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Forbidden Colours

Ein Dreamland voller Farben, Schmuck und Mode für Pocahontas und Harlekins: Die Mode- und Kunststudentin Anna Wegelin kann nicht still sitzen und künstlerische Pausen einlegen. Um sich und a­ ndere mit ihren verträumten Kreationen zu umgeben, de­signt und produziert sie unermüdlich, statt vor sich hin­zuträumen. Text und Interview: Florence Ritter

B

eflissene, ständig werkelnde Kunst- und Modestudenten gab es vermutlich schon immer, denn Geschäftigkeit und die kontinuierliche Suche nach kreativen Ausdrucksmöglichkeiten zeichnen einen Künstler aus. Nichtsdestotrotz war das ambitionierte Schaffen junger Kreativer selten so sichtbar wie heute. Viele präsentieren ihre Fotografien, Kleider, Bilder oder Illustrationen auf Twitter, MySpace oder den wohlgestalteten Websites ihrer Labels, so dass ältere Generationen der Kreativbranche schon mal vor Neid erblassen. Zumal die Entwicklung der virtuellen Ausstellung auch in wirtschaftlicher Sicht die Möglichkeiten erweitert hat: Junge resolute Schaffende – mitunter auch kleine Genies – können nicht nur ihre Werke darlegen, sondern sie ebenfalls in absatztauglicher Form veräussern, zum Beispiel als Kunstdrucke, Kleider, Acessoires oder bedruckte Taschen. Das Internet gewährt also einer Horde von aufstrebenden Künstlern eine Ausstellungsfläche, die jeden Galerieraum in die Ecke stellt und einen realen Marktplatz besuchermässig alt aussehen lässt. Schon während der Ausbildung kann so die Tribüne des Kunst- und Modemarkts bestiegen werden, um erste Erfahrungen und vielleicht auch Ruhm zu sammeln. Darüber freuen sich natürlich nicht nur die Schöpfer, sondern auch die Perlentaucher, die dadurch an ‹relativ› günstige, künstlerische Objekte, Mode- und Schmuckstücke gelangen.

Welcome Die Website von Anna Wegelin gehört zu eben diesen Perlen, die sowohl dem funktional-professionellen als auch dem künstlerisch-ästhetischen Anspruch gerecht werden. Daneben führt Anna zudem einen Blog, auf dem sie Arbeitsprozesse dokumentiert und persönliche Inspirationen festhält. Der kleine Online Store lotet zuletzt den wirtschaftlichen Aspekt des Internets aus. Doch sind es die Kollektionsbilder, welche den Besucher sogleich in ihren Bann ziehen: die grünen Augen des Models, das unseren Blick auf der Homepage einfängt. Freistellerbilder sind von gestern und werden nur noch pragmatisch für den Online Shop verwendet: Mode- und Designstücke werden 68 kinki

heute inszeniert wie eine Fotostrecke in einem Modemagazin. Das verlangt den angehenden Künstlern und Designern weiteres Geschick ab, welches sie ohne weiteres mit Engagement und dem ein oder anderen hilfreichen Freund (ebenfalls in kreativer Ausbildung) bewältigen: Fotografie-, Layout-, Styling- und PR-Fähigkeiten werden gleichzeitig an den Tag gelegt, als wäre dies eine Selbstverständlichkeit.

Anna Wegelin: Obwohl man während des Studiums schon viel zu tun hat, gibt’s immer noch genügend Zeit, um an anderen Projekten zu arbeiten. Für mich ist die Umsetzung ­meiner Kreativität jedoch keine Frage der Zeit, da verzichte ich lieber mal auf Schlaf und illustriere stattdessen, schreibe für meinen Blog oder denke mir irgendwelche verrückten ­S achen aus.

Collections

Wie finanzierst du deine Kollektionen? Da ich die Website, die Stoffe, die Ketten und eigentlich auch sonst alles selber mache, sind meine Ausgaben noch sehr gering. Ich finde es sowieso geiler, aus Nichts etwas zu machen.

Zu Anna Wegelins Designs zählen eine Modeund eine Schmuckkollektion, erstere war Teil ihrer Zwischenprüfung, letztere entstand laut Anna aus Lust und Laune und kann heute auch erworben werden. Dies ist natürlich erst der Anfang, sogar ein verfrühter, schliesslich beendet Anna erst nächstes Jahr ihr Studium an der Akademie für Mode und Design in Hamburg. Die ledernen Fringe-Ketten ihrer Kollektion ‹fokahontas› treffen genau den Nerv der Zeit. Die Kollektionsbilder zeigen das Model umschlungen von einem Zähne fletschenden Wolfspelz, der eine ebenso wichtige Position wie die Ketten einnimmt. Die Bilder sind schöngeistig und ästhetisch inszeniert, das Model strahlt Wildheit und Entschlossenheit aus – ganz wie die Designerin selbst. Die Kollektion ‹forbidden colours› schlägt sanftere Töne an und ist aus einer Empfindlichkeit der Designerin gegenüber der monotonen, grauen Welt entstanden. Affektiv hantierte sie mit weisser Seide, die sie in Farbkessel eintauchte, worauf des Stoffes Farbigkeit wie ein Schrei der Befreiung durch die Eintönigkeit hallte. Daraus schneiderte sie Kleider mit Puffärmeln, Leggins, ein Sakko und Shorts, die sie wiederum im Hinblick auf die bestmögliche Präsentation lieblich und verspielt im Wald ablichtete.

About me Um mehr über die Designerin, ihre Arbeit und das Selbstverständnis ihrer Generation zu erfahren, haben wir Anna Wegelin ein paar Fragen gestellt.

Wie geht es nach dem Studium weiter? Ich habe da schon klare Vorstellungen be­ züglich meiner Zukunft. Obwohl man nie weiss, wo das hinführt, werde ich versuchen, mich selbständig zu machen. Eigentlich bin ich ja schon selbständig, jedoch möchte ich die Geschichte auf ein anderes Level heben. Du stammst aus Kasachstan. Hat dich dein Geburtsort in irgendeiner Weise geprägt? Was hast du heute für ein Verhältnis zu deiner Heimat? Mein Heimatland hat mich sehr geprägt – quasi von Kopf bis Fuss – sowie auch meine ­russischen Wurzeln. Die Hälfte meiner Fa­milie lebt dort. In meiner neuen Kollektion wird man die innige Verbindung, die ich zu diesem Land hege, und meine Wurzeln deutlich erkennen können. Du führst einen eigenen Blog? Ist das die Zukunft oder eine Modeerscheinung? Mein Blog ‹Lachsbroetchen› ist für mich, neben der Mode, ein weiteres Medium, um mich auszudrücken. Weit entfernt vom Unistress, einfach eine andere Welt. Die Bedeutung von Blogs wird meiner Meinung nach in der Zukunft definitiv noch zunehmen. Unkontrollierte Meinungen, blitzschnelle News, sehr kreative Köpfe, denen sonst kein Gehör geschenkt wird – das macht dann schon so einiges aus. Fotos: Anna Wegelin

kinki magazine: Hast du neben deinem Studium überhaupt noch Zeit, kreativ zu sein?

Weitere Info unter annawegelin.com und lachs­broetchen.blogspot.com.


kinki magazin - #21