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Auf dem neuesten Stand: Statistiken, Zahlen, Daten und Fakten

Auf den Punkt gebracht: Trends und Potenziale

Auf Erfolgskurs: Wie der Bürger stiften lernt

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Die Stiftungslandschaft ist im Aufbruch – aber wie sieht dieser aus? Wie viele Stiftungen hat Deutschland, wohin geht der Trend? Wo werden die meisten Stiftungen gegründet? Welche Zwecke verfolgen Stiftungen heute? Wo gibt es die besten Stiftungsaufsichtsbehörden? Welche Potenziale birgt die Bürgerstiftungsidee? Der vorliegende Report zeigt neueste Statistiken in anschaulicher Aufbereitung. Außerdem: • Interviews mit Expertinnen und Experten • Sieben Regeln für den Stiftungserfolg • ein umfassender Ratgeberteil Ein unverzichtbares Werk für Fach- und Führungskräfte in der Politik, im gemeinnützigen Sektor und in der Wirtschaft, für Medienschaffende und Verbände.

StiftungsReport 2007 Schwerpunkt: B端rgerstiftungen

Herausgegeben vom Bundesverband Deutscher Stiftungen

Vorwort des Herausgebers Der Bundesverband Deutscher Stiftungen ist der einzige Dachverband für alle deutschen Stiftungen und repräsentiert damit die vielfältige und bunte Stiftungslandschaft unseres Landes. Als unabhängiges Kompetenzzentrum vertritt der Verband die Interessen von Stiftungen gegenüber der Politik, motiviert zur Stiftungsgründung, informiert die Öffentlichkeit und will zu einer guten Stiftungskultur beitragen. Er versteht sich als Motor eines wachsenden Netzwerkes, als Ideenpool und als produktive Schnittstelle – zwischen Mitgliedern, zwischen Stiftungen und der Öffentlichkeit. Seit Jahren veröffentlicht der Bundesverband Zahlen und Daten sowie aktuelle Trends im deutschen Stiftungswesen, die auf der Basis seiner umfassenden Datenbank ermittelt werden können. Mit dem vorliegenden Report, der künftig mit wechselnden Schwerpunkten regelmäßig erscheinen soll, publiziert der Bundesverband diese Informationen erstmals in einem neuen Gewand. Die Vielfalt des deutschen Stiftungswesens kann kaum in einem einzigen Buch vollständig dargestellt werden. Wir hoffen dennoch, mit zusätzlichen Informationen, verbesserter grafischer Aufbereitung und mit neuen Elementen einen noch besseren Einblick in das Geschehen im Stiftungssektor zu geben. Anregungen für künftige Reports sind willkommen. Der diesjährige Report wurde von einem Team in Kooperation mit Mitarbeitern der Stiftung Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung erarbeitet. Die Projektleitung hatte unsere wissenschaftliche Mitarbeiterin Dr. Antje Bischoff inne. Zu der Projektgruppe gehörten ferner Dr. Hans Fleisch, Sibylle Junck, Dr. Reiner Klingholz, Katrin Kowark, Ralf Krebstakies, Dr. Andrea Lassalle, Dennis Metzeld, Daniel Müller-Jentsch, Hilke Nissen, Nienke van Olst, Frank Schmidtke und Dr. Andreas Weber. Soweit dieser Report Wertungen und Empfehlungen enthält, hat sie das Reportteam im Zuge der Erarbeitung dieses Buches und im Zusammenwirken mit verschiedenen Akteuren des Stiftungssektors erarbeitet, sie sind damit keine offizielle Empfehlung des Bundesverbandes. Aus Gründen der besseren Lesbarkeit wird an wenigen Stellen auf die Nennung beider Geschlechter verzichtet. In diesen Fällen sind stets beide Geschlechter gemeint. Gefördert wurde der Report durch die Körber-Stiftung sowie das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend BMFSFJ, wofür wir dankbar sind. Wir wünschen den Leserinnen und Lesern des Reports eine anregende Lektüre.

Berlin, im April 2007 Dr.-Ing. E. h. Fritz Brickwedde Vorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen

Dr. Hans Fleisch Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen

Impressum Herausgeber: Bundesverband Deutscher Stiftungen Mauerstraße 93 | 10117 Berlin Telefon (030) 89 79 47-0 | Fax -10 www.Stiftungen.org Verlag@Stiftungen.org Verantwortlich: Dr. Hans Fleisch, Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen Autorinnen und Autoren: Dr. Antje Bischoff, Dr. Hans Fleisch, Sibylle Junck, Dr. Reiner Klingholz, Katrin Kowark, Ralf Krebstakies, Dr. Andrea Lassalle, Dennis Metzeld, Daniel MüllerJentsch, Hilke Nissen, Nienke van Olst, Frank Schmidtke, Dr. Andreas Weber ISBN 3-927645-88-5 Berlin, April 2007 Gestaltung: Jörg Scholz, Köln (www.traktorimnetz.de) Druck: Gebrüder Kopp GmbH & Co. KG, Köln Der Innenteil dieser Publikation wurde gedruckt auf Bioart Top, hergestellt aus 100 % wiederaufbereiteten Fasern (ausgezeichnet mit dem Siegel „Nordischer Schwan“ für Umweltverträglichkeit).

Inhalt Vorwort von Bundesministerin Ursula von der Leyen ............................. 8 1 Engagement in Zahlen ...................................................................... 10 2 Bürgerstiftungen in Zahlen .............................................................. 36 3 Wie gut sind Deutschlands Stiftungsaufsichten? ........................... 42 4 Umfrage Bürgerstiftungen ............................................................... 50 5 Von der Kultur des Gebens ............................................................... 58 Interview mit Prof. Dr. Andreas Kruse ..............................................68 6 Der Staat als größter Stifter im Staat ..............................................72 Interview mit Dr. Wilhelm Krull ........................................................ 83 7 Bürgerstiftungen: Meiner Heimat etwas zurückgeben ................... 89 Interview mit Dr. Klaus Wehmeier.................................................. 103 8 Unternehmer mit Verantwortung ................................................... 108 Interview mit Dr. Helga Breuninger................................................ 117 9 Das „Neue Geld“ ............................................................................. 123 Interview mit Prof. Dr. h. c. mult. Hasso Plattner .......................... 128 10 Stiftungen mit Unternehmensnamen............................................. 132 Interview mit Dr. Klaus Kinkel ....................................................... 142 11 Stiftungen, Think-Tanks und Themenmotoren ..............................146 Interview mit Dieter Berg ............................................................... 156 12 Sieben Regeln für den Stiftungserfolg ..........................................160 Interview mit Dr.-Ing. E. h. Fritz Brickwedde ................................. 174 13 Serviceteil ....................................................................................... 179 Anmerkungen und Literatur .................................................................186

Liebe Leserinnen und Leser,

8

1996 ist die erste Bürgerstiftung nach amerikanischem Vorbild in Deutschland gegründet worden. Heute gibt es bereits über 100 mit Gütesiegel ausgezeichnete Stiftungen dieser neuen Form, bei der Bürgerinnen und Bürger gemeinschaftlich in ihrer Umgebung für soziale, ökologische oder kulturelle Belange eintreten. Die Tendenz bleibt steigend. Ich freue mich sehr, dass der StiftungsReport 2007 des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen insbesondere die Bürgerstiftungen in ihrer beeindruckenden Vielfalt und Vitalität vorstellt. Stifterinnen und Stifter, die sich mit Mut, Tatkraft und Visionen für Projekte einsetzen, die ihnen am Herzen liegen, sind Leistungsträger der Zivilgesellschaft und wichtige Partner des Staates. Stiftungen sind kein Ersatz für staatliche Verantwortung – das möchte ich ausdrücklich betonen – Stiftungen und Staat ergänzen und regen sich gegenseitig an. Der Staat muss zuverlässig dort Schutz bieten, wo Menschen sich aus eigener Kraft nicht helfen können. Aber der Staat muss auch Bürgerinnen und Bürgern, die gestalten wollen, den Raum und die Möglichkeiten geben, ihre eigenen Kräfte zu entfalten. Unsere sozialstaatliche Ordnung lebt von dem Spannungsfeld zwischen Solidarität und Subsidiarität.

StiftungsReport 2007

Eine aktive und selbstbewusste Zivilgesellschaft ist Grundvoraussetzung für unsere Demokratie. Deswegen hat sich diese Bundesregierung zum Ziel gesetzt, Bürgerengagement weiter zu stärken und gute Rahmenbedingungen zu schaffen. Die Regierungsinitiative Zivilgesellschaft entwickelt einen breiteren Ansatz für die Förderung des zivilgesellschaftlichen Engagements. Dazu zählt neben der Reform des Gemeinnützigkeits- und Spendenrechts auch eine neue Generation zivilgesellschaftlicher Netze, wie die Mehrgenerationenhäuser, der Ausbau der generationenübergreifenden Freiwilligendienste oder die Förderung der Initiative Bürgerstiftungen. Verantwortung ist für mich der Schlüsselbegriff für die Zukunft. Die zahlreichen Stifterinnen und Stifter übernehmen Verantwortung für unsere Gesellschaft und sie zeigen beispielhaft und nachhaltig, wie das Prinzip der Subsidiarität mit Leben gefüllt werden kann. Dieses herausragende Engagement muss eine stärkere Beachtung und Anerkennung erfahren. Die Bürgerstiftungen leisten hierzu einen guten Beitrag. Das spiegelt der Stiftungsreport 2007 sehr anschaulich wider. Ohne ihr Engagement wäre vieles nicht denkbar und unsere Gesellschaft kälter und ärmer. Bürgerverantwortung und Engagement sind zentrale Elemente einer humanen Gesellschaft. Das Konzept Bürgerstiftungen ist für aktive, am Gemeinwesen interessierte Bürgerinnen und Bürger besonders attraktiv. Während die klassische Stiftung meist einen Gründungsstifter hat, der einen Millionenbetrag einsetzt, schließen sich bei den Bürgerstiftungen mehrere Gleichgesinnte zusammen. Jeder kann etwas geben: Geld oder Zeit. Bürgerstiftungen sind innovativ und flexibel. Ihr Wirken ist grundsätzlich regional und ihr Einsatzfeld weit gefächert. Es reicht von der Förderung von Kindern und Jugendlichen, Kultur und Bildung, Umwelt und Soziales bis hin zur Unterstützung eines aktiven Miteinanders der Generationen. Bürgerstiftungen schaffen eine neue Kultur des bürgerschaftlichen Engagements und der lebendigen Nachbarschaften – ein „Wir sind die Gesellschaft-Gefühl“. Engagement bedeutet heute vielfach auch Erlebnis. Junge und ältere Menschen wollen sich kreativ in die Gesellschaft einbringen, sich für die Zukunftsgestaltung und Verbesserung der Lebensbedingungen für die nachwachsende Generation einsetzen. Stiftungen stehen für Nachhaltigkeit und die Werteorientierung einer freien Gesellschaft. Deutschland – ein Stifterland? Es bewegt sich etwas. Das Interesse und die Bereitschaft, sich in der Gesellschaft zu engagieren, haben zugenommen. Immer mehr Menschen wollen Verantwortung übernehmen und sich konkret da einsetzen, wo in ihrer Umgebung Hilfe gebraucht wird. Die Bundesregierung wird sie weiter nach Kräften unterstützen. In diesem Sinne wünsche ich Ihnen viel Freude beim Lesen. Ursula von der Leyen Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend

Vorwort von Bundesministerin Ursula von der Leyen

9

1

Engagement in Zahlen Daten und Fakten aus der deutschen Stiftungslandschaft

10

Stiftungen in Deutschland haben eine lange Tradition. Die ersten Institutionen dieser Art entstanden bereits im Mittelalter. Damals waren es vor allem Kirchen, die Stiftungen mit sozialen und mildtätigen Zwecken gründeten. Viele „Stifte“ entsprangen dem frommen Gedanken von Stiftern, die soziale Einrichtungen wie Krankenanstalten oder Waisenhäuser finanzierten und damit häufig getreu der damaligen Denkungsart die Sicherung des eigenen Seelenheils gewährleisten wollten. Eine der ältesten Stiftungen aus der Zeit des Mittelalters ist die Fuggerei, die 1521 von Jakob Fugger dem Reichen als Wohnsiedlung für bedürftige Augsburger Bürger gestiftet wurde. Sie lebt bis heute fort. Die Jahres(kalt)miete für eine Wohnung in der Fuggerei beträgt nach wie vor den nominellen Gegenwert eines Rheinischen Gulden – derzeit 0,88 Euro – sowie täglich drei Gebete für den Stifter und seine Familie.

StiftungsReport 2007

Eine Blütezeit erlebte das Stiftungswesen im 19. Jahrhundert. Mangels vorhandener staatlicher Sozialsysteme im beginnenden Industriezeitalter übernahm das aufstrebende Bürgertum immer mehr Verantwortung. Im 20. Jahrhundert waren die deutschen Stiftungen, bedingt durch Kriege und Diktatur, starken Belastungen ausgesetzt und es kam zu einem empfindlichen Rückgang der Stiftungszahl. Nach dem Zweiten Weltkrieg erholte sich der Stiftungsbereich in Westdeutschland wieder, während er in der DDR unterdrückt wurde. Seit den achtziger Jahren ist in den alten Bundesländern eine wahre Renaissance bei der Gründung neuer Stiftungen zu beobachten, die bis heute anhält. Einen zusätzlichen Anreiz für Stiftungsgründer schaffte das „Gesetz zur weiteren steuerlichen Förderung“ von Stiftungen vom 14. Juli 2000. Der folgende statistische Überblick vermittelt einen ersten Eindruck über die vitale deutsche Stiftungslandschaft. Er beruht auf der Datenbank des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen, die allerdings nicht die Gesamtzahl deutscher Stiftungen erfassen kann, da es kein bundeseinheitliches amtliches Stiftungsregister gibt. So fehlen Daten über die überwiegend kleinen Treuhandstiftungen, deren Zahl auf weit über 20.000 geschätzt wird, sowie über die vermutlich weit mehr als 30.000 kirchlichen Stiftungen, zu denen ebenfalls keine Angaben verfügbar sind.

Stiftungsboom im Westen – schwach blühende Landschaften im Osten Der größte Teil der heute in der Datenbank des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen vorhandenen rechtsfähigen Stiftungen bürgerlichen Rechts wurde in den letzten 20 Jahren gegründet. Vor allem in Westdeutschland zeigt sich seit 1980 ein ungebrochener Stiftungsboom. Da der größte Teil der in Deutschland gestifteten Summen aus unternehmerischer Tätigkeit stammt, folgt die Gründung von Stiftungen immer auch der Entwicklung der Gesamtwirtschaft. In den 1950er und 1960er Jahren mussten offenbar erst einmal die später gestifteten Summen erarbeitet werden. Im Osten Deutschlands hat der Zusammenbruch des DDR-Regimes zwar zunächst ein kleines Stiftungsfeuerwerk entfacht, nach der Gründungswelle konnten die neuen Bundesländer jedoch nicht mit der Dynamik im Westen Schritt halten. Dies ist sicherlich der schleppenden

wirtschaftlichen Entwicklung und der durch 50 Jahre Nazi- und SED-Herrschaft unterdrückten bürgerschaftlichen Tradition geschuldet. Des Weiteren hat Ostdeutschland schlicht und einfach weniger Einwohner und weniger Geld, sodass damit zwangsläufig auch weniger potenzielle Stifterinnen und Stifter vorhanden sind. Doch auch relativ zur Bevölkerungszahl zeigt sich ein großer Unterschied zwischen Ost und West (siehe Abbildung auf Seite 16).

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Anzahl Gründungen

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Stiftungsgründungen in 5-Jahres-Zeiträumen seit 1946 in Ost- und Westdeutschland (ohne Berlin, Hamburg und Bremen)

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Quelle: Bundesverband Deutscher Stiftungen (November 2006)

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Seit dem Gründungszeitraum 1991 -1995 werden auch im Osten Deutschlands vermehrt Stiftungen gegründet; allerdings ist die Gründungsdynamik deutlich weniger ausgeprägt als in den westlichen Bundesländern.

Westdeutschland Ostdeutschland

Engagement in Zahlen

11

b

Geteiltes Stiftungsland

der Region stammen, wie beispielsweise die Johannes und Irene Thordsen-Stiftung in Husum. Wahrscheinlich kÜnnen diese Stiftungen auch auf die Unterstßtzung gut betuchter Zugezogener bauen – die Errichtung einer neuen Stiftung zur Rettung der Strände Sylts scheint jedenfalls regen Zuspruch bei Politikerinnen und Politikern sowie anderen prominenten Liebhabern der Insel zu finden. Stiftungsreich sind auch die Metropolregionen des Ruhrgebiets, der Raum KÜln/Bonn und das Rhein-Main-Gebiet. Die alte Reichsstadt und heutige Finanzmetropole Frankfurt blickt dabei auf eine lange bßrgerschaftliche Tradition zurßck.

Die meisten Stiftungen Deutschlands finden sich – kaum verwunderlich – in den GroĂ&#x;städten. Dort leben am meisten Menschen und dort wird auch das meiste Geld erwirtschaftet. In den ostdeutschen Bundesländern liegen die Zahlen noch weitgehend unter zehn Stiftungen pro Landkreis, oft sind es noch weniger. Bereits heute ragen GroĂ&#x;städte wie Dresden und Leipzig sowie die brandenburgische Landeshauptstadt Potsdam mit ihrem florierenden Kultur- und Wissenschaftsbetrieb aus der ostdeutschen Stiftungslandschaft heraus. Der Kreis Nordfriesland, in dem sich die Insel Sylt und groĂ&#x;e Teile des Nationalparks schleswig-holsteinisches Wattenmeer befinden, zeichnet sich durch eine fĂźr den ländlichen Raum relativ hohe Zahl an Stiftungen aus. Viele von ihnen sind allerdings mit eher geringem Kapital ausgestattet und unterstĂźtzen vorrangig bedĂźrftige Menschen. Zum Teil wurden sie noch im 19. Jahrhundert errichtet. Dazu kommen jĂźngere Stiftungen von Wohlhabenden, die aus

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Im tendenziell noch stiftungsarmen Osten zeichnen sich die alten Hanse- und Hafenstädte Rostock, Wismar und Stralsund mit ihrer traditionell starken Bürgerschaft aus. Dass wirtschaftlicher Strukturwandel, Rand-

lage und wechselhafte Geschichte bei den Stiftungsgründungen eine Rolle spielen, zeigt sich nicht nur in den neuen Bundesländern, sondern auch im Saarland und im westlichen RheinlandPfalz.

Berlin ist nicht die Stiftungshauptstadt

Folgen der sozialistischen Herrschaft im bis vor 17 Jahren in der DDR gelegenen Ostteil, wo das damalige Regime für Stiftungen keinen Platz in der Gesellschaft vorsah. Deshalb ist bis heute die Stiftungskultur auch in den neuen Bundesländern unterentwickelt.

c

In keinem Bundesland existieren mehr Stiftungen als in Bayern. Obwohl in Nordrhein-Westfalen mit 18 Millionen Einwohnern deutlich mehr Menschen leben als im weiß-blauen Süden Deutschlands, liegt das bevölkerungsreichste BundesSchleswig-Holstein land nur auf Platz zwei. Dass die Zahl der 544 Bewohner wenig mit der Stiftungsfreude zu tun hat, zeigt auch der Vergleich der beiden größten deutschen Städte MecklenburgHamburg und Berlin. Während die Vorpommern Ham119 Hauptstadt mit ihren 3,4 Millionen burg Bremen Einwohnern als wenig stiftungs1.012 269 freundlich eingestuft werden muss, sind in der etwa halb so großen Niedersachsen 1.529 Hansestadt fast doppelt so viele Berlin 578 Stiftungen gemeldet. Selbst der Brandenkleine Stadtstaat Bremen kommt Sachsenburg 110 auf fast die Hälfte der Berliner Anhalt Stiftungen. An den Zahlen der 181 Hauptstadt zeigen sich die NordrheinSachsen 276 Hessen Westfalen 1.402 2.725 Thüringen 181

Anzahl rechtsfähiger Stiftungen bürgerlichen Rechts = 100 Stiftungen Quelle: Stiftungsaufsichtsbehörden (Januar 2007)

RheinlandPfalz 662 Saarland 118

13 BadenWürttemberg 2.105

Bayern 2.590

Engagement in Zahlen

Unterschiedliche Dynamik

d

christlich-humanistischem Charakter, die auch während der NS-Zeit Bestand hatte. 1946 wurden die Stiftungen aufgehoben Zu Zeiten der Wiedervereinigung war das und mit ihrem gesamten VermĂśgen in die ehemals blĂźhende Stiftungswesen im Martin-Luther-Universität Halle-WittenOsten Deutschlands nahezu ausgelĂśscht. In den zur Vorkriegszeit oft hoch industria- berg eingegliedert. Nach langjährigen BemĂźhungen, unter anderem der Volkslisierten Gebieten hatten Naziherrschaft und DDR-Regime bĂźrgergesellschaftliches wagenStiftung, konnten die Franckeschen Stiftungen schlieĂ&#x;lich 1991 wiederhergeEngagement unterbunden. Die Stiftungsstellt werden. vermĂśgen waren vom Staat einkassiert Ebenso auferstanden ist die nach worden. Mit der AblĂśsung des BĂźrgerlichen ihrem Stifter benannte Curt-ElschnerGesetzbuches durch das Zivilgesetzbuch Galerie, die sich seit ihrer Einweihung der DDR wurde dem Stiftungswesen auch 1925 in den Räumen des ehemaligen rechtlich der Boden entzogen. Residenzschlosses zu Eisenach befand. Seit der deutschen Einheit waren Die Galerie umfasste bei ihrer GrĂźndung einige Versuche erfolgreich, traditionsunter anderem Ăźber 70 Gemälde deutreiche Altstiftungen wiederzubeleben. scher Maler des 19. Jahrhunderts und Prominentes Beispiel sind die Franckesollte laut Stiftungsvertrag mit der Stadt schen Stiftungen zu Halle, welche auf die fĂźr immer in Eisenach bleiben. 1969 Stiftung eines Waisenhauses und einer wurde die Galerie aufgelĂśst, ein GroĂ&#x;teil Armenschule aus dem Jahr 1695 durch der Sammlung in das ThĂźringer Museum den Theologen und Pädagogen August integriert und andere Teile Ăźber den staatHermann Francke zurĂźckgehen. Bis ins lichen Kunsthandel der DDR verkauft. 19. Jahrhundert entwickelten sie sich 1993 stellte das ThĂźringer Landesverzu einer beispiellosen „Schulstadt“ mit 4ZMU

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waltungsamt fest, dass die Aufhebung der Stiftung unrechtmäĂ&#x;ig war, diese also wiederzubeleben sei. Indes wurden auch zahlreiche neue Stiftungen ins Leben gerufen. Doch insgesamt nähert sich der Osten nicht dem Westniveau an, vielmehr scheint sich die Differenz zu stabilisieren, wenn nicht gar zu erhĂśhen. Auch im Osten gibt es regionale Unterschiede: Stiftungsreich sind in ThĂźringen die Universitätsstädte Erfurt und Jena sowie in Sachsen die Handelsund Kulturzentren Dresden und Leipzig. Dagegen entwickelt sich in Brandenburg (mit Ausnahme der Landeshauptstadt Potsdam) eher wenig. Im mit KulturgĂźtern besonders reich gesegneten SachsenAnhalt verlief die Entwicklung seit der Wendezeit am erfreulichsten. In Mecklenburg-Vorpommern knĂźpfen die StiftungsgrĂźndungen an die bĂźrgerliche Tradition der Hansestädte an. Im Westen verläuft die Entwicklung insgesamt dynamischer, vor allem im

Bremer Umland, in groĂ&#x;en Teilen Bayerns und im Ruhrgebiet. Auch in den Wissenschafts-, Finanz- und Verwaltungszentren von Hessen und Baden-WĂźrttemberg sind viele StiftungsneugrĂźndungen zu beobachten.

Entwicklung des Stiftungsbestandes von 1990 bis 2005

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Quelle: Bundesverband Deutscher Stiftungen (November 2006)

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Engagement in Zahlen

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Die alten Kaufmannsstädte liegen vorn

(Westfalen), Braunschweig, Oldenburg (Oldbg.) und Trier. In Nordfriesland kĂśnnte die hohe Zahl von Zweitwohnsitzen Besserverdienender eine Rolle spielen. Im SĂźden der Republik fallen Freiburg im Breisgau und Baden-Baden sowie der Kreis Lindau auf, letztere sind beliebte Refugien wohlhabender Ruheständler. In Nordrhein-Westfalen ragen lediglich MĂźnster und Bonn aus dem MittelmaĂ&#x; heraus. In der alten Bundeshauptstadt haben nach wie vor zahlreiche Stiftungen – teils als staatliche GrĂźndungen – ihren Rechtssitz, darunter die Alexander von Humboldt-Stiftung, die Deutsche AIDS-Stiftung und zahlreiche parteinahe Stiftungen.

Gemessen an der Einwohnerdichte zeigt sich auf Kreisebene ein etwas anderes Bild der deutschen Stiftungslandschaft. Die Stiftungsdichte ist in Frankfurt am Main mit 64 Stiftungen je 100.000 Einwohner am hĂśchsten. In Bayern zeichnen sich neben MĂźnchen einige regionale Zentren mit hoher Stiftungsdichte ab, wie Bayreuth, Bamberg, Regensburg oder WĂźrzburg. Zu den stiftungsreichen Hansestädten Hamburg, Bremen und LĂźbeck kommen im Osten die (Hanse-) Städte Stralsund, Rostock, Greifswald und Wismar hinzu. Auch in anderen Städten, in denen entweder BĂźrgertum und Kaufmannschaft traditionell einflussreich waren, oder die eine Geschichte als Universitäts- und Verwaltungszentren aufweisen, findet sich eine groĂ&#x;e Anzahl von Stiftungen – etwa in MĂźnster

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Quelle: Bundesverband Deutscher Stiftungen (November 2006)

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Frankfurt oder Hamburg – welche Stadt ist Spitze? Stiftungshochburg unter den deutschen Städten ist Hamburg mit der höchsten absoluten Zahl an Stiftungen. Die Stiftungsdichte der größten deutschen Städte ergibt sich allerdings aus der Anzahl selbstständiger Stiftungen bürgerlichen Rechts pro 100.000 Einwohner mit Sitz in diesen Städten. In dieser Liste führt Frankfurt am Main. Auffällig viele Stiftungen sind in Städten zu finden, in denen bürgerschaftliches Engagement auf eine lange Geschichte zurückblicken kann, wie etwa in den Hansestädten Hamburg und Bremen. Zum anderen finden sich Stiftungen bevorzugt in Städten, die Universitätsstandorte und Verwaltungszentren sind. Wie wohlhabend eine Stadt beziehungsweise ihre Bevölkerung heute ist, spielt keine vorrangige Rolle. Die Stiftungslandschaft der großen Städte spiegelt eher die Bedeutung der Bürgerschaft und ihr Selbstverständnis in Vergangenheit und Gegenwart wider. Darüber hinaus ist zu vermuten, dass sich die Rahmenbedingungen, die durch die jeweiligen Aufsichtsbehörden gesetzt werden, auf die Zahl der Stiftungen auswirken. Die Hauptstadt Berlin mit nur 16,4 Stiftungen pro 100.000 Einwohner könnte ein Beleg dafür sein: Die Berliner Stiftungsaufsicht wird von den dort ansässigen Stiftungen als bürokratisch eingestuft und vergleichsweise negativ beurteilt. Es gibt aber noch weitere Erklärungen für die wenigen Stiftungen in Berlin: Viele Stiftungen aus der alten Bundesrepublik, die eine Nähe zum politischen Geschehen suchen, haben ihren traditionellen Hauptsitz im Westen beibehalten und lediglich eine Geschäftsstelle in der Bundeshauptstadt eröffnet. Die ehemals freie und reichsunmittelbare Stadt Frankfurt am Main blickt auf eine Geschichte zurück, in welcher die Bürger weitgehend eigenständig und unabhängig von Fürsten ihre Geschicke

lenken konnten. Das damit einhergehende Selbstbewusstsein und der Wohlstand der Kaufleute führten zu zahlreichen Stiftungsgründungen und prägen bis heute das bürgerschaftliche Engagement. Zusätzlich ist die hohe Stiftungsdichte in Frankfurt auf die dort ansässigen Geschäftsbanken zurückzuführen, die häufig nicht nur selbst eine Stiftung gegründet haben, sondern im Kundenauftrag Stiftungen im Gründungsprozess beraten und den laufenden Betrieb übernehmen. Diese Stiftungen weisen in solchen Fällen den Rechtssitz Frankfurt auf, weil die Gründungsformalitäten auf die Bank übertragen wurden und die wiederum den kürzesten Behördenweg wählt. So kommt es, dass einige dieser auf das Stiftungsgeschäft spezialisierten Banken weit über 100 Stiftungen in Frankfurt betreuen. Dieser Trend wird sich in Zukunft sicherlich fortsetzen. Im gesamtdeutschen Durchschnitt gibt es 13,7 Stiftungen je 100.000 Einwohner. Dies entspricht der Stiftungsdichte von Bremerhaven. Beste Oststadt ist Potsdam auf Platz 32, mit einer Dichte von 21,7 Stiftungen je 100.000 Einwohner. Berlin, obwohl in absoluten Zahlen auf Platz drei, findet sich lediglich auf Platz 41. Die elf ostdeutschen Städte belegen allesamt hintere Plätze. Auch das Ruhrgebiet ist keine Stiftungshochburg. Viele der dortigen Städte verzeichnen weniger als zehn Stiftungen je 100.000 Einwohner und liegen damit deutlich unter dem Durchschnitt.

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Städteranking nach der absoluten Zahl der Stiftungen

1 2 3 4 5

Stadt Stiftungen Hamburg 930 München 575 Berlin 556 Frankfurt am Main 419 Bremen 230

400

800

Quelle: Bundesverband Deutscher Stiftungen (Februar 2007)

Engagement in Zahlen

17

Städteranking nach Stiftungen je 100.000 Einwohner Gesamtranking von 81 Großstädten

18

Rang 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20 21 21 23 24 25 26 27 28 29 30 31 32 33 34 35 36 37 38 39 40 41 42 43 44

Stadt Frankfurt am Main Hamburg Bonn Oldenburg Münster Mainz Würzburg München Regensburg Bremen Ulm Stuttgart Augsburg Lübeck Braunschweig Hannover Göttingen Darmstadt Düsseldorf Kiel Osnabrück Heidelberg Nürnberg Reutlingen Bielefeld Essen Freiburg im Breisgau Kassel Köln Saarbrücken Erlangen Potsdam Fürth Krefeld Koblenz Wuppertal Siegen Aachen Paderborn Solingen Berlin Mülheim an der Ruhr Karlsruhe Hildesheim

StiftungsReport 2007

Bundesland Dichte Hessen 64,3 Hamburg 53,3 Nordrhein-Westfalen 50,8 Niedersachsen 49,8 Nordrhein-Westfalen 49,1 Rheinland-Pfalz 46,8 Bayern 46,3 Bayern 45,6 Bayern 42,4 Bremen 42,1 Baden-Württemberg 39,8 Baden-Württemberg 38,3 Bayern 36,9 Schleswig-Holstein 36,4 Niedersachsen 35,5 Niedersachsen 34,9 Niedersachsen 34,5 Hessen 32,0 Nordrhein-Westfalen 30,3 Schleswig-Holstein 29,9 Niedersachsen 28,7 Baden-Württemberg 28,7 Bayern 28,4 Baden-Württemberg 27,6 Nordrhein-Westfalen 26,9 Nordrhein-Westfalen 26,3 Baden-Württemberg 24,1 Hessen 23,7 Nordrhein-Westfalen 23,3 Saarland 22,4 Bayern 22,3 Brandenburg 21,7 Bayern 21,2 Nordrhein-Westfalen 21,0 Rheinland-Pfalz 20,7 Nordrhein-Westfalen 18,9 Nordrhein-Westfalen 18,8 Nordrhein-Westfalen 18,2 Nordrhein-Westfalen 18,1 Nordrhein-Westfalen 17,1 Berlin 16,4 Nordrhein-Westfalen 15,9 Baden-Württemberg 15,8 Niedersachsen 15,6

10 20 30 40 50 60

Rang 45 46 47 48 49 50 51 52 53 54 55 56 56 58 59 60 61 62 63 64 65 66 67 67 69 70 71 72 73 74 75 76 77 78 79 80 81

Stadt Neuss Erfurt Bremerhaven Wiesbaden Jena Offenbach am Main Pforzheim Heilbronn Bergisch Gladbach Mannheim Remscheid Wolfsburg Recklinghausen Magdeburg Leverkusen Ludwigshafen am Rhein Witten Bochum Rostock Halle (Saale) Dresden Ingolstadt Dortmund Duisburg Bottrop Moers Mönchengladbach Oberhausen Leipzig Hamm Hagen Gera Gelsenkirchen Cottbus Salzgitter Chemnitz Herne

Bundesland Dichte Nordrhein-Westfalen 15,2 Thüringen 13,8 Bremen 13,7 Hessen 13,5 Thüringen 12,7 Hessen 12,6 Baden-Württemberg 11,8 Baden-Württemberg 11,5 Nordrhein-Westfalen 11,3 Baden-Württemberg 10,7 Nordrhein-Westfalen 10,4 Niedersachsen 9,9 Nordrhein-Westfalen 9,9 Sachsen-Anhalt 9,6 Nordrhein-Westfalen 9,3 Rheinland-Pfalz 9,2 Nordrhein-Westfalen 8,9 Nordrhein-Westfalen 8,6 Mecklenburg-Vorpommern 8,5 Sachsen-Anhalt 8,4 Sachsen 8,3 Bayern 8,2 Nordrhein-Westfalen 8,0 Nordrhein-Westfalen 8,0 Nordrhein-Westfalen 7,5 Nordrhein-Westfalen 7,4 Nordrhein-Westfalen 7,3 Nordrhein-Westfalen 6,4 Sachsen 5,8 Nordrhein-Westfalen 5,4 Nordrhein-Westfalen 5,1 Thüringen 4,8 Nordrhein-Westfalen 4,5 Brandenburg 3,8 Niedersachsen 3,7 Sachsen 2,8 Nordrhein-Westfalen 2,3

10 20 30

Quelle: Bundesverband Deutscher Stiftungen (Februar 2007) www.Stiftungen.org/statistik, Statistisches Bundesamt, eigene Berechnungen; Einwohnerzahlen: Stand 31. 12. 2005 Anmerkung: Die erhobenen Zahlen berücksichtigen nur den Rechtssitz der rechtsfähigen Stiftungen bürgerlichen Rechts und sind bislang nicht vollständig. Auch sagt das Ranking nichts aus über die Qualität oder die Bedeutung einzelner Stiftungen.

Engagement in Zahlen

19

g

Bildungsauftrag im Geiste von Ebert und Adenauer Die bundesweit aktiven politischen Stiftungen spielen durch ihre Nähe zu den Parteien in der öffentlichen Wahrnehmung eine herausgehobene Rolle. Ihre Hauptaufgaben liegen in der politischen Bildung, in der Unterstützung von sozial- und politikwissenschaftlicher sowie historischer Forschung, der Stipendiatenförderung, der Politikberatung und Entwicklungs-Zusam-

menarbeit. Mit Ausnahme der FDP-nahen Friedrich-Naumann-Stiftung haben sie jedoch nicht die Rechtsform einer klassischen Stiftung, sondern eines eingetragenen Vereins. Finanziert werden die politischen Stiftungen im Wesentlichen aus Mitteln des Bundesinnenministeriums und des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. In den Haushaltsvolumina der parteinahen Stiftungen spiegeln sich die Mehrheitsverhältnisse im Bundestag wider.

Parteinahe Stiftungen nach Gesamtausgaben Name Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. Konrad-Adenauer-Stiftung e.V. Hanns-Seidel-Stiftung e.V. Friedrich-Naumann-Stiftung Heinrich-Böll-Stiftung e.V. Rosa-Luxemburg-Stiftung e.V.

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Gesamtausgaben in Euro 117.000.000 100.583.000 43.125.000 40.400.000 24.453.000 11.922.000

Soziale und wissenschaftliche Aufgaben in Stiftungshand Viele soziale, medizinische oder wissenschaftliche Einrichtungen sind als Trägerstiftung organisiert. Die ersten Stiftungen dieser Art stammen aus dem Mittelalter, als sich die Regierungsgewalt noch nicht auf alle gesellschaftlichen Gebiete erstreckte. Einrichtungen zur Kranken- und Altenpflege wurden häufig von Kirchen auf der Basis mildtätiger Stiftungen be-

20 40 60 80 100 120 Mio.

trieben. Diese Praxis hat sich in Teilen bis heute erhalten und neben den staatlichen Einrichtungen auch bewährt. Das erhebliche Gesamtausgaben-Volumen der Trägerstiftungen resultiert nicht etwa aus einem vorhandenen Anlagevermögen. Sie finanzieren sich vielmehr im Wesentlichen über Einnahmen aus ihren Dienstleistungen sowie Pflegesätzen oder öffentlichen Zuwendungen. Forschungsinstitute, aber auch Kulturbetriebe werden zunehmend in Trägerstiftungen überführt.

Die größten Trägerstiftungen nach Gesamtausgaben 20

Name Gesamtausgaben in Euro SRH Holding (Stiftung Rehabilitation Heidelberg) 525.364.346 Anstalt Bethel 351.455.743 Evangelische Stiftung Alsterdorf 207.900.000 Stiftung Liebenau 200.972.000 Deutsches Elektronen-Synchrotron „DESY“ 194.200.000

StiftungsReport 2007

100 200 300 400 500 Mio.

Der Staat als Stifter Die Stiftungen öffentlichen Rechts wurden von allen staatlichen Körperschaften (Kommunen, Länder, Bund) errichtet und mit Kapital ausgestattet. Hier zeigt sich die Tendenz, Aufgaben wie Kulturpflege oder Wissenschaft, die ursprünglich der Staat selbst wahrgenommen hat, Stiftungen zu übertragen. Die Stiftungen sind dabei häufig operativ tätig, das heißt, sie erledigen alle Aufgaben eigenständig. Stiftungen öffentlichen Rechts bergen zwei Probleme: Zum einen ist ihr

Vermögen schwer zu bewerten, da es meist aus Kulturgütern wie Schlössern und Kunstsammlungen oder aus wissenschaftlicher Infrastruktur besteht, die sich vor allem durch einen hohen ideellen Wert auszeichnen. Zum anderen erbringt dieses Vermögen in der Regel keine Kapitalerträge, aus dem sich der Stiftungszweck – beispielsweise der Erhalt des Kulturgutes oder die Forschung – verwirklichen ließe. Diese Stiftungen sind daher von laufenden staatlichen und privaten Zuwendungen abhängig. Es fehlt ihnen somit die stiftungsspezifische Autonomie.

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Die größten Stiftungen öffentlichen Rechts nach Gesamtausgaben Name Gesamtausgaben in Euro Stiftung Preußischer Kulturbesitz 258.921.000 Stiftung kreuznacher diakonie 230.000.000 Stiftung Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ) 125.600.000 Spitalstiftung Konstanz 118.624.800 Stiftung Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung 99.506.000 Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin 71.300.000 Stiftung Juliusspital Würzburg 66.663.000 Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin (MDC) Berlin-Buch 62.088.000 GeoForschungsZentrum Potsdam 62.000.000 Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg 47.049.320 Stiftung St. Franziskus Heiligenbronn 44.110.000 Stiftung Fachhochschule Osnabrück 43.112.000 Spital- und Spendfonds Überlingen 36.200.000 Institut für Pflanzengenetik und Kulturpflanzenforschung Gatersleben – Leibniz-Institut 34.040.000 Vereinigte Wohltätigkeitsstiftungen Nördlingen 26.913.801

50 100 150 200 250 Mio.

21

Tabellen auf dieser Doppelseite: Finanzdaten aus 2005, Quelle: Bundesverband Deutscher Stiftungen (Februar 2007)

Engagement in Zahlen

j

Auch der Staat kann privatrechtliche Stiftungen errichten Unter den Stiftungen privaten Rechts finden sich die verschiedensten Einrichtungen: Einige wurden vom Staat errichtet, wie die Studienstiftung des deutschen Volkes. Andere entstammen Staatsbeteiligungen, wie die VolkswagenStiftung, die 1961 aus Erlösen der Privatisierung der Volkswagen AG entstanden ist. Eine ähnliche Geschichte hat die Deutsche Bundesstiftung Umwelt, die 1989 aus dem Verkaufserlös der bundeseigenen Salzgitter AG erwuchs. Eine ganz andere Erscheinungsform der Stiftungen privaten Rechts bilden private Stiftungsgesellschaften wie die Robert Bosch Stiftung, die Klaus Tschira Stiftung sowie die Bertelsmann Stiftung, die wesentliche Geschäftsanteile an Unternehmen halten.

22

StiftungsReport 2007

Die größten Stiftungen privaten Rechts nach Gesamtausgaben Name Gesamtausgaben in Euro VolkswagenStiftung 101.598.734 Robert Bosch Stiftung GmbH 68.686.000 Landesstiftung Baden-Württemberg gGmbH 62.500.000 Bertelsmann Stiftung 56.727.000 Alexander von Humboldt-Stiftung 53.115.600 Deutsche Bundesstiftung Umwelt 52.000.000 Deutsche Stiftung Denkmalschutz 40.361.000 Hans-Böckler-Stiftung 40.317.000 Studienstiftung des deutschen Volkes e.V. 35.600.000 Gemeinnützige Hertie-Stiftung 26.929.000 ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius 25.784.441 Umweltstiftung WWF-Deutschland 23.893.000 Stiftung Deutsche Behindertenhilfe 22.504.619 Stiftung CAESAR – Center of Advanced European Studies and Research 20.900.000 Dietmar-Hopp-Stiftung GmbH 20.000.000

20 40 60 80 100 Mio.

Die größten Stiftungen privaten Rechts nach Vermögen Name Vermögen in Euro Robert Bosch Stiftung GmbH 5.122.450.000 Dietmar-Hopp-Stiftung GmbH 4.300.000.000 Landesstiftung Baden-Württemberg gGmbH 2.747.230.000 VolkswagenStiftung 2.397.758.375 Else Kröner-Fresenius-Stiftung 2.050.000.000 Deutsche Bundesstiftung Umwelt 1.678.374.388 Klaus Tschira Stiftung gGmbH 818.600.000 Gemeinnützige Hertie-Stiftung 817.265.000 Software AG-Stiftung 805.000.000 Bertelsmann Stiftung 790.987.600 ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius 724.590.432 Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung 637.015.000 Körber-Stiftung 516.000.000 Stiftung CAESAR – Center of Advanced European Studies and Research 393.000.000 Stiftung Polytechnische Gesellschaft Frankfurt am Main 320.000.000

1

2

3

4

5 Mrd.

23

Finanzdaten aus 2005, Quelle: Bundesverband Deutscher Stiftungen (Februar 2007)

Engagement in Zahlen

k

Vom Sozialen hin zur Kunst … Die Zwecke der Stiftungen orientieren sich an den Vorlieben der Stifterinnen und Stifter und an gesellschaftlichen Bedürfnissen. So hat sich der Umweltschutz seit den 1980er Jahren einen festen Platz in der Stiftungswelt gesichert. Dies war auch eine Folge schwerer Störfälle wie der Chemiekatastrophe von Seveso oder dem Reaktorunfall von Tschernobyl. Nachdem 1983 die Grünen zum ersten

Mal in den Deutschen Bundestag einzogen und 1986 die Bundesregierung ein Ministerium für Umwelt, Naturschutz und Reaktorsicherheit geschaffen hat, wurde 1989 mit Staatsmitteln die Deutsche Bundesstiftung Umwelt gegründet. Der traditionell wichtigste Stiftungszweck Soziales verliert seit dem Ausbau des Sozialstaates in der Bundesrepublik in den 1970er Jahren an Einfluss. In dem Maße, in dem sich die öffentliche Hand in Zeiten leerer Kassen aus der Kulturför-

Stiftungszwecke nach Gründungszeiträumen in Prozent (gewichtet) Die Stiftungszweckangaben wurden so gewichtet, dass jede Stiftung nur mit insgesamt einem Punkt in die Berechnung eingeht. Hat also eine Stiftung mehrere Zwecke angegeben, so wird ihr Punkt auf diese Zwecke verteilt.

25

soziale Zwecke

14

Wissenschaft und Forschung

15

Bildung und Erziehung

20

20

Kunst und Kultur

5

5

4

16

17

19

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25 27 33

2001–2005

1991–2000

1981–1990

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1961–1970

1951–1960

Quelle: Bundesverband Deutscher Stiftungen (November 2006)

32

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18

15

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17

13

14 22

19 19 15 9

24

9 1

2

11

14

13

6

5

6

Umweltschutz

1

StiftungsReport 2007

andere gemeinnützige Zwecke privatnützige Zwecke

derung zurückzieht, gewinnt die Kultur als Stiftungszweck an Bedeutung. 2002 kommt in diesem Bereich zum Beispiel die Kulturstiftung des Bundes hinzu. Während nach der Einführung des BAföG 1971 und dem aus der Hochschulreform folgenden Ausbau der Universitäten die Aktivitäten im Bereich Bildung und Erziehung zunächst angestiegen sind,

reduzierten sie sich parallel zum Sparkurs der Bundes- und Landesregierungen seit den 1980er Jahren wieder. Die ernüchternden Ergebnisse der Schülerstudie PISA und der Rückstand deutscher Universitäten im internationalen Vergleich dürfte künftig eine verstärkte Stiftungsaktivität in den Bereichen Bildung, Wissenschaft und Forschung nach sich ziehen.

… dennoch dominieren die sozialen Belange nach wie vor den Stiftergedanken.

Bildung und Kultur), die in verschiedenen Bereichen liegen, so werden diese jeweils hälftig in beiden Bereichen gezählt. Bei der Verteilung der Stiftungszwecke auf die Gesamtheit der Stiftungen bietet sich ein anderes Bild als bei den Neugründungen: Große Zuwächse sind insbesondere im vergleichsweise jungen Feld des Umweltschutzes zu verzeichnen. Beim traditionell wichtigen Stiftungszweck Soziales gehen hingegen die Neugründungen zurück. Bei der Verteilung im Bestand der Stiftungen überwiegt allerdings Soziales den Umweltschutz bei Weitem.

Die meisten Stiftungen geben in ihrer Satzung mehrere gemeinnützige Zwecke als Tätigkeitsgebiete an. Die Gewichtung der Stiftungszwecke wurde nach folgendem Muster vorgenommen: Gibt eine Stiftung mehrere Zwecke an (etwa Umwelt- und Naturschutz), die in einer der aufgeführten Hauptgruppen (etwa Umweltschutz) liegen, so werden sie in dieser Gruppe nur einmal gezählt. Gibt eine Stiftung mehrere Zwecke an (etwa

Prozentuale Verteilung der StiftungszweckHauptgruppen im Stiftungsbestand Quelle: Bundesverband Deutscher Stiftungen (November 2006)

l

privatnützige Zwecke andere gemeinnützige Zwecke 15,7

5 soziale Zwecke 32,7

Umweltschutz

3,3 14,4

Kunst und Kultur

25

13,3 14,9 Bildung und Erziehung

Wissenschaft und Forschung

Engagement in Zahlen

26

StiftungsReport 2007

Hamburg

Hessen

Bremen

Bayern

Baden-Württemberg

Niedersachsen

Rheinland-Pfalz

Schleswig-Holstein

Nordrhein-Westfalen

Berlin

Sachsen

Saarland

de mal knapp 600 Stiftungen zu zählen. Damit finden sich in Ostdeutschland im Jahr 2000 lediglich 6,8 Prozent aller deutschen Stiftungen wieder – gegenüber 5,4 Prozent im Jahr 1990. Ost

Die geringe Zahl an Stiftungen in den neuen Bundesländern erklärt sich aus der deutschen Geschichte und aus der wirtschaftlichen Lage: Wo keine blühenden Landschaften entstanden sind, sind auch keine übermäßig großzügigen Spenden zu erwarten. Doch gerechnet am Bestand schneiden die neuen Bundesländer bei den Neuerrichtungen von Stiftungen gar nicht so schlecht ab: Immerhin hat sich die Zahl der Stiftungen seit der Wende mehr als verdoppelt. Von einem Stiftungsboom kann dennoch keine Rede sein, denn bis ins Jahr 2000 waren gera-

5 4 3 2 1 0

West

… aber immerhin hat sich die Zahl der Stiftungen in den neuen Bundesländern binnen zehn Jahren verdoppelt

tungen neu hinzu (296 Neugründungen) als in Hamburg (222 Neugründungen), obwohl in den neuen Bundesländern acht mal mehr Menschen leben als in der Hansestadt. In Bayern, mit 12 Millionen Einwohnern fast so bevölkerungsreich wie die 13 östlichen Bundesländer, wurden in 12 dieser Dekade 762 neue Stiftungen 11 gegründet. Am meisten Stiftungen 10 kamen mit über 800 Neugrün9 dungen in Nordrhein-Westfalen 8 hinzu. Dort leben allerdings 7 auch 18 Millionen 6 Menschen.

Neuerrichtungen zwischen 1990 und 2000 anteilig am Bestand von 1990 in Prozent

Stadtstaaten

n

Mecklenburg-Vorpommern

Quelle: Stiftungsaufsichtsbehörden (2001)

Thüringen

Neugründungen zwischen 1990 und 2000 je 100.000 Einwohner

Brandenburg

Bei den Stiftungsneugründungen bauen die Hansestädte Hamburg und Bremen ihren ohnehin bestehenden Vorsprung aus. Der Osten Deutschlands kann bei dem bundesweiten Stiftungsboom nicht mithalten. Im Gegenteil: Der Abstand zwischen Ost und West vergrößert sich weiter. Selbst Berlin kann sich nur knapp vor dem Saarland positionieren. Von den bundesweit 4.332 Neugründungen zwischen 1990 und 2000 entfallen nur knapp sieben Prozent auf die neuen Bundesländer. Im deutschen Osten kamen in diesem Zeitraum kaum mehr Stif-

Sachsen-Anhalt

m

Die Schere geht auseinander …

100

80

60

40

20 Quelle: Stiftungsaufsichtsbehörden (2001)

0

Überwiegend sozial orientiert Ob Osten, Westen oder Stadtstaaten – in ihren Zwecken unterscheiden sich die heute existierenden Stiftungen kaum. Ganz anders sieht das Bild aus, wenn man nur die in den letzten 15 Jahren gegründeten Stiftungen betrachtet. In Westdeutschland und in den Stadtstaaten sind Kunst- und Kulturzwecke im Gegensatz zu den traditionell starken sozialen Zwecken auf dem

Vormarsch. Noch deutlicher wird dieser Trend aber im deutschen Osten: Dort sind bei den seit 2000 gegründeten Stiftungen Kunst- und Kulturzwecke doppelt so stark vertreten wie die sozialen Zwecke. Über die Gründe kann nur spekuliert werden. Entweder werden im Osten soziale Aufgaben stärker dem Staat zugedacht. Oder die zahlreichen Kulturgüter bedürfen zu ihrer Bewahrung besonders der helfenden Hand der Bürgergesellschaft.

o

Stiftungszwecke in West- und Ostdeutschland sowie in den Stadtstaaten nach Gründungszeiträumen in Prozent (gewichtet) Quelle: Bundesverband Deutscher Stiftungen (November 2006)

heute

’01 – ’05

’91 – ’95

’96 – ’00

Stadtstaaten heute

’01 – ’05

’91 – ’95

’96 – ’00

Ostdeutschland

heute

’01 – ’05

’91 – ’95

’96 – ’00

Westdeutschland

16 21 28

29

27

20

26 27

33

27

36

36

soziale Zwecke

14

Wissenschaft und Forschung

17

Bildung und Erziehung

12

Kunst und Kultur

10 17

15 15

14 15

16

13

16

16 14

9 14 17

15

18

12 13

14 15

18

18

29

30 19

21

24 19

20

10 6 5

15

2

17 18

5 7

19

5 1

2

6

4

14

16

3 4

4

5

1

14

15

14

15

1

0

19

14

1

4

20

13

19 18

5 2

2

0

Umweltschutz andere gemeinnützige Zwecke privatnützige Zwecke

Engagement in Zahlen

27

p

Stiften wird immer mehr Frauensache Bis in die 1990er Jahre war die überwiegende Mehrzahl der deutschen Stifter männlich. Das ist kein Wunder, denn auch das Unternehmertum war damals eindeutig männlich geprägt. Mit der Entwicklung der Gleichberechtigung hat sich das Profil der Stifter allerdings langsam geändert. Während auch früher schon ein Fünftel aller Stiftungen von Paaren ins Leben gerufen wurde, treten heute immer mehr Stifterinnen in Erscheinung. Dass es nicht noch mehr sind, liegt daran, dass sich hohe Vermögen nach wie vor in Männerhänden konzentrieren. Zwar haben Frauen seit den 1970er Jahren im Bildungsbereich enorm aufgeholt und stellen heute nicht nur die Mehrzahl der Abiturienten und Hochschulbesucher, sondern liefern auch über sämtliche Bildungsformen bessere Ergebnisse ab. Sie sind aber trotz ihrer hohen Qualifikation noch nicht in den obersten Etagen der Wirtschaft angekommen. Ein Stiftungsboom bei Stiftungsgründungen nach Geschlecht und Gründungszeiträumen in Prozent 21,6 bis 1990 18,6

59,8

männliche Stifter weibliche Stifter männliche und weibliche Stifter 27 28

43,5

seit 1991 Quelle: Bundesverband Deutscher Stiftungen (November 2006)

StiftungsReport 2007

29,5

Frauen ist deshalb erst zu erwarten, wenn sie ihren angemessenen Anteil an hoch dotierten Beschäftigungen gefunden und anschließend das typische Stiftungsalter von über 60 Jahren erreicht haben. Betrachtet man den aktuellen Stiftungsbestand, ergeben sich nur geringe Geschlechterunterschiede bezüglich der Stiftungszwecke. Männer sind etwas stärker im Bildungsbereich aktiv, während Frauen sich eher sozialen Zwecken widmen. Dieser Befund relativiert sich, wenn man die berufliche Wirklichkeit von Männern und Frauen in die Betrachtung mit einbezieht: Drei von vier Beschäftigten im Gesundheits-, Veterinär- und Sozialwesen waren im Jahr 2003 weiblich.1 Obwohl diese Tätigkeiten im Sozialwesen als typische Frauenberufe angesehen werden, spiegelt sich dies nicht in der Zweckausrichtung nach Geschlecht wider.2 Das Interessante an diesem Ergebnis besteht in der Umkehr: Obwohl es keine Rollenzuschreibung „Männer sind besonders sozial und fürsorglich“ gibt, errichten sehr viel mehr Männer Stiftungen mit sozialer Zwecksetzung, als Männer im sozialen Bereich arbeiten.3 Stiftungen, die von Frauen und Männern gemeinsam gegründet werden, sind entweder Bürgerstiftungen oder von Ehepaaren ins Leben gerufene Stiftungen. Diese verfolgen im Vergleich zu Stiftungen, die von Einzelpersonen gegründet werden, auffällig häufig den Zweck Kunst und Kultur. Deutlicher werden die Unterschiede, wenn man die Gründungszeiträume mit betrachtet: Dann zeigt sich, dass die große Zahl von Stiftungen mit dem Zweck Kunst und Kultur, die von Stifterpaaren gegründet wurden, in erster Linie auf Gründungen nach der Wende zurückgeht, während vergleichbare Paare früher in erster Linie in soziale Belange investierten. Interessanterweise zeigt sich in den letzten Jahren bei den Neugründungen eine Annäherung zwischen Frauen und

Männern im Hinblick auf den Zweck Wissenschaft und Forschung. Die Wissenschaft und insbesondere die Naturwissenschaften sind nicht länger eine reine Männerdomäne. So wurde beispielsweise 1995 Christiane Nüsslein-Volhard mit dem Nobelpreis für Medizin und Physiologie ausgezeichnet. Im Jahr 2004 initiierte sie die Christiane Nüsslein-Volhard-Stiftung zur Förderung begabter junger Wissenschaftlerinnen aller Fachrichtungen und erhält hierfür im Mai 2007 den Deut-

schen Stifterpreis des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen. Auffällig bei allen Stiftertypen, besonders jedoch bei Frauen, ist der Trend hin zu Stiftungen mit anderen gemeinnützigen Zwecken, einer Sammelkategorie, in der sich Zwecke wie die Förderung der Völkerverständigung oder des traditionellen Brauchtums finden. Dies alles weist auf eine Entwicklung weg von traditionell wohltätigen Zwecken und hin zu individuellen Zielsetzungen.

Stiftungsgründungen nach Geschlecht und Gründungszeiträumen in Prozent (gewichtet) Quelle: Bundesverband Deutscher Stiftungen (November 2006)

Gründung bis 1990

Gründung seit 1991

Bestand heute

Frauen Männer beide

Frauen Männer beide

Frauen Männer beide

23 28 32

33 39

39

34

soziale Zwecke

13

Wissenschaft und Forschung

14

Bildung und Erziehung

19

Kunst und Kultur

43 47

19 14 16

17 14 10

16

13

15

13 16

14 17

13

16

13

20

24 14

17 10

9

10

2

3

14 3

3

4 5

4

2

1

Umweltschutz

11 13

12 9 6

8

13

16

16

14

1

2

2

6

13 6

3

3

andere gemeinnützige Zwecke privatnützige Zwecke

Engagement in Zahlen

29

StiftungsReport 2007

400

Zu Lebzeiten und von Todes wegen gegründete Stiftungen in 5-Jahres-Zeiträumen.6

300

zu Lebzeiten nach Tod des Stifters

200

Quelle: Bundesverband Deutscher Stiftungen (November 2006)

100

2001 – 2005

1996 – 2000

1991 – 1995

1986 – 1990

1981 – 1985

1976 – 1980

1971 – 1975

1966 – 1970

1961 – 1965

1956 – 1960

0 1951 – 1955

30

Der größte Teil der deutschen Stiftungen (fast 80 Prozent) wurde zu Lebzeiten der Stifterin oder des Stifters gegründet. Von den seit 1990 ins Leben gerufenen Stiftungen sind es sogar 87 Prozent. Nachlassstiftungen, mit denen die Menschen erst nach ihrem Tod Gutes für die Gemeinschaft tun wollen, verlieren somit immer mehr an Bedeutung. Der Trend, sich selbst noch aktiv in der eigenen Stiftung engagieren zu wollen, ist ein deutAlter von Stifte- licher Hinweis darauf, dass rinnen/Stiftern Stifterinnen und Stifter ihre Tat als persönliche Bereichezum Zeitpunkt rung betrachten. Er könnte der Stiftungsaber auch ein Beleg dafür gründung sein, dass Menschen heutQuelle: Karsten zutage die Chance haben, Timmer – Stiften in in vergleichsweise jungen Deutschland Jahren zu großen Vermögen über zu kommen. Ähnlich wie die 5% 80 Stars der amerikanischen Jahre New Economy, von Bill Gates bis zum ebay-Gründer Jeffrey 70 Skoll stiften diese Personen bis 79 22 % noch zu Lebzeiten Summen, die früher nur in Form einer Erbschaft dem Stiftungswesen zugute kamen. In Deutschland etwa haben sich alle vier Begründer der 60 Software-Schmiede SAP an 34 % bis 69 den amerikanischen Philanthropen orientiert und sich entsprechend engagiert. 36 Prozent aller Stifterinnen und Stifter haben einen Hochschulabschluss, zwei Drittel bezeichnen sich 50 21 % als gläubig. Diese Art von Bebis 59 kenntnis scheint sich somit positiv auf die Bereitschaft auszuwirken, der Gesell40 10 % schaft etwas vom eigenen bis 49 Vermögen zurückzugeben. unter Keine eigenen Kinder 8% 40 zu haben, motiviert Stiftende

offensichtlich besonders: 42 Prozent sind ohne Nachwuchs, in der Gesamtbevölkerung sind es lediglich 30 Prozent. Die meisten Menschen entscheiden sich zwischen ihrem 60. und 69. Lebensjahr, eine Stiftung ins Leben zu rufen. Nach einer Studie des Berliner Instituts für Sozialforschung besteht ein Großteil der Stiftungsgründer aus erfolgreichen Unternehmern, die am Ende ihrer beruflichen Tätigkeit der Gemeinschaft etwas zurückgeben wollen:4 Sie glauben, besondere, privilegierte Chancen gehabt und diese erfolgreich genutzt zu haben und sehen sich deshalb in der Verpflichtung, Schwächere oder mit weniger guten Chancen Ausgestattete über eine Stiftung zu unterstützen. 72 Prozent der Stifterinnen und Stifter engagieren sich persönlich stark in der von ihnen begründeten Initiative.5 Sie wollen damit auch nach dem Ausscheiden aus dem aktiven Berufsleben weiterhin eine sinnvolle Tätigkeit erleben, Sozialkontakte aufbauen oder pflegen, eine gesellschaftliche Betätigung, die zuvor durch die Berufstätigkeit sichergestellt war. Wichtig ist den Stifterinnen und Stiftern eine soziale Anerkennung. Ein Ausbleiben dieser Würdigung wird in Interviews durch500 gängig als Hemmnis für die Gründung von Stiftungen benannt.

1946 – 1950

q

Wer sind die Stifter?

Blßhende Landschaften – zumindest fßr Umweltstiftungen

r

ein Prozent der Stiftungsaktivitäten aus. Aber auch im generell stiftungsreichen Bayern spielt der Umweltschutz eine vergleichsweise unbedeutende Rolle in der Stiftungsarbeit. Bei den an Umweltstiftungen relativ reichen Regionen handelt es sich interessanterweise um besonders strukturschwache Gebiete. MecklenburgVorpommern ist zudem das am dßnnsten besiedelte Bundesland ßberhaupt. Vermutlich besteht hier ein Zusammenhang zwischen den weiten, teilweise ungestÜrten Naturräumen und dem hohen Enga-

Nicht nur die Stiftungsdichte variiert regional, auch die Stiftungszwecke folgen besonderen Mustern, die historisch bedingt oder mit bestimmten sozialen und wirtschaftlichen Strukturen gewachsen sind. So stellen Umweltstiftungen ein kleines, aber in einigen Regionen stark wachsendes Segment des Stiftungswesens dar. Auffällig sind hier zwei Schwerpunkte in den neuen Bundesländern, nämlich Mecklenburg-Vorpommern, wo sich ßber acht Prozent aller Stiftungen mit der Umwelt beschäftigen und der Bezirk Chemnitz in Sachsen. Umgekehrt findet sich im Osten Deutschlands, in der Region Magdeburg in Sachsen-Anhalt, auch der geringste Anteil an Umweltstiftungen. Hier macht dieses Thema nicht einmal

4ZMU 'MFOTCVSH 'FINBSO

3HFO

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Quelle: Bundesverband Deutscher Stiftungen (November 2006)

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#SFNFO

Wo sich Stiftungen fĂźr die Umwelt interessieren Prozent bis 2 2,01 bis 3 3,01 bis 4 4,01 bis 5 5,01 bis 6 mehr als 6

4DIXFSJO

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Um die regionale Verteilung von Stiftungen mit bestimmten Satzungszwecken sichtbar zu machen, 4BBSCSDLFO sind auf den folgenden Karten die relativen Anteile bestimmter Stiftungszwecke an der Gesamtzahl der Stiftungen in Regierungsbezirken beziehungsweise Bundesländern dargestellt. Die satzungs'SFJCVSH mäĂ&#x;igen Zwecke der Stiftungen wurden hierfĂźr gewichtet.

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(BSNJTDI 1BSUFOLJSDIFO

Engagement in Zahlen

31

s

32

gement für Umwelt und Natur. Zudem bietet sich Mecklenburg-Vorpommern mit seiner langen Küstenlinie, den vielen Seen und unberührter Natur entlang der ehemals deutsch-deutschen Grenze für den Naturschutz an, wobei der Tourismus als wichtiger Wirtschaftsfaktor dieses Engagement noch verstärken dürfte. Über alle Regionen berechnet, ergibt sich allerdings kein signifikanter Zusammenhang zwischen der Bevölkerungsdichte oder dem Anteil der Verkehrsfläche an der Gesamtfläche mit der Stiftungsaktivität im Bereich Umwelt- und Naturschutz. Schon heute sind drei Nationalparks und zwei Unesco-Biosphärenreservate in Mecklenburg-Vorpommern in Stiftungsrechtsform aufgestellt. Über den klassischen Naturschutz hinaus widmen sich zwei Stiftungen der Verbindung von

Ökologie und Zukunftsfähigkeit: Sowohl die Stiftung Akademie Nachhaltige Entwicklung Mecklenburg-Vorpommern in Greifswald als auch das „Zukunftszentrum Mensch – Natur – Technik – Wissenschaft“ der NICOL-Stiftung in Nieklitz im Kreis Ludwigslust sind in ihrer Arbeit der „Agenda 21“ verpflichtet und versuchen den Prozess der „Nachhaltigen Entwicklung“ im Sinne der Umweltkonferenz von Rio de Janeiro aus dem Jahr 1992 voranzubringen. Ihr Anliegen ist die Harmonisierung des Umwelt- und Naturschutzes mit wirtschaftlicher Entwicklung und sozialer Gerechtigkeit. In diesem Prozess kooperieren sie mit Forschungseinrichtungen und Universitäten, Vertreterinnen und Vertretern der Politik sowie der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, der größten Umweltstiftung im Lande.

Wissenschaftlich orientierte Stiftungen profitieren von Forschungsstandorten – und umgekehrt

In ganz Baden-Württemberg findet sich eine Reihe von herausragenden Universitäten und Instituten sowohl im natur-, als auch im geisteswissenschaftlichen Bereich. Diese verfügen häufig über angegliederte Stiftungen, die beispielsweise ein bestimmtes Institut fördern. Innovative, aber auch traditionsreiche Beispiele für Stiftungen öffentlichen Rechts, in denen geisteswissenschaftlich beziehungsweise interdisziplinär gearbeitet wird, sind das Zentrum für Kunst und Medientechnologie in Karlsruhe, die Akademie Schloss Solitude Stuttgart, die neben Künstlerinnen und Künstlern seit 2002 auch Projekte aus Wissenschaft und Wirtschaft fördert, oder das Institut für Deutsche Sprache in Mannheim. Große unternehmensnahe Stiftungen wie die Robert Bosch Stiftung (Stuttgart), die Klaus Tschira Stiftung (Heidelberg) sowie die Gottlieb Daimler- und Karl Benz-Stiftung (Ladenburg bei Heidelberg) gehören zu den bedeutenden Förderinnen von Wissenschaft und Forschung mit Sitz in Baden-Württemberg.

In den Regierungsbezirken Darmstadt, Karlsruhe und im Saarland haben sich die relativ meisten Stiftungen mit dem Zweck Wissenschaft und Forschung angesiedelt. Im Osten hebt sich das Bundesland Thüringen heraus. Dieser Stiftungszweck gedeiht dort, wo auch die Grundlagen für Forschung gelegt werden. Tendenziell haben sich Stiftungen mit diesem Zweck in Ballungszentren angesiedelt (gemessen an der Einwohnerdichte und der Verkehrsfläche), wo auch Universitäten und Fachhochschulen existieren. Zum Teil werden sie von emeritierten Professoren gegründet, beziehungsweise zu deren Ehrung (meist mit geringen Mitteln ausgestattet) etabliert. Hinzu kommen Stiftungslehrstühle, die zwar selbst keine klassischen Stiftungen sind, aber mit Stiftungsmitteln finanziert werden.

StiftungsReport 2007

Das Bundesland Ăźbergreifende Der Ort beheimatet vier selbstständige Rhein-Neckar-Dreieck ist eine der vier Fraunhofer-Institute. Deutsche Post und „BioRegionen“ Deutschlands. Hier haben Deutsche Telekom entwickeln hier Prosich viele Forschungseinrichtungen und dukte im Bereich Telekommunikation. Wirtschaftsunternehmen zusammengeMit drei Satelliten-Kontrollzentren nimmt tan, die im Bereich Biotechnologie und Darmstadt zudem eine herausragende Life Sciences arbeiten. Dazu gehĂśren Position in der Raumfahrttechnologie unter anderem die Ruprecht-Karls-Uniein. In der Stadt finden sich neben vielen versität Heidelberg, die Universität Mann- Forschungs- und Entwicklungszentren heim, die Technische Universität Kaisersverschiedene Konzerne, die ihrerseits lautern, die Fachhochschule Mannheim wissenschaftliche Institute und Ăśffentund in Heidelberg das Deutsche Krebsliche Forschungseinrichtungen betreiben. forschungszentrum, das Europäische Gemeinsam mit zwei Fachhochschulen Molekularbiologische Laboratorium und der Universität, der die Darmstädter sowie das Max-Planck-Institut fĂźr mediziStiftung fĂźr Technologietransfer angenische Forschung. Die Präsenz forschen4ZMU der chemisch-pharmazeutischer GroĂ&#x;'MFOTCVSH unternehmen in dieser Region – mit dem 'FINBSO 3HFO US-Pharmakonzern Abbott, der BASF in ,JFM 6TFEPN Ludwigshafen sowie Merck in Darmstadt 3PTUPDL -CFDL und Roche Diagnostics in Mannheim $VYIBWFO – ergänzt den Schwerpunkt in diesem 4DIXFSJO /FVCSBOEFOCVSH )BNCVSH #SFNFSIBWFO 8JMIFMNT IBWFO Wissenschaftsbereich. &NEFO #SFNFO Darmstadt erhielt 1997 von 0MEFOCVSH -DIPX /FVSVQQJO der hessischen Landesregierung den Titel „Wissenschaftsstadt“. 1PUTEBN 8PMGTCVSH

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Wo Wissenschaft und Forschung im Vordergrund stehen

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Quelle: Bundesverband Deutscher Stiftungen (November 2006)

,FNQUFO

(BSNJTDI 1BSUFOLJSDIFO

Engagement in Zahlen

33

gliedert ist, bildet der südhessische Ort ein regelrechtes Innovationszentrum. In Darmstadt betreibt zudem der Mäzen und Stifter Carlo Giersch einen Forschungs- und Technologiepark als Gründerzentrum. Im Saarland zeigt sich eine Clusterbildung im Bereich der Computertechnologie. Das Deutsche Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz, die Universität des Saarlandes (Institut für Informatik, Zentrum für Bioinformatik, Informatik Kompetenzzentrum, Institut für Rechtsinformatik) sowie die Max-Planck-Institute für Informatik und Softwaresysteme – alle haben ihren Sitz in Saarbrücken. Das Internationale Begegnungs- und Forschungszentrum für Informatik (IBFI) auf Schloss Dagstuhl in Wadern, Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft (Wissenschaftsgemeinschaft Gottfried Wilhelm Leibniz e.V.), wird von der Stiftung Informatikzentrum Schloss Dagstuhl durch Zuschüsse zur Teilnahme an vom IBFI veranstalteten Seminaren für Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler gefördert. In Ostdeutschland hat sich, abgesehen vom Regierungsbezirk Leipzig vor allem Thüringen im Bereich Wissenschaft und Forschung einen Namen gemacht.

