Kommandanten entwickelt. Während der Offizier dessen Begeisterung teilt, scheint der aktuelle Kommandant wenig davon zu halten. Der Offizier fürchtet, dass die Exekutionen bald der Vergangenheit angehören könnten. Aus diesem Grund buhlt er um die Gunst des Besuchers und hofft darauf, dass dieser sich für die Maschine und das Verfahren einsetzt. Als der Reisende seine Meinung kundtut, kommt es zum blutigen Showdown. Erschienen beim Verlag Klaus Wagenbach, CHF 16,50

skull symbol

Faye Dowling – The Book of Skulls Ob auf der tollen Armspange von Alexander McQueen, den Plattencovern von Rock über Witchhouse bis Hip-Hop, auf den Anarcho-Fahnen beim Protestmarsch gegen Atomenergie – überall begegnet man Totenköpfen. Das hat heutzutage jedoch nichts Okkultes oder Religiöses mehr, Totenköpfe sind Teil unserer visuellen Kultur geworden. Auch die Bedeutung als Symbol für Rebellion und Anarchie, welche dem Totenschädel über die Rockmusik den Einzug in unsere urbane Kultur eröffnete, ist heute abgeschwächt. In ‹The Book of Skulls› wird die vielseitige Verwendung des Symbols (mit Bedeutung) oder des visuellen Stilelements in der zeitgenössischen Kultur vorgeführt. Darunter finden sich zahlreiche Kunstwerke aus den Bereichen Musik, Street Art und Grafikdesign.

dass dieses Werk von Fritz Lang ein Meilenstein der Filmgeschichte ist. Was ‹Metropolis› aber dieses Jahr umso empfehlenswerter macht, ist die Tatsache, dass vor drei Jahren in Buenos Aires eine Originalfassung gefunden wurde. Die zweieinhalbstündige Premierenfassung wurde damals von den Kritikern gehörig auseinander genommen, der Film für die Masse zurecht gebügelt und verschnitten. Der Nachwelt übrig blieb ein Flickwerk aus verschiedenen Szenen, was das Epos nicht unbedingt zu leichtem Unterhaltungsprogramm machte. Nun wurde das Werk jedoch neu aufgearbeitet, ist sogar als Blue Ray erhältlich, und anscheinend blieb nur eine Szene des Filmes in den Abgründen des Filmarchivs verschwunden. Vielleicht wird diese eines Tages auch noch gefunden und es gibt dann die finale Neuauflage. So lange kann sich der Filmgeschichtsliebhaber aber bereits mit dieser Version vergnügen.

Kino

börsenhaie

J.C. Chandor: Margin Call In einer Welt von Geldanlagen und Finanzspekulationen reicht ein kleiner USB-Stick aus, um Unheil zu stiften. Den bekommt der Risikoanalyst Peter Sullivan, gespielt von Zachary Quinto, von seinem gefeuerten Chef in die Hand gedrückt. Auf diesem kleinen Datenträger versteckt sich ein Finanzsystem, das seine Firma oder das gesamte Wirtschaftssystem in den Ruin treiben könnte. Da der Ball bereits am Rollen ist, stellt sich der Firma bald die Frage: Retten wir uns selbst oder den Weltwirtschaftsmarkt? Hier gelangt der Finanzthriller an seinen Spannungshöhepunkt und der Zuschauer muss sich mit der ethischen Frage des Selbstschutzes oder der Selbstlosigkeit befassen. Zugegeben, die Geschichte scheint nicht sehr komplex. Das Börsensystem ist es aber mit Sicherheit. Und das Thema der Spekulationen ist, wie wir wissen, höchst aktuell. Gerade das macht den ersten Spielfilm von J.C. Chandor interessant und wahrlich spannender und gruseliger, als man es vom Erzählungsaufbau her vermuten würde. Zudem ist Kevin Spacey mit von der Partie, was meist Gutes verheisst.

