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Ausgabe 3/2011

Kitty Daisy & Lewis Friska Viljor Little Dragon Retro Stefson Mirrors The Wombats Thomas Dybdahl

Encore, 足Maestro! The Unspeakable Chilly Gonzales

Vorhang auf... … für die dritte E-Paper Ausgabe von ­FastForward Magazine! Die Urlaubszeit steht vor der Tür. Habt ihr alle eure Koffer schon gepackt? Kleiner Tipp: Vergesst auf keinen Fall eure iPads, Netbooks und co! Denn unsere aktuelle Ausgabe ist wieder so vollgepackt mit spannendem L ­ esematerial, das kann man auf diese Weise ganz wunderbar an Stränden, in ­Liegestühlen und Hängematten genießen. Als uns die Nachricht erreichte, unser aller liebstes Musical Genius Chilly Gonzales­ habe bereits 10 Monate nach seinem letzten­ Album „Ivory Tower“ ein neues Werk am Start, haben wir uns direkt die Hände gerieben – darüber mussten wir natürlich mit ihm reden! Denn bei „The Unspeakable Chilly Gonzales“ handelt es sich tatsächlich um ein komplett orchestrales Rap-Album. Klingt abgefahren? Ist es auch! Ganz dem Retro-Trend verschrieben haben sich nicht nur Kitty, Daisy & Lewis, zu denen man inzwischen nicht mehr viel sagen muss, sondern auch die Jungs der­­britischen Band Mirrors. Bei denen ist die Zeit zwar etwas später, nämlich in den elektronischen Achtzigern stehen geblieben, aber auch hier ist Konsequenz auf ganzer Linie angesagt. Zwei sehr unterschiedliche, aber ebenso spannende Begegnungen.

Wie singen Thomas und Annika so schön in Pippi L ­ angstrumpf: „Hier kommen die Schweden mit Krach und Radau!“ Wir freuen uns, für diese Ausgabe zwei unserer (sehr unterschied­lichen) Lieblings-Acts aus ­Astrid Lindgrens Heimat getroffen zu haben: Little Dragon und Friska Viljor haben mit uns geplaudert. Mit Friska Viljor haben wir sogar angestoßen. Aber lest selbst... Und da wir natürlich selbst schon ordentlich in Urlaubslaune sind, sind wir einfach ein klein wenig verreist. Wir waren in Island auf der Reykjavik Music Mess und haben euch jede Menge Musik mitgebracht. Was wir dort erlebt haben, und wie ihr in den Genuss ­unseres exklusiven Mitbringsels ­kommen könnt, lest ihr hier. Außerdem haben wir die isländische Band Retro Stefson­ getroffen, und wer die noch nicht kennt, sollte das schnellstens nachholen! Außerdem mit von der Partie sind K atzenjammer, Thomas Dybdahl und ­ The Wombats. Wenn das nicht reichlich Lesestoff ist! In diesem Sinne... sonnige Grüße und viel Vergnügen! Euer FastForward Team Editorial

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16 Kitty Daisy & Lewis: Familienportrait

58 Encore, ­Maestro! The Unspeakable Chilly Gonzales

26 Milch statt Bier: AnstoĂ&#x;en mit Friska Viljor

Editorial tzenjammer 6 Sketchbook mit Ka Fisker 10 Mixtape mit Marie haustour: 12 Jägermeister Wirts … r ite we ht ge lt Der Ku s: wi Le & 16 Kitty, Daisy Familienportrait ttentellern: 22 Frisch auf den Pla r Boys nio Ju y, rph Peter Mu s, Digitalism Fitz & The Tantrum 3

36 Haben keinen Plan: Little Dragon

Milch statt Bier: a Viljor Anstoßen mit Frisk d auf 32 Zu Gast in Islan Mess der Reykjavik Music n: Little Dragon 36 Haben keinen Pla

26

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Retro Stefso n: Musik au s Island. The Mirrors : Ehrliche So ngs im Ach tziger Gewan 58 Encore, d Maestro! The Unspeak able Chilly Gonzales 66 Flucht nach vorn: T he Wombats 72 Neu im Lichts Mr. Poppers pielhaus: P The Way Bac inguine k Alles kosche – Der Lange Weg r! – The Infid Company M el en 76 Freiluf tkino spezia l 78 Thomas Dybdahl: Barfuss im Park 83 Impres sum 50

66 Flucht nach vorn: The Wombats

Katzenjammer

Es sollte ein ganz normales Interview werden. Schließlich sind Anne Marit, Marianne, Solveig

de w und

Turid nicht nur als die Band Katzenjammer, sondern auch als äußerst gesprächig bekannt. Aber leider hatte Solveig an jenem Tag ­ aufgrund einer Stimmbandentzündung vom Arzt striktes Sprechverbot erteilt bekommen, was die Arme sichtlich unglücklich machte - schließlich sei sie doch, wie Marianne uns erklärte, diejenige des Vierergespanns, die sonst am meisten rede. Und damit Solveig sich bei unserer Unterhaltung nicht allzu ausgeschlossen fühlte, nahmen die Damen Katzenjammer kurzerhand die Stifte in die Hand und zeichneten jede für uns ein Portrait ihres derzeitigen Gemütszustandes. Und diese Bilder sagen mehr als tausend Worte!

Tourdaten

(präsentiert von FastForward Magazine):

09.11.2011 München, Muffathalle 10.11.2011 Berlin, Columbiahalle 11.11.2011 Köln, E-Werk 18.11.2011 Magdeburg, Altes Theater 21.11.2011 Hamburg, Grosse Freiheit 36

Sketchbook: Katzenjammer

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Marianne

Anne Marit 8

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Sketchbook: Katzenjammer

Solveig

Turid

Sketchbook: Katzenjammer

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10 | Marie Fisker

Marie on Holiday by Marie Fisker

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Profession: Musikerin Aktuelle EP: "Mirror Mirror Mirror Mirror", erschienen am 10.06.2011

Songs fĂźr den Urlaub

1. Give Me a Smile

1:54 Sibylle Baier

2. Too Old to Die Young 4:52 Timber Timbre

3. Si Tu Reviens Chez Moi 2:21 Les Quitriche La RĂŠcolte

4. Vertrauen 3 2:21 Tindersticks

5. Atomic Bongos 2:21 Lydia Lunch

Marie Fisker

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R E T S I E M R JÄGE S U A H S T R I W R TOU

Zu einem unserer­ ­Lieblinge unter den zurzeit zahlreich­stattfindenden Musikevents hat sich seit Beginn des ­Jahres eindeutig die ­Jägermeister Wirtshaus Tour entwickelt. Schon beim ersten Tourstop in Berlin stauten sich die Feierfreudigen vor den Türen. Kein Wunder, denn das Konzept ist so einfach wie genial: 12 | Jägermeister Chilly Gonzales Wirtshaus Tour

Angesagte Acts aus der Electro-Szene spielen an Orten, an denen normalerweise geruhsame Gemütlichkeit herrscht: Kneipen, Wirts- und Brau­häuser werden auf diese Weise in Windeseile zum Kochen gebracht. Hinzu kommt, dass es bei der Jägermeister Wirtshaus Tour grundsätzlich keinen Backstage Bereich gibt. Vor und nach dem Konzert mischen die Künstler sich unter das Volk, um mit ihren Fans zu trinken, zu feiern und Kneipenspiele zu spielen. Das macht offensichtlich nicht nur den Fans Spaß, denn das Line-Up der bisher dabei gewesenen liest sich wie das Who-Is-Who der internationalen Electro-Szene: We Have Band, The Subs, Proxy, Tom Deluxx und Frittenbude – sie allen waren schon dabei wenn es darum ging, die Holzvertäfelungen zum Krachen zu bringen.

R E T I E W T H E G T L U K R E D ... Nach Berlin, Köln und Frankfurt war im Mai Stuttgart an der Reihe. Und das Line-Up für Tourstop Nummer vier stellte eindeutig alles in den Schatten. Neben den großartigen Bag Raiders aus Australien, die ihre unnachahmliche Mischung aus melancholischen Vocals, treibenden Beats und poppigen Synthies präsentierten, gab sich im traditionsreichen Calwer Eck Bräu die unangefochtene Queen of Electro Clash, ­niemand anderes als die grandiose Peaches die Ehre! Und wie auf den Fotos zu sehen ist, hatten Peaches und Fans jede Menge­ Spaß – das Schwabenland stand Kopf ! …

Da nach der Wirtshaus Tour bekanntlich vor der Wirtshaus Tour ist, steht im Juli bereits das fünfte Event des Jahres an. Soviel sei vorab versprochen: Es wird heiß in Nürnberg! Während draußen der Sommer mit knackigen Temperaturen wartet, gibt es in der Lederer­Kulturbrauerei nicht m ­ inder knackige Beats auf die Ohren. Mit dabei sind Totally Enormous Extinct Dinosaurs, D.I.M. und das lokale DJ-Kollektiv Optimus Maximus.

Jägermeister Wirtshaus Tour

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Wenn dir jemand als Kind vorhergesagt hättet, dass du als Erwachsener auf einer Bühne stehen wirst, einen Indianerkopfputz trägst und von Tänzerinnen in Dinosaurierkostümen umringt bist – was hättest du gesagt? _ „Cool, du kannst in die Zukunft sehen!“,

wahrscheinlich. Ich bin sehr glücklich mit meiner derzeitigen Situation.

7 fragen an totally enormous extinct dinosaurs Du wirst am 7. Juli im Rahmen der Jägermeister Wirtshaustour in der Lederer Kulturbrauerei in Nürnberg spielen. Was war bis dato der ungewöhnlichste Ort, an dem du bis dato live gespielt hast? _ Wir haben einmal mitten in einem Wald

auf einer Insel vor Wales gespielt, das war sehr schön. Ich bin mir sicher, ich habe schon an ungewöhnlicheren Orten gespielt, aber… ich kann mich nicht erinnern. Was denkst du sind die Elemente einer guten Live-Show? _ Ich versuche, darüber nicht so viel nach­

zudenken, aber ein bisschen Gefahr und Überraschung sind gut – ich sollte ein bisschen gefährlicher sein… Du scheinst eine Leidenschaft für ungewöhnlichen Kopfschmuck zu haben. Was ist die erste Kopfbedeckung aus deiner Kindheit, an die du dich erinnerst? _ Es gibt eine Zeichnung, die ich von mir

für die Schule gemacht habe, als ich sieben war. Darauf trage ich eine Sonic the Hedgehog Kappe mit passendem Trainingsanzug. Ziemlich kess. Da wir gerade über Kindheit reden. 14 | Jägermeister Wirtshaus Tour

Du hast bereits ein paar EPs und gerade deine wunderbare neue Single „Trouble“ veröffentlicht. Wann können wir mit einem Album rechnen? _ Ich hoffe nicht lang, nachdem ich es fertig

habe. Das ist ehrlich gesagt alles, was ich sagen kann. Aber es ist nicht in weiter Ferne. Wem würdest du richtig gerne mit einem Remix eines deiner Songs beauftragen? _ Jemand wie Shep Pettibone oder Jam and

Lewis.

Was ist zurzeit dein persönliches Lieblingsalbum? _ Ich mag das neue Gang Gang Dance

Album und "Straight from the heart" von Con Funk Shun. Mehr Infos gibt es unter: www.das-wirtshaus.de facebook.com/das-wirtshaus.de

Nicht vergessen: Auch für dieses Event gibt es die ­begehrten Tickets wieder­nur zu ­gewinnen! Anmeldung unter www.das-wirtshaus.de oder direkt bei uns! Wir haben für euch 1 x 2 Tickets reserviert. Um diese zu gewinnen schreibtuns eine Mail mit dem Betreff „Jägermeister Nürnberg“ an gewinnen(at)fastforward-magazine.de.

Viel Glück!

Foto: Jens Herrndorff

VIDEOINTERVIEW MIT RA RA RIOT HTTP://WWW.YOUTUBE.COM

K

itty, Daisy & Lewis Durham, das Geschwister-Trio aus London, fasziniert nicht nur durch seinen konsequenten RetroStyle, sowohl optisch als auch musikalisch, sondern auch durch seine Familienbande. Bei ihren Live-Auftritten werden die drei sowohl von Mutter als auch Vater auf der Bühne unterstützt, Vater Graeme Durham an der Gitarre und Mutter Ingrid Weiss am Kontrabass. Die Frage, wie man so viel geballte Familienpower auf die Dauer aushält, mag mit Sicherheit diejenige sein, die den Geschwistern am häufigsten in Interviews gestellt wird.

Und inzwischen bereits ein zweites. Hattet ihr andere, oder auch höhere Erwartungen an euer zweites Album? _L: Wir wussten nicht wirklich, was wir taten.

Ihr seid ja mit Musik aufgewachsen. Überall im Haus Instrumente, die ihr nach Herzenslust spielen durftet. Was waren eure Berufswünsche als Kinder? Oder wolltet ihr schon immer Musiker werden? _Lewis: Dass wir Musiker geworden sind

Im Gegensatz zu eurem ersten Album gibt es auf „Smoking In Heaven“ keinen einzigen Coversong. _D: Wenn man seine eigenen Songs schrei-

war eher ein Zufall. Es war nicht so, dass wir es geplant hatten und deshalb eine Band gegründet haben, wir sind einfach damit aufgewachsen, Musik zu machen, ganz natürlich. _Daisy: Wir dachten immer, dass wir irgendwann normale Jobs machen würden, keiner wusste, dass wir als Band enden würden. Ich wollte immer Maskenbildnerin werden. Oder einfach in einem Büro arbeiten (kichert). _L: (zu Kitty) Du wolltest immer Ägyptologin werden. _Kitty: Ja. Irgendwann wollte ich auch ­Erfinderin werden, aber meine einzige Erfindung war eine Frosch-Leine (Gelächter). _L: Ich wollte Archäologe werden. Aber dann habt ihr einfach mal ein ­Album aufgenommen. _L: Ja.

Irgendwann, als wir die Songs geprobt haben waren wir an einem Punkt, an dem wir sie einfach nur scheiße fanden. Wir wollten direkt aufgeben und nicht mehr weiter proben. Viele der Songs wurden aufgenommen, während wir sie geprobt haben. Ich glaube, wenn wir sie jetzt noch einmal aufnehmen würden, würden sie viel besser werden. Wir waren ziemlich unter Druck und wollten es einfach fertig kriegen. Jetzt, da wir sie ein paar mal auf der Bühne gespielt haben, haben sie mehr Form angenommen.

ben kann, gibt es irgendwann keinen Grund mehr, alte Songs zu covern. Der Grund, warum auf dem ersten Album hauptsächlich Coversongs waren ist, dass wir damit aufgewachsen sind, diese Songs zu spielen. Wir wussten, wie man sie spielt und es war die erste Idee, die uns kam, als wir uns daran gemacht haben, ein Album aufzunehmen. Beim neuen Album hatten wir ein bisschen Angst, weil im Vergleich zum ersten so viele neue Stile drauf sind. „Messing With My Life“ zum Beispiel hat einen völlig anderen Vibe. Mal sehen, wie es funktionieren wird. Euch live spielen zu sehen ist eine wahre Freude. Ihr seid alle drei Multi­ instrumentalisten, bei jedem Song ­werden quasi die Instrumente neu verteilt. Habt ihr jeder ein Instrument, dem ihr euch besonders verbunden fühlt?

Kitty, Daisy & Lewis

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_D: Sie sind alle anders. Es hängt sehr davon

ab, in welcher Stimmung du bist. Wenn ich nicht müde bin und viel Energie habe, liebe ich das Schlagzeug. Aber wenn ich eher etwas faul bin, mag ich es, gemütlich auf dem ­Klavier zu klimpern. Besonders faszinierend ist es zu erleben, was mit dem Publikum passiert in dem Moment, in dem du, Kitty, zur Mundharmonika greifst. _K: Ja, ich spüre das. Es ist ein gutes Gefühl. Kannst du dir erklären, was daran so besonders ist? _K: Ich denke, es ist einfach die Art, wie ich

sie spiele. Und der Sound ist so anders. Er legt sich über alles.