Auch hier finden sich Wissenschaftsund Technologiestandorte ebenso wie Zentren der geisteswissenschaftlichen Forschung. Vier Universitäten sind hier beheimatet, die Friedrich-SchillerUniversität in Jena, die Universität Erfurt, die Technische Universität Ilmenau und die Bauhaus-Universität in Weimar. Hier ist auch die Klassik Stiftung Weimar mit ihrem bundesweit vernetzten Forschungsbereich angesiedelt, unter deren Dach sich mit dem Goethe- und SchillerArchiv und der Herzogin Anna Amalia Bibliothek bedeutende Forschungsstätten finden. Die Technische Universität Ilmenau profiliert sich vor allem in den Bereichen Mikro- und Nanosysteme, intelligente stationäre und mobile Systeme, Optik, Medizintechnik sowie innovative Kommunikations- und Mediensysteme. Über verschiedene Initiativen im Bereich Forschungsförderung und -transfer versucht sich Thüringen zudem als Denkfabrik zu etablieren. Ein wichtiges Förderinstrument für die Kooperation stellt die Stiftung für Technologie, Innovation und Forschung Thüringen (STIFT) dar, die sich für den Transfer wissenschaftlicher Erkenntnisse und neuer Technologien einsetzt.

t

Dringend notwendig: Stiftungen, die sich Bildung auf die Fahne schreiben

34

Die PISA-Bildungsstudie hat klare Defizite in der Schulbildung deutscher Jugendlicher deutlich gemacht. Interessanterweise engagieren sich Stiftungen besonders in Bayern für dieses Thema – in jenem Bundesland, in dem die PISAErgebnisse am besten ausgefallen sind. Ein direkter Zusammenhang lässt sich daraus allerdings nicht herleiten, denn das Studienergebnis könnte auch damit begründet werden, dass der Staat in

Bayern ein besonders effizientes Bildungssystem zur Verfügung stellt, oder dass die Schüler aufgrund der guten Wirtschafts- und Arbeitsmarktlage dort besonders motiviert sind. In dem Freistaat existiert beispielsweise die Stiftung Bildungspakt Bayern, ein von bayerischen Wirtschaftsunternehmen getragenes Public-Private-Partnership-Projekt, das jungen Menschen eine bessere Vorbereitung auf die künftigen Anforderungen der Informationsgesellschaft ermöglichen soll. Die Stiftung will einen Beitrag zur inneren Schulentwicklung leisten. Sie fördert die Zusam-

StiftungsReport 2007

menarbeit von Schule und Wirtschaft, die tungen, während in Sachsen und ThßrinEntwicklung neuer Unterrichtsmethoden gen, die bei PISA relativ gut abschneiden, und den Einsatz von Informations- und keine herausragende Stiftungsaktivität Kommunikationstechnik an Schulen. im Bildungsbereich zu beobachten ist. Zu ihren Projekten zählen zudem die Andererseits existieren viele BildungsLehrer fortbildung sowie Auswertung und stiftungen schon länger als die PISA-StuErfahrungstransfer von modellhaften die und sie widmen sich zudem nicht nur Projekten. den Schßlerinnen und Schßlern. Einige Fßr das Engagement der Wirtschafts- Organisationen bieten mittlerweile inteunternehmen in Bayern in der berufgrierte Bildungsprogramme an, wie die lichen Aus- und Weiterbildung gibt die Gemeinnßtzige Hertie-Stiftung mit ihrem Otto-Meyer-Stiftung ein Beispiel. Sie START-Programm, welches Stipendien fßr fÜrdert begabte Nachwuchskräfte aus hochbegabte Schßler aus Migrantenfamiden Reihen der Mitglieder des Verbanlien ausschreibt. des der Bayerischen Metall- und Elektro-Industrie e.V. mit Stipendien oder 4ZMU Zuschßssen zur Ausbildung an Hoch'MFOTCVSH und Fachhochschulen. 'FINBSO 3HFO Ob Stiftungen bereits auf den PISA,JFM 6TFEPN Schock reagiert haben, oder ob sie der 3PTUPDL -CFDL Bildungsmisere sogar ein wenig abhelfen $VYIBWFO kÜnnen, lässt sich generell nicht ein4DIXFSJO /FVCSBOEFOCVSH )BNCVSH #SFNFSIBWFO 8JMIFMNT IBWFO deutig belegen. Denn einerseits fin&NEFO #SFNFO den sich in den PISA-Versager-Ländern 0MEFOCVSH -DIPX /FVSVQQJO Bremen und Nordrhein-Westfalen vergleichsweise viele Bildungsstif1PUTEBN 8PMGTCVSH

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Quelle: Bundesverband Deutscher Stiftungen (November 2006)

,FNQUFO

(BSNJTDI 1BSUFOLJSDIFO

Engagement in Zahlen

35

2

Bürgerstiftungen in Zahlen

Der Begriff Bürgerstiftung wird je nach Blickwinkel unterschiedlich definiert. Unstrittig dürfte sein, dass eine Bürgerstiftung eine besondere Form der für weitere Zustiftungen offenen Gemeinschaftsstiftung ist. Für die Bürgerstiftung ist eine Vielzahl von gemeinnützigen und mildtätigen Zwecken und eine Beschränkung des Förderhandelns auf einen kommunal oder regional begrenzten Wirkungsraum kennzeichnend; sie verfügt über eine partizipative oder auf Beteiligung und demokratischen Grundsätzen basierende Organisationsstruktur und arbeitet transparent auch in finanziellen Belangen.

36

StiftungsReport 2007

Weitgehend anerkannt sind heute die 10 Merkmale einer Bürgerstiftung (siehe nächste Seite), auf die sich im Jahr 2000 die im Arbeitskreis „Bürgerstiftungen“ des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen zusammengeschlossenen Vertreterinnen und Vertreter der deutschen Bürgerstiftungen geeinigt haben und die seither auf breite Anerkennung gestoßen sind. Zu diesen Merkmalen gehört auch, dass eine Bürgerstiftung wirtschaftlich und ( partei-)politisch unabhängig und nicht konfessionell gebunden ist. Die für den Begriff der Bürgerstiftung konstitutive Unabhängigkeit auch von anderen Institutionen und Einzelpersonen spiegelt sich in der Zusammensetzung der Gremien wider: engagierte Bürgerinnen und Bürger bilden den Vorstand und Stiftungsrat. Sie sind – unter anderem wegen ihres Engagements und ihrer Kompetenz – in besonderer Weise für diese Aufgabe von den stimmberechtigten Akteuren innerhalb der Bürgerstiftung als qualifiziert angesehen und von diesen demokratisch legitimiert. Einzelne Stifterinnen und Stifter haben in einer Bürgerstiftung keinen allein maßgebenden Einfluss auf Entscheidungen. In den letzten Jahren haben Finanzinstitute, wie zum Beispiel Sparkassen als regional agierende Anstalten des öffentlichen Rechts und Genossenschaftsbanken, verschiedentlich Bürgerstiftungsgründungen initiiert und/oder unterstützt. Auch diese Stiftungen haben es sich zur Aufgabe gemacht, städtische oder regionale Aktivitäten „von Bürgern für Bürger“ mit finanziellen Mitteln sowie Know-how und Dienstleistungen zu fördern. Den genannten 10 Merkmalen einer Bürgerstiftung entsprechen solche Stiftungen jedoch nur, wenn die Unabhängigkeit gegenüber diesen Finanzinstituten, die bei der Gründung behilflich

waren, anschließend gewährleistet ist. Auch lokal agierende Gemeinschaftsstiftungen, die an eine Kirche oder sonstige Religionsgemeinschaft gebunden sind, erfüllen mangels Unabhängigkeit nicht die Voraussetzungen für das Gütesiegel, mit dem die Übereinstimung mit den 10 Merkmalen von einer unabhängigen Jury auf Antrag attestiert wird. Unter dem Motto „Gemeinsam Gutes anstiften“ setzt sich eine Bürgerstiftung zum Ziel, einer möglichst großen Zahl von Bürgerinnen und Bürgern sowie Unternehmen als „Corporate Citizens“ die Möglichkeit zu eröffnen, sich mit Geld, Zeit und Ideen für das Gemeinwohl vor Ort zu engagieren. Bürgerstiftungen haben insofern sowohl eine Katalysatorwie auch eine Integrationsfunktion. Durch den langfristig angelegten Aufbau eines wachsenden Grundvermögens, das nicht angetastet werden darf, wird nicht nur die finanzielle Unabhängigkeit der Bürgerstiftung auf Dauer abgesichert, sondern zudem die zunehmende Nachhaltigkeit der Bürgerstiftungsarbeit gewährleistet. Bürgerstiftungen bieten Serviceleistungen an, die an den Interessensschwerpunkten der jeweiligen Förderer ausgerichtet sind, wobei interessierten Personen, Organisationen und Vereinigungen die Möglichkeit gegeben wird, zusätzliche eigene Schwerpunkte zu setzen. Insofern bietet eine Bürgerstiftung nicht nur hinsichtlich der Wahl der Gremienmitglieder, sondern auch im sonstigen Handeln Partizipations- und Mitgestaltungsmöglichkeiten. Regelmäßig werden Bürgerstiftungen nicht allein finanziell fördernd tätig, sondern realisieren auch operativ eigene Projektideen, die sich aus den spezifischen Bedürfnissen vor Ort entwickeln und gemeinnützige Aktivitäten in ihrer Gemeinde, Stadt oder Region initiieren, koordinieren oder unterstützen.

Bürgerstiftungen in Zahlen

37

10 Merkmale einer Bürgerstiftung Eine Bürgerstiftung ist eine unabhängige, autonom handelnde, gemeinnützige Stiftung von Bürgern für Bürger mit möglichst breitem Stiftungszweck. Sie engagiert sich nachhaltig und dauerhaft für das Gemeinwesen in einem geographisch begrenzten Raum und ist in der Regel fördernd und operativ für alle Bürger ihres definierten Einzugsgebietes tätig. Sie unterstützt mit ihrer Arbeit bürgerschaftliches Engagement. Eine Bürgerstiftung ist gemeinnützig und will das Gemeinwesen stärken. Sie versteht sich als Element einer selbst bestimmten Bürgergesellschaft.

1

Eine Bürgerstiftung wird in der Regel von mehreren Stiftern errichtet. Eine Initiative zu ihrer Errichtung kann auch von Einzelpersonen oder einzelnen Institutionen ausgehen.

2

Eine Bürgerstiftung ist wirtschaftlich und politisch unabhängig. Sie ist konfessionell und parteipolitisch nicht gebunden. Eine Dominanz einzelner Stifter, Parteien, Unternehmen wird abgelehnt. Politische Gremien und Verwaltungsspitzen dürfen keinen bestimmenden Einfluss auf Entscheidungen nehmen.

3

Das Aktionsgebiet einer Bürgerstiftung ist geographisch ausgerichtet: auf eine Stadt, einen Landkreis, eine Region.

4

Eine Bürgerstiftung baut kontinuierlich Stiftungskapital auf. Dabei gibt sie allen Bürgern, die sich einer bestimmten Stadt oder Region verbunden fühlen und die Stiftungsziele bejahen, die Möglichkeit einer Zustiftung. Sie sammelt

5 38

StiftungsReport 2007

darüber hinaus Projektspenden und kann Unterstiftungen und Fonds einrichten, die einzelne der in der Satzung aufgeführten Zwecke verfolgen oder auch regionale Teilgebiete fördern. Eine Bürgerstiftung wirkt in einem breiten Spektrum des städtischen oder regionalen Lebens, dessen Förderung für sie im Vordergrund steht. Ihr Stiftungszweck ist daher breit. Er umfasst in der Regel den kulturellen Sektor, Jugend und Soziales, das Bildungswesen, Natur und Umwelt und den Denkmalschutz. Sie ist fördernd und/oder operativ tätig und sollte dabei innovativ wirken.

6

Eine Bürgerstiftung fördert Projekte, die von bürgerschaftlichem Engagement getragen sind oder Hilfe zur Selbsthilfe leisten. Dabei bemüht sie sich um neue Formen des gesellschaftlichen Engagements.

7

Eine Bürgerstiftung macht ihre Projekte öffentlich und betreibt eine ausgeprägte Öffentlichkeitsarbeit, um allen Bürgern ihrer Region die Möglichkeit zu geben, sich an den Projekten zu beteiligen.

8

Eine Bürgerstiftung kann ein lokales Netzwerk innerhalb verschiedener gemeinnütziger Organisationen einer Stadt oder Region koordinieren.

9

Die interne Arbeit einer Bürgerstiftung ist durch Partizipation und Transparenz geprägt. Eine Bürgerstiftung hat mehrere Gremien (Vorstand und Kontrollorgan), in denen Bürger für Bürger ausführende und kontrollierende Funktionen innehaben.

10

(Verabschiedet vom Arbeitskreis „Bürgerstiftungen“ des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen im Rahmen der 56. Jahrestagung des Bundesverbandes im Mai 2000)

Bewegung mit Potenzial Anzahl Gründungen von Bürgerstiftungen im jeweiligen Jahr Anzahl Bürgerstiftungen gesamt

80

60

40

20

2005

2006

2003

2004

2002

2001

1999

2000

1997

1998

0

Anzahl Gründungsstifter (kumuliert)

Bürgerschaftliches Engagement Fast parallel zur wachsenden Zahl der Bürgerstiftungen entwickelt sich die Schar der Bürgerstifterinnen und -stifter. Insgesamt sind in diesen Einrichtungen aber noch mehr Bürgerinnen und Bürger engagiert: Viele schließen sich erst nach einigen Jahren schon existierenden Bürgerstiftungen an.

100

Datengrundlage: Initiative Bürgerstiftungen (IBS) (Daten 2006: Bewerbungsschluss Gütesiegel Mitte 2006)

1996

Nach dem Vorbild der amerikanischen Community Foundation entstanden in den 1990er Jahren in Deutschland die ersten Bürgerstiftungen – zunächst 1996 in Gütersloh und 1997 in Hannover. Seit der ersten Gründung hat die Idee der Bürgerstiftungen kontinuierlich an Popularität gewonnen. Mittlerweile erlangen sie einen öffentlichen Bekanntheitsgrad, der vermutlich für weiteres, dynamisches Wachstum in den kommenden Jahren sorgen wird. Im Jahr 2006 wurde eine Rekordzahl von 44 Bürgerstiftungen neu gegründet. In der Grafik tauchen diese Neugründungen allerdings noch nicht auf, denn viele der neuen Stiftungen bewerben sich erst zu einem späteren Zeitpunkt für das Gütesiegel beziehungsweise bekommen es erst später verliehen.

Datengrundlage: Initiative Bürgerstiftungen (IBS)

5.000

4.000

3.000

2.000

1.000

2005

2006

2004

2003

2002

2001

1999

2000

1998

1997

1996

0 Gründungsjahr

Die Grafiken zu den Bürgerstiftungen basieren auf den Daten von derzeit 103 Bürgerstiftungen, die das Gütesiegel des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen tragen. Daneben gibt es viele andere Institutionen, die sich zwar Bürgerstiftung nennen, aber nicht die 10 Merkmale einer Bürgerstiftung erfüllen. Dazu gehören beispielsweise die von Einzelorganisationen abhängigen Bürgerstiftungen oder solche, die nur einen Zweck erfüllen oder die Fördermittel nur für kirchliche Zwecke ausschütten.

Bürgerstiftungen in Zahlen

39

Gründungsboom auf niedrigem Niveau kumuliertes Gründungsvermögen in Euro 20.000.000

15.000.000

10.000.000

5.000.000

0 1996 1997 1998 1999 2000 2001 2002 2003 2004 2005 2006

Ein Zusammenhang zwischen der Anzahl der Stifterinnen und Stifter und der Entwicklung des Stiftungsvermögens lässt sich nicht feststellen. So hatte beispielsweise die Bürgerstiftung Braunschweig bei ihrer Gründung 2003 insgesamt 98 Mitglieder. Diese Zahl erhöhte sich bis März 2006 auf 127, während das Stiftungsvermögen im gleichen Zeitraum von 177.000 auf 1,3 Millionen Euro anwuchs. Bei der BürgerStiftung Bruchsal verlief der Anstieg des Stiftungsvermögens weniger dynamisch: Zwar wuchs die Zahl der stiftenden Personen zwischen 2004 und 2006 von 18 auf 131, doch das Stiftungskapital stieg lediglich von 176.000 auf 293.000 Euro an. Besonders erfolgreich entwickelt sich das Kapital der Bürgerstiftungen Dülmen und Hamburg – in der Hansestadt von 55.000 im Jahr 1999 auf mittlerweile über 4,1 Millionen Euro. In Dülmen stieg das Kapital seit der Gründung im Jahr 2000 von rund 51.000 auf über 600.000 Euro.

Datengrundlage: Initiative Bürgerstiftungen (IBS)

Bürgerschaftliches Engagement auf Wachstumskurs Stifter

40

Die meisten heutigen Bürgerstifterinnen und -stifter sind seit Errichtung der jeweiligen Bürgerstiftungen dabei. Nur 40 Prozent haben sich erst nach der Gründung angeschlossen. Dagegen ist das Kapital der Bürgerstiftungen seit der Gründung deutlich stärker als um 40 Prozent gewachsen – die Zustiftungen überwiegen das Startkapital. Um eine Bürgerstiftung mit Wachstumschancen ins Leben zu rufen, braucht es also viele Personen, die bereit sind, die Entwicklung mit Engagement zu unterstützen. Damit gelingt es offenbar, von vergleichsweise geringen Geldbeträgen ausgehend größere Mittel einzuwerben. Ist die gute Idee erst einmal in der Bürgerschaft der Region angekommen, so steigt die Bereitschaft für Zustiftungen.

StiftungsReport 2007

Vermögen in Euro 50.000.000

8.000 7.000 6.000

Zustifter 3.272

Zustiftungen 34.291.703

5.000

40.000.000

30.000.000

4.000 3.000 2.000 1.000

20.000.000 Gründungsstifter Gründungs4.931 vermögen 21.723.227

10.000.000

0 Datengrundlage: Initiative Bürgerstiftungen (IBS) (November 2006)

0

Förderschwerpunkte und Stiftungszwecke

Prozent

(Auf der Grundlage von Auskünften von 59 Stiftungen)

In einer jährlich durchgeführten Umfrage der Initiative Bürgerstiftungen (IBS) haben 2006 insgesamt 59 mit Gütesiegel versehene Stiftungen Auskunft zu der Verteilung ihrer Ausgaben auf die Stiftungszwecke gegeben. Die Zwecke Jugend sowie Bildung und Erziehung zählen zu den ursprünglichen Kerngebieten von Bürgerstiftungen. Einen neuen, anwachsenden Bereich stellen die Generationen übergreifenden Projekte dar. 22 Prozent der befragten Stiftungen finanzierten Anfang 2006 solche Projekte, und es kann davon ausgegangen werden, dass sich im Laufe des Jahres diese Aktivitäten noch verstärkt haben. Hierauf deutet auch das Interesse am Förderpreis der Initiative Bürgerstiftungen für gute Generationen verbindende Projekte, bei dem sich Stiftungen mit 22 Projekten beworben haben. Die Preise wurden im Mai 2006 von Bundesministerin Ursula von der Leyen an die Bürgerstiftungen Dresden, Gütersloh, Düren, Wiesbaden und Tecklenburger Land verliehen. Bei einer Telefonumfrage im November 2006 unter 145 in Bürgerstiftungen aktiven Menschen wurden von diesen spontan die Themen Jugend, Bildung und Erziehung sowie Soziales als besonders förderungswürdig genannt (siehe Kapitel 4). Auf direkte Nachfrage sprachen sich 94 Prozent für Generationen übergreifende Projekte aus, 83 Prozent für Heimatpflege, 55 Prozent für das Thema Wissenschaft, 76 Prozent für Integration und 75 Prozent für Umwelt.

39

Jugend

11

Bildung und Erziehung

15

Soziales

5

Heimatpflege

10

Generationen übergreifende Projekte Kunst und Kultur

4

Umweltschutz

2

Wissenschaft

2

mildtätige Zwecke

1 2

Völkerverständigung

9

andere Zwecke

Bürgerstiftungen in Zahlen

41

3

Wie gut sind Deutschlands Stiftungsaufsichten? Stiftungen und ihre Behörden: Eine Umfrage Stiftungsaufsicht ist Ländersache. In jedem Bundesland gibt es mindestens eine eigene Aufsichtsbehörde, die Stiftungen anerkennt und damit ihre Rechtsfähigkeit begründet. Potenzielle Stifterinnen und Stifter sind bei der Festlegung des Stiftungssitzes frei. Darum können sie, weil der Sitz der Stiftung über die Aufsichtsbehörde entscheidet, zwischen zahlreichen Behörden wählen. Die Qualität einer Behörde lässt sich nicht objektiv messen. Dieses Kapitel gibt die Meinung der befragten Stiftungen wieder.

42

StiftungsReport 2007

Die Funktion der Aufsichtsbehörde erschöpft sich nicht in der Anerkennung einer Stiftung. Die Behörde ist häufig für eine Stiftung, was die Hebamme für eine werdende Mutter sein sollte. Behörden können in der Phase der Stiftungsentstehung Empfehlungen geben und den jungen Sprössling in seinen ersten Lebensabschnitten begleiten und beraten. Gute Aufsichtsbehörden unterstützen darüber hinaus Gründungsväter und Gründungsmütter in allen möglichen Belangen rund um die Stiftungsarbeit und prüfen in regelmäßigen Abständen, ob die Arbeit den Vorgaben der Satzung und des Stiftungsrechts entspricht. Kompetenz, Flexibilität und Serviceorientierung der jeweiligen Aufsicht spielen für den Stiftungsalltag eine entscheidende Rolle: Agiert die zuständige Behörde kundenorientiert oder türmt sie bürokratische Hindernisse auf? Werden die Stiftungsakteure in der Gründungsphase und danach ausreichend von der Aufsicht unterstützt? Um erstmals umfassend Antworten auf diese Fragen geben zu können, hat der Bundesverband Deutscher Stiftungen im November 2006 einen Fragenkatalog ausgearbeitet und an knapp 11.000 Stiftungen versendet. Ein Rücklauf von 25 Prozent verdeutlicht das rege Interesse der Stiftungen, sich über ihre Aufsichtsbehörden zu äußern. Noch Monate nach dem Abgabetermin gingen weitere Faxantworten beim Bundesverband ein. Insgesamt wurden 2.418 Fragebögen in die Auswertung einbezogen. Für 93 Prozent der beteiligten Stiftungen sind staatliche Aufsichtsbehörden zuständig. Unter die Stiftungsaufsicht der evangelischen Kirche fielen sechs Prozent, lediglich ein Prozent der Stiftungen, die geantwortet haben, wird von der katholischen Kirche beaufsichtigt. Die zwölf Fragen der Umfrage gliedern sich in zwei Themenkomplexe: Der erste, mit zwei Fragestellungen versehe-

ne Komplex liefert qualifizierte Aussagen über den Kontakt zwischen Stiftungen und Aufsichten. Sechs Fragen widmen sich der Zufriedenheit der Stiftungen mit den zuständigen Ämtern. Die zusätzliche Möglichkeit der offenen Nennung nahmen viele Stiftungen in Anspruch; ihre Antworten flossen in die Auswertung ein. Für den Vergleich der Stiftungsaufsichten untereinander wurden nur solche berücksichtigt, aus deren Zuständigkeitsbereich mindestens fünf Fragebögen eingegangen sind. Im Ergebnis konnten Angaben über 46 staatliche Behörden miteinander in Beziehung gesetzt werden.

Das Wichtigste in Kürze Die Gute Nachricht. Über 43 Prozent der Stiftungen sind mit der Arbeit ihrer Aufsicht sehr zufrieden. Insgesamt sind rund 85 Prozent der Stiftungen zufrieden oder sehr zufrieden. Wer mehr will, kriegt auch mehr. Je häufiger eine Stiftung mit ihrer Behörde in Kontakt tritt, desto positiver ist die Einschätzung der Behörde seitens der Stiftung. Leiste, Leiste, Dienste biete. Vergleichsweise negativ beurteilt wird die Kunden- und Serviceorientierung zahlreicher Stiftungsaufsichten. Viele Stiftungen wünschen, dass die Ämter sich verstärkt als Dienstleister verstehen. Im Westen viel Gutes. Die am besten beurteilten Stiftungsaufsichten befinden sich meistens in den alten Bundesländern. Hier gibt es eine große Zahl ausgesprochen gut bewerteter und von Stiftungen empfohlener Behörden. Im Osten der Republik scheint es Schulungsbedarf zu geben; lediglich das Regierungspräsidium Chemnitz schneidet gut ab. Für Berlin ergibt sich ein gemischtes Bild.

Wie gut sind Deutschlands Stiftungsaufsichten?

43

Die Aufsichtsbehörden der Bundesländer (Legende für die Karten auf den folgenden Seiten – die Nummerierung stellt keine Rangfolge dar) Baden-Württemberg 1 Regierungspräsidium Freiburg 2 Regierungspräsidium Karlsruhe 3 Regierungspräsidium Stuttgart 4 Regierungspräsidium Tübingen Bayern 5 Regierung von Mittelfranken 6 Regierung von Schwaben 7 Regierung von Oberfranken 8 Regierung von Niederbayern 9 Regierung von Oberbayern 10 Regierung der Oberpfalz 11 Regierung von Unterfranken Berlin 12 Senatsverwaltung für Justiz Berlin Brandenburg 13 Ministerium des Inneren des Landes Brandenburg Bremen 14 Der Senator für Inneres, Kultur und Sport Bremen Hamburg 15 Senat der Freien und Hansestadt Hamburg Hessen 16 Magistrat der Stadt Frankfurt am Main 17 Regierungspräsidium Darmstadt 18 Regierungspräsidium Gießen 19 Regierungspräsidium Kassel Mecklenburg-Vorpommern 20 Innenministerium Mecklenburg-Vorpommern Niedersachsen Niedersächsisches Ministerium für Inneres und Sport 21 – Regierungsvertretung Braunschweig 22 – Regierungsvertretung Hannover/Nienburg 23 – Regierungsvertretung Lüneburg 24 – Regierungsvertretung Oldenburg

Nordrhein-Westfalen 25 Bezirksregierung Arnsberg 26 Bezirksregierung Detmold 27 Bezirksregierung Düsseldorf 28 Bezirksregierung Köln 29 Bezirksregierung Münster Rheinland-Pfalz 30 Aufsichts- und Dienstleistungsdirektion Trier Saarland 31 Ministerium für Inneres und Sport Sachsen 32 Regierungspräsidium Leipzig 33 Regierungspräsidium Chemnitz 34 Regierungspräsidium Dresden Sachsen-Anhalt 35 Landesverwaltungsamt Sachsen-Anhalt Schleswig-Holstein 36 Flensburg 37 Hansestadt Lübeck 38 Landeshauptstadt Kiel 39 Nordfriesland 40 Pinneberg 41 Plön 42 Rendsburg-Eckernförde 43 Stormarn 44 Dithmarschen 45 Herzogtum Lauenburg 46 Ostholstein 47 Schleswig-Flensburg 48 Steinburg 49 Innenministerium von Schleswig-Holstein Die Landkreise und kreisfreien Städte SchleswigHolsteins können hinsichtlich der Unterstützung im Gründungsprozess (Seite 45) nicht beurteilt werden, da hier die Errichtung (Innenministerium) und weitere Aufsicht (Kreise) auseinander fallen.

Thüringen 50 Landesverwaltungsamt 51 Thüringer Innenministerium

Benotungsschlüssel für die Grafiken auf den folgenden Seiten 44 Quelle für alle Grafiken in diesem Kapitel: Umfrage Stiftungsaufsicht, Bundesverband Deutscher Stiftungen (November 2006)

StiftungsReport 2007

1 = trifft voll und ganz zu 2 = trifft weitgehend zu 3 = trifft eher zu 4 = trifft eher nicht zu 5 = trifft weitgehend nicht zu 6 = trifft keinesfalls zu

Die Fragen – eine Auswahl

2

n = 27

1





1,3 bis 1,5 1,51 bis 1,7 1,71 bis 1,9 1,91 bis 2,1 2,11 bis 2,3 2,31 bis 2,5 2,51 bis 2,7

2,71 bis 2,9 2,91 bis 3,1 3,11 bis 3,3 3,31 bis 3,5 3,51 bis 3,7 3,71 bis 3,9 3,91 bis 4,17



 













 



 





  



Mittelwerte









Lediglich Stiftungen, die erst nach 1990 gegründet worden sind, wurden in diesen Teil der Auswertung einbezogen.

Landesverwaltungsamt Thüringen

3

n = 20

4

n = 23 Landesverwaltungsamt Sachsen-Anhalt

5

Senatsverwaltung für Justiz Berlin

6

n = 76

Benotung

Naturgemäß ist der Gründungsprozess, in dem die Stifterinnen oder Stifter zum ersten Mal in Kontakt mit der zuständigen Aufsichtsbehörde treten, ausschlaggebend für den künftigen Umgang miteinander. In vielen Fällen wurde die Unterstützung der staatlichen Behörden in der Gründungsphase als verbesserungsbedürftig eingeschätzt. Ein Grund dafür könnte sein, dass während der Gründung neben der Stiftungsaufsicht auch das Finanzamt invol-

Stein auf Stein, die Stiftung wird bald fertig sein

Regierung der Oberpfalz

Meine Stiftungsaufsicht hat mich/uns im Gründungsprozess gut unterstützt. „Die ,MA‘ der Bezirksregierung Arnsberg, insbesondere die Sachbearbeitung, ist in außergewöhnlicher Weise kooperativ und kompetent. Diese Erfahrung wurde nicht nur in Bezug auf die eigene Stiftung gemacht, sondern aus persönlicher Erfahrung des Unterzeichners auch bei der Gründung der Bürgerstiftung (…), die der Unterzeichner (…) begleitet hat.“ (Offene Nennung über die Bezirksregierung Arnsberg.)

n = 92 Senat der Freien u. Hansestadt Hamburg

Gute oder schlechte Noten? So verteilen sich die Antworten der Stiftungen (n) auf die einzelnen Kategorien (Auswahl).



 





  

  



Wie gut sind Deutschlands Stiftungsaufsichten?

45

viert ist. Nach Anerkennung der Stiftung durch die Stiftungsbehörde muss die Stiftung einen Freistellungsbescheid beim Finanzamt beantragen, um die Gemeinnützigkeit nachweisen zu können. Viele Stiftungen empfinden den doppelten Behördengang als problematisch und einige regen Treffen zwischen Stiftungsaufsicht und Finanzamt an. Die Regierung der Oberpfalz ist in Gründungsfragen der Primus, dicht gefolgt von der Regierung von Oberfranken. Im Osten der Republik gibt es große Gegensätze: Die Aufsichtsbehörde in Mecklenburg-Vorpommern schafft es unter die Top Ten und unterstützt die stiftungsfreudige Bürgerschaft der Hanse- und Hafenstädte offenbar nach Kräften. Das Regierungspräsidium von Leipzig bildet in Sachen Gründungsberatung weit abgeschlagen das Schlusslicht. Offenbar besteht in den ostdeutschen Bundesländern bei einigen Behörden Schulungsbedarf. Auch das Landesverwaltungsamt Sachsen-Anhalt und das Landesverwaltungsamt Weimar finden sich unter den letzten zehn wieder: In Thüringen beurteilen fast dreißig Prozent den Beistand der Behörde als mangelhaft.

Wie oft treten Sie pro Jahr mit Ihrem Ansprechpartner bei der Stiftungsaufsicht in Kontakt? „Die Stiftungsaufsicht ist kompetent besetzt, die Mitarbeiter sind aber mit der Menge an Stiftungen überlastet.“ (Offene Nennung über die Regierung von Oberbayern.)

46

Dass zielgerichtete Kommunikation Effizienz steigert, ist unbestritten. Aber gründen Stifterinnen und Stifter auch besser, wenn sie häufiger das Gespräch mit ihrer Aufsicht suchen? Über die Hälfte der befragten Stiftungen, insgesamt 1.202 Stiftungen, ist nur einmal pro Jahr in Kontakt mit der zuständigen Behörde. Setzt man die Frage nach der Häufigkeit der

StiftungsReport 2007

Unterstützung im Gründungsprozess Häufigkeit 20

Kontakt pro Jahr

15

nie einmal zwei- bis dreimal mehr als dreimal

10

5

0

1 2 Benotung

3

4

5

6

Reden ist Gold Die Evangelisch-Lutherische Landeskirchenstelle Ansbach steht in regem Austausch mit den Stiftungen (n = 66). Dank des guten Dialoges sind die Stiftungen voll und ganz zufrieden mit der Unterstützung während der Gründung.

Kontakte zwischen Stiftung und Aufsicht mit jener nach Zufriedenheit der Stiftungen während der Gründung in Beziehung, ergibt sich Folgendes: Stiftungen, die nur einmal pro Jahr Kontakt mit der zuständigen Behörde haben, beurteilen die Unterstützung während der Gründung seitens der Beamten signifikant schlechter als Stiftungen, die häufiger mit der Aufsicht zusammentreffen. Suchen Stiftungen von sich aus nie den Dialog mit der Stiftungsaufsicht, bewerten sie ihre Behörde sogar bei allen Fragen deutlich schlechter, als es andere tun. Umgekehrt vergeben über fünfzig Prozent der besonders kontaktfreudigen Stiftungen bei der Frage, wie sie während der der Errichtung unterstützt wurden, die Bestnote.

2





 

 





 

 

 





  

 



 

Nicht alle Aufsichten haben den Sprung in das Dienstleistungszeitalter geschafft.

1,3 bis 1,5 1,51 bis 1,7 1,71 bis 1,9 1,91 bis 2,1 2,11 bis 2,3 2,31 bis 2,5 2,51 bis 2,7

 





  



2,71 bis 2,9 2,91 bis 3,1 3,11 bis 3,3 3,31 bis 3,5 3,51 bis 3,7 3,71 bis 3,9 3,91 bis 4,17







Mittelwerte



 

n = 23

1



Kompetenzgefälle

Landesverwaltungsamt Thüringen

3

Regierungsvertretung Oldenburg

4

n = 59

5

Bezirksregierung Detmold

6

n = 70

Benotung

Die für mich/uns zuständige Stiftungsaufsicht agiert kunden- und serviceorientiert und ist eine hilfreiche Unterstützung. „Die Stiftungsaufsicht teilte stolz mit, dass sich das Stiftungsrecht vereinfacht habe. Folge: ein Formular mehr für den Jahresbericht.“ (Offene Nennung über die Bezirksregierung Detmold.) Sachverstand, Freundlichkeit, Erreichbarkeit – Kunden- und Serviceorientierung haben großen Einfluss darauf, wie Stiftungen ihre

Regierung von Oberfranken

Stichwort Kundenorientierung: So verteilen sich die Antworten der Stiftungen (n) auf die einzelnen Kategorien (Auswahl).

n = 37

Ein Beispiel für gelungene Kommunikation ist die Evangelisch-Lutherische Landeskirchenstelle Ansbach, die ihre Stiftungen offenbar im Gründungsprozess sehr gut unterstützt. Drei Viertel der hier betreuten Stiftungen kontaktieren ihre Stiftungsaufsicht (neben der Übersendung der jährlichen Berichte) mindestens einmal im Jahr – das ist bei keiner der staatlichen oder anderen kirchlichen Aufsichten der Fall. Folglich sind bei der Landeskirchenstelle Ansbach fast 80 Prozent der kommunikationsfreudigen Stiftungen sehr zufrieden mit der Unterstützung während der Gründung.



 





  

  



Wie gut sind Deutschlands Stiftungsaufsichten?

47

Behörde einschätzen. Die Qualität der Aufsichten als Dienstleister wird dabei tendenziell negativ beurteilt. Im Mittel schwanken die Antworten zwischen Antwortmöglichkeit zwei und drei. Damit die Aufsichten kunden- und serviceorientierter agieren, unterbreiten die Stiftungen in der Umfrage konstruktive Vorschläge. Nicht wenige fühlen sich von ihrer Behörde im Stiftungsalltag allein gelassen und vermissen Weiterbildungen zur Gründung beziehungsweise Führung einer Stiftung, Vernetzungstreffen der Stiftungen im Einzugsgebiet der Aufsicht oder aber regelmäßige Informationen über aktuelle Gesetzesänderungen. Einige Stiftungen wünschen sich verbesserte Sprechzeiten, andere raten ihrer Aufsicht, die Angebote im Internet auszubauen. Viele dieser Vorschläge zielen auf Dienstleistungen, die der Bundesverband Deutscher Stiftungen – überwiegend nur für seine Mitglieder – bereits erbringt.  Insofern ist die Umfrage auch Anlass, darüber nachzudenken, wie ein verstärktes Zusammenwirken des Bundesverbandes Deutscher  Stiftungen mit den Aufsichtsbehörden  erreicht und gestaltet  werden kann.

Das Saarland kommt mit seiner Behörde unter die ersten drei – ein großes Kompliment für den kleinsten deutschen Flächenstaat. Souverän auch das Abschneiden der Regierung Oberfranken – fast siebzig Prozent der Befragten meinen, diese Aufsicht müsse ihre Kunden- und Serviceorientierung nicht weiter verbessern. Auf dem letzten Platz hingegen liegt das Landesverwaltungsamt Thüringen, hier haben dreißig Prozent der zugeordneten Stiftungen die Antwortmöglichkeiten fünf und sechs gewählt, sie sind also äußerst unzufrieden mit den Dienstleistungen ihrer Behörde.





   





 

 





 





 





   



 





  

Mittelwerte

48

1,3 bis 1,5 1,51 bis 1,7 1,71 bis 1,9 1,91 bis 2,1 2,11 bis 2,3 2,31 bis 2,5 2,51 bis 2,7



2,71 bis 2,9 2,91 bis 3,1 3,11 bis 3,3 3,31 bis 3,5 3,51 bis 3,7 3,71 bis 3,9 3,91 bis 4,17

StiftungsReport 2007



 





  

  



Die besten Aufsichtsbehörden All jene, die Stifterinnen und Stifter werden wollen oder über einen Sitzwechsel ihrer Stiftung nachdenken und dabei eine kompetente, unbürokratische und hilfsbereite Aufsichtsbehörde suchen, haben in Deutschland eine große Auswahl.

Die Empfehlenswerten. Die sieben staatlichen Aufsichtsbehörden, die bei allen Fragen zur Zufriedenheit am besten abgeschnitten haben und vom Bundesverband Deutscher Stiftungen als besonders empfehlenswert eingestuft werden. Die Mittelwerte ergeben sich aus der Antwort auf die Frage „Einer Stiftung in Gründung würde ich empfehlen, den Sitz im regionalen Zuständigkeitsbereich der für mich zuständigen Stiftungsaufsicht zu wählen“.

7

Regierung von Oberfranken

10

Regierung der Oberpfalz

18

Regierungspräsidium Gießen

23

26 31

40

Niedersächsisches Ministerium für Inneres und Sport – Regierungsvertretung Lüneburg Bezirksregierung Detmold Ministerium für Inneres und Sport des Saarlandes Landkreis Pinneberg

Fazit Deutschlands Stiftungen zeichnen von ihren Aufsichten ein insgesamt positives Bild. Die Stiftungsfreundlichkeit vieler Behörden kann auf Grundlage der Umfrage als wichtiger Katalysator bei den Neugründungen der letzten Jahre und dem damit verbundenen „Stiftungsboom“ benannt werden. Es zeigt sich aber auch: Vielerorts fehlt es an der erforderlichen Qualifikation und in manchen Behörden gibt es höhere bürokratische Hemmnisse als in anderen. Auch stehen die knappe Personalausstattung in manchen Behörden einerseits und die Verdopplung der rechtsfähigen Stiftungen bürgerlichen Rechts in den letzten zehn Jahren in Deutschland andererseits im klaren Missverhältnis. Wer klug wählt, der stiftet leichter. Potenzielle Stifterinnen und Stifter können schon mit der Wahl des Rechtssitzes ihrer Stiftung entscheidende Weichen für den weiteren Stiftungsweg stellen. Diese Wahl will überlegt sein, denn die Zusammenarbeit mit der Behörde erstreckt sich, wenn der Sitz nicht geändert wird, über das gesamte Stiftungsleben. Mehr Eigeninitiative! Wo ein regelmäßiger Dialog zwischen Stiftung und Aufsichtsbehörde gepflegt wird, ist die Zufriedenheit der Stiftungen größer. Stiftungen sind gut beraten, bei Fragen rund um Satzung und Stiftungsrecht gezielt und regelmäßig den Kontakt zu ihrer Behörde suchen. Kompetenztransfer für mehr Stiftungsfreundlichkeit. Ein verbesserter fachlicher Austausch der zuständigen Beamten verschiedener Bundesländer bietet die Chance, die Stiftungsfreundlichkeit auch in negativ bewerteten Gebieten den positiv beurteilten Behörden anzunähern.

Wie gut sind Deutschlands Stiftungsaufsichten?

49

4

Umfrage Bürgerstiftungen Eine neue Form des zivilen Engagements macht Schule. Wer sind die Menschen, die sich in Bürgerstiftungen engagieren? Welche Ziele verfolgen sie? Und wie verbreitet sich die Idee?

50

Mit dem Aufkeimen der Bürgerstiftungsidee in Deutschland im Jahr 1996 hat sich in der Szene viel getan. In nur zehn Jahren sind 103 Bürgerstiftungen mit Geld, Zeit und Ideen gegründet worden, die das Gütesiegel des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen tragen. Was aber motiviert die Menschen, sich finanziell an einer Bürgerstiftung zu beteiligen und sich auf diesem Wege für ihre Stadt oder ihre Region einzusetzen? Für welche Ideen und mit welcher Perspektive stiften sie? Was kennzeichnet aus Sicht der Stifterinnen und Stifter die Bürgerstiftung als einzigartige Form des bürgerschaftlichen Engagements? Um sich ein Bild von der Stiftergemeinde zu machen, haben der Bundesverband Deutscher Stiftungen und die Initiative Bürgerstiftungen eine Umfrage initiiert. Sie wurde vom Meinungsforschungsinstitut INFO GmbH Berlin im November 2006 durchgeführt. 145 in Bürgerstiftungen aktive Menschen gaben

StiftungsReport 2007

Auskunft zum Thema „Engagement in Bürgerstiftungen“.7 Die Umfrage stellt nur eine aktuelle Momentaufnahme der dynamischen Entwicklung dar. Auf diesem sich rasch entwickelnden Feld besteht darüber hinaus Forschungsbedarf. Initiativen hierzu bestehen bereits und werden in der Zukunft genauere Kenntnisse zur Verfügung stellen. Befragt wurden sowohl Stiftungsvorstände als auch weitere Stifterinnen und Stifter. Die meisten Befragten (92 Prozent) leben in den westlichen Bundesländern. Besonders viele Ant worten kamen aus Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg. In diesen Bundesländern findet sich das Gros der Bürgerstiftungen (siehe Karte zur regionalen Verteilung auf Seite 95). Eine klar zu umreißende Stifterpersönlichkeit lässt sich anhand der Umfrage ebenso wenig definieren wie bei klassischen Stiftungsgründungen einer Einzelperson oder eines Stifterpaares.8 Das erstaunt nicht, will eine Bürgerstiftung doch einem möglichst breiten Spektrum der städtischen oder regionalen Bevölkerung die Möglichkeit eröffnen, sich nachhaltig für das Gemeinwesen einzusetzen. Generell haben stiftende Personen einen überdurchschnittlichen Bildungsgrad (80 Prozent verfügen über einen Hochschul- oder Fachhochschulabschluss), eine Verankerung im Berufsleben (66 Prozent sind berufstätig) sowie die Bindung an eine der christlichen Kirchen (70 Prozent).

Für die Gruppe der Nicht-mehr-Berufstätigen (31 Prozent der Befragten sind Rentnerinnen und Rentner) erklärt Nikolaus Turner, Leiter des Arbeitskreises „Bürgerstiftungen“ im Bundesverband Deutscher Stiftungen und Mitglied des Stiftungsrates der Bürgerstiftung für den Landkreis Fürstenfeldbruck: „Vielfach wird die Bürgerstiftung vor Ort als Möglichkeit angesehen, das im Berufsleben erworbene Wissen und die Erfahrungen auch im Ruhestand sinnvoll einzusetzen und dem Gemeinwesen zur Verfügung zu stellen.“ Nach der Umfrage zeichnen die Angaben, die die Stifterinnen und Stifter über sich selbst machten, das Bild vergleichsweise jüngerer Personen mit Familie: Die Altersgruppe der bis 44-Jäh-

rigen macht 22,8 Prozent aus, die der bis 55-Jährigen bereits 49 Prozent; insgesamt waren rund drei Viertel (75,2 Prozent) der Befragten jünger als 65. Drei Viertel der befragten Aktiven haben zudem ein oder mehrere Kinder. Darin unterscheiden sie sich von der Allgemeinheit der Stifterinnen und Stifter, von denen fast die Hälfte keine Kinder hat, und deren Kernaltersgruppe zum Zeitpunkt der Gründung die 60- bis 69-Jährigen sind. Die insgesamt betrachtet gleichmäßigere Verteilung der Altersgruppen bei den Bürgerstifterinnen und -stiftern deutet auf eine breite Verankerung in der Bevölkerung hin. Dieser Umstand verspricht eine gute Voraussetzung für Wachstum und Nachhaltigkeit der Stiftungen.

1 Was zeichnet eine Bürgerstiftung aus? politische Unabhängigkeit Unabhängigkeit von kommunalen Strukturen regionaler Bezug Offenheit für Zukunftsthemen Gütesiegel als Qualitätsmerkmal konfessionelle Unabhängigkeit wenig Bürokratie Möglichkeit persönlicher Einflussnahme Möglichkeit, etwas nach dem Tod zu hinterlassen keine dauerhafte Bindung nötig Möglichkeit politisch-gesellschaftl. Änderungen steuerliche Vorteile 80

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Häufigkeit der Nennung (gestützt 9) Quelle: Umfrage Bürgerstiftungen, INFO GmbH Berlin (November 2006), N=145, Mehrfachnennung möglich

Fast alle Befragten nennen Unabhängigkeit als wichtiges positives Kennzeichen der Bürgerstiftungen im Vergleich zu anderen Organisationen. Dieser Umstand schließt zwar nicht aus, dass die Politik und die Kommune den Anstoß zur Gründung einer Bürgerstiftung geben, wie es bei zahlreichen Bürgerstiftungen der Fall

ist, die auf die Initiative von Bürgermeistern oder Gemeinderäten zurückzuführen sind. Zugleich ist aber durch hinreichende Unabhängigkeit zu gewährleisten, dass nicht beispielsweise der Gemeinderat versucht, über die Bürgerstiftung Mittel einzuwerben, um eigene Haushaltslöcher zu stopfen und Schattenhaushalte aufzubauen.

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gelehnt. Politische Gremien und Verwaltungsspitzen dürfen keinen bestimmenden Einfluss auf Entscheidungen nehmen.“ Darüber hinaus spielen die regionalen Schwerpunkte und Zukunftsthemen eine wichtige Rolle. Profilieren sich hier Bürgerstiftungen als Modell zur Förderung zukunftsweisender Entwicklung für Städte und Regionen? Dass sich viele Eltern in Bürgerstiftungen engagieren, spricht dafür, dass Bürgerstiftungen eine besonders geeignete Form des Engagements für ein lebenswertes Umfeld zukünftiger Generationen sind.

Als wichtiges Instrument, diese Unabhängigkeit zu garantieren, wird insbesondere das Gütesiegel für Bürgerstiftungen des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen angesehen. Dies spricht für die breite Akzeptanz der damit verbundenen Kriterien und des Zertifizierungsprozesses. In den zehn Merkmalen, Grundlage für die Vergabe des Gütesiegels, heißt es: „Eine Bürgerstiftung ist wirtschaftlich und politisch unabhängig. Sie ist konfessionell und parteipolitisch nicht gebunden. Eine Dominanz einzelner Stifter, Parteien, Unternehmen wird ab-

2 Woher kennt man Bürgerstiftungen? Medien Freunde/Bekannte Veranstaltungen Kommune/Gemeinde Politischer Raum Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens Bank Sonstiges 0

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Häufigkeit der Nennung (gestützt) Quelle: Umfrage Bürgerstiftungen, INFO GmbH Berlin (November 2006), N=145, Mehrfachnennung möglich

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„Woher genau kennen Sie den Begriff Bürgerstiftung?“ Auf diese Frage nannten die meisten Personen Medien- und Zeitungsberichte, noch vor Freunden und Bekannten. Eine wichtige Rolle bei der Verbreitung des Bürgerstiftungsgedankens haben Beiträge gespielt wie ���Stiften wird populär […] Die Bürgerstiftung ist ein Modell für alle Einkommensgruppen“ in einer Sonderbeilage der „Zeit“ vom 14. September 2006 oder „Bürgerstiftungen stehen vor einem Boom“, „Euro am Sonntag“ vom 23. Juli 2006. Zu den Multiplikatoren der Bürgerstiftungsidee zählen nach Angabe der Stifterinnen und Stifter auch die Kom-

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mune und der politische Raum. Beispiele für einen kommunalen Impuls finden sich in Böblingen, Erlangen, Heilbronn, Remscheid, Rheinfelden, Stuttgart und Wismar. Hier sind die Stadtspitzen oder Ratsmitglieder als Mitinitiatoren der Bürgerstiftung tätig geworden und haben zu einem gelungenen Start der Stiftung beigetragen. Anschließend haben sie sich aber aus der Stiftungsarbeit weitgehend zurückgezogen und den Bürgern selbst die Verantwortung für die Stiftung übertragen. Die Stadt wird mitmachen, „aber nicht in vorderster Linie“, betonte Oberbürgermeister Niethammer vor der Gründung der Bürgerstiftung in Rheinfelden.

Ihm sei es wichtig, dass die Stiftung keine städtische Einrichtung werde. Die Stadt werde jedoch eine Partnerin der Stiftung sein und umgekehrt. Nicht zuletzt Personen des öffentlichen Lebens tragen zur Verbreitung des Stiftungsgedankens bei. So sagte Bundespräsident Horst Köhler auf der Jahrestagung 2005 des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen in Freiburg: „Bürgerstiftungen sind gelebter Bürgersinn. Ich freue mich darüber, dass sie als soziale Innovation immer mehr Nachahmer finden. Sie sind Ausdruck einer reifen, demokratischen Gesellschaft. Und ein Beispiel dafür, dass Menschen sich umeinander kümmern und solidarisch zusammenhalten. Dieser Zusammenhalt kann weder „von oben“ verordnet, noch kann er vom Staat organisiert werden.“ Ähnlich äußerte sich Ursula von der Leyen, Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, beim Festakt zur Gründung der 100. Bürgerstiftung in Deutschland im Februar 2006: „Bür-

gerstiftungen machen für jeden erlebbar, dass man die eigene Umgebung mit den eigenen Ideen gestalten kann. […] In Bürgerstiftungen nehmen sich Menschen vor Ort ganz konkrete Projekte vor, ohne auf den Staat zu warten, sei es das örtliche Hospiz oder die Stadtverschönerung, die Sportangebote für benachteiligte Kinder oder Stipendien für alleinerziehende Studierende. Mit kleinem Geld setzen sie oft Großes in Gang.“ Von den in der Umfrage von keinem Befragten genannten Multiplikatoren Arzt und Notar, erhofft sich Nikolaus Turner, Leiter des Arbeitskreises „Bürgerstiftungen“, eine weitere Verbreitung des Bürgerstiftungsgedankens: „Der Anstoß, sich mit einer langfristig wirksamen Zustiftung an eine Bürgerstiftung zu beschäftigen und diese im eigenen Testament festzulegen, wird gerade für die noch nicht so bekannten Bürgerstiftungen häufig von einer besonderen Vertrauensperson kommen müssen, um auf Resonanz zu stoßen.“

3 Als was sehen sich Bürgerstifter? Vorbild Impulsgeber Förderer, Mäzen Moderator Katalysator Lückenbüßer für städtische Aufgaben 0

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Prozent Quelle: Umfrage Bürgerstiftungen, INFO GmbH Berlin (November 2006), N=145, Mehrfachnennung möglich

Die Stifterinnen und Stifter in Bürgerstiftungen wollen keine Lückenbüßer sein für Aufgaben, die Städte und Gemeinden aufgrund ihrer finanziellen Situation nicht mehr wahrnehmen können. Dies ist auch in den Satzungen zahlreicher Bürgerstiftungen ausdrücklich

klargestellt, vor allem, weil sie sich bei solchen Aufgaben übernehmen würden. Vielmehr legen sie Wert auf ein eigenständiges Profil. Auf die Frage, wie sie glauben, in der Öffentlichkeit wahrgenommen zu werden, stimmten die meisten Befragten der Rolle

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als Vorbild, Impulsgeber für Zukunftsideen und Förderer zu. Bürgerstifterinnen und -stifter wollen Impulse setzen: Sie möchten Wege gehen, die bislang noch nicht beschritten worden sind und die eine Bürgerstiftung aufgrund ihrer Kreativität und kurzen Entscheidungsprozesse schnell umsetzen kann.

Ein Bücherschrank in der Fußgängerzone? In Bonn ist dies Wirklichkeit geworden: Leseratten können nun Bücher einfach aus dem Schrank nehmen, lesen und zurückbringen oder auch – ganz ohne Leihfristen oder sonstige Bestimmungen – gegen andere Bücher eintauschen.

4/1 Was soll gefördert werden? Kinder/Jugend Bildung und Erziehung Soziales regionale Belange Kunst und Kultur Generationen übergreifende Projekte Umwelt-/Naturschutz mildtätige Zwecke Völkerverständigung/Integration Wissenschaft Senioren/Altenpflege Denkmalschutz bürgerschaftliches Engagement Sonstiges 0

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4/2 Welchen Zwecken sollte die Bürgerstiftung nachgehen? ungestützt

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Jugendförderung Bildung Soziales Generationen übergreifende Projekte Kultur Heimatpflege mildtätige Zwecke Völkerverständigung Umweltschutz Wissenschaftsförderung 0

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Häufigkeit der Nennung Quelle: Umfrage Bürgerstiftungen, INFO GmbH Berlin (November 2006), N=145, Mehrfachnennung möglich

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Zu der Frage „Welche Zweckausrichtungen haben Sie am meisten überzeugt?“ kamen als häufigste Antworten „Jugend/Kinder“, „Bildung und Erziehung“ sowie „Soziales“. Diese Vorstellungen spiegeln sich in den Projekten wider, für die sich die Bürgerstiftungen auch finanziell schwerpunktmäßig engagieren – Beispiele sind Lesepatenschaften, Sprachreisen für Schülerinnen und Schüler und Jugendcafés. „Aus Vorlesen wird selbst Lesen und aus Lesen folgt Bildung“, sagt Ralf Schwarten von der BürgerStiftung Region Ahrensburg. Die Bürgerstiftungen in Bad Nauheim, Bielefeld, Gütersloh, Münster, Remscheid und Wiesbaden führen in Zusammenarbeit mit der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung und zahlreichen anderen Förderern in Frankfurt am Main das Stipendienprogramm START durch, das begabten und sozial engagierten Zuwandererkindern durch die Förderung ermöglichen will, in Deutschland erfolgreich Fuß zu fassen. „Senioren und Altenpflege“ wurde hingegen nur selten genannt. Anscheinend sehen die Stifterinnen und Stifter ihre Aufgaben eher in der Zukunftsgestaltung und Verbesserung der Lebensbedingungen für die nachwachsende Generation. Auf größeres Interesse als das Engagement für Ältere stoßen dagegen Projekte, die Jung und Alt mit einbeziehen. Deren Relevanz spiegeln die Ausgaben der Stiftungen noch deutlicher wider. Eine auffällige Diskrepanz besteht im Bereich des Umweltschutzes. Während die Befragten angaben, dass Umweltschutz zu den Zwecken gehörte, die sie sich für eine Bürgerstiftung vorstellen können, sind die Bürgerstiftungen selbst bei der Durchführung und Förderung von Projekten im Umweltschutzbereich eher zurückhaltend. Die Errichtung eines Fledermaustunnels mit

Unterstützung der StadtStiftung in Gütersloh, das NahTourBand mit mehreren Etappen im Landkreis Fürstenfeldbruck oder der „Lifeguide“, ein umfassender Internet-Ratgeber für ökologische und sozialverträgliche Lebensstile, der mit Hilfe der Bürgerstiftung in München auf den Weg gebracht wurde, zählen zu den wenigen Ausnahmen. Fragt man, welchen Zweck Bürgerstiftungen verstärkt verfolgen sollen, so findet neben „Jugend, Bildung und Soziales“ der Bereich der „Generationen übergreifenden Projekte“ die größte Zustimmung. Spontan wurde dieser Zweck zwar nur von 17 Personen genannt, auf Nachfrage erhöhte sich die Anzahl der Nennungen aber auf insgesamt 137 (von 145). Damit finden 94,5 Prozent der Befragten Projekte, die Jung und Alt mit einbeziehen, förderungswürdig. Die Initiative Bürgerstiftungen hat die Bedeutung Generationen übergreifender Projekte erkannt und die Bürgerstiftungen Dresden, Düren, Gütersloh, Wiesbaden und Tecklenburger Land für ihr exemplarisches Engagement auf diesem Feld 2006 mit einem Förderpreis ausgezeichnet. Bei der Bürgerstiftung Dresden treffen sich beispielsweise im Rahmen des Projektes „Generationendialog“ Mittelschüler der siebten bis zehnten Klassen in regelmäßigen Abständen mit älteren Ehrenamtlichen, tauschen sich über Themen wie Schulzeit, Liebe, aber auch Krieg und Frieden aus und kommen miteinander ins Gespräch. Auf diese Weise werden gegenseitige Wertschätzung und Toleranz gefördert sowie die soziale Kompetenz der jungen Menschen zusätzlich zum schulischen Lehrplanprogramm gestärkt. Wissenschaftsförderung wird kaum als ein zentrales Aufgabengebiet der Bürgerstiftungen angesehen: Dieser Zweck wurde von sieben Personen auf Anhieb genannt; auf Nachfrage erhöhte sich dieser Wert lediglich auf

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76 Nennungen, also 55 Prozent. Damit liegt die Wissenschaft an letzter Stelle in der Gunst der Bürgerstiftungen, was auch der tatsächlichen Umsetzung in deren Projekten entspricht. Zwar haben sie diesen Zweck, beispielsweise wegen einer am Ort existierenden Universität, in den Katalog ihrer Zwecke aufgenommen, bedienen ihn aber vorerst noch nicht. Dies könnte in Zukunft von Bedeutung

werden, etwa wenn eine Person seine Alma Mater mit einer Zustiftung zur Studienförderung versorgen will. Eine Besonderheit zeigt sich im Bereich Kunst und Kultur. Während dieser Zweck spontan Stifterinnen und Stiftern häufiger eingefallen ist als der Zweck „Generationen übergreifenden Projekte“, kommt letzterer auf eine insgesamt größere Zustimmung.

5 Bürgerstiftung statt Sportverein?

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Bürgerstiftungen verstehen sich selbst nicht als Konkurrenz zu bestehenden gemeinnützigen Einrichtungen. Sie wollen vielmehr im Rahmen ihrer operativen Aktivitäten das vor Ort vorhandene Angebot ergänzen und im Bereich ihrer Förderungen mit wachsendem Kapital Vereine und andere Organisationen in ihren Aktivitäten unterstützen. Spiegelt sich dieses Ideal im Verhalten der Stifterinnen und Stifter wider oder werden zu Gunsten der Bürgerstiftung andere, traditionell bedeutende Formen des Engagements reduziert oder ganz aufgegeben? Von den 145 Befragten gaben lediglich 36 Personen an, ihr anderweitiges Engagement etwa in Kirchengemeinden oder Sportvereinen reduziert zu haben. Auf den ersten Blick scheint sich also die Vermutung, die Aktivitäten von Bürgerstiftungen gingen zu Lasten anderen gemeinnützigen Engagements, nicht zu bestätigen. Kirchliche Aktivitäten reduzierten nur acht Befragte zu Gunsten einer Bürgerstiftung. Personen, die angaben, sie hätten ihre sonstigen Aktivitäten reduziert, beschreiben sich vielmehr selbst als vorher nicht kirchlich engagiert. Am häufigsten ging das Engagement in der Bürgerstiftung zu Lasten der Aktivität in Sportvereinen (bei 13 Personen). Das ist insoweit interessant, als ein Großteil der Bürgerstiftungen den

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Sport nicht als Zweck der Stiftungsarbeit in die Satzung aufgenommen hat und der Sport auch bei den Zwecken, die eine Bürgerstiftung nach Einschätzung der Stifterinnen und Stifter verfolgen sollte, keine entscheidende Rolle spielt. Dieser Personenkreis hat sich insoweit einem gänzlich neuen Feld der Gemeinnützigkeit zugewandt. Somit bestätigt sich das Selbstbild der Bürgerstiftungen, nicht in Konkurrenz zu anderen gemeinnützigen Organisationen vor Ort treten zu wollen. Angesichts der geringen Fallzahlen ist es allerdings schwierig, gültige Aussagen zu treffen. Möglicherweise engagieren sich Menschen, die sich ohnehin für die Gemeinschaft einsetzen, gerne noch zusätzlich in Bürgerstiftungen. Sowohl in der Bertelsmann-Studie „Stiften in Deutschland“ als auch in der Bürgerstiftungs-Umfrage gaben rund 70 Prozent der Stifterinnen und Stifter an, einer Religionsgemeinschaft anzugehören. Sieht man die Religionszugehörigkeit als Indikator für gesellschaftliches Verantwortungsbewusstsein an, so zeichnen sich Bürgerstifterinnen und -stifter dadurch aus. Ausdruck dessen ist die Vielgestaltigkeit ihres Engagements auf mehreren gemeinnützigen Feldern, ohne dass eine Aktivität zu Lasten einer anderen Aktivität ginge.

Eröffnet die Bürgerstiftung die Möglichkeit, nach meinem Tod etwas zu hinterlassen?

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Befrfagte, die mit „ja“ geantwortet haben, davon kinderlos 1 Kind 2 Kinder 3 Kinder 4 und mehr Kinder 50 55 60 65

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Stellt das Stiften eine Alternative zum Vererben an die eigenen Kinder dar? Oder wird mehr von Menschen gestiftet, die keine eigenen Kinder haben? Folgt man der Studie „Stiften in Deutschland“, so zeigt sich, dass fast die Hälfte der befragten Stifterinnen und Stifter zum Zeitpunkt der Stiftungserrichtung kinderlos waren. Zudem gaben dort 28 Prozent der Befragten als ein Motiv für das Stiften an, „keine (geeigneten) Erben“ zu haben, wobei sich in dieser Gruppe in der Tat 97 Prozent Kinderlose finden. Die Stiftung als sinnvolles Vermächtnis auch im finanziellen Sinn ist also ein klarer Beweggrund für die Errichtung einer Stiftung. Anders sieht die Lage bei den Bürgerstiftungen aus: Menschen, die sich für Bürgerstiftungen engagieren, sind tendenziell kinderreich. 76 Prozent von ihnen haben Kinder, neun Prozent sogar vier und mehr. Die Frage der Erbfolge könnte also innerhalb der eigenen Familie gelöst werden. Umso erstaunlicher ist es, dass über 76 Prozent der Stifterinnen und Stifter mit vier Kindern in der Bürgerstiftung eine Möglichkeit sehen, nach ihrem Tod etwas zu hinterlassen. Bei Stifterinnen und Stiftern mit nur einem Kind steigt diese Ansicht auf fast 90 Prozent. Zudem mag es eine Rolle spielen, dass es sich in Bürgerstiftungen auch normal bis gut verdienende Menschen mit Familie (die meisten haben einen ho-

hen Bildungsstand und sind berufstätig) leisten können, zu stiften. Immerhin handelt es sich hier bei den zu stiftenden Beträgen eher um Summen von 500 oder 1.000 Euro statt um 150.000 Euro und mehr. Zusätzlich wird die Investition von Zeit und Engagement bei den Bürgerstiftungen als Teil des Vermögens, im Sinne sozialen Kapitals, angesehen. Dies gilt insbesondere für Bürgerstiftungen mit einer großen Zahl von Mitgliedern und vergleichsweise geringem Stiftungskapital. Dennoch sind die Bürgerstiftungen für ihre Arbeit vor Ort auf ein gewisses Vermögen angewiesen. Auch der Schwerpunkt der Aktivitäten zur Verbesserung der zukünftigen Lebensverhältnisse deutet darauf hin, dass die Stifterinnen und Stifter möglicherweise ein besonderes Verständnis von Vermächtnis haben: Sie wollen dauerhaft und nachhaltig die Lebensbedingungen in der eigenen Stadt oder Region verändern, um auch für zukünftige Generationen ein lebenswertes Umfeld zu schaffen. „Ich bin Gründungsstifterin geworden, weil ich Neukölln etwas von dem Wohlstand zurückgeben möchte, den ich erwerben konnte. Außerdem fasziniert mich der Gedanke, etwas zu initiieren, was noch in der Zukunft Bestand haben soll“, erklärt die Lehrerin Karola Kapuschinski von der Bürgerstiftung Neukölln in Berlin.

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Am 16. Dezember 2006 versammelten sich um zehn Uhr früh in Potsdam über 200 geladene Gäste, um über ein altes Thema zu diskutieren: Die Bildungsmisere und den Nachholbedarf der Deutschen in Sachen Ausbildung für natur wissenschaftliche Berufe. Neben Bundeskanzlerin Angela Merkel warnte Hasso Plattner, der Mitbegründer der Software-Schmiede SAP, auf dem „ITGipfel“, das Land müsse aufpassen, den Anschluss an die weltweite Informationstechnologie nicht zu verpassen.