Ab 28.Oktober auf DVD.

menschenfresser

Jorge Michel Grau: We are what we are – Somos lo que hay Als der Vater einer Kannibalenfamilie stirbt, müssen die Kinder neue Nahrung suchen. Prostituierte schmecken der Mutter nicht, ein Sohn entwickelt eine Vorliebe für Schwule, die Tochter kämpft um den Familienthron. Währenddessen kommt die Polizei den Menschenfressern langsam auf die Spur. Obwohl der Film vorrangig vom Erbe einer Familie handelt, um den Kampf des Weitertragens eines Rituals in die nächste Generation, spritzt Blut, wird geopfert und gemetzelt, wie es in diesem Genre zum guten Ton gehört. Bei seinem ersten Spielfilm traute sich der Mexikaner Jorge Michel Grau mit dem Thema Kannibalismus an ein Tabu heran, das von diesem Filmgenre eher selten und so noch nicht dargestellt wurde. Doch trotz aller widerlichen Geräusche und Bilder bleibt die erschreckende Darlegung der menschlichen Abgründe mindestens ebenso dominant. Leere Traditionen, vorgehaltener Gerechtig-

Seit 6. Oktober im Kino.

DVD

meilensteine

Erschienen bei Laurence King Publishing, ca. CHF 15.–

Mit Technik, störrischen Computern und Kronleuchtern, die man verkabeln sollte, sind unsere Rezensenten Florence Ritter und William S. Blake restlos überfordert, aber sie sind ja ihres Zeichens Leseratten.

Fritz Lang: Metropolis Kritik über den Klassiker der Science-Fiction von 1927 zu äussern, ist wohl unangebracht. Es muss auch nicht erwähnt werden, dass der schwarz-weisse Stummfilm über die potentielle Zukunft in einer Grossstadt sehenswert ist. Oder 89

keitssinn der Behörden, Wahl- und Sinnlosigkeit bleiben dem Zuschauer sozusagen als übler Nachgeschmack auf der Zunge kleben. Ab 28.Oktober auf DVD.

marsmännchen

Sepp Strubel: Schlupp vom grünen Stern Im Vergleich zu Jim Knopf und Urmel stand Schlupp in der Garde der Kassenschlager der Augsburger Puppenkiste immer etwas abseits. Die ab 1986 produzierte Marionetten-Serie, die auf einem Kinderbuch von Ellis Kaut basiert, handelt von einem kleinen Roboter. Dieser Roboter namens Schlupp wird von dem grünen Stern ‹Balda 7/3› verbannt, weil er mit einem Fabrikationsfehler produziert wurde: einer Seele. Statt auf einem Müllplaneten landet Schlupp auf unserer Erde, ‹Terra 1›. Um ihn zu vernichten, wird Herr Ritschwumm von Balda ausgesandt. Währenddessen befreundet sich Schlupp mit einer alten Dame, einem Elektroinstallateur und einem Jungen. Und als Herr Ritschwumm und Schlupp sich dann treffen, wollen beide auf ‹Terra 1› bleiben. Schlupp ist eine der amüsantesten Serien der Augsburger Puppenkiste. Erstens, weil die Ausserirdischen mit ‹Star Trek›-Anzügen aus Filz herumwackeln, der futuristische Stil liebevoll an alte Zeiten erinnert und Schlupp dem Wesen von ‹R2D2› quasi entnommen sein könnte. Zudem ist auffällig, wie sehr die Geschichte dem erst im Jahre 2002 raus gekommenen Disney-Zeichentrickfilm ‹Lilo & Stitch› ähnelt. Bereits auf DVD erschienen.

Unsere Rezensentin Franziska von Stieglitz hält nicht viel vom Technik-Wahn des 21. Jahrhunderts und würde gerne ohne Maschinen leben. Bis auf ihren Laptop. Ihr iPhone. Und ihre Waschmaschine. Und ihr Auto …

Androids  landed on Postcards Wenn vor lieblich-altmodischer Kulisse süsse Aliens auf Figuren aus alten SciFi-Filmen und -Fernsehshows treffen, dann geht der italienische Illustrator Franco Brambilla seinen beiden grossen Leidenschaften nach: Science Fiction und 3-D-Gestaltung. Seine surrealistischen und lustigen VintagePostkarten zieren nicht nur zahlreiche Magazine, Blogs und Bücher, sogar Lucas Art (George Lucas’ Kreativfabrik) klopfte bei Brambilla an, um ihn als offiziellen Star Wars-Künstler zu verpflichten. Die künstlerische Freiheit gegen Hollywood-Ruhm einzutauschen, kam für ihn jedoch nicht in Frage, weshalb er weiterhin Kunst ‹made by a nerd for nerds› macht. kinki kunst

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Franco Brambilla

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schauplatz die besten adressen für kunst