Ich habe gehört, dass ihr zur Zeit mit Udo Lindenberg probt? _L: Ja… das ist eigentlich ein Geheimnis. Oh. Gut, dann werde ich es niemandem erzählen. _L: Obwohl… eigentlich ist es kein Geheim-

nis. Du kannst es ruhig erzählen. Erzähle es am besten allen (Gelächter). _D: Eigentlich hat niemand gesagt, dass wir nichts sagen dürfen. _L: Wir werden einen Song mit ihm bei ­seiner Unplugged Show spielen. _D: Wir hatten gestern eine Probe mit ihm. Er ist in Ordnung. Alle drei legen gleichzeitig eine ziemlich beeindruckende Udo-Lindenberg Interpretation hin. Gibt es denn jemanden, mit dem ihr wahnsinnig gern einmal zusammen arbeiten würdet? _L: Die sind alle schon tot. Die zeitgenössische Musikszene interessiert euch also gar nicht? _L: Mich nicht. _D: Es gibt immer wieder einzelne Songs,

die ok sind. Aber nicht wirklich. Das ist alles fake, keine wahre Musik. _K: Ich mag Lady Gaga. Das war ein Scherz, oder? 18 | Kitty, Daisy & Lewis

_K: Ja. _L: Aber wer weiß, vielleicht wäre es okay.

Man weiß es nie. Ich finde, es klingt alles gleich. Aber wenn man so jemandem eine richtige Band gibt, ändert sich das Ganze vielleicht. Wenn man nicht ständig diese ­digitalen Aufnahmen hört. _D: Ursprünglich ging es in der Musik um die Band als Ganzes. Selbst wenn es um eine einzelne Person ging, gab es dazu immer eine Band, die den Sound definiert hat und dafür gesorgt hat, dass es sich gut anhört. Heute geht es nur um Personen, die singen und um das, was sie an haben.

Euer Videoclip zu „I'm So Sorry“ ist sehr schön geworden. Komplett in einer Einstellung und rückwärts. War es sehr kompliziert, das zu drehen? _D: Wir haben cirka sechs Takes gemacht…

_L: …und am Ende einen ausgewählt und

den rückwärts abgespielt. _D: Das eigentliche Filmen ging schnell, viel länger gedauert hat das Aufräumen zwischen den Takes. Neue Ballons aufzuhängen, die Scherben zusammen zu kehren von den ­Tellern, die wir kaputt gemacht haben.

Als nächstes wird es ein Video zu „Messing With My Life“ geben, habe ich gesehen. _L: Wir haben es selbst noch nicht gesehen.

Es wird gerade geschnitten.

Ich habe nur auf Facebook ein Foto von Daisy im Brautkleid gesehen. _K: Was? _L: (zu Daisy) Warum hast Du das gepostet? _D: Ich hatte es nur auf meinem privaten

Facebook, rein persönlich… _L: Oh Daisy! Du hast es ruiniert!

_K: Es sollte eine Überraschung sein!

Die Geschwister diskutieren eine Weile, dann halten sie plötzlich inne und sehen mich an. _D: Oh, entschuldige bitte!

Kein Problem, lasst uns einfach über etwas ganz anderes reden! Erzählt mir doch einfach, welche Zeichentrickfigur ihr gerne einmal sein würdet. _K: Gute Frage. Ich glaube ich wäre am

l­iebsten William aus „William's Wish ­Wellington“. Der mit den Zauberstiefeln. _D: Ich glaube, es würde Spaß machen eine Weile bei den Schlümpfen zu leben. _K: Oder Popeye. Und wie geht es nun weiter mit Kitty, Daisy & Lewis? _D: Jetzt werden wir erst einmal viel touren

_K: Nicht lang. Sie wachsen sehr schnell. Das wird meine Tochter deprimieren, ihre Haare wachsen so langsam. _K: Oh, das tut mir leid. Sag ihr, es hat ewig

gedauert. —

Interview: Gabi Rudokph Fotos: Jens Herrndorff

DISKOGRAFIE Alben A to Z of Kitty, Daisy & Lewis: ‘The Roots of Rock ‘n’ Roll’ (2007) Kitty, Daisy & Lewis (2008) Smoking In Heaven (2011)

und hoffen, dass die Platte gut läuft. Dass wir uns ein bisschen in den Charts nach oben bewegen. _K: Ein bisschen in die Charts vielleicht? (Gelächter) Zum Abschluss möchte ich dir, Kitty, eine Frage ausrichten, die meine fünf jährige Tochter mich gebeten hat, dir zu stellen. _K: Oh, cool. Sie möchte gerne wissen wie lange es gedauert hat, bis deine Haare so lang gewachsen sind. _L: Die sind doch unecht! _K: Oh… die sind so gewachsen, ich habe sie

einfach nicht abgeschnitten. Das ist wohl ein bisschen außer Kontrolle geraten. Lewis kämmt Kittys Haare mit den Händen und präsentiert mir dabei noch einmal, wie lang sie sind. _K: Wie lang das jetzt gedauert hat kann ich gar nicht sagen. Neulich habe ich sie erst wieder geschnitten. So lang wie jetzt habe ich sie ungefähr seit einem Jahr. Davor war es ein bisschen kürzer. _L: Ja, aber die Frage war, wie lang es gedauert hat bis sie so lang waren?

Kitty, Daisy & Lewis

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FRISCH

AUF DEN PLATTEN TELLERN

Diesmal sind angerichtet: Peter Murphy, Junior Boys Fitz & The Tantrums, Digitalism

Ninth PETER MURPHY 3. Juni auf Nettwerk

David Bowie kennt wohl fast jeder, Joy ­Division oder The Cure sind den meisten Musikinteressierten sicher auch ein Begriff. Doch hierzulande immer noch wenig bekannt ist Peter Murphy, der frühere Sänger der britischen Band Bauhaus. Mit seinem nunmehr achten Studiowerk „Ninth“ hat der aus Northampton, England, stammende Sänger ein beachtliches Werk hingelegt. 22 | Frisch auf den Plattentellern

Dank seines imposanten Baritons besitzt Muphy, der mit Bauhaus sowie mit oben genannten Künstlern entscheidend den Dark Wave prägte und unter anderem auch als „Godfather of Goth“ bekannt ist, die Gabe, mit seiner markanten Stimme schwermütigen Texten eine wunderbar melodiöse Aura zu verleihen. In einer irisch-katholischen Familie­aufgewachsen, Ende der 80er J­ ahre zum Islam konvertiert, experimentierte er mit islamischer Sufimusik, die seiner Stimme den Feinschliff verpasste. Unter anderem ­kollaborierte er 2008 und 2009 mit Trent Reznor und seiner Combo Nine Inch Nails, die er auf deren Tour als Gastsänger be­gleitete. Zu einer Filmrolle im jüngsten Teil der Twilight-Saga von Stephenie Meyer, ­„Eclipse“ hat er es 2010 schließlich auch ­gebracht. Im echten Leben allerdings verzichtet er dann aber doch beruhigenderweise auf Fleisch­produkte, da er sich vegan ernährt. Seine neue Scheibe „Ninth“, die in Deutschland am dritten Juni erschienen ist wird, beginnt mit dem Opener „Velocity Bird“ ­feurig und lässt eine hymnisch, krachige Nummer mit „See Saw Sway“ folgen. Das Album schafft es, im gesamten Verlauf seiner Linie treu zu bleiben und behält damit eine beeindruckende Intensität. — Jens Wasmuth

It’s All True Junior Boys 17. Juni auf Domino Records

Das neue Album „It’s All True“ des kanadischen Electrop-Pop Duos Junior Boys bewegt sich musikalisch zwischen den gleichen ­Konstanten wie die letzten drei Werke „Last Exit“, „So This Is Goodbye“ und „Begone Dull Care“. Neben Disco, Electronic, Techno, R’n’B, Soul und Dubstep drängen sich nun allerdings noch stärker Einflüsse von slickem, souligem 80er Synthpop von Bands wie Japan, Duran Duran oder ABC auf.

Interessant ist, wie zwei Filme von Orson Welles als Einflüsse herhalten, die sich mit den Themen Wahrhaftigkeit auseinandersetzen. So ist „F For Fake“ ein Film von Orson Welles, der sich mit Kunstfälschung beschäftigt, ein Film darüber, „wie Kunst eher mit Werbegags und Branding zu tun hat als mit Kunst,” erklärt Sänger Jeremy Greenspan im Pressetext zum neuen Album. Gegen diese aktuell überpräsenten Tendenzen in der Popmusik (Branding, Sponsoring, der effektivste Marketingeffekt) kämpft die Band auf der Suche nach Wahrhaftigkeit an, zieht sich dazu auf klassischen Pop zurück und setzt den Albumtitel „It’s all true“ programmatisch dagegen (ebenfalls der Titel eines Orson Welles Films – allerdings ein unvollendeter). Im Titel „Second Chance“ scheint dies textlich am konkretesten durchzubrechen, wenn Greenspan in seinem verletzlichen Falsett zwischen den Zeilen „That’s the truth!“ und „What’s the truth?“ schlingert. Die Musik scheint sich aber nicht zwischen den verschiedenen Polen entscheiden zu können – analoge Wärme gegen technoide Kälte, souliger Falsett Gesang gegen technisch verfremdete Stimmen, klassische Popsongs vs. Electrotracks, französischer Robo-Funk (siehe Daft Punk) vs. französischer Elektro Pop (siehe Tahiti 80, Phoenix), minimalistische Arrangements vs. 170 Spuren Produktions-Overkill. Man kann das musikalische Unentschlossenheit oder Unausgereiftheit nennen und dies als einziges Manko des Albums identifizieren. Das ist aber angesichts der großartigen Musik ein Luxusproblem – denn diese Gegensätze offenzulassen, ist natürlich auch die große Stärke der Band. — Rafael Mans

Frisch auf den Plattentellern

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Pickin‘ Up The Pieces Fitz & The Tantrums 10. Juni auf Dangerbird Records

„Wow das klingt mir ja fast schon vertraut!“, war mein erster Gedanke beim Reinhören in dieses Album. Dabei ist dieser Sound brandneu! Die Rede ist von einer aufsteigenden Band aus Los Angeles namens „Fitz & the Tantrums“. Sie besteht aus Frontmann Michael Fitzpatrick, Sängerin Noelle Scaggs und vier weiteren tobenden Musikern, die den Soul gerade wiederbeleben. Ja sie sehen schon interessant aus, besonders Michael und Noelle. Michaels Markenzeichen sind seine maßgeschneiderten Slimfit-Anzüge und sein weißer Pony, der pomadengetränkt zur Seite gekämmt ist. Sängerin Noelle hat schon mit den Black Eyed Peas gearbeitet. Zusammen mit grooviger E-Orgel und Basssaxophon sorgen sie für einen hitverdächtig funkigen Sound, in dem sich die ganze Bandbreite von Liebeskummer und Herzschmerz wiederfindet. Passt nicht zusammen? Sie beweisen das Gegenteil! Mit ihrer Spielwut toben sie sich aus, sodass der belastende Frust einfach tanzbar wird und ihn so umwandelt in ein Gefühl von Stärke und Sicherheit. Der erste Track ihrer Scheibe liefert da ein gutes Beispiel: „Oh what a lovely day, breakin the chains of love. I´m hoping that you wouldn´t find a new love. Cause baby, you´re mine.“ Nicht ohne Grund gab der Rolling Stone eine Bewertung von satten drei von fünf Sternen für ihr Album, doch nicht genug der Ehre- die Band bekam die Gelegenheit zusammen mit Maroon 5 auf Tour zu gehen und als Höhepunkt gilt der Auftritt beim legendären Red Rock Festival (Colorado) vor unzähligen Zuschauern. Es folgten viele weitere Auftritte u. a. Bei David Letterman. Nicht schlecht für eine Band, die vor wenigen Jahren noch in einem schlichten Wohnzimmer ihre Proben begann. Rausgekommen ist ein fetziges Album, das vor Vielfalt und Energie nur so strotzt. — Ronny Ristok

24 | Frisch auf den Plattentellern

I Love You Dude Digitalism 17. Juni auf Cooperative Music

So überschwänglich der Albumtitel auch sein mag, so wenig überraschend im ­Gegensatz zum Vorgänger kommt das neue Album von Digitalism daher. Doch nichtsdestotrotz wird der geneigte Freund von ­schnellen Takten und großen Bässen an der einen oder anderen Stelle seine helle Freude damit haben. Songs wie „Reeperbahn“ und „Antibionics“ erinnern an die leichtfüßige Derbheit von Does It Offend You, Yeah? und rufen sofort ein Bild von einem überfüllt schwitzigen Club samt genau dieser Klänge hervor, wohingegen „Just Gazin“ ein kompletter Schuss in den Ofen ist und eher an langsam vor sich hinschlurfende Moonbootica Stücke erinnert. Digitalism sind eben nicht immer nur innovativ. Selbst das Intro „Stratosphere“ war bereits auf der im letzten Jahr erschienen „Blitz-EP“ enthalten und kann somit nicht den Exklusivstempel 2011 stolz tragen. Zu lange hat man schon auf einen ­weiteren Langspieler der Truppe warten ­müssen, um sich jetzt so schnell zufrieden zu geben. Nun gut. In jedem Fall wird aber durch Songs wie „Forrest Gump“ das Neuwerk zu einem Album für die heiß ersehnte Autofahrt in den Sommerurlaub. Weg vom steril verstaubten Schreibtisch und ab ans Meer, in die Hitze, auf ’s Festival! Und das alles ­möglichst bald und unbedingt mit ­Digitalism im Handgepäck. Denn dafür sind sie mit ihrer neu entdeckten Poppigkeit trotz mancher Lückenfüller gut – für Stimmung, Tanz und Hochgefühl. — Hella Wittenberg

Frisch auf den Plattentellern

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Milch

statt

Bier

E

s ist ein sonniger Tag im Mai, als wir Friska Viljor in Berlin treffen, auf der Dachterrasse des Astra, in dem die Schweden am gleichen Abend ein Konzert spielen werden. _Kurz vor unserem Gespräch haben die ­beiden eine Akustik-Performance aufgezeichnet. Als ich mich zu ihnen setze, sind sie noch mit ihren Instrumenten beschäftigt. Auf der Bank liegt eine Harmonika, die beiden sind ins Gespräch vertieft, während Daniel ein paar Griffe auf der Mandoline probiert. „Ich bringe ihm gerade bei Mandoline zu spielen,“ erklärt Joakim mir. Dafür, dass an diesem Abend eine der größten Friska ­Viljor Shows als Headliner in der Geschichte der Band ansteht, wirken die beiden sehr entspannt.

Heute Abend erwartet euch eine richtig große Show. Seid ihr nervös? _Daniel: Natürlich! _Joakim: Ach was, das ist doch alles völlig

normal! (grinst) Ich denke, wir haben es verdient. Oder sagen wir es besser so, wir haben uns das hart erarbeitet. Wir touren hier seit vier Jahren wie Wahnsinnige. Wir haben so viele Shows gespielt und das Publikum wurde jedesmal größer. Aber es hat lange gedauert. Unser Publikum war schon immer toll, aber das hier wird die größte Show, die wir bis jetzt als Headliner gespielt haben. Stimmt es, dass eure musikalische Karriere ihren Anfang in Hamburg genommen hat? _D: Der deutsche Teil unserer Karriere, ja. _J: Wir sind damals nach Hamburg gegan-

gen, um als Straßenmusiker zu spielen. Wir dachten, das wäre eine nette Idee. Aber wir haben es nie wirklich gemacht, weil wir zu feige waren. Dann haben wir Leute getroffen, die in einem Plattenladen gearbeitet haben und uns ein paar Alben abgekauft haben. Danach hat es angefangen. Wir haben ein

paar Shows gespielt und irgendwann kam ein Typ von einer Plattenfirma und hat unser Album weiter empfohlen.