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Das Interessante an der Sache war, dass die Veranstaltung an dem von Plattner privat finanzierten und nach ihm benannten „Institut für Softwaresystemtechnik“ stattfand. Mit einem Vermögen von 200 Millionen Euro im Rücken wurden an dem Institut seit seiner Gründung im Jahr 1998 rund 600 junge Menschen aus aller Welt zu Topwissenschaftlern qualifiziert. Hasso Plattner ist keine Ausnahme in einem Land, das entgegen aller landläufigen Klagen noch immer zu den reichsten der Welt gehört. Alle vier seiner SAP-Gründer-Kollegen – Dietmar Hopp, Klaus Tschira, Werner Hector und Claus Wellenreuther – sind bedeutende Philanthropen. Und auch sie stellen nur einige der herausragenden Gipfel einer Landschaft dar, die von den Namen großer deutscher Industrieunternehmen geprägt wird, wie Krupp, Thyssen, Bosch, Bertelsmann, Hertie oder Deutsche Telekom. Zum Bild gehören neben tausen-

den anderer Stiftungen auch Millionen engagierter Bürger, die sich ohne große Publicity dem Gemeinwohl verschrieben haben. Das Stiftungswesen ist nur eine Säule des bürgerschaftlichen Engagements in Deutschland. Andere Formen sind z. B. Nachbarschaftshilfe und Spenden, Kirchenarbeit, Tätigkeiten in Sportund Kulturvereinen, Engagement in Naturschutzverbänden oder Mäzenatentum in der Kunst; im weiteren Sinne kann auch die so genannte Corporate Social Responsibility (CSR) von Firmen hinzugezählt werden, ein Agieren, bei dem sich die Verfolgung von Firmeninteressen mit dem Einsatz für gute Zwecke mischt. Weltweit gewinnt die Idee der Civil Society seit einigen Jahrzehnten an Dynamik. In Deutschland kann bürgerschaftliches Engagement auf eine lange Tradition zurückblicken, vor allem in den Städten, die schon vor Jahrhunderten freiheitlichen Raum für private Verant-

„Die Begriffe „freiwilliges Engagement“, „Ehrenamt“ und „bürgerschaftliches Engagement“ lassen sich nicht trennscharf voneinander abgrenzen. Eine allgemein gültige Definition existiert nicht, teilweise werden die Begriffe auch synonym verwendet. Der insbesondere durch die Enquete-Kommission „Zukunft des bürgerschaftlichen Engagements“ geprägte Begriff des „bürgerschaftlichen Engagements“ macht den Zusammenhang zwischen Engagement und Bürgerschaft besonders deutlich und wird mit bestimmten Motiven und Wirkungen assoziiert, z. B. der Verantwortungsübernahme für andere, dem Lernen von Gemeinschaftsfähigkeit oder dem Aktivwerden als Mitbürgerin und Mitbürger. Inhaltlich ist der Begriff „bürgerschaftliches Engagement“ mit dem des „freiwilligem Engagements“ weitgehend identisch. (…) Bürgerschaftliches Engagement ist freiwillig, nicht auf materiellen Gewinn gerichtet, erfolgt gemeinwohlorientiert, findet öffentlich statt, wird in der Regel gemeinschaftlich bzw. kooperativ ausgeübt. Bürgerschaftliches, freiwilliges Engagement erzeugt soziales Kapital, demokratische Kompetenz sowie nicht formale informelle Bildungsprozesse. Bürgerschaftliches Engagement stärkt die Zivilgesellschaft und sichert die Zukunftsfähigkeit der Demokratie. Staat, Wirtschaft und der Dritte Sektor sind auf kompetente Bürgerinnen und Bürger, die bereit sind, öffentlich Verantwortung zu übernehmen, angewiesen. Bürgerschaftliches Engagement hat eine emanzipatorische Funktion, weil es die Menschen befähigt, eigenverantwortlich und selbstbewusst für sich und für andere zu handeln. Darüber hinaus hat bürgerschaftliches Engagement für die Zielgruppen eine kompensatorische Funktion, indem z. B. Hilfsbedürftigen geholfen oder Hilfe zur Selbsthilfe zuteil wird.“

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Antwort der Bundesregierung vom 02.02.2007 auf eine kleine Anfrage der Fraktion DIE LINKE, BT-Drs.16/4256

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wortungsübernahme boten. Die Tradition des Stiftens, christlich verwurzelt, ist über 1000 Jahre alt. In der Praxis vollzieht sich bürgerschaftliches Engagement überwiegend durch Geld- und Zeitspenden. Laut „Spendenmonitor“ des Meinungsforschungsinstituts Infratest gaben 45 Prozent aller erwachsenen Bundesbürgerinnen und Bundesbürger 2006 für gemeinnützige Zwecke eine Gesamtsumme von 3,5 Milliarden Euro.10 Dem „2.Freiwilligensurvey“ der Bundesregierung zufolge sind 36 Prozent der Bundesbürger regelmäßig ehrenamtlich tätig und weitere 34 Prozent sporadisch.11 Und die Bereitschaft zu solchem Tun ist in jüngster Zeit gestiegen. Die Engagementquote stieg von 34 Prozent im Jahr 1999 auf 36 Prozent im Jahr 2004. Auch der Anteil bereits Engagierter, die mehr als nur eine Aufgabe übernommen haben, stieg 2004 im Vergleich zu 1999 von 37 Prozent auf 42 Prozent. Das Engagementpotenzial derjenigen Menschen, die bisher nicht engagiert sind, erhöhte sich seit 1999 von 26 Prozent auf 32 Prozent im Jahr 2004. Und einer Forsa-Umfrage aus dem Jahr 2006 zufolge besteht das Potenzial, sich stifterisch zu betätigen, bei jedem dritten Hamburger; in anderen Städten und Regionen dürfte es ebenfalls ein erhebliches ungenutztes Potenzial für das Stiften geben, wie sich aus Untersuchungen des Sparkassen- und Giroverbandes im Jahr 2002 ergibt.12 Das Gemeinwohlengagement ist von einer schier unüberschaubaren Vielfalt geprägt. Für all die verschiedenen gemeinnützigen Aktivitäten gilt: erforderlich ist neben förderlichen rechtlichen Rahmenbedingungen als sozialem Nährboden eine „Kultur der Philanthropie“ 13 , die gesellschaftliche Normen und Werte ebenso umfasst wie historisch gewachsene Traditionen. Auch für die Entwicklung des Stiftungswesens in Deutschland, dessen

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Grenze zu anderen Formen bürgerlichen Engagements manchmal fließend ist, ist die Kultur der Philanthropie von zentraler Bedeutung. Die Faktoren, die zur Weiterentwicklung einer solchen Kultur beitragen, sind interdependent, stärken sich also gegenseitig. Eine Verbesserung der rechtlichen und steuerlichen Rahmenbedingungen für gemeinnützige Aktivitäten trägt zu einem positiven Klima und zur Stärkung des so genannten Dritten Sektors bei, und das Wachstum dieses Sektors erleichtert wiederum den Einsatz für verbesserte Rahmenbedingungen. Leuchtturmprojekte und Stifterpersönlichkeiten wirken als Vorbilder, die auch Prominente zusätzlich motivieren, Zeit und/oder einen Teil ihres Vermögens in gute Zwecke zu stecken, und die Medien feiern sie mit Homestories und Ranglisten der Wohltätigsten, was schließlich andere zum Nachahmen veranlasst. Die sozialen Milieus, in denen bürgerschaftliches Engagement großgeschrieben wird, wie auch das Bild der Stifterinnen und Stifter, des ganzen Stiftungswesens in der Öffentlichkeit, haben sich in den vergangenen Jahren verändert. Immer mehr Menschen aus allen möglichen Schichten stiften; den typischen Stifter gibt es nicht mehr. Immer mehr Menschen stiften zu Lebzeiten und kombinieren die Gründung einer Stiftung mit Zeitspenden für ihre Einrichtung. Immer mehr Menschen stiften gemeinschaftlich – z. B. in Form einer Bürgerstiftung (siehe Kapitel 7) – und tragen damit zur Veränderung der Stiftungslandschaft bei. Wie dieser Report und andere Untersuchungen zeigen, hat sich die Kultur der Philanthropie in Deutschland in den letzten Jahren entscheidend weiterentwickelt, und es gibt vielversprechende Anzeichen dafür, dass sich dieser Wandel auch in Zukunft fortsetzen wird. Den Stiftungen kommt dabei eine besondere Funktion zu: Sie sind wesensgemäß nachhaltig und haben einen Vermögens-

stock, aus dem sich ihr Förderhandeln speist. Damit bringen sie Stabilität, vermehrte private schwankungsarme Finanzierung und größere Unabhängigkeit in den Sektor ein, der in Deutschland noch überwiegend aus staatlichen Quellen finanziert wird. Vor diesem Bedeutungshintergrund ist es kein Zufall, dass sich die Gruppe der Gemeinnützigkeitsverbände – vom Sport über kirchliche Verbände und Naturschutz bis hin zu den Wohlfahrtsverbänden – einhellig für die weitere Verbesserung der Rahmenbedingungen für das Stiften und Zustiften einsetzen. Ohne Stiftungen fehlte dem philantropischen Sektor ein maßgeblicher Teil der unabhängigen, flexiblen Finanzierung, die für den Aufbau und die Pflege sozialen und kulturellen Kapitals erforderlich ist. Mit dem Trend zum Stiften folgt Deutschland einer internationalen Tendenz: Während die Zahl der Reichen und Superreichen weltweit rapide steigt, wächst auch die Bereitschaft, zumindest einen Teil dieses Vermögens, das praktisch gar nicht auszugeben ist, in die Gesellschaft zurückzuspeisen – und das in immer breiteren Kreisen der Gesellschaft, keineswegs nur bei den sehr Wohlhabenden. Die Zahl der Dollar-Milliardäre hat der Forbes-Liste zufolge fast die 800er Grenze erreicht. Geld abzugeben scheint eine globale Mode zu werden. Kein Mensch hat mehr Geld gespendet als Bill Gates – über 30 Milliarden Dollar. Aber auch die neuen Reichen in den aufstrebenden asiatischen Nationen lassen sich nicht lumpen: Azim Premji und Nandan Nilekani, Technologie-Unternehmer aus Bangalore stiften und spenden, was das Zeug hält. Selbst das zentralwirtschaftliche China erlaubt seit jüngster Zeit philanthropisches Engagement – mindestens 3.000 finanzstarke Stiftungen soll es dort Schätzungen zufolge bereits geben, und der russische Ölmagnat Michail Chordorkowskij galt als

großer Mäzen – bevor ihn die Justiz unter dubiosen Umständen ins Gefängnis beförderte. Weltweit sind Menschen aus der kopfstarken Generation der Babyboomer zu großen Vermögen gekommen, das sie nicht allein für sich behalten wollen. Die Zahl der Stiftungen wächst in Deutschland seit Jahrzehnten stabil. Von den 100.000 Stiftungen, die das Land zu Beginn des vorigen Jahrhunderts vorweisen konnte, ist Deutschland nach zwei Weltkriegen und Diktaturen jedoch noch weit entfernt. Einen zusätzlichen Schub bewirkten die Reformen, die bundesgesetzlich 2000 und 2002 ins Werk gesetzt wurden und die Novellierung der entsprechenden Landesgesetze nach sich zogen. Die Novellierung des Steuerrechts für Stiftungen, mit dem insbesondere die steuerliche Absetzbarkeit von Zuwendungen an Stiftungen erweitert wurde, und die liberalere Neuregelung des Stiftungsprivatrechts ließ die Zahl der Neugründungen um rund 200 pro Jahr nach oben schnellen. Einen weiteren Schub dürfte die Reform des Stiftungssteuerrechts im Jahr 2007 bringen, die schon in der Koalitionsvereinbarung von CDU und SPD angekündigt worden war. Ende 2006 veröffentlichte das Bundesfinanzministerium ein entsprechendes Zehn-Punkte-Programm „Hilfen für Helfer“ (siehe nächste Seite), Mitte 2007 dürfte daraus die umfangreichste Verbesserung der rechtlichen Rahmenbedingungen für Stiften und anderes bürgerschaftliches Engagement seit 60 Jahren erwachsen. Auf dem Weg zu dieser Reform gab es in den letzten Jahren zahlreiche Reformvorschläge von Expertenkommissionen, dem Bundesverband Deutscher Stiftungen, der Bertelsmann Stiftung und anderen Akteuren.14 Auf Ebene der Bundesländer gibt es teils erhebliche Unterschiede bei den Bestimmungen des Landesstif tungsrechts sowie hinsichtlich der Qualität der Stiftungsaufsichtsbehörden. Insgesamt gibt es jedoch auf

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Das Zehn-Punkte-Programm der Bundesregierung „Hilfen für Helfer“ Ende 2006 verkündete Bundesfinanzminister Peer Steinbrück ein Maßnahmenpaket, mit dem ehrenamtliche Tätigkeiten und gemeinnützige Organisationen steuerlich gefördert werden sollen.15 Das Zehn-Punkte-Programm „Hilfen für Helfer“ umfasst unter anderem folgende Änderungen des Gemeinnützigkeits- und Spendenrechts: • Personen, die pro Monat mindestens 20 Stunden ehrenamtlich für karitative Organisationen arbeiten, erhalten einen Steuernachlass von 300 Euro im Jahr. • Die Höchstgrenze für den Spendenabzug wird auf 20 Prozent vom steuerpflichtigen Einkommen erhöht. Bisher lag der Satz bei fünf beziehungsweise zehn Prozent. • Die Obergrenze für die Kapitalausstattung von Stiftungen wird auf 750.000 Euro mehr als verdoppelt. • Die steuerliche Abzugsfähigkeit von Mitgliedsbeiträgen an Kulturfördervereine wird verbessert. Diese Gesetzesinitiative zeigt, wie der Staat mit Hilfe finanzieller Anreize bürgerliches Engagement belohnen und somit maßgeblich zur Entwicklung einer Kultur der Philanthropie beitragen kann. Die jährlichen Kosten des Reformpakets werden auf über 400 Millionen Euro geschätzt, dürften jedoch ein Vielfaches dieses Betrages an Geldund Sachspenden für gemeinnützige Zwecke mobilisieren. Der Generalsekretär des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen, Hans Fleisch, hofft, dass diese Reform dazu beitragen wird, die Zahl der Stiftungen in Deutschland in den kommenden 25 Jahren zu vervierfachen.16

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Bundes- und Landesebene einen parteiübergreifenden Konsens, dass weitere Reformen nötig sind, um dem Stiftungswesen weitere Impulse zu geben. Eine wichtige Rolle bei der Entwicklung der Stiftungskultur spielen Initiativen mit Vorbildcharakter oder Personen, die zum Nachahmen anstiften. Ein Beispiel ist die Museumsstiftung Insel Hombroich bei Neuss, die in den 1980er Jahren von dem Düsseldorfer Sammler Karl-Heinrich Müller ins Leben gerufen und in Kooperation mit prominenten Mitstreitern Schritt für Schritt erweitert wurde. Im Jahr 2004 siedelte sich beispielsweise die Langen Foundation mit ihrer Sammlung japanischer und zeitgenössischer Kunst auf dem Areal an.17 Ein anderes Beispiel ist die Sammlung Berggruen, die seit 1996 in Berlin beheimatet ist und 2000 der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) für einen symbolischen Preis übertragen wurde. Wohl inspiriert von diesem Vorbild

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unterzeichneten die Sammler Scharf und Gerstenberg 2004 einen Vertrag mit der SPK. Sie werden von 2007 an im Schwestergebäude des BerggruenMuseums ihre Surrealismus-Sammlung der Öffentlichkeit zugänglich machen. Der Sammler Berggruen gewann darüber hinaus seinen Freund Helmut Newton, seine umfangreiche Fotografie-Sammlung in Berlin auszustellen – auch dies in Kooperation mit der Stiftung Preußischer Kulturbesitz.18 Zusammen mit dem ebenfalls aus einer privaten Stiftung hervorgegangenen Bröhan-Museum für Jugendstil und Art Déco, werden die Sammlungen Berggruen und Scharf-Gerstenberg gegenüber dem Charlottenburger Schloss eine markante Ansammlung privater Sammlungen bilden und vermutlich weitere Nachahmer finden. Auch für die Ausbreitung der Bürgerstiftungsidee dürften die positiven Vorbilder, von guter Medienresonanz begleitet, von mit ausschlaggebender Bedeutung sein.

Neben der Inspiration durch Vorbilder gibt es auch andere Sozialdynamiken, die zu der Entwicklung des Stiftungswesens beitragen. So bemühen sich etwa einige namhafte Stifter explizit darum, andere Wohlhabende zum Spenden zu animieren. Beispiele sind der Hamburger Reeder Peter Krämer oder der Milliardär Klaus Jacobs, der nach der Ankündigung seiner 200-Millionen-Euro-Spende an die International University Bremen (heute Jacobs University Bremen) im November 2006 in Presseinterviews mit deutlichen Worten andere reiche Deutsche dazu aufforderte, sich großzügiger für Wissenschaft und Bildung zu engagieren.19 Getreu dem klassischen und viel zitierten Beispiel des amerikanischen Stahlbarons Andrew Carnegie, der Ende der 19. Jahrhunderts die Philanthropie zur Bürgerpflicht der Reichen erhob: „Der Mann, der reich stirbt, stirbt in Schande.“ Auch wenn die deutsche Tradition erheblich älter ist, gilt Vielen die amerikanische „Spontaneität“ beim Stiften, die angelsächsische Kultur des Bürgerengagements, die auch große Mengen an Geld-Geben bedeutet, als gesellschaftliches Vorbild. Besonders interessant ist in diesem Zusammenhang das Beispiel des zweiten Vollzeitangestellten und ersten Generaldirektors des Online-Auktionshauses ebay, Jeffrey Skoll. Das erklärte Ziel des 42-jährigen Kanadiers ist es nicht nur, einen Großteil seines mehrere Milliarden Dollar schweren Vermögens noch zu Lebzeiten durch gemeinnützige Aktivitäten und Stiftungen an die Gesellschaft zurückzugeben, sondern vor allem auch andere zum Stiften zu bewegen. Zu diesem Zweck hat er unter anderem an der Universität Oxford ein Zentrum für „Social Entrepreneurship“ gegründet, vergibt über seine Skoll Foundation Stipendien für „soziale Unternehmer“ und fördert Filmproduktionen, die seine philanthropischen Ideale transportieren.20

In den USA tragen auch jährliche Rankings der größten Spender oder die enorme öffentliche Aufmerksamkeit für sie zu einer Art Wettbewerb unter potenziellen Wohltätern bei. Dass die Kultur der Philanthropie in Deutschland von der angelsächsischen Szene befruchtet wird, zeigen die bereits genannten Stifter Berggruen und Newton. Beide stammen zwar aus Deutschland, emigrierten aber in die USA und wurden durch die dortige Stiftungskultur geprägt. Ebenfalls in der amerikanischen Szene sozialisiert ist der SAP-Mitbegründer Hasso Plattner (siehe Interview ab Seite 128), der laut einer Aufstellung des Manager Magazins 2006 Deutschlands größter Spender war.21 Aber auch ohne transatlantische Vorbilder blüht die deutsche Stiftungsszene. Auf regionaler Ebene gibt es ebenfalls Beispiele für bürgerliche Milieus und Traditionen, die die Entwicklung des Stiftungswesens begünstigen. Die ungleiche räumliche Verteilung von Stiftungen über deutsche Städte und Bundesländer ist nicht nur Folge demographischer und wirtschaftlicher Faktoren. Sie ist auch eine Konsequenz sozialer und kultureller Unterschiede.22 So verdanken Hamburg und Frankfurt ihre Rolle als „Stiftungshauptstädte“ der Republik nicht nur dem Wohlstand ihrer Bürger, sondern auch dem seit vielen Generationen am Standort verwur zelten Bürger tum, einem starken Lokalpatriotismus und einer Tradition bürgerschaftlicher Eigenverantwortung. Als 2005 die Hamburger „Bürgerschaft“ – so nennt sich bezeichnenderweise das Parlament des Stadtstaates – beschloss, eine 186 Millionen Euro teure Elbphilharmonie als neues Wahrzeichen der Hansestadt zu bauen, genügten ein paar persönliche Gespräche zwischen dem Bürgermeister Ole von Beust und wohlhabenden Bürgern, um einige Großspender zu mobilisieren: Das Unternehmerehepaar Greve

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sagte 30 Millionen Euro zu, während die Hermann Reemtsma Stiftung und der Versandhauseigentümer Michael Otto je zehn Millionen Euro gaben. Eine eigens gegründete Stiftung Elbphilharmonie soll weitere Gelder einwerben. Eine Aktion, die weite Kreise zieht: Prompt meldete sich der Bruder von Michael Otto, Alexander, zu Wort und schenkte der Stadt Ende 2006 eine Eissporthalle für ebenfalls zehn Millionen Euro.23 Ein ebenso imposantes Beispiel für eine lokale Kultur der Philanthropie, wie die Großspenden Hamburger Mäzene, ist der Wiederaufbau der Dresdner Frauenkirche. Von Dresdner Bürgerinnen und Bürgern initiiert und durch ein unvergleichbares bürgerliches Engagement getragen, wurde das im Krieg zerstörte Wahrzeichen der Elbmetropole rekonstruiert und zwei Drittel der Baukosten von 179 Millionen Euro durch Spenden finanziert.24 Um die Kultur des Stiftens in Deutschland und ihre Entwicklung zu verstehen, ist es hilfreich, sowohl die Trends innerhalb der deutschen Stiftungslandschaft wie auch die Motive der Stifterinnen und Stifter etwas näher zu beleuchten. In der Studie „Stiften in Deutschland“ der Bertelsmann Stiftung wurden diese Aspekte untersucht.25 Einige zentrale Ergebnisse lassen sich wie folgt zusammenfassen: 1 Obwohl noch immer ein erheblicher Prozentsatz der persönlichen Stifterinnen und Stifter vermögend ist, nimmt die Zahl jener Personen zu, die Stiftungen auch ohne signifikantes Eigenkapital gründen und dies durch persönliches Engagement, das Einwerben von Spenden oder die Zusammenarbeit mit Gleichgesinnten – etwa in Form von Bürgerstif tungen – wettmachen. Dies erhöht nicht nur den Pool potenzieller Stifterinnen und Stifter, sondern führt auch zu einer „Demokratisierung“ und höheren Vielfalt innerhalb der deutschen Stiftungslandschaft.

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2 Während Stiftungen von natürlichen Personen früher oft durch Nachlässe entstanden, wird heutzutage überwiegend bereits zu Lebzeiten gestiftet. Die meisten Stifterinnen und Stifter haben das Bedürfnis, die Arbeit ihrer Stiftungen aktiv mitzugestalten und neben dem Geld auch Know-how, Erfahrungen, Zeit und Kontakte in die Stiftungsarbeit einzubringen. Ein weiterer Grund ist offenbar die Tatsache, dass fast alle Stifterinnen und Stifter einen hohen Grad an persönlicher Befriedigung aus ihren Stiftungen und deren Arbeit schöpfen. Es ist daher nicht verwunderlich, dass manche Stifterinnen und Stifter als ihren größten Fehler eingestehen, nicht schon früher eine Stiftung gegründet zu haben. 3 Meist werden Stifterinnen und Stifter durch ein Bündel an Motiven zu ihren Taten bewegt und häufig findet sich eine Mischung aus altruistischen und selbstbezogenen Motiven. Die Menschen wollen insbesondere etwas bewegen, Verantwortungsbewusstsein gegenüber Mitmenschen zeigen, ein konkretes Problem bekämpfen, eine bestimmte Einrichtung langfristig unterstützen oder der Gesellschaft etwas zurückgeben. Zu den unmittelbar persönlichen Motiven zählt der Wunsch nach einer erfüllenden Aufgabe, die Steigerung der persönlichen Zufriedenheit, die Verbundenheit mit einem Fördermittelempfänger, Kontakte mit interessanten Menschen aber auch das Bedürfnis nach sozialer Anerkennung. Diese Motive ähneln jenen, die im Freiwilligensurvey der Bundesregierung26 von Personen mit ehrenamtlichem Engagement angegeben werden. 4 Die konkreten Motive und Stiftungszwecke sind jedoch außerordentlich vielfältig und illustrieren die Flexibilität der Institution Stiftung. Es gibt Firmenstiftungen, mit denen Unternehmensgründer auch den Fortbestand einer Firma sichern möchten (Robert Bosch

Stiftung, Bertelsmann Stiftung, Zeit-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius). Es gibt Stifterinnen und Stifter, die ihren Kindern zwar ein hinreichendes Erbe hinterlassen, aber sie auch vor dem „Fluch“ übermäßigen Reichtums bewahren wollen. Andere sind ohne Erben und von dem Wunsch getragen, ihren Nachlass zu ordnen. Oft sind Stiftungen Ausdruck einer spezifischen Leidenschaft der Stifterin oder des Stifters, wie etwa der Naturverbundenheit oder Kunstbegeisterung. Bei Unternehmern findet sich oft der Wunsch, durch eine Stiftung der Gesellschaft, in der sie zu Wohlstand gekommen sind, etwas zurückzugeben. In anderen Fällen ist der Anlass ein Schicksalsschlag, wie im Falle der Felix Burda Stiftung, die von dem Verlegerehepaar nach dem Tod des Sohnes zum Kampf gegen den Darmkrebs gegründet wurde. 5 Fast die Hälfte der Stifterinnen und Stifter hat keine Kinder, eine große Mehrheit befindet sich im fortgeschrittenen Alter und viele Stiftungen werden im Rahmen einer Erbfolge gegründet (entweder durch den Erblasser oder den Erben).27 Schon angesichts der demografischen Entwicklungen – niedrige Geburtenraten, Alterung der Gesellschaft und eine Welle von Erbschaften, die auf vergleichsweise wenige Erben zukommen – ist in den kommenden Jahren mit einer weiter zunehmenden Stiftungsbereitschaft zu rechnen. Allein im laufenden Jahrzehnt steht in Deutschland ein Gesamtvermögen von 1,4 Billionen Euro zur Vererbung an.28 Von zentraler Bedeutung für die Weiterentwicklung der Kultur der Philanthropie wie auch des Stiftungswesens ist die Berichterstattung in den Medien. Viele Stifterinnen und Stifter haben sich womöglich schon lange mit ihren gemeinnützigen Gedanken herumgetragen – aber sie bekommen erst durch einen entscheidenden Artikel in der Presse die Initialzündung zur guten Tat.

Gleichzeitig zeigt eine repräsentative Umfrage unter Bürgerinnen und Bürgern einen hohen Grad an Unwissenheit bezüglich des Wesens und der Arbeit von Stiftungen,29 was auf eine eher geringe mediale Präsenz des Stiftungswesens hindeutet. Auch beklagt jeder fünfte Stifter mangelnde Aufmerksamkeit durch Öffentlichkeit und Medien. Entsprechend begrüßenswert ist daher die Tatsache, dass in den letzten Jahren Art und Quantität der Berichterstattung über Stiftungen und Stiftende zugenommen hat. Stiftungen können zur Schärfung der öffentlichen Wahrnehmung durch eine professionellere Öffentlichkeitsarbeit, aber auch durch höhere Transparenz beitragen. Nicht zuletzt um dem noch immer verbreiteten Vorurteil entgegenzuwirken, bei Stiftungen handele es sich um Spiel zeuge oder Denkmäler einer sozialen Elite, die sich der demokratischen Kontrolle entziehen. Preisverleihungen, die Schulung von Journalistinnen und Journalisten oder die Unterstützung der Mitglieder des Dachverbandes der Stiftungen können der Professionalisierung der Öffentlichkeitsarbeit helfen. Dazu gehört, dass der Bundesverband Deutscher Stiftungen seit 2006 einen Preis für gute Stiftungskommunikation KOMPASS verleiht, auch um eine Kultur der hochwertigen Außenkommunikation von Stiftungen und damit die Pflege des gesellschaftlichen Klimas zugunsten stifterischen Wirkens voranzubringen. Wie die Beispiele in diesem und den übrigen Kapiteln zeigen, hat die Kultur der Philanthropie in Deutschland sowohl eine lange Tradition als auch eine ganz eigene Prägung. Diese Kultur hat sich in den letzten Jahren erheblich weiterentwickelt und eine Reihe von Akteuren können zur künftigen Entfaltung von Bürgerengagement und Gemeinsinn wichtige Beiträge leisten: Der Staat, indem er die entsprechenden Rahmenbedingungen schafft und selbst als ver-

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Tendenzen im amerikanischen Stiftungswesen Die Vorreiterrolle der Vereinigten Staaten in der internationalen Stiftungslandschaft wird oft diskutiert und es gibt zahlreiche Vergleichsanalysen zwischen Deutschland und den USA.30 Ein Blick über den Atlantik kann Aufschluss darüber geben, in welche Richtung sich die deutsche Kultur der Philanthropie weiterent wickeln könnte. Einige Tendenzen im amerikanischen Stiftungswesen lassen sich wie folgt zusammenfassen: • Während die Philanthropie deutscher Prägung ein starkes Vereinselement mit erheblichen staatlichen Zuschüssen aufweist, sind in den USA Stiftungen Hauptträger des Dritten Sektors. Von den in den USA 2006 gespendeten 260 Milliarden Dollar kamen 200 Milliarden von Privatpersonen und 30 Milliarden von Stiftungen.31 Ein Teil des hohen Spendenaufkommens dürfte der Tatsache zu verdanken sein, dass es in den USA keine Kirchensteuer gibt. • Großspenden im dreistelligen Millionen- oder gar im Milliardenbereich sind keine Seltenheit. Dem Ranking der 100 großzügigsten Spender in der Zeitschrift Business Week zufolge gaben die 20 größten Philanthropen in der Periode 2002-2006 jeweils über 450 Millionen Dollar.32 Bill Gates und Warren Buffet – die als die beiden reichsten Männer der Welt fast ihr gesamtes Vermögen einer gemeinsamen Stiftung vermachen – sind lediglich die Vorreiter dieser neuen Generation von Megastiftern.33 • Der amerikanische Stiftungssektor verfügt über eine komplexe Infrastruktur von spezialisierten intermediären Organisationen. Dies reicht von Beratern für unterschiedlichste Themenbereiche über Dachverbände, Stellenbörsen, diversen Zeitschriften und Internetplattformen bis zu Business-School-Kursen für „non profit management“ oder Institutionen, die die Arbeit von Stiftungen evaluieren. Diese Infrastruktur trägt erheblich zur Effizienz und Dynamik innerhalb des Stiftungswesens bei. • Dank der Tatsache, dass viele Stifter selbst erfolgreiche Unternehmer sind und dank des hohen Professionalisierungsgrades in der amerikanischen Stiftungslandschaft haben viele US-Stiftungen einen unternehmerischen Ansatz – sie sehen sich als Sozial-Unternehmen. Entsprechend große Rollen spielen Effizienz, Transparenz, messbare Resultate, Innovations- und Risikobereitschaft, Wettbewerb sowie die Anwendung von Managementmethoden aus dem Privatsektor. • Dank professionellen Finanzmanagements und unkonventioneller Anlageformen gelingt es vielen Stif tungen in den USA dauerhaft zweistellige Renditen zu erwirtschaften.34 Da sie per Gesetz jedes Jahr fünf Prozent ihres Vermögens für den Stiftungszweck ausgeben müssen, kann nur eine Rendite von mindestens sieben bis acht Prozent das dauerhafte Überleben einer Stiftung sichern, sonst wird das Kapital aufgezehrt.35 Mit dieser Anlagepolitik ist aber auch eine höhere Risikobereitschaft bei der Vermögensbewirtschaftung verbunden, die mancher Stiftung in schlechten Jahren erhebliche Substanzverluste einbrachte, was in Deutschland nicht mit dem Stiftungsrecht vereinbar wäre. • Das Stiftungswesen ist in der amerikanischen Gesellschaft allgegenwärtig. Unzählige Institutionen oder öffentliche Gebäude sind nach ihren Stiftern benannt (beispielsweise die Stanford- und Rockefeller-Universitäten, die Guggenheim- und Getty-Museen, New Yorks Carnegie Hall). Große Stifterinnen und Stifter werden von den Medien gefeiert, Corporate Social Responsibility gehört zum Unternehmensalltag und gemeinnütziges Engagement ist für den beruflichen und sozialen Aufstieg eine wichtige Voraussetzung.

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antwortungsvoller und innovativer Stifter auftritt. Die bestehenden Stiftungen, indem sie ihre Arbeit weiter professionalisieren, ihre Transparenz erhöhen und ihre Öffentlichkeitsarbeit verbessern. Die Stifterinnen und Stifter, indem sie als Vorbilder dienen und unter ihresgleichen aktiv zur weiteren Verbreitung des Stiftungsgedankens beitragen. Die Medien, indem sie Vorurteilen gegenüber dem Stiftungswesen entgegenwirken, Erfolge feiern, aber auch mögliche Missstände kritisch unter die Lupe nehmen. Die Unternehmen, indem sie bestehende Ansätze von Corporate Social Responsibility weiterentwickeln und die damit verbundenen philanthropischen Werte

ihren Mitarbeitern und Kunden vermitteln. Und der Bundesverband Deutscher Stiftungen, indem er zu all diesen Bemühungen nach Kräften beiträgt und seine Mitglieder mit Orientierungsrahmen, Schulungen und Foren für Austausch unterstützt und dadurch Stiftungskulturpflege betreibt. Gerade in Zeiten wachsender sozialer Ungleichheit, der Fliehkräfte der Globalisierung und der Suche nach verloren gegangenen Werten stellt die Kultur der Philanthropie ein kostbares Gut dar. Es lohnt sich, diesen Schatz zu pflegen. Mit weiteren Stiftungen und weiter verbesserter Stiftungskultur werden ihm weitere Edelsteine zugefügt.

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© Institut für Gerontologie/ Universität Heidelberg

„Mit dem eigenen Geld kann man auch etwas für die anderen tun.“ Interview mit Prof. Dr. Andreas Kruse Der 1955 in Aachen geborene Altersforscher Andreas Kruse leitet das Institut für Gerontologie an der Universität Heidelberg. Öffentlich bekannt wurde der Wissenschaftler 1987, als er auf dem Stuttgarter Zukunftskongress das Thema Altern als „Chance und Herausforderung“ definierte. Seit dem gleichen Jahr agiert er als führender Autor der parlamentarischen Altenberichte des Deutschen Bundestags. Auch innerhalb der demographischen Forschung beschäftigt sich der vielfach ausgezeichnete Forscher mit neuen Rollen und Aufgaben für Ältere. Seit einiger Zeit setzt sich der studierte Psychologe, Philosoph und Musikwissenschaftler für den verstärkten Einsatz älterer Menschen in der Zivilgesellschaft ein – und wirbt dabei vor allem für deren Engagement in Bürgerstiftungen.

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Die Menschen werden nicht nur immer älter, es wird derzeit auch eine andere Seniorengeneration älter als zuvor. Wie unterscheiden sich diese „neuen“ Rentner von ihren Vorgängern? Die Generation, die momentan in das Rentenalter eintritt, verfügt erstens über eine deutlich bessere Gesundheit. Diese Menschen haben nicht nur eine höhere Lebenserwartung, sondern vor allem eine höhere aktive Lebenserwartung, weil sie in ihrer körperlichen Verfassung sehr viel selbstständiger sind. Krankheiten und funktionelle Beeinträchtigungen verschieben sich immer mehr an das Lebensende. Dies alles gilt allerdings nur für die mittleren und höheren sozialen Schichten. Bei den unteren Schichten ist dieser Effekt wenig zu beobachten. Ist gesund alt werden auch eine Frage der Bildung? Eindeutig. Bildung ist die zentrale Voraussetzung für eine gute Gesundheit im Alter. Eine gute Eingangsbildung verschafft guten Zugang zu weiteren Bildungsmöglichkeiten und dies wirkt sich auf die Ernährungsweise und auf die Prävention aus. Wo liegen die anderen Unterschiede zwischen den alten und den „neuen“ Rentnern? Zweitens profitieren ältere Menschen vom medizinischen Fortschritt, von der Diagnostik ebenso wie von den Behandlungsmöglichkeiten. Zudem haben wir heute eine ältere Generation mit deutlich höheren finanziellen Ressourcen. Das durchschnittliche Einkommen älterer Haushalte nähert sich immer mehr dem der Durchschnittseinkommen der Gesamtbevölkerung an. Das klingt nach einer goldenen Rentnergeneration? In Sachen Bildung, Gesundheit und auch gesellschaftlicher Teilhabe sind wir in der Tat optimistisch. Die ältere Generation verfügt heute im Durchschnitt über hohe Ressourcen. In Bezug auf die materiellen

Ressourcen der künftigen älteren Generationen sind wir zurückhaltend. Warum dies? Weil wir glauben, dass die Welle der reichen Rentner nur noch etwa 15 Jahre anhält. Die nachfolgenden Jahrgänge werden im Durchschnitt nicht mehr diese hohen Mittel haben. Natürlich wird es auch dann noch gut ausgestattete Generationen geben. Immerhin schätzen wir heute das potenzielle Vererbungsvermögen auf etwa 1,2 Billionen Euro. Aber wir beobachten eben auch die finanziellen Risikofälle, die ins Rentenalter kommen, wegen der heutigen strukturellen Arbeitslosigkeit und wegen unterbrochener Erwerbsbiografien. Während die heutigen Rentner noch einen guten Arbeitsmarkt erlebt haben, sind die nachfolgenden Generationen Ende der 1980er Jahre in strukturelle Arbeitslosigkeit geraten und nach der Wende vor allem in den neuen Bundesländern in die Arbeitslosigkeit. Diese Menschen konnten nur wenige Rentenleistungen aufbauen und werden mit sehr viel weniger auskommen müssen. Wir rechnen in Zukunft also mit deutlich höheren sozialen Ungleichheiten. Wird das hohe Vererbungsvermögen also in kurzer Zeit aufgezehrt – auf Kreuzfahrtschiffen und mit anderem Konsum? Oder lässt es sich längerfristig erhalten? Ein Teil bleibt sicher erhalten, denn die ältere Generation hat eine relativ hohe Sparquote. Aber sie gibt auch viel Geld aus. Die 55- bis 70-Jährigen haben eine sehr hohe Investitionskraft. In einigen Marktsegmenten, etwa bei Reisen, bei der Kleidung oder bei nicht medizinisch indizierten Gesundheitsleistungen, also im ganzen Wellnessbereich, sind sie für 30 bis 50 Prozent der Ausgaben zuständig. Trotz dieses hohen Wohlstandes in Rentnerhand laufen die gesellschaftlichen Transfers, also die ganzen Sozialleistungen, überwiegend von der mitt-

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leren Generation in Richtung Ältere. Die heutigen Erwerbstätigen finanzieren also wohlhabende Rentner, können ihrerseits aber später recht wenig an sozialen Leistungen erwarten. Ist das gerecht? Diese Frage wagt kaum jemand zu stellen. Ich glaube, wir müssen das Prinzip der Subsidiarität heutzutage anders deuten. Früher hat man gesagt: „Die junge und mittlere Generation kann viel aus eigener Verantwortung leisten. Die Älteren sind auf soziale Leistungen angewiesen.“ Das müssen wir mehr und mehr umkehren. Wir müssen heute die älteren Menschen fragen: „Was könnt ihr aus eigener Kraft leisten? Ihr habt vielfach die entsprechenden materiellen Ressourcen.“ Wir müssen fragen, ob die Transfers nicht stärker von Alt nach Jung gehen sollten, denn bei den Jüngeren haben wir ein höheres materielles Risiko als bei den Älteren. Ist das eine Umkehrung des Generationenvertrages? Keine Umkehrung. Die mittlere Generation, die Geld verdient, hat auch mehr zu leisten. Aber ich würde den Generationenvertrag durch eine sozial gerechte Eigenvorsorge flankieren. Menschen mit dem entsprechenden Kapital müssen mit mehr Verantwortung in ihr eigenes Alter investieren, um das System zu entlasten. Was meinen Sie damit? Ein Beispiel: Im Jahr 2004 waren in den gesetzlichen Krankenversicherungen 29,9 Prozent der Menschen über 60 Jahre. Von ihnen stammen 19,9 Prozent der Einnahmen – aber sie verursachen 42,7 Prozent der Ausgaben. Da ist klar, dass der Einzelne viel mehr in die Eigenvorsorge investieren muss. Und hier müssen wir die Menschen auch sehr viel mehr als verantwortliche Staatsbürgerinnen und Staatsbürger ansprechen. Da können wir viel von der Schweiz und von Japan lernen. Bei einer wachsenden Zahl von Kinderlosen läuft das Vererbungskapital

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in eine Sackgasse. Wo sollte dieses Geld bleiben? Ich habe gewisse Probleme damit, wenn vermögende 80-Jährige auf die Bank gehen und den Finanzverwalter fragen, wie sie ihr Kapital weiter mehren können. Mit dem eigenen Geld kann man auch etwas für andere tun. Dafür brauchen wir beratende Institutionen, die den Menschen zeigen, wie man so etwas tun kann. Wir brauchen als Gesellschaft nicht nur das ideelle Kapital, also das Wissen, sondern auch das materielle Kapital, weil nachfolgende Generationen sehr auf Stiftungen angewiesen sein werden. Wir haben etwa an unserem Institut in Heidelberg ausländische Studenten, die wären froh, wenn sie Stifter hätten. Aber wir finden auch immer wieder Menschen, die bereit sind, unsere Studenten zu unterstützen. Diese müssen eben als mitverantwortlich handelnde Personen angesprochen werden. Wie kann man diesen gemeinnützigen Gedanken besser vermitteln? Wir müssen zunächst einmal ganz andere Altersbilder verbreiten. Deutschland ist kein altersfreundliches Land. Alter wird nur thematisiert als Belastung der sozialen Sicherungssysteme. Alte seien nicht innovationsfähig, nicht kreativ, heißt es, was ja alles nicht stimmt. Die Alten müssen begreifen, dass die Gesellschaft ein Interesse daran hat, ihr Wissen zu nutzen. Wenn man die Jungen mit den Alten zusammenbringt und die Jungen fragt, so hört man, dass die Jungen das als Erlebnis beschreiben. Wir dürfen nicht zulassen, dass Menschen nach dem Ausscheiden aus dem Beruf Deutschland verlassen und erst wieder zurückkommen, wenn sie auf Pflege angewiesen sind. Sind Stiftungen ein Weg, älteren Menschen aufzuzeigen, wo und wie sie sich nützlich machen können? Auf jeden Fall. Vor allem Bürgerstiftungen. Da kann man auf Ältere zugehen und sagen: „Hier kannst du mit deinen Ressourcen dazu beitragen, dass in deiner

Kommune ein Problem gelöst wird.“ Diese Menschen können Erfahrung zur Verfügung stellen, Wissen – oder materielle Ressourcen. Die Leute, die einen Teil ihres Geldes in Stiftungen stecken, wissen dann, was mit ihrem Geld passiert und sie fühlen sich persönlich angesprochen. Das ist ein vorzüglicher Weg, um eine Solidarität zwischen den Generationen herzustellen. Und die Alten als mitverantwortlich Handelnde anzusprechen. Und man hätte eine nachhaltige Bindung von Kapital, denn Stiftungskapital muss ja erhalten werden. Genau daran haben die Alten ein Interesse, dass ihr Kapital erhalten bleibt. Die wollen ja etwas Bleibendes. Kann man da auch von anderen Ländern etwas lernen? In der Schweiz etwa läuft das viel besser. Da bekommen meine Universitätskollegen Anrufe von Vermögenden. Die sagen: „Ihr macht da eine tolle Forschung. Ich würde Ihnen gerne drei Millionen Franken zur Verfügung stellen.“ Wie lässt sich das Bewusstsein für das Stiften in Deutschland verbessern? Wir stehen ja unter einem gewissen Zeitdruck, denn lange wird es die vielen reichen Rentner nicht mehr geben. Wir müssen mit diesem Thema viel mehr in die Öffentlichkeit gehen, ins Fernsehen, in die anderen Medien. Wir müssen in den Unternehmen ganz andere Altersbilder schaffen, in ältere Arbeitnehmer investieren, denn in zehn Jahren werden wir diese brauchen. Problematisch waren in diesem Zusammenhang diese

Vorruhestandsregelungen. Wenn man großflächig schon den 53-Jährigen sagt, wir brauchen Euch nicht mehr, dann muss man sich nicht wundern, dass sich das auf das gesellschaftliche Altersbild auswirkt. Was heißt das für die Stiftungen? Die Stiftungen müssen die nächsten Jahre nutzen. In welche Bereiche sollten sich diese Stiftungen, auch Bürgerstiftungen, einmischen? Zum Beispiel im kommunalen Bereich. Im Bildungsbereich für Ältere, um die Selbstorganisation älterer Menschen zu fördern. Um besondere Problemlagen in einer Kommune abzufedern. Und um kulturelle Aufgaben zu übernehmen, welche die Kommune nicht mehr so gut bewältigen kann. Hier in Heidelberg droht gerade das Theater in eine Krise zu geraten. Da sind die Bürger eingesprungen. Unter engagierten Bürgern gibt es welche mit Zeit, mit Geld und mit Ideen. Wie kann man die Menschen belohnen, die kein Geld zum Stiften haben, sich aber dennoch einsetzen und viel ehrenamtlich leisten? Da gibt es hochaktive Menschen. Bürgerstiftungen sollten nicht nur Personen aufnehmen, die Geld einbringen, denn es gibt viele, die das nicht können, sich aber inhaltlich engagieren. Ich denke, man sollte für solche Menschen das Ehrenamt auch in die Rentenanwartschaft hineinnehmen. Das Interview führte Reiner Klingholz.

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Der Staat als größter Stifter im Staat Wer an Stiftungen denkt, dem fallen oft schillernde Persönlichkeiten wie Fritz Thyssen, John D. Rockefeller und Bill Gates ein oder Namen, die auf große Unternehmensstiftungen hinweisen, wie Bertelsmann oder Hertie. Doch der mit Abstand größte Stifter im Staate ist noch immer der Staat selbst. Im Jahr 2000 befanden sich etwa 500 Stiftungen des öffentlichen Rechts alleine in der Obhut des Bundes und der Länder.36 Die Zahl ist seither weiter gestiegen. Das Spektrum der gemeinnützigen Zwecke, die diese Stiftungen verfolgen, ist fast ebenso groß wie das Spektrum staatlicher Aufgaben. Es reicht vom Umweltschutz (Deutsche Bundesstiftung Umwelt) über den Verbraucherschutz (Stiftung Warentest), die Kulturpflege (Stiftung Preußischer Kulturbesitz), die Bildung (Studienstiftung des deutschen Volkes) bis zu sozialen Zielen (Conterganstiftung für behinderte Menschen). Die Grenze zwischen staatlich und privat gegründeten Stiftungen lässt sich nicht in allen Fällen eindeutig ziehen, weil der Staat häufig auch mit Privaten – beispielsweise der Industrie – bei der

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Errichtung einer Stiftung kooperiert; und es gibt zahlreiche Mischformen bezüglich der rechtlichen Ausgestaltung, Finanzierung und Regelung der Aufsicht. Die ältesten staatlichen Stiftungen können auf eine jahrhundertelange Tradition zurückblicken und gehen oft auf Stiftungen der Kirche oder weltlicher Fürsten im Mittelalter zurück. So liegen die Wurzeln der Vereinigten Domstifter zu Merseburg und Naumburg im ausgehenden 10. Jahrhundert, auch wenn die Turbulenzen von tausend Jahren deutscher Geschichte immer wieder zu Veränderungen in der Stiftungsstruktur führten und die aktuelle Satzung aus dem Jahr 1994 rührt. Trotz der langen Geschichte: Ein Großteil der Neugründungen von Stiftungen durch den Staat ist jüngeren Datums, und diese Zunahme, die dem „Boom“ bei den von Privatpersonen errichteten Stiftungen entspricht, wird ergänzt durch vermehrt innovative Gestaltungen der staatlichen Stiftungsorganisation.

Auch wenn der Trend zu vermehrter Stiftertätigkeit des Staates unverkennbar ist: Eine genaue Angabe zur Zahl der staatlich gegründeten öffentlich-rechtlichen und privatrechtlichen Stiftungen ist kaum möglich. Denn die Mehrzahl der öffentlich-rechtlichen Stiftungen wird bei den allgemeinen Stiftungsaufsichtsbehörden der Länder nicht erfasst. Besonders vielfältig ist die öffentlich-rechtliche Stiftungslandschaft in den Bereichen Kunst und Kultur. Viele Museen, Theater und Konzerthäuser wurden in jüngster Zeit in Bundes- und Landesstiftungen überführt – so zum Beispiel 2002 das Deutsche Technikmuseum Berlin. Für das Deutsche Historische Museum (derzeit noch als GmbH organisiert) ist ein solcher Schritt ebenfalls geplant. Im Rahmen der Postreform wurden 1995 sämtliche Sammlungen der Deutschen Bundespost an den Standorten Berlin, Frankfurt am Main, Hamburg und Nürnberg zusammengefasst und schließlich in die neu gegründete Museumsstiftung Post und Telekommunikation überführt. Die Berliner Philharmoniker sind seit 2002 als Stiftung organisiert. 2003 schlossen sich die drei Opern der Bundeshauptstadt unter dem Dach einer Opernstiftung zusammen. Während in all diesen Fällen

bestehende Kulturbetriebe in operative, also selbst aktiv an einem Thema arbeitende Stiftungen umgewandelt wurden, handelt es sich bei der 2002 gegründeten und in Halle (Saale) beheimateten Kulturstiftung des Bundes um eine fördernde Einrichtung, die über Projektmittel die Arbeit anderer Institutionen unterstützt. Neben Kunst und Kultur engagiert sich die öffentliche Hand stifterisch mit erheblichen Mitteln auch im Denkmalschutz: Die wichtigste Stiftung auf diesem Gebiet, die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, fußt allerdings auf einer privaten Initiative, auch wenn sie in ihrer Arbeit oft staatliche Unterstützung erhält. Während die Kulturpflege eine lange Tradition hat, ist der Natur- und Umweltschutz eine relativ neue Bewegung, die erst als Antwort auf offensichtliche Fehlentwicklungen im vergangenen Jahrhundert entstanden ist. Entsprechend wurden in den letzten 30 Jahren zahlreiche Institutionen gegründet, mit dem Ziel, ein öffentliches Umweltbewusstsein zu schaffen und Lösungswege zu erarbeiten. Viele dieser Stiftungen gehen auf Bundes- und Länderinitiative zurück. Die größte darunter ist die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU), die Projekte vor allem im Bereich Umwelttechnik, -forschung und -bildung fördert.

Die zehn größten Stiftungen mit öffentlichem Bezug nach Gesamtausgaben 2005 Quelle: Bundesverband Deutscher Stiftungen (Februar 2007)

Name Gesamtausgaben in Euro Stiftung Preußischer Kulturbesitz 258.921.000 Stiftung kreuznacher diakonie 230.000.000 Deutsches Elektronen-Synchrotron DESY 194.200.000 Stiftung Deutsches Krebsforschungszentrum (DKFZ) 125.600.000 Spitalstiftung Konstanz 118.624.800 VolkswagenStiftung 101.598.734 Stiftung Alfred-Wegener-Institut für Polar- und Meeresforschung 99.506.000 Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin 71.300.000 Bremer Heimstiftung 68.300.000 Stiftung Juliusspital Würzburg 66.663.000

50 100 150 200 250 Mio.

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Mehrere Bundesländer betreiben Landesstiftungen, die sich dem Naturschutz widmen – etwa die Stiftung Naturschutz Thüringen, die Stiftung Umwelt- und Naturschutz MecklenburgVorpommern sowie die Stiftung Natur und Umwelt Rheinland-Pfalz. Ein Bereich des Naturschutzes, in dem Deutschland tendenziell staatliche Aufgaben an Stiftungen delegieren könnte, ist die Verwaltung der Nationalparks, deren Zahl sich mit der Wiedervereinigung auf 14 verdoppelt hat (heute sind es 15). Während hierzulande die Nationalparkverwaltungen in der Regel den Landesumweltministerien untergeordnet sind, führt und managt in der Schweiz eine öffentlich-rechtliche Stiftung den einzigen Nationalpark im Kanton Graubünden. Ansätze in diese Richtung sind derzeit

auch in Deutschland zu beobachten. So sollen gesamtstaatlich repräsentative Naturschutzflächen des Bundes in einer Größenordnung von 80.000 bis 125.000 Hektar unentgeltlich in Bundeslandhoheit oder eine Bundesstiftung (vorzugsweise die DBU) eingebracht werden. Der Bund verzichtet damit auf die Privatisierung von Naturschutzflächen, die einen Umfang der heutigen Nationalparks haben. Unmittelbar nach der Regierungsbildung hat die Regierung einen Verkaufsstopp für wertvolle Naturschutzflächen verfügt. Gemeinsam mit den Ländern werden jetzt die Flächen festgelegt, die das nationale Naturerbe Deutschlands im europäischen und internationalen Kontext repräsentieren. Zu den Gebieten gehört auch das „Grüne Band“, der ehemalige deutschdeutsche Grenzstreifen. Interessanter-

Wie Stiftungen historische Einrichtungen in den neuen Bundesländern wiederbeleben Die Bürgergesellschaft hatte es schwer in der ehemaligen DDR. Formell dirigierte der Staat das Engagement der Menschen, und mit Ausnahme der Kirchen gab es wenig Freiraum für die Entfaltung des Ehrenamts. Erst nach der Wiedervereinigung erwachten zahlreiche traditionsreiche Einrichtungen zu neuem Leben – als Stiftungen. Die Gunst der Stunde nutzend, wurden dabei oft innovative Ansätze entwickelt, um moderne und tragfähige Strukturen zu schaffen. So hat sich etwa in Sachsen-Anhalt das 1543 gegründete Landesinternat Schulpforta zu einer modernen Bildungsanstalt für Begabtenförderung entwickelt. Heute ist es gemeinsam mit der Anlage des Zisterzienserklosters, das die Schule beheimatet, und landwirtschaftlichen Flächen als Vermögen in eine Stiftung überführt. Die in den 1990er Jahren gegründete Stiftung Stift Neuzelle in Brandenburg (auch ein Zisterzienserkloster) betreibt ebenfalls eine Schule und widmet sich vor allem der Denkmalpflege. Auch das ehemals preußische Landesgestüt Neustadt an der Dosse, nördlich von Berlin, ist heute mitsamt denkmalgeschützter Anlagen und traditioneller Pferdezucht eine Stiftung. In Halle (Saale) wurden die 300 Jahre alten Franckeschen Stiftungen mit ihrem innerstädtischen Ensemble, ihren verschiedenen sozialen Einrichtungen und der bedeutenden Bibliothek als Stiftung revitalisiert. Weitere Beispiele sind die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten, die Stiftung Thüringische Schlösser und Gärten, die Klassik Stiftung Weimar und die Stiftung Bauhaus Dessau. Diese Stiftungen knüpfen oftmals an Vorgängerinstitutionen an, haben eine moderne Stiftungsstruktur und meist ein ganzheitliches Betreiberkonzept, in dem Elemente wie Denkmalschutz, Wissenschaft, Bildung, Landschaftspflege und Tourismus geschickt miteinander kombiniert werden. Diese innovativen, in den neuen Bundesländern entwickelten Modelle haben auch Vorbildcharakter für die alten Bundesländer.

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weise konnte dieser Meilenstein im deutschen Naturschutz erst von der aktuellen schwarz-roten Bundesregierung gesetzt werden, während sich die von den Grünen mitgetragene Vorgängerregierung nicht zu diesem Schritt durchringen konnte. Auch in Bildung und Forschung spielt der Staat als Stifter eine wichtige Rolle. Einige Internate und Schulen sind als öffentlich-rechtliche Stiftungen organisiert, etwa das aus dem 16. Jahrhundert stammende Internat Schulpforta in SachsenAnhalt (siehe Kasten 1, Seite 74). Während es sich hierbei jedoch nur um vereinzelte Institutionen handelt, wird nahezu die gesamte Begabtenförderung in Deutschland über Stiftungen organisiert – vor allem durch die bereits in der Weimarer Republik gegründete Studienstiftung des deutschen Volkes sowie zehn Förderstiftungen von Parteien, Kirchen und Verbänden. Erst in letzter Zeit wurden einige öffentliche Hochschulen in Stiftungsuniversitäten umgewandelt. Hier hat Deutschland im Vergleich zu den USA erheblichen Nachholbedarf, auch wenn die bekannten amerikanischen Universitätsstiftungen ursprünglich auf private Initiativen zurückgehen (siehe Kasten 2, Seite 77). Eine Vorreiterrolle spielt bei dieser neuen Entwicklung das Land Niedersachsen, wo seit 2003 fünf staatliche Hochschulen als öffentlich-rechtliche Stiftungen forschen und unterrichten. Auch die vom Staat finanzierten außeruniversitären Forschungsinstitute in Deutschland, wie jene der Max-Planck-Gesellschaft, sind traditionell keine Stiftungen. Ein Novum stellt diesbezüglich das 1999 gegründete, als Stiftung organisierte Forschungsinstitut Center of Advanced European Studies and Research (CAESAR) in Bonn dar. Unter den politischen Stiftungen sind in Deutschland vor allem die parteinahen Stiftungen bekannt. Alle der fünf momentan im Bundestag vertretenen Parteien verfügen zum Zweck der politischen Bildung im In- und Ausland über eine

solche Stiftung. Sie sind ihrer Rechtsform nach nicht immer Stiftungen, sondern meist eingetragene Vereine. Sie finanzieren sich vor allem durch öffentliche Zuwendungen und spielen alleine schon aufgrund ihrer Größe eine wichtige Rolle im politischen Leben. Die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung beschäftigte 2005 im In- und Ausland 570 Mitarbeiter, verfügte über einen Jahresetat von 111 Millionen Euro und betrieb 100 Auslandsbüros. Eine weit geringere Rolle als in den USA und Großbritannien spielt hierzulande das Stiftungswesen bei den parteiunabhängigen politischen Think-Tanks (siehe Kapitel 11, Seite 146). In Deutschland wird die Zahl dieser „Denkfabriken“ auf 80-130 geschätzt – zehnmal mehr existieren in den Vereinigten Staaten.37 Viele deutsche Think-Tanks sind quasistaatliche Institutionen, von denen die wenigsten als Stiftung organisiert sind. Die private Bertelsmann Stiftung und die staatlich finanzierte Stiftung Wissenschaft und Politik in Berlin stellen Ausnahmen dar. Unter dem Dach der Leibniz-Gemeinschaft arbeiten 64 Forschungsinstitute (allesamt nicht als Stiftungen), darunter die sechs großen Wirtschaftsforschungseinrichtungen, das Wissenschaftszentrum Berlin (als gemeinnützige GmbH) und die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik (als eingetragener Verein). Alle sind weitgehend staatlich finanziert und ähneln in ihren Organisationsstrukturen eher öffentlich-rechtlichen Institutionen und weniger den Stiftungs-Think-Tanks angelsächsischer Länder. Auch in diesem Bereich stellt sich die Frage, ob eine Umwandlung einiger dieser Institutionen in autonome Stiftungen zur Entwicklung einer modernen Think-Tank-Szene in Deutschland beitragen könnte. Bei den sozialen Stiftungen in Deutschland spielt der Staat eine untergeordnete Rolle. So existieren zwar einige öffentlich-rechtliche Stiftungen wie etwa die Conterganstiftung für behinderte

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Menschen, die Landesstiftung Opferschutz, Stuttgart oder die historischen Franckeschen Stiftungen zu Halle. Doch gerade soziale Stiftungen gehen meist auf privates Engagement zurück, und nur ein verschwindend geringer Teil der staatlichen Sozialtransfers wird über staatlich gegründete Stiftungen kanalisiert. Der Staat engagiert sich aber auch in anderen als den bisher genannten Bereichen, etwa über Technologiestiftungen in Brandenburg oder Schleswig-Holstein. Eine deutsche Besonderheit, die auch im Ausland als Modell betrachtet wird, ist die Stiftung Warentest als modernes und marktkonformes Instrument des Verbraucherschutzes. Während die meisten der genannten Stiftungen operativ arbeiten, gibt es in Deutschland auch eine Reihe staatlich gegründeter Förderstiftungen, wie etwa die VolkswagenStiftung oder die Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin. Indirekt zählen hierzu auch die Stiftungen der sich meist in kommunaler Hand befindlichen Sparkassen. Bundesweit gab es 2005 insgesamt 619 von Sparkassen- und Giroverbänden gegründete Stiftungen mit einem Vermögen von 1,3 Milliarden Euro und einer Ausschüttung von 50 Millionen Euro für Kultur, Soziales, Sport, Wissenschaft und Umwelt.

Motive für die Gründung von Stiftungen durch den Staat

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Die Gründe, warum der Staat in den letzten Jahren immer häufiger traditionell hoheitliche Aufgaben in öffentlich-rechtliche oder privatrechtliche Stiftungen ausgliedert, sind vielfältig. Die meisten der erstrebten Vorteile sind indes nur erreichbar, wenn der Staat Stiftungen privatrechtlich organisiert. Zusätzliche Finanzierung: Stiftungen haben generell die Möglichkeit, ein eigenes, professionelles Fundraising

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zu betreiben, und sie können auch eine größere Spendenbereitschaft privater Geldgeber erwarten als staatliche Institutionen. Sie können einen systematischen Vermögensaufbau betreiben und damit die Abhängigkeit von laufenden externen Einnahmen vermindern. Sie sind freier in der Vermögensbewirtschaftung und können zum Teil auch sinnvoller mit ihren finanziellen Mitteln umgehen, weil sie – je nach Gestaltung der Stiftung – freier sind, beispielsweise bei der Bildung von Rücklagen. Damit entfällt der Druck, bestimmte Budgets exakt bis zum Jahresende auszugeben, wenn eine spätere Verwendung der Mittel effektiver wäre. Effizienteres Management: Die Überführung in eine Stiftung ermöglicht dieser größere Selbstständigkeit. Stiftungen können bei Verträgen mit Mitarbeitern und externen Partnern anders verhandeln. Für Stiftungen des Staates gelten nur ausnahmsweise das Beamtenrecht oder Tarifverträge des öffentlichen Dienstes. Öffentlich-rechtliche Stiftungen sind stärker von politischen Prozessen entkoppelt, haben eine größere Entscheidungsautonomie und können einfachere institutionelle Strukturen herausbilden, als dies bei Einbindung in die klassischen öffentlichen Verwaltungen der Fall ist. Darüber hinaus können sie eine ihren spezifischen Aufgaben angemessene Arbeitsweise und moderne Managementsysteme leichter entwickeln sowie pragmatischer, flexibler und direkter mit externen Partnern zusammenarbeiten. Klareres Profil: Als Institutionen mit einem klar umrissenen Mandat können Stiftungen sich leichter auf bestimmte Bereiche konzentrieren. Das erleichtert die Profilbildung und den Einsatz moderner Marketingmethoden. Ein Wissenschaftsministerium muss sich beispielsweise um Ansprüche und Begehrlichkeiten zahlreicher Gruppen kümmern –

Universitätsstiftungen in den Vereinigten Staaten Private Stiftungsuniversitäten spielen in den USA nicht nur eine zentrale Rolle in der Wissenschaftslandschaft, sondern stellen auch die renommiertesten Hochschulen des Landes – wie etwa Harvard, Yale, Princeton, Stanford, Columbia oder das Massachusetts Institute of Technology.38 Das Stiftungskapital von Harvard betrug Mitte 2006 stolze 29 Milliarden Dollar, das von Yale 18 Milliarden und knapp 50 andere Hochschulstiftungen sind Vermögensmilliardäre. Alle deutschen Stiftungsuniversitäten gemeinsam kommen kaum auf ein Stiftungsvermögen von einer Milliarde Dollar. Und die Kluft wächst weiter: Dank erfolgreichen Finanzmanagements und Spendensammlungen erhöhte sich das Kapital der Yale Universität in nur zehn Jahren von fünf auf 18 Milliarden Dollar. Stanford, die drittreichste Universität des Landes, führt zurzeit eine Fundraisingkampagne durch, die innerhalb von fünf Jahren 4,3 Milliarden Dollar zusätzlich einwerben soll. Es wird geschätzt, dass in den USA knapp zehn Prozent des jährlichen Spendenaufkommens den Hochschulen zugute kommen. Die großen amerikanischen Stif tungsuniversitäten decken ihre laufenden Kosten zu je etwa einem Drittel aus Kapitalerträgen, Studiengebühren und staatlichen Zuschüssen. Der Jahresetat von Stanford mit lediglich 14.000 Studenten ist doppelt so hoch wie jener aller Berliner Hochschulen mit ihren 140.000 Studenten zusammen. In den USA fließen insgesamt 2,6 Prozent des Bruttoinlandsproduktes in das Hochschulsystem, während es in Deutschland lediglich 1,1 Prozent sind. Selbst in weniger entwickelten Ländern macht das amerikanische Vorbild inzwischen Schule: Im Juli 2006 kündigte der indische Unternehmer Anil Agarwal an, eine Milliarde Dollar als Startkapital für eine neue Eliteuniversität in seinem Heimatland zu spenden. Wenn deutsche Universitäten im globalen Wettbewerb bestehen sollen, erscheinen ihre Umwandlung in Stiftungsuniversitäten und das gezielte Einwerben von Stiftungskapital dringend geboten. Während große Universitäten in den USA bereits von Anbeginn durch privates Engagement getragen wurden, müssen deutsche Hochschulen zunächst aus dem staatlichen Verwaltungsapparat herausgelöst werden, bevor sich ein ähnliches Engagement entfalten kann. Die Spenden in Höhe von jeweils 200 Millionen Euro des Unternehmers Hasso Plattner für das Hasso-Plattner-Institut für Softwaresystemtechnik in Potsdam und von Klaus Jacobs für die International University Bremen setzen neue Maßstäbe und können als Signal für eine neue Stiftungskultur im deutschen Hochschulwesen verstanden werden.

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eine Wissenschaftsstiftung kann sich im Rahmen ihrer Satzung auf einen eng umrissenen Aufgabenbereich und Programmschwerpunkte verlegen. Ein Beispiel für den Vorteil größerer Unabhängigkeit ist die 1964 auf Initiative der Bundesregierung gegründete Stiftung Warentest. Sie kann als weitgehend unabhängige Institution Unternehmen und Produzenten kritisieren oder lobend hervorheben, wie es ein Verbraucherschutzministerium nie könnte. Ein weiteres Beispiel ist die Deutsche Bundes-

stiftung Umwelt, die im Umweltbereich engagierte Unternehmen beim Eintritt in den Markt in einer Weise fördern kann, wie es im Rahmen von staatlichen Förderprogrammen nicht möglich wäre. Mit Stiftungen lassen sich also Gemeinwohlaufgaben in kleinen, autonomen Einheiten oft besser erledigen als innerhalb der öffentlichen Verwaltungsstrukturen. Mit erhöhter Anpassungsfähigkeit und größerer Innovationsbereitschaft leisten sie einen wichtigen Beitrag zur Modernisierung staatlicher Strukturen.

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Chancen nutzen: Ein bisher weitgehend unangetasteter Teil des deutschen Volksvermögens hat in den letzten Jahren immer wieder politische Begehrlichkeiten geweckt. Dieser könnte dem Staat eine einmalige Chance bieten, sich als Stifter hervorzutun: die heutzutage für Zwecke der Geldpolitik nicht mehr benötigten Goldreserven der Bundesbank von 3.400 Tonnen mit einem Marktwert von gut 50 Milliarden Euro. Die Bundesbank hat diesen Schatz bisher vor dem Zugriff des Finanzministeriums mit der Begründung geschützt, dass es sich hierbei um einen Teil des Volksvermögens handelt, der nicht zum Stopfen kurzfristiger Budgetlöcher genutzt, sondern in seiner Substanz erhalten werden müsse. Auch Stiftungslösungen wurden in diesem Zusammenhang mehrfach diskutiert. Vielleicht ließe sich dieses Geld nutzen, um deutschen Hochschulen nach einer Umwandlung in Stiftungsuniversitäten einen bleibenden Kapitalstock zur Verfügung zu stellen, der es ihnen ermöglichen würde, im internationalen Wettbewerb um die besten Köpfe gegen angelsächsische Eliteuniversitäten zu bestehen. Das Kapital könnte die Wettbewerbsfähigkeit des Wirtschaftsstandorts Deutschland durch Innovationen und in Form von Humanvermögen sichern helfen. Denn die Sonderzahlungen von je 100 Millionen Euro für die in der Exzellenzinitiative ausgewählten Universitäten alleine werden kaum ausreichen, um ein „deutsches Harvard“ zu etablieren.

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ten Sinne konzipiert war: zur Förderung bürgerschaftlichen Engagements wie auch zum Zustiften privater Vermögen.

Sonstige Motive: Es gibt eine Reihe staatlich errichteter Stiftungen, die aus geschichtlichen Verwerfungen heraus entstanden sind. Hierzu zählen unter anderem die VolkswagenStiftung (ungeklärte Besitzverhältnisse nach dem Zweiten Weltkrieg) und Stiftung Preußischer Kulturbesitz (Vermögensmasse des aufgelösten Preußischen Staates). Für die Wahl der Organisationsform Stiftung dürfte jeweils der Aspekt der Nachhaltigkeit mit entscheidend gewesen sein. In einigen Fällen besteht jedoch die Gefahr, dass Stiftungen als Vehikel genutzt werden, um Kosten oder Probleme auf Dritte abzuwälzen. Ein aktuelles Beispiel sind die Restrukturierungspläne der Ruhrkohle AG (RAG), die bei ihrem geplanten Börsengang die „Ewigkeitslasten“ aus dem Steinkohlebergbau in eine Stiftung überführen möchte. Zu den Lasten gehören mögliche, über Jahrzehnte währende Schadensersatzansprüche, die durch das Absinken des Landes über ehemals genutzten Zechen entstehen können. Da diese langfristigen Risiken unabhängigen Schätzungen zufolge das Stiftungsvermögen übersteigen, würden bei einer Insolvenz der Stiftung nicht länger die bisherigen, privaten Eigentümer der RAG haften, sondern letztlich der Staat und somit die Gesellschaft als Ganzes herangezogen.39 Auch bei der Überführung von bislang staatlich verGesellschaftliche Ziele: Ein wichtiges walteten und finanzierten Gedenkstätten Motiv für die Ausgliederung staatlicher in Stiftungen gibt es Befürchtungen, die Funktionen in Stiftungen ist oft der Wunsch langfristige Abwälzung von Kosten könnte nach einer Stärkung der Zivilgesellschaft. ein treibendes Motiv sein. Dahinter verbirgt sich die Vorstellung, dass Erfolgsfaktoren sich der Staat in seiner Rolle neu defiöffentlicher Stiftungen nieren und stärker auf Kernaufgaben beschränken solle, um gleichzeitig privatem Ein zentraler Erfolgsfaktor für StifEngagement mehr Raum zur Entfaltung zu geben. Ein Beispiel ist die „Stiftung Bürger tungen ist ihre Finanzstruktur. Denn ihre Vorteile kommen vor allem dann zum für Bürger“, die als Anstiftung im doppel-

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Tragen, wenn die Stiftungen über ein ausreichendes Vermögen verfügen, aus dessen Erträgen die laufenden Kosten gedeckt werden können. Nachhaltiges Wirtschaften ist erschwert, wenn Stiftungen in ihrem Etat von Entscheidungen der Landes- oder Bundespolitik abhängig sind. Ein funktionierendes Beispiel ist die Deutsche Bundesstiftung Umwelt, die bei ihrer Gründung 1989 mit 1,3 Milliarden Euro Stiftungsvermögen ausgestattet wurde, das aus Privatisierungserlösen der ehemals staatseigenen Salzgitter AG stammt. Die Stiftung des Internats Schulpforta in Sachsen-Anhalt finanziert sich unter anderem durch Erträge aus Ländereien, die ihr die Landesregierung als Stiftungsvermögen mit auf den Weg gab. Ein anderes interessantes Beispiel, mit dem ein gewisses Maß an Unabhängigkeit von Haushaltsberatungen der Parlamente erreicht werden kann, ist die geplante Stiftung Prävention und Gesundheitsförderung, die durch ein neues Gesetz zur Prävention geschaffen werden und unter Bundesaufsicht stehen soll. Sie finanziert ihre Arbeit durch Zwangsabgaben von Kranken-, Rentenund Unfallversicherungen – also jenen Institutionen, die durch die geplanten Maßnahmen zur Gesundheitsvorsorge unmittelbar profitieren würden. Die Sächsische Landesstiftung Natur und Umwelt finanziert ihre Arbeit aus dem Naturschutzfonds des Landes – einem zweckgebundenen Sondervermögen, in das staatlich vorgeschriebene Ausgleichszahlungen für Baumaßnahmen fließen. Aber es gibt auch zahlreiche Beispiele für Stiftungen des Staates, die strukturell unterfinanziert sind. So hat etwa das Bauhaus-Kolleg in Dessau lediglich Kapazitäten für 20 Studenten – viel zu wenig, um der historische Institution eine überregionale Bedeutung zu verleihen. Seit vielen Jahren schon fordert der Bundesverband Deutscher Stiftungen

von der Bundesregierung eine Ausstattung der Stiftung Warentest mit einem eigenen Stiftungskapital, um sie von den jährlichen Leistungen aus dem Haushalt des Ministeriums für Verbraucherschutz unabhängig zu machen. Wie vielen anderen staatlichen Stiftungen fehlt es der Stiftung Warentest noch immer an dem für Stiftungen konstitutiven Merkmal des eigenen Vermögens, das aus Erträgen eine dauerhafte und nachhaltige Zweckverwirklichung ermöglicht. Der Erfolg von Stiftungen der öffentlichen Hand ist oft abhängig vom Grad der Autonomie. Politische Vorgaben und bürokratische Beschränkungen können Stiftungen in ihrem Wirkungsgrad erheblich einschränken. So führt die Umwandlung von Universitäten in Stiftungen nicht automatisch zu besseren Hochschulen. Entscheidend ist vielmehr, wie stark die Universitäten aus dem Korsett institutioneller und rechtlicher Zwänge befreit werden. Eine Universitätsleitung braucht dafür möglichst viel Spielraum bei der Berufung von Professoren, der Auswahl von Studenten, der Festlegung möglicher Studiengebühren und Besoldungsstrukturen, beim Wettbewerb um Drittmittel und Gelder aus der Exzellenzinitiative sowie bei der Verwaltung von Haushalt und Vermögen. Problematisch ist allerdings die Zuständigkeit von Landes- oder Bundesrechnungshof für die Rechnungs- und Wirtschaftsprüfung, die häufig für vom Staat errichtete Stiftungen vorgesehen ist. Denn die beamteten Prüfer haben die Maßstäbe des öffentlichen Dienstes im Kopf und manchmal wenig Sinn für nichtbehördliche Lösungen. Um die Mittel staatlicher Stiftungen effizient einzusetzen und den Stiftungszweck effektiv zu gewährleisten, sind klar formulierte Zielvorgaben, Offenlegungspflichten und Evaluationen sinnvolle, aber nur selten genutzte Instrumente. Ebenso finanzielle Anreize: Zum Beispiel könnte der Staat für jeden

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über externe Spenden eingeworbenen Euro zusätzlich definierte Mittel beisteuern – eine Einladung sowohl an die Stiftungen wie auch an potenzielle Spender und Zustifter. Dies dürfte Stiftungen des Staates motivieren, die privat finanzierte Säule für ihre Arbeit aufzubauen und zu stärken. Bei der Vergabe von Fördergeldern hat sich ein solches Vorgehen bereits bewährt. Viele Förderstiftungen – auch staatlich gegründete – knüpfen die Zuwendung an die Bedingung, dass der Empfänger einen Teil der Projektmittel bei Dritten einwirbt. Empfehlenswert dürfte auch sein, bei indirekter Steuerung staatlich gegründeter Stiftungen mit Anreizen noch mehr auf externe Evaluierung zu setzen. Sie gehört in der Wissenschaft zum Grundinventar und findet sich im Stiftungswesen bisher vor allem an der Schnittstelle zum Wissenschaftsbetrieb. So hat sich etwa die Klassik Stiftung Weimar, Deutschlands zweitgrößte Kulturstiftung, 2004 vom Wissenschaftsrat evaluieren lassen. Dabei kamen zahlreiche Defizite zutage, und die daraufhin getätigten Verbesserungsvorschläge dienen nun als Grundlage für eine Neuausrichtung. Auch beim Bonner Forschungszentrum CAESAR, vom Bund als Kompensation für den Regierungsumzug gegründet und mit einem Stiftungskapital von 300 Millionen Euro ausgestattet, legte der Wissenschaftsrat 2006 ein kritisches Gutachten vor, das nun als Grundlage für eine Restrukturierung dient. In anderen Gebieten des Stiftungswesens ist die externe Evaluation zwar langsam auf dem Vormarsch, aber noch nicht weit verbreitet. 80

Jeder braucht Erfolge Für staatlich gegründete Stiftungen gelten im Grundsatz dieselben Erfolgsfaktoren wie für sonstige Stiftungen. Bei öffentlich-rechtlichen wie auch bei

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privaten Stiftungen sind die Struktur und Zusammensetzung der StiftungsGremien mitentscheidend. Insbesondere Zusammensetzung und Aufgaben des Stiftungsrats (teilweise Kuratorium genannt) sind hierbei von Bedeutung. Auch Schirmherrschaften oder wissenschaftliche Beiräte können durch ihre Kontakte, ihre Möglichkeiten, Mittel einzuwerben und ihr spezifisches Wissen erheblich zum Erfolg einer Stiftung beitragen. Dies gilt für Stiftungen aller Art. Bei staatlichen Stiftungen ist jedoch manchmal eine Dominanz von Vertretern des Staates, etwa der Landesregierung, bei der Besetzung der Gremien zu beobachten – teilweise ist dies bereits in der Satzung verankert. Dies kann die generellen Vorteile von Stiftungen zunichte machen. Wie bei allen Institutionen entscheidet vor allem die Auswahl der operativen Führungskräfte über Erfolg oder Misserfolg. Einrichtungen wie die Bayreuther Festspiele – getragen von der zu 40 Prozent staatlich finanzierten RichardWagner-Stiftung Bayreuth – und das Jüdische Museum Berlin verdanken ihren Ruf vor allem den Personen an ihrer Spitze. Umgekehrt kam bei der Evaluierung der Klassik Stiftung Weimar die Überalterung und geringe Fluktuation des Personals als zentrales Problem auf den Tisch. Ein weiterer wichtiger Erfolgsfaktor ist oft die gezielte Einbindung privater Partner. Teilweise wird dies bereits im Errichtungsstadium durch gemeinschaftliche Gründung berücksichtigt. Ein klassisches Modell ist die Überführung privater Sammlungen in Stiftungen, für die die öffentliche Hand Ausstellungsgebäude zur Verfügung stellt sowie laufende Kosten übernimmt. So verkaufte der New Yorker Heinz Berggruen seine weltberühmte Sammlung der klassischen Moderne zu einem symbolischen Preis an die Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK), damit sie in seiner Heimatstadt Berlin dauerhaft ausgestellt werden konnte. Der

ebenfalls aus Berlin stammende Fotograf Helmut Newton folgte einige Jahre später dem Vorbild seines Freundes Berggruen: Seine private Schweizer Stiftung stellt der SPK die Sammlung als Dauerleihgabe zur Verfügung. Wie im Falle Berggruen sanierte die SPK speziell für die Sammlung ein repräsentatives Gebäude. Ein weiterer Erfolgsfaktor öffentlichrechtlicher Stiftungen ist die kritische Größe. Obwohl kleine Stiftungen teilweise einen höheren Grad an Spezialisierung entwickeln und die Vielfalt kleiner Stiftungen den Wettbewerb und die Innovationsbereitschaft im Stiftungswesen fördert, fehlt vielen Stiftungen der öffentlichen Hand in Deutschland ein angemessenes Grundvermögen. Als Gegenbeispiel dafür steht die private englische Stiftung National Trust, die sich dem Erhalt des nationalen Kulturerbes verschrieben hat. Mit 3,5 Millionen zahlenden Mitgliedern und einem dichten Netzwerk von Denkmälern, Parks und Naturschutzgebieten ist der National Trust eine allgegenwärtige Institution. In Deutschland wurde dieses erfolgreiche Modell zwar mehrfach aufgegriffen, aber aufgrund der föderalen Strukturen nur in Form diverser Länderstiftungen verwirklicht (beispielsweise die Kunststiftung NRW oder die Stiftung Saarländischer Kulturbesitz). Trotz der oft vorbildlichen Arbeit dieser Stiftungen fehlt ihnen die Schlagkraft und das Profil eines National Trust. Vor diesem Hintergrund ist es bedauerlich, dass der Versuch gescheitert ist, die Kulturstiftung des Bundes mit der Kulturstiftung der Länder zusammenzuführen. In Sachsen-Anhalt wurden 2005 zwei Vorgängerstiftungen zur Stiftung Dome und Schlösser in Sachsen-Anhalt fusioniert, um die kritische Masse zu erhöhen. Ein Profil wie das des National Trusts haben die Länderstiftungen nie erlangt. Ein erfolgreiches Beispiel für kritische Größe hingegen ist die Stiftung Preußische Schlösser und Gärten Berlin-Brandenburg. Sie wurde 1995 neu

gegründet und verwaltet ein umfassendes regionales Ensemble aus historischen Gebäuden, Parks und Museen. Ähnlich verhält es sich mit der Stiftung Thüringer Schlösser und Gärten. Um Vor- und Nachteile von staatlichen Stiftungen zu beurteilen, muss im Einzelfall nicht nur geprüft werden, ob die Ziele verwirklicht werden können, sondern auch, ob es alternative Instrumente gibt, die zur Erreichung dieser Ziele besser geeignet sind.