Irgendwer tanzt immer aus der Reihe – vor allem in vornehmen Familien. So sträubte sich der Sohnemann eines bekannten Galeristengeschlechtes in London gegen Ölgemälde und ging seiner eigenen Leidenschaft nach. Und gründete eine der wichtigsten Galerien für zeitgenössische Fotografie in England – die Crane Kalman Brighton. Text: Franziska von Stieglitz

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righton liegt im Süden Englands am Meer. Und Brighton ist eine Studentenstadt. Nicht verwunderlich also, dass sich unter den Studentengruppen eine Hippie-Gesellschaft entwickelt hat. Hier tummeln sich Freidenker und junge Kreative und die Szene gilt als sehr viel gelassener und friedlicher als in der Metropole London. Wenig verwunderlich also, dass der Sohn einer bekannten Galeristenfamilie dem Traditionshaus in London den Rücken zuwendete und sich gegen Süden absetzte. Zwar war er mit klassischer Malerei aufgewachsen, sein Vater stellte Francis Bacon und Henry Moore aus, aber Richard Kalman stand der Sinn nach anderem. Während seine Geschwister besagten Familienbetrieb weiterführten, gründete Richard 2005 die Crane Kalman Brighton, eine Galerie, die sich auf zeitgenössische Fotografie spezialisiert hat. kinki schauplatz

aus Übersee. Durch die Zusammenarbeit mit einer amerikanischen Galerie ermöglicht die Crane Kalman Brighton Künstlern wie Jeff Divine, ihre Werke auszustellen, die woanders in England in keiner Galerie gezeigt worden wären. Hugh Holland, dem Skateboardfotograf, der sich mit seinem Bildband in Europa bereits einen Namen gemacht hat, wird ebenfalls dieses Jahr eine Ausstellung gewidmet. Somit zeigt sich die Galerie flexibel und im Vergleich zu vielen anderen Galerien offen für wirklich zeitgenössische Fotografie fern klassischer Kriterien. ‹Einmal›, erzählt Richard Kalman, ‹haben wir sogar einen Künstler ausstellen lassen, der mit seinem Portfolio einfach in die Galerie gelaufen kam›. Aber auch grosse Namen wie Terry Richardson oder Joseph Szabo oder der Brite Terry O’Neill finden mit ihren Werken Einlass in die Galerie. Höhepunkt der kom-

‹Einst wurde auf sie herabgeschaut, aber Fotografie ist schnell zur Kunst des 21.Jahrhunderts geworden. Sie ist am leichtesten zu sammeln. Die Einrichtung der Wohnungen hat sich verändert, der moderne Geschmackhat sich gewandelt und jetzt findet man Fotografien überall im Land an den Wänden von Wohnzimmern anstelle von klassischen Gemälden›, erklärt Kalman.

Von der Strasse in die Galerie Die Auswahl der Künstler, die von der Galerie ausgestellt werden, ist gross und überraschend vielfältig. Einerseits sind die besten Künstler der britischen Kunstschulen in einem jährlichen Showcase namens ‹Cream› vertreten. Andererseits sucht die Galerie ständig in Zeitschriften und anderen Ausstellungen nach Fotografen. Jeff Divine, der 70er-Jahre Surffotograf, ist einer der Neuzugänge 96

menden Monate sind zwei junge Fotografinnen: Shiho Kito, die durch ihre Teilnahme an der ‹Cream› 2010 bekannt wurde, und Ellie Davies, Gewinnerin der Millenium Images. Links: ‹Ahmedabad, India› aus der Serie ‹Pikari› der Künstlerin Shiho Kito. Rechts: Ellie Davis: ‹The Gloaming — 4› Crane Kalman Brighton 60 Rutland Gardens Brighton BN3 5PBl Öffnungszeiten: Montag bis Samstag 10 – 18 Uhr, Sonntag 11 – 17 Uhr Weitere Info unter cranekalmanbrighton.com

blok-club.ch

reo Youth, rocaroca & Naikles lu – visuals: les enfants Terribles

� Nov 2011

sa 19. subclub PreMiere 23 – 5h uK bass, Dubstep, House Deadboy (Numbers/london), Dubexmachina soundsystem (aka guyus & new.com), FrQNcY – visuals: bildstörung

schiffbaustrasse 3 8005 Zürich Fr 4. Der Zoo & Die Klubs 22 – 6h electro, Techno, House riton (ritontime, ed banger/london), live: Mondkopf (Fool House/Paris), The stereo Youth, Jimi Jules & luke redford, Abdel Hady, rocaroca & Dani Nydegger sa 5. sMAsH