Und inzwischen habt ihr euer viertes Album veröffentlicht. „The Beginning Of The Beginning Of The End“ heißt es. Das Vorgängeralbum hieß „For New Beginnings“ – klingt irgendwie, als würde eine Reise dazwischen liegen. _J: Das ganze Leben ist eine Reise. Oh,

wie hört sich das denn an! (Ahmt sich selber nach:) „Das ganze Leben ist eine Reise…“ (Gelächter) Das Ende von etwas kann auch der Anfang von etwas sein. Alles geht irgendwann zu Ende. „For New Beginnings“ steht für die Geburt von etwas. Ich glaube wir ­versuchen einfach nur zu realisieren, dass alles irgendwann zu einem Ende kommt. Die Titel sagen also ungefähr das gleiche aus, und es ist nett, die beiden Alben auf diese Weise miteinander zu verknüpfen. Außerdem ist es ein langer Titel, das ist lustig. Ich mag es, ihn Leute aussprechen zu hören: „The beginning of the beginning of the ­beginning…“ (Gelächter) Der harte Kern von Friska Viljor seid ja ihr beide. Die restliche Bandbe­ setzung hat sich seit den Anfängen ziemlich oft geändert. _J: Seit sechs Monaten spielen wir jetzt in

der aktuellen Besetzung. Aber ja, es hat oft gewechselt. _D: Seit unseren Anfängen hatten wir allein fünf verschiedene Schlagzeuger. Die Jungs sind alle erwachsen und haben Familie und andere Bands und Jobs. Manchmal funktioniert es auch einfach nicht.

Was würdet ihr sagen ist das Besondere an eurer Zusammenarbeit? Nur auf euch beide bezogen. _D: Das ist schwer zu sagen. Joakim ist mein

bester Freund, und ich liebe es, Zeit mit ihm zu verbringen. Ihn zusätzlich als „Business Partner“ zu haben ( Joakim lacht), ist ­einfach Friska Viljor

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großartig. Bei der Arbeit muss man viel Zeit verbringen mit Leuten, die man sich nicht aussuchen kann. Dass wir zusammen Friska Viljor haben und dass über die Jahre ein guter zweiter Job daraus geworden ist, das war eine Entscheidung, die wir selbst getroffen haben. Irgendwie war das jetzt eine seltsame Antwort auf deine Frage, oder? Nein, überhaupt nicht! Aber ist Friska Viljor wirklich immer noch ein „Halbzeitjob“ für euch? _D: Ja, leider. _J: Aber es ist okay. Weil dadurch gibt es

ja die andere Hälfte, außerhalb unserer ­normalen Jobs.

Was macht ihr denn sonst, wenn ihr nicht als Friska Viljor unterwegs seid? _J: Ich arbeite mit Kindern an einer Schule.

Nicht als Lehrer, eher wie ein Assistent des Lehrers. Ich gehe mit den Kindern Fußballspielen und schwimmen, spiele Verstecken mit ihnen und lauter solche Sachen. _D: Der beste Job auf der Welt. Ich arbeite nebenbei als Tourmanager.

In eurer Musik kommen ja sehr viele Instrumente zum Einsatz. Was war denn das erste Instrument, das ihr angefangen habt zu spielen? _J: Gitarre. _D: Trompete. Obwohl nein, das stimmt

nicht. Das erste Instrument, das ich jemals in der Hand hatte war eine Geige. Meine Tante ist Violinistin in der Philharmonie in Göteborg. Es gibt ein Foto von mir, da bin ich nackt und neun Monate alt und halte eine kleine Baby-Geige. Ich habe es nie wirklich probiert, aber jetzt bin ich zu alt. Ich glaube, ich würde mir die Finger brechen, wenn ich es heute versuchen würde. Richtig angefangen habe ich dann mit Trompete.

30 | Friska Viljor

Über Hamburg haben wir ja bereits gesprochen. Was verbindet euch denn mit Berlin? Ihr habt hier ja einige Zeit verbracht. _J: Wir haben drei Monate in Berlin gelebt,

aber ohne groß zu arbeiten. Wir sind viel Spazieren gegangen und haben die Stadt k­ ennen gelernt. Es war wie ein Familien­urlaub. Daniels­Freundin und sein Sohn waren auch da und ich habe mich wie ein extra Onkel gefühlt. Wir haben uns gegenseitig Essen gekocht und Yatzy gespielt. Manchmal sind wir ausgegangen und waren irgendwo hübsch essen, haben Bier getrunken… das war wirklich eine entspannte Zeit. Nichts tun, miteinander Spaß haben.

_Nach unserem Gespräch gehen wir hinunter ins Astra, wo alles für das Fotoshooting vor­bereitet ist. Als Daniel und Joakim die Milch­ f laschen sehen, schmunzeln beide. „Ich verstehe was ihr vorhabt“, grinst Joakim. Als 2006 das erste Friska V ­ iljor Album „Bravo!“ erschien, erzählten die beiden gern die Geschichte, wie es zu dem Album kam und wie es entstanden ist. Gebeutelt von ­Liebeskummer suchte man Trost in der Musik, legte sich aber für die Aufnahmen folgende Auflagen auf: Jeder Song sollte im betrunkenen Zustand in einem Take eingespielt werden. Später gingen Friska Viljor dazu über, die Geschichte in Interviews zu dementieren. Stimmt sie denn nun? „Natürlich stimmt sie“, erzählt Joakim während des Shootings. „Aber irgendwann haben sich Journalisten nur noch darauf gestürzt und wir hatten keine Lust, ständig als Trunkenbolde dargestellt zu werden.“ Dementsprechend viel Spaß haben die beiden dabei, sich mit den Milchflaschen zuzuprosten.

_D: Du kennst doch das Gefühl, dass das

Leben zu schnell vorbei geht? Die drei Monate haben sich angefühlt als könnten wir ein bisschen wieder aufholen. Sonst fühlt man sich schnell, als würde man ein paar Meter hinter sich selber stehen. Jeder sollte die Möglichkeit haben, das zu tun, ab und zu von zuhause weg zu kommen. _J: Wenn du das tust, fühlst du eine innere Ruhe und fängst an über andere Sachen nachzudenken als deinen Facebook Status und anderen Mist, der keine Bedeutung hat. Wir haben uns manchmal einfach angesehen und gesagt: „Wow, das ist so gut, so gesund.“ Es ist so wichtig, sich diese Zeit zu geben.

Am selben Abend betreten Daniel und Joakim schick in weißen Jeans und weißen Hemden die Bühne und tun gemeinsam mit ihrer Band das, was sie am besten können: hunderte von Menschen glücklich machen. Der Anfang vom Anfang vom Ende scheint weit entfernt. — Interview: Gabi Rudolph Fotos: Jens Herrndorff

DISKOGRAFIE Alben Bravo! (2006) Tour De Hearts (2008) For New Beginnings (2009) The Beginning Of The Beginning Of The End (2011)

Friska Viljor

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Borko

D

ie Musikszene Islands gehört zu den pulsierendsten, kreativsten und produktivsten unserer Zeit. Wer glaubt, die großen Ent­deckungen wie Björk und Sigur Ros seien das Ende der Fahnenstange gewesen, der irrt sich gewaltig. Der nicht viel mehr als 300.000 Einwohner beherbergende Inselstaat strotzt heute mehr denn je vor musikalischer ­Schaffenskraft. Aufgrund der niedrigen Einwohnerzahl ist die Musikszene Islands zusätzlich ungewöhnlich familiär – sämtliche Bands sind miteinander vernetzt und tauschen auch gerne ihre Mitglieder untereinander. Ein Beispiel: Die 24 jährige Sóley präsentierte sich auf der diesjährigen ­Reykjavic Music Mess nicht nur mit ihrer Solo-EP „Theater Island“, sondern begleitete auch Kollege Sindri Már Sigfússon alias Sin Fang, mit dem sie ganz nebenbei auch in der Band Seabear spielt.

GABI RUDOLPH WAR ZU GAST BEI DER 1. REYKJAVIK MUSIC MESS IN ISLAND.

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Die Reykavik Music Mess, Anlass meiner Reise nach Island, öffnete in diesem Jahr erstmals ihre Pforten. Das Festival wurde vom isländischen Indie-Label Kimi Records ins Leben gerufen, um der Creme de la Creme der lokalen Indie-Szene ein neues, spannendes Forum zu bieten. Ein internationaler Headliner darf natürlich auch nicht fehlen. Diese Rolle übernahm dieses Jahr die U ­ S-Band Deerhunter, die an der Entstehungsgeschichte des Festivals nicht ganz unbeteiligt ist. „Wir sind alle große Deerhunter Fans“, erzählt mir Baldvin Esrar Einarsson, Inhaber von Kimi Records. „Und wir hatten­ schon lange den Traum, Deerhunter für ein ­Konzert nach Reykjavik zu holen. Da haben wir uns gedacht, warum nicht gleich ein Festival draus machen und damit etwas für die hiesige Szene tun?“

Als Festival-Center, Begegnungsstätte und Herberge fungierte das Kex Hostel an der Skúlagata in Reykjavik. Die raue See direkt vor den Fenstern ist das (zum Zeitpunkt des Festivals noch nicht offiziell eröffnete) Hostel eine wahre Oase, strotzend vor Gemütlichkeit und Inspiration, in liebevollster Kleinarbeit umgebaut, renoviert und ausgestattet. Kex-Hostelaner­ Kristinn (Kiddy) Vilbergson hieß uns bei unserer Ankunft spät nachts in seinem Reich willkommen, wusste zu der Herkunft von Bodendielen, Empfangstresen und Friseurstuhl spannende Geschichten zu erzählen und bewirtete uns mit Wein und, wie es sich für eine ehemalige Keksfabrik gehört, Keksen. Im Lauf des Wochenendes trafen sich in der Lobby des Keks Hostels Festivalbesucher, M ­ usiker, Macher und J­ournalisten zum e­ ifrigen Austausch, musikalische Darbietungen mitinbegriffen. Und auch sonst gab es einiges auf die Ohren, denn im Mittelpunkt meines­ Besuches stand ja schließlich die ­Reykjavik Music Mess. Und es durfte vielem gelauscht werden, das bis jetzt noch nicht den Weg in meine Gehörgänge gefunden hatte. Eine echte ­Entdeckung: Die Postrocker Miri, schnieke Jungs in Ripp­ unterhemden, die mal wieder bewiesen haben, dass gute Musik nicht unbedingt

großer Worte bedarf. Björn Kristiansson­ alias Borko faszinierte besonders mit seinem atmosphärischen, mal düsteren, mal verspielten Pop, den er live in großer­ Band­besetzung präsentiert, inklusive ­Bläsersektion. Borkos Debütalbum aus dem Jahre 2008 heißt „Celebrating Live“ und der Titel ist Programm – seine Musik fühlt sich an wie das pralle Leben in all seinen Facetten. Zu internationaler Reputation hat es „Iceland's Favourite Son“ Mugison gebracht. Kein Wunder, live ist der Mann eine echte Sensation. Ein bisschen Lo-Fi Popstar-Appeal gab es außerdem dank Sin Fang, der seinen reichhaltigen Pop (auch sein Album „Summer Echoes“ macht seinem Namen alle Ehre) extrem lässig darbot. Und die ­zauberhaften FM Belfast traten zwar nicht live auf, erfreuten uns aber wenigstens mit einem DJ-Set. Auf typisch isländische Art mitein­ ander verbandelt sind die Acts Prinspóló und Skakkamanage. Prinspóló trägt seine Papierkrone mit Stolz und Würde, sein Alter-Ego, Svavar Pétur Eysteinsson, ist ganz nebenbei Frontmann der Indie-Rockband Skakkamanage. Viele ­k om­p lizierte Namen, dafür ­e xtrem unkomplizierter Hörgenuss. Besonders Prinspóló ist Live ganz bezaubernd. So macht Band-Hopping Spaß! Es gab so viel zu hören und zu sehen, dass am Sonntag Morgen der Kopf noch ganz schwer war – was vielleicht auch an dem nächtlichen Abstecher in die berüchtigte Kneipe ­Kaffibarinn gelegen haben mochte, zu dem Helgi Jonsson (der nicht auf dem Festival auftrat und gerade erst frisch aus den USA heimgekehrt war) mich nach Ende des offiziellen Programms noch entführte. Da half nur ein Ausflug in die blaue Lagune. Wer sich nicht vorstellen

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Miri

kann, dass man drei Stunden am Stück, bei abwechselnd Schnee, Sonne und Eisregen, nahezu bewegungslos in warmem Wasser zubringen kann, dem sei gesagt – es geht! Und es fühlt sich verdammt gut an. Somit fühlte ich mich nach einem reichhaltigen Abendessen im Kex Hostel und einem kurzen Nickerchen auf meinem ­Etagenbett gewappnet für das heiß erwartete Highlight des Festivals: den abschließenden Auftritt der Band Deerhunter. Tatsächlich war der Club Nasa, Hauptschauplatz des Festivals, an diesem Abend bis zum Anschlag gefüllt. Vielleicht lag es am geruhsamen Nachmittag in der blauen Lagune oder auch an der Vielzahl der bereits erlebten Darbietungen – ich persönlich tat mich schwer, die psychedelische, ohne Frage extrem kunstvoll errichtete Soundwand der US-Rocker emotional zu durchbrechen. Eine durchaus beeindruckende, aber für mein Empfinden auch anstrengende ­Performance. Dennoch fiel ich am Ende erschöpft, aber aufs äußerste zufrieden in mein Bettchen und lies mich vom munteren Schnattern der restlichen, im Kex Hostel ein­gekehrten Festival-Besucher in den Schlaf wiegen. Am nächsten Morgen gab es überraschenderweise ­W inter Wonderland vor den ­Fenstern und hausge­backenes Brot mit

Lachs und Eiersalat zum Frühstück. Ein wunderbares Wochenende mit Unmengen guter Musik und vielen spannenden Begegnungen fand damit ein würdiges Ende. Ich kann mich also nur Deerhunter Frontmann Bradford Cox anschließen, der am Ende seiner Show überschwenglich den Machern von Kimi Records und ­Organisatoren der Reykjavik Music Mess für die Einladung dankte. Es war, so ­abgedroschen es klingen mag, ein unvergessliches Erlebnis! P.S.: Keine Reise ohne Mitbringsel!