Alternativen 1 Eine Möglichkeit ist prinzipiell die Reform bestehender staatlicher Strukturen statt der Ausgliederung in eine Stiftung. Allerdings gibt es hier Grenzen auch aus rechtsstaatlichen Gründen; zudem sind es häufig die tief sitzenden strukturellen Probleme innerhalb der öffentlichen Verwaltung, die Anlass zur Stiftungsgründung geben. 2 Eine Alternative ist hingegen die Übertragung staatlicher Aufgaben und Finanzmittel an bestehende private oder öffentlich-rechtliche Stiftungen. Daher sollte immer geprüft werden, ob es nicht schon vorhandene Einrichtungen gibt, die einfacher zu stärken als zu duplizieren sind. Ein entsprechendes Beispiel ist die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, die unter der Schirmherrschaft des Bundespräsidenten gegründet wurde, neben privaten Spenden und Lottomitteln teilweise auch staatliche Zuschüsse erhält und eng mit den Denkmalschutzbehörden zusammenarbeitet. Auch der Plan der Bundesregierung, Flächen an die Deutsche Bundesstiftung Umwelt zu übertragen, gehört in diese Kategorie. 3 Eine weitere Option sind alternative Rechtsformen, wie etwa gemeinnützige GmbHs, eingetragene Vereine, Körperschaften des öffentlichen Rechts oder selbstständige Sondervermögen. So übernahm zum Beispiel der Bund 2004 die

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Berliner Akademie der Künste und überführte sie in eine bundesunmittelbare, rechtsfähige Körperschaft. In einigen Fällen können auch komplexere Konstrukte mit stiftungsähnlichen Elementen eine sinnvolle Lösung sein. So verkaufte etwa die hessische Landesregierung 2005 die Unikliniken Marburg-Giessen an einen privaten Betreiber – jedoch mit strengen Auflagen bezüglich Forschung und Ausbildung sowie einer industrienahen Forschungsstiftung als Teil eines umfassenden Gesamtpakets. Auch die Hessischen Weingüter Kloster Eberbach, die eine touristisch wichtige Denkmal- und Kulturlandschaft pflegen und die Weinbautradition in der Region stärken, werden als kommerzielles Unternehmen geführt.

Arbeiten vom Staat gegründete Stiftungen wirklich besser als der Staat?

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So vielfältig sich der Staat in Deutschland als Stifter engagiert – es gibt auch Kritik an dieser Strategie: Ein Einwand lautet, Staatsstiftungen seien lediglich Lückenbüßer für eine sich zurückziehende und finanzschwache Verwaltung. Dieser Vorwurf lässt sich im Wesentlichen dadurch entkräften, dass es bei den staatlich gegründeten Stiftungen nicht um grundsätzlich weniger Staat, sondern um eine effizientere Verfolgung von politischen, gesellschaftlichen und kulturellen Zielen geht. Die Übertragung von staatlichen Aufgaben auf Stiftungen ist ein wichtiger Beitrag zur Verschlankung und Modernisierung der öffentlichen Verwaltung. Daher sollte eine solche Übertragung auch mit einer Neudefinition von Aufgaben des Staates und der Zivilgesellschaft sowie einer breiten, gesellschaftlichen Debatte einhergehen. Eine zweite Kritik entzündet sich an der Behauptung, nur Staatsaufgaben mit „Sexappeal“ würden in Stiftungen überführt. Ein Gegenbeispiel wäre allerdings

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die Gründung der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten durch das Land Niedersachsen. Und soweit Aufgaben, die auch für private Unterstützer attraktiv sind, in Stiftungen ausgegliedert werden, kann dies zivilgesellschaftliche Akteure und private Partner neu ermuntern, sich an der Finanzierung zu beteiligen. Denn wo diese sich effektiv und erfolgreich engagieren, entlasten sie den Staat, und dadurch werden letztlich andernorts staatliche Ressourcen frei. Theoretisch wird es so möglich, dass sich die Verwaltung besser um für Stiftungen weniger attraktive Aufgaben kümmert – diese ließen sich dann sogar als „eigentliche“ Staatsaufgaben definieren. Als problematisch sehen es manche Beobachter an, dass die parlamentarische Kontrolle naturgemäß geringer ist, wenn Aufgaben, die zunächst in behördlichen Strukturen erledigt wurden, auf Stiftungen übertragen werden. Diese Kritik ist dann berechtigt, wenn die Stiftungskonstruktion der Landes- oder Bundesregierung den dominanten Einfluss sichert, zugleich aber das Parlament außen vor lässt. Das Regierungshandeln muss der parlamentarischen Kontrolle unterliegen, Schattenhaushalte in ausgegliederten Strukturen sind hoch problematisch. Aus diesem Grund warnt der Bundesverband Deutscher Stiftungen vor der Errichtung von Stiftungen, die lediglich laufende Zuwendungen nach Maßgabe des Haushaltsrechts und der jeweiligen Haushalte erhalten sollen. Es fehlt ihnen an dem für Stiftungen konstitutiven Merkmal des eigenen Vermögens, das aus den Erträgen eine dauerhafte und nachhaltige Zweckverwirklichung ermöglicht. Wenn der Staat sich also als Gründer von Stiftungen engagiert, dann sollte er diese mit ausreichendem Kapital ausstatten und mit einem klaren Auftrag in die Unabhängigkeit entlassen. Der Staat sollte öffentliche Aufgaben immer dann in Stiftungsverantwortung übergeben, wenn dies die effizientere Alternative ist.

© BVDS, Foto Margrit Müller

„Wenn sich alle Minister in den Stiftungsräten wiederfinden, müssen die Alarmglocken läuten.“ Interview mit Dr. Wilhelm Krull Wilhelm Krull, der seit 1996 als Generalsekretär der VolkswagenStiftung wirkt, hat Germanistik, Philosophie, Pädagogik und Politikwissenschaft studiert. Er war Lektor des Deutschen Akademischen Auslandsdienstes an der Universität Oxford und in führenden Positionen beim Wissenschaftsrat und in der Generalverwaltung der Max-Planck-Gesellschaft tätig. Daneben nimmt er zahlreiche Funktionen in nationalen, ausländischen und internationalen Gremien der Wissenschaftslandschaft wahr – unter anderem als Vorsitzender des Stiftungsrats der Universität Göttingen und Vorsitzender des Universitätsrats Konstanz. Als Beiratsmitglied des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen und Chairman des European Foundation Centre engagiert sich Krull nicht nur in Deutschland für das Stiftungswesen. 83

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Stiftungen gelten als Zeichen des bürgergesellschaftlichen Engagements. Ist es nicht ein Widerspruch, wenn der Staat als Stifter auftritt? Der Staat kann sehr wohl als Stifter auftreten. Er kann durch Privatisierung von Staatseigentum dazu beitragen, dass substanzielle Kapitalbestände nicht im laufenden Haushalt verwendet, sondern auf nachhaltige Weise in Stiftungen eingebracht werden. Können Sie das am Beispiel der VolkswagenStiftung erklären? Die Gründungsgeschichte der VolkswagenStiftung war sehr kompliziert. Es war von Beginn an nicht klar, wem das volkseigene Volkswagenwerk gehört. Lange Jahre hat man darüber gestritten, aber es war nicht möglich, die Eigentumsverhältnisse zu klären. Die Bundesregierung war nach dem Krieg der Auffassung, dass alles, was vormals Regierungs- oder Parteieigentum war, automatisch Eigentum des Bundes sei. Das Land Niedersachsen meinte, weil das Werk durch die affiliierte Arbeitsfront aufgebaut worden war, sei es eher Landeseigentum. Dadurch hat sich auch der Deutsche Gewerkschaftsbund als Anspruchsberechtiger gemeldet. Und viertens kamen die Volkswagensparer ins Spiel, die allesamt 1938/39 tausend Reichsmark einbezahlt hatten, um einen Volkswagen zu bekommen, aber nie einen erhalten hatten. In dieser komplexen Situation hat man sich nach dem Sputnik-Schock Ende der 1950er Jahre auf zwei Linien geeinigt: Die erste war, die Volkswagen GmbH in eine Aktiengesellschaft zu verwandeln und vom Erlös 60 Prozent in eine Stiftung zu geben mit dem klaren Zweck, Wissenschaft und Technik in Forschung und Lehre zu fördern. Ludwig Erhard hat die Umwandlung zweitens mit der Volksaktie verbunden. Also: die Aktien nicht in großen Paketen bei internationalen Eignern anzusiedeln, sondern zu streuen.

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War die Verwendung des Volkswagen-Kapitals für eine Wissenschaftsstiftung also ein Kompromiss angesichts der komplizierten Interessenslage? Kein Kompromiss. Aber die Wissenschaft galt seinerzeit als ein besonders zukunftsgerichtetes, konsensfähiges Aufgabenfeld. In der Zeit des Kalten Krieges war dies ein wichtiges Zeichen dafür, dass man den Wettlauf der Systeme gewinnen wollte. Und es war ein wichtiger Schritt in Richtung Nachhaltigkeit. Denn weil man das Anfangskapital von einer Milliarde Mark nicht unmittelbar verfrühstückt hat, sondern in eine Stiftung gesteckt hat, konnte man etwas Langfristiges schaffen. Heute beträgt das Stiftungsvermögen 2,8 Milliarden Euro und wir können jährlich etwa 100 Millionen Euro für innovative Forschung aufwenden. Insgesamt konnten wir bislang für über 3,2 Milliarden Euro Forschung fördern. Es lohnt sich also, auf langfristige Strukturen zu setzen. Es ist ja kein grundsätzliches Prinzip des Staates, sein Geld so nachhaltig zu investieren. Es gab einen langen, massiven Streit mit den Rechnungshöfen in den 1980er Jahren. Die haben großen Wert darauf gelegt, dass nur das nominale, nicht aber das reale Kapital erhalten wird, mit dem Argument: Der Staat, vor allem die Universitäten, brauchen dringend Geld – also raus damit. Mittlerweile gilt zum Glück bei großen Stiftungen die reale Kapitalerhaltung als Norm. Ist es nicht sinnvoll, das Geld dann auszugeben, wenn der Bedarf am größten ist? Gerade in der Wissenschaftsförderung ist es nicht sehr produktiv, plötzlich sehr viel Geld bereitzustellen. Das hat man an den UMTS-Milliarden gesehen. Die wurden in kürzester Zeit in das System gepumpt. Es ist aber kaum ein nachhaltiger Effekt spürbar.

Wie unabhängig ist eine Stiftung, die mit Staatshilfe errichtet worden ist? Der Staat musste mit der Errichtung der privatrechtlichen VolkswagenStiftung sehr viele Einflussmöglichkeiten abgeben. Er hat zwar das Recht, die Kuratoren zu ernennen. Aber diese sind dann über fünf Jahre – bei zwei Amtszeiten maximal für zehn Jahre – nur ihrem eigenen Gewissen verpflichtet. Sie können nicht abberufen werden. Dieses Gremium von 14 Personen kann Entscheidungen treffen, die nicht wie in einem Rundfunkrat abgestimmt und ausgehandelt werden müssen. Das ist ein ganz entscheidender Unterschied einer privatrechtlichen Stiftung etwa gegenüber der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, wo die Hälfte der Kuratoren vom Staat bestellt wird und die andere Hälfte etwa aus Politikern und Staatssekretären der verschiedenen Bundesministerien besteht. Noch größer ist der Unterschied zu öffentlich-rechtlichen Stiftungen, in denen zumeist alle Kuratoren Funktionsträger sind, was die Unabhängigkeit dieser Stiftungen sehr stark beschneidet. Warum tut sich der Staat so schwer, die von ihm errichteten Stiftungen selbstständig arbeiten zu lassen? Das hat mit Macht und Einflussbedürfnissen zu tun. Es geht in politischen Prozessen nicht unbedingt darum, in der Sache möglichst optimale Entscheidungen zu treffen, sondern verschiedenen Seiten das Gefühl des Siegers zu vermitteln. Können Andere von dem Modell VolkswagenStiftung lernen? Dieses Modell gilt als sehr vorteilhaft. Beispielsweise haben viele der italienischen Bankenstiftungen ihre Satzungen nach dem Beispiel der VolkswagenStiftung gestrickt, um sicher zu stellen, dass eine Steuerungs- und Verwaltungsstruktur entsteht, die nicht korrumpierbar ist. Um zu verhindern, dass bestimmte Personen sich selbst verewigen kön-

nen. Am Modell der VolkswagenStiftung zeigt sich, dass klare Mandatsstrukturen für die Aufsichtsgremien von Vorteil sind. Gibt es auch in der Förderungspolitik solcher Stiftungen Vorteile, beispielsweise gegenüber Universitäten? Wir können dauerhafter und verlässlicher fördern, als das in der Regel bei öffentlich finanzierten Forschungsinstitutionen der Fall ist. Der entscheidende Vorteil aber ist, dass die VolkswagenStiftung flexibel, schnell und risikobereit fördern und so zumindest Inseln des Gelingens schaffen kann. Es ist mit einem 14-köpfigen Kuratorium leichter, als über sechs, sieben Hierarchiestufen und alle möglichen Gremien hinweg zu entscheiden, ob man jetzt Biotechnologie, Materialwissenschaft oder Informationstechnologie fördert. Hinzu kommt, dass wir uns immer als Impulsgeber verstanden haben. Wir bringen nicht nur Projekte von Antragstellern auf den Weg, handeln also nicht nur reaktiv, sondern identifizieren selbst neue Themenfelder und strukturelle Reformbedarfe, für die wir dann Programme entwickeln, um Nachwuchskräften die Chance zu geben, Forschungsbereiche anzugehen, die sonst vielleicht erst fünf Jahre später etabliert sind. Verkörpern Sie damit die alte Freiheit der Wissenschaften, die nicht nur anwendungsorientiert war, sondern auch „Orchideenfächer“ unterstützt hat? Man muss risikobereit sein, und man muss Fehler zulassen können. Wenn man sich als Stiftung rühmt, eine Erfolgsbilanz von 100 Prozent bei den Projekten zu haben, wäre das ein klares Zeichen dafür, dass man diese Risikobereitschaft nicht genutzt hat. Diese Risikobereitschaft ist in weiten Teilen des öffentlich finanzierten Systems nicht vorhanden, weil Sie dort ohne Vorarbeiten, ohne einen „Track Record“, ohne Erfahrungen auf einem bestimmten Feld gar kein Geld bekommen.

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Dann wäre die VolkswagenStiftung sogar ein Risiko-Kapital-Fonds? Risiko-Kapital ist ein Förderungsmittel für Unternehmen. Diese fördert die VolkswagenStiftung gerade nicht – wir können kein Geld für privatnützige Zwecke ausgeben. Aber unsere Analogie zum Risiko-Kapital für die Wirtschaft ist für die Wissenschaft die Investition in die Grundlagenforschung. Wir verstehen uns als dritter Akteur zwischen Wissenschaft und Gesellschaft. Wir analysieren selbst die Lage und legen fest, was wir fördern wollen. Also können wir nicht für alle Wissenschaftsbereiche etwas im Angebot haben, sondern müssen immer wieder Prioritäten setzen. Die Frage ist: Wie lässt sich das kostbare Kapital der Stiftungen dort einsetzen, wo der Staat noch nicht, oder aus prinzipiellen Gründen, etwa bei politischen Interessenkonflikten, überhaupt nicht agieren kann. Können Sie ein Beispiel dafür geben? Etwa bei Auslandsförderungen. Die VolkswagenStiftung hat schon vor der Wiederaufnahme der deutsch-israelischen Beziehungen die Zusammenarbeit von Wissenschaftlern in Israel und Deutschland gefördert. In den 1970er Jahren die Zusammenarbeit mit China. Oder aktuell die Kooperation mit Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern im subsaharischen Afrika, in Zentralasien und dem Kaukasus. In staatlichen Institutionen gibt es hier ganz große Hürden. Dass etwa das Geld der deutschen Steuerzahler nur an die Deutschen vergeben werden sollte. Das ist in einer zunehmend globalisierten Welt sicher kurzsichtig. Es gibt viele Beispiele, wo die Stiftung Jahre vor dem Fluss der staatlichen Mittel etwas auf den Weg bringen konnte. Wir können es ferner jungen Menschen früh ermöglichen, etwas Neues auszuprobieren und ihnen zugleich mehr Zeit für ein riskantes Vorhaben einräumen. Wir wollen aus der

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Falle der Kurzatmigkeit in der Forschungsförderung ausbrechen. Es gibt unter den vom Staat gegründeten Stiftungen nicht nur gut ausgestattete Institutionen wie die VolkswagenStiftung. Der Staat wandelt auch Orchester, Burgen oder Museen in Stiftungen um, die schlecht mit Kapital ausgestattet sind. Sind das Stiftungen in Mogelpackungen? Wenn eine Anstalt öffentlichen Rechts in eine Stiftung öffentlichen Rechts umgewandelt wird, ist das reine Kosmetik. Damit ist noch keine Unabhängigkeit und erst recht kein Geld geschaffen. Gleichwohl kann eine solche Umwandlung eine enorme Veränderung mit sich bringen. Zum Beispiel bei Universitäten. Ich selbst bin im Stiftungsrat der Universität Göttingen. Ich halte auch die Stiftungsanalogie bei Universitäten für deutlich tragfähiger als die Unternehmensanalogie, die allenthalben propagiert wird. Mit der Stiftungsanalogie signalisiert man, dass eine Universität etwas Gemeinnütziges ist. Mit der Unternehmensanalogie hat man sehr schnell den Gedanken, die Einrichtung sollte sich mit Profit entwickeln. Was gilt es bei einer solchen Umwandlung zu beachten? Ganz wichtig ist die Steuerungs- und Verwaltungsstruktur. Bei vielen Großforschungseinrichtungen, die in Stiftungen überführt worden sind, wie etwa dem Max-Delbrück-Zentrum, sitzen in den Aufsichtsorganen die mit umfangreichen Vetorechten ausgestatteten Geldgeber. Da hat immer der Bund den Vorsitz, das Land den stellvertretenden Vorsitz und so weiter, es hat sich also nichts verändert. Bei der Universität Göttingen hat man hingegen einen Stiftungsrat aus sieben Personen geschaffen, von denen nur noch einer, der Staatssekretär, aus dem Ministerium stammt. Der bis dahin typische Durchgriff der Ministerialbürokratie in die Einzelheiten von Abläufen, etwa von Berufungen und Studiengängen – das ist

alles gekappt. So ist die Unabhängigkeit der Universität enorm gewachsen. Auch die finanzielle? Der Entwicklungspfad hin zu einer privaten Beteiligung ist erst in Ansätzen beschritten. Das ist eine nette Umschreibung dafür, dass bislang sehr wenig privates Stiftungskapital eingetrieben worden ist. Dieses Feld ist in der Tat noch entwicklungsfähig und da gibt es auch noch bittere Lernprozesse. Das ist ein langer Weg, der auf 40, 50 Jahre ausgerichtet ist. Aber auch in Deutschland gibt es Personen, die über ein beträchtliches Vermögen verfügen, mit denen sich so etwas aufbauen lässt. Durch den demographischen Wandel, durch die steigenden sozialen und gesundheitlichen Lasten werden auch die staatlichen Mittel für Bildung, Ausbildung und Hochschulen rückläufig sein. Dass sich das wieder wendet, halte ich für sehr unwahrscheinlich. Also brauchen wir auf lange Sicht mehr privates Engagement für die Wissenschaft. Woher sollen die Stiftungsmittel für die Universitäten denn kommen? Die Bürger haben die Haltung, der Staat müsse sich um die Bildung kümmern, denn schließlich hat er lange das Bildungsmonopol beansprucht. In einem steuerfinanzierten System sagt jeder Bürger: „Das soll doch bitte der Staat aus meinen Steuerbeiträgen erbringen“. Wir brauchen ein Klima des Vertrauens und der Verlässlichkeit. Wenn der Staat mit einer Hand wegnimmt, was die privaten Stifter auf der anderen Seite finanzieren sollen, dann schafft er Misstrauen und schreckt den zustiftungsbereiten Bürger ab. Wo liegen die Probleme des Fundraisings für Stiftungsuniversitäten? Es gibt bei uns noch kein professionelles Fundraising im Bereich Bildung und Forschung. Das gilt nicht für den sozialen Bereich, der sehr erfolgreich Mittel einwirbt. Jetzt hat man die professionellen Fundrai-

ser aus diesem Bereich für die Hochschulen rekrutiert. Das war natürlich ein kulturelles Missverständnis. Bei Katastrophen, bei Krankheiten, bei Leid arbeite ich mit ganz anderen Methoden, zum Beispiel mit Mitleidsappellen. Wenn ich jemanden von Universitätsseite anspreche, kann ich nicht mit meiner Bedürftigkeit kommen, sondern muss etwas Attraktives anbieten – meine Potenziale und das Versprechen, etwas daraus zu machen. Dieses Thema, der beiderseitige Reputationsgewinn, ist noch nicht gut kommuniziert. Sind Fähigkeiten nicht eher ein Zeugnis der Nicht-Bedürftigkeit? Dann schauen sie sich die Erfolgsbeispiele in Amerika an. Die Harvard Universität bekommt immer noch Geld, obwohl sie bereits ein Kapital von 25 Milliarden hat. Ein Hauptmotiv, für Harvard zu stiften, ist der Erfolg. Die Leute wollen ihr Messingschild dort sehen, wo die Stärken sind – nicht bei der Behebung von Schwächen. Wie bekommt man diese Philosophie nach Deutschland? Ich habe beispielsweise 1980 an der Universität Marburg promoviert. Damals bekam man, wenn man Glück hatte, seine Urkunde von einem Mitarbeiter aus dem Stahlschrank überreicht oder sonst per Post zugeschickt. Fünf Jahre später kam dann die Bitte, in den Förderverein einzutreten. Wenn man Alumni zu gewinnen versucht, sollte man besser am ersten Studientag beginnen und nicht erst nach dem Examen. Da ist ein enormes Umdenken in der Gesamtkultur der Institution nötig. Es reicht nicht, sich als staatliche Anstalt zu gerieren, die Zertifikate verteilt, wobei der Student bisweilen sogar noch als Störfaktor betrachtet wird. Lauert bei dem momentanen Stiftungsboom die Gefahr, gerade bei den neuen Bürgerstiftungen, dass sich die Leute verzetteln vor lauter gut gemeinter Initiative und schöner Ideen? Da wird doch häufig ohne jede Kriterien geplant und gefördert.

Interview mit Dr. Wilhelm Krull

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Bei jährlich über 800 neu gegründeten Stiftungen gibt es natürlich diesen Vorwurf. Vor allem, wenn sie mit wenig Kapital ausgestattet sind und weit ausgreifende Stiftungszwecke haben. Sie dürfen aber nicht vergessen, dass wir vor 1914 im Deutschen Kaiserreich über 100.000 Stiftungen hatten. An diesem Punkt sind wir noch längst nicht wieder angekommen. So vielfältig ist die deutsche Stiftungslandschaft noch gar nicht wieder. Wesentlich ist, dass nicht jeder meint, sich selbst durch einen Stiftungsakt verewigen zu können. Wir sollten sehr stark für die noble Geste des Zustiftens werben. Und Angebote machen, wie man mit zugestiftetem Kapital ebenso sorgsam umgehen kann wie mit einer eigenen Stiftung. Da sehe ich auch große Möglichkeiten für die öffentlich-rechtlichen Stif-

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tungen. Das setzt allerdings voraus, dass der Staat bereit ist, einige seiner Mandate in den Stiftungsräten zur Verfügung zu stellen. Da soll der Staatsekretär im Aufsichtsgremium nicht mehr allein das Sagen haben? So ist es. Es braucht eine Neubalancierung nicht nur des Budgets, sondern auch der Einflussstrukturen. Wichtig ist, dass nicht einer allein definiert, wer in den Steuerungsgremien sitzt. Und dass die Personen, die dort sitzen, unabhängig agieren können. Wo das nicht gewährleistet ist, wird die Stiftung zum verlängerten Arm der jeweiligen Regierung. Wenn sich alle Minister in den Stiftungsräten wiederfinden, müssen die Alarmglocken läuten. Das Interview führte Reiner Klingholz.

Bürgerstiftungen: Meiner Heimat etwas zurückgeben

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Bürgerstiftungen sind eine Neuheit in der philanthropischen Szene Deutschlands. Bis vor einem Jahrzehnt trugen das private gemeinnützige Engagement in Deutschland überwiegend klassische Stiftungen oder aber Vereine beziehungsweise Verbände – etwa die Wohlfahrtsverbände, Freundeskreise für Kunst und Kultur oder Umweltinitiativen. Diesen Akteuren des so genannten Dritten Sektors standen der Staat und die Wirtschaft gegenüber. Die Zuständigkeiten schienen klar aufgeteilt, in der Szene herrschte relativ wenig Bewegung.

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Bürgerstiftungen

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Doch seit einigen Jahren hat nicht nur ein verstärktes finanzielles Engagement vor allem von vermögenden Privatpersonen sowie von Unternehmen einen „Boom“ klassischer Stiftungen hervorgebracht. Der Aufschwung des Stiftungswesens ist mit den Bürgerstiftungen auch in eine neue Phase eingetreten, in welcher die herkömmlichen Organisationsformen durch neue ergänzt – und mittelfristig vielleicht sogar revolutioniert werden. Bürgerstiftungen sind ein Zusammenschluss Vieler, die – mit zumeist relativ geringem individuellen Beitrag zum Kapital und mit sonstigem Engagement – eine Institution auf den Weg bringen, in deren Rahmen sie die Bekämpfung von Missständen selbst in die Hand nehmen. Manche Beobachter sehen im Aufkommen der Bürgerstiftungen bereits die Vorboten einer künftigen Bürgergesellschaft, in der ein Großteil wichtiger Gemeinwohlanliegen durch eine engagierte und sich selbst organisierende Bürgerschaft jenseits staatlicher Strukturen verfolgt wird. Weniger staatliche Gouvernanz und mehr nichtstaatliche „charity welfare“ – in vieler Hinsicht könnte uns eine Entwicklung bevorstehen, die sich der Situation der angelsächsischen Staaten und besonders der USA annähert. Dort können Bürgerstiftungen, die so genannten „Community Foundations“, auf eine inzwischen fast hundertjährige Geschichte zurückblicken und von einem erheblichen finanziellen Volumen zehren. Ihr Kapital beträgt etwa 40 Milliarden US-Dollar. Mit einem Vermögen von zwei Milliarden US-Dollar ist allein der „Community Trust“ von New York schon lange als wichtigster Geldgeber in einer Vielzahl kommunaler Projekte etabliert. Der entscheidende Unterschied zwischen einer Stiftung im klassischen Sinn und einer Bürgerstiftung besteht darin, dass hier nicht ein Stifter – ein(e) vermögende(r) Privatfrau oder ein Privat-

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mann, eine Institution oder auch der Staat – Kapital für einen bestimmten, eng umgrenzten Stiftungszweck – etwa ein Museum oder den Umweltschutz – zur Verfügung stellt. Bei der Bürgerstiftung gibt es eine Pluralität der Stifter, eine Pluralität der Zwecke und auch eine Pluralität der Arten, sich an der Stiftung zu beteiligen. Es können einige wenige, aber auch hunderte von Einzelpersonen sein, die sich mit einem Teil ihres Vermögens engagieren.

Geld, Zeit, Ideen Man muss sich als Bürgerstifter nicht einmal unbedingt mit größeren Vermögenszuwendungen beteiligen; man kann mit relativ geringen Beträgen zum Mitstifter werden und/oder auch etwas anderes stiften: Einsatz. Der typische Bürgerstifter gibt nicht allein Geld. Die neue Stiftungsform vereinigt unter ihrem Dach nicht nur die im herkömmlichen Sinn finanzstarken Bürger, sondern auch die „Zeit-Reichen“ und die „IdeenReichen“, wie es Christian Pfeiffer ausdrückt, einer der ersten in Deutschland, die sich für die Idee der Bürgerstiftung stark gemacht haben. Die Hauptsache ist, dass die Person ihre Ressourcen dem lokalen Gemeinwesen schenkt. Das Ziel ist dagegen vergleichsweise offen: Eine Bürgerstiftung folgt nicht einem einzigen eng definierten Stiftungszweck. Fokussiert ist sie auf eine Gemeinde, einen Stadtteil, einen Landkreis. Dabei halten sich die Bürgerstiftungen in ihren Satzungen ein maximal breites Spektrum von Möglichkeiten dafür offen, wie und wofür die Erträge ihres Kapitals und Spenden eingesetzt werden können. Dem Gemeinwesen vor der eigenen Tür kann auf vielen Wegen und unzähligen Gebieten geholfen werden. Was eine Bürgerstiftung zusammenhält, ist somit weniger der einzelne Stifter selbst oder ein (seit Jahrzehnten

oder vielleicht sogar seit Jahrhunderten) kaum veränderter Stiftungszweck, sondern das, was ihr auch den Namen gibt: die Bürgerschaft einer konkreten Gemeinde und die in dieser Gemeinde vorhandenen Engpässe und Chancen. Es ist darum immer ein ganz konkreter, von allen Stiftern gelebter Bezug zu einem Stück Heimat, der den eigentlichen Auftrag einer Bürgerstiftung ausmacht. In einer für Deutschland so bisher nicht bekannten Organisationsform manifestiert sich der Lokalpatriotismus des 21. Jahrhunderts. Man könnte das Ethos vieler junger Organisationen dieser Art als ein Wirsind-die-Stadt-Gefühl beschreiben: Eine Bürgerstiftung folgt dem Impuls selbstbewusster Bürger, für ihre Lebenswelt etwas Gutes zu tun und das Miteinander gerade ihrer lokalen Gemeinschaft zu verbessern. Nicht, indem sie nach dem Staat rufen, sondern indem sie die Lösung der Missstände selbst in die Hand nehmen. Die Renaissance der Heimatverbundenheit in den Kommunen begünstigt die neu entstehenden Bürgerstiftungen, beflügelt durch eine hohe und wachsende Bereitschaft zum Engagement und durch das Bewusstsein, dass der Staat allein – auch aus nicht-finanziellen Gründen – bei zahlreichen Herausforderungen an die Grenzen des staatlich Machbaren stößt. Lokale Loyalität paart sich mit Anerkennung gegenüber der Gemeinschaft, der die Stifter ihren beruflichen Werdegang, unternehmerische Erfolge und ihr soziales Kapital verdanken. Eine Bürgerstiftung liegt damit auf den ersten Blick hinsichtlich der Organisationsstrukturen und der Motive ihrer Mitglieder näher bei einem Verein als bei einer klassischen Privatstiftung. Die demokratische Entscheidungsfindung der in ihr versammelten Stifter macht aus ihr mancherorts den Kristallisationspunkt einer engagierten bürgerlichen „Elite“. Freilich lebt eine Bürgerstiftung – an-

ders als ein Verein oder traditionsreiche Clubs wie Rotary oder Lions – nicht von regelmäßigen Beiträgen und Spenden ihrer Mitglieder. Sie gewinnt ihre Aktionskraft – mit wachsendem Stiftungskapital zunehmend – daraus, dass die Einzelnen zusammen ein klassisches Stiftungskapital aufbringen, das dann wie bei nahezu allen Stiftungen prinzipiell „bis in alle Ewigkeit“ mit seinen Vermögenserträgen die Ziele der Stiftung ermöglichen soll, und das auch der Stiftungsaufsicht unterliegt. Bürgerstiftungen sind insofern thematisch breiter und nachhaltiger als Vereine und partizipativer als klassische Stiftungen.

Wie hat alles angefangen? Seit Jahrhunderten kennt die deutsche Stiftungslandschaft Bürger, die zum Wohle ihrer Kommune Vermögen stiften. Die Idee der modernen Bürgerstiftung gelangte jedoch erst Mitte der 1990er Jahre nach Deutschland. Die erste Bürgerstiftung nach dem Vorbild amerikanischer Community Foundations wurde 1996 in Gütersloh von der Bertelsmann Stiftung ins Leben gerufen. Um die Idee in Deutschland systematisch voranzutreiben, haben die drei großen privaten Stiftungen Bertelsmann Stiftung, Körber-Stiftung und Klaus Tschira Stiftung gGmbH ein entsprechendes Projekt auf den Weg gebracht. Es gelang ihnen, zusätzlich Gelder der amerikanischen Charles Stewart Mott Foundation einzuwerben, die in Europa das bürgergesellschaftliche Engagement vornehmlich in Ländern des ehemaligen Ostblocks fördert. Diese – eine der großen amerikanischen Privatstiftungen – unterstützt auch in den Vereinigten Staaten Bürgerstiftungen in ihrer Gründungsphase. Als der Stein so weit ins Rollen gebracht war, beteiligte sich das Bundesfamilienministerium an dem Projekt. Auf diese Weise konnte die „Initiative Bürgerstiftungen“

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Bürger, hört die Signale! Die wahren Glücksmomente ihrer Arbeit spürt Johanna von Hammerstein an Orten, die sie früher kaum betreten hätte. Wie die heruntergekommene Halle des Barmbeker Kraftsportvereins. Hinter einer Stahltür, zugeparkt von Lieferwagen und zugewachsen von Gestrüpp, trainiert ein Dutzend junger Männer Gewichtheben. Wortlos und konzentriert, mit schwellenden Stirnadern und aufgeblasenen Backen, reißen sie die Stangen mit den schartigen Stahlscheiben empor, stoßen sie über den Kopf hinaus und lassen sie dann knallend und klirrend auf die speckigen Matten am Boden fallen. Dazwischen verfolgt ein untersetzter Mann im Deutschland-Trainingsanzug aus schmalen Augen die Bewegungen seiner Schüler: Johann Martin, Immigrant aus Kasachstan, Deutsch-Russe, Weltmeister im „Reißen und Stoßen“ von 1992. Als er Frau von Hammerstein erblickt, eilt er auf sie zu und packt ihre Hände. „Danke“, sagt er. „Danke für das, was Sie für meine Juuns getan haben“. Johanna von Hammerstein sitzt im Vorstand der BürgerStiftung Hamburg und leitet deren Geschäftsstelle. Gerade hat die Stiftung entschieden, Martin weiter zu bezahlen. Der arbeitslose Trainer muss seinen Schwergewichtskurs, mit dem er seit über zwölf Jahren Hunderte von deutsch-russischen Jugendlichen aus den Containerghettos von Bergedorf und Lurup gerettet und ihnen Disziplin, Erfolg und Selbstvertrauen beigebracht hat, vorerst nicht aufgeben. Doch die Zukunft bleibt ungewiss. Martin, der gute Geist der Gestrandeten, ist heute selber ein Sozialfall – einer, dessen Arbeit niemand mehr bezahlen will.

Foto: Kirsten Haarmann

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„Hier muss noch mehr geschehen“, sagt Johanna von Hammerstein, als sie durch den Sturm zu ihrem Kombi stapft. Sie ist beeindruckt. Kaum einer der „Juuns“ ist kriminell geworden, fast alle haben Lehrstellen. Und sie ist berührt von der Ausstrahlung eines Menschen, der abseits staatlicher Auffangnetze ein Stück Menschlichkeit in der Welt verankert – und der damit zu scheitern droht, weil sich seine Initiative nicht in das staatliche Sozialsystem integrieren lässt.

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Momente wie diese entschädigen die ehemalige Lehrerin für ihren vollen Terminkalender, der sich mit dem eines leitenden Angestellten messen kann – nur dass sie alles ehrenamtlich macht. Aber Johanna von Hammerstein lebt von der Begeisterung. Sie kann sehen, wie Gemeinschaft gelingt. Diese Begeisterung steckt an – und hat aus der BürgerStiftung Hamburg seit der Gründung vor acht Jahren eine echte Erfolgsgeschichte gemacht. Alles begann auf gut hanseatische Art in einem Salon – im Wohnzimmer von Johanna von Hammersteins Tante. Diese hatte Christian Pfeiffer, den Inkubator der Bürgerstiftungen in Deutschland, zu einem privatissime-et-gratis-Vortrag geladen, dazu ein paar einflussreiche Freunde. Die Idee zündete. Schnell gesellte sich zu Johanna und ihrem Gatten, dem Rechtsanwalt Fritz von Hammerstein, der angesehene Notar Klaus Rollin, der über beste Kontakte verfügte und schon kurz nach der Gründung Zuwendungen in Millionenhöhe organisieren konnte. Die Sache kam ins Rollen. Der Blitzstart gelang nicht von ungefähr in Hamburg so gut. Hier gehört nach wie vor nicht nur der Geschäftserfolg zum Bild des „ehrbaren Kaufmanns“, sondern auch der soziale Anstand. Mit dem „Hospital zum Heiligen Geist“ entstand schon 1227 die erste von Bürgern getragene Stiftung. In der Hafenstadt waren es nie adlige Mäzene, die Sozialgeschichte schrieben, sondern mehr oder weniger demokratisch organisierte reiche Patrizier. Heute sitzen im Stiftungsrat der BürgerStiftung Hamburg so prominente Bürger wie die Ex-Ministerin Birgit Breuel, der Zeit-Herausgeber Michael Naumann, der Liedermacher Rolf Zuckowski und Gottfried von Bismarck, Consultant der Körber AG. Mehrere hauptamtliche Mitarbeiter und eine lange Reihe von Freiwilligen – die Zeitspender – kümmern sich in der Geschäftsstelle am gediegenen Mittelweg um Verwaltung, Akquise und Öffentlichkeitsarbeit. Das Stiftungskapital schwoll auf 4,3 Millionen Euro im Jahr 2007 an. Diese dienen fast immer der Jugend. Die engagierten Hamburger haben begriffen, dass die Zukunft ihrer Stadt von den Perspektiven der Kinder abhängt – und dass deren Situation vielfach bedrohlich ist. Zustände wie in Paris 2005, als jugendliche Migranten und enttäuschte junge Franzosen die Vorstädte brennen ließen, hält Johanna von Hammerstein jederzeit für möglich. Darum fördert die Stiftung Initiativen, die Benachteiligten Zutrauen in die Gemeinschaft schenken. Etwa das Tanzprojekt „Wohin mit meiner Wut“ im Plattenghetto Kirchdorf Süd, das spielerisch die verborgenen Phantasien armer Kinder freilegt. Den „Family Literacy Treff“, in dem Migranteneltern zusammen mit ihren Kindern Deutsch lesen lernen. Das Altonaer Gewaltpräventionsprogramm „S.TIGER DO“. Viele Projekte existierten bereits zuvor. Aber sie hatten kein Geld. Es waren Visionen charismatischer Einzelgänger wie des Russlanddeutschen Johann Martin oder der Sängerin und Schauspielerin Anke Schaubrenner. Die zieht schon seit Jahren im angesagten Schanzenviertel das Musikprojekt LuKuLuLe, „Lust durch Kunst, Lust am Leben“ durch. Aber erst mit der Bürgerstiftung konnte sie ein echtes Musical auf die Beine stellen, von Jugendlichen unter kundiger Anleitung selbst geschrieben. Die Aufführungen von „Hafenengel“ 2005 waren ausverkauft. Ein neues Stück kommt 2007 auf die Bühne. Bei der LuKuLuLe-Probe in einer tristen 1950er-Industrieetage von St. PauliNord wiegen sich die Körper von Levi, Michail und der kleinen Leila rhythmisch, routiniert, als stünden die Kinder jeden Tag auf der Bühne. Die Singer-Songwriterin Stefanie Hempel am Klavier gibt den Einsatz, blickt den drei ungleichen Kleinen in die

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Augen, und zusammen singen sie die ersten Zeilen ihres neuen Songs. Man glaubt ihren funkelnden Blicken in diesem Moment: „Du sagst, das Leben geht doch weiter. Die Show beginnt von neuem. Und ein neuer Tag beginnt.“ Johanna von Hammerstein wippt im Takt. Hier wird klar, dass der Stiftung mehr als die Versorgung einiger Bedürftigster glückt. Sie schafft es, Freude zu fördern, Begeisterung, ein Gefühl von Familie – die Schwerkraft, die eine Gemeinschaft zusammen hält. Natürlich wird eine Bürgerstiftung niemals die flächendeckende Daseinsvorsorge des Staates ersetzen können. Darum geht es auch nicht. Sondern um etwas, das der Staat niemals bieten kann: das Glück, dazuzugehören. „Lust am Leben“. Selbst in einer Hinterhofhalle in Hamburg-Barmbek.

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(IBS) ins Leben gerufen werden, die – mittlerweile unter dem Dach des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen – ein Forum für Erfahrungsaustausch, Vernetzung und Service für Bürgerstifter anbietet und die Verbreitung der Idee vorantreibt. Ähnlich wie es in den USA die Regel ist, waren es auch hierzulande vor allem große private Stiftungen, die der jungen Idee finanziell unter die Arme griffen: nicht nur mit finanzieller Förderung der genannten Initiative, sondern auch mit Anschubfinanzierungen für einzelne Bürgerstiftungen. So investierte die Körber-Stiftung frühzeitig in die Bürgerstiftung Dresden und versah sie mit hauptamtlichen Mitarbeitern – wie dies zuvor schon die Bertelsmann Stiftung für die Bürgerstiftung in Gütersloh getan hatte. Die Mehrzahl der Bürgerstiftungen ist jedoch ohne direkte finanzielle Hilfe von größeren Stiftungen entstanden. Bereits die Bürgerstiftung Hannover, die als zweite moderne Bürgerstiftung nur kurz nach der Stadt Stiftung Gütersloh gegründet wurde, konnte zwar den Mäzen Karl Konrad Graf von der Groeben für eine erhebliche Zuwendung in der Anfangsphase gewinnen, ihre Gründung beruht jedoch auf der Initiative Einzelner, die sich von der Idee der Bürgerstiftung begeistern ließen. In der Regel folgt heute der Anstiftung eines kleinen Kreises von Initiatoren eine Gründungsveranstaltung mit dann vielen Gründungsstiftern.

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Mittlerweile ist hierzulande ein Boom der Bürgerstiftungen zu beobachten. „In keinem Staat der Welt ist die Idee derart durchgestartet wie hier“, konstatiert Nikolaus Turner, Leiter des Arbeitskreises „Bürgerstiftungen“ im Bundesverband Deutscher Stiftungen. Das verfügbare Stiftungskapital ist mit etwa 55 Millionen Euro im Vergleich zu dem Gesamtvermögen aller Stiftungen in Deutschland verschwindend gering. Schätzungen zufolge geben diese mit jährlich 18 Milliarden Euro einen Betrag aus, der fünf Prozent des Bundeshaushaltes entspricht.

Stiften wird populär Dennoch entstand durch die neue bürgerschaftliche Stiftungsform quasi aus dem Nichts eine Vielfalt an Initiativen und auch einiges an Fördermöglichkeiten, zumal die Bürgerstiftungen auch Spenden für ihre Projektarbeit einwerben. Und auch die Wachstumskurve des Kapitals der Bürgerstiftungen weist steil nach oben. In den letzten zehn Jahren sind so über 100 neue Bürgerstiftungen entstanden, zu denen mehr als 8.000 Stifterinnen und Stifter beigetragen haben. Allein im Jahr 2006 kamen 35 neue Stiftungen hinzu, die mit dem Gütesiegel des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen ausgezeichnet wurden. Dass sich in Deutschland die Idee der Bürgerstiftung rascher verbreitete

Keimzelle Gütersloh Die dem Vorbild der amerikanischen Community Foundations folgenden Bürgerstiftungen fanden seit den 1990er Jahren ihren Weg in die Bundesrepublik. Seit der Gründung der ersten deutschen Initiativen in Gütersloh (1996) und Hannover (1997) sind im gesamten Bundesgebiet zahlreiche weitere Stiftungen dieses Typs entstanden. Im Großraum dieser Kristallisationspunkte häufen sich heute die Bürgerstiftungen. Was eine Bürgerstiftung ist und tut, dazu gaben sich Vertreter der Bürgerstiftungen selbst eine Definition. Im Jahr 2000 entwickelten sie in einem Arbeitskreis die „10 Merkmale einer Bürgerstiftung“. Diese Merkmale basieren vor allem auf der Idee der Unabhängigkeit von einzelnen Stiftern oder Personen, der Idee der Mitbestimmung, des Dienstleistens und µ der Transparenz. Auf der Basis dieser Definition vergibt der Bundesverband Deutscher Stiftungen seit 2001 jährlich zum 1. Oktober das µ „Gütesiegel für Bürgerstiftungen“.

Bürgerstiftungen mit Gütesiegel nach Gründungsjahren, Stand: November 2006 1996 1997 1998 1999 2000 2001

2002 2003 2004 2005 2006

Quelle: Initiative Bürgerstiftungen (IBS)

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als anderswo, dürfte auch mit einer weiteren Innovation zu tun haben: Mit dem Projekt „Initiative Bürgerstiftungen“ (IBS) wurde eine Art gemeinnütziges Franchise-System für die Aktivierung und Unterstützung lokaler Akteure aus der Taufe gehoben. Mit zentralem Marketing, zentral organisierter Schulung und Erfahrungsaustausch, mit der Festlegung von Standards und dezentralen, selbstständigen, unternehmerisch denkenden Personen weist das Projekt eine Reihe von Franchise-Elementen auf. Franchising hat sich in der Wirtschaft als der erfolgreichste Weg für eine rasche, flächendeckende Vermarktung bestimmter Produkte und Dienstleistungen bewährt, wobei die einzelnen Unternehmer jeweils lokal und selbstständig agieren. Die Initiative Bürgerstiftungen unter dem Dach des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen könnte insofern ein Vorbild für die rasche Verbreitung von Gemeinwohlansätzen mit zentralem Service und dezentraler Anpassung an die lokalen Bedürfnisse bieten. Nicht überall in Deutschland setzte sich die Idee gleichermaßen durch. Zunächst war es vor allem die geografische Nähe zu den Pionieren wie etwa Christian Pfeiffer im Nordwesten der Republik, die dort die meisten Bürgerstiftungen entstehen ließ. Teile der Länder Bayern und Rheinland-Pfalz und auch der neuen Bundesländer sind weitgehend bürgerstiftungsfrei, während in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen eine vergleichsweise dichte Szene entstanden ist. Mancherorts – etwa in Hamburg – haben einzelne Bürgerstiftungen inzwischen ein nennenswertes Vermögen und eine entsprechende Schlag- und Strahlkraft erreicht. Zudem fungieren immer mehr Bürgerstiftungen als Dach für Treuhandstiftungen. Heute gibt es bereits einige recht vermögende Bürgerstiftungen, die auf eine Reihe künftiger Zustifter vertrauen

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können. Schon jetzt sind im Schnitt für drei von vier Bürgerstiftungen Testamente vorgemerkt. Manche Stiftungen verzeichnen bereits heute sprunghafte Kapitalzuwächse: So schnellte etwa das Vermögen der Bürgerstiftung Braunschweig innerhalb von drei Jahren von 157.000 Euro bei der Gründung 2003 auf fast das Zehnfache, 1,3 Millionen Euro, empor. Andererseits tun sich manche kleineren Stiftungen in abgelegenen Gebieten schwer: Sie können ihren Kapitalstock oft nur langsam erweitern, wie etwa die Bürgerstiftung Bremerhaven, die 2002 mit 60.000 Euro begann und heute erst über etwas mehr als das Dreifache verfügt.

„Sinn stiften“. Wie arbeiten Bürgerstiftungen? Keinen eng begrenzten Zweck zu haben gehört zum Wesen der neuen Stiftungsform. Sie konzentriert sich auf das örtliche Gemeinwesen, aber nicht auf wenige bestimmte Verwendungszwänge, und ist so im Prinzip bereit, flexibel fast jeden Zu-Stifterwunsch zu erfüllen. Auch daraus resultiert die Anziehungskraft der neuen unabhängigen Gemeinde-Fonds. Die Bürgerstiftung Hamburg konnte etwa zu Beginn ihres Aufbaus ein Vermächtnis von 500.000 Euro erhalten, das dezidiert für den Tierschutz vorgesehen war – nur darum, weil sie so breit gefächerte Stiftungsziele hat. „Für unser Gemeinwesen Gutes tun“ ist letztlich der kleinste gemeinsame Nenner einer Stiftergemeinschaft, der viele Menschen, die mit einem Teil ihres Vermögens etwas Sinnvolles tun wollen, auch wegen der Ausrichtung auf die Herausforderungen vor Ort überzeugt. Bei den Zwecken, welche die Spender im Kopf haben, steht laut einer Umfrage der Initiative Bürgerstiftungen unter 59 Bürgerstiftungen vor allem die nachwachsende Generation im Fokus der Aufmerksamkeit. Fast 40 Prozent der heutigen

Aktivitäten aller Bürgerstiftungen sollen die Situation von Jüngeren verbessern: sei es durch die Einrichtung eines Spielplatzes für Kinder noch minderjähriger Mütter wie bei der Bürgerstiftung Delmenhorst, durch Bildungs- und Vorleseprojekte wie bei der Bürgerstiftung Dülmen, durch ein Geburtshaus wie in Düsseldorf, ein musikpädagogisches Projekt für benachteiligte Jugendliche („Hot Schrott“) wie in Hamburg oder durch die Gründung einer „Junioruniversität“ wie in Salzgitter. Die Bevorzugung von Projekten für Kinder und Jugendliche könnte unter anderem damit zusammenhängen, dass in Bürgerstiftungen offenbar überproportional viele Menschen mit eigenen Kindern aktiv sind (siehe Kapitel 4, Seite 50). Der Jugendarbeit einschließlich Bildung und Erziehung folgt das soziale Engagement auf dem nächsten Rang der Prioritätenliste, dann die klassische Heimatpflege wie etwa die Wiederbelebung historischer Gebäude (etwa in Schwerte oder Blankenhain). Für Umweltschutz, Wissenschaft und Völkerverständigung werden dagegen jeweils nur zwei Prozent der Fördermittel investiert. Es spricht vieles dafür, dass sich dies in den nächsten Jahren etwas verschiebt; der aktuellen Umfrage in Kapitel 4 zufolge steht zum Beispiel dem bislang relativ geringen Engagement im Umweltschutz ein deutlich größeres Interesse von Bürgerstiftern an dieser Thematik gegenüber. Hinzu kommt, dass immer mehr Bürgerstiftungen als Dach für einzelne Treuhandstiftungen von Einzelstiftern fungieren. Die sozio-demographische Zusammensetzung dieser Gruppierung und deren Interessenschwerpunkte scheinen von denjenigen der Bürgerstifter etwas abzuweichen, was nicht ohne Einfluss auf die Prioritäten der Bürgerstiftungsprojekte bleiben dürfte. Auch der erfolgreiche Versuch, die Bürgerstiftungen im Zusammenwirken mit dem Bundesfamilienministerium für Projekte zugunsten

des Zusammenhalts der Generationen zu motivieren, macht deutlich, dass die bisherige Fokussierung auf Jugend nicht in Stein gemeißelt ist. Zudem sind noch viele Projekte eher spontan und wenig systematisch platziert. Sie sind mehr Reaktionen auf punktuelle Bedürfnisse und aktuelle Bedrohungen in einer Gemeinde als ein bleibender Faktor, der auf lange Sicht Ziele im Gemeinleben verfolgt und Verbesserungen strategisch plant. Das Tun mancher Bürgerstiftungen ist insofern vom Engagement klassischer Vereine teilweise nicht unterscheidbar.

Konsolidierungsphase Klaus Wehmeier, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Körber-Stiftung (siehe Interview auf Seite 103), ist der Ansicht, dass gerade jetzt in der Bürgerstiftungsarbeit eine erste Konsolidierungsphase beginnt: Für viele dieser Stiftungen entscheidet sich derzeit, inwieweit es ihnen gelingen wird, wirklich professionell zu arbeiten. Denn für eine erfolgreiche Aktivität ist langfristig ein Stab hauptamtlicher Mitarbeiter offenbar ebenso notwendig wie professionelles Fundraising. Vor allem bedarf es eines ständig wachsenden Kapitals, dessen Erträge die operativen Kosten so gut decken, dass neue Projekte nicht nur über aufwändige Spendenkampagnen gefördert werden können. Es ist noch unsicher, ob alle Bürgerstiftungen diesen Schritt schaffen werden. Für manche Bürgerstiftungen mit schwacher Finanzdecke – gerade in den neuen Bundesländern – wird möglicherweise die einzige Option darin bestehen, miteinander zu fusionieren. Andernfalls besteht die Gefahr, dass sich Stifter, die viel Idealismus in eine neue Idee investiert haben, in der Hoffnung auf Spendenzugänge in einer Reihe disparater Projekte verzetteln und über ein plakatives Anfangsstadium niemals

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hinauskommen. Eine Fusion ist daher möglicherweise der unvermeidliche Lauf der Dinge: Auch in der erfolgreichen Bürgerstiftungsszene der USA sind solche Zusammenschlüsse kleinerer Partner immer wieder an der Tagesordnung. Bürgerstiftungen leben heute vielerorts weniger vom bisher angesammelten Kapital als vom Idealismus und vom überzeugten Engagement einer neuen Klasse von Stiftern, die nicht nur ihr Geld zur Verfügung stellen, sondern vor allem auch ihre persönliche Lebenszeit und -erfahrung. „Sichtbar Sinn stiften“, nennt das Klaus Wehmeier. Ohne diese „Zeitstifter“ wäre etwa die Bürgerstiftung Dresden über eine Anfangsphase niemals hinausgekommen. In deren Startperiode hatte die Körber-Stiftung das eigentlich unwiderstehliche Angebot gemacht, jeden durch neue Stifter hinzukommenden Euro zu verdoppeln. Und doch fühlten sich im neuen Bundesland Sachsen nur wenige angesprochen. Erst als die Hochwasserkatastrophe des Sommers 2002 über die Region hereinbrach, konnte die Bürgerstiftung öffentlich zeigen, dass sie über ein effizientes Netzwerk von Helfern verfügte, die sich an vielen Brennpunkten einsetzten. Von diesem Bonus zehrt die Stiftung noch immer. Weitere gute Ideen halfen, das Image als gemeinschaftliche Kulturstiftung zu zementieren: so etwa die originelle Straßen-Performance zugunsten des Erich Kästner Museums oder eine Initiative, mit der das Palais im Neuen Garten vor dem Untergang bewahrt werden konnte. Die Beteiligten sind sich einig, dass gerade diese neuen Erlebnisse von Gemeinschaftlichkeit und auch Stärke das Lebensgefühl in ihrer Stadt verbessert haben. Das gemeinsame Handeln – nicht nur das gut angelegte Geld – brachten so etwas wie „gefühlte Bürgerschaft“ hervor. Sie ließen damit in gewisser Weise eine soziale Nähe, geradezu eine

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Polis-Erfahrung, zurückkehren, die im anonymen Staat und angesichts der elektronischen Kommunikationsmedien längst verloren schien. In vielen Bürgerstiftungen erhalten solche Zeitstifter ebenfalls einen Platz in der Stifterversammlung; Auch wenn sie keinen Cent der meist nötigen Mindestsumme von 500 oder 1.000 Euro beigesteuert haben, sondern eine andere Form von (letztlich auch geldwertem) Einsatz. Eine solche egalitäre Verflechtung – „Jeder stiftet, was er kann“ – fördert zusätzlich das Erlebnis von Gemeinschaft und Loyalität. Diese Sinnstiftung wertet das Körber-Vorstandsmitglied Wehmeier als den entscheidenden Zugewinn, als einen die Gesellschaft verändernden Faktor, den die Bürgerstiftungen einführen können – auch ganz unabhängig vom sonstigen konkreten sozialen Nutzen. Bürgergesellschaftliches Engagement ist zuallererst, so die Hoffnung, ein Aufheller für das ansonsten häufig von Missmut geprägte soziale Klima.

Tue Gutes und verwirkliche Dich selbst darüber Im Gegensatz zur Vergangenheit, als viele Mäzene eher Wert darauf legten, im Hintergrund oder gar völlig anonym zu bleiben, hat sich heute in Deutschland die Einstellung zur wohltätigen Großzügigkeit grundsätzlich geändert. Aktives Mitwirken in einer Kommune ist ein Faktor, den Menschen genießen. Sie tun Sinnvolles, „stiften Sinn“, und gewinnen darüber hinaus gleichzeitig an Gestaltungsmöglichkeiten und Sozialprestige. Dieser neue Lebensstil führt in den Bürgerstiftungen dazu, dass sich das Ehrenamt teilweise umdefiniert. Früher oft eine mit Grauschleier behangene Bezeichnung teilweise langweiliger Vereinstätigkeiten (Kassenwart im Segelclub Harmonia), erfährt das Ehrenamt unter dem neuen Label „Zeitstiftung“ jetzt eine Aufwertung, die

geprägt ist von Aufbruchsstimmung und pragmatischem Zupacken. Plötzlich wird das Karitative von der Gesellschaft als extrovertiert und fast glamourös erlebt. Es gleicht sich damit eher angelsächsischen Gepflogenheiten an, wo auf manchen Dinner Parties über kaum etwas anderes als über „Charity“ gesprochen wird. Hier mischt sich der klassische Stifterehrgeiz, das eigene Wirken und den eigenen Namen unter einem guten Zweck verewigt zu wissen, mit anderen Interessen. Während manche traditionelle Vereine eher mit einem erlahmenden Engagement zu kämpfen haben, bietet das erfolgreiche projektbezogene Zupacken an Stellen, an denen der Staat überfordert ist, geradezu Erlebnischarakter. Eine Treibkraft der Stifter ist, den oft schwerfälligen öffentlichen Einrichtungen und der staatlichen Zuwendung mit eigener pragmatisch und unbürokratisch eingesetzter Kraft etwas Neues an die Seite zu setzen, das nicht nur technisch funktioniert, sondern auch Menschlichkeit wiederbelebt.

Wer sind die Bürgerstifter? Den typischen Bürgerstifter gibt es offenbar nicht. Und doch wird das Bild stark geprägt von beruflich erfolgreichen Menschen im letzten Drittel der beruflichen Laufbahn, mit optimistischem Naturell, einem starken Heimatbezug und der Überzeugung, die Zukunft der eigenen Stadt oder Region nicht länger schleppenden institutionellen Mühlen überlassen zu wollen. Andere häufig vertretene Persönlichkeiten unter den Bürgerstifterinnen und -stiftern sind offenbar Eltern mittleren Alters, die zur lokalen Leistungselite gehören, nicht aber zu den Akteuren der Kommunalpolitik. Viele Bürgerstifter, wie etwa die alleinige Gründerin der Frankfurter Stiftung CITOYEN, Helga Dierichs, wollen ganz explizit wieder einen Anschluss an

Zeiten „gemeinschaftlichen Handelns und kollektiver Projekte“ finden. Ein alter Gedanke bürgerlicher Elite gewinnt wieder zögernd an Raum: Dass mehr nötig ist, als wählen zu gehen und Steuern zu zahlen. Und dass mehr zu tun auch mehr Freude macht. Menschen, die sich in Bürgerstiftungen engagieren, erleben sich selbst als lebendiges Grundelement der Gemeinschaft, die letztlich alles trägt – und nicht länger als anonyme Empfänger oder Geber von Transferleistungen. Finanziell ist gerade zurzeit auch genug Spielraum für solch privates Engagement vorhanden. Die derzeitige Bürgerstiftungsbewegung profitiert vom insgesamt gewachsenen Wohlstand in Deutschland. Während einerseits das Realeinkommen unterer Schichten eher sinkt und der Staat mit Schuldenbergen kämpft, ist in großen Teilen der Bevölkerung privates Vermögen in einer nie zuvor gekannten Fülle vorhanden. Bürgerstiftungen machen hier ein lange erwartetes Angebot. Sie füllen die Lücke zwischen denen, die nichts übrig haben, und jenen, die so reich sind, dass sie eine eigene Privatstiftung gründen könnten. Gerade für Menschen mit moderatem Wohlstand war es bisher schwierig, ihr Geld (oder einen Teil davon) dem ersehnten guten Ziel nachhaltig, also nicht durch bloße Verbrauchsspenden, zuzuführen und zugleich Mitwirkungsrechte zu erhalten. Bürgerstiftungen bieten damit neben der Motivation von tätigem Engagement eine Aktivierung gerade für jenes Geld zugunsten des Gemeinwohls, das sonst wohl in den Taschen von Privatleuten verbleiben würde, auch wenn sie es eigentlich übrig haben. Es ist darum gut möglich, meinen Beobachter, dass diese neuen kommunalen Institutionen künftig eine frühere Rolle der Stadt oder der Kirche übernehmen, der viele Wohlhabende einst einen Teil ihrer Vermögen vermachten.

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Pionierarbeit Als erste Bürgerstiftung Deutschlands entstand 1996 im Westfälischen die Stadt Stiftung Gütersloh. Die Initiative von Reinhard Mohn, der Bertelsmann Stiftung und AG zog weite Kreise: Heute hat die Bewegung der stiftenden und engagierten Bürger die ganze Republik erreicht.

Foto: Raimund Vornbäumen

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Bürgerstiftungen senken somit die Schwelle für Menschen, an der lokalen Gemeinschaft spürbar teilzunehmen und sich selbst in dieser Gemeinschaft abgebildet zu sehen. Doch selbst für den, der sein Scherflein beitragen will und gleichwohl nicht im Gemeinschaftstopf untergehen möchte, bietet das flexible Konzept der Bürgerstiftungen Möglichkeiten des Engagements. So verwalten viele Bürgerstiftungen inzwischen so genannte Treuhandstiftungen– jeweils bestehend aus den Vermögen einzelner Stifter, die diese einem bestimmten Zweck zugedacht haben. Auf einer solchen Basis ist etwa in Hannover eine unselbstständige Stiftung zur Popularisierung philosophischer Inhalte entstanden, in Gütersloh ein (von manchen der ortsansässigen Ärzte gar nicht geliebtes) Gesundheitslotsenprojekt. Mittlerweile hat auch die Sparkassen- und Bankenszene die Attraktivität der Kundengruppe Bürgerstifter entdeckt. Einige Geldinstitute kooperieren mit Bürgerstiftungen, andere haben selbst eigene Quasi-Bürgerstiftungen aufgelegt. Letztere versprechen für das betreffende Geldinstitut einerseits einen Publicity-Gewinn, halten andererseits die Kunden bei der Stange und nach deren Ableben deren Vermögen im Hause der Bank. Unproblematisch ist das nicht: Eine Stiftung sollte,

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wenn die Konkurrenz bessere Angebote für die Vermögensanlage bietet, das Geldinstitut wechseln; ist aber die Stiftung dauerhaft mit einer bestimmten Bank verwoben, kann dies zu Interessenkonflikten führen. Zu ähnlichen „Mogelpackungen“ gehören auch Bürgerstiftungen, die nicht von engagierten Privatleuten, sondern von der Stadt selbst aufgelegt und in den Entscheidungsgremien dominiert werden; und die damit zu Instrumenten der staatlichen Honoratioren wie etwa dem Bürgermeister werden. Doch der Titel „Bürgerstiftung“ ist juristisch nicht geschützt. Auch darum hat der Bundesverband Deutscher Stiftungen in Abstimmung mit der Mehrheit der Bürgerstiftungen das Gütesiegel eingeführt, mit dem er die den ursprünglichen Zielen und Qualitätsmerkmalen verpflichteten Organisationen auszeichnet. Nur wer sich an einen Zehn-Punkte-Katalog hält, darf das offizielle Label tragen. Zu dessen Bedingungen gehören: Gemeinnutz, Stifterpluralität, wirtschaftliche, religiöse und politische Unabhängigkeit, lokale Beschränkung, kontinuierlicher Kapitalaufbau, breiter Stiftungszweck, Transparenz, Koordination weiterer Netzwerke, demokratische Organisation. Dennoch: Trotz der bislang erstaunlichen Erfolge im Fundraising, trotz

Dutzender zugesagter Erbschaften, trotz teilweise hoher Professionalität im Management: Die Bewährungsprobe der Bürgerstiftungen bleibt die „Arbeit in den Straßen“. Es ist auch hier das Kleinvieh, das den Mist macht. Immer neue Spenden sind im jetzigen Stadium noch nötig, dazu faszinierte neue Stifter, die sich von dem guten Ruf der Organisation ansprechen lassen. Gerade in der heutigen Mediengesellschaft gilt auch für Bürgerstiftungen: Man muss ständig mit originellen Einfällen werben. Oft sind gerade solche Stiftungen besonders erfolgreich, denen es immer wieder gelingt, durch spektakuläre Aktionen Aufmerksamkeit zu erregen. So organisierte die Bürgerstiftung Braunschweig im Mai 2005 den größten Brunch der deutschen Geschichte: An 1.000 Biertischen wurden in den Altstadtgassen 8.000 Gäste verköstigt; Einnahmen von 50.000 Euro war nur eines der Ergebnisse der Aktion. Medienberichte und Luftaufnahmen des Spektakels brachten der Stiftung Aufmerksamkeit und Auszeichnungen – und das gute Gefühl, es gemeinsam geschafft zu haben.

Vereinsmeierei des 21. Jahrhunderts oder der Weg in eine „neue Gesellschaft“? Es ist diese Kombination aus solidarischem Zusammenhalt und pragmatischem Stiftersinn, die auch Politiker mittlerweile begeistert. Bundespräsident Horst Köhler ist ein besonderer Förderer der Bürgerstiftungen; er bezeichnet das subsidiare Prinzip der Bürgerstiftungen als „gelebte Demokratie“. Politiker betrachten in Deutschland das bürgergesellschaftliche Engagement insgesamt mit fast schon beängstigendem Wohlwollen. Hier wirkt nicht nur der Umstand, dass sich allein aufgrund der demographischen Entwicklung die Finanzkraft des Staates immer weiter zu verschlechtern

droht. Es ist auch die Abkehr vom Glauben an einen umfassend fürsorglichen Staat. Die Erkenntnis wächst, dass der frühere Bundesverfassungsrichter Ernst-Wolfgang Böckenförde nicht nur in moralischer Hinsicht Recht hatte mit seiner bekannten These, der Staat lebe von Voraussetzungen, die er selbst nicht schaffen könne. Den stärker werdenden Fliehkräften in unserer Gesellschaft setzen Organisationen wie Bürgerstiftungen eigenfinanzierten, gesellschaftlichen Kitt entgegen. Und davon braucht es im Zeitalter von Globalisierung und demographischem Umbruch mehr denn je. Amerikanische Beobachter der hiesigen Bürgerstiftungsszene stehen immerhin staunend vor dem Boom in Deutschland. Während das amerikanische System ein ganzes Jahrhundert gebraucht hat, bis es seinen heutigen prosperierenden Zustand erreichte, zeigt in Deutschland die Kurve auf ein schnelleres Wachstum. Geht die Entwicklung so weiter wie bisher, wird es hierzulande in ein bis zwei Generationen viele hundert Bürgerstiftungen geben, und nicht wenige davon dürften dann über mehrstellige Millionenvermögen verfügen. Der Boom bei den sonstigen Stiftungsgründungen kommt hinzu. Doch bleibt fraglich, ob sich mit den Bürgerstiftungen eine Säule des verlässlichen sozialen Engagements aufbauen lässt, die ein Bröckeln staatlicher Versorgung kompensieren könnte. Die Stiftungsexperten sprechen hier eine klare Sprache. Sie trauen weder Bürgerstiftungen noch den Stiftungen insgesamt das Potenzial zu, den Staat in wesentlichen Bereichen zu ersetzen. Aber die neue philanthropische Organisationsform bietet immerhin eine Möglichkeit, die hierzulande verbreitete Anspruchsmentalität wieder mehr in eine Haltung von gelebter Verantwortlichkeit gegenüber seinen unmittelbaren Mitbürgern zu verwandeln. Hinzu kommt: In Deutsch-

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land lebt auch der so genannte Dritte Sektor finanziell noch überwiegend von staatlichen Zuwendungen. Eine Minderung dieses hohen Staatsanteils scheint mittelfristig unvermeidlich. Hier könnte die Verlagerung der Verantwortung auf die Schultern vieler hilfsbereiter Bürger gewiss auch eine finanzielle Entlastung bringen. Die Bürgerstiftung bietet als Teil der modernen Bürgergesellschaft die Chance, zu einem Paradigmenwechsel beizutragen: Weg vom passiven Untertanen, hin zum mündig-erwachsenen Bürger, der bei Herausforderungen nicht einfach nach dem Vater Staat ruft, sondern zunehmend selbst nach seinem eigenen Lösungsbeitrag – auch bei der Finanzierung – sucht.