FX vs. FucKiNg sTuPiD iDioTs

23 – 6h House, Techno smash FX, Fucking stupid idiots – visuals: bildstörung

Fr 11. THe PArTY 22 – 5h Disco, electro, House live: The Twelves (brasil), luke redford, Mannequine sa 12. KosTuMe AFTerPArTY 23 – 5h Disco, House, electro special guest, suivez & gentil, Abdel Hady – visuals: les enfants Terribles Fr 18. Killer 23 – 5h House, electro, Techno sound Pellegrino Thermal Team (sound Pellegrino/ Paris), smash FX (DiscoD & Tony smash FX), The ste-

Fr 25. bAlDAcHiN 23 – 6h House, Techno Adam Port (liebe*Detail, Keinemusik/berlin), Playlove, le citadin, Herr Müller – visuals: bildstörung sa 26 DiscoDusT 23 – 5h electro, indie Dance, Techno Punks Jump up (Kitsuné/london), The Whip DJ’s (southern Fried/Manchester), ryan riot, Naomi bowler – visuals: slutotronic (love electro/bozen)

vorschau: 3.12: Danger 9.12: canblaster 16.12: Marble Players 17.12: Zombie Disco squad

riton The Twelves sound Pellegrino Thermal Team Deadboy Adam Port Punks Jump up

Die Kralle

Der Greifautomat verkörpert den Konflikt des Menschen gegen die Maschine treffender als jedes andere Ding auf dieser Erde. Die Geschichte eines Kampfes. Text: Adrian Witschi, Illustration: Benedikt Rugar

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ean-Luc Godard wollte seinen Film ‹Alphaville› eigentlich lieber ‹Tarzan vs. IBM› nennen. Er hat es dann doch nicht getan, was schade ist, denn das wäre ein ausnehmend toller Titel gewesen. Der Film ist aber trotzdem gut und überdies behandelt er eine Thematik, welche die Menschheit seit der Industrialisierung zunehmend beschäftigt und beängstigt: In ‹Alphaville› kämpft der impulsive Privatdetektiv Lemmy Caution gegen die Maschine Alpha 60, welche die Science-Fiction Stadt Alphaville mit eiserner Logik regiert. Mensch gegen Maschine also, ein Konflikt, der auch nach Godards filmerischem Meisterwerk aus dem Jahre 1965 sowohl der Unterhaltungsindustrie als auch der Kunst immer wieder als Stoff gedient hat. Obschon der Mensch die Maschine eigenhändig erschaffen hat, scheint er sie dennoch mit einem gewissen Unbehagen zu betrachten. Eine Hassliebe gewissermassen, welche unweigerlich zu Spannungen führt. Nicht selten entladen sich diese Spannungen im Kampf. Frustrierte Fernfahrer stehen vor ihren Lastwagen und traktieren die Motoren mit unkontrollierten Schlägen auf den tropfenden

Vergeblich versucht unser Autor den Greifautomaten mit mathematischen Formeln in die Knie zu zwingen.

kinki report

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Zylinderkopf; übermüdete Sachbearbeiter beschimpfen den eigenwilligen Kopierer und versichern ihm, er sei eine kleine, dreckige Hure und wildgewordene Fruchtmixer häckseln genüsslich menschliche Finger in den SommerSmoothie. Die Möglichkeiten, den Kampf zwischen Mensch und Maschine zu verarbeiten, sind zahlreich. Eine der sicherlich besten Verarbeitungsstrategien ist die Umkanalisierung der Aggression auf eine spielerische Ebene. Ein bisschen wie in Fight Club, einfach ohne Schizophrenie, dafür mit Plüschtieren. Richtig, mit Plüschtieren! Es gibt nämlich eine Maschine, welche den ewigen Kampf der Menschen gegen ihre Maschinen gleichsam institutionalisiert und überdies in Spass umgewandelt hat. Diese Maschine ist voll mit niedlichen Plüschtieren und zudem bestückt mit einer erbarmungslosen Greifkralle, welche nach den flauschigen Delphinen und Spongebobpuppen giert. Jeder kennt die Maschine, sie stand unsere ganze Jugend lang auf Jahrmärkten und hat uns blamiert. Heute findet man sie meist auf Autobahnraststätten, neben dem Klo oder in grossen Multiplex-Kinoanlagen (ebenfalls neben dem Klo). Und während die meisten Menschen abschätzig lächelnd an ihr vorbeigehen, bleibe ich stehen, krame eine Münze hervor und stelle mich dem Kampf. Denn über all die Jahre habe ich eine Strategie entwickelt, welche unweigerlich zum Sieg führt.