Kimi Records waren so freundlich, mir ein ­kleines Care-Paket zu packen, das wir unter unseren­Lesern verlosen! Darin enthalten sind ­folgende, zum Teil in Deutschland noch nicht veröffentlichte Releases: Kimono: „Easy Music For Difficult People“, Sóley „Theater Island“; ­ Miri „Okkar“; Prinspóló „Jukk“; Sin Fang „Summer Echoes“

Wenn ihr in den Besitz des tollen Päckchens kommen möchtet, schickt eine Mail an gewinnen(at)fastforward-magazine.de und schreibt uns, was euer ganz persön­ licher Lieblingsact aus Island ist. Einsendeschluss ist der 16. Juli 2011. Viel Glück! RVK Music Mess

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ittle Dragon sind vielen erst ein Begriff, seitdem sie an dem Album „Plastic Beach“ der Gorillaz mitwirkten und diese ge­meinsam mit De La Soul, Neneh Cherry und Bobby Womack auf Tour begleiteten. Dabei ver­ öffentlicht die Band aus Göteborg dieses Jahr mit „Ritual Union“ bereits ihr drittes Album und beweist darauf erneut auf eindrucksvolle Weise, dass Electro-Pop so viel mehr sein kann als seelenlose Tanz-BumsMaschinerie. Der Name Little D ­ ragon geht übrigens zurück auf einen Spitznamen, den Sängerin Yukimi Nagano zu Anfangszeiten der Band von ihren Kollegen Erik Bodin, Fredrik Wallin und Håkan Wirenstrand ­verpasst bekam, da sie immer schnell wütend wurde, wenn bei den Aufnahmen etwas nicht so klappte, wie sie es sich vorstellte. Beim Interview in Berlin zeigten sich Yukimi, Erik und Fredrik jedoch fröhlich und gelassen, trotz brütender Hitze im ­winzigen ­Hinterzimmer des Frannz Club. Sie vermittelten den Eindruck eines einge­ spielten Teams, das seine Arbeit liebt und gerne darüber spricht. Es wird Zeit, dass die Welt sich in Little Dragon verliebt! So mancher hat euch erst letztes Jahr durch eure Zusammenarbeit mit den Gorillaz und die gemeinsame Tour entdeckt. Hat sich seitdem viel für euch verändert? _Erik: Gar nicht so viel. In unserem realen

Leben hat sich seitdem nicht viel verändert. _Yukimi: Ich denke, es war ein großer Anschub. Viele Leute kommen nach den Shows zu uns und erzählen, dass sie uns durch die Gorillaz entdeckt haben. In dieser Hinsicht hatte es einen starken Effekt auf uns. Wir sind bekannter geworden. _Fredrik: Ich würde auch sagen, dass wir wahnsinnig tolle Begegnungen auf dieser Tour hatten, De La Soul zum Beispiel. Bobby

Womack! Er ist seit den 50er Jahren dabei. Wenn man mit ihm zusammen ist redet man über Musik, nicht über das Musikgeschäft. Dann natürlich Damon Albarn. Diese Leute sind alle Legenden und sie machen ihr Ding. Das war etwas Besonderes. _Y: Ja, die Begegnung mit Bobby Womack hat uns definitiv verändert. Fred und ich waren im gleichen Bus mit ihm. Viele ­Musiker sagen ja, dass es nicht um das Musikgeschäft, sondern um die Musik und die Leidenschaft dafür geht. Aber ihn das sagen zu hören, ihn, der schon in den 70ern da war und alles erlebt hat, das eine Musiklegende oder ein Künstler erlebt haben sollte – er war der letzte, der Janis Joplin getroffen hat, bevor sie gestorben ist, er war auf Tour mit den Stones… und jetzt ist er in einem Alter, in dem er es liebt, Geschichten zu erzählen, darüber zu reden. Das war wie eine persönliche „Behind The Scenes“-Führung durch die Musikgeschichte. Danach denkst du nicht mehr: „Wie werde ich mich ­fühlen, wenn ich 70 bin? Wo werde ich sein? Was für Musik werde ich machen?“ Jemanden zu sehen, der an diesem Punkt ist und dabei so leidenschaftlich, das ist so eine be­reichernde Erfahrung. Ja ich glaube, wir haben uns nach der Tour ein kleines bisschen neu gefühlt. Wann habt ihr euer Album „Ritual Union“ aufgenommen, wo ihr letztes Jahr doch so viel unterwegs wart? _E: Immer wieder, kontinuierlich. So machen

wir es immer. Sobald wir zuhause sind gehen wir ins Studio und nehmen auf. Und wenn es dann Zeit ist für ein neues Album sammeln wir die Einzelteile zusammen. Wir hatten keinen Stress dabei. Höchstens am Ende, als es ans Mischen ging, da wir das selber machen und wollen, dass alles richtig wird. _Y: Die meisten Songs waren schon vor der Gorillaz Tour fertig. Und es ist schon euer drittes Album.

Little Dragon

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Erik

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fredrik

yukimi Hakan

Little Dragon

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_E: (strahlt) Ja. Wir wollen noch 300 Alben

machen! Das erste Album ist eine ziemlich nervenraufreibende Angelegenheit. Man ­präsentiert sich zum ersten Mal der Öffentlichkeit. Das zweite Album… _Y: …da denkt man: „Jetzt müssen wir alles nachholen, was wir beim ersten Album nicht geschafft haben zu sagen“. Das dritte Album ist dann einfach ein drittes Album, denn wir wissen ja, dass wir auch noch ein viertes machen werden. Man ist also entspannter.

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Wirklich? Viele Künstler empfinden das dritte Album als besonders auf­ regend, weil es untermauern soll, dass man bereit ist länger im Geschäft zu bleiben. Ihr wart also einfach nur entspannt? _Y: Ich persönlich ja. Ich liebe die Songs,

ich liebe es sie live zu spielen. Hauptsächlich bin ich sehr neugierig, was die Leute sagen werden. Wenn jemand zu mir sagen würde, dass er es gar nicht mag wäre ich wahr­scheinlich ein wenig verwirrt, aber so ist es nun mal.

_E: Ja, zumindest können wir damit jetzt

­ esser umgehen als beim ersten Album b (lacht). Außerdem sind unsere Gedanken auf eine Art schon wieder beim vierten Album. Wir machen immer noch Musik, und „Ritual Union“ ist für uns schon wieder ein halbes Jahr her. _F: Aber wenn wir die Songs jetzt live ­spielen, lernen wir sie noch einmal auf eine andere Art kennen. Man entdeckt andere Aspekte und neue Dinge passieren, wenn man sie live spielt. Live ist eure Musik eine sehr kunstvolle Mischung aus elektronischen und analogen Elementen. Arbeitet ihr im Studio genauso? _F: Wir spielen eigentlich alles live im ­Studio

ein.

_E: An einem Synthesizer gibt es so viele

Möglich­keiten ihn zu bedienen. Manchmal ist man ganz erstaunt und denkt: „Huch, was ist denn da jetzt passiert?“ Das ist ­spannend. Aber am Ende des Tages will man doch einfach ein Instrument spielen. _Y: Also wir mischen definitiv den elektronischen Sound mit Percussions, Live-Drum, um den… _E: …organischen… _Y: …Mix aus akustischen und elektronischen Elementen zu bekommen. _E: Zu viel elektronischer Sound kann un­persönlich werden. Denke ich. Manchmal. _Y: Es ist immer schön, etwas Menschliches dabei zu haben. Wenn man einen perfekten Beat hat, der exakt im Rhythmus ist, dann will man handgemachte Percussions darüber legen, damit es sich organischer anfühlt. Der Teil, der nicht perfekt ist, macht es am Ende lebendig. _E: Das ist aber nichts, w ­ orüber wir nach­ denken, wir tun es einfach. Ich finde es ­seltsam, ein Tamburin zu programmieren, da nehme ich es lieber in die Hand und mache es selber. Das passiert einfach so. Retrospek-

tiv fühlt es sich dann so an, als hätte man eine ­Philosophie im Kopf, der man gerecht ­werden wollte. Diese eigene Philosophie entdeckt man aber manchmal erst hinterher. _Y: Unsere Arbeit im S ­ tudio ist sehr instinktiv, sehr direkt. Es geht um Gefühle. Etwas soll passieren, du probierst etwas aus. Du sagst nie: „Ich denke, es wäre ein ­interessantes Konzept wenn ich jetzt…“ (Gelächter) Du fühlst es einfach. Das ist Melodie, das ist Rhythmus. Du kannst nicht erklären, warum du es fühlst, du denkst nicht darüber nach. Das machen wir im Studio. Hinterher, wenn du fertig bist, denkst du: „Was war mein Plan? Ich weiß es nicht. Es gab keinen Plan!“ _E: Manchmal, wenn man das Gefühl hat, dass es zu intellektuell wird, dass man seinen Kopf zu viel benutzt hat, muss man die Lautstärke aufdrehen und eine Runde dazu tanzen. Dann denkt man: „Ja, es ist okay, das können wir so stehen l­assen.“ Manchmal lassen wir einen Song lange liegen. _Y: Manche vergessen wir auch. Wir nehmen etwas auf und irgendwann denken wir: „Oh, das habe ich seit Monaten nicht mehr gehört, das ist ja richtig gut!“ Andere vergessen wir einfach und machen sie nie wieder auf. Aber das hat dann seine Gründe. (Gelächter) Es ist toll euch zuzuhören, wie ihr das beschreibt, denn genau so hört eure Musik sich an. Sehr organisch, wie ihr sagt. Vor allem geht sie darüber hinaus, was man unter elektronischer Tanzmusik versteht. Sie hat eine emotionale Tiefe, was, wie ich finde, im elektronischen Bereich nicht so leicht zu erreichen ist. _E: Oh. Wow. Dankeschön! Wir möchten

etwas machen, das etwas bedeutet. _Y: Wir hoffen, dass wenn es uns etwas bedeutet, es auch anderen etwas bedeutet.

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ich meine. Die Fotos sind gleichzeitig lustig und auch seltsam, obendrein haben wir eine persönliche Beziehung zu ihnen.

Das Cover eures ersten Albums ist auch sehr speziell. Und gleichzeitig persönlich, ich habe gehört, dass dein Vater, Yukimi, es gestaltet hat. _Y: Ja. In echt ist es ein rie-

_E: Es macht uns sehr stolz, jemanden so

etwas sagen zu hören. Das beweist uns, dass es nicht nur ein oberflächliches StandardDing ist.

Auch das Cover von „Ritual Union“ hat etwas sehr persönliches. Man sieht es und möchte wissen wer diese ­Menschen sind. _Y: Es sind unsere Eltern! _E: Ja, unsere Wurzeln. _Y: Unsere Geschichte. _E: Wir haben nach etwas gesucht, wir

­ ussten nicht, wie das nächste Cover ausw sehen sollte. Irgendwie wollten wir von der illustrierten, animierten Form weg, aber wir waren zu schüchtern, unsere eigenen Gesichter aufs Cover zu tun. _Y: Diese Hochzeitsfotos haben etwas ­Seltsames. Sie fangen etwas in den Gesichtern der Menschen ein, Hoffnung, einige der älteren Bilder haben sogar etwas Trauriges an sich. Meine japanischen Verwandten wirken sehr ernst, wenn du verstehst, was 42 | Little Dragon

sengroßes Bild. Ich bin mit diesem Bild aufgewachsen, er hat es in den Siebzigern gemalt. Wir haben untereinander beschlossen, dass es das p ­ erfekte Cover für unser erstes Album wäre. Als wir das meinem Vater unterbreitet haben meinte er: „Bitte nicht. Ich hasse dieses Bild. Ich bin durch damit. Mein Stil ist heute ganz anders, ich habe keine Beziehung mehr dazu. Ich war so jung als ich es gemacht habe. Ich mache euch ein neues!“ Wir meinten: „Nein, wir wollen das!“ Aber er war total dagegen. Schließlich hat Erik ihn angerufen und ihn bezirzt. Am Ende hat er ja gesagt und jetzt liebt er es! Die Leute sagen ständig, wie toll sie es finden und inzwischen sagt er: „Hm, eigentlich ist es nicht so schlecht!“ (Gelächter) Da wir über persönliche Dinge sprechen – ihr drei kennt euch schon sehr lange, ihr seid bereits gemeinsam zur Schule gegangen. Kommt euch das immer zugute oder ist es manchmal auch schwierig? _Y: Es ist nicht immer einfach. Meistens ist

es das, ich würde sagen, es nützt uns öfter als nicht. Ich bin lieber in einer Band, in der ich die Menschen gut kenne. Man muss nicht unbedingt miteinander zur Schule

gegangen sein. Ich bin ja heute auch ein anderer Mensch als damals in der Schule – Gott sei Dank! Aber wir kennen auch unsere schlechten Seiten, und das denke ich, ist gut. Du kannst dich nicht verstecken. Wenn du gemeinsam in einer Band bist musst Du ­lernen, nicht egoistisch zu sein. Das war ein Wachstumsprozess – zumindest für mich (lacht)! _E: Es ist wunderbar. Wir waren alle in anderen Bands, bevor es Little Dragon gab. Jetzt hier in Berlin zu sitzen, mit diesen M ­ enschen, das ist ein Geschenk für mich. Anstatt irgendwo als Session Musiker zu arbeiten, weil jemand ein gutes Wort für dich eingelegt hat. Das hier ist unser Baby. _Y: Wir mussten dafür keine Kompromisse machen. _E: Nein, ich bin hier aufgrund dessen, was wir gemeinsam erreicht haben. Das ist sehr ermutigend. _Y: Als Band erlebst Du alles gemeinsam, das macht die Gefühle stärker. Schmerz – wir fühlen ihn gemeinsam. Ein sehr glücklicher Moment – wir fühlen ihn gemeinsam. Das muss doch stärker sein als wenn du als Solokünstler mit deinen Awards da stehst, ganz allein. Wenn wir eine tolle Show hatten, dann hatten wir sie gemeinsam. _E: Irgendwie sind wir ein wenig wie ­Magneten. Wir müssen zusammen sein. Wir haben uns das nicht ausgesucht. ­(lautes Gelächter) Ich spiele Schlagzeug, er spielt Bass. Ein wenig wie eine Ehe. Warum sollte ich irgendwo anders hin? _F: Die Kommunikation läuft zum Teil ­komplett ohne Worte ab. Wenn wir gemeinsam auf der Bühne spielen passiert etwas, und wir können es gar nicht erklären. Und wenn jemand schlechte Laune hat spürt man es sofort. _E: Trotzdem kennen wir uns noch nicht vollständig.

_Y: Oh, ich denke, das tun wir. Tut mir leid.

(Gelächter)

Nach all diesen Jahren nun, und drei Alben später – Yukimi, bist du immer noch „Little Dragon“? _Y: Ähm… manchmal (lächelt). Nicht mehr

so oft, aber manchmal. _E: Heute tragen wir die Last gemeinsam. _Y: Es ist eher zu einer inneren Flamme geworden. Wenn man so viel zusammen ist, miteinander auf Tour ist, dann hat das auf die Dauer einen negativen Effekt, wenn man immer alles ungefiltert raus lässt. Und es ist anstrengend. Manchmal muss man vorher nachdenken – oh, vielleicht habe ich Hunger. Vielleicht bin ich müde. Vielleicht hat er einen Kater, oder sie hat ihre Tage. Verstehst du was ich meine? Es könnte alles Mögliche sein, man muss einfach ein bisschen vorsichtig sein. _E: Wir haben gelernt, dieses Feuer in uns in unserer Performance raus zu lassen. Ich glaube, manchmal wird man wütend weil man das Gefühl hat, auf der Bühne nicht genug erreicht zu haben. Der Little Dragon ist also immer noch da, aber es geht ihm nicht darum, Wut los zu werden, sondern darum, Feuer auf die Bühne zu bringen! Was für ein wunderbares Schlusswort, dem ist wirklich nichts hinzuzufügen. Vielen Dank für das Gespräch! — Interview: Gabi Rudolph Fotos: peace frog/promo

DISKOGRAFIE Alben Little Dragon (2007) Machine Dream (2009) Ritual Union (2011)

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  WELTMUSIK ­   A U S IS LA N D

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etro Stefson machen schon seit vielen Jahren Musik. Wobei „viele Jahre“ in diesem Fall eine relative Aussage ist, da die Bandmitglieder zwischen 19 und 21 Jahren alt sind. Angefangen hat alles zuhause mit musikalischen Spielereien am eigenen Mac. „Kimbabwe“ ist ihr zweites Album, auf dem sich aber auch Lieder des Erstlings befinden. Der Sound der sieben Isländer ist ein musikalischer Schmelztiegel, in dem es, während des Hörens, immer neue Fundstücke zu ­entdecken gibt. Ein Cocktail aus europäischen, afrikanischen, süd- sowie nordamerikanischen Einflüssen, Elementen und Einzelteilchen. Auch sprachlich ein buntes Konglomerat. Texte in Englisch, Französisch, Isländisch und Portugiesisch reichen ­einander die Hand. Wir sprachen mit Frontmann und Gitarrist Unnsteinn Stefánsson, Haraldur Stefánsson (Backing-Vocals und Percussions) sowie Þórður Jörundsson (Gitarre) über übergroße Ohren, warum Mads Mikkelsen immer auf der Gästeliste steht und die Finanzkrise. Wir sitzen verstreut an einem großen Konferenztisch bei Universal im achten Stock, mit hübschem Blick über die Oberbaumbrücke hinweg Richtung Süden. Auf dem frisch poliert wirkendem Tisch türmen sich Getränke, Gläser, Kannen und Süßigkeiten-Schälchen. Irgendwie scheinen die Isländer ein klein wenig überfordert mit der neuen Situation zu sein. Alles sei noch sehr unwirklich und neu erzählen sie. Auf einem Festival von einem Agenten entdeckt, absolvieren sie zum Zeitpunkt unseres Gesprächs ihren ersten Interview-Marathon. _Unnsteinn: Für uns ist das noch sehr merk-

würdig und absurd. Als wir davon gehört haben, dass Universal uns unter Vertrag nehmen will, sind wir aus den Schuhen gekippt. Jetzt ist erst einmal Promotion angesagt, dann kommt hoffentlich eine große Tour und dann 46 | Retro Stefson

sind da noch die Festivals. Außerdem ziehen wir jetzt auch nach Berlin.