Wo bleibt die Meta-Stiftung? Andererseits herrscht in vielen Bürgerstiftungen, auch das geben Kenner wie Klaus Wehmeier zu bedenken, noch lange nicht genügend Professionalität, um mehr zu sein als eine Art Heimatverein mit zeitgemäßer Organisationsform. Zu oft verzetteln sich gerade die kleinen Bürgerstiftungen noch mit Kräfte bindenden kleinen Projekten und vernachlässigen den systematischen Aufbau des Stiftungskapitals. Erst ab einem Vermögensstock im zweistelligen Millionenbereich aber, so Wehmeier, ist eine nachhaltige Stiftungsarbeit möglich. Bürgerstiftungen in den USA und in England wird gerade in dieser schwieri-

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gen Konsolidierungsphase unter die Arme gegriffen: Hier bietet die Mott Foundation an, für fünf Jahre die Kosten eines Büros mit hauptamtlichen Mitarbeitern und zusätzlich Kosten bis zu insgesamt einer Million Dollar zu übernehmen. Gerade in dieser Periode kann sich eine derart unterstützte Bürgerstiftung dann auf den soliden Aufbau eines Kerngeschäfts und entsprechender Kompetenz verlegen. Die Erfahrung lehrt, dass diese Investition erhebliche Früchte trägt. Doch vergleichbare Angebote fehlen in Deutschland. Hier trägt das gemeinsame Engagement von Klaus Tschira-, Körber- und Bertelsmann Stiftung und dem Bundesfamilienministerium zu einer raschen Popularisierung der Idee der Bürgerstiftung und zentraler Unterstützung mit Rat und Service bei. Doch soll in absehbarer Zeit die Vision von flächendeckend arbeitenden Bürgerstiftungen Wirklichkeit werden, die sich zu einem starken Faktor entwickeln, die Teilhabe und Einsatz fördern und integrierend auf lokale Gemeinschaften wirken, die zu einem Katalysator philanthropischen Engagements werden, dann ist hierzulande eine größere Initiative notwenig: eine bundesweit aktive, gut ausgestattete Meta-Stiftung oder ein entsprechender Fonds, der nach dem Vorbild der Mott Foundation die organisatorische Entwicklung der jungen Bürgerstiftungen auch mit finanziell nennenswerten Beträgen fördert. Nur so kann aus einem Pflänzlein ein Früchte tragender Baum erwachsen.

© Marc Darchinger/ Körber-Stiftung

„Katastrophen sind Bewährungsmöglichkeiten.“ Interview mit Dr. Klaus Wehmeier

Klaus Wehmeier ist seit 2001 stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Körber-Stiftung. 1951 in Bremen geboren, leitete er nach Studium und Promotion die Forschungsstelle des Institutes für Politikwissenschaft an der Universität Münster und war dann als Verbandsvertreter und Unternehmensberater tätig. Die Körber-Stiftung, eine der großen deutschen Privatstiftungen, versteht sich als Impulsgeber für „Menschen, die nicht alles so lassen wollen, wie es ist“. In diesem Rahmen engagiert sich Wehmeier besonders für die junge Bewegung der Bürgerstiftungen in Deutschland.

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Was können Bürgerstiftungen besser als herkömmliche gemeinnützige Einrichtungen – wie Vereine, Verbände, Bürgerinitiativen, der Lions Club oder die Rotarier? In Deutschland ist das Vereinswesen stark ausgeprägt. Allerdings haben heute viele Einrichtungen, beispielsweise kirchliche oder gewerkschaftliche, an Anziehungskraft verloren, weil ihre jeweiligen Zielsetzungen vielleicht zu einseitig ausgeprägt sind. Von den angelsächsischen Ländern lernen wir jetzt, dass sich Menschen auch für ihr Gemeinwesen als solches engagieren und verantwortlich fühlen. Der auf Dauer ausgerichtete Stiftungsgedanke trägt noch stärker dazu bei, sich in besonderer Weise zu identifizieren und einzubringen, und zwar neben Geldstiftungen auch mit ebenso wichtigen Zeitspenden der Ehrenamtlichen. Hängt dieses breite Engagement damit zusammen, dass der Staat heute weniger Aufgaben wahrnimmt? Nein, ich denke, hier entwickelt sich etwas anderes: Die Lust und Bereitschaft vor Ort, im eigenen Umfeld Verantwortung zu übernehmen. Wer sich für seine Region oder die Gemeinschaft engagiert, verdient und genießt Ansehen. Das war in der Vergangenheit nicht unbedingt so der Fall. Das heißt für unser Thema, dass Menschen selbst die Initiative übernehmen möchten, etwas zu bewegen, zu gestalten. Obwohl allseits Klagen zu vernehmen sind, überbeansprucht zu sein, bringen sich viele Bürgerinnen und Bürger mit beachtlichem Zeiteinsatz ein, um etwas Sinnstiftendes zu tun. Dabei verzichten viele von ihnen nicht auf ihren erreichten Wohlstand, sie geben davon etwas ab, ohne Einbußen für das eigene Wohl. Das heißt, gemeinnütziges Engagement als Selbstverwirklichung? Natürlich machen Menschen bei Bürgerstiftungen beispielsweise im Bereich Kunst und Kultur ihr Hobby zu ihrer ehren-

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amtlichen Profession. Die Leute bringen sich ein, sie möchten aber damit auch als Akteure wahrgenommen werden, denen das Gemeinwohl am Herzen liegt. Selbstverwirklichung in einem so verstandenen Sinn ist doch etwas Gutes und Lohnendes für andere und für sich selbst. Können Bürgerstiftungen in ihrer Arbeit das Niveau erreichen, das einst der Staat garantiert hat? Der Staat dünnt seine Leistungen aus. Da sind Bürgerstiftungen eine willkommene Hilfe. Politiker geben das auch unumwunden zu. Der materielle Einsatz ist ungleich geringer, dafür aber spürt man viel Herz und Esprit bei den Beteiligten, den Initiatoren wie den Adressaten. Aber wir müssen ganz klar sehen: Bürgerstiftungen sind ein zartes Pflänzchen. Ihr Wirkungsgrad ist mit dem staatlicher Leistungen überhaupt nicht zu vergleichen. Welchen Anteil können Bürgerstiftungen übernehmen? Bürgerstiftungen sorgen für eine Form von menschlicher Zuwendung, die der Staat nicht bieten kann. Vor mehr als sechs Jahren haben in Hamburg beispielsweise Migrantenkinder mit einem nicht geringen Konfliktpotenzial auf Anleitung engagierter Lehrer und Bürger Schlaginstrumente aus Schrottmaterialien gebaut und eine Band namens „Hot Schrott“ gegründet. Eine sinnvolle Freizeitbeschäftigung, in der Aggressionen abgebaut, etwas für gemeinschaftliches Erleben getan und Musikerleben erfahren worden ist. Heute musizieren die Kids selbstständig und überlegen, einen kleinen Teil ihrer Gage, die sie mittlerweile erlösen, der Bürgerstiftung zurückzuspenden. Hier haben junge Menschen erst erfahren, was Zuwendung und ihnen entgegengebrachte Aufmerksamkeit bedeuten, um jetzt selbst mitzuhelfen, dass anderen Ähnliches wiederfahren kann. Das ist ein wunderbares Beispiel, das Wirkmechanismen verdeutlicht, die weit über den quantitativen Mitteleinsatz hinausreichen!

Wie lässt sich so etwas in die breite Masse tragen? Überhaupt noch nicht. Projekte der Bürgerstiftungen sind Leuchttürme. Beispiele für intelligente Lösungen. Aber sie können bei der aktuellen Ausstattung der Bürgerstiftungen natürlich nicht Ersatz für das sein, was in der Fläche passieren muss. Wer kümmert sich dann darum? Beispielsweise beim Thema Integration? Die ist ja eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Zunächst einmal der Staat. Die Daseinsvorsorge wird ja durch die Existenz neuer Einrichtungen nicht aufgehoben. Beim Thema Integration sind viele gefordert. Neben den staatlichen Stellen natürlich auch Stiftungen. Es ist ein frommer Wunsch, dass Einrichtungen der Zivilgesellschaft die staatlichen Lücken schließen könnten. In Amerika haben die Community Foundations fast hundert Jahre gebraucht, um ihr Kapital aufzubauen; ihre Wirkungskraft haben auch sie nicht sofort entfalten können. Müssen wir in Deutschland auch solange warten? Wir sind hier besser dran. Es ist beeindruckend, ja fantastisch, wie rasch sich die Kapitalbildung der mittlerweile über 100 Bürgerstiftungen entwickelt. Jahr für Jahr – und die deutsche Bewegung ist bis auf eine Ausnahme keine zehn Jahre alt – verdoppeln sich die Kapitaleinlagen. Viele starten heute mit siebenstelligen Beträgen, das Engagement für Neugründungen ist ungebrochen. Weshalb sind die Leute bereit, dort zu investieren? Der Wohlstand ist hierzulande so ausgeprägt, dass diese Mittel nicht unbedingt Verzicht an anderer Stelle bedeuten. Das Geld ist vorhanden. Wie kriegt man die Menschen dazu, ihr Portemonnaie als Stifter zu öffnen? Viele Wege führen hier zum Ziel. Ich nenne drei: Erstens nachhaltig zu wirken

über den Tod hinaus, womöglich mit einer eigenen, nicht rechtsfähigen Stiftung unter dem Dach einer Bürgerstiftung oder einem Fonds, der zielgenaue Inhalte verfolgt, für die man sich ohne eigene Organisation oder Stiftung verwenden will. Zweitens Erbschaften so zu gestalten, dass bewusst ein Teil der Erlöse der Gesellschaft zurückgegeben wird. Und drittens Begeisterung zu wecken für Projekte, deren Zielsetzung man teilt. Wie lange dauert es im Schnitt, bis die Gemeinschaft weiß, dass so eine Institution da ist, die dann im Notfall einspringt – und für die man sich engagieren kann? Wichtig ist, das Ausmaß der Sinnstiftung öffentlich zu machen. Bekanntheit entscheidet auch über die Wachstumsgeschwindigkeit. Da sind beispielsweise Katastrophen, wie das Hochwasserdrama in Dresden von 2002, eine Bewährungsmöglichkeit für eine Bürgerstiftung, die quasi über Nacht bekannt geworden ist. Die Bürgerstiftung Dresden verfügte zu der Zeit bereits über ein Netzwerk von über 300 ehrenamtlich Aktiven, die wussten, wo die Not am größten war. Das hat viele Spender überzeugt. So konnte die Bürgerstiftung innerhalb von drei Monaten Spendenmittel in einer Größenordnung von 1,6 Millionen Euro zielgenau verteilen und dokumentieren, wohin das Geld geflossen ist. Dieses Beispiel zeigt übrigens, dass es hinsichtlich der Bekanntheit einer Bürgerstiftung nicht allein darauf ankommt, kapitalstark zu sein. Die Sinnhaftigkeit von Projekten – gottlob nicht nur in Katastrophenfällen, sie bilden die Ausnahme – sind entscheidend für die Akzeptanz für ein konkretes Anliegen und die dafür verantwortliche Organisation. Besteht die Gefahr, dass Bürgerstiftungen zu viele Projekte fördern und sich verzetteln? Die Gefahr ist da. Aber wir raten Neugründern dazu, ihre Stiftungsziele möglichst breit zu fächern, um Handlungsalterna-

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tiven zu haben, wenn neues Geld kommt, und um für die Bedürfnisse und Interessen potenzieller Stifter gerüstet zu sein. Sonst läuft man Gefahr, immer wieder Satzungen ändern und ergänzen zu müssen, was gar nicht immer ohne weiteres möglich ist. Freilich sollte man sich in der Gründungsphase auf eine bestimmte Richtung konzentrieren und dort mit klarem Profil für die Öffentlichkeit sichtbar sinnstiftend wirken. Wie lässt sich ein ausreichendes Maß an Professionalität erreichen? Wir raten dazu, möglichst schnell hauptamtliches Personal zu verpflichten. Ehrenamtliches Engagement ist grundlegend und wichtig; hauptamtliche Assistenz, die sich entwickeln kann und sukzessive Verantwortung übernimmt, hilft in der Konsolidierungsphase. Deshalb unterstützt die Initiative Bürgerstiftungen beim Start neuer Stiftungen. Sie organisiert den Transfer von Know-how. Dadurch muss nicht jeder wieder bei Null anfangen und sich überlegen: Wie sammle ich Kapital? Wie gestalte ich eine Satzung? Wie betreibe ich Fundraising? Wie setze ich hauptamtliche Mitarbeiter ein? Es gibt ein Handbuch, das die einzelnen Schritte einer Stiftungsgründung beschreibt und auch Satzungsentwürfe enthält. Es gibt zum Beispiel Tipps, welche Kernkompetenzen ein Stiftungsvorstand mitbringen oder welche Merkmale eine klassische Bürgerstiftung aufweisen sollte, dass beispielsweise eine Dominanz einzelner Stifter, Parteien oder Unternehmen ausgeschlossen, sie also wirtschaftlich und politisch unabhängig agieren sollte. Gibt es Foren, in denen sich die Stifter austauschen können? Das Lernen voneinander ist ganz wichtig. Im Arbeitskreis „Bürgerstiftungen“ des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen werden regelmäßige Treffen organisiert. Es gibt Regionalbeauftragte in der Initiative Bürgerstiftungen und inzwischen auch

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Netzwerke, die unter den existierenden Bürgerstiftungen entstanden sind. Auch viele Banken bilden heute Stiftungspools. Welches Interesse verfolgen sie dabei? Finanzdienstleister verstehen logischerweise etwas von Geld. Sie möchten die Mittel, die ihnen ihre Kunden zu Lebzeiten anvertrauen, dauerhaft und möglichst über deren Tod hinaus im eigenen Haus verwalten. Deshalb ist es wichtig, die Interessen der Banken zu verbinden mit den Interessen der Bürgerstiftungen, die Eigentümer des Kapitals werden möchten, nicht aber unbedingt Verwalter des Kapitals. Bürgerstiftungen verstehen mehr von Projektarbeit, von der Realisierung stifterischer Ziele; das überfordert in der Regel die Geldinstitute. Eine WinWin-Situation zu schaffen, in der für jedes Interesse Vorteile herausspringen, ist die hohe Kunst. Es wäre unkorrekt zu behaupten, dass sich auf diesem Feld bereits alle Probleme in Wohlgefallen aufgelöst hätten. Auch hier berät die Initiative Bürgerstiftungen gerne und kompetent. Wie kann man dieses Problem lösen? Es gibt ganz unterschiedliche Lösungen und Konstruktionen. Wichtig ist zu eruieren, wer welche Leistungen am besten, effektivsten und ertragreichsten erbringen kann. Das ist von Fall zu Fall unterschiedlich. Fest steht für mich, dass Bürgerstiftungen auf dem inhaltlichen Programmfeld große Kompetenzvorsprünge haben, die jeden Finanzdienstleister in den Schatten stellen, weil ihnen diese Kompetenz nicht automatisch innewohnt. Ich bin für eine Kompetenz-Kooperation statt für Konkurrenz. Für Vernunft- statt Scheinehen, eben für Klarheit und Transparenz der Zielsetzungen. Kann die Initiative Bürgerstiftungen neuen Gründern auch sagen, wofür sie sich am besten engagieren sollten? Ideen sind keine Grenzen gesetzt. Vor Ort wissen Menschen in der Regel am bes-

ten, wo es anzusetzen gilt. Die Initiative Bürgerstiftungen hat auf ihrer Webseite Best-Practice-Beispiele zahlreicher Bürgerstiftungen beschrieben, die ständig aktualisiert werden; gut für Anregungen, um bei ähnlichen Ideen nicht immer das Rad neu erfinden zu müssen. Wie sieht Ihre Vision der Zivilgesellschaft im Jahre 2050 aus? Was könnte diese junge Bewegung hinsichtlich der ganz großen Herausforderungen wie demographische Entwicklung, Integration, Klimawandel leisten? Ich glaube, dass wir in fünfzig Jahren eine Bürgergesellschaft haben, die mit der Szene in Amerika vergleichbar sein wird. Eine selbstbewusste Bürgerschaft, die ihr Schicksal in die Hand nimmt, basisdemokratisch entscheidet und schneller handelt, als es der Verwaltungsapparat je könnte. Eine Bürgergesellschaft, die mit dem vorhandenen Geld viel gemeinnütziger wirkt, als es heute vorstellbar ist. Bürgerstiftungen werden dann ein politischer Faktor sein, der Gewicht haben wird. Auch, weil eine Bürgerstiftung viel breiter aufgestellt ist als irgendeine spezifische Initiative. Ob eine gestärkte Zivilgesellschaft die in Ihrer Frage gestellten Herausforderungen meistern wird, entscheidet sich allerdings nicht in lokalen Lösungsansätzen, sondern in einem gemeinsamen globalen Konsens über das Meistern dieser wesentlichen Zukunftsfragen! Was kann man tun, damit gerade die Regionen, die eine Bürgerstiftung nötig haben, aber kaum freies Kapital, den Anschluss nicht verpassen? Wer sagt Ihnen, dass es Regionen gibt, in denen kein „freies Kapital“ existiert? Ohne das Engagement vieler Menschen auch außerhalb Deutschlands und Europas würde die Dresdner Frauenkirche heute nicht im neuen Glanz erstrahlen. Ich bin fest davon überzeugt, dass es überall

in Deutschland Bürgerinnen und Bürger gibt, die sich von der Bürgerstiftungsidee anstecken lassen können. Dabei zählt zunächst die Bereitschaft zum Engagement und nicht die kurzfristig hohe Kapitalsumme. Das macht doch die Bürgerstiftungsbegeisterung, die wir spüren, gerade aus: Die erste Frage lautet nicht, wo ist der Reichtum ausgeprägt, da funktioniert auch bürgerschaftliches Engagement, sondern wo finden sich Bürger, die etwas für ihr Gemeinwesen unternehmen wollen. Erleben wir so etwas wie eine goldene Ära für das Gründen von Bürgerstiftungen, die irgendwann einmal vorbei ist? Das hoffe ich nicht, und ich glaube es auch nicht. Das bürgerschaftliche Engagement entspringt einer gesellschaftlichen Haltung, die zunehmend nicht mehr danach fragt, was der Staat für die Gesellschaft, sondern was der Einzelne für die Gemeinschaft tun kann. Im Übrigen erleben wir einen materiellen Wohlstand in Deutschland, wo viele Menschen einen Teil ihres wirtschaftlichen Erfolgs der Gesellschaft bewusst zurückgeben wollen, und zwar in Form des Stiftens und Spendens. Die Frage ist, wie lange hält dieser Trend an? Wenn man über den großen Teich blickt, stellt man fest, dass dort die Stiftungsbereitschaft nie abgerissen ist. Auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten nicht. Solange Deutschland ein Wohlstandsland bleibt, wird sich hier nichts Substanzielles ändern. Im Gegenteil. Der altruistische Gedanke erlebt in Deutschland in den letzten 20 Jahren eine Renaissance. Ich bleibe da Optimist. 107 Das Interview führten Reiner Klingholz und Andreas Weber.

Interview mit Dr. Klaus Wehmeier

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Unternehmer mit Verantwortung Wie Stiftungen aus „altem“ Geld auf die heutige Gesellschaft einwirken

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„Als nun der Krieg kam … drückte mich der Verdienst, den ich machte, während andere ihr Leben einbüßten“, schrieb der schwäbische Erfinder und Unternehmer Robert Bosch in seinen Lebenserinnerungen. 1916 stiftete Bosch seinen „Kriegsgewinn“ von 13 Millionen Mark für den Bau des Neckarkanals, der den Fluss als Wasserstraße nutzbar machen sollte. Weitere Millionen-Gaben für andere Zwecke folgten. 1921 richtete er eine Vermögensverwaltung ein, die seine wohltätigen Aktivitäten steuerte. In seinem Testament verfügte der 1942 Verstorbene, dass die Erträge seiner Firma gemeinnützigen Zwecken zukommen sollten. Aus der so begründeten Vermögensverwaltung ging schließlich 1964 die Robert Bosch Stiftung GmbH hervor. Der Tüftler aus Albeck bei Ulm zählt damit zu den großzügigsten Stiftern unter Deutschlands Konzernherrn. Mit seiner Initiative blieb er dabei nicht allein: Auch aus anderen deutschen Traditionsfirmen, die wie die Robert Bosch GmbH in der industriellen Gründerzeit entstanden, fließt bis heute Geld für die verschiedens-

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ten Fördermaßnahmen. Krupp, Haniel, Klöckner, Siemens, Opel, Hertie, Quandt, Toepfer, Hoechst – mit all diesen Namen verbinden sich Stiftungen. Als Vorbild mag die erste deutsche Industrie-Stiftung gegolten haben, die Carl-Zeiss-Stiftung. Ernst Abbe, Mitinhaber der Carl-Zeiss-Werke (gegr. 1846) und der Glaswerke „Schott und Genossen“ in Jena (gegr. 1884), übergab seine Firmenanteile 1889 an eine Stiftung. Sie sollte aus den Betriebserlösen Forschung und Lehre auf dem Gebiet der Optik fördern. Denn die in der Industrie umgesetzten Fortschritte in Naturwissenschaft und Technik erzwangen eine bessere Ausbildung der Beschäftigten. Des Weiteren war der Stiftung aufgegeben, die „persönliche und wirtschaftliche Rechtslage“ der Mitarbeiter zu verbessern. Mit der Umstellung auf die maschinelle Produktion hatten sich in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts die prekären Lebensverhältnisse der unteren Schichten verschärft: Traditionelle Fürsorgestrukturen hatten sich aufgelöst. In den städtischen Fabriken fanden arbeitslose Handwerker und Landarbeiter zwar Arbeitsmöglichkeiten, doch zu miserablen Bedingungen. Mit den Löhnen ließ sich kaum eine Familie ernähren. Und das bei einem Zwölf-Stunden-Tag und der steten Gefahr von Arbeitsunfällen, Krankheit oder Invalidität. Erst von 1883 an führte das Deutsche Reich nach und nach ein Sozialversicherungssystem ein.

Bessere Bezahlung, humanere Arbeitszeiten, das waren die Hauptforderungen, die sich in zahlreichen Streiks bis nach der Jahrhundertwende artikulierten. „Man kann sich nicht nur nicht satt essen, sondern lumpt auch noch herunter“, klagte ein Chemnitzer Textilarbeiter noch 1900. Da hatte Abbe in seinen Firmen bereits den Acht-Stunden-Tag, feste Löhne, bezahlten Urlaub und eine Betriebskrankenkasse eingeführt. Auch Werner von Siemens zahlte seinen Mitarbeitern nicht nur Prämien und Tantiemen, sondern schuf für sie auch ein soziales Netz. Dabei mag den Gutspächtersohn, der nach dem frühen Tod der Eltern neun jüngere Geschwister zu versorgen hatte, ein patriarchalisches Versorgungsverständnis geleitet haben. „Beim Bosch“, wie es im Volksmund hieß, erging es den Arbeitern ebenfalls besser. Für die sprichwörtlich guten Löhne, die er zahlte, verlangte er entsprechende Leistung, die er bei seinen Inspektionstouren in den Betrieben überprüfte. Auch wenn der Firmenchef mit dem eindrucksvollen Bart von seinen Mitarbeitern „der Vadder“ genannt wurde, waren ihm väterliche Attitüden fremd. Bosch habe „nie kapitalistisch gedacht, aber ökonomisch gehandelt“, so beschreibt es Firmen-Biograph Herbert Krafft. Pure Wohltätigkeit lehnte er ab. All seine Stiftungsaktivitäten waren zielgerichtet und behielten den langfristigen Nutzen im Auge.

Stiften wird Bürgerpflicht Dennoch knüpfte Bosch mit seinen Stiftungen an eine bürgerliche Tradition an. Im 19. Jahrhundert gehörte gesellschaftliches Engagement im Bürgertum zum guten Ton. Eine Stiftung ließ den eigenen Namen glänzen und förderte gleichzeitig das Gemeinwohl. Die Stadt Köln etwa konnte ein neues Theater und einen Tierpark mit Hilfe der

Bankiersfamilie Oppenheim errichten, der Seidenhändler Adolf Schletter vermachte Leipzig seinen Besitz für den Bau eines Kunstmuseums. Und wie diese privaten Engagements, so entfalteten auch die Industrie-Stiftungen ihre Wirkung oft im direkten Umfeld der Spender und ihrer Unternehmen. Dazu gehörte etwa das Erholungsheim, das Siemens-Tochter Hertha 1906 errichten ließ, um den Arbeitern aus den väterlichen Betrieben einen preiswerten Urlaub zu ermöglichen. Nach der Zäsur des Zweiten Weltkriegs verstrichen noch einmal rund 20 Jahre, bis sich wieder mehr IndustrieStiftungen entwickelten. Die beiden Kriege mit anschließenden Inflationsund Wiederaufbauzeiten hatten das Stiftungsvermögen aufgezehrt, so dass bis in die 1960er Jahre hinein nur noch wenige handlungsfähig existierten. Doch die Erbengeneration gründete wieder: beispielsweise Gustav Schickedanz, der Gründer des Versandhauses Quelle (1965); der Unternehmer Herbert Quandt (1970 und 1980); UnterhaltungsgeräteHersteller Max Grundig (1972); Georg Karg, der Inhaber der Hertie-Kaufhäuser (1974); Motorenfabrikant Peter Klöckner (1984); der Spediteur Franz Haniel (1988) oder Kaffeeröster Klaus Johann Jacobs (1988). Die Stifter wandten sich von dem mittlerweile vom modernen Sozialstaat übernommenen Wohlfahrtsgedanken ab und neuen Aufgabenfeldern zu. Noch heute stellen die Unternehmer mit 44 Prozent die größte Stiftergruppe dar, fast ein Drittel der Stifter sind Frauen, fast die Hälfte haben keine Kinder. Der oder die vermögende StifterUnternehmer(in) von heute und damals will Steuern sparen und sich in Eigenregie um spezielle Problemlagen kümmern, sich da engagieren, wo sie oder er meint, dass es nötig sei. Die Rudolf-August Oetker Stiftung, 1999 gegründet vom Enkel des Backpulver-Erfinders, unterstützt beispielsweise denkmalpflege-

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rische Projekte, von der Sanierung einer maroden, 500 Jahre alten Dorfkirche bis zur Realisierung einer Ausstellung im Dresdner Residenzschloss. Zum Gedenken an seine Mutter und seinen Stiefvater schuf er zusätzlich im Jahr 2000 die Ida und Richard Kaselowsky-Stiftung. Jede Stiftung dieser Couleur wird immer noch maßgeblich von der Stifter-Persönlichkeit geprägt. Das birgt zwar die Gefahr einer steuerbefreiten Liebhaberei des Gönners, doch de facto fördert dieses private Vermögen oft zukunftsfähige Projekte, die dem Gemeinwesen zugute kommen und die ansonsten nicht gar nicht entstanden wären.

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Eine der größten deutschen Industriestiftungen ist die Robert Bosch Stiftung GmbH, die 92 Prozent an dem Unternehmen hält und ihre Aktivitäten aus der jährlichen Dividende bestreitet. Der 1861 geborene Bauern- und Gastwirtsohn Robert Bosch von der Schwäbischen Alb gründete nach seiner Lehre als Feinmechaniker und Arbeitsstationen im In- und Ausland 1886 in Stuttgart eine „Werkstätte für Feinmechanik und Elektrotechnik“. Mit dem Aufkommen des Automobils tüftelte man dort an verschiedenen Zündervarianten, bis der Artikel erfunden war, der Boschs Aufstieg zur Weltmarke garantierte: der Magnet-Zünder, der als „Zündkerze“ zur Standardausrüstung aller Otto-Motoren werden sollte. Niederlassungen und Produktionsstandorte von den USA bis nach Japan entstanden, immer neue Produkte wurden entwickelt, zunächst im Automobilsektor, später auch in den Bereichen Handwerk und Haushalt. Heute ist der Konzern weltweit führend unter den KfzZulieferern und in der Industrietechnik – und zwar in der Forschung wie in der Fertigung.

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Robert Bosch: Der Pragmatiker Mit einer Gabe von einer Million Mark an die Technische Hochschule Stuttgart, die er nur für ein Gastsemester besucht hatte, startete Bosch 1910 eine beispielhafte Reihe von Stiftungen. „Meine Absicht geht dahin, neben der Linderung von allerhand Not, vor allem auf die Hebung der sittlichen, gesundheitlichen und geistigen Kräfte des Volkes hinzuwirken“, schrieb er später. In der NS-Zeit bewahrte Bosch als Liberaler Distanz zum Regime. Sein langjähriger Privatsekretär und späterer Firmenchef Hans Walz half verfolgten Juden. Israel zeichnete ihn dafür nach Kriegsende als „Gerechter unter den Völkern“ aus. Bosch starb 1942 und verfügte in seinem Testament die Gründung einer Stiftung. Ihre Arbeit aufnehmen konnte die Robert Bosch Stiftung GmbH indes erst 1964, nachdem die Erben ihre Anteile bis auf 7,99 Prozent an diese übertragen hatten. „Hilfe zur Selbsthilfe“, so lautet ein zentrales Motto der Robert Bosch Stiftung GmbH, die gern da eingreift, wo sie vorbildliches Engagement vorfindet – und dieses dann weiter unterstützt. „Durch

die Gabe dürfen staatliche Leistungen nicht vermindert werden“, mahnte Robert Bosch seinerzeit. Insgesamt wurden 2005 gut 55 Millionen Euro ausgegeben. Boschs pragmatischer Geist prägt bis heute das Förderprogramm, das gesellschaftliche Probleme aufgreift und dabei hilft, vor Ort Lösungen zu erarbeiten. So beschäftigt sich die Stiftung mit dem hochaktuellen Thema des demographischen Wandels. Eine Expertenkommission wurde bestellt, um Vorschläge für die Besserstellung von Familien mit Kindern zu erarbeiten. Ihr Abschlussbericht „Starke Familie!“ wurde in der Öffentlichkeit viel diskutiert. Schon lange werden Projekte zur Verbesserung der Kranken- und Altenpflege befördert, seit 2002 wird die geriatrische Forschung vorangetrieben. Gerade junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler sollen für dieses Fachgebiet gewonnen werden. Um die Ausbildung seiner Arbeiter zu verbessern, hatte Bosch 1913 eine wegweisende Lehrwerkstatt eingerichtet. Auch die Stiftung kümmert sich heute um die Themen Erziehung und Bildung. Der 2006 neu ausgeschriebene Deutsche Schulpreis prämiert fünf Schulen, die sich weniger als Elite-Einrichtungen auszeichnen, sondern als modellhafte Initiativen in einem schwierigen Umfeld wirken. Darauf zielt auch der Hauptschulpreis, der 2007 erstmals an besonders engagierte Pädagogen verliehen wird. Viele sprachliche und soziale Defizite unserer Kinder haben ihren Ursprung bereits im Kindergartenalter. Das PiKProgramm (Profis in Kitas) von 2005 will für eine bessere Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher sorgen. Ferner geht Geld an Projekte wie „Besser integriert“ und „LISA“, die sich für die Integration junger Ausländer türkischer und russlanddeutscher Herkunft einsetzen. Diese Aktivitäten sollen in Zukunft intensiviert werden. In dem Zusammenhang erarbeitet die Stiftung gerade Strategien für die

Beschäftigung mit einem wichtigen Zukunftsthema: Migration aus Nordafrika und dem Mittleren Osten. Die Völkerverständigung war ein ureigenes Anliegen von Robert Bosch, der nach dem Ersten Weltkrieg schon europäisch dachte und, mutig genug, noch 1935 französische Frontkämpfer nach Stuttgart einlud. Für diesen Bereich wurde im Jahr 2005 mit insgesamt 17,1 Millionen Euro das meiste Geld ausgegeben. So initiiert die Stiftung Austauschprogramme mit Frankreich, den USA, der Türkei und Polen in Form von Journalisten- und Parlamentarier-Treffen sowie Gastaufenthalte für Nachwuchs-Führungskräfte. Ähnliche Projekte mit China, Japan und Indien sind geplant. In den Fokus der Förderaktivitäten sind nach dem Mauerfall die Länder Mittel- und Osteuropas gerückt. Schließlich hatte Bosch seinen Testamentsvollstreckern aufgegeben, die Richtlinien der Stiftung „den Veränderungen der Verhältnisse ständig anzupassen“. Deutsche Senior-Expertinnen und -experten beraten vor Ort die Ausbilder. Junge Spitzenbeamtinnen und -beamte haben wiederum in Deutschland die Gelegenheit, hiesige Verwaltungsstrukturen kennen zu lernen. Auch die Kultur dient der Bosch Stiftung als Mittel zum Dialog. So zeichnet der Adalbert-von-Chamisso-Preis jährlich deutsch schreibende ausländische Autorinnen und Autoren aus. 2005 bekam der türkischstämmige Schriftsteller Feridun Zaimoglu die Auszeichnung. Ein Dokumentarfilm-Projekt der bosnischen Regisseurin Jasmila Zbanic wurde finanziert, die 2006 mit „Grbavica“ den Goldenen Berlinale-Bären gewann. Traditionell unterstützt die Stiftung als größtes Einzelvorhaben das vom Unternehmer 1936 in Stuttgart begründete Robert-Bosch-Krankenhaus sowie die angegliederten medizinischen Forschungseinrichtungen – im Jahr 2005 mit 17,7 Millionen Euro. Boschs Engagement für das Gesundheitswesen mag auf per-

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sönliche Erfahrungen zurückgehen, denn sein Sohn Robert aus erster Ehe starb mit 30 Jahren an Multipler Sklerose. Außerdem war er ein Anhänger der Homöopathie, die er in seinem eigenen Haus als Heilmethode etablierte. Den grundsätzlichen Charakter der Stiftung macht indes ihre Kleinteiligkeit aus. Gemessen am großen Gesamtetat werden ausdrücklich auch kleine, aber modellhafte Initiativen gefördert. Die Stiftung legt Wert darauf, Qualitätsstandards zu entwickeln, an denen sich die Projekte und ihre Programme messen lassen. Qualität ist etwas, was für den bescheidenen Firmengründer Bosch im Zentrum unternehmerischer Tätigkeit stand: „Lieber Geld verlieren als Vertrauen“.

Alfred Toepfer: Der Wandervogel

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1919 gründete Alfred Toepfer in Hamburg am Großen Burstah seine Getreide- und Futtermittel Firma gleichen Namens. Er führte das Unternehmen, das rasch wuchs, mit väterlicher Strenge. Der Hanseat wurde 1894 im preußischen Altona, das damals noch nicht als Stadtteil zu Hamburg gehörte, in kleinen Verhältnissen geboren. Gegen seinen Willen machte er eine kaufmännische Lehre und schloss sie mit Bravour ab. In Abendkursen holte er die Mittlere Reife nach. Seine Jahre in der „Wandervogel“-Bewegung, Teil der gesellschaftlichen Reformkultur vor dem Ersten Weltkrieg, prägten den jungen Toepfer. Auf „Grenzwanderungen“ durch das Elsass und an heimatlichen „Nestabenden“ am Lagerfeuer erfuhr er kameradschaftliche Naturverbundenheit. Den dort gepflegten Patriotismus verinnerlichte er lebenslang. Nach der Niederlage des Deutschen Reiches 1918 entwickelte er eine Vision, die deutschen Minderheiten, etwa im Elsass, kulturell weiterhin eng an Deutschland zu binden. Diese Bestrebungen rückten ihn später

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in die ideologische Nähe der „Heim-insReich-Politik“ der Nationalsozialisten. Bereits 1928 spendierte er erstmalig aus seinem Handelskontor heraus 100.000 Reichsmark (nach heutigem Wert etwa eine Million Euro) an das Deutsche Jugendherbergswerk für Häuser in Nordschleswig (damals Dänemark), dem Burgenland (Österreich) und in Elsass-Lothringen (Frankreich) – alles Gegenden, in denen Deutsche in der Minderheit lebten. 1931 gründete Toepfer gleich zwei Stiftungen. Die Stiftung J.W.G. (nach Johann-Wolfgang Goethe benannt) in Vaduz. Und die Stiftung F.V.S. (nach den Freiherren vom Stein und Friedrich von Schiller) in Hamburg (heute Alfred Toepfer Stiftung F.V.S.). Mit der Stiftung suchte sich der junge Toepfer seine Möglichkeit, gesellschaftspolitisch zu wirken. Kern seiner Aktivitäten war die praktische „Volkstumsarbeit“ in der Fortsetzung des Jugendherbergsausbaus. Darüber hinaus machte sich die Stiftung vor allem als Preisstiftung einen Namen und verlieh zwischen 1935 und 1944 insgesamt 84

Preise. Jeder hatte sein Bezugsgebiet und wurde jährlich für „volksbewusste literarische Arbeiten“ verliehen. So wurde ein „Alemannischer Preis“ an einen Autor vergeben, der in der Schweiz und im Elsass, allesamt Toepfers Wandervogelziele, „Treuhänder deutscher Sprache“ war. Alle Preisverleihungen wurden mit der Reichsschrifttumkammer und Propagandaminister Joseph Goebbels persönlich abgesprochen. Die meisten Preisträger waren NSDAP-Mitglieder. 1937 wurde Toepfer für knapp ein Jahr inhaftiert. Man warf ihm Devisenvergehen vor. Nach seiner Freilassung musste er seine Stiftung an den Leiter der Volksdeutschen Mittelstelle abtreten, die mittlerweile den Volksbund für das Deutschtum im Ausland steuerte; 1942 übernahm er die Stiftung wieder. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte sie ihre Preis- und Stipendienvergaben fort, ohne allerdings öffentlich Rechenschaft über die Zeit vor 1945 abzulegen. Nach 1948 stellte die Stiftung die Förderung des „deutschen Volkstums“ in einen europäischen Kontext. Daraus entstand jedoch zunächst keine wirkliche Neuausrichtung. Denn bis in die 1970er Jahre hinein saßen durch das Dritte Reich belastete Personen in zentralen Funktionen. Nur zaghaft wandelte sich das Preisverleihungskonzept zu einem zeitgemäßen Programm für europäische Vielfalt. Gleichwohl wurde Harold Pinter, dem Literatur-Nobelpreisträger von 2005, bei der Toepfer Stiftung schon 1970 eine große Auszeichnung zuteil. Schließlich hat sich Alfred Toepfer auch, lange vor der Ökobewegung, als Pionier des Naturschutzes einen Namen gemacht: Durch sein Engagement entstanden von 1953 bis 1984 europaweit 64 Naturschutzparks – die Lüneburger Heide lag ihm besonders am Herzen. Nachdem Toepfer 1993 fast hundertjährig gestorben war, beauftragte die nun in Alfred Toepfer Stiftung F.V.S.

umbenannte Stiftung einen Kreis von Wissenschaftlern, Toepfers Vergangenheit kritisch aufzuarbeiten. Entstanden sind im Jahr 2000 zwei Bücher, die ein differenziertes Bild zeichnen und Toepfers Beziehungen zur NSDAP während der NS-Zeit klarstellen. Demnach war Alfred Toepfer weder Förderer der Nationalsozialisten vor 1933 noch Parteigänger des nationalsozialistischen Regimes. Rassismus und Antisemitismus lagen ihm fern. Er trug weder individuelle Mitverantwortung am Holocaust noch bereicherte er sich an „arisiertem“ jüdischen Vermögen. Gleichwohl hat er die nationalsozialistische Diktatur auch nicht bekämpft oder sich von ihr distanziert, sondern hat aus dem Geist der Zeit heraus insbesondere in seiner kulturellen Stiftungsarbeit die Nähe der Herrschenden gesucht und diese gestützt. Seit 1984 hält die Stiftung keine Anteile mehr am Konzern Toepfer International und vermehrt ihr Vermögen von heute rund 100 Millionen Euro selbst. Die derzeitigen Arbeitsschwerpunkte der Stiftung werden zwischen einem hauptamtlichen Vorstand und dem ehrenamtlich tätigen Stiftungsrat festgelegt, dem derzeit die Schwiegertochter Alfred Toepfers, Birte Toepfer, vorsteht. Alfred Toepfer selbst hatte in der Satzung der Stiftung einen beschränkten Einfluss der Familie nach seinem Tode festgelegt und der Stiftung zugleich aufgegeben, sich immer wieder zeitgerechten und zukunftsträchtigen Aufgaben zu widmen. Mit einer jährlichen Fördersumme von zwei bis drei Millionen Euro werden neue, aktuelle Themen aufgegriffen: Wegweisend ist die seit 2006 auf fünf Jahre angelegte Reihe „WerteDialog“ (dotiert mit 500.000 Euro), die verschiedene Projekte und Diskurse zum Thema „Was ist wichtig?“ initiiert. An Hauptschulen, wo Jugendliche mit schwierigen familiären Hintergründen zusammenkommen, begründete die Stiftung einen Wettbewerb

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zur Werteerziehung. Gute und nachahmenswürdige Beispiele werden prämiert – mittelfristig soll ein Mentorenprogramm den Hauptschulen bei der Umsetzung helfen. Der Kern der ursprünglichen Fördertätigkeit, die Preis- und Stipendienvergaben und der Naturschutz, wurden seit 2005 deutlich zurückgenommen. Heute gibt es in der Stiftung ein Sonderprogramm „Natur@toepfer“, das Toepfers volkstümlichen Ansatz modernisiert. Statt der noch 2004/2005 verliehenen 13 vergibt die Stiftung von 2007 an nur noch vier Preise. Unter dem neuen Motto „In Menschen investieren“ sind sämtliche Kulturpreise in den mit 75.000 Euro dotierten „Kairos“-Preis zusammengeführt. Ein gezieltes Stipendienprogramm fördert jährlich 30 bis 50 Studierende mit intensiver Betreuung und Vernetzung. Verschiedene neue Programmaktivitäten widmen sich etwa der Verbesserung der universitären Lehre oder der Innovation in Kulturbetrieben.

Alfried Krupp von Bohlen und Halbach: Der Stahlgigant

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Krupp ist der Name, der zur Ruhrgebietsmetropole Essen gehört und zwei Jahrhunderte Unternehmensgeschichte schrieb. Als Waffenschmiede fungierte das Familienunternehmen Krupp als einer der wichtigsten Kriegshelfer für Kaiser und Führer. U-Boote von Krupp verjagten Gegner der Deutschen im Ersten Weltkrieg, Geschütze wie die „dicke Bertha“ sorgten für das florierende Industrieimperium Krupp von Bohlen und Halbach. Krupp steht auch für Stahl von internationalem Rang. Nirosta und V2A sind weltbekannte Marken von Stahl, der dem Rost trotzt und mit denen der Konzern Millionen verdiente. Weil der Konzern mit den Nationalsozialisten paktierte, wurde Alfried Krupp von Bohlen und Halbach, der das Unternehmen von seinem Vater

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Gustav 1943 übernommen hatte, bei den Nürnberger Prozessen schuldig gesprochen und zu zwölf Jahren Haft verurteilt. Nach sechs Jahren begnadigt, stand er 1953 wieder an der Spitze seines Betriebes. „Der Zweck der Arbeit soll das Gemeinwohl sein“, so das Wort von Alfred Krupp, dem Sohn des Gründers. Er sicherte schon in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts seine 20.000 Arbeiter mit einem betrieblichen Sozialnetz ab. Seine Schwiegertochter Margarethe schaffte mit der „Margarethenhöhe“ Anfang des 20. Jahrhunderts neuen Wohnraum für die Essener Bevölkerung – die Margarethe Krupp-Stiftung für Wohnungsfürsorge existiert bis heute. Der letzte Krupp, Alfried (1907-1967), gründete in diesem Geist die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung, die nach seinem Tod ihre Arbeit aufnahm. Krupps gesamtes Vermögen ging auf die Stiftung über. Die Firma sollte in einer Hand bleiben – eine Stiftung schien geeignet, diese Vorgabe einzulösen. Sie sollte fortan jenseits von Erbstreitigkeiten und egoistischen Privatinteressen die Existenz des

Unternehmens dauerhaft sichern und die ihr zufließenden Erträge gemeinnützig verwenden. Alfrieds einziger Sohn, Arndt von Bohlen und Halbach, wurde zuvor großzügig abgefunden und verzichtete dann auf sein Erbe. 1968 war die Stiftung alleinige Gesellschafterin der Friedrich Krupp GmbH mit einem Stammkapital von 500 Millionen DM. Heute ist sie mit 23,58 Prozent die größte Einzelaktionärin der ThyssenKrupp AG. Die Stiftung wird seit Beginn von Berthold Beitz geleitet, dem großen Mann des Krupp-Konzerns. Er war enger Vertrauter Alfried Krupps und lange Jahre Generalbevollmächtigter der Friedrich Krupp AG. Die Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung gehört zu den festen Größen der deutschen Stiftungslandschaft, mit einem Fördervolumen von 17 Millionen (2004). In der Region fördern, langfristige Aufgaben übernehmen, in Not schnell helfen und wirksame Impulse geben, das sind die Leitlinien der Stiftung damals wie heute. Fast die Hälfte des Fördervolumens fließt bis heute in die Region Ruhrgebiet und direkt nach Essen. Hier lebte der Stifter, hier haben die Krupps ihre Geschichte. Ein weiteres Drittel des Geldes bleibt im restlichen Deutschland und 18 Prozent geht in ausländische Projekte mit Schwerpunkt Osteuropa. Im Fokus stehen Projekte aus Wissenschaft und Gesundheitswesen. Der Kern aller regionalen Förderungen ist das Alfried Krupp Krankenhaus in Essen. Was 1870 unter Alfred Krupp als Barackenlazarett für Verwundete des Krieges 1870/71 begann und als „Kruppsche Krankenanstalten“ weitergeführt wurde, ist heute eine moderne Klinik. Neue Wege in der Gesundheitsförderung geht die Stiftung mit dem vor drei Jahren geschaffenen Lehrstuhl für Naturheilkunde an der Universität Duisburg-Essen, dem ersten seinesgleichen in Deutschland. Ebenso engagiert sich die Stiftung seit 1989 (seit 2000 mit einem

eigenen Programm) in der Hospizarbeit. Schon früh erkannte die Stiftung den Betreuungsnotstand bei sterbenden Menschen. In den letzten fünf Jahren konnte 150 vorwiegend ambulanten Hospizgruppen in Deutschland geholfen werden. Wenige Tage nach der Maueröffnung beschloss die Stiftung ein Medizin-Soforthilfeprogramm von drei Millionen DM für Krankenhäuser in den neuen Bundesländern. Anhand von Bedarfslisten wurden Häuser in Mecklenburg-Vorpommern mit dem Nötigsten versorgt. Seitdem hat sich die Stiftung auf diese Region konzentriert. Ein langfristiges Programm setzt sich beispielsweise für den Bestand der Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald ein. Seit langem betreibt die Stiftung eine hochkarätige Wissenschaftsförderung. Der Alfred-Krupp-Förderpreis wird 2007 zum 28. Mal verliehen. Dotiert mit einer Million Euro auf fünf Jahre verteilt, verbessert er die Arbeitsbedingungen junger Hochschullehrerinnen und -lehrer. Stipendien- und Austauschprogramme mit China, Japan und Osteuropa ergänzen die Nachwuchsförderung. Ausländische Nachwuchskräfte etwa aus Brasilien oder dem Iran können sich in Deutschland fortbilden oder spezialisieren. Das neue Programm „Rückkehr deutscher Wissenschaftler aus dem Ausland“ (seit 2006 mit einem Gesamtetat von 2,5 Millionen Euro) zeigt, dass die Stiftung die schwierige Lage an den deutschen Hochschulen erkannt hat. Die Stiftung betreibt nicht nur Eliteförderung. Ihr Gespür für soziale Schieflagen zeigt sich in den Integrationsprogrammen für Migrantenkinder. Regionale „Schularbeit“ ist ein gewichtiger Schwerpunkt in Essen, der sich hier auf die Wurzeln Alfred Krupps besinnt. Er baute schon 1875 in Essen eine Volksschule und zwei Industrieschulen für Mädchen. Seit 1998 setzt ein umfangreiches Programm zur Bekämpfung von Jugendarbeitslosig-

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keit (Gesamtvolumen 15,3 Millionen Euro) mitten in den Schulen an. Außerhalb der Schulen werden arbeitslose junge Menschen so gefördert, dass sie in Arbeit kommen oder ihren Abschluss nachholen können. Weil nicht einmal fünf Prozent aller Gymnasialschülerinnen und -schüler in Nordrhein-Westfalen eine Naturwissenschaft als Leistungskurs wählen, und um wieder mehr Interesse für diese Fächer zu wecken, gründeten zwei Preisträger der Krupp-Stiftung 2001 mit fünf Millionen Mark ein bundesweit einmaliges Schülerlabor: Hier experimentieren die Jugendlichen in Sachen Physik, statt am Computer zu spielen, statt WalkmanBeschallung nehmen die Schülerinnen und Schüler der Klassen 5 bis 13 den Hammer in die Hand und erzeugen seismische Wellen auf einer grünen Wiese. „Wenn ich ein Hobby gehabt habe, so war es das Photographieren mit der Leica“, schrieb Stifter Alfried Krupp von Bohlen und Halbach einmal während seiner Haftzeit nach dem Zweiten Weltkrieg. Seit 1979 existiert eine enge Verbindung der Stiftung zur Fotografischen Sammlung des Museums Folkwang in Essen. Stiftungsprofessuren und Stipendien fördern noch heute, was Alfried Krupp so geliebt hat. Im August 2006 machte die Stiftung der Stadt Essen ein riesiges Kulturgeschenk: Mit 55 Millionen Euro ermöglicht die Stiftung den kompletten Neubau des Museums Folkwang – pünktlich zum Kulturhauptstadtjahr 2010 in Essen soll er fertig sein. Ähnlich wie die Alfred Toepfer Stiftung F. V.S. arbeitete die Krupp-Stiftung ihre heikle NS-Vergangenheit mit einer historischen Darstellung auf: Der Historiker Lothar Gall gab in den Jahren 2000 und 2004 zwei Bücher über die Krupp-Geschichte heraus, die von der Krupp-Stiftung unterstützt wurden. Dort wird klargestellt, dass die Krupps vom Zwangsarbeiterprogramm der Nazis pro-

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fitiert hatten. Darüber hinaus waren sie verantwortlich für die Misshandlungen von Gefangenen, KZ-Häftlingen und Deportierten, die in den Krupp-Betrieben zwangsbeschäftigt waren. Das Image eines Rüstungskonzerns abzustreifen, gehört seitdem zu seinen zentralen Unternehmenszielen. 1959 erkannte die Firma Friedrich Krupp ihre moralische Verantwortung für die von ihr beschäftigten Zwangsarbeiter und jüdischen KZHäftlinge an und bezahlte zehn Millionen Mark Wiedergutmachung.

„Zivilisiert den Kapitalismus!“ Alle Stiftungen, die aus deutschen Traditionsunternehmen heraus gegründet wurden, sind eng verknüpft mit deutscher Industrie-Geschichte – und oft auch historisch belastet. Die Konzerne blieben vielfach über Generationen hinweg in Familienhand. Das schuf eine besondere Beziehung zum erarbeiteten wie ererbten Besitz und ein Verantwortungsgefühl, das über das reine Gewinnstreben hinausging. Kümmerte sich die Gründergeneration zunächst um die Daseinsfürsorge für die Beschäftigten, teilten die Nachkommen den Wohlstand mit dem Gemeinwesen – als Stiftung. „Zivilisiert den Kapitalismus!“, so hatte die Publizistin und langjährige Herausgeberin der Wochenschrift „Die Zeit“, Marion Dönhoff, selbst Stifterin, das Prinzip Verantwortung für die heutige Zeit auf den Punkt gebracht. Die heutigen Stiftungen, die aus schwergewichtigen Imperien wie Krupp, Flick oder Thyssen hervorgingen, sind längst im 21. Jahrhundert angekommen. Die meisten agieren heute als moderne Reformwerkstätten. Sie haben die große Chance, mit ihren Erträgen unabhängig und nachhaltig zu handeln und bündeln wertvolles Wissen. Denn die Ergebnisse ihrer Studien, Gutachten, Modellprojekte und Förderungsinitiativen stehen Politik und Gesellschaft zur Verfügung.

© Breuninger Stiftung, Foto: Susanne Baur

„Ich glaube, dass Frauen anders stiften.“ Interview mit Dr. Helga Breuninger

Gemeinsam mit ihrem Vater Heinz hat die studierte Volkswirtin und promovierte Psychologin Helga Breuninger 1968 in Stuttgart die Breuninger Stiftung GmbH gegründet. Das notwendige Kapital entstammt dem Vermögen der Breuninger Warenhauskette, die aus dem 1881 eröffneten Stuttgarter Stammhaus für Textilien mit damals drei Mitarbeitern erwachsen ist. Helga Breuninger ist Chefin einer Beratungsfirma und in verschiedenen gemeinnützigen Initiativen aktiv. Mit der Breuninger Stiftung GmbH ist sie Gastgeberin internationaler Dialoge und schafft Foren für globale und lokale Zusammenarbeit. Ziel ist es, in den Bereichen Bildung und Gesundheit ein Umdenken zu erreichen und neue Wege zu erkunden.

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Woher stammt das Vermögen, das heute die Tätigkeit der Breuninger Stiftung ermöglicht? Das Geld stammt von meinen Vorfahren, weil sie alle sehr sparsam waren. Mein Vater hat ganz wenig Geld ausgegeben. Speziell im Schwabenland hat man das Geld vom Behalten. Über diese „Ethik des Nicht-Weggebens“ haben sich über Generationen große Vermögen angehäuft – wie auch im Fall der Familie Breuninger. Wie ist daraus ein Stiftergedanke entstanden? Mein Vater war 22 Jahre alt, als er aus dem Krieg kam. Er wollte eigentlich Historiker werden oder Arzt. Aber er musste für den gefallenen Nachfolger einspringen und die Firma Breuninger übernehmen. Er war dann mit 22 Chef des Warenhauses, in dritter Generation, allerdings nur mit einer Minderheitsbeteiligung. Das war eine schwierige Situation. Es dauerte über 20 Jahre, bis er die Mehrheit der Firmenanteile auf sich versammelt hatte. Und dann musste er schon die Nachfolge für sich regeln. Weil mein Bruder früh gestorben war und mein Vater sich nicht vorstellen konnte, dass ich als Tochter die Firma übernehmen würde, hat er seine Anteile 1968 in eine Unternehmensträgerstiftung eingebracht. Oberste Priorität hatte für ihn, die Anteilsmehrheit gebündelt zu halten, und dafür war die Stiftung eine gute Lösung. Die Kinder haben damit auf ihren Pflichtteil verzichtet. Hatten Sie je ein Problem damit, dass dadurch Ihr eigenes Erbe verloren geht? Nein. Das konnte ich auch meinen zwei Schwestern, die auch überzeugt werden mussten, so vermitteln. Nur so konnten wir ja die Stiftung gründen. Sie waren damals ebenfalls noch recht jung. Ich war 21 Jahre alt und habe die Stiftung gemeinsam mit meinem Vater gegründet. Ich wusste damals schon ziemlich genau, was ich wollte. Mein Volkswirtschafts-

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studium hatte ich abgeschlossen, war geprägt von den 68ern und der Meinung, dass Produktivvermögen in Privathand nicht zukunftsfähig ist. Ich war vollkommen davon überzeugt, dass es richtig ist, als Stiftung ein Unternehmen zu besitzen und die Erträge gemeinnützigen Zwecken wie Bildung, Medizin, Forschung und Kultur zukommen zu lassen. Die Robert Bosch Stiftung mit dem Weltkonzern Bosch ist ein Paradebeispiel dafür, dass dieses Konzept auch heute noch durchaus attraktiv ist. Haben Sie gleich in der Stiftung gearbeitet? Solange mein Vater lebte, hat er entschieden, was gefördert wurde. Ich befand mich noch in der Ausbildung. Aber klar war, dass ich die Stiftung gestalten wollte, wenn er nicht mehr da sein würde oder nicht mehr wollte. Wenn ich schon auf meinen Pflichtteil verzichtet hatte, dann wollte ich wenigstens in der Stiftung mitarbeiten. Wie sind Sie zur Leiterin der Stiftung geworden? Nach dem Tod meines Vaters 1980 war ich Kuratorin und habe selbstständig nur den Forschungsbereich der Psychoanalyse geleitet. Da ich als Tochter des Stifters im Kuratorium saß, musste ich mir bei meinen Kollegen erst die Akzeptanz für meine fachlichen Qualifikationen erwerben. Mein Budget war natürlich noch sehr klein, mir standen jährlich 300.000 DM zur Verfügung, so dass ich damit keine eindrucksvollen Ergebnisse erzielen konnte. Außerdem konnte ich nicht voraussetzen, dass sich jeder in meinem Kuratorium und im Vorstand für Psychoanalyse interessierte. Also habe ich ein Programm mit einem Schulfreund meines Bruders ausgeheckt, das sowohl für die Psychoanalyse einen Nutzen stiften als auch mir die Anerkennung verschaffen sollte. Prof. Horst Kächele, der in Ulm einen Lehrstuhl für Psychoanalyse innehatte, half mir ganz wunderbar bei der

Umsetzung. Er suchte zehn der fähigsten Absolventen bundesweit aus. Diesen haben wir angeboten, sie ein Jahr lang mit 30.000 Mark zu unterstützen, damit sie einen Antrag an die Deutsche Forschungsgemeinschaft stellen konnten. So haben wir dann zwei bis drei Millionen DM an Mitteln der DFG akquiriert. Dieses Verhältnis von Mitteleinsatz zu Ertrag hat mein Kuratorium und auch den Stiftungsvorstand überzeugt. Danach hatte ich die nötige Akzeptanz. Seither hat es dem Kuratorium und dem Vorstand immer wieder imponiert, dass ich teure Projekte in Public-Private-Partnership durchgeführt habe. Die Leitung der Stiftung habe ich seit etwa 15 Jahren. Sie haben in der Stiftung früh Inhalte vorgegeben, die aus Ihrer Ausbildung der Psychologie und der Ökonomie stammen. Wie wichtig ist persönliche Erfahrung beim Stiften? Stiftungen werden von Menschen geprägt, die sich selbst einbringen. Je kompetenter und engagierter sie zu Werke gehen, je sozialunternehmerischer sie sind, desto effizienter arbeiten sie. Wie in der Wirtschaft muss man wissen, dass man Mitbewerber hat. Man muss entweder besser sein als die Anderen, etwas Anderes oder etwas Gemeinsames mit den Anderen machen. Was kann eine Breuninger Stiftung bewegen? Wir sind eine mittlere Stiftung mit einem Vermögen, das uns eine siebenstellige Summe jährlich erwirtschaftet. Das erlaubt uns eine gute Infrastruktur. Wir haben fünf feste Mitarbeiter, ein Büro in Stuttgart und ein Konferenzzentrum in Kanada für unsere internationalen Begegnungen. Wir sind der Meinung, dass wir am meisten bewegen können, wenn wir Persönlichkeiten zusammenbringen, die voneinander und miteinander lernen und zusammen sehr viel mehr verändern können als jede alleine. Wir sind überzeugt, dass die gesellschaftspolitischen Heraus-

forderungen nur in Zusammenarbeit von Expertengruppen, Zivilgesellschaft und Staat(en) gelöst werden können. Dafür braucht es lokal und international neutrale Foren, die diese Zusammenarbeit professionell koordinieren und finanzieren, denn nur dann sind sie unabhängig. Der Gastgeber muss völlig selbstlos sein. Wir sehen uns als „Architekten“ solcher Foren. Auf internationaler Ebene betreiben wir unser eigenes Forum in Kanada und lokal finden wir es effizienter, unsere Ressourcen der Bürgerstiftung Stuttgart zur Verfügung zu stellen. Sie sollte genau jenes Forum sein, auf dem Stadt, Land, Organisationen und Bürger gemeinsam handeln können. Wie kann die Bürgerstiftung Stuttgart diese Rolle wahrnehmen? Das Geschäftsmodell der Bürgerstiftung funktioniert so: An Runden Tischen werden zu konkreten Themen alle Akteure zusammengebracht, Bedarfe festgestellt und Lösungen entwickelt. Das Geld für die Erprobung der Lösungsmodelle beschafft die Bürgerstiftung. Ziel ist es, eine so hohe Glaubwürdigkeit zu erreichen, dass die wohlhabenden Bürger über Treuhandstiftungen dazu beitragen, dass erfolgreiche Lösungen nachhaltig in der Stadt verankert werden. Welchen Themen widmet sich die Bürgerstiftung Stuttgart? Hier geht es um die großen Themen der Stadtgesellschaft: Kinderfreundlichkeit, das Miteinander der Generationen und Kulturen und das Leben im Alter. Eine ältere Bürgerin hat durch eine Treuhandstiftung schon dafür gesorgt, dass wir mit dem Thema „Leben im Alter“ beginnen konnten. Aus den Erträgen ihrer gestifteten zwei Millionen Euro haben 2006 bereits mehrere Runde Tische stattgefunden. So entsteht ein Netzwerk zwischen Kliniken, Pflegeheimen, Sozialamt, Diakonie, Hospizen, Sitzwachen, Brückenschwestern und vielen anderen Partnern, in dem neue Lösungen gemeinsam be-

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raten und umgesetzt werden. Konkrete Projekte sind bereits entstanden. So gibt es jetzt Fortbildungskurse für Bürgerinnen und Bürger, wie Angehörige und Nachbarn gepflegt und beim Sterben begleitet werden und die Familien in der Trauerphase unterstützt werden können. Da auch immer mehr im Ausland geborene Menschen bei uns – also aus ihrer Sicht in der Fremde – sterben, wird die zweite Generation dieser Zuwanderer über gemeinsame Bustouren motiviert und in Hospitationen qualifiziert, sich ehrenamtlich zu engagieren. 2007 wollen wir ein Palliativ-Forum initiieren und vor allem den Pflegeheimen helfen, das Schmerzmanagement zu verbessern. Sie halten viel von Kooperationen. Manche Stiftungen scheuen die Zusammenarbeit, weil sie glauben, sie verlören dabei Profil. Stiftungen können sich selbstloses Handeln leisten. Man verliert in der Kooperation sicherlich die Leuchtturmrolle und damit die kurzfristige öffentliche Aufmerksamkeit. Das ist für mich aber nicht dasselbe wie das Profil. Ich hoffe, der Breuninger Stiftung gelingt es, ihr Profil durch die Kooperation zu schärfen. Unsere Partner werden das zu schätzen wissen. Manchen Stiftungen reicht es, wenn nur wenige Insider wissen, wofür sie stehen und was sie können. Mit der Schärfung des Profils verbessert die Stiftung ihre inneren Strukturen und konzentriert sich, wie man in der Wirtschaft sagen würde, auf ihre Kernkompetenz. Stiftungen können, müssen aber nicht wie Marken aufgebaut werden, obwohl sie viel vom Marketing lernen können. Der Stiftungszweck bestimmt, welchen Stellenwert die professionelle Kommunikation mit der Öffentlichkeit erhält. Die Mehrzahl der Stiftungen agiert auch leise wirkungsvoll. Sie lindern Not, finanzieren Krankenhäuser, Universitäten und wunderbare Projekte, und dann stehen diese in der Aufmerksamkeit. Stiftungen

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können es sich leisten, die Inhalte in den Vordergrund zu stellen und selbst nicht im Mittelpunkt zu stehen. Die Robert Bosch Stiftung oder die Körber-Stiftung sind für mich in diesem Punkt Vorbilder. Die Stifter waren beispielhafte reife Persönlichkeiten, die ihre Stiftungen nicht als Denkmäler um sich selbst herum aufgebaut haben. Wie passt man neue Bedürfnisse der Gesellschaft, etwa die Betreuung älterer Migrantinnen und Migranten, an einen Stiftergedanken an, der in einer ganz anderen Zeit entstanden ist? Da treffen Sie einen Nerv im Stiftungswesen! Auf der einen Seite hilft es, das Stiftungsziel so klar wie möglich zu formulieren, um das Profil zu schärfen. Auf der anderen Seite muss es so offen sein, dass es jeweils aktuell interpretiert und neuen Bedürfnissen angepasst werden kann. Mein Vater und ich haben seinerzeit einen großen Blumenstrauß an Stiftungszwecken definiert – von der Kunst bis zur Wirtschaft. Dieser Freiraum erfordert jedoch die Festlegung von jährlichen Schwerpunktthemen, um nicht beliebig zu agieren. Glauben Sie, dass die Tatsache, dass Sie eine Frau sind, Ihre Arbeit beeinflusst? Zunächst mal schlicht ein einfaches Ja. Ich arbeite als Frau anders als ein Mann. Gisela Erler, die Tochter des großen Politikers, hat einmal gesagt, Frauen und Männer sind verschieden und gleichwertig. Das schicke ich allen Ausführungen voran. Das Geschlechterdilemma besteht aus meiner Sicht einzig und alleine in der historisch gewachsenen Hierarchie: Der Mann oben, die Frau unten. Dagegen wehren sich die Frauen zu Recht. Ich bin überzeugt, dass auch hier die Lösung im gegenseitigen Respekt und in der Teamarbeit liegt. Die Ergebnisse aus der Geschlechterforschung zeigen, dass die Unterschiede zwischen einzelnen Frauen größer sind als jene zwischen Frauen und

Männern. Das heißt, wir müssen ohne frauentypische Merkmale auskommen und eher von Frauentypen sprechen. Wenn ich als Frau für Frauen spreche, dann kann ich diese Aussagen auf meinen Typus ausdehnen und deshalb versuche ich zunächst meinen Typ zu definieren: Ich bin kreativ, sozialkompetent, extrovertiert, selbstbewusst, lösungs- und handlungsorientiert – das bezeichnet man als Unternehmerqualitäten. Ich bin philanthropisch auf die Menschheit als Kollektiv bezogen. Ich bezeichne mich selbst als Visionärin und Macherin, als „Sozialunternehmerin“. Die Frage ist, wie viele Sozialunternehmerinnen gab und gibt es in Deutschland, die Stifterinnen sind? Welche Eigenschaften muss eine Sozialunternehmerin haben? Sozialunternehmerinnen wollen sich nicht in Hierarchien erschöpfen, denn das kostet viel Energie, und die fehlt dann der Sache. Sie führen auch nicht gerne andere Menschen. Sie erwarten, dass diese sich selbst führen. Schließlich sind sie von ihren Eltern, Lehrerinnen und Lehrern lange genug erzogen und ausgebildet worden. Sozialunternehmerinnen stiften gerne an und setzen sich große Ziele. Sie wollen etwas bewirken und suchen sich dafür starke Partnerinnen und Partner. Sie finden es selbstverständlich, ihre Zeit und ihr Geld in kulturelle und soziale Projekte zu „investieren“. Das ist ihre Handschrift. Sie setzen ihre Mittel ergebnis- und zielorientiert ein und freuen sich darüber, wenn möglichst viele Menschen von dem Ergebnis profitieren. Man könnte sagen, Sozialunternehmerinnen sozialisieren den Profit. Gibt es ein Netzwerk zwischen Stifterinnen und Erbinnen, die ihr Kapital gemeinnützig verwalten? Ich sage auf Fragen ungern nein, denn eigentlich gibt es fast alles, wir wissen es nur nicht. Auf der Suche nach solchen Netzwerken bin auf Ise Bosch gestoßen, die das Pecunia Erbinnen-Netzwerk

mitgegründet hat. Nun muss es mir noch gelingen, mit ihr persönlich zusammenzutreffen. Dann wird sich ergeben, was zusammen geht. Ich möchte mich gerne als Aktivistin in solche Netzwerke einbringen. Sie sind notwenig, weil wir Frauen als Stifterinnen noch keine große Lobby haben. Warum rücken erst heute Frauen stärker ins Stiftungsrampenlicht? Mein Gymnasium war das Königin-OlgaStift. Als Schülerin habe ich mir vorgestellt, wie Königin Olga unsere Schule gestiftet hat, und ich bin ihr heute noch dankbar dafür. Die Schulbehörde konnte ich mir als Initiatorin nicht vorstellen, aber Königin Olga schon. Ich liebte meine Schule und fand die Atmosphäre auch gar nicht schulbürokratisch, sondern unserer Königin würdig. Wir haben gelacht, getanzt, Theater gespielt und unsere Lehrer waren Menschen zum Anfassen. Als wir eine neue Turnhalle brauchten und die Schulverwaltung uns das Geld dafür nicht geben wollte oder konnte, haben wir eine Schuloper erfunden, ein Benefizsommerfest organisiert und damit das Geld gesammelt. Ob unsere Einnahmen die Turnhalle finanzieren konnten, weiß ich nicht, aber die Turnhalle gab es dann. Wo ein Wille, da ein Weg. Das hätte unserer Königin gefallen. Sie wäre stolz auf uns gewesen. In der Monarchie traten wohlhabende Frauen sehr viel selbstbewusster öffentlich auf und hatten beispielsweise als Salonièren eine wichtige und anerkannte gesellschaftliche Funktion. Ich bin sicher, dass diese Frauen permanente Kulturförderung betrieben haben, es wurde aber nicht so genannt. Sie haben keine Stiftungen von Dauer gegründet, sondern ihr Vermögen verbraucht, indem sie die erheblichen Kosten für alle Feste und Veranstaltungen übernommen haben. Ohne ihre Person hätten die Begegnungen nicht diese Wirkung entfalten können. Ich verstehe mich selbst mit meiner Kultur der Begeg-

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nung als eine moderne Salonière und habe deshalb auch eine Verbrauchsstiftung. Ich kann mein Stiftungsvermögen also ebenfalls verbrauchen. Ich glaube, Frauen haben immer schon eine große Rolle bei Stiftungen gespielt. Die meisten Stiftungen wurden von Ehepaaren gegründet. Wer weiß, wie viele Frauen die Stiftungsentscheidung initiiert und durchgesetzt haben. Das wäre eine eigene Studie wert: Cherchez la femme. Hinter jedem mächtigen Mann steht eine mächtige Frau. Was sich geändert hat, ist eher unsere Wahrnehmung als der Sachverhalt. Es fällt uns heute mehr auf, wie Frauen selbstständig und selbstbewusst öffentliche Rollen besetzen. Frau hat sich emanzipiert. Frau steht nicht mehr nur an „seiner Seite“, sondern sagt selbst öffentlich, was sie will. Auch gemeinnützige Arbeit funktioniert nicht ohne Eigennutz. Was kommt für Sie persönlich dabei zurück? Bleiben wir beim Beispiel der Salonière. Wenn es mir gelungen ist, die richtigen Menschen zusammenzubringen, eine Stimmung entstanden ist, die begeistert, inspiriert und mitreißt und ich bin mittendrin, dann ist es für mich beglückend und erfüllend. Als Sozialunternehmerin begeistert es mich, wenn meine Ideen funktionieren und sich verselbstständigen. Beispielsweise mein Projekt der „Vorlesepaten“. Um was geht es dabei? Als ich die PISA-Studie gelesen habe, stand auf Seite 28 unten lakonisch, dass die Lesekompetenz deutscher Schüler so schwach sei, weil die Eltern ihren Kindern nicht mehr vorlesen würden. Hörbücher, der Fernseher und der Computer hätten das Vorlesen ersetzt, aber nicht die Lese122

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motivation geweckt. Am nächsten Tag habe ich bei der Direktorin der Stadtbücherei angerufen und sie gefragt, wie wir eine Kampagne organisieren könnten, damit in allen Stadtteilen ehrenamtliche Paten den Kindern Geschichten vorlesen. Zusammen mit Jugendamt und Literaturhaus entstand in einer Gemeinschaftsaktion ruckzuck ein wunderbares Projekt, und wir von der Breuninger Stiftung haben die Koordinationsstelle bezahlt. Ehrenamt muss professionell qualifiziert und koordiniert werden, sonst verpufft es. Dieses Jahr haben wir auf der Frankfurter Buchmesse den ersten deutschen Vorlesepreis bekommen. Jetzt lesen in Stuttgart 360 Ehrenamtliche den Kindern zwei-, dreimal die Woche vor. Sie sind seit 2006 im Beirat des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen. Was ist dort Ihre Aufgabe? Ich bringe die Erfahrung mit, selbst Stifterin und Stiftungsmanagerin zu sein. Ich habe Vereine und Fachverbände gegründet. Und ich treibe mein Herzblutthema Kooperation voran, indem ich als moderne Salonière die richtigen Menschen zur richtigen Zeit mit den richtigen Themen zusammenbringe. Ich bin überzeugt, dass die Zeit vorbei ist, in der wir alle unabhängig nebeneinander arbeiten. Sondern dass wir jetzt reif dafür sind, uns abzustimmen, uns miteinander abzusprechen und uns auf gemeinsame Ziele zu verständigen, für die jeder seinen individuellen Beitrag leistet. Nicht jede Stiftung muss das Rad neu erfinden. Große Themen wie Arbeit oder Bildung sind so dicke Bretter, die kann keine Stiftung alleine bohren. Das Interview führte Reiner Klingholz.