Mathematische Wirren

Aller Anfang ist schwer, dieses abgedroschene Bonmot gilt leider auch im Bezug auf den Kampf gegen den Greifautomaten. Als ich vor einigen Jahren begann, intensiv und regelmässig mit der eisernen Kralle nach Stofftieren zu fischen, lief es anfänglich nicht sonderlich gut. Ich vermochte die Kralle zwar stets so zu positionieren, dass sie die anvisierten Tiere und Figuren umklammerte, jedoch nie nach oben hieven konnte. Der Elefant blieb am Eisbären hängen, die Maus riss die Kuh zurück und Captain Jack Sparrow

Er fertigte eine Skizze an und formulierte eine Formel, welche unweigerlich zum Sieg führen sollte. krallte sich erfolgreich an einer pinkfarbenen Babywalflosse fest. Ich witterte eine Verschwörung, besann mich auf meine wissenschaftliche Ausbildung und fasste den Entschluss, dem Kasten durch ausgiebige Studien seiner Eigenheiten den Garaus zu machen. Glücklicherweise teilte ich mir zu der Zeit die Wohnung mit einem mathematisch äusserst begabten jungen Mann, welcher mittlerweile als Nationalökonom Wirtschaftsräume berechnet. Ich bat ihn, mir eine mathematische Analyse des Kastens zu erstellen. Er fertigte eine Skizze an und formulierte eine Formel, welche unweigerlich zum Sieg führen sollte. Würde ich mich

beim Spielen an diese Formel halten, meinte er, so könnte ich nicht mehr verlieren und meine Gewinnquote würde unmittelbar bei 100 Prozent liegen. Vorfreudig steckte ich den Zettel in meine Hosentasche und fuhr zu meinem Lieblings-Greifautomaten auf der A3, kurz nach Sargans. Ich stellte mich vor den Automaten, entfaltete den Zettel mit der Siegesformel und erblickte einen Haufen wirrer Zeichen.

Die Formel

‹max› klang gut und ‹V› verstand ich auch noch, viel mehr konnte ich aus der Formel aber leider nicht rausholen. Verzweifelt rief ich meinen Mitbewohner an und bat ihn, mir das Ganze zu erklären. Das tat er dann auch, gab aber nach zwanzig Minuten erschöpft auf und verabschiedete sich mit den Worten ‹mathematisch gesehen ist bei dir wirklich Hopfen und Malz verloren›. Niedergeschlagen steckte ich den Zettel weg, warf ein Zweifrankenstück in den gelben Kasten und versuchte mich an einem kleinen Schneeleoparden, der aus unerklärlichen Gründen einen grünen Kapuzenpullover trug. Wieder nichts. Die Kralle vermochte das Tier erneut nicht aus der grossen Stofftiermasse zu befreien. Ich trat verärgert gegen den Kasten, verliess die Raststätte und fuhr nach Hause.

Kasten-Krise

Aufgeben wollte ich zu dieser Zeit aber keinesfalls. Es musste einen Weg geben, wie man den Kasten langfristig besiegen konnte. Die mathematische Analyse hatte versagt, also entschied ich mich, bei einem Greifautomatenbetreiber anzurufen und direkt nach Spielstrategien zu fragen. Während Wochen versuchte ich vergeblich, die Firma MRC Spielautomaten AG in Kilchberg zu erreichen. Ich sprach ihnen aufs Band und fragte, von wem und wie die Greifautomaten gestopft würden? Mir sei mittlerweile klar, dass es von der Dichte der Stofftiermasse abhänge, ob man an einem ihrer Automaten erfolgreich sei oder nicht. Daher würde ich gerne wissen, ob es so etwas wie Fairplay-Vorschriften bezüglich dieser Dichte gäbe. Vielleicht vom Spielautomatenkonsumenten Verband Schweiz oder einer ähnlichen Institution? Wenn das nämlich alles zu dicht gestopft sei, dann hätte man ja eh nie eine Chance ein Stofftier raus zu fischen und das wäre dann gewissermassen ein unfairer Kampf und ich nähme nicht an, dass sie mit unfairen Mitteln kämpfen möchten! Leider blieb die Kommunikation stets sehr einseitig und ich erhielt nie einen Rückruf. Ich schrieb Briefe, die nie beantwortet wurden und spielte mit dem Gedanken ein Farbattentat auf den Geschäftssitz der Betreiberfirma zu verüben. Mein Umfeld begann sich Sorgen zu machen und von verschiedenen Seiten wurde mir empfohlen, nicht nur die Durchführung des Attentats zu unterlassen, sondern allgemein die Sache mit den Greifautomaten doch einfach zu vergessen. Ich fuhr nun fast täglich zu einer Raststätte und verspielte Unsummen von Kleingeld. Hin und wieder gelang es mir zwar, eine der Plüschfiguren aus dem Automaten zu entführen, doch das Verhältnis zwischen eingeworfenen Münzen und ergatterten Stofftieren war in keinster Weise 99