Alle sieben in eine Wohnung? _U: Ne, wir haben in einem Haus zwei Apart-

ments.

Und könnt ihr schon einen deutschen Satz? _Haraldur: Ja. (Lacht). Chill' dein Läben, du

Opfa. Und meine Großmutter hat mir noch einen coolen Satz beigebracht: So ischt das Läben, kurtz und schmutzisch.

Wenn euer Album ein Filmsoundtrack wäre, welcher Film würde das sein? _U: Einer der schon existiert? Sagen wir, einen der existiert und den anderen müsst ihr euch ausdenken. _U: Das ist eine schwere, aber gute Frage.

Es gibt da einen Film, den ich vor kurzem gesehen habe. Da geht es darum, wie alle Erwachsenen sterben und die älteren Kinder sich dann um die jüngeren kümmern. Die leben dann in Kaufhäuser und so. Ich hoffe wir klingen ein wenig danach. (Grinst) _Þórður: Den fiktionalen Film… Hmm das wäre ein Independent-Movie. Eine Mischung aus Wes Anderson und Quentin Tarantino.

Also dann würde Bill Murray mit ein paar Knarren durch die Gegend ziehen? _Þ: Genau! Bill Murray und Samuel L.

­Jackson. (Lacht)

Und wer ist der Bösewicht? _Þ: Mads Mikkelsen, ein klasse Schauspie-

ler, mit dem ich auch gerne mal zusammen arbeiten würde. Egal ob musikalischer oder filmischer Natur. Für uns ist das komisch. Wir kennen ihn aus den skandinavischen Produktionen und dann geht er plötzlich nach Hollywood und spielt diese Monster und psychopathischen Typen. Ich setze ihn immer auf unsere Gästeliste, aber er ist bisher noch nicht gekommen. Wahrscheinlich kennt er uns gar nicht. Eure Texte sind in vier Sprachen. Wer beherrscht die alle?

_U: Ich spreche Portugiesisch. Wir betrach-

ten unsere Texte aber nicht als Botschaften, deshalb arbeiten wir frei von sprachlichen Einschränkungen. Uns geht es darum, dass Melodie und Text eine harmonische Einheit bilden. Das ist die Hauptsache. _Þ: Da kommt es wirklich nicht so darauf an was sie aussagen, vielmehr geht es darum, dass sie gut klingen. _U: Auf unserem ersten Album hatten wir ein Lied, da war der Text in Spanisch. Das sollte ein Liebeslied werden und Spanisch war für uns einfach die erste Wahl. Wenn ihr für euren Sound ein Genre erfinden dürftet, wie würde der Name lauten?  _U: Afro-House. So würden wir unsere

Musik nennen. Musik bedeutet für uns ganz viel. Manche Musik ist inspirierend, andere ist Spaß und Unterhaltung, dann gibt es ­wieder Musik, die eine gewisse Lebensart verkörpert. Musik bedeutet alles. 48 | Retro Stefson

Was für Musik hört ihr, wenn ihr zum Strand fahrt? _U: Wenn wir zum Stand fahren – was in

Island nicht so oft der Fall ist, weil es doch recht kühl dort ist – hören wir Musik wie zum Beispiel unser Lied „Karamba“, das mit einem Techno-Beat endet. _Þ: Oder Hip-Hop. „Still D.R.E.“ zum ­Beispiel. Aber wir mögen auch elektronische Musik. Euer liebster Electro-Act aus Deutschland? _U: Booka Shade sind super. Die haben mal

an unserer Schule in der Mittagspause aufgelegt…

Wie bitte? Ernsthaft? Mitten am Tag? _U: Ja. Eigentlich sollten sie am Abend davor

spielen, aber ihr Flieger hatte Verspätung. Also haben sie es am Tag darauf in der Mittagspause gemacht. Das war noch vor der Finanzkrise, als in Island jeder mit Geld um sich geschmissen hat, auch unsere Schule.

Okay, ihr hattet viel Geld. Wie ist es jetzt? Was hat sich geändert? _U: Die Leute haben nicht viel darüber nach-

gedacht, obwohl sie es nicht einmal hatten. Es war elektronisches Geld, nur geliehen. Sie haben aber trotzdem Wodka mit Goldstückchen drin getrunken, jeder hatte einen großen Jeep mit Allradantrieb. Manche haben sogar  Porsche-Partys veranstaltet. Solche Sachen, das war denen egal. Ziemlich eklig. _Þ: Die Löhne gingen auf einmal nach oben, daraus ist es dann entstanden. Ein Boom, der keiner war. Achtung, letzte Frage: Hättet ihr lieber ein riesengroßes Ohr, in dem eine Kondor-Familie lebt oder eine extrem lange Nase, auf deren Spitze jeden Morgen ein alter Mann sitzt, der Zeitung liest?

_H: Bloß keine Vögel… _U: Er hasst Vögel. Er ist ein richtiges „Vögel-

Opfaa“. (Lacht) _Þ: Das ist die beste Frage heute gewesen.

Dann lassen wir es mal dabei bewenden. Vielen Dank und Erfolg euch! — Interview: Sebastian Schelly Fotos: Mali Lazell

DISKOGRAFIE Alben Montaña (2008) Kimbabwe (2011)

(Lachen) _U: Der alte Mann… _Þ: Jeden Morgen? Dann müsste ich immer Zeitung lesen, das ist ok.

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„Wir möchten ehrliche Songs schreiben. Das ist alles, was wir je machen wollten.“ Mirrors

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irken Mirrors auf Albumlänge noch sehr von der ­heimischen Brightoner Seebrise unterkühlt, er­wecken die vier Jungspunde bei ihrem Berlinkonzert auf der kleinen Bühne des Comet Clubs einen weit offeneren Eindruck. Schon zuvor im Interview versprühen James New und Ally Young eine herzliche, warme Stimmung, als sie über ihre Musik und insbesondere über ihr Debütalbum „Lights and Offerings“, sowie die Intention hinter dem Projekt Mirrors sprechen. In eurem Video zur Single „Ways To An End“ sieht man euch live spielen und im Hintergrund laufen wunderschöne Visuals. Sieht so eine typische Mirrors Live Show aus? _Ally Young: Ja, wir wollen dem Zuschauer

mit unserer Gestaltung der Show eine ganz besondere Erfahrung bereiten. Sie sollen mehr als nur den normalen Kram, also eine Band auf der Bühne, erleben. _James New: Wir haben zu jedem Song ein Video und tendieren dazu oft Änderungen vorzunehmen, da wir ständig interessante Dinge entdecken. Manchmal benutzen wir Sachen aus dem Internet, aber für den Großteil sind wir selbst verantwortlich. Die ­Verwendung von Visuals ist nichts Neues, aber bei anderen Bands sieht es oft wie ein Bildschirmschoner aus. Wir wollen­nicht so beliebige Visuals, sondern vielmehr handgemachte und anheimelnde. Sie sollen den Erlebniswert für den Zuschauer ­steigern. Gleichzeitig erzählen sie aber keine Geschichte. Sie sind also dazu da zu hypnotisieren und zu entspannen. Ihr habt euer Album „Lights and ­Offerings“ betitelt. Was hat es mit dem Titel auf sich? _A: Wir haben einen Song, der sich „Lights

and Offerings“ nennt. Dieser Songtitel 52 | Mirrors

wurde wiederum von den Lyrics inspiriert. Eigentlich sollte der Song auch auf unserem Album vertreten sein. Jedoch mussten wir die E ­ ntscheidung treffen, ob der finale Track „Secrets“ oder eben „Lights And Offerings“ sein sollte und schlussendlich hat er es nicht auf das Album geschafft. Da der Titel aber sehr gut zum Gesamtpaket passt, dachten wir uns, dass wir wenigstens das Album danach benennen. Mit eurer Band verfolgt ihr ein striktes Konzept. Was geschieht, wenn ihr eine Idee umsetzen möchtet, diese aber nicht in das Konzept der Band passt? _J: Wir kennen uns alle schon sehr lange.

Deshalb ist es für uns ziemlich einfach, die Dinge herauszufiltern, die nicht speziell zu unserem Verständnis von dem passt, was ­Mirrors ist. Gleichzeitig entwickelt sich die Frage nach „Was ist Mirrors?“ zusammen mit den Ideen weiter. Wir arbeiten aber nicht insgeheim an Soloprojekten oder so.

Mirrors rufen stets extreme Reak­ tionen, ob positiv oder negativ, hervor. Wo seht ihr den Grund dafür? _A: Das stimmt. Leute sagen uns oft nach,

dass wir prätentiös wären. Doch oft genug sehen sie auch, dass wir ein klares Konzept vertreten und respektieren, dass wir genau über unser Tun nachdenken. _J: Wir möchten ehrliche Songs schreiben. Das ist alles, was wir je machen wollten. Unserer Meinung nach muss in einem Song eine Intention stecken, er muss eine Seele haben. An diesem Punkt werden Texte sehr wichtig. Unsere Texte befassen sich stärker mit der dunklen Seite des Lebens. Das ist für uns als Band einfach erfrischender. Im Moment fühle ich mich hier, in diesen dunklen Räumen des Clubs, viel besser aufgehoben als irgendwo in London. _A: Über einen schönen sonnigen Tag, den man im Freien verbringt, gibt es auch nicht viel zu schreiben, das ist doch das Problem!

_J: Es ist doch so, dass bei Künstlern vor-

ausgesetzt wird, dass sie sich elend fühlen und uns passt das ganz gut.

Euren letzten Berlin Besuch habt ihr als Vorband von OMD bestritten. Was hat euch diese Tour gelehrt? _J: Dass wir sehr gut auf großen Bühnen

sind! (lacht) _A: Was wir mit unserer Performance ver­ suchen zu erreichen, funktioniert umso ­besser, je größer die Bühne ist. Wir haben eine Menge Zeit darin investiert, alles zu ­prüfen, bevor es irgendwer zu hören bekommt. Wir arbeiten sehr hart an den Visuals und genauso hart an dem Sound. Es ist fantastisch, ein g­ roßes Soundsystem nutzen zu können, sodass alles einwandfrei klingt. _J: Viele Bands werden von großen Bühnen eingeschüchtert, aber für uns fühlt es sich so an als wären unsere Musik und unsere Show wie geschaffen für die großen Bühnen dieser Welt. Das fühlt sich einfach richtig an! Wie sieht bei euch ein Tag auf Tour aus? _A: Größtenteils sitzen wir im Van, machen

Soundcheck und gehen dann auf die Bühne. Das sind natürlich nur die Sachen, die ich dir sagen kann. _J: Nein, es ist viel mehr Rock ’n’ Roll bei uns auf Tour! Tatsächlich zerbrechen wir ständig Fenster in Hotelzimmern! (lacht) Aber nein, unglücklicherweise ist es nicht so. Es ist nur ein Mythos, dass Bands auf Tour eine ungeheuerlich aufregende Zeit haben, aber eigentlich ist es sehr viel harte Arbeit. Insbesondere mit der Bühnenvorbereitung, da wir alles selbst aufbauen müssen. Wir haben ja keine Crew! Aber so können wir uns wenigstens alles nach unseren ­Vorstellungen gestalten, damit die Leute wirklich unsere Idee hinter Mirrors ver­ stehen können.

_A: Wir haben aber auch hin und wieder

Zeit ein Buch zu lesen. Ich habe gerade „The Rest Is Noise: Listening To The Twentieth Century“ von Alex Ross gelesen und es dann leider im Kölner Hotel vergessen. _J: Ich lese gerade „Down and Out in Paris and London“ von George Orwell und es ist brillant. Ich wünschte, ich könnte diese ­Person in dem Buch sein! Das passiert mir immer wieder. Vor einer Weile habe ich von William Boyd „Any Human Heart“ gelesen. Es geht dabei um seine Reise durch das 20. Jahrhundert und ich dachte beim Lesen die ganze Zeit: „Gott, ich wünschte ich wäre da ge­wesen, ich wäre im Spanischen ­Bürgerkrieg gewesen oder ein Kunsthändler in New York geworden!“. Schreibt ihr Songs auf Tour? _J: Nicht wirklich, die Zeit auf Tour sollte

man eher dafür nutzen den Blick schweifen zu lassen und Inspiration von dem alltäglichen Leben zu nehmen. Zudem ist es ziemlich schwer auf Tour zu schreiben, schon allein weil ich gern Songs am Piano schreibe und das ist meist zu kompliziert zu handhaben. _A: Ich denke, dass wir mit vielen Ideen zurückkommen werden. Aber im Moment singen wir höchstens eine Melodie, die uns im Kopf herumschwirrt, auf ein Aufnahmegerät. Das ist leider nicht sehr romantisch. Ich würde ja gern sagen, dass ich dann ein paar Zeilen in meinem Buch niederschreibe, aber so ist es leider nicht. _J Ja, aber Songtexte können schon auf Tour entstehen. Das können dann auch nur ein paar Gedankenfetzen sein, die ich ­n iederschreibe. Ich schreibe regelmäßig Tagebuch, da ist schon allerhand Müll drin. Aber jetzt nicht so was wie „Heute habe ich geduscht.“. (lacht)

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In eurem Tourblog war zu eurem ­letzten Besuch in Berlin zu lesen, dass ihr ganz angetan von dem Geschichts­ hintergrund der Stadt ward. Ist das auch eine Inspirationsquelle für Songs? _J: Definitiv. Wir lieben Deutschland und

im Speziellen Berlin macht immer Spaß. Nur ist nie genug Zeit zur Stadterkundung vorhanden. Deshalb haben wir auch schon geschaut wie teuer es wäre hier eine Wohnung zu mieten. Es ist auch ziemlich billig, zumindest billiger als in Brighton. Aber James Tate ist der Geschichtsbesessene in der Band. Wir kennen uns schon seit unserem elften Lebensjahr und sind gemeinsam zur Schule gegangen. Er hat mich mit seiner Obsession angesteckt. Ich interessiere mich besonders für die Geschichte des 20. Jahrhunderts und da ist es eine besondere Ehre als Band in solch einer geschichtsbesetzten Stadt zu spielen. Im letzten Jahr haben wir im November in Leipzig gespielt und das war

eine unserer liebsten Städte. Das Publikum war erschreckend gut. _A: Wir liefen dann so in Leipzig herum und das war schon furchteinflößend für uns vier dünne Engländer in diesen Straßen. (lacht) Aber vom Publikum her war es eines der besten Konzerte, das wir je gegeben haben. _J: Die Leute waren auch große ElektroFans. Wir sprachen mit einigen Leuten nach dem Konzert und sie erzählten uns, dass es ihnen streng genommen gar nicht erlaubt war, einige von den OMD Alben zu hören als sie veröffentlicht wurden. So wurde diese Musik für sie so eine Kostbarkeit. Das klang für uns so fremdartig, dass es uns umso mehr fasziniert hat. Welches Ziel verfolgt ihr mit eurer Band? _J: Das ist eine schwierige Frage. Ich meine,

wir haben immer das gemacht, was wir machen wollten. Wir hatten da jetzt keine genauen Ambitionen vor Augen.