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Das „Neue Geld“

Ein besonderer Aspekt des „Stiftungsbooms“ der letzen 15 Jahre ist die zunehmende Bedeutung eines neuen Stiftertyps, der gelegentlich mit dem Schlagwort „Neues Geld“ beschrieben wird. Wie der Name suggeriert, handelt es sich hierbei um Stiftende, die nicht zum alten Geldadel gehören, in der jüngeren Vergangenheit und in relativ kurzer Zeit durch eigene Leistung zu hohem Vermögen gekommen sind und bereits vor Eintritt in den Ruhestand einen erheblichen Teil dieses Vermögens der Gesellschaft in Form von Stiftungen zurückgeben. Aber es ist nicht nur ihre spezielle Biographie, die diese Stifter auszeichnet, sondern vielfach auch die Art und Weise, in der sie stiften. Da es sich meist um besonders erfolgreiche Unternehmerpersönlichkeiten handelt, tragen sie auch unternehmerische Prinzipien in die Stiftungsarbeit hinein. Hierzu zählen Innovationsbereit-

schaft, strategisches Investieren anstelle von kurzfristiger Projektförderung, Mut zum Risiko, professionelle Managementmethoden, aktives persönliches Engagement bei der Arbeit der Stiftung. Diese Philanthropen bemühen sich darum, die Effektivität ihrer Stiftungsarbeit zu messen und die Strukturen und Prozesse der Stiftung zu optimieren und so effizient wie möglich zu gestalten. Obwohl es diese Bemühungen in der einen oder anderen Form schon immer gegeben hat, stellen sie doch in ihrer Summe eine neue Qualität dar, nicht zuletzt auch, weil andere Stiftungen bei der Besetzung der Geschäftsleitung eben nicht auf überproportional erfolgreiche Unternehmerpersönlichkeiten bauen können. In den angelsächsischen Ländern hat das „Neue Geld“ die Stiftungslandschaft bereits nachhaltig verändert. Und auch in Deutschland spielt es inzwischen eine wichtige Rolle.

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Ein prominenter Vertreter des neuen Stiftertypus ist der Mitbegründer des größten deutschen Soft wareunternehmens SAP, Klaus Tschira. Die von ihm 1995 in Form einer gemeinnützigen GmbH gegründete Klaus Tschira Stiftung verfolgt insbesondere das Ziel, das Verständnis der Öffentlichkeit für Naturwissenschaften, Mathematik und Informatik zu fördern.40 Der Schwerpunkt der Stiftungsarbeit liegt auf Forschungsvorhaben der angewandten Informatik, der Natur wissenschaften und der Mathematik, auf Schülerprojekten in den Bereichen Naturwissenschaften, Mathematik, Informatik, auf der Lehre an staatlichen und privaten Hochschulen sowie auf einzelnen Projekten im Bereich Denkmalpflege und Kultur. Der Stifter, ein leidenschaftlicher Naturwissenschaftler und ausgebildete Physiker, brachte etwa die Hälfte seines auf über vier Milliarden Euro geschätzten Vermögens in die Stiftung ein.41 Nach langjähriger Tätigkeit im Vorstand der SAP AG gehört Klaus Tschira heute dem Aufsichtsrat an. Er wurde für sein gemeinnütziges Engagement mit dem Deutschen Stifterpreis des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen ausgezeichnet. Seine Stiftung war 2005 die sechstgrößte privatrechtliche Stiftung Deutschlands. Aber nicht nur der Stiftungszweck, sondern auch das institutionelle Umfeld der Stiftung spiegelt den unternehmerisch-wissenschaftlichen Hintergrund des Stifters wider. Die Stiftung hat gemeinsam mit zwei anderen von Klaus Tschira gründeten Institutionen ihren Sitz in der Heidelberger Villa Bosch: Im privaten Forschungsinstitut für Informationstechnik EML Research (einer gemeinnützigen GmbH) betreiben 60 Mitarbeiter Grundlagenforschung. Diese wird vor wiegend von der Stiftung gefördert, aber auch vom Bundesministerium für Bildung und Forschung und von Privatunternehmen. Im gleichen Gebäudekomplex findet

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sich darüber hinaus die Firma European Media Laboratory, die auf Technologietransfer in der IT-Branche spezialisiert ist. Dieses Zusammenspiel zwischen privat finanzierter Forschung, technologiegetriebenem Unternehmertum und moderner Philanthropie – in Nachbarschaft zur traditionsreichen Universität Heidelberg – ist in der Umgebung von San Francisco, Boston oder Cambridge häufig zu finden. Im deutschsprachigen Raum ist es bisher eher eine Seltenheit. Zeitgleich mit Klaus Tschira etablierte ein zweiter Mitbegründer von SAP, Dietmar Hopp, ebenfalls eine Stiftung, die mit einem Kapital von gut vier Milliarden Euro inzwischen die zweitgrößte privatrechtliche Stiftung Deutschlands ist.42 Die Dietmar-Hopp-Stiftung fördert Projekte in den Bereichen Medizin, Bildung, Soziales und Jugendsport und hat eine ausgesprochen schlanke Struktur: Weniger als ein Prozent des Stiftungseinkommens fließen in die Verwaltung, und der Stifter entscheidet mit Unterstützung von Beratern persönlich über die Auswahl der zu fördernden Projekte. Dietmar Hopp übertrug der Stiftung etwa zwei Drittel seines Privatvermögens. In den ersten zehn Jahren ihres Bestehens schüttete die Stiftung Mittel in Höhe von 115 Millionen Euro aus. Aufgrund der Heimatverbundenheit des Stifters fließen die meisten Fördermittel in die Region um Heidelberg. Hier engagiert sich Dietmar Hopp auch anderweitig als Mäzen. So unterstützt er den Mannheimer Eishockeyclub oder die TSG Hoffenheim. Dieses Beispiel zeigt, wie weit persönliche Erfahrung beim gemeinnützigen Engagement eine Rolle spielt. Hopp, der in seiner Jugend in der Fußballmannschaft der TSG Hoffenheim spielte, hat es mit seinem Engagement geschafft, den Verein von der A-Klasse aus mehrfach aufsteigen lassen. Zudem hat die TSG den Bundesligaverein Bayer Leverkusen aus dem DFB-Pokal werfen können.

Hopp kommt mit seiner Stiftungsarbeit der sozialen Verpflichtung nach, der sich, so Hopp, jeder Wohlhabende stellen muss.43 Neben schlanken Verwaltungsstrukturen findet sich bei seinem Engagement noch eine weitere, bei Unternehmern weit verbreitete Tendenz beim Stiften. Die Dietmar-Hopp-Stiftung konzentriert sich auf investive Ausgaben in Bildung und Wissenschaft, die oft nachhaltiger wirken als rein karitatives Engagement. Aber auch ein dritter SAP-Gründer findet sich nicht nur gemeinsam mit Klaus Tschira und Dietmar Hopp unter den 15 reichsten Bundesbürgern, sondern auch unter den aktivsten Philanthropen der Republik: Laut Managermagazin verfügt Hasso Plattner über ein Privatvermögen von fünf Milliarden Euro und war mit 39 Millionen Euro im Jahr 2005 der spendabelste Deutsche.44 Sein bisher größtes gemeinnütziges Engagement war die Errichtung des Hasso-Plattner-Instituts für Softwaresystemtechnik (HPI) in Potsdam im Jahr 1998. Gemeinsam mit dem Land Brandenburg, das ein Grundstück und die Anbindung an die Universität Potsdam zur Verfügung stellte, gründete die Hasso-Plattner-Stiftung für Softwaresystemtechnik im Rahmen einer Public Private Partnership das HPI, dessen Trägerin die Stiftung ist. Sowohl mit dem Konzept der Lehre wie auch mit der rechtlichen Struktur des Instituts betrat Hasso Plattner in Deutschland Neuland.45 Jährlich beginnen 80 Studenten und Studentinnen ihre Ausbildung zum SoftwareIngenieur. Ziel des Institutes ist es, mit erstklassiger Ausbildung und Forschung dazu beizutragen, dass sich in der deutschen Softwareindustrie eine international konkurrenzfähige Ingenieurskultur entfaltet. Der Stifter, heute Aufsichtsratsvorsitzender der SAP AG, hat nicht nur Mittel in Höhe von insgesamt 200 Millionen Euro zugesichert, um das Institut in den ersten 20 Jahren vollständig zu

finanzieren. Er unterrichtet auch selbst an der Einrichtung, stellt seine Kontakte in die Industrie zur Verfügung und hat in unmittelbarer Nachbarschaft zum HPI eine Risikokapitalgesellschaft gegründet, die jungen Unternehmen in der IT-Branche Starthilfen gewährt. Die Software- und Computer-Industrie scheint ein ideales Pflaster für potenzielle Stifter zu sein – wohl auch deshalb, weil hier ein besonders rapides Wachstum eines Unternehmens möglich ist. Was Bill Gates, William Hewlett oder David Packard für die USA sind, wird in Deutschland nicht nur durch die SAPGründer aus Walldorf repräsentiert, sondern auch durch Peter Schnell, den Gründer der zweiten großen Softwareschmiede im benachbarten Darmstadt. Im Jahr 1969 baute Schnell mit einigen Kollegen die Software AG auf und übertrug 1992 den Großteil seiner Firmenanteile auf die von ihm ins Leben gerufene Software AGStiftung. Sie war 2005 die achtgrößte privatrechtliche Stiftung des Landes und verfügte über ein Vermögen von 800 Millionen Euro. Im Jahr 2005 wurden 18 Millionen Euro an 280 Projekte ausgeschüttet. Schnell widmet sich aktiv der Arbeit seiner Stiftung und wählt zusammen mit etwa 30 Mitarbeitern aus knapp 1.000 Anträgen im Jahr förderwürdige Projekte in den Bereichen Bildung und Erziehung, Altenhilfe- und Behindertenhilfe, Medizin und nachhaltige Landwirtschaft aus.46 Seine Motivation zu diesem Engagement formuliert Schnell, ebenfalls Träger des Deutschen Stifterpreises, wie folgt: „Die Verfügungsgewalt über solche Vermögenswerte […] begründet kein Recht [zum Ausleben von Egoismen], sondern eine hohe Verantwortung der Welt gegenüber. Man kann diese Verantwortung ignorieren, ablehnen oder sie ergreifen. Wir wollen sie ergreifen.“ 47 Da die Software AG-Stiftung nicht selbst operativ tätig ist, sondern Projekte anderer Träger nach vorgegebenen

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Kriterien unterstützt, kann sie in viele Bereiche der Gesellschaft hineinwirken und Multiplikatoreffekte erzielen. Bei der Förderung wird vor allem auf den altbewährten Grundsatz „Hilfe zur Selbsthilfe“ sowie auf die langfristige Tragfähigkeit der Projekte geachtet. Für Investitionen wird jeweils nur ein Teilbetrag zur Verfügung gestellt – etwa als Anschubfinanzierung, unter anderem, um auf diese Weise zugleich andere Mittelzuflüsse zu aktivieren. Eine Gemeinsamkeit vieler von Unternehmern gegründeten Stiftungen ist, dass ein Teil des Stif tungskapitals in Anteilen an ihren Firmen angelegt ist. So hält etwa die Dietmar-Hopp-Stiftung neun Prozent an SAP und die Software AGStiftung über 30 Prozent an der Software AG. Dies gibt es auch bei älteren Unternehmensstiftungen wie der Bertelsmann oder Robert Bosch Stiftung und es dient teilweise dem Schutz des Unternehmens, auch vor Übernahmen. Insofern gleicht der Anspruch des „Neuen Geldes“ im Stiftungswesen den namhaften älteren Stiftungen: Die Stiftung dient auch der Nachhaltigkeit des Unternehmens und hat damit den positiven Nebeneffekt, Arbeitsplätze zu sichern. Ein zentrales Charakteristikum des „Neuen Geldes“ im Stiftungswesen, das bisher in Deutschland deutlich schwächer ausgeprägt ist als in einigen anderen Ländern, ist das soziale Unternehmer tum. Das hatten zwar auch schon die klassischen deutschen Unternehmer wie Robert Bosch vor Augen, aber USStifter wie Bill Gates, George Soros oder Warren Buffet haben nicht nur gigantische Vermögen gestiftet, sondern sie entwickeln mit ihrem unternehmerischen Anspruch auch gänzlich neue Ansätze im Stiftungswesen. Und diese lassen damit die großen traditionellen Stiftungen wie die Ford, Rockefeller oder Getty Foundation geradezu schwerfällig erscheinen.

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Diese philanthropischen Unternehmer bedienen sich Managementmethoden und Marktmechanismen, um soziale Probleme zu lösen; in einigen Fällen verwischen sogar die Grenzen zwischen Privat wirtschaft und Stiftungswesen zu einer so genannten „Hybrid Philanthropie“. Die Gates Foundation etwa geht Public Private Partnerships mit Pharmaunternehmen ein, um Medikamente für Krankheiten zu ent wickeln, die insbesondere Menschen in Entwicklungsländern heimsuchen. Eine der weltweit erfolgreichsten Innovationen der letzten Jahrzehnte in puncto soziale Entwicklung ist der Bereich der Mikrokredite, der durch die Grameen Bank in Bangladesch zur Perfektion entwickelt und deren Gründer Muhammad Yunus 2006 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet wurde. Ein weiteres Beispiel ist das Ashoka-Netzwerk, das weltweit soziale Unternehmungen unterstützt und den Gedanken des sozialen Unternehmertums als eine der wichtigsten Triebfedern des sozialen Fortschrittes propagiert.48 Einen noch radikaleren Ansatz verfolgen die beiden Google-Gründer Larry Page und Sergey Brin, indem sie 2006 die Google Foundation mit einem Stiftungsvermögen von einer Milliarde Dollar gründeten, um ausschließlich kommerziell orientierte Initiativen mit sozialem Nutzen zu unterstützen. Der Ökonomieprofessor Mohammad Yunus glaubt, dass dieses soziale Unternehmertum das Potenzial hat, die Welt zu verändern, weil es den Kapitalismus mit dem Gemeinnutz verschmilzt.49 Denn gerade große Unternehmer, die sich philanthropisch engagieren, haben ein gewachsenes Interesse, Profite zu generieren – aber oft eben auch, Gutes zu tun. Investoren im sozialen Bereich streichen demnach keine Gewinne ein, sondern lassen sie in ihr soziales Unternehmen einfließen, um damit die Arbeit zu verbessern. „Ein soziales Unternehmen

zahlt keine Dividenden und macht keine Verluste“, sagt Yunus. Anders als etwa der karitative Nonprofit-Bereich vieler Entwicklungsprojekte, der von permanenten externen Geldströmen abhängig ist, können soziale Unternehmen sich selbst finanzieren und werden somit Teil eines neuen Kapitalmarktes. Sie nehmen dort Kapital auf, wo es von gemeinnützig interessierten Geldgebern zur Verfügung gestellt wird. „Jeder, der Geld verdienen will, geht an die herkömmliche Börse“, sagt Yunus. Doch der Nobelpreisträger träumt von einer zweiten Börse, an der die Philanthropen ihr Geld investieren. Auf dass es – nicht unbedingt monetäre – Gewinne abwerfen möge. Der Gedanke von „social venture capital“ oder „venture philantropy“, der seit gut zehn Jahren in den USA und Europa an Popularität gewinnt und der teilweise bereits im Förderhandeln der neuen Unternehmer-Stifter sichtbar ist, dürfte auch hierzulande an Bedeutung gewinnen. So hat sich 2004 die European Venture Philantropy Association gebildet, deren Mitgliederzahl stetig wächst. Sie definiert „venture philantropy“ als einen Ansatz des Gebens für gemeinnützige Zwecke, der die Prinzipien des Risiko-KapitalMarktes für die Zivilgesellschaft nutzbar machen will.50 Die Zuwendungen dieser neuartigen Philanthropen gehen nicht nur

an gemeinnützige Organisationen, sondern können auch sozialen Unternehmen oder kommerziellen Unternehmen zugute kommen, bei denen die Lösung sozialer Probleme im Vordergrund steht. Inwieweit sich das Konzept dauerhaft bewährt, bleibt noch abzuwarten. Drei wichtige Effekte hat der neue Ansatz aber schon heute. Das Konzept motiviert auch eine neue Zielgruppe, deren philanthropisches Engagement bislang oft eher unterentwickelt ist: Menschen, die nicht als klassische Unternehmer, sondern als Gewinner im Finanzbereich – etwa als Investmentbanker – in relativ jungen Jahren zu Vermögen gekommen sind. Diese neuen Philanthropen verbreiten den Gedanken, dass Investitionen in die organisatorische Kapazität von sozialen Organisationen sowie das Lernen von der Wirtschaft sinnvoll und auch im Gemeinwohlbereich effektiv sein können. Viele dieser innovativen Tendenzen sind erst im Entstehen oder müssen sich erst noch beweisen. Aber gerade jene, die „Neues Geld“ stiften, sind risikobereit und offen für solche Ideen. Sie werden das deutsche Stiftungswesen in den kommenden Jahren weiterentwickeln. Die Chancen dafür stehen gut, denn 43 Prozent der Privatpersonen, die stiften, sind Unternehmer und Unternehmerinnen – und sie denken unternehmerisch.

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Foto: SAP/Scheible

„Reiche haben große Beiträge zu leisten.“ Interview mit Prof. Dr. h. c. mult. Hasso Plattner

Hasso Plattner, 1944 in Berlin geboren, ist einer der Gründer des Software-Unternehmens SAP im badischen Walldorf. Er hat sich vor einigen Jahren aus dem operativen Geschäft zurückgezogen und fungiert heute als Aufsichtsratsvorsitzender von SAP. Plattner gilt als einer der bedeutendsten privaten Wissenschaftsförderer Deutschlands. Er ist Stifter des Hasso-Plattner-Instituts für Softwaresystemtechnik in Potsdam-Babelsberg mit einem Stiftungsvolumen von über 200 Millionen Euro. Unter anderem hat er an der kalifornischen Stanford Universität das Hasso Plattner Institute of Design finanziert und an der Universität Mannheim den Bibliotheksausbau der Universität mit zehn Millionen Euro gefördert. Darüber hinaus engagiert sich der passionierte Hochseesegler in verschiedenen Bildungs- und sozialen Projekten in Südafrika.

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Sie haben ein großes Unternehmen gegründet, Arbeitsplätze geschaffen und eine Menge Steuern gezahlt. Sehen sie sich darüber hinaus noch der Gesellschaft gegenüber in der Pflicht? Wenn man Glück gehabt hat und etwas erreicht hat, blickt man zurück und sieht, was Ausbildung bedeutet. Dies ist der Schlüssel zu ganz vielen Karrieren. Dort, wo erstklassig ausgebildet wird, besteht auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich Firmen ansiedeln und entstehen. Das ist das Geheimnis des Silicon Valley. Bevor die Stanford Universität dorthin kam, standen in dem Tal nur Obstplantagen. Die Verpflichtung jener, die Erfolg gehabt haben, ist es sicherlich, dafür zu sorgen, daß auch die nächste Generation Erfolg haben kann ... ... das heißt, dass die nächste Generation ähnliche Chancen bekommt? Ähnliche oder sogar bessere. Personen wie ich können das durch einen freiwilligen Beitrag leisten. Und da geht es nicht nur um Geld. Das ist zwar notwendig, um etwas zu erreichen, aber entscheidend ist die Kombination aus Geld, Erfahrung, Kraft und Visionen. Diese Kombination treibt viele Stifter um. Bill Gates gibt sein Geld nicht etwa einer staatlichen Stelle, sondern steckt es in seine Stiftung, weil er glaubt, auch als Person Einfluß nehmen zu können. Und zwar im positiven Sinne, indem er seine Erfahrung und seine Kontakte einbringt. Gibt es in den USA einen anderen Typus von Stifter? Ich glaube, generell gibt es in der amerikanischen Gesellschaft eine viel größere Bereitschaft, Geld zu geben, weil nicht so viel über den Staat läuft. In den USA wird permanent für alles Mögliche gespendet, für die lokale Schule, das Krankenhaus und so weiter. Es wird in ehrenvoller Weise um Beiträge gebeten. Reiche haben große Beiträge zu leisten, weniger Reiche weniger große. Und Arme müssen keine Beiträge leisten.

Sie meinen, das ist eine andere Kultur? Ganz eindeutig. Wenn die Oper in San Francisco nicht privat finanziert wird, dann spielt sie nicht mehr. Den Bürgern wird in vielerlei Hinsicht viel abverlangt: Die Schule kostet Geld und die Universität noch viel mehr. Man muss zahlen für Dinge, die man haben will. Entsprechend groß ist die Bereitschaft von Leuten, die Glück gehabt haben, davon wieder etwas zurückzugeben – allerdings wollen sie dann auch selbst mitbestimmen, wo es hingeht. Das tun die Leute lieber, als wenn ihnen anonym fünf Prozent mehr Steuern abgenommen werden. Gilt in den USA das Motto „schnell verdient und schnell gestiftet“? Viele Leute, die so ihr Geld verdient haben, haben auch enorme Summen gestiftet. Wenn man Glück hat und ein Firmenwert schnellt hoch, steht man vor einem grundsätzlichen Problem: So viel Geld kann man ja selbst gar nicht ausgeben. Je mehr man in seinen Konsum investiert, desto kleiner wird man in seinem eigenen Konsumpalast. Darin kann man sich selbst ganz schnell verlieren. Die großen Häuser mit ihren 30 Zimmern, die sich viele reiche Amerikaner in Newport gebaut haben, sind ja eigentlich unbewohnbar. Wenn man da zum Wochenende hinfährt und die Kinder kommen nicht mit, muss man 25 Zimmer abschließen. Das ist doch bedrückend. Ist diese Traurigkeit, oder besser ausgedrückt, die Suche nach einem Sinn, ein Grund fürs Stiften? Man kann das Geld natürlich einfach in der Firma lassen und von der Rendite leben. Aus Sicht vieler Unternehmer ist genau das eine traurige Sache, da man ja selbst nicht mehr aktiv bewirkt, dass etwas Früchte trägt. Da bietet sich die Möglichkeit, etwas Gemeinnütziges zu tun. Dies ist für viele Leute sehr befriedigend – sowohl aus persönlichen wie auch aus sozialen Gründen.

Interview mit Prof. Dr. h. c. mult. Hasso Plattner

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Würden Sie sich eher in der alten deutschen Stiftungskultur verorten oder sind Sie in diesem Punkt eher in den USA sozialisiert? Meine Idee, hier in Potsdam in das Institut für Softwaresystemtechnik zu investieren, ist sicherlich angeregt durch die großen amerikanischen Universitätsstiftungen, wie etwa Carnegie Mellon, die Vanderbilt oder die Stanford Universität. Das sind offensichtliche Vorbilder. Was mich auch sehr beeindruckt hat, war, welche Summen Leute wie Jim Clark, der Gründer von Netscape, oder andere von ihrem eigenen Vermögen gestiftet haben – vor allem aus der Erkenntnis heraus, dass sie in ihrem Leben nur einen Bruchteil dieses Geldes selbst verbrauchen können ... ... größere Jachten kann man sich nicht mehr bauen ... ... das kann man schon, aber dann gibt es ja gar keinen Hafen mehr, der groß genug wäre, um dort einzulaufen. Deshalb sagen sich viele Reiche in den USA: „Dann machen wir mit dem Geld noch zu unseren Lebzeiten etwas Sinnvolles, bevor es nach uns ohne unseren Einfluss in irgendeiner Form verwendet wird.“ Warum gibt es in Deutschland so wenige Leute dieser Denkart? Es ist ja nicht so, dass hierzulande keine vermögenden Menschen leben. Wir haben in Deutschland eine hochgradig verkrampfte Gesellschaft. Der Sozialneid schlägt einem jeden Tag aus den Zeitungen entgegen. In Amerika ist es etwas Positives, wenn man möglichst weit oben in der Liste der Reichen steht. In Deutschland bekommt man stattdessen negative, anfeindende Kommentare, nach dem Motto: „Das kann ja nicht mit rechten Dingen zugegangen sein, wenn jemand so reich ist.“ Schlägt einem dieser Sozialneid auch als Stifter entgegen? Ja, man hört häufig: „Das haben Sie doch nur gemacht, um Steuern zu sparen.“ Diese Sichtweise ist natürlich absurd: In

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dem Moment, wo ich mein Geld weggebe, kann ich noch so viel Steuern sparen, ich habe dadurch ja trotzdem nicht mehr. Sie haben in Potsdam für 200 Millionen Euro ein Institut für Softwaresystemtechnik gegründet, obwohl Universitäten in Deutschland traditionell vom Staat betrieben werden. In welchen Bereichen glauben Sie, dass Stiftungen etwas besser machen können als der Staat? Die Ausbildung in Deutschland hat kein Spitzenniveau mehr. Jeder Euro, der uns heute in der Ausbildung fehlt, wird uns in ein paar Jahren fünf- oder zehnfach fehlen. Jeder weiß das, aber wir schaffen es nicht, dieses Problem zu lösen, weil uns der Mut fehlt, irgendwelche größeren Entscheidungen zu fällen und durchzusetzen. Wir haben uns in unserem sozialen Sicherheitsnetz so verfangen, dass es uns vielleicht gar nicht mehr gelingen wird, uns in einer globalisierten Welt wettbewerbsfähig aufzustellen. Diesbezüglich bin ich sehr pessimistisch. Insbesondere wenn man sieht, was in anderen Teilen der Welt, in den USA, in China oder Indien passiert und vor allem mit welcher Geschwindigkeit. Und dennoch setzen Sie immer noch auf Deutschland? Man kann sich natürlich sagen: „Es ist alles schlecht und am besten hau ich auch ab aus Deutschland.“ Oder man versucht, einen Beitrag zu leisten, um Veränderungen zu bewirken. Dieses Institut hier in Potsdam ist mein Beitrag, um eine Ausbildung zu bieten für Studenten, die dann vielleicht anschließend etwas bewegen. Wir haben hier aus einer Stiftung heraus einen Campus und ein An-Institut an einer Universität geschaffen – gekoppelt mit einem Risikokapitalfonds für junge Unternehmen. Wir haben 400 bis 500 Studenten und 50 Doktoranden. In den paar Jahren, in denen wir dies hier betreiben, sind einige Jahrgänge abgegangen und es hat sich gezeigt, dass die Leute gut von der Wirtschaft angenommen werden.

Privatuniversitäten in Deutschland haben ja sehr große Schwierigkeiten ... ... wenn, dann muss man sehr viel Geld in die Hand nehmen. So eine Universität ist extrem teuer ... ... aber trotzdem ist Ihr Beitrag lediglich ein Tropfen auf den großen darbenden Universitätsstein. Wenn sie in die USA schauen, wo die großen Universitäten ein enormes Stiftungsvermögen angehäuft haben ... ... Stanford 15 Milliarden US-Dollar, Harvard 26 Milliarden. … die sich nahezu aus den Kapitalerträgen finanzieren können. Diese Stiftungsuniversitäten sind ja mittlerweile so leistungsstark, dass der Staat in Deutschland damit gar nicht mehr konkurrieren kann. Das ist richtig und genau deshalb müssen tatsächlich mal ein paar andere Deutsche sagen: Wo wollen wir eigentlich unser Land in 25 Jahren sehen?“ Und dann müssen sie sich entweder engagieren oder wie üblich auf den Staat zeigen und Kritik üben, die im Endeffekt nichts bewirken wird. Glauben Sie, dass Sie da als Vorbild fungieren können? Das hoffe ich. Aber letztendlich müssen dann auch Andere ihren Vermögensverwalter bestellen und entscheiden, ob sie so etwas machen möchten. Wenn das Beispiel funktioniert, habe ich zunächst einmal die Befriedigung, dass es eine erfolgreiche Initiative war. Es gibt in den USA namhafte Philanthropen wie Jeffrey Skoll, den Gründer von Ebay, die nicht nur selbst große Stifter sind, sondern sich aktiv diesem Thema verschrieben haben und andere Reiche zum Stiften animieren … … ich bin nicht so missionarisch veranlagt … … in den USA herrscht ein regelrechter Wettbewerb unter reichen Bürgern, sich als große Stifter hervorzutun. Aber diese Dynamik geht vor allem von

den Stiftungen selbst aus. Ein Beispiel: Es existiert seit Jahren ein enges Verhältnis zwischen SAP und der Stanford Universität. Eines Tages kam die Universität, die selbst eine Stiftung ist, mit der Idee einer Design-School auf mich zu: Ich könnte die Computereinrichtung stiften oder ein Gebäude, ich könnte aber auch alles finanzieren und in diesem Falle würde ein Institut nach mir benannt. Nach einer Reihe von Gesprächen habe ich mich dann entschieden, einen großen Betrag an die Stanford Universität zu spenden. Haben sie den Eindruck, dass im amerikanischen Stiftungswesen ein höherer Grad an Professionalität anzutreffen ist als in Deutschland? Das ist gar nicht zu vergleichen: Wie dort die Stifter umworben werden, können sich die meisten Leute hier gar nicht vorstellen. Da gibt es eine prominente Frau an der Stanford Universität mit einem ganzen Stab, die professionell Sponsoren anwerben. Die geht persönlich zu jedem Reichen in der San Francisco Bay Area und sagt: „Also pass mal auf, erstens hast du in Stanford studiert und zweitens studieren deine Kinder da und drittens ist deine Firma nur wegen der ganzen Stanford-Absolventen groß geworden. Und jetzt lass uns mal sehen, was wir dir an Stiftungsmöglichkeiten anbieten können.“ ... ... und diese aggressiven Fundraiser werden von den Reichen nicht abgewiesen? Im Gegenteil. Die Reichen sagen: „Ja eigentlich hast du Recht“. Ich weiß gar nicht, ob die deutschen Universitäten überhaupt ein professionelles Fundraising betreiben. Wir müssen in Deutschland unbedingt auch ein solches Bewusstsein im Stiftungswesen entwickeln. Es muss bei den Hochschulen moderne Marketingabteilungen für das systematische Einwerben von Spenden geben. Das Interview führten Reiner Klingholz und Daniel Müller-Jentsch.

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Stiftungen mit Unternehmensnamen Wenn Namen wie Hertie, Bosch, Bertelsmann oder Vodafone im Zusammenhang mit Stiftungen auftauchen, wird klar, dass sich hier Unternehmen im Sinne der GemeinnĂźtzigkeit engagieren. Unternehmensstiftungen kĂśnnen allerdings ganz unterschiedlich in ihrer Entstehung, Organisationsform oder in der Form ihres Handelns sein.

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Die Robert Bosch- oder die Körber2005 errichtet worden. Ihre Vermögen Stiftung sind faktisch Unternehmerstiftun- und Ausgabevolumina sind oft beträchtgen, denn hier hat ein Firmengründer oder lich, aber von der Größenordnung her ist -besitzer einen Teil seines Unternehmens ihr Kapital meist nicht vergleichbar mit in eine Stiftung eingebracht. Diese Organi- denen der großen Unternehmerstiftunsationen haben meist beträchtliches Kagen. Bei CSR-Stiftungen spielen weiche Unternehmensinteressen, beispielsweise pital, und sie machen einen wesentlichen die Imagepflege eine wichtige Rolle. Die Teil der größten Stiftungen Deutschlands Gremien werden in der Regel vom Topaus. Sie sind ausschließlich am Gemeinmanagement des Unternehmens oder wohl orientiert, auch wenn bei der Stiftungserrichtung weitere Motive eine Rolle deren Beauftragten dominiert. Beispiele sind die Deutsche Bank gespielt haben können – der Wegfall der Stiftung, die Allianz–Stiftungen oder die Erbschaftssteuer oder der langfristige Erhalt des Unternehmens. Firmeninteressen Stiftung der Münchener Rückversicheder gleichnamigen Unternehmen spielen rung. Allerdings variiert die Einbindung jedoch bei dem Förderhandeln dieser in das Unternehmen. So steht zwar unter Stiftungen grundsätzlich keine Rolle. einem Plakat der Allianz Umweltstiftung Eine Gruppe dieser Stiftungen trägt „Versicherung, Vermögen, Vorsorge“. Die Namen von Industriellen, die in der GrünStiftung selbst arbeitet aber mit relativ derzeit des deutschen Kaiserreichs den hoher Eigenständigkeit, einem eigenen Grundstein für bedeutendes Industriever- Profil und herausragenden Projekten und mögen gelegt haben. Eine weitere Welle setzt sich von dem sonstigen Spendenvon unternehmensnahen Stiftungen war und Sponsoringbereich des Allianz-Konseit den 1960er Jahren zu beobachten. In zerns deutlich ab. diese Zeit fällt beispielsweise die ErrichAndere CSR-Stiftungen bündeln tung der Gemeinnützigen Hertie-Stiftung hingegen die Aktivitäten mit Spenden und und die Gründung der Bertelsmann Sponsoring des Unternehmens – nicht Stiftung. Von den 1980er Jahren an ist, selten unter einheitlicher Leitung. Zu parallel zur allgemeinen Entwicklung der ihnen zählen die Deutsche Bank Stiftung Stiftungslandschaft, auch in diesem Segund die Vodafone Stiftung Deutschland. ment ein stetiger Zuwachs zu verzeichnen. Die unterschiedliche intensive InstruIn den 1990er Jahren zeigen sich auch mentalisierung der Stiftung für CSR- und große Unternehmer der New Economy, in Imageziele des Unternehmens lässt sich Deutschland vor allem aus der Softwarean der Ergebnisqualität des Förderhanbranche als Stifter – darunter vier der fünf delns, an den geförderten Projekten indes Gründer der SAP AG und der maßgebliche meist kaum erkennen, zumal oft unterMitbegründer der Software AG. schiedliche Unternehmensstiftungen unAndere Zwecke verfolgen die nach tereinander und mit sonstigen Stiftungen amerikanischem Vorbild gegründeten so in Förderprojekten kooperieren. genannten CSR-Stiftungen (für: Corporate Insgesamt ist die Typologie und BeSocial Responsibility). Der Name zeigt an, grifflichkeit in diesem Segment noch nicht dass sich die Unternehmen einer sozialen einheitlich. Innerhalb dieser Darstellung Verantwortung bewusst sind. Diese Stifverwenden wir den Begriff der unternehtungen gewannen in Deutschland erst in mensnahen Stiftung als Oberbegriff, der den letzten 15 Jahren an Bedeutung. Minsowohl die Unternehmerstiftung wie die destens jede fünfte, nach anderen Schätunternehmensverbundene, also die von zungen sogar ein Drittel der bestehenden einem Unternehmen errichtete Stiftung CSR-Stiftungen ist zwischen 2000 und umfasst.

Stiftungen mit Unternehmensnamen

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134

Ausgehend von einer gesellschaftsrechtlichen Betrachtung unterscheidet die neuere Literatur bei der unternehmensverbundenen Stiftung zwischen der Unternehmensträgerstiftung, deren Zweck vornehmlich der Betrieb eines Wirtschaftsunternehmens ist, und der Beteiligungsträgerstiftung (Beteiligung an einer Personen- oder Kapitalgesellschaft). Das bedeutendste Merkmal der Unternehmensträgerstiftung ist ihre enge und dauerhafte Verknüpfung mit einem Unternehmen. Die Beteiligungsträgerstiftung ist ein Oberbegriff für alle Stiftungen, in deren Trägerschaft unternehmerische Aktivitäten durch maßgebliche Beteiligung an einem Unternehmen entfaltet werden.51 Das Stiftungsrecht formuliert nicht den Typus der unternehmensverbundenen Stiftung. Rechts- und Wirtschaftswissenschaften sowie der Bundesgesetzgeber haben sich auf keine einheitliche Definition des Begriffs einigen können.52 Die juristische Literatur hat sich lange mit der Genehmigungsfähigkeit dieses Stiftungstyps befasst. Schließlich hat der Gesetzgeber diese Diskussion durch eine Neufassung der §§ 80 ff. BGB auf Basis der Bund-Länder-Kommission beendet (Stiftungsreform 2002). 1.060 unternehmensnahe Stiftungen sind dem Bundesverband Deutscher Stiftungen derzeit bekannt.53 Geht man von der Gesamtsumme aller rechtsfähigen Stiftungen bürgerlichen Rechts von derzeit rund 14.000 aus, so lässt sich die Anzahl aller in Deutschland existierenden unternehmensnahen Stiftungen auf 2.000 hochrechnen (rund 14 Prozent). Die meisten derartigen Stiftungen finden sich in den Bundesländern Nordrhein-Westfalen, Bayern und Baden-Württemberg.54 In solchen Statistiken sind die nichtgemeinnützigen Familienstiftungen, in denen sich häufig bedeutende Unternehmensanteile befinden, nicht enthalten. Es gibt für sie keine öffentlichen Behörden-

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register oder eine gesetzliche Veröffentlichungspflicht, so dass beispielsweise das erhebliche Vermögen aus den Handelsunternehmen Aldi (der Familien Albrecht) oder Lidl (Dieter Schwarz), welches zumindest teilweise in Familienstiftungen eingebracht worden ist, hier nicht mit berücksichtigt werden kann. In den USA fühlen sich insbesondere erfolgreiche Unternehmer ganz selbstverständlich auch gegenüber der Gesellschaft, die ihnen den geschäftlichen Erfolg erst ermöglicht hat, zu Dank verpflichtet und stiften schon zu Lebzeiten. Dieses bürgerschaftliche und mäzenatische Selbstverständnis ist hierzulande ebenfalls vorhanden, wenngleich weniger ausgeprägt. Es täte Deutschland – nicht zuletzt als Wirtschafts- und Kulturstandort – gut, wenn auch die Familien Albrecht, Schwarz und andere diese Traditionslinie aufnähmen und große gemeinnützige Stiftungen gründeten. Die StifterStudie der Bertelsmann Stiftung (2005) in Kooperation mit dem Bundesverband Deutscher Stiftungen hat gezeigt, dass 52 Prozent des Stiftungsvermögens unternehmerischer Tätigkeit entstammt.55 Unternehmensstiftungen binden ein großes Kapital. Unter den 15 größten Stiftungen (nach Vermögen) finden sich neun unternehmensverbundene Stiftungen. Hans Berndt bezifferte bereits 2003 in seinem Standardwerk „Stiftung und Unternehmen“ ihr Gesamtvermögen auf rund 18 Milliarden Euro.56 Die höchsten Vermögenssummen besitzen – soweit bekannt – mit über 5 Milliarden Euro die Robert Bosch Stiftung GmbH, die Gemeinnützige HertieStiftung mit rund 820 Millionen Euro und die Klaus Tschira Stiftung gGmbH mit rund 818 Millionen Euro. Ein Gesamtvermögen von 1,3 Milliarden Euro weist die Gruppe der gut 600 Stiftungen der Sparkassen-Finanzgruppe auf. Das offiziell angegebene Vermögen der Alfried Krupp von Bohlen und Halbach-Stiftung beträgt

100

77

73

99

Errichtungen von unternehmensnahen Stiftungen 1950 – 2005

80 58

Quelle: Bundesverband Deutscher Stiftungen (Februar 2007)

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2001 – 2005

1996 – 2000

1991 – 1995

1981 – 1990

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1961 – 1970

1950 – 1960

0

Vorübergehender Höhepunkt Die meisten unternehmensnahen Stiftungen wurden in den letzten Jahren der 1990er gegründet. Nach dem Platzen der Börsenblase 2000 kam es zunächst einmal zu einem Gründungsrückgang.

zwar „nur“ 637 Millionen Euro, der Marktwert dürfte indes mehrere Milliarden Euro betragen. Verwirrend mag erscheinen, dass hinter manch einem bedeutenden Unternehmens-Stiftungsnamen keine unternehmensnahe Stiftung steckt. Ein Beispiel ist die VolkswagenStiftung, die größte deutsche Wissenschaft fördernde Stiftung mit jährlichen Ausgaben von rund 100 Millionen Euro. Sie ist 1961 durch die Bundesrepublik mit den Erlösen aus der Privatisierung der Volkswagen AG errichtet worden. Ähnlich verhält es sich übrigens mit der Deutschen Bundesstiftung Umwelt, deren Vermögen aus dem Verkauf der staatlichen Salzgitter AG im Jahr 1989 stammt. Hier könnte man von Stiftungen sprechen, die der Staat als Unternehmenseigner gegründet hat.

Rechtliche Sonderformen Es existiert nicht ein bestimmtes Konzept der unternehmensnahen Stiftung. Vielmehr können die Stiftungskonstruktionen sehr stark nach den Bedürfnissen des einzelnen Stifters gestaltet werden. Diese Unterschiedlichkeit betrifft sowohl die Rechtsformen wie die Funktionsweisen. Dabei bildet jede selbstständige Stiftung bürgerlichen Rechts ein individuelles Rechtssubjekt im Rahmen des BGB und Steuerrechts. Einen aktuellen Einblick in eine Teilgruppe der unternehmensverbundenen Stiftungen bietet die Promotionsschrift von Karin Fleschutz über Stiftungen als Nachfolgeinstrument von Familienunternehmen.57 Zu den prominenten Beispielen zählen hier in jüngster Zeit die IKEA-Stiftung sowie die Würth Stiftungen. Die Ergebnisse der Schrift basieren auf der in Kooperation mit dem Bundesverband Deutscher Stiftungen durchgeführten Untersuchung von 420 stiftungsgetragenen Unternehmen, von denen 25 Prozent in den letzten zehn Jahren errichtet wurden. 16 Prozent der größten deutschen Unternehmen sind demnach stiftungsgetragen. Betrachtet man die 100 größten Industrieunternehmen, sind des sogar 20 Prozent. Als Gründe für die Stiftungserrichtung nennt Fleschutz den Erhalt des Unternehmens als zentrales Lebenswerk des Stifters und die Sicherung des Unternehmens. Weitere Motive sind die Vorsorge für die Familie, die Festlegung der künftigen Rolle der Familie und die dauerhafte Finanzierung gemeinnütziger, mildtätiger oder kirchlicher Zwecke. Wirtschaftliche und ideelle Ziele schließen sich dabei grundsätzlich nicht aus. Bei den untersuchten Stiftungen gaben die Stifter in mehr als vier von fünf Fällen ideelle Gründe als ebenso wichtig an. Steuerliche Gründe spielten eine untergeordnete Rolle. 85 Prozent der untersuch-

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ten Stiftungen sind gemeinnützig, weitere sechs Prozent verfolgen im zulässigen Rahmen außerdem privatnützige Zwecke. Die Gesamtausgaben der untersuchten Stiftungen unterstreichen deren wirtschaftliche Bedeutung. Knapp die Hälfte tätigt jährlich Ausgaben zwischen 100.000 und 10 Millionen Euro, jede siebte über zehn Millionen pro Jahr.

Interesse für Kultur Unternehmensnahe Stiftungen haben sich vor allem auf die Kulturförderung verlegt – während bei der Gesamtheit aller rechtsfähigen Stiftungen bürgerlichen Rechts die sozialen Zwecke im Vordergrund stehen.

Verteilung der Stiftungszwecke bei unternehmens- 21 nahen Stiftungen (gewichtet) (Quelle: Bundesverband Deutscher Stiftungen, Dezember 2006)

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Gewichtung: Nennungen von mehreren Zwecken innerhalb einer Hauptgruppe führt zur einmaligen Zählung in dieser Hauptgruppe; Nennung von mehreren Zwecken, die in verschiedenen Hauptgruppen liegen, führt zu gleichverteilten Anteilen.

soziale Zwecke

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Wissenschaft und Forschung

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Bildung und Erziehung

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Kunst und Kultur

7

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5

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Umweltschutz andere gemeinnützige Zwecke privatnützige Zwecke

Die Anfänge des Stiftungsengagements bedeutender Unternehmer Eigentümerdominierte Unternehmen sahen und sehen in Deutschland traditionell ihre Verantwortung gegenüber der Gesellschaft und entwickelten auf Basis dieser Überzeugung ein ausgeprägtes Mäzenatentum. Einzelne große Unternehmer begründeten mit dem von ihnen und ihren Mitarbeitern erwirtschafteten Kapital bedeutende Unternehmensstiftungen. Ernst Abbe, nach Carl Zeiss’ Tod alleiniger Leiter des Zeiss-Werkes, überschrieb der 1889 errichteten Carl-Zeiss-Stiftung sein Vermögen. Sie wurde Alleininhaberin der Firma Carl Zeiss (heute Schott Glas). Ihr Zweck ist die Förderung der Naturwissenschaften und gemeinnütziger Einrichtungen, die wirtschaftliche Sicherung der Stiftungsunternehmen und die Erfüllung sozialer Pflichten gegenüber Mitarbeitern.58 Die Possehl-Stiftung (gegr. 1919) ist die Universalerbin des vermögenden Lübecker Kaufmanns Emil Possehl, der einen Großteil seines Nachlasses in eine Stiftung gab: „Dem Stadtstaat Lübeck fällt mein Lebenswerk und das Ergebnis meiner Arbeit zu und also auch das Ergebnis aller meiner Geschäfte. Die öffentliche Wohlfahrt und die Förderung deutsch-patriotischen Geistes, insbesondere in unserer Jugend war und ist das Ziel meiner Arbeit und meines Lebens.“ 59 Ihr Stiftungszweck ist es „das schöne Bild und die öffentlichen Anlagen der Stadt zu erhalten, gemeinnützige Einrichtungen in Lübeck zu unterstützen, die Pflege von Kunst und Wissenschaft, die Jugend zu fördern und die Not der Bedürftigen zu lindern. Die Förderung ist auf die Hansestadt Lübeck beschränkt“.60 Die Körber-Stiftung „verdankt ihre Existenz dem großen Unternehmer, Erfinder und Stifter Kurt A. Körber, der sich mutig und unkonventionell für das Gemeinwohl eingesetzt hat.“ 61 Nach dem

Vorbild Körbers stellt die 1959 errichtete Stiftung unternehmerische Erträge in den Dienst der Gesellschaft. Erziehung und Bildung, Kunst, soziale Fürsorge und Wissenschaft sind die Gebiete, in denen die Körber Stiftung gesellschaftspolitisch wirkt.62 Die Fritz Thyssen Stiftung wurde am 7. Juli 1959 von Amélie Thyssen und ihrer Tochter Anita Gräfin Zichy-Thyssen im Gedenken an die Unternehmer August und Fritz Thyssen errichtet. Sie brachten einen wesentlichen Teil ihres Vermögens in die Stiftung ein. Aufgabe der Stiftung ist die Wissenschaftsförderung an wissenschaftlichen Hochschulen und Forschungsstätten in den Förderbereichen Geschichte, Sprache und Kultur, Staat, Wirtschaft und Gesellschaft sowie Medizin und Naturwissenschaften. Sie hält nur noch ein eher unbedeutendes Aktienpaket an der heutigen ThyssenKrupp AG.

Große Unternehmerstifter der 1970er Jahre Die Gemeinnützige Hertie-Stiftung (gegr. 1974) baut auf dem Lebenswerk des 1972 verstorbenen Stifters Georg Karg, Inhaber der Hertie Waren- und Kaufhaus GmbH, auf. Auf Initiative seiner Kinder und Erben beschloss der Vorstand der Hertie-Familienstiftung die Stiftungserrichtung. Neben seinem Unternehmen und dessen Mitarbeitern fühlte sich Georg Karg vor allem dem Allgemeinwohl verpflichtet. In ihren drei Förderbereichen Neurowissenschaften, Europäische Integration sowie Erziehung zur Demokratie will die Stiftung neue, intelligente Lösungen aufspüren und zu deren praktischer Umsetzung beitragen. Sie will ihr Privileg nutzen, abseits politischer Interessen sinnvollen Neuerungen zum Durchbruch zu verhelfen und langfristig Perspektiven aufzuzeigen.63 Willy Messerschmitt initiierte 1976 die gleichnamige Stiftung. Sie fördert

Wissenschaft und Forschung insbesondere auf dem Gebiet der Luft- und Raumfahrttechnik und nimmt insoweit Bezug auf die unternehmerische Geschichte der Familie. Zu ihrem Stiftungszweck zählt zudem die Pflege und Erhaltung deutscher Kunst- und Kulturdenkmäler im In- und Ausland. Im Dezember 2006 wurde beispielsweise die über zehn Jahre dauernde, durch die Stiftung finanzierte Restaurierung von Schloss Meseberg im nördlichen Brandenburg abgeschlossen. Reinhard Mohn hat seiner 1977 errichteten Bertelsmann Stiftung im Laufe der Jahre sukzessiv Anteile an der Bertelsmann AG übertragen. Heute ist die Stiftung Mehrheitsaktionärin des Unternehmens (ohne Stimmrechte). Ihre Stiftungsarbeit ist breit gefächert und reicht von der Medien- und Kommunikationsforschung über die Leseförderung, das Bibliothekswesen, das Bildungs- und Gesundheitswesen bis zur Völkerverständigung. Ihrem Selbstverständnis nach agiert sie als „bedeutender Reformmotor der Gesellschaft“ und engagiert sich „in der Tradition ihres Gründers Reinhard Mohn für das Gemeinwohl. Fundament der Stiftungsarbeit ist die Überzeugung, dass Wettbewerb und bürgerschaftliches Engagement eine wesentliche Basis für gesellschaftlichen Fortschritt sind.“ 64

Unternehmerstiftungen der 1980er Jahre Die Else Kröner-Fresenius-Stiftung besitzt 100 Prozent der Geschäftsanteile der Vermögensverwaltungsgesellschaft Nachlass Else Kröner mbH und ist mit der Mehrheit der Stammaktien der größte Anteilseigner des Gesundheitskonzerns Fresenius AG.65 Die Stiftung wurde 1983 von Else Kröner gegründet. Die Erbin des Gründers Fresenius und überaus erfolgreiche Unternehmerin, die mehr als 35 Jahre lang die Geschäftsleitung des Unternehmens inne hatte und danach bis

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zu ihrem Tod 1988 Vorsitzende des Aufsichtsrates war, brachte ihr gesamtes Vermögen in die Stiftung ein. Sie dient der Förderung wissenschaftlicher Projekte der klinischen Forschung sowie mildtätigen Zwecken. Der Ertrag der Firma war für Else Kröner einerseits ein Mittel, um Bestand und Wachstum des Unternehmens zu sichern. Es entsprach andererseits ihrem Wunsch und war die Fortsetzung ihrer Lebensarbeit, dass das Vermögen später der Allgemeinheit dienen sollte.66 Es ist eine Seltenheit in der noch heute männerdominierten Unternehmens- und Stiftungswelt, dass diese Stiftung sowohl von einer Unternehmerin errichtet, wie heute von einer Frau im Stiftungsvorstand maßgeblich gelenkt wird. Die Haniel Stiftung wurde 1988 als gemeinnützige Stiftung in DuisburgRuhrort gegründet. Das Stifterunternehmen Franz Haniel & Cie. GmbH ist im Besitz der Familie Haniel, einer der großen Gründerdynastien im Ruhrgebiet. Die zentralen Ziele der Stiftung sind die Förderung des persönlichen Engagements von Unternehmern und der Wahrung unternehmerischer Verantwortung, des Unternehmerbildes in der Gesellschaft und die Aus- und Weiterbildung von Führungsnachwuchs in Deutschland sowie auf internationaler Ebene.67 Das Unternehmen Haniel versteht es – in der Tradition der Unternehmensgeschichte – als Pflicht, sich sozial zu engagieren. In diesem Kontext steht die Stiftungsarbeit als Verbindung von Geschäfts- und Gemeinsinn68 , wobei die notwendige Distanz zu originären Aufgaben des Konzerns gewahrt wird. 1986 gründete die damalige Daimler-Benz AG aus Anlass des 100. Jahrestages der Erfindung des Automobils die Gottlieb Daimler- und Carl Benz-Stiftung. Zu jenem Zeitpunkt sah der Vorstandsvorsitzende Professor Werner Breitschwerdt die Gründung „als Ausdruck unserer Verpflichtung gegen-

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über dem Gemeinwohl.“ 69 Stiftungsziel ist es, unabhängige, wissenschaftliche Untersuchungen zu Wechselbeziehungen zwischen Mensch, Umwelt und Technik zu fördern. Im Fokus steht die interdisziplinäre Behandlung im Interesse der Gestaltung und Sicherung einer menschenwürdigen Zukunft unter den Bedingungen einer freiheitlichen Gesellschaftsordnung.70

Bedeutende unternehmensnahe Stiftungen und Unternehmerstifter der 1990er Jahre Die damalige Allianz AG setzte 1990 zu ihrem 100-jährigen Firmenjubiläum mit der Errichtung der Allianz Umweltstiftung ein bedeutendes Signal. Mit einem Gründungsvermögen von 100 Millionen DM steckte sie sich von Beginn an das Ziel, zukunftsgestaltende Umweltprojekte zum Nutzen der Menschen zu fördern oder zu initiieren, „um einen bleibenden Beitrag für eine lebenswerte Zukunft zu leisten“.71 Eine weitere gemeinnützige Einrichtung der heutigen Allianz SE (Société Européenne – eine relativ neue Rechtsform) ist die im Jahr 2000 mit dem gleichen Vermögensbetrag errichtete Allianz Kulturstiftung. Sie fördert und unterstützt – mit besonderer Beteiligung der Jugend – Kunst-, Kultur- und Bildungsprojekte im Geiste der europäischen Integration. Ihr Ziel ist es, einen nachhaltigen Beitrag dazu zu leisten, die Kenntnis voneinander und die Verständigung untereinander in Europa zu verbessern.72 Die Gruppenholding der Allianz sieht die Arbeit ihrer insgesamt weltweit agierenden zwölf Stiftungen im Rahmen des Global Compacts73 , einem weltweiten Pakt, der zwischen Unternehmen und der UNO geschlossen wurde, um die Globalisierung sozialer und ökologischer zu gestalten.

Zu den ganz großen Unternehmerstiftern der 1990er Jahre zählen drei Mitbegründer des Softwareunternehmens SAP: Dietmar Hopp, Hasso Plattner und Klaus Tschira. Ein weiterer bedeutender Unternehmerstifter ist Peter Schnell, Mitbegründer der Software AG (siehe dazu Kapitel 9).

CSR-Stiftungen Corporate Social Responsibility (CSR) ist das aktuelle Schlagwort für unternehmerisches Engagement in der Gesellschaft. Es stellt nicht allein ein moralisches Agieren dar, sondern beinhaltet auch eine strategische Entscheidung zur Absicherung der Gewinnoptimierung. Unternehmerische Verantwortung besteht darin, die gesellschaftlichen Chancen und Risiken zu managen, die mit der eigenen Geschäftstätigkeit und ihren nicht intendierten Folgen verbunden sind.74 Errichtet ein Unternehmen eine gemeinnützige Stiftung, zeigt es öffentlich, dass ihm eine auf Dauer angelegte gesellschaftliche Verantwortung wichtig ist. Es hat damit ein strategisch ausgerichtetes bürgerschaftliches Engagement entwickelt. Jürgen Dormann, Vorsitzender des Kuratoriums der Aventis Foundation (ehemals Hoechst Foundation, gegr. 1996), resümiert beispielhaft über die Beweggründe der Errichtung einer Unternehmensoder CSR-Stiftung: „Der Grund ist, dass die Übernahme gesellschaftlicher Verantwortung durch ein Unternehmen – über die eigentliche Verantwortung für den unternehmerischen Erfolg hinaus – mit der Gründung einer Stiftung einen selbstständigen, langfristigen und nicht zuletzt professionellen Rahmen erhält […] Die eingesetzten Mittel fließen als gemeinnützige Dividende in die Allgemeinheit zurück“.75 Die Fördertätigkeit der Aventis Foundation liegt in den Bereichen Kultur, Gesundheitswesen und Wissenschaft.

Der ehemalige Bundesminister Klaus Kinkel, Vorsitzender der Deutschen Telekom Stiftung, plädiert dafür, die unternehmensverbundenen Stiftungen neuen Typs nicht vorschnell als verlängerte Werkbank einer Unternehmens-PR anzusehen, sondern diese pragmatisch nach ihren Taten zu beurteilen.76 Die Deutsche Telekom AG beispielsweise betreibt, nahe am Kerngeschäft, CSR insbesondere im Rahmen ihres Bildungsengagements für öffentliche Schulen. Die Aktiengesellschaft setzt gleichzeitig auch auf ein nachhaltiges Engagement, um den Standort Deutschland als Technologienation sichern zu helfen und hat daher 2003 die Deutsche Telekom Stiftung errichtet. Sie erwartet sich hiervon einen positiven Imagetransfer. Die Stiftung unterstützt das Konzernleitbild des Unternehmens und trägt dazu bei, die Entwicklung einer vernetzten Wissens- und Informationsgesellschaft national und international zu fördern und mitzugestalten. Sie fördert insbesondere Bildung, Forschung und Technologie für Deutschland, um an der Gestaltung des Technologiestandortes Deutschland mitzuarbeiten. Die Vodafone Stiftung Deutschland wurde in der Rechtsform einer gGmbH ebenfalls 2003 errichtet. Sie ist – obgleich ohne wesentliches Stiftungsvermögen – eine der großen, unternehmensverbundenen Stiftungen in Deutschland, da sie erhebliche regelmäßige Mittel von ihrer englischen „Dach“-Stiftung erhält. Als eigenständige gemeinnützige Institution fördert und initiiert sie Projekte mit dem Ziel, Impulse für den gesellschaftlichen Fortschritt zu geben, die Entwicklung einer aktiven Bürgergesellschaft zu fördern und gesellschaftspolitische Verantwortung zu übernehmen. Das Förderprofil der Vodafone Stiftung steht unter dem Leitmotiv „Erkennen. Fördern. Bewegen.“ und umfasst die drei Bereiche Soziales/Gesundheit, Bildung sowie

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Stiftungen der Sparkassen-Finanzgruppe Die 619 Sparkassen-Stiftungen sind in der Summe mit einem Vermögen von 1,3 Milliarden Euro ausgestattet. Im Jahr 2005 wurden insgesamt 351 Millionen Euro an Förderleistungen ausgeschüttet. Rund ein Viertel der beim Bundesverband Deutscher Stiftungen bekannten unternehmensnahen Stiftungen gibt als Zweckausrichtung Kunst und Kultur an. Unter den Sparkassen-Stiftungen ist es im Vergleich dazu fast jede dritte. Interessant wird es im Bereich Sport: Mit jährlich 62 Millionen Euro Fördermaßnahmen ist die Sparkassen-Finanzgruppe der größte nichtstaatliche Sportförderer der Bundesrepublik. Davon kommen 80 Prozent dem Vereins- und Breitensport zugute. In den Bereichen Soziales, Umwelt, Bildung und Ausbildung sowie Wissenschaft gehört die Sparkassen-Finanzgruppe deutschlandweit zu den größten Privatförderern. Die Sparkassen-Stiftungen weisen – wie die Sparkasse selbst – einen dezentralen Charakter auf, so dass die Mehrzahl der Fördergelder in regionale und lokale Initiativen fließt. Sie sehen sich damit in der Verantwortung für die wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung in der Region. Daneben werden nationale und internationale Projekte unterstützt.

1

Anzahl Stiftungen

Förderausgaben 2005 in Mio. Euro

Kultur Soziales Sport mehrere Satzungszwecke Forschung Umwelt 200

100

0

100

200

Quelle: http://www.sparkassenstiftungen.de

Sport: Wenige Stiftungen, dafür viel Geld Gemessen an der absoluten Anzahl der Stiftungen mit dem Zweck Sport fließt überdurchschnittlich viel Geld in diesen Bereich. Bei den Kulturstiftungen ist es umgekehrt. Die Anzahl an Stiftungen im Bereich Forschung ist ähnlich hoch wie die der Sportstiftungen, dafür fließt hier aber nur etwa ein Drittel des Geldes, das für Sport ausgegeben wird.

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Kunst und Kultur. In den Mittelpunkt stellt sie Kinder und Jugendliche.77 Hauptzweck der gemeinnützigen Schering Stiftung ist die Förderung von Wissenschaft und Kultur. Die Schering AG möchte mit der 2002 gegründeten Stiftung einen Beitrag leisten zum Fortschritt der Wissenschaft als Basis für die Zukunftsfähigkeit und zur Erhaltung und Förderung des kulturellen Lebens

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als Grundlage unserer Gesellschaft: „Die Förderung sozialer und humanitärer Zwecke ist uns wichtig als Aufgabe und Verantwortung gegenüber der Gesellschaft“. Ihre Stiftungsarbeit sieht sie im Rahmen von Corporate Social Responsibility und verweist hier auf die Aufnahme der Schering AG in die Index-Reihe FTSE4Good, dem Londoner Index für Ethisches Investment.78 Das Profil der Schering Stiftung

ist nach der Fusion zwischen Schering AG und Bayer AG im Jahr 2006 bestätigt und durch eine Vermögensaufstockung gestärkt worden. Zum 1. Januar 2005 führte die Deutsche Bank ihre beiden inländischen Stiftungen („Deutsche Bank Stiftung Alfred Herrhausen Hilfe zur Selbsthilfe“, gegr. 1987 im Gedenken an den ermordeten Vorstandssprecher Alfred Herrhausen, und die „Kultur-Stiftung der Deutschen Bank“, gegr. 1995 anlässlich der 125-Jahr-Feier der Bank) zur Deutsche Bank Stiftung zusammen, um das gesellschaftliche Engagement auszubauen und Synergieeffekte in den Förderbereichen der Stiftungen (Bildung, Soziales, Musik, Kunst, Hilfe zur Selbsthilfe) zu nutzen.79 In diesem Schritt kommt die Unternehmensstrategie zur zielgerichteten Kommunikation, die mit einem stifterischen Engagement verfolgt wird, deutlich zum Ausdruck. Ihrem Selbstverständnis

nach setzt die Deutsche Bank Stiftung als eine von fünf regionalen CorporateSocial-Responsibility-Vertretungen der Deutschen Bank die globale Strategie des Hauses als Unternehmensbürger um. Die Münchener RückversicherungsGesellschaft setzt sich mit Bevölkerungswachstum, Globalisierung, Ressourcenknappheit, Umweltverschmutzung und Klimaveränderung auseinander. Aus dem daraus gewachsenen Wissen leitet die anlässlich des 125-jährigen Firmenjubiläums 2005 gegründete Münchener Rück Stiftung ihre Kompetenz ab, um „zu den Zukunftsfragen der Gesellschaft Stellung zu beziehen und gesellschaftliche Verantwortung bei der Lösung anstehender Aufgaben zu übernehmen. Ausschlaggebend für den Entschluss der Stiftungserrichtung war die Entscheidung soziale Verantwortung zu übernehmen und die Absicht, die Allgemeinheit stärker am eigenen Erfolg teilhaben zu lassen“.80

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© Deutsche Telekom Stiftung

„Ohne Mathe läuft nichts!“ Interview mit Dr. Klaus Kinkel

Der Arztsohn Klaus Kinkel, der im schwäbischen Metzingen geboren und in Hechingen Hohenzollern aufgewachsen ist, versuchte sich nur kurz als Medizinstudent auf dem Berufsweg seines Vaters und wurde stattdessen Jurist. Nach den Staatsexamen schlug er die Beamtenlaufbahn im Bundesinnenministerium ein, die ihn dort rasch zum Büroleiter von Hans-Dietrich Genscher beförderte. 1974 wechselte Kinkel mit Genscher ins Auswärtige Amt, wurde Leiter des Leitungs-, später des Planungsstabes und stieg danach als erster Zivilist zum Chef des Bundesnachrichtendienstes (BND) auf. Kinkel war achteinhalb Jahre Staatssekretär im Bundesministerium der Justiz und wurde 1991 Bundesjustizminister. Erst danach trat er der FDP bei. Von 1992 bis 1998 war er Außenminister. Seit 2003 steht er als Vorsitzender der Deutschen Telekom Stiftung in Bonn vor, die sich der Förderung von Bildung, Wissenschaft und Forschung vor allem in den Bereichen Mathematik, Naturwissenschaften und Technik widmet.

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Warum engagiert sich ein ehemaliger Außenminister bei einer neu gegründeten Unternehmensstiftung? Die Deutsche Telekom hat mich nach meinem Ausscheiden aus dem Ministeramt gebeten, als Anwalt für sie zu arbeiten. Im Rahmen dieser Arbeit habe ich mit anderen zusammen die Idee einer Stiftung für die Deutsche Telekom entwickelt. Diese ist dann ein wenig zu meinem Baby geworden und als man mich gefragt hat, ob ich den Vorsitz übernehmen würde, habe ich gerne ja gesagt und damit eine faszinierende Aufgabe übernommen. Das Gebiet war aber wohl neu für Sie? Ja, es lag nicht im Vordergrund meiner bisherigen politischen Tätigkeit. Ich habe aber schnell erkannt, dass die Themen Bildung, Forschung und Technologie für Deutschland die Megathemen der nächsten Jahre sind. Wenn wir die nicht anpacken, werden wir gewaltig zurückfallen. Waren Sie an der Festlegung auf diese Thematik beteiligt? Ja. Es gab auch durchaus andere Ideen, schließlich war es aber nicht schwer, die Führung der Deutschen Telekom als größtes Telekommunikations-Unternehmen Europas von diesem Thema zu überzeugen. Es gibt einen Trend zu Stiftungsgründungen von Unternehmen. Früher waren es die Unternehmer, die gestiftet haben. Wie kommt dieser Wechsel zustande? Weil sich in vielen Unternehmen zunehmend das Gefühl breit macht, dass man sich aus der Wirtschaft heraus noch stärker in die gesellschaftspolitische Entwicklung durch gemeinnütziges Engagement einbringen muss. Ist das erst der Anfang oder kommt da noch mehr von den Unternehmen? Das nehme ich schon an. Der Staat kann und sollte nicht alles machen und regeln. Die kommunalen-, die Landes- und die Bundesmittel gehen zurück; das Vermö-

gen im privaten und auch im Industriebereich ist enorm angewachsen. Da liegt es nahe, dass die Wirtschaft in einigen Bereichen über Stiftungen einspringt. Wo liegen denn die Defizite beim Megathema Bildung? Praktisch in der gesamten Bildungskette. Das beginnt bei der frühkindlichen Bildung, wo wir uns als Stiftung besonders engagieren, und hört an den Universitäten auf, wo Deutschland mit der LMU München auf Platz 58 der Weltrangliste als erste deutsche Universität auftaucht. Das muss sich ändern. Wie ist diese Vielfalt an Lücken entstanden? Das ist ein langer Prozess, den ich auch aus meiner politischen Vergangenheit etwas schuldbewusst betrachte. Ich habe beispielsweise nicht gewusst, wie schnell hierzulande das einzelne Kind, wenn es schwächelt, aus der Kohorte fallen gelassen wird. Das ist eine unserer größten Schwächen. Unser System ist nicht darauf ausgerichtet, Kinder aus sozial schwacher Umgebung mitzunehmen, ebenso Migrantenkinder. So verlieren wir schon am Anfang der Bildungskette ein großes Potenzial. Ich glaube auch, dass der Föderalismus, was Bildung anbelangt, eher ein Hemmschuh ist. Wir haben die aufgespreizte Länderzuständigkeit, mit einer ungeheuren Fülle von Vorschriften und Maßnahmen. Wettbewerb ist gut und wichtig. Aber die Startchancen müssen einigermaßen gleich sein. Was kann die Deutsche Telekom Stiftung dagegen tun? Wir können und dürfen nicht die staatliche Zuständigkeit ersetzen. Aber wir können an einigen Stellen direkt helfen, vor allem aber Schwachstellen aufstöbern. Wir können sehen, wo eine Stiftung andocken kann und dann Prototypen entwickeln, Steine ins Wasser werfen, die Wellen verursachen. Und dann an den zuständigen Stellen sagen: „Seht her, so könnte es gemacht werden“.