zufriedenstellend. Ich schien den Kampf gegen die Maschine zu verlieren und die Erkenntnis dieser Tatsache trieb mich in eine schwerwiegende emotionale Krise.

Hilfsgüter aus Indien

Nachdem ich mein Zimmer während Wochen nicht verlassen hatte, organisierte meine besorgte Mutter ein Treffen mit einem entfernten Bekannten der Familie, welcher die letzten fünfzehn Jahre vorwiegend als Yogi durch Indien gereist war. Der hätte immer so gute Ratschläge, meinte sie und wir sollten doch mal zusammen ins Kino gehen. Ich willigte ein, bat sie aber, ihm nichts von den Greifautomaten zu erzählen, das sei mir peinlich und er würde es ja doch nicht verstehen. Sie versprach, den Mund zu halten und ich ging mit dem Bekannten ins Kino. Wir schauten uns ‹Cowboys & Aliens› an. Als der Film fertig war, mussten wir beide aufs Klo und auf dem Weg dorthin passierten wir eine Reihe leuchtender und lärmender Greifautomaten. Der Bekannte drehte plötzlich ab und lief zielstrebig auf die Automaten zu. Ich schluckte leer und folgte ihm. ‹Kennst du diese Maschinen?› rief er freudig und klaubte eine Münze aus seiner Hosentasche. Ich nickte, legte die Stirn in Falten und lächelte angespannt. ‹Ich liebe die Dinger›, sagte er, ‹die sind wie das Leben›. Ich verstand nicht, glotzte auf den Kasten und sah zu, wie der Bekannte die Kralle über einem hässlichen, violetten Würfel platzierte, der oben auf der Plüschtiermasse auflag. ‹Man muss einfach das nehmen, was einem der Kasten anbietet›, die Kralle senkte sich, schnappte den Würfel und brachte ihn unversehrt zum Ausgabeschacht ‹und nicht das, was man vom Kasten will›, fügte der Bekannte hinzu und nahm den Würfel aus dem Schacht. ‹Wenn man sich daran hält, kann man nicht verlieren. Das ist doch ein bisschen wie im Leben, nicht?› fragte er und strahlte mir ins verdatterte Gesicht. Er drückte mir den Würfel in die Hand und lief zum Klo. Ich folgte ihm mit nachdenklich gesenktem Kopf.

Sieg ist Sieg

Man kann über indische Lebensweisheiten und hinduistischen Gleichmut denken, was man will, aber im Bezug auf den Kampf mit dem Greifautomaten scheinen sie vorzüglich zu funktionieren. Seit dieser Begegnung mit dem Bekannten habe ich mein Greifautomatenspielverhalten vollständig geändert. Ich durchforsche die Automaten nicht mehr nach Dingen, die ich haben will, sondern nach Figuren und Tieren, welche die Kralle mit Sicherheit ergreifen kann. Ich habe seither nie wieder eine leere Kralle zur Frontscheibe eines Greifautomaten zurückkehren sehen. Zumindest nicht, wenn ich selbst am Kasten stand. Natürlich, da sind nicht immer tolle Spongebobs oder dicke Uhren an grossen Ziegelsteinen in der Kralle, sondern auch mal hässliche, kleine Plüschherzen mit Totenkopfmotiven oder seltsame goldene, fischähnliche Wesen aus höchstwahrscheinlich hochgiftiger Synthetika. Aber, und dies ist einer der wenigen Momente, in denen man es mit den Worten eines Fussballers halten kann und sollte: ‹Sieg ist Sieg und basta›.