_A: Wir wollten eine bestimmte Berühmt-

heit erreichen, um die Venues spielen zu ­dürfen, die uns erlauben all unsere kreativen­ Ideen, die wir so im Kopf hatten, umzu­ setzen. Das Konzerterlebnis ist somit das Wichtigste, wir arbeiten rund um die Uhr an der Liveshow. _J: Das Publikum muss dir die Show ab­kaufen, es nimmt dir nicht alles ab. Generell finde ich Musik ist sehr entwertet worden und somit kann man nur noch an der Liveshow messen wie gut die eigene Musik ankommt. Wir sehen uns als ­Popband, so vielschichtig dieser Begriff auch ist. Einprägsame Popsongs zu schreiben, ist die eine Sache. Aber ist das denn noch genug? Ich finde nicht. Unsere Ambition ist wohl, dass wir wenigstens einen kleinen Eindruck hinterlassen wollen, in dem Sinne, wie wir unsere Musik rüber bringen. Wie gut wir das machen oder ob das überhaupt klappt, ist eine andere Frage. (lacht) Wie reagiert ihr, wenn das Publikum nicht bei eurem Konzert mitgeht? _J: Wir spucken! (lacht) Nein, wir sind ganz

glücklich mit unserem Publikum. Gleich­ zeitig sind wir sehr selektiv mit unseren Shows. Wir spielen nicht so viele Konzerte in Großbritannien und dadurch läuft es scheinbar ganz gut. Aber generell sind wir glücklich über jede Reaktion. _A: Ob positiv oder negativ, die Hauptsache ist doch, dass eine Reaktion vorhanden ist. _J: Wir machen hin und wieder auch kosten­ lose Shows, insbesondere in Brighton und da hoffen wir natürlich, dass wir neben den vorhandenen Fans auch einige neue dazu gewinnen können. _A: Ja, es ist schön öfter in der Heimat zu ­spielen. Aber in Großbritannien gibt es ­einfach so viel Musik, jeden Tag der Woche finden viele gute Konzerte in den großen Städten statt. Da ist es natürlich umso schwieriger die Leute davon zu überzeugen

genau zu unserem Gig zu kommen. Wenn wir zum Beispiel einen Tag in ­L ondon, den nächsten in Brighton und dann noch in Manchester spielen, sind das alles sehr besondere Tage für uns. Aber für die Leute, die in den jeweiligen Städten leben, ist es nichts Besonderes, weil sie jeden Tag so überfüttert werden mit Musik. Wenn wir sie dann trotzdem irgendwie mit der Show kriegen, so dass sie sich wirklich fallen lassen, ist das großartig! Aber manchmal muss man ein paar Schritte zurückgehen, um nach vorn zu kommen. Mirrors stehen auch für einen guten Modegeschmack. Gab es auch mal ­Fehltritte? _J: Naja, ich habe schon einige Fehler

gemacht. _A: Wirklich? Ich habe noch nie einen ge­sehen, ich habe lediglich davon gehört! _J: Ach, ich überlege noch. Gerade bei dir Ally, gab es schon so einige kranke Sachen. _A: Pah! Du trägst manchmal ziemlich schwule Nadelstreifenanzüge. Keiner trägt so was, außer dir. _J: Da ist die Modesünde! Aber ich habe meine Lehren daraus gezogen. Außerdem hatte ich mal so einen grünen Anzug, in dem ich wie ein Busfahrer aussah. Schrecklich! _A: Ich hatte mal weiße Socken zu einem schwarzen Anzug an. Dafür wurde ich eine ganze Weile verspottet. — Interview: Hella Wittenberg Fotos: Jens Herrndorff

DISKOGRAFIE Alben Lights and offerings (2011)

Mirrors

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Encore, 足Maestro! The Unspeakable Chilly Gonzales

K

eine zehn Monate nach s­ einem Album “Ivory Tower” und dem gleichnamigen Film ist Chilly Gonzales, Rapper, ­ P ianist und Größenwahnsinniger im positivsten Sinne, mit etwas völlig anderem wieder zurück. Sein achtes Studio-Album, „The Unspeakable­Chilly Gonzales“ ist ein rein orchestrales Rap-Album geworden sowie eine S ­ ammlung äußerst persönlicher Monologe aus dem Leben des Musical Genius. Gefühlter maßen war es erst gestern, dass wir uns zum Gespräch über „Ivory Tower“ getroffen haben. Aber Gonzales wäre nicht Gonzales, wenn es nicht schon wieder viel Spannendes zu berichten gäbe. Das letzte Mal haben wir uns letztes Jahr im September beim Reeperbahn Festival in Hamburg getroffen. Ich hatte dich gefragt, was du als nächstes­vorhast und du hast gesagt, du w ­ üsstest es noch nicht. Ist die Idee, ein orchestrales Rap-Album aufzunehmen wirklich in so kurzer Zeit ­entstanden oder wolltest du einfach noch nichts verraten? _Chilly Gonzales: Sagen wir es so: Ich

wusste, dass es mein nächstes Projekt sein würde. Ich wusste aber noch nicht, ob es schnell genug raus kommen würde und wollte nicht zu früh etwas ankündigen. Bis ich mir einer Sache sicher bin, kündige ich nichts an. Aber ich wollte schnell etwas Neues machen. Für mich ist ein Rap-Album ein klein wenig austauschbar. Ich wäre niemandem böse, wenn er sich das Album nur ein paarmal anhört. Wenn ich mir ein RapAlbum über ein ganzes Jahr lang ungefähr 100 Mal anhöre, dann mag ich es sehr. Aber in der Regel geht es eher darum, auf dem Laufenden zu bleiben. Wie ein Comic, man will schnell den nächsten. Für mich kann Rap unter d ­ iesem Aspekt gemacht werden.

Wenn du dir das Album angehört hast wird dir aufgefallen sein, dass es keine richtigen Popsongs sind. Es gibt keine eingängigen ­Refrains, ich rappe über lange Strecken. Darum ging es mir, ich wollte diese Dinge sagen und dabei einen Musikstil haben, der über typischen Rap hinaus geht. Grund­ sätzlich ist es aber tatsächlich ein Projekt, das ich schnell gemacht habe, hauptsächlich letztes Jahr im August. Als wir uns getroffen haben, hatte ich gerade die Demos bekommen und dachte oh, das gefällt mir! Im November haben wir dann das Orchester eingespielt. Ich wollte genau diesen Effekt haben, ich wollte, dass die Leute denken: „Moment, er hat doch eben erst ein Album herausgebracht!“ Es wäre auch nicht das ­richtige Album dafür gewesen, um in einem Jahr damit raus zu kommen und zu sagen: „Hey, das ist mein großes, neues Rap Album!“ Es ist eher ein Album für Leute, die mich schon kennen, denen wird es am besten gefallen. Wer keine Ahnung hat wer Gonzales ist und zuerst dieses Album hört, der könnte etwas verwirrt sein.

Persönlich muss ich sagen war ich etwas skeptisch, als ich zum ersten Mal davon gehört habe. Wenn ich ganz ehrlich bin, finde ich die Verbindung von klassischer Musik und Pop meistens gähnend langweilig. In deinem Fall funktioniert es erstaunlich gut. _G: Ich bin ja auch ein klassischer Musiker.­

Das ist der Unterschied. Ich habe das alles in mir. Wenn Popmusiker etwas Klassisches machen wollen, sagen sie in der Regel: „Ich möchte Geigen!“ Und dann engagieren sie jemanden, der ihnen vier heiße Ladies organisiert, die im Video gut in schwarz mit einer Geige in der Hand aussehen. Es muss natürlich sein, du musst es wirklich wollen. Ich bin ein Rap-Amateur aber ein musi­kalisches Genie, das kann ich beides zusammen bringen. Chilly Gonzales

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Hast du die Songs von vorne herein für die Orchester-Arrangements geschrieben? Deine Raps sind ja sehr auf den Punkt, sie hören sich eigentlich so an, als hättest du sie auf Beats ­komponiert. Aber es gibt ja kein Beats auf dem Album. _G: Das stimmt. In gewisser Weise sind die

Raps selber die Beats. Ich bin der D ­ rummer, mein Mund ist das Schlagzeug in diesem Orchester. Grundsätzlich schreibe ich Raps und nehme sie zu fast allem auf. Manchmal sitze ich am Klavier, manchmal an einer Drum Machine. Alles, das mir den kleinen (auf Deutsch) „Augenblick“ beschert, eine besondere Rhythmus Kombination oder was auch immer. Aber ich wusste sehr schnell, dass es das Orchester werden wird. Mein Bruder hat all die Arrangements gemacht. Genauso wie bei „Ivory Tower“ war es am Ende recht wenig Arbeit für mich selber. Ich mag es, Leute zu delegieren.

Ist es das erste Mal, dass du mit ­deinem Bruder (Anm: Filmkomponist ­Christophe Beck) zusammen gearbeitet hast? Er ist ja auch sehr produktiv. _G: Oh ja. Er ist auch einer von diesen

„Never Stop“-Typen. Wir haben hier und da immer mal wieder zusammen gearbeitet. Aber noch nie so eng wie dieses mal. Dabei waren wir noch nicht einmal im selben ­Zimmer, er war in Los Angeles, als wir das Album gemacht haben. Für die Aufnahmen sind wir für ein paar Tage zusammen gekommen, kurz bevor es fertig war. Es ist ja kein echtes Orchester, weißt du?

Wirklich? _G: Ja. Es ist das beste Fake-Orchester,

das man haben kann. Dadurch hatten wir die volle Rhythmus-Kontrolle. Wenn man dieses Album mit einem echten Orchester ­eingespielt hätte, hätte man die besten ­Musiker gebraucht und jede Menge Zeit. Rhythmisch würde es trotzdem nicht so mächtig klingen. Mein Bruder hat ein sehr gutes Team, mit dem er arbeitet. Für die Filme, an denen er arbeitet, wie „Hangover“ zum Beispiel, muss er in der Lage sein Dinge zu machen, die groß klingen aber nicht zu viel Geld kosten. Er ist über die Jahre sehr gut darin geworden, einen überzeugenden Orchester-Sound hinzukriegen. Es ist also alles fake.

Dann wird es doch sicher spannend sein, es auf der Bühne live umzusetzen. _G: Live wird es eher ein Kammerorchester

sein. Ich werde auch Klavier spielen. Ich bin selber neugierig.

Wenn man sieht, was du in den letzten Jahren alles gemacht hast – du musst ja wahnsinnig beschäftigt gewesen sein… _G: Ja, aber ich gehe nie aus. Das bedeutet

ich bin wahrscheinlich genauso beschäftigt wie jemand, der ein bisschen arbeitet und ein bisschen ausgeht. Wenn man den Aus­gehTeil raus nimmt und dafür ein wenig mehr Arbeit dazu tut, kommt jemand dabei raus, der viel arbeitet.

62 | Chilly Gonzales

Und was tust du um dich zu ent­spannen? _G: (überlegt) Ähhh… So richtig

mag ich Entspannung nicht. Ich mag es, die meiste Zeit in einem leicht angespannten, motivierten Zustand zu sein. Aber wenn ich nach einer langen, harten Tour wieder frei habe, habe ich auch kein Problem damit, ein paar Tage lang einfach gar nichts zu tun. Aber dann fange ich auch schnell wieder an, etwas zu tun. Ich bin nicht komplett gegen Entspannung, aber ich kann auch auf einen niedrigen Energie-Level gut kreativ sein. Wenn ich mal Zeit für mich selber habe, mache ich so Sachen wie eine alte Festplatte zu durchsuchen, die ich seit acht Jahren nicht mehr ge­öffnet habe, mir Musik anzu­ h ören, die ich vor Jahren gemacht habe. Das ist dann nicht wirklich kreativ sein, mehr wie a­ ufräumen, als wenn man seinen Papierkram ordnet oder alte Fotos anguckt.

Chilly Gonzales

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Guckst du auch gerne Serien? Du er­wähnst Tony Soprano und Don Draper­

(Anm: Hauptfigur der amerikanischen ­TV-Serie „Mad Men“) auf dem Album. _G: Ja! South Park erwähne ich auch oft. Das sind meine drei L ­ ieblingsserien – The Sopranos, Mad Men und South Park. Ich gucke auch viel Stephen Colbert. Ein wunderbarer politischer Satiriker. Würdest du sagen du bist eher Tony Sporano oder Don Draper? _G: (ohne zu überlegen) Oh, Don Draper. Ich

wäre lieber mehr so wie Tony Soprano. Aber wenn ich überhaupt so dreist sein kann würde ich sagen ich identifiziere mich mehr mit Don Draper. Gonzales ruft die Kellnerin heran und bestellt in perfektem Deutsch ein englisches Frühstück. Ich wollte schon immer wissen, wie gut du Deutsch sprichst. _G: (auf Deutsch) Ja, mein Deutsch ist sehr

gut! Ich habe sechs Jahre gewohnt hier.

Man hört dich ja sonst nie deutsch sprechen. _G: Für ein Interview ist es zu schwer zu…

Gonzales sein (grinst).

Aber du sprichst mit französischem Akzent! Das ist lustig. _G: Ja. Der erste Satz, den ich in der Volks-

hochschule auf Deutsch gelernt habe war: „Wie geht es Dir?“ Ich fand damals, dass ­dieser Satz mehr französisch klingt als Deutsch. Und da ich bereits Französisch gesprochen habe, hat sich das mit dem Akzent automatisch ergeben. Es ist charmanter als der amerikanische Akzent, also denke ich, habe ich gut gewählt. Abschließend habe ich mir etwas ­überlegt. Mal angenommen, wir würden aus deinem Leben ein Brettspiel machen. Es gibt ein Spielfeld, über das man mit einer Spielfigur reist, und auf bestimmten Feldern passieren bestimmte Dinge. Zum Beispiel gibt

es ein Feld, wenn man darauf kommt, muss man wieder fünf Schritte zurück gehen… _G: Weißt du, was das erste war, das ich

gedacht habe, als du angefangen hast davon zu reden? Das hier ist gefährlich. Jetzt bin ich besessen von dem Gedanken, ein ­Brettspiel zu machen. Und meine Ansprüche sind natürlich sehr hoch. Lass mich überlegen. Es müsste Felder geben… Es gab in m ­ einem Leben, in meiner Karriere immer wieder Situationen, in denen ich der ­Versuchung widerstehen musste, Wege zu gehen, die auf kurze Sicht leicht gewesen wären. Stattdessen habe ich Risiko gespielt und auf etwas ­Längerfristiges gesetzt. Das passiert mir immer wieder. Aber das ist das Privileg, mit dem ich aufgewachsen bin, dass ich Risikos eingehen und mich trotzdem sicher fühlen kann. Mich dafür zu entscheiden eine musikalische Ausbildung zu machen, dagegen ein Punk Rocker zu sein. All diese Entscheidungen, die ich getroffen habe. Die akademische Ausbildung nicht zu Ende zu machen, zu versuchen, Rap und elektronische Musik zu machen, die Leute in meinem Alter hören. Damit müsste es viel zu tun haben. Mit der Versuchung, eine Abkürzung zu gehen aber sich dann doch für den längeren Weg zu entscheiden. So müsste das Brettspiel aussehen.