Interview mit Dr. Klaus Kinkel

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Zum Beispiel? Moderne Hirnforschung sagt, dass Kinder ab dem dritten Lebensjahr schon über Zahlen, Daten, Fakten, Naturerlebnisse und entsprechend gestaltete Lebenswelten frühkindliche Bildung erfahren können. Das kommt bei uns zu kurz. Unsere Kindergärten sind meist eher noch Bewahranstalten. Da setzen wir als Stiftung an. Wir versuchen die vielfältigen Bildungspläne von 16 Ländern in Best-Practice-Anleitungen zusammenzufassen. Wir haben beispielsweise einen Wettbewerb durchgeführt, wo wir Kindergärten mit Experimentier-Erfahrungen in Naturwissenschaften prämieren. Alle unsere Projekte lassen wir wissenschaftlich begleiten, um anschließend einen TÜV-Stempel zu erhalten, der für Qualität bürgt. Oder wir fördern Schüleruniversitäten, wo naturwissenschaftlich begabte Schüler schon an normalen UniversitätsVorlesungen, Seminaren, Prüfungen teilnehmen, was in Einzelfällen dazu führt, dass Schüler Vordiplome in Mathematik oder Physik vor ihrem Abitur erreichen. Rund 40 Universitäten machen da schon mit. Was ist das Hauptproblem der Universitäten? Unseren Universitäten fehlt Autonomie; weder können die Studenten generell ihre Universitäten aussuchen, noch umgekehrt. Das ändert sich jetzt zum Teil. Gott sei Dank. Universitäten müssen heute wie Unternehmen geführt werden. Sie brauchen weit mehr private und staatliche finanzielle Unterstützung. Da sind wir weit entfernt von den USA. Welche Programme hat die Deutsche Telekom Stiftung, um diesen Makel zu beheben? Die Deutsche Telekom als Unternehmen und wir als Stiftung fördern Stiftungslehrstühle mit einer Finanzierungszeit von drei bis fünf Jahren. Wenn jetzt Herr Jacobs in Bremen die Universität mit 200 Millionen Euro unterstützt, ist das mehr

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als dankenswert, aber wohl eher die Ausnahme. Und wir geben Stipendien an hochbegabte Doktoranden aus, die meistens in der Grundlagenforschung arbeiten. Warum meinen Sie, dass das Jacobs-Beispiel in Bremen eher die Ausnahme bleiben wird? Weil die deutsche Landschaft dafür von der Mentalität her nicht vorbereitet ist. Wir haben zwar reiche Private und auch Firmen in der Republik, die so etwas könnten. Im Jahr werden in Deutschland rund 300 Milliarden Euro vererbt. Aber in Deutschland herrscht eine andere Stiftungskultur als in den USA. Deutschland ist in seiner Verfasstheit eher darauf ausgerichtet, dass der Staat von der Wiege bis zur Bahre alles betreiben und regeln soll. Eigenverantwortung kommt erst an zweiter Stelle. Kann die Politik da helfen? Ja natürlich, sie muss – wie wir alle – den Versuch machen, bei dem notwendigen Mentalitätswechsel mitzumachen, ihn anzustoßen. Das ist ganz wichtig. Das wäre doch mal ein guter Stiftungszweck – Mentalitätswechsel. Da sind wir ja dicht dran. Man muss versuchen, die Strukturen zu beeinflussen. Wir versuchen beispielsweise, das Klima für Naturwissenschaften und Mathematik in Deutschland auch mental zu verbessern. Wir sponsern ganz besonders Mathematik, die wenig Unterstützung hat. Motto: „Ohne Mathe läuft nichts! Mathematik ist die Mutter aller Schlachten.“ Wie verändert man die Mentalität bei den Wohlhabenden, dass sie mehr stiften? Sollte man sie an eine Pflicht erinnern? Unser Stiftungsrecht ist zu schwach im steuerlichen Anreiz. Es muss insgesamt aufgebohrt werden. Die Finanzierung der Deutschen Telekom Stiftung erfolgt nicht nur über ein Stiftungsgrundvermögen, sondern

auch aus laufenden Zuweisungen des Konzerns, die jeweils vom Vorstand gebilligt werden müssen. Wie ist bei diesem Modell eine konstante, unabhängige Arbeit gesichert? Sie ist gesichert, ich kann Sie beruhigen. Die Deutsche Telekom hat zunächst 50, jetzt insgesamt 100 Millionen Euro in die Stiftung eingebracht mit dem Ziel weiterer Zustiftungen. Sie leistet zugleich eine jährliche Zuzahlung für die Stiftungsprojekte. Geplant ist, dass wir am Ende eine ausreichende Stiftungssumme haben, um aus den Zinsen unsere Projekte betreiben zu können. Wie löst die Deutsche Telekom als Aktiengesellschaft den Interessenkonflikt zwischen den Aktionären, die Gewinne erwarten, und dem Vorstand, der das Geld der Aktionäre, also fremder Leute Geld, für eine Stiftung abzweigt. Zunächst: das ist nur ein scheinbarer In-

teressenkonflikt. Bei einem Unternehmen mit einem Umsatz von rund 60 Milliarden spielt die Stiftungssumme eine relativ geringe Rolle. Wenn der Vorstand zusammen mit dem Aufsichtsrat beschließt, dass Geld für eine Stiftung da ist, muss er in die Hauptversammlung gehen, das dort vertreten und sagen: „Hört mal, das ist auch in eurem Interesse, dass wir als großes Unternehmen wichtige Zukunftsaufgaben gemeinschaftsorientiert wahrnehmen.“ So wird das auch in der Praxis gesehen. Wie lässt sich dem Vorwurf begegnen, dass ein Unternehmen mit einer Stiftung nur steuerbegünstigte PR betreibt? Der Vorwurf ist falsch und kleinkariert. Und auf das Unternehmen Deutsche Telekom nicht zutreffend. Wir sind in unserer Stiftungsarbeit absolut unabhängig. Das Interview führte Reiner Klingholz.

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Interview mit Dr. Klaus Kinkel

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Stiftungen, Think-Tanks und Themenmotoren Warum gibt es in Deutschland so wenige Denkfabriken? Wenn in kleinen Forschungsinstituten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Fachbereiche, vor allem aus den Wirtschafts- und Sozialwissenschaften, aber auch Personen mit unternehmerischen Qualitäten zusammensitzen, um politische und wirtschaftliche Konzepte oder Strategien zu entwickeln, dann spricht man häufig von „Denkfabriken“. Der Begriff ist von dem englischen „think tank“ abgeleitet, denn im Angelsächsischen sind diese Einrichtungen weit verbreitet. Sie werden dort meist von Unternehmen, privaten Stiftungen oder über Spenden finanziert, erhalten selten staatliche Zuschüsse und haben häufig mehr Freiheiten, neue Ideen vorzuschlagen und gesellschaftliche Optionen zu denken als Gremien einer Regierung oder die politischen Parteien.

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Die ältesten Thinks-Tanks in den USA sind älter als ihr griffiger Name. So wurde die Brookings Institution in Washington schon 1916 gegründet, die Rand Corporation 1948. Die ursprünglich als „brain box“ bezeichneten Einrichtungen waren zunächst große, mit viel Geld und Personal ausgestattete Institutionen. Erst in den 1980er Jahren entstand eine große Zahl kleiner, aber schlagkräftiger Organisationen mit hoher Expertise in bestimmten Fachgebieten. Think-Tanks sollten von ihrem Selbstverständnis her unabhängig und politisch neutral sein. Wenn sie von Interessensgruppen gegründet oder einseitig finanziert werden, haben sie jedoch oft den klaren Auftrag, Lobbyarbeit zu betreiben oder Interessen durchzusetzen und können somit kaum mehr als unabhängig bezeichnet werden. Manche Think-Tanks fertigen Studien an, die den politischen Diskurs vorantreiben. Andere versuchen dies über eine breite Öffentlichkeitsarbeit. Dritte wiederum ziehen nahezu unbemerkt hinter den Kulissen ihre Fäden. In der deutschen politischen Landschaft ist der Think-Tank angloamerikanischen Zuschnitts noch die Ausnahme. Zwar können steuerfinanzierte, parteinahe Stiftungen und Thinks-Tanks von Verbänden mit ihren Forschungs-, Beratungsund Kompetenzzentren DenkfabrikArbeit leisten, jedoch sind diese häufig interessensgesteuert. Daneben üben Think-Tanks in Deutschland nur geringen Einfluss auf die politische Meinungs- und Willensbildung, Entscheidungs- und Gestaltungsprozesse aus. Das Beispiel der USA zeigt hingegen, dass die Einflussnahme von Think-Tanks auf die politische Agenda und die öffentliche Meinung äußerst effektiv sein kann.81 Vor allem konservative Stiftungen haben dort seit den 1960er Jahren strategisch auf dieses Instrument gesetzt und die Denkfabriken massiv gefördert. Ihre weltanschaulich geprägten Aktivitäten

zielten im Zusammenspiel mit gleichgerichteten Stiftungen direkt auf die zentralen Meinungsbildungsprozesse der Öffentlichkeit und politischer Entscheidungsträger. Konservative Stiftungen haben – zum Teil mit aggressiven Methoden – politische Positionen gefördert, Meinungen und Themen gesteuert sowie effektiv auf Budget-Entscheidungen und die Festlegung politischer Prioritäten Einfluss genommen. Dabei wurden gezielt politiknahe Denkfabriken installiert, substanziell und langfristig mit erheblichen Mitteln und personellen Ressourcen ausgestattet. Auch Politikberatung und der Aufbau von Führungspersönlichkeiten und öffentlichen Intellektuellen beispielsweise durch Ausbildungs- und Trainingsprogramme gehörten zu den zentralen Förderstrategien dieser Stiftungen. Die Förderung von Think-Tanks ist in den USA jedoch nicht auf konservative Stiftungen beschränkt. Auch liberale Stiftungen setzen seit Jahren und zunehmend auf die Förderung privater Denkfabriken. Die einflussreichen privaten ökologisch orientierten Institute wie das weltweit bekannte Worldwatch Institute oder das Rocky Mountain Institute um den Energieguru Amory Lovins leben von dieser Förderpolitik ebenso wie Einrichtungen zur Unterstützung der Kernenergie. Abtreibung befürwortende und ablehnende Konzeptschmieden haben eine ähnliche Finanzierungsstruktur. Die Think-TankLandschaft mit vielen tausenden solcher Einrichtungen ist fast unüberschaubar. Hinter der thematischen Vielfalt stehen meist fördernde Stiftungen. Einflussnahme im Sinne eines politischen Lagers ist in der Regel nicht das Ziel der Förderaktivitäten deutscher Stiftungen. Und doch betätigen sich einige Stiftungen im Bereich der Politikberatung und bringen Themen in die öffentliche Wahrnehmung. Eine strukturelle, nicht an spezifische Projekte gebundene institutionelle Förderung, die längerfristig die

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Lebensfähigkeit dieser Think-Tanks und die Entwicklung neuer Ideen ermöglicht, ist hierzulande jedoch sehr selten. Es scheint nicht der Mentalität deutscher Stiftungen zu entsprechen, jenseits traditioneller Wissenschaftsförderung Geld in größerem Umfang für die „Entwicklung intellektuellen Rohmaterials“82 zur Verfügung zu stellen. Im Gegenteil: Das amerikanische Beispiel scheint sogar abzuschrecken. So wird die Bertelsmann-Stiftung, die mit erheblichen Mitteln operiert und sich selbst als Think-Tank bezeichnet, trotz ihrer Erfolge auch kritisch gesehen. Unter anderem, weil einer einzelnen, reichen Familie, die eine finanzstarke Konzeptfabrik mit der Macht eines Medienkonzerns bündeln könnte, politische Einflussnahme unterstellt wird. Eine nicht projektgebundene Förderung unabhängiger privater Institute, die politisch relevante Themen auch „vermarkten“ können oder die operative Tätigkeit einer Stiftung als Think-Tank bietet jedoch enorme Potenziale. Stiftungen könnten über die Förderung von Think-Tanks auch hierzulande die reklamierte Rolle als Innovationskräfte und Themenmotoren wesentlich effektiver spielen. Der Großteil der Think-Tank-Förderung in Deutschland ist als relativ staatsnah einzustufen. Vor allem, weil die politischen Denkfabriken zum Großteil von der Politik selbst mit staatlichen Geldern geschaffen und unterhalten werden. Hier sind neben Instituten an Universitäten auch die Parteienstiftungen zu nennen, die politische Bildung der Öffentlichkeit und Politikberatung zu ihren genuinen Aufgaben zählen. Die Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP) wird seit 1965 vom Deutschen Bundestag finanziert, um ihn und die Bundesregierung in Fragen der Außen- und Sicherheitspolitik auf der Grundlage eigener, praxisbezogener Forschung zu beraten. Auch das Wuppertal Institut für Klima, Umwelt, Energie GmbH, das

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maßgebliche Impulse zugunsten einer nachhaltigen Entwicklung setzen konnte, ist nicht an eine Universität gebunden. Es ist jedoch mit staatlichen Geldern ins Leben gerufen worden und erhält seine Grundfinanzierung aus Steuergeldern. Das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen e.V. in Hannover, das auf allen möglichen Gebieten mit Studien die Politik und die öffentliche Debatte beeinflusst, erhält neben erheblichen Stiftungsmitteln eine staatliche Grundfinanzierung. Das neu gegründete Deutsche Institut für Menschenrechte in Berlin basiert, obwohl von Akteuren der Zivilgesellschaft initiiert, auf staatlicher Finanzierung. Zahlreiche Nichtregierungs-Organisationen haben sich jahrelang für die Gründung des Instituts eingesetzt. Dabei haben sie von vornherein auf öffentliche Gelder gesetzt – die Möglichkeit, dieses Projekt der Zivilgesellschaft mit Mitteln gemeinnütziger Stiftungen ins Werk zu setzen, spielte eine untergeordnete Rolle. Dieser solide Etatismus in Sachen Think-Tanks macht auch vor dem deutschen Stiftungssektor nicht halt. Auch die privaten Stiftungen geben hierzulande ihr Geld, soweit es an Think-Tank-ähnliche Institutionen geht, überwiegend an staatliche Einrichtungen. Seit jeher fördern deutsche Stiftungen vor allem solche Institute, die an Universitäten angebunden sind und von Universitätsprofessorinnen oder -professoren geleitet werden. Schätzungsweise jede zehnte deutsche Stiftung ist auf diese Weise fördernd tätig, zumeist in Form der Förderung klassischer Wissenschaftsprojekte. Empfänger derartiger Stiftungsgelder sind beispielsweise das ifo Institut für Wirtschaftsforschung e.V. an der Universität München, das unter anderem von der Fritz Thyssen Stiftung, der Herbert-Quandt-Stiftung und der Robert Bosch Stiftung GmbH Fördermittel erhält. In diese Kategorie gehört auch das neu errichtete Heidelberger Centrum für

Soziale Investitionen und Innovationen zialforschung, das vom Stifter Jan Philipp (CSI). Es wurde 2006 als Projekt der Reemtsma selbst geleitet wird. Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg Ein weiteres Beispiel ist das noch gegründet und wird beispielsweise von junge Berlin-Institut für Bevölkerung und der Robert Bosch Stiftung GmbH, der Entwicklung, das erheblich zur VerbreiDeutsche Bank Stiftung, der Gemeinnüttung von Wissen über den demographizigen Hertie-Stiftung, der Fritz Thyssen schen Wandel beiträgt. Es verfügt nur Stiftung sowie der Universität Heidelberg über ein marginales Stiftungskapital und gemeinsam finanziert. Stiftungswesen, wird über Drittmittel und Spenden geZivilgesellschaft und soziale Ökonomie in fördert – maßgeblich von privaten deutEuropa stellen die Hauptforschungsfelder schen Stiftungen wie der Robert Bosch dieses interdisziplinären ForschungszenStiftung GmbH. Das Berlin-Institut erhält trums dar. Zudem soll es der Fort- und jedoch keine institutionelle Förderung. Weiterbildung von Fach- und FührungsInteressanterweise wurde der Start des kräften des Dritten Sektors dienen. Die Instituts erst durch einen „general supForschungs- und Diskussionsergebnisse port grant“ der amerikanischen Hewlett des CSI sollen in Politikberatung münden, Foundation ermöglicht, die damit explizit wobei der wachsenden Bedeutung des den Aufbau eines Think-Tanks für demoThemas „soziale Investition“ in der Politik graphische Fragen in Deutschland fördern Rechnung getragen werden soll. wollte. Deutsche Stiftungen waren für Als erstes Anzeichen einer möglichen den Aufbau dieses privaten KompetenzTrendwende hin zu privaten Think-Tanks zentrums für Bevölkerungsfragen mit progilt, dass sich unter den jüngeren Stifjektungebundenen Mitteln ebenso wenig tungen zunehmend solche finden, die zu gewinnen wie die öffentliche Hand. operativ als Denkfabrik arbeiten. Bei den Erhebliche Stiftungsgelder flossen meisten dieser Einrichtungen fehlt indes auch in das Maecenata-Institut für Phiein angemessenes Stiftungskapital. Aus lanthropie und Zivilgesellschaft an der den Vermögenserträgen kann bei der Humboldt-Universität zu Berlin, das sich überwiegenden Zahl dieser Stiftungen mit Fragen der Philanthropie befasst, keine einzige Stelle für eine wissenschaft- heute jedoch nur noch projektgebunden liche Mitarbeiterin oder einen Mitarbeigefördert wird. Ein Beispiel aus jüngerer ter bezahlt werden. Hier dürfte nur die Vergangenheit ist berlinpolis e.V., eine Rechtsform als praktische Alternative zu Einrichtung, die an die „Foundation for anderen Formen wie etwa einer gemeina New America“ erinnert und die sich nützigen GmbH den Grund für die Einrich- einer neuen progressiven Politik für die tung der Institute als Stiftung bilden. Wissensgesellschaft des 21. Jahrhunderts Während der deutsche Universitätsverschrieben hat. Sie gibt das Magazin betrieb selten bemüht ist, Forschungser„thinktank“ heraus, das aktuelle Trends gebnisse mit modern gestalteter Kommu- und Thesen analysiert. Die Projekte von nikation in die Öffentlichkeit zu bringen, berlinpolis werden unter anderem von der gehört dieses Prinzip bei privaten ThinkAlfred Herrhausen Gesellschaft für InterTanks zum Wesenskern. Allerdings gibt nationalen Dialog, der Gemeinnützigen es hierzulande jenseits der partei- oder Hertie-Stiftung, der Robert Bosch Stiftung verbändenahen privaten Denkfabriken GmbH und der Hans-Böckler-Stiftung nur einige kleinere Institute, die staatsgefördert. unabhängig agieren und maßgeblich von Die projektgebundene Form der Stiftungsgeldern leben. Zu den AusnahFörderung ist einerseits verständlich, men zählt das Hamburger Institut für Sodenn keine Stiftung möchte sich über eine

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öffentliche Aufmerksamkeit

hoch

Grundfinanzierung dauerhaft abhängige Unterinstitute ans Bein binden. Auf der anderen Seite bietet gerade die institutionelle Förderung einem Institut die Möglichkeit, flexibel aktuelle Themenstellungen anzugehen. Das Beispiel USA zeigt, dass es nur so möglich ist, Projekte mit ungewissem Ausgang anzugehen und die personellen Ressourcen nicht übermäßig mit – letztlich unproduktiven – Fundraisingaufgaben zu belasten. Im staatsfi-

nanzierten Wissenschaftsbetrieb hat sich die solide Grundfinanzierung bewährt. Es fragt sich, warum Stiftungen ihre Wirkung nicht weiter ausbauen, indem sie mit flexiblen Finanzmitteln nichtstaatlichen Wissenschaftsakteuren mit Innovationsund Einflusspotenzial den Rücken stärken und so auch einen Wettbewerb zwischen universitären und privaten Forschungsinstituten – letztlich also die Effizienz im politischen Diskurs – fördern.

Erst der Störfall – dann die Reaktion Am Beispiel der Umweltdebatte zeigt sich, wie viel Zeit politische Prozesse in Anspruch nehmen: Auch wenn durch Störfälle aller Art bekannt war, dass langlebige Pestizide, Luftschadstoffe oder auf Grund laufende Öltanker bedrohliche Folgen haben, hat zunächst nur die Zivilgesellschaft gegen die Probleme aufbegehrt. Erst wenn der öffentliche Druck groß genug ist, reagiert die Politik – mit Gesetzen und Institutionen. Stiftungen werden erst spät zu Akteuren im politischen Diskurs, spielen dann aber eine wichtige Rolle. Umweltstiftg. WWF Deutschl. A. Toepfer: Naturparks

Der stumme Frühling

Stiftungen Institutionen Katalysatoren in der Gesellschaft Think-Tanks Politische Rückschläge Politische Erfolge TA Luft Nationalpark Bayerischer Wald A. Toepfer: Europarc Umweltbundesamt Worldwatch Institute Die Grenzen des Wachstums

Öko-Institut

Greenpeace

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gering

Friends of the Earth © Berlin-Institut

1950 1952 1954 1956 1958 1960 1962 1964 1966 1968 1970 1972 1974 1976 1978

• Langlebige Pestizide Störfälle

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• Saurer Regen

Seveso • Amoco Cadiz •

Andere Formen der Förderung von Think-Tank-Aktivitäten

Beispiel aus jüngerer Vergangenheit ist der breit diskutierte Report „Die demografische Lage der Nation“ 83 vom BerlinInstitut für Bevölkerung und Entwicklung, der von der Robert Bosch Stiftung GmbH und der Software AG-Stiftung gefördert wurde. Mit Fördermitteln der Robert Bosch Stiftung GmbH wurde auch jahrelang der Datenreport der Deutschen Stiftung Weltbevölkerung unterstützt, der aktuelle demographische Hintergründe zur Entwicklung der Weltbevölkerung liefert. Und auch die Bertelsmann Stiftung bringt ihre Anliegen sehr häufig in Form von Reports voran. Die Robert Bosch Stiftung GmbH geht noch einen Schritt

Während die institutionelle Förderung klassischer privater Think-Tanks deutschen Stiftungen noch fremd und selbst die Förderung einzelner Projekte die Ausnahme ist, werden mit diesen häufig innovative Wege beschritten, die öffentliche Diskussion anzuregen. Dazu gehören Studien mit großer Breitenwirkung in Form von „Reports“. Die VolkswagenStiftung hat bereits in den 1960er Jahren den ersten Meadows-Bericht für den Club of Rome, „Die Grenzen des Wachstums“, finanziert. Ein

Bleifreies Benzin

Katalysator

GroßfeuerungsProtokoll von anlagenverordnung Montreal IPCC

Die Grünen

BM Umwelt, Naturschutz, Reaktorsicherheit

Umweltgipfel von Rio FFHRichtlinie WuppertalInstitut

Dt. Bundesstiftg. Umwelt World Resources Institute Dt. Stiftg. für Umweltpolitik

Allianz Umweltstiftg.

Stftg. OffshoreWindenergie Heinz-Sielmann-Stiftg.

Michael Succow Stftg.

Eine unbequeme Wahrheit

Global Umweltgipfel Nature Fund Johannesburg

Dt. Wildtier Stiftung

KyotoProtokoll

Klimakonferenz Nairobi

151 1980 1982 1984 1986 1988 1990 1992 1994 1996 1998 2000 2002 2004 2006

Bhopal • • Waldsterben • Ozonloch

Brent Spar • • Exxon Valdez • Tschernobyl

• Oderflut

• Hurrikan Katrina • Elbe-Flut

Stiftungen, Think-Tanks und Themenmotoren

weiter in Richtung Think-Tank-Arbeit: Sie hat eine eigene Kommission zum demographischen Wandel einberufen, die sich mit Veranstaltungen und viel beachteten Studien zu familienpolitischen Fragen zu Wort meldet. Einen anderen Typ der Think-TankArbeit stellen Projekte dar, bei denen Expertinnen und Experten sowie Personen aus dem Bereich der Politik an einen Tisch gebracht werden. Solche Zusammenkünfte, oft unter Ausschluss der breiten Öffentlichkeit, ermöglichen kreative politische Denkprozesse, die zunächst nicht an konkrete Ergebnisse, Agenden und Erfolge gebunden sind. Es sind gewisser-

öffentliche Aufmerksamkeit

hoch

Der Marsch durch die Institutionen Frauen konnten sich anfangs nur langsam ihren angemessenen Platz in der Gesellschaft erarbeiten. Nach der Frauenbewegung hat die Politik die Frauenfrage rasch institutionalisiert, so dass ihr der Charme des Aktionismus verloren ging. Die Stiftungslandschaft könnte das Thema wieder interessanter machen.

maßen Think-Tanks auf Zeit. Der seit 1961 existierende „Bergedorfer Gesprächskreis“ der Hamburger Körber-Stiftung fördert beispielsweise den internationalen Dialog zwischen Politik, Wissenschaft, Unternehmen und publizistisch Tätigen, bei dem – abseits des tagespolitischen Geschäfts – interdisziplinär in geschütztem und ergebnisoffenen Rahmen diskutiert wird. Die Ergebnisse dieser namhaft besetzten und an unterschiedlichen Orten weltweit stattfindenden Gesprächsrunden werden im Nachhinein publiziert. Nach ähnlichem Prinzip verlaufen die von der Herbert-Quandt-Stiftung veranstalteten Sinclair-Haus-Gespräche. Auch über die Verleihung von Preisen setzen Stiftungen Themen: So gibt es seit Kurzem eine Reihe von öffentlichkeitswirksamen Auszeichnungen für Projekte, die sich für eine Verbesserung der problematischen Lage an deutschen Hauptschulen einsetzen. Generell hat eine verbesserte Kommunikation von Stiftungsprojekten einen starken meinungsbildenden Effekt. Vorbildliche Projekte, die keiner kennt, können

Stiftungen Institutionen Katalysatoren in der Gesellschaft Think-Tanks Politische Rückschläge Politische Erfolge

1. Deutsches Frauenhaus 1. Weltfrauenkonferenz A. Renger Präsidentin d. Dt. Bundestages

Mütter des Grundges. Das andere Geschlecht

Reform des Familienrechts

Antibabypille

Wir haben abgetrieben

UNIFEM

gering

152 Deutscher Frauenrat

Der Weiblichkeitswahn

Emma

1948 1950 1952 1954 1956 1958 1960 1962 1964 1966 1968 1970 1972 1974 1976 1978

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keine Breitenwirkung entfalten. Um diepolitik stammend, hat der Begriff der sen Trend zu mehr Öffentlichkeitsarbeit Nachhaltigkeit längst Eingang in breite zu verstärken, haben die Mitglieder des gesellschaftspolitische Diskussionen geBundesverbandes Deutscher Stiftungen funden und mit der Agenda 21 eine sektorbeispielsweise die Grundsätze Guter übergreifende Bedeutung erfahren. Stiftungspraxis verabschiedet. Zusätzlich Von derartigen Überlegungen scheihat der Verband einen Preis für Stiftungsnen neue Entwicklungen im Stiftungssekkommunikation ausgelobt (KOMPASS). tor bestimmt. So meint Lutz Spandau von Bei dem Bemühen, Themen zu der Allianz Umweltstiftung in München, setzen, ist bemerkenswert, dass sich die Arbeit von Stiftungen entwickele Stiftungen immer mehr von sektoralen sich immer stärker in den Bereich der Begrenzungen befreien und allein dagesamtgesellschaftlichen und übergreidurch neue Impulse geben. So finden sich fenden Themenstellungen sowie hin zu zunehmend Projekte, die beispielsweise Querschnittsthemen – nicht über ThinkUmweltschutz mit Völkerverständigung Tank-Förderung, sondern auf dem Wege oder Bildung, demographischen Wandel klassischer Projektarbeit. Nachhaltigkeit mit Stadtentwicklung oder Integration sei dabei einer der Leitgedanken, der verbinden. die Frage nach der Zukunftsfähigkeit der Wohin diese Entwicklung gehen Gesellschaft prägt. Und zwar, indem man kann, zeigt beispielhaft die Integration sie unter vielfältigen Gesichtspunkten des Konzepts der nachhaltigen Entwicklung in die Programme und Projekte von Stiftungen. Ursprünglich aus Schwangeren- und Famider Umwelt- und Entwicklungslienhilfe-Änderungsges. Ges. z. Schutz vor sex. Belästigung am Arbeitsplatz Weltfrauenkonferenz Peking Frauenquote bei SPD

H. Simonis Ministerpräsidentin Schlesw.-Holst.

Frauenanstiftung

Frauen Media Turm Global Gag Rule

Gewaltschutzgesetz

Kompetenzzentr. Frauen i. Wirtschaft u. Forschung

Feministisches Institut d. Heinr.-Böll-Stftg.

BMFSFJ Terre des Femmes

Reform § 177

UN Sonderberichterstattung

Helga-StödterStiftung

Christiane NüssleinVollhard-Stiftung

Dt. Stiftg. Frauen- und Geschlechterforschung

Helga-BrennStiftung

Käthe-Ahlmann-Stiftung

filia. die Angela Merkel frauenstiftung Bundeskanzlerin

153 UN-Übereinkommen zu Frauenrechten

Trümmerfrauenurteil

1980 1982 1984 1986 1988 1990 1992 1994 1996 1998 2000 2002 2004 2006

Stiftungen, Think-Tanks und Themenmotoren

betrachtet und den Einfluss von Umweltschutzmaßnahmen auf den Arbeitsmarkt, das Bildungsangebot oder die Chance zur Integration von Zugewanderten mit betrachtet. Derartige Projekte werden zumeist in Kooperation mit anderen Akteuren der Zivilgesellschaft durchgeführt. Erst auf

diese Weise kommt das Innovationspotenzial zum Tragen. Doch ohne gleichzeitige Förderung von Think-Tanks fehlen dem Sektor wissenschaftsbasierte Konzepte und Argumente. Und es besteht die Gefahr, dass Stiftungen Themen erst dann mit Einzelprojekten aufgreifen, wenn sie bereits durch andere etabliert sind.

Parteinahe Stiftungen Parteinahe Stiftungen betreiben politik- und sozialwissenschaftliche Forschung, erstellen Studien im Auftrag ihrer Parteien und betätigen sich in der Politikberatung. Finanziert werden sie zu 90 Prozent aus Bundesmitteln – ein Großteil des Geldes geht in die Entwicklungszusammenarbeit. Am staatlichen Finanztropf zu hängen und in der direkten Einflusssphäre von Parteien zu agieren, kann zugleich von Vor- und Nachteil sein. Politikerinnen und Politiker sind ihren Stiftungen eng verbunden und so leicht in Veranstaltungen und Projekte einzubinden. Gleichzeitig besteht eine traditionelle Loyalität gegenüber den jeweiligen politischen Leitideen, was die Unabhängigkeit dieser Stiftungen einschränkt. Die SPD-nahe Friedrich-Ebert-Stiftung e.V. ist die älteste und, an ihrem Zuwendungsvolumen gemessen, die größte politische Stiftung in der Bundesrepublik. Zentrale Arbeitsfelder der Friedrich-Ebert-Stiftung sind: „Gerechte Gesellschaft“, „Innovation und Fortschritt“ sowie „Aktive Demokratie“.84 Ein hervorstechender Teil ihrer Bildungsarbeit ist die OnlineAkademie. Hier werden Informationsmaterialien aus den Angeboten und Arbeiten der Stiftung zur Verfügung gestellt. Unter den Themenmodulen finden sich Fragen wie „Globalisierung“, „Dialog der Kulturen“, „Europäische Identität“, „Generationengerechtigkeit“ oder „Rechtsextremismus“.85 Für Jugendliche existiert beispielsweise das theaterpädagogische Trainingsangebot „Interkultureller Schüler/innen Dialog. Was guckst Du?“ für Haupt-, Real- und Berufsschulen. Die der CDU nahe stehende Konrad-Adenauer-Stiftung e. V. definiert sich als „Think-Tank und Beratungsagentur“, die „wissenschaftliche Grundlagen und aktuelle Analysen vorausschauend für politisches Handeln“ erarbeitet und kommuniziert.86 Zentrale Themen der Konrad-Adenauer-Stiftung sind: „Soziale Marktwirtschaft“, „Zukunft der europäischen Ordnung“ und „Ethische Grundlagen der modernen Bürgergesellschaft“. Auch sie führt eine Vielzahl von Projekten selbst durch, beispielsweise zum „Dialog der Religionen“, zu den Themen „Grundlagen der Bürgergesellschaft“, „Junge Generation: Bürgergesellschaft ohne Nachwuchs?“ und „Bürgerschaftliches Engagement von Unternehmen“. Wichtiges Anliegen der Konrad-Adenauer-Stiftung ist zudem die „Zukunft der europäischen Ordnung“: Die Stiftung hat es sich zum Ziel gesetzt, die europapolitische Debatte mit zu prägen, eigene Expertise zum Thema zu entwickeln und der Politik sowie einer breiten Öffentlichkeit zu vermitteln. Von den kleineren politischen Stiftungen hebt sich die den Bündnisgrünen nahestehende Heinrich-Böll-Stiftung e.V. mit eigenem Konzept heraus. 1997 gegründet, ist sie aus den ehemals drei grünen Stiftungen (Buntstift, Göttingen; Frauen-Anstiftung, Hamburg; Heinrich-Böll-Stiftung, Köln) hervorgegangen. Sie versteht sich als „grüne Ideenagentur“, als „Teil eines globalen grünen Netzwerkes“ und engagiert sich „welt-

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StiftungsReport 2007

weit für Ökologie, Demokratie und Menschenrechte“.87 Mit ihrer Fokussierung auf die Entwicklung neuer politischer Konzepte, der Produktion, nicht allein Vermittlung, von Ideen will die Stiftung Think-Tank sein: Denkanstöße für demokratische Reformen und soziale Innovationen geben, sich für ökologische Politik und nachhaltige Entwicklung im globalen Maßstab engagieren, Wissen von Expertinnen und Experten an politische Akteure vermitteln, Ort sein für offene Debatten und den Dialog zwischen Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft fördern. Die FDP-nahe Friedrich-Naumann-Stiftung ist ausweislich ihrer selbst verfassten Grundsätze „die Stiftung für liberale Politik in der Bundesrepublik Deutschland. Sie will dazu beitragen, dem Prinzip Freiheit in Menschenwürde in allen Bereichen der Gesellschaft Geltung zu verschaffen“.88 Staatsbürgerliche Bildung und Erziehung sind der Kern des Bildungsprogramms der Stiftung, sie wendet sich damit insbesondere auch an junge Nachwuchskräfte. Die derzeitigen Schwerpunkte der Stiftungsarbeit umfassen die Themen „Globalisierung und Entwicklung“, „Bildung als Grundlage einer freien Gesellschaft“, „Friedenssicherung und Konfliktprävention“, „Aktive Bürgerschaft und Kommunalpolitik“, „Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit, Verfassungsreform“. Das bei der Stiftung ansässige, 1995 gegründete Liberale Institut versteht sich ebenfalls als Think-Tank. Es widmet sich der Grundsatzfrage, welchen Beitrag liberale Ideen und Prinzipien zur Gestaltung der Zukunft leisten können. Überwiegend im Bereich der politischen Bildungsarbeit operiert die CSU-nahe Hanns-Seidel-Stiftung e.V. Mit ihrer Akademie für Politik und Zeitgeschehen betreibt die Stiftung praktisch orientierte Politikberatung und erarbeitet auf wissenschaftlicher Basis Grundlagen für die politische Entscheidungsfindung, während sie über das Institut für Internationale Begegnung und Zusammenarbeit (IBZ) im Bereich der Entwicklungszusammenarbeit aktiv ist.89 Die Arbeit des IBZ ist in Form von zahlreichen Projekten organisiert und hat die Initiierung einer nachhaltigen Entwicklung sowie die Förderung menschenwürdiger Lebensverhältnisse zum Ziel. Die Rosa-Luxemburg-Stiftung e.V. ist eine parteinahe Stiftung der Linkspartei, sie unterstützt gemeinnützige Zwecke, wie die Förderung von politischer Bildung und Wissenschaft, Kunst und Kultur sowie die internationale Verständigung.90 Die Stiftung sieht sich als ein sozialistischer Think-Tank politiknaher Alternativen. Auch die dem Deutschen Gewerkschaftsbund nahestehende Hans-BöcklerStiftung in Düsseldorf definiert als eine ihrer Hauptaufgaben, einen Beitrag zum gesellschaftlichen Reformprozess zu leisten. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf den Interessen von Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern. Die Hans-Böckler-Stiftung hat hierfür ein eigenes Forschungsinstitut, das 1995 in die Stiftung integrierte Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliche Institut (WSI). Das WSI befasst sich vorrangig mit Strukturfragen von Wirtschaft und Arbeitsmarkt, Verteilung und sozialer Sicherung, Arbeitsbeziehungen und Tarifpolitik.91 Aufgabe des Instituts ist es, wirtschafts- und sozialwissenschaftlich fundierte Vorschläge zur Bewältigung gesellschaftlicher Probleme zu erarbeiten und Forschungsergebnisse und Konzepte der Öffentlichkeit, der Politik und der Wissenschaft vorzustellen. Zu den öffentlichen Veranstaltungen des WSI gehört unter anderem das regelmäßig alle zwei Jahre stattfindende Hans Böckler Forum zum Arbeits- und Sozialrecht. 2005 wurde ein neues Forschungsinstitut im Rahmen der Stiftung gegründet: Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) in der HansBöckler-Stiftung, das sich vorrangig der gesamtwirtschaftlichen Perspektive in der ökonomischen Forschung und in der wirtschaftspolitischen Diskussion widmet. Hier werden konjunkturelle Phänomene auf der Grundlage empirischer Forschung untersucht.

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© Robert Bosch Stiftung GmbH, Foto: Susanne Kern

„Der Leidensdruck muss eine bestimmte Höhe erreichen.“ Interview mit Dieter Berg Der 1951 in Worms geborene Jurist Dieter Berg war zunächst als persönlicher Referent des Rektors der Universität Heidelberg und als Leiter der Rechtsabteilung der Robert Bosch GmbH in Stuttgart tätig. Seit 2003 ist Berg Vorsitzender der Geschäftsführung der Robert Bosch Stiftung GmbH. Die Erträge der GmbH kommen nach der Testamentsverfügung des Firmengründers gemeinnützigen Zwecken zu. Die Stiftung fördert unter anderem Vorhaben auf den Gebieten Gesundheit, Bildung, Wissenschaft, Forschung und Völkerverständigung und betreibt drei Einrichtungen, darunter das Robert-Bosch-Krankenhaus in Stuttgart.

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Manche Stiftungen haben sich der Förderung von Kultur verschrieben, andere investieren in Forschung und Wissenschaft. Wie wichtig sind Stiftungen darüber hinaus als gesellschaftliche Katalysatoren, welchen Einfluss haben sie beim Setzen von politischen Themen? Dies ist das interessanteste Betätigungsfeld von Stiftungen überhaupt. Wir wollen gesellschaftliche Defizite identifizieren und Lösungsansätze ins Gespräch bringen. In welchen Feldern sehen Sie denn Defizite? Beim Thema Demographie zum Beispiel. Personen wie Meinhard Miegel oder Kurt Biedenkopf haben die Problematik schon vor 20, 30 Jahren diskutiert, aber die Politik hat sie nicht erkannt. Wir haben uns als Stiftung vor fünf Jahren für das Thema entschieden, da stand es noch nicht jeden Tag in der Zeitung und wir befassen uns jetzt mit den beiden demographischen Unterthemen Familie und Alter. Oder betrachten Sie das Thema Integration. Auch das ist nicht neu. Die Robert Bosch Stiftung hat die Integration von Ausländern schon in den 1980er Jahren aufgegriffen, ihre Aktivitäten dann jedoch vorübergehend wieder eingestellt. Da gab es gute Projekte, die bis heute existieren. Aber wir waren damals zu früh und haben auf unsere Arbeit keine breite Resonanz erfahren. Braucht es eine kritische Masse, bis Themen reif für die gesellschaftliche Diskussion sind? Der Leidensdruck muss eine bestimmte Höhe erreichen, erst dann kommt ein Thema auf die politische Agenda. Wenn der politische Wille fehlt, lässt sich ein Thema leicht unterdrücken. Ist in solchen Momenten gerade die Zivilgesellschaft gefordert? Es gibt Beispiele, dass die Zivilgesellschaft dabei Erfolge hat. Umweltthemen standen lange nicht auf der politischen Agenda. Erst die Zivilgesellschaft hat es

geschafft, die Umwelt gegen den Willen der Politik zum Thema zu machen. Können Stiftungen mehr bewirken, wenn Sie sich bei großen Themen absprechen, um gemeinsam etwas voranzutreiben? Kartelle zu schmieden ist sicher nicht die richtige Methode. Aber wir sprechen offen mit anderen Stiftungen über jene Themen, mit denen wir uns beschäftigen wollen. Wir sehen in den anderen keine Konkurrenten. Es gibt viele Beispiele, wo Stiftungen kooperieren, um ihre Kräfte zu bündeln. Wie spielt sich eine Themenfindung bei der Robert Bosch Stiftung ab? Das beginnt mit Nachdenken bei jedem Einzelnen. Wir alle lesen Zeitung, denken politisch, spüren, wenn ein Thema in der Luft liegt. Dann ziehen wir Fachleute heran, die etwas von der Sache verstehen, um herauszufinden, ob wirklich gesellschaftliche Defizite bestehen und ob diese von Stiftungen bearbeitet werden können. Wir sind ja nicht Experten in allen Bereichen. Wir sind auch darauf angewiesen, dass von externen Fachleuten Ideen an uns herangetragen werden, deren Umsetzung wir dann ermöglichen. Beim Thema Integration zum Beispiel ist es sinnvoll, viele kleinteilige Projekte zu fördern, die auf lokaler Ebene etwas bewirken. Bei anderen Themen, wie der Demographie, kann man nur selten mit kleinen Modellen arbeiten. Angesichts der großen gesellschaftlichen Frage ist es besser, öffentliche Aufmerksamkeit zu schaffen, um so Druck auf die Politik aufzubauen. Wie lassen sich die Erfolge Ihrer Arbeit messen? Werden Ihre Programme intern evaluiert? Bei uns wird grundsätzlich alles evaluiert. Wir wollen ja herausfinden: „Hat es was gebracht?“ Das kann man in vielen Fällen natürlich nicht mit „Ja“ oder „Nein“ beantworten. Wir haben uns etwa sehr für die Völkerverständigung engagiert.

Interview mit Dieter Berg

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Da geht es um viele Millionen Einwohner, von denen wir immer nur wenige erreichen. Nehmen wir das Beispiel Polen. Da stellen wir heute fest, dass der jetzige polnische Botschafter in Deutschland, der künftige Leiter des deutschen PolenInstituts in Berlin und der Direktor des Zentrums für Historische Forschung der Polnischen Akademie der Wissenschaften in Berlin Personen sind, die irgendwann einmal von der Bosch Stiftung gefördert worden sind. Diese Menschen sind jetzt in Positionen, wo sie für die Beziehungen zwischen Polen und Deutschland von besonderer Bedeutung sind. Und da ist es gut, wenn diese Menschen unser Land etwas besser kennen, sie uns Deutsche kennen und unserem Land wohlgesonnen sind. Das würde ich als sichtbaren Erfolg unserer Arbeit bezeichnen. Wie würde der Firmengründer und Stifter Robert Bosch heute handeln? Robert Bosch hat sich schon in den 1920er Jahren für die Versöhnung zwischen Frankreich und Deutschland eingesetzt und hat die Pan-Europa-Bewegung unterstützt. Deshalb hat die Stiftung Anfang der 1970er Jahre ihren ersten Schwerpunkt in der Völkerverständigung Frankreich gewidmet. Als dann die Bundesregierung ihre Ostpolitik geändert hat und das Verhältnis zu Polen noch schwierig war, haben wir gesagt, es wäre hilfreich, auch einen Beitrag in Richtung Osten zu leisten. Anfang der 1990er Jahre, nach dem Fall des Eisernen Vorhangs, wurde dann der Schwerpunkt Mittel-OstEuropa eingerichtet. Robert Bosch hat natürlich das deutsch-polnische Verhältnis zu seiner Zeit nicht im Blick gehabt. Aber er hat in seinem Testament festgehalten, dass seine Vorstellungen, die sich damals auf das deutsch-französische Verhältnis bezogen haben, immer im Lichte der jeweiligen Verhältnisse zu bewerten sind. Wir waren im Kuratorium überzeugt, dass Robert Bosch heute gesagt hätte: Wir müssen uns auch Polen zuwenden.

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Welches wären heute Roberts Boschs wichtigste Themen? Erstens das Lindern von Not. Das hat er Zeit seines Lebens betrieben. Wir tun das bis heute. Allerdings nicht in Deutschland, wie Bosch es noch getan hat. Heute gibt es Ärmere in nicht allzu weiter Entfernung, etwa in Osteuropa. Zweitens die Völkerverständigung. Weil er immer das Elend gesehen hat, das der Streit zwischen den Völkern über die Menschen bringen kann und weil er als Unternehmer auch wusste, „ich kann nur mit den Ländern Geschäfte machen, mit denen ich mich vertrage“. Bosch war schon vor dem Ersten Weltkrieg überall auf der Welt vertreten, war schon damals global aufgestellt. Welche Werte hat Robert Bosch vermittelt? Qualität war ein ganz hoher Wert und Maßstab für ihn. Und zwar die Qualität sowohl der technischen Produkte wie der Projekte. Letzteres ist auch für die Stiftung ein ganz wichtiges Kriterium. Man macht nicht einfach irgendwas, sondern sieht zu, dass die Sache etwas taugt. Das Zweite, was ihm wichtig war, war Vertrauen. Vertrauen hat etwas mit Ehrlichkeit zu tun. Bosch war ein ehrlicher Kaufmann. So versuchen auch wir mit unseren Partnern umzugehen. Das muss man von der Spitze der Stiftung aus vorleben. Das klingt nach schwäbischpietistischem Denken. Prägt das bis heute die Stiftung? Ich glaube, Bosch war mehr Schwabe als es heute die Stiftung ist. Aber die Grundprinzipien pflanzen sich sicher auch in der Stiftung fort. Wer protzig auftritt, gewinnt keine Sympathien. Wer bescheiden auftritt, dem hört man vielleicht etwas lieber zu. Weiß die Öffentlichkeit eigentlich um den großen Einfluss der Stiftungen? Oder sind die Lobbyisten vielleicht viel präsenter? Verkaufen sich die Stiftungen unter Wert?

Wenn Stiftungen unbekannt sind, weil sie zu wenig transparent sind, dann haben wir ein Problem, das im Stiftungssektor in der Tat vorzufinden ist. Aber generell müssen wir uns nicht in den Vordergrund drängen. Wir sollten als Stiftungen im Gegensatz zu Lobbyisten nicht eigene Interessen vertreten, sondern die Themen in den Vordergrund rücken. Wir können mit unseren Projekten an Modellen die Umsetzung von Lösungen demonstrieren, um zu zeigen: So könnte es gehen. Erwächst daraus eine Verantwortung, gar eine Macht? Sie haben ja offensichtlich einen gewissen Einfluss auf das gesellschaftliche Geschehen. Was die Finanzkraft anbelangt, ist die Robert Bosch Stiftung sicher eine der Großen im Lande. Ich sehe unsere Arbeit als eine Frage von Verantwortung, nicht als Frage von Macht. Wenn Stiftungen immer größere Bereiche des sich zurückziehenden Staates übernehmen, könnte der Staat dann irgendwann einmal sagen: „Der Einfluss der Stiftungen wird mir zu groß?“ Wir haben ja erst Anfang der 1990er Jahre angefangen, darüber nachzudenken, dass es in Deutschland noch etwas anders als den Staat gibt. Heute gibt es weniger Verfechter der totalen staatlichen Regulierung. Solange die Stiftungen mit ihren Möglichkeiten verantwortlich umgehen, sehe ich kein Problem. Das wäre anders, wenn Stiftungen versuchen wollten, mit ihren Einflussmöglichkeiten direkten politischen Einfluss zu nehmen, der über das Beseitigen von gesellschaftlichen Defiziten hinausgeht. Diese Gefahr sehe ich gegenwärtig in Deutschland nicht. Ich sehe eher ein Problem darin, wenn der Staat sich aus der Verantwortlichkeit zurückzieht und sagt: „Es gibt ja noch

Stiftungen, die diese Aufgaben übernehmen können.“ Es darf nicht Auftrag von Stiftungen sein, staatliche Aufgaben der Daseinsvorsorge zu übernehmen. Wir sollten neue Ideen generieren, bei der Umsetzung helfen und Anstöße zur Weiterentwicklung der Gesellschaft geben. Staat und Stiftungen sind aufeinander angewiesen. Die Stiftungen können es alleine nicht richten. Der Staat kann aber froh sein, wenn manche Dinge von privaten Organisationen betrieben werden. Belebt Konkurrenz zwischen Staat und Stiftungen womöglich das Geschäft? Wenn eine Behörde Aufgaben nicht wahrnehmen kann, wie sie es sollte, weil sie das Problem nicht erkannt hat, weil sie die Mittel nicht hat, dann ist es doch recht, wenn dies ein Privater übernimmt. Nur weil es für irgendetwas ein Bundesamt gibt, bedeutet das ja nicht, dass ein Privater es nicht besser könnte. Wer es besser macht, verdient die Anerkennung. Insofern ist Wettbewerb gut. Eine Möglichkeit von Stiftungen, gesellschaftliche Diskussionen zu katalysieren, ist die Unterstützung von ThinkTanks. Dies geschieht in den Vereinigten Staaten mit großem Erfolg. Warum ist diese Kultur in Deutschland so wenig verbreitet? Think-Tanks können nützlich sein. Aber man sollte nicht glauben, dass man mit diesen Einrichtungen alles lösen kann. Auch wir unterstützen die Aktivitäten einiger dieser Think-Tanks. Es gibt Dinge, die kann man an den Universitäten alleine nicht behandeln. In Thinks-Tanks kommen Menschen mit guten Ideen aus verschiedenen Bereichen zusammen, die dann im Team Lösungsansätze entwickeln. Das Interview führte Reiner Klingholz.

Interview mit Dieter Berg

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Sieben Regeln für den Stiftungserfolg 1. Konzentrieren Sie sich auf wenige Bereiche! 2. Lassen Sie sich beraten! 3. Kooperieren Sie strategisch! 4. Bewirtschaften Sie Ihr Stiftungsvermögen strategisch! 5. Entwickeln Sie eine Kommunikationsstrategie! 6. Planen Sie Personalfragen strategisch! 7. Orientieren Sie sich an den Grundsätzen Guter Stiftungspraxis!

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Konzentrieren Sie sich auf wenige Bereiche!

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Eine am Gemeinwohl orientierte Stiftung ist ein Dienstleistungsunternehmen. Sie muss, ihrem Auftrag entsprechend, effizient haushalten und dabei die größtmöglichen Erfolge mit möglichst nachhaltiger Wirkung erzielen. Im profitorientierten Sektor wäre eine Stiftung mit

kleinen oder mittleren Unternehmen zu vergleichen. Und diese sind in der Regel dann erfolgreich, wenn sie sich auf ein Kerngebiet konzentrieren, sich also nicht verzetteln und sich nicht in Bereichen tummeln, in denen andere bessere Ergebnisse erzielen können. Das Gleiche gilt im Stiftungswesen. Selbst große Stiftungen können nicht auf allen Gebieten zu Hause sein – geschweige denn gute Ergebnisse produzieren. Im Gegenteil: Es gibt kleine Stiftungen, die mit herausragender Expertise auf einem begrenzten Gebiet außerordentliche Erfolge erzielen, die über die Erfolge manch größerer Stiftung, die weniger konzentriert fördert, hinausgehen.

Satzung flexibel gestalten Die empfohlene Konzentration auf bestimmte Themenbereiche sollte nicht auf der Ebene des Satzungszwecks erfolgen, weil damit die Möglichkeit verbaut wird, im Laufe der Zeit aus Erfahrungen zu lernen, auf veränderte gesellschaftliche Herausforderungen zu reagieren und sich zu späterer Zeit neu zu orientieren. So kann es beispielsweise sinnvoll sein, die Förderung der Musikerziehung in einem Kindergarten als einen Schwerpunkt des Stiftungshandelns zu definieren. Würde jedoch die Stiftung qua Satzung darauf beschränkt, müsste sie bei Schließung des Kindergartens diese ändern. Es empfiehlt sich darum ein anderes Vorgehen: • Die Präambel der Stiftung bietet die Möglichkeit, das Stifter-Anliegen, die Motivation und den Anlass für das Stiften darzulegen. Damit lässt sich der Stifterwillen jenseits der Satzungsbestimmungen festlegen. • Der Zweck der Stiftung sollte – im Rahmen der gesetzlichen Möglichkeiten – in der Satzung eher breit formuliert werden. Etwa als „Förderung der musikalischen Bildung von Kindern“. • Darunter kann die Stiftung in der Satzung anhand von Beispielen Schwerpunkte setzen, ohne dass dabei andere Aktivitäten unmöglich gemacht werden. Etwa: „Der Zweck kann insbesondere verwirklicht werden durch Finanzierung von Musikinstrumenten für Kindergärten und Projekten zur verstärkten Integration musikalischer Frühbildung in Kindergärten in Hannover.“ • Im Rahmen der Satzung erfolgt dann durch Beschluss der Stiftungsgremien die eigentliche Fokussierung für eine bestimmte Zeit, beispielsweise die Förderung eines Pilotprojekts in zwei ausgewählten Kindergärten. Auf einem derart begrenzten Gebiet kann sich auch eine kleine Stiftung profilieren. Und sie kann ein erfolgreiches Beispiel für andere Kindergärten und andere Stiftungen liefern. Im Erfolgsfall kann ein kleines Vorbildprojekt zum Kopieren anregen und so eine gewaltige Hebelwirkung entfalten.

Sieben Regeln für den Stiftungserfolg

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Möglich wird dies, wenn sich Stiftungen zum Beispiel auf eine Region oder einen Stadtteil konzentrieren oder sich sektoral begrenzen, zum Beispiel auf Musikerziehung, oder wenn sie gezielt viel versprechende Pilotprojekte in einem gesellschaftlichen Problemfeld unterstützen. Das gilt im Prinzip auch für Bürgerstiftungen, bei denen die Vielzahl der satzungsgemäßen Zwecke zum Wesen gehört. Dass Bürgerstiftungen offen für verschiedene Themen sind, heißt nicht, dass sie sich nicht in ihrer Förderung konzentrieren können. Dieses Fokussieren schränkt zwangsläufig die Flexibilität ein. Neue Chancen, die sich am Wegesrand auftun, müssen dort liegen bleiben. Dieses Dilemma lässt sich lösen, wenn die Stiftung einen vorab definierten Teil der Ressourcen für besondere Chancen reserviert – eine Art Risiko-Kapital. Für kleinere Stiftungen empfiehlt sich dies nicht, auch für mittlere ist Vorsicht geboten, denn die Möglichkeit, besondere Chancen wahrzu-

nehmen, birgt bereits die Gefahr, sich zu verzetteln. Es ist in der Regel schwer zu beurteilen, ob sich hinter diesen Chancen jenseits der eigenen Spezialisierung wirklich Möglichkeiten zu besonders wirkungsvollem Stiftungshandeln verbergen. Sinnvoller ist es, in regelmäßigen Abständen oder anlässlich externer Impulse zu überprüfen, ob und inwieweit der einmal gewählte Fokus zu ändern ist. Die Festlegung auf einen Kernarbeitsbereich ist nicht immer einfach. Doch es lohnt sich, hierfür Zeit und Geld zu investieren und externes Wissen sowie Erfahrungen anderer einzubeziehen. Eine bewährte Möglichkeit ist es beispielsweise, einen Workshop durchzuführen und dazu Stiftungsexpertinnen und -experten oder Fachleute zu dem potenziellen Förderschwerpunkt einzuladen. Auch Unternehmensberatungen, die sowohl der Wirtschaft als auch gemeinnützigen Institutionen ihr Wissen anbieten, können weiterhelfen. Empfehlenswert ist es auf jeden Fall, sich mit jenen auszutauschen,

So finden Sie Ihre Marktnische

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• Identifizieren Sie Ihre spezifischen Stärken und verfügbaren Ressourcen. • Legen Sie unter Berücksichtigung des Stifterwillens den Programmschwerpunkt fest. • Analysieren Sie die Kernprobleme auf diesem Gebiet. • Konzentrieren Sie sich auf ein besonders gravierendes Problem. • Identifizieren Sie die Schlüsselursachen des Problems. • Analysieren Sie die Zusammenhänge zwischen den Schlüsselursachen. • Konzentrieren Sie sich auf eine Knotenpunkt-Ursache. • Identifizieren Sie die wichtigsten Hindernisse für die Beseitigung dieser Knotenpunkt-Ursache. • Identifizieren Sie Schlüssel-Zielpersonen für die Beseitigung der KnotenpunktUrsache. • Identifizieren Sie die Hauptengpässe dieser Schlüsselpersonen. • Prüfen Sie Alternativen: Wo und wie können wir durch Einsatz unserer Ressourcen und spezifischen Stärken am effektivsten zur Beseitigung der Hauptengpässe der Kernzielgruppe beitragen, so dass damit der Knotenpunkt-Ursache im Sinne unseres Anliegens entgegengewirkt wird? Mit wem kooperieren wir dabei? • Entscheiden Sie sich anhand einer Liste von Bewertungskriterien für die beste Alternative.

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die in ähnlichen Förderbereichen aktiv sind. Das wichtigste Forum für eine entsprechende Vernetzung ist der Bundesverband Deutscher Stiftungen. Auch sind viele Führungspersönlichkeiten von Stiftungen bereit, sich bei der Gründung und Weiterentwicklung einer anderen Stiftung zu engagieren. Schließlich bietet die Deutsche Stif tungsAkademie (DSA) preisgünstige Seminare speziell zur Strategieoptimierung von kleinen und mittleren Stiftungen an.

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Lassen Sie sich beraten!

Wer seinen Führerschein verliert, wendet sich an entsprechend spezialisierte Anwälte und zahlt ihnen ein angemessenes Honorar. Für Steuererklärungen werden die entgeltlichen Leistungen von Steuerberatern in Anspruch genommen. In Sachen Stiftungen stehen hierzulande aber viele einer professionellen entgeltlichen Beratung skeptisch oder ablehnend gegenüber. Das gute Geld soll für den guten Zweck und nicht für Beratungshonorare oder Planungsworkshops verbraucht werden. Zudem ist die Ansicht verbreitet, für das Ausgeben von Geld im gemeinnützigen Bereich seien Lebens- und Berufserfahrung sowie gesunder Menschenverstand vollkommen ausreichend. Dabei ist das Gründen von Stiftungen und das Stiftungshandeln ein eigenes Handwerk, das nicht qua Lebensalter und Berufserfahrung automatisch miterlernt wird. Die Errichtung einer Stiftung ist nicht schwierig, es werden dabei aber häufig Fehler gemacht, die eine spätere Stiftungsarbeit erschweren.

Der unterschiedliche Erfolg von Stiftungen zeigt, dass nach der Errichtung mit gleichem Einsatz von Geld und Zeit sehr unterschiedliche Erfolge erzielt werden können. Zudem handelt es sich bei einer Stiftungserrichtung und der Festlegung ihrer Strategie um langfristige Vorhaben. Anfangsfehler oder nachteilige Satzungsgestaltungen, die dem Anwalt, mit dem man in anderen Belangen gut zusammenarbeitet, nicht sofort ins Auge fallen, erkennen erfahrene Expertinnen und Experten oft auf den ersten Blick. Solche Fehler sind bei Stiftungen mitunter nur mühsam zu korrigieren. Die späte Erkenntnis von vermeidbaren Fehlern ist lehrreich, aber frustrierend – und vor allem vermeidbar. Wer sich zunächst einmal schlau machen möchte, kann mittlerweile auf eine Reihe von soliden Ratgeberschriften zurückgreifen. Der Schwerpunkt dieser Publikationen liegt aber zumeist auf organisatorisch-rechtlichen Fragen. Daneben bieten einschlägige Homepages gute Hinweise. Auch Seminare der Deutschen StiftungsAkademie sind für (potenzielle) Stifterinnen und Stifter von Nutzen. Oft unterschätzte Ratgeber sind die staatlichen Stiftungsbehörden. Viele dieser Stiftungsaufsichten bieten zumindest juristisch sehr guten Rat, auch haben manche größeren Städte Beratungsstellen für Stiftungsangelegenheiten (zu den besonders empfehlenswerten Aufsichtsbehörden siehe Seiten 48/49). Zudem bietet eine Reihe von Banken und Sparkassen kostenlose Stiftungsberatung an. Wer bereits weiß, dass eine so genannte Treuhandstiftung unter dem Dach einer anderen Institution – beispielsweise einer Bürgerstiftung oder einer existierenden Stiftung – errichtet werden soll, findet oft auch bei diesen Dachorganisationen kompetente Ratgeber. Dies gilt insbesondere, wenn die Dachinstitution bereits über einige Erfahrung mit anderen Treuhandstiftungen verfügt. Kostenlos ist

Sieben Regeln für den Stiftungserfolg

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solcher Rat jedoch nur bei gemeinnützigen Treuhändern. Für eine kurze Erstberatung zur Stiftungserrichtung und Hinweise auf weiterführendes Material steht auch der Bundesverband Deutscher Stiftungen zur Verfügung. Intensivere – kostenlose – Beratung durch die Expertinnen und Experten der Geschäftsstelle ist indes seinen Mitgliedern vorbehalten. Die Mitgliedschaft steht nicht nur Stiftungen, sondern auch (potenziellen) Stifterinnen und Stiftern offen. Schwerpunkte der Beratung durch den Bundesverband sind die Gestaltung von Satzungen sowie Fragen des Errichtungsprozesses. Zudem bietet er Recherchedienstleistungen auf Basis seiner einzigartigen Datenbank zum Stiftungswesen an. Vertiefte Einzelfall-Beratung lohnt vor allem in der Phase der konkreten Stiftungserrichtung sowie bei der strategischen Festlegung zum Stiftungshandeln. Bei der Stiftungserrichtung ist es vorteilhaft, nicht nur steuerliche und stiftungsrechtliche Expertise einzubinden. Denn der gesetzliche Rahmen bietet zahlreiche rechtliche Gestaltungsmöglichkeiten. Jede Form der Stiftung hat Vor- und Nachteile. Die Vielzahl von Gestaltungsmöglichkeiten erlaubt meist eine maßgeschneiderte rechtliche Lösung. Aber die Frage, welche Lösung am besten passt, erfordert neben der juristischen Betrachtung auch praktische Erfahrung im Stiftungswirken und idealerweise auch einen Überblick über die Stiftungslandschaft. Bei Beratern, die auch in der Vermögens- oder kommerziellen Stiftungsverwaltung tätig sind, spielt das Eigeninteresse an einem späteren Mandat naturgemäß eine Rolle und hat insofern Einfluss auf die Beratung. Das wird von manchen als Nachteil bewertet. Solche Berater haben aber den Vorteil, dass sie die praktische Erfahrung aus ihrer sonstigen Arbeit in die Beratung mit einbringen können.

Wie findet man den richtigen Berater? Eine unabhängige, vollständige Übersicht dazu fehlt bislang. Bei der Suche nach guter Beratung lohnt es sich, andere nach ihren Erfahrungen zu fragen. In der Stiftungsszene, die sich auf Tagungen wie dem jährlichen Deutschen StiftungsTag trifft, bekommt man die besten Hinweise. Für potenzielle Bürgerstiftungen steht als zentrale Beratungsinstitution das Team der „Initiative Bürgerstiftungen“ mit kostenlosem Rat zur Verfügung.

Kooperieren Sie strategisch!

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Selbst wenn Sie es wollten: Kooperation lässt sich nicht vermeiden. Jede Stiftung arbeitet in irgendeiner Weise mit anderen Menschen und Institutionen zusammen. Aber wenige denken über eine Kooperationsstrategie nach. Kooperation erfolgt dann oft nach dem Zufallsprinzip. Intelligente Kooperation kann aber die Stiftungswirkung erheblich steigern. Auch bei der Kooperation ist es hilfreich, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren. Wenige intensive Kooperationsbeziehungen sind oft ertragreicher als viele oberflächliche. Bewährt hat sich eine Vier-Punkte-Kooperationsstrategie:

A: Wenige strategische Partner Eine strategische Partnerschaft wird manchmal mit einer eheähnlichen Gemeinschaft verglichen: Man ist nicht auf bestimmte Einzelprojekte festgelegt, wohl aber darauf, dass man längerfristig etwas zusammen unternehmen will. Hilf-

reich für eine strategische Partnerschaft ist, wenn die kooperierenden Institutionen, die nicht allesamt Stiftungen sein müssen, sich in Größe und Unternehmenskultur nicht zu stark unterscheiden. Auch sollte die Chemie zwischen den Leitungspersonen stimmen, damit ein solides Vertrauensverhältnis aufgebaut werden kann. Sinnvoll ist eine strategische Partnerschaft (nur) dann, wenn sich die Kompetenzen der Partner ergänzen und die Gefahr einer Konkurrenz minimal ist. So ist beispielsweise die Deutsche Stiftung Weltbevölkerung (DSW) mit dem Verein „GEO schützt den Regenwald“ eine strategische Kooperation eingegangen. Die Leitungspersonen verstanden sich auf Anhieb, beide Institutionen haben eine international geprägte unternehmerische und auf Wachstum ausgerichtete Unternehmenskultur. Die DSW brachte Wissen im Bereich der Familienplanung und gesundheitlicher Aufklärung in Entwicklungsländern ein, „GEO schützt den Regenwald“ hatte Erfahrung mit Naturschutz- und Umweltprojekten. Entstanden sind qualitativ herausragende, ganzheitliche Dorfentwicklungsprojekte im Umfeld gefährdeter Regenwälder, die nicht nur Expertinnen und Experten, sondern auch Medien und die jeweiligen Spenderinnen und Spender begeisterten. Für eine strategische Kooperation ist es vorteilhaft, wenn gegenseitige Erwartungen und Spielregeln in einem so genannten „Memorandum of Understanding“ festgehalten werden. Auch bei Freundschaft zwischen Leitungspersonen gilt: Regelungen schaffen Klarheit, und Klarheit vermeidet Konflikte. Zudem kann das Führungspersonal im Laufe der Zeit wechseln.

B: Projektpartner Bei Projektpartnerschaften handelt es sich um projektspezifisch „begrenzte Affären“. Die genannten Anforderungen

für eine strategische Partnerschaft müssen nicht vorliegen. Zu bedenken ist jedoch, dass grundsätzlich unterschiedliche Unternehmenskulturen von Projektpartnern die Partnerschaft erschweren können. Das gilt beispielsweise auch für die Kooperation von Stiftungen mit staatlichen Stellen. Wichtig für die Auswahl des Projektpartners ist in erster Linie, dass er zuverlässig einen festgelegten Anteil zum Gelingen des Projekts pünktlich und – bei nicht finanziellen Beiträgen – in guter Qualität zu liefern verspricht. Empfehlenswert ist es in der Regel, die Zahl der Projektpartner auf maximal sieben zu begrenzen (für franchise-ähnliche Projekte gilt dies jedoch nicht). Auch hier gilt: Weniger ist oft mehr. Rechte und Pflichten, Prozedere und Zeitrahmen der Projektpartnerschaft sollten in einer Projektvereinbarung festgehalten werden. Auch für den Fall, dass ein Teil des Projekts nicht plangemäß läuft, sollte die Vereinbarung Regelungen enthalten. Für jüngere Stiftungen empfiehlt es sich, anfangs mit älteren Stiftungen oder anderen Institutionen zusammenzuwirken, die bereits Erfahrungen mit entsprechenden Projekten haben, um von vorhandenem Know-how und von bestehenden Netzwerken zu profitieren. Dasselbe gilt, wenn sich eine Stiftung erstmals auf ein neues Gebiet begibt. Eine oft vernachlässigte Chance ist es, einen Partner speziell für die Kommunikation in ein Projekt einzubinden. Mit einer solchen Partnerschaft, etwa einer Medienkooperation, kann die Wirkung des eigenen Stiftungshandelns jedoch erheblich verstärkt werden. Es ist empfehlenswert, auch diese Frage nicht erst am Ende des Projekts, wenn Ergebnisse verbreitet werden sollen, zu lösen. Wie findet man die richtigen Partner? Auch dafür gibt es kein Patentrezept. Bei einigen Projekten ergibt sich unmittelbar aus dem Inhalt, wer als Partner

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in Frage kommt. Hilfreich ist es auf jeden Fall, ein Anforderungsprofil für den oder die erstrebten Partner zu entwerfen. Eine Möglichkeit besteht darin, Berater einzuschalten. Empfehlenswert ist es, Stiftungen zu befragen, die auf dem jeweiligen Gebiet bereits seit einiger Zeit tätig sind. Diese Stiftungen findet man entweder im Verzeichnis Deutscher Stiftungen oder auf Tagungen von einschlägigen Stiftungsarbeitskreisen.

C: Netzwerke Die Wahrscheinlichkeit, gute strategische Partner oder Projektpartner zu finden, steigt mit dem Grad eigener Vernetzung. Netzwerke sind zudem hilfreich, um von den Erfahrungen anderer zu profitieren, praktische Tipps zu bekommen und das eigene Tun besser einordnen zu können. Aber auch für das Engagement in Netzwerken gilt: Es kostet Zeit und Geld. Darum ist auch hier eine Konzentration angesagt. Bewährt hat sich eine Dreifachstrategie: Erstens die Vernetzung mit anderen Stiftungen durch Mitgliedschaft in der zentralen Vernetzungsplattform der Stiftungen, dem Bundesverband Deutscher Stiftungen, was zudem eine Reihe von Serviceleistungen für das Stiftungshandeln bietet. Zweitens die Mitgliedschaft in einem sektoralen Netzwerk – etwa dem Verband der Entwicklungshilfeorganisationen. Und drittens lokale oder regionale Vernetzung beispielsweise in einem Stadtnetzwerk von Stiftungen.

D: Gute Nachbarschaft 166

Neben wenigen strategischen Partnerschaften, Projektpartnern und ausgewählten Netzwerk-Mitgliedschaften sollte das Zusammenwirken mit anderen eher von anlassbezogener gegenseitiger Hilfsbereitschaft als von konkreter Kooperation geprägt sein. Wer hilfsbereit

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ist, aber zu Kooperationsangeboten auch einmal „Nein“ sagt, kann auf die Hilfsbereitschaft anderer hoffen, ohne sich im Zusammenwirken mit zu vielen Akteuren zu verzetteln.

Bewirtschaften Sie Ihr Stiftungsvermögen strategisch!