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© Daniel & Geo Fuchs - FORCES - daniel-geo-fuchs.com

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internationale beziehungen städter sind netter

Der beste Städtetrip ist nur halb so spannend ohne die wertvollen Tipps der Einheimischen oder Hängengebliebenen. Diesen Monat haben wir die Fashion-Redaktorin Noémie Schwaller in East-London besucht. Fotos: Manuel Bischof

Canal at London Fields Park

Meine Joggingroute in London ist aufgrund der Topografie nicht ganz so anstrengend wie in Zürich. Dafür winken mir die Kiffer auf den Hausbooten am Kanal zu. Und wenn ich Glück habe, sehe ich den einen oder anderen Schosshund ins Wasser fallen. Gleich nebenan liegt der sympathische Broadway Market und der London Fields Park, dessen Strassengang die berüchtigtste der Stadt und dessen Grünfläche bei warmen Temperaturen von Wurst-Rauchschwaden überzogen ist, der die ganzen Hipsters, die dort rumhängen, einnebelt. The Place to be. Auch wenn’s im Winter eher wie ein karges Fleckchen Dreck aussieht. Adresse: London Fields Park, Hackney

London Fashion Week

Jede Saison wieder lockt die London Fashion Week. Verrücktheit überkommt die Stadt: Shows after Shows, kein Schlaf, dafür gute Leute, viel zu sehen, Fussschmerzen, Produktivität, Champagner und ungesundes Essen. I like. Adresse: Somerset House und diverse Orte

Coffee ohne Shop

Wenn nicht gerade die Fashion Week ruft, arbeite ich am liebsten in einem netten, ruhigen Café ohne Durchzug, aber mit funktionstüchtigem W-LAN. Und das ist in dieser Gegend gar nicht so einfach zu finden. Meine meist frequentierten Cafés sind das ‹Tina We Salute You›, das ‹Betty’s› und das ‹Violet› in Dalston. Alle touristisch unberührt, sind sie eine Oase im hektischen Stadtgewühl, vermitteln ein bisschen Dorfgefühl. Adressen: Betty’s Coffe, 510b Kingsland Road, E8 4AE / Violet Cakes, 47 Wilton Way, E8 3ED / Tina We Salute You, 47 King Henry’s Walk, N1 4NH

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Obwohl es nie ihre Traumstadt war, lebt die 30-jährige Fashion Editorin seit gut einem Jahr im Osten Londons. ‹Hier ist es noch rough aber hip und trotz aufkommender Gentrifikation sehr spannend. Besonders geniesse ich die Abwesenheit von Touristen und Essensketten›. Die seltenen Momente des Sonnenscheins verbringt Noémie am liebsten auf dem Dach vor ihrer Küche. ‹Hier oben ist der perfekte Ort um eine urbane Snack-Attacke einzulegen.› Neben diversen Print- und Onlinemagazinen schreibt Noémie vor allem für den Blog ‹Styleclicker›. Zudem ist sie Editor in Chief von ‹Dash›, einem neuen Mode Magazin, das im Februar 2012 zum ersten Mal erscheinen wird.

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Bildbearbeitung ellin.anderegg@kinkimag.ch vanessa.amato@kinkimag.ch Fotografie Manuel Bischof, Tobias Faisst, Daniel&Geo Fuchs, Rachel de Joode, Christoph Köstlin, Todd McLellan, Sarah Maurer, Ali Richards, Noémie Schwaller, Andi Speck, Daniel Tischler

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Illustration Beni Bischof, Franco Brambilla, Matt Furie Andy Denzler, Benedikt Rugar, Patric Sandri, Hajime Sorayama, Lionel Williams

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foto des monats Ein klassisches Stell-dich-mal-dahin Foto des neuen kinki Lektors Florian Biedermann − aufgenommen in seinem völlig unverdienten Urlaub in New Orleans. Wenn er sich nicht gerade neben Plastiken von Robert Indiana stellt oder orthographische Fehler in kinki Texten sucht, trainiert er aktiv wie passiv die berüchtigte Bochumer Fussball-Freizeitliga Mannschaft FC Porno Villa oder sammelt PrivatDias aus Haushaltsauflösungen, die er zu sonderbar-grotesken Diashows verarbeitet.

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kinki magazin - #40