„Ok, jetzt habe ich die Aufmerksamkeit. Was mache ich jetzt damit?“ Das ist ein Schritt nach vorne. Aber sobald man die Aufmerksamkeit der Leute hat, kann man so leicht Fehler machen. Es ist eine Chance, aber es kommt darauf an, was man damit macht. Ich habe zum Beispiel der Versuchung widerstanden, direkt ein zweites „Solo Piano“ Album zu machen, was zu dem damaligen Zeitpunkt vielleicht clever gewesen wäre. Aber so konnte ich den Leuten beweisen, dass ich niemand bin, der so lange sucht bis er etwas gefunden hat, das funktioniert und dann dabei bleibt. Wenn ich weiß, was funktioniert nutze ich das, um noch mehr Risiko einzugehen. „Solo Piano“ war ein Risiko. Ich hätte niemals gedacht, dass es mein am besten verkauftes Album wird. Also denke ich: „Gut. Gehe noch mehr Risiken ein. Mach verrückte Sachen.“ Zum Beispiel ein orchestrales Rap-Album aufzunehmen, gerade mal acht Monate nach meinem letzten Album. Würde es ein Ziel geben in deinem Spiel? _G: Ich weiß nicht… wie funktionieren

Brettspiele? Bei Monopoly geht man doch immer nur im Kreis herum, oder? Es gibt keinen Anfang und kein Ende. — Interview: Gabi Rudolph Fotos: Jens Herrndorff

Es müsste also um Entscheidungen gehen. _G: Ich glaube ja. Denn weißt du, fünf

Schritte nach vorne gehen zu dürfen, das ist in meinem Leben immer damit verbunden direkt fünfzehn wieder zurück zu müssen. Ich habe niemals in meinem Leben fünf Schritte auf einmal nach vorne genommen. Letztes Jahr zum Beispiel, die ­Kombination aus „Ivory Tower“ und dem iPad-Werbespot, solche Sachen haben auf mich aufmerksam gemacht. Das sind Möglichkeiten, die man hat und man denkt:

DISKOGRAFIE Alben O.P. Original Prankster (1999/EP) Gonzales Über Alles (2000) The Entertainist (2000) Presidential Suite (2002) Z (2003) Solo Piano (2004) Soft Power (2008) Ivory Tower (2010) The Unspeakable Chilly Gonzales (2011)

Chilly Gonzales

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Flucht nach vorn:

THE WOMBATS

V

orsicht – um den musikalischen Wandel der Wombats vom letzten zum aktuellen zweiten Album auf den kürzesten Nenner zu bringen, braucht man einiges an Bindestrichen, dummen Alliterationen und Schlagwörtern aus der Genre-Schublade: vom postpubertären Power-Pub-Punk-Pop mit Studentenparty- und Stadion-­Q ualitäten in die Synth-Post-Punk-Disco! Das neue Album „The Modern Glitch“ wartet nicht nur mit ungewohnt elektronischen Sounds auf, sondern auch mit weitaus düstereren Texten inklusive Vampirmetaphern und der titelgebenden Störung im System der modernen Welt. Weezer (alte Helden und offensichtliche Vorbilder), Smashing Pumpkins (sahen die Wombats live während der Albumproduktion in L.A.) und Depeche Mode (3 Mann, 3 Synths) sind nach Aussage von Bassist Tord die exemplarischen Einflüsse, denen das musikalische Universum der Wombats neuerdings zugrundeliegt. Zum Interview und Fotoshooting trafen wir zwei der Fab Three aus Liverpool im Hamburger Docks, Gitarrist / Sänger Matthew “Murph“ stand für das Interview aufgrund von Stimmproblemen leider nicht zur Verfügung. Ich möchte mit der Show im Hamburger „Molotow“ im letzten Jahr beginnen, ich hoffe, ihr erinnert euch? _Dan Haggis: Klar, im Oktober! _Tord Knudsen: Das war eine super Show! _D: Ja, es endete damit, dass wir alle drei

aus einer Flasche Rotwein trinkend crowdsurften! Ich springe sonst nie in die Menge, ich spiele schliesslich Schlagzeug! Es war Wahnsinn. Im Molotow zu spielen ist immer etwas besonderes. _T: Das war das erste Konzert, das wir jemals in Deutschland gespielt haben.

_D: Es müsste so 2006 gewesen sein – lange

her… Vielleicht wars auch 2007. _T: Das war, bevor wir einen Platten­vertrag hatten. Dort gehen auch nur so um die 100 Leute rein – und an dem Abend war es vollgepackt mit bestimmt 200 bis 300 Gästen. Bei so kleinen Gigs, die so voll gestopft sind, ist die Atmosphäre irre! _D: Sogar als wir dort auftraten, bevor wir einen Plattenvertrag hatten und niemand die Musik kannte, spielten die Leute im Molotow schon verrückt – sie schienen irgendwie bereit dafür, unsere Musik zu entdecken und dazu abzugehen. Gibt es eine besondere Verbindung zu Hamburg und zu Deutschland? _D: Bestimmt, für uns ist das sicher eine

besondere Connection. Der Promoter vom Molotow war einer der ersten – oder sogar der erste – der uns in Europa gebucht hat. Daher sind Hamburg und Deutschland generell wichtig für uns. Deutschland ist das beste Land für uns in Europa. Wir spielen hier in den grössten Clubs und haben hier die meisten Fans. Es gibt große Änderungen in eurer Musik, das neue Album klingt deutlich anders als euer Erstling. War es geplant mehr Keyboards und elektronische Elemente einzubauen? _D: Das war ein natürlicher Prozess, der lang-

sam aus kleinen Veränderungen entstanden ist. Wir alle drei haben bei der Produktion des Albums neue Synths und eine Menge neuer elektronischer Instrumente ausprobiert. Das war aufregend. Nach nun ungefähr sieben Jahren, die wir zusammen in der Besetzung Gitarre, Bass, Drums gespielt haben! _T: Zu der Zeit habe ich meine neue Bariton Gitarre bekommen – ich habe mich wie ein kleines Kind gefühlt, das ein neues Spielzeug bekommt! Hinzu kommt, dass wir alle nicht auf unseren Instrumente beschränkt sind – gut, ich spiel Bass, er spielt Drums, aber wir The Wombats

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spielen alle auch Keyboard, Gitarre. Ich spiele Cello, du spielst Flöte… Ich denke, es hat sich ein bisschen aus Langeweile entwickelt, wir brauchten das, um uns selbst herauszufordern. Wir haben nun Mikrokorgs (Synthie/ Vocoder im Retrolook) und Moogs (analoger Synthie aus den 70ern). Plötzlich enstanden die Ideen für neue Songs beim Herumspielen auf dem Keyboard anstatt auf der Gitarre – das hat unseren Schreibprozess interessanter gemacht, und so ist das irgendwie passiert. Es war keine geplante Entscheidung, nun eine Synthieband werden zu wollen oder so. _D: Wir haben uns also nicht hingesetzt, als wir mit dem neuen Album begannen und uns gesagt – ok, lasst uns alle Synths kaufen und den Sound ändern. Es war ein Prozess. Wir haben Depeche Mode und Kraftwerk gehört und bei einem der ersten neuen Songs gedacht, lasst uns sowas ähnliches probieren, das könnte cool werden. Das war erstmal bei nur einem Song der Fall. Daraus hat es sich dann entwickelt. Tord bekam dann seine Baritongitarre für „Dear Hamburg“ (eine B-Seite der Single „Anti-D“) und plötzlich war dieser neue Sound wie ein neuer Teil der Band. 70 | The Wombats

_T: Eine weitere Option! _D: Zum Beispiel auch bei „Techno Fan“.

Wir wollten Synths und Gitarren und dachten irgendwann allerdings: mhm, wir sind aber nur zu dritt…

Ja, ich habe mich gefragt wie ihr das live umsetzt? _D: Tord spielt den Bass auf seiner Bariton

Gitarre, das Ding ist wie zwei Instrumente in einem. Tord und Murph haben zusätzlich noch Synthesizer und auch ich habe einen Synth bei mir am Schlagzeug stehen und plötzlich haben wir so diesen massiven Sound nur zu dritt!

Hängt der Wandel zu synthlastigeren Musik auch mit den ernsteren Texten zusammen? _D: Ja, die Lyrics sind diesmal wirklich

düsterer… Es gibt da beispielsweise diese Vampirmetaphern (in „Tokyo“ und der B-Seite „Dear Hamburg“). Als Murph „Dear Hamburg“ schrieb, hat er in Hamburg „Dracula“ gelesen und das hat ihn beeinflusst. Das ist natürlich eine sehr visuelle, dunkle Metapher – das Leben wird aus jemandem herausgesaugt… Ich glaube nicht, dass wir wegen dieser düsteren Lyrics

mit dem Synthkram angefangen haben, das war eher eine musikalische Entscheidung. _T: Das letzte Album war eher uptempo – ich denke, diesmal passt die Musik besser zu den Texten und Themen.

Was war 1996 anders? Was ist „the modern glitch“ – die moderne Störung – so ist das Album ja benannt? _D: Der Song „1996“ handelt vom Erin-

nern, als Murph so 12 Jahre alt und alles ein facher war. _T: Eine Menge unserer Songs thematisieren so etwas wie Realitäts- oder Weltflucht, auch eine Flucht zurück in der Zeit. _D: Es ist der Versuch, zurück in eine Zeit zu gelangen, in der alles einfacher war und sich alles sicher und simpler anfühlte – wie auch im Song „Tokyo“ der Wunsch, zurück zu einem Ort und in eine Zeit zu finden, als man sich gut fühlte. Was die „moderne Störung“ – „the modern glitch“ nun ist… Ich denke, 1996 ist ein sehr persönlicher Song von Murph, es ist weniger ein sozialer Kommentar. Es ist wie beim Song „Anti-D“. Das Schöne ist ja, dass man die Texte auf verschiedene Weise verstehen kann. Zum Beispiel hat „Anti-D“ ja offensichtlich auch mit Murphs Medikamentenabhängigkeit zu tun, die ja heutzutage sehr sehr verbreitet ist… _T: …aber es wird darüber nicht genug geredet… _D: …das ist natürlich auch sehr hart, einen Song darüber zu schreiben. Aber es ist ein wichtiges Thema für junge Leute, darüber nachzudenken und zu reden, denke ich. Viele schämen sich dafür sicher und gleichzeitig ist es gut für die Leute zu sehen, dass Murph die Sucht überwunden hat und es geht ihm nun gut – man muss Antidepressiva nicht bis zum Ende seines Lebens nehmen und sich auf die Medikamente verlassen! So verschiedene Aspekte stecken also in einem Song.

_T: Die „Störung“ bezieht sich also auch

auf eine mentale oder psychische Störung.

Habt ihr heute schon Sonnenlicht gesehen, ihr hattet gestern einen Off-Day in Hamburg? _D: Ja, wir waren auf dem Dom (Hamburger

Jahrmarkt), wir sind Achterbahn gefahren und haben den ganzen Kinderkram gemacht. Das war lustig, wir hatten eine Kinderausflugstag. Wir haben uns benommen wie 1996. _Wenn alle mentalen, sozialen Fixpunkte in der modernen Welt über uns zusammenstürzen, wie es sich in den Texten der Wombats diesmal wiederspiegelt, hilft also nur noch die Realitäts-Flucht nach vorn: der unbedingte Wille zur Party – zur Not funktionieren auch Techno (wie in der aktuellen Single „Techno Fan“), Erinnerungen an den ersten Kuss („1996“), Fluchten bis ans Ende der Welt („Tokyo“) – oder auch nur ein Ausflug auf den Hamburger Dom. Die Antidepressiva Medikamentensucht, auf die auf der dritten Single „Anti-D“ angespielt wird, hat Sänger und Gitarrist Murph auch schon hinter sich. „Let’s dance to Joy Division” vom herrlichen ersten Album bringt schon im Titel die musikalischen und thematischen Koordinaten weiterhin auf den Punkt – euphorische Party aus Trotz! —

Interview: Rafael Mans Fotos: Ute Mans

DISKOGRAFIE Alben The Wombats Proudly Present: A Guide to Love, Loss & Desperation (2007) The Wombats Proudly Present: This Modern Glitch (2011)

The Wombats

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NEU   IM

LICHT SPIEL HAUS

01

Mr. Poppers Pinguine Start: 23. Juni Regie: Mark Waters Mit: Jim Carrey, Carla Gugino, ­ Ophelia Lovibond

Ein sichtlich gealterter Jim Carrey (letzter Tiefschlag: „I Love You Phillip Morris“) besteht hartnäckig auf seinen Ruf des komischsten Manns Amerikas. Aber so alt wie er in „Mr. Poppers Pinguine“ daherkommt, solch einen Bart haben auch seine faden Witze. In dem Film von Regisseur Mark Waters (letzter Tiefschlag: „Der Womanizer – Die Nacht der Ex-Freundinnen“) erhält Mr. Popper, geschiedener Businessmensch und Vater zweier Kinder, ein Geschenk von seinem kürzlich verstorbenen Vater. So schlecht die Beziehung zum Vater war, so unpassend auch das Paket: ein lebendiger Pinguin soll von nun an sein treuer Begleiter sein. Was zu Beginn nach einer nicht funktionierenden Mission aussieht, wandelt sich schon bald 72 | Neu im Lichtspielhaus

auf verwunderliche Weise durch die Ankunft weiterer Pinguine. Nachdem alle mit Namen versehen und die Wohnung zur Rodelbahn ernannt wurde, wächst auch die Innigkeit zwischen Popper und seiner Familie – selbst seine Ex-Frau Amanda (Carla Gugino, letzter Tiefschlag: „Faster“) schenkt ihm das eine oder andere Mal ein überschwängliches Lächeln. Das nach all den genannten Hochs sicherlich auch ein fieser Wendepunkt kommt, scheint vorhersehbar wie die Werbepausen im Fernsehen. Doch was sich die Drehbuch­ autoren John Morris und Sean Anders ­(letzter Tiefschlag: „Hot Tub – Der Whirlpool… ist ‘ne verdammte Zeitmaschine“) als üblen Fausthieb erdacht haben, scheint für den Zuschauer schon längst durch schlechte Gags erlangt. Die Pinguine leiden allesamt an Flatulenz und das ist es auch schon. „Mr. Poppers Pinguine“ mag ein netter Film für die ganze Familie sein – aber dann kann man auch genauso gut zu McDonalds gehen, denn auch dort bekommt man in kurzer Zeit viel Ekliges für wenig Geld. — Hella Wittenberg

02

The Way Back – Der Lange Weg Start: 7. Juli Regie: Peter Weir Mit: Jim Sturgess, Ed Harris, Colin Farrell

Die sieben aus dem sowjetischen Gulag a usgebrochenen Flüchtlinge treibt der ­ blanke Überlebensinstinkt. Ob nun tot in dem ­verzehrenden Straflager oder in der gnaden­losen Weite Sibiriens, die Freiheitssehnsucht überwiegt bei den Männern aus den unterschiedlichsten Gründen. Der polnische Janusz ( Jim Sturgess) möchte seiner Frau, die unter Folter ihren Ehemann als ­vermeintlichen Spion enttarnte, mit seiner phyischen ihre seelische Freiheit wiedergeben. Doch dazwischen liegen farbintensive Jahreszeiten, endlose Monate und über 10.000 unbarmherzige Kilometer. Die abenteuerliche Überlebensgeschichte wurde von Slavomir Rawicz Memoiren „Der lange Weg: Meine Flucht aus dem Gelag“ inspiriert, schafft es aber das Werk durch visuelle Bonbons (traumhafte Drehorte: Bulgarien, Marocco sowie Indien) und die nachhaltige Ausdrucksstärke eines jeden Darstellers zum Leben zu erwecken. Die Natur stellt sich dabei mehr und mehr in den Mittelpunkt, schnürt die Wanderer zusammen, lässt sie beeindruckt nach außen schauen und im nächsten Moment umso ­stärker nach innen ziehen. Ein bildintensives Epos des Menschen mikroskopisch beobachtenden Peter Weir, der schon 1998 in „Die Truman Show“ Durchschnittsmenschen mit außergewöhnlichen Situationen konfrontierte, so dass die

akribisch errichteten Fassaden verflossen und die besonderen Stärken der jeweiligen ­Charaktere aus ihrem Dickicht krochen. In dem dramatischen Abenteuer „The Way Back“ stellte er sich ein weiteres Mal Ed Harris zur Seite, der den wortkargen Amerikaner Mister Smith mimt. Des Weiteren versammelte Weir neben den Genannten auch Colin Farrell als unzurechnungsfähigen Russen Valka, Alexandru Potocean, Sebastian Urzendowsky sowie Dragos Bucur um sich. Nach fast siebenjähriger Schaffenspause meldet sich Weir mit „The Way Back – Der lange Weg“ zurück, einem beengenden wie auch furchtlosen Werk, in dem im Besonderen die Darstellerriege zu brillieren weiß. Namen wie Jim Sturgess sollte man sich für die Zukunft merken, sofern er des Öfteren in solche Charakterrollen schlüpft und nicht wie in „One Day“ sich an einer Romanze mit Anne Hathaway vergreift. — Hella Wittenberg