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Menschen denken nicht an Profit, wenn sie sich als Stifterinnen und Stifter engagieren. Wer eigenes Geld weggibt und Zeit für gute Zwecke schenkt, verfolgt damit gerade nicht-finanzielle Ziele. Für eine Stiftung, die definitionsgemäß eine Vermögensmasse ist, gilt es aber, Vermögensfragen klug zu lösen. Zwei Gebote sind in diesem Zusammenhang besonders zu beachten: Das Gebot der zeitnahen Mittelverwendung und das Gebot, die Substanz des Stiftungsvermögens zu erhalten. Beide Gebote miteinander in Einklang zu bringen, bereitet auch Profis der Stiftungsszene Kopfzerbrechen. Es gibt aber, nicht zuletzt dank der Angebote von Banken und anderen Finanzinstituten, Jahr für Jahr bessere Lösungen. Auch eine wachsende Schar von (Finanz-)Beratern kann stiftungsspezifische Kompetenz vorweisen. Das gesetzliche Gebot der zeitnahen Mittelverwendung besagt, dass eine Stiftung ihre Vermögenserträge spätestens im folgenden Kalenderjahr ausgegeben haben muss. Davon ausgenommen sind die ersten drei Gründungsjahre der Stiftung. Zudem kann eine Stiftung in be-

Vorsicht vor der Kapitalerhaltungslücke Wenn eine Stiftung zum Beispiel einen Vermögensertrag in Höhe von vier Prozent erwirtschaftet und keine sonstigen Einnahmen hat, die Inflation jedoch zwei Prozent beträgt, dann reicht ein Drittel der Vermögenserträge nicht, um die Inflation mittels „freier Rücklage“ auszugleichen. Aber mehr als ein Drittel darf die Stiftung – wegen des Gebots der zeitnahen Mittelverwendung – nicht zum Inflationsausgleich der freien Rücklage zuführen. Dies wird gerade von kleineren und mittleren Stiftungen in der Anfangsphase oft übersehen. Daraus erwächst im Laufe der Jahre eine dem Substanzerhalt widersprechende „Kapitalerhaltungslücke“, die nur schwer zu schließen ist.

grenztem Umfang Rücklagen für Projekte oder Betriebsmittelreserven bilden. Die Mittel der Projektrücklagen müssen aber im Laufe der Zeit für die entsprechenden Projekte verwendet werden. Außerdem kann ein Drittel der jährlichen Vermögenserträge (und zehn Prozent der sonstigen Einnahmen) einer so genannten freien Rücklage zugeführt werden, die kontinuierlich erhöht und nicht für Förderung verwendet werden muss. Mit der so genannten freien Rücklage kann also einer Auszehrung der Vermögenssubstanz in ihrem realen Wert zumindest teilweise entgegengewirkt werden. Das Gebot der Substanzerhaltung des Vermögens zwingt die Stiftung, der Auszehrung des Vermögens beispielsweise durch Inflation entgegenzuwirken. Und dies kann mit den Vorgaben zur zeitnahen Mittelverwendung kollidieren. Das ist die Herausforderung, der sich eine Stiftung, auch eine kleine, stellen muss. Was also ist zu tun? Zustiftungen sind keine Lösung, denn neue Zuwendungen bedeuten keinen Erhalt bestehenden Vermögens. Vielmehr muss zugestiftetes Vermögen seinerseits in der Substanz erhalten werden. Die Lösung besteht darin, das Vermögen in einer Weise anzulegen, dass es nicht nur Erträge generiert, sondern zusätzlich sein „innerer“ Wert wächst. So kann im Idealfall eine Immobilie nicht nur Mietgewinn erbringen, sondern es kann der Wert der Immobilie steigen. Ein anderes Beispiel sind Aktien,

die sowohl Dividenden liefern als auch im Kurs steigen. Indes ist die Entwicklung von Aktienkursen risikobehaftet, was auch für scheinbar sicherere Anlagen wie Immobilien gilt. Risikoarme Vermögensanlagen aber, bei denen eine positive Entwicklung des Substanzwertes zu erwarten ist, erzielen nicht selten geringere Erträge. Die Empfehlung einer bestimmten Vermögensstrategie würde den Rahmen dieses Reports sprengen. Es gibt unzählige Möglichkeiten, eine Vielfalt von spezifischen Finanzprodukten und spezialisierte Dienstleister, die für verschiedene Stiftungen unterschiedliche Lösungen anbieten. Eine Möglichkeit besteht in einer Dreiteilung der Vermögensanlage: ein Teil ertragsstarke Anlagen; ein Teil Anlagen mit Potenzial für inneres Wertwachstum, aber mit geringeren Erträgen; ein Teil Anlagen mit etwas Wachstumspotenzial und moderaten Erträgen. Unbedingt empfehlenswert ist es, dass sich die Verantwortlichen der Stiftung dieser Problematik bereits in der Anfangsphase und dann regelmäßig widmen, dass sie eine strategische Entscheidung (gegebenenfalls mit Hilfe versierter Berater) fällen, dass sie Angebote vergleichen oder vergleichen lassen und in regelmäßigen Abständen kontrollieren oder kontrollieren lassen, ob die strategischen Vorgaben realisiert wurden und erfolgreich sind und ob es bessere vermögensstrategische Alternativen gibt.

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Wie findet man die richtigen Vermögensberater und -verwalter für die eigene Stiftung? Der möglicherweise schlechteste Weg ist, einfach das Finanzinstitut zu wählen, bei dem die Stiftung ohnehin ihr Girokonto hat. Die besten Empfehlungen bekommt man, wenn man mehrere andere Stiftungen vergleichbarer Größenordnung befragt.

Entwickeln Sie eine Kommunikationsstrategie!

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Für Kommunikation gilt das Gleiche wie für Kooperation: Sie lässt sich nicht vermeiden. Jede Stiftung, und sei sie noch so sehr auf ein Wirken im Stillen bedacht, tauscht in irgendeiner Weise Informationen mit anderen aus. Vor allem aber: Gute Stiftungskommunikation kann die Gemeinwohlwirkung erheblich stärken. Wer diese Chance nicht nutzt, vernachlässigt Potenziale der eigenen Stiftung. Darum ist mangelnde Kommunikation einer Stiftung keine anerkennenswerte Bescheidenheit, sondern zumeist eine Beschneidung von Möglichkeiten. Ein Grund für kommunikative Zurückhaltung von Stiftungen ist häufig die Sorge, die Verwaltungskosten könnten zu hoch werden. Indes ist anerkannt, dass Kommunikationsmaßnahmen, die von vornherein als Teil des Projekts vorgesehen werden, zu den Projektkosten und nicht zu den Verwaltungskosten gehören. Andere Kommunikationsmaßnahmen, die nicht projektbezogen sind und darum als Verwaltungskosten zu verbuchen sind (beispielsweise der Jahresbericht), müs-

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sen nicht teuer sein. So bietet beispielsweise das Internet Chancen, über die Stiftung mit relativ geringem finanziellen Aufwand gut zu informieren. Je besser die Kommunikation geplant wird, umso effektiver – auch kosteneffektiver – wird sie sein. Eine eigenständige Stiftung braucht deshalb, und zwar möglichst von Anfang an, eine Kommunikationsstrategie. Am Anfang der Entwicklung einer solchen Strategie steht, wenn nicht gleich professionelle Beratung hinzugezogen werden soll, die Recherche. Für die Kommunikation von Stiftungen gibt es eine Reihe solider Ratgeber in Buchform. Zudem bieten andere Stiftungen reichlich Anschauungsmaterial, das sie, soweit es nicht im Internet publiziert ist, in der Regel gern zur Verfügung stellen. Sodann sollte sich das für strategische Entscheidungen verantwortliche Organ der Stiftung in mindestens einer gesonderten, gut vorbereiteten Sitzung ausführlich mit diesem Thema befassen. Es empfiehlt sich, dabei einen vorbereiteten Fragenkatalog abzuarbeiten. Ferner ist es sinnvoll, entsprechend kompetente Externe zu einer solchen Besprechung einzuladen, beispielsweise kommunikativ besonders erfolgreiche Stiftungsakteure, befreundete Profis aus Agenturen oder, wenn die Stiftung es sich leisten kann, spezialisierte Berater. Die auf Basis der Sitzungsergebnisse entworfene Strategie kann noch dadurch verbessert werden, dass man sie zunächst anderen Stiftungsakteuren mit der Bitte um Kritik zusendet. Die Kommunikationsstrategie kann je nach Stiftung ganz unterschiedlich ausfallen. Oberstes Gebot jeglicher (Stiftungs-) Kommunikation ist die Glaubwürdigkeit. Reputation, heißt es, kommt zu Fuß und geht zu Pferde. Auch darum ist es wichtig, dass eine Stiftung in ihrer Kommunikation immer die Gebote der Seriosität und Transparenz beachtet.

Bei der Umsetzung der Strategie ist eine frühe Festlegung der wesentlichen Gestaltungsrichtlinien (Corporate Design) wichtig, damit nicht ein Wirrwarr von Stilen, Formaten oder Farben die Wirkung der Informationsmaterialien schwächt. Wer sich für eine gut gemachte Homepage entscheidet, kann auf Gedrucktes weitgehend verzichten. In den meisten Fällen ist die Ergänzung der

Homepage durch professionell gestaltete Flyer und Briefpapier sowie eine Vorlage für Powerpoint-Präsentationen und Visitenkarten sinnvoll, ausreichend und bezahlbar. Für diejenigen Stiftungen, die auch über Presse und Rundfunk kommunizieren wollen, ist zudem die Bildung und Pflege eines guten persönlichen Verhältnisses zu einigen wenigen Medienschaffenden notwendig.

Überlegungen zur Kommunikationsstrategie • Was ist das Besondere der eigenen Stiftung, ihr Alleinstellungsmerkmal, ihr Leitbild und ihre besondere Mission? • Für welche Werte (und welchen Stil) steht sie? • Welche Ziele sollen mit der Kommunikation erreicht werden? • Wie lauten die wesentlichen Informationen und Botschaften, welche die Stiftung kommunizieren sollte? • Welche Person soll das Kompetenz signalisierende Gesicht der Stiftung sein? • Welches sind die wichtigsten Multiplikatoren und Zielgruppen für die Stiftungskommunikation? • Auf welchen Kanälen – und gegebenenfalls mit welchen Partnern – kann ich diese Multiplikatoren und sonstigen Zielgruppen am besten erreichen? • Mit welchen Materialien und welchen sonstigen Instrumenten und Maßnahmen kann die Stiftung auf den geeigneten Kanälen Multiplikatoren und Zielgruppen am besten ansprechen? • Wie will die Stiftung später messen, ob sie ihre kommunikativen Ziele erreicht hat?

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Planen Sie Personalfragen strategisch!

Eine Stiftung ist eine juristische Person. Doch ihr Wirken hängt von Menschen aus Fleisch und Blut ab. Diese sind die wichtigste Ressource für den Stiftungserfolg. Ein planvoll strategisches Vorgehen in Personalfragen ist jedoch selbst bei größeren Stiftungen, auch wenn sie von unternehmerisch erfahrenen Menschen

errichtet und gesteuert werden, bislang eher die Ausnahme. Insgesamt gilt auch für Stiftungspersonal (auch ehrenamtliches) und Stiftungsvorstand: Qualität ist wichtiger als Quantität.

Geschäftsführung Eine Stiftung ist ein – nicht profitorientiertes – Unternehmen und braucht als solches eine unternehmerische Geschäftsführung. Doppelspitzen haben sich selten bewährt. Eine Doppelspitze kann dennoch funktionieren, etwa wenn ein Geschäftsführungsmitglied den Programmbereich und ein anderes den Ver-

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mögens- und Verwaltungsbereich leitet. Zu empfehlen ist aber zumeist eher eine Struktur mit einer klaren Nummer 1 auf der operativen Ebene (also unterhalb des Kollektivorgans, das für die strategischen Entscheidungen zuständig ist). Bei kleineren Stiftungen kann ein Mitglied des Vorstands zugleich auch für die Geschäftsführung zuständig sein. Der Bundesverband Deutscher Stiftungen empfiehlt allerdings, zwischen dem überwachenden und strategisch steuernden Organ einerseits und der durchführenden Ebene andererseits zu trennen. Stiftungen, die wachsen wollen, sollten sich klarmachen, dass ein Unternehmen nicht wachsen wird, wenn die Geschäftsführung nicht mit unternehmerisch denkenden und handelnden Persönlichkeiten besetzt ist. Entsprechend qualifizierte Leute sind rar und haben, wenn sie hauptberuflich tätig sind, ihren Preis. Zumeist rentiert sich aber – sofern eine Stiftung nicht rein auf Ehrenamt aufbaut – eine Investition in die marktgerechte Bezahlung guter Leute. Eine Stiftung sollte sich dabei entscheiden, ob sie die Führungsposition mit einem oder einer Ehrenamtlichen besetzt oder aber ein richtiges Gehalt bezahlt. Eine Mischung, die manchmal bei kleinen Stiftungen zu beobachten ist – beispielsweise ein halbes Gehalt für eine ganze Geschäftsführungsstelle – ist für gute Leute, die im Hauptberuf für eine Stiftung oder vergleichbare Institution arbeiten, nicht attraktiv. Zu den Gehältern im Stiftungsbereich fehlen transparente Maßstäbe. Die Gehälter des öffentlichen Dienstes können als eine mögliche Orientierung dienen. Dabei sollte jedoch berücksichtigt werden, dass auch im öffentlichen Dienst gute akademische Führungskräfte mit Berufserfahrung nicht wie Lehrer im ersten Berufsjahr, sondern besser bezahlt werden. Dass staatliche Stiftungsuniversitäten teilweise große Schwierigkeiten

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haben, größere Erfolge beim Fundraising zu erzielen, dürfte auch an nicht marktgerechter Bezahlung liegen. Die wenigen hauptberuflichen Fundraiser, die in der Lage sind, Jahr für Jahr Millionenbeträge zu akquirieren, arbeiten nicht für das Gehalt eines Studienrates.

Geschäftsstellenteam Kann sich eine Stiftung ein Team von hauptamtlichen Mitarbeitern leisten, ist eine Personalstrategie erst recht unabdingbar. Stiftungen, die bei der Besetzung ihrer Personalstellen ohne strategisches Konzept und mehr nach dem Zufallsprinzip handeln, sind weniger erfolgreich und werden dann oft durch Personalprobleme von ihrer eigentlichen Arbeit abgehalten. Für das Geschäftsstellenteam empfiehlt sich zudem, das Personal systematisch weiterzuentwickeln und fortzubilden. Auch gute Leute können auf diese Weise noch erfolgreicher wirken. Dies gilt auch für ein ehrenamtliches Geschäftsstellenteam.

Gremien Bereits im Gründungsprozess stellt sich die Frage, ob es ein oder zwei Gremien geben sollte. Bei sehr kleinen Stiftungen ist von einem zweiten Gremium neben dem Stiftungsrat abzuraten, sofern nicht aus besonderen Gründen eine größere Zahl von Menschen eingebunden werden soll. Zwei Gremien bringen oft Abgrenzungsschwierigkeiten hinsichtlich der jeweiligen Aufgaben und Befugnisse mit sich. Das wesentliche Gremium, zumeist als Vorstand oder Stiftungsrat bezeichnet, sollte mindestens drei und nicht mehr als neun Personen als Mitglieder haben. Bei mehr Köpfen leidet die Arbeitsfähigkeit. Es empfiehlt sich, zumindest eine Person mit juristischem Fachverstand, eine Person mit betriebswirtschaftlichen

Kenntnissen sowie jemanden mit Fachwissen zum Tätigkeitsbereich der Stiftung einzubinden. Wer dabei auch an aktive Politikerinnen und Politiker denkt, muss sich im Klaren darüber sein, dass dies der Stiftung ungewollt ein parteipolitisches Profil geben kann. Zum Teil wird von erfahrenen Praktikern empfohlen, eine Kirchenfrau oder einen Kirchenmann in das Gremium aufzunehmen, unter anderem, weil dies auf Stil und Denken in langen Fristen positiven Einfluss habe. Wer aus bestimmten Gründen dennoch möglichst viele Personen einbinden will oder muss, sollte dies über ein zweites Gremium tun. Dessen Einfluss sollte allerdings klar begrenzt werden, unter anderem damit Geschäftsführung und Vorstand unternehmerisch nicht behindert werden. Für ein zweites Gremium – das nicht groß sein muss – spricht auch, dass darin Prominente oder Personen mit besonderem Renommee eingebunden werden können, die der Stiftung Reputation und Kontakte verschaffen. Prominente haben zumeist wenig Zeit und können darum in der Regel nicht häufig an Sitzungen teilnehmen. Ein Kuratorium, das seltener tagt als der Vorstand, kann da die richtige Lösung bieten. Auch bei Prominenten in Gremien gilt: Wenige sind besser als viele. Wer Prominente einbinden möchte, sollte aber zumindest zwei gewinnen. Denn bei öffentlichen Personen ist die Gefahr nicht

gering, dass – insbesondere, wenn es sich um Prominente aus der Politik handelt – politische Gegner versuchen, das Image dieser Personen zu beschädigen. Die Reputation einer Stiftung sollte insofern nicht zu stark mit einer einzelnen prominenten Person im Kuratorium verknüpft sein.

Orientieren Sie sich an den Grundsätzen Guter Stiftungspraxis!

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Die Mitglieder des Bundesverbandes Deutsche Stiftungen haben nach einem längeren Diskussionsprozess im Mai 2006 einhellig die „Grundsätze Guter Stiftungspraxis“ verabschiedet. Dieser Orientierungsrahmen ist ein aktuelles Konzentrat an Stiftungserfahrung, das schon deshalb ernst genommen werden sollte. Mehrere Stiftungen haben seither in ihren Gremien beschlossen, die Grundsätze als Leitlinien ihres Handelns heranzuziehen. Dies empfiehlt sich auch für neue Stiftungen.

Grundsätze Guter Stiftungspraxis Präambel Die Gründung von Stiftungen ist lebendiger Ausdruck von Freiheit und Verantwortung der Bürger. Stiftungen engagieren sich auf vielfältige Weise in zentralen gesellschaftlichen Feldern. Die gesellschaftliche Bedeutung und Funktion von Stiftungen muss sich widerspiegeln in einer verantwortungsvollen Ausführung der von den treuhänderisch wirkenden Stiftungsorganen übernommenen Verpflichtungen. Die Grundsätze sollen Stiftungsorganen, Stiftungsverwaltern, Stiftungsmitarbeitern sowie potenziellen Stiftern als Orientierung dienen. Insbesondere sollen sie das Bewusstsein aller Beteiligten

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für die Vermeidung von Interessenkonflikten, für die angemessene Transparenz bei der Zweckverwirklichung und für die Effizienz der Mittelverwendung schärfen. In Anbetracht der Vielfalt von Stiftungen sind diese Grundsätze je nach Größe, Zweck und Art der Aufgabenwahrnehmung den jeweiligen Gegebenheiten anzupassen. I. Stiftungen Die Grundsätze wenden sich an gemeinwohlorientierte Stiftungen im materiellen Sinne: • Stiftungen verfolgen vom Stifter bestimmte gemeinwohlorientierte Zwecke, welche in ihrer Satzung verankert sind und durch die Erträge aus dem Stiftungsvermögen erfüllt werden sollen. • Stiftungen haben ein Vermögen, das ihnen grundsätzlich auf Dauer und ungeschmälert zur Verfügung stehen soll. • Stiftungen haben Organe oder Träger, die eine ordnungsgemäße Erfüllung des jeweiligen Stiftungszwecks gewährleisten. • Stiftungen können in unterschiedlichen Rechtsformen verfasst sein (zum Beispiel als rechtsfähige Stiftung, als Stiftungsgesellschaft und als Stiftungsverein). Auch treuhänderische Stiftungen erfüllen diesen materiellen Stiftungsbegriff. II. Grundsätze Guter Stiftungspraxis 1. Zu den handelnden Personen Stiftungsorgane, Stiftungsverwalter und Stiftungsmitarbeiter orientieren sich im Rahmen der gesetzlichen Vorgaben des Gemeinnützigkeits- und Stiftungsrechts bei ihrer Tätigkeit insbesondere an folgenden Grundsätzen:

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• Sie verstehen sich als Treuhänder des im Stiftungsgeschäft und in der Satzung formulierten Stifterwillens. • Sie sind der Satzung verpflichtet und verwirklichen den Stiftungszweck nach bestem Wissen und Gewissen. • Das in ihre Obhut gegebene Vermögen ist in seiner nachhaltigen Ertragsfähigkeit zu erhalten. Das Rechnungswesen bildet die wirtschaftliche Lage der Stiftung zeitnah, vollständig und sachlich richtig ab. Die Verwaltungsausgaben bewegen sich in einem angemessenen Rahmen. • Sie anerkennen Transparenz als Ausdruck der Verantwortung von Stiftungen gegenüber der Gesellschaft und als ein Mittel zur Vertrauensbildung. Sie stellen daher der Öffentlichkeit in geeigneter Weise die wesentlichen inhaltlichen und wirtschaftlichen Informationen über die Stiftung (insbesondere über den Stiftungszweck, die Zweckerreichung im jeweils abgelaufenen Jahr, die Förderkriterien und die Organmitglieder) zur Verfügung. Sie veröffentlichen ihre Bewilligungsbedingungen und setzen, soweit geboten, unabhängige Gutachter oder Juroren ein. Gesetzliche Auskunftspflichten werden rasch und vollständig erfüllt. • Die Mitglieder der Stiftungsorgane handeln informiert, integer und verantwortungsvoll. Ehrenamtlich tätige Organmitglieder sind trotz ihrer übrigen Verpflichtungen bereit, die erforderliche Zeit und Sorgfalt für die Stiftungsarbeit zur Ver fügung zu

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stellen. Mitglieder von Kontroll- und Beratungsgremien sind grundsätzlich unabhängig von den für die operative Tätigkeit verantwortlichen Organen und werden von diesen umfassend und wahrheitsgemäß informiert. • Die Stiftungsorgane sorgen für die regelmäßige Überprüfung der Wirksamkeit der Stiftungsprogramme vor allem im Hinblick auf die Verwirklichung des Satzungszwecks, die Effizienz des Mitteleinsatzes und im Hinblick auf das Verhalten gegenüber Fördersuchenden sowie der Öffentlichkeit; sie fördern entsprechendes Verhalten ihrer Mitarbeiter. • Die Stiftungsorgane von fördernden Stiftungen betrachten Fördersuchende als unverzichtbare Partner zur Verwirklichung der Stiftungszwecke. Anfragen sollten zeitnah beantwortet werden; über den Fortgang der Antragsbearbeitung sollte informiert werden. • Die Stiftungsorgane fördern den Erfahrungsaustausch und die Zusammenarbeit mit anderen Stiftungen. 2. Zur Vermeidung von Interessenkonflikten Für Mitglieder der Stiftungsorgane, der Kontroll- und Beratungsgremien und für Stiftungsmitarbeiter gilt, dass sich niemand bei seinen Entscheidungen von eigennützigen Interessen leiten lässt. Insbesondere beachten sie folgende Grundsätze: • Sie legen die Anhaltspunkte für einen Interessenkonflikt im Einzelfall unaufgefordert offen und verzichten von sich aus auf eine Beteiligung am Entscheidungsprozess, wenn dieser ihnen oder einer nahe stehenden Person einen unmittelbaren Vorteil oder Nachteil bringen kann. Auch persönliche oder familiäre Beziehungen zu den Fördersuchenden und zu Dienstleistungsunternehmen werden offen kommuniziert. • Sie verzichten auf vermögenswerte Vorteile, die ihnen von interessierter Seite verschafft werden. Dies gilt auch dann, wenn die Verknüpfung von Vorteil und Gegenleistung nicht unmittelbar oder erst zukünftig zu erwarten ist.

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© Deutsche Bundesstiftung Umwelt

„In den USA hat es keinen Bismarck gegeben und deshalb hat Deutschland keine Gates-Stiftung.“ Interview mit Dr.-Ing. E. h. Fritz Brickwedde Fritz Brickwedde, 1948 in Osnabrück geboren, hat in Münster Geschichte, Politikwissenschaften und Publizistik studiert und nach dem Examen an der Akademie des Bistums Münster gearbeitet. Seine weitere berufliche Karriere führte ihn von der Leitung der Volkshochschule Georgsmarienhütte über das Dezernat für Schule und Kultur, Landschaftspflege und Regionalplanung beim Landkreis Emsland zum Sprecher der niedersächsischen Landesregierung und Leiter der Presse- und Informationsstelle. Im März 1991 wechselte er als Generalsekretär zur Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU), wo er direkt nach der Gründung mit der Aufbauarbeit dieser weltweit größten Stiftung im Bereich Umwelt- und Naturschutz begann. Er bekleidet verschiedene Ehrenämter in Stiftungen und ist Vorsitzender des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen. Brickwedde wurde von der Universität Cottbus für seine „Leistungen im wissenschaftlich fundierten Umwelt-, Natur- und Kulturschutz“ mit der Ehrendoktorwürde und vom Bundespräsidenten für sein ehrenamtliches Engagement zugunsten der neuen Bundesländer mit dem Verdienstkreuz erster Klasse der Bundesrepublik Deutschland geehrt.

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In den letzten 15 Jahren hat sich die Zahl der Stiftungen in Deutschland mehr als verdoppelt. Kann man sagen, dass sich auch die Arbeit der Stiftungen im gleichen Maß verbessert hat? Was sich gewandelt hat, ist eine Grundstimmung in der Gesellschaft. Wir haben die Erkenntnis gewonnen, dass der Staat nicht alles regeln kann, sondern dass die Bürger vieles selbst in die Hand nehmen müssen. Die höhere Zahl der Stiftungen ist Ausdruck eines Weges zu mehr Bürgergesellschaft. Geht der Trend weg von einem allfürsorgenden Staat und haben die Bürger das realisiert? Die Sache hat immer zwei Seiten: Einerseits wird beklagt, dass der Staat zu wenig Geld für alle möglichen Projekte hat. Andererseits tut der Staat gut daran, schlanker zu werden. Ich sehe darin eher Vorteile, weil die Bürger die Chance haben, mehr zu gestalten. Wo werden solche Chancen sichtbar? Nehmen Sie den Wiederaufbau der Frauenkirche in Dresden. Von den 250 Millionen Euro Kosten sind 150 durch Spenden aufgebracht worden. Es ist toll, dass Abertausende zu diesem Projekt beigetragen haben. Und es ist ein zutiefst befriedigendes Gefühl, bei dem Aufbau dabei gewesen zu sein. Dadurch ist die Frauenkirche eine Bürgerkirche geworden. Das ist ein großartiges Beispiel dafür, wie viel Glück Bürgerengagement auslösen kann. Es gibt eine Studie aus den USA, wonach Stifter und ehrenamtlich engagierte Menschen länger leben. Diese Menschen wissen besser: Wofür lebe ich? Es gibt unter den Neugründungen viele kleine Stiftungen ohne nennenswertes Kapital. Sie können also nicht nachhaltig arbeiten, wie es eine wirkliche Stiftung tun sollte. Liegt darin ein Problem? Das ist ein wichtiges Thema. Eine Stiftung mit einem Vermögen von 50.000 Euro kann aus den Erträgen nicht wirklich etwas bewegen. Sie haben aber dennoch zwei Möglichkeiten: Entweder es arbeiten

dort großartige Typen mit genialen Ideen. Dann fließen ihnen Spenden zu, hoffentlich nicht nur für Projekte, sondern auch, um das Stiftungsvermögen zu erhöhen. Oder aber das Erstvermögen ist nur die Initialstiftung, die durch weitere Beiträge des Stifters oder erst mit seinem Testament zu einer großen Stiftung wird. Allen anderen, die auf Dauer klein bleiben, ist zu empfehlen, aus ihrem Kapital Zustiftungen zu bestehenden Stiftungen zu machen oder unselbständige Stiftungen zu gründen. Ich persönlich kann mit meinem Gehalt keine große Stiftung gründen. Deshalb habe ich eine Unterstiftung gegründet, der führe ich etwa Vortragshonorare zu, oder ich lasse mir zum Geburtstag Spenden schenken. So entstehen dieser Stiftung keine Verwaltungskosten. Aber das Geld kommt über eine andere Stiftung einem guten Zweck zu. Wie viele der deutschen Stiftungen sind zu klein für eine richtige Stiftungsarbeit? Das lässt sich nicht sagen. Ich weiß ja nicht, ob sie alle klein bleiben. Einige wären aber besser beraten, wenn sie den Weg der Zustiftung gehen würden. Eine Stiftung braucht Millionenbeträge, um wirklich etwas bewegen zu können. Wie lassen sich die Rahmenbedingungen für das Gründen von Stiftungen verbessern? Wir sind in guten Gesprächen mit dem Bundesfinanzminister, um die steuerrechtlichen Anreize, größere Stiftungen zu gründen, deutlich zu verbessern. Also die derzeitige Grenze der Absetzbarkeit von gut 300.000 Euro auf 750.000 oder eine Million zu erhöhen. Ist es auch sinnvoll, die Untergrenze für Stiftungsgründungen zu erhöhen? Darüber kann man nachdenken. Wir wollen aber auch keinen davon abhalten, erst einmal mit einer kleinen Summe anzufangen und das Stiftungsvermögen dann über die Jahre aufzustocken. Warum ist die Freude am Stiften bei den richtig wohlhabenden Leuten Interview mit Dr.-Ing. E. h. Fritz Brickwedde

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in Deutschland im Vergleich zu anderen Ländern noch relativ wenig populär? Die Tradition des Stiftens hat in Deutschland eine über tausendjährige Geschichte. Wir haben aber im 20. Jahrhundert so gut wie alles erlebt, was Stiftungen ruinieren kann: Zwei große Kriege, Inflation, Währungsreform, zwei Diktaturen. Diktaturen sind immer stiftungsfeindlich, weil Stiftungen Ausdruck des freien Bürgertums sind und somit wesensfremd zu totalitären Regimen. Auch die Wiederaufbauzeit nach dem Krieg, die Konsumwelle, all das, was die Menschen nachgeholt haben, hat nicht dazu beigetragen, dass viele Stiftungen entstanden sind. Jetzt aber haben wir auch eine moderne Welle von Stiftungsgründern, etwa aus der Software-Generation. Oder Franz Burda in Baden-Baden, der das Ideal des Stifters verkörpert: Er baut eine Kunsthalle auf Kosten seiner Stiftung. Aus den Erträgen der Stiftung kann der Betrieb der Kunsthalle auf Dauer finanziert werden und er stiftet seine gesamte Kunstsammlung, die er über sein ganzes Leben erworben hat. Die Idee, eine Sammlung zu stiften und die Stadt das Museum bauen zu lassen, ist das Modell von gestern. Heute gibt es nach vielen Jahrzehnten des materiellen Wohlstandes Menschen, die diese idealen Stiftungen initiieren können. Und ich glaube, dass die Zahl dieser Menschen in den nächsten Jahren noch wächst. Die Schwelle, große Summen zu spenden, liegt in den USA bei einem Privatvermögen von 20 Millionen Dollar. In Europa ist die Schwelle fünfmal so hoch. Gibt es im mittleren Segment der Vermögenden, also unterhalb der Ultrareichen, noch ein großes Potenzial? Der Vergleich mit den USA ist nicht angemessen. Hätten wir ein Erbschaftssteuerrecht wie in Amerika, gäbe es hierzulande eine andere Stiftungsszene. Sollte man also die Erbschaftssteuer zum Segen der Stiftungen auf 100 Prozent anheben? Verfassungsgemäß sollte es schon noch StiftungsReport 2007

sein. Wir haben aber in den USA eine generell andere Kultur. Vieles, was bei uns vom Staat geleistet wird, machen dort die Privaten. Um es auf den Punkt zu bringen: In den USA hat es keinen Bismarck gegeben und deshalb hat Deutschland keine Gates-Stiftung. Ich bin aber sicher, dass im deutschen Mittelstand ein großes Potenzial für Stifter besteht. Speziell bei der Frage der Unternehmensnachfolge – besonders bei kinderlosen Unternehmerpaaren. Oder bei Personen, die das Unternehmen sichern und gleichzeitig philanthropisch tätig werden wollen. Wie kommt es, dass in NordrheinWestfalen, wo es sicher eine Reihe wohlhabender Menschen gibt, erstaunlich wenige Stiftungen existieren? Auch hier gilt: Die heutige Situation beruht auf jahrhundertealten Entwicklungen. Hamburg und Frankfurt am Main sind die stiftungsreichsten Städte, weil sie als Hanse- oder freie Reichsstädte von den Bürgern über Jahrhunderte selbst regiert wurden. Da war kein Bischof, kein Herzog, da gab es keine obrigkeitsorientierten Strukturen, sondern die Kaufleute und Handwerker haben den Rat und damit die Politik bestimmt. Die Bürger haben ihre Universitäten und Museen selbst gegründet. Diese Mentalität lässt sich in Herne oder Wanne-Eickel nicht in ein, zwei Generationen schaffen. Unsere beiden Sorgenkinder sind das Ruhrgebiet und Ostdeutschland. Da müssen im ideellen und im materiellen Bereich die Voraussetzungen geschaffen werden, Stiftungen zu gründen. In den USA gibt es jährliche Rankings, auf denen die hundert spendierfreudigsten Philanthropen öffentlich präsentiert werden. Dort existiert ein regelrechter Wettstreit unter den Stifterinnen und Stiftern, wer am meisten spendet. Ist solch ein Vorführen der Großzügigkeit den Deutschen zu vulgär? Ich finde das überhaupt nicht vulgär. Man sollte regelmäßig öffentlich sagen: „Wer schafft die meisten Arbeitsplätze? Wer zahlt die meisten Steuern? Wer stiftet am

meisten?“ Diese Leute sollten jährlich durch den Bundespräsidenten geehrt werden. Das Problem ist, wenn bei uns jemand sagt, ich zahle viel Steuern oder ich stifte viel, dann heißt es in der Öffentlichkeit: „Der muss aber sehr viel verdienen.“ Da wird man schon schief angeschaut, weil hier der Neid eine gewisse Rolle spielt. Auch darin liegt ein Unterschied zu den USA. Gibt es eine regelrechte Konkurrenzsituation mit anderen Ländern, wenn es um Stiftungsgründungen geht? Ich sehe schon mit Schmerzen, dass manche Stifter aus steuerrechtlichen Gründen in die Schweiz gehen. Es ist Sache des Staates, die steuerlichen Rahmenbedingungen zu verändern. Wir müssen aber auch die Anerkennungskultur verbessern. Glauben Sie, dass Reichtum verpflichtet? Ja. Es gibt reiche Leute, die nie etwas für das Gemeinwohl tun. Die zum Teil auch mit ihrem Reichtum in einer Weise umgehen, die nicht vorbildlich ist. Auch ein Dieter Bohlen ist reich. Ich habe aber nicht gehört, dass er einmal etwas für das Gemeinwohl getan hat. Deshalb sollte man die vielen Vorbilder stärker herausstellen, beispielsweise Unternehmer wie Dietmar Hopp, Klaus Tschira, Peter Schnell und andere, die weitere motivieren, auch zu stiften. Wo gibt es Verbesserungspotenzial in der Stiftungsarbeit? Es geht einerseits darum, die Transparenz zu verbessern. Es gibt immer noch viele Stiftungen, die am liebsten nur Gutes im Verborgenen tun. Manchmal sind sie einfach bescheiden. Manchmal befürchten sie, sie würden mit Anträgen überschwemmt, wenn sie öffentlich auftreten. Bei den mittleren und großen Stiftungen ist aber die gesellschaftliche Bedeutung so groß, dass sie unserer Überzeugung nach veröffentlichen sollten, was ihre Zwecke sind, wer entscheidet, was die Projekte, welches die Ergebnisse sind. Indem so etwas publiziert wird, können ja hundert

andere Personen angestiftet werden, selbst zu stiften. Eine andere Möglichkeit der Verbesserung ist die Professionalisierung. Es ist wichtig, dass Stiftungen ihr Vermögen so anlegen, dass es ein höchstmögliches Maß an Sicherheit hat, aber auch, dass es hohe Erträge bringt. Amerikanische Stiftungen erwirtschaften aus ihrem Kapital wesentlich mehr. Was machen die besser? Sie erwirtschaften mehr, weil sie stärker ins Risiko gehen. Sie dürfen das auch stärker als die deutschen Stiftungen. Diese sind rechtlich verpflichtet, ihr Vermögen zu bewahren. Irgendwo muss man das Schiff zwischen hohen Erträgen und Sicherheit durchsteuern. Bill und Melinda Gates haben verfügt, dass ihr Stiftungskapital 50 Jahre nach ihrem Tod ausgegeben sein muss. Es gibt in Deutschland sehr wenige Verbrauchsstiftungen. Ist das sinnvoll? Wenn jemand eine Einrichtung schaffen will, wo auf Zeit etwas Gutes getan wird, warum sollte er dann eine Stiftung gründen? Wenn man sich mit großer Effizienz massiv für einen Zweck engagiert, um etwas zu erreichen, kann das ja auch Vorteile haben. Danach, wenn das Ziel erreicht ist, kann man das Feld ja anderen Stiftern überlassen. Bei uns ist die Stiftung die Rechtsform, die Nachhaltigkeit signalisiert. Es gibt hierzulande Stiftungen, die tausend Jahre alt sind. So etwas kann es in den USA gar nicht geben. Wir verstehen unter einer Stiftung ein Vermögen, aus dessen Erträgen man auf Dauer einen gemeinnützigen Zweck realisiert. Bei uns wird die Regierung über den Wähler kontrolliert. Die Unternehmen über den Kapitalmarkt. Eine Stiftung kann von ihrer Zweckbestimmung her tun, was sie will. Für den Bürger sieht das vielleicht nach Willkür aus, denn niemand kann gegen diese Zweckbestimmung votieren. Sehen Sie ein Konfliktpotenzial in der öffentlichen Wahrnehmung? Interview mit Dr.-Ing. E. h. Fritz Brickwedde

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Das Finanzamt kontrolliert regelmäßig und sehr sorgfältig, ob das Geld gemäß dem Stiftungszweck ausgegeben wird, für den die Steuerbefreiung gegeben ist. Jede Stiftung tut alles, um ihre Gemeinnützigkeit nicht zu gefährden. Zudem kann die Stiftungsaufsicht bei einem Hinweis auf Fehlentwicklung tätig werden. Innerhalb dieses Rahmens ist die Stiftung frei. Das ist gerade der Charme einer Stiftung. Sie kann frei, aber nicht willkürlich entscheiden, wo sie ihre Akzente setzen will. Wenn man vor dem Verwaltungsgericht eine Unterstützung einklagen könnte, wären wir am Ende. Dann wäre die Stifterfreiheit gefährdet. Stiften muss ja auch Spaß machen. Früher hatten wir vorwiegend „tote Stifter“, aber heute gründen die Menschen ihre Stiftungen vorwiegend zu Lebzeiten. Diese Menschen wollen sich nicht von irgendwem vorschreiben lassen, was sie fördern sollen. Wenn jemand ein Unternehmen gründet, entscheidet er je nach Rahmenbedingungen, wo er sich niederlässt. Bei Stiftungen ist das womöglich ähnlich. Ein großer Stifter kann ja selbst entscheiden, ob er nach Berlin oder München geht. Und er richtet sich dabei vielleicht sogar nach der unterschiedlichen Qualität der Stiftungsaufsichten. Sollte man den Wettbewerb unter den Aufsichten nicht fördern, um die Rahmenbedingungen für die Stiftungen zu verbessern? Das mit der Qualität stimmt. Das spricht sich auch herum und deshalb gibt es diesen Wettbewerb. Man muss aber sagen, dass die Aufsichten überwiegend sehr viel besser geworden sind. Die Ministerpräsidenten aller Bundesländer haben verstanden, dass Stiftungsgründungen dadurch gefördert werden, dass sich die Aufsicht als Dienstleisterin versteht und nicht als Verhinderungsbehörde. Sollten sich Stiftungen evaluieren lassen? Auf Basis von staatlichem Zwang kann ich mir das nicht vorstellen. Auf freiwilliger Basis immer. Stiftungen haben ein natürStiftungsReport 2007

liches Interesse daran, gut zu sein, ein effizientes Management, gute Projekte zu haben. Jeder, der professionell arbeitet, sollte sich externen Sachverstand einholen, um zu schauen, ob er optimal arbeitet. Stiftungsmanagement ist vom Prinzip her auch nichts anderes als das Management eines Unternehmens. In früheren Jahrhunderten spielten die Kirchen in Sachen Stiftungen eine dominierende Rolle. Darum gibt es viele alte kirchliche Stiftungen. Heute sind die kirchlichen Stiftungen kaum am Stiftungsboom beteiligt. Ist das ein Abbild der demographischen Krise der alten Glaubensgemeinschaften? Ich glaube, dass wir das nicht wirklich wissen. Die meisten Stiftungen unter dem Dach der Kirche sind unselbstständige Stiftungen, die nirgendwo erfasst sind. Ich schätze, dass es im Bereich der katholischen und evangelischen Kirche etwa 100.000 dieser Stiftungen gibt. Haben die auch das entsprechende Kapital? Das ist sehr unterschiedlich. Da gibt es zum Beispiel die Witwe mit drei Mietshäusern, die ihr Erbe für einen sozialen Zweck stiftet. Es gibt eine Reihe von Schulen in kirchlicher Trägerschaft, die von Stiftungen organisiert werden. Im Bereich der Diakonie und der Caritas organisieren Kirchen soziale Aktivitäten über Stiftungen. Aber viele Menschen, die früher ihr Vermögen der Kirche vermacht haben, entschließen sich heute, eine eigene Stiftung zu gründen. Wenn die Kirchen ein blinder Fleck in der deutschen Stiftungslandschaft sind, wäre es sinnvoll, in diesem Bereich mehr Transparenz zu schaffen? Ich würde das sehr begrüßen. Das gilt für alle großen Bereiche, für Gewerkschaften, für Verbände und auch für das kirchliche Stiftungswesen. Da geschieht sehr viel und keiner weiß es. Das Interview führten Daniel MüllerJentsch und Reiner Klingholz.

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Was ist eine Stiftung?

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Der Begriff der Stiftung ist im Gesetz nicht definiert. Auch wenn somit nicht automatisch eine bestimmte Rechtsform mit dem Begriff der Stiftung einhergeht, verfügen Stiftungen über einheitliche charakteristische Merkmale. Die Stiftung ist gekennzeichnet als Vermögensmasse, die einem bestimmten Zweck, insbesondere einem gemeinnützigen, auf Dauer gewidmet ist. Welche Zwecke die Stiftung verfolgt und wie ihre innere Organisation aussieht, legt der Stifter nach seinem Willen in der Satzung fest. Klassisches Instrument zur Verwirklichung eines auf Dauer angelegten Zwecks ist die rechtsfähige Stiftung bürgerlichen Rechts. Ihre Entstehungsvoraussetzungen sind in den §§ 80 ff. des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) geregelt, die durch die Landesstiftungsgesetze ausgefüllt werden. Die rechtsfähige Stiftung bürgerlichen Rechts unterscheidet sich von sonstigen juristischen Personen des Privatrechts (etwa GmbH oder e. V.) durch ihre fehlende Verbandsstruktur. Sie hat keine Mitglieder oder Eigentümer. Entscheidende Voraussetzung für die Errichtung einer rechtsfähigen Stiftung ist, dass der Stifter seinen Willen, eine Stiftung zu gründen, zum Ausdruck bringt. Dies erfolgt im Rahmen des Stiftungsgeschäfts, in dem sich der Stifter verpflichtet, ein bestimmtes Vermögen auf die entstehende Stiftung zu übertragen. In einer das Stiftungsgeschäft ausfüllenden Satzung entwirft der Stifter dann das rechtliche Gerüst für seine Stiftung. Hier legt er insbesondere fest, welchen Zweck die Stiftung verfolgen soll und welche Organe für die Stiftung handeln sollen. Bei der Gestaltung ist der Stifter grundsätzlich rechtlich frei. Zwingendes Organ ist der Stiftungsvorstand, dem die Vertretung der Stiftung

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im Rechtsverkehr obliegt. Daneben ist es möglich, weitere Kontrollorgane wie beispielsweise einen Stiftungsrat oder ein Stiftungskuratorium einzusetzen. Erst mit der staatlichen Anerkennung des Stiftungsgeschäfts durch die zuständige Stiftungsbehörde erlangt die Stiftung Rechtsfähigkeit. Nachdem der Stifter das von ihm bestimmte Vermögen auf die Stiftung übertragen hat, kann er nicht mehr darauf zugreifen. Für die Zweckverfolgung werden regelmäßig nur die Erträge aus der Vermögensverwaltung sowie Zuwendungen Dritter eingesetzt. Aus diesem Grund ist die Erhaltung des Stiftungsvermögens primäres Postulat an die Stiftungsorgane. Eine Stiftung kann sowohl privatnützige als auch gemeinnützige Zwecke verfolgen. Gemeinnützig ist der Zweck einer Stiftung dann, wenn er darauf gerichtet ist, die Allgemeinheit auf materiellem, geistigem oder sittlichem Gebiet selbstlos zu fördern. Soll nach dem Stiftungszweck nur ein abgeschlossener Personenkreis – wie beispielsweise die Mitglieder einer Familie (Familienstiftung) – gefördert werden, liegt keine Förderung der Allgemeinheit und damit keine Gemeinnützigkeit vor. Verfolgt eine Stiftung jedoch ausschließlich und unmittelbar gemeinnützige, mildtätige oder kirchliche Zwecke, kann sie in den Genuss der Steuerbegünstigungen gemäß der §§ 51 bis 68 der Abgabenordnung kommen (AO). Entspricht die Satzung den Vorgaben der Abgabenordnung, erteilt das Finanzamt einen entsprechenden Freistellungsbescheid. Zuwendungsgeber können Zuwendungen an eine steuerbegünstigte Stiftung unter bestimmten Voraussetzungen als Sonderausgabe im Sinne des § 10b Einkommensteuergesetz (EStG) in Abzug bringen. Unter Zuwendungen versteht man sowohl die klassische Spende als auch die Zustiftung, eine Vermögens-

übertragung, die auf ausdrücklichen Wunsch des Zuwendungsgebers in den Kapitalstock einer Stiftung fließt. Die Erscheinungsformen von Stiftungen sind vielfältig. Begrifflich unterscheidet man zwischen selbstständigen und unselbstständigen Stiftungen, Förder- und operativen Stiftungen sowie zwischen unternehmensverbundenen, kirchlichen und Bürgerstiftungen. Eine nichtrechtsfähige Stiftung, die auch als unselbstständige, treuhänderische oder fiduziarische Stiftung bezeichnet wird, wird durch einen Vertrag zwischen dem Stifter und dem Treuhänder (Träger) errichtet. Der Stifter überträgt das Stiftungsvermögen an den Treuhänder, der es getrennt von einem eigenen Vermögen verwaltet. Da es an einer eigenen Rechtspersönlichkeit fehlt, finden die Vorschriften der §§ 80 ff. auf diese Stiftungsform keine Anwendung. Steuerlich wird die unselbstständige Stiftung jedoch genauso behandelt wie die rechtsfähige Stiftung. Von einer operativen Stiftung spricht man, wenn eine Stiftung eigene Projekte durchführt, also nicht nur die Förderung fremder Projekte beziehungsweise die Förderung anderer gemeinwohlorientierter Körperschaften bezweckt. Unter unternehmensverbundenen Stiftungen versteht man solche, die Anteile an Unternehmen halten oder ein Unternehmen selbst betreiben. Sie werden häufig als Instrument zur Regelung der Unternehmensnachfolge eingesetzt. Kirchliche Stiftungen haben eine spezifisch kirchliche Zweckbestimmung, sind organisatorisch einer Kirche zugeordnet und werden durch die zuständige kirchliche Behörde als kirchliche Stiftung anerkannt. Eine neuere Ausprägung im Stiftungswesen sind die Bürgerstiftungen. Es handelt sich dabei um gemeinnützige Stiftungen, gegründet von Bürgern für Bürger (siehe dazu ausführlich zu Bürgerstiftungen Kapitel 7 ab Seite 89).

Stiftungsgründung in fünf Schritten Entwurfserstellung der schriftlichen Satzung und des Stiftungsgeschäfts entsprechend dem Stifterwillen unter Beachtung der Formerfordernisse sowie der steuerlichen Anforderungen, falls eine Steuerbegünstigung angestrebt wird (vgl. §§ 51ff. der Abgabenordnung).

1

Abstimmung der Entwürfe mit der zuständigen Stiftungsaufsicht und dem zuständigen Finanzamt.

2

Einreichung von Stiftungssatzung und des Stiftungsgeschäfts bei der Stiftungsaufsicht mit dem Antrag auf Anerkennung.

3

Einreichung beim zuständigen Finanzamt mit Antrag auf Erteilung einer Steuernummer und Beantragung der vorläufigen Bescheinigung der Gemeinnützigkeit.

4

Nach Anerkennung und Erteilung der vorläufigen Bescheinigung der Gemeinnützigkeit: Einzahlung des Stiftungskapitals/Übertragung des Stiftungsvermögens.

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Weitere Informationen rund um die Stiftungsgründung, Service- und Beratungsangebote sowie Wissenswertes zur deutschen Stiftungslandschaft auf der Webseite des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen unter www.Stiftungen.org

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Die Initiative Bürgerstiftungen Die Initiative Bürgerstiftungen ist das einzige unabhängige Kompetenzzentrum für alle Fragen zum Thema Bürgerstiftung. Ihre Aufgabe ist es, sowohl die Gründung von Bürgerstiftungen zu unterstützen und die Arbeit bestehender Stiftungen zu professionalisieren als auch den Erfahrungsaustausch und das gegenseitige Lernen unter deutschen Bürgerstiftungen zu fördern und für das Konzept der Bürgerstiftung in der Öffentlichkeit zu werben. Das Büro der Initiative ist in den Räumen des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen in Berlin untergebracht.

Beratungs- und Serviceangebot für Bürgerstiftungen

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Von besonderer Bedeutung für die Betreuung von Gründungsinitiativen und Bürgerstiftungen ist das direkte Gespräch mit (potenziellen) Stifterinnen und Stiftern und Gremienmitgliedern. Die Initiative Bürgerstiftungen berät daher per Telefon und E-Mail, steht aber auch für persönliche Gespräche und Workshops in ganz Deutschland zur Verfügung. Die Beratungsleistung ist dank der Unterstützung durch die Projektpartner – der Bertelsmann Stiftung, der Klaus Tschira Stiftung gGmbH, der Körber Stiftung gGmbH und dem Bundesverband Deutscher Stiftungen sowie der Förderer – dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend und der Charles Stewart Mott Foundation – kostenfrei. Zum ersten Einstieg in das Thema „Bürgerstiftung“ stehen Informationshefte und Musterordner mit Arbeitsmaterialien zur Verfügung. Seit dem Herbst 2005 wird die Initiative in ihrer Arbeit durch Regionalkuratoren unterstützt. Sie stehen in NordrheinWestfalen, Niedersachsen, SchleswigHolstein, Mecklenburg-Vorpommern,

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Sachsen und Thüringen als Ansprechpartner vor Ort mit ihrem Rat und ihren Praxiserfahrungen aus der Gremien- und Projektarbeit zur Verfügung.

Schwerpunkte und Aktivitäten Einen Schwerpunkt legt die Initiative bis Ende 2007 auf das Thema „Generationen übergreifende Projekte“. So verlieh sie beim Deutschen StiftungsTag 2006 in Dresden einen Preis für vorbildliches Engagement in diesem Themenfeld, über den sich fünf Bürgerstiftungen freuen konnten. Ein zweiter Preis wurde für die Förderung und Würdigung des freiwilligen Engagements unter dem Dach einer Bürgerstiftung vergeben. Insgesamt waren die Preise mit 20.000 Euro dotiert. Der internationale Gedankenaustausch – insbesondere mit den angloamerikansichen Community Foundations – ist für die Bürgerstiftungsbewegung stets aufs Neue mit zahlreichen Anregungen verbunden. Daher wirkt die Initiative Bürgerstiftungen an dem internationalen Netzwerk-Projekt TCFN (Transatlantic Community Foundation Network) der Bertelsmann Stiftung mit. Darüber hinaus fördert sie in jedem Jahr die Teilnahme von Bürgerstiftungsvertretern an der Herbstkonferenz der amerikanischen Bürgerstiftungen. Auf diesem Wege fließen die Erfahrungen und Ergebnisse ausländischer Bürgerstiftungen in den deutschen Sektor ein.

Kontakt Initiative Bürgerstiftungen Haus Deutscher Stiftungen Mauerstraße 93 10117 Berlin Telefon (030) 89 79 47 92 | Fax -91 E-Mail: Buergerstiftungen@ Stiftungen.org www.die-deutschenbuergerstiftungen.de

Bürgerstiftung Die Idee der angloamerikanischen Community Foundation wurde Mitte der 90er Jahre parallel von Reinhard Mohn und von dem Kriminologen Professor Christian Pfeiffer für Deutschland entdeckt. Die in Gütersloh (1996) und Hannover (1997) gegründeten Stiftungen dienten als Vorbild für die weitere Entwicklung des Bürgerstiftungswesens. So wandelte die Körber-Stiftung im Jahr 1999 ihre Geschäftsstelle in Dresden in eine durch große Solidarität und das Engagement der Dresdnerinnen und Dresdner getragene Bürgerstiftung um. Aktuell gibt es 103 Bürgerstiftungen, die das Gütesiegel des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen tragen. Das Stiftungskapital ist im Jahr 2005 um 33 Prozent auf über 52 Millionen Euro angewachsen. In den deutschen Bürgerstiftungen haben sich bisher mehr als 8.000 Stifterinnen und Stifter finanziell engagiert. Eine Bürgerstiftung ist eine selbstständige und unabhängige Institution zur Förderung verschiedener gemeinnütziger und mildtätiger Zwecke in einem geographisch begrenzten, das heißt lokalen oder regionalen Wirkungsraum, die einen langfristigen Vermögensaufbau betreibt und ihre Organisationsstruktur und Mittelvergabe transparent macht. Unter dem Motto „Gemeinsam Gutes anstiften“ setzt sich eine Bürgerstiftung zum Ziel, einer möglichst großen Zahl von Bürgerinnen und Bürgern sowie Unternehmen als Corporate Citizens die Möglichkeit zu eröffnen, sich mit „Geld, Zeit und Ideen“ für das Gemeinwohl zu engagieren. Durch den langfristig angelegten Vermögensaufbau (insbesondere durch Zustiftungen und die Verwaltung treuhänderischer Stiftungen) wird nicht

nur die finanzielle Unabhängigkeit der Bürgerstiftung dauerhaft abgesichert, sondern zudem die Nachhaltigkeit der Bürgerstiftungsarbeit gewährleistet. Bürgerstiftungen sehen eine ihrer zentralen Funktionen in der Aufgabe des Dienstleisters. Sie bieten Serviceleistungen an, die auf die jeweiligen philanthropischen Interessen der Förderer ausgerichtet sind. Interessierten Personen, Organisationen und Vereinigungen wird die Möglichkeit gegeben, eigene Schwerpunkte zu setzen – „Man stiftet nicht an die Bürgerstiftung, sondern durch die Bürgerstiftung“. Regelmäßig werden Bürgerstiftungen nicht allein fördernd tätig, sondern realisieren auch eigene Projektideen, die aus den spezifischen Bedürfnissen vor Ort resultieren. In innovativer Weise kann die Bürgerstiftung so neue Formen des bürgerschaftlichen Engagements entwickeln und zum Initiator, Koordinator und Katalysator gemeinnütziger Aktivitäten in ihrer Gemeinde, Stadt oder Region werden. Von besonderer Bedeutung für die Arbeit der Bürgerstiftungen ist ihre wirtschaftliche und politische Unabhängigkeit. Einzelne Stifterinnen oder Stifter haben keinen allein maßgebenden Einfluss auf Entscheidungen. Diese Unabhängigkeit ist wesentliche Voraussetzung dafür, dass die Bürgerstiftung ihr Wachstumspotenzial umfassend ausschöpfen kann. Die Unabhängigkeit der Bürgerstiftung spiegelt sich in der Zusammensetzung der Gremien wieder: Vorstand und Stiftungsrat bilden engagierte Bürgerinnen und Bürger, die aufgrund von gesellschaftspolitischem, sozialem, finanziellem oder fachbezogenem Engagement in besonderer Weise für diese Aufgabe qualifiziert sind.

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Der Bundesverband Deutscher Stiftungen Die Idee für eine Interessenvertretung der unterschiedlichen Erscheinungsformen deutscher Stiftungen wurde in einer der traditionsreichsten Stiftungen des Landes, der Fuggerei in Augsburg, geboren. Im Jahr 1948 als „Arbeitsgemeinschaft bayerischer Wohltätigkeits-, Erziehungs- und Kultusstiftungen“ gegründet, erhielt der Verband 1990 seinen heutigen Namen. Aus einem kleinen Kreis ist mittlerweile eine Stiftungsfamilie mit über 2.800 Mitgliedern erwachsen. Dazu gehören Stiftungen, Freunde des Stiftungswesens und Stiftungsverwaltungen, die 2.000 weitere Stiftungen repräsentieren. Jede der Mitgliedsstiftungen ist einzigartig: im Typ, in der Struktur und Größe, in ihrem Anliegen und Zweck. Damit repräsentiert der Bundesverband Deutscher Stiftungen die bunte und vielfältige deutsche Stiftungslandschaft. Basis des Verbandes ist das Haus Deutscher Stiftungen, im Zentrum Berlins gelegen. Ein Treffpunkt für Stifterinnen und Stifter, Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kultur. Neben vielfältigen Veranstaltungen im gesamten Bundesgebiet organisiert der Verband jedes Jahr den größten europäischen Stiftungskongress und stärkt damit die Aufmerksamkeit für Stiftungen in der Öffentlichkeit. Mit der Verleihung des Stifterpreises und der Stiftermedaille ehrt der Verband herausragende Personen und würdigt deren Engagement. Kreative Ideen in der Kommunikation von Stiftungen werden mit dem Kommunikationspreis KOMPASS ausgezeichnet. Mitglieder profitieren von einem breit gefächerten Informations-, Service- und Beratungsangebot, von Praxiserfahrungen und Kontakten. Auf politischer Ebene macht sich der Verband für die Verbesserung der rechtlichen und steuerrechtlichen Rahmenbedingungen stark. Der Verband, der solidarisch wirkt, versteht sich als Partner der deutschen Stiftungen. Er spürt Trends auf und hilft, dass sich neue Formen des Bürgerschaftlichen Engagements entwickeln können. Der Förderung dieser neueren Erscheinungsform der Bürgerstiftung dient das vom Bundesverband unterstützte Projekt „Initiative Bürgerstiftungen“.

Kontakt

Haus Deutscher Stiftungen Mauerstraße 93 | 10117 Berlin Telefon (030) 89 79 47-0 | Fax -71 Bundesverband@Stiftungen.org | www.Stiftungen.org

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Das Magazin des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen für Stifter, Stiftungen und Berater:

StiftungsWelt. Viermal jährlich mit fundierten Schwerpunktthemen sowie Trends und Perspektiven aus der Stiftungsszene Fordern Sie ein Probeexemplar an: www.Stiftungen.org/verlag

Kapitel 5 Von der Kultur des Gebens Financial Times Deutschland, 9.1.2006 11 (1) Freiwilliges Engagement in Deutschland 1999-2004. Ergebnisse der repräsentativen Trenderhebung zu Ehrenamt, Freiwilligenarbeit und bürgerschaftlichem Engagement, München 2005, S. 17; Grafik Z1 (im Folgenden: 2. Freiwilligensurvey); www.bmfsfj.de/ RedaktionBMFSFJ/Arbeitsgruppen/PdfAnlagen/freiwilligen-survey-langfassun g,property=pdf,bereich=,rwb=true.pdf (24.3.2007) (2) Wegweiser Bürgergesellschaft, www.wegweiser-buergergesellschaft.de (24.3.2007) 12 2. Freiwilligensurvey 13 Die Bezeichnung Philanthropie, eine neoklassische Wortschöpfung des 18. Jahrhunderts, ergibt sich aus den griechischen Worten „phílos“ = „Freund“ und „ánthropos“ = „Mensch“ und lässt sich mit Menschenfreundlichkeit oder Menschenliebe übersetzen. Als Philanthropen werden Personen bezeichnet, die für Andere Gutes tun oder ihr Leben dem selbstlosen Dienst an ihren Mitmenschen widmen. 14 (1) Bericht der Bund-LänderArbeitsgruppe Stiftungsrecht vom 19.10.2001, www.bmj.bund.de/files/-/ 405/Abschlussbericht.pdf (24.3.2007) (2) Bertelsmann Stiftung, www.bertelsmann-stiftung.de/cps/rde/ xchg/SID-0A000F0A-F7EF77B3/bst/ hs.xsl/324.htm (24.3.2007) (3) Projekt Stiftungsrecht und Stiftungsrechtsreform in Europa des Max Planck Instituts für ausländisches und internationales Privatrecht, www.mpipriv-hh.mpg.de/deutsch/ Forschung/StiftungsrechtStiftReform.htm (24.3.2007) 10

Anmerkungen und Literatur Kapitel 1 Engagement in Zahlen 1 GENESIS online, www.destatis.de (23.3.2007) 2 Rainer Sprengel: Statistiken zum deutschen Stiftungswesen 2001. Ein Forschungsbericht, Berlin 2001, S. 19 ff. 3 Verena Freyer: Frauenstiftungen. Begriff, Debatten, Perspektiven, unveröffentlichtes Manuskript 4 Karsten Timmer: Stiften in Deutschland. Die Ergebnisse der StifterStudie, Gütersloh 2005, S. 29 ff. (im Folgenden: Stiften in Deutschland) 5 www.bmg.bund.de/nn_ 603382/SharedDocs/Publikationen/ Forschungsprojekte-Lebenslagen/a33510248,templateId=raw, property=public ationFile.pdf/a335-10248.pdf (23.3.2007) 6 Stiften in Deutschland, S. 54 ff.

Kapitel 4 Umfrage Bürgerstiftungen Aufgrund der relativ kleinen Grundgesamtheit ist die Umfrage nicht repräsentativ. 8 Stiften in Deutschland, S. 44 ff. 9 Mögliche Antworten wurden zur Auswahl vorgegeben. 7

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Süddeutsche Zeitung, 22.12.2006; Spiegel Online, 3.12.2006, http://service.spiegel.de/digas/ find?DID=49771950); Pressemitteilung des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen (2.12.2006, www.Stiftungen.org/index.php?strg=61_ 78&baseID=78&dataID=112&year=2006 &ctrl=fromSearch&search=hilfen&) 16 Der Tagesspiegel, 16.12.2006 17 www.inselhombroich.de, www.langenfoundation.de (24.3.2007) 18 Der Nachlass von Newton gehört der Helmut Newton Stiftung, Zürich. 19 Financial Times Deutschland, 2.11.2006 20 Special Report Philanthropy 2003, in: BusinessWeek, 1.12.2003; Financial Times Deutschland, 1.12.2003; www.skollfoundation.org 21 Die 300 reichsten Deutschen, in: Das Manager Magazin, Oktober 2006 22 Der Bundesverband Deutscher Stiftungen hat eine Reihe von Dokumentationen und Ausstellungen zum Stiftungswesen einzelner Bundesländern herausgegeben – Stifterland Bayern, Stifterland Baden-Württemberg, Stiftungslandschaft NRW – in denen regionale Besonderheiten behandelt werden; www.Stiftungen.org/ stifterland-bayern.de 23 www.stiftung-elbphilharmonie.de, Stern, 24.10.2005; Spiegel Online, 20.12.2006, www.spiegel.de/wirtschaft/ 0,1518,455768,00.html 24 www.frauenkirche-dresden.de 25 Vom Bundesverband Deutscher Stiftungen wurde ein Fragebogen an 1.360 Stifter verschickt, die seit 1990 eine Stiftung gegründet hatten; die Rücklaufquote betrug 46%. Parallel dazu fand eine repräsentative Umfrage unter der Bevölkerung zum Thema Stiftungswesen statt. 26 2. Freiwilligensurvey

42 % der befragten Stifter haben keine Kinder, 77 % sind zur Zeit der Stiftung über 45 Jahre alt und für 28 % sind fehlende Erben ein zentrales Motiv. 28 Meinhard Miegel: Erben in Deutschland. 1. Einführung in die Studie. Deutsches Institut für Altersvorsorge, o.J. www.dia-vorsorge.de/downloads/ einfuehrung.pdf (25.3.2007) 29 Stiften in Deutschland, S. 132 ff. 30 Vgl. Andreas Schlüter: Stiftungsrecht zwischen Privatautonomie und Gemeinwohlbindung. Ein Rechtsvergleich Deutschland, Frankreich, Italien, England, USA, Schriften des Rechtszentrums für Europäische und Internationale Zusammenarbeit, Bd. 21, hgg. von Norbert Horn u.a., München 2004 31 Frankfurter Allgemeine Zeitung, 3.1.2007; Financial Times Deutschland, 27.12.2006, www.givingusa.org 32 Extreme Givers, in: BusinessWeek online, http://images.businessweek.com/ss/ 06/11/1117_phil_top20/index_01.htm (25.3.2007) 33 Einer Untersuchung zufolge liegt in den USA die Vermögensschwelle, ab der Privatpersonen größere Summen spenden, bei 20 Millionen Dollar. In Europa dagegen liegt die Grenze bei 100 Millionen Dollar; siehe Financial Times Deutschland, 20.7.2002. 34 Dieser Ansatz findet sich auch in anderen angelsächsischen Ländern. Die weltweit zweitgrößte Stiftung, der britische Wellcome Trust, erzielte seit seiner Gründung 1936 jedes Jahr eine zweistellige Rendite. In den letzten beiden Dekanden lag die Rendite bei durchschnittich 15 %, siehe Financial Times Deutschland, 27.12.2006. 35 Financial Times Deutschland, 1.7.2006 27

Anmerkungen und Literatur

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Kapitel 6 Der Staat als größter Stifter im Staat 36 Enrico Bellezza, Michael Kilian, Klaus Vogel: Der Staat als Stifter. Stiftungen als Public-Private Partnerships im Kulturbereich, Gütersloh 2003 37 Zum detaillierten Vergleich der deutschen und angelsächsischen Think-Tank-Landschaft siehe: Martin Thunert: Think Tanks in Deutschland – Berater der Politik?, in: Aus Politik und Zeitgeschichte Nr. 51, 2003, www.bpb.de/ publikationen/TFYILK,4,0,Think_ Tanks_in_Deutschland_Berater_der_ Politik.html#art4 (25.3.2007) 38 Frankfurter Allgemeine Zeitung, 8.9.2006; Financial Times Deutschland, 2.11.2006 und 22.7.2006; Welt am Sonntag, 15.10.2006 39 The Economist, 21.10.2006; Spiegel Online (7.6.2006)

Kapitel 8 Unternehmer mit Verantwortung Literatur: • Theodor Heuss: Robert Bosch. Leben und Leistung, Ulm 1981 • Georg Kreis, Hg.: Alfred Toepfer, Stifter und Kaufmann: Bausteine einer Biographie, Hamburg 2000 • Lothar Gall, Hg.: Krupp im 20. Jahrhundert. Die Geschichte des Unternehmens vom Ersten Weltkrieg bis zur Gründung der Stiftung, Berlin 2002 • Lothar Gall: Krupp. Der Aufstieg eines Industrieimperiums, Berlin 2000 Kapitel 9 Das „Neue Geld“ 188 www.kts.villa-bosch.de/deutsch, Financial Times Deutschland (5.4.2006) 40

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Die 300 reichsten Deutschen, in: Das Manager Magazin, Oktober 2006 42 Süddeutsche Zeitung, 22.12.2005 43 www.dietmar-hopp-stiftung.de (24.3.2007) 44 Die 300 reichsten Deutschen, in: Das Manager Magazin, Oktober 2006 45 www.hpi.uni-potsdam.de, Der Spiegel, H.1, 2005; Die Zeit, 13.7.2006; Der Tagesspiegel, 21.2.2004 46 Süddeutsche Zeitung, 11.12.2006 47 www.software-ag-stiftung.de (24.3.2007) 48 Ashoka ist seit 2006 auch in Deutschland aktiv, siehe: http:// germany.ashoka.org 49 Mohammad Yunus: Nobel Lecture, Oslo, 10.12.2006, http://nobelprize.org/ nobel_prizes/peace/laureates/2006/ yunus-lecture-en.html (25.3.2007) 50 European Venture Philanthropy Association, Hg.: European Venture Philantropy Directory, 2006, S. 9 ff. 41

Kapitel 10 Stiftungen mit Unternehmensnamen 51 Hans Berndt: Die Unternehmensträgerstiftung. Drei Varianten eines Typus, in: StiftungsWelt. Das Magazin des Bundesverbandes Deutscher Stiftungen, Heft 4, 2006, S. 8 ff. 52 Vgl. Hans Berndt, Stiftung und Unternehmen: Rechtsvorschriften, Besteuerung, Zweckmäßigkeit, 7. Auflg., Herne/Berlin, 2003 53 Einschließlich Sonderformen wie Vereine, GmbHs, AGs und unselbstständige Stiftungen. 54 Die Zahlen beruhen auf den dem Bundesverband Deutscher Stiftungen von ihren Mitgliedern gemeldeten Daten. 55 Vgl. Stiften in Deutschland, S. 51 56 Vgl. Hans Berndt, wie Anm. 52

Karin Fleschutz: Stiftungen als Nachfolgeinstrument für Familienunternehmen. Handlungsempfehlungen für die Ausgestaltung der Stiftungslösung und den Nachfolgeprozess, Diss. Trier, 2006 58 Doreen Kirmse: Stifterwille und Ewigkeit. Vorteile flexibler Satzungsgestaltung, in: StiftungsWelt, H. 4, 2006, S. 18 ff. 59 Vgl. www.possehl-stiftung.de (15.12.2006) 60 Vgl. ebd. 61 Vgl. www.koerber-stiftung.de (15.12.2006) 62 Vgl. ebd. 63 Vgl. www.ghst.de (15.12.2006) 64 Vgl. www.bertelsmann-stiftung.de (15.12.2006) 65 Vgl. Geschäftsbericht Fresenius AG, 2005 66 Vgl. www.ekfs.de (15.12.2006) 67 Vgl. www.haniel-stiftung.de (15.12.2006) 68 Vgl. Geschäftsbericht Franz Haniel & Cie., 2005 69 Bundesverband Deutscher Stiftungen, Hg.: Stifterland BadenWürttemberg, Ausst.-Kat., Berlin 2004, S. 120 70 Vgl. www.daimler-benzstiftung.de (15.12.2006) 71 Die Allianz Umweltstiftung: Report Menschen – Ideen – Projekte, München 2006 72 Vgl. www.allianz-kulturstiftung.de (15.12.2006) 73 Vgl. Geschäftsbericht der Allianz Gruppe, 2005 74 Vgl. Birgit Riess, Hg.: Verantwortung für die Gesellschaft – verantwortlich für das Geschäft. Ein ManagementHandbuch, Gütersloh 2006, S. 15 75 Vgl. Jubiläumsbroschüre der Aventis Foundation, Frankfurt/Main 2006 57

Vgl. Klaus Kinkel, Strategisches Sahnehäubchen. Unternehmenverbundene Stiftungen als positiver Imagetransfer, in: StiftungsWelt, H. 4,2006, S. 5 ff. 77 Vgl. www.vodafone-stiftung.de (15.12.2006) 78 Bei der Auswahl der Index-Mitglieder wurden die von den Unternehmen ergriffenen Maßnahmen für Umweltschutz, die Einhaltung von Menschenrechten sowie sozialen Standards und eine mitarbeiterorientierten Firmenpolitik beurteilt. 79 Vgl. www.deutschebankstiftung.de (15.12.2006) 80 Vgl. www.munichre-foundation.org und Report der Stiftung 2005 76

Kapitel 11 Stiftungen, Think-Tanks und Themenmotoren 81 Vgl. Sally Covington: Moving A Public Policy Agenda: The Strategic Philanthropy of Conservative Foundations, unveröff. Studie, hgg. vom National Committee for Responsive Philanthropy, Washington D.C., 1998 82 Ebd. S. 5 83 Steffen Kröhnert, Nienke van Olst, Reiner Klingholz: Deutschland 2020 – Die demografische Zukunft der Nation, hgg. vom Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung, Berlin 2004 84 www.fes.de/sets/s_stif.htm (9.1.2007) 85 www.fes-online-akademie.de (9.1.2007) 86 www.kas.de/stiftung/wir_ueber_ uns/6_webseite.html (9.1.2007) 87 www.boell.de (11.1.2007) 88 www.fnst.de (5.2.2007) 89 www.hss.de (5.2.2007) 90 www.rosalux.de (5.2.2007) 91 www.wsi.de (12.1.2007)

Anmerkungen und Literatur

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Die Stiftungslandschaft 2007 Die Stiftungslandschaft ist im Aufbruch – aber wie sieht dieser aus? Wie viele Stiftungen hat Deutschland, wohin geht der Trend? Wo werden die meisten Stiftungen gegründet? Welche Zwecke verfolgen Stiftungen heute? Wo gibt es die besten Stiftungsaufsichtsbehörden? Welche Potenziale birgt die Bürgerstiftungsidee? Der vorliegende Report zeigt neueste Statistiken in anschaulicher Aufbereitung. Außerdem: • Interviews mit Expertinnen und Experten • Sieben Regeln für den Stiftungserfolg • ein umfassender Ratgeberteil Ein unverzichtbares Werk für Fach- und Führungskräfte in der Politik, im gemeinnützigen Sektor und in der Wirtschaft, für Medienschaffende und Verbände.

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