Neu im Lichtspielhaus

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03

Alles koscher! – The Infidel Start: 30. Juni Regie: Josh Appignanesi Mit: Omid Djalili, Richard Schiff, Archie Panjabi

Nachdem dem bequemen Moslem Mahmud (Omid Djalili) seine Geburtsurkunde in die Hände fällt, auf welcher schwarz auf weiß geschrieben steht, dass er adoptiert wurde und er herausfindet, dass sein echter Name zu allem Überfluss Solly Shimshillewitz ist, wird der impulsive Mahmud eruptiv wie ein Vulkan. Sein einst verhasster Nachbar, der jüdische Lenny (Richard Schiff ), wird schon bald zu seinem geheimen Verbündeten in der Lehre des Jüdischen. Denn ­seinen echten Vater, Izzy Shimshillewitz, kann er erst im Altersheim besuchen, wenn 74 | Neu im Lichtspielhaus

er einige religiöse und kulturelle Grundregeln beherrscht – so meint es zumindest der Rabbi des kranken Vaters (Matt Lucas, aus „Little Britain“ bekannt). Während Mahmud verzweifelt ­Jiddisch lernt, darf die Familie keinen Verdacht schöpfen. Sohn Rashid (Amit Shah) möchte nämlich heiraten und zwar die Tochter des fanatischen Predigers Arshad Al-Masri (Igal Naor). Doch bevor der sein Einverständnis gibt, soll die Familie noch auf echte Moslemtauglichkeit überprüft ­werden. Die Identitätskrise des charismatischen Ungläubigen ist nun vollkommen. Für ihn werden rassistische Feindseligkeiten immer stärker spürbar, obwohl sich Mahmud eigentlich als ein ganz normaler, Fußball und Popmusik liebender Londoner sieht und damit die Religion nur eine zweitrangige Rolle einnimmt. Regisseur Josh Appignanesi erschuf einen überaus unterhaltsamen und ehrlichen Spielfilm, im Besonderen weil es nicht um das Auslachen von Stereotypen gehen soll. ­Charaktere wie die liebevolle Ehefrau Saamiya Nasir (Archie Panjabi) stehen für moderne Vielschichtigkeit. So bestärkt sich der positive Eindruck einer zwar gewagten, aber auf Weltoffenheit pochenden IndieKomödie. „The Infidel“ ist respektlos und ambitioniert. Wer vor Themen wie Religion Angst verspürt, der sollte nach Meinung des Drehbuchautors Baddiel unbedingt lernen darüber zu lachen. Ein weiter Amüsementund Fremdschäm-Faktor ist die Musik von Erran Baron-Cohen (Bruder von Sacha Baron-Cohen, für dessen Film „Brüno“ sowie die „Ali G Show“ die Musik auch von ihm stammt), die ganz schön poppig daher kommt. Also: nicht von dem unpassenden Filmposter verschrecken lassen, da steckt viel mehr dahinter! — Hella Wittenberg

Company Men Start: : 7. Juli Regie: John Wells Mit: Ben Affleck, Chris Cooper, Tommy Lee Jones

Höher, schneller, weiter. Zielstrebigkeit und Ehrgeiz lassen einstige Kinderträume zur Realität werden. In „The Company Men“ werden zähe amerikanische Männer gezeigt, die voll und ganz im Leben stehen und durch harte Arbeit bis an die Führungsspitze gelangt sind. Doch so hoch die Erfolgsleiter auch gehen mag, der Fall folgt bekanntlich umso rasanter samt hartem Aufprall. John Wells kann für sein Regiedebüt eine äußerst attraktive Besetzungsliste vorweisen. Ben Affleck („Daredevil“) schlüpft in die Rolle des Gewinnertypen Bobby Walker. Mit seinem stets verschmitzten Lächeln und einer Bilderbuchfamilie, die sich in einer entsprechend monströsen Villa samt Porsche in der Garage niedergelassen hat, ist er ­prädestiniert für einen Absturz der übelsten

Sorte. Dachte er, er könnte nur noch befördert werden, wird er stattdessen bei dem Bostoner Schiffbauerunternehmen gefeuert. Weiterhin treten auch Tommy Lee Jones („Men In Black“) und Chris Cooper („American Beauty“) als hochrangiges Personal auf den Plan, die trotz der angeblichen Unantastbarkeit ihres Postens überraschenderweise gekündigt werden. Auf sachliche Weise werden die Schicksale dreier Männer während der Wirtschaftsund Finanzkrise dargestellt. Sie alle sind zuerst ungläubig, fühlen sich schon bald überaus nutzlos – doch am Ende geht jeder anders mit der veränderten Situation um. Trotz der niederdrückenden Thematik lässt Wells Raum für Hoffnung. Das Parade­beispiel dafür ist der unerschütterliche ­Optimismus von Gene McClary ( Jones), der trotz des Hagels von Niederschlägen nicht aufgibt zu kämpfen. Das Arbeiterdrama bietet im Rahmen einer wirtschaftlichen Notlage Denkanstöße. Was ist das Wichtige im Leben? Was ist der Wert der eigenen Arbeit? Welches große Ziel sollte man sich setzen? Und gleichzeitig werden durch die feinfühlige Darstellung der Hauptakteure mögliche, in jedem Fall versöhnliche, Antworten präsentiert. — Hella Wittenberg

Neu im Lichtspielhaus

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FREI

LUFT KINO In den eigenen vier Wänden kann man kaum noch atmen, vor dem Fenster tobt das Leben – der Sommer schreit uns wieder einmal aus vollem Halse entgegen. Für das richtige Programm zur Parkbegehung im Freundeskreis sorgen auch 2011 die zahlreichen Freiluftkinos in Berlin und Umland. Die ohne Unterlass brennende Sonne erschwert die Entscheidungsfreudigkeit, aber wir haben uns vorab einen Überblick verschafft, um euch eine formschöne sowie kompakte Zusammenfassung bieten zu können. Et voìla, unsere Highlights des Freiluft-Kinosommers 2011:

Nun also schnell den passenden Überfilm herausgesucht und die geliebten Freunde zum nächstbesten Open Air Kino samt Eiswürfel im tropfenden Getränk hinbestellt! — Hella Wittenberg

76 | Neu im Lichtspielhaus

„I had the craziest dream last night. I was dancing the White Swan.”

Black Swan

Und so sollte es dann auch für die ehrgeizige Balletttänzerin Nina (Natalie Portman) kommen. Als besonderes Schmankerl serviert ihr der smarte Lehrer (Vincent Cassel) noch den schwarzen Schwan mit samt seiner Dämonen. Die Selbstzerstörungswut der schönen Protagonistin (und auch Oscar-Preisträgerin) bewegt sich in Darren Aronofskys Drama im starken Kontrast zu den wohltuenden Klängen Tschaikowskys, die unter freiem Himmel besonders zu erfreuen wissen. Das ist was für tanzwütige Identitätssucher! (u.a. Freiluftkino Friedrichshain, Cassiopeia, Kreuzberg, Hasenheide, Rehberge und Spandau)

SPEZIAL

„You must pay for everything in this world, one way and another. There is nothing free except the grace of God.”

True Grit

Mattie Ross (Hailee Steinfeld) ist ganz schön altklug für ihre 14 Jahre. Dafür hat sie aber auch schon eine Menge miterlebt, wie zum Beispiel den erschütternden Mord an ihrem Vater. So soll der Trunkenbold Rooster Cogburn ( Joel & Ethan Coen nahmen dafür ein weiteres Mal Jeff Bridges unter ihre Fittiche) als großer Rächer auftreten. Aber in dieser Verneigung vor dem todgeglaubten WesternGenre kommt mal wieder alles anders als man denkt und das mit besonders viel Herz und Schneid. Das ist was für emanzipierte Trinker! (u.a. Freiluftkino Kreuzberg, Hasenheide, Rehberge und Spandau)

„I’m not here to discuss personal matters.“

The King’s Speech

Ein Adliger der stottert. Etwas Besseres kann man sich für eine Story kaum vorstellen. Aber dass das Ganze dann auch noch nach dem realen Vorbild, König Georg VI, entstanden ist, lässt Tom Hoppers Drama umso mehr unter die Haut gehen. Colin Firth als zweifelnder König und Geoffrey Rush als eigensinniger Sprachtherapeut liefern in jeder Minute mitreißende Darstellungen und lassen den Historienfilm zu einer liebenswerten Buddy-Geschichte avancieren. Für Jedermann! (u.a. Freiluftkino Friedrichshain, Kreuzberg und Hasenheide)

Neu im Lichtspielhaus

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Thomas Dybdahl

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E

er Norwegische Singer-Songwriter Thomas Dybdahl macht seit fast zehn Jahren melancholischen Pop. In dieser Zeit hat er fünf Alben veröffentlicht: „…That Great October Sound“ (2002), Stray Dogs“ (2003), „One Day You'll Dance For Me, New York City“ (2004), „Science“ (2006) und „Waiting For That One Clear Moment“ (2010). Die Essenz dieser Alben findet sich auf seinem neusten Album „Songs“ (2011) wieder.

Als ich ihn vor seinem Konzert in Berlin zum Interview treffe, erzählt er über „Songs“: „Ein Album wie „Songs“ zu erstellen ist im Grunde eine Einführung in meine Musik für ein neues Publikum. Es ist eine nette Art, mich kennenzulernen. Und wenn es einem gefällt, dann gibt es noch viel mehr zu entdecken. Man kann dann auf die ganzen alten Alben zurückgreifen. Für den Künstler ist es natürlich nicht ganz so aufregend wie ein komplett neues Album aufzunehmen.“ Als ich ihn anschließend frage, ob er sich bei machen Songs gefragt hat, warum er sie damals so geschrieben hat, lacht er. „Naja, das ist nicht passiert. Aber es ist klar, dass ich solche Songs nicht für dieses Album genommen hätte. Es ist lustig. Wenn man erst einmal fertig ist mit einem Album, dann hat man die Songs so häufig gehört, dass man schon genervt ist. So schlimm ist das nicht. Einige der Songs habe ich schon seit Jahren nicht mehr gehört. Ich bin sie alle ziemlich gründlich durchgegangen um herauszufinden, welche Songs ich benutzen wollte und wie ich sie benutzen wollte. Obwohl es nur eine Sammlung von Songs ist, wollten wir versuchen, sie fließend zu gestalten. Die Sammlung sollte sie wie ein richtiges Album anfühlen.“ Er überlegt lange als ich ihn danach frage, ob sich die emotionale Verbindung zu seinen älteren Songs verändert hat. Hat er überhaupt eine emotionale Verbindung zu seinen Songs? „Ich versuche keine aufzubauen.“ Und wieso nicht? „Ich weiß nicht. Es ist so, wenn man anfängt zu schreiben und es ist melancholische Musik oder wie man sie auch zum Teufel nennen will, dann passiert da etwas. Man muss darauf vorbereitet sein, etwas Abstand zu halten, damit man nicht… Ich will nicht, dass es sentimental endet. Ich mag die Melancholie und all das, aber Sentimental ist eine andere Sache. Es geht einen Schritt zu weit. Ich will da nicht hingehen.“ Seine Songs basieren dennoch auf seinem eigenen Leben. Thomas Dybdahl

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„Es gibt keinen Weg, nichts von sich selber in seine Songs zu packen, weil deine eigene Erfahrung dein Startpunkt ist. Geschichten sind nett, wenn man sich in sie begibt und sie erfindet. Ich glaube aber, dass sie immer von einem eigenen Erlebnis oder dem Erlebnis von jemandem, den du kennst, kommen. Ich mag diese kleine Distanz, weil sie mich davon abhält, einen Schritt zu weit zu gehen.“

80 | Thomas Dybdahl

In seiner Biographie steht, dass er wie ein Gitarrist denkt. Hätte ich Dybdahl vor unserem Gespräch schon einmal live gesehen,­ hätte ich eine Frage nie gestellt – er ist Gitarrist durch und durch. Man sieht es nicht nur an seinen diversen Gitarren auf der Bühne, sondern auch an seinem Gesichtsausdruck während er spielt: pure Spielfreude. Die Liebe zu seinem Instrument ist in jedem Moment spürbar. Die Frage war: Wie unterscheidet sich das Denken eines Gitarristen vom ­Denken eines Sängers?

bellaluna / photocase.com

„Ich bin mir nicht sicher, weil ich nicht wie ein Sänger denke. Ich weiß es also nicht wirklich. Wenn man wie ein Gitarrist denkt, dann ist es manchmal sehr v ­ isuell, weil man die Gitarre kennt. Man weiß, wo die verschiedenen Sounds sind und wie eine Akkordstruktur klingen würde. Es ist als würde man Musik visualisieren. Ich weiß nicht, ob man das Gleiche auch als Sänger macht. Wie ein ­Sänger zu denken, könnte mehr auf Gefühlen basieren. Ich denke, es geht darum wie man gewohnt ist Dinge zu tun. Und dann gibt es auch Zeiten, in denen man ohne Instrumente arbeitet und das ist auch eine coole Art zu arbeiten. Obwohl ich dann keine Gitarre habe, stelle ich mir immer noch eine vor. Es bringt dich an einen Ort, an dem du vorher schon warst. Für mich gibt es da keinen Weg drum herum.“ Das Konzert im gut gefüllten, heißen Frannz Club war grandios. Seine Fans waren sehr glücklich ihn nach so langer Zeit endlich wieder auf einer Berliner Bühne zu sehen. Selbst Menschen, die seine Musik noch nicht gut kannten, wurden mitgerissen und sangen aus vollem Halse „Here I Am/Flesh And Bones“ bei „Cecilia“ mit. Es gab Applausstürme zwischen den Songs und am Ende tanzten die ersten Reihen auf der Bühne. Ich hoffe, dass Konzert war Thomas Dybdahl eine Lehre und er wartet nicht wieder Jahre, um zu seinen Berliner Fans zurückzukehren. Über das Tourleben sagt er: „Wenn man erst einmal in diesem Live-Ding drin ist, dann wird man völlig in diese eigene kleine Welt hineingesaugt. Es ist sehr cool, aber man braucht eine Weile um hineinzukommen.“

Und dann braucht es wieder eine Weile um herauszufinden? „Ja, richtig. Es ist sehr frustrierend für unsere Familien, wenn wir nach Hause kommen. Wir benehmen uns alle wie Idioten, weil wir uns schon so daran gewöhnt haben. Das Tourleben ist sehr routiniert. Man macht jeden Tag das Gleiche und man hat jeden Tag die gleiche Verantwortung.“ An diesem einen Tag kann ich ihn wenigsten von einer Pflicht befreien: Während wir das Interview im Biergarten des Frannz machen, entladen seine Kollegen die Instrumente. „Gut, dass wir das Interview jetzt machen“, grinst er, als er es bemerkt. Am Ende bedankt er sich noch einmal, dass ich dafür gesorgt habe, dass er diesen Teil verpasst hat. Der Mann hat den Schalk im Nacken. Mit bleibt nur zu sagen: Vielen Dank für das Interview, Thomas, und komm bald wieder. Ich halte dich gerne wieder von deinen Pflichten ab. — Interview: Dörte Heilewelt Fotos: Jens Herrndorff

DISKOGRAFIE Alben That Great October Sound (2002) Stray Dogs (2003) One Day You'll Dance for Me, New York City (2004) Science (2006) Thomas Dybdahl (2009) Waiting for That One Clear Moment (2010) Songs (2011)

Thomas Dybdahl

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FastForward Magazine als E-Paper geht in die ­Sommerpause. Im Herbst sind wir zurück und ­ freuen uns jetzt schon darauf! Wir wünschen allen unseren treuen Lesern und Unterstützern sowie den Künstlern, die uns Rede und Antwort standen, sonnige Tage und einen wunderbaren Urlaub. Bis bald! Gabi & Michaela

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REDAKTIONELLE MITARBEIT Thorsten Müller